11 | Tara Meister

Scheinlich

„Welche?“

Alex‘ Finger fahren über die raue Oberfläche der Walnusshälften, lustvoll, als wären es Mini-Brüste oder Riesen-Klitoris. Er hat gelbe Fingernägel, vom Rauchen. Er hat mir schon acht Euro abgenommen.

„Ich will nicht mehr, Alex.“

„Komm, rat noch einmal. Gibt auch Rabatt. Familienrabatt.“

Das flockige Wachs, das ich vom Kerzenständer gekratzt habe, während ich überlege, liegt überall verstreut und es sieht hässlich aus. Ich kratze mich am Bart. Unter welcher halben Nuss liegt die Glasmurmel?

Im Licht tanzt der Staub. Alex sieht zufrieden aus, oder wenigstens amüsiert. „Ich spürs, Mann. Dieses Mal hast dus, dieses Mal wirds was.“

„Du weißt, warum ich heute da bin, oder?“ Ich versuche das Wachs mit meinen warmen Fingern wieder an den Kerzenständer zu kleben. „Wir müssen da heute hin zu diesem Termin. Diesmal wirklich.“

Ich sehe mich wiederholt um, in gewisser Weise befriedigt, dass in diesem Raum unmöglich ein Kind großwerden kann.

„Das ist deine Chance“, Alex zeigt wieder auf die Nüsse, als hätte ich nichts gesagt, „einmal noch. Du bist doch so das brain.“

„Doch!“, ruft er aufgeregt als ich abwehre. „Doch das bist du, Mann. Wahnsinn, was du denen da vorhin vorgerechnet hast, du hast total rasiert.“

„Das… das war nur ein bisschen Kopfrechnen, Alex, sonst gar nichts. Den Grammpreis mal die Anzahl und dann zehn Prozent abgezogen. Das war gar nichts.“

„Also ich kann das nicht.“

Meine Hände sind mittlerweile klebrig feucht. „Solltest du aber. Das ist doch ganz… einfach alles. Das brauchst du fürs Leben. Hey, wenn dich deine Dealer verarschen können, dann werden dich alle verarschen!“

Alex nickt langsam, seine Augen sind schmal und rot.

„Also was ist? Versuchst dus nochmal?“

Die drei Nussschalen liegen vor ihm auf dem Tisch. Es waren ursprünglich drei Engel, Weihnachtsdeko, die ihm seine Mutter geschickt hatte, damit es ein wenig feierlich wird in seiner Wohnung. Alex hat die Köpfe abgelöst, sorgfältig, damit sie alle gleich aussahen, und ein Spiel daraus gemacht.

Ich starre sie an. Es ist eine Wahrscheinlichkeit. Bei dem Versuch, meine Hände an meiner Hose abzuwischen, bleiben Fussel und Haare an meinen Handflächen heften. Eine Wahrscheinlichkeit ist die Erwartbarkeit des Eintretens eines Falls. Zum Beispiel sind aus den Eiern von mir und Alex 50% Wahrscheinlichkeit in Lena gewandert. Zumindest rückblickend. Auch bei den Nüssen ist ja alles schon entschieden. Aber ich bin noch nicht entschieden. Alex nimmt sich ein Stück Pizza aus dem Karton, es ist groß und weich, es schleift auf dem Weg zu seinem Mund über den Tisch. „Da ist jetzt Pizza auf der Konsole“, sage ich und denke dabei, wie leicht es wäre, den Tisch einfach umzustoßen, mit Gewalt, und dann würden die Nüsse offen liegen und ich könnte die Murmel sehen. Es geht auch anders. Die Vorstellung ist auf einmal fast unwiderstehlich.

Alex‘ Bart verschwindet, als er seinen Kopf zur Seite neigt, ich kneife irritiert die Augen zusammen. Er nimmt die Konsole und schleckt sie ab.

„Wir müssen bald los“, sage ich, meine Stimme kratzt im Hals.

Alex isst seine Pizza. Ich habe die Vermutung, dass es die mittlere Nuss sein könnte, aber ich habe Angst. Meine Hände sind nicht nur klebrig, sie kommen mir jetzt auch kleiner vor.

„Das wird nicht so schlimm“, sage ich zu Alex und mir, „die stecken uns erstmal nur so ein Wattestäbchen in den Mund, hab ich gehört.“ Meine Hände sind wirklich klein.

„Also“, jetzt wirkt Alex nicht mehr heiter, „wo ist die Murmel?“

Ich versuche wieder zu rechnen, aber es macht das Bild nicht klarer. „Deine Stimme ist ganz hoch.“

„Deine auch, Mann“, Alex lacht, „als wärst du kastriert. Bist du kastriert? Dann würden wir uns den Weg da hin heute sparen.“ Er hört sofort auf zu lachen. Sein Gesicht sieht weicher aus, seine Haut reiner, sein Pullover wirkt so überdimensional groß. Will ich unter die mittlere Nuss schauen oder nicht? Will ich wissen, ob darunter die Murmel ist?

„Es sind doch nur zwei Euro, Mann.“

„Ich hab keine Lust mehr, dauernd zu verlieren.“

Das Wachs unter meinen Fingernägeln lässt sich nicht mehr rauskratzen. Ich möchte wissen, wie spät es ist, die Armbanduhr rutscht mir vom ungewohnt schmalen Handgelenk.

Der kleine, bartlose Alex ist mittlerweile halb in seiner Kleidung verschwunden.

„Willst dus denn nicht wissen?“

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Tara Meister

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freiTEXT | Tara Meister

Was bleiben

im grünen bett der hügel, darauf ein Mahagonitisch zum abendmahl gedeckt zwei stühle und ringsumher wird gierig das abendlicht verschluckt vom blättermeer, der Dschungel wächst
einander gegenüber sitzen am mahagonitisch Vater und sohn, der Vater deckt und stellt und
richtet, bis alles ist wie er es will und es sein soll und der sohn folgt mit blicken den bewegungen
versucht sie sich einzuprägen, im kopf nachzuahmen, er weiß, der Vater sieht den Dschungel nicht
und er will Vater sein, der sohn,
und nicht sehen
im abendlicht glänzt das silberbesteck, der Dschungel nicht
aber er raunt, wispert und während die augen den Vater sehen hört der sohn wie sich die bäume räkeln feuchte pflanzenarme strecken
ein rascheln von auf laub tappenden tatzen
der blick auf das dickicht ist verborgen von den schultern des Vaters und er wagt nicht, der sohn
wagt nicht sich zur seite zu lehnen, um daran vorbei zu sehen, blickt auf den Vater
die teller, den krug und hört dabei wie der Dschungel wächst und näher kommt
ein vogel schreit, er zuckt zusammen der Vater mahnt mit strengem blick
der sohn errötet beschämt, erregt
tatzen kratzen irgendwo
der Vater nimmt den krug, ein kleiner wasserfall, der Vater fängt ihn mit den gläsern auf
kein einziger tropfen schafft es über den rand
dämmerung über dem hügel, noch ist es nicht beinahenacht, zwei vögel schreien
ein letzter prüfender blick des Vaters über den gedeckten tisch, gewissenhaft
und der sohn schaudert als wäre er selbst das messer über das gerichtet wird, ob es richtig liegt
die hände auf dem tisch versucht der sohn sich daran festzuhalten aber es sind nur hände
an sein ohr dringen leise lockrufe aus dem dickicht, singende vögel obszöne düfte
die aus dem Dschungel gekrochen kommen, auf den hügel zu
lassen den sohn die blumen des Dschungels sehen, die farben haben die zu viel sind
grell und voll und einfach nur farbe zu sein scheinen, gar nicht mehr blumen
und zwischen ihnen rennen allerlei tiere, die auch bunt sind, federn und fell
alles rennt im Dschungel der wächst, der sohn sitzt, rutscht auf dem großen stuhl hin und her
um seinen platz zu finden
und der Vater faltet die hände, drei vögel schreien in den wipfeln ein rascheln
der sohn versucht die blumen nicht zu sehen, sucht ein anderes rascheln
das der stoffserviette des vaters, aufgefaltet, weiß auf dem schoß
auf dem der sohn sich jetzt sitzen sieht, das kind und er denkt, dass man von dort keine bäume sieht
weil der kopf nicht über den mahagonitisch ragt
jetzt ist der sohn zu groß für den rand des tisches oder der tisch zu niedrig
er hört wie sich die baumriesen strecken, schamlos dem himmel entgegen
aber noch einmal wirkt auch der Vater groß im dämmerlicht, den Dschungel im rücken
und sein schatten fällt lang
sie essen langsam kalt werdendes wild, im dickicht tanzen die vögel federkleider knistern
der sohn denkt daran, dass einmal in einen apfel gebissen wurde
und danach wollte man nicht mehr nackt sein
und nun, wer war nun nackter? der Vater in seinen kleidern oder die vögel des Dschungels
die ihre bunten federn trugen um zu beeindrucken, sich zu behaupten
der sohn isst das fleisch, das in seinem mund bereits zu den früchten des Dschungels wird
die äste der bäume wachsen, strecken sich weit, bis die ersten blätter den sohn im nacken kitzeln
auf der stirn des Vaters eine einzelne schweißperle die hinabrinnt an der schläfe über die wange
aber keine träne ist, denn der Vater will den Dschungel nicht sehen, den Dschungel der wächst
so essen sie ein letztes mal zu abend
den feuchten händen des sohnes
immer wieder drohen ihnen messer und gabel zu entgleiten
der Dschungel wächst neue pflanzen drängen sich durch den boden jetzt ist es beinahenacht
neue tieren bevölkern das unterholz, die teller sind leer
und wie nun die dunkelheit kommt, gehen alle scheinwerfer an im Dschungel
das neonlicht stürzt sich durch die blätterdecke und ist dabei so hell
dass der Vater die augen schließt und da erhebt sich der sohn und weint, weil er wünschte
der Vater hätte den Dschungel wirklich nie gesehen

 

Tara Meister

 

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