freiTEXT | Adnan Aydemir
Rauch, Erde und Erinnerung
Dieser Text ist eine Rückkehr – nicht nur an einen Ort, sondern in eine Geschichte, die nie abgeschlossen war. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich aus einem brennenden Haus trug und selbst an den Folgen starb. Mehr als vierzig Jahre später fuhr ich in das Dorf zurück, aus dem er kam. Ich wollte wissen, ob jemand mich noch kennt – oder sich an ihn erinnert. Was ich fand, war Nähe, Trauer, Erstaunen – und eine unerwartete Schuld: die Erkenntnis, dass selbst Freude ein
Herz brechen kann. ‚Rauch, Erde und Erinnerung‘ ist kein Reisebericht. Es ist der Versuch, den Schmerz und die Zärtlichkeit einer späten Begegnung in Sprache zu fassen.
Mit sechsundvierzig Jahren kehre ich zum ersten Mal in das Dorf Lubishte zurück.
Ein guter Freund begleitet mich, zwanzig Jahre älter, zwei Rucksäcke, ein Ziel.
Lubishte – das Dorf meines Vaters, in Kosovo,
die Erde seiner Kindheit,
die für mich nur ein Wort war, bis jetzt.
Er starb in Deutschland, als ich drei Jahre alt war.
Er rettete mich aus dem Feuer einer Zechenhaushälfte,
doch er selbst überlebte nicht.
Wenige Tage später erlag er den Rauchvergiftungen.
Meine Mutter blieb mit sechs Kindern zurück
in der neuen, fremden Heimat.
Ich, das Jüngste, kaum drei,
trug Verbrennungen dritten Grades an siebzig Prozent meines Körpers davon,
auch im Gesicht.
Nun also stehe ich hier,
in dem Dorf meines Vaters,
das seinen Namen trägt in meinem Ausweis,
aber nicht in meiner Erinnerung.
Ich will überraschen – und werde selbst überrascht.
Ich weiß nicht, ob noch jemand von uns lebt hier,
ob jemand weiß, wer ich bin.
Doch sie sind da.
Verwandte, von denen niemand etwas wusste –
nicht einmal die vielen in der Türkei.
Einer von ihnen, ein Cousin meines mit zweiundvierzig Jahren verstorbenen Vaters,
sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus,
eine Zigarette in der Hand.
Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen.
Dann zieht er langsam den Rauch ein,
schaut wieder hin,
und in dem Moment, als er versteht, wer vor ihm steht,
fällt ihm die Zigarette aus der Hand.
Er beginnt zu weinen
und umarmt mich, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte
zwischen uns zusammendrücken.
Auch die anderen kommen,
nahe, ferne Verwandte,
ergriffen, lächelnd, traurig.
Sie berühren mein Gesicht,
sehen in mir den Sohn, den Neffen,
den Überlebenden.
Drei Tage lassen sie uns nicht fort.
Nicht aus Lubishte, nicht aus dem Nachbardorf.
Sie öffnen ihre Häuser,
ihre Wohnungen,
ihre Herzen.
Das Hotel in Prishtina, längst bezahlt,
bleibt leer.
Wir schlafen auf Sofas, essen aus einem Topf,
trinken Kaffee im Hof,
hören Geschichten,
die alle mit Schweigen beginnen.
Ein älterer Verwandter aus der Schweiz ist gerade im Urlaub im Dorf –
Musiker,
übersetzt für mich,
deutet die Worte, die Gesten, die Tränen.
Fünfzehn Monate sind seitdem vergangen.
Ich bin achtundvierzig.
Und manche Nächte bleiben wach.
Ich denke an den Moment,
als der Cousin meines Vaters, der mich weinend umarmt hatte,
sagte, dass er Herzprobleme habe
und die Begegnung mit mir
seinem Herzen den Rest gegeben habe.
Er meinte es nicht böse –
aber der Satz traf mich wie ein zweites Feuer.
Er schickt mir Fotos,
mit Freunden, mit Familie.
Er ist gealtert,
schnell, sichtbar.
Und ich frage mich,
wie egoistisch ich war,
unangekündigt dorthin zu fahren,
ohne die Folgen zu bedenken,
ohne zu wissen,
dass man mit Erinnerungen auch töten kann.
Wie soll ich ihm je wieder ins Gesicht sehen –
im wirklichen Leben?
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Lisa Rehm
Blau
Es fing an einem Dienstag an, vielleicht auch Montag, da war es nur ein Schimmer, ein Schatten, aber Dienstag war es dann ein Fleck, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück vielleicht. Jeden Tag wurde er ein bisschen größer, heute ist Donnerstag und er ist so groß wie meine Hand. Wenn ich auf ihn draufdrücke, tut er nicht weh. Der Arzt meinte, es sei ein Hämatom, aber so fühlt es sich nicht an, es ist auch nicht das richtige Blau. Hämatome haben ja mehr so ein Meeresblau, habe ich auch zu dem Arzt gesagt, mein blauer Fleck hat eher so ein Himmelsblau. Der Doktor hat mich mit einem Soll-ich-dich-zum-Psychiater-überweisen-Blick angeguckt. Ich fühle mich unverstanden.
Ich hatte da immer schon ein kleines Muttermal, nordwestlich von meinem Bauchnabel, der Sollbruchstelle der Menschen, das war die Wurzel, der Ursprung der Erblauung. Jetzt war ich zwar besorgt, aber hätte ich heute gewusst, wie blau ich noch werden würde, wäre ich vom Balkon gesprungen.
Natürlich tat ich das, was jeder erst einmal tun würde: „Ich werde blau“ tippte ich in die Internetsuchmaschine. Ich wurde mit den unterschiedlichsten Artikeln über Krankfeiern, Blutvergiftungen und Hämatome belohnt. Ein paar Erwähnungen von Betrunkenheit schafften es, und dann fand ich den Artikel, der mich nicht mehr loslässt. Was passiert, wenn ein Mensch stirbt? Es geht um die sogenannte „Finalphase“ bei sterbenden Menschen, irgendwann werden sie blau, bevor sie sterben. Weil der Sauerstofftransport eingestellt wird.
Also war ich gestern noch mal beim Arzt. Aus Angst zu sterben oder von chronischem Sauerstoffmangel betroffen zu sein, bestand ich darauf, Blut abgenommen zu bekommen. Morgen muss ich kommen, um die Ergebnisse zu besprechen. Er hat übrigens jetzt auch große Augen gemacht, als er gesehen hat, wie groß der Fleck geworden ist. Er spricht immer noch von einem Hämatom, mir ist aber nicht entgangen, dass er versucht hat, den Fleck mit Alkohol zu entfernen, als ob ich ihn anschwindle.
Aus meinem privaten Umfeld habe ich niemandem von dem Fleck erzählt, er bereitet mir ja auch Sorgen, und ich möchte nicht, dass jemand diese verstärkt.
Es sind zwei Wochen vergangen seit der Blutabnahme, die keine nennenswerten Ergebnisse mit sich brachte. Der blaue Fleck ist weitergewachsen und hat mittlerweile 38 cm Durchmesser. Ich führe eine Tabelle, in die ich den täglichen Durchmesser eintrage. Der Fleck wächst um die zehn Zentimeter in der Woche. Er hat sich ausgebreitet in meinen Schambereich, auf mein linkes Bein, über meine Brüste bis in meine linke Achselhöhle. Ich sitze in einem Zug in die größere Stadt mit dem Uniklinikum, in das mein Arzt mich überwiesen hat. Seit der Fleck 35 cm groß ist, nimmt er ihn auch ernst. Entschuldigt hat er sich natürlich nicht. Auch meine Mutter habe ich mittlerweile eingeweiht und Lydia, meine Jugendfreundin. Beide haben irgendwie nicht angemessen reagiert, obwohl ich auch keine Ahnung habe, wo auf dem Reaktionsmaßstab die Angemessenheit liegt. Die Landschaft zieht an mir vorbei, ich habe mich damit abgefunden zu sterben. Ich habe mir das zwar immer anders vorgestellt; später, schmerzhafter, dramatischer. Ich fasse mit meiner Hand unter meinen Pullover und streichele vorsichtig meinen Bauch. Der Fleck tut nicht weh, juckt nicht, ich habe auch keine anderen Symptome, es geht mir soweit gut. Eine Hitze schlägt in mir hoch und ich spüre die Tränen in die Augen steigen. Ich schaue mich um, der Zug ist voll mit berufstätigen Menschen. Ein Mann in orangener Regenjacke beobachtet mich. Ich schlucke die Tränen runter, hier möchte ich jetzt nicht weinen.
Die Teetasse umklammert mit beiden Händen sehe ich den Fruchtfliegen zu, wie sie die Birne besetzen, die ich nicht schaffe zu essen. Seit der Erblauung habe ich neun Kilo abgenommen. Fünf davon im Krankenhaus, vier Tage lang habe ich Nahrung bekommen, die, wie ich vermute, Menschen dazu bringen soll, das Krankenhaus so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Tot oder lebendig. Mein Gefrierfach ist voll mit Gerichten, die meine Mutter mir vorgekocht hat, als sie zwei Tage hier war, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin. Im Krankenhaus haben sie alles mit mir gemacht: geröntgt, in die Röhre, mit Kontrastmittel, von dem ich mir die Seele aus dem Leib gekotzt habe, Ultraschall, Blut abgenommen, noch mehr Blut abgenommen, Haut entnommen, in meine Augen geleuchtet, und sie haben mich zu einer Psychologin geschickt. Ob ich einen Todeswunsch verspüre, wollte sie wissen. Eine Sehnsucht, dachte ich. Jetzt warte ich auf einen Termin bei einer örtlichen Psychoanalyse. Meine Mutter musste nach dem Wochenende wieder fahren. Ich bin jetzt erstmal zwei Wochen krankgeschrieben. Der blaue Fleck geht jetzt bis zu meinem Hals und meinem Knie, ich habe aufgehört, die Ausbreitung zu dokumentieren, und mich damit abgefunden, ganz blau zu werden.
Ich schaue in den Spiegel, ich warte darauf, dass mir die Tränen kommen, aber sie kommen nicht. Ich habe keine Substanz mehr, ich bin ganz leer und komplett blau. Ich drehe mich. Jeder Quadratzentimeter meines Körpers ist blau. Ich hänge den Spiegel ab und drehe ihn um. Dann breche ich zusammen und bleibe so lange auf dem Boden liegen, bis die Sonne wieder untergeht.
Alle starren mich an. Eine hat gesagt, das ist super für ein Avatar-Cosplay. Ich bin in einer psychosomatischen Klinik für Menschen mit Essstörung gelandet, nachdem ich endlich einen Termin bei der Psychoanalyse bekommen habe. Ich sei magersüchtig, sagte man mir da. Hier hat man mir gesagt, ich bin depressiv. Niemand hat gesagt, ich bin blau. Wir sitzen in einem Kreis in der Gruppentherapie und alle warten darauf, dass ich was sage. Aber ich möchte nicht mehr reden. Niemand hört mir richtig zu, alles, was ich sage, hat kein Gewicht. Ich stehe auf, verlasse den Raum und verschwinde.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Lena Kothgasser-Haider
überlieben
Wenn sich zwei lieben dann stets über ein Drittes. Ein Kind oder einen Hund oder ein Haus oder eine Espressomaschine.
Wenn sich zwei lieben, müssen sie schließlich irgendwohin mit ihrer Liebe. Mit diesem immer tiefer werdenden Eisberg aus feuchten Küssen und taumelnden Beteuerungen. Liebesschwüre sind nur gültig mit einem Dazwischen. Mit dem, was es vermeintlich noch braucht, damit sich die Liebe genügt: Die gegenseitige Übereinkunft eine Sorgeverantwortung zu übernehmen.
Lass es uns unterschreiben, lass uns die Ewigkeit schwören und unterzeichnen mit Blut auf Papier. Das Kind hat Läuse, der Hund Würmer, das Haus einen Wasserschaden und die Espressomaschine verkalkt.
Wir sind ein Liebespaar. Wir sind sorgeverantwortliche Bezugspersonen. Als wären die Liebesschwüre nicht gültig ohne dreifache Unterfertigung. Ich liebe dich, sage ich, und bekomme einen roten Ringordner ausgefertigt. Urkunden, Besitzverhältnisse und Verträge legen Zeugnis ab von der Ernsthaftigkeit unserer Liebe. Liebe, damit scherzt man nicht! Haben wir doch eben erst einen Kredit aufgenommen, sagt der Hund und wälzt sich zwischen uns im Bett. Ich kraule sein rechtes, du sein linkes Ohr. Schau, wie lieb er schaut, sage ich. Hör mal, wie lieb er schnüffelt, sagst du und wir wälzen uns mit dem Hund in den Laken. Danach machst du mir in der Küche, die nach feuchten Schimmelwänden riecht, einen Espresso. Das ist nicht einfach bloß Kaffee. Das ist eine ökologisch-ökonomisch korrekte Arabica-Mischung mit leicht schokoladiger Note. Das Kind möchte auch Kaffee, aber eigentlich nur wegen der Schokolade.
Lieben wir uns der Liebe wegen? Noch immer trage ich den dicken roten Ringordner unter dem Arm. Du hältst deinen ebenfalls und ich frage mich, ob wir beide dasselbe unterschrieben haben. Wir sollten dringend darüber sprechen und dann verschieben wir es auf ein anderes Mal. Wir lieben uns, weil du du bist und ich ich bin, sagst du und ich nicke. Das genügt mir. Das und die Schlagbohrmaschine, mit der ich nun die Wände aufstemme.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Nico Haingärtner
Leimrute
In der Klasse hatte keiner aufgepasst, auch ich nicht, und doch wusste ich als einziger die Antwort. Von da an war ich die Leimrute, Leimrute Oskar, weil es im Unterricht um den Vogelfang ging.
Ich war die Leimrute und vor allem ein großer Betrüger in den Augen meiner Klassenkameraden. Die mir vorwarfen, nur so zu tun als ob. Als ob Peders Achselfürze nicht spannender wären als der Unterricht. Die mir jetzt in den Pausen den aus dem Rachen hochgezogenen Rotz vor die Füße spuckten. Dieselben, mit denen ich eben noch befreundet gewesen war, riefen jetzt im Chor: Leimrute Schleimrute, wenn ich morgens das Klassenzimmer betrat. Weil du ein Schleimer bist, meinte Narve, und setzte sich neben Peder.
Passt, meinte der Stiefvater, also der Name. Weil ja tatsächlich alles Gesagte und Gehörte bei mir kleben blieb. Unheimlich, meinte er, sei das.
Vielleicht für einen, der jeden Tag aufs Neue vergisst, dass er von der Milch Magenschmerzen kriegt, murmelte die Mutter.
Und dann wurde noch dies gemeint und das gemurmelt, bis zuletzt der Stiefvater mit milchweißer Oberlippe und zornesrotem Kopf den Hut nahm und die Tür ins Schloss krachen ließ.
Aber bisschen stimmts schon, eh? Schlaumeier, du, kicherte die Mutter und ging aus dem Raum.
***
Juna mochte Rotkehlchen und ich mochte Juna. Schon deshalb staunte ich über den selbstgemalten Vogel an der Tafel und saugte jedes Wort ihres Vortrags auf. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr mochte ich Rotkehlchen selbst, ich fragte den Stiefvater, ob er mir mehr erzählen konnte, ob es stimmte, dass Rotkehlchen wühlenden Schweinen folgten, um dann von ihrem Fressen zu stibitzen und warum sie in Ameisen badeten, aber er war ja immer noch verschnupft, weil ich ihn vor der Mutter bloßgestellt hatte. Seine Milch trank er jetzt im Stall, wenn keiner zusah, und er wagte es auch nicht mehr, über die Magenschmerzen zu klagen. Aber ich sah ihm immer gleich an, wenn er wieder litt, konnte spüren, wie das Feuer seinen Rachen entlangkroch, und dann suchte ich lieber das Weite.
Nach der Schule ging ich in den Wald. Ich hatte herausgefunden, dass, wenn ich ganz still sitzen blieb, ich selbst zum Wald werden konnte. Denn während ich anfangs dachte, alleine zu sein – was mir gut gefiel, weil mein Kopf weniger verklebte, wenn ich allein war –, nahm ich, wenn ich nur lang genug still saß, überall Bewegung wahr. Hörte es summen und rascheln und pfeifen. Und manchmal sah ich ein Rotkehlchen aufblitzen, ein Tupfen Rot im Grün des Waldes.
Morgens, wenn der Nebel um die Stiefel waberte, winkte ich der Mutter im Weggehen zu, wie ich es immer tat. Doch sobald ich außer Sichtweite war, bog ich in den Wald ab. Dann wusste ich schon, dass es Ärger geben würde, wenn die Mutter die Lehrerin das nächste Mal im Laden traf, aber mit Ärger kannte ich mich aus.
In der Schule landete die Spucke der anderen jetzt über Umwege auf meiner Hose. Über den Umweg, dass einer mich schubste, während ein anderer mir das Bein stellte. Manchmal aber auch einfach so, direkt aus Narves Mund zum Beispiel. Zehn Punkte pro Treffer, meinte Peder. Fünfzig in die Haare.
Wenn ich dann heimkam, schimpfte der Stiefvater. Eigentlich schimpfte er gar nicht, er sagte bloß, ach, der, aber das reichte schon, um zu wissen, was Sache war.
Deshalb ging ich in den Wald. Meistens alleine, manchmal mit Juna, zumindest stellte ich mir das vor, abends, wenn ich im Bett lag und schon lange schlafen sollte, wenn es vor dem Fenster pechschwarz war und man nichts mehr hörte außer dem Flüstern der Kühe im Stall. Wenn ich gerade noch mitbekam, wie der Stiefvater mit vollem Milchbauch leise die Tür schloss, bevor mir die Augen zufielen.
Ja, der Stiefvater trank jetzt so viel Milch, dass ich anfing, mir Sorgen um ihn und die Kälber zu machen. Denn wenn der Stiefvater bis spät in die Nacht Milch soff, dann bliebe für die Kälber ja nichts mehr übrig, dachte ich mir. Eigentlich wusste ich, dass das Blödsinn war, ich war ja kein Kind mehr. Trotzdem schlich ich eines Nachts in den Stall und da sah ich dann auch, was ich nicht sehen sollte, das, worüber ich kein Wort verlieren sollte, wenn ich nicht herausfinden wollte, ob es da draußen in der Welt noch einen Stiefvater gäbe, der dumm genug war, einen klugscheißenden Rumschnüffler durchzufüttern, eine kleine Pissnelke, die den ganzen Tag durch den Wald streunert und mit offenem Maul Löcher in die Luft glotzt, hohl wie die Milchkühe im Stall, nur zum Fressen und Scheißen gut, und jetzt schleich dich, du Mistratte! Und dann bekam er noch fünfzig Punkte.
Also schlich ich mich, zurück in die Stube, und fand heraus, dass ich nicht der einzige war, der spät aufblieb. Aber die Mutter lag nicht im Bett und dachte an Juna. Sie saß bloß da, aufrecht, im Dunkeln, und schnaufte, dass es mir Angst machte.
***
Balder ist an der Mistel gestorben. Das haben wir in der Schule gelernt. Wo ich jetzt wieder hinging.
Balder war der Sohn von Frigga und als Frigga um Balder weinte, verwandelten sich ihre Tränen in die Beeren der Mistel. Aber das war vor tausenden von Jahren, als es noch keine Schule gab, und zu meinem Glück gab es auch morgen keine Schule. Weil morgen Weihnachten war.
Umso mehr sehnte ich mich nach Juna. Ich lag wach und stellte mir tausende Dinge vor, zum Beispiel, sie zu heiraten oder sie unter dem Mistelzweig zu küssen oder sogar das zu tun, was der Stiefvater mit der Bäckersfrau im Stall gemacht hatte. Vor der ich jetzt die Augen niederschlug, wenn die Mutter mich Brot kaufen schickte. Dabei war sie so schön, besonders in jener Nacht, mit ihren geröteten Wangen und dem verstrubbelten Haar und manchmal dachte ich deshalb auch an sie, wenn ich nachts wach lag. Ich fand sie fast so schön wie das Rotkehlchen, das ich Juna zu Weihnachten schenken wollte.
Um die Stiefel waberte wieder die Nebelsuppe und darunter knirschte der Frost, als ich in den Wald stapfte. Ich rieb drei Stöcke mit Friggas Tränen ein und rammte sie in den Boden – zwei brachen ab, weil die Erde hartgefroren und ich seit dem Sommer groß und stark geworden war. Beim letzten klappte es. Und dann wurde ich Wald. Summend und pfeifend und raschelnd vor Kälte, und die einzige Bewegung kam von meinem Zittern und den kleinen Wölkchen, die aus meinem Mund aufstiegen, immer höher, bis sie von den Himmelswolken verschluckt wurden. So saß ich da, während sich an meiner Nasenspitze kleine Eiszapfen bildeten. Während mir kalt und wieder warm und dann beides zugleich wurde. Bis endlich ein roter Fleck durchs Grau blitzte und sich mitten auf Friggas Rute setzte.
Und kurz war es schön. Kurz sah ich mich an Junas Tür klopfen, sah mich ihr das Geschenk überreichen, sah uns küssend im Stall und dann heiraten.
Doch dann sah ich, was wirklich geschah, sah das Rotkehlchen panisch mit den Flügeln schlagen, sah, wie die Flügel an der Rute kleben blieben und die ersten Federn ausgerissen wurden. Und ich stürmte los, ich wollte das kleine Tier ja bloß beruhigen, aber stattdessen verdrehten und verschlangen wir uns wie im Kampf und dann sah ich, wie das Bein losgelöst vom pulsierenden Körper am Stock klebte. Wie ein kleiner Zweig, der aus dem Ast ragt, und statt Blättern wuchsen Fleisch und Federn daran, und der Vogel schlug wie wild mit seinen Flügeln und die Flügel klebten an meiner Hand fest, und von da an war alles eins – Federn, Vogel, Rute, Hand, und mein Kopf verklebte so schlimm, dass ich zuschlug, dass ich das, was da an meiner Hand klebte, gegen den Waldboden schlug, um es los zu sein, und weil es nicht half, nahm ich den Stiefel dazu, drückte mit der dicken, matschigen Sohle den fedrigen Klumpen auf die frostige Erde, schabte ihn von der Hand und dann rannte ich, und ich wäre lieber Balder gewesen als Oskar, lieber Wald als ich.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Helene Lanschützer
Im Schrebergarten
Bald sind die Isabellatrauben reif. Sie hängen bereits abwartend von der Gartenlaube, winden sich wie eine lila Perlenkette um die morschen Pfähle. Glänzen vom Regen auch wie Perlen, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Sie erstreckt sich von der Gartenlaube bis unter die Dachgiebel des Hauses und endet im Auffangbecken, das wir zum Gießen benutzen. Zum Gemüse- und Blumengießen. Die Isabellatrauben gießen sich selbst, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Hast du gehört? Die Regenrinne muss repariert werden.
Heuer ist ein Zucchini-Jahr. Ich habe es ausgerechnet, es sind im Schnitt zwei Zucchinis pro Tag, die geerntet werden müssen, gelbe und grüne. So viele Zucchinis können nicht eingefroren werden, dafür sind sie zu wässrig. Wir verschenken sie an die Nachbarn, die heuer kein Zucchini-Jahr haben. Über die Zäune hinweg, da wird einiges ausgetauscht, Gemüse, Nachrichten, Zigarettenstummel. Manchmal auch Enkelkinder. Hörst du mir zu? Wir haben zu viele Zucchinis. Ja, und zu wenig Tomaten. Heuer ist kein Tomaten-Jahr. Das hatten wir aber letzten Sommer, fünfzehn Dosen Tomatensoße liegen noch immer irgendwo in der Tiefkühltruhe. Damit kommen wir sogar durch den nächsten Winter.
Die Irmgard braucht keine Zucchinis. Sie hat heuer auch ein gutes Zucchini-Jahr – ich habe sie gerade getroffen und gefragt. Aber der Gartenzaun von ihr ist schon ganz morsch und muss dringend einmal erneuert werden. Das ist der Fluch des mittleren Gartens, man muss immer links und rechts fragen, wenn man etwas erneuern möchte. Wir müssen nur links die H.s fragen und mit denen verstehen wir uns gut. Das ist unser Glück. Wir teilen alles, die Läusemittel und den großen Griller, wenn die ganz große Familie kommt, für die unser Griller zu klein ist.
Früher habe ich mir immer ein Haus mit Garten gewünscht, jetzt habe ich eine Erdgeschosswohnung und einen Schrebergarten mit Blick auf die Zugschienen. Jede Stunde fährt ein Zug vorbei, ich nehme das Rauschen schon gar nicht mehr wahr, denke manchmal, dass der Wind besonders laut durch die Bäume weht, die Blätter zum Rascheln bringt, dabei ist es nur der Zug, der vorbeifährt. Wenn ich im Zug bin, dann kann ich die Schrebergärten zählen, überall sehe ich einen Garten wie unseren, als würde eine geografische Abhängigkeit zwischen Schrebergärten und Zugschienen bestehen.
Jetzt gibt es Neuigkeiten. Endlich, es gab schon so lange keine mehr. Die Irmgard hat es den H.s gesagt und die H.s mir gerade, als sie das Läusemittel zurückgebracht haben. Hör jetzt gut zu. Die Irmgard bekommt neue Nachbarn, die rechts von ihr ziehen weg. Sie haben jetzt ein Haus mit Garten und brauchen keinen Schrebergarten mehr. Die Irmgard hat die Neuen schon gesehen, zwischen den Buchsbäumen hindurch erspäht, und erkannt, dass sie nicht von hier sind. Nein, nicht aus einem anderen Bezirk, auch nicht aus einer anderen Stadt. Aus einem anderen Land. Sie sprechen eine andere Sprache und bauen bestimmt auch anderes Gemüse an, haben die H.s gesagt. Vor denen müssen wir uns in Acht nehmen.
Der Frühherbst kommt, oder soll ich noch Spätsommer sagen? In letzter Zeit ist nicht viel passiert – eine Petition gibt es zu unterschreiben, die Irmgard hat sie per Mail geschickt. Es ist eine Petition dafür, dass die neuen Nachbarn, die nicht von hier sind, wieder wegziehen sollen, weil sie zu laut sind. Ich habe sie noch nicht gehört, aber unser Garten ist auch ganz außen, wir hören nur den Zug. Trotzdem habe ich unterschrieben. Es könnte ja sein, dass etwas bei uns wegkommt, denn wir haben genug, das sie interessieren könnte. Den Griller, die Isabellatrauben. Nicht einmal die Zucchinis gebe ich ihnen. Die Petition haben schon viele unterschrieben, viel mehr, als bei uns einen Schrebergarten besitzen. Aber mir soll es recht sein. Hast du gehört, dass die Irmgard einen neuen Gartenzaun bekommt?
Rauch steigt seit Stunden auf, in der Nacht hat es gebrannt bei den neuen Nachbarn, lichterloh in ihrem Gartenhaus. Ich habe nichts mitbekommen, war zu Hause und habe erst später den Rauch gesehen, die Feuerwehr gehört und am Nachmittag die Ruine des Gartenhauses besucht, sogar die Himbeerbüsche sind ausgebrannt. Den ganzen Abend sieht es schon so aus, als hätte jemand gegrillt, doch es riecht nach verbranntem Plastik, nach verkohltem Holz. Fremdverschulden soll die Polizei festgestellt haben, Eigenverschulden meinen die H.s. Ich weiß nicht, ob man hier irgendwem die Schuld geben kann. Schließlich ist doch niemand dabei gewesen, niemand hat gesehen, wer was angezündet haben soll. Ich sollte die Fenster schließen, der Geruch beißt sich sonst auch in unseren Gardinen fest und den bekomme ich dann nie mehr hinaus.
Die Isabellatrauben sind jetzt reif, fast schon zu reif. Kaum nimmt man sie in die Hand, platzt die Schale auf und man hat nur noch ihre kleinen Kerne zwischen den Fingern. Gut, dass wieder Ruhe bei uns ist. Die Nachbarn, die nicht von hier sind, zogen weg, bevor ich die letzten Zucchinis verkocht habe. Zurück bleibt ein Garten ohne Gartenhaus, ein verkohlter Fleck in der Mitte unseres alltäglichen Lebens, der erst nächsten Frühling neu bepflanzt werden soll… Es beginnt zu regnen. Hast du die Regenrinne repariert? Ich habe dir doch gesagt, dass du sie reparieren sollst. Du hörst mir nie zu.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Linda Sensenberger
Echo
Natürlich habe ich den Kuchen vergessen, natürlich hat Hilla für mich den Kuchen gebacken.
Vater mag Bienenstich nicht, sage ich und Hilla nickt.
Aber Mutter mag Bienenstich, sagt Hilla, ich nicke.
Sie balanciert das Blech auf der Handfläche und streichelt mit der anderen meinen Rücken. Dem läuft ein Schauer hinunter, weil es kalt und Hillas Hand so vorsichtig ist, also drücke ich sie fester an mich.
Der Wind huscht in die Lücken zwischen uns und weil es nebelig ist, erkenne ich nicht, ob alles aussieht wie früher.
Wir schließen die Autos ab, kurz leuchten sie auf. Wie im Flur das Licht, als Hilla die Klingel drückt.
Ich bilde mir ein, Mutter noch am Klang ihrer Schritte zu kennen. Durch das Milchglas der Tür sehen wir zu, wie sie den Schlüssel dreimal im Schloss umdreht.
Hilla gibt mir den Bienenstich und umarmt im Türrahmen Mutter.
Ich wusste nicht, dass Hilla Mutter umarmt.
Hilla, sagt Mutter, dann: Greta.
Mutter, sage ich.
Wie geht es dir?, sagt Hilla.
Mutter macht Platz und ich schlüpfe hinter Hilla mit dem Kuchen ins Haus. An den Wänden hängen Fotos von Hilla und mir und Mutter und Vater. Schwarzweiß, weil Vater meinte, das macht man jetzt wieder so.
Während wir in die Küche gehen, dreht Hilla den Kopf zu mir um und lächelt ein bisschen. Ich lächle ein bisschen zurück, wie auf den Bildern im Flur, und dabei denke ich, dass ich sonst anders lächle, nur in diesem Haus lächle ich so.
Kaffee?, fragt Mutter, ja, sagen Hilla und ich.
Milch und Zucker?, fragt Mutter, nur Milch, sage ich, wie immer, sagt Hilla.
Ich frage mich, was wie immer denn heißt und Mutter setzt das Wasser auf.
Was heißt denn wie immer?, frage ich Hilla, Hilla antwortet nicht.
Das Licht ist noch so gelb wie früher. Es macht, dass die Zeitungen auf dem Esstisch alt aussehen und Mutters Ringe unter den Augen dunkler.
Ich frage Mutter nicht, wie sie es hier den ganzen Tag aushält. Auch nicht, wie sie es vorher mit Vater ausgehalten hat.
Während Mutter den Tchibo-Instantkaffee ins heiße Wasser rührt, klappt Hilla am Küchentisch ihren Laptop auf.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten?, fragt Hilla.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten, wenn man gar nicht trauert?, frage ich nicht.
Ich sage: Am Rand ist ein schwarzer Strich.
Mutter stellt drei Tassen auf den Tisch und setzt sich neben Hilla.
Na, Greta, sagt Mutter.
Wie geht es meinem Mädchen?
Ihre Wangen sind eingefallen und faltig. Sie färbt sich jetzt die Haare brünett. Früher hat Vater ihr verboten, sich die Haare zu färben. Er mochte lieber natürliche Frauen.
Gut, sage ich.
Sie rührt ihren Kaffee noch weiter, bis sich die helle Schaumschicht am Rand der Tasse absetzt.
Was machst denn du jetzt so?, fragt Mutter.
Ich studiere, sage ich.
Wie schön, sagt Mutter.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied, liest Hilla vor, passt das so?
Du musst noch seinen Namen draufschreiben, sagt Mutter.
Das kommt doch noch, Mutter, sagt Hilla. Das ist doch bloß der Anfang.
Ich denke, dass ich nicht besonders viele liebevolle Erinnerungen habe und weiß nicht, warum ich mich genau jetzt gerne an diese paar wenigen Erinnerungen erinnern möchte.
Zum Schulanfang ist Vater mit mir wandern gegangen. Unterwegs gab es Knabbernossi und Laugenbrötchen, die wir morgens noch beim Bäcker geholt hatten. Ich fand zwei grüne Steine, die ich zuhause eine Woche lang unter mein Kopfkissen und dann in meine Steinschachtel legte. Am Rückweg meinte Vater, dass wir doch öfter wandern gehen sollten, damit mein Po schön knackig wird.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied von unserem Ehemann, Vater, Onkel und Freund Erik Ukkonen?, fragt Hilla.
Ich weiß nicht, welche Freunde sie meint, ob man das einfach auf die Karte schreibt, damit man eben etwas schreibt, und ich weiß auch nicht, ob ihn jemals jemand Onkel genannt hat.
Und jetzt Geburts- und Todesdatum, sagt Mutter.
Hilla tippt und ich denke daran, dass wir damals auf dem Nachhauseweg Tina Turner gehört haben.
Im Küchenradio rauscht es nur.
Mutter schiebt Hilla die Milchtüte und Zucker hin, Hilla kippt ein bisschen Milch in ihren Kaffee und verrührt den Zucker darin.
Es riecht nach Milchkaffee und dem Überzug der Küchenmöbel, nach ein bisschen Moder, nach Mutters Parfum, das sie seit fünf Jahren anscheinend nicht gewechselt hat und nach unten leicht angebrannten Aufbackbrötchen von Lidl.
Ich habe die schwarze Kruste immer weggeschabt, aber es schmeckte trotzdem verbrannt. Die weiche Mitte des Brötchens habe ich herausgepult, zu einem festen Knödel geformt und so lange gekaut, bis er zusammen mit der Spucke in meinem Mund wieder weich wurde. Auf den ausgehöhlten Brötchen ist die Butter angeschmolzen. Bevor sie zerlaufen konnte, habe ich die Hälften gegessen.
Hilla sagt: Nach langem Leiden durfte er nun für immer einschlafen.
Ich sage: So lange hat er doch gar nicht gelitten.
Hilla sagt: Drei Monate immerhin.
Ich sage nicht: Woher weißt du denn das.
Ich denke: Nach noch längerem Leiden darf ich nun nicht für immer einschlafen.
Ich weiß nicht, ob ich nun gerne für immer einschlafen möchte.
Was macht die Arbeit, mein Mädchen?, fragt Mutter.
Alles beim Alten, sagt Hilla.
Das ist schön, sagt Mutter.
Woher weiß Mutter denn, dass du arbeitest?, sage ich nicht.
Ich sehe Hilla an, aber Hilla sieht auf die halbfertige Trauerkarte am Laptop.
Ich höre nicht auf, sie anzusehen und frage mich, ob hier überhaupt irgendjemand trauert.
Als Hilla nicht aufsieht, schiebe ich meine Kaffeetasse auf dem Melamintisch hin und her.
Hilla sieht auf die Tasse, die ich auf dem Melamintisch hin und her schiebe.
Ich nehme die Tasse und trinke. Der Kaffee ist lauwarm und schmeckt mehr nach Milch als Kaffee. Hillas Blick folgt der Tasse und endlich sieht sie mich an.
Was?, fragt sie, ohne wirklich zu fragen.
Was, sage ich, ohne es wirklich zu sagen.
Stattdessen sagt Hilla: Und jetzt unsere Namen?
Ja, sagt Mutter, jetzt schreibst du unsere Namen darunter.
Hilla tippt weiter und ich denke daran, dass wir noch nie alle zusammen auf einer Karte unterschrieben haben. Manchmal hat Mutter Karten geschrieben, wenn jemand Geburtstag oder geheiratet hatte oder gestorben oder geboren war, aber Vater wollte nie unterschreiben und Hilla und ich waren entweder zu klein oder hatten auch keine Lust. Einmal, während Mutter im Wohnzimmer Karten schrieb, hat Vater mir in der Zeitung Bilder von Frauen gezeigt. Es war das erste Mal, dass ich Brüste sah.
Haben wir ein Bild von Vater?, fragt Hilla.
Mutter entsperrt ihr Handy und wischt durch die Galerie.
Sie hat keinen Ring mehr am Finger, aber plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie ihn damals, kurz bevor ich gegangen bin, überhaupt noch getragen hat.
Ich beuge meinen Kopf ein wenig zur Seite und schaue Mutters Fotos an. Berliner Dom, Essen, Essen, etwas Verschwommenes, Spree, Schiffslenkrad, Spree, ein Selfie. Mutter, Vater und Hilla vor dem Schiffsgeländer am Fluss. Mutter hat ein Doppelkinn, halb geöffnete Lippen und zusammengekniffene Augen, Vater steht daneben und schaut in die Kamera, Hilla legt den Arm um ihn und grinst. Mutter wischt weiter. Verschwommenes Selfie, Spree, Essen, Blume, Blume.
Ich schaue weg.
Schaue Hilla an.
Hilla schaut weg.
Weicht mir aus.
Hilla, sage ich.
Hilla, wo ist der Kuchen.
Du hast doch den Kuchen genommen, sagt Hilla.
Hilla, wir gehen jetzt den Kuchen holen.
Hilla und ich gehen den Kuchen holen.
Die Stühle quietschen am Boden, als wir sie vom Tisch wegschieben.
Vater hat mich angefunkelt, wenn wir zu zweit in der Küche saßen und mein Stuhl beim Aufstehen quietschte. Er mochte es nicht, wenn ich laut war. Wenn jemand hörte, dass wir zu zweit in der Küche waren. Es war unser Geheimnis, und meistens mochte Vater dieses Geheimnis.
Ich schließe hinter Hilla die Küchentür und halte noch die Klinke fest. Sie ist kühl unter meiner schwitzigen Hand. Ich halte sie fest und mich an ihr fest. Ich brauche jetzt irgendwas zum Festhalten.
Du hast gesagt, dass du den Kontakt abgebrochen hast, zische ich.
Das habe ich vor fünf Jahren gesagt, sagt Hilla.
Hast du mir also fünf Jahre lang eine Lüge erzählt?, sage ich.
Hilla lehnt sich zwischen einem Foto von mir und einem von ihr gegen die Wand.
Ich habe die beiden erst im Herbst wieder gesehen, sagt Hilla.
Und davor?, sage ich.
Hilla sieht auf ihre Füße, die in Rentiersocken stecken.
Ich sage ihr nicht, dass Weihnachten schon rum ist. Das weiß sie schon, weil wir gemeinsam gefeiert haben.
Hilla sagt: Mutter hat mich angerufen. Als Vater krank wurde.
Und dann?, sage ich.
Hilla sagt: Dann bin ich ihn besuchen gegangen.
Verräterin, sage ich nicht.
Lügnerin, sage ich nicht.
Auch nicht: Täterfreundin.
Der Bienenstich, sage ich.
Ich lasse die Klinke los, quetsche mich an Hilla vorbei und greife nach dem Kuchen, der oben auf dem Schuhschrank steht.
Hier habt ihr euren Bienenstich, sage ich. Hilla nimmt ihren Bienenstich.
Ich gehe aufs Klo.
Am Klo sitzt Vater auf der Brille. Er zeigt mir mit sechs, wie man Tampons benutzt. Am Klo hallt Vaters Lachen besonders laut.
Ich will weg von diesem Klo, aber ich bin auch froh, am Klo zu sein, weil mir plötzlich übel ist. Ich drehe mich zur Kloschüssel um, auf der gerade noch Vater saß. Ich würge, aber ich kann nicht erbrechen. Ich würge nochmal.
Hilf mir doch, sage ich, aber es kommt nichts raus, keine Stimme und auch keine Kotze.
Hilf mir doch, sage ich wieder, aber Vater hilft mir nicht. Er sitzt auf der Klobrille und sieht zu, wie nichts aus mir rauskommt.
Ich klappe den Klodeckel zu und setze mich darauf. Vater pocht jetzt gegen den Deckel, aber ich stehe nicht auf.
Greta, sagt Hilla von draußen.
Sie klopft gegen die Tür, aber ich stehe nicht auf.
Es tut mir leid, sagt Hilla.
Es hört auf zu klopfen, aber ich stehe nicht auf.
Heute hallt Vaters Stimme besonders laut.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Heike Pichler
Inga und das Nass
Sie dreht sich um. Sie lacht. Ihr T-Shirt klebt an ihrem nassen Busen. Ein guter Trick. Ich zwinkere ihr zu. Gut gemacht. Das hast du gut gemacht. Flüstere ich. Ich öffne die Augen wieder. Sie ist weg.
Ich gehe hinaus. Es ist mir egal. Es regnet. Das ist mir auch egal. Ich bleibe nicht stehen, um den Regen auf meiner Haut zu spüren. Um zu spüren, wie es mir die nassen Haare an die Kopfhaut klatscht. Ich bin ja nicht Inga und ich weiß ja, dass Regen nass ist.
Ich sagte doch, es ist mir egal!
Ich wische mir nicht die nassen, angeklatschten Haare aus dem Gesicht. Ich lasse mein Gesicht verschwinden. Verschwind.En.
Inga sagt, sie hat einen Joker, aber sie spielt ihn nicht. Noch nicht.
„Ich habe einen Joker, aber ich spiele ihn nicht.“ Ich sehe, wie sie mich schelmisch angrinst. Sie will schelmisch sein, aber ich durchschaue sie.
„Noch nicht.“
Ich glaube ihr das mit dem Joker nicht. Ich weiß, dass sie will, dass ich sie frage, was der Joker ist.
„Was ist der Joker, den du hast?“
Jetzt ist sie tot und sie spürt den Regen nicht mehr auf ihrer Haut. Ich weiß nicht, wie sie die Haare im Sarg hatte. Oder was sie anhatte. Ich bin nicht hingegangen.
Ich sehe den Bus kommen und kurz vergesse ich, nicht zu spüren und der Regentropfen läuft mir über mein Gesicht und er läuft über meinen Hals. Unter meine Jacke. Unter meine Haut und ich höre, wie sie schreit, meine Haut, und meine Härchen stehen und zittern. Ich steige in den Bus. Setze mich auf einen freien Platz und es ist wieder egal. Kein Spüren. Kein Regen. K.Ein Wort.
Inga liegt bei mir. Haut an Haut. Ich versuche ihre Haut zu hören. Dazu lege ich mein Ohr auf ihren Bauch. Ihre Haut ist sehr viel weicher als meine und ihr Bauch geht auf und ab. „Inga“, flüstere ich in ihren Bauch hinein und sie lacht mich aus. „Was ist der Joker, den du hast?“
Der Bus fährt los. Bleibt stehen. So wie Busse das für gewöhnlich machen. Jemand setzt sich auf den Platz neben mir. Ich sehe Inga draußen zwischen den Blättern tanzen. Der Wind hebt sie hoch. Sie war schon immer klein und dünn. Der Wind hebt sie hoch, wirbelt sie mit den Blättern herum. Sie lacht. Sie lacht so fröhlich. Ich wische mit der Hand über das beschlagene Fenster. Das Nass ist kalt auf meiner Hand. Meine Hand hält inne. Bleibt am Fenster kleben. Spricht mit dem Nass. Dann erschrickt sie und wischt sich in meine Hose. K.Ein Nass. K.Eine Inga.
Inga reckt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Sie riecht an dem Wasser, das herunterfällt. Es rinnt an ihr hinunter. Ihr T-Shirt klebt an ihren Brüsten und mein Gehirn knipst ein Foto. Ing.A. Sie dreht sich um zu mir und blickt mich ernst an. Ihre Augen fixieren mich. Ich bewege mich nicht. Ich warte. „Sie haben nein gesagt“, sagt sie.
Ich höre Fragen in meinem Kopf.
Und jetzt?
Werden sie dir weh tun?
Was wirst du tun?
Kannst du leben, dort?
Was wird aus uns?
Es ist schwer, die Fragen festzuhalten, aber sie dürfen nicht hinaus. Nicht zu Inga. K.Eine Antwort. Das Wasser läuft über mein Gesicht. Inga tanzt und singt irgendetwas auf russisch. Fragen können laut schreien und gleichzeitig kann alles stumm sein und in einem großen Vakuum dröhnen.
Ich steige aus dem Bus aus.
Ich rieche an Ingas Haut, die nackt an meiner Haut liegt. Es gibt keinen Joker, denke ich. Keinen für ein Wir. Keinen für ein Uns. U.Ns. Die Angst frisst sich in meine Gedärme. Wie Maden wühlt sie in mir herum.
Was wird aus deiner Haut, dort?
Wird dort auch das Nass an dir hinunterlaufen?
Wessen Gehirn wird dort Fotos knipsen?
Und was wird er damit machen?
Ich sperre den Kopf ein. Ist ein Mensch egal? L.Egal. Wie viele Milliarden Menschen gibt es? Wie viele davon sind egal? Wie viele nicht?
Ingas Joker sind die Maden. Das ahne ich. Ich spüre sie, wie sie sich durch meine Haut fressen, hinein in meine Innereien. Überall beißen sie Löcher.
Ich stehe im Regen. Das Wasser läuft an mir hinunter. Inga tanzt in der Luft, wirbelt mit den Blättern. Niemand tut ihr weh und das Wasser läuft an ihr hinunter. Glückliche Inga.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Sarah Buck
Frühstück
Sie sitzen am großen Esstisch in der guten Stube, Hartmut am Tischende, links von ihm Helene. Der frisch aufgebrühte Kaffee dampft aus dem gebogenen Hals der Porzellankanne, das Kuchenbrot ist aufgeschnitten. Seit dem Aufwachen – Hartmuts Schnarchen hat sie bereits vor Sonnenaufgang geweckt - quält Helene ein Schmerz in den Schläfen, dumpf, bohrend und gnadenlos in seiner Hartnäckigkeit.
Hartmuts Hand tastet sich hinter der Zeitung hervor und hält ihr seine Tasse hin. Sie schenkt ihm ein, dann schenkt sie sich selbst ein. Hinter der Zeitung hört sie es schlürfen.
„Möchtest du ein Stück vom Kuchenbrot?“, fragt sie.
„Natürlich.“ Er hebt die Zeitung soweit hoch, dass sie ihm das Brot auf den Teller legen kann.
Helene nimmt sich auch eins, bestreicht es mit Butter und der selbstgemachten Brombeermarmelade, doch dann lässt sie es auf ihrem Teller liegen. Sie blickt aus der geschlossenen Terrassentür in den Garten. Die Rosen hat sie ordentlich zurückgeschnitten letzten Herbst, sie blühen prächtig dieses Jahr. Doch die Anemonen bereiten ihr Sorgen, sie sind so zart, der letzte Regenguss ist ihnen nicht gut bekommen.
Die Zeitung knistert, Hartmut blättert um. Helene legt die Hände seitlich an ihren Kopf und massiert sich in kleinen kreisenden Bewegungen die schmerzenden Stellen. Vielleicht, denkt sie, würde es helfen, nach dem Frühstück eine Runde durch den Garten zu machen. Früher – das ist schon lange her – haben Hartmut und sie das manchmal gemeinsam gemacht. Dann hat er sie bei der Hand genommen und ihr erklärt, was er vorhatte: hier ein Teich, da die Buchsbäume, dort das Beet für Kartoffeln, Salat und Erdbeeren. Sie hat gelauscht – ihre Hand ganz klein und warm in seiner – und sich an seiner Freude erfreut.
„Wir könnten vielleicht...“, setzt sie an, doch im gleichen Moment fährt ihr ein solcher Stich in die Schläfen, dass ihre Stimme versagt.
Hinter der Zeitung: kauen, schlürfen, schlucken.
Helene starrt auf die Anemonen, mutlos lassen sie ihre Köpfe hängen, ein großer Teil ihrer Blütenblätter liegt zerstreut auf der Erde wie achtlos abgestreifte Kleidungsstücke.
Hartmut legt die Zeitung beiseite. Ganz langsam nähert sich seine gekrümmte Hand einer Fliege, die auf seinem Teller sitzt und von den Krümeln nascht. Mit einer blitzschnellen Bewegung hat er sie in der Faust gefangen. Helene zuckt zusammen, als wäre sie selbst in seine Fänge geraten. Er presst die Finger zusammen, dann schmiert er die tote Fliege in seine Serviette.
„Du hast da noch dein Brot liegen“, sagt er.
Schulmeisterlich, denkt Helene, das ist der Ton, in dem er es sagt.
„Ach ja, tatsächlich“, sagt sie.
„Ein Träumerle bist du.“ Er greift wieder nach der Zeitung.
Das Wort ärgert sie, sie weiß nicht genau warum. Sie schaut auf ihr Kuchenbrot, an dem die Brombeermarmelade seitlich hinabläuft. „Ich habe heute keinen rechten Appetit“, sagt sie.
„Ja, ja.“
„Möchtest du mein Brot essen?“
„Ist gut.“
Helene will es ihm auf den Teller geben, da sieht sie Hartmuts Serviette, die sich entfaltet hat und den Blick auf die zerquetschte Fliege freigibt – ein schwarzer Fleck auf blütenweißem Grund. Sie greift nach der Serviette, wirft einen kurzen Blick auf die Wand aus Zeitung, dann schabt sie die Fliege mit ihrem Messer von der Serviette aufs Brot. Sie schiebt es unter der Zeitung durch auf seinen Teller.
Die Geräusche, die er beim Essen macht, kommen ihr entsetzlich laut vor. Nur dieses knirschende Mahlen und das Ticken der Standuhr sind zu hören.
Dann hat er aufgegessen. Leise stößt er auf. „So!“, sagt er. „Jetzt muss ich aber.“ Hartmut faltet die Zeitung akkurat zusammen und steht auf.
Auf einmal ist Helene etwas leichter zumute. Der Schmerz hat nachgelassen und beim Anblick der Anemonen, die jetzt direkt von der Sonne angestrahlt werden, denkt sie, dass sie es vielleicht doch noch schaffen könnten. Sie wird ihnen das gefilterte Kaffeepulver aufs Beet streuen, das wird ihnen gut bekommen.
„Um zwölf bin ich wieder hier. Was gibt es zu Mittag?“
„Ich weiß noch nicht“, sagt sie. „Wir werden sehen.“
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Joyce Shintani
Stiller gegen Abend
Schon wieder: dieser feuchte Geruch. Regen auf dem Asphalt. Noch kühl. Frühling.
Dieses Frühjahr ist es mir endlich gelungen, ein Vogelhäuschen aufzuhängen. Ein Meisenpaar ist eingezogen. Gegen Abend, wenn alles leiser wird, höre ich das aufgeregte Fiepen der Jungvögel. Sie verlangen nach Insekten! Die Körner, die ich gestreut habe, bleiben unbeachtet liegen. Verschmäht.
Hinter dem Häuschen steht eine Eiche, deren frische, hellgrüne Blätter im leichten Wind flattern. Zur anderen Seite breitet eine Kastanie ihren Schatten aus – vor Wochen noch leuchtend in Purpurblüten, nun Teil des grünen Mosaiks vorm Fenster.
Ich bin in Bayern. Ein einst königlicher Kurort in den Voralpen – erstaunlich, wie viel Glanz hiergeblieben ist. Mein neues Zuhause.
Nicht der Ort, an dem ich mir meinen zweiundsiebzigsten Frühling vorgestellt hatte.
Der Mann verließ mich. Meine besten Jahre, würde ich sagen. Ein guter Mann, den ich liebte. Solide Karriere. Und ich besaß die Hälfte der Wohnung. Die Hälfte! Nie hätte ich so weit zu träumen gewagt. Als meine Mutter starb, steckte ich ihr kleines Erbe in die Renovierung dieser Wohnung im Schwabenland. Schwarzer Stein in der Küche. Schubladen und Schränke, die sich bei Berührung öffneten – seidig, lautlos. Ein eingelassener Aufschnittapparat. Ein Hocker in der Ecke – mein Studienplatz für Rezepte. Luxus wie in den besten AirBnBs, die ich online bewundert, aber nie gebucht hatte. Und das Bad – eine Regenbogen-Glasdusche. Eine Wanne mit Düsen, mit Blasen. Und eine altersgerechte Glastür zum Ein- und Aussteigen. Himmel auf Erden!
Dann der Bruch. Plötzlich wollte er weg. Ganz klar. Ich blieb allein – im goldenen Käfig.
Was blieb mir übrig? Er ging.
Nach anderthalb Jahren hielt ich es nicht mehr aus. Zweiundzwanzig Ehejahre hingen an den Dingen… Die Weingläser – unsere Reisen. Die Sofaecke – seine Krümel. Das leere Kissen neben mir – für immer sein Geruch. Das war er.
Ich blieb. Verschmäht.
Die Wohnung: ausgehöhlt.
Kein neues Kapitel dort. Nicht mal auf Tinder.
Also Hamburg. So weit wie möglich weg. Erinnerungen abtöten! So viel Fremde, so viel Abstand zwischen mir und dem Herd, dass ich mich nie wieder erinnern müsste.
Ich erinnerte mich.
Hamburg ist eine großartige Stadt. Endlich wieder am Wasser, nach vierzig Jahren Mitteleuropa-Käfig. Doch ich war eingeschlossen in einem Loch. Direkt an der Elbe, in einem kompakten Backsteinbau, einst Kühllager für Nordatlantikfisch. Jetzt ein Sterbeort: Demente, Verwirrte, Verstummte… alles gut Betuchte.
„Wie zur Hölle bin ich hier gelandet?“, fragte ich mich. „Wenigstens wieder am Wasser“, redete ich mir zu. „Wie früher. Wie in Long Beach.“
Die kalten Fische in Hamburg hatten mich bis auf die Knochen durchfroren. Ich musste weg.
Ein neuer Mann. Ein Plan. Wien!
Wien – und ein musikalisch-literarischer Salon. „Du wärst die ideale Gastgeberin! Junge Talente, neue Musik, Lesungen… stell dir das nur vor!“, sagte er.
Ich stellte es mir vor.
Die Donau, das Theater, die Musik… Ich kannte Wien. Ich hatte dort gelebt, gearbeitet. Und jetzt: ein Salon! Wer könnte da Nein sagen?
Doch konnte ich diesem Mann trauen, der mir Wien versprach?
Was blieb mir? Was bleibt uns? Wie oft kann man neu anfangen? Können wir wandern? Wie diese schwarzen Punkte am Himmel – hin und zurück und wieder hin?
Erstaunlich – während ich dies schreibe, wird das Zwitschern der hungrigen Jungvögel draußen immer lauter, nur zwei oder drei Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Neue Klangmuster!
Bald fliegen sie. Vielleicht sehe ich’s.
Also planten wir. Packten. Zogen um. Der neue Mann und ich. Ein Kraftakt.
Aber die Stadt war der Lohn. Die Wohnung, die er ausgesucht hatte… Gründerzeit, hohe Decken, weiße Wände mit Stuckverzierung. Auf Zehenspitzen trugen die Möbelpacker seinen Steinway drei Stockwerke hinauf.
Erster Salon: ein junger deutscher Pianist. Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninow. Dann unsere Freundin aus Berlin: Tangos, Chansons. Im Herbst eine Poesielesung mit Musik. Ich nahm Gesangsunterricht, sang zu Weihnachten Händels Messiah in der Peterskirche! Wien war Himmel.
Dann kam der Winter. Die Musik fror ein.
Der Mann, der mich hergebracht hatte, verstummte. Etwas in ihm zerbrach. Wir fanden keine Reparatur. Er klagte.
Erschöpft verlor auch ich die Stimme.
Erinnerungen heulten in mir auf.
Zwischen uns lag ein sibirischer Streifen.
Dann der Alkohol. Und zersplitterndes Glas als Klangkulisse.
Hier in Bayern fällt das Licht. Es ist still. Der Geruch von frischer Nässe ist verflogen. Die Meisen haben aufgehört zu fiepen. Haben sie bekommen, was sie brauchten?
Es kam anders als geplant.
Ich sitze meistens nur.
Auch ich – stiller gegen Abend.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at
<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>
freiTEXT | Moritz Grohs
Firma Eckelt
Mutti verschaffte mir einen Ferialjob in der Firma Eckelt.
Ich war wenig begeistert über die Aussicht, die nächsten Wochen dem Proletariat anzugehören, und dann auch noch in Steyr festzuhängen.
Am Morgen meines ersten Arbeitstags führte Mutti mich mit dem Auto hinauf auf den Resthof zur Firma Eckelt. Vermutlich hatte sie die Befürchtung, dass ich sonst meinen Dienst schwänzen würde.
Ich stand orientierungslos in einer riesigen Fabrikhalle, in der es ohrenbetäubend laut war. Endlich kam jemand, um mir zu zeigen, was ich zu arbeiten hatte.
Meine erste Tätigkeit bestand darin, kleine quadratische Korkblättchen zwischen aneinander gelehnte Glasscheiben zu kleben, damit die Scheiben nicht aneinander kratzten.
Ich gab mir Mühe, alle mir aufgetragenen Arbeiten zur Zufriedenheit der Chefs zu erledigen.
Die Stimmung, die herrschte, wenn ich durch das Steyrdorf, den Schnallenberg hinauf und dann über den Tabor der Frühschicht entgegenschritt, mochte ich gerne. Es war zu der frühen Stunde noch so friedlich und still überall. Gleichzeitig war ich jedoch unangenehm nervös.
Einer meiner Kollegen nahm mich zu Beginn meines Jobs ein bisschen unter seine Fittiche, da wir einander als ehemalige Schüler des BRG Steyr erkannt hatten.
Er war sehr nett zu mir und bot mir sogar einmal an, mich mit seinem Auto nach der Schicht nach Hause zu bringen.
Allmählich verlor er jedoch das Interesse an mir.
Ich mochte es, wenn die zweite Schicht um 22 Uhr zu Ende ging und ich kurz darauf die Fabrikhalle verließ. Ich war geschafft von der schweren Arbeit, meine Haut juckte vom Glasstaub und meine Füße fühlten sich ganz leicht an, weil ich gerade den schweren Arbeitsschuhen entstiegen war. Die Nacht war lau und friedlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas geschafft hatte. Mir fielen die zwei Worte ein, die auf dem Sockel des Werndl-Denkmals am Ende der Promenade stehen: „Arbeit ehrt“.
Ich hatte große Mühe, mit den Leuten um mich zu kommunizieren; in den Pausen saß ich also meistens schweigend und lesend im Pausenkammerl, während die anderen ihre immergleichen Gespräche über Autos, nackte Frauen und gelegentlich auch über Sauftouren führten.
Der Typ, der mit mir bei dem riesigen Ofen arbeitete, in dem die Glasscheiben gehärtet wurden, war meistens übernächtig und voller Restalk, wenn er zur Frühschicht auftauchte.
Allmählich kristallisierte sich heraus, dass er mich nicht leiden konnte.
Immer deutlicher wurde ich zum Außenseiter.
Der besoffene Typ war mit einem Hubwagen voller Glasscheiben unterwegs und rammte einen anderen Wagen voller Glasscheiben, der da herumgestanden hatte. Es gab einen lauten Knall und dann bedeckte ein Meer von Glasscherben den Boden, die der stille Jugoslawe dann wegkehren musste.
Es herrschte eine enorme Hitze in der Fabrikhalle.
Allmählich ging der Nachmittag in den Abend über.
Wir waren damit beschäftigt, Wagen voller schwerer Glasscheiben auf den Platz vor der Halle zu schieben, damit sie dort in LKWs verladen werden konnten.
Ich schob, so fest ich konnte. Mir rann der Schweiß in Bächen runter.
Schon nach kurzer Zeit war mir ganz klar, dass ich es in der Firma Eckelt nicht mochte.
Alle Augenblicke warf ich einen dezenten Blick auf die Uhr, die sich in der Anzeige des riesigen Ofens befand und war dann immer recht enttäuscht darüber, wie elends langsam die Zeit hier drinnen in der Halle verging.
Ich nahm einen hastigen Zug von meiner Zigarette und wartete darauf, dass die nächste Glasscheibe anrollte, damit ich sie mit meinem Kollegen auf einen Wagen wuchten konnte. Und dann wiederum die nächste und die nächste.
Man tadelte mich, weil ich jeden Tag ein paar Minuten zu spät zur Schicht erschien.
Ich wurde regelrecht verzweifelt darüber, dass ich in der Firma Eckelt arbeiten musste.
Ich unternahm zaghafte Versuche, mir einen Finger zu brechen, damit ich nicht mehr arbeiten musste, aber es gelang mir nicht.
Mein saufender Arbeitskollege hasste mich regelrecht. Er drangsalierte mich, so gut er es vermochte.
Von den allermeisten der anderen Kollegen konnte ich keine Hilfe erwarten. Niemand sprach auch nur ein Wort mit mir. Der Typ mit den Wikinger-Tattoos, der jeden Tag nach der Schicht auf seinem Motorrad davonbrauste, tat, als wäre ich gar nicht existent. Die zwei Bosnier, die die Statur von Bären hatten, unterhielten sich mit lauten, tiefen Stimmen in ihrer Muttersprache miteinander, und beachteten mich auch nicht weiter.
Es war der totale Wahnsinn für mich und gelegentlich weinte ich in der Fabrikhalle still und leise vor mich hin.
Wir waren lebende Roboter, die von morgens bis abends Glas schleppten, bei ohrenbetäubendem Lärm eingeschlossen in einer glühend heißen Fabrikhalle.
Ich konnte nicht verstehen, wie die Leute so ein Leben zu ertragen imstande waren und zu ertragen gewillt waren.
Ein kleiner Mann aus Sarajewo, der aussah wie Diego Maradona, begann, sich hin und wieder mit mir zu unterhalten.
Mehrmals gab er mir den Rat, dass ich unbedingt meine Matura nachholen müsse, damit mir ein Leben in Fabrikhallen erspart bliebe.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at










