freiTEXT | Jessica Ramsauer
Die Geschichte der leisen Schwingung
Als ich ankam, war mein Atem rau und unruhig, als würde mein Körper noch immer Wege fürchten, die längst vergangen sind. Der Flur fühlte sich an wie ein Ort zwischen damals und jetzt. Doch als sich die Tür öffnete, blieb die Vergangenheit kurz stehen — als hätte sie gemerkt, dass sie hier nichts zu suchen hat. Ich trat in einen Raum, der vielleicht bald meinen Namen lernen könnte.
Wir setzten uns. Zwei Menschen, zwei Welten, die sich noch nicht kannten, aber einander vorsichtig abtasteten.
In mir gibt es einen Ort, der tief unter der Oberfläche liegt — ein leises Feld aus Schwingung und Wahrnehmung. Dort höre ich alles: Tonlagen, Tempo, kleinste Bewegungen der Aufmerksamkeit. Es ist der Ort, an dem ich spüre, ob jemand wirklich bei mir ist oder ob ein halber Schritt ins Innen fehlt.
Manchmal bewegte sie sich schneller als ich. Dann verzog sich etwas in diesem inneren Feld, als würde eine Saite kurz den Kontakt verlieren. Ihre Worte glitten mir davon, noch bevor ich wusste, was ich sagen wollte. Ich verlor sie nicht ganz — aber gerade so, dass sich ein feiner Schleier zwischen uns legte. Fein genug, um unsichtbar zu sein, dicht genug, um mich zu schützen.
Und dann gab es Momente, in denen sie tiefer sank. Ihr Atem wurde ruhiger, ihre Stimme weicher, ihr Blick durchlässiger. Dann traf ihr Klang den meinen. In mir wurde es warm, ein Stück Erde unter den Füßen, die vorher gefehlt hatte.
Wir sprachen über vieles, und doch mehr über das, was zwischen den Worten lag. Über Geschichten, die schwer tragen, aber in dieser Geschwindigkeit noch zu groß sind. Über Linien, die in mir weit zurückreichen. Über das Ringen zwischen Sehnsucht und Schutz, Nähe und Rückzug.
Es gab Augenblicke, in denen der Klang der Welt lauter war als der zwischen uns. Manchmal füllten Wörter den Raum, bevor wir gemeinsam den leisen Punkt fanden, an dem sich Innen und Außen berühren. Ich merkte, wie schnell sie in eigenen Bildern sein konnte — und wie mein System dann kurz aussetzte, wie ein Echo ohne Ursprung.
Aber dann — gab es diesen einen Moment. Ganz am Ende. Die Zeit war schon schmal geworden, Schritte warteten irgendwo jenseits der Tür. Und doch geschah etwas Weiches: eine Geste, warm und klar, deren Berührung nicht in der Haut lag, sondern in der Aufmerksamkeit. Ein kurzer, stiller Takt, in dem sich ihre Wärme mit meiner traf — gerade lang genug, dass mein Körper verstand: Hier darfst du landen.
Dieser Augenblick blieb. Er wanderte mit mir hinaus, als hätte ein feiner Rest ihres Tons irgendwo in mir einen Platz gefunden — ein kaum hörbarer Nachklang, der noch einen Moment verweilt, bevor er sich wieder in die Stille legt. Kein Anhaften — eher der sanfte Abdruck eines Haltens, das aus Tiefe statt aus Pflicht entsteht.
Und so begann etwas, das noch keinen Namen hat — ein zarter Versuch, zwei Systeme aufeinander einzustimmen. Nicht über Worte und nicht über Wissen, sondern über das, was darunter wirkt: das stille Erkennen, wenn ein Mensch einen Ton trifft, der schon lange darauf wartet, wieder zu klingen.
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