freiTEXT | Thea Mantwill

Wurm

Neulich wachte meine Freundin, die in ihrer Freizeit Bäume zu fällen pflegt, neben dem Mann in ihrem Bett, das bis zu dieser Minute ebenfalls seines gewesen war, auf und stellte fest, dass sie ihn nicht wollte, nicht kannte und schon jetzt nicht vermisste. Auch über das Verrücktwerden habe ich nachgedacht und fand den finalen Frieden damit darin, dass ich es gar nicht bemerken und die Konsequenzen meiner Ver-rücktheit, ähnlich wie bei meinem Tod dann, die Umwelt tragen müsste, ja dass ich sogar die am wenigsten davon berührteste Person überhaupt wäre. Damit bin ich mehr als nur einverstanden. Außerdem fragte ich HC, was ihr Name bedeute – vor allem eine Sache ganz besonders, aber man habe leider vergessen, welche. Patricia Lockwood hat dieses unglaubliche Buch geschrieben, über das Kind und das Portal; ein winzig kleines Virus hat die Welt meinen Bedürfnissen als Soziophobikerin endlich angepasst und die ganze Verdorbenheit meines Charakters in überbordender Freude auf menschenleeren Straßen sichtbar gemacht, die ich wegen eines knittrigen Zettelchens von einer Firma zu jeder Tages- und Nachtzeit betreten durfte; mein Vater hatte im Krankenhaus pünktlich und publikumswirksam zur Visite einen Herzanfall, vor all den Ärzt:innen und war, als er im Zoom davon erzählte, von einer so unüberbrückbaren Einsamkeit umgeben, dass ich mich danach weinend mit dem Gesicht nach unten auf den guten Holzboden legte – aber nur, bis es klingelte und die Pizza kam, weil die sonst kalt geworden wäre. Was meine Welt aber wirklich zum Kippen brachte, war der Wurm an meiner Zimmerdecke.

Würmer sind nämlich nicht oben, es gibt keinen Grund und vor allem keine physiologischen Möglichkeiten für einen Wurm, sich dort aufzuhalten, das bestätigte mir später auch Google. Trotzdem war er da, in der regenreichsten Nacht dieses Sommers, die den heraufziehenden Morgen wie ein riesiges, alles umgebendes Schwimmbassin klingen ließ. Ich war um fünf Uhr aufgestanden, um genau den Zwischenraum abzupassen, in dem ich am wenigsten ich bin und trotzdem da, in dem alles mir gehört und niemand von mir weiß – die Antipode zur Blauen Stunde.

Aber der Wurm war da und zerstörte alles – meinen bis dato unerschütterlichen Glauben an die Allwissenheit des Internets und der verlorene Morgen bildeten noch den geringsten Verlust, nein, viel schlimmer, dass ich mich mit der Tatsache befassen musste, dass es einen solchen Wurm laut dem Rest der Welt (also dem Internet) nicht geben konnte und dass kein Plan, keine Morgenroutine, kein unbedingter Wille und schon gar nicht das letzte durch die Desillusionierung gerettete bisschen Disziplin mich vor Einbrüchen dieser, jener, einer anderen Welt in meine zu schützen vermag. Ich bin 14,33 mal größer und 6000 mal schwerer als dieses Lebewesen mit seinen fünf Herzpaaren in den Ringen 7-11, und trotzdem ist es einfach bei mir eingezogen.

Seine Flucht vorm eigenen Element hatte ihm wohl zu Höchstleistungen verholfen, aber das ist nur logisch: wer nicht feige ist, kann auch nicht mutig werden. Das Wasser hat er klug gewählt, und wenn ich recht überlege, sind auch Bücherwürmer wirklich gefuchst (Foxing is an age-related process of deterioration that causes spots and browning on old paper documents such as books, postage stamps, old paper money and certificates). In einem einzigen Material alles zu vereinen – das Haus, das Bett, das Mahl – liegt noch mindestens drei Level über der Schnecken-Experience (home is where my heart is). Will ich in mein Bett beißen? Zumindest wäre es nice to know, wie mein Nachtplatz und mein Zimmer schmeckt, ob es einen Zuhause-Geschmack gibt und wie man diesen erfahren kann, bevor er einem zwischen dem Gaumen und den Fingern zerrinnt wie die Zuckerwatte diesem eifrigen Waschbären auf Youtube. Übrigens noch so eine Frage, an deren Antwort Google grandios scheiterte, wenn man ihr auch durch langsames Einkreisen – wie riecht meine Nase von innen? – zumindest näher kommen kann als der Lösung des Wurmrätsels.

Offenbar brauchte es ein Würmchen, um mir meine Hilflosigkeit gegenüber der Welt und ihre Gleichgültigkeit gegenüber mir als unverrückbare Tatsachen bewusst zu machen – mit denen man sich dann plötzlich doch arrangieren kann, wenn sie auf einmal da sind. Vielleicht ist es auch eine sinnvolle Übung, sich diese Tatsachen, die Verletzlichkeit, die Furcht und die Ohnmacht gelegentlich selbst vor Augen zu führen, oder zumindest mit ihrem Auftauchen, ihrer Existenz als (bisweilen sehr ästhetischem) Riss oder rosa glänzendem, recht elegantem und kletterbegabtem Wurm zu rechnen – mit irgendeiner überraschenden, deplatzierten und besonders glitschigen Wendung des Lebens zu rechnen, oder man wacht eben eines Tages als Käfer auf, oder als größenwahnsinniger Schuhlöffel.

Vielleicht sind wir auch gar nicht imstande, die Welt um uns herum wahrzunehmen, ohne den Riss. Vielleicht macht erst dieser Fehler, eine plötzliche Öffnung, die nicht rückgängig zu machende Macke das Verhältnis der Dinge zueinander, unseren vermeintlich neutralen Blick auf die Welt, die bisher unbeachteten Dinge sichtbar, ihre und unsere Bedeutung, den bisher nicht geschätzten Wert. Wie immer glänzt alles erst so richtig in Abwesenheit.

Wie schön es ist, wieder zu lesen, nachdem man fast nichts mehr sah. Was für ein unersetzliches Gefühl, zu laufen, wenn auf einmal nicht mehr sicher ist, dass man das für immer können wird. Das erste Mal auf der Straße, unter freiem, unverbautem Himmel in frischer, schneidend kalter Luft nach einer Woche Lockdown und Atemnot. Der Mangel und der Makel als Vergrößerungsglas für die Schönheit der Wunde – was eben noch klang wie ein rotweingetränktes Altherrengedicht wird zur Erfahrung, wenn es begrenzt, und zum Kleinod, kurz bevor es zerstört wird.

Als sie das sensible und sture Herz meines Vaters wieder zusammengeflickt hatten und man wieder reisen konnte, traf ich ihn eines Mittags zufällig auf der Straße in meinem Stadtteil. Ich hatte keine Lust mehr gehabt, zu arbeiten und daher einfach damit aufgehört, um nach Hause zu laufen. In meiner Hand trug ich, wie er, Brot und Aufstrich, er noch in Gedanken und ich in Gedanken bei ihm, meinem Besuch, der mir nun durch die helle, aber milde Sonne entgegen lief und mich nicht sah, wie ich stehen blieb vor seiner Gedankenverlorenheit, die ihm allein gehörte. Eine Verirrte in seiner Welt, eine Verwirrte, die aus einer bis in die Dreißiger geretteten kindlichen Vermessenheit und Gier bisher davon ausgegangen war, dass dieser Mensch nicht ohne sie existieren und das auch gar nicht wollen konnte, dieser Mensch, der so lange vor mir hier gewesen war und mich viel länger kannte als ich ihn, der einzige andere Mensch mit so albern winzigen Händen auf dieser Straße, in denen er wie eine Speerspitze den fleischfreien Wurstsalat vor sich trug, mit dem zuvorderst er dann in mich hinein lief.

Zärtlichkeit ist ein seltsam stilles Wort für ein Gefühl von solcher Wucht, ein Gefühl, das befürchtet (und weiß), dass er eines Tages fort sein und dieses Licht, diese Selbstvergessenheit, das leise Lächeln eines Gedankens und die Beiläufigkeit dieses gewöhnlichen besonderen Tages, an dem er mich besuchte, mitgenommen haben wird; ein Wort, das bedeutet, dass diese Straße von nun an immer ihm gehört und ich so lange wie möglich dort dankbarer Gast sein will.

 

Thea Mantwill

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freiVERS | Lorena Pircher

Blaurot

.

I. Blau

erinnerungen / erfrierungen worte an wimpern ge- / weisses feld     über mir

nachthimmel mit wundmalen / ränder austretend / nacht deckt das damals zu

dein gesicht

lider geschlossen / blass die tage

weich

dein gesicht

.

erfrierungen / erinnerungen dein sein / wunden an meinem körper

ich sitze / im weißen gras des vergangenen / zupfe deine hände von bleichen halmen

dein gesicht

der nachthimmel

austretend nässend

.

erinnerungen / erfrierungen gemeinsames leben atmet

in den begrenzungen eines damals

weich dein gesicht

.

ich trinke

gebrochenes wasser

bläuliches feld über mir

die dämmerung wund

an den rändern

.

morgen weckt das damals auf

deine arme deine beine

zähflüssig die finger lange die tage

.

sonne steht hoch

schmelzwasser meine erinnerungen

algen fische meine nahrung

gräte schmücken mein haar

weich dein gesicht

.

erinnerungen / ein fluss gebärt in seinen tiefen

unser damals

.

II. Rot

feucht meine erinnerungen / erde schluckt         dein gesicht

rötliches feld über

mir glutsonne

begrenzungen auslaufend

die ränder bluten

.

tag schürft das damals ab

dein rumpf     deine rippen

spröde die schultern

süß der schweiß

sanft die stunden

.

es keimt

gräsern         dein gesicht

gelbliches feld / über mir

fragiler horizont / abendkühle zerfleddert an den rändern

.

abend legt das damals zur ruhe

deine lippen dein haar

dein schweigen deinen namen

leise die abende

.

mond steigt

wind wacht

deine worte kühlen meine wunden

weich dein gesicht

begräbt meine erinnerungen

rot die nacht

.

stille in der begrenzung / über mir der wundhimmel

an meiner seite meine hände meine augen haare lippen rumpf arme beine

blau der morgen / rot die nacht

.

Lorena Pircher

.

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freiTEXT | Katharina Pressl

Hawaii ohne Schinken

An der Straßenbahnhaltestelle legt ein Mann den Kopf in den Nacken und stochert zwischen den hintersten Backenzähnen mit einem Schlüssel herum. Er findet etwas, holt es mit der Schlüsselspitze heraus, begutachtet die Hülse vom Maiskorn und wischt sie in die Hose. Mit der Zunge kontrolliert er, ob der Schlüssel wirklich alles herausholen konnte, was es zwischen den Zähnen herauszuholen gibt. Er schmatzt und steckt den Schlüsselbund zufrieden ein.

Die falsche Straßenbahn kommt.

Ich bin mit Josi für Pizza verabredet. Wir werden reden müssen und dabei Schwierigkeiten haben, eine Art zu finden, die nicht wie jammern und nicht wie angeben ist. Unser Gespräch wird in der Art eines Systemupdates sein, etwas, das man wegklicken will, aber noch abwarten muss, bis man zur Verwendung der eigentlichen Software kommt.

Mit Josi kommt man dort hin, mit Josi kommt man überall hin. Selbst in einen Zustand, in dem ihr Jammern ertragbar ist, besser als jedes andere frühzeitige Aufgeben aller anderen Menschen. Nach ihrem Jammern schafft Josi es in den allermeisten Fällen noch heraus, und hinein in diese goldene Zone, wo alles glänzt, wo ihr Mund eine Muschel ist und mein Ohr ein Ohr und wir, wir diskursiv am Strand liegen. Ach, Josi du softeste aller Softwares, nie würde ich dich wegklicken.

Die richtige Straßenbahn kommt und der das Leben offensichtlich ohne jegliche Furcht bestreitende Dentalhygieniker steigt ein, ohne vorher aussteigen zu lassen.

Die Türen piepsen, mein Körper will mit. Mein Körper weiß, entweder er steigt sofort ein, oder es gibt Probleme: Steigen Sie bitte nicht mehr ein, sie verzögern die Abfahrt.

Ich gehorche, steige nicht mehr ein, keine Probleme, nichts zu danken. Ins Handy tipp ich: Kann leider doch nicht kommen, tut mir voll leid, Josi.

Meine Daumen halten inne.

Ich schaue nach rechts; niemand sieht mich, Josi nicht, kein Richter, allen alles egal.

Geht mir nicht gut, schreibe ich und drehe um, meine goldenen Hauszahnstocher klimpern in der Hosentasche, ich seh mich schon aufsperren und doch zuhause sein, und stumm.

Die Straße entlang bergab trifft man immer wen von den Verrückten. Ich habe mich mit ihnen darauf geeinigt, dass, wenn ich es ausspreche wie Farugde, dann ist es losgekoppelt vom Wort verrückt und den pathologischen, abwertenden Bedeutungen. Und ich kann die Beschreibung als Beschreibung verwenden. Ich habe mich mit ihnen darauf geeinigt. Ich habe mich mit ihnen stumm darauf geeinigt, ohne sie zu fragen.

Eine der Farugdn sammelt jedes Papierstückchen auf, das auf dieser Straße liegt, speibt sich manchmal ein bisschen vorne aufs T-Shirt und sitzt bei allen Wetterlagen ohne Leggins auf der Bank bei der Bushaltestelle. Der andere Farugde bietet pantomimisch Massagen an. Auch dem Farugdn, der nie schnorrt, nie fragt er um etwas, raucht die Tschickstummel vom Boden auf.

Und es gibt noch den hübschen Farugdn.

Der hübsche Farugde trägt mal einen Blaumann von oben bis unten, einen Wintermantel im Sommer, mal Baggy-Fishbone-Hose, mal Hemd, mal Trainingsjacke mit Hornbachaufdruck. Seine Kleidungsstücke sind sauber und groß, die Haare und das Gesicht hübsch. Er geht auf und ab. An manchen Tagen murmelt er vor sich hin, als hätte er seine Farugdheit einem Film abgeschaut, und nicht umgekehrt. Sechs Jahre haben die Farugdn noch, dann ist die U-Bahn-Erweiterung fertig, ich vermute, dass sie dann hier nicht mehr, oder nicht mehr auf so gerader Linie gehen werden. Einmal in diesen nächsten sechs Jahren bekomm ich den Mut zusammen und frage den hübschen Farugdn eine Frage, ich weiß noch nicht welche.

Geht man pferdezopfig, hautcremeglänzend täglich zur exakt gleichen Zeit außer Haus, so, dass man beim Today-Shop vorbeikommt, gerade wenn der Besitzer die Kisten unter die kleinen Markisen räumt, jeden Tag gerade als er die Paprikakisten neben die Wassermelonenkisten stellt, dann ist der hübsche Farugde eine Herausforderung. Zuerst gefallen einem die Sandalen, dann fängt man an ihn zu beneiden, ihn dort zu berühren, wo der Bart grob wird. Dass er gar nicht mehr anders konnte. Dass er so entsprechend auf die Umstände reagiert. Dass seine Fähigkeiten an einem unverkäuflichen Ort liegen, von dem nur er weiß. Ob man es schaffen könnte, so sein wie er? Ob man sich in Farugde verlieben darf? Er geht auf und ab, mit sich, gibt nur das Allernotwendigste an die anderen ab. Nicht wie ein Säugling, wie ein unzufriedenes großes Tier in einer kleinen, schlecht durchlüfteten Wohnung, und wenn wer die Wohnung sieht, schütteln sie den Kopf, sagen unisono, Wohnungen seien die falschen Lebensumstände für solche Tiere. Diese kompromisslose Unzufriedenheit bekommen ich und der Supermarkt nicht hin. Jeden Tag sperren wir auf. Die Welt mag eskalieren, aber so mag der Zopf gemacht werden, das Gesicht eingecremt, die Paprika herausgeräumt. Bus noch erwischen, Wassermelone halber Kilo 6 Euro.

Josi Namen blitzt am Handybildschirm auf wie ein Schulterklopfer aus einem Paralleluniversum: Davon geht die Welt nicht unter.

Ich komme an der Post vorbei, dort steht ein Mann im Rollstuhl vor der Abholstation B. Eine Frau tritt mit einem kleinen Hund an der Leine heraus, der am Rollstuhl und am Mann schnuppert und beginnt hochzuspringen. Die Frau versucht ihn zurückzuhalten, reißt an der Leine, Güüünther. Der Mann erstarrt. Der Hund heißt Günther? Die Frau nuschelt den Beginn einer Geschichte, irgendwas mit Wer wird Millionär. Der Mann unterbricht: Ich heiß auch Günther!

Ihr Lachen macht mich hungrig. Josi mit einer Lüge abzusagen war doch farugd, farugd auf die schlechte Art. Essen muss man ohnehin, und dazu zu jammern eigentlich toll, aufnehmen, abgeben. Und wem gehts schon irgendwie. Der Zeigefinger tut dort weh, wo ich mit dem Daumennagel meine Reue über die Absage hineinsteche. Morgens zur Paprikakisten-Zeit das Haus verlassen, aber abends nicht in die Pizza-Straßenbahn einsteigen, Zahnhygienen beurteilen und selber keine machen. Benennungen durchführen, außer für sich. So geht das nicht, da ist doch – ich stolpere.

Ich stolpere über eine Weinflasche vorm Altglascontainer schräg gegenüber von der Post, ich stolpere und komme mit dem Nasenbein dort auf, wo die Flaschenhälse aufkommen, wenn man nicht ganz in das Loch trifft, und die Scherben auseinanderbersten und darunter auf den Boden fallen und den neugierigsten Volksschüler:innen am nächsten Tag in die Finger schneiden. Ich denke an ihr Blut, während meines in die runde Buntglasöffnung tropft. Ich halte meine Nase wie einen Dartpfeil senkrecht. Ist mir schwindelig, wird mir schlecht? Ist reden angeben? Ist jammern aufhören? Sind Muscheln gute Zuhörer? Sperren Schlüssel Zähne? Geht Josis Welt echt nicht unter, wenn sie Pizza Hawaii isst, ohne Schinken, und ohne mich? Welchen Namen geben die Farugdn mir?

Ich tropfe einen Blutweg bis vor die Haustür. Es gibt so einen Trick, wenn man richtig an der Haustür zieht, geht sie ohne Schlüssel auf und mit einer Hand. Mit einem Spar-Prospekt versuch ich meine Nase zu trocknen. Das Haus wird frisch ausgemalt. Die Treppe und das Geländer sind von oben bis unten in Plastikfolie eingepackt. Am Boden liegt graues Vlies, mit bunten Fäden. Die Klingel, der Lichtschalter und Türgriff sind mit Malerkrepp abgeklebt. Zu jedem vom Vlies gedämpften Schritt über die Stiege hoch halten mir die Wände dumm dumm dumm dumm dumm dumm vor. Obwohl hin und wieder ein Hund ins Stiegenhaus kackt und es keiner wegräumt, versuche ich keine Rotzblutspuren zu hinterlassen als Einstimmung auf die Vorsicht, die einem ein sehr weißer Raum abverlangt. Wo werden die Hunde dann kacken? Während es in der Nase weh tut, denke ich darüber nach, wie ich davon erzählen soll, dass es weh getan hat. Nie weiß ich, wie man spricht. Was ich schon weiß, im Rückblick wird die Chronologie von der Absage an Josi und Nasenbluten durcheinanderkommen, zuerst Glascontaineraufprall, dann erst keine Pizza.

Vors Badezimmerfenster, das zum Gang hingeht, ist eine Plastikfolie gespannt. Gestern blieb nach dem Duschen der gesamte Dampf im Badezimmer. Ich habe mit der Nagelschere Löcher in die Folie hineingestochen. Heute war das Fenster von außen wieder mit Malerkrepp zugeklebt. Diese Genauigkeit, diesen Schutz der Scheibe vor weißen Flecken, diese Abgepacktheit wünsche ich mir. Oder verachte ich. Beides zutiefst. Selbst die Wohnungstür ist jetzt mit Plastikfolie abgeklebt. Ich steige durch einen Schlitz in die Wohnung wie ein Kind ins Trampolin. So riecht also das eigene Leben. Plus Blut. Oder minus Blut. Von der Couch schicke ich Josi ein Foto mit dem zusammengeknüllten Prospekt in meinem Gesicht. Sehr tragisch. Ich grinse. Vielleicht ist es die beste aller Möglichkeiten. Vielleicht geht es nicht besser als ausmachen und unterwegs absagen; losgehen, aber nicht weiter. Auf etwas zusteuern, dann umdrehen. Turnier ohne Finale. Farugde ohne Heilung. Und Hawaii ohne Schinken für Josi allein.

 

Katharina Pressl

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freiVERS | Karoline Caesar

Alt

Hüpfen außer Atem
lenkt mich manchmal davon ab
Zwei Stunden Training und Schweiß
Kicks mit langen Beinen
sehen im Spiegel gut aus
Energie überrascht mich am Sandsack
Ich möchte mich in eine Holzschulbank
mit Deckel eng über den Knien quetschen
und hingebungsvoll schreiben

Ich schreibe ewig nichts
Plötzlich ruckartig würge ich wie eine Schlange ihr Mittagessen
drei Gedichte aus mir heraus
Erleichtert
dass ich doch
ein wenig
so lebe
wie
ich
es mir vornahm
als ich noch jung war

Alt

Mit vier störte mich die Frage der Tanten nach meinem Alter
Ich starrte panisch auf den Boden
und in mir wurde alles schwarz
Ich kam zwei Wochen zu spät auf die Welt
Mein Gefühl ist ja, ich wollte nicht eher
Die Leute machen so viel Drama darum
I c h verstehe das n i c h t.
Ich hangele mich von dir zu mir
und tupfe vorsichtig und leise mein Gesichtswasser auf

Alt

Mein Magen ist nervös
und ich denke es könnte auch Krebs sein
ich habe schon so abgenommen
und möchte es dennoch nicht genau wissen.
Ich sehe meinen Pflanzen beim Aufblühen zu
und beginne zehn neue Projekte gleichzeitig.

Alt

Schon mit 17 war ich eigentlich 35
Der Rummel um Silvester und Geburtstage ist mir ein Graus.
Jetzt verzettele ich mich in alltäglichen Spülmittelfragen
Und erschrecke vor Zahlen
und Uhrwerken
Die Mechanik lebt und rennt hinter mir her!
Ich werfe Teller hinter mir auf den Weg…!

-------------------------------

Es ist auch einfach Trotz.

Ich bin so eine
die sich beinah ganz aufgerichtet hat
und dann innehält.

.

Karoline Caesar

.

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freiTEXT | Lukas Leinweber

Kleine Vergehen

1.

Als unbescholtener Staatsbürger stehe ich viel zu selten in Kontakt mit der Polizei unseres Landes, wie mir an diesem Morgen an der Kreuzung in der Innenstadt auffällt. Die Ampel ist rot, aus der Seitenstraße biegen ein Haufen Autos, von der Autobahn kommend, in den Weg ein, der vor mir liegt. Ich sehe im Rückspiegel den herannahenden Transporter mit der unverkennbaren blau-silbernen Musterung. Langsam hält er auf die Kreuzung zu und lässt die letzten Meter ausrollen. Ich gucke weiter in den Rückspiegel, sehe, dass die Farbe Rot immer noch aus der Ampelanlage mahnt und fasse mir ein Herz. Wenn ich jetzt voll beschleunige und über die Kreuzung rase, dann sind sie alarmiert, das können sie nicht durchgehen lassen, sie werden, ja sie müssen mich dann verfolgen. Ich kenne mich in diesem Teil der Stadt nicht aus. Überall haben sie ein Dreißiger-Tempolimit festgelegt, wegen des Lärms, wie sie sagen. Wenn die Verkehrsbehörde der Stadt „Klimaschutz“ auf das Schild unterhalb des Dreißiger-Symbols geschrieben hätte, erschiene mir das einleuchtender. Im Augenblick pfeife ich auf Geschwindigkeitseinschränkungen. Es wird eine wilde Verfolgungsjagd werden, aber ich weiß nicht, ob ich in dieser Ausnahmesituation in der Lage sein werde, die Kontrolle über den Wagen zu behalten. Doch sind das Fragen, die ich auch während des Fahrens beantworten kann. Ich lege den Gang ein, die Start-Stopp-Funktion aktiviert den Motor, ich gebe mit durchgedrücktem Pedal kräftig Gas, denke an die beschleunigenden Spurts in den „Fast and the Furious“-Filmen, schalte schnell in den zweiten, dann in den dritten Gang, wo mein lachhaft PS-schwacher Skoda am besten anzieht und rase über die Kreuzung, direkt den anderen Autos hinterher. Das Lenkrad halte ich steif und fest umklammert, ich bohre, soweit das mit gestern schief geschnittenen Nägeln möglich ist, meine Finger regelrecht in das Leder und blicke dabei mit drastisch erhöhtem Adrenalinspiegel in den Rückspiegel, zur Vergewisserung auch noch in die beiden Seitenspiegel, die ungenügend auf meine Sitzposition eingestellt sind. Aber hinter mir tut sich nichts. Außer mir fährt keiner an. Die Autos stehen vorbildlich in Reih und Glied. Sie warten ordnungsgemäß auf das grüne Signal, selbst ohne Blitzer. Was folgt, ist kein Hupen, kein Blaulicht, erst recht keine Sirene. Der Transporter steht weiterhin hinter der Haltelinie und macht keine Anstalten, mir zu folgen. Betrübt schließe ich zu den vor mir fahrenden PKWs auf und bringe den Wagen auf dreißig Sachen.

2.

Ich laufe am Abend durch eine gering frequentierte Fußgängerpassage und wundere mich, dass mich ein weißer SUV, vermutlich ein G-Klasse-Mercedes, viel zu knapp mit überhöhter Geschwindigkeit überholen darf. Die Passage ist doch frei, ich laufe extra am Rand bei den Geschäften, damit die Radfahrer, die dem Namen nach hier ebenfalls nichts verloren haben, mit viel Platz durchfahren können. Wieso also fährt er so dicht an dem einzigen Fußgänger weit und breit vorbei? Will er der dunkelgrauen Drohung des Himmels davonfahren? Der einzige, der einen nachvollziehbaren Grund zur Beeilung hätte, weil er schnellstens nach Hause kommen will, um dem angekündigten Gewitter zu entgehen, bin ich. In diesem monströsen Gefährt sitzt man dank Herrn Faraday sicher vor Regen, Donner und Blitz. Der Wagen braust vorbei und hält ruckartig etwa sechzig Meter vor mir auf derselben Seite an. Zum Glück ist hier nichts feucht, sonst wäre ich garantiert vollgespritzt worden. Der Fahrer, ein übergewichtiger, glatzköpfiger Mann mit hellblauem Jackett, das durch seinen mediterranen Teint besonders gut zur Geltung kommt – es steht ihm ehrlich gesagt ausgezeichnet – steigt für seine Körpermasse flink aus dem Auto und hastet zu einem Eingang. Er schließt auf und verschwindet hinter den Wänden zu meiner Rechten. Die Fahrertür steht weit offen und ragt in die Mitte des gepflasterten Wegs hinein. Ich höre beim Näherkommen, dass der Motor noch läuft. Früher ein Anlass für mich, die Leute anzusprechen und sie zu fragen, warum sie den Motor laufen lassen. Ausreden, in denen sie bekräftigen, sie wollten nur eben schnell dieses oder jenes tun, ließ ich nie gelten. Man kann den Motor immer abschalten. Aber heute reagiere ich entspannter, ich bin es müde, die Menschen auf leicht zu umgehende Versäumnisse hinzuweisen. Da kommt mir ein vergnüglicher Gedanke: Ich könnte einfach in den Wagen steigen und losfahren, wenn der Mann den Zündschlüssel hat stecken lassen und davon gehe ich aus. Ich würde mit diesem benzinschluckenden Straßenpanzer losbrettern und ungehemmt durch die Stadt rasen. Muss ein geiles Gefühl sein, sich ohne schlechtes Gewissen rücksichtlos zu verhalten. Ich habe den schicken Wagen fast erreicht, bin voller Tatendrang und Entschlossenheit, wirklich einzusteigen und loszufahren, noch dazu wo ich sehe, dass es sich bei dem Laden, in dem der Mann verschwand, um ein Juweliergeschäft handelt. Meine rechte Hand hat bereits die schwarze B-Säule fest umgriffen, damit ich mich mit einem kurzen Schwung auf den Fahrersitz befördern kann. In letzter Sekunde, obwohl mein rechter Fuß bereits auf dem Einstieg steht, breche ich mein Vorhaben abrupt ab. Auf dem Beifahrersitz sitzt eine herrisch wirkende alte Dame in teuren Markenklamotten. Trotz Sonnenbrille blickt sie angewidert auf ihre Armbanduhr und direkt darauf in Richtung Ladentür. Sie hat mich bislang nicht bemerkt, obwohl ich sie anstarre und fast eingestiegen wäre. Mit dieser angsteinflößenden Vogelscheuche möchte ich meinen Lebensabend nicht verbringen – auch nicht in einer protzigen G-Klasse. Ich nehme meine Hand von der B-Säule, setze zügig den Fuß auf den Boden, drehe mich unauffällig um neunzig Grad nach links, weiche der hervorstehenden Autotür aus und laufe weiter. Im Weitergehen höre ich eine krächzende, diabolische Stimme zetern: „Was hat denn da so lange gedauert? Es könnte jemand einsteigen und losfahren, weil du immer den Schlüssel stecken lässt. Dabei bin ich völlig wehrlos und jeder sieht es.“ Ich laufe triumphierend weiter.

 

Lukas Leinweber

 

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freiVERS | Marcus Pöttler

wir finden nicht an diesen tag zurück

träumen, dass
der schnee uns zusammen hält,
die windgeritzten wangen,
flocken auf der haut
brennen, wie wir

die augenaufgerissene welt
umarmen, uns selbst
verschieben, die konturen
zerstreuen, zeigen erste
abwesenheiten

nichts lässt sich mehr
ändern, der letzte schachzug
über den rand, die dämmerung
sammelt erinnerungen, steigt
den hügel hinab

weiter oben bleibt graues haar
in den tannenzweigen, deine
moosigen locken, muster
auf der hand, leicht wie
vogelgeschrei

.

Marcus Pöttler

.

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freiTEXT | Wolfgang Fortmüller

Überleben

Ich führe eine Handvoll Überlebender durch den erbarmungslosen Winter. Der zähe Marsch nach Süden nimmt kein Ende, keine Besserung des Wetters ist in Sicht. Wir stoßen nahe eines Waldes auf eine große Senke, schlagen unser Lager auf und bleiben. Im Zentrum dieser Grube errichten wir den Kohlegenerator. Ein massiver zylindrischer Kessel aus Stahl, einer Lokomotive nicht unähnlich. Die Räder abmontiert, in die Senkrechte gebracht und verankert im harten Erdreich. Der Generator ist das Herzstück, die Lebensversicherung, der Gott unserer kleinen Ansiedlung. Die Stahlrohre auf seiner Außenhaut dampfen in der Kälte, Tag und Nacht, er hält uns warm. Arbeiter errichten ringsum Unterkünfte und Werkstätten, sammeln Ressourcen aus der Umgebung. Am Rand des Lagers Kohlegruben, in den Wäldern Holz und Wild. Die Siedlung wächst, wir bauen und beheizen ein Gewächshaus, das Feuer des Signalturms führt weitere Überlebende ins Lager. Doch das Wetter wird mit jeder Woche schlechter, die Temperaturen sinken immer tiefer, die Bewohner verlieren langsam Zuversicht. Die Gebäude weiter draußen sind schwer warm zu halten, es wird zu kalt in ihnen, um dort Arbeiten zu verrichten.

Der Kohlegenerator muss übersteuert werden, um dort Radiatoren und Feuerstellen installieren zu können. Die Schichten werden verdoppelt, damit es schnell geht, bevor der Heizkessel unter der dauerhaften Überlastung in Flammen aufgeht. In der dritten Nacht nach Verdoppelung der Schichten randaliert in der Nähe der Unterkünfte eine Handvoll übermüdeter Ingenieure und liefert sich eine Schlägerei mit der Ordnungswache. Ein großer Tumult bricht aus, die Wachen erhalten Schießbefehl, die Lage beruhigt sich wieder. Am Morgen wird ein Kind am Rand der Siedlung aufgefunden, tot im Schnee. Ich veranlasse gerade eine Ermittlung, da geht der in Vergessenheit geratene Generator in Flammen auf. Mit ihm brennt alles nieder, die ganze Siedlung, so ist das Spiel designt.

Das ist bitter, denn beinah sechs Stunden am Stück war ich nun an dieser Kampagne dran, jetzt ist das Spiel verloren. Der Schriftzug am grauen Himmel über den verkohlten Resten meines Werks erscheint. Nun einen vorherigen Zwischenstand zu laden, um den Fehler auszubügeln, den Heizkessel rechtzeitig wieder herunterzufahren, das kommt Cheaten gleich und reizt mich nicht. Was solls, ich strecke mich und gehe in die Küche. Der Himmel vor den Fenstern ist so düster wie im Spiel, die Wolken hängen tief über der Stadt, als wollten sie gleich Ballast abwerfen. Der Raum ist unheimlich kalt. Die Heizung ist seit Tagen defekt, die einzigen beiden Elektro-Radiatoren in der Wohnung stecken am Verteiler in meinem Zimmer. Sie laufen stundenlang, damit ich in der Nacht nicht frieren muss. Ich mache Instant-Kaffee und stelle den Wasserkocher an, die Wohnung ist verlassen. Die ganze WG gehört über die Weihnachtsferien mir. Die Uhr über dem Türstock zeigt jetzt neun Uhr. Das Kalenderblatt ist seit Tagen nicht mehr abgerissen worden, es hängt noch der 23. Dezember, aber ich weiß sehr wohl, welcher Tag ist. Morgen muss ich für den Heizungstypen aufmachen. Zurück am Schreibtisch melde ich mich im Onlineportal der Universität an, und von der Prüfung kommende Woche ab. Schon zu knapp, ich bin erleichtert, mit einem Klick entkommen zu sein. Es wäre nichts geworden, das nächste Mal muss ich mehr Zeit einplanen. Ich bekomme Lust auf das Spiel, in dem man durch dieses riesige Alien-Meer taucht, Robinson-Crusoe im Weltall. Ich doppelklicke, sehe den Titelbildschirm aufleuchten und höre das Ozean-Ambiente. Wellen, die zusammenschlagen, ferner Horizont vor dem zwei Sonnen untergehen und die mystischen Laute einer exotischen Fauna in der Dämmerung. Nach einigen Momenten in Starre schließe ich es in einem Anflug von Lustlosigkeit wieder, zu anstrengend und nervenaufreibend wäre das jetzt. Lieber einen neuen Run im Ice-Survival starten, ich habe jetzt dazugelernt. Zuerst lüfte ich und stelle die beiden Radiatoren noch etwas höher. Aus dem Hinterhof dringt ein Schaben und Kratzen, ich sehe hinunter, Schnee von gestern wird geschaufelt. Ich hoffe, dass es gleich wieder schneit, dass die Sonne sich den ganzen Tag nicht zeigt. Morgen der Heizungsmann also. Die Gastherme reparieren. Das kommt davon, wenn man allein ist, man muss sich selbst um alles kümmern. Wäre es vertretbar, im Zimmer vor dem Computer hocken zu bleiben, während er hier ist? Was soll ich sonst tun. Danebenstehen und dem Typ auf die Finger schauen, wie er werkelt, das kommt nicht in Frage. Im Wohnzimmer ausharren und auf dem Küchentisch mit geöffnetem Laptop so tun, als würde ich etwas Wichtiges erledigen, auch lächerlich. Ich könnte ihm sagen, ich gehe gegenüber einkaufen. Falls er fertig ist, bevor ich zurück bin, soll er anrufen, oder einfach die Rechnung am Tisch liegen lassen. Die Tür fällt eh ins Schloss. Ich könnte einen kleinen Winterspaziergang im verschneiten Park die Straße runter machen. Zurück an den Bildschirm. Im nächsten Durchlauf die Gebäude näher aneinander setzen, dann ist das Überleben garantiert.

 

Wolfgang Fortmüller

 

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freiVERS | Manon Hopf

auch das von andren
tieren lernen: das wort
so lange im mund halten
bis es sauer wird
und dann ausspucken

 

von andren tieren lernen:
befehle ignorieren
langsam sein
arbeit verweigern
streiken
außerplanliche pausen erzwingen
equipment zerstören
auch gehege
steine schmeißen
zurückschlagen
ausbrechen und wegrennen
alles in abfolge oder
zur gegebenen zeit

 

und von anderen tieren
das lachen lernen weil jeder verstandene
witz eine kerbe schlägt
einen haken fährt
auf der zunge:

menschen sind häßliche
vögel

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Manon Hopf

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freiTEXT | Olav Amende

Spiegel

Stimme 1, Stimme 2, STIMME 1 & 2

I

Man sagt, es gibt im Leben eines Menschen immer wieder Momente, in denen ist der Mensch mit sich allein. / Und gleich, wie vielen anderen Menschen man nahe steht, / von wie vielen anderen Menschen man geliebt wird, / und wie viele andere Menschen man selbst zu lieben imstande ist, man ist, / so heißt es, / in diesen Momenten / ganz allein. //

Wir kennen diese Momente nicht. / Wir sind nie allein. / Wir haben uns. / Wir kennen uns / und spüren uns / so gut, wie keine zwei anderen Menschen / sich kennen / und spüren. / Mehr noch: / Wir kennen und spüren uns so gut / und intensiv, / wie kein einzelner Mensch / sich selbst spüren und kennen könnte. / Wir sind äußerlich und innerlich einander identisch! / Eins! / Wir benötigen keinen Spiegel. / WIR SIND DER SPIEGEL DES ANDEREN. //

Man nennt Zwillinge zwei Geschwister, / auf die Sekunde zur selben Zeit geboren, / die sich ähnlich oder aber, / – man nennt sie dann eineiig – / auf das Haar gleich sehen. / Wir sehen uns auf das Haar gleich. / Mehr noch: / Im Schnee hinterlassen wir dieselben Spuren. / Unsere Fingerabdrücke sind dieselben. / Unsere Iris ist dieselbe. / Und nähme man von uns DNA-Proben, / so geriete man in Bedrängnis: / WER IST WER? //

Betrachten wir uns das Wesen eines Menschen: / Wie tickt er? / Wie blickt er auf die Welt? / Was ist es, das ihm an ihr gefällt? / Und was nicht? / Was spricht aus seinem Gesicht, wenn er spricht? / Worin übt er sich in Verzicht, indem er spricht? / Und worin nicht? / Wie verhält sich sein Körper beim Laufen? / Wie beim Einkaufen? / Wie beim Erklettern / einer Eibe? / Wie beim Zerschmettern / einer Scheibe? / Wir dürfen sagen, in all diesen Momenten verhalten wir uns gleich, / spiegelbildlich, / identisch! / Ich weiß / und spüre, / wann sie den kleinen Finger ihrer / linken Hand / hebt. / Dann hebe ich ihn / und dann senke ich ihn. / Ich weiß / und spüre, / wann sie die Gabel / mit roten Linsen / zu ihrem Mund führt. / Dann führe ich die Gabel zum Mund. / Die Anzahl der roten Linsen, die sie auf ihrer Gabel transportiert, / entspricht / EXAKT / der Anzahl roter Linsen, die ich auf meiner Gabel / – unserer Gabel! – / transportiere. / Und wenn sie dann zur Toilette eilt, / eile auch ich zur Toilette. //

Es gibt Vieles, das darf die Außenwelt nicht wissen. / Nicht einmal unsere Eltern, / die wir sehr lieben, / dürfen das wissen. / Für diese vielen Momente haben wir uns eine Sprache ausgedacht, / die außer uns kein dritter / – kein zweiter! – / versteht. Das Prinzip ist simpel: / Wir nehmen uns einen Satz zur Hand, / picken uns dessen Vokale heraus / und sprechen allein mit diesen. / „e i e e i e o“ heißt: / „Dem Himmel erfriert der Mond.“ / Und „e i e e i e o“ heißt: / „Der Giebel brennt lichterloh.“ / Manches Mal / – in gewissen Situationen, in denen es gilt, nicht aufzufallen – / ist uns nach einer anderen Sprache zumute. / Auch ihr Prinzip ist simpel. / Wir nehmen uns einen Satz zur Hand, / picken uns dessen Vokale heraus und / formen mit diesen einen neuen Satz; / einen Satz jedoch, den wir nicht meinen. Wir sagen: / „Auf der Spitze des Berges ist’s nie still“, doch wir meinen: / „Trau‘ den finsteren Wegen in dir nicht!“ / Und wir sagen: „Fehlgeburt“, / doch wir meinen: „Engelsturz“, / doch wir meinen: „Erwähl‘ uns!“ / doch wir meinen: „Herr, trenn‘ uns!“!

II

Keiner versteht diese beiden Sprachen außer uns. / Das führt uns näher zusammen. / Und es schließt uns nach außen ab. / Uns erreicht keiner. / Und wir erreichen keinen. / „Ihr seid zu langsam“, / sagen sie. / „Gehen wir mit euch aus, so schafft ihr in derselben Zeit gerade einmal die Hälfte unserer Strecke“, / sagen sie. Und es ist exakt die Hälfte ihrer Strecke, die wir zurücklegen, nachdem wir gemeinsam starteten. / „Wenn wir mit euch gemeinsam am Tisch sitzen / und essen, / so habt ihr nur die Hälfte gegessen, / während wir schon fertig sind“, / sagen sie und meinen exakt die Hälfte. / „Und wenn wir mit euch Volleyball spielen, / so heben und senken sich eure Arme mit der Hälfte der Geschwindigkeit, mit der unsere Arme sich heben und senken.“ / „Ihr verfehlt alle Bälle!“, sagen sie. / „Und wer will da noch mit euch spielen?“, fragen sie. / Was sie nicht sehen: Unsere Arme heben und senken sich auf exakt dieselbe Weise! / Und wenn man unsere Geschwindigkeiten miteinander addiert, / so ergibt dies doch ihre Geschwindigkeit! / Seht ihr nicht: Wir zu zweit bilden eine Person! / Ich bin ihre Hälfte. / Und ich bin ihre Hälfte. //

WIR SIND DER KERKER DES ANDEREN … / Sie kann von mir gehen. / Und doch bekommt sie zu spüren, / was ich tue. Sie ist mir dann / ein amputiertes Bein, / das man spürt, / obwohl es einem abgenommen ist. / Gleich auch, was ich tue, / es berührt immer mich, / immer mich … / uns! / Wenn ich dich sehe, / sehe ich mich. Und wenn ich mich sehe, / sehe ich dich. / Immer nur dich! / Immer nur dich! / Ich sehe mich, / doch ich sehe mich. //

Wir wollten keinen Spiegel mehr. / Wir stellten ihn in die Ecke und schlossen den Raum ab. / Ich sperrte sie ein. / Und ich sperrte sie ein. / Doch es nützte nichts. / Wir bewaffneten uns mit Nägeln / und mit Steinen, / den Spiegel des anderen / einzuschmeißen. / Es schmerzte sehr. / Doch es brachte uns nichts. Was mich schmerzte, / schmerzte mich. / Verwundete ich mein Gesicht, / so verwundete ich mein Gesicht. / Ich schrie sie an! Ich schrie: / „Es gibt kein du!“ / „Es gibt nur mich!“ / „ES GIBT NUR ICH!“ //

Wir wollten uns einander behaupten: / Wer gibt zuerst nach, wer / ist die erste, die die Gabel / zum Mund führt, wer / ist die zweite, die / beim großen Volleyballturnier / die Arme hebt und senkt und wer / ist die erste, die / sich verlieben würde / IN EINEN ANDEREN MENSCHEN!

III

Wir mussten uns voneinander unterscheiden. / Wir mussten es versuchen. / Mit aller Kraft und Gewalt! / Mit der Liebe für dich! / Mit der Liebe für dich! / FÜR UNS! / FÜR MICH! / Wir begannen so: / Wie gewöhnlich gingen wir miteinander aus. / Wir trugen malvenfarbig / geblümte weiße Kleider und silbrige / Neun-Loch-Chucks. / Und nun gingen wir die Straße entlang und eine von uns beiden / blieb plötzlich stehen! / Und sie bückte sich! / Sie bückte sich, um etwas aufzuheben. / Einen Mantelknopf / oder ein dreibeiniges Plastiknashorn. / Während die andere nicht stehen blieb / und sich nicht bückte, / sondern weiterging, / einfach weiterging, bis auch sie dann, / einen Meter / oder zwei von ihrem Zwilling, / MEINEM ZWILLING!, / entfernt ebenfalls stehen blieb / und zu ihrem gebückten Zwilling blickte. //

Anderentags / unterhielten wir uns miteinander in der Öffentlichkeit / in eurer Sprache und widersprachen dabei einander. / Wir sagten immer exakt das Gegenteil des anderen. Wenn sie „Ja!“ sagte, / sagte ich „Nein!“. Sagte ich / „Schwarz!“, / sagte ich „Weiß!“ und so fort. / Wir sahen ein: / Mit dem Gegenteil auf den Satz des Gegenübers zu reagieren, / führt zu keiner Trennung. / Im Gegenteil: / Es bindet uns nur noch fester / aneinander. //

WIR MUSSTEN GETRENNTE WEGE GEHEN. / Also vertratest du dir die Beine im Garten / und du wandeltest mit einem Eis in der Hand in den Passagen. / Wir trugen schwarze Kurzblazer / und bronzefarbene Hosen. / Beide gingen wir barfuß. / Doch sie war / hier und ich / war hier. / Das erste Mal in unser beider Leben / konnten wir uns nicht sehen. / Doch auch ihr konntet uns nicht sehen, / DAS HEISST, / ihr habt uns gesehen – / mich und / mich – aber ihr saht in uns keine Zwillinge mehr! //

„Hat sie nicht auch eine Schwester?“, / fragten sie sich, als sie / dich in der Passage trafen. / Und als sie dich dann im Garten erblickten, / fragten sie sich: / „Wie mag es ihr wohl gehen, sie, / die ganz ohne einen Bruder / und ohne eine Schwester / auszukommen hat?“

IV

Ist dieser Stich zu verwinden? / Zerreißt allein der Gedanke daran dir nicht, / mir nicht, / die Stirn? / Die Brust? / Das Herz? / Das Herz? / Der Schmerz, der dich sticht, sticht mich doppelt. / Er sticht dich und damit sticht er mich. / Und damit sticht er mich. / Er sticht mich vierfach, / achtfach, / unendliche Male. / Denn voneinander getrennt sind wir Hälften einer Kugel, / die sich vierteln, / achteln, / zu nichts auflösen. //

Ihr lebt euer Leben auf der Suche nach eurer Hälfte. / Ihr findet sie oder ihr findet sie nicht. / Wir aber wurden im Angesicht unserer Hälfte geboren. / Und noch bevor wir auf die Welt kamen, blickten wir in unseren Spiegel. / Wir wussten / und wir spürten / unseren Puls in unserem Gegenüber schlagen. / Und wir wussten / und wir spürten: / Wir werden in zwei Körpern leben / als ein Mensch. / Wer könnte uns da noch trennen! / Zwischen diese beiden Körper passt kein Lufthauch. / Und zögen auch zwei Reiterarmeen an unser beider Enden, / sie müssten sich an uns verschwenden. //

i au o, ee! / e iu, aiu u! / i au! / aiu, iu! / E E U. / E E U.

 

Olav Amende

 

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