freiTEXT | Viktor Hoffmann

Der bessere Henrik

Er nahm immer gleich zwei Flaschen aus dem Kasten. Das erste Mal, als er das gemacht hatte, hatte er ein zweites Bier für seinen Begleiter mitbringen sollen. Aber als er zurückkam, war der schon mit den Frauen ab- und dann ewig nicht mehr aufgetaucht. Henrik hatte sich in eine halbwegs bequeme Ecke gesetzt, ein Bier sehr rasch in sich hineinrauschen lassen, dann das zweite geöffnet, das bedächtig in kleinen Wellen hinterdrein wogte. Dann hatte er einen ausreichenden Pegelstand gefühlt, um vielleicht ein paar belanglose Gespräche auf Kurs zu halten.
Seine Entdeckung hatte ihn doppelt gefreut: Griff man zwei Bier mit fließender Bewegung, fragte niemand, weil jeder davon ausging, man brächte jemandem eines mit. Es sprach einen aus demselben Grund dann auch niemand an. Und es bemerkte auch niemand missbilligend, wenn man nach Minuten schon das zweite Bier unauffällig öffnete. Es war dann ja schon am Platz und –
„Hey Henrik!“
Plötzlich hatte sich ein Typ neben ihm auf das Küchensofa geworfen, den er noch nie gesehen hatte. Er grinste Henrik mit einer Vertrautheit an, als wäre er der lang verschollene Co-Küchenchef aller seiner Kindergartenmatschsuppen. Weißblondes Haar hatte der, das in wohlkalkulierter Unkontrolliertheit allenthalben sein Gesicht überspülte wie eine edle Gischt. Seine feine, langfingrige Hand drängte die Sturmflut mit unermüdlicher Routine immer wieder zurück. Henriks Hirn ratterte den kleinen Katalog seiner Bekanntschaften durch. Erfolglos.
„Hab ja schon viel von dir gehört“, setzte der Fremde nun an und streckte ihm eine Hand hin. Henrik griff zögerlich danach, um sie zu schütteln. Der andere hatte wohl eher an ein Einschlagen gedacht. Ein unbeholfener Zwitter der Begrüßungen entstand. Kurze Stille. Neue Haarwelle. Elegantes Wegwischen.
Der andere stellte sich vor und während Henrik sich noch ermahnte, den Namen nicht gleich wieder zu vergessen, war es schon passiert.
„Du spielst Gitarre, hat man mir erzählt?“
Henrik stutzte. Er konnte ein paar Akkorde greifen und sang ein wenig dazu. Er kannte nur die Gastgeberin. Dass sie das wusste, hatte er nicht gewusst. Er konnte nicht gleich sagen, was er davon hielt, also nickte er unsicher.
„Ganz passabel sogar“, mutmaßte der andere jetzt und Henrik musste schmunzeln.
„Man tut, was man kann“, warf er unsicher hin. Dann wurde es kurz still. Neue Haarwelle über das Auge. Nachlässiges Fortwischen.
„Sport mache ich viel“, setzte der Fremde nun an, „Du ja auch, was ich höre?“
Henrik nickte rasch. Er ging manchmal morgens laufen, am Kanal entlang. Nie auf Zeit zwar und er hatte auch noch die Turnschuhe aus der Schulzeit, aber immerhin.
„Ja, laufen“, erklärte Henrik, „man muss ja fit bleiben.“
Jetzt war es an David zu nicken. Stille. Neue weißblonde Brandung. Rasches Fortwischen.
„Naja, dann –“
„Da bist du!“, drängte sich eine verwaschene Frauenstimme in die Situation. Sie war belegt von Rauch und Wein. Mit drei Schritten war die Gastgeberin heran und musterte den Weißblonden mit hochgezogenen Augenbrauen, den Kopf leicht angeschrägt.
„Habe Henrik schon gefunden!“, erklärte dieser, offenbar an eine frühere Unterhaltung anschließend.
In schneller Folge spülten Verwunderung, Überraschung, Erkenntnis, Schreck und dann Erleichterung mit den kleinen farbigen Lichtpunkten der selbstgebauten Discokugel über ihr Gesicht. Danach lachte sie übertrieben und entschuldigend.
„Nein, das ist Hennnnnrik!“, klärte sie auf. Sie zog das n lang, als seien mindestens 15 davon in seinem Namen. Eine Furche bildete sich über ihre Nase und sie streckte ihren Nacken vor.
„Mein Freund“ – Henriks Finger legten einen kurzen Regentanz über den Flaschenhals hin – „ist Hendryk! Der hat noch ein D mehr“, erklärte sie schelmisch. Hendryk. Ein überartikuliertes Ü sprach sie, um auch noch das y, dieses verdammte manifeste Mysterium von einem Buchstaben zu verdeutlichen.
„Wo isser?“, fragte David nun wieder breit grinsend wie vor der Unterhaltung.
„Drüben, im Wohnzimmer“, sie sah zu Henrik und gestikulierte in Richtung der Tür, „macht dir nichts aus, wenn wir –“
Henrik winkte murmelnd ab und blieb, wo er war, tief zusammengesunken wie eine Eigenmarken-Tütensuppe unter einem Dutzend Regal-Etagen von Maggi-Produkten. Als sie den Raum verließen, strudelte das Weißblond noch einmal herein. Mit ermutigender Miene vollführte der Fremde ein rasches Luftgitarrensolo in Henriks Richtung. Henrik zwang sich zu einem schmallippigen Lächeln und schüttelte den Kopf, aber da waren die beiden schon hinaus.

 

Viktor Hoffmann

 

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freiTEXT | Goggel Totsch

Du

Dienstag, 21. Mai 2024, 9:54

Niemand sagt einem das. Vorher. Dass Babys ... dass wenn sie nicht mehr ... sie sind dann noch warm.
Du sitzt im Auto nach Hause. Dein Mann fährt. Du hältst die rechte Hand in die Luft. So. Gewölbt. Wie eine Schüssel, nein, Schale. Schale, weißt du. Damit die Wärme nicht. Wenn du sie irgendwo ablegst, dann ist sie weg.
Eine Ampel. Dantestraße. Glaubst du. Dein Mann schaut rüber, schaut weg, sagt nichts. Du siehst sein Kinn beben. Unmerklich. Er beißt auf die Unterlippe. Das Beben schwillt. Du schaust zur Ampel hoch. Hoffst. Weil du ganz genau weißt, wenn sie nicht schaltet, werdet ihr beide hier drinnen an euch selbst ertrink… Grün.
Bei der Handwerkerzone ist deine Hand kalt. Du legst sie auf den Schoß. Du fühlst nichts mehr. Du wirst diese Hand nie wieder warm haben. Egal, wie viele Heizungen.
Nachmittag
Alle Modelle beim Bestatter sind weiß. Babysärge sind nicht gefragt, sagt er beiläufig, als rede er über Spülmittel. „Muss ich bestellen“, sagt er. Letzte Seite im Katalog. Nach den Teenagern. Drei Modelle. Engelchen aus Messing. Ein Kreuz so klein, dass es kein Kreuz mehr ist, sondern ein Plus. Du nimmst den schlichtesten. Du nimmst in diesen Tagen alles, was schlicht ist. Schlichte Wörter, schlichte Nudeln.

Tag 3

Du bittest die Hausärztin um das geile Zeug. Du sagst es so: „Etwas Geiles.“ Sie schreibt dir Tavor auf, schaut dich dabei nicht an; schreibt sehr langsam.
Mit der Tablette gehst du durch die Beerdigung: zugedröhnt und hellwach gleichzeitig. Als stündest du hinter Panzerglas. Du hörst jedes Husten im Kirchenschiff gestochen scharf, aber das Geräusch prallt an dir ab und fällt auf den Boden. Der Pfarrer schaut an dir vorbei. Du hast ihm gestern gedroht: Wenn er etwas von „Gottes Wille“ oder „heimgeholt“ sagt, wirst du nach vorne gehen und ihm eine schloachn. Ihr standet im Altarraum und trotzdem bist du laut geworden. Dein Mann hat dich gepackt und nach draußen geschleppt. Du hast nach hinten gegoscht.

Wochenende

Die Milch ist eingeschossen. Deine Brüste explodieren förmlich. Du hast im Krankenhaus zugestimmt, deine Milch zu spenden. Eine der Hebammen hat gesagt, es wäre eine gute Möglichkeit, Abschied zu nehmen – wenn die Milch langsam versiegt. Du hast zugestimmt, bevor du gekostet hast. Bevor du plötzlich wieder den Geruch deines Kindes in der Nase hast. Seine Spucke auf deinem Handrücken. Es blinzelt dich an. Das Glaskind. Du weißt nicht wie anfassen. Du könntest es kaputt machen. Es ist deine Schuld, dass es jetzt kaputt ist. Du hast auf Annas Geburtstag den Joint nicht an dir vorbei gehen lassen. Da warst du 12. Woche. Es war so lustig. Menschen würden sagen, das habe nichts damit zu tun. Sie kennen das Kind nicht.
Und du begreifst, dass die Milch gestoppt werden muss. Jetzt! Der Sport-BH, das Kühlen, das Ausstreichen – du arbeitest die ganze verdammte Liste der Schwestern ab. Gleicht einer Bauanleitung von Ikea. Du legst sogar Kohlblätter in den BH, weil das im Internet stand. Es nützt nichts. Du bist wie eine Milchkuh. Weil der Milch niemand gesagt hat, dass das Kind tot ist.
Und das Schlimmste: Die Brüste sind schön. Bemerkenswert schön. Prall, schwer, blau geädert. Wie aus einer Stillbroschüre rausgeschnitten – die mit dem Spruch „Ihr Körper weiß, was er tut!“. Dein Körper weiß einen Scheißdreck. Er hat dich betrogen.

Noch immer Wochenende

Erst die Milch. Jetzt das.
Es kommt ohne Vorwarnung. Du stehst am Spülbecken, ein Glas in der Hand. Dann kippt etwas. Nicht in dir – mit dir. Du gehst runter. Nicht weil du willst. Weil der Körper runtergeht und dich mitnimmt.
Das Weinen ist kein Weinen mehr. Das Weinen würgt von ganz unten hoch, aus dem Bauch, wo es war. Es schüttelt dich, als wollte es dich auswringen. Du kriechst Richtung Klo, du weißt, was kommt. Du schaffst es nicht. Es kommt schon auf den Fliesen. Galle und der Kaffee von heute Morgen, mehr ist nicht drin. Daneben.
Du bleibst liegen. Wange auf den Fliesen. In deiner eigenen Kotze, in Unterwäsche; seit Tagen nicht gewaschen, das Haar verfilzt. Es ist dir egal. Der Körper hat übernommen. Er bestimmt, wann du stehst, wann du fällst, wann du dich übergibst. Du bist nur noch der Sack, in dem es passiert. Augen drin.
Irgendwann hört es auf. Nicht weil es besser wird. Weil nichts mehr da ist.

Irgendwann

Der Kocher klickt aus. Wann hast du ihn … Du stehst mit der Tasse in der Hand. Du stehst.
Er kommt, hat er gesa… hat er? Du müsstest. Bevor er. Du bist nicht herzeigbar. Die Beutel. Du ziehst die Schublade auf. Zucker. Zu. Auf. Zucker. Porca puttana.
Das Wasser ist kalt. Wann war es heiß? Du drückst den Knopf. Es klickt. Du greifst nach einer Tasse – da steht schon eine. Voll. Kalt. Der Beutel ganz aufgegangen, das Wasser fast schwarz. Du weißt nicht, wer sie hingestellt hat.

Jetzt

Du schaust in die Dunkelheit. Sie umsingt dich. Sie lullt dich ein, wie du es nie durftest – kein einziges Mal, an keiner Wiege. Sie erzählt dir von Nangilima, wo die Kinder es gut haben, wo dein Kind am Lagerfeuer sitzt und wartet, wo die Gebrüder Löwenherz durchs Tal reiten und niemandem mehr etwas weh tut. Sie verspricht, dich zu halten, wie dich seither keiner mehr gehalten hat. Und sie verspricht dir das Eine, das dir sonst keiner verspricht: Kein Aufstehen. Frei. Vom Schmerz.
Sie sagt nicht komm. Sie muss es nicht sagen. Du stellst die kalte Tasse ab. Und du gibst dich hin, wie ein kleines Luder. Ohne Würde, ohne Scham. Endlich etwas, das dich will. Nicht trotz deiner Wunden. Wegen ihnen. Du schmiegst dich an ihr Versprechen, trinkst jedes Wort, bis du kaum noch weißt, wo sie aufhört und du anfängst.
Und dann, weit weg, tief drinnen, sträubt sich etwas. Kraftlos. Ein Zucken nur. Aber es arbeitet. Es kommt zu Kraft. Es hat kein Recht dazu und tut es trotzdem. Deine Lunge. Sie reißt die Luft an dir vorbei nach innen, tief, gierig, wie ein Ersaufender – ohne dich zu fragen, ohne Erlaubnis.
Sie schiebt dich zurück. Atemzug um Atemzug, gegen dein Wollen, gegen das Singen. Sie reißt dich weg vom Einzigen, das dich noch wollte. Von dem, der am Lagerfeuer wartet.
Die Verräterin rettet dich – und nicht aus Liebe. Sie rettet dich, weil sie dich braucht. Missbraucht. Weil sie ohne dich nicht weiterkommt, das Aas. Sie ist grausam, grausamer als alles. Und du gehorchst.
Du gehorchst immer. Du bist ein braves Mädchen.
…

Sommersonnenwende

Die Nachbarin steht vor der Tür, eine Auflaufform in beiden Händen, ein Geschirrtuch drumgewickelt gegen die Hitze. Lasagne. „Isch ma zviel gwortn", sagt sie, die Buibn sind bei der Oma. Du machst auf, und bevor du ein Wort sag... stellt sie die Form auf die Kommode und nimmt dich in den Arm. Lange. „Des isch so gemein." Mehr nicht. Punkt. Dann lässt sie los, hebt die Form wieder hoch und ist schon in der Küche, bevor du Ja gesagt hast.
Sie redet, kaum dass sie sitzt, und hört nicht mehr auf: vierzehn Tage Kroatien, Lošinj, der Rücken vom Mann krebsrot, weil Sonnencreme für ihn Weiberkram ist, und wie sie geschnorchelt hat, die Brille ständig beschlagen, das Wasser aber so klar, dass man unten die eigenen Zehen sieht, und der Krimi, den sie liest, irgendwas Schwedisches, Seite zweihundert und sie weiß noch immer ... sie wettet auf den Bruder, es ist immer der Bruder. Eine Quasseltante. Gott sei Dank, eine Quasseltante.
Der Wein ist alle, und dein Mann steht auf, ohne dass es einer sagt, holt den Lagrein aus dem Keller, der für Weihnachten gedacht war, schenkt ein, hört zu, lacht einmal sogar.
Kurz vor Mitternacht steht die Nachbarin auf. „I muaß – die Buibn." Sie drückt dich nochmal, kürzer, beiläufig, wie man jemanden drückt, den man morgen wieder sieht.
Du fällst ziemlich angestochen ins Bett, das Zimmer schwankt im Wein, und du denkst, bevor du wegkippst: vielleicht.

Siebenschläfer

Drei Stunden Weinkrampf auf dem Küchenboden. Du kommst nicht hoch. Dein Mann kommt heim, riecht nach Farbe, sieht dich, bückt sich. „Du bisch schwar wia a Ertepflsock“, sagt er und stöhnt, und es ist das Ehrlichste, was er seit Wochen rausbringt. Genau so fühlst du dich. Wie ein Sack Erdäpfel. Augen drin. Er trägt dich aufs Sofa. Er macht eine Bewegung, als würde er sich neben dich legen, aber er weiß, einer von euch beiden muss heute Abend stehen. Das Abendessen ist nicht gekocht. Es ist seit Wochen nicht gekocht. Es wird auch morgen nicht gekocht sein. Er sagt nichts dazu. Er macht Carbonara. Mit Sahne und Speckwürfel. Das einzige Gericht, das er kann. Er stellt dir einen Teller hin, obwohl er weiß, dass du nur lustlos darin rumstochern wirst.

Nochmal Nachmittag

Du sortierst das Pappschächtelchen aus dem Krankenhaus um. Das Plastikbändchen, auf dem nichts mehr steht, weil der Filzstift verlaufen ist. Das Mützchen. Das letzte Ultraschallbild. Der Mutterpass mit den Geburtsdaten: Uhrzeit 11:08, männlich ist angekreuzt und zusätzlich unterstrichen, Nabelschnur pH 7,02, Apgar 1': 3. Und du bist wieder in der Sekunde, in der die Hebamme aufhört zu reden. In der alle aufhören. Du wartest auf den Schrei. Du wartest noch immer.

Juli

Er rackert. Er nimmt jede Baustelle, die kommt, und die, die nicht kommt, sucht er. „Muaß no eppas fertig mochn“, sagt er an der Tür, jeden Tag derselbe Satz, und du nickst, jeden Tag dasselbe Nicken. Er geht, bevor es hell ist. Er kommt, wenn es dunkel ist. Du bist ja nicht blöd. Du weißt, was das ist. Ein Mann ohne Sprache, nur mit Händen. Der nicht weinen kann, also weißelt und spachtelt er, bis die Arme zittern und der Kopf endlich leer ist.
Was du nicht laut sagst: Du bist froh, wenn er weg ist. Weil du dann nicht lächeln musst. Die Wohnung gehört dann dir. Du trinkst den Kaffee im Stehen, am offenen Fenster. Unten mäht einer; es riecht nach Schnittgras und heißem Asphalt. Für eine halbe Stunde bist du nur eine Frau, die am Fenster steht und nichts muss. Weil zwei Stumme in einer Wohnung lauter sind als einer. Egal. Er kann deine Hände eh nicht wärmen.

Woche 8

Die Katze legt sich auf deine Brust, weil sie das immer so gemacht hat. Für einen Atemzug, einen einzigen, glaubst du, es sei Haut auf Haut. Du feuerst sie quer durchs Zimmer. Sie kracht gegen den Schrank. Sie schreit. Du schreist. Drei Tage macht das Vieh einen Bogen um dich. Du stellst Futter hin. Du bittest sie um Verzeihung. Am vierten Tag wartet sie morgens vor der Schlafzimmertür. Sie legt sich wieder auf deine Brust. Du lässt es zu. Du beginnst zu zählen, wie oft sie atmet. Du zählst. Du zählst. Du hast das schon einmal gezählt, bis die nächste Zahl nicht mehr kam. Du hörst auf. Sie leckt sich die Pfote und fährt sich übers Gesicht. Die Sonne leckt durch das Raffstore.

Hochsommer

Du gehst nicht mehr in die Fußgängerzone. In der Fußgängerzone gibt es nur zwei Sorten Frauen: solche mit Kinderwagen und solche mit dicken Bäuchen. Andere existieren in dieser Stadt offenbar nicht. Du wünschst den Bäuchen schlimme Dinge. Dinge die man niemandem wünscht. Das gehört sich nicht. Es ist dir gleich, ob du in die Hölle kommst; bist eh schon da.
Spielplätze: drei Straßen Umweg, weil das Schaukelquietschen wie ein Tier klingt, das nach ihm ruft. Den BMX-Track hinterm Schulhof kannst du nicht umfahren. Das Ratschen der Freiläufe trägt über die ganze Wiese, wenn sie ausrollen. Und dann steht er da. Zwölf. Blond. Dein Bua. Ein Shrek-Pflaster überm Knie und die Schienbeine von den Pedalen verschorft. Er zeigt den Kleineren den Bunnyhop. Wieder und wieder, bis das Vorderrad sauber hochkommt. Weil er selbst tausendmal auf die Fresse geflogen ist, Haut an den Sprüngen gelassen hat. Und die Kleinen himmeln ihn an. Wie Ironman.

Nach dem Frühstück

sitzt du da und wartest, dass es Abend wird. Es ist Viertel nach acht. Die Tavor-Schachtel ist seit Wochen alle.

Barthlmastag

Die Anrufe der Freunde werden weniger. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen, sie haben Angst, das Falsche zu sagen, also sagen sie nichts. Genau damit lassen sie dich allein. An der Conad-Kasse steht plötzlich die Sonja vor dir, die du seit der Kindergarteneinweihung nicht mehr gesehen hast. Du siehst, wie es ihr aufgeht; wie sich der Mund formt: das M, das E, das I – und du würdest ihr am liebsten die Zähne ausschlagen, bevor das N rauskommt. Aber du kannst nicht. Samstag, halb zwölf. Hinter dir ein Pensionist mit Karfiol, ein Gitschele mit Eis. Du lächelst. „Danke.“ Du lächelst weiter. „Jo, schwar.“ Du lächelst, bis sie weg ist, und legst die Bananen aufs Band: Ein Kilo neunundvierzig.

Ein warmer, sonniger Moment im Herbst

Du kaufst ein. Du kochst nicht, aber du kaufst ein. Milch, Klopapier, die Sorte Kaffee, die er mag. Du stellst alles in die Schränke, an die richtigen Plätze. Du wäschst die Tasse aus. Du setzt dich. Irgendwann fällt dir auf, dass es schon dunkel ist und du den ganzen Tag nicht an ihn gedacht hast. Du atmest. Du hast heute keine Lust auf Carbonara. Du könntest Omelett machen.

Wimmen

Im Citybus klingelt zwei Reihen weiter ein Handy. „Guten Abend, gute Nacht.“ Die Spieluhrmelodie. Der Stoffhase, den du in der Schwangerschaft jeden Abend an den Bauch gehalten hast, damit das Kind einen Anker hätte, wenn es rauskommt; damit das, was außen so grell ist, ihm wenigstens vertraut klingt. Er hat den Hasen nie kennengelernt. Der Hase liegt in einer Schachtel im Keller, eingewickelt in Seidenpapier, in ein altes T-Shirt, in Noppenfolie, in Verpackungschips – damit nie wieder ein Ton daraus zu dir dringt. Es klingelt weiter. Du bewegst dich nicht. Der Busfahrer dreht sich, dann nochmal, dann steht er auf. „Fine corsa, Frau.“ Auf dem Fußweg zurück bist du an der dritten Haltestelle bis auf die Haut durchgeweicht.

Allerheiligen

Du weißt genau, wie es sein wird. Bild für Bild. Seit drei Wochen probst du es; seit die Allerheiligenkerzen im Conad im Regal stehen. Das ganze Dorf am Friedhof. Das kleine weiße Grab zwischen Steinen, die Jahreszahlen tragen, an die längst niemand mehr Anteil nimmt – 1962, 1987, 2003. Am Abend wirst du einen Ablass gewinnen und versuchen die Teenager zu überhören, die sich auf dem Friedhof aus den Kerzen einen Wachshandschuh gießen.
Du gehst nicht.
Dein Mann steht im Flur. Mantel an. Schal. Die Autoschlüssel in der Hand. Er wartet. Er sagt nichts. Wie immer. Er weiß, dass etwas kommt.
Es kommt.
Du brüllst, dass er froh sei. Erleichtert. Dass er ihn nie so gewollt habe wie du. Dass er voriges Wochenende deiner Schwester gesagt hat, dass es Zeit wird, dass du dich einkriegst – du hast es gehört, in der Küche, am Telefon, du hast es gehört. Dass er kein Vater sei. Dass er nie einer war.
Es trifft. Du siehst, wie es trifft. Etwas in seinem Gesicht macht zu, eine Tür, von innen. Für einen Moment hast du, was du wolltest: ihn ganz unten, bei dir. Seine Hand geht zur Klinke.
„I bin so gohr.“
Die Hand bleibt an der Klinke. Lange. … dann hängt er den Mantel zurück. Den Schal. Die Schlüssel klacken auf das Tischchen, wo früher das Haustelefon stand. Er setzt sich neben dich auf den Boden im Flur. Du nimmst seine Hand nicht gleich. Erst, als er zu zittern aufhört. Auch sie ist eiskalt.
Es ist schon dunkel, als ihr aufsteht. Die Kerze für das Grab steht ungebraucht in der Anrichte. Sie wird dort bis Weihnachten stehen.

Drei Tage vor dem ersten Geburtstag

Du bittest die Ingrid, das Kinderzimmer auszuräumen. Sie ist deine Besti. Sie kann das. Sie kann dir die Wahrheit sagen, ohne dich zu verletzen, und das Gegenteil. Sie soll alles dem Elki schenken oder verkaufen oder spenden – Hauptsache weg. So ist der Plan. Er hat versprochen zu malern ... wenn es leer ist. Er wird es nicht tun. Die zwei Kübel stehen seit Ostern vor der Tür.
Sie kommt am Samstag. Sie sagt nichts. Sie umarmt dich nicht. Sie schlüpft durch die Tür, und in dem Moment, in dem sie sie hinter sich zuschieben will, fällt dein Blick auf das Mobile. Sonne, Mond und Sterne. Filz, Garn, ein bisschen Glitter, drei Euro neunzig aus irgendeinem Spielwarenladen. Es dreht sich nicht. Es hängt nur. Die Sonne lächelt. Der Mond schläft. Ingrid sieht es. Ingrid hält die Tür einen Moment offen, fragend. Du nickst. Sie nimmt es zuletzt ab. Drei Tage vor seinem ersten Geburtstag räumst du dein Kind aus. Mütter wie du verdienen keine Kinder.
„Gottes Wille“.

 

Goggel Totsch

 

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freiTEXT | Andreas Zabel

Was bleibt, wenn nichts mehr drängt

Ich habe lange geglaubt, dass Bewegung ein Beweis ist. Dass Dinge nur dann zählen, wenn sie sich verändern. Vielleicht beginnt alles in einem Raum, in dem nichts mehr eilig ist. Ein Tisch, ein Koffer, der nicht ganz offen ist. Der Griff kalt, als hätte ihn lange niemand berührt. Ein Zustand, der keine Entscheidung mehr braucht.
Es gibt diese Stimmen, die sagen: Geh. Nimm mit, was du tragen kannst. Werde leichter, indem du dich entfernst. Und dann gibt es die anderen — leiser, schwerer zu hören — die nicht widersprechen, sondern bleiben. Die sagen nichts von Ziel. Nur von Ort.
Ich habe gesehen, was passiert, wenn man den Deckel schließt. Wenn alles im Inneren plötzlich funktioniert. Wenn Zweifel verschwinden, nicht weil sie geklärt sind, sondern weil sie keinen Platz mehr haben. Es ist effizient. Es ist überzeugend. Und es ist endgültig.
Manchmal reicht schon eine Richtung.
Eine Linie, die sich nicht mehr biegt.
Ein Weg, der nichts mehr fragt.
Er führt weiter.
Ohne Abzweigung.
Ohne Rücksicht darauf, ob jemand mitkommt.
Und irgendwann steht man daneben.
Ohne Gepäck.
Ohne etwas, das man zurücklassen könnte.
„Es hat funktioniert“, sagt man sich.
Und meint damit nicht, dass es richtig war.
Draußen dauert es länger.
Draußen ist nichts sicher. Dinge bleiben unfertig, selbst wenn man sie lange genug betrachtet. Gespräche enden nicht, sie lösen sich nur auf. Und manchmal sitzt man neben etwas, das man nicht mehr öffnen will, nicht aus Angst, sondern weil es nicht mehr nötig ist.
Und irgendwo dazwischen spannt sich etwas, das trägt.
Für einen Moment.
Wie etwas, das hält, solange man nicht zu viel davon verlangt.
Nicht für immer.
Man greift danach.
Zieht sich ein Stück vor.
Zwischen zwei Seiten, die sich nicht decken.
Ein Übergang, der möglich ist —
bis er es nicht mehr ist.
Dann bleibt nur noch das Wasser.
Und die Entscheidung, wie weit man darin steht.
Einige gehen weiter.
Ohne sich umzudrehen.
Andere treten zurück.
Nicht aus Schwäche.
Sondern weil der Boden noch da ist.
Und es gibt die, die bleiben und trotzdem arbeiten.
Die Dinge ordnen könnten.
Glätten.
Schließen.
Richtig machen.
Aber irgendwann hält etwas inne.
Die Linie ist nicht perfekt.
Und sie muss es nicht sein.
„Es wäre einfacher zu gehen“, denkt man manchmal.
Aber einfacher ist nicht dasselbe wie richtig.
Und schneller ist nicht dasselbe wie wahr.
Ich weiß nicht, ob man ankommt.
Ich weiß nur, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was funktioniert —
und dem, was bleibt.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man aufhört, sich tragen zu lassen.
Nicht, weil man angekommen ist.
Sondern weil man nicht mehr weg muss — und auch nicht mehr so tun kann.

 

Andreas Zabel

 

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freiTEXT | Rebecca Ohnesorge

Sehr große Zähne

Ich habe sehr große Zähne. Sehr viel größere als die meisten anderen Menschen. Wenn ich den Mund schließe, sieht man, wie sie sich durch die Haut ober- und unterhalb meiner Lippen abzeichnen, in einzelnen hohen Bögen. Öffne ich den Mund, sind die meisten Menschen für einen Moment beinahe erschrocken, wie massiv sie wirken. Groß und porzellanweiß strahlen sie nach draußen, denn ich pflege sie auch gut. Seit meiner Kindheit hat man mir eingeschärft, wie wichtig es ist, sie gut zu pflegen und so verbringe ich jeden Tag Stunden damit sie zu scheuern, zu schrubben, zu wischen, zu säubern.

Nach meinen Eltern fiel als erstes den Lehrern in der Grundschule die Größe meiner Zähne auf. In meinem Kindergesicht wirkten sie noch gigantischer als jetzt: als hätte ich etwas zu Großes in den Mund genommen, das ich wieder ausspucken müsste. Aber ausspucken konnte ich sie natürlich nicht. Stattdessen rieten die Lehrer mir, etwas aus meinen Zähnen zu machen, wie sie sagten und ich erinnere mich, wie begeistert meine Eltern auf den Vorschlag reagierten. Mein Vater klopfte mir auf die Schulter und ließ sich die Zähne, die er ohnehin jeden Tag sah, noch einmal genauer zeigen, nachdem wir bei den Lehrern gewesen waren. Ich riss den Mund so groß und so lange auf, dass meine Lippen spannten und die Zähne ganz trocken wurden an der Luft. Mein Vater nickte und kniff fachmännisch die Augen zusammen. „Sehr schön“, sagte er dann, „daraus muss sich doch etwas machen lassen“

Wir versuchten zunächst, mich als Zahnspangenmodell zu vermarkten, aber nachdem unsere örtliche Kieferorthopädin einige Probeaufnahmen gemacht hatte, nahmen wir davon wieder Abstand. Die Größe meiner Zähne wirkte doch etwas bedrohlich und das metallene Drahtgeflecht der Zahnspange geradezu lächerlich winzig dagegen. Es sah aus, als müsse es vor meinen Zähnen kapitulieren und wäre sicherlich keine gute Werbung gewesen. „Du musst aber wirklich etwas aus diesen Zähnen machen“, riet mir die Kiefernorthopädin nichtsdestotrotz, „wenn man schon solche Zähne von Natur aus hat...“ Eine Weile arbeitete ich daher neben der Schule nachmittags in einer Zahnarztpraxis, wo ich anderen Kindern demonstrieren sollte, wie man sich richtig die Zähne putzt. An meinem übergroßen Gebiss war das Ganze einfach besser zu zeigen. Dann wurde ich an die zahnmedizinische Fakultät der Universität weitergereicht, wo Studentinnen und Studenten meine Zähne begutachten durften und an ihnen lernten. Als ich mit der Schule fertig war, stand fest, dass mein Beruf natürlich etwas mit Zähnen zu tun haben musste. Zahnmedizin zu studieren war mir leider nicht möglich gewesen, da ich aufgrund meiner vielen zahnbezogenen Nebenjobs einfach nicht genug Zeit gehabt hatte für die Schule zu lernen und entsprechende Noten zu ergattern. „Aber es steht außer Frage, dass du etwas anderes mit deinen Zähnen finden wirst“, versicherte mir meine Mutter, „wer solche Zähne hat wie du, wird auch etwas mit Zähnen machen“

Am Ende blieb mir nach langem Suchen nur eine Arbeit als menschlicher Nussknacker. Zuerst zerknackte ich tatsächlich ausschließlich Nüsse. Es war die Geschäftsidee einer Bäckerei in der Weihnachtszeit gewesen, ihre Nüsse für die Lebkuchen von einer lebendigen Person in einem Nussknackerkostüm zerbeißen zu lassen. Als diese Idee derartig gut ankam, dass sie andauernd Andrang hatten, weil die Leute sehen wollten, wie ich selbst die härtesten Nussschalen – Walnüsse, Haselnüsse, Paranüsse etc. pp. – mit spielender Leichtigkeit zwischen meinen Zähnen zerbiss, weiteten sie das Konzept auch auf den Rest des Jahres aus.

Nun knacken zwischen meinen Zähnen nicht mehr nur Nussschalen, sondern alles, was irgendwie hart und groß ist. Zuckerstücke, harte Nudeln, Porzellanlöffel und Bleistifte. Ich lächle, während alles aus meinem Mund heraus sprüht und splittert und ich den Menschen erkläre, wie interessant es sei die verschiedenen Oberflächen und Texturen zwischen den Zähnen zu spüren. Dass man eine Paranuss zum Beispiel anders knacken muss als ein Bonbon; einen Plastikteller anders als einen Pflaumenkern. Dass es auf den richtigen Winkel und die richtige Technik ankommt, die man immer weiter verfeinern muss. Ob ich immer schon gewusst hätte, dass ich etwas Derartiges machen wollte und dass es mir so viel Freude bereiten würde, fragen sie. Und ich lächle noch mehr. Natürlich, sage ich dann, wenn man von der Natur mit solchen Zähnen ausgestattet worden ist, dann muss man doch etwas in der Art machen. Es ist wundervoll, sage ich.

Es ist grauenhaft.

 

Rebecca Ohnesorge

 

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freiTEXT | Franz Löbling

Danke für‘s Teilen

„Also… ich bin Karlo“, sagte Karlo.
„Hallo Karlo!“, antwortete der Kreis.
Karlo rieb sich ein wenig die Hosenbeine.
„Und… tja, also ich… ich bin reich“, sagte er betreten.
Alle nickten. Die Frau neben Karlo, ein Wesen aus tausend farbigen Tüchern, tätschelte ihm die Schulter.
„Niemand verurteilt dich hier, Karlo“, versicherte Harald von seinem Stuhl auf der anderen Seite. „Wir alle haben das gleiche Problem. Und gemeinsam…“ Er lächelte nach links und rechts. „… arbeiten wir daran, dass es besser wird, nicht wahr? Schritt für Schritt, geteilte Erfahrung um geteilte Erfahrung. Deshalb ist es wunderbar, dass wir heute unsere Erfahrungen auch mit dir teilen dürfen. Danke, dass du hier bist, Karlo!“
Jubel brandete auf. Karlo quittierte ihn mit einem verschämten Lächeln.
„Aber, aber!“, tadelte Harald. „Wir klatschen doch nicht. Niemand soll hier das Gefühl haben haben, dass er bewertet wird. Schon gar nicht, wenn er das erste Mal dabei ist. Karlo, das hier ist ein geschlossenes Meeting, wirklich ein sicherer Raum. Wir sprechen nur in der Ich-Form und teilen auch nur unsere eigene Erfahrung, Stärke und Hoffnung. Jeder darf teilen, aber keiner muss. Wenn du also heute nur zuhören möchtest, ist das völlig in Ordnung.“
Karlo nickte und sank wieder in seine gepolsterte Rückenlehne.
„Wunderbar!“ Harald zog sein Handy aus der Tasche. „Wie ihr wisst, ist unser heutiges Thema Immobilien und wie wir uns dazu überwinden können, sie loszulas…. Oh nein, Zoë, ist alles in Ordnung?“
Eine hagere Frau mit bonbonfarbenen Lippen hatte sich an die Brust gegriffen.
„Ja, ja“, hauchte sie und wedelte mit der freien Hand in Haralds Richtung. „Mach weiter. Es geht schon wieder.“
„Bleib stark, Zoë!“ Ihre Nachbarin drückte ihr den Oberschenkel. „Du machst das toll!“
Zoë nickte tapfer.
„Ich weiß“, sagte Harald etwas lauter, „es ist ein schwieriges Thema. Immobilien sind ein großer Teil und für manche von uns…“ Er nickte zu Zoë. „… mit Abstand der größte Teil unseres Vermögens.“
Bei dem Wort zuckten alle im Stuhlkreis zusammen.
„Aber“, fuhr Harald fort. „Gerade deshalb müssen wir über sie sprechen. Unser Ziel ist ein Leben, das wir wieder selbst bestimmen. Wir und nicht das Geld.“
Zustimmendes Murmeln. Einige wiederholten Haralds letzte Worte wie ein Mantra. Er wartete lächelnd, bis wieder Ruhe eingetreten war, dann sagte er:
„Das geht aber nur, wenn wir uns letztlich auch von unseren Immobilien trennen können.“
Zoë stieß einen kleinen Schrei aus, doch die meisten wirkten erleichtert, dass es ausgesprochen war. Harald tippte kurz auf seinem Handy herum.
„Als Einstieg möchte ich euch heute eine Nachricht von Ashley vorlesen, die, wie ihr wisst, leider nach Singapur fliegen musste, aber natürlich im Geiste bei uns ist. Sie schreibt:
‚My favorite Richies…‘“
Er gluckste und drückte kurz das Handy an die Brust.
„So Ashley…“, seufzte er, während die anderen lachten.
„Immer originell“, meinte ein beleibter Mann im Trainingsanzug.
„Erfrischend“, ergänzte seine Sitznachbarin.
„Wie kommt sie auf so was?“
„Großartige Frau!“
„Herzensmensch!“
„Bitte“, Harald hob sanft die Hand. „Wir versuchen, nicht zu werten.“ Er räusperte sich. „Also, Ashley schreibt:
‚My favorite Richies, so sorry, dass ich heute nicht da sein kann, aber die Asienexpansion ist leider mehr tricky als gedacht und jetzt muss ich auch noch den Steuernachlass neu verhandeln…‘“
„Unfassbar“, brummte ein Mann mit orange getönten Brillengläsern, der rechts von Harald saß. Harald warf ihm einen mahnenden Blick zu, bevor er weiterlas:
„‚… aber ich denke natürlich an euch alle und unsere Mission – und werde deshalb die Gelegenheit hier nutzen, mein Sommerhaus in Sentosa Cove zu verkaufen. …‘“
„Was?“, rief der Mann im Trainingsanzug und richtete sich kerzengerade auf.
„‚… Es tut mir in der Seele weh, und ich weiß, dass Stephan sehr enttäuscht sein wird, weil wir zu Silvester kein gemeinsames Barbecue mehr machen können…‘“
Der Mann im Trainingsanzug hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und starrte wie versteinert auf Haralds Handy.
„‚… Aber ich möchte ihm und euch allen sagen: ‚Keep pushing! Ihr seid so wunderbare Menschen – und am Ende ist ein Haus nur ein Haus. Just hang in there! Wenn ich messy minnie das hinkriege, dann ihr auf jeden Fall auch. Love you all, Ashley‘.“
Harald ließ das Handy sinken.
„Ich denke, besser können wir unsere Sitzung heute nicht einleiten“, sagte er lächelnd und fügte dann hinzu: „Danke für‘s Teilen, Ashley.“
„Danke für‘s Teilen“, echote der Stuhlkreis.
„Wie macht sie das nur?“
„Als wär‘s nichts!“
„Einfach Ashley, oder?“
Harald hob seine Stimme ein weiteres Mal.
„Damit möchte ich die Runde eröffnen. Denkt bitte daran: Wir vermeiden Kommentare und Diskussionen – und Ratschläge, auch wenn sie gut gemeint sind. Und…“ Sein Blick zuckte leicht nach rechts. „… denkt bitte auch daran, beim Thema zu bleiben, okay? Es geht um Immobilien. Also, wer möchte beginnen?“
Kaum hatte er die Frage beendet, als der Mann rechts von ihm schon aufsprang.
„Helmut“, sagte Harald etwas schwach, „du musst wirklich nicht…“
„Ich stehe gern“, dröhnte Helmut und schob sich die orange Brille ins Haar. „Und ich möchte teilen, dass ich seit unserer letzten Sitzung meine Häuser verkauft habe.“
„Welche?“, fragte Stephans Sitznachbarin spitz, eine große, schwerberingte Frau mit schwarzem Bob.
Helmut feixte.
„Alle“, sagte er.
Entsetzt blickte die ganze Gruppe zu Helmut. Die Ringfrau keuchte. Zoë schien einer Ohnmacht nahe.
„Tja“, meinte Helmut, offenbar zufrieden mit seiner Wirkung, und steckte eine Hand in die Tasche, während die andere zu großer Geste ansetzte. „Reden alleine bringt ja nichts. Ich meine…“ Er wandte sich halb entschuldigend zu Harald. „… es ist natürlich großartig, was du hier für uns tust, und Selbsterkennung und so weiter und so weiter. Aber am Ende des Tages müssen wir ja auch ins Tun kommen. Und klar: Beide Daumen hoch für Ashley, dass sie ihr Sommerhaus verkauft hat. Aber welchen Impact hat denn das wirklich? Feiert sie halt dieses Jahr in Seoul oder Riad. Ich meine, kleine Schritte schön und gut, aber wenn wir hier vorankommen wollen, müssen wir groß denken, auch mal harte Entscheidungen treffen. Wozu brauch ich denn meine Häuser? Die Kinder sind erwachsen. Ich bin geschieden und sowieso die meiste Zeit im Büro. Also hab ich die oberste Etage meines Firmengebäudes zum Penthouse ausbauen lassen und den ganze Rest verkauft. Und ich sag euch eins, Leute, Zeit ist nicht unser Freund hier. Ich hab den Preis für alle Häuser schon so weit gedrückt, wie es nur ging, ohne Schenkungssteuer zahlen zu müssen. Aber am Ende war‘n es trotzdem fast drei Millionen Plus. Ich meine, wir wissen alle, dass es nicht leicht ist, was wir hier versuchen, aber dieser Pillepalle ‚Hier mal ein bisschen spenden und hier mal was verkaufen‘ bringt nix. Wir arbeiten nicht nur gegen unsere Sucht. Wir arbeiten gegen die Zeit. Und wenn wir nicht einfach immer reicher werden wollen, muss das hier alles etwas…“ Er schnippte zweimal energisch mit den Fingern. „… zackiger gehen.“
Helmut setzte sich.
Nach einem langen Augenblick sagte Harald:
„Danke für‘s Teilen, Helmut.“
„Danke für‘s Teilen“, wiederholten Einzelne. Die meisten schienen zu erschüttert, um zu sprechen. Zoë, die vergeblich versucht hatte, sich mit dem Gelassenheitsgebet zu beruhigen, stand auf und wurde von ihrer Sitznachbarin aus dem Raum geführt.
Harald selbst atmete mehrmals tief durch, bevor er fortfuhr:
„Aber noch einmal: Denkt bitte alle daran, dass wir hier keine Forderungen stellen oder Tips geben wollen. Wir teilen unsere Erfahrung wertfrei, um andere nicht unter Druck zu setzen. Was für den einen funktioniert, muss nicht unbedingt für den anderen funktionieren.“
Helmut schnaubte hörbar. Harald ignorierte ihn.
„Also, wer möchte noch etwas teilen?“, fragte er.
Die Frau neben Karlo streckte zögernd eine Hand aus den Tüchern.
„Ja, Emily?“
„Also, ich glaube, ich, ich hab das das letzte Mal irgendwie falsch verstanden“, sagte sie entschuldigend und zupfte an einem rotgoldenen Batikschal. „Ich dachte, Immobilien heißt Wald und Ackerflächen und so…“
Man hörte, wie mehrere Nasen gleichzeitig Luft einsogen. Die Frau mit dem Bob stöhnte.
„Elvira, bitte“, sagte Harald zum ersten Mal erkennbar verärgert.
„Sorry“, erwiderte Elvira augenrollend. „Aber sag mir eine Sitzung, wo sie das Thema nicht falsch verstanden hat.“
„Das tut mir auch total leid, Elvira“, piepste Emily. „Aber ich hatte extra noch ‚immobil‘ nachgeguckt, und da stand, das kommt von Latein und heißt ‚unbeweglich‘, und, naja, ein Wald bewegt sich ja nicht. Deswegen dachte ich…“ Ihre Stimme verlor sich. „…das gilt vielleicht auch…“
Elvira öffnete den Mund, zog sich unter Haralds Blick aber am Ende nur einen imaginären Reißverschluss darüber und sank in ihren Stuhl zurück.
„Natürlich gilt das, Emily“, sagte Harald nachdrücklich, die Augen noch immer auf Elviras schmollendem Gesicht. „Was möchtest du mit uns teilen?“
„Naja“, Emily sah ängstlich von Elvira zu ihm und schluckte. „Also, nach der letzten Sitzung, als alle so große Fortschritte gemacht hatten – Zoë mit ihrer Schulstiftung und Stephan mit seiner ja wirklich riesigen Spende an… ich hab vergessen, welche Partei es war, aber das war alles so beeindruckend, dass ich mir gesagt habe, Emily, habe ich mir gesagt, es ist jetzt auch Zeit für was Großes. Also…“ Sie schluckte noch einmal. „Also habe ich angeboten, meine 2.000 Hektar Wald hier zu verschenken...“
„Zu verschenken?“, unterbrach Helmut entgeistert. „Bist du wahnsinnig? Weißt du, wie viele Steuern du dem Staat damit in den Rachen wirfst?“
„Helmut…“, begann Harald fast schon energisch, aber Stephan ging dazwischen.
„Emily, du bist ein ganz, ganz lieber Mensch und ich weiß, das ist ein Riesenschritt für dich. Deswegen: Hut ab! Ehrlich!“ Und er machte die entsprechende Geste. „Aber du solltest wirklich lieber billig verkaufen, damit vor allem die etwas davon haben, die mit Geld auch umgehen können.“
„Naja“, piepste Emily und duckte sich tiefer in ihren Stoffberg. „Aber ich wollte meinen Wald ja sowieso dem Land schenken.“
Helmut, Elvira und Stephan begannen alle gleichzeitig, sie anzuschreien. Zuerst schien es, als könnte Harald die Situation retten. Doch dann ließ Emily fallen, dass sie sich auch wegen des Klimas zu dieser Schenkung entschlossen habe.
„Das ist doch alles Propaganda, du dumme Trine!“, keifte Zoës Sitznachberin völlig außer sich. „Nichts davon ist bewiesen! Nichts!“
Außer Karlo waren alle aufgesprungen und redeten wild gestikulierend auf Emily ein. Harald versuchte nach Kräften, wieder Ruhe in die Sitzung zu bekommen. Doch es gelang ihm nicht einmal, den Pulk aufzubrechen, der sich um Emilys Stuhl gebildet hatte. Als endlich nach zehn Minuten alle müde getobt in seine Richtung schauten, war Harald verschwunden.
„Das ist aber nicht sehr wertschätzend“, sagte Elvira pikiert und strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. „Er hat schließlich selbst angeboten, zu moderieren!“
Stephan legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Harald hat bestimmt heute die Kinder“, sagte er. „Und schließlich muss ja jeder selber entscheiden, wie wichtig ihm das hier ist.“
„Wir sind jedenfalls noch da“, meinte Helmut und warf einen Blick auf die Uhr, „und wir haben noch eine halbe Stunde.“ Er winkte allen, wieder Platz zu nehmen, während er selbst stehen blieb. „Also, hat noch jemand was?“
Aus einem zitternden Haufen bunter Tücher hörte man leise:
„Ich.“
„Ich denke, wir habe heute alle genug von dir gehört, Emily“, sagte Helmut brüsk. „Es geht uns ja hier nicht darum, um jeden Preis zu verarmen. Wenn wir nicht gleichzeitig unsere Angestellten schützen und der Gesellschaft einen Dienst erweisen können, ist mit unserem Verlust niemandem geholfen. Bevor du deinen Wald dem Staat schenkst, kannst du ihn ja gleich selber anzünden…“
„Aber das wollte ich doch sagen“, erwiderte Emily etwas lauter, „dass das Land die Schenkung abgelehnt hat, weil sie keine Kapazitäten für die Pflege haben.“
Elvira schnaubte.
„Und für diese Inkompetenz zahlen wir Steuern…“
„Ich weiß“, saugte Emily gierig Elviras Zustimmung auf. „Furchtbar, nicht wahr? Aber jedenfalls… dann habe ich Karlo hier getroffen. Und er hat mir von diesem wirklich tollen Modell erzählt, das… naja, das erzählt er besser selbst. Ihr kennt mich ja.“ Sie kicherte nervös. „Jedenfalls, er hat jetzt meinen Wald, aber irgendwie auch nicht, und ich bin jetzt viel, viel weniger reich als vorher und – ich fühle mich großartig. Wirklich! So… erleichtert. Und ich dachte, dass Karlo, also sein Modell, vielleicht auch euch helfen könnte. Deshalb habe ich ihn heute zu unserem Treffen mitgebracht.“
Überrascht sahen alle zu Karlo.
„Ich dachte, du bist hier, weil du nicht mehr reich sein willst“, sagte Elvira misstrauisch.
Karlo hob entschuldigend beide Hände.
„Das stimmt“, sagte er. „Aber im Vergleich zu euch allen bin ich arm. Und falls ihr bei meinem Modell mitmachen möchtet, werde ich sogar noch ärmer.“ Er lachte. „Aber das Tolle daran ist: ihr auch. Ohne dass ihr auf irgendetwas verzichteten müsst, und ohne…“ Er wies auf Helmut. „… dass eure Angestellten den Preis zahlen müssen.“
Helmut hob die Brauen.
„Wie?“
„Oh, ganz einfach. Meine Firma kauft Vermögenswerte zum Spottpreis und leiht sie den Vorbesitzern entgeltfrei auf Lebenszeit zurück.“
Alle außer Emily brachen in schallendes Gelächter aus.
„Das ist ja völlig bescheuert“, gackerte Zoës Sitznachbarin.
„Stimmt“, sagte Karlo lächelnd. „Deshalb sinkt unser Aktienkurs auch nach jedem neuen Kauf.“
„Wieso seid ihr noch nicht bankrott?“, fragte Helmut.
Karlo stand auf, griff sich in die Jacketttasche und gab ihm eine Visitenkarte.
„Weil wir technisch gesehen eine Bank sind“, sagte er. „Der Kleinsparer wegen dürfen wir gar nicht bankrott gehen.“
Ein Raunen ging durch den Stuhlkreis. Helmut, den Blick unverwandt auf die Karte in seiner Hand gerichtet, setzte sich langsam.
„Natürlich steigern wir auch immer kurz den Firmenwert“, fuhr Karlo fort, „wenn wir Immobilien oder Land kaufen, aber da wir damit keinen Gewinn machen, hält das nicht lange.“
„Also müsst ihr immer weiter kaufen“, sagte Stephan und nickte. „Für Spottpreise weiterkaufen.“
„Ganz genau.“ Karlo gab auch ihm eine Visitenkarte. „Und dabei werden wir ärmer und ärmer.“
„Aber nicht so arm wie eure Verkäufer Slash Mieter“, grinste Elvira.
Karlo nickte, reichte ihr einen ganzen Stapel Visitenkarten und setzte sich wieder.
„Das ist genial!“, kreischte Zoës Sitznachbarin und griff sich eine. „Das ist genau das, was wir brauchen.“
„Der freie Markt regelt!“, rief Stephan, den Blick zur Decke gerichtet. „Danke, Karlo!“
Helmut, noch immer die Karte in der Hand, erhob sich wieder.
„Ich denke, da sind wir uns alle einig“, dröhnte er. „Danke für’s Teilen, Karlo!“
„Danke für’s Teilen“, lachten sie alle.

 

Franz Löbling

 

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freiTEXT | Johanna Schramm

See der grünen Erinnerungen

Der Wind streichelte sanft ihre leicht gerötete Wange, strich ihre Haare aus dem sonst blassen Gesicht, blies sie sacht nach hinten über ihre Schulter, wo sie sich wiederfanden und ineinander verschlangen. Goldene Seide in einem fast gänzlich aufgelösten Knoten.
Glitzernd tanzten die Pollen in der bewegten Luft, kitzelten sie in der Nase und verschwanden in dem Wald, der sie umgab und der stetig neue Samen freigab, um im nächsten Sommer ein prachtvolles Blütenmeer zu gestalten.
Wasser umschloss ihre Knöchel, kühl, nass. Es bewegte sich kaum, schlug keine Wellen, nur ab und zu zogen kleine Kreise ihre Bahnen im See, wenn ein funkelnder Fisch auftauchte und wieder in der Tiefe und Dunkelheit des Wassers verschwand.
Das Wasser war nicht klar, nicht türkisblau, es war grünlich, etwas trüb. Kein Bild aus einem Märchen, das sich einem bot. Und doch war es wunderschön. Es war ehrlich, verwundbar.
Das Mädchen mit den goldenen Haaren bewegte sich vorsichtig tiefer in den See, spürte den Schlick zwischen den Zehen, die kleinen Steinchen, die sich in ihre Fußsohlen bohrten, die Kühle des Wassers, die sich um ihre elfenbeinfarbenen Waden schloss. Immer höher stieg die Kälte an ihrem zierlichen Körper empor. Das birkengrüne kurze Kleid schmiegte sich eng an ihre Haut, wickelte sich um ihre Taille, zog sie mit dem Gewicht leicht nach unten.
Das Wasser umspülte ihren Hals, der seidige Knoten löste sich ganz auf. Aus flüssigem Gold wurde ein Teppich aus Kupfer, der an der Oberfläche trieb und sich mit der Umgebung verband.
Ihre Füße wagten sich weiter vor, gruben sich in die nasse Erde. Und plötzlich war da nichts mehr. Kein Schlick, der ihr Halt bot, keine Steine, auf denen sie ihre Zehenspitzen platzieren konnte. Das Wasser brach über ihrem Kopf zusammen, verschluckte das Mädchen, das einer Waldfee glich, leise, heimlich, viel zu schnell.
Aber genau dort wollte das Mädchen sein. Sie ließ sich nach unten gleiten, vom schweren Kleid in die Tiefe ziehen, näher zur Dunkelheit, weiter in die Stille, die so friedlich war. Sie schloss die Augen, beruhigte ihren Puls, der sich instinktiv erhöht hatte, sie dazu drängte zu schwimmen, Sauerstoff zu suchen und nach oben zu gelangen.
Mit dem grünen Kleid, das im Wasser schwebte, als sei es schwerelos, sah sie aus, wie ein Teil des Sees, ein Teil dieser eigenen kleinen Welt. Die Fische schwammen nah an ihr vorbei, umspielten sie, hießen sie willkommen.
Mit geschlossenen Augen genoss sie die Stille, den Frieden, der sich einem bot, wenn man allem entfliehen konnte. Sie wollte nicht sterben, eigentlich wollte sie auch vor nichts fliehen, dies war bloß ein willkommener Bonus ihrer Besuche.
Tief im Wasser, wenn sie nichts hören und nichts sehen konnte, wenn nur das Rauschen ihres Blutes in den Ohren und das dumpfe Pochen ihres Herzens ihre Begleiter waren, fühlte sie sich ihren Liebsten nahe, die sie schon lange verlassen hatten. Sie konnte sie spüren, tief in ihrem Innern und im Wasser um sie herum. An der Oberfläche war es zu laut, zu schnell, zu wuselig, zu voll mit Dingen, die verhinderten, dass man sich ganz auf eine Sache konzentrieren konnte. Vor allem war es zu laut, um Menschen zu hören, die nicht mehr da waren und um in sich selbst zu horchen.
Hier spürte sie ihre Anwesenheit. Sie fühlte die Liebe ihrer Mutter, die es geliebt hatte, am See zu picknicken. Sie hörte das Lachen ihrer Tante, wenn sie mit ihr in das Wasser sprang. Sie sah das Gesicht ihrer Großmutter mit dem Lächeln, das ihre Augen zum Funkeln brachte, wann immer sie ihre Tochter und Enkel erblickte. Sie hörte die leise verschwörerische Stimme ihres Großvaters, der ihr Geschichten von Waldfeen, Elfen und Kobolden erzählte, die bestimmt gerne mit ihr spielen würden, wenn die Erwachsenen nicht dabei wären.
Je kälter ihr wurde, je mehr ihre Lungen brannten, desto lauter wurden ihre Stimmen, ihr Lachen und umso klarer ihre Umrisse. Wenn sie das Gefühl hatte, sie beinahe anfassen zu können, wusste sie, dass es Zeit war aufzutauchen. Zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Tante, ihrer Großmutter und dem Flüstern ihres Großvaters stieß sie sich vom Boden ab, schwamm empor, der funkelnden Sonne entgegen, die ihr ihre Liebsten wieder nehmen würde, bis sie wiederkam.
Ihr Kopf durchstieß die Oberfläche, ihr Haar klebte ihr im Gesicht. Die geflüsterten Feen lösten sich auf, das Lachen verhallte und ihr Atem erklang viel zu laut in ihren Ohren.
Wassertropfen glitzerten auf ihren Wangen, liefen an ihrem Hals nach unten, kitzelten sie, munterten sie auf. Ihre moosgrünen Augen öffneten sich, fanden die Stelle am Ufer, an der ihre Familie immer gepicknickt hatte, fokussierten den kleinen Vorsprung, von dem sie mit ihrer Tante immer in den See gesprungen war. Ein Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus, ähnlich dem ihrer Großmutter, als sie auf diesen zuschwamm.
Sie kletterte auf den kleinen Felsen, schaute hinunter auf das Wasser, in dem sich ihr Gesicht spiegelte. Blinzelnd musterte sie das Bild, bildete sich ein, neben sich die blauen Augen ihrer Mutter zu entdecken, die Hand ihres Großvaters auf ihrer Schulter zu spüren. Ihre eigenen Finger zuckten nach oben, berührten dort ganz sacht ihr Schlüsselbein, bevor sie drei Schritte zurücktrat.
Mit einem leisen Lachen sprang sie in den See.

 

Johanna Schramm

 

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freiTEXT | Jasmin Bogade

Nördlich des Hindenburgdammes

Die Sonne tanzt über die Kräuselungen der Wasseroberfläche, punktuell, glitzernd, zwischen dichten Wolken hindurch. Ein schnelles Wechselspiel im steten Wind. Die Ebbe ist vorangeschritten. Die Buhnen werden sichtbar. Ein Schwarm Austernfischer steigt zwischen ihrer geometrischen Anordnung auf.

Der Wind weht von Landseite und verfängt sich als feines Rascheln in den Kronen der Ulmen. Insekten stehen in der Luft. Vögel zwitschern. Die Sonne gewinnt an Kraft. Die Kartoffelrosenknospen zeigen erste feine rosa Linien. In wenigen Tagen wird der Weg von pinker Blütenpracht gesäumt sein. Ein hölzernes, flaches, grünes Gartentor neben einem braunen. Die Häuser, tief in die Dünen gebaut, geben nur den Blick auf Reetdach und die oberste Reihe Sprossenfenster, in weiß getünchten oder farbig holzvertäfelten Mauern, frei.

Der Seeseite abgewandt: Friesenwälle als Gartenbegrenzung mit dicht bewachsenen Hecken und Büschen. Die weißen Blütenstände der hochgewachsenen Kastanien im alten Kirchweg wippen im üppigen Grün. Selbstgemachte Marmelade und Honig stehen in einem kleinen Holzkasten gegen Barzahlung in eine Kasse bereit, um von vorbeikommenden Spaziergängern mitgenommen zu werden. Schmal sind die Fußwege. Ein beständiges Rauschen und Wispern zieht durch die Straßen. Gemütlich sind die Menschen unterwegs; verlieren sich in den gewundenen Gassen.

Die Strandkörbe in den Gärten und Parks sind der Sonne zugewandt. Lesen. Unterhalten. Ausruhen. Ein paar Radfahrer kommen vorbei. Eine Gruppe Urlauber bestaunt die Häuser, ihre inseltypische Bauweise. Ein offenes Gartenstück am Kliff gibt die Sicht frei aufs Meer. Das Schilf ist mannshoch. Durch feine, braune Linien der Blick aufs Watt. Ölig glänzend. Ein stetiges Blubbern und Glucksen ist zwischen den lauten Rufen der Möwen im Schlick zu hören. Austernfischer und stolzierende Säbelschnäbler stochern im feinen Sediment. Zwei Reiter galoppieren den schmalen, mit einer Kordel vom Spazierweg getrennten Pfad am Strand entlang.

An der Kreuzung Museumsweg sind Stimmen zu hören. Neben satt blühenden Pfingstrosen hängt Wäsche zum Trocknen in der Sonne. Nur eine leichte Brise hebt sie an, passend zur Trägheit und Ruhe des Ortes. Bewohnt und zugleich unbewohnt wirken die Häuser mit ihren offen stehenden Eingangstüren, um die aufkommende Wärme der Maisonne tief in die Räume zu lassen.

Walter spaziert vorbei. Mit seinem dichten Fell genießt der Corgi vor allem die Herbst- und Wintermonate mit kalten Temperaturen und kräftigen Stürmen. Nach ein paar Streicheleinheiten legt er sich an seinen Lieblingsplatz unter eine Holzbank, mit Blick aufs Meer, unweit der Lügenbrücke. Dünen, bewachsen mit Glockenheide, Felsenbirnen, strahlend gelb blühenden Hornklee und zart violett blühenden Strand-Grasnelken geben weich bei jedem Tritt nach. Zum Watt hin stehen Pfeifengras und in Büscheln wachsender Strandhafer. Ein schwer mit Blütenständen behangener Fliederstrauch verströmt seinen Duft in der Abendsonne. Kies knirscht unter unseren Füßen.

Ich trinke Ostfriesen-Tee mit Hafermilch aus einer Sauciere – den größten Pott, den ich in unserer Ferienwohnung finden konnte – und denke an Frau Schwarz.

Bordeauxrote Turnschuhe zur rosa-weiß karierten Hose. Das klassisch geschnittene helle Hemd lässig unter dem sattroten Pullover drapiert. Im Kontrast dazu das auffällig gearbeitete Perlenarmband mit großen leuchtend gelben und metallenen Kugeln. Ein ansteckend fröhliches Lachen durchströmt die frisch renovierte Buchhandlung. Rauhaardackel-Hündin Elsa liegt unter der sorgfältig ausgewählten Auslage und genießt das Ambiente. Mit jugendlicher Unbeschwertheit ist die Dreiundneunzigjährige ins Gespräch vertieft. Ihr Bericht über alltägliche Kleinigkeiten wechselt übergangslos in eine sachkundige Beratung zur Buchauswahl – raumeinnehmend mit feiner und humorvoller Ausdrucksweise. Die Lesebrille tief auf der Nase sitzend, merkt Frau Schwarz ihr großes Glück über das Weiterbestehen der Büchertruhe an und genießt sichtlich die Leichtigkeit, im Laden tätig zu sein, ohne die Komplexität der Wirtschaftlichkeit tragen zu müssen. Für Bestellungen sei jetzt Frau Ditting zuständig, erklärt sie dem Anrufer mit einem verschmitzten Lächeln, und verweist auf die neue Inhaberin, der sie ihren Laden nach fünfundvierzigjähriger Leitung übergeben hat. Es ist nicht möglich, die Büchertruhe aufzusuchen und sie mit leeren Händen zu verlassen. „Zwei Herren am Strand“, „Montauk“ und „Die Kraft der Liebe“ begleiten mich.

 

Jasmin Bogade

 

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freiTEXT | Daniela Ziegler

Coming-Out

Über vieles spricht man nicht. Darüber, dass man kein Auto hat, dass man einsam ist, dass man kein Geld oder Angst vorm Urlaub hat. Als Anne Theobald von ihren Ersparnissen lebte und nicht wusste, ob sie jemals wieder eine Stelle bekommen würde, hätte sie sich lieber die Zunge abgebissen, als jemandem davon zu erzählen. Über Armut spricht man nicht. Außer, wenn es die Armut von Kindern ist. Kinder dürfen arm sein, Erwachsene nicht. Warum? Weil Erwachsene an ihrer Misere selbst schuld sind, Kinder aber nicht. Anne spricht sowieso eher wenig. Würde man sie fragen, warum, würde sie sagen: Mir fällt oft nichts ein, was ich erzählen oder sagen könnte. Die Kolleginnen wissen immer irgendetwas, besonders Neuigkeiten, aber ich nicht.
Interessiert sich Anne denn für Neuigkeiten? Nein. Die Kolleginnen schon. Sie sind ganz jappelig auf das Allerneueste, und wenn es ihnen nicht von selbst zufliegt, fragen sie danach. Anne weiß nie etwas Neues, weil sie nie danach fragt. Manchmal fällt ihr etwas ein, was man erzählen könnte, ist sie dann aber im Kolleginnenkreis, ist es wieder wie weggeblasen. Wenn es ihr wieder einfällt, ist es meist zu spät. Dann ist der Zug schon abgefahren. Wer nichts erzählt, hat vielleicht etwas zu verbergen, eine Schande oder ein schweres Gebrechen. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Obwohl Annes Kolleginnen immer viel zu erzählen haben, sprechen auch sie nicht über alles. Zum Beispiel spricht niemand mehr über Sophie, die junge Kollegin, die vor einigen Monaten in die Psychiatrie gekommen ist und deren Programm Anne übernommen hat. Sophie hatte nie nein sagen können, hatte sich immer alles aufladen lassen und daher immer ein übervolles Programm.
Dass das niemand bemerkt hat, ist Anne heute noch ein Rätsel. Wieso hatte die Abteilungsleiterin eigentlich nie etwas dagegen unternommen? Einmal in einer stillen Stunde am späten Abend hatte Sophie Anne vom Betrieb ihres Vaters erzählt, der auf keinen grünen Zweig gekommen war, weil er säumige Kunden nie mahnte, ja, manchen sogar das Begleichen der Rechnung erließ. Frau und Kinder versuchten zwar, die Firma zu retten – zwecklos. Mit seiner Nachsicht machte er immer wieder alles zunichte. Die Probleme der Firma zu ihren eigenen zu machen, steckte Sophie im Blut. Eines Tages hatte sie sich endgültig übernommen und war krankgeschrieben. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass Sophie in der Psychiatrie sei. Anne, die keine Berührungsängste mit der Psychiatrie hat, hat sie dort einmal besucht. Aber die Kolleginnen hatten davon nichts hören wollen, obwohl Anne gerne davon erzählt hätte.

Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause fertig mit Aufräumen und schaut gerade noch den Schluss eines Krimis. Bevor sie sich von einer Liebesszene zwischen dem Kommissar und der ursprünglich Verdächtigten berühren lässt, denkt sie: Der Darsteller des Kommissars ist schwul, obwohl sie das gar nicht wissen kann, da er ihr völlig unbekannt ist. Ein stechender Schmerz in ihren Därmen lässt sie aufstöhnen. Ihr Bauch schmerzt so sehr, dass ihr der Schweiß ausbricht. Kein Wunder, sie hat seit Tagen Verstopfung. Wann ist das zum ersten Mal aufgetreten? Nach der Trennung von Andreas? Seit dem Umzug? Seit sie in der Berliner Firma anfing? Sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Später versucht sie, lange aufzubleiben, damit sie sich nicht schlaflos im Bett wälzt. Sinnlos. Um zwei wacht sie von Bauchschmerzen auf, geht ins Bad, kann aber trotzdem hinterher nicht mehr einschlafen. Ihre Gedanken beginnen zu rotieren und drehen sich um ihre gewesene Beziehung zu Andreas. Wann hat es angefangen? Wieso hab ich’s nicht gemerkt? Hätte ich es merken können? Und: Hätte ich denn überhaupt etwas daran ändern können? Hat das eine das andere bedingt? War ich nur Mittel zum Zweck, nur ein Katalysator für unklare, unausgegorene Gefühle? Dass ich ihn überhaupt anziehen konnte, wies schon auf den Ausgang der Beziehung hin. Also lag es an mir ... Zwischendurch nickt sie manchmal erschöpft ein, wird aber von jedem vorüberfahrenden Auto, von jeder Stimme auf der Straße, sogar vom Knacken der Bodenbalken wieder aufgeschreckt.
In der Schule hatte man sie immer mit ihrem Nachnamen „Theobald“ gerufen, und Andreas hatte sie manchmal Theo genannt. Das ärgerte sie nicht nur, sondern tat ihr auch weh. Einmal sagte sie: „Hör doch auf damit. Das wäre ja, wie wenn ich zu dir Andrea sagen würde. Wie würde dir das gefallen?“
Daraufhin lachte er wie gekitzelt und hatte auf einmal einen Glanz in den Augen, den sie noch nie an ihm gesehen hatte und der sie irritierte. Er sagte dann nie wieder Theo zu ihr. Eines Abends, als sie nach einer abendlichen Verabredung auf dem Heimweg war, glaubte sie, ihn gesehen zu haben, wie er zusammen mit zwei jungen Männern aus dem Whisky herauskam, der einzigen Schwulenkneipe der Stadt. Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht, und er war es gar nicht. Sie sprach ihn nicht darauf an. Kurze Zeit später hatte er sein Coming-Out. Wie ihre gemeinsamen Freunde und Bekannten seinen Mut feierten! Wie sie sie zu ihrer, Annes!, Toleranz und Langmut gratulierten! Ganz selbstverständlich setzten sie ihr Verständnis voraus, ohne gefragt zu haben, ob es auch vorhanden sei. Der Mann, der sich von seiner Frau trennt, weil er seine Homosexualität entdeckt, kann auf jeden Fall auf die Toleranz seiner Frau zählen, meinte man. Warum eigentlich?
Bei Treffen im Freundeskreis brachte Andreas seinen Liebhaber mit. Auch Anne war oft dabei, denn schließlich gehörte sie ja dazu. Wie sie auf einmal alle zu Experten wurden! Tschaikowski war schwul, Rock Hudson, ach ja, und der alte Fritz ja auch, die alten Griechen sowieso und Oscar Wilde!, und Andreas sonnte sich im Glanz seiner Ahnenreihe. Eines Abends hatte Anne offenbar etwas zu viel getrunken, begann zu kichern und meinte: „Vergesst nicht Siegfried und Roy, die tausendmal Gelifteten, und den dicken Elton John...“
Sie lachte lauthals mit zurückgelegtem Kopf, schrie fast vor Heiterkeit und konnte nicht wieder aufhören. Das war schrecklich peinlich, und alle versuchten, sie abzulenken und von etwas Anderem zu reden, aber sie konnte und konnte nicht aufhören zu lachen. Von da an zog sie es vor, sowohl ihren Freunden, die nicht die ihren waren, und vor allem Andreas aus dem Weg zu gehen, was nicht einfach war, denn in der überschaubaren Stadt begegnete man sich immer wieder. Zum Glück hatten Andreas und sie in all den Jahren nie daran gedacht, zusammenzuziehen, oder gar zu heiraten! Welch ein Segen!
Was vorbei war, war vorbei, auch wenn es weh tat. Die gute Freundin von Andreas wollte sie nicht sein, niemals. Am schlimmsten war, als sich Renate, die sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt hatte, ihr einen seltsamen Vorschlag machte:
„Du bist allein, ich bin allein. Gemocht habe ich dich schon immer. Warum wollen wir uns nicht zusammentun? Wir könnten es doch mal probieren?“
Entsetzt war sie auf und davon gelaufen. Nicht aus moralischen Gründen. Oder doch: genau aus moralischen Gründen. Eines Tages war Anne nicht mehr da. Eines Tages hatte sie ihre Stelle als Arztsekretärin in der Psychiatrie gekündigt und war nach Berlin gezogen. In der Zwischenzeit hatte sich ihr Äußeres unmerklich gewandelt. Sie selbst hatte es gar nicht gemerkt, erst als sie einmal die wenigen Fotos, die in dieser Zeit entstanden waren, genauer betrachtete, fiel es ihr auf: Obwohl sie Frisur und Kleidung nicht verändert hatte, hatte sie während der Zeit der Trennung ein fast mönchisches Äußeres angenommen. Erst in Berlin wurde sie wieder zu Anne. Wenn sie seitdem nachts wach liegt und nicht mehr einschlafen kann, dreht sich ihr Gedankenkarussell stets um das gleiche Thema: Was ist falsch mit mir? Wer bin ich? Irgendetwas war falsch an mir. Grundlegend falsch. Aber was? Warum hab ich ihn damals angezogen? Warum hab ich ihn wieder abgestoßen?
Gegen Morgen schläft sie endlich ein.

Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause und bügelt. Dabei hat sie wie so oft den Fernseher angeschaltet, um eine Stimme im Raum zu haben, aber sie schaut nicht auf den Bildschirm, sondern sinniert so vor sich hin. Die Tage sind schon länger geworden, denkt sie. Gottseidank. Dann sieht die Welt immer anders aus. Als ob etwas Neues beginnen würde, etwas nie Dagewesenes. Aber wann geschieht schon ein Wunder?
Der arte-Sprecher sagt: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Seit Rosa von Praunheim hat sich für die Situation der Schwulen, wie sie sich in bewusster Aneignung des diffamierenden Schimpfwortes ‚schwul‘ selbst nennen, viel verändert ...“
Anne denkt: Mariä Lichtmess. Schon vorbei. Mariä Lichtmess, bei Tag zu Nacht ess. Oma hat das früher immer gesagt. Wann hat man früher eigentlich zu Nacht gegessen?
„... Verherrlichung der Liebe zwischen Mann und Jüngling, wie in der griechischen Adelsgesellschaft ... Thomas Manns Tod in Venedig, die Liebe eines alternden Familienvaters zu einem jungen und schönen Unbekannten ... als Märtyrer seiner späten Leidenschaft, die die eigentliche Leidenschaft seines Lebens zu sein scheint, bedeutsamer und erfüllender als das Familienleben mit Frau und Kind, das im Gegensatz zu dem Liebesideal, das der junge Tadzio zu versprechen scheint, nur als trivial empfunden werden kann ... in der Literatur und heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts ...“
Da hebt Anne den Blick, als hätte sie jemand gerufen, und schaut Andreas direkt in die Augen. Ein Mann in mittleren Jahren in den Armen eines anderen, beide spärlich, aber bunt bekleidet. Ein Mann mit falschen Wimpern, geschminktem Mund, knappem Slip und bunten Federn auf dem Kopf, in selbstverliebter, provokanter Pose. Das zweidimensionale Bild ihrer Schmach springt sie flimmernd an. Anne ist wie gelähmt. Den hab ich mal geliebt. Mit dem war ich jahrelang zusammen. Den kannte ich gut, ohne ihn zu kennen. Ihr sausen die Ohren. Sie sieht nicht mehr richtig. Das Bild verschwimmt ihr vor den Augen. Sie hält sich am Bügelbrett fest und schaltet schnell das heiße Bügeleisen aus. Ihr wird schwindlig. Bauchpresse, Bauchpresse, denkt sie. Nicht umfallen. Alles kommt wieder. Wie kriege ich dieses Bild aus dem Kopf? Was soll ich nur tun? Und an das ewige Was ist falsch mit mir? hängt sie klagend an: Was hat er mir angetan? Endlich.
Denn diesen Gedanken hat sie noch nie gedacht.
Nachdem sie das zweidimensionale Bild ihrer Schmach angesprungen hat, fällt Anne in tiefe Verzweiflung. Keine Helfer in der Nähe. Freundin Manuela hat eine Affäre angefangen. Das heißt, dass sie eine Weile nichts von ihr hören wird. Kollegin Heimeran wäre sicher allzu bereit, sich ihrer anzunehmen, aber davon nimmt Anne lieber Abstand. Ohne es zu merken, sucht Anne den Arbeitsrausch. Als Zehnjährige hat sie im Kurpfälzischen Museum ihrer Heimatstadt mit ihrer damaligen Schulfreundin beim Zusammenkleben von Scherben aus der Römerzeit mitgeholfen. Schon damals hatte sie dieses Gefühl des Arbeitsrausches kennengelernt. Still im kleinen Hof des Museums zu stehen und immer wieder jede Scherbe an jede Scherbe halten, ob sie passt oder nicht, und wieder von vorne anfangen, bis die ersehnten zwei, drei zusammengehörigen Stücke die Ahnung einer Gefäßrundung ergeben. Oder sie schnitt Bilder, Artikel und Gedichte aus Zeitungen und Zeitschriften aus, die sie aufklebte und abheftete. Auch da dieses Gefühl des Versunkenseins, der ausgesperrten Zeit, die keine Rolle mehr spielte. Sie konnte sogar darüber weghören, wenn Mutter lamentierte: „Du mit deiner Kleberei! Was das kostet! Papier und Uhu! Du wirfst das Geld nur so zum Fenster hinaus! Und ich bezahle es! Wenn du mal groß bist, meinst du, du könntest dann den ganzen Tag Bilder ausschneiden? Da heißt es arbeiten! Und nicht kleben!“
Ein Zeitungsfoto, das sie zu Hause über ihren Schreibtisch gehängt hat, erinnert sie an diese Zeit: Eine Frau, die alleine in einem Kellerraum, so lang wie eine Kegelbahn, sitzt, ist damit beschäftigt, zerrissene Papiere wieder zusammenzukleben. An der Wand sind die Dokumente aufgehängt, die sie bereits vollständig rekonstruiert hat. Wer ist die Frau? Was tut sie da genau? Wie lange sitzt sie schon da? Wie lange wird sie noch da sitzen und Papierstück an Papierstück halten?
Anne aber macht genau das Gegenteil: Sie hat die Kartons mit alten Unterlagen hervorgeholt, und mit einer fürchterlichen Wut zerreißt und schreddert sie Prospekte, Zeitungsartikel, Tagebuch-Aufzeichnungen und vor allem Postkarten und Briefe, viele Briefe!, zum Beispiel von Andreas und ihren falschen Freunden. Mit Genuss wirft sie die Papierschnipsel in den Mülleimer zu den gebrauchten Kaffeefiltern, Teebeuteln, Apfelschalen, sie wirft sie nicht zum Altpapier, da sollen sie nicht hin, nein, in die Ursuppe sollen sie wieder hinein. Nicht da, wo sie wiederverwertet werden und ein zweites Leben leben dürfen, sondern zwischen durchgesuppte Kaffeefilter, gequollene Teeblätter, faulendes Gemüse, den Staub aus dem Staubsaugerbeutel, zwischen die Windeln des Nachbarkindes und die Kippen ihrer Eltern. Damit sie fleckig werden, durchtränkt, zur Zersetzung freigegeben. Weg damit!, denkt Anne und schnürt einen Abfallbeutel zu, in dem die Zersetzung bereits ihr Werk begonnen hat. Dann atmet sie auf. Tief bis in die Lungenspitzen hinein.
In der Nacht träumt sie, sie läge in einem Krankenwagen; der Fahrer dreht sich zu ihr um, lacht und sagt: „Mach dir keine Gedanken, das kann doch jedem mal passieren.“
Er lacht und will gar nicht mehr damit aufhören. Auf einmal sitzt sie neben ihm auf dem Beifahrersitz. Das Dach des Krankenwagens öffnet sich und ein bunter Konfettiregen rieselt vom blauen wolkenlosen Himmel auf sie beide herab.
Als Anne um acht Uhr aufwacht, fühlt sie sich wohl und zuversichtlich. Die Welt hat ein anderes Gesicht.

 

Daniela Ziegler

 

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freiTEXT | Katharina Ganss

Café Ursula

Ein Fleck, rund und braun, zieht sich über den Boden der Espressotasse. Ursula hebt sie gegen das Licht. Der Fleck sieht aus wie ein Auge. Sie greift zum Tuch, reibt. Der Fleck bleibt. Das Porzellan ist alt. Sie hat es vom Vorgänger übernommen.
Draußen, am Balneario 6, hängen die Balkone der Hotelblöcke wie Schuhkartons übereinander. Aus einem Radio dringt spanischer Pop, irgendwo scheppert Geschirr. Auf dem Gehweg schieben Touristen in Badelatschen ihre Sonnenbrände spazieren, daneben ein paar wenige Einheimische, um diese Jahreszeit noch in Winterjacken.
Ursula lächelt. Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, wofür sie ihr Erbe ausgegeben hat. Aber sie muss ja nicht alles wissen.
Die Luft im Café steht, aus der Ecke das leise Brummen des Kühlschranks. Sie öffnet ihn, prüft die Kälte mit der Hand. Genug für die Coca-Cola-Flaschen. Daneben der Zapfhahn. Nur der Bier-Lieferant war noch nicht da. Sie schaut auf ihr Handy. Nichts.
In den Regalen hinter der Theke die Gläser, sortiert nach Größe. Daneben eine Reihe Teebeutel in kleinen Holzkästen, mit Fähnchen nach vorne: Kamille, Pfefferminz, Fenchel, Schwarzer Tee.
„Trinken die da nicht nur Bier?“, hatte Achim gefragt.
„Eben nicht. Das nennt man Marktlücke“.
Sie atmet durch. Einmal. Dann noch einmal.
Auf den Tischen die leeren Vasen, daneben der Karton mit den Kerzen. Zwei Stühle sind nicht ausgeklappt, die Sitzkissen nicht ausgepackt. Die Musikanlage blinkt grün, aber es kommt kein Ton. Ein Kabel hängt lose von der Decke.
Ursula stützt eine Hand am Tresen ab. Holt ihr Handy heraus, wischt über das Display.
Immer noch keine Nachricht vom Bier-Lieferanten.
Ihr T-Shirt klebt am Rücken. Sobald der Sommer erst richtig da ist, wird sie um eine Klimaanlage nicht herumkommen. Draußen Gejohle. Ein Moped knattert vorbei. Beschützend streicht sie über die zwei Porzellanfiguren vor ihr auf der Holzplatte: eine dicke Köchin mit Tablett und ein lachender Bäcker mit ausgestrecktem Arm. Die hat sie aus Deutschland mitgebracht. In diesem Moment klopft es an die Glastür. Ursula zuckt zusammen, streift sich die Hände an der Hose ab.
Sie geht zur Tür, das Schild genau vor den Augen: „Cerrado“.
Durch das Glas sieht sie eine Frau, etwa gleich alt, gebräunt, weiße Bluse, die Sonnenbrille baumelt an einer Kette um den Hals. Die Frau winkt.
Ursula öffnet einen Spalt.
„Ich wollte wirklich nicht stören“, sagt die Frau und lächelt breit. „Aber ich hab gesehen, dass Sie neu sind, und da dachte ich mir: Ach komm, klopf einfach mal.“
„Ich eröffne erst morgen.“
„Ja, ja, klar. Ich wollte eigentlich nur kurz Hallo sagen. Ich bin Gudrun. Ich wohn hier gleich um die Ecke, die kleine Straße hoch, bei der Tankstelle, wissen Sie? Gegenüber vom Mercadona.“
Ursula nickt.
„Ich hab draußen das Schild gesehen und dachte gleich: endlich mal was Gemütliches hier. Wissen Sie, so was für die Seele.“
Ursula steht noch immer halb hinter der Tür. „Wollen Sie kurz reinkommen? Ich wollt grad sowieso…“, sie lässt den Satz offen.
„Ach wie nett. Nur wenn’s wirklich passt. Ich will Sie ja nicht aufhalten.“ Gudrun tritt ein, ohne zu zögern, schaut sich um, bleibt mitten im Raum stehen, die Tasche in der Armbeuge. „Schön haben Sie’s hier.“
„Einen Eistee?“, Ursula geht zur Theke, greift zur Karaffe.
Gudrun setzt sich an einen der noch nicht eingedeckten Tische. Schiebt eine Vase ein Stück zur Seite, richtet den Blick auf Ursula. „Ich liebe so was. Ich hab ja selber lange im Service gearbeitet, damals noch in Deutschland. Aber das ist ja heute auch nicht mehr das gleiche Land, oder?“
Ursula antwortet nicht sofort. Sie lässt Eiswürfel in die Gläser gleiten, langsam, es klirrt leise. Mutter hat auch immer so viel geredet.
„Schön warm heute, oder?“, Gudrun greift nach dem Glas. „Ich hab vorhin schon die ersten Verrückten im Meer gesehen. Bald ist hier wieder die Hölle los.“
Ursula nickt.
„Ich find’s toll, dass Sie das hier machen. Wirklich. So mutig. Schmeißen Sie den Laden ganz allein?“
„Fürs Erste ja.“
„Super. Die Leute werden’s lieben. Und wie kommt es, dass Sie hierhergekommen sind? Wenn ich fragen darf?“
Ursula bückt sich, stellt den Karton mit den Kerzen auf den Tisch, löst das Klebeband mit dem Schlüsselbund. Innen liegen die Kerzen in zwei Lagen, getrennt durch dünnes, weißes Papier. Sie zieht das erste Blatt zur Seite. Der Wachsgeruch steigt ihr in die Nase, süßlich, mit einem Hauch Vanille. „Ich wollte mal was Anderes.“
„Ja. Klar. Wer nicht?“ Gudrun lehnt sich zurück. „Ich hab jahrelang gesagt, ich zieh weg. Und dann kam, naja, dann kam der Punkt. Ich konnt nicht mehr. Man hält’s einfach nicht mehr aus, da drüben.“
Ursula nickt. Sie nimmt eine Kerze, dreht sie kurz in der Hand, setzt sie vorsichtig in den Kerzenhalter vor ihr. Sie wackelt. Ursula drückt sie leicht an, dreht sie, bis sie steht. „Ich hab es auch nicht mehr ausgehalten.“
„Ich mein, ganz ehrlich. Man darf doch gar nichts mehr sagen. Alles wird zensiert oder gleich falsch verstanden. Und wenn man dann mal was Kritisches sagt, ist man sofort in der falschen Ecke.“
Ursula hält die Kerze einen Moment zu lange zwischen den Fingern.
Das Gleiche hatte sie Achim erklärt. Oder versucht zu erklären.
Er hatte sie ausgelacht. „Wart´s ab, in einem halben Jahr bist du wieder zurück in Deutschland.“
Die Kerze, die sie in der Hand hält, rutscht ab, prallt vom Halter ab, rollt über den Tisch, landet auf dem Boden. Ursula bückt sich, hebt sie auf. Ein kleiner Riss zieht sich über die Seite, fast unsichtbar. Sie schiebt die Kerze in den Halter, richtet sie gerade. „Man wird nur noch verwaltet.“
„Genau. Nur noch Regeln, nur noch Vorschriften. Da wird doch jeder zum Duckmäuser.“
„Und dann die Preise“, Ursula zieht das Handy aus der Hosentasche. Kein Anruf, keine Nachricht. Sie zieht einen weiteren Karton hervor. „Alles teurer.“ Im Karton liegen die Kissen in zwei Reihen, säuberlich gestapelt, jedes in eine dünne Plastikhülle eingeschweißt. Dunkelgrüner Stoff. „Und nur miese Stimmung. Misstrauen überall.“ Sie nimmt das oberste heraus, reißt die Folie auf
„Aber hier ist’s anders, Sie werden´s sehen. Hier hat man noch Ruhe. Und Platz. Und Sonne.“
„Deswegen bin ich hier.“ Ursula kniet sich vor den ersten Stuhl, legt das Kissen auf die Sitzfläche. Sie zieht die Bänder nach unten, verknotet sie mit schnellen Fingern. Der Knoten rutscht. Sie zieht fester.
„Sie verstehen also, was ich meine. Sie haben die Konsequenz gezogen. Ich find das stark. Wirklich. Und dann gleich was Eigenes aufbauen.“
Ursula greift zum nächsten Stuhl, streicht über die Sitzfläche.
„Was Eigenes aufbauen“, endlich mal jemand, der das versteht. Mutter hatte damals eh nur noch genickt, egal, was man ihr erzählte.
Und Achim hatte gelacht, als sie ihm von der Café-Idee erzählt hatte. „Du?“ Dann war er zum Fenster gegangen, hatte eine seiner Zigaretten angesteckt.

Ursula legt das nächste Kissen auf, zieht die Bänder durch die Streben, knotet. „Ich wollte immer ein eigenes Café. Schon als Kind.“
„Na, sehen Sie. Dann war’s doch genau richtig. Ich mein, irgendwann muss man doch einfach raus. Aus dem ganzen Zeug. Aus diesem System da.“ Gudrun strahlt. Sie sieht sich um, zeigt auf die Fensterscheibe. „Und der Blick! Und das Licht! Und das Meer! Das kann einem jedenfalls keiner nehmen.“
Ursula richtet sich auf, folgt ihrem Blick.
Draußen flimmert der Asphalt. Das Meer ist von hier aus nicht zu sehen, aber der Kiosk auf der anderen Straßenseite hat bunte, aufblasbare Schwimmringe in der Auslage.
Ursula wirf einen Blick auf ihr Handy. Keine neue Nachricht. Sie öffnet ihren E-Mail-Account, aktualisiert. Nichts. Der Bier-Lieferant hätte längst da sein sollen.
„Ist was?“, fragt Gudrun.
„Die Lieferung der Bierfässer. Der Fahrer hat sich gemeldet, dass er gleich da ist. Vor über einer Stunde. Jetzt: Funkstille.“
Gudrun verdreht die Augen.
„Ich eröffne morgen, und hab nicht mal die Getränke.“
„Spanier?“
Ursula nickt.
„Na dann. Das wundert mich überhaupt nicht. Hier läuft alles ein bisschen anders.“
Ursula nimmt das Handy. Dreht es einmal in der Hand, legt es wieder hin. Legt beide Hände vor sich ausgestreckt auf den Tisch. Die Tischdecke hat eine Falte, diagonal unter dem Platzset. Draußen grölt wieder jemand „Atemlos“.
Sie nimmt das Platzset vom Tisch. Darunter ist der Stoff dunkler, unberührt. Sie streicht die Falte glatt, legt es zurück, genau auf die Falte.
Morgen würden die ersten Gäste kommen.
Die Falte bleibt.

 

Katharina Ganss

 

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freiTEXT | Thomas Arta

Die Möglichkeit eines Sommers

Nach dem Wochenende mit Jonas lag eine neue, leise Spannung in der Luft. Die Tage danach waren wie ein langsames Auftauen – ich funktionierte, erledigte meine Arbeit, aber in meinen Gedanken war ich schon bei Freitagabend. Immer wieder malte ich mir aus, wie es sein würde, Lisa wiederzusehen. Ich erinnerte mich an unser letztes Gespräch, an ihre Unsicherheit, an die Worte, die unausgesprochen zwischen uns standen. Ich fragte mich, ob sie sich verändert hatte, ob ich mich verändert hatte – und ob wir es schaffen würden, wieder diese Leichtigkeit zu spüren, die uns am Anfang verbunden hatte.
Am Abend der Lichtshow fuhr ich mit der Bahn in den alten Industriebezirk. Es war einer dieser klaren, kühlen Frühlingstage, an denen die Stadt nach Aufbruch roch. Schon beim Aussteigen spürte ich die besondere Atmosphäre: Das Kopfsteinpflaster glänzte feucht im Licht der Straßenlaternen, irgendwo in der Ferne vibrierte Musik. Ich folgte dem schmalen Weg zum Kunstkraftwerk, vorbei an rostigen Zäunen und alten Mauern, die von vergangenen Zeiten erzählten.
Am Ende des Weges entdeckte ich Lisa. Sie lief auf und ab, das Handy am Ohr, die Stirn leicht gerunzelt. Ihre Stimme klang konzentriert, fast streng. Ich blieb ein paar Schritte entfernt stehen und beobachtete sie. In diesem Moment wirkte sie wie jemand, der zwei Welten gleichzeitig jongliert – die der Arbeit und die des Lebens, das sie gerade mit mir teilen wollte.
Sie beendete das Gespräch, atmete tief durch und kam auf mich zu. Ihre Umarmung war flüchtig, als müsste sie sich erst wieder an meine Nähe gewöhnen.
„Schön, dass du da bist“, sagte sie, ein Lächeln auf den Lippen, das ihre Augen aber nicht ganz erreichte. „Tut mir leid wegen des Telefonats. Die Arbeit lässt mich heute einfach nicht los.“
Ich erwiderte das Lächeln, auch wenn ich einen kleinen Stich in mir spürte. „Kein Problem. Ist alles in Ordnung?“
Sie zögerte, schien einen Moment zu überlegen, wie viel sie preisgeben wollte. „Ja, alles gut. Nur ein paar Dinge, die sich aufgestaut haben. Aber ich möchte den Abend mit dir genießen. Können wir einfach… im Hier und Jetzt sein?“
Ich nickte. „Natürlich. Wenn du reden willst, bin ich da. Wenn nicht, dann lassen wir uns einfach treiben.“
Sie schien erleichtert, hakte sich bei mir unter, und wir gingen gemeinsam in Richtung des Eingangs. Das alte Kraftwerk ragte vor uns auf, die Fassade von sanft wechselndem Licht überzogen, der Bass einer fernen Musik vibrierte unter unseren Füßen.
„Ich bin gespannt, wie es drinnen aussieht“, sagte ich, um die Stimmung aufzulockern.
Lisa lächelte zum ersten Mal an diesem Abend wirklich. „Ich auch. Eine Freundin meinte, es sei wie ein Traum, durch den man spaziert. Ich hoffe, das hilft uns beiden, den Alltag für eine Weile zu vergessen.“
Wir betraten das Kunstkraftwerk, die schwere Tür fiel hinter uns ins Schloss. Die Maschinenhalle lag vor uns, hoch und weit, die Wände von zahllosen Projektoren gesprenkelt. Schon jetzt lag Magie in der Luft: Lichtkegel tanzten über rostige Stahlträger, Muster zogen sich wie leuchtende Adern durch den Raum. Wir fanden einen Platz in einem der Kreise auf dem Boden, jeder auf einem weichen Kissen. Die Lichter dimmten langsam. Für einen Moment war alles still, dann begann die Show.
Farben explodierten an den Wänden, Blautöne wirbelten mit Gold, als würde die Vergangenheit in Schichten von Licht neu erzählt. Massive Zahnräder drehten sich über unseren Köpfen, Dampf stieg auf, irgendwo ratterte eine virtuelle Maschine. Die Musik vibrierte durch den Boden, ließ mein Herz im Takt schlagen. Ich sah zu Lisa. Ihr Gesicht war vom Licht gezeichnet, die Augen weit, das Staunen kindlich und schön. Unsere Hände berührten sich wie zufällig – erst zog einer zurück, dann blieben sie liegen, ineinander verschränkt.
„Fühlst du das auch?“, flüsterte sie.
Ich nickte. „Ja. Es ist, als würden wir für einen Moment alles andere vergessen.“
Die Show wechselte von der Vergangenheit in eine Zukunft aus Lichtbögen und schwebenden Brücken. Lisa zeigte auf die Bögen: „Siehst du das? Als würden sie Welten verbinden.“
„Oder Menschen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst.
Sie sah mich an, und für einen Moment war alles offen. Ich spürte den Drang, sie zu küssen, hielt mich aber zurück. Die Projektionen tanzten weiter, verwoben sich zu neuen Formen, lösten sich auf. Es war, als reisten wir gemeinsam durch ein Kaleidoskop aus Zeit und Gefühl.
„Es ist faszinierend, wie sich alles ständig verändert“, sagte Lisa leise. „Und trotzdem bleibt etwas.“
Ich drückte sanft ihre Hand. „Wie Erinnerungen. Oder das, was zwischen uns ist.“
Sie lächelte, diesmal ehrlich. „Lass uns einfach diesen Moment genießen.“
Als die Show im Sternenmeer gipfelte, saßen wir still nebeneinander, die Hände verbunden, die Welt draußen vergessen. Als die letzten Lichter verblassten und der Raum wieder in sanftes Dämmerlicht getaucht wurde, blieben wir noch einen Moment sitzen, gefangen in der Nachwirkung des Erlebten. Schließlich standen wir auf und gingen langsam hinaus.
Draußen atmete Lisa tief durch, als hätte sie gerade eine Reise hinter sich. „Wow… das war einfach unglaublich“, sagte sie leise, fast ehrfürchtig. „Ich war wirklich fasziniert von den Licht- und Soundeffekten. Es war, als hätten wir eine Zeitreise gemacht.“
Ich nickte, suchte nach Worten. „Absolut. Ich habe noch nie so etwas erlebt. Die Art, wie sie Licht und Klang kombiniert haben… ich fühlte mich wirklich in eine andere Welt gezogen.“
Lisa lachte leise. „Es war, als ob die Vergangenheit und die Zukunft sich für einen Moment berührt hätten. Ich glaube, ich habe noch nie so sehr vergessen, wo ich bin.“
Ich grinste. „Und dabei warst du vorhin noch ganz woanders mit deinen Gedanken.“
Sie schüttelte den Kopf, lächelte. „Jetzt bin ich ganz hier.“
Wir zogen unsere Jacken an, noch ganz erfüllt von der Magie der Show. Ich wollte den Abend nicht enden lassen.
„Wollen wir noch am Kanal entlang spazieren und etwas essen gehen?“, fragte ich.
Lisa nickte, nahm meinen Arm, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg – beide noch ein bisschen benommen vom Zauber des Erlebten. Draußen umfing uns die milde Abendluft. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem Wasser des Kanals, und noch immer vibrierte die Magie der Show in uns nach. Wir schlenderten langsam am Ufer entlang, Schulter an Schulter.
„Weißt du“, begann ich leise, „diese Show hat mich irgendwie an unser erstes Date erinnert. Alles war neu und aufregend, voller Möglichkeiten.“
Lisa lächelte. „Oh ja? Inwiefern?“
„Na ja, beim ersten Date weiß man nie, was einen erwartet. Genau wie bei dieser Lichtshow. Man taucht ein in eine neue Welt und lässt sich überraschen.“
„Stimmt“, nickte Lisa, „obwohl ich zugeben muss, dass ich beim ersten Date nervöser war als heute.“
Ich lachte. „Wirklich? Ich fand dich ziemlich cool. Weißt du noch, wie du den Kellner mit deinem Wissen über Weine beeindruckt hast?“
Lisa stöhnte gespielt. „Oh Gott, erinnere mich nicht daran. Ich habe die ganze Nacht vorher Weinlexika gewälzt, um intelligent zu wirken.“
„Nun, es hat funktioniert. Ich war schwer beeindruckt.“
Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, ließen die Eindrücke wirken. Dann fragte Lisa: „Sag mal, Max, glaubst du an Schicksal?“
Ich zögerte. „Hmm. Schwierige Frage. Wieso fragst du?“
Sie blickte aufs Wasser, das die Lichter in langen Streifen zog. „Die Show hat mich nachdenklich gemacht. All diese Lichter und Formen, die sich ständig verändern und neu zusammensetzen… Es hat mich daran erinnert, wie zufällig und doch bedeutungsvoll Begegnungen sein können.“
Ich lächelte. „Wie unsere zum Beispiel?“
Lisa lachte. „Ja, genau. Was wäre wohl gewesen, wenn einer von uns an dem Tag nicht auf Tinder gewesen wäre?“
„Dann hätte ich nie erfahren, dass es Menschen gibt, die Ananas auf Pizza mögen“, neckte ich.
„Hey!“, protestierte Lisa und boxte mich spielerisch in die Seite. „Das ist eine völlig legitime Geschmackskombination!“
„Wenn du meinst“, grinste ich. „Aber im Ernst, ich bin froh, dass wir uns getroffen haben. Egal ob Schicksal oder Zufall.“
Wir blieben stehen, blickten gemeinsam aufs Wasser. Lisa lehnte sich leicht an mich. „Weißt du“, sagte sie leise, „manchmal frage ich mich, was die Zukunft bringt. Ob wir in einem Jahr noch hier stehen und über Ananas auf Pizza streiten werden.“
Ich spürte einen Hauch von Unsicherheit in ihrer Stimme. Ich drehte mich zu ihr und sah ihr in die Augen. „Lisa, ich kann dir nicht sagen, was die Zukunft bringt. Aber ich weiß, dass ich gerne herausfinden würde, wohin uns dieser Weg führt. Gemeinsam.“
Sie erwiderte meinen Blick, ihr Lächeln war warm, aber in ihren Augen lag ein Schatten, den ich nicht deuten konnte. „Das klingt schön“, sagte sie sanft. Ich spürte, dass ich ihr mehr sagen wollte, doch die Worte blieben unausgesprochen. Es war, als hätte ich eine Tür geöffnet, aber noch nicht den Mut, hindurchzugehen – und Lisa stand auf der anderen Seite, zögernd, aber nicht abweisend.
Um die Stimmung aufzulockern, sagte ich: „Stell dir vor, in hundert Jahren gibt es eine Lichtshow über unsere Zeit. Was glaubst du, würden die Leute über uns denken?“
Lisa lachte. „Oh je, wahrscheinlich würden sie sich über unsere altmodischen Smartphones lustig machen und darüber, dass wir noch selbst Auto fahren mussten.“
„Und darüber, dass wir uns über Dating-Apps kennengelernt haben, anstatt unsere perfekte genetische Übereinstimmung von einem Supercomputer berechnen zu lassen“, fügte ich hinzu.
„Gruselig“, schauderte Lisa. „Ich bin ganz froh, dass wir noch in einer Zeit leben, in der ein bisschen Zufall und Magie erlaubt sind.“
Wir gingen weiter, das Gespräch floss mühelos. Als wir an einem kleinen Café vorbeikamen, blieb ich stehen. „Wie wäre es mit einem Kaffee? Oder willst du lieber was Stärkeres nach all der Kunst und den tiefsinnigen Gesprächen?“
Lisa grinste. „Kaffee klingt perfekt. Aber nur, wenn du mir versprichst, nicht über meine Vorliebe für Ananas auf Pizza zu urteilen.“
„Deal“, lachte ich. „Aber dafür musst du mir versprechen, beim nächsten Date nicht die halbe Nacht Weinlexika zu studieren. Ich mag dich auch ohne Weinkenntnisse.“
Lisa errötete leicht, lächelte aber. „Abgemacht. Obwohl, wer weiß, vielleicht überrasche ich dich beim nächsten Mal mit meinem Wissen über… sagen wir mal, die Geschichte der Quantenphysik?“
Lachend betraten wir das Café. Es war in warmes Abendlicht getaucht, die Atmosphäre entspannt, erfüllt vom leisen Summen der Gespräche. Wir wählten einen Tisch am Fenster, von dem aus wir den Sonnenuntergang beobachten konnten.
„Was meinst du, sollen wir uns einen Absacker gönnen?“, fragte ich.
Lisa nickte begeistert. „Auf jeden Fall! Nach so einem tollen Tag haben wir uns das verdient.“
Wir bestellten zwei Espresso Martinis. Die Sonne tauchte den Himmel in ein atemberaubendes Farbenspiel aus Rot, Orange, Gelb und Violett. Wir saßen da, unsere Blicke wanderten immer wieder zum Fenster hinaus. Ich beobachtete, wie die sanften Lichtstrahlen Lisas Gesicht streiften. Ich genoss die Stille, die zwischen uns nicht unangenehm war, sondern voller Möglichkeiten.
„Siehst du die Farben?“, flüsterte Lisa. „Es ist, als würde der Himmel nur für uns ein Gemälde erschaffen.“
Ich nickte. „Es fühlt sich an, als würde heute alles stimmen. Als wäre das Leben für einen Moment ganz einfach.“
Als die Sonne schließlich hinter dem Horizont verschwand, drehte sich Lisa zu mir um. „Danke“, sagte sie leise, „für diesen wundervollen Tag und diesen perfekten Abschluss.“
Ich hob mein Glas. „Auf viele weitere Sonnenuntergänge“, sagte ich, und unsere Gläser klirrten leise in der dämmrigen Atmosphäre des Cafés.
Wir gingen noch einige Schritte am Kanal entlang. Links von uns pulsierte eine alternative Party über das Gras, Studenten tanzten, Farbbeutel platzten in der Luft. „Oh! Interessant“, bemerkte ich, aber Lisa schien in Gedanken.
Auf der Brücke angekommen, verabschiedeten wir uns mit einer langen Umarmung. Ich drückte sie fest an mich, spürte, dass ich sie nicht loslassen wollte.
Wir lösten uns. Ich sah sie an, sah ihr Lächeln, das Strahlen in ihren Augen.
„Sehen wir uns wieder?“, fragte ich leise.
Lisa nickte. „Ich schreibe dir, wenn es bei mir passt. Komm gut nach Hause und schreib mir bitte, wenn du angekommen bist. Okay?“
„Na klar mach ich das. Komm auch gut nach Hause.“
Eine halbe Stunde später kam ich zu Hause an. Ich überlegte, ob ich Lisa gleich schreiben oder damit warten sollte. Doch sie kam mir zuvor:
„Hey Max, ich bin gut zu Hause angekommen und liege jetzt schon im Bett. Ich lese noch etwas, bevor mir dann die Augen zufallen. Bist du gut angekommen? Wollte dir noch danke für den Nachmittag im Kraftwerk sagen. Ich wünsche dir einen schönen Abend und später eine gute Nacht!“
Ich lächelte. Noch war alles möglich.

 

Thomas Arta

 

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