freiTEXT | Lena Maria Trohar
Die geweihten Tage
Rosa, rosarot. So steht der Baum, den ich meine. Der, der mich in meiner Kindheit schon begleitet hat. Auf den der Bruder geklettert ist. Von dem der Vater gefallen war. Als er die Triebe schnitt. Unter dessen Erde wir den weißen Abdruck seines Arms vergruben. Rosarot, wie sie bei der Nachbarin nicht sind. Weiß dort und viel weniger üppig. Vielleicht bei uns so üppig, weil der Vater in dem einen Frühling nach dem Sturz die Triebe nicht geschnitten hat. Und die Großmutter zufrieden. Denn was sie zufrieden macht, sind die Früchte, die uns die Natur gibt. Die ohne ihr Zutun wachsen, jedes Jahr neu wachsen. Neu wachsen und wieder neu wachsen. Rosarot, wie ich es sonst nur ein anderes Mal gesehen habe. Auf der Leinwand. In den übergroßen Spiegelungen ganzer Welten. Gespürt habe ich es, den Windhauch im Geäst. Die Federstriche jeder Nuance. Und dann war ich stolz. Stolz auf den unseren.
Rot, kirschrot. Was die Großmutter noch zufriedener macht als das üppige Wachsen, ist das üppige Ernten. Es wird auf den einen Tag gewartet, den einen richtigen. Man fürchtet, dass die Vögel sich schon zu festlich bewirten. Aber der Tag im Kalender muss stimmen. Die Großmutter weiß es. Dann ist es soweit. Der Vater steigt auch wieder hinauf. Ein Eimer hängt mit einem Strick an seiner Hüfte. Ich darf nur die Leiter halten, auf der die Mutter steht. So viele Kübel waren es noch nie. Wir essen, bis wir nichts mehr schmecken. Das Trinken ist mir verboten. Kirschrot der Saft, der aus der Flasche läuft. Hitze im Steinofen, trotz des Sommers. Aber die Früchte müssen eingekocht werden. Heute. Es steht Fruchttag im Kalender. Kirschrot meine Lippen. Die Lippen der Eltern, des Bruders und der Großmutter. Betrunken vor Freude. Ich schaue in den Spiegel. Ziehe die Schnute. So gefärbt gefalle ich mir. Was der Baum kann, denke ich mir. Und wie haltlos glücklich die Großmutter ist.
Braun, rotbraun. Ich verstehe es nicht. Ich weine. Ich frage. Ich verstehe es nicht. Rotbraun das Holz, das aus dem Stamm geschnitten wird. Orange der Griff der Säge, die hindurchgleitet. Und ich verstehe es nicht. Wir waren doch so glücklich gewesen. Als wir ernteten, als wir einkochten, als wir aßen und tranken. Wir waren doch glücklich gewesen in der schwülen Küche. Und stolz. So wie ihn die Nachbarin nicht hat. Rotbraun die Bretter, die in der Werkstatt liegen. Aus denen etwas gemacht wird wie eine Kommode oder ein Nachkästchen. Die Bretter, die dort so lange liegen. Weil nichts aus ihnen gemacht wird. Aber braun, rotbraun der Stumpf, den ich sehe, wenn ich aus dem Fenster der Stube schaue. Wenn ich schaue und immer noch nicht verstehe, weil man den Kindern nur die schnellen Antworten gibt. Ich stelle mich daneben, darauf. Betaste die Schnittwunde. Braun, rotbraun. Und Gelb. Der Laubfall der anderen Bäume.
Rosa, rosarot. Muss es werden, um zu werden, was ich mir wünschen darf. Am vierten des letzten Monats. Der Kalender der Großmutter hätte heute gesagt. Ich denke an dem Stumpf in unserem Garten. Sehe ihn vom Fenster der Stube aus. Ich bin nicht mehr dort. Aber ich kenne die geweihten Tage. Da, wo ich jetzt bin, muss ich hinaus. Viel weiter hinaus. Bis ich einen finde. Da glänzt er mit den Streifen rundherum wie ein Silberfisch. Rosarot muss ich hoffen. Zwicke drei eiskalte Zweige ab. Benenne sie. Stelle sie ins Wasser. Warte.
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