freiVERS | Klaus Roth

mittags

die tauben stieben auf
und wir erwachen
aus unseren tagträumen
am stadtbrunnen
die tauben stieben auf
und immer neue gespräche
entspinnen sich
über die asymmetrie
der verhältnisse
und das glück
dem wir nachjagen
seit jahren
mit flatterigen herzen
die tauben stieben auf
und hinterlassen
ihre unsichtbaren spuren
so sitzen wir so reden wir
so reden wir so sitzen wir
und geben einander ein alibi
für all unser versäumtes leben

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Klaus Roth

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Was geht ab in: Wien

Was geht ab in: Wien

In dieser Kolumne aus der Zeitschrift mosaik laden wir jede Ausgabe jemanden ein, uns eine Stadt und deren Kulturleben näherzubringen. jiaspa fenzl zeigt uns Wien - und bietet zahlreiche Veranstaltungsvorschläge. Hier ein exklusiver Vorabdruck.

Seit kurzem habe ich die Frage „Was mache ich heute Abend?” für mich entdeckt. Nach durchgestandener Covid-Erkrankung war für mich die Schnelllebigkeit Wiens heruntergebremst, sodass mein Kalender weitgehend leer ist. Bisher habe ich großen Spaß daran, ihn so zu belassen und mit dieser Planlosigkeit an die manchmal ausufernde Überfülle kulturellen Programms heranzugehen.

So landete ich etwa am 5. Juli vor dem Roten Stern Mexikoplatz (ein politischer und kultureller Freiraum im Stuwerviertel des 2. Wiener Gemeindebezirks) und stieß mit einem Apfelsaft gespritzt auf die neueste Ausgabe des WeiberDiwan an. Der WeiberDiwan ist eine feministische Rezensionszeitschrift, die zweimal jährlich erscheint (Rezension der aktuellen Ausgabe in der mosaik35). Diesmal gab es eine Releasefeier, nette Gesellschaft und natürlich Gespräche über die neu erschienenen und besprochenen Bücher der Ausgabe. Ich war wie jedes Mal baff, wie viele Bücher von Frauen*, Feminist*innen auf einem Fleck versammelt sind. (Der WeiberDiwan wird mit den an.schlägen verschickt und ist vielerorts in Buchhandlungen und Infoläden zu finden – nicht nur in Wien.)

Nachdem Kultur und Literatur diesen Sommer nun doch mehr oder weniger stattfanden, war ich ganz froh, keinen Überblick behalten zu wollen. Manches nehme ich mir aber vor. Es ist so wichtig, dass es dick im Kalender eingetragen wird. Von 21. August bis weit in den September findet das Literaturfestival Bridging the Tongues statt. Konzipiert und geleitet von Radostina Patulova, Ovid Pop und kollektiv sprachwechsel: Literatur in der Zweitsprache, gibt es wochenlang Programm, um die Mehrsprachigkeit der Stadt zu präsentieren und Communities zu vernetzen. Im August starten Werkstätten zu Sprache als Handlung und Erzähllust. Anfang September werden Tandemlesungen und Diskussionen in der Brunnenpassage am Yppenplatz aufgezeichnet, da wegen der Pandemie nur begrenzt Publikum vor Ort sein darf. Ab 23.9. hat das Festival digitale Premiere, die Veranstaltungen werden auf der Homepage von kollektiv sprachwechsel gestreamt. Mehrsprachige, in Wien lebende und internationale Autor*innen lesen und diskutieren ihre Texte, reflektieren über Mehrspachigkeit, neue Sprachen, Vermischungen und Möglichkeiten. Außerdem gibt es Ende September Literaturspaziergänge auf den Spuren von Textproduktion Schwarzer Aktivist*innen in Wien, Wienerliteratur auf Romanes und Jiddisch und (am europäischen Tag der Sprachen) Queering the Language of the City.

Und wenn dann vielleicht doch wieder alles zumacht, geht das Festival im Oktober und November auf Radio Orange weiter, das freie Radio in Wien (das dank Internet überall zu empfangen ist). Es lohnt sich, das Sendeprogramm durchzuklicken. Da wir schon dabei sind – hier noch etwas, das dauerhaft stattfindet und unabhängig von Corona-Maßnahmen abendfüllend sein kann:

Jeden vierten Sonntag im Monat von 15:00 bis 15:30 gibt es auf Radio Orange eine Literatursendung, die zeitgenössiche Literatur präsentiert. Autor*innen werden gebeten, ihre Texte selbst einzulesen, Zielgruppe sind alle Literaturinteressierten und jene, die es werden wollen. Die Sendung gestalten PS: Politisch Schreiben und Das fröhliche Wohnzimmer – zwei Literaturinitiatven mit (einer) Homebase in Wien. PS ist ein Projekt, das ich mitgegründet habe, Das fröhliche Wohnzimmer sind famose Verbündete, wenn es darum geht, sich zu fragen, wie das mit politischem Schreiben überhaupt ginge, wie der Literaturbetrieb mehr genossen werden könnte und auf was ich mich einlasse, mit dem ich nicht gerechnet habe.

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jiaspa fenzl

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Die mosaik35 erscheint Ende Oktober - erhältlich auf liberladen.org.


freiVERS | Philipp von Bose

Nun verzichte ich wissentlich

erkläre mir das lied vom tod,
damit ich mich nicht fürchten muss.

gibt es eine große tat, im tiefen
etwas mystisches,
wenn alles kalt & nennbar ist?

mondän ist die erschütterung, die
aufgeklärt durch köpfe zieht...
wie wolken: keine schäfchen mehr.

das wunder liegt verwundet da
und die tat, die möglich ist – erosion
durchs definieren

der zeit
der farben
und des lichts.

am anfang gab der geist
uns scham, nun...

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Philipp von Bose

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freiTEXT | Carolin Wiechert

Projektionen

*

Ich bin ewig nicht mehr in dieser Gegend gewesen.

Langsam rolle ich mit dem Fahrrad die Straße entlang und betrachte die Umgebung. An einigen Stellen stehen neue Häuser, an anderen Stellen sind Lücken entstanden, die darauf warten, mit neuen Häusern gefüllt zu werden. Bäume, die ich zum letzten Mal als kleine Winzlinge gesehen habe, überragen mittlerweile die Dächer.

Der Spielplatz auf dem wir früher unsere Freistunden verbracht haben, hat neue Spielgeräte, die die alten ersetzt haben. Das Karussell auf dem wir immer saßen, hat einem Fußballtor Platz gemacht. Einige Kinder wuseln kreischend und lachend über den Platz, um den Ball zu ergattern.

Es ist komisch, diese Mischung aus Vertrautem und Fremdem zu spüren. Ich hatte damit gerechnet, dass ich in den letzten zehn Jahren mehr Distanz zwischen diese Stadt und mich gebracht hätte. Schon als ich hier noch gelebt habe, hatte ich immer irgendwie das Gefühl, von diesem Ort entfernt zu sein und nicht richtig hier reinzupassen. Es war kein markantes Gefühl, es war mehr wie ein Haar auf der Wange, das sich nicht wegwischen ließ, egal wie viel ich daran gerieben habe. Ich war nicht auffällig, ich bin mit meinem Anderssein nicht hervorgestochen, ich habe mich gut angepasst. Ich wusste nur, dass ich hier nicht für immer bleiben würde und dass ich nach meinem Ort noch suchen musste.

Ich lächle, als das Schulgebäude vor mir auftaucht. Es ist Mitte Mai, die längsten Tage des Jahres lassen noch auf sich warten und die Sonne sitzt gerade auf dem Dach der Sporthalle. Ich erinnere mich, wie wir zusammen entdeckt haben, dass sich die Sonne zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der Sporthalle ausruht und das Licht in einer merkwürdigen Art fächert, die ich sonst noch nie gesehen hatte. Es war ein Abend in der zwölften Klasse. Tobias, Lena und ich haben uns nach einer Schulveranstaltung verquatscht und standen bei den Fahrradständern. Wir hatten damals viele dieser Abende, die plötzlich länger wurden, als es beabsichtigt war, weil wir das Zusammensein genossen haben.

Seit dem Ende der Schulzeit haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich glaube nicht, dass das absichtlich passiert ist, sondern dass wir einfach auseinandergedriftet sind. Ich war erst für ein Jahr im Ausland, danach bin ich nach Hamburg gezogen, um zu studieren. Mir war nicht klar, dass ich so schlecht darin bin, den Kontakt zu halten. Lena hat sich einige Male gemeldet, mir E-Mails geschrieben, auf die ich immer antworten wollte, es dann aufgeschoben habe, bis es irgendwann zu spät war. An Tobias habe ich manchmal gedacht, ein kurzer Anflug des Gedankens, dass ich ihn anrufen könnte oder ihm schreiben, der dann schnell wieder weg war.

Ich weiß nicht, ob die beiden heute auch da sein werden.

Es ist das erste Jahrgangstreffen nach zehn Jahren. Ich weiß noch, dass wir uns damals darüber lustig gemacht haben und dass wir niemals zu so einem Treffen gehen würden. Ich hätte nicht gedacht, dass es die einzige Möglichkeit werden würde, um die beiden wiederzusehen.

Irgendwann fühlt es sich nicht mehr angemessen an, sich bei jemandem zu melden, wenn zu viel Zeit vergangen ist.

Ich stelle das Fahrrad in den Fahrradständer, an dieselbe Stelle, an die ich es früher immer gestellt habe. ‚Fremde Vertrautheit‘, denke ich, während ich auf den Eingang zugehe. Jahrelang hatte der Anblick des fünfstöckigen Gebäudes Zeit, sich in mein Gedächtnis einzubrennen und auch jetzt sind die Veränderungen nicht markant genug, um die Vertrautheit auszulöschen.

Ich habe das Gefühl, in einen Pool von Erinnerungen geworfen zu werden, ohne eine Konkrete greifen zu können. Sie prasseln in Bildern und Gefühlen auf mich ein.

Langsam trete ich durch den Haupteingang und sehe die Erinnerungen an Wänden und Lampen hängen, an den Treppen, den Türen. Sie stehen in der Luft und wispern leise, durchwoben mit Lachen und Wut.

Ich bin alleine in der Eingangshalle. Aus der Aula, die zur linken Seite abgeht, kann ich Musik und Stimmen hören. Ich bleibe kurz stehen und blicke mich um. Greife willkürlich eine von den Erinnerungen, sehe Tobias, Lena und mich in meinen Händen liegen. Ich drehe uns, um uns von allen Seiten zu betrachten, uns zuzuhören, wie wir über die gerade geschriebene Physikklausur reden. Wie Tobias unsere Antworten nicht glauben will, weil sie sich nicht mit seinen decken. Wie er anfängt zu überschlagen, wie viele Punkte er erreicht haben könnte und ob er vielleicht doch bestanden hat.

Leicht stoße ich die anderen Erinnerungen mit den Fingerspitzen an, bringe sie zum Schwingen, lasse mich kurz in diesem Gefühl treiben, bevor ich durch die Tür in die Aula trete.

*

Ich stehe in der offenen Tür zu dem Klassenzimmer, in dem wir früher Deutschunterricht hatten. Der Raum ist dunkel, die Musik aus der Aula ist nur schwach zu hören. Lena sitzt auf der Fensterbank, lehnt die Stirn gegen die Fensterscheibe und streicht mit dem Daumen über die Bierflasche. Sie hat mich bis jetzt noch nicht bemerkt und ich betrachte sie einige Augenblicke. Zumindest äußerlich hat sie sich nicht viel verändert. Auf den ersten Blick. Ich stelle mir vor, wie sie an die vielen Stunden denkt, die wir in diesem Klassenzimmer verbracht haben und wie gut sich das angefühlt hat.

Ich räuspere mich. „Hey.“

Lena blickt in meine Richtung. „Hi.“

„Du bist schnell verschwunden.“ Ich trete langsam in den Raum und setze mich an einen der Tische am Fenster. Wir haben damals immer in der ersten Reihe gesessen, aber direkt an der Tür.

„Es hat mich nicht richtig interessiert, was alle von ihren Leben erzählt haben. War irgendwie alles dasselbe.“ Sie zuckt mit den Schultern.

„Du hättest dich mit mir und Tobias unterhalten können.“ Lena hat sich schon damals nicht besonders für unsere Klassenkameraden und Klassenkameradinnen interessiert. Sie waren ihr zu oberflächlich, zu langweilig, zu berechenbar.

„Ich habe auf euch gewartet und dann wusste ich nicht, wie ich das Gespräch anfangen soll.“ Sie grinst leicht.

„Also flüchten?“, sage ich und ziehe mit den Füßen einen zweiten Stuhl heran, um meine Beine darauf zu legen.

Auf dem Flur geht Licht an und wir schweigen beide. Die Schritte bleiben vor der Tür stehen. Im Gegenlicht steht Tobias und blickt uns an. „War klar, dass ich euch hier finde.“ Er betritt den Raum, schließt die Tür hinter sich und setzt sich zwei Stühle neben mich, auf den Platz, an dem er früher saß. Sein Blick wandert die Wände entlang und bleibt an der Tafel hängen, die nicht gereinigt wurde. Matrizen ziehen sich über die gesamte Fläche. Ich erinnere mich wie mein Mathelehrer damals kreideverschmiert die Zahlen auf die Tafel gesetzt hat.

Die Stille hängt schwer zwischen uns. Etwas, das wir früher nie hatten. Früher war es leichter, diese Lücken zu füllen, früher gab es immer etwas zum Austauschen.

„Ihr seid schnell verschwunden“, sagt Tobias schließlich.

„Lena ist geflüchtet.“

Er grinst.

Ich warte darauf, dass irgendjemand von uns eine Erinnerung von früher heraus kramt, wir darüber lachen und sich die Situation entspannt. Vielleicht ist es schwieriger Worte bei Menschen zu finden, die man zu einem Punkt im Leben sehr gut gekannt hat. Man glaubt, sie immer noch zu kennen, aber ist sich nicht sicher, welche Worte noch Waffen sind oder welche zu Waffen geworden sind. Man glaubt, die Menschen bedeuten einem immer noch was und möchte keine Wunden schlagen. Vielleicht ist es darum mit fremden Menschen einfacher.

„Ich hätte damals nicht gedacht, dass sich unsere Freundschaft so schnell verläuft“, sagt Lena leise. Sie stellt die leere Bierflasche neben sich auf die Fensterbank und blickt auf ihre Hände. „Nachdem Charlotte nach Amerika geflogen ist, habe ich nichts mehr von euch gehört und jetzt sitzen wir hier, als ob das in Ordnung wäre.“

Ich beiße mir auf die Lippen und weiß nicht, was ich sagen soll. Meine Erklärungen würden wie lahme Ausreden klingen, die Lena nicht gelten lassen würde. Zu Recht.

„Ich hatte nicht das Gefühl, als ob sie aufrecht erhalten werden sollte. Viele Freundschaften hängen doch sowieso von einer bestimmten Grundlage ab. Unsere war die Schule, die Schule war vorbei, also gab es keinen Grund mehr“, sagt Tobias nüchtern.

Lena sieht ihn fassungslos an und ich greife ein, bevor die Situation eskaliert.

„Was machst du jetzt eigentlich?“, frage ich Tobias. Wir hatten vorhin noch nicht Gelegenheit miteinander zu reden.

„Ich habe letztes Jahr mein eigenes Unternehmen gegründet. Davor habe ich als Abteilungsleiter gearbeitet, habe dann aber gemerkt, dass ich mehr will, wusste aber nicht genau was. Also bin ich erst mal für ein Jahr um die Welt gereist, um herauszufinden, was das ist.“

„Klingt ein wenig wie aus einem Katalog“, sagt Lena mit leisem Spott in der Stimme. „Wie eine der Geschichten, die ich von fast jedem hier hören kann.“

„Es macht mir Spaß und ich bin gut darin.“ Tobias verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich kann nichts dafür, wenn andere dieselben Sachen machen.“

Lena zuckt abwertend die Schultern. „Es ist trotzdem untypisch für dich.“

Es liegt wieder eine Schwere in dem Schweigen, die Sekunden springen zäh von einer zur nächsten.

„Wer entscheidet denn, was ein typisches Verhalten für mich ist? Ich meine, wir haben uns seit zehn Jahren nicht gesehen.“

Lena blickt ihn an. „Ich kenne dich, ich weiß, dass du nicht so bist.“

„Dass ich wie nicht bin?“

„Oberflächlich.“

Tobias seufzt und schüttelt leicht den Kopf. Dann lässt er die Schultern sinken. „Weißt du, ich habe erwartet, dass du genauso reagierst, weil das nämlich dein typisches Verhalten ist. Schon immer. Ich hatte trotzdem gehofft, dass es anders sein würde.“

Er wartet nicht auf eine Erwiderung. Die Tür fällt leise hinter ihm ins Schloss und ich kann hören, wie die Schritte langsam im Flur verklingen.

Die Stille hängt im Raum wie aufgewirbelter Staub.

Schließlich räuspert Lena sich. „Ich hatte erwartet, dass es wieder wie früher ist, wenn wir uns wiedersehen. Dass es nur ein Fehler war, dass wir uns so lange nicht gesehen haben und dass, wenn wir uns treffen, alles wieder in die richtigen Bahnen springt. Dass es irgendwie wieder Sinn ergibt.“

Ich blicke Lena nicht an, aber ich kann den Schmerz in ihren Worten hören. Und die Dramatik.

„Du denkst bestimmt wieder, dass ich dramatisch bin.“ Sie wischt sich mit der Hand über die Augen. „Es ist nicht so, dass ich die letzten Jahre hier saß und auf euch gewartet habe. Ich habe neue Freundschaften geschlossen, ich habe mit meinem Leben weitergemacht und es ist okay.“ Sie legt die Hände in den Schoß. „Es ist nur so, dass diese eine Sache fehlt. Dieses Gefühl, das ich damals mit euch beiden hatte.“ Sie schweigt wieder. Ich glaube, dass die Worte schon gut sortiert sind, dass sie sie schon viele Male durchdacht hat, dass sie aber nie ausgesprochen wurden und dass Lena Angst vor ihrem Klang hat. „Wirkliche Zugehörigkeit. So sein zu können, wie ich bin und Menschen um mich zu haben, die mich genauso nehmen. Bei den Menschen, die mich jetzt umgeben, habe ich immer das Gefühl, mich anzupassen und eine Rolle zu spielen.“

Sie nimmt die Bierflasche wieder in die Hand und spielt an dem Etikett.

„Weißt du noch, wie wir früher fast jeden Tag miteinander verbracht haben? Wie wir einfach nur zusammen waren, ohne einen großen Plan zu haben?“

Ich nicke und denke an die vielen Abende, die wir einfach nur in dem Dachbodenzimmer von Lenas Bruder saßen und Musik gehört haben.

„Wenn ich mich jetzt mit Freunden und Freundinnen treffe, dann muss es immer irgendeinen Zweck haben: Essen gehen, Theater, Poetry-Slam. Wir sehen uns vielleicht einmal die Woche, weil alle so beschäftigt sind, ihr Leben richtig zu leben, alles in die richtigen Bahnen zu lenken, um glücklich zu sein. Sie arbeiten viel, weil das erwartet wird. Sie gehen in ihrem Job auf und haben noch Projekte nebenher, um sich selbst zu verwirklichen. Sie sparen, um sich ein Haus kaufen und später eine Familie gründen zu können, sie achten auf ihre Ernährung, sie arbeiten an ihren Beziehungen. Alles ist so gut durchdacht. Alles ist so, wie die Gesellschaft es vorschreibt.“

„Alles ist so oberflächlich?“, grinse ich sie an. Lena hat Oberflächlichkeit immer gehasst, weil sie glaubt, dass Menschen zu feige sind, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Lena nickt. „Manchmal habe ich es satt, über dieses Zeug zu reden. Ich frage mich, ob Menschen ab einem gewissen Alter noch dazu fähig sind, Tiefe zu besitzen oder ob sie so fokussiert auf diese anderen Sachen sind, dass einfach kein Platz für mehr ist. Vielleicht sind sie einfach zu festgefahren in ihren Leben.“

„Vielleicht ist da aber auch Tiefe und sie haben zu viel Angst, verletzt zu werden und lassen darum niemanden an sich heran. Vielleicht haben sie zu viel erlebt, vielleicht haben sie zu viele Wunden.“

„Ja, vielleicht.“ Lena schweigt einen Moment. „Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht habe, aber ich bin mir nicht sicher, ob da einfach nicht mehr ist oder ob die Mauern zu dick sind.“

Sie hat die Flasche wieder abgestellt und reibt jetzt mit dem Daumen über die Fensterscheiben. „Ich war irgendwann mal so genervt davon, dass meine Freundschaften alle so oberflächlich sind, dass ich bei einer meiner Freundinnen mein Herz ausgeschüttet und ihr alles erzählt habe, was mir so durch den Kopf geht, von meinen Träumen, von meinen Schmerzen. Ich habe angenommen, dass die Oberflächlichkeit durchbrochen werden kann, wenn eine den ersten Schritt macht. Dass, wenn ich mich öffne, sie sieht, dass sie sich auch öffnen kann.“

Ich grinse. „Das hat vermutlich gut geklappt?“

Lena muss ebenfalls grinsen und zieht die Beine auf die Fensterbank. „Danach ist sie auf Distanz gegangen. Irgendwann war sie ganz verschwunden. Als ob sie sich langsam zum Notausgang geschlichen hat, um zu türmen, wenn ich nicht hinschaue.“

„Ich glaube, dass Dynamiken von Freundschaften nicht so einfach sind. Ich glaube, dass für jede Beziehung zwischen zwei Menschen andere Regeln gelten und dass diese Regeln im Laufe der Zeit verhandelt werden. Manchmal hast du von Anfang an, das Gefühl, dass alles passt und manchmal auch nach drei Jahren noch nicht. Ich glaube, dass davon abhängig ist, wie viel Tiefe eine Freundschaft bekommen kann. Manche Freundschaften bleiben immer oberflächlich, aber es ist okay, weil es genau das ist, was du von dieser Freundschaft brauchst.“ Ich nehme die Beine wieder von dem Stuhl und setze die Füße nebeneinander auf den Boden. „Und manchmal bekommen Freundschaften, die immer oberflächlich waren eine weitere Ebene, wenn das Leben aus den Fugen gerät, wenn es diesen Moment des Strauchelns gibt.“

„Du hast mir gefehlt,“ sagt Lena leise.

Die Musik hat in den letzten Minuten an Lautstärke gewonnen. Wenn wir aus dem Fenster blicken, können wir sehen, wie das Licht aus der Aula den Innenhof erleuchtet.

„Du hast versprochen, dass du dich meldest, wenn du aus den USA zurück bist.“ Lenas Stimme klingt vorwurfsvoll.

Ich ziehe die Unterlippe zwischen die Zähne. „Ich wollte wirklich, aber da war so viel anderes und die Zeit ist so schnell vergangen. Das Studium hat angefangen, ich musste alles für den Umzug organisieren. Dann war es irgendwann zu spät und ich wusste, dass du sauer sein würdest.“

„Und dann hast du dich gar nicht erst mit mir auseinandergesetzt?“ Lena sieht mich jetzt direkt an.

Ich beiße mir auf die Lippen. „Ich wusste nicht wie.“

„Vielleicht waren wir doch nicht so gute Freunde, wie ich geglaubt habe.“

Ich merke, wie ich langsam genervt werde. „Vielleicht ist es einfach nur nicht möglich dem Bild zu entsprechen, das du von Freundschaft hast.“

Lena blickt mich kurz an, dann wieder auf die Bierflasche und dreht sie in den Händen. „Glaubst du, es ist möglich, Beziehungen wieder hinzubekommen?“, fragt sie nach einer Weile.

Ich schweige einige Momente und denke über ihre Frage nach. „Ich glaube, dass es nicht möglich ist, wiederzubekommen, was wir mal hatten. Wir haben uns beide verändert. Ich glaube, dass die Gefahr besteht, zu erwarten, dass es genauso sein müsste wie früher und dass dadurch das Potential von etwas Neuem kaputt gemacht werden kann.“

„Und was ist, wenn man sich über diese Gefahr im Klaren ist?“

*

Ich sitze vor dem Schulgebäude auf der Steinmauer. Die Nacht ist warm und ich genieße, wie mir der Wind ins Gesicht weht. Es ist ruhig hier. Die Musik wurde vor einiger Zeit ausgestellt, die meisten sind schon nach Hause gegangen. Ab und zu läuft noch jemand an mir vorbei, hebt die Hand zum Abschied und verschwindet dann in Richtung Parkplatz. Der Himmel ist fast klar, vereinzelt kriecht eine Wolke über den glatten Untergrund.

Lena und ich haben noch kurz im Klassenzimmer weitergeredet, bevor sie nach Hause gefahren ist. Ich habe ihr von meinem Leben in Hamburg erzählt, sie hat erzählt. dass sie noch immer im Finanzamt arbeitet, in dem sie damals die Ausbildung gemacht hat. Sie lebt in einer Wohnung in der Innenstadt und hat sich ein Zimmer zum Musik hören eingerichtet, ähnlich wie das von ihrem Bruder damals. Ich denke daran, was sie über Freundschaften gesagt hat. Ich weiß, was sie meint, auch wenn es für mich nicht dieselbe Problematik hat. Vielleicht liegt es daran, dass ich meinen Freundeskreis damals im Studium aufgebaut habe und vielleicht hat sie recht damit, dass die Menschen offener sind, wenn sie jünger sind.

Ich frage mich, ob Lena recht hat und ich mich nicht gemeldet habe, weil ich mich nicht mit ihr auseinandersetzen wollte. Unsere Freundschaft war immer ambivalent. Wir hatten viele leichte Momente, in denen wir gut harmoniert haben, wir hatten aber auch viele Streitigkeiten und Konflikte. Diese Seite hat irgendwann so viel schwerer gewogen, als die guten Zeiten. Sie war so präsent, dass alles andere darunter verschwunden ist.

Als wir uns vorhin unterhalten haben, war da wieder dieses Gefühl auf irgendeine Art miteinander verbunden zu sein und dass das der Grund dafür war, warum wir all diese Konflikte durchgestanden haben. Ich ziehe mein Zopfgummi wieder fest.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Gefühl mit meinen jetzigen Freunden und Freundinnen habe. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Konflikte wir überstehen würden oder ob beim kleinsten Anflug eines Problems, jemand die Flucht ergreifen würde. Wir sind gut darin, solche Situation zu vermeiden. Unsere Diskussionen finden auf einer fairen Ebene statt. Sie sind überlegt und rational. Selbst, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, werden wir nie verletzend. Es ist anders, als das, was Lena mit ihren Freunden und Freundinnen beschrieben hat. Ich habe das Gefühl, dass ich so sein kann, wie ich bin, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich alle Gedanken mit ihnen teilen würde. Trotz allem weiß ich, was sie meint, wenn sie davon spricht. dass sich die Zeit mit mir und Tobias anders angefühlt hat.

Tobias taucht neben mir auf. „Hey.“ Er setzt sich auf die Mauer. „Ich schätze, Lena ist schon gegangen?“

Ich nicke.

Wir sitzen schweigend nebeneinander und starren auf die Bäume, die die Begrenzung zum Parkplatz bilden. Ich frage mich, woran er denkt. Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass ich früher gewusst hätte, was in ihm vorgeht.

„Ich weiß, dass Lena mir das nicht glauben würde, aber ich mag mein Leben so wie es ist.“ Er schiebt sein Smartphone in die Hosentasche. „Ich weiß, dass es nicht das ist, was sie für mich gewollt hat. Sie hat erwartet, dass ich einen anderen Weg gehe. Wir hatten in den letzten Jahren keinen Kontakt, auch wenn sie am Anfang noch E-Mails geschrieben hat, aber ich habe mich nie gemeldet. Ich wusste nicht wie. Ich hatte immer das Gefühl, das ich mich dafür rechtfertigen muss, wie ich bin. Dass ich ihr erklären muss, warum ich nicht ihren Erwartungen entspreche.“

„Ja, ich weiß, was du meinst.“ Als ich damals in die USA gegangen bin, hatte ich das Gefühl, frei von Erwartungen der anderen zu sein, weil mich dort niemand kannte. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie sehr mich die Erwartungen limitiert haben, wie sehr sie meine Handlungen beeinflusst haben. Auf der anderen Seite habe ich mich feige gefühlt, weil es sich mit meinem Weggang angefühlt hat, als ob ich einen leichten Ausweg gefunden hatte. Es wäre so viel schwieriger gewesen zu bleiben und mit den ganzen Geräuschen um mich herum herauszufinden, was ich wirklich will.

„Du machst jetzt also das dicke Geld“, grinse ich ihn an.

Er lacht. „Das dauert noch ein bisschen.“ Er zieht sein Smartphone aus der Tasche und wirft einen Blick darauf. „Ich muss jetzt los. Bis irgendwann.“

Ich blicke Tobias hinterher als er Richtung Parkplatz geht. Ich wünschte, dass ich das Gefühl hätte, dass er sich nur selbst belügt und dass er noch immer die Person ist, die Lena, die ich in ihm gesehen haben. Die Wahrheit ist aber, dass es nicht so ist. Vielleicht war er noch nie diese Person. Vielleicht war er immer anders und wir wollten es nicht sehen, weil es so einfach war, unsere Vorstellungen von ihm auf ihn zu projizieren.

Ich glaube nicht, dass er irgendwann einen Selbstfindungstrip machen muss, ich glaube, dass er sich genau auf dem Weg befindet, auf dem er sein möchte. Ich weiß nicht, ob sein Leben wirklich oberflächlich ist oder ob es nur das ist, was wir gesehen haben. Wie sollte es anders möglich sein, in den fünf Minuten, die wir miteinander gesprochen haben? Vielleicht spielt es auch einfach keine Rolle, weil auch das ein glückliches Leben sein kann. Ohne das Wissen um die Tiefen und die damit verbundenen Untiefen.

Ich lasse mich von der Mauer gleiten und gehe um das Gebäude herum. Auch hier ist wieder diese fremde Vertrautheit. An einigen Stellen fühlt es sich an, als ob ich einen Zeitsprung mache und wieder 18 bin. Ich fühle mich genauso wie zu dem Zeitpunkt einer bestimmten Begebenheit, die Erinnerung ist so nahe an mir dran, als ob sie gerade erst passiert ist.

Lena hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, wieder hierherzuziehen, aber ich weiß, dass das hier kein Platz für mich ist. So wie ich weiß, dass eine andere Stadt nicht der richtige Ort für Lena wäre. Sie braucht die Übersichtlichkeit, sie braucht die Vertrautheit und die Wurzeln zu dem, was sie früher war, um jetzt sein zu können, wer sie ist. Früher hätte ich vielleicht geglaubt, dass das feige ist. Ich habe immer hart über Menschen geurteilt, die in ihrer Heimatstadt geblieben sind. Jetzt weiß ich, dass jeder Mensch selbst entscheiden muss, welche Umgebung und welches Leben ihm gut tut. Alle Leben haben ihre Vorteile.

Ein Klischee sind wir sowieso alle.

Während ich mein Fahrrad aufschließe, stelle ich mir vor, wie Lena zu Hause sitzt und die Musik laufen lässt, die wir früher zusammen gehört haben, als wir stundenlang vor der Stereoanlage ihres Bruders saßen. Wie sie in den alten Fotos von uns kramt und über die ganzen Erinnerungen lächelt.

Als ich auf mein Fahrrad steige, muss ich an den Songtext von Kettcar denken. ‚Wie die Dinge sich wohl anfühlen, wenn sie denn noch ganz wären‘.

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Carolin Wiechert

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freiVERS | Sarah Pola Esadov

Da denkt einer den ganzen Tag
nur an Brücken.
Stahlbetonbrücken, Bogenbrücken,
Autobahnbrücken, Hängebrücken,
Sichtbetonbrücken.
So wie er Brücken liebt so liebt er.
Stahlhart, waschbetonweich, endlos lang.
Streicht über die Oberflächen von Brücken.
Bewegt sich gewissenhaft über die Brücken.
Stapft über die Brücken. Steht vor den Brücken,
an der Schwelle, unten und betrachtet sie.
In der Mitte ist die Aussicht am besten.
Er hält immer in der Mitte an.
Berufsbedingt aber muss er bis ans Ende gehen.
Manchmal dreht er um und geht wieder zurück.
Infrastruktur ist die Lösung denkt er.
Infrastruktur ist die Lösung sagt er.
So wie er Brücken liebt so liebt er.

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Sarah Pola Esadov

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freiTEXT | Avy Gdańsk

Nach-t-wuchs

In den Schatten unter deinen Augen lese ich: Der Schlaf war wieder zu dünn, eine Schicht Eis auf dem See, schnell eingebrochen. Immer fräst sich der Lärm durch die Traumwände, rückt von allen Seiten unerträglich nah. Ein Erwachen wie das Einschalten der Maschine, Wiegegriff und drohende Beruhigungslaute einer nicht weit entfernten Böschung. Die Erschöpfung bringt dich an den Rand des Guten.

In den Dachbodentagen waren wir der Lärm, ein springender Laut wie Gebälk, gegen die Nischen anbrüllendes Tiersal, eine Tapete aus Gegröl. Wir waren augsam auch, schaulustige kleine Geschöpfe mit Bast an den Wimpern, die Blicke flochten sich beinahe von selbst, wir griffen ins Sichtfeld hinein und pflückten die Ansicht, aßen die Hügel auf, bis unsere Bäuche sich wieder verdünnten.

Wir waren entsetzlich bedürftiges Faultier, ein Schnappen der Luft waren wir, ein Vergreifen an grünenden Zweigen. Eigentlich gebaut als Hoffnungsträger, zum Schultern von Erwartung. Knickten darunter ein, weil wir aus Fleisch waren und nicht, wie erfordert, aus Marmor.

Jeder Raum von uns: angefüllt bis unter die Gestirne, die unsere rohen Hände verließen, durch die Nagelspitzen leuchteten. Wir, gegen die Decke, Verlängerung der Endlichkeit. Ein Warenhaus, ein Sindhaus, Wirdshaus, zerschlagen von uns, Abrissbirnenteile waren wir, Verwirklichung, Verwirung.

Und das willst du alles zurück? Willst Wanzenwänste, die in Westen stecken, willst auf den Kniepferdchen reiten den saftigen Wolken hernach, willst die gewellten Scheren halten, Meere aus Karton.

Wackersteinschlieren willst du, Blubbern unter gesenkter Hand, und dann so tun, als sei es ein Quell aus dem Erdreich. So lernt jeder auf andere Weise, dass es zum Oben ein Unten gibt. Die Blasen, lustig anzusehen für den Tunkenden, waren die Angstschreie dessen, den er zur Tiefgründigkeit zwang. Danach gab es kein Zurück an die Oberfläche, man hatte die Unterseite der Welt gesehen und erkannte sie überall wieder. So wurden wir verschieden, dadurch, wie lange wir uns einander dem Schatten aussetzten, einander das Licht entzogen. Ich konnte mich immer schon besser an die Dunkelheit anpassen.

Dein Nachwuchs, mein Nachtwuchs. Weil du im Hellen lebtest, trafst du andere Entscheidungen. Die Sonne aber wandert, und der Schatten macht dir Angst. Willst dich absichern gegen die Kühle, die du nicht gewohnt bist. Vermisst das Kirschkernspucken gegen fremde Knie. Was willst du wirklich, die früheren Wunder, die alten Wunden? Suchst nach erneuter Verkleinerung, um wieder Zugang zu finden zu den Wichteltüren, zur Schneckenpost, zum Kürbislächeln. Ich finde ihn noch, jenen Eingang, nicht unentwegt, aber oft, drum lass dir eins gesagt sein:

Was du jetzt nicht mit Herzfingern greifen kannst, die rot sich um Luftburgen schlingen, kommt auch durch Vereinfältigung nicht zurück. Siehst du jetzt nicht die gebräunten Buckel der Trauben, die Käppchen der hageren Butten, was hilft dir ein zweites Paar Augen? Du suchst eine füllende Masse, die dein Lächeln drückt bis an den Lidrand, formbar soll sie sein, ein haltbares Kunstwerk. Dein eigener Hoffnungsträger, da du sie selbst nicht mehr halten kannst in deinen schwachen Händen.

Willst wieder reden mit wirbelndem Mund, möchtest dein Singen erfinden, die Muster unterm Regenteppich sehen, mit der Laterne durch die allererste Nacht, verborgene Botschaften aufspüren.

Zuerst aber musst du dein Leben verlieren.

Die sägende Saite spielt dich, ein Geigenbogen gegen deine Kehle ist der Schlaf, zu dünn, er schneidet ein, er zieht sich zu, der Atem dünne Klingen, die Luft rasiert den Rachen, die Lider dünn, die Nerven dünn, die Lippen. Wann werden die Wangen voller, fragst du dich, horten wie Hamsterbäckchen das Lachen? Auf Stroh – weißt du noch? – schliefen wir einmal und es wurde nicht zu Gold, auch wenn wir daran glaubten, im Schlaf es fest uns wünschten. So mag es nun wieder sein, oder Gold aber macht dich doch nicht froh.

Denkst heimlich daran, es zurückzurollen ins Wasser, die strampelnde Kugel zu tauschen gegen einen zauberhaften Prinzen. Doch alles sind falsche Versprechen, Wasserfall ist keine Möglichkeit, zwischen deinen blonden Strähnen erste Grausamkeiten.

Treffen wir uns, bekomme ich nichts als Fassade. Ist das die Strafe für die Opfer, die ich nicht bringen wollte? Dein Himbeerlächeln, extradick aufgeschmiert: Zucker, der zusetzen soll. Dein ganzer Stolz – hüfthoch – reicht, um dich damit zu schmücken, solange wir uns sehen. Es ist niemals lang. Kann dies, kann das, tut dies, tut jenes, wird aber fremder Tag für Tag, die Entwirung beginnt schon allmählich – das spüre ich, obwohl du es versteckst.

Du wieder oft im Alleingang, arbeitsame Hände, wir ziehen tolle Formen aus der Leere, du und ich, sie folgt unseren Gesten nach Hause. Hat man nichts zu tun, ist man dem Sein so ausgesetzt, nicht wahr, man muss sich dem Ich übergeben, also bewegt man die Finger, um es zu vertreiben.

Ich brauche deine Beweismittel nicht, die verzweifelten Superlative, die Fotos, deren Strahlen etwas überblenden soll. Ich sehe dich hinter den Gardinen auch schimpfen, weinen, müde an die Wand starren. Neide mir nicht die Bewegungsfreiheit, die Zeitlosigkeit und dass ich verfügen kann, wo du verfügbar bist.

Einmal treffen wir uns unterwegs auf der Straße, du siehst aufgegeben aus, und weil es keinen Ausweg gibt, stellst du dich mir. Als wolltest du flüstern: Los, spotte doch schon. Da sage ich es dir: Schluss mit dem Wettkampf. Wir müssen uns nichts vormachen, müssen nicht drum eifern, welcher Lebensentwurf der bessere ist. Entwürfe sind Linien, um das Weiße des Blatts zu bedecken. Und füllst du es bis an den Rand, ist es zu dunkel. Lass das Nichts durch, oder verzichte aufs Licht. In jedem Fall verlieren wir.

Da schlägt deine Lebenslinie dankbar aus, rutscht auf meine Seite der Welt, seit langem überkreuzen sie sich wieder. Geben wir sie zu, die Einsamkeiten, gegen die nichts gewachsen ist, nicht mal das, was wir selbst aufgezogen haben.

Unsere Freuden sind anders geworden, betretbar, die Trauer unverhüllt, beschaulich, wir lassen die Vergleiche sausen, wo es geht.

Manchmal, wenn ich drüben bei dir eingeladen bin, betrachte ich die Abspaltung deines Selbst, rasch heranwachsend, beim Zeichnen auf der Terrasse. Der Stift schlittert hinter der Vorstellung her, die Hände tappen im Dunkeln.

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Avy Gdańsk

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freiVERS | Verena Längle

martian natives (wenn die Alten schlafen gehen)

Wenn die Alten schlafen gehen,
träumen sie von ihrer Erde, schwarzer Erde,
Mutterboden, voll bis obenhin mit Zeug? Bakterien, Algen,
Mikroplastik, Pilze, Biozide, Würmer, die (geliebte) Erde fressen,
pressen (durch das Mahlwerk ihres Körpers) und so tiefer sinken lassen,
was auf dieser Erde steht, einfach immer tiefer sinken in die dunkelste
Umarmung, wo die Ahnen sicher ruhen, auch wenn man das, was dort
passiert, schlecht ruhen nennen kann, weil hundertfach berührt
von Mündern, Borsten, Flüssigkeiten –

Visionen? Nichts, nur vage
Lichtempfindlichkeit und doch bereiten sie
den Boden für alles, was noch kommen wird, während
(statt zwei) ein blasser Mond aufgeht, der Meere hin- und
her bewegt und ihre Sehnsucht wiegt wie Kinder. Vermissen sie
den blauen Plan, der Mutter, Gott und Vater war, bevor sie ihn
entschlüsselt haben? Vermissen sie die Schwerkraft, die hier alles
leichter macht und auf der Erde dreimal schwerer? Lass sie
einfach weiterträumen! (wenn die Alten schlafen gehen,
sind wir längst auf und davon)

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Verena Längle

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freiTEXT | Sophia Hauser

Multiple Gedächtnisabfolgen

Jetzt wollen wir es nochmal wissen. Ausgelutsche Worte neu ordnen, uns nicht selbst zum Verhängnis werden. Sprache ohne Gesprochenem, Erläuterungen aus den Mündern, alle Jahre wieder. Höchste Zeit, die keinem gehört. Verkalkter Filterkaffeegeruch schreit herein von der Kücheninsel. Wir trinken das Gesöff bekanntlich nicht wegen dem Geschmack, der Lifestyle muss es sein. Frisch gebleichte Zähne glitzern Richtung future. Gleichzeitig braune, ausgekühlte Lacken im Porzellan. Raus aus den zwei Zimmern, schnalzen mit der Zunge, frustrierend. Die gelbe Sau blendet wieder.

Müssen Vater bei jedem Gedanken um Erlaubnis fragen. Sitzt draussen mit der sechzehnten Tschick im Atem. Hatten wir alles schonmal. Täglich das selbe Schauspiel, euphorisierte Jogger zwingen sich selbst in die Unschärfe. Der Föhn flüstert uns Lügen zu, von denen wir Migräne bekommen. Komplett zugedröhnt meditieren, Mondsucht bewältigen.

Unser kleines Geheimnis, der zweiköpfige Teddy der Nachbars-tussi. Zum Monatsanfang impft sie plastische Substanzen in ihr Gesicht. Forever Young. Einsame Zweisamkeit. Zuckersüße Freuden, zum in-die-Hände-klatschen. Fast hätten wir sie vergessen. Deja-vu von Platzwunden und Bergsteigen. Dann, zurück zum Tatort. Brennend heisses Gold bringt den Durst unmittelbar um die Runden. Erschreckend lebhafte Tagträume vor dem Bildschirm, Gespräche ausschließlich über Kabel. Vier Hausblöcke weiter, mischt jemand Salz in den Kaffee. Schon wieder.

Selbstverständlich ist unsere zwanghafte Ordnung erdrückend. Abfolgenwahnsinn zum verdammten Wohlbefinden. Die weisse Kugel löst die Gelbe ab, mitten im Geschehen. Noch eine Sucht im saftigen Zukunfstshokuspokus. Freya sieht uns an, vom zweiten Zimmer aus. Geblendet, weil wir uns gegen Vorhänge sträuben. Die Blechwellen glitzern vom anderen Ufer herein. Wir fragen sie, was los sei. Das Übliche. Der Pfirsichsaft am Fenster fängt langsam zu gären an. Genau so wie wir. Ungewissheit sprudelt von Glasboden Richtung Freiheit und macht die Luft ein Jahr älter. Jetzt wollen wir es nochmal wissen, fällt uns wieder ein. Kurzer Ansturm von Selbstmotivation weil Beobachtung aus nächster Nähe. So wirken als würden wir.

Die am Himmel sind immer die Krähen, die in der Hauswand immer Ungeziefer. Stufenweise Weberknechte gekleidet im kühlen Orange der Morgendämmerung. Freya liebt Nebel, nur bei Vollmond. Seltene Angelegenheit. Für andere Phänomene ist sie nicht zu begeistern, wofür auch.

Der siebzehnte Sonntag zieht vorüber, erzählt uns Geschichten von damals, Vorfreude für die Zukunft. Die Steuer erklärt sich im Nebenzimmer selbst. Grünes Licht zittert von der Südseite und trägt uns weiter in Entfernung. Freya schlägt uns vor, eine Kunstpause zu machen. Mit Druck hält sowieso alles besser.

Kürzlich kam das Atmen einer Absurdität gleich. Die Luftaneignung stellt eine minütliche Gewohnheit dar, die, wäre dies nicht die Machenschaft eines Automates, eine sehr tödliche Angelegenheit sein könnte. Solche Gedanken verirren sich meist zwischen „nichtexistent“ und „arbiträr“.

Entlang der Allee am immer gleichen Schlagloch halten, zur Kontrolle. Verfolgung von verlorenen Wörtern, die keiner besitzen möchte. Aus dem letzten Winkel der Sammlung, unvergesslich. Freya verheddert ihre feuchtwarmen Finger mit unseren ausgekühlten. Schwindelerregende Führung unter Einfluss des Nachthimmels.

Später bei einer Tasse Tee Sudoku.

Zahlen zählen ist angenehmer als Buchstaben sammeln und ordnen. Kurzfilme von eckigen K und schwangeren B lassen uns nicht träumen. Statische X wechseln sich mit eleganten G im visuellen Geschehen hinter den Augen ab. Teilweise so tief, dass es uns vom Orgasmus abhält. Sieben Uhr siebenundzwanzig ist die meist gesehene Zeit unseres Weckers. Ohne Beweis ist das ganz klar die Wahrheit.

Die Motten begrüßen uns ausnahmslos, Freya mahlt Bohnen. Quietschend. Aufguss und Wirkung genießen, dem hypnotisierenden Wasser danken. Hals drehen, das beruhigende Geräusch von Nacht verschenken.

Wir packen den Rucksack voll mit Mysterien und gehen auf Suche. Sanftes Moos klettert Wände hinauf zum blauen Licht. Vater schnürt die Tür hinter dem Nacken zu, schnipst vier Mal die Finger. Feuer in der Stimme. Freya fliegt vorbei, wie sonst immer. Steppmusik der Stiefel am Asphalt. Aufgeräumte Wesen schreiten vorüber und sparen sich viel Mühe. Bald müssen wir uns gehen lassen, seither viel passiert. Aus „wir" soll „ich“ werden. Das sich-nicht-hinein-steigern und in-den-kalten-Brunnen-setzten, hängt uns tief aus der Kehle.

Offenes Knacken aus halbtoten Pflanzenresten, zur Feier des Zyklus. Kalender drehen sich zu unseren Gunsten. Die Gewohnheit will uns verlassen, zum Glück können wir noch schreiben. Verschlossene Lebensträume isolieren sich für die Ewigkeit, tragen Tinkturen zusammen und mischen die Sehnsucht der Unmöglichkeiten. Langsam schwinden unsere Stimmen, die keiner hören kann. Zwei von fünf verabschieden sich mit maßlos überreiztem Lächeln. Sie wartet schon auf uns. Freya, ich nenne sie so, aber nicht weil sie so heisst. Alles stimmt und darauf gibt es keine Antwort. Singend lädt sie uns ein, Ölfarben zu mischen. Wassergelb, Ultramaringrün und Sonnenbraun, in dieser Reihenfolge. Jetzt müssen wir in vielen Sprachen laut lachen. Das Verlangen kommt auf, nach Niederschrift. Wir sprechen uns selbst zu, mit Zuversicht lallend, tanzend. Keine Zeit mehr, irgendwer zu sein. Uns einigen und ineinander stülpen. Take yourself away.

Wenn wir träumen, glühen wir vor Wärme, sagt Freya. Die Herrschaft mit anderen zu teilen fällt uns nicht leicht, trotzdem muss es passieren. Der Mond leuchtet, es riecht nach Holz und Maroni. Das Zepter ist abgegeben, dann Entspannung. Die Pflicht für Momente vergessen, fliehen von uns selbst. Wir sehen uns zu, wie im tragischen Film, es ist 10 Uhr abends. Durch das Fenster tauschen sich Luftgespräche aus. Wasser heult einladend in das Bett, rauscht weiter, ohne sich jemals zu beschweren. Die kleinen Antikörper bringen uns um den Verstand, sie wissen wenig und löschen lang. Zusammenkunft für wen auch immer. Leer durch chemische Reaktionen. Wir schlafen immer sachter und bekämpfen keinen Hirnkrieg mehr. Haben eine weitere Stimme verloren, die letzte scheitert immer schöner. Plastikmusik fühlt sich durch die Sphären der Gehirnbreimasse. Honig tropft aus dem Wasserhahn, ein Glas voll Süße. Wieder ein absurder Morgen. Wieder keine Stimmen. Wieder Stille.

Ich, als einziger Protagonist wurde zum König meiner eigenen Gedanken gekürt.

Freya nennt mich nun das letzte Individuum, weil ich so heiße. Aus Gewohnheit höre ich auf die Stimmen, die mich alleine lassen. Schlimmes Schweigen der Welt lässt mich überirdisch in Vergessenheit schweben. Explodierende Ideen und Freiheiten, Bäume pflanzen. Lichter sind laut, Gefühle wirbeln durch mikroskopische Partikel in den Sehnerv. Es stört keinen, dass ich einfach so am Asphalt liege und höre, wie die Sonnenstrahlen schreien.

Freya beobachtet mich auf Teufel komm raus, weil ich jetzt geheilt bin. Ausgesprochen einsam bin ich. Alle sagen das ist richtig so. Rauche mit Vater Zigaretten. 
Genieß-es-so-lange-du-noch-kannst-Gespräche über Jugend und Pflichtversprechen mit sich selbst. Unangenehm, alles alleine zu vollziehen. Fast sagt er sowas wie „intensive Gedanken führen zu instinktivem Verhalten“. Kaffee über Bord schütten und Kopfüber am brennheissen Holz hängen.

Tabus auswendig lernen, Deja-vus ignorieren. Zufällig Vollmond, total verliebter Gedanke. Fenster und Türen schließen sich von selbst und Wasser kocht über. Salz ist voller Weisheiten.  Leise flattern Schmetterlinge unter meinem selbst gestrickten Pollunder. Quetsche sie bis zum Künstlertod.

Ich bin Nachbar der Krankheit des Geistes. Was sie so macht, hab ich niemals gefragt. Nebenwelt im Nebenhaus. Zukunftsverschiebungstatsache.

Mir fällt auf, dass ich nicht weniger hab, obwohl ich alleine bin. Gleichzeitiges Freya-Vater-Lächeln. Ich mach mit, weil ich muss. Langsamer atmen, damit ich schlafen kann, ohne Fokus. Tauchgang im Verarbeitungsmodus. Fließendes Wasser, wo ich täglich vorbeischreite. Kann mich erinnern, an nichts und sterbe wegen allem. Freya meint nur gut, dass ich schreiben kann.

Urlaub in fremden Träumen.

Statisch geordnete Töne bewusst aneinandergereiht. Ich will tanzen, abstraktes Grinsen aus allen Richtungen. Russisch fliegt sanft durch die Luft. Der Gedanke noch warm. Treffe ein südliches Kunstwerk im schwarzen Rollkragenpullover. Stell mich vor als Ich-kann-schreiben-Literaturfetischist. Wir sprechen in Reimen ohne Stil oder Kultur. Erzähle von dem „uns“ und dem finalen „ich“.

Auch ohne Verständnis, versteht er. Sieben Personen besitzt er. Das weiss keiner, sagt er.

Freya sehe ich nicht. Tatsächlich existieren mehr Personen als Menschen. Fühle das jünger werden in den Zähnen. Alles um uns wird schneller, nimmt sich in Acht und vergisst. Aus „ich“ wird wieder „wir“.

Bis heute kenne ich seinen Namen nicht. Er trägt sein Mysterium im Rucksack und lässt ihn niemals los.

Nachts treffe ich ihn im Schlaf und wir erzählen uns Geschichten aus der Hauptstadt, die erst passieren werden sollen. Ohne jemals Worte zu verwenden, wirken wir, als würden wir.

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Sophia Hauser

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freiVERS | Michael Pietrucha

nächtlich bin ich

die nachtigall im dickicht
dort sowie, sowie die
andere nachtigall hier
die mauern der mörtel
sind keine wände meine
gitter ich werde
der laubduft die lieder
die luft
wären nicht meine glieder
ein vöglein
bis in die morgenstille in die
ich es hülle
niemandem zeige
den mittag die mahlzeit
das meckern
darüber stülpe
bis das vöglein sich nächtlich
im aufschrei befreit
& singt & sucht
was allein
ich bin ich höre
dich bis in die morgenstille 

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Michael Pietrucha

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freiTEXT | Isabelle Meyer-Thamer

Lücke

Die Holztüren des Kleiderschranks standen offen, zwei Drahtbügel mit Kleidern lagen auf dem Ehebett, das eine zu eng, das andere zu weit. Sie waren grau oder beige und rochen nach Anis wie alles im Elternschlafzimmer. Im gedimmten Licht, Mutters Migränelicht, war schwer zu erkennen, ob meine Mutter lächelte, als sie sagte: „Probier das hier zuerst an, die Farbe steht dir, Ronja.“

Ich war immer die Erste, die zurechtgemacht wurde. Wegen der langen Haare, sagten die Brüder. Kurzgeschoren und gleichmütig schliefen sie aus, während ich in aller Frühe Kleider anzog, die mir nicht passten. Das hatte nichts mit meinen langen Haaren zu tun, dem hellbraunen Mädchenhaar, das Mutter mir zu einem straffen Dutt hochsteckte, sodass die Kopfhaut ziepte. Es hatte mit den Hüften und den Brüsten zu tun und mit den verschobenen Formen, die unlängst dazwischen lagen, zwischen zu eng und zu weit, zwischen einschnüren und nicht ausfüllen, zwischen beige und bizarr. Aber davon erzählte ich den Brüdern nicht.

„Häng nicht so rum, Bauch einziehen,“, sagte meine Mutter, „dann wird’s schon gehen.“

Nachdem ich staffiert und frisiert worden war, durfte ich den Hunden nicht zu nahe kommen, zwei trägen, alten Schäferhunden des Stiefvaters. Wegen der Haare und des Speichels, sagte der Stiefvater schmunzelnd. Die vertrugen sich nicht mit steifem Leinen und sauberen Mädchenkörpern.

Also legte ich mich auf das straff gesteckte Überbett und sah meiner Mutter bei den letzten Korrekturen zu. Korrigiert wurden: Farbe und Schwung der Augenbrauenbögen, Kontur der Wangenknochen, das allgemeine Erscheinungsbild der von Jahr zu Jahr an Spannkraft einbüßenden Haut. Besonders gefiel mir die große Puderquaste, mit der Gesicht, Hals und Dekolleté abgeklopft wurden. Meine Mutter sah erleichtert aus, als sich unsere Blicke schließlich im Spiegel begegneten, und irgendwie auch fremd.

Und weil der Moment so günstig erschien wie jeder andere, fragte ich: „Kommt Tante Vera heute auch?“

Mutter sagte: „Das knittert, wenn du dich da so hinfläzt.“, und verließ das Elternschlafzimmer.

Der Stiefvater brachte die Hunde in den Zwinger im Garten und die Brüder wurden geweckt. Sie stiegen in gradlinige Hosen und gradlinige Hemden, die ihnen weder zu eng noch zu weit

waren. Und sie fragten: „Sehen wir nicht piekfein aus, Ronja?“, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrachen.

Die Familie kam, die Großeltern, die großen Cousins, die Onkel und die Tanten, bis auf eine. Sie brachten Torten und Sträuße, selbstgebacken, selbstgebunden. Die waren für nachher. Bis dahin durfte nicht gekleckert und nicht geknittert werden. Das sei doch nicht nötig gewesen, versicherte Mutter jedes Jahr aufs Neue, aber immer erst dann, wenn der Esszimmertisch voll damit stand.

„Kommt Tante Vera heute auch?“, fragte ich die Großmutter, die in der Küche Sektflöten und Kaffeetassen füllte. Ihre Hände zitterten, aber sie goss die Flüssigkeiten ohne Verluste.

„Wie groß du geworden bist, Ronja,“, sagte sie ergriffen, „fast wie eine Erwachsene!“

Im Wohnzimmer wurden schließlich die schweren braunen Vorhänge auf beide Seiten der bodentiefen Fenster geschoben. „Goldene Stunde“, sagten die Tanten und das Licht schien schmeichelhaft und irgendwie feierlich zu uns herein. Dann wurde das schwere braune Sofa vor und zurück gerückt. „Goldener Schnitt“, sagten die Onkel und alles war bereit für das Foto.

„Schnapp-Schuss, Schnapp-Schuss!“, skandierten die Brüder und die großen Cousins im Chor. Es lag etwas Beschwörendes, Bedrohliches in der Art, wie sie mich dabei ansahen. „Los, Ronja, Schnapp-Schuss, Schnapp-Schuss!“ Sie brachen in Gelächter aus, als ich den Kopf schüttelte und zurückwich. Mein Bauch tat plötzlich weh, vielleicht aber auch den ganzen Morgen schon.

Und dann kam die Fotografin mit der Kamera, dem Stativ, den Objektiven und einer Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen, die mir bedeutsam erschien und wie ein Teil der Ausrüstung.

„Fertig fürs Foto?“, mahnte Mutter mit ihrem Migränelächeln.

Zeremonielle Anordnung der Menschenkörper, auf dem und um das Sofa herum. Onkelbäuche wurden eingezogen, Tantengliedmaßen wurden angewinkelt. „Bild-kom-po-si-tion, Bild-kom-po-si-tion!“, skandierte die Fotografin munter.

Ich hielt es nicht länger aus, flach in das zu enge Kleid zu atmen, ich fragte: „Kommt Tante Vera heute nicht?“

Tante Vera hatte auf den Familienportraits stets in der Bildmitte, Seite an Seite mit meiner Mutter, auf dem Sofa gesessen. Mutter bewahrte die Fotos in einer flachen Schatulle auf, separat von den anderen Fotos. Jahr für Jahr kam ein neues dazu, das wie die alten aussah. Dasselbe Foto, wieder und wieder und nun nicht mehr?

Der Stiefvater sagte: „Verdirb deiner Mutter nicht ihren Tag.“

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Isabelle Meyer-Thamer

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