die ex-geherin

heute vor einem jahr entschied ich mich, meinem freund fremdzugehen. fremd mit einem anderen. die fremdheit des anderen hat mich fasziniert, mich angesteckt, mich in den bann gezogen. ist in mich eingezogen. nun ist die fremde ein teil vom ich. nun bin die fremde ich und träume vom wegziehen, vom weiterziehen. ich träume vom umzug in eine fremde stadt. die fremdheit des ich mit der fremdheit der welt tarnen. ja, ganz eins werden lassen – verschmelzen, verschmolzen. fremd und fremd gesellt sich gern. wir wissen. wir verdrängen das. wir verfremden unsere erinnerung.
pinterest 2014: zwei menschen küssen sich schwarz-weiß, einer mit sonnenbrille. darauf drei schwarze balken, weiße schrift – nicht sicher, ob den kuss störend oder den kuss rahmend:
we all
start as
strangers.
wir alle beginnen als fremde. wir alle begegnen der fremde. freunde und fremde – dazwischen nicht viel oder alles. der fremde, dem kuss mit einem freund störend oder rahmend bedeutung geben? das fremdgehen dem kuss mit meinem ex-freund störend oder rahmend bedeutung gebend? seit dem fremdgehen fühle ich mich fremd. gehe mit mir um, wie mit einer fremden – nicht wie mit einer freundin. gehe fremde wege, höre fremde lieder, treffe fremde menschen – und auf fremde gedanken. in meinem kopf – visionen, illusionen, inspirationen – einer fremden. befremdlich. vielstimmige versionen einer fremden, die in meine fremde welt passt. ich charakterisiere die fremde. ich kultiviere die fremde. ich identifiziere mich mit der fremden, die mir aus dem spiegel entgegenblickt: das bin ich. die fremdgeherin. die ex-freundin. nehme die fremde zur freundin. werde zur ex-geherin, denn ich möchte bleiben – verändert und fremd – aber bei mir.

 

Melissa Redeker

 

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