freiVERS | Gawan Mehić
Nichts für fremde Wände
Entspannung folgt Erregung,
behauptet die Ebbe,
bevor sie geht.
Sehnsucht und Zärtlichkeit,
Wörter, die wir benutzen,
wenn nichts mehr antwortet.
In Augenblicken bewegter Dichtung
zeichnet Zeit
in kreisender Dauer,
die trägt,
ohne zu urteilen.
Ich muss nicht erscheinen.
Ich bin kein Bild
für fremde Wände.
Ich will begegnet werden
wie Fenster bei Nacht:
Ein Durchlass
für Herzschläge
im Takt fremder Leben.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
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freiTEXT | Linda Sensenberger
Echo
Natürlich habe ich den Kuchen vergessen, natürlich hat Hilla für mich den Kuchen gebacken.
Vater mag Bienenstich nicht, sage ich und Hilla nickt.
Aber Mutter mag Bienenstich, sagt Hilla, ich nicke.
Sie balanciert das Blech auf der Handfläche und streichelt mit der anderen meinen Rücken. Dem läuft ein Schauer hinunter, weil es kalt und Hillas Hand so vorsichtig ist, also drücke ich sie fester an mich.
Der Wind huscht in die Lücken zwischen uns und weil es nebelig ist, erkenne ich nicht, ob alles aussieht wie früher.
Wir schließen die Autos ab, kurz leuchten sie auf. Wie im Flur das Licht, als Hilla die Klingel drückt.
Ich bilde mir ein, Mutter noch am Klang ihrer Schritte zu kennen. Durch das Milchglas der Tür sehen wir zu, wie sie den Schlüssel dreimal im Schloss umdreht.
Hilla gibt mir den Bienenstich und umarmt im Türrahmen Mutter.
Ich wusste nicht, dass Hilla Mutter umarmt.
Hilla, sagt Mutter, dann: Greta.
Mutter, sage ich.
Wie geht es dir?, sagt Hilla.
Mutter macht Platz und ich schlüpfe hinter Hilla mit dem Kuchen ins Haus. An den Wänden hängen Fotos von Hilla und mir und Mutter und Vater. Schwarzweiß, weil Vater meinte, das macht man jetzt wieder so.
Während wir in die Küche gehen, dreht Hilla den Kopf zu mir um und lächelt ein bisschen. Ich lächle ein bisschen zurück, wie auf den Bildern im Flur, und dabei denke ich, dass ich sonst anders lächle, nur in diesem Haus lächle ich so.
Kaffee?, fragt Mutter, ja, sagen Hilla und ich.
Milch und Zucker?, fragt Mutter, nur Milch, sage ich, wie immer, sagt Hilla.
Ich frage mich, was wie immer denn heißt und Mutter setzt das Wasser auf.
Was heißt denn wie immer?, frage ich Hilla, Hilla antwortet nicht.
Das Licht ist noch so gelb wie früher. Es macht, dass die Zeitungen auf dem Esstisch alt aussehen und Mutters Ringe unter den Augen dunkler.
Ich frage Mutter nicht, wie sie es hier den ganzen Tag aushält. Auch nicht, wie sie es vorher mit Vater ausgehalten hat.
Während Mutter den Tchibo-Instantkaffee ins heiße Wasser rührt, klappt Hilla am Küchentisch ihren Laptop auf.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten?, fragt Hilla.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten, wenn man gar nicht trauert?, frage ich nicht.
Ich sage: Am Rand ist ein schwarzer Strich.
Mutter stellt drei Tassen auf den Tisch und setzt sich neben Hilla.
Na, Greta, sagt Mutter.
Wie geht es meinem Mädchen?
Ihre Wangen sind eingefallen und faltig. Sie färbt sich jetzt die Haare brünett. Früher hat Vater ihr verboten, sich die Haare zu färben. Er mochte lieber natürliche Frauen.
Gut, sage ich.
Sie rührt ihren Kaffee noch weiter, bis sich die helle Schaumschicht am Rand der Tasse absetzt.
Was machst denn du jetzt so?, fragt Mutter.
Ich studiere, sage ich.
Wie schön, sagt Mutter.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied, liest Hilla vor, passt das so?
Du musst noch seinen Namen draufschreiben, sagt Mutter.
Das kommt doch noch, Mutter, sagt Hilla. Das ist doch bloß der Anfang.
Ich denke, dass ich nicht besonders viele liebevolle Erinnerungen habe und weiß nicht, warum ich mich genau jetzt gerne an diese paar wenigen Erinnerungen erinnern möchte.
Zum Schulanfang ist Vater mit mir wandern gegangen. Unterwegs gab es Knabbernossi und Laugenbrötchen, die wir morgens noch beim Bäcker geholt hatten. Ich fand zwei grüne Steine, die ich zuhause eine Woche lang unter mein Kopfkissen und dann in meine Steinschachtel legte. Am Rückweg meinte Vater, dass wir doch öfter wandern gehen sollten, damit mein Po schön knackig wird.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied von unserem Ehemann, Vater, Onkel und Freund Erik Ukkonen?, fragt Hilla.
Ich weiß nicht, welche Freunde sie meint, ob man das einfach auf die Karte schreibt, damit man eben etwas schreibt, und ich weiß auch nicht, ob ihn jemals jemand Onkel genannt hat.
Und jetzt Geburts- und Todesdatum, sagt Mutter.
Hilla tippt und ich denke daran, dass wir damals auf dem Nachhauseweg Tina Turner gehört haben.
Im Küchenradio rauscht es nur.
Mutter schiebt Hilla die Milchtüte und Zucker hin, Hilla kippt ein bisschen Milch in ihren Kaffee und verrührt den Zucker darin.
Es riecht nach Milchkaffee und dem Überzug der Küchenmöbel, nach ein bisschen Moder, nach Mutters Parfum, das sie seit fünf Jahren anscheinend nicht gewechselt hat und nach unten leicht angebrannten Aufbackbrötchen von Lidl.
Ich habe die schwarze Kruste immer weggeschabt, aber es schmeckte trotzdem verbrannt. Die weiche Mitte des Brötchens habe ich herausgepult, zu einem festen Knödel geformt und so lange gekaut, bis er zusammen mit der Spucke in meinem Mund wieder weich wurde. Auf den ausgehöhlten Brötchen ist die Butter angeschmolzen. Bevor sie zerlaufen konnte, habe ich die Hälften gegessen.
Hilla sagt: Nach langem Leiden durfte er nun für immer einschlafen.
Ich sage: So lange hat er doch gar nicht gelitten.
Hilla sagt: Drei Monate immerhin.
Ich sage nicht: Woher weißt du denn das.
Ich denke: Nach noch längerem Leiden darf ich nun nicht für immer einschlafen.
Ich weiß nicht, ob ich nun gerne für immer einschlafen möchte.
Was macht die Arbeit, mein Mädchen?, fragt Mutter.
Alles beim Alten, sagt Hilla.
Das ist schön, sagt Mutter.
Woher weiß Mutter denn, dass du arbeitest?, sage ich nicht.
Ich sehe Hilla an, aber Hilla sieht auf die halbfertige Trauerkarte am Laptop.
Ich höre nicht auf, sie anzusehen und frage mich, ob hier überhaupt irgendjemand trauert.
Als Hilla nicht aufsieht, schiebe ich meine Kaffeetasse auf dem Melamintisch hin und her.
Hilla sieht auf die Tasse, die ich auf dem Melamintisch hin und her schiebe.
Ich nehme die Tasse und trinke. Der Kaffee ist lauwarm und schmeckt mehr nach Milch als Kaffee. Hillas Blick folgt der Tasse und endlich sieht sie mich an.
Was?, fragt sie, ohne wirklich zu fragen.
Was, sage ich, ohne es wirklich zu sagen.
Stattdessen sagt Hilla: Und jetzt unsere Namen?
Ja, sagt Mutter, jetzt schreibst du unsere Namen darunter.
Hilla tippt weiter und ich denke daran, dass wir noch nie alle zusammen auf einer Karte unterschrieben haben. Manchmal hat Mutter Karten geschrieben, wenn jemand Geburtstag oder geheiratet hatte oder gestorben oder geboren war, aber Vater wollte nie unterschreiben und Hilla und ich waren entweder zu klein oder hatten auch keine Lust. Einmal, während Mutter im Wohnzimmer Karten schrieb, hat Vater mir in der Zeitung Bilder von Frauen gezeigt. Es war das erste Mal, dass ich Brüste sah.
Haben wir ein Bild von Vater?, fragt Hilla.
Mutter entsperrt ihr Handy und wischt durch die Galerie.
Sie hat keinen Ring mehr am Finger, aber plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie ihn damals, kurz bevor ich gegangen bin, überhaupt noch getragen hat.
Ich beuge meinen Kopf ein wenig zur Seite und schaue Mutters Fotos an. Berliner Dom, Essen, Essen, etwas Verschwommenes, Spree, Schiffslenkrad, Spree, ein Selfie. Mutter, Vater und Hilla vor dem Schiffsgeländer am Fluss. Mutter hat ein Doppelkinn, halb geöffnete Lippen und zusammengekniffene Augen, Vater steht daneben und schaut in die Kamera, Hilla legt den Arm um ihn und grinst. Mutter wischt weiter. Verschwommenes Selfie, Spree, Essen, Blume, Blume.
Ich schaue weg.
Schaue Hilla an.
Hilla schaut weg.
Weicht mir aus.
Hilla, sage ich.
Hilla, wo ist der Kuchen.
Du hast doch den Kuchen genommen, sagt Hilla.
Hilla, wir gehen jetzt den Kuchen holen.
Hilla und ich gehen den Kuchen holen.
Die Stühle quietschen am Boden, als wir sie vom Tisch wegschieben.
Vater hat mich angefunkelt, wenn wir zu zweit in der Küche saßen und mein Stuhl beim Aufstehen quietschte. Er mochte es nicht, wenn ich laut war. Wenn jemand hörte, dass wir zu zweit in der Küche waren. Es war unser Geheimnis, und meistens mochte Vater dieses Geheimnis.
Ich schließe hinter Hilla die Küchentür und halte noch die Klinke fest. Sie ist kühl unter meiner schwitzigen Hand. Ich halte sie fest und mich an ihr fest. Ich brauche jetzt irgendwas zum Festhalten.
Du hast gesagt, dass du den Kontakt abgebrochen hast, zische ich.
Das habe ich vor fünf Jahren gesagt, sagt Hilla.
Hast du mir also fünf Jahre lang eine Lüge erzählt?, sage ich.
Hilla lehnt sich zwischen einem Foto von mir und einem von ihr gegen die Wand.
Ich habe die beiden erst im Herbst wieder gesehen, sagt Hilla.
Und davor?, sage ich.
Hilla sieht auf ihre Füße, die in Rentiersocken stecken.
Ich sage ihr nicht, dass Weihnachten schon rum ist. Das weiß sie schon, weil wir gemeinsam gefeiert haben.
Hilla sagt: Mutter hat mich angerufen. Als Vater krank wurde.
Und dann?, sage ich.
Hilla sagt: Dann bin ich ihn besuchen gegangen.
Verräterin, sage ich nicht.
Lügnerin, sage ich nicht.
Auch nicht: Täterfreundin.
Der Bienenstich, sage ich.
Ich lasse die Klinke los, quetsche mich an Hilla vorbei und greife nach dem Kuchen, der oben auf dem Schuhschrank steht.
Hier habt ihr euren Bienenstich, sage ich. Hilla nimmt ihren Bienenstich.
Ich gehe aufs Klo.
Am Klo sitzt Vater auf der Brille. Er zeigt mir mit sechs, wie man Tampons benutzt. Am Klo hallt Vaters Lachen besonders laut.
Ich will weg von diesem Klo, aber ich bin auch froh, am Klo zu sein, weil mir plötzlich übel ist. Ich drehe mich zur Kloschüssel um, auf der gerade noch Vater saß. Ich würge, aber ich kann nicht erbrechen. Ich würge nochmal.
Hilf mir doch, sage ich, aber es kommt nichts raus, keine Stimme und auch keine Kotze.
Hilf mir doch, sage ich wieder, aber Vater hilft mir nicht. Er sitzt auf der Klobrille und sieht zu, wie nichts aus mir rauskommt.
Ich klappe den Klodeckel zu und setze mich darauf. Vater pocht jetzt gegen den Deckel, aber ich stehe nicht auf.
Greta, sagt Hilla von draußen.
Sie klopft gegen die Tür, aber ich stehe nicht auf.
Es tut mir leid, sagt Hilla.
Es hört auf zu klopfen, aber ich stehe nicht auf.
Heute hallt Vaters Stimme besonders laut.
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freiVERS | Alexander Köffel
mia homs imma gsogt
net mit die fremdn redn
ob und zua hob i schon
grüßgott und so
oba amol wor i allan daham
lei i und die kotz
do leitets
i moch die tia auf
gonz nervös
mit a poor euro in da hond
steht a dicke liabe fremde vor da tia
i bin die brotfrau
vom berg oba
i bring eich des brot
is die mutti do
na
oba i bin do
jo
des sig i
sogt sie
und locht
und gibt ma
des brot
wos noch worm is
und a horte krustn hot
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freiTEXT | Heike Pichler
Inga und das Nass
Sie dreht sich um. Sie lacht. Ihr T-Shirt klebt an ihrem nassen Busen. Ein guter Trick. Ich zwinkere ihr zu. Gut gemacht. Das hast du gut gemacht. Flüstere ich. Ich öffne die Augen wieder. Sie ist weg.
Ich gehe hinaus. Es ist mir egal. Es regnet. Das ist mir auch egal. Ich bleibe nicht stehen, um den Regen auf meiner Haut zu spüren. Um zu spüren, wie es mir die nassen Haare an die Kopfhaut klatscht. Ich bin ja nicht Inga und ich weiß ja, dass Regen nass ist.
Ich sagte doch, es ist mir egal!
Ich wische mir nicht die nassen, angeklatschten Haare aus dem Gesicht. Ich lasse mein Gesicht verschwinden. Verschwind.En.
Inga sagt, sie hat einen Joker, aber sie spielt ihn nicht. Noch nicht.
„Ich habe einen Joker, aber ich spiele ihn nicht.“ Ich sehe, wie sie mich schelmisch angrinst. Sie will schelmisch sein, aber ich durchschaue sie.
„Noch nicht.“
Ich glaube ihr das mit dem Joker nicht. Ich weiß, dass sie will, dass ich sie frage, was der Joker ist.
„Was ist der Joker, den du hast?“
Jetzt ist sie tot und sie spürt den Regen nicht mehr auf ihrer Haut. Ich weiß nicht, wie sie die Haare im Sarg hatte. Oder was sie anhatte. Ich bin nicht hingegangen.
Ich sehe den Bus kommen und kurz vergesse ich, nicht zu spüren und der Regentropfen läuft mir über mein Gesicht und er läuft über meinen Hals. Unter meine Jacke. Unter meine Haut und ich höre, wie sie schreit, meine Haut, und meine Härchen stehen und zittern. Ich steige in den Bus. Setze mich auf einen freien Platz und es ist wieder egal. Kein Spüren. Kein Regen. K.Ein Wort.
Inga liegt bei mir. Haut an Haut. Ich versuche ihre Haut zu hören. Dazu lege ich mein Ohr auf ihren Bauch. Ihre Haut ist sehr viel weicher als meine und ihr Bauch geht auf und ab. „Inga“, flüstere ich in ihren Bauch hinein und sie lacht mich aus. „Was ist der Joker, den du hast?“
Der Bus fährt los. Bleibt stehen. So wie Busse das für gewöhnlich machen. Jemand setzt sich auf den Platz neben mir. Ich sehe Inga draußen zwischen den Blättern tanzen. Der Wind hebt sie hoch. Sie war schon immer klein und dünn. Der Wind hebt sie hoch, wirbelt sie mit den Blättern herum. Sie lacht. Sie lacht so fröhlich. Ich wische mit der Hand über das beschlagene Fenster. Das Nass ist kalt auf meiner Hand. Meine Hand hält inne. Bleibt am Fenster kleben. Spricht mit dem Nass. Dann erschrickt sie und wischt sich in meine Hose. K.Ein Nass. K.Eine Inga.
Inga reckt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Sie riecht an dem Wasser, das herunterfällt. Es rinnt an ihr hinunter. Ihr T-Shirt klebt an ihren Brüsten und mein Gehirn knipst ein Foto. Ing.A. Sie dreht sich um zu mir und blickt mich ernst an. Ihre Augen fixieren mich. Ich bewege mich nicht. Ich warte. „Sie haben nein gesagt“, sagt sie.
Ich höre Fragen in meinem Kopf.
Und jetzt?
Werden sie dir weh tun?
Was wirst du tun?
Kannst du leben, dort?
Was wird aus uns?
Es ist schwer, die Fragen festzuhalten, aber sie dürfen nicht hinaus. Nicht zu Inga. K.Eine Antwort. Das Wasser läuft über mein Gesicht. Inga tanzt und singt irgendetwas auf russisch. Fragen können laut schreien und gleichzeitig kann alles stumm sein und in einem großen Vakuum dröhnen.
Ich steige aus dem Bus aus.
Ich rieche an Ingas Haut, die nackt an meiner Haut liegt. Es gibt keinen Joker, denke ich. Keinen für ein Wir. Keinen für ein Uns. U.Ns. Die Angst frisst sich in meine Gedärme. Wie Maden wühlt sie in mir herum.
Was wird aus deiner Haut, dort?
Wird dort auch das Nass an dir hinunterlaufen?
Wessen Gehirn wird dort Fotos knipsen?
Und was wird er damit machen?
Ich sperre den Kopf ein. Ist ein Mensch egal? L.Egal. Wie viele Milliarden Menschen gibt es? Wie viele davon sind egal? Wie viele nicht?
Ingas Joker sind die Maden. Das ahne ich. Ich spüre sie, wie sie sich durch meine Haut fressen, hinein in meine Innereien. Überall beißen sie Löcher.
Ich stehe im Regen. Das Wasser läuft an mir hinunter. Inga tanzt in der Luft, wirbelt mit den Blättern. Niemand tut ihr weh und das Wasser läuft an ihr hinunter. Glückliche Inga.
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freiVERS | Jutta Schüttelhöfer
Formen
manchmal lege ich mich zum Quadrat
einfach aus Spaß
oder nein eher aus Experimentierfreude
nur um zu sehen ob ich vollständig bin
geboren wurde ich als Ellipse
aber verstanden hat das nie jemand
lange Zeit bin ich beinahe
als Trapez durchgegangen
: ich war nicht gerade genug
aber das haben sie in ihrer Oberflächlichkeit nicht bemerkt
bloß zum Rechteck hat es nie gereicht
das haben wir alle eingesehen
draußen ist der rechte Winkel der Sonderling
aber vermutlich haben sie auch das nie kapiert
(und ich betrachte mich inzwischen mit elliptischer Gelassenheit)
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freiTEXT | Sarah Buck
Frühstück
Sie sitzen am großen Esstisch in der guten Stube, Hartmut am Tischende, links von ihm Helene. Der frisch aufgebrühte Kaffee dampft aus dem gebogenen Hals der Porzellankanne, das Kuchenbrot ist aufgeschnitten. Seit dem Aufwachen – Hartmuts Schnarchen hat sie bereits vor Sonnenaufgang geweckt - quält Helene ein Schmerz in den Schläfen, dumpf, bohrend und gnadenlos in seiner Hartnäckigkeit.
Hartmuts Hand tastet sich hinter der Zeitung hervor und hält ihr seine Tasse hin. Sie schenkt ihm ein, dann schenkt sie sich selbst ein. Hinter der Zeitung hört sie es schlürfen.
„Möchtest du ein Stück vom Kuchenbrot?“, fragt sie.
„Natürlich.“ Er hebt die Zeitung soweit hoch, dass sie ihm das Brot auf den Teller legen kann.
Helene nimmt sich auch eins, bestreicht es mit Butter und der selbstgemachten Brombeermarmelade, doch dann lässt sie es auf ihrem Teller liegen. Sie blickt aus der geschlossenen Terrassentür in den Garten. Die Rosen hat sie ordentlich zurückgeschnitten letzten Herbst, sie blühen prächtig dieses Jahr. Doch die Anemonen bereiten ihr Sorgen, sie sind so zart, der letzte Regenguss ist ihnen nicht gut bekommen.
Die Zeitung knistert, Hartmut blättert um. Helene legt die Hände seitlich an ihren Kopf und massiert sich in kleinen kreisenden Bewegungen die schmerzenden Stellen. Vielleicht, denkt sie, würde es helfen, nach dem Frühstück eine Runde durch den Garten zu machen. Früher – das ist schon lange her – haben Hartmut und sie das manchmal gemeinsam gemacht. Dann hat er sie bei der Hand genommen und ihr erklärt, was er vorhatte: hier ein Teich, da die Buchsbäume, dort das Beet für Kartoffeln, Salat und Erdbeeren. Sie hat gelauscht – ihre Hand ganz klein und warm in seiner – und sich an seiner Freude erfreut.
„Wir könnten vielleicht...“, setzt sie an, doch im gleichen Moment fährt ihr ein solcher Stich in die Schläfen, dass ihre Stimme versagt.
Hinter der Zeitung: kauen, schlürfen, schlucken.
Helene starrt auf die Anemonen, mutlos lassen sie ihre Köpfe hängen, ein großer Teil ihrer Blütenblätter liegt zerstreut auf der Erde wie achtlos abgestreifte Kleidungsstücke.
Hartmut legt die Zeitung beiseite. Ganz langsam nähert sich seine gekrümmte Hand einer Fliege, die auf seinem Teller sitzt und von den Krümeln nascht. Mit einer blitzschnellen Bewegung hat er sie in der Faust gefangen. Helene zuckt zusammen, als wäre sie selbst in seine Fänge geraten. Er presst die Finger zusammen, dann schmiert er die tote Fliege in seine Serviette.
„Du hast da noch dein Brot liegen“, sagt er.
Schulmeisterlich, denkt Helene, das ist der Ton, in dem er es sagt.
„Ach ja, tatsächlich“, sagt sie.
„Ein Träumerle bist du.“ Er greift wieder nach der Zeitung.
Das Wort ärgert sie, sie weiß nicht genau warum. Sie schaut auf ihr Kuchenbrot, an dem die Brombeermarmelade seitlich hinabläuft. „Ich habe heute keinen rechten Appetit“, sagt sie.
„Ja, ja.“
„Möchtest du mein Brot essen?“
„Ist gut.“
Helene will es ihm auf den Teller geben, da sieht sie Hartmuts Serviette, die sich entfaltet hat und den Blick auf die zerquetschte Fliege freigibt – ein schwarzer Fleck auf blütenweißem Grund. Sie greift nach der Serviette, wirft einen kurzen Blick auf die Wand aus Zeitung, dann schabt sie die Fliege mit ihrem Messer von der Serviette aufs Brot. Sie schiebt es unter der Zeitung durch auf seinen Teller.
Die Geräusche, die er beim Essen macht, kommen ihr entsetzlich laut vor. Nur dieses knirschende Mahlen und das Ticken der Standuhr sind zu hören.
Dann hat er aufgegessen. Leise stößt er auf. „So!“, sagt er. „Jetzt muss ich aber.“ Hartmut faltet die Zeitung akkurat zusammen und steht auf.
Auf einmal ist Helene etwas leichter zumute. Der Schmerz hat nachgelassen und beim Anblick der Anemonen, die jetzt direkt von der Sonne angestrahlt werden, denkt sie, dass sie es vielleicht doch noch schaffen könnten. Sie wird ihnen das gefilterte Kaffeepulver aufs Beet streuen, das wird ihnen gut bekommen.
„Um zwölf bin ich wieder hier. Was gibt es zu Mittag?“
„Ich weiß noch nicht“, sagt sie. „Wir werden sehen.“
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freiVERS | D. A. Merlin
Kontinuum
Was immer wir tun, an welchen Lebensbaum auch immer wir
unsere Lichter hängen, es kommt der Moment,
da wir zu dem werden, womit wir begonnen haben –
Regen, der eine ganze Kindheit lang
aus klarem Himmel herab fällt, ein lautes Knacken ab und an,
bei dem ich nicht anders kann als an einen Geist zu denken,
Wind auf der Straße, sein Geräusch
im Ohr, als käme es von woanders her;
Regen, der sich einen ganzen Sommer lang
im Sonnenlicht dreht,
Wellen von Winter, die durch die warme Stille des Sommers fahren,
leere schattige Zimmer, die vor etwas warnen,
was außerhalb der Reichweite ist,
uns aber immer wieder streift.
Was immer wir tun, das womit wir begonnen haben,
schimmert irgendwann in der Dunkelheit,
an deren Oberfläche wir bleiben, in Wärme und Tageslicht,
Sommernacht im Zimmer wie in einer dunklen Zelle,
das Tier, das ich immer noch weit draußen vermute,
entgegen aller Wahrscheinlichkeit, und mir wünsche,
wie dieses namenlose Tier im Geheimen verschollen zu sein.
Als ich glaubte, ich hätte über das Verschwinden nachgedacht,
war es meine Angst, die mich aus ihren Verstecken betrachtete:
Ein kühler Schatten, der auf meiner Kindheit liegt,
ein schwindelerregender Strudel,
ein freier Fall unter schwarze Blätter vom Abend zur Nacht.
Die Verkleidungen der Kindheit, in ihren eigenen Nähten ruhend,
die mein Herz auftrennen, ein wenig mehr jeden Tag.
Was immer wir tun, das Leben zieht sich von uns zurück,
und ein Sommer beginnt dem anderen zu ähneln:
Ein Himmel wie Wasser,
Wälder in ihrem schweren, angeschwollenen Grün,
niedergedrückte blaue Welt, voller Sanftheit und Kummer,
Sonnenlicht nicht ganz wie eine glänzende Folie auf den Wiesen,
nicht ganz wie leuchtender Staub, aber fast so auf allen Dingen;
Himmelsblau, das uns nicht rettet, selbst wenn etwas
in den verschiedenen Tönen von Hell und Dunkel mich immer noch
an Rettung denken lässt, eine Bewegung am blauen Rand der Welt,
die unscharf bleibt, etwas, das nicht wirklich ein Aufleuchten ist,
aber wie eine Geschichte von Aufleuchten,
die wir über einen fernen Sommer erzählen,
etwas, das nicht wirklich der Schatten eines Tieres ist,
aber sein Durchs-Licht-Huschen, wenn man weit genug gegangen ist,
eine dumpfe Eintrübung, die das Sichtbare läutert,
ein scharf konturierter Schatten, der das Verborgene läutert,
eine Kinderzeichnung, die darauf wartet, endlich wirklich zu werden,
aber vielleicht nie Wirklichkeit wird; die Jahre
zugleich entblößt wie verdunkelt.
Kein Ende, das wir festlegen könnten, nichts, was mit einem Schlag
zerfällt. Keine flüchtig erblickte Erlösung.
Alles einseitig und ohne Antwort.
Alles erstaunlich schwer zu erinnern und zu vergessen.
Meine Angst hat sich nie geändert, meine Frage hat sich nie geändert,
immerzu der schwarze Engel, der in meiner Kehle schläft,
immerzu die Zunge aus Staub, die geteilt in bleichen Fenstern hängt.
Ein Leben der Ränder, Weiß des Auges,
geschwärzt von Zeit.
Weiß des Himmels wie feiner Sand, gebleicht von Zeit,
zugleich trüb wie kristallklar für einen Augenblick,
dann überhaupt nichts mehr.
Wie die Wahrheiten, denen wir untreu werden, wenn wir versuchen,
sie zu erfassen. Erinnerungen wie Schläge aus der Ferne,
wogegen auch immer der Wind sie schlägt und schlägt.
Dieser Spätsommer verlässt seinen Kokon aus Wärme
und geht seiner Arbeit nach, was immer seine Arbeit ist.
Was wir unausgesprochen lassen, ist wie die gefallenen Blätter der letzten Nacht,
vereinzelte kühle Flammen im wieder grünen schattigen Gras,
die etwas lichten und lüften in uns, was immer es ist.
So oder so, nichts von diesen Dingen kümmert sich um uns,
Eins mit einem namenlosen Ganzen
dessen, was nicht gewusst werden kann
Und zu dem wir nicht zurückkehren können,
Eins mit dem Unfertigen,
das wir nicht loslassen können.
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
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freiTEXT | Joyce Shintani
Stiller gegen Abend
Schon wieder: dieser feuchte Geruch. Regen auf dem Asphalt. Noch kühl. Frühling.
Dieses Frühjahr ist es mir endlich gelungen, ein Vogelhäuschen aufzuhängen. Ein Meisenpaar ist eingezogen. Gegen Abend, wenn alles leiser wird, höre ich das aufgeregte Fiepen der Jungvögel. Sie verlangen nach Insekten! Die Körner, die ich gestreut habe, bleiben unbeachtet liegen. Verschmäht.
Hinter dem Häuschen steht eine Eiche, deren frische, hellgrüne Blätter im leichten Wind flattern. Zur anderen Seite breitet eine Kastanie ihren Schatten aus – vor Wochen noch leuchtend in Purpurblüten, nun Teil des grünen Mosaiks vorm Fenster.
Ich bin in Bayern. Ein einst königlicher Kurort in den Voralpen – erstaunlich, wie viel Glanz hiergeblieben ist. Mein neues Zuhause.
Nicht der Ort, an dem ich mir meinen zweiundsiebzigsten Frühling vorgestellt hatte.
Der Mann verließ mich. Meine besten Jahre, würde ich sagen. Ein guter Mann, den ich liebte. Solide Karriere. Und ich besaß die Hälfte der Wohnung. Die Hälfte! Nie hätte ich so weit zu träumen gewagt. Als meine Mutter starb, steckte ich ihr kleines Erbe in die Renovierung dieser Wohnung im Schwabenland. Schwarzer Stein in der Küche. Schubladen und Schränke, die sich bei Berührung öffneten – seidig, lautlos. Ein eingelassener Aufschnittapparat. Ein Hocker in der Ecke – mein Studienplatz für Rezepte. Luxus wie in den besten AirBnBs, die ich online bewundert, aber nie gebucht hatte. Und das Bad – eine Regenbogen-Glasdusche. Eine Wanne mit Düsen, mit Blasen. Und eine altersgerechte Glastür zum Ein- und Aussteigen. Himmel auf Erden!
Dann der Bruch. Plötzlich wollte er weg. Ganz klar. Ich blieb allein – im goldenen Käfig.
Was blieb mir übrig? Er ging.
Nach anderthalb Jahren hielt ich es nicht mehr aus. Zweiundzwanzig Ehejahre hingen an den Dingen… Die Weingläser – unsere Reisen. Die Sofaecke – seine Krümel. Das leere Kissen neben mir – für immer sein Geruch. Das war er.
Ich blieb. Verschmäht.
Die Wohnung: ausgehöhlt.
Kein neues Kapitel dort. Nicht mal auf Tinder.
Also Hamburg. So weit wie möglich weg. Erinnerungen abtöten! So viel Fremde, so viel Abstand zwischen mir und dem Herd, dass ich mich nie wieder erinnern müsste.
Ich erinnerte mich.
Hamburg ist eine großartige Stadt. Endlich wieder am Wasser, nach vierzig Jahren Mitteleuropa-Käfig. Doch ich war eingeschlossen in einem Loch. Direkt an der Elbe, in einem kompakten Backsteinbau, einst Kühllager für Nordatlantikfisch. Jetzt ein Sterbeort: Demente, Verwirrte, Verstummte… alles gut Betuchte.
„Wie zur Hölle bin ich hier gelandet?“, fragte ich mich. „Wenigstens wieder am Wasser“, redete ich mir zu. „Wie früher. Wie in Long Beach.“
Die kalten Fische in Hamburg hatten mich bis auf die Knochen durchfroren. Ich musste weg.
Ein neuer Mann. Ein Plan. Wien!
Wien – und ein musikalisch-literarischer Salon. „Du wärst die ideale Gastgeberin! Junge Talente, neue Musik, Lesungen… stell dir das nur vor!“, sagte er.
Ich stellte es mir vor.
Die Donau, das Theater, die Musik… Ich kannte Wien. Ich hatte dort gelebt, gearbeitet. Und jetzt: ein Salon! Wer könnte da Nein sagen?
Doch konnte ich diesem Mann trauen, der mir Wien versprach?
Was blieb mir? Was bleibt uns? Wie oft kann man neu anfangen? Können wir wandern? Wie diese schwarzen Punkte am Himmel – hin und zurück und wieder hin?
Erstaunlich – während ich dies schreibe, wird das Zwitschern der hungrigen Jungvögel draußen immer lauter, nur zwei oder drei Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Neue Klangmuster!
Bald fliegen sie. Vielleicht sehe ich’s.
Also planten wir. Packten. Zogen um. Der neue Mann und ich. Ein Kraftakt.
Aber die Stadt war der Lohn. Die Wohnung, die er ausgesucht hatte… Gründerzeit, hohe Decken, weiße Wände mit Stuckverzierung. Auf Zehenspitzen trugen die Möbelpacker seinen Steinway drei Stockwerke hinauf.
Erster Salon: ein junger deutscher Pianist. Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninow. Dann unsere Freundin aus Berlin: Tangos, Chansons. Im Herbst eine Poesielesung mit Musik. Ich nahm Gesangsunterricht, sang zu Weihnachten Händels Messiah in der Peterskirche! Wien war Himmel.
Dann kam der Winter. Die Musik fror ein.
Der Mann, der mich hergebracht hatte, verstummte. Etwas in ihm zerbrach. Wir fanden keine Reparatur. Er klagte.
Erschöpft verlor auch ich die Stimme.
Erinnerungen heulten in mir auf.
Zwischen uns lag ein sibirischer Streifen.
Dann der Alkohol. Und zersplitterndes Glas als Klangkulisse.
Hier in Bayern fällt das Licht. Es ist still. Der Geruch von frischer Nässe ist verflogen. Die Meisen haben aufgehört zu fiepen. Haben sie bekommen, was sie brauchten?
Es kam anders als geplant.
Ich sitze meistens nur.
Auch ich – stiller gegen Abend.
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freiVERS | Lea Matusiak
superbomber
du fährst mir einen panzer vor die tür
fahre ich dir einen panzer vor die tür
irgendwo sprengst du ein haus darin
eine familie, ein kind, eine oma, ein leben
eine frau die war schwanger die stirbt
aber es passiert nicht nur hier es
passiert überall
es trifft die dächer aus blech, es trifft die demokratie
was bleibt ist die frage was bleibt und
was halt gibt
was wir brauchen ist halt, ist menschlich sein
und menschlichkeit
was ich brauche ist ein superbomber
und einen triftigen grund
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freiTEXT | Moritz Grohs
Firma Eckelt
Mutti verschaffte mir einen Ferialjob in der Firma Eckelt.
Ich war wenig begeistert über die Aussicht, die nächsten Wochen dem Proletariat anzugehören, und dann auch noch in Steyr festzuhängen.
Am Morgen meines ersten Arbeitstags führte Mutti mich mit dem Auto hinauf auf den Resthof zur Firma Eckelt. Vermutlich hatte sie die Befürchtung, dass ich sonst meinen Dienst schwänzen würde.
Ich stand orientierungslos in einer riesigen Fabrikhalle, in der es ohrenbetäubend laut war. Endlich kam jemand, um mir zu zeigen, was ich zu arbeiten hatte.
Meine erste Tätigkeit bestand darin, kleine quadratische Korkblättchen zwischen aneinander gelehnte Glasscheiben zu kleben, damit die Scheiben nicht aneinander kratzten.
Ich gab mir Mühe, alle mir aufgetragenen Arbeiten zur Zufriedenheit der Chefs zu erledigen.
Die Stimmung, die herrschte, wenn ich durch das Steyrdorf, den Schnallenberg hinauf und dann über den Tabor der Frühschicht entgegenschritt, mochte ich gerne. Es war zu der frühen Stunde noch so friedlich und still überall. Gleichzeitig war ich jedoch unangenehm nervös.
Einer meiner Kollegen nahm mich zu Beginn meines Jobs ein bisschen unter seine Fittiche, da wir einander als ehemalige Schüler des BRG Steyr erkannt hatten.
Er war sehr nett zu mir und bot mir sogar einmal an, mich mit seinem Auto nach der Schicht nach Hause zu bringen.
Allmählich verlor er jedoch das Interesse an mir.
Ich mochte es, wenn die zweite Schicht um 22 Uhr zu Ende ging und ich kurz darauf die Fabrikhalle verließ. Ich war geschafft von der schweren Arbeit, meine Haut juckte vom Glasstaub und meine Füße fühlten sich ganz leicht an, weil ich gerade den schweren Arbeitsschuhen entstiegen war. Die Nacht war lau und friedlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas geschafft hatte. Mir fielen die zwei Worte ein, die auf dem Sockel des Werndl-Denkmals am Ende der Promenade stehen: „Arbeit ehrt“.
Ich hatte große Mühe, mit den Leuten um mich zu kommunizieren; in den Pausen saß ich also meistens schweigend und lesend im Pausenkammerl, während die anderen ihre immergleichen Gespräche über Autos, nackte Frauen und gelegentlich auch über Sauftouren führten.
Der Typ, der mit mir bei dem riesigen Ofen arbeitete, in dem die Glasscheiben gehärtet wurden, war meistens übernächtig und voller Restalk, wenn er zur Frühschicht auftauchte.
Allmählich kristallisierte sich heraus, dass er mich nicht leiden konnte.
Immer deutlicher wurde ich zum Außenseiter.
Der besoffene Typ war mit einem Hubwagen voller Glasscheiben unterwegs und rammte einen anderen Wagen voller Glasscheiben, der da herumgestanden hatte. Es gab einen lauten Knall und dann bedeckte ein Meer von Glasscherben den Boden, die der stille Jugoslawe dann wegkehren musste.
Es herrschte eine enorme Hitze in der Fabrikhalle.
Allmählich ging der Nachmittag in den Abend über.
Wir waren damit beschäftigt, Wagen voller schwerer Glasscheiben auf den Platz vor der Halle zu schieben, damit sie dort in LKWs verladen werden konnten.
Ich schob, so fest ich konnte. Mir rann der Schweiß in Bächen runter.
Schon nach kurzer Zeit war mir ganz klar, dass ich es in der Firma Eckelt nicht mochte.
Alle Augenblicke warf ich einen dezenten Blick auf die Uhr, die sich in der Anzeige des riesigen Ofens befand und war dann immer recht enttäuscht darüber, wie elends langsam die Zeit hier drinnen in der Halle verging.
Ich nahm einen hastigen Zug von meiner Zigarette und wartete darauf, dass die nächste Glasscheibe anrollte, damit ich sie mit meinem Kollegen auf einen Wagen wuchten konnte. Und dann wiederum die nächste und die nächste.
Man tadelte mich, weil ich jeden Tag ein paar Minuten zu spät zur Schicht erschien.
Ich wurde regelrecht verzweifelt darüber, dass ich in der Firma Eckelt arbeiten musste.
Ich unternahm zaghafte Versuche, mir einen Finger zu brechen, damit ich nicht mehr arbeiten musste, aber es gelang mir nicht.
Mein saufender Arbeitskollege hasste mich regelrecht. Er drangsalierte mich, so gut er es vermochte.
Von den allermeisten der anderen Kollegen konnte ich keine Hilfe erwarten. Niemand sprach auch nur ein Wort mit mir. Der Typ mit den Wikinger-Tattoos, der jeden Tag nach der Schicht auf seinem Motorrad davonbrauste, tat, als wäre ich gar nicht existent. Die zwei Bosnier, die die Statur von Bären hatten, unterhielten sich mit lauten, tiefen Stimmen in ihrer Muttersprache miteinander, und beachteten mich auch nicht weiter.
Es war der totale Wahnsinn für mich und gelegentlich weinte ich in der Fabrikhalle still und leise vor mich hin.
Wir waren lebende Roboter, die von morgens bis abends Glas schleppten, bei ohrenbetäubendem Lärm eingeschlossen in einer glühend heißen Fabrikhalle.
Ich konnte nicht verstehen, wie die Leute so ein Leben zu ertragen imstande waren und zu ertragen gewillt waren.
Ein kleiner Mann aus Sarajewo, der aussah wie Diego Maradona, begann, sich hin und wieder mit mir zu unterhalten.
Mehrmals gab er mir den Rat, dass ich unbedingt meine Matura nachholen müsse, damit mir ein Leben in Fabrikhallen erspart bliebe.
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