freiTEXT | Andreas Zabel
Die Echtheit der kleinen Brüche
Ich heiße Gunnar. Achtunddreißig. Ein Körper, der funktioniert, ein Leben, das sich lange weigerte, Form anzunehmen. Vielleicht beginnt alles an jenem Morgen, an dem Jerusalem wie ein ausgeatmeter Gedanke hinter den Fenstern hing und ich nicht mehr wusste, ob ich mich ausruhte oder verschwand. Die Frau in der Küche bewegte sich wie jemand, der Worte nur noch als Möglichkeit kennt. Zwischen uns lagen die Dinge, die man nicht sagt, weil sie sonst zu wahr würden.
Vier Tage zuvor war ich in ein Wohnzimmer zurückgekehrt, das zu leer war, um ein Zuhause zu sein. Unten handelten zwei Männer über Sandalen — Preis, Geschichte, Bedeutung — und ich merkte, dass ich nichts davon beantworten konnte. Ich stand nur da, wie jemand, der sich selbst beim Zusehen ertappt.
Lis brachte Avocados mit, überreif wie Gedanken, die man zu lange getragen hat. „Schneid sie auf“, sagte sie. Der Geruch, süßlich und alt, breitete sich aus wie eine sanfte, aber unerbittliche Diagnose. „Manchmal sehen Dinge gesund aus, obwohl sie es nicht sind.“ Ich wusste nicht, ob sie mich meinte oder die Frucht. Manchmal ist das dasselbe.
Später knickte mein Knöchel, unscheinbar, fast höflich. Ich saß vor einem Lokal, eine Zigarette zwischen den Fingern, und die Welt ging gleichgültig an mir vorbei. Die Frau, die sich ohne Vorwarnung zu mir setzte, nahm mir die Zigarette ab, zog einmal, gab sie mir zurück. „Manchmal braucht es nicht mehr“, sagte sie. Ihr Blick blieb an mir hängen, als wüsste sie, dass man für bestimmte Einsichten erst stolpern muss.
Franzi war eine andere Art Bruchstelle. Sie trat in Räume, als würde sie sie erst erschaffen, indem sie sie betrat. Wir saßen zusammen, und sie sagte: „Du behandelst Gefühle wie eine Steuererklärung.“ Sie lächelte dabei nicht. „Ordentlich. Übersichtlich. Ohne Mut.“ Es klang nicht vorwurfsvoll, eher wie jemand, der weiß, dass Wahrheiten nur wirken, wenn sie sanft platziert werden. „Man kann jemanden zärtlich zerstören“, sagte sie. „Ehrlichkeit ist schärfer, wenn sie leise ist.“
Abdul sprach leise, aber seine Worte trugen weiter als die der anderen. „Man gewöhnt sich an vieles“, sagte er, „aber nicht daran, dass jemand fehlt.“ Seine Hände erzählten mehr als seine Stimme — zögernde Bewegungen, die sich weigerten, endgültig zu sein. „Warum Deutschland?“, fragte ich. „Weil hier niemand weiß, wer ich war. Nur, wer ich bin.“ Da begriff ich, dass manche Brüche nicht repariert werden müssen; man muss nur lernen, sie auszuhalten.
Am Ende bleibt weniger, als man glaubt. Nicht die Orte, nicht die ruhigen Erklärungen, nicht die Tage, die man verstreichen ließ. Es bleibt, was sich in den kleinen Rissen zeigt — jene Momente, in denen man einen Atemzug länger bleibt, als man wollte. Ich weiß nicht, ob ich ankomme. Aber ich merke, dass ich angefangen habe, zuzuhören, bevor Dinge verschwinden.
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

