freiVERS | Walter L. Buder

hüten

in zaunloser weite
wie ausgesetzt aber nicht rastlos
im horizont der schöpfung
boden gewinnen

schreitend im takt zeitloser
unrast wie wankend aber nicht
ruhelos im lichtkreis des stabes
seelen nähren

und bergen. und schützen. und sorgen.
neugeborenes im unterholz, verstecktes
retten und heilen, vielleicht. immer
aber gefährlich entschieden und
einfach sein

den träumen ein auge
den leiden ein herz
den mächten ein widerfahrnis

widerstehen. und hüten. das
offene geheimnis

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Walter L. Buder

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freiTEXT | Luca Bognanni

Der Bobbel

42 Tage, 12 Stunden, 21 Minuten. So lange saßen sie jetzt hier. Sie wussten das, weil die Stoppuhr immer noch lief. Sie hatten sie zu Beginn gestartet und seitdem ratterten die Ziffern ununterbrochen um die Wette, die Zahlen jagten einander ohne sich einzuholen, ohne Rast, konstant und zuverlässig zogen sie vorüber. Immer wenn nach 24 Stunden das Rennen von vorn begann, ritzte einer der Beiden mit dem Armbanddorn einen Strich ins Holz und so wussten sie eben, dass es 42 Tage, 12 Stunden und bald 22 Minuten waren, die sie mit den Augen die Digitalanzeige der Stoppuhr fixierten und hin und wieder einen Strich in die Wand kratzten. Sie hatten sich mit der Situation arrangiert. Eingerichtet, hatten sie sich, so sehr wie man es sich in einem Kleiderschrank eben einrichten konnte. Immerhin zwei klapprige Campingstühle hatten Platz gefunden und auf denen hockten sie jetzt und schwiegen sich an, denn sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Der Eine von ihnen verzog hin und wieder das Gesicht, er runzelte dann die Stirn, blinzelte mit den Augen, und schob die Brauen so gewaltsam zusammen, dass die Furchen auf der Stirn kleine Rettungsgassen bildeten. Die Andere stützte dagegen die Ellenbogen auf den Knien ab, krümmte den Rücken und vergrub das Gesicht in die aufgefächerten Hände. Sie taten das immer, wenn er durchs Treppenhaus polterte. Schwer und unbeholfen. Jeder Schritt war eine Detonation. Der Schrank begann dann zu zittern, das Holz pulsierte, Staub wirbelte durch die Luft. Mit jedem Tag wurden die Schritte derber, die Schwingungen gewaltiger, die Beben häufiger. Das ganze Haus wippte mittlerweile, wenn der Bobbel auf die Stufen stampfte.

Der Bobbel hatte sich eingeschlichen. Heimlich und harmlos. Am Anfang hatten sie es gar nicht so recht mitbekommen. Irgendwann war er eben da gewesen. Der Eine war sich sicher, dass die Andere ihn angeschleppt hatte, aber wann genau, dass konnte er beim besten Willen auch nicht mehr sagen. Irgendwann war er halt da, der Bobbel. Da hatte sie ihm gesagt, er solle den Bobbel doch bitte mal aufheben und dabei hatte sie auf den kleinen kugelförmigen Teigklumpen, der von der Arbeitsfläche auf die Fliesen gefallen war, gezeigt. Und er hatte den Bobbel aufgehoben und jetzt verfluchte er diesen Tag. Der Bobbel hatte sich schnell nicht mehr nur auf Teig beschränkt. Er war übergesprungen auf andere Dinge. Einmal da, konnte er vieles sein. Ein Wollknäuel, eine Bodenwelle, ein Tennisball. Alles Rundliche wurde fortan Bobbel genannt. Erst von der Anderen, etwas später von dem Einen. Frikadellen, Bäuche, Keksdosen – alles Bobbel. Irgendwann, als bereits Gebäckstücke, Küchengeräte und Gymnastikbälle zum Bobbel geworden waren, hatten sie es gemerkt. Da hatte die Andere zu dem Einen an einem Montagabend als sie in der Küche standen gesagt, sie habe es vergessen den Bobbel an die Straße zu stellen und mit Bobbel meinte sie den Müllsack und da hatten sie sich kurz in die Augen geschaut und mussten beide herzlich lachen, denn den Müllsack hatte bisher nun wirklich niemand Bobbel genannt. Und jetzt konnte plötzlich alles ein Bobbel sein. Schuhe, Kerzen, Steuererklärungen, Bademeister, Frischhaltefolie. Alles Bobbel. Wenn Gäste bei ihnen zu Besuch waren, kam es nicht selten vor, dass sie kein Wort verstanden. Zu weit erstreckte sich der Bedeutungshorizont des Wortes mittlerweile. Zwischen Sonnenschirm und Chicken Nuggets, konnte alles ein Bobbel sein. Der Eine und die Andere hatten dagegen längst gefallen am Bobbel gefunden. Sie schauten sich dann verschwörerisch an, wenn um sie herum alles rätselte, ob mit Bobbel jetzt gerade der Salzstreuer oder der Buchsbaum im Nachbarsgarten gemeint war. Der Eine und die Andere dagegen wussten immer was gemeint war. Sie achteten darauf ob die Augen beim Sprechen zusammengekniffen waren, ob sich die Lippen zu einem langgezogenen Oval formten, ob ein Akzent auf den ersten Vokal gesetzt wurde, ob die zweite Silbe verschluckt oder das „l“ sich, beinahe französisch, wie ein Kaugummi in die Länge zog. Der Bobbel konnte sich für sie ganz unterschiedlich anhören. Mal war er eher ein „Bòbbel“, mal fast schon ein „Bobbèl“, manchmal ein „Bobelle“ und nicht selten auch ein „Bobbl“. Der Eine und die Andere verstanden immer was verlangt war, wenn vom Bäcker ein Bobbel mitgebracht werden sollte. Auch jetzt, wo sie seit 42 Tagen, 12 Stunden und fast 25 Minuten im Schrank festsaßen, wussten sie: Es war die beste Zeit ihres Lebens.

Problematisch war es geworden als sich der Bobbel nicht mehr nur auf Nomen beschränkte, sondern sich auch nach und nach Verben und Adjektive zu eigen machte. Sätze wie „was bobbelst du hier rum?“, „ich dachte heute Abend bobbeln wir mal wieder“ oder „du wolltest doch den gebobbelten Bobbel anziehen?“ vermehrten sich exponentiell. Längst nannten die Andere und der Eine sich gegenseitig nicht mehr beim Namen, sondern sprachen auch in Anwesenheit anderer von ihrem Bobbel. Die ersten Missverständnisse entstanden schnell. Da hatte der Eine der Anderen statt eines Pfunds Mehl einen Staubsaugroboter aus der Stadt mitgebracht und da hatten sie beide noch gelacht, aber es war nicht dieses Lachen wie damals beim Müllsack, es war ein angespanntes Aufgrunzen, weil die Andere mit dem Staubsaugroboter ja jetzt keinen Bobbel backen konnte. Und es wurde immer schwieriger über die Missverständnisse hinwegzusehen, denn die Massagestühle, Mikrowellen und Thermodecken, die statt der gemeinten Marmeladen, Sparschäler und Deo-Roller angeschafft wurden, stapelten sich bereits. Einmal war die Andere für eine Woche verschwunden, nachdem der Eine sie gefragt hatte, ob sie sich am Bobbel träfen, weil sie schon so lang nicht mehr da gebobbelt hätten und dann war sie aber nicht in der Schlange ihrer Lieblingseisdiele aufgetaucht, sondern zu dem Ferienhaus an der Nordsee gefahren und hatte sich gewundert, warum er denn nicht da einträfe. Das war der Punkt, an dem sie gemerkt hatten, dass hier irgendwas schieflief. Dass der Bobbel sich viel zu breit gemacht hatte in ihrem Haus, ihrer Garage, ihrem Leben. Dass man ihn jetzt mal rausschmeißen müsse wie damals den Müllsack. Und so hatten sie sich zusammengesetzt, um eben diesen Rauswurf zu besprechen und als sie da saßen merkten sie plötzlich das ganze Ausmaß des Unheils. Dass sie den Bobbel gar nicht mehr rauswerfen konnten, weil er schon viel zu groß und breit geworden war. Und das war ja auch kein Wunder, denn sie hatten ihn gefüttert mit allem möglichen. Erst jetzt bemerkten sie, dass der Bobbel mit ihnen am Tisch saß und er lachte über sie, weil es ihnen so lange gar nicht aufgefallen war. Und jetzt wurde ihnen bewusst, dass sie gar nicht mehr miteinander sprechen konnten, weil ihr Wortschatz nur noch das Wort Bobbel kannte. Und so übernahm fortan der Bobbel das Sagen im Haus und sie das Schweigen. Und eines Tages, nachdem der Eine gerade vom Joggen nach Hause gekommen war, teilte ihnen der Bobbel mit, dass sie jetzt leider beide in den Kleiderschrank ziehen müssten, weil der Bobbel gewachsen sei und noch mehr Raum benötige. Und das war vor 42 Tagen, 12 Stunden und gleich 29 Minuten gewesen. Und alles was sie hatten war eben jetzt noch diese Stoppuhr, die der Eine noch vom Joggen umhatte, und obwohl das Leben jetzt doch sehr eingeschränkt für den Einen und die Andere in diesem sehr engen Kleiderschrank war, tat es irgendwie gut auf die Digitalanzeige zu schauen, auf die Zahlen, die sich gegenseitig verfolgten, denn sie waren eben Zahlen und keine Wörter und kein Bobbel und das waren die schönsten Momente bis die Schrankwand wieder anfing zu zittern.

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Luca Bognanni

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freiVERS | Sascha Kokot

heute wird es nicht mehr hell
kurz war nur der Mond zu sehen
bevor sich der Himmel fest
über der Esse verschloss
die Farbe von Januargewittern annahm
die Jungs brennen ihr letztes Feuerwerk ab
im Nachhall wird dir kälter
du siehst den Schnee kommen
weißt aber der Sturm wird dich nur streifen
weit hinter den Gärten stumm wüten
die Angst in dir hat sich schon lange
ihren Platz gesucht und schläft dort ruhig
lässt dich unbewacht
nach den schmerzenden Stellen greifen
dich leise ihre Maße nehmen

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Sascha Kokot

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freiTEXT | Saskia Raupp

Halstuchspiele in Kakanien

„Tut’s noch weh?“, fragte Dolores mit sanfter Stimme.

In Bademänteln rauchten sie auf der Sonnenterrasse der Ski-Hütte die ersten Zigaretten des Tages. Robert wusste nicht, ob sie sich über ihn lustig machte. Bislang hatten sie keine zehn Worte gewechselt. Deine Anwesenheit lässt mich alle Schmerzen vergessen, wäre wahr und gelogen zugleich gewesen, fand er als Antwort aber indiskutabel ‑ viel zu kitschig. So stellte er sich Dialoge in Bestsellern vor, die er nicht las. Als Controller im Headquarter der Versicherung blieb ihm nur in den Ferien Zeit zum Lesen und dann verlangten seine Ansprüche nach etwas Gehaltvollem.

Gestern war ihre Reisegruppe im Kleinwalsertal eingetroffen. Und keine halbe Stunde nach ihrer Ankunft hatte Robert sich den Knöchel verstaucht. Die anderen hingen jetzt gewiss mit roten Gesichtern im Schlepplift oder kippten den ersten Jagertee. Er hätte daheimbleiben sollen.

Sein Schweigen wurde langsam peinlich.

„Glück im Unglück“, hörte Robert sich sagen. „Auf der steilen Treppe hätte ich mir auch den Hals brechen können.“

Er bereute diesen Nachsatz sofort und zog - ohne groß darüber nachzudenken - den Knoten am Gurt seines Bademantels fester. Bei ihrem Beruf musste sie ihn zwangsläufig für ein Weichei halten. Also, falls es stimmte, was man über sie munkelte.

Umringt von den Bergmassiven der Allgäuer Alpen und unter schlumpfeis-blauem Himmel fühlte Robert sich noch bedeutungsloser als sonst. Sofern das überhaupt möglich war.

„Der Berg da drüben“, er zielte mit seiner Kippe auf einen der Gipfel, „der mit dem Buckel, heißt Großer Widderstein.“

Dolores kräuselte die Lippen.

Er versuchte, nicht daran zu denken, was sie tat, jeden Tag tat – und dass sie ihn deshalb so ansah. Er faselte weiter, stotterte: „M-Mein St-Sternzeichen.“

„Witzig, meins auch!“

„Mein Geburtstag ist am 22. März.“

„Nein! Meiner auch!“

„1996!“

„1969!“

Ihr Lachen steckte an. Es rollte aus dem Bauch, schüttelte den ganzen Körper und löste die Klümpchen, die er innerlich angesetzt hatte. Aus Angst, Scham, oder mangelnder Rührung. Emotionale Emulsion, dachte er und, dass sie seine Mutter sein könnte.

„Zweiundzwanzig“, sagte Dolores. „Eine Zahl, die aussieht wie verliebte Schwäne.“

„Ich mag Schwäne“, sagte Robert augenblicklich.

Das war die Wahrheit. Er hätte aber auch Schweine gemocht, wenn es half, den Zauber des Augenblicks zu verlängern.

„Jeder mag Schwäne. Diese komischen Vögel sind rein, elegant, monogam …“

„Und gemein, wenn es darauf ankommt. Schon mal gesehen, wie ein Schwan sein Nest verteidigt?“

Sie löschte ihre Zigarette im Schnee und grinste.

Endlich. Ihre Kopfbewegung in Richtung Esszimmer interpretierte Robert nicht nur als Aufforderung zum Frühstück. Ob er mit ihr etwa …

Eine Stunde später saß Robert in einem Ledersessel vor dem Kamin und las weiter im Mann ohne Eigenschaften, das er im letzten Sommer begonnen hatte. Ihm gefielen Skepsis und Ironie der Untergangsstimmung, auch wenn er nur schleppend vorankam. Als Dolores aus der Sonnenbank zurückkehrte und sich ihm gegenüber mit einem Buch niederließ, glühte ihr Gesicht. Sie lagerte ihre Füße neben seinen auf einem Hocker, der an einen Melkschemel erinnerte. Roberts rechter Knöchel, dick mit Schmerzsalbe beschmiert, war in einen Drei-Meter-Verband aus dem Erste-Hilfe-Kasten gewickelt, ihre Füße steckten in Plüschpantoffeln mit Krokodilgesichtern. Sonst stießen ihn derlei Spielereien ab, aber hier oben vor dem Feuer gefiel ihm der Glaube ans Fressen-und-gefressen-werden.

À la recherche du temps perdu wickelte Dolores ihre Ringellocken um den kleinen Finger, zog sie lang bis zu den Schultern und ließ sie wieder nach oben schnellen, wo sie dank natürlicher Sprungkraft oder Dauerwelle an den Ohrläppchen endeten. Robert schielte immer wieder zu ihr hinüber. Sein Blick folgte der zarten Linie, die ihr langer schlanker Hals vom Unterkiefer über den Kehlkopf bis zum Schlüsselbein zeichnete. Wenn eine Passage gefiel, wippten die Krokodile.

„Du magst Hälse.“

„Wie bitte?“ Robert blickte aus seinem Buch auf.

Sie taxierte ihn mit unverhohlener Neugier.

„Du magst Hälse“, wiederholte sie. „Jetzt habe ich das geschnallt. Schon mal Atemkontrolle ausprobiert?“

„Nein! Wie kommst du darauf?“

„Dein Halstuch. Hätte ja sein können, dass du gern damit spielst.“

„Das ist von meiner Schwester.“

„Ach so“, sagte sie, als wäre damit alles geklärt. „Und ich war früher Physiotherapeutin.“

Robert verstand überhaupt nichts mehr. Wie kam diese Person dazu, sich über ihn lustig zu machen? Gerade jetzt, wo er dabei war, sie … Ja, was eigentlich? Ihn fröstelte.

Atemkontrolle. Woher wusste sie das? Er wollte weiterlesen, nach tagheller Mystik suchen, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen aus der Reihe. Ihm schien, als wartete Dolores auf irgendetwas. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, worauf. Schließlich fragte er: „Warum bist du mitgekommen, wenn du dir aus Wintersport gar nichts machst?“

„Frieren ist meine Kernkompetenz. Mein Job ist wie ein ewigwährender Wintersport.“

Prompt sah er sie vor seinem geistigen Auge in Latexkleidern. Reflexartig kniff er die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Das Ganze dauerte keine Zehntelsekunde, Dolores merkte es trotzdem. Halb belustigt, halb entschuldigend fügte sie hinzu: „Wo, wenn nicht in Eis und Schnee, kann ich mich wärmen und gehen lassen?“

„Ist das denn anstrengend?“

„Das Bisschen Auspeitschen und Stiefel-Lecken-Lassen?“ Plötzlich war sie die Eingeschnappte. „Natürlich, ist das anstrengend! Viel Verantwortung. Deine Schwester sollte es sich gut überlegen, bevor sie diesen Weg einschlägt.“

„Meine Schwester ist tot.“

„…“

„Konntest du ja nicht wissen.“

Sie schwiegen lange.

„Komm, gehen wir in die Sauna“, sagte Dolores endlich.

„Mit dem Verband?“

„Stimmt. Der sitzt zu stramm.“ Sie begann ihn zu lösen. Als er zuckte, sagte sie: „Physiotherapeutin, schon vergessen?“, und tastete seinen Knöchel ab. Aus der Nähe offenbarte ihr Gesicht die Spuren der Zeit. Lachfältchen überwogen, laut Roberts Theorie, ein Indiz für Leute, die ein selbstbestimmtes Leben führten. Je länger Dolores an seinem Bein herumfummelte, desto tiefer furchten Sorgenfalten ihre Stirn. „Das sollte sich besser ein Arzt ansehen.“

„Morgen“, sagte er entschieden. „Heute komme ich sowieso nicht mehr dran. Mich interessiert, was du vorhin mit Atemkontrolle meintest. Wie funktioniert das?“

Auf dem Weg zur Sauna beschrieb sie die rauschhaften Gefühle beim Erwachen aus der Ohnmacht. Robert erfuhr, dass Würgespiele zur Steigerung der Lust schon vor über hundert Jahren in Südfrankreich verbreitet gewesen waren und dass der Autor Jean Gino sie in einem seiner Romane beschrieben hatte.

In der Umkleide streiften sie das Thema Sicherheitsmaßnahmen.

„Leidest du oder jemand aus deiner Familie unter Asthma?“

Sie öffnete ihren Bademantel.

„Nein, nicht das ich wüsste.“

„Panikattacken?“ Ihre Brüste zeigten noch nach oben.

„Auch nicht.“ Robert schwitzte. „In wie viel Prozent aller Fälle geht das denn schief? Mit Notarzt und so?“

Die Antwort klang wie ein Witz. Jedenfalls im Vergleich zu seiner Schadenkostenquote. Was hemmte ihn eigentlich den Bademantel und Halstuch auszuziehen?

„Wirklich gefährlich ist nur die Selbststrangulation. In meinem Studio arbeite ich mit unterschiedlichen Materialien. Gasmasken, Korsetts und so. Man kann aber auch einfach Alltagsgegenstände benutzen wie diesen Bademantelgurt hier.“

Höchste Zeit in die Sauna zu gehen! Neben der Schwalldusche stand ein Korb mit Handtüchern. Sollte er sich bedecken? Lachte sie ihn dann wieder aus? Er stellte sich ihre Ringellöckchen bei hoher Luftfeuchtigkeit vor.

Schon drückte Dolores ihn sanft gegen die Sauna-Tür.

„Du kannst es so wickeln, oder so …“ Sie demonstrierte verschiedene Spielarten. „Das sind natürlich nur Trockenübungen“, endete sie. „Aber, wenn du willst …“

Robert überlegte. „Lass mich mal.“

Der Bademantelgurt hing ihm wie ein Schlange um den Hals. Er griff mit beiden Händen nach den Enden, schüttelte den Kopf, löste stattdessen sein Halstuch und bevor sie Nein sagen konnte, hatte er es um ihren Schwanenhals geschlungen. Schön stramm, wie damals.

„Robert“, flüsterte Dolores mit weitaufgerissenen Augen. Dann sagte sie nichts mehr.

Als die Domina zu Boden sank, fing Robert sie auf. Er trug sie in die Sauna, bettete sie auf eine der oberen Bänke, holte zwei Handtücher, rollte sie auf und schob sie ihr in den Nacken und unter die Knie. Dann setzt er sich auf die untere Ebene und betrachtete sie von den Zehen bis zur Stirn. Sie gefiel ihm immer besser. Gerne hätte Robert das Spiel länger ausgekostet, doch er hörte, dass die anderen zurück waren und durch die Hütte lärmten. Der Aufregung, die gleich einsetzen musste, zog er die Ohnmacht vor. Und zog. Und zog.

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Saskia Raupp

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freiVERS | Steffen M. Diebold

anglerglück

den tag
vom haken lassen

das herz
auswerfen

auch mal in trüben
teichen fischen.

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Steffen M. Diebold

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freiTEXT | Jan-Christian Petersen

Wir wissen nichts von Mauretanien

Nachts höre ich den Lärm der Biogasanlage aus zwei Kilometern Entfernung. Dieses stetige und beinah unmerkliche Geräusch erfüllt die Luft wie ein Auto, das bei laufendem Motor neben mir steht. Im Morgengrauen erhebt sich mit der Sonne auch der Wind, wird laut und überwältigend. Ich lebe in Schleswig-Holstein auf tropfnassem Marschland zwischen zwei Meeren. Wo immer man sich hier aufhält, es sind nie mehr als 60 Kilometer bis zur Küste und es regnet fast das ganze Jahr.

Als ich zum ersten Mal von Mauretanien hörte, wusste ich nichts über das Land, seine Menschen – geschweige denn, wo es auf das Karte liegt. Das habe ich mit dem größten Teil der Deutschen gemein. Als Europäer interessieren wir uns meist erst für ein fremdes Land, sobald wir Wirtschaftsinteressen zu pflegen beginnen oder wenn dessen Bevölkerung eine Bedrohung für uns darstellt.

Der Boden, auf dem ich lebe, ist grün und reich an Gras. – Mauretanien besteht aus blassen Sand- und Steintönen, als wäre das ganze Land in Aquarellfarben gemalt. Ich sehe Bilder von ziegelsteinförmigen Häusern. Wüstenwind verwischt den Horizont.

Vor meinem eigenen Fenster saugt der Nebel an der schwammnassen Marsch. Die Menschen im nahe gelegenen Dorf kämpfen dieser Tage um ihr Recht, ihre Dächer mit glasierten Pfannenziegeln bedecken zu dürfen. Sie rebellieren gegen einen Artikel ihrer Dorfsatzung, der ihnen lediglich den Gebrauch matter Dachziegel gestattet. – In Mauretanien verteidigen sich die Menschen gegen Artikel 306. Es ist das Blasphemie- und Apostasiegesetz. Praktisch jeder kann zum Tode verurteilt werden oder im Gefängnis landen. Der Geruch von Insektiziden steht in übervollen Zellen.

Ich bin überwältigt vom Sturm, der draußen tobt. Die Bäume sind vom Wind in Form gepresst. Selbst bei Flaute sehen ihre Zweige wie wehende Fahnen aus. Alles Wachstum wird hier in Richtung Ostküste gedrängt, wo die großen Städte liegen.

Bäume in Mauretanien, falls überhaupt vorhanden, stehen allein, dünn und klein mit verschrumpelten Rinden, aber mit Baumkronen, die wie Fontänen gefächert sind. Einige Sklaven ruhen noch in ihren Schatten. Über Generationen wurden Hunderttausende von ihnen ohne eigene Geschichte aufgezogen. Die Wüste bietet in ihrer selbst das perfekte Monument einer Erinnerungskultur, welches die Auslöschung jeglicher Identität zu versinnbildlichen taugt. – Oder vielleicht sollte man hier ein leeres Plateau als Denkmal errichten? Es würde jeden Tag von einwehendem Sand gereinigt werden – als Geste, die den Willen zeigt, das Gedenken an die Opfer der Sklaverei am Leben zu erhalten.

Ich höre den Zug. Er fährt in ungefähr drei Kilometern Entfernung an meiner Wohnung vorüber. Es dauert eine Weile, bis die Geräuschlandschaft wieder von der Biogasanlage eingenommen ist. Sie klingt noch immer wie ein Auto mit laufendem Motor, dessen Fahrer nicht weiß, ob er fortfahren oder bleiben soll. – In den letzten Wochen habe ich fast zwei Dutzend Berichte von Mauretaniern gelesen, die aufgrund von Gesetzen verfolgt wurden, deren Auslegung jeglichen Ausdruck von Leben und handelnder Fürsorge strafbar zu machen verstehen.

Manchmal, wenn die Biogasanlage abgeschaltet ist, kann ich hören, wie der Zug langsam in die Nacht verschwindet. Jeden Tag liefert er Touristen wie Frachtgut auf einer von den Nordseeinseln ab. Den ganzen Weg entlang mästen sich Schafe, Kühe und Wildgänse am üppigen Gras. – So groß, wie die mauretanische Wüste ist, so lang und schwer ist auch der Zug, der sie durchquert. Eisenerz ist das Gold des Landes. Es wird von den Minen im Nordosten über 700 Kilometer bis zu den Häfen im Westen transportiert. Grundsätzlich teilen wir denselben Ozean. Er liegt nur wenige Schritte von meiner Haustür entfernt.

Ich bin fasziniert von dem neu entdeckten Land und entsetzt über die Geschichten des Despotismus, die Mauretaniens Ruhe überschatten, nachdem auch dort der Zug vorbeigefahren ist. Sand weht hinter ihm her. – Der deutsche Schriftsteller Arno Schmidt hat einmal geschrieben, das Leben bedeute den Sieg von Proteinen über Silikate. Die Sahara lässt es umgekehrt aussehen. Nur wenige Prozent Mauretaniens sind überhaupt für die Landwirtschaft geeignet. Der Wind formt Dünen wie Meereswellen und wandert mit den Gebeten nach Osten. Heilige Ruhe liegt über der Wüste. Wie jeden Freitag wird in den Moscheen für ein friedliches Wohlergehen gebetet, während gleichzeitig zahlreiche Mauretanier kriminalisiert werden, weil sie Liebe und Trauer auf andere als die islamische Weise teilen.

Ich stehe am Ufer. Meereswellen spülen das Land hinfort. Was ich sehe, steht kaum in Widerspruch zu dem, was in einigen mauretanischen Siedlungen geschieht. Langsam fortfließende Lawinen fluten Wege und Straßen. Sand hatte einst das alte Chinguetti überdeckt – diese heilige Siedlung, in der alte islamische Schriften aufbewahrt und bewacht werden. Vor langer Zeit wurde der ganze Ort auf höhere Gebiete verlegt. Die Sahara hat auch diese Siedlung eingenommen. Die Häuser, die man heute dort sieht, stehen auf denen, die begrabenen sind. Die Wüste erhebt sich und ich sehe das Ansteigen der See.

Kleine Inseln ragen aus dem Wattenmeer empor. Es gibt in keiner anderen Sprache ein Wort für diese einzigartige Landschaft, die direkt vor der Westküste Schleswig-Holsteins liegt – ein Weltnaturerbe, das geformt wird von sich ständig bewegendem Wasser, angezogen vom Mond. Im Mittelalter war das Meer hier festes Land. Die Wellen haben es weggerissen. In Jedem Herbst werden die Inseln von solchen Sturmfluten überschwemmt. Allein die Häuser, die auf kleinen Hügeln erbaut sind, ragen dann aus dem schäumenden Meer. Wellen bersten an den Mauern.

Ich sehe Schwärme von Graureihern nach Mauretanien fliegen. Der Herbst ist genauso die Zeit des Nebels. Er bedeckt das Marschland mit Silber wie die Wüste, wenn sie vom Vollmond beleuchtet wird. Ich habe Mauretanien selbst nie gesehen. Ich bin nicht vielen Mauretaniern begegnet, die mir aus erster Hand erzählt haben, was sie im Alltag bewegt oder in Bezug auf die Vergangenheit des Landes. Wir Europäer kolonisierten einst den afrikanischen Kontinent, beuteten die Ressourcen aus und versklavten Millionen. Wer bin ich, dass ich die Sklaverei in Mauretanien so selbstbewusst anzuprangern wage? Europa hat sie reich gemacht.

Von der Küste zurück nehme ich eine alte Enzyklopädie von Johann Christoph Adelung aus meinem Regal. Veröffentlicht wurde das Buch 1793. Ich blättere nach "Europa" und finde die Definition: "Der Name des kleinsten, aber aufgeklärtesten und gesittetsten Weltteiles." Ich lösche das Licht und blicke aus dem Fenster. Ich sehe den Nebel. Es ist der Schleier meiner Unwissenheit, der anmaßende Projektionen widerspiegelt, die in meinem Zustand der Untätigkeit entstehen.

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Jan-Christian Petersen

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24 | Sofie Steinfest

Wie der Christbaum schwimmen lernte, der hätte der unsrige werden sollen

Nur diesen einen Wunsch habe ich, nur diesen, nichts sonst wünsche ich mir zu Weihnachten, habe ich zu dir gesagt: Lass uns zusammen einen Baum aussuchen, habe ich gesagt, für uns. Und mir den Baum dabei schon als einen geschmückten gedacht, und das gemeinsame Aussuchen so, als gäbe es uns mit einem gemeinsamen Heim rund um diesen Baum.

Mich daran zu gewöhnen, dass du in letzter Minute doch nicht kannst, dazu habe ich bereits genügend Zeit gehabt. Anscheinend nicht ausreichend. Vorhin noch, allein vor dem Christbaumstand, habe ich meine Zuversicht durchschwommen, und womöglich auch die deine. Quer zur Fließrichtung, das in jedem Fall. Jedenfalls in dem Fall unseres verfehlten Zusammentreffens, wieder einmal.

Es ist wahr, finde ich nun, so wie ich den Baum unverhüllt durch die Straßen schleppe, so wie ich mich dahinschleppe und den Baum nur als Vorwand, ohne dich. Es ist wahr, die besinnungslose Freude kennt uns kaum mehr. Ansatzlos heben wir uns von allem ab, was wir einst waren und nie sein werden. Die Ringe an unseren Fingern haben ab dem ersten Augenblick von unserer komplizierten Verfassung gezeugt: nicht zusammenpassend. Wohl haben wir vorgeblich unwissend getan, als hätten wir uns bei unseren Treueschwüren versprochen. Und dennoch, eine Tatsache, nicht nur an Feiertagen: Du wie ich einem anderen Menschen zugetan.

Das Ausharren und Zuwarten seither unsere Lebensaufgabe. Oft umsonst. Darum also, der Baum, den ich allein über den losen Neuschnee schleife, den Baum, den du nicht mit mir trägst, verzweifelt, als ginge es darum ein Wettrennen zu gewinnen. Auf befestigten Straßen eile ich, als könnte mich das retten, oder auch nur etwas von uns, und denke an die Zeit, als Anfang war und Frühling freilich und meine Verfügbarkeit zum Beispiel durchaus zur Debatte gestanden ist. Mit zusammengebissenen Zähnen haben wir uns einst einander vorgestellt. Um das Schlimmste zu verhüten, das wir noch kaum ahnten, das Schlimmste, das meine Offenbarung sein mochte oder deine.

Ich und der Baum bewegen sich über die Friedensbrücke, als gäbe es keine andere denn diese schicksalshafte Querung. Wiewohl die Richtung stimmt, unterwegs zu dir, ist meine Lust entvölkert. Ich denke an Wildbienen, die ich den domestizierten immer schon vorgezogen habe, und denke bereits an unseren Baum getunkt in ein Das-wäre-auch-zu-schön-gewesen! Und spüre ihn entgleiten, den Christbaum, der hätte der unsrige werden sollen, aus meinen verkrampften Händen, hinab, als wäre da kein Geländer, in die Donau, wo ich ihn kurz darauf treiben sehe, wie unsere Zuversicht: gegen die Strömung.

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Sofie Steinfest

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23 | Sarah Claire Wray

c scham

ich war und bin und werde immer sein
durch arbeit definiert

schaffe schaffe häusle baue

nur wer leistet,
ist
ein guter mensch ein lieber mensch
ein mensch der von anderen gelobt wird

doch jetzt ist alle leistung still gedreht.

und ich ich bin

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Sarah Claire Wray

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22 | Carolina Reichl

Die Geburt Schatzibinkis

Rückblickend bezeichnet meine Mutter die Geschehnisse als ein Wunder.

Den ganzen Advent war sie auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Mein Vater hatte ihr Ende November angekündigt, dass er dieses Jahr mit seiner neuen Freundin Weihnachten feiern würde. Er glaubte, dass auch sie eine Affäre hätte.

Meine Mutter zog allein in die erstbeste Wohnung, die sie fand.

Am 24. Dezember half ich ihr beim Übersiedeln. Wir bestellten Pizza bei einem Türken auf Mjam. Zum Kochen fühlte sie sich nicht im Stande. Sie heulte nach der dritten Flasche Weißwein. Sie verstand nicht, wie es soweit kommen konnte. 26 Jahre hatte sie ihre Bedürfnisse denen meines Vaters untergeordnet.

Wir öffneten einen Zweigelt. Betrunken schliefen wir vor dem Fernseher ein.

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Am nächsten Morgen saß meine Mutter neben mir und strahlte über das ganze Gesicht. Vor uns auf dem Boden ein Katzenjunges mit zerzaustem Fell, das sich über einen Teller Schinkenwürfel beugte.

„Das ist Moritz“, sagte sie. Mich hätte sie auch Moritz genannt, wenn ich ein Junge geworden wäre. „Ich war um 5:00 schon wach und hab den Müll rausgetragen. Da hab ich ein Miauen gehört. Jemand hat den Kleinen einfach in der Mülltonne ausgesetzt, kannst du dir das vorstellen? Wie lang er da wohl schon gewesen ist. Ein Wunder, dass er noch lebt.“ So hatte sie ihn empfangen, unbefleckt, aber verdreckt.

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Bereits nach wenigen Tagen wurde aus Moritz Morli beziehungsweise Schatzibinki. Morli benutzte sie, um über ihn zu sprechen; Schatzibinki in der direkten Anrede. Seither hat für meine Mutter eine neue Zeitrechnung begonnen. Wenn sie von einem Ereignis berichtet, das vor der Trennung geschehen ist, dann sagt sie nicht: Vor der Trennung, sondern: Vor Morli.

Anfangs fand ich es gut, dass sie Morli behalten hatte. Er lenkte sie von meinem Vater ab und bewahrte sie davor, alleine zu sein. Doch dann begann sie, um 4:00 Uhr morgens aufzustehen, weil er Frühstück wollte. Sie hörte auf, auf Urlaub zu fahren, weil sich irgendjemand um Morli kümmern musste und ihrer Meinung nach konnte das nur sie; vor anderen hatte Morli Angst. Sie verzichtete sogar auf ihre Maniküre, auf die seit Jahrzehnten schwor, nur um ihm das teuerste Futter und Leckerlis in allen Formen zu kaufen. Mit Sticks, Pudding und Bites ringt sie um seine Aufmerksamkeit. Manchmal kauft sie ihm auch Neuburger. Den liebt er. Sie selbst mag Leberkäse nicht.

Ich sage oft: „Du verwöhnst ihn zu sehr.“

Sie meint, ich müsse das verstehen. Wenn er fraß, wäre er glücklich. Recht viel mehr gäbe es in seinem 40m2 Universum nicht.

Selbst als sich herausstellte, dass sie eine Katzenhaarallergie hatte, beschloss sie, ihn nicht herzugeben, sondern lieber Tabletten zu nehmen. Es wäre ja nur ein leichtes Kratzen im Hals und ein bisschen Husten, sagte sie.

„Es ist nicht immer einfach, aber das Gute ist, ich kann mich auf ihn verlassen. Er wird immer bei mir bleiben.“ Dann fügte sie hinzu, es sei vorherbestimmt gewesen, dass sie einander gefunden hatten.

„Wer sollte das bestimmen?“, fragte ich. Darauf antwortete sie nicht. Sie meinte nur, es könne kein Zufall sein, dass sie ihn ausgerechnet an Weihnachten gefunden hatte.

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Am 24.12.2019 sprach sie zum ersten Mal von Morli dem Retter. Er hätte sie vor der Verzweiflung bewahrt und von ihrer Trauer erlöst. Sie hob ihr Glas und trank auf ihn.

Aber Morli ist kein Erlöser. Er ist verfressen.

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Wenn ich meine Mutter besuche, überlege ich, die Wohnungstür offen zu lassen, damit das geliebte Schatzibinki in die Freiheit läuft und sie ihre zurückbekommt.

Vielleicht hätte ich die Einschränkungen verstanden, die meine Mutter für Morli hinnahm, wenn Morli ein Hund gewesen wäre. Hunde erwidern Zuneigung bedingungslos. Morlis Liebe ist an den Futternapf geknüpft.

Bevor er sein Fressen bekommt, ist er am zutraulichsten. Sobald er hört, wie das Schälchen geöffnet wird, schwattelt er in die Küche. Ich staune jedes Mal, wie dick er geworden ist. Sein Bauch schaukelt so heftig von links nach rechts, dass er alle Muskeln anspannen muss, damit es ihn nicht aus der Bahn wirft.

Dann schmiegt er sich um die Beine meiner Mutter, zuerst mit dem Kopf, dann mit dem ganzen Körper. Streicheln, hochheben, abbusseln, das lässt er alles zu, schnurrt dabei sogar und manchmal schleckt er ihr auch über die Wange.

Sobald er aufgegessen hat, ist sein liebes Getue vorbei. Versucht meine Mutter ihn zu berühren, streckt er die Krallen aus und beißt ihr mit voller Wucht in die Hand. Seine Reaktionen sind unergründlich.

Meine Mutter schreit nicht, auch nicht wenn der Kratzer tief ist und blutet. Sie ist ihm niemals böse. Sie sagt dann, sie wäre selbst schuld, sie hätte ihn nicht anfassen dürfen. Nach dem Essen mag er das nicht.

Auf ihrer Hand sind so viele Narben, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann.

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Ich frage mich, ob Katzen ein Bewusstsein dafür haben, wenn sie über einen Menschen Macht verfügen. Und wenn ja, ob es ihnen Spaß macht.

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Eines Tages öffne ich die Tür und stelle eine frischgeöffnete Packung Neuburger ins Treppenhaus.

 „Komm“, flüstere ich. Morli sitzt am Gang und beobachtet mich, wie ich ihm seinen Weg nach draußen deute.

Ich lehne mich gegen die Wand, sodass er problemlos an mir vorbeilaufen kann. Meine Mutter kriegt von alldem nichts mit. Wir haben uns bereits verabschiedet, sie steht in der Küche und räumt auf.

 „Es war ein Versehen“, würde ich ihr sagen. „Er war so schnell, ich unkonzentriert. Es tut mir leid.“ Sie würde weinen, mich beschimpfen, aber irgendwann würde sie mir verzeihen.

Ich bin verwundert, dass Morli sich nicht gleich in Bewegung setzt.

„Komm schon, ich weiß, wie sehr du den liebst“, sage ich noch einmal und hebe eine Scheibe hoch, tanze damit vor seinem Gesicht. Er wird gleich zubeißen, denke ich.

Gelassen sieht er mich an, schließt die Augen und öffnet sie wieder.

Einige Minuten stehen wir so da. Dann wird es mir zu blöd.

Ich trete über die Schwelle, packe den Leberkäse wieder ein und nicke ihm zu. Dann schließe ich die Tür.

Er bleibt bei meiner Mutter, so wie sie es prophezeit hat.

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Carolina Reichl

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21 | Lisa Bullerdiek

Ich sitze in der obersten Reihe am Fenster. Unter mir sind keine Stuhlreihen. Vorne kein Vorhang. Bald ist es so weit, ich habe vor zehn Minuten über ein Prepaid-Handy angerufen und es danach im Klo versenkt, in dem Badezimmer, das wir seit langem nicht benutzt haben.

Aber der Sonnenuntergang will nicht passen. Gold habe ich erwartet, oder wenigstens Orange. Stattdessen eher Dreckswasser mit Eiweißkrone.

Macht nichts. Bald kann ich anfangen.

Die Winterluft wischt meinen Zigarettenrauch aus dem Handgelenk zurück ins Zimmer.

Macht auch nichts. Ist eh niemand wirklich hier. Nur das leise Grummeln unten. Ab und zu Klackern auf der Treppe.

Ich beginne so langsam. Das ist mein zweitliebster Moment, wie der Krach, wenn die Instrumente vor dem Konzert gestimmt werden, der sich langsam in Harmonie verzahnt. Zuerst schicke ich Blitze als Vorahnung, hinter den Bäumen an der großen Straße, die ich manchmal vergesse, dabei ist sie ein schönes Detail. Ich klopfe blaues Licht gegen die Allee, zwischendurch rotes, ganz sanft, dann ist es wieder verschwunden – Kinderhände, die an einem Geländer entlangruckeln. Sie müssen erst die Kurve nehmen, wie wir alle, die wiedergekommen sind. Die Kurve, die Taxifahrer oft verpassen. Wir mussten uns auf den letzten Metern nach vorne lehnen und mit dem Finger auf die dunkle Lücke zwischen den Bäumen zeigen – da, hinter dem Schild.

Und dann schüttele ich die Lichtreflexe als Glockenklingeln zwischen den Hauswänden, ein lautloses Echo, das sich entlang der gedrungenen Reihen nach vorne arbeitet und den jetzt schwarzen Stein belebt, kein Martinshorn, das brauche ich an Heiligabend nicht. Noch ist alles andere still. Ich halte den Klang, lasse ihn noch nicht ganz den schmalen Weg ausfüllen. Ich klackere die Lichter jetzt schneller, schicke immer mehr und mehr Autos, die sich nach vorne drängen, wie ein Schwarm Heuschrecken in langer Dreiecksformation, hebe sie ein Stück über den Asphalt, aus meinem Klingeln wird ein Surren. Die Häuser stehen fest da, aber ich male mit dem Licht Leben in die Fenster.

Ich ziehe das Surren hoch über die Straße, zwischen den Kaminrauch, bis zu mir. Bald ist es in meinem Kopf, ich streiche es mir hinter die Ohren, auf meinen Hinterkopf, auf meine Lider. Sie sind jetzt unten auf dem Wendeplatz, ich drehen ihre Reifen ein, als Andeutung, dass alles gut ist und sie bald wieder gehen; ich lasse sie noch einen Moment innehalten, auf ihren Sitzen zurückgelehnt, mit weit geöffneten Augen, bevor das Orchester richtig einsetzt. Vielleicht ist das der zweitbeste Moment.

Dann geht alles ganz schnell, ich werde ungeduldig: Kla-klatsch, klatsch, klatsch der Türen, raschelnde Funktionsjacken, geübte Schritte, gerade Haltung, aber ungeschicktes Innehalten. Welches Haus nochmal? Ich zeige auf das Haus an der Ecke. Ich baue das Finale auf, löse es noch nicht ein – Geduld. Sie finden die richtige Nummer mit meiner Hilfe, sind ein Fischschwarm aus funkelndem Schwarz auf der Schwelle, stehen auf den Gittern, unter denen wir früher immer Kröten gefunden haben. Wir mussten gut gucken und mit der Hand im Laub wühlen, dann saßen sie da: Feuchte Holzstücke, die uns in die Hand pinkelten, wenn wir zu fest zudrückten.

Die Tür öffnet sich, dahinter ist es schwärzer als draußen. Ich schubse sie hinein, aufgereiht an einem gelösten Faden, kurzes Warten, dann schnipse ich die Lichter an: Wohnzimmer, erster Stock, Dachboden, davor auf einmal die schwarzen Silhouetten der Männer in den verschiedenen Fenstern, die so merkwürdig an der Außenseite positioniert sind. Die Schatten sind wie Trompeten oder wie eine Stimme des Chors, noch nicht ganz da, aber genug, um mir selbst in die Magengrube zu boxen und mir den Hals ein bisschen zuzuschnüren. Vielleicht haben wir uns mit den Fenstern abgefunden, weil alle Häuser hier gleich sind und wir mit ihnen wenigstens nicht alleine waren.

Die Pause: Alles ist ruhig, jetzt stehen sie im Wohnzimmer, fast außerhalb meiner Reichweite. Meine Nachbarn in der Mitte sehen sicher sehr klein und alt aus zwischen den Männern. Entwarnung, nichts gefunden, aber eine Telefonnummer, falls doch etwas sein sollte; Erleichterung, alle Fenster heil, die Winterluft bleibt draußen, niemand Fremdes, der in der Abstellkammer oder dem Kriechkeller lauert, niemand Fremdes, der ausgerechnet am Heiligen Abend mit einem Messer in der Hand hinter der Küchentür sitzt.

Alles wieder rückwärts, ich wiederhole das Motiv: Licht, Treppe, nicht ganz im Gleichschritt raus aus dem Haus, über den Krötenschacht, Fischschwarm auf dem Wendeplatz oder Käfer, die sich irgendwo zu einem schwarzen funkelnden Haufen sammeln, Autotüren, kurzes Innehalten, dann zurück aus dem Schlauch nach vorne, bis zur Kurve, diesmal keine Lichter, kein Blau, kein Rot, nur die vollkommene Stille nach sehr viel Krach. Die Häuser stehen fest da. Aber anders, weil sie jetzt intakt aussehen und sogar freundlich, weil das Orange in den Fenstern mehr leuchtet, nachdem ich vorher Blau dagegengeklopft habe. In die Stille hinein dringt nur der höchste Klang, das Solo, das ich bis zuletzt hinausgezögert habe. Auch jetzt wünschte ich, ich könnte es in die Länge ziehen wie Bonbonteig und dann ganz dünn ausrollen. Dann würde es ihn in kleine, scharfkantige Stücke zerbrechen, die auf der Zunge schmelzen.

Meine Nachbarn kommen aus der Tür, in Hausschuhen und Socken, Schals und Arme um ihre Körper geschlungen. Sie stehen davor und betrachten jedes Fenster, jeden Stein und einander. Ich habe allem Kontur gegeben, einen kleinen grauen Rand um die Einzelheiten gezogen.

Nur der Himmel ist wieder nicht ganz perfekt. Er ist nicht so klar und blau, wie er früher war, wenn sich die Erwachsenen auf dem Wendeplatz noch auf einen Glühwein trafen und wir Kinder auf dem Spielplatz daneben schaukelten, uns die Hände an den Metallketten verkühlten und durch die eisklare Nacht sausten.

Trotzdem, ich kann ihre Gesichter nicht sehen, aber ich bin mir sicher, dass sie erstaunt sind und froh, dass sie hier ihr Leben verbracht haben. Denn alle Fenster sind heile. Niemand Fremdes lauert in der Abstellkammer oder im Kriechkeller. Niemand Fremdes sitzt ausgerechnet am Heiligen Abend mit einem Messer in der Hand hinter der Küchentür.

Das ist ja das Schöne an Weihnachten: Alle reißen sich zusammen. Manchmal muss ich nur ein bisschen nachhelfen.

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Lisa Bullerdiek

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