freiVERS | Lea Matusiak
superbomber
du fährst mir einen panzer vor die tür
fahre ich dir einen panzer vor die tür
irgendwo sprengst du ein haus darin
eine familie, ein kind, eine oma, ein leben
eine frau die war schwanger die stirbt
aber es passiert nicht nur hier es
passiert überall
es trifft die dächer aus blech, es trifft die demokratie
was bleibt ist die frage was bleibt und
was halt gibt
was wir brauchen ist halt, ist menschlich sein
und menschlichkeit
was ich brauche ist ein superbomber
und einen triftigen grund
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freiTEXT | Moritz Grohs
Firma Eckelt
Mutti verschaffte mir einen Ferialjob in der Firma Eckelt.
Ich war wenig begeistert über die Aussicht, die nächsten Wochen dem Proletariat anzugehören, und dann auch noch in Steyr festzuhängen.
Am Morgen meines ersten Arbeitstags führte Mutti mich mit dem Auto hinauf auf den Resthof zur Firma Eckelt. Vermutlich hatte sie die Befürchtung, dass ich sonst meinen Dienst schwänzen würde.
Ich stand orientierungslos in einer riesigen Fabrikhalle, in der es ohrenbetäubend laut war. Endlich kam jemand, um mir zu zeigen, was ich zu arbeiten hatte.
Meine erste Tätigkeit bestand darin, kleine quadratische Korkblättchen zwischen aneinander gelehnte Glasscheiben zu kleben, damit die Scheiben nicht aneinander kratzten.
Ich gab mir Mühe, alle mir aufgetragenen Arbeiten zur Zufriedenheit der Chefs zu erledigen.
Die Stimmung, die herrschte, wenn ich durch das Steyrdorf, den Schnallenberg hinauf und dann über den Tabor der Frühschicht entgegenschritt, mochte ich gerne. Es war zu der frühen Stunde noch so friedlich und still überall. Gleichzeitig war ich jedoch unangenehm nervös.
Einer meiner Kollegen nahm mich zu Beginn meines Jobs ein bisschen unter seine Fittiche, da wir einander als ehemalige Schüler des BRG Steyr erkannt hatten.
Er war sehr nett zu mir und bot mir sogar einmal an, mich mit seinem Auto nach der Schicht nach Hause zu bringen.
Allmählich verlor er jedoch das Interesse an mir.
Ich mochte es, wenn die zweite Schicht um 22 Uhr zu Ende ging und ich kurz darauf die Fabrikhalle verließ. Ich war geschafft von der schweren Arbeit, meine Haut juckte vom Glasstaub und meine Füße fühlten sich ganz leicht an, weil ich gerade den schweren Arbeitsschuhen entstiegen war. Die Nacht war lau und friedlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas geschafft hatte. Mir fielen die zwei Worte ein, die auf dem Sockel des Werndl-Denkmals am Ende der Promenade stehen: „Arbeit ehrt“.
Ich hatte große Mühe, mit den Leuten um mich zu kommunizieren; in den Pausen saß ich also meistens schweigend und lesend im Pausenkammerl, während die anderen ihre immergleichen Gespräche über Autos, nackte Frauen und gelegentlich auch über Sauftouren führten.
Der Typ, der mit mir bei dem riesigen Ofen arbeitete, in dem die Glasscheiben gehärtet wurden, war meistens übernächtig und voller Restalk, wenn er zur Frühschicht auftauchte.
Allmählich kristallisierte sich heraus, dass er mich nicht leiden konnte.
Immer deutlicher wurde ich zum Außenseiter.
Der besoffene Typ war mit einem Hubwagen voller Glasscheiben unterwegs und rammte einen anderen Wagen voller Glasscheiben, der da herumgestanden hatte. Es gab einen lauten Knall und dann bedeckte ein Meer von Glasscherben den Boden, die der stille Jugoslawe dann wegkehren musste.
Es herrschte eine enorme Hitze in der Fabrikhalle.
Allmählich ging der Nachmittag in den Abend über.
Wir waren damit beschäftigt, Wagen voller schwerer Glasscheiben auf den Platz vor der Halle zu schieben, damit sie dort in LKWs verladen werden konnten.
Ich schob, so fest ich konnte. Mir rann der Schweiß in Bächen runter.
Schon nach kurzer Zeit war mir ganz klar, dass ich es in der Firma Eckelt nicht mochte.
Alle Augenblicke warf ich einen dezenten Blick auf die Uhr, die sich in der Anzeige des riesigen Ofens befand und war dann immer recht enttäuscht darüber, wie elends langsam die Zeit hier drinnen in der Halle verging.
Ich nahm einen hastigen Zug von meiner Zigarette und wartete darauf, dass die nächste Glasscheibe anrollte, damit ich sie mit meinem Kollegen auf einen Wagen wuchten konnte. Und dann wiederum die nächste und die nächste.
Man tadelte mich, weil ich jeden Tag ein paar Minuten zu spät zur Schicht erschien.
Ich wurde regelrecht verzweifelt darüber, dass ich in der Firma Eckelt arbeiten musste.
Ich unternahm zaghafte Versuche, mir einen Finger zu brechen, damit ich nicht mehr arbeiten musste, aber es gelang mir nicht.
Mein saufender Arbeitskollege hasste mich regelrecht. Er drangsalierte mich, so gut er es vermochte.
Von den allermeisten der anderen Kollegen konnte ich keine Hilfe erwarten. Niemand sprach auch nur ein Wort mit mir. Der Typ mit den Wikinger-Tattoos, der jeden Tag nach der Schicht auf seinem Motorrad davonbrauste, tat, als wäre ich gar nicht existent. Die zwei Bosnier, die die Statur von Bären hatten, unterhielten sich mit lauten, tiefen Stimmen in ihrer Muttersprache miteinander, und beachteten mich auch nicht weiter.
Es war der totale Wahnsinn für mich und gelegentlich weinte ich in der Fabrikhalle still und leise vor mich hin.
Wir waren lebende Roboter, die von morgens bis abends Glas schleppten, bei ohrenbetäubendem Lärm eingeschlossen in einer glühend heißen Fabrikhalle.
Ich konnte nicht verstehen, wie die Leute so ein Leben zu ertragen imstande waren und zu ertragen gewillt waren.
Ein kleiner Mann aus Sarajewo, der aussah wie Diego Maradona, begann, sich hin und wieder mit mir zu unterhalten.
Mehrmals gab er mir den Rat, dass ich unbedingt meine Matura nachholen müsse, damit mir ein Leben in Fabrikhallen erspart bliebe.
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freiVERS | Andreas Köllner
Das unperfekte Gedicht
Der Perfektionist sitzt freudig noch in seinem Zimmer –
Er schrieb gerade ein Gedicht.
Doch merkt er schnell, ganz so wie immer:
Zufrieden bleibt er damit nicht.
Ein Vers zu viel, ein Wort zu wenig.
Und reimt sich das denn gut auf König?
Ein reiner Reim ist ihm zuwider,
Unrein reimen mag er lieber.
Und Zeilensprünge, wie an dieser
Stelle hier – das ist sein Hochgenuss!
Aber lange währt der Hochgenießer
Nicht in jenem Augenblick – der Schluss
Macht ihm doch sehr zu schaffen,
Weil noch der Anfang ihm den Kopf zerbricht.
Perfektionismus lässt dich scheinbar alles besser machen,
Nur damit fertig werden nicht.
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freiTEXT | Melissa Redeker
die ex-geherin
heute vor einem jahr entschied ich mich, meinem freund fremdzugehen. fremd mit einem anderen. die fremdheit des anderen hat mich fasziniert, mich angesteckt, mich in den bann gezogen. ist in mich eingezogen. nun ist die fremde ein teil vom ich. nun bin die fremde ich und träume vom wegziehen, vom weiterziehen. ich träume vom umzug in eine fremde stadt. die fremdheit des ich mit der fremdheit der welt tarnen. ja, ganz eins werden lassen – verschmelzen, verschmolzen. fremd und fremd gesellt sich gern. wir wissen. wir verdrängen das. wir verfremden unsere erinnerung.
pinterest 2014: zwei menschen küssen sich schwarz-weiß, einer mit sonnenbrille. darauf drei schwarze balken, weiße schrift – nicht sicher, ob den kuss störend oder den kuss rahmend:
we all
start as
strangers.
wir alle beginnen als fremde. wir alle begegnen der fremde. freunde und fremde – dazwischen nicht viel oder alles. der fremde, dem kuss mit einem freund störend oder rahmend bedeutung geben? das fremdgehen dem kuss mit meinem ex-freund störend oder rahmend bedeutung gebend? seit dem fremdgehen fühle ich mich fremd. gehe mit mir um, wie mit einer fremden – nicht wie mit einer freundin. gehe fremde wege, höre fremde lieder, treffe fremde menschen – und auf fremde gedanken. in meinem kopf – visionen, illusionen, inspirationen – einer fremden. befremdlich. vielstimmige versionen einer fremden, die in meine fremde welt passt. ich charakterisiere die fremde. ich kultiviere die fremde. ich identifiziere mich mit der fremden, die mir aus dem spiegel entgegenblickt: das bin ich. die fremdgeherin. die ex-freundin. nehme die fremde zur freundin. werde zur ex-geherin, denn ich möchte bleiben – verändert und fremd – aber bei mir.
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freiVERS | Felicia Aparicio Lukaßowitz
große städte III
meine erinnerungen an die große stadt verblassen
doch nicht der geruch nach staub
nach frischem brot und üppigen gärten
und den abgasen alter limousinen
mich zerreisst fast der blick auf die häuser
über hügel verstreut wie granatsplitter
alles strotzt vor dreck, aber es ist warm
und in den einkaufszentren spiegelt sich die sonne
wir wandeln, die köpfe im nacken
die glaswände der hochhäuser stürzen
über uns zusammen. vor uns das meer so dunkel
die stadt in unserem rücken glänzt
mich birgt die wärme der aprilnacht
die haschischgeschwängerte brise des meeres
das späte februarlied, das schmutzige katzen
durch stahlträgergestützte kriegsruinen schreien
eine frau sitzt am boden, daneben
zwei schlafende kinder, die gesichter
verdunkelt von staub und salzluft
ihre herkunft ist in den wirren des krieges
zu einem schimpfwort geworden
die nacht überzieht der flaum grüner mandeln
und in alhamra entkleiden sich die restaurants
tische gleiten zur seite, lampen werden gedimmt
schon schmiegen sich raucher an die nackten fassaden
und tanzen trinkend über klebrige böden
im gedämpften licht liegt noch der schwere geruch
nach fettigem essen und schweiß
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freiTEXT | Petra Hochwimmer
Fischaugenlicht
Das Licht brach an den Lamellen der Jalousie. Der eine Strahl zeichnete sich direkt auf Annas Gesicht ab, hob den dunklen Fleck ihrer rechten unteren Kinnseite hervor, der andere, etwas in Schieflage geraten, verlor sich unter den Rollen des rostbraunen Nachttisches. Jedes Mal, wenn ich die Tür zum Zimmer 223 öffnete, strömte mir derselbe Geruch in die Nase: eine Mischung aus zu dick aufgetragener Nivea und Blumenwasser, das zu lange von niemandem mehr getauscht worden war. Der Geruch kroch in die Fasern meiner Kleider, kroch weiter in meine abgestorbenen Hautschuppen hinein, die immer wieder abfielen beim routinierten Anlegen der blauen Einweghandschuhe.
Anna saß an diesem Morgen aufrecht im Bett. Und jedes Mal, wenn Anna lächelte, drückten ihre Mosaikwangen aus winzig roten Adern ihre Brille etwas nach oben, sodass man die schon dünn gewordenen Augenbrauen kaum noch erkennen konnte. „Heute ist ein guter Tag“, sagte Anna, und noch bevor ich nach dem Warum fragen konnte, fuhr sie fort: „Keine Angst vor dem Aufwachen.“ Das monotone Massieren ihrer Füße war eine Übersprungshandlung, das wusste ich. Doch ich wollte das Verschwinden von Annas Lächeln um jeden Preis verhindern. Zögerlich stieg Anna schließlich ein auf meinen Ablenkungsversuch, sprach nicht mehr von der Angst, die unter ihrer Haut lauerte und jede Nacht an einer anderen Stelle ausbrechen wollte, es aber nie schaffte, weil man sich auf die Wirkung des Sedativums wirklich verlassen konnte.
„Hast du schon einmal Fische beim Sterben beobachtet?“ Annas Frage riss mich aus meinen Gedanken. „Warum sollte man Fischen beim Sterben zuschauen?“, entgegnete ich vielleicht etwas zu forsch, weil ich nicht gerne sprach über den Tod. Letztens war die Pumpe für die Sauerstoffzufuhr im Aquarium ausgefallen. Im Wasser gab es schon bald keine Luftbläschen mehr, die Fische mit ihren viel zu großen Augen wurden panisch. Schuppen sanken langsam auf den Grund, wurden wieder aufgewirbelt, von den ums Überleben kämpfenden Fischen. Das Aquarium glich einer Schneekugel, die einmal zu oft geschüttelt worden war. Ein rotes Licht am Aquariumsdeckel fing an, hastig zu blinken, ein schriller Ton schwoll an, klang ab wie eine längst vergessene Sirene. Irgendwann gaben sie auf, die Fische, oder ihr Herz-Kreislauf-System wurde einfach schwach, das wusste Anna nicht so genau, und dann drehten sie sich auf den Rücken. Sie trieben im stillgewordenen Wasser umher, und manchmal stießen ihre Körper lautlos aneinander. Als die Pumpe wieder funktionierte, strömte plötzlich zu viel Sauerstoff in das Wasser. Es schien, als hätte jemand die Schneekugel auf den Kopf gedreht. Die Lampe hörte auf zu blinken. Der Sirenenton verklang im leer gewordenen Speisesaal. Manche Fische drehten ihren Bauch wieder Richtung Grund, andere trieben regungslos weiter. Eine milchige Glasur legte sich über ihre Augen, eine wie jene, die man von pinken Punschkrapferln kennt, nur eben weiß.
Es war so still im Zimmer, ich konnte das kratzige Surren der Notfallglocke hören. „Vielleicht fühlt sich Sterben genau so an“, sagte Anna leise und beobachtete die Luftbläschen im Wasserbehälter ihres Sauerstoffgeräts.
Irgendwann trafen sich unsere Blicke. Doch nur Anna lächelte sanft, zog die Nasenbrille ihres Sauerstoffschlauchs etwas enger, spürte das glatte Plastik zwischen ihren Fingern ihre Haut aufreiben. Ich hingegen schwieg immer noch. Der Tod war meine Arbeit. Er war omnipräsent, durch nichts relativierbar. Doch als ich Annas ozeanblaue Augen am Sauerstoffbehälter haften sah, fühlte ich mich plötzlich selbst wie ein Fisch, in luftleeren Weiten treibend.
Auch der Zeiger der Uhr tickte an diesem Tag anders. Jedes Ticken dehnte sich zu einem langen Echo aus, das durch den in einem Daffodilton gestrichenen Gang spazierte, bis es vom Fensterglas umarmt und nie mehr losgelassen wurde. Ich wusste, ich hatte heute viel zu lange gebraucht für Annas Morgenroutine. Ich wusste, dass diese Zeit verstrichen und in keinem Zimmer mehr aufzuholen war. Und trotzdem stand ich regungslos vor der Uhr, folgte jedem Wink des Zeigers, spürte ein Zucken in meiner linken Hand. Wie gerne ich zurückgewunken hätte. Aber es blieb nur eine sanfte Erregung meiner müd gewordenen Gliedmaßen. Ein schwacher Versuch des Loslösens, ein Trost, der überhaupt keiner war.
Nur spärlich drang der schrille Ton zu mir vor. Er war gedämpft, so, als trüge man Kopfhörer, die einem nie gepasst hatten. Das hektische Blinken der Warnleuchte zentrierte sich zu einem winzigen Punkt vor meinen Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde versagte mein Körper. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was zu tun war in einem solchen Moment. Auf der Anzeige stand keine Zimmernummer. Jemand im Aufenthaltsraum musste den Alarm ausgelöst haben. Ich sah zu Anna. Anna, die ihre Finger in den Tisch krallte, nach Luft rang. Ihre Stricknadeln waren auf den Boden gefallen. Anna bekam keine Luft, dachte ich. Und endlich schaffte ich es, zu tun, was ich so oft simulieren musste in der Ausbildung. Ich drehte den Sauerstoff zwei Stufen nach oben und nahm Annas Hand. „Ich bin jetzt da“, flüsterte ich. Aber ich wusste nicht, ob ich Anna oder nur mich selbst davon überzeugen wollte. Anna drückte meine Hand etwas zu fest, doch sie atmete ruhiger, bekam wieder Luft, und schon bald machte sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht bemerkbar. Die Mosaikwangen drückten die Brille wie gewohnt nach oben.
An diesem Abend saß ich viel zu lange an Annas Bett, konnte nicht aufhören, ihren Atem kontrollieren zu wollen. Ich wusste von Annas COPD-Erkrankung. Ich wusste, dass diese Anfälle dem Krankheitsbild entsprachen. Ich wusste aber auch, dass Annas Lunge irgendwann nicht mehr stark genug sein würde, diese Krämpfe, dieses Zusammenziehen der Lungenflügel auszuhalten. Und plötzlich musste ich an die toten Fische denken. Ich hörte die Luftbläschen im Sauerstoffbehälter brodeln. Ich hörte die Stille, die an diesem Abend viel zu laut war im Zimmer 223.
Ein letztes Mal sah ich zu Anna hinüber. Das Mondlicht linderte das Rot ihrer Mosaikwangen, ließ ihr Gesicht fahler aussehen. Und als ich lange nach Dienstschluss die Eingangstür des Pflegeheims öffnete, glaubte ich für einen kurzen Moment, den modrigen Duft von Wasser wahrzunehmen, dem der Sauerstoff fehlt. Ich blickte zu Annas Fenster hoch. Es war geschlossen. Und das Licht schon lange gelöscht.
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freiVERS | Lukas Leinweber
German Windows
der Ausblick auf den Morgen hält sich
im Rahmen, beschert zwei schwarze Finger
hinterlässt nur Abdrücke auf der Bettwäsche
sicher hinter Panzerglas hausen die Gedanken
Scheiben ohne Öffnungszeiten nirgendwo
die Stimmung kippt mit dem Ausschütteln
bei sperrangelweit fand sich komischerweise
nichts vom Schwalbenschwärmen im Gesetz
Gewitter flattert unterm Lampenschein jetzt
ein Aufriss um nichts, die Vorstellung
vom Windzug unterkühlt
Steinwürfe nach dem Glück sind
versicherungspflichtige Schadensangelegenheiten
gebrochene Ansichten werden von Lastern transportiert
der Handel mit ideologischen Brillen floriert
ein gläsernes Geschäft
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freiTEXT | Oliver Schein
Peregrinus
Ich wache auf, als die Zahnbürste schon in meinem Mund steckt.
Der Arm vor mir gehört mir nicht.
Er zieht in ruhigen Bahnen über Zähne, die ich nicht kenne. Innen, außen, Kauflächen. Der Schaum schmeckt nach Pfefferminze und einem Hauch Metall aus alten Leitungen. Die Finger umklammern den Plastikgriff, als hätten sie nur diese eine Bewegung gelernt.
Im Spiegel hängt ein Gesicht:
Augenringe, Bartstoppeln, ein Sprung im Schneidezahn. Hinter ihm eine weiße Fliese mit einem feinen Riss, der sich als dünne Linie über die Wand zieht. Rechts ein wackliges Regal mit Duschgel, einer halb leeren Creme, einer Packung Schmerztabletten, in der noch drei Tabletten klappern.
Ich kenne diesen Raum nicht.
Ich weiß, wo der Lichtschalter ist.
Der Körper spuckt Schaum ins Becken. Ein Tropfen trifft den Rand, läuft langsam zum Abfluss, ein schwarzer Kreis im weißen Becken. Der Wasserhahn rauscht, bis jemand ihn zudreht: ich, aber nicht ich.
Das Geräusch bleibt einen Moment im Raum, breitet sich aus, wird schwerer, kälter.
---
Wasser. Nicht aus einem Hahn, sondern aus einem Himmel, den ich nicht sehe.
Es fällt in dicken Strängen auf Schultern, die an grobes Leinen gewöhnt sind. Es läuft in einen Kragen, der längst durchnässt ist. Unter meinen nackten Füßen Holz, das federt, weil darunter nur Luft ist.
Vor mir ein Platz, Gesichter unter Tüchern und Kapuzen. Mäntel, die Wasser saugen. Hinter mir Harz. Ich drehe den Kopf ein Stück und sehe einen Stamm, so nah, dass ich jede Faser in der Rinde erkennen kann. Dort, wo ein Ast aus dem Stamm wächst, ist das Holz glatt, hell, blank. Ein Strick liegt darüber, gespannt.
Eine Stimme liest etwas vor, Worte über Ordnung und Gesetz. Der Regen zerhackt die Sätze. Im Vordergrund bleiben Münder und Hände. Ich schaue auf den Baum. In der Rinde flache Kerben, halb verwischt, als hätte jemand Zeichen eingeritzt, die keiner mehr lesen kann.
Das Holz unter meinen Füßen rutscht weg.
Der Körper fällt, der Blick bleibt am Stamm. Ein Harztropfen hängt an einer Verdickung, klar, schwer. Er löst sich nicht.
---
Der Wasserhahn im Badezimmer gibt einen letzten Laut von sich. Der Mann im Spiegel spült den Schaum weg, reibt sich mit einem Handtuch über das Gesicht. Die Kante des Handtuchs ist aufgefasert.
„Muss los", sagt er.
Auf der Waschmaschine vibriert ein Handy. Er nimmt es hoch, wischt über das Display. Licht fällt auf Fliesen. Nachrichten, Mails, ein kleines Dreieck für ein Video. Er tippt es an.
Eine Bahnstation, graue Fliesen, Neonlicht, zitternde Kamera. Ein Junge am Boden, einer, der tritt, einer, der filmt. Menschen im Hintergrund bleiben stehen, halten sich an Taschen fest, an nichts. Der Ton ist leise, aber die Bewegungen sind hart und schnell.
Im Kiefer spannt sich etwas an.
Der Daumen bewegt sich, das Bild friert, wird klein, verschwindet. Die Liste mit Symbolen rutscht wieder nach oben. Der Bildschirm wird schwarz.
Er steckt das Handy ein, greift nach der Tasche, löscht das Licht.
---
Schlag aus Metall.
Ich stehe auf einem Sims, der warm unter meinen Füßen ist. Über mir hängt eine Glocke im Dunkeln des Turms. Wenn sie schlägt, vibriert der Stein unter meinen Krallen. Die Luft trägt Rauch, kalte Asche, einen süßlichen Film von unten.
Unter mir Dächer, dicht an dicht, Gassen wie Spalten. Auf einem Platz haben sie Erde zur Seite geschoben. Ein Loch, von Brettern eingefasst, der Rand schlammig vom Regen.
Ein Wagen fährt an die Kante, kippt. Stoff, Körper, lose Arme, Beine. Die Formen verschwimmen, sobald sie fallen. Der Geruch legt sich als zusätzliche Schicht über den Platz.
Ich lasse mich fallen.
Die Luft trägt mich ein Stück, dann klappe ich die Flügel an, bremse kurz vor dem Boden, lande auf etwas Weichem. Unter meinen Füßen gibt Fleisch nach, unter dem Stoff Knochen. Der Stoff ist nass.
Mein Schnabel tastet nach einer Stelle, die noch zu ist. Haut, die nichts mehr entscheidet. Ich reiße, ziehe, schlucke.
Ein Auge liegt frei.
Das Lid steht halb offen. Die Pupille ist milchig, aber der Blick steht noch zwischen mir und dem grauen Himmel. Meine Beine werden starr. Der Schnabel bleibt in der Luft.
Dann senke ich den Kopf, suche eine Stelle, auf der Stoff alles abdeckt, und mache weiter.
Steine prallen neben mir in die Grube. Stimmen schreien. Ich springe ein paar Schritte, Flügel halb ausgebreitet, lasse die Steine im nassen Gemisch verschwinden, rücke an einen anderen Saum.
Wenn es dunkel wird, sitze ich auf einem Dachfirst, lege den Schnabel ins Gefieder und putze, bis das Metall wieder glatt ist.
---
Beton.
Ein Flur, Treppen, Geländer aus verkratztem Metall. Die Luft ist feucht, trägt Waschmittel und ein Essen von gestern, das in den Wänden hängt.
Ich stehe mit einer Tasche über der Schulter. Der Schlüssel steckt noch im Schloss. Über mir läuft Wasser in einem Rohr, irgendwo fällt etwas um, jemand flucht leise.
Schritte: ein Mann kommt die Treppe herunter, Schultern angespannt, Jacke offen. In der einen Hand ein Riemen, in der anderen ein Kinderarm. Am Kind hängt ein Ranzen, der zu breit für den Rücken ist.
„Beeil dich", sagt der Mann.
Der Junge stolpert auf der letzten Stufe. Ein Schnürsenkel ist offen. Die Kante der Stufe trifft den Fuß. Ein kurzer Laut, sofort wieder verschluckt. Der Griff um den Arm bleibt.
Ich könnte zur Seite gehen. Den Rücken an die Wand drücken, Platz machen.
Der Körper tut es nicht. Die Hand am Schlüssel wird feucht.
„Moment", sagt mein Mund.
Der Mann schaut hoch. Erst mich an, dann seine Hand, dann den Jungen.
„Was?"
„Er ist eben umgeknickt", sage ich. „Lassen Sie ihn kurz hinstellen."
Der Mann blickt auf den Fuß, als sei er neu. Der Griff lockert sich ein wenig. Der Junge setzt den Fuß auf, vorsichtig. Das Gesicht zieht sich kurz zusammen, aber er steht.
„Na gut", sagt der Mann. „Dann langsam."
Er hebt den Ranzen ein Stück an, damit der Gurt nicht mehr in den Hals schneidet. Sie gehen weiter. Der Schnürsenkel schleift, die Hand am Arm ist nicht mehr so fest.
Ich ziehe den Schlüssel aus dem Schloss und warte, bis ihre Schritte im Straßenlärm verschwinden, bevor ich selbst die Treppe hinuntergehe.
---
Holz unter den Pfoten.
Der Flur ist enger, die Stufen sind abgescheuert, jede mit eigener Kerbe. Die Luft ist warm vom Ofen, satt von Suppe und altem Rauch. Tapete löst sich in Fetzen, der Putz dahinter bröckelt.
Ich springe auf die Fensterbank. Das Glas ist kalt. Mein Atem beschlägt eine kleine Fläche. Draußen ein Hof, Kopfstein, eine Tonne an der Wand.
Unten steht eine zweite Katze. Das Fell liegt eng, Rippen zeichnen Linien unter der Haut. Sie schiebt den Kopf gegen den Deckel der Tonne, hebt ihn ein Stück an, lässt ihn wieder sinken, versucht es noch einmal.
„Die schon wieder", sagt eine Stimme hinter mir.
Eine Frau tritt ans Fenster. Die Hände sind rot vom Spülwasser. Sie sieht nach unten. „Mach sie weg", ruft sie. Ein Name. Schritte. Ein Stuhl kratzt, ein Besenstiel wird aufgenommen.
Meine Krallen graben sich ins Holz. Der Hof ist der Weg, den ich kenne. Die andere steht darin, als gehörte ihr ein Stück davon.
Ich reiße das Maul auf und schreie. Das Geräusch ist zu groß für den Raum, schneidet durch Tellerklirren und Ofenknacken.
Der Mann mit dem Besenstiel zuckt, bevor er das Fenster erreicht. Unten fährt die Katze zusammen, blickt nach oben, zur Seite, verschwindet im Schatten zwischen zwei Mauern.
Der Stock trifft die Tonne. Metall scheppert. Stimmen schimpfen über „Viecher". Das Fenster wird geschlossen.
Ich springe vom Sims, setze mich an den Teller auf dem Tisch und lecke die Ränder sauber. Die Suppe ist dünn, an den Kanten dicker. Der Schwanz liegt ruhig, der Brustkorb geht zu schnell.
Der Hof ist leer.
---
Bett.
Ein Metallgestell, eine Matratze, ein Nachttisch, ein Stuhl ohne Aufgabe. Links vom Bett ein Monitor, der in gleichmäßigen Abständen piept und eine Linie zeichnet, die hin und wieder ausschlägt.
Die Hände dieses Körpers sind leicht und trocken. Die Haut darüber ist dünn, wenn man sie zusammendrückt, bleibt sie einen Moment stehen. Die Nägel sind kurz, matt.
Das Fenster steht auf Kipp. Die Luft trägt Desinfektionsmittel und einen süßlichen Rest von dem, was auf dem Tablettenwagen steht. Draußen ein Baum, der Stamm von einem Metallring gehalten. In seinen Ästen hat sich Plastik verfangen, eine zerfledderte Tüte, die bei Wind leise raschelt. Auf einem der Äste sitzt ein schwarzer Vogel.
Die Schwester tritt ein, stellt ein Tablett auf den Nachttisch. Eine Schale mit Püree, eine Tasse Tee, ein Löffel. Sie prüft Schlauch, Pflaster, Monitoranzeige.
„Alles stabil", sagt sie.
Der Mund dieses Körpers formt ein „Ja". Es ist kaum mehr Stimme darin.
Sie zieht das Laken glatt, richtet das Kissen, macht eine kurze Notiz und verschwindet wieder. Auf dem Flur rollt ein Wagen vorbei, Porzellan klappert gedämpft durch die Tür.
Es fühlt sich an, als läge ich unter der Haut und nicht auf der Matratze. Die Lampe über mir ist ausgeschaltet und trotzdem nicht ganz dunkel. Ein Haar liegt quer über der Stirn.
Draußen rückt der Vogel ein Stück auf dem Ast. Der Baum bewegt sich nur wenig, mehr im Stamm als in den Zweigen.
Der Monitor verändert seinen Takt, minimal. Der Abstand zwischen zwei Tönen wird etwas länger. Die Gardine hebt und senkt sich im Luftzug.
Ein weiterer Wagen rollt vorbei, Teller schlagen sacht gegeneinander. Jemand ruft etwas, lacht, hört auf. Eine Tür fällt ins Schloss.
Der Körper atmet ein, hält den Atem einen Herzschlag lang, atmet aus. Der Monitor gibt einen Ton von sich, dann einen mit mehr Pause dahinter.
Die Geräusche im Zimmer klingen, als kämen sie durch eine dickere Tür. Draußen knackt etwas im Baum. Der Vogel sitzt.
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freiVERS | Thimo Buchmüller
Uhu
Der Uhu, bubo bubo,
schlief in der Scheune
neben mir.
Am Morgen
nahm er mein Augenlicht.
Ich stutzte seine Flügel
als Gegengabe.
In der Nacht
vergaben wir einander.
Unser Sinn für Orientierung
war ähnlich.
Meine Netzhaut begann zu sehen.
Seine Flügel wuchsen –
länger, länger –
bis seine Federn mich kitzelten.
Weich wie Daunen:
der große Jäger.
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freiTEXT | Andreas Zabel
Die Echtheit der kleinen Brüche
Ich heiße Gunnar. Achtunddreißig. Ein Körper, der funktioniert, ein Leben, das sich lange weigerte, Form anzunehmen. Vielleicht beginnt alles an jenem Morgen, an dem Jerusalem wie ein ausgeatmeter Gedanke hinter den Fenstern hing und ich nicht mehr wusste, ob ich mich ausruhte oder verschwand. Die Frau in der Küche bewegte sich wie jemand, der Worte nur noch als Möglichkeit kennt. Zwischen uns lagen die Dinge, die man nicht sagt, weil sie sonst zu wahr würden.
Vier Tage zuvor war ich in ein Wohnzimmer zurückgekehrt, das zu leer war, um ein Zuhause zu sein. Unten handelten zwei Männer über Sandalen — Preis, Geschichte, Bedeutung — und ich merkte, dass ich nichts davon beantworten konnte. Ich stand nur da, wie jemand, der sich selbst beim Zusehen ertappt.
Lis brachte Avocados mit, überreif wie Gedanken, die man zu lange getragen hat. „Schneid sie auf“, sagte sie. Der Geruch, süßlich und alt, breitete sich aus wie eine sanfte, aber unerbittliche Diagnose. „Manchmal sehen Dinge gesund aus, obwohl sie es nicht sind.“ Ich wusste nicht, ob sie mich meinte oder die Frucht. Manchmal ist das dasselbe.
Später knickte mein Knöchel, unscheinbar, fast höflich. Ich saß vor einem Lokal, eine Zigarette zwischen den Fingern, und die Welt ging gleichgültig an mir vorbei. Die Frau, die sich ohne Vorwarnung zu mir setzte, nahm mir die Zigarette ab, zog einmal, gab sie mir zurück. „Manchmal braucht es nicht mehr“, sagte sie. Ihr Blick blieb an mir hängen, als wüsste sie, dass man für bestimmte Einsichten erst stolpern muss.
Franzi war eine andere Art Bruchstelle. Sie trat in Räume, als würde sie sie erst erschaffen, indem sie sie betrat. Wir saßen zusammen, und sie sagte: „Du behandelst Gefühle wie eine Steuererklärung.“ Sie lächelte dabei nicht. „Ordentlich. Übersichtlich. Ohne Mut.“ Es klang nicht vorwurfsvoll, eher wie jemand, der weiß, dass Wahrheiten nur wirken, wenn sie sanft platziert werden. „Man kann jemanden zärtlich zerstören“, sagte sie. „Ehrlichkeit ist schärfer, wenn sie leise ist.“
Abdul sprach leise, aber seine Worte trugen weiter als die der anderen. „Man gewöhnt sich an vieles“, sagte er, „aber nicht daran, dass jemand fehlt.“ Seine Hände erzählten mehr als seine Stimme — zögernde Bewegungen, die sich weigerten, endgültig zu sein. „Warum Deutschland?“, fragte ich. „Weil hier niemand weiß, wer ich war. Nur, wer ich bin.“ Da begriff ich, dass manche Brüche nicht repariert werden müssen; man muss nur lernen, sie auszuhalten.
Am Ende bleibt weniger, als man glaubt. Nicht die Orte, nicht die ruhigen Erklärungen, nicht die Tage, die man verstreichen ließ. Es bleibt, was sich in den kleinen Rissen zeigt — jene Momente, in denen man einen Atemzug länger bleibt, als man wollte. Ich weiß nicht, ob ich ankomme. Aber ich merke, dass ich angefangen habe, zuzuhören, bevor Dinge verschwinden.
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