freiTEXT | Elisabeth Bendl

Roadtrip

Renault 19. Ihr erstes Auto. Die Fahrertür, nur mit Spanngurt zu schließen, das Fenster der Fahrerseite, mit einem Keil fixiert.
Die erste Fahrt, eine Kassette mit Klebeetikett am Beifahrersitz, die Aufschrift „für dich“. Der Motor wird gestartet, es raucht und ruckelt. Dann los, die Musik nach jedem Kilometer um eine Essenz lauter drehen. Red Hot Chili Peppers, Metallica, Foo Fighters, Aerosmith. Begleiter, die bleiben werden.
Ohne Ziel und mit der Gewissheit, dass sich Freiheit genauso anfühlt. Dass das, was noch kommt, gut werden wird. Es ist heiß, der Fahrtwind dröhnt in den Ohren. Immer schneller über die Straßen, ohne Ziel. Dann die Erkenntnis, dass eine Tankfüllung endlich ist.

Opel Astra. Trinke niemals beim Fahren! Hörst du, niemals!
Nur ein Glas, ist nicht schlimm. Ein Zweites, ich kann schon noch fahren.
Zu siebt im Fünfsitzer. Die Erste mit Führerschein. Neue Bekanntschaften, dem Führerschein geschuldet. Von einem Festl zum nächsten. Jedes Wochenende dasselbe Spiel. Kennt man ein Dorf, kennt man alle, die Zelte in den Hallen der Bauern gleichen einander, die Tequilabar ist immer aus demselben Holz geschnitzt.
Der Heimweg. Lachen, singen, rauchen. Die Wodkaflasche geht im Kreis, macht auch nicht vor der Fahrerin halt. Schleichwege, um nicht der Polizei in die Hände zu fallen. Ein wenig schneller, aufs Gas drücken. Ein Auto von rechts, sie hat es spät bemerkt. Vollbremsung. Glück gehabt, schon wieder. Im Nachhinein gesehen reiner Zufall, den Eltern der Freunde ihre Kinder nicht genommen zu haben.

BMW 3er. Das Auto des besten Freundes, damals an der Uni. Ein Feldweg am Rande irgendeiner größeren Ortschaft. Bahngleise und das regelmäßige Rumpeln der Güterwagons. Fünf Uhr früh, ein Herbsttag. Die Scheiben beschlagen, verschwommene Bilder dringen nach innen – und nach außen. Er sitzt am Beifahrersitz, sie auf ihm. Der Schalthebel ist im Weg und stört dennoch nicht. Gleichmäßige Bewegungen des Autos, vor und zurück, gleich einer Wippe. Das Quietschen der alten Stoßdämpfer. Das Autodach direkt über ihrem Kopf, sie muss ihn leicht schräg halten, so stört es nicht. Der BH am Fahrersitz, ihre Hose über der Rückbanklehne. Ihre Beine schmerzen, gut ist es dennoch. Ein Mann drückt seine Nase an die Fensterscheibe der Fahrertüre.

Nissan Micra. Ein letzter unbeschwerter Sommer. Damals noch die Hoffnung, dass viele dieser Sommer folgen sollten. Gleich nach dem letzten Semester an der Uni die Fahrt in den Süden. Die beste Freundin am Beifahrersitz. Den winzigen Kofferraum vollgestopft mit Zelt, Kleidung und Bier. Frei sein, zwei Wochen lang. Ein langer Weg bis an die Grenze, die wenigen PS bremsen aus. Endlich Villach, dann die fremde Luft, die auch nicht anders riecht als in Österreich. Die Musik bis zum Anschlag aufgedreht. Französische Chansons, nur diesen Sommer. Landstraßen fahren, um Mautgebühren zu sparen. Das Geld wird für Wichtigeres benötigt. Überrascht, wie wohltuend das Meer auf die Seele wirkt. Baden im Salzwasser, Spaziergänge am Strand, Bier am Lagerfeuer. Lachen, bis die Tränen die Wangen hinablaufen. Der Schmäh, den man nur versteht, wenn man sich eine Ewigkeit kennt.

Range Rover. Eine lange Sommernacht in Wien. Sie steigen ein in sein Auto, scheinbar mit demselben Ziel. Intensive Gespräche, verstohlene Blicke, vorsichtige Berührungen. Ein Stopp am Straßenrand. Sein Lächeln, ihr Zittern. Der erste Kuss. Das Herzklopfen muss doch etwas bedeuten. Langsamer fahren als nötig, um mehr Zeit miteinander zu haben. Herausfinden, wohin die Fahrt gehen soll. Die Hoffnung, Liebe gefunden zu haben, ohne je herauszufinden, was Liebe wirklich ist. In dem Glauben sein, dass das, was kommen wird, gut werden wird. Das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, verdrängen. Es muss Liebe sein.

Ford Focus. Das Begräbnis des Vaters. Zehn Jahre ist sie diese Strecke nicht mehr gefahren. 506 Kilometer auf verschneiten Straßen Zeit, um die Trauer zu suchen. Das, was sie findet, ist Erleichterung, vielleicht. Dann, angekommen am Ziel, hagelt es. Nicht nur Eiskörner, auch Vorwürfe.
Einige Stunden lang prasseln die Worte der Vergangenheit auf sie ein, sie hält es aus, lässt es geschehen, niemals wieder wird sie an diesen Ort zurückkehren.
Der Ford macht Mätzchen, die Kupplung reißt. Mitten auf der Romantikstraße. Ausrollen lassen, Motor stoppen und schreien. Tränen fließen keine.

VW Golf Kombi. Zwei Kindersitze auf der Rückbank. Der erste Weg führt zum Kindergarten, noch eine letzte Umarmung, die Kinder sind ruhig und weinen dieses Mal nicht. Das schlechte Gewissen bleibt. Weiter Richtung Arbeit, Stau wie jeden Morgen. Die Playlist: Wir sind am Leben, Back to Black, No Roots, Highway to Hell. Die späte Erkenntnis, dass es doch keine Liebe war. Die Kinder, die ein Leben, wie sie es sich gewünscht hat, nicht mehr möglich machen. Die Frage, wann und ob ein Airbag aufgeht, wenn man auf das Lenkrad einschlägt. Und dann die Tränen. So fühlt sich also Trauer an.

Skoda Oktavia. Immer noch Kombi. Die Wege haben sich geändert. Kein Kindergarten vor der Arbeit, sondern Taxiunternehmen nach der Arbeit. Für die Kinder. Klavierspielen, Reiten, Tennis, Freunde. Sie kümmert sich. Er nicht mehr. Das Sorgerecht hat sie bekommen. Es war eindeutig. Kein Ermessensspielraum. Säufer bekommen Besuchsrecht, nicht mehr und nicht weniger. Sie sollte erleichtert sein. Der Beifahrersitz bleibt leer. Keine Wut, keine Schläge, keine Schikanen, keine Tränen, keine Trauer. Ein neues Leben, nur mit den Kindern am Rücksitz. Heute hört sie keine Musik.

Jeep Cherokee. 25 Jahre später an der Grenze, kurz nach Villach. Ein Auto für sie alleine. Sie öffnet die Fenster, kann das Meer schon riechen. Die Kinder erwachsen, der Wunsch, die letzten 20 Jahre auf der Stelle nachzuholen. Das Leben spüren, so wie damals, mit 18, die erste Fahrt in ihrem Renault 19. Sie gibt Gas, erinnert sich an ihre erste Reise in den Süden, ihre Freundin am Beifahrersitz. Das Lachen, die Lebenslust, die Vorfreude auf das, was kommen sollte. Auch dieses Mal wählt sie die Landstraßen, sie hat Zeit. Das Ziel: Der Campingplatz von damals, die ewig langen Sandstrände, der Aperol, das Lagerfeuer. Sich selbst suchen und vielleicht auch finden. Auch dieses Mal wieder: Französische Chansons. „Je veux de l′amour, de la joie, de la bonne humeur“.

 

Elisabeth Bendl

 

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