Fischaugenlicht

Das Licht brach an den Lamellen der Jalousie. Der eine Strahl zeichnete sich direkt auf Annas Gesicht ab, hob den dunklen Fleck ihrer rechten unteren Kinnseite hervor, der andere, etwas in Schieflage geraten, verlor sich unter den Rollen des rostbraunen Nachttisches. Jedes Mal, wenn ich die Tür zum Zimmer 223 öffnete, strömte mir derselbe Geruch in die Nase: eine Mischung aus zu dick aufgetragener Nivea und Blumenwasser, das zu lange von niemandem mehr getauscht worden war. Der Geruch kroch in die Fasern meiner Kleider, kroch weiter in meine abgestorbenen Hautschuppen hinein, die immer wieder abfielen beim routinierten Anlegen der blauen Einweghandschuhe.

Anna saß an diesem Morgen aufrecht im Bett. Und jedes Mal, wenn Anna lächelte, drückten ihre Mosaikwangen aus winzig roten Adern ihre Brille etwas nach oben, sodass man die schon dünn gewordenen Augenbrauen kaum noch erkennen konnte. „Heute ist ein guter Tag“, sagte Anna, und noch bevor ich nach dem Warum fragen konnte, fuhr sie fort: „Keine Angst vor dem Aufwachen.“ Das monotone Massieren ihrer Füße war eine Übersprungshandlung, das wusste ich. Doch ich wollte das Verschwinden von Annas Lächeln um jeden Preis verhindern. Zögerlich stieg Anna schließlich ein auf meinen Ablenkungsversuch, sprach nicht mehr von der Angst, die unter ihrer Haut lauerte und jede Nacht an einer anderen Stelle ausbrechen wollte, es aber nie schaffte, weil man sich auf die Wirkung des Sedativums wirklich verlassen konnte.

„Hast du schon einmal Fische beim Sterben beobachtet?“ Annas Frage riss mich aus meinen Gedanken. „Warum sollte man Fischen beim Sterben zuschauen?“, entgegnete ich vielleicht etwas zu forsch, weil ich nicht gerne sprach über den Tod. Letztens war die Pumpe für die Sauerstoffzufuhr im Aquarium ausgefallen. Im Wasser gab es schon bald keine Luftbläschen mehr, die Fische mit ihren viel zu großen Augen wurden panisch. Schuppen sanken langsam auf den Grund, wurden wieder aufgewirbelt, von den ums Überleben kämpfenden Fischen. Das Aquarium glich einer Schneekugel, die einmal zu oft geschüttelt worden war. Ein rotes Licht am Aquariumsdeckel fing an, hastig zu blinken, ein schriller Ton schwoll an, klang ab wie eine längst vergessene Sirene. Irgendwann gaben sie auf, die Fische, oder ihr Herz-Kreislauf-System wurde einfach schwach, das wusste Anna nicht so genau, und dann drehten sie sich auf den Rücken. Sie trieben im stillgewordenen Wasser umher, und manchmal stießen ihre Körper lautlos aneinander. Als die Pumpe wieder funktionierte, strömte plötzlich zu viel Sauerstoff in das Wasser. Es schien, als hätte jemand die Schneekugel auf den Kopf gedreht. Die Lampe hörte auf zu blinken. Der Sirenenton verklang im leer gewordenen Speisesaal. Manche Fische drehten ihren Bauch wieder Richtung Grund, andere trieben regungslos weiter. Eine milchige Glasur legte sich über ihre Augen, eine wie jene, die man von pinken Punschkrapferln kennt, nur eben weiß.

Es war so still im Zimmer, ich konnte das kratzige Surren der Notfallglocke hören. „Vielleicht fühlt sich Sterben genau so an“, sagte Anna leise und beobachtete die Luftbläschen im Wasserbehälter ihres Sauerstoffgeräts.

Irgendwann trafen sich unsere Blicke. Doch nur Anna lächelte sanft, zog die Nasenbrille ihres Sauerstoffschlauchs etwas enger, spürte das glatte Plastik zwischen ihren Fingern ihre Haut aufreiben. Ich hingegen schwieg immer noch. Der Tod war meine Arbeit. Er war omnipräsent, durch nichts relativierbar. Doch als ich Annas ozeanblaue Augen am Sauerstoffbehälter haften sah, fühlte ich mich plötzlich selbst wie ein Fisch, in luftleeren Weiten treibend.

Auch der Zeiger der Uhr tickte an diesem Tag anders. Jedes Ticken dehnte sich zu einem langen Echo aus, das durch den in einem Daffodilton gestrichenen Gang spazierte, bis es vom Fensterglas umarmt und nie mehr losgelassen wurde. Ich wusste, ich hatte heute viel zu lange gebraucht für Annas Morgenroutine. Ich wusste, dass diese Zeit verstrichen und in keinem Zimmer mehr aufzuholen war. Und trotzdem stand ich regungslos vor der Uhr, folgte jedem Wink des Zeigers, spürte ein Zucken in meiner linken Hand. Wie gerne ich zurückgewunken hätte. Aber es blieb nur eine sanfte Erregung meiner müd gewordenen Gliedmaßen. Ein schwacher Versuch des Loslösens, ein Trost, der überhaupt keiner war.

Nur spärlich drang der schrille Ton zu mir vor. Er war gedämpft, so, als trüge man Kopfhörer, die einem nie gepasst hatten. Das hektische Blinken der Warnleuchte zentrierte sich zu einem winzigen Punkt vor meinen Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde versagte mein Körper. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was zu tun war in einem solchen Moment. Auf der Anzeige stand keine Zimmernummer. Jemand im Aufenthaltsraum musste den Alarm ausgelöst haben. Ich sah zu Anna. Anna, die ihre Finger in den Tisch krallte, nach Luft rang. Ihre Stricknadeln waren auf den Boden gefallen. Anna bekam keine Luft, dachte ich. Und endlich schaffte ich es, zu tun, was ich so oft simulieren musste in der Ausbildung. Ich drehte den Sauerstoff zwei Stufen nach oben und nahm Annas Hand. „Ich bin jetzt da“, flüsterte ich. Aber ich wusste nicht, ob ich Anna oder nur mich selbst davon überzeugen wollte. Anna drückte meine Hand etwas zu fest, doch sie atmete ruhiger, bekam wieder Luft, und schon bald machte sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht bemerkbar. Die Mosaikwangen drückten die Brille wie gewohnt nach oben.

An diesem Abend saß ich viel zu lange an Annas Bett, konnte nicht aufhören, ihren Atem kontrollieren zu wollen. Ich wusste von Annas COPD-Erkrankung. Ich wusste, dass diese Anfälle dem Krankheitsbild entsprachen. Ich wusste aber auch, dass Annas Lunge irgendwann nicht mehr stark genug sein würde, diese Krämpfe, dieses Zusammenziehen der Lungenflügel auszuhalten. Und plötzlich musste ich an die toten Fische denken. Ich hörte die Luftbläschen im Sauerstoffbehälter brodeln. Ich hörte die Stille, die an diesem Abend viel zu laut war im Zimmer 223.

Ein letztes Mal sah ich zu Anna hinüber. Das Mondlicht linderte das Rot ihrer Mosaikwangen, ließ ihr Gesicht fahler aussehen. Und als ich lange nach Dienstschluss die Eingangstür des Pflegeheims öffnete, glaubte ich für einen kurzen Moment, den modrigen Duft von Wasser wahrzunehmen, dem der Sauerstoff fehlt. Ich blickte zu Annas Fenster hoch. Es war geschlossen. Und das Licht schon lange gelöscht.

 

Petra Hochwimmer

 

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