freiVERS | Marie Hahn
Fassadenbegrünung
der Efeu klettert toxisch an mir
gemein und blasiert
emporsteigend
prosperiert in meinen Putz hinein
solange
bis der Rankenmarkt floriert
mache mich klein nach allen Öffnungszeiten
fordere Rückschnitt
die Triebe verknappt
Lust und Leid der Efeu kriecht
schaurig vor zur Zentrale
und aus mir blüht die Dünnhäutigkeit
dünne Haut und Immergrün
im Frühling immer Talg
es wuchert
aber
nicht mehr schön
wohlig und Wehchen ich
ringel mich
bestimmt nicht mehr zur Mädchenblume
ich will und kann nur sein
eine Mauerfrau
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freiTEXT | Rebecca Ohnesorge
Sehr große Zähne
Ich habe sehr große Zähne. Sehr viel größere als die meisten anderen Menschen. Wenn ich den Mund schließe, sieht man, wie sie sich durch die Haut ober- und unterhalb meiner Lippen abzeichnen, in einzelnen hohen Bögen. Öffne ich den Mund, sind die meisten Menschen für einen Moment beinahe erschrocken, wie massiv sie wirken. Groß und porzellanweiß strahlen sie nach draußen, denn ich pflege sie auch gut. Seit meiner Kindheit hat man mir eingeschärft, wie wichtig es ist, sie gut zu pflegen und so verbringe ich jeden Tag Stunden damit sie zu scheuern, zu schrubben, zu wischen, zu säubern.
Nach meinen Eltern fiel als erstes den Lehrern in der Grundschule die Größe meiner Zähne auf. In meinem Kindergesicht wirkten sie noch gigantischer als jetzt: als hätte ich etwas zu Großes in den Mund genommen, das ich wieder ausspucken müsste. Aber ausspucken konnte ich sie natürlich nicht. Stattdessen rieten die Lehrer mir, etwas aus meinen Zähnen zu machen, wie sie sagten und ich erinnere mich, wie begeistert meine Eltern auf den Vorschlag reagierten. Mein Vater klopfte mir auf die Schulter und ließ sich die Zähne, die er ohnehin jeden Tag sah, noch einmal genauer zeigen, nachdem wir bei den Lehrern gewesen waren. Ich riss den Mund so groß und so lange auf, dass meine Lippen spannten und die Zähne ganz trocken wurden an der Luft. Mein Vater nickte und kniff fachmännisch die Augen zusammen. „Sehr schön“, sagte er dann, „daraus muss sich doch etwas machen lassen“
Wir versuchten zunächst, mich als Zahnspangenmodell zu vermarkten, aber nachdem unsere örtliche Kieferorthopädin einige Probeaufnahmen gemacht hatte, nahmen wir davon wieder Abstand. Die Größe meiner Zähne wirkte doch etwas bedrohlich und das metallene Drahtgeflecht der Zahnspange geradezu lächerlich winzig dagegen. Es sah aus, als müsse es vor meinen Zähnen kapitulieren und wäre sicherlich keine gute Werbung gewesen. „Du musst aber wirklich etwas aus diesen Zähnen machen“, riet mir die Kiefernorthopädin nichtsdestotrotz, „wenn man schon solche Zähne von Natur aus hat...“ Eine Weile arbeitete ich daher neben der Schule nachmittags in einer Zahnarztpraxis, wo ich anderen Kindern demonstrieren sollte, wie man sich richtig die Zähne putzt. An meinem übergroßen Gebiss war das Ganze einfach besser zu zeigen. Dann wurde ich an die zahnmedizinische Fakultät der Universität weitergereicht, wo Studentinnen und Studenten meine Zähne begutachten durften und an ihnen lernten. Als ich mit der Schule fertig war, stand fest, dass mein Beruf natürlich etwas mit Zähnen zu tun haben musste. Zahnmedizin zu studieren war mir leider nicht möglich gewesen, da ich aufgrund meiner vielen zahnbezogenen Nebenjobs einfach nicht genug Zeit gehabt hatte für die Schule zu lernen und entsprechende Noten zu ergattern. „Aber es steht außer Frage, dass du etwas anderes mit deinen Zähnen finden wirst“, versicherte mir meine Mutter, „wer solche Zähne hat wie du, wird auch etwas mit Zähnen machen“
Am Ende blieb mir nach langem Suchen nur eine Arbeit als menschlicher Nussknacker. Zuerst zerknackte ich tatsächlich ausschließlich Nüsse. Es war die Geschäftsidee einer Bäckerei in der Weihnachtszeit gewesen, ihre Nüsse für die Lebkuchen von einer lebendigen Person in einem Nussknackerkostüm zerbeißen zu lassen. Als diese Idee derartig gut ankam, dass sie andauernd Andrang hatten, weil die Leute sehen wollten, wie ich selbst die härtesten Nussschalen – Walnüsse, Haselnüsse, Paranüsse etc. pp. – mit spielender Leichtigkeit zwischen meinen Zähnen zerbiss, weiteten sie das Konzept auch auf den Rest des Jahres aus.
Nun knacken zwischen meinen Zähnen nicht mehr nur Nussschalen, sondern alles, was irgendwie hart und groß ist. Zuckerstücke, harte Nudeln, Porzellanlöffel und Bleistifte. Ich lächle, während alles aus meinem Mund heraus sprüht und splittert und ich den Menschen erkläre, wie interessant es sei die verschiedenen Oberflächen und Texturen zwischen den Zähnen zu spüren. Dass man eine Paranuss zum Beispiel anders knacken muss als ein Bonbon; einen Plastikteller anders als einen Pflaumenkern. Dass es auf den richtigen Winkel und die richtige Technik ankommt, die man immer weiter verfeinern muss. Ob ich immer schon gewusst hätte, dass ich etwas Derartiges machen wollte und dass es mir so viel Freude bereiten würde, fragen sie. Und ich lächle noch mehr. Natürlich, sage ich dann, wenn man von der Natur mit solchen Zähnen ausgestattet worden ist, dann muss man doch etwas in der Art machen. Es ist wundervoll, sage ich.
Es ist grauenhaft.
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freiVERS | SchiRa
Mutters Schweigen
es gibt keine freundschaft
zwischen den birken
die rehe sind einsam
wie rauch über dem schornstein
ich liebte den wald
aber war ihm ein rätsel
am fluss saß ich singend
und hielt die wunden ins wasser
wir hatten ein haus aus ästen
und wenn die raben kamen
knackte es
in mutters schweigen
ich liebte den duft
von verbrennendem holz
mit orangenen pupillen saß ich vor dem ofen
und träumte mich ins feuer
ich schlief im schrank
wo mutters schweigen mich nicht fand
ich liebte nüsse, knöpfe, murmeln
federn mied ich: sie waren weich
(das kannte ich nicht)
einmal kochte mutter suppe
der kürbis klebte ihr an der schürze
sie weinte am suppentopf vorbei
von dem ich nicht aß
am morgen stand der nebel vor den fenstern
die äste in den wänden
schoben sich enger aneinander
und schweigend stand mutter im knackenden haus
ich schlafwandelte
sprach mit tieren, sammelte blumen
ich wusste, es gab mehr als den wald
und leise legte ich das ohr an die tür
ich rieb orangen so lange an meiner haut
bis es duftete
nahm kirschkerne, rollte sie mir über die wangen
bis sie hellrot leuchteten
dann ging ich raus und hoffte
jemand fände mich so schön, dass er mich mitnähme
dann wär ich frei
dann wär ich froh
dann wär ich frei
dann wär ich froh
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freiTEXT | Franz Löbling
Danke für‘s Teilen
„Also… ich bin Karlo“, sagte Karlo.
„Hallo Karlo!“, antwortete der Kreis.
Karlo rieb sich ein wenig die Hosenbeine.
„Und… tja, also ich… ich bin reich“, sagte er betreten.
Alle nickten. Die Frau neben Karlo, ein Wesen aus tausend farbigen Tüchern, tätschelte ihm die Schulter.
„Niemand verurteilt dich hier, Karlo“, versicherte Harald von seinem Stuhl auf der anderen Seite. „Wir alle haben das gleiche Problem. Und gemeinsam…“ Er lächelte nach links und rechts. „… arbeiten wir daran, dass es besser wird, nicht wahr? Schritt für Schritt, geteilte Erfahrung um geteilte Erfahrung. Deshalb ist es wunderbar, dass wir heute unsere Erfahrungen auch mit dir teilen dürfen. Danke, dass du hier bist, Karlo!“
Jubel brandete auf. Karlo quittierte ihn mit einem verschämten Lächeln.
„Aber, aber!“, tadelte Harald. „Wir klatschen doch nicht. Niemand soll hier das Gefühl haben haben, dass er bewertet wird. Schon gar nicht, wenn er das erste Mal dabei ist. Karlo, das hier ist ein geschlossenes Meeting, wirklich ein sicherer Raum. Wir sprechen nur in der Ich-Form und teilen auch nur unsere eigene Erfahrung, Stärke und Hoffnung. Jeder darf teilen, aber keiner muss. Wenn du also heute nur zuhören möchtest, ist das völlig in Ordnung.“
Karlo nickte und sank wieder in seine gepolsterte Rückenlehne.
„Wunderbar!“ Harald zog sein Handy aus der Tasche. „Wie ihr wisst, ist unser heutiges Thema Immobilien und wie wir uns dazu überwinden können, sie loszulas…. Oh nein, Zoë, ist alles in Ordnung?“
Eine hagere Frau mit bonbonfarbenen Lippen hatte sich an die Brust gegriffen.
„Ja, ja“, hauchte sie und wedelte mit der freien Hand in Haralds Richtung. „Mach weiter. Es geht schon wieder.“
„Bleib stark, Zoë!“ Ihre Nachbarin drückte ihr den Oberschenkel. „Du machst das toll!“
Zoë nickte tapfer.
„Ich weiß“, sagte Harald etwas lauter, „es ist ein schwieriges Thema. Immobilien sind ein großer Teil und für manche von uns…“ Er nickte zu Zoë. „… mit Abstand der größte Teil unseres Vermögens.“
Bei dem Wort zuckten alle im Stuhlkreis zusammen.
„Aber“, fuhr Harald fort. „Gerade deshalb müssen wir über sie sprechen. Unser Ziel ist ein Leben, das wir wieder selbst bestimmen. Wir und nicht das Geld.“
Zustimmendes Murmeln. Einige wiederholten Haralds letzte Worte wie ein Mantra. Er wartete lächelnd, bis wieder Ruhe eingetreten war, dann sagte er:
„Das geht aber nur, wenn wir uns letztlich auch von unseren Immobilien trennen können.“
Zoë stieß einen kleinen Schrei aus, doch die meisten wirkten erleichtert, dass es ausgesprochen war. Harald tippte kurz auf seinem Handy herum.
„Als Einstieg möchte ich euch heute eine Nachricht von Ashley vorlesen, die, wie ihr wisst, leider nach Singapur fliegen musste, aber natürlich im Geiste bei uns ist. Sie schreibt:
‚My favorite Richies…‘“
Er gluckste und drückte kurz das Handy an die Brust.
„So Ashley…“, seufzte er, während die anderen lachten.
„Immer originell“, meinte ein beleibter Mann im Trainingsanzug.
„Erfrischend“, ergänzte seine Sitznachbarin.
„Wie kommt sie auf so was?“
„Großartige Frau!“
„Herzensmensch!“
„Bitte“, Harald hob sanft die Hand. „Wir versuchen, nicht zu werten.“ Er räusperte sich. „Also, Ashley schreibt:
‚My favorite Richies, so sorry, dass ich heute nicht da sein kann, aber die Asienexpansion ist leider mehr tricky als gedacht und jetzt muss ich auch noch den Steuernachlass neu verhandeln…‘“
„Unfassbar“, brummte ein Mann mit orange getönten Brillengläsern, der rechts von Harald saß. Harald warf ihm einen mahnenden Blick zu, bevor er weiterlas:
„‚… aber ich denke natürlich an euch alle und unsere Mission – und werde deshalb die Gelegenheit hier nutzen, mein Sommerhaus in Sentosa Cove zu verkaufen. …‘“
„Was?“, rief der Mann im Trainingsanzug und richtete sich kerzengerade auf.
„‚… Es tut mir in der Seele weh, und ich weiß, dass Stephan sehr enttäuscht sein wird, weil wir zu Silvester kein gemeinsames Barbecue mehr machen können…‘“
Der Mann im Trainingsanzug hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und starrte wie versteinert auf Haralds Handy.
„‚… Aber ich möchte ihm und euch allen sagen: ‚Keep pushing! Ihr seid so wunderbare Menschen – und am Ende ist ein Haus nur ein Haus. Just hang in there! Wenn ich messy minnie das hinkriege, dann ihr auf jeden Fall auch. Love you all, Ashley‘.“
Harald ließ das Handy sinken.
„Ich denke, besser können wir unsere Sitzung heute nicht einleiten“, sagte er lächelnd und fügte dann hinzu: „Danke für‘s Teilen, Ashley.“
„Danke für‘s Teilen“, echote der Stuhlkreis.
„Wie macht sie das nur?“
„Als wär‘s nichts!“
„Einfach Ashley, oder?“
Harald hob seine Stimme ein weiteres Mal.
„Damit möchte ich die Runde eröffnen. Denkt bitte daran: Wir vermeiden Kommentare und Diskussionen – und Ratschläge, auch wenn sie gut gemeint sind. Und…“ Sein Blick zuckte leicht nach rechts. „… denkt bitte auch daran, beim Thema zu bleiben, okay? Es geht um Immobilien. Also, wer möchte beginnen?“
Kaum hatte er die Frage beendet, als der Mann rechts von ihm schon aufsprang.
„Helmut“, sagte Harald etwas schwach, „du musst wirklich nicht…“
„Ich stehe gern“, dröhnte Helmut und schob sich die orange Brille ins Haar. „Und ich möchte teilen, dass ich seit unserer letzten Sitzung meine Häuser verkauft habe.“
„Welche?“, fragte Stephans Sitznachbarin spitz, eine große, schwerberingte Frau mit schwarzem Bob.
Helmut feixte.
„Alle“, sagte er.
Entsetzt blickte die ganze Gruppe zu Helmut. Die Ringfrau keuchte. Zoë schien einer Ohnmacht nahe.
„Tja“, meinte Helmut, offenbar zufrieden mit seiner Wirkung, und steckte eine Hand in die Tasche, während die andere zu großer Geste ansetzte. „Reden alleine bringt ja nichts. Ich meine…“ Er wandte sich halb entschuldigend zu Harald. „… es ist natürlich großartig, was du hier für uns tust, und Selbsterkennung und so weiter und so weiter. Aber am Ende des Tages müssen wir ja auch ins Tun kommen. Und klar: Beide Daumen hoch für Ashley, dass sie ihr Sommerhaus verkauft hat. Aber welchen Impact hat denn das wirklich? Feiert sie halt dieses Jahr in Seoul oder Riad. Ich meine, kleine Schritte schön und gut, aber wenn wir hier vorankommen wollen, müssen wir groß denken, auch mal harte Entscheidungen treffen. Wozu brauch ich denn meine Häuser? Die Kinder sind erwachsen. Ich bin geschieden und sowieso die meiste Zeit im Büro. Also hab ich die oberste Etage meines Firmengebäudes zum Penthouse ausbauen lassen und den ganze Rest verkauft. Und ich sag euch eins, Leute, Zeit ist nicht unser Freund hier. Ich hab den Preis für alle Häuser schon so weit gedrückt, wie es nur ging, ohne Schenkungssteuer zahlen zu müssen. Aber am Ende war‘n es trotzdem fast drei Millionen Plus. Ich meine, wir wissen alle, dass es nicht leicht ist, was wir hier versuchen, aber dieser Pillepalle ‚Hier mal ein bisschen spenden und hier mal was verkaufen‘ bringt nix. Wir arbeiten nicht nur gegen unsere Sucht. Wir arbeiten gegen die Zeit. Und wenn wir nicht einfach immer reicher werden wollen, muss das hier alles etwas…“ Er schnippte zweimal energisch mit den Fingern. „… zackiger gehen.“
Helmut setzte sich.
Nach einem langen Augenblick sagte Harald:
„Danke für‘s Teilen, Helmut.“
„Danke für‘s Teilen“, wiederholten Einzelne. Die meisten schienen zu erschüttert, um zu sprechen. Zoë, die vergeblich versucht hatte, sich mit dem Gelassenheitsgebet zu beruhigen, stand auf und wurde von ihrer Sitznachbarin aus dem Raum geführt.
Harald selbst atmete mehrmals tief durch, bevor er fortfuhr:
„Aber noch einmal: Denkt bitte alle daran, dass wir hier keine Forderungen stellen oder Tips geben wollen. Wir teilen unsere Erfahrung wertfrei, um andere nicht unter Druck zu setzen. Was für den einen funktioniert, muss nicht unbedingt für den anderen funktionieren.“
Helmut schnaubte hörbar. Harald ignorierte ihn.
„Also, wer möchte noch etwas teilen?“, fragte er.
Die Frau neben Karlo streckte zögernd eine Hand aus den Tüchern.
„Ja, Emily?“
„Also, ich glaube, ich, ich hab das das letzte Mal irgendwie falsch verstanden“, sagte sie entschuldigend und zupfte an einem rotgoldenen Batikschal. „Ich dachte, Immobilien heißt Wald und Ackerflächen und so…“
Man hörte, wie mehrere Nasen gleichzeitig Luft einsogen. Die Frau mit dem Bob stöhnte.
„Elvira, bitte“, sagte Harald zum ersten Mal erkennbar verärgert.
„Sorry“, erwiderte Elvira augenrollend. „Aber sag mir eine Sitzung, wo sie das Thema nicht falsch verstanden hat.“
„Das tut mir auch total leid, Elvira“, piepste Emily. „Aber ich hatte extra noch ‚immobil‘ nachgeguckt, und da stand, das kommt von Latein und heißt ‚unbeweglich‘, und, naja, ein Wald bewegt sich ja nicht. Deswegen dachte ich…“ Ihre Stimme verlor sich. „…das gilt vielleicht auch…“
Elvira öffnete den Mund, zog sich unter Haralds Blick aber am Ende nur einen imaginären Reißverschluss darüber und sank in ihren Stuhl zurück.
„Natürlich gilt das, Emily“, sagte Harald nachdrücklich, die Augen noch immer auf Elviras schmollendem Gesicht. „Was möchtest du mit uns teilen?“
„Naja“, Emily sah ängstlich von Elvira zu ihm und schluckte. „Also, nach der letzten Sitzung, als alle so große Fortschritte gemacht hatten – Zoë mit ihrer Schulstiftung und Stephan mit seiner ja wirklich riesigen Spende an… ich hab vergessen, welche Partei es war, aber das war alles so beeindruckend, dass ich mir gesagt habe, Emily, habe ich mir gesagt, es ist jetzt auch Zeit für was Großes. Also…“ Sie schluckte noch einmal. „Also habe ich angeboten, meine 2.000 Hektar Wald hier zu verschenken...“
„Zu verschenken?“, unterbrach Helmut entgeistert. „Bist du wahnsinnig? Weißt du, wie viele Steuern du dem Staat damit in den Rachen wirfst?“
„Helmut…“, begann Harald fast schon energisch, aber Stephan ging dazwischen.
„Emily, du bist ein ganz, ganz lieber Mensch und ich weiß, das ist ein Riesenschritt für dich. Deswegen: Hut ab! Ehrlich!“ Und er machte die entsprechende Geste. „Aber du solltest wirklich lieber billig verkaufen, damit vor allem die etwas davon haben, die mit Geld auch umgehen können.“
„Naja“, piepste Emily und duckte sich tiefer in ihren Stoffberg. „Aber ich wollte meinen Wald ja sowieso dem Land schenken.“
Helmut, Elvira und Stephan begannen alle gleichzeitig, sie anzuschreien. Zuerst schien es, als könnte Harald die Situation retten. Doch dann ließ Emily fallen, dass sie sich auch wegen des Klimas zu dieser Schenkung entschlossen habe.
„Das ist doch alles Propaganda, du dumme Trine!“, keifte Zoës Sitznachberin völlig außer sich. „Nichts davon ist bewiesen! Nichts!“
Außer Karlo waren alle aufgesprungen und redeten wild gestikulierend auf Emily ein. Harald versuchte nach Kräften, wieder Ruhe in die Sitzung zu bekommen. Doch es gelang ihm nicht einmal, den Pulk aufzubrechen, der sich um Emilys Stuhl gebildet hatte. Als endlich nach zehn Minuten alle müde getobt in seine Richtung schauten, war Harald verschwunden.
„Das ist aber nicht sehr wertschätzend“, sagte Elvira pikiert und strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. „Er hat schließlich selbst angeboten, zu moderieren!“
Stephan legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Harald hat bestimmt heute die Kinder“, sagte er. „Und schließlich muss ja jeder selber entscheiden, wie wichtig ihm das hier ist.“
„Wir sind jedenfalls noch da“, meinte Helmut und warf einen Blick auf die Uhr, „und wir haben noch eine halbe Stunde.“ Er winkte allen, wieder Platz zu nehmen, während er selbst stehen blieb. „Also, hat noch jemand was?“
Aus einem zitternden Haufen bunter Tücher hörte man leise:
„Ich.“
„Ich denke, wir habe heute alle genug von dir gehört, Emily“, sagte Helmut brüsk. „Es geht uns ja hier nicht darum, um jeden Preis zu verarmen. Wenn wir nicht gleichzeitig unsere Angestellten schützen und der Gesellschaft einen Dienst erweisen können, ist mit unserem Verlust niemandem geholfen. Bevor du deinen Wald dem Staat schenkst, kannst du ihn ja gleich selber anzünden…“
„Aber das wollte ich doch sagen“, erwiderte Emily etwas lauter, „dass das Land die Schenkung abgelehnt hat, weil sie keine Kapazitäten für die Pflege haben.“
Elvira schnaubte.
„Und für diese Inkompetenz zahlen wir Steuern…“
„Ich weiß“, saugte Emily gierig Elviras Zustimmung auf. „Furchtbar, nicht wahr? Aber jedenfalls… dann habe ich Karlo hier getroffen. Und er hat mir von diesem wirklich tollen Modell erzählt, das… naja, das erzählt er besser selbst. Ihr kennt mich ja.“ Sie kicherte nervös. „Jedenfalls, er hat jetzt meinen Wald, aber irgendwie auch nicht, und ich bin jetzt viel, viel weniger reich als vorher und – ich fühle mich großartig. Wirklich! So… erleichtert. Und ich dachte, dass Karlo, also sein Modell, vielleicht auch euch helfen könnte. Deshalb habe ich ihn heute zu unserem Treffen mitgebracht.“
Überrascht sahen alle zu Karlo.
„Ich dachte, du bist hier, weil du nicht mehr reich sein willst“, sagte Elvira misstrauisch.
Karlo hob entschuldigend beide Hände.
„Das stimmt“, sagte er. „Aber im Vergleich zu euch allen bin ich arm. Und falls ihr bei meinem Modell mitmachen möchtet, werde ich sogar noch ärmer.“ Er lachte. „Aber das Tolle daran ist: ihr auch. Ohne dass ihr auf irgendetwas verzichteten müsst, und ohne…“ Er wies auf Helmut. „… dass eure Angestellten den Preis zahlen müssen.“
Helmut hob die Brauen.
„Wie?“
„Oh, ganz einfach. Meine Firma kauft Vermögenswerte zum Spottpreis und leiht sie den Vorbesitzern entgeltfrei auf Lebenszeit zurück.“
Alle außer Emily brachen in schallendes Gelächter aus.
„Das ist ja völlig bescheuert“, gackerte Zoës Sitznachbarin.
„Stimmt“, sagte Karlo lächelnd. „Deshalb sinkt unser Aktienkurs auch nach jedem neuen Kauf.“
„Wieso seid ihr noch nicht bankrott?“, fragte Helmut.
Karlo stand auf, griff sich in die Jacketttasche und gab ihm eine Visitenkarte.
„Weil wir technisch gesehen eine Bank sind“, sagte er. „Der Kleinsparer wegen dürfen wir gar nicht bankrott gehen.“
Ein Raunen ging durch den Stuhlkreis. Helmut, den Blick unverwandt auf die Karte in seiner Hand gerichtet, setzte sich langsam.
„Natürlich steigern wir auch immer kurz den Firmenwert“, fuhr Karlo fort, „wenn wir Immobilien oder Land kaufen, aber da wir damit keinen Gewinn machen, hält das nicht lange.“
„Also müsst ihr immer weiter kaufen“, sagte Stephan und nickte. „Für Spottpreise weiterkaufen.“
„Ganz genau.“ Karlo gab auch ihm eine Visitenkarte. „Und dabei werden wir ärmer und ärmer.“
„Aber nicht so arm wie eure Verkäufer Slash Mieter“, grinste Elvira.
Karlo nickte, reichte ihr einen ganzen Stapel Visitenkarten und setzte sich wieder.
„Das ist genial!“, kreischte Zoës Sitznachbarin und griff sich eine. „Das ist genau das, was wir brauchen.“
„Der freie Markt regelt!“, rief Stephan, den Blick zur Decke gerichtet. „Danke, Karlo!“
Helmut, noch immer die Karte in der Hand, erhob sich wieder.
„Ich denke, da sind wir uns alle einig“, dröhnte er. „Danke für’s Teilen, Karlo!“
„Danke für’s Teilen“, lachten sie alle.
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freiVERS | Sonja Jurinka
einsamer gast
die wolken reiben sich
schüchtern gegenseitig an ihrer wolle, gläsern
stoßen die sterne
ihre hellen stimmen empor und
zeigen mit dünnem schein züngelnd
den weg in den krustigen wald
wo wurzeln sich windend
sicherheit und anker sind.
grün riecht hier die erde, während
moosbett und grasgeflecht feucht einladen
die zehen schlammig versinken zu lassen, und da:
ein zartes wasser schäumt
singend über schillernden kies hinweg und
umschlingt in gierigem tanz
das raunen der algen.
ruhe! ruft nun die fledermaus und
flimmert mit glühender haut
in die bedeckte nacht hinein.
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freiTEXT | Johanna Schramm
See der grünen Erinnerungen
Der Wind streichelte sanft ihre leicht gerötete Wange, strich ihre Haare aus dem sonst blassen Gesicht, blies sie sacht nach hinten über ihre Schulter, wo sie sich wiederfanden und ineinander verschlangen. Goldene Seide in einem fast gänzlich aufgelösten Knoten.
Glitzernd tanzten die Pollen in der bewegten Luft, kitzelten sie in der Nase und verschwanden in dem Wald, der sie umgab und der stetig neue Samen freigab, um im nächsten Sommer ein prachtvolles Blütenmeer zu gestalten.
Wasser umschloss ihre Knöchel, kühl, nass. Es bewegte sich kaum, schlug keine Wellen, nur ab und zu zogen kleine Kreise ihre Bahnen im See, wenn ein funkelnder Fisch auftauchte und wieder in der Tiefe und Dunkelheit des Wassers verschwand.
Das Wasser war nicht klar, nicht türkisblau, es war grünlich, etwas trüb. Kein Bild aus einem Märchen, das sich einem bot. Und doch war es wunderschön. Es war ehrlich, verwundbar.
Das Mädchen mit den goldenen Haaren bewegte sich vorsichtig tiefer in den See, spürte den Schlick zwischen den Zehen, die kleinen Steinchen, die sich in ihre Fußsohlen bohrten, die Kühle des Wassers, die sich um ihre elfenbeinfarbenen Waden schloss. Immer höher stieg die Kälte an ihrem zierlichen Körper empor. Das birkengrüne kurze Kleid schmiegte sich eng an ihre Haut, wickelte sich um ihre Taille, zog sie mit dem Gewicht leicht nach unten.
Das Wasser umspülte ihren Hals, der seidige Knoten löste sich ganz auf. Aus flüssigem Gold wurde ein Teppich aus Kupfer, der an der Oberfläche trieb und sich mit der Umgebung verband.
Ihre Füße wagten sich weiter vor, gruben sich in die nasse Erde. Und plötzlich war da nichts mehr. Kein Schlick, der ihr Halt bot, keine Steine, auf denen sie ihre Zehenspitzen platzieren konnte. Das Wasser brach über ihrem Kopf zusammen, verschluckte das Mädchen, das einer Waldfee glich, leise, heimlich, viel zu schnell.
Aber genau dort wollte das Mädchen sein. Sie ließ sich nach unten gleiten, vom schweren Kleid in die Tiefe ziehen, näher zur Dunkelheit, weiter in die Stille, die so friedlich war. Sie schloss die Augen, beruhigte ihren Puls, der sich instinktiv erhöht hatte, sie dazu drängte zu schwimmen, Sauerstoff zu suchen und nach oben zu gelangen.
Mit dem grünen Kleid, das im Wasser schwebte, als sei es schwerelos, sah sie aus, wie ein Teil des Sees, ein Teil dieser eigenen kleinen Welt. Die Fische schwammen nah an ihr vorbei, umspielten sie, hießen sie willkommen.
Mit geschlossenen Augen genoss sie die Stille, den Frieden, der sich einem bot, wenn man allem entfliehen konnte. Sie wollte nicht sterben, eigentlich wollte sie auch vor nichts fliehen, dies war bloß ein willkommener Bonus ihrer Besuche.
Tief im Wasser, wenn sie nichts hören und nichts sehen konnte, wenn nur das Rauschen ihres Blutes in den Ohren und das dumpfe Pochen ihres Herzens ihre Begleiter waren, fühlte sie sich ihren Liebsten nahe, die sie schon lange verlassen hatten. Sie konnte sie spüren, tief in ihrem Innern und im Wasser um sie herum. An der Oberfläche war es zu laut, zu schnell, zu wuselig, zu voll mit Dingen, die verhinderten, dass man sich ganz auf eine Sache konzentrieren konnte. Vor allem war es zu laut, um Menschen zu hören, die nicht mehr da waren und um in sich selbst zu horchen.
Hier spürte sie ihre Anwesenheit. Sie fühlte die Liebe ihrer Mutter, die es geliebt hatte, am See zu picknicken. Sie hörte das Lachen ihrer Tante, wenn sie mit ihr in das Wasser sprang. Sie sah das Gesicht ihrer Großmutter mit dem Lächeln, das ihre Augen zum Funkeln brachte, wann immer sie ihre Tochter und Enkel erblickte. Sie hörte die leise verschwörerische Stimme ihres Großvaters, der ihr Geschichten von Waldfeen, Elfen und Kobolden erzählte, die bestimmt gerne mit ihr spielen würden, wenn die Erwachsenen nicht dabei wären.
Je kälter ihr wurde, je mehr ihre Lungen brannten, desto lauter wurden ihre Stimmen, ihr Lachen und umso klarer ihre Umrisse. Wenn sie das Gefühl hatte, sie beinahe anfassen zu können, wusste sie, dass es Zeit war aufzutauchen. Zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante, ihrer Großmutter und dem Flüstern ihres Großvaters stieß sie sich vom Boden ab, schwamm empor, der funkelnden Sonne entgegen, die ihr ihre Liebsten wieder nehmen würde, bis sie wiederkam.
Ihr Kopf durchstieß die Oberfläche, ihr Haar klebte ihr im Gesicht. Die geflüsterten Feen lösten sich auf, das Lachen verhallte und ihr Atem erklang viel zu laut in ihren Ohren.
Wassertropfen glitzerten auf ihren Wangen, liefen an ihrem Hals nach unten, kitzelten sie, munterten sie auf. Ihre moosgrünen Augen öffneten sich, fanden die Stelle am Ufer, an der ihre Familie immer gepicknickt hatte, fokussierten den kleinen Vorsprung, von dem sie mit ihrer Tante immer in den See gesprungen war. Ein Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus, ähnlich dem ihrer Großmutter, als sie auf diesen zuschwamm.
Sie kletterte auf den kleinen Felsen, schaute hinunter auf das Wasser, in dem sich ihr Gesicht spiegelte. Blinzelnd musterte sie das Bild, bildete sich ein, neben sich die blauen Augen ihrer Mutter zu entdecken, die Hand ihres Großvaters auf ihrer Schulter zu spüren. Ihre eigenen Finger zuckten nach oben, berührten dort ganz sacht ihr Schlüsselbein, bevor sie drei Schritte zurücktrat.
Mit einem leisen Lachen sprang sie in den See.
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freiVERS | Anna Derksen
Erben
Ich gehe den Flussweg
im Zwielicht entlang
die Hände leer
die Taschen leer
das Schweigen zwischen Deich und Gras
sanft wie gehaltener Atem
Bilder kommen
wie ein Kiesel im Schuh:
die Stimme einer Frau
die Gläser im Regal durchzählt
die mehlbestäubten
Handflächen einer anderen
jede von ihnen sammelt
das Morgen in ihre Schürze
Sie lebten gebeugt
im Dunst kleiner Zimmer
wo Bedürfnis warm aus winzigem Bett aufstieg
wo Wunsch und Verzicht
denselben Namen teilten
Aber meine
Hände bleiben bar
frei, flechtenraue Rinde zu berühren
frei, den eigenen Puls zu fühlen
statt des Gewichts einer fremden Zukunft
Ich lasse, was ich bin
indem ich das Stillstehen wähle
um bei mir zu sein
– the British call it solitude
In der sinkenden Dämmerung
fliegen Fledermäuse ungesehen
rauscht der Fluss weiter
Ich stehe dort
die Hände offen
und spüre alles im Wind.
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freiTEXT | Jasmin Bogade
Nördlich des Hindenburgdammes
Die Sonne tanzt über die Kräuselungen der Wasseroberfläche, punktuell, glitzernd, zwischen dichten Wolken hindurch. Ein schnelles Wechselspiel im steten Wind. Die Ebbe ist vorangeschritten. Die Buhnen werden sichtbar. Ein Schwarm Austernfischer steigt zwischen ihrer geometrischen Anordnung auf.
Der Wind weht von Landseite und verfängt sich als feines Rascheln in den Kronen der Ulmen. Insekten stehen in der Luft. Vögel zwitschern. Die Sonne gewinnt an Kraft. Die Kartoffelrosenknospen zeigen erste feine rosa Linien. In wenigen Tagen wird der Weg von pinker Blütenpracht gesäumt sein. Ein hölzernes, flaches, grünes Gartentor neben einem braunen. Die Häuser, tief in die Dünen gebaut, geben nur den Blick auf Reetdach und die oberste Reihe Sprossenfenster, in weiß getünchten oder farbig holzvertäfelten Mauern, frei.
Der Seeseite abgewandt: Friesenwälle als Gartenbegrenzung mit dicht bewachsenen Hecken und Büschen. Die weißen Blütenstände der hochgewachsenen Kastanien im alten Kirchweg wippen im üppigen Grün. Selbstgemachte Marmelade und Honig stehen in einem kleinen Holzkasten gegen Barzahlung in eine Kasse bereit, um von vorbeikommenden Spaziergängern mitgenommen zu werden. Schmal sind die Fußwege. Ein beständiges Rauschen und Wispern zieht durch die Straßen. Gemütlich sind die Menschen unterwegs; verlieren sich in den gewundenen Gassen.
Die Strandkörbe in den Gärten und Parks sind der Sonne zugewandt. Lesen. Unterhalten. Ausruhen. Ein paar Radfahrer kommen vorbei. Eine Gruppe Urlauber bestaunt die Häuser, ihre inseltypische Bauweise. Ein offenes Gartenstück am Kliff gibt die Sicht frei aufs Meer. Das Schilf ist mannshoch. Durch feine, braune Linien der Blick aufs Watt. Ölig glänzend. Ein stetiges Blubbern und Glucksen ist zwischen den lauten Rufen der Möwen im Schlick zu hören. Austernfischer und stolzierende Säbelschnäbler stochern im feinen Sediment. Zwei Reiter galoppieren den schmalen, mit einer Kordel vom Spazierweg getrennten Pfad am Strand entlang.
An der Kreuzung Museumsweg sind Stimmen zu hören. Neben satt blühenden Pfingstrosen hängt Wäsche zum Trocknen in der Sonne. Nur eine leichte Brise hebt sie an, passend zur Trägheit und Ruhe des Ortes. Bewohnt und zugleich unbewohnt wirken die Häuser mit ihren offen stehenden Eingangstüren, um die aufkommende Wärme der Maisonne tief in die Räume zu lassen.
Walter spaziert vorbei. Mit seinem dichten Fell genießt der Corgi vor allem die Herbst- und Wintermonate mit kalten Temperaturen und kräftigen Stürmen. Nach ein paar Streicheleinheiten legt er sich an seinen Lieblingsplatz unter eine Holzbank, mit Blick aufs Meer, unweit der Lügenbrücke. Dünen, bewachsen mit Glockenheide, Felsenbirnen, strahlend gelb blühenden Hornklee und zart violett blühenden Strand-Grasnelken geben weich bei jedem Tritt nach. Zum Watt hin stehen Pfeifengras und in Büscheln wachsender Strandhafer. Ein schwer mit Blütenständen behangener Fliederstrauch verströmt seinen Duft in der Abendsonne. Kies knirscht unter unseren Füßen.
Ich trinke Ostfriesen-Tee mit Hafermilch aus einer Sauciere – den größten Pott, den ich in unserer Ferienwohnung finden konnte – und denke an Frau Schwarz.
Bordeauxrote Turnschuhe zur rosa-weiß karierten Hose. Das klassisch geschnittene helle Hemd lässig unter dem sattroten Pullover drapiert. Im Kontrast dazu das auffällig gearbeitete Perlenarmband mit großen leuchtend gelben und metallenen Kugeln. Ein ansteckend fröhliches Lachen durchströmt die frisch renovierte Buchhandlung. Rauhaardackel-Hündin Elsa liegt unter der sorgfältig ausgewählten Auslage und genießt das Ambiente. Mit jugendlicher Unbeschwertheit ist die Dreiundneunzigjährige ins Gespräch vertieft. Ihr Bericht über alltägliche Kleinigkeiten wechselt übergangslos in eine sachkundige Beratung zur Buchauswahl – raumeinnehmend mit feiner und humorvoller Ausdrucksweise. Die Lesebrille tief auf der Nase sitzend, merkt Frau Schwarz ihr großes Glück über das Weiterbestehen der Büchertruhe an und genießt sichtlich die Leichtigkeit, im Laden tätig zu sein, ohne die Komplexität der Wirtschaftlichkeit tragen zu müssen. Für Bestellungen sei jetzt Frau Ditting zuständig, erklärt sie dem Anrufer mit einem verschmitzten Lächeln, und verweist auf die neue Inhaberin, der sie ihren Laden nach fünfundvierzigjähriger Leitung übergeben hat. Es ist nicht möglich, die Büchertruhe aufzusuchen und sie mit leeren Händen zu verlassen. „Zwei Herren am Strand“, „Montauk“ und „Die Kraft der Liebe“ begleiten mich.
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freiVERS | Leonie Feuerstein
Abendandacht
Das Warten hat uns aufgefressen –
sind lieber auf Empfang gegang
Strom um Strom aufgefang
alle Sender aufzustellen
Synapsen platzen allvergessen
dringen drängen Untergang.
Wolken rauschen bluten strömet
Wollust tauschen stöhnet dröhnet
Wo man den höchsten Höhen frönt
Man leicht der tiefsten Tiefe höhnt.
Ach, Verstande, explodiere
denke sande erodiere
sinke senke untertauch
Tiefseeperle weißer Rauch
Seelenvögel jagen hetzen
Nadeln kratzen schmatzen fetzen
Adern alle aufgegang
Herz zur Atzung hingehang –
teurer Rat, treu gezahlt,
Trau nur deiner eignen Stimm,
Sirenensang, Sirenensing.
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freiTEXT | Daniela Ziegler
Coming-Out
Über vieles spricht man nicht. Darüber, dass man kein Auto hat, dass man einsam ist, dass man kein Geld oder Angst vorm Urlaub hat. Als Anne Theobald von ihren Ersparnissen lebte und nicht wusste, ob sie jemals wieder eine Stelle bekommen würde, hätte sie sich lieber die Zunge abgebissen, als jemandem davon zu erzählen. Über Armut spricht man nicht. Außer, wenn es die Armut von Kindern ist. Kinder dürfen arm sein, Erwachsene nicht. Warum? Weil Erwachsene an ihrer Misere selbst schuld sind, Kinder aber nicht. Anne spricht sowieso eher wenig. Würde man sie fragen, warum, würde sie sagen: Mir fällt oft nichts ein, was ich erzählen oder sagen könnte. Die Kolleginnen wissen immer irgendetwas, besonders Neuigkeiten, aber ich nicht.
Interessiert sich Anne denn für Neuigkeiten? Nein. Die Kolleginnen schon. Sie sind ganz jappelig auf das Allerneueste, und wenn es ihnen nicht von selbst zufliegt, fragen sie danach. Anne weiß nie etwas Neues, weil sie nie danach fragt. Manchmal fällt ihr etwas ein, was man erzählen könnte, ist sie dann aber im Kolleginnenkreis, ist es wieder wie weggeblasen. Wenn es ihr wieder einfällt, ist es meist zu spät. Dann ist der Zug schon abgefahren. Wer nichts erzählt, hat vielleicht etwas zu verbergen, eine Schande oder ein schweres Gebrechen. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Obwohl Annes Kolleginnen immer viel zu erzählen haben, sprechen auch sie nicht über alles. Zum Beispiel spricht niemand mehr über Sophie, die junge Kollegin, die vor einigen Monaten in die Psychiatrie gekommen ist und deren Programm Anne übernommen hat. Sophie hatte nie nein sagen können, hatte sich immer alles aufladen lassen und daher immer ein übervolles Programm.
Dass das niemand bemerkt hat, ist Anne heute noch ein Rätsel. Wieso hatte die Abteilungsleiterin eigentlich nie etwas dagegen unternommen? Einmal in einer stillen Stunde am späten Abend hatte Sophie Anne vom Betrieb ihres Vaters erzählt, der auf keinen grünen Zweig gekommen war, weil er säumige Kunden nie mahnte, ja, manchen sogar das Begleichen der Rechnung erließ. Frau und Kinder versuchten zwar, die Firma zu retten – zwecklos. Mit seiner Nachsicht machte er immer wieder alles zunichte. Die Probleme der Firma zu ihren eigenen zu machen, steckte Sophie im Blut. Eines Tages hatte sie sich endgültig übernommen und war krankgeschrieben. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass Sophie in der Psychiatrie sei. Anne, die keine Berührungsängste mit der Psychiatrie hat, hat sie dort einmal besucht. Aber die Kolleginnen hatten davon nichts hören wollen, obwohl Anne gerne davon erzählt hätte.
Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause fertig mit Aufräumen und schaut gerade noch den Schluss eines Krimis. Bevor sie sich von einer Liebesszene zwischen dem Kommissar und der ursprünglich Verdächtigten berühren lässt, denkt sie: Der Darsteller des Kommissars ist schwul, obwohl sie das gar nicht wissen kann, da er ihr völlig unbekannt ist. Ein stechender Schmerz in ihren Därmen lässt sie aufstöhnen. Ihr Bauch schmerzt so sehr, dass ihr der Schweiß ausbricht. Kein Wunder, sie hat seit Tagen Verstopfung. Wann ist das zum ersten Mal aufgetreten? Nach der Trennung von Andreas? Seit dem Umzug? Seit sie in der Berliner Firma anfing? Sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Später versucht sie, lange aufzubleiben, damit sie sich nicht schlaflos im Bett wälzt. Sinnlos. Um zwei wacht sie von Bauchschmerzen auf, geht ins Bad, kann aber trotzdem hinterher nicht mehr einschlafen. Ihre Gedanken beginnen zu rotieren und drehen sich um ihre gewesene Beziehung zu Andreas. Wann hat es angefangen? Wieso hab ich’s nicht gemerkt? Hätte ich es merken können? Und: Hätte ich denn überhaupt etwas daran ändern können? Hat das eine das andere bedingt? War ich nur Mittel zum Zweck, nur ein Katalysator für unklare, unausgegorene Gefühle? Dass ich ihn überhaupt anziehen konnte, wies schon auf den Ausgang der Beziehung hin. Also lag es an mir ... Zwischendurch nickt sie manchmal erschöpft ein, wird aber von jedem vorüberfahrenden Auto, von jeder Stimme auf der Straße, sogar vom Knacken der Bodenbalken wieder aufgeschreckt.
In der Schule hatte man sie immer mit ihrem Nachnamen „Theobald“ gerufen, und Andreas hatte sie manchmal Theo genannt. Das ärgerte sie nicht nur, sondern tat ihr auch weh. Einmal sagte sie: „Hör doch auf damit. Das wäre ja, wie wenn ich zu dir Andrea sagen würde. Wie würde dir das gefallen?“
Daraufhin lachte er wie gekitzelt und hatte auf einmal einen Glanz in den Augen, den sie noch nie an ihm gesehen hatte und der sie irritierte. Er sagte dann nie wieder Theo zu ihr. Eines Abends, als sie nach einer abendlichen Verabredung auf dem Heimweg war, glaubte sie, ihn gesehen zu haben, wie er zusammen mit zwei jungen Männern aus dem Whisky herauskam, der einzigen Schwulenkneipe der Stadt. Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht, und er war es gar nicht. Sie sprach ihn nicht darauf an. Kurze Zeit später hatte er sein Coming-Out. Wie ihre gemeinsamen Freunde und Bekannten seinen Mut feierten! Wie sie sie zu ihrer, Annes!, Toleranz und Langmut gratulierten! Ganz selbstverständlich setzten sie ihr Verständnis voraus, ohne gefragt zu haben, ob es auch vorhanden sei. Der Mann, der sich von seiner Frau trennt, weil er seine Homosexualität entdeckt, kann auf jeden Fall auf die Toleranz seiner Frau zählen, meinte man. Warum eigentlich?
Bei Treffen im Freundeskreis brachte Andreas seinen Liebhaber mit. Auch Anne war oft dabei, denn schließlich gehörte sie ja dazu. Wie sie auf einmal alle zu Experten wurden! Tschaikowski war schwul, Rock Hudson, ach ja, und der alte Fritz ja auch, die alten Griechen sowieso und Oscar Wilde!, und Andreas sonnte sich im Glanz seiner Ahnenreihe. Eines Abends hatte Anne offenbar etwas zu viel getrunken, begann zu kichern und meinte: „Vergesst nicht Siegfried und Roy, die tausendmal Gelifteten, und den dicken Elton John...“
Sie lachte lauthals mit zurückgelegtem Kopf, schrie fast vor Heiterkeit und konnte nicht wieder aufhören. Das war schrecklich peinlich, und alle versuchten, sie abzulenken und von etwas Anderem zu reden, aber sie konnte und konnte nicht aufhören zu lachen. Von da an zog sie es vor, sowohl ihren Freunden, die nicht die ihren waren, und vor allem Andreas aus dem Weg zu gehen, was nicht einfach war, denn in der überschaubaren Stadt begegnete man sich immer wieder. Zum Glück hatten Andreas und sie in all den Jahren nie daran gedacht, zusammenzuziehen, oder gar zu heiraten! Welch ein Segen!
Was vorbei war, war vorbei, auch wenn es weh tat. Die gute Freundin von Andreas wollte sie nicht sein, niemals. Am schlimmsten war, als sich Renate, die sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt hatte, ihr einen seltsamen Vorschlag machte:
„Du bist allein, ich bin allein. Gemocht habe ich dich schon immer. Warum wollen wir uns nicht zusammentun? Wir könnten es doch mal probieren?“
Entsetzt war sie auf und davon gelaufen. Nicht aus moralischen Gründen. Oder doch: genau aus moralischen Gründen. Eines Tages war Anne nicht mehr da. Eines Tages hatte sie ihre Stelle als Arztsekretärin in der Psychiatrie gekündigt und war nach Berlin gezogen. In der Zwischenzeit hatte sich ihr Äußeres unmerklich gewandelt. Sie selbst hatte es gar nicht gemerkt, erst als sie einmal die wenigen Fotos, die in dieser Zeit entstanden waren, genauer betrachtete, fiel es ihr auf: Obwohl sie Frisur und Kleidung nicht verändert hatte, hatte sie während der Zeit der Trennung ein fast mönchisches Äußeres angenommen. Erst in Berlin wurde sie wieder zu Anne. Wenn sie seitdem nachts wach liegt und nicht mehr einschlafen kann, dreht sich ihr Gedankenkarussell stets um das gleiche Thema: Was ist falsch mit mir? Wer bin ich? Irgendetwas war falsch an mir. Grundlegend falsch. Aber was? Warum hab ich ihn damals angezogen? Warum hab ich ihn wieder abgestoßen?
Gegen Morgen schläft sie endlich ein.
Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause und bügelt. Dabei hat sie wie so oft den Fernseher angeschaltet, um eine Stimme im Raum zu haben, aber sie schaut nicht auf den Bildschirm, sondern sinniert so vor sich hin. Die Tage sind schon länger geworden, denkt sie. Gottseidank. Dann sieht die Welt immer anders aus. Als ob etwas Neues beginnen würde, etwas nie Dagewesenes. Aber wann geschieht schon ein Wunder?
Der arte-Sprecher sagt: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Seit Rosa von Praunheim hat sich für die Situation der Schwulen, wie sie sich in bewusster Aneignung des diffamierenden Schimpfwortes ‚schwul‘ selbst nennen, viel verändert ...“
Anne denkt: Mariä Lichtmess. Schon vorbei. Mariä Lichtmess, bei Tag zu Nacht ess. Oma hat das früher immer gesagt. Wann hat man früher eigentlich zu Nacht gegessen?
„... Verherrlichung der Liebe zwischen Mann und Jüngling, wie in der griechischen Adelsgesellschaft ... Thomas Manns Tod in Venedig, die Liebe eines alternden Familienvaters zu einem jungen und schönen Unbekannten ... als Märtyrer seiner späten Leidenschaft, die die eigentliche Leidenschaft seines Lebens zu sein scheint, bedeutsamer und erfüllender als das Familienleben mit Frau und Kind, das im Gegensatz zu dem Liebesideal, das der junge Tadzio zu versprechen scheint, nur als trivial empfunden werden kann ... in der Literatur und heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts ...“
Da hebt Anne den Blick, als hätte sie jemand gerufen, und schaut Andreas direkt in die Augen. Ein Mann in mittleren Jahren in den Armen eines anderen, beide spärlich, aber bunt bekleidet. Ein Mann mit falschen Wimpern, geschminktem Mund, knappem Slip und bunten Federn auf dem Kopf, in selbstverliebter, provokanter Pose. Das zweidimensionale Bild ihrer Schmach springt sie flimmernd an. Anne ist wie gelähmt. Den hab ich mal geliebt. Mit dem war ich jahrelang zusammen. Den kannte ich gut, ohne ihn zu kennen. Ihr sausen die Ohren. Sie sieht nicht mehr richtig. Das Bild verschwimmt ihr vor den Augen. Sie hält sich am Bügelbrett fest und schaltet schnell das heiße Bügeleisen aus. Ihr wird schwindlig. Bauchpresse, Bauchpresse, denkt sie. Nicht umfallen. Alles kommt wieder. Wie kriege ich dieses Bild aus dem Kopf? Was soll ich nur tun? Und an das ewige Was ist falsch mit mir? hängt sie klagend an: Was hat er mir angetan? Endlich.
Denn diesen Gedanken hat sie noch nie gedacht.
Nachdem sie das zweidimensionale Bild ihrer Schmach angesprungen hat, fällt Anne in tiefe Verzweiflung. Keine Helfer in der Nähe. Freundin Manuela hat eine Affäre angefangen. Das heißt, dass sie eine Weile nichts von ihr hören wird. Kollegin Heimeran wäre sicher allzu bereit, sich ihrer anzunehmen, aber davon nimmt Anne lieber Abstand. Ohne es zu merken, sucht Anne den Arbeitsrausch. Als Zehnjährige hat sie im Kurpfälzischen Museum ihrer Heimatstadt mit ihrer damaligen Schulfreundin beim Zusammenkleben von Scherben aus der Römerzeit mitgeholfen. Schon damals hatte sie dieses Gefühl des Arbeitsrausches kennengelernt. Still im kleinen Hof des Museums zu stehen und immer wieder jede Scherbe an jede Scherbe halten, ob sie passt oder nicht, und wieder von vorne anfangen, bis die ersehnten zwei, drei zusammengehörigen Stücke die Ahnung einer Gefäßrundung ergeben. Oder sie schnitt Bilder, Artikel und Gedichte aus Zeitungen und Zeitschriften aus, die sie aufklebte und abheftete. Auch da dieses Gefühl des Versunkenseins, der ausgesperrten Zeit, die keine Rolle mehr spielte. Sie konnte sogar darüber weghören, wenn Mutter lamentierte: „Du mit deiner Kleberei! Was das kostet! Papier und Uhu! Du wirfst das Geld nur so zum Fenster hinaus! Und ich bezahle es! Wenn du mal groß bist, meinst du, du könntest dann den ganzen Tag Bilder ausschneiden? Da heißt es arbeiten! Und nicht kleben!“
Ein Zeitungsfoto, das sie zu Hause über ihren Schreibtisch gehängt hat, erinnert sie an diese Zeit: Eine Frau, die alleine in einem Kellerraum, so lang wie eine Kegelbahn, sitzt, ist damit beschäftigt, zerrissene Papiere wieder zusammenzukleben. An der Wand sind die Dokumente aufgehängt, die sie bereits vollständig rekonstruiert hat. Wer ist die Frau? Was tut sie da genau? Wie lange sitzt sie schon da? Wie lange wird sie noch da sitzen und Papierstück an Papierstück halten?
Anne aber macht genau das Gegenteil: Sie hat die Kartons mit alten Unterlagen hervorgeholt, und mit einer fürchterlichen Wut zerreißt und schreddert sie Prospekte, Zeitungsartikel, Tagebuch-Aufzeichnungen und vor allem Postkarten und Briefe, viele Briefe!, zum Beispiel von Andreas und ihren falschen Freunden. Mit Genuss wirft sie die Papierschnipsel in den Mülleimer zu den gebrauchten Kaffeefiltern, Teebeuteln, Apfelschalen, sie wirft sie nicht zum Altpapier, da sollen sie nicht hin, nein, in die Ursuppe sollen sie wieder hinein. Nicht da, wo sie wiederverwertet werden und ein zweites Leben leben dürfen, sondern zwischen durchgesuppte Kaffeefilter, gequollene Teeblätter, faulendes Gemüse, den Staub aus dem Staubsaugerbeutel, zwischen die Windeln des Nachbarkindes und die Kippen ihrer Eltern. Damit sie fleckig werden, durchtränkt, zur Zersetzung freigegeben. Weg damit!, denkt Anne und schnürt einen Abfallbeutel zu, in dem die Zersetzung bereits ihr Werk begonnen hat. Dann atmet sie auf. Tief bis in die Lungenspitzen hinein.
In der Nacht träumt sie, sie läge in einem Krankenwagen; der Fahrer dreht sich zu ihr um, lacht und sagt: „Mach dir keine Gedanken, das kann doch jedem mal passieren.“
Er lacht und will gar nicht mehr damit aufhören. Auf einmal sitzt sie neben ihm auf dem Beifahrersitz. Das Dach des Krankenwagens öffnet sich und ein bunter Konfettiregen rieselt vom blauen wolkenlosen Himmel auf sie beide herab.
Als Anne um acht Uhr aufwacht, fühlt sie sich wohl und zuversichtlich. Die Welt hat ein anderes Gesicht.
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