freiTEXT | Philipp Ammon
Das Weltdorf im Hochgebirge
Kistendörfer seemannsbärtig
Din wa daula wie zu Hause
Wolkentürme, grüßt den Wedding!
Gottes ist der Kawkasioni,
Badstraße und Gudauri
In Tbilissi wird seit geraumer Zeit wild gebaut. Zuerst erweiterte man die eigenen Wohnungen mit Balkonvorbauten, welche die Höfe schrumpfen und die Bürgersteige oder die gedachten Bürgersteige verschwinden ließen. In einigen Fällen ging die Stadtverwaltung dagegen vor, in der Regel wurden die Vorbauten geduldet. Nun verschwinden auch die Freiräume zwischen den Häusern. Ganze Hochhäuser werden in den Himmel gezogen und versperren die Sicht von den Balkonen, die man einst den Wohnungen anbaute. Es wird immer enger. Im Stadtbild entkleidet sich die von W.E.D. Allen in seiner History of the Georgian People beschriebene aesthetic irresponsibility ihrer Ästhetik.
Die Libertären schelten den Staat eine Zwangsanstalt, die jedwede Initiative im Keim ersticke und seine Angehörigen in asoziale Subjekte verwandle. Der Leviathan ist ihr Gottseibeiuns. Erlebt man die Abwesenheit des Staates und seines Rechtswesens in Wirklichkeit, so relativiert sich dieses Schreckensbild der Libertären. Bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle, wird zum natürlichen gesellschaftlichen Aggregatzustand, auch wenn die direkte militärische Auseinandersetzung ausgesetzt sein sollte, wenn die Waffen im Moment schweigen. Der Kriegszustand setzt sich in kleineren gesellschaftlichen Details fort, in der Nichtbeachtung von Gesetzen. Manifester Ausdruck dieses molekularen Bürgerkrieges sind erpresserische Verträge im Geschäftsleben, der Verkehr oder der wilde Hausbau – An- und Neubauten ohne Genehmigung auf öffentlichem Grund. Wo Gesetzen keine Rechnung geschuldet wird, ist jeder politische Wandel ein Haschen nach dem Wind. Die Tribunen wechseln zur Ergötzung des Publikums. Die Substanz ändert sich nicht. Es gilt das Recht des Stärkeren, nicht die Stärke des Rechts. Die Leninsche Machtfrage „Wer wen?“, „Kto - kogo?“, fand im Georgischen eine Substantivierung, die winwisaoba, die „Werwenigkeit“, welche Eingang in Tschenkelis Wörterbuch fand.
Im Zentrum Tbilissis hat man ein Autobahngeschlängel gebaut. So schön wie in Siegen. Ein Glück, wenn sich der Blick wieder weitet, wenn man auf den Autobahnschlangen die Stadt verläßt. Wir fahren Richtung Kachetien. Die Wiesen entlang der Autotrasse sind mittlerweile verbrannt. Erst im kachetischen Hochland, durch welches man nach Tuschetien gelangt, wird es wieder grüner, waldiger. Wir fahren durch das kachetische Weideland, das König Lewan von Kachetien einst im 17. Jahrhundert den Tuschen für ihre Treue im Krieg gegen die Perser schenkte. Ein Teil der Tuschen sind karthwelisch, i.e. georgischstämmig. Der andere Teil besteht aus mit den Tschetschenen und Inguschen verwandten Bazben, den Zowatuschen. Mit Tschenenen und Inguschen bilden sie Familie der Wainachen. Wai nach, zu deutsch unser Volk. Anders als Tschetschenen und Inguschen sind die Bazben Christen. Sie gehören der Georgisch-Orthodoxen Kirche an und verstanden sich auch in vergangenen Jahrhunderten als Teil der georgischen Nation. Die Bazben beherrschten neben der eigenen Sprache stets das Georgische. Doch ist das Fortleben der bazbischen Sprache selbst nicht mehr gewiß.
Wir erreichen die ersten Kistendörfer im Pankissital. Duissi, Dschoqolo. Die Kisten sind Tschetschenen, die Schamils Herrschaft nach Kachetien entwichen. Die meisten leben hier im Pankissital. Das im russischen Kaukasuskrieg des 19. Jahrhunderts errichtete Imamat Schamils griff tief in die Lebensgewohnheiten der Nordkaukasier ein. Schariat ersetzte Adat, das Gewohnheitsrecht. Tanz, Gesang und Alkohol wurden vom Imam verboten. Nur die im Rundtanz gesprochenen Gebete, die gesungene Rezitation einer Sure oder der im Singsang wiederholte Name des Einen blieben vom Verbot unberührt: Sikr, das meditative Gedenken des Göttlichen. Andere Tschetschenen sollen schon im 18. Jahrhundert nach Kachetien übergesiedelt sein. Im Taip, dem tschetschenischen Clanverband wird der erworbene Reichtum der Mitglieder auf die Gemeinschaft verteilt. Um den Besitz vor der Taipteilung zu retten, blieb der Weg nach Georgien.
Schon am Rand der Ausfallstraße von Tbilissi sah man vereinzelt Wahabiten sitzen. In den Kistendörfern werden ihre Seemannsbärte zur Gewohnheit. Ihr Blick ist gestreng. Im vergangenen Jahr fiel in Syrien der Kommandeur Omar Schischani, Omar der Tschetschene, ein Kind aus einer gemischten georgisch-kistischen Familie aus dem Pankissital. Er hatte einst in der georgischen Armee gedient. Im Augustkrieg 2008 focht er auf georgischer Seite. Nach Entlassung aus der Armee wurde er arbeitslos. In Syrien fand er neuen Sinn, Beschäftigung und Tod.
Wir fahren durch Birkiani, ein verlassenes Tuschendorf; erreichen Dsibachewi, ein Dorf der Pschawen. Aus der Ferne sieht man Omalo, den Hauptort des tuschetischen Berglands. Nach einer Theorie, an der mein tuschetischer Reisegefährte Gotscha Ghulelauri zweifelt, sollen die Tuschen im 4. Jahrhundert vor der Christianisierung Pschawiens und Chewsuretiens durch König Mirian nach Tuschetien geflohen sein. Vielmehr seien Pschawen und Chewsuren, die damals noch unter dem Namen Pchowen zusammengefaßt waren, (d.h. die Freien oder Kühnen – eine ähnliche Selbstbezeichnung wie die der Franken) dorthin geflohen. Das Land habe bereits damals Tuschetien geheißen. Wie seine Einwohner, die Tuschen.
Mit Tuschetien ist eine große Wanderungstheorie verbunden. In vorgeschichtlicher Zeit sollen karthwelische Kaukasier nach Westen aufgebrochen sein. Vor den Indoeuropäern hätten sie die mediterrane Welt besiedelt. In Griechenland hätten sie beispielsweise ihre Silbe de für Mutter hinterlassen, auf welche die einfallenden Indoeuropäer ein meter gepfropft hätten. Aus dieser sprachlichen Pfropfung sei die chthonische Gottheit Demeter hervorgegangen. Über Lemnos seien die Karthwelier weiter auf die Appeninhalbinsel gewandert. Aus ihnen seien die Etrusker hervorgegangen. Das zweite Tuschetien befinde sich in Italien: Tuscien, so die mittelalterliche Bezeichnung – die Toscana. Wie die Anführer der nordostkaukasischen Bergler für die der Name Luchumi typisch war, nannten die italischen Tuscier ihre Könige lucumones. Sie gründeten das etruskische Rom: Ruma Rasna. Doch während Italien und die Toscana gedeihen, verbrennen die tuschischen Schafhirten ihre Wolle bergeweise: Der Verkauf lohnt sich nicht mehr. Manche Hirten arbeiten mittlerweile für ein halbes Jahr als Lastkraftwagenfahrer in Amerika, um darauf in den restlichen Monaten des Jahres in der Heimat ihrer traditionellen Arbeit nachzugehen. Zogen die Hirten früher im Wechsel der Jahreszeiten auf die Bergweide oder ins Tal und überquerten Pässe, so ziehen sie heute im Jahreswechsel von einem Kontinent zum andern und überqueren Ozeane. Nach Westen folgen die Tuschen ihren vorgeschichtlichen Vorfahren: die Weltwanderhirten bestehen in der Weltwirtschaft.
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