freiTEXT | Fabian Hartmann

Der Tag, an dem Mindy Miller dicke Oberschenkel bekam

Wie so oft in jenem Sommer fuhr Mindy (Mindy Miller, elfeinhalb, geboren in Winston-Salem, North Carolina) schon früh am Tag zu einem abgelegenen kleinen Fußballplatz am Rande von Walnut Cove, ihrem Heimatort. Sie fuhr auf ihrem Fahrrad, einem Jungenrad mit einem 24er-Rahmen, der gerade erst wieder frisch von ihr besprüht worden war, wobei sie sich für ein sattes Dunkelgrün entschied. Vielleicht dachte sie bei dieser Wahl an die Farbe des Nadelwaldes, in dem der kleine Fußballplatz gelegen war. Gerade als Mindy den Middlefork Drive verlassen hatte und in die Martin Luther King Jr Road einbog, wunderte sie sich, wie sehr der Geruch dieses Sommermorgens dem von feuchter Erde glich.

Die Martin Luther King Jr. Road ist eine lange, gerade und ebenmäßig asphaltierte Straße, an dessen Rändern jeweils tiefer Nadelwald beginnt. Dies jedoch erst ab ihrer Hälfte, davor erstrecken sich zu den Seiten Rapsfelder – mittlerweile zwar halb vertrocknet – aber dennoch weit genug, als dass sie Mindy regelmäßig dazu brachten, den Blick von der Straße abzuwenden und über die Felder schweifen zu lassen. um zu schwelgen in einem Gefühl der Überzeugung, sie würde den Sommer in seiner Gesamtheit erfahren. Gebündelt in diesem einen langen, ausgeruhten Blick in die Ferne.

Mindy spielte in einem Team der jüngsten Altersklasse an der South Stokes High School, im Mittelfeld, wo sie praktisch jede Spielrolle annehmen konnte. Jetzt, im Sommer, pausierte die Mannschaft für acht Wochen mit dem Training, und so traf sich Mindy beinahe täglich mit ihrer Freundin Susan auf dem kleinen Fußballplatz, dessen immer frisch gemähter Rasen von einem etwa drei Meter hohen Netzzaun umgeben war.

Als Mindy auf dem Fahrrad angerollt kam, klingelte sie kurz und Susan – die gerade versuchte, den Ball aus einigen Metern an die Querlatte des Tores zu schießen – drehte sich um, nachdem sie die unbeabsichtigte Flugbahn des Balls bis zu ihrem Ende verfolgt hatte. (Er landete einige Meter tief im Wald zwischen den Tannen, die durch die andauernde Trockenheit beinahe morsch geworden waren). Nachdem sie sich – wie bei jeder ihrer Begrüßungen – ein low five gegeben hatten, lief Susan los in Richtung der kleinen Tür im Zaun, durch die man den Wald betreten konnte. Mindy setzte sich auf den Rasen, um sich ihre Schienbeinschoner und Stutzen und Stollenschuhe anzuziehen.

Die Stutzen – ein Geschenk ihrer Mutter – waren knallig rot und gefielen ihr nicht sonderlich. Aus dem einfachen Grund, sie nicht enttäuschen zu wollen, zog Mindy die Stutzen nun dennoch über ihre Waden. Mindy schaute in den Himmel, als sie sich die Schuhe band. In einen allzu klaren Himmel, durch den hin und wieder eine seichte Wolke zog, und dann auf ihre Waden in diesem prall gefüllten, dicken, roten Sockenstoff und war schockiert: Hatte sie jemals so dicke Waden gehabt? Hatte sie jemals den Sommer gerochen? Ihr Blick wanderte die Beine hinauf zu den Oberschenkeln, dessen Anblick sie nicht weniger entsetzte. Susan kam aus dem Wald zurück, den Fußball unterm Arm.

„Susan, sag mal“, sagte Mindy. „Findest du, dass ich dicke Oberschenkel hab'?“

Fabian Hartmann

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freiTEXT | Anna Gawlitta

Wenn die Zikaden zirpen

Schlafen nachts die Zikaden? Oder zirpen sie unentwegt?

Aufstehen müsste man, mitten in der Nacht, und lauschen, wie lange die Zikaden zirpen, dachte ich als ich an einem Sommerabend am offenen Fenster stand, meinen Kummer und meine Einsamkeit beweinte. Gregor hatte mich verlassen, einfach so, ohne Vorwarnung, ohne vorherige Anzeichen. Mir war ausschließlich aufgefallen, dass er seit einiger Zeit nicht mehr „Ich liebe dich“ gesagt hatte. Das hätte mir zu denken geben können. Vorher hatte er es mir unter die Nase geschmiert, diese drei berühmten Worte. Er hatte es in unterschiedlichen Sprachen gesagt, förmlich aufgezählt, ich bringe nur Je t`aime, I love you, Kocham Cie und Ich liebe dich beisammen. Gregor hatte mich mal zum Geburtstag überrascht, und in fünfzehn Sprachen die drei berühmten Worte deklamiert. Damals habe ich lachen müssen wie ein kleines Kind, das von seiner Mutter gekitzelt wird, er hatte mit seinem Ton gespielt, die Worte in die Länge gezogen, sie mal leiser, dann wieder lauter betont, mit den Händen gestikuliert, ist auf und ab gesprungen, auf die Knie gefallen, hat seinen Arm ausgestreckt und hatte mir ein schwarzes, viereckiges Döschen hingehalten, es geöffnet und mir war ein funkelndes Etwas in Ringform entgegen gestrahlt. Es dauerte eine Weile bis ich begriff, die Hände vor den Mund nahm, aufstöhnte, auf ihn zu rannte, gemeinsam mit ihm umfiel, sein gesamtes Gesicht abküsste und so laut ich konnte Ja schrie. Wir hatten uns verlobt!

Nach der Verlobung veränderte sich alles zum Positiven, es intensivierte unsere Beziehung. Wir liebten einander intensiver, mit jedem vergehendem Tage; wir hielten fester Händchen, wir küssten einander stärker, wir redeten länger und rührten tiefere Themen an. Es hatte sich eine Innigkeit entwickelt, die uns beiden vorher unbekannt gewesen war, die wir vorher nie gehabt haben. Wir waren enger zusammengeschweißt worden, durch diesen Akt, durch diesen Ring an meinem Finger. Zumindest war es mir so gegangen, hatte ich so gefühlt, es so erlebt und habe es so in Erinnerung. Schließlich trug ich den Ring! Und genau hier setzt das Problem an, Gregor trug keinen. Und so lenkte er seine Aufmerksamkeit auf sein Promotionsthema. Gregor war Biologe, hatte sein Studium beendet und einen Promotionsplatz ergattern können. Das Thema: Zikaden. Zikaden hier, Zikaden dort. Ich hatte nicht einmal gewusst, was Zikaden sind. Gregor begann seine Liebe zu mir auf die Zikaden über zu lenken. Ich sah, wie er immer bissiger sich in sein Thema hinein lebte, regelrecht einen Fanatismus in puncto Zikaden entwickelte. Zikaden, Zikaden, Zikaden währte ich mich, als er eine von ihnen nach einem Forschungsgang in der Natur in einem leeren Marmeladenglas stolz wie Oskar nach Hause transportierte.

Igiitt, igitigit, igit brachte ich nur hervor. Nahm das Marmeladenglas samt der Zikade, flitzte so schnell ich nur konnte aus der Wohnung, die Treppe hinunter, öffnete das Glas und warf die Zikade ins Gras. Da fing die Zikade an zu zirpen. Ich erschrak und sprang zurück. Da ging mir auf, was eine Zikade ist, es ist das zirpende Etwas zwischen den Grashalmen an einem warmen Sommerabend. Ich war auf Anhieb begeistert, die Zikade gab ihr Konzert und ich lauschte. Gregor kam mit fuchtelnden Armen mir hinterher, blieb stehen und konnte nicht glauben, was er sah. Ich saß im Gras und lauschte der Zikade. Komm, sagte ich, setzt dich zu mir. Er blickte irritiert, sah sich um, ob niemand uns sehe und setzte sich zu mir. Schön, nicht, sagte er. Ich nickte begeistert, gleich einem Kleinkind. Hier entfachte meine Zikadenliebe und schweißte Gregors Liebe zu den Zikaden mit der meinen zusammen. Ich wurde zur Doktorandin im Thema Zikaden, las alle Materialien, die Gregor bis dahin zusammengestellt hatte, forschte sogar selbst in Bibliotheken nach, korrigierte, vermerkte, ergänzte Gregors Notizen. Seit diesem Zirpen waren die Zikaden zu meiner Leidenschaft geworden. Ich ersetzte Gregor gegen die Zikaden. Wir drückten unsere Händchen nun nicht mehr so fest zusammen, küssten uns nicht mehr stärker, redeten nicht intensiver. Aber das fiel mir erst gar nicht auf, weil ich, solange noch Sommer war, die Zikaden zirpen hören wollte, jeden Abend. Gregor fing an mir den Vogel zu zeigen, aber das machte mir nichts aus, nur dass er jetzt öfters den Finger an den Kopf hielt, und sagte, dass ich spinne, anstatt wie früher den Finger zum Herzen zu führen, und mir zu sagen, dass er mich liebe. Aber dennoch beruhigte es mich nicht, schließlich gehörten wir seit dem Ring an meinem Finger zusammen, so dachte ich. Als ich begann meine Kritik auch mündlich zu äußern, neue Fragestellungen zu entwickeln und überhaupt unentwegt über die Zikaden zu schwärmen, gab Gregor auf, und machte mit mir Schluss. Den Ring wollte er zurück, aber ich bekam ihn nicht mehr vom Finger, so beließ er es dabei, räumte den Schreibtisch, den er bei mir stehen hatte, beisammen, packte seine halb fertige Doktorarbeit zusammen und zog wieder komplett zu seinen Eltern.

Doch wir sahen uns nun häufiger als es ihm lieb war. Ich hatte mich nämlich an der Universität immatrikuliert und forschte zum Thema Zikaden. Ich hatte meine eigenen Fragestellungen und dachte daran über Zikaden meine Abschlussarbeit zu schreiben. Ich besuchte schon sehr bald die Kolloquien, in denen auch Gregor saß, zu seinem Leidwesen, denn ich merkte, wie wütend er auf mich war. Dabei hatte ich nichts anderes als meine Leidenschaft zu Zikaden entdeckt – das war alles! Doch für Gregor war es nicht genug, er ließ sich nicht mehr bei den Kolloquien blicken, ich machte mir Sorgen. Als er das gesamte Semester über weg blieb, rief ich bei seinen Eltern an und erkundigte mich nach ihm. Gregor, sagte sein Vater, habe seine Notizen und Bücher eingepackt und sei ausgewandert, aus Forschungszwecken. Wirklich, sagte ich, und da ging mir auf, dass ich bisher ausschließlich die deutschen Meinungen gelesen hatte.

Anna Gawlitta

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freiTEXT | Isabella Krainer

Edith

Edith war schon immer ein aufgewecktes Mädchen. Mit zehn entdeckte sie die wunderbare Welt des Scherenschnitts, mit elf beherrschte sie den Lockruf des Tungara-Froschs und im Jahr darauf gab sie vor, Schweizerin zu sein, da diese verstärkt unter dem prämenstruellen Syndrom zu leiden hätten.

Da ihre Sportlehrerin an Derartiges gewöhnt war, begrüßte sie die Schülerin regelmäßig mit einem sarkastischen „Grüezi“ im Turnsaal. Für Edith ein Grund mehr, beim Völkerball nicht mehr zu kooperieren.

Die Idee, den Sportunterricht gegen wöchentliche Besuche im Altersheim einzutauschen, kam Edith mit dreizehn. Nachdem ihr die betagten Leute zuflüsterten, dass es hier nicht darum gehe, Gefangene zu machen, kam sie zu dem Schluss, nie an einem echteren Ort gewesen zu sein. Was keine Flügel hatte, konnte tatsächlich nicht fliegen. Und was zu stinken hatte, stank.

Als Edith die Alten zum letzten Mal besuchte, um sie danach wieder sich selbst zu überlassen, war die Pubertät amtlich.

Isabella Krainer

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freiTEXT | Lisa Krusche

Maritim Grand Hotel

Das Flattern des Absperrbandes im Wind. Die Locke, die über deine Wange Richtung Mund streicht. Du, den Joint in der Hand mit dem Siegelring, wie du einatmest, noch mal einatmest, damit der Joint mehr reinknallt. Dein Blick in Richtung Plakate und was du erzählst. Dein Ausatmen und um die Ecke der Obdachlose im Schlafsack und ich, die ich mich frage, ob er schon erfroren ist. Das Maritim Grand Hotel im Hintergrund, Waschbetongebäude, mit diesen Fenstern, innen warmes oranges Licht und die weißen, mal halb mal ganz zugezogenen Gardinen. Du sagst, du müsstest noch mal herkommen, bevor wir überhaupt richtig da sind. Die Kälte und das Bild auf dem Plakat und zu jeder Sekunde mein Körper und das Gefühl meines Körpers, der sehr bewusst ist in seinem hier stehen und noch bewusster in seinem Sehnen. Die Strähne, das Klackern des Absperrbandes, quadratische Betonplatten auf dem Boden, die Härchen auf deinen Fingern, die Strähne und mein Gedanke, ich müsste Film machen, Film ist das Mittel der Wahl, weil es alles hat, Bild und Ton und Text, wenn man will, und der Wunsch eine Kamera zu haben, um alles, um dich aufzunehmen und die Strähne und die Hand und der Joint an deinen Lippen, und noch viel mehr der Wunsch endlich aufzuhören diese Dinge zu tun, die ich tue, aus Pflichtbewusstsein, und stattdessen nur noch dich zu filmen und alles aus Lust.

Lisa Krusche

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freiTEXT | Bas Lindgaard

Von Licht und Schatten und Wind und Ratten

Ich bin ein Landstreicher und brate Ratten über offenem Feuer, wenn der Hunger zu groß wird. Eigentlich will ich kein Fleisch essen, vor allem nicht das von quietschenden, pfeifenden Abfallwesen, aber oft bleibt mir keine andere Wahl. Ich mag Beeren und Gemüse, und letzten Herbst habe ich mir meinen Beutel bis obenhin mit Mais vollgestopft und tagelang nichts anderes gegessen. Was würde ich jetzt für einen dieser saftigen Maiskolben geben! Stattdessen kämpfe ich dagegen an, mich zu übergeben, während der beißende Fleischgeruch mir in die Nase steigt und das Rattengesicht im Feuer dahinschmilzt.
Aber danach geht es mir besser und wenn ich ehrlich bin, ist es mir schon währenddessen egal, was genau ich da eigentlich in mich hineinstopfe. Manchmal gelingt es mir, einen Vogel zu fangen, und manchmal ist es sogar ein schöner Vogel, einer mit gemusterten Federn, und wenn ich mich erstmal dazu überwunden habe, ihm die Flügel auszureißen, und den ersten Bissen des zarten Fleisches auf meiner Zunge spüre, kann ich das unwürdige Mahl fast ohne Probleme genießen.
Wirklich schlimm wird es erst wieder, wenn der Magen rebelliert, so, als würde er wissen, welche Abartigkeiten er da zersetzen muss. Dann hilft es meistens, zu laufen.
Beim Laufen prasseln ständig neue Eindrücke auf mich ein, ich bekomme so viel zu sehen, dass ich gar nicht erst auf die Idee komme, an mich selbst oder das Zeug in meinem Inneren zu denken. Ich denke an das Geräusch, das die Schritte auf dem Feldweg verursachen, denke an den Wind, der durch die Bäume und die Gräser streicht, daran, dass er das schon getan hat, bevor ich hier war und es noch tun wird, wenn ich schon lange mehr da bin. Vielleicht werde ich irgendwann selbst zum Wind und muss mir keine Gedanken mehr machen, über die nächste Mahlzeit oder den nächsten Winter, wenn es wieder nur Ratten zu essen gibt.
Komme ich an einen Fluss, kann ich nicht anders, als ihm ein Stück weit zu folgen. Ich stelle mir dann gerne vor, dass ich irgendwann seinen Ursprung erreiche, einen kleinen Spalt in einem großen Felsen, der bis weit über die Wolken reicht, und da oben sitzen die Götter und trinken Wein und wundern sich über die Menschen. Darüber, dass sie Ratten fressen, statt zum Wind zu werden.
Die Steine am Ufer sind älter als ich und müssen nichts sagen, damit ich von ihnen lernen kann, sie können nicht denken, also sind sie glücklich. Mit ihnen würde ich mir gerne den Magen vollschlagen, ich würde mich nicht schlecht fühlen dabei, vielleicht würde ich in den Fluss steigen und auf den Grund sinken, zu den anderen Glücklichen, die einfach da sind und an nichts weiter denken.
Aber heute noch nicht. Heute streife ich durch die Felder und wenn die Sonne droht, hinterm Horizont zu verschwinden, lege ich mich in einer Scheune zur Ruhe …

Am nächsten Morgen schaue ich zuerst in den Lauf einer Schrotflinte, dann in das harte Gesicht des Mannes dahinter. Und ich verstehe ihn nicht, ich verstehe seine Worte, aber ich weiß nicht, warum er wütend ist, ich weiß nicht mal, ob es wirklich Wut ist oder irgendwas anderes, irgendwas, das er selbst nicht versteht. Und weil ich nichts verstehe, schließe ich die Augen, und sehe wieder das schmelzende Gesicht der Ratte, und als der Schuss ausbleibt und ich die Augen wieder öffne, sehe ich das Gesicht des Mannes, das langsam zerschmilzt und weich wird und dann lässt er die Schrotflinte sinken.
Er will wissen wie ich heiße und ich sage Fedka und dann will er wissen, was ich mache, außer in fremde Scheunen einzubrechen, und ich erzähle ihm von den Ratten und von den Vögeln, und dann fragt er mich, ob ich für ihn arbeiten will. Will ich, sag ich.
Und jetzt esse ich Eier von Ulinovs Hühnern und all die anderen Leckereien, die seine Vorratskammer hergibt, und helfe ihm auf seinem Hof und den Feldern, was meistens bedeutet, dass ich die Krähen verscheuche, die in den Baumwipfeln ausharren und lauern.
So vergehen die Tage und Ulinov ist zufrieden mit mir. An das harte Gesicht kann ich mich kaum noch erinnern, er nennt mich liebevoll »Vogelscheuche Fedka« und erzählt von seiner Frau, davon, wie sie eines Nachts mit seiner Tochter fortging und nicht mehr wiederkam, und wie sehr er die beiden liebt und vermisst und ich verspreche ihm, die beste Vogelscheuche weit und breit zu werden, damit die Vorratskammer aus allen Nähten platzt, wenn seine Frau und seine Tochter zurückkommen. Und er lacht und er freut sich und sagt ja, mein Sohn.

Dann kommt der Briefträger. Es ist das erste Mal, seitdem ich hier bin, dass Ulinov Post bekommt, und es soll auch das letzte Mal bleiben, denn nachdem der Briefträger ihm den Brief vorgelesen hat, fasst mein Freund sich ans Herz, und ich hätte ihn gerne noch gefragt, was denn los ist, und noch tausend andere Dinge, doch sein Gesicht ist schlohweiß und so hart, wie es damals war, und ich habe Angst und bleibe still. Ich bleibe auch dann noch still, als er zu Boden sackt und fange erst an zu weinen, als ich seinen leblosen Körper in den Armen halte und in ein fremdes Gesicht blicke, eines, das weder hart noch weich ist.

Dann wird Ulinov begraben. Ich war noch nie auf einer Beerdigung, ich verstehe nichts von dem, was der Mann im schwarzen Umhang spricht und werde sauer auf ihn und frage mich, ob er der Tod ist.
In den Friedhöfsbüschen lauern die Ratten wie die Krähen, und nachdem Ulinov in der Erde versunken ist, erschlage ich aus Wut jede einzelne von ihnen, und ich weiß noch nicht mal, ob es Wut ist oder irgendwas anderes, was mich das tun lässt. Ich stopfe sie in den Beutel, den gleichen Beutel, der letzten Herbst noch voll mit saftigen Maiskolben war, früher, als alles besser war.

Denn jetzt sitze ich alleine auf Ulinovs Feld und brate Ratten und sein Gesicht hab ich schon fast wieder vergessen. Aber vielleicht ist er noch da, vielleicht ist mein Freund jetzt der Wind, der die Glut entfacht und das Feuer nährt, der gleiche Wind, der die Funken fliegen lässt, der untergehenden, blutroten Abendsonne entgegen, und das Feld in Brand setzt. Und diesmal wird es mein Gesicht sein, das in den Flammen knackt und dahinschmilzt, und ich werde still sein, während ich langsam auf den Grund des Flusses sinke und aufhöre zu denken.

Bas Lindgaard

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freiTEXT | Hannah Bründl

Luftblasenluft, Frieda

Manchmal ist Frieda die Blume. Morgens aufwachen, den Schlaf in Zigaretten ersticken, nichts mehr spüren: hoffentlich. Um Frieda dreht sich das Leben. Und sie hat das größte Verlangen danach. Sie war ein schönes Kind. Weich und gelockt, rund köpfig, speckig. Eine mit Marmelade gefüllte Buchtel.

Die Tiefe hängt sich wie ein Bleigewicht an ihr Inneres. Es wird aus ihr herausgezogen und schwebt nach unten, sie sieht ihm angewidert hinterher. Ein ewig dunkler Raum unter ihren paddelnden Füßen. Fische werden an Stangen von Menschen in schwarzen Anzügen vorbeigetragen. Sie formen Seifenblasen in der kalten Bühnenluft: Haut zerreißende Drahtwindungen mit Seifenlauge.

Friedas Mutter ist oft in der Früh dort gewesen. Große gläsernen Insektenblasen klirren. Sie schwirren blind durch die kalte Luft, klinken hell aneinander. Manche baumeln von durchsichtigen Fäden an den Ästen der Knotenbäume. Friedas Mutter hebt die Äpfel vom nassen Boden. Es ist Frieda immer ein Rätsel gewesen, wie sie so schrecklich jung sein konnte. Sie macht ihr dafür Vorwürfe. Die Äpfel schmecken sauer und tragen altmodische Namen.

Mittwoch ist ein guter Tag für Regen. Das Fenster offen, entblößt vor der sperrangelweiten Welt. Frieda davor. Stumm und sprachlos angesichts der gewaltigen Normalität. Auf ihrer Haut tauchen kleine pulsierende Punkte auf. Sie leuchten, blinken, färben sich blau und platzen in ihr Blut auf. Auf dem Boden unter ihr hat sich eine Pfütze gebildet.

Frieda heißt eigentlich nicht so. Sie ist entwachsen, ist werdend, etwas werdend. Eine Aufgabe meisternd, die Socken zumindest selbst stopfend. Kaffee auf Vorrat kaufend. Und ganz viel Puder auf der Nase. Die Äpfel schrumpeln zwar in ihrer ledrigen Schale dahin, aber Friedas vergangene Mutter kann neue pflücken.

Wenn sich Frieda bückt, um ihr Kleid rauschend vom Boden zu heben und es über ihre Hüften zu streifen, zerrt der Wind ihre Haare hoch in die Luft. Sie war lange nicht mehr zuhause, außerhalb der speerspitzen Türme und Mauern, ist schlaflos angetrieben durch die Stadt gelaufen, aber abends erkennt sie, dass der Herbst beinahe zu Ende ist. Der Sturm hat ihr bereits schlürfend die Haut von den Knochen gesaugt, wie Spaghetti, und die Sonne scheint blank auf die kahle Erde. Alles fehlt.

Nachts ist es ruhig und plüschig in der Luft. Leere Flaschen auf dem Parkett. Das gleißende Licht vertieft die leeren Namen. Jung sein, um traurig zu sein, denkt Frieda. Luftblasen zerbrechen an ihrem runden Kopf. Er verformt sich dabei.

Hannah Bründl

Dieser Text erschien vor kurzem im Souterrain Magazin.

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freiTEXT | Katharina Goetze

Der Senior Change Manager Samsa geht baden und gewinnt an Profil

Diese Dinge passieren gerade dann, wenn man glaubt, man sei auf alles vorbereitet. Das ist klar.

Aber die Erkenntnis, dass ich meine Veränderung nicht ändern kann, traf mich erst, als ich heute Morgen aus der Badewanne stieg und das Wasser von meiner ledernen Haut abperlte, ohne Feuchtigkeit zu hinterlassen. Ich brauchte plötzlich kein Handtuch, die Nässe formte sich auf mir zu kleinen Flüssen, die ihren Weg gen Boden fanden und in den Ritzen der Badezimmerfließen mündeten, wo Ozeane entstanden. Ohne Erstaunen stellte ich fest: Ich war so schnell wie nie zuvor trocken, ich war gut gepanzert gegen das Wasser.

Ich hatte schon eine Weile zuvor den Verdacht gehegt, dass ich in eine Abwärtsspirale geraten bin. In der Burnoutdiagnostik wahrscheinlich irgendwo zwischen Stufe sieben und elf. Man kennt das: Es beginnt mit Rückzug und Meidung sozialer Kontakte, dreht sich dann weiter zu deutlicher Verhaltensänderung, danach bei Stufe neun Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und anderen, und so weiter. Bei Stufe zwölf sind die Suizidgedanken kaum mehr auszuhalten und werden in der Regel auch nicht mehr ausgehalten.

Ein paar Wochen oder Monate lang schon hatte ich mich seltsam gefühlt, irgendwie down und under pressure. Seit dem desaströsen Acquisition Pitch in Abu Dhabi mindestens, soweit ich mich erinnere. Als würde ein Gewicht auf mir liegen. Je höher ich mich reckte, je stolzer ich mich aufrichtete, desto weiter drückte es mich nach unten. Und ich griff ja immerhin hauptberuflich nach den Sternen, sollte ich an dieser Stelle erwähnen.

Die Frau war verreist, vielleicht war das schon eine Weile so. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal von ihr gehört hatte. Ich hatte versucht, den Zustand, so gut es ging, zu ignorieren. Mir meine noise-cancelling headphones, die ich sonst nur auf Interkontinentalflügen benutzte, auf die Ohren geschoben, um das Grillenzirpen und Wellenrauschen loszuwerden. Heimlich hatte ich sogar ein paar Pilatesübungen gemacht, und dabei verzweifelt versucht, mein Powerhouse zu reaktivieren.

Gestern war es dann allerdings so schlimm gewesen, dass ich mich fast krankgemeldet hätte.

Es war weniger das Unwohlsein selbst, als die Sorge darüber, dass es mir auffiel. Dass mein Körper plötzlich so präsent war, wie bei keinem Ultramarathon-Training, bei keinem High Intensity Workout zuvor. Wenn es mir in meinem Erwachsenenleben je irgendwie gegangen wäre, so konnte ich mich zumindest nicht daran erinnern. Das hier erschütterte mich.

Aber dann wog die Angst vor den Folgen einer Krankmeldung im Allgemeinen und im Speziellen meinem Chef, dem Director of People and Culture, der in zwei Wochen mein Appraisal durchführen würde, doch schwerer. Ohne einen nicht selbst verschuldeten Autounfall oder Dengue-Fieber brauchte ich es gar nicht zu versuchen.

Also schleifte ich mich durch den Tag. Doch all die Dinge, die mir sonst eine gewisse Befriedigung gegeben hatten – zum Beispiel im Vice President’s Office unter den Augen der Board Members mit Keywords bekritzelte Papierbögen vom Flipchart reißen, allein im Aufzug meinen Elevator Pitch vor dem Spiegel üben und mich dabei filmen, nach 22 Uhr Emails ans Team weiterleiten, oder den Junior Associate bitten, sich bis morgen um meine Reisekostenabrechnungen von letztem Jahr zu kümmern – bewegten nichts in mir.

Nach vier hielt ich es nicht mehr aus und verließ, unter dem Vorwand noch zwei Client Meetings und ein Working Dinner zu haben, das Office. Daheim brach ich schon auf dem Flur zusammen. Das Rooftop Loft war leer. Meine Atemgeräusche prallten an den perlgrauen Wänden ab und verstärkten sich zum Echo, als hätte jemand die Bluetooth Speaker übersteuert. Ich lag auf dem Boden, starrte die Zimmerdecke an und fragte mich, warum niemand außer mir da war. Dabei wurde ich starrer und starrer und der Geruch abgezogener Tierhaut breitete sich aus. Mein Äußeres war ausgetrocknet, hart und unnachgiebig und meine Bewegungen veränderten stufenweise ihre Frequenz. Mein Hirn hatte die Steuerung verloren, ihm hierarchisch unterstellte Körperteile mutierten plötzlich zu Anarchisten, die gegen die Befehle von oben Sturm liefen und frech machten, was sie wollten. Es war ein Zappeln, ein Kribbeln, ein Surren und Zwitschern in mir, ein ganzer wildgewordener Zirkus mit Tigern und Zaubertricks, die ich selbst nicht durchschaute. Ich merkte, wie nutzlos ich allein war. Das Verlangen, von jemand anderem, der die Richtung kennt, mitgenommen zu werden, jemandem einfach nur so zu folgen und behilflich zu sein, kam mir in den Sinn.

Der Gedanke machte mich wütend, dann ängstlich. Grundsätzlich diagnostizierte ich eine tiefe Verunsicherung in mir. Sie saß ein paar Schichten unter der Oberfläche, hatte sich verkeilt unter dem Brustbein, wo sie leise und doch beharrlich vibrierte. Wie konnte das sein? Ich war doch gottverdammtnochmal ein Leader, kein Follower. Ich war ein Creator. Dafür hatte ich mein eigenes American-Style Office mit Jalousien am Ende des Ganges, samt gläsernem Besprechungstisch, gerahmter Banksy-Streetart an den Wänden und bequemen Bean Bags aus einer Kooperative in Guatemala. War ich nicht jemand, zu dem die Heerscharen von Teamleadern und Assistants ehrfürchtig aufschauten, dessen Blick sie bei flüchtigen Begegnungen auf den Korridoren lieber auswichen, jemand der wusste, wo es langgeht?

Doch als erfahrener Change Manager war mir auch klar, dass Change bei den Betroffenen nie gut ankommt. So auch bei mir nicht. Ich versuchte mir die einzelnen Stages nach Lewins Modell in Erinnerung zu rufen. Aber es ist etwas Anderes, wenn man sie auf sich selber anwenden soll, statt auf eine Gruppe alternder Telefonistinnen, deren Jobs nach Manila ausgelagert werden. Wie so viele meiner Stakeholder zuvor, versuchte ich das Offensichtliche zu leugnen, wand ich mich, wehrte ich mich – und gab doch schließlich den Kampf gegen den Change auf. Ich wurde resignierter, schwächer, dann friedlicher. Ganz am Ende der Nacht embracete ich den Change sogar. Ich drückte mich fest an ihn und sog seinen salzigen Meeresgeruch ein. Dann wuschelte ich ihm durch das sonnengebleichte Haar und gab ihm einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze, was uns beide zum Kichern brachte.

Heute Morgen, als der Change in der Küche war, wo er die Espressomaschine übersah und mir stattdessen ein Glas Milch warm machte, während ich das wimmelnde, wuselnde Leben in den Ozeanen zwischen den Badezimmerfließen bestaunte, akzeptierte ich dann endlich, dass ich nicht mehr der Alte war. Ich würde nicht mehr in dieses Büro gehen, ich würde nicht mehr führen können.

Ich bin jetzt nur noch ein Wanderschuh. Das ist die ganze Wahrheit.

Ich bin graubraun, matt. Mit hellbraunen Schnürsenkeln, ohne Einlage, kein Markenname. Die Größe unlesbar, vielleicht eine 42, grob geschätzt.

Die Leute werden Fragen stellen, was das denn zu bedeuten hätte, und ich werde keine Antworten geben können. Die Jüngeren werden es vielleicht noch als selbstironisches Statement interpretieren, der Rest die Blickrichtung ändern, von jetzt an auf mich herabschauen. So oder so wird man über mich reden. Ein Wanderschuh, gütiger Gott. Noch nicht mal ein Sneaker, noch nicht mal ein Mid Cut, werden sie sich zuraunen. Noch nicht mal „Just do it!“.

Aber was soll ich ihnen entgegnen, wozu mich mit ihnen anlegen. Es ist ja so, wie sie sagen. Ich erhebe nicht mehr den Anspruch, irgendetwas Besseres zu sein. Lieber verbringe ich mein Leben in einer Ecke stehend, jedenfalls solange da niemand kommt, der mich will.

Auf der Haben-Seite rechne ich mir zu, dass ich imprägniert bin und eine robuste Sohle mit ordentlichem Profil besitze.

Ich habe keinen Selbstzweck und kenne keine Selbstwirksamkeit.

Ich muss jemanden halten, um rennen zu können.

Katharina Goetze

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freiTEXT | Alexander Kerber

immer wieder schön, das ende der welt

mosaiksonntag. wir sind alle sternchen, steinchen, kies. im getriebe steckt der kies und macht, dass die zahnräder der bürokratie nicht mahlen. da braucht man dann öl. öliges öl so ganz grau oder braun, zwei farben, die sich meistens sehr ähnlich sind.

am bürosonntag ist man von blattwerk eingedeckt. sortier die blätter schon, komm! trau dich, ordnung zu machen. siehst du? in die folie mit dem blatt und abheften. alphabetisch? papperlapapp! unsinn, sag ich dir. sortier nach dem datum.

meldebescheinigung hier, mahnung da. bankkonto, betriebskrankenkasse, gesundheitskarte, tan-liste. michael burnham sagt engage. pilzsporen in lungen und kopf.

arno denkt an die ukraine und masturbiert zum piktogramm des sternzeichen löwe.

rundfunkbeitrag, beitrag zur gesellschaft, wir sind papierhaufen, wir sind unterlagen, nummern, einsortieren, abheften. der schattenkönig war eine dunkle aber erhabene gestalt. seine haut bücherseiten. was für ein nachtmahriger albtraum eine gestalt aus diesen blättern wäre. gewerkschaft für erziehung und wissenschaft. wissenschaftliche buchgesellschaft. diba diba du. bkk-vbu.

schneid dir die finger nicht wund am papierschnitt, sagt die mutter. der tote vater ist ein ablagestapel von akten. aktenzeichen ungelöst, der fernseher ist allgegenwärtig. fiona kauft sich einen waschsalon und nimmt eine hypothek auf ihr haus auf. monika stirbt. frank ist immer noch nicht tot. debbie ist dumm, lip macht dumme sachen. die sachlage ist folgende: du bist begraben unter papier, das du nicht beschrieben hast. dabei bist du doch nur auf der suche.

frank und lip suchen auch nämlich alkohol. deine zitternde hand sucht kaffee und kippen. gut für die gesundheit ist das beides nicht.

die große gesundheit sagt nun aber folgendes: sei die große krankheit, die große überwindung, der große tod.

tot ist man länger als lebending, denkt man sich. denken ist dann auch vorbei. schreiben ist vorbei. atmen, so schwer es auch fallen mag, ist dann auch vorbei. lebensabseits.

im abseits steht man dann mit einer katze an der leine, die schnurrende sprache. sie ist nämlich kein hund wie elfriede sagt, sie ist und war schon immer eine katze. statt neun hat sie unendlich viele leben. unendlich viele perspektiven. unendlich viele mosaiksteinchen fell, die glitzern im halbschatten.

im halbschatten steht man im abseits, am ende ganz allein. wie es immer ist. auch die sprache spendet keinen trost vor sprachlosigkeit. leben ist einübung in die große einsamkeit, die am ende des absatzes steht.

Alexander Kerber

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freiTEXT | Ann-Christin Kumm

So oder anders

Sie bleibt stehen.

Die Bäume sind grün geworden, es muss in den letzten Wochen passiert sein, sie weiß es nicht, plötzlich Blätter. Die Sonne rutscht über den grauen Asphalt. Seine Haare sind rot.

Was weiß sie über ihn?

Er mag keine Eier, er will, das hat er dem mit dem Leberfleck gesagt, nichts essen, was jemandem aus dem Arsch gekrochen sei. Als er klein war, trat seine Mutter auf sein Lieblingsmatchboxauto. Mit Absicht. Er raucht Gauloises (sie freut das, es kommt ihr besser vor als Camel, sie hat sich oft vorgenommen ihn nach einer Zigarette zu fragen, er könnte ihr Feuer geben, seine Hand an ihrem Gesicht. Sie schafft es nie).

Er hat Sommersprossen im Halsausschnitt. Er hat keine Tätowierung auf den Oberarmen. Er ist gut. Sie nur manchmal, es gibt immer zu viel andere Dinge, außerdem ist sie faul, war sie schon immer.

Das Wichtigste, denkt sie oft, das fehlt. Das weiß sie nicht. Sie mutmaßt nur, und Mutmaßungen helfen nicht.

Jedes Mal stand es in ihrem Zeugnis, tut zu wenig, könnte mehr, so ein langweiliger Satz. Jedes Mal wartete sie auf die neue Formulierung, die nie kam; ein einziges Wort anders, das hätte schon gereicht.

Sie glaubt nicht, dass er jemals solche Sätze in seinen Zeugnissen gefunden hat.

Die erste Woche, sie hat es aufgeschrieben, aber sie hätte es auch so behalten, das erste Mal regnete es. Ihre Haare waren ein bisschen feucht. Sie saß ganz hinten, sie sitzt immer hinten, die Wand kühlt die Schultern, wenn man in der letzten Reihe sitzt. Und keiner kann auf ihren Hinterkopf starren. Sie hat den noch nie gemocht. Wenn sie als Säugling, gleich am Anfang, in den Spiegel geschielt hätte, sie hätte das da schon gefunden. Was für ein hässlicher Hinterkopf. Im Spiegel bekommt man kaum ein richtiges Bild davon, aber auf Fotos ist es eindeutig. Als hätte man ein Stück abgemeißelt.

Sein Kopf ist komplett. Schon deshalb kann sie ihn nicht ansprechen.

Sie steht da, sie fühlt genau, wie groß ihre Augen sind, der Straßenlärm hält nicht mit. Ihr ist ein bisschen übel.

In seinen Kopf passt also viel hinein. Auf der Liste hat sie seinen Namen gesucht, sie zählt die Leute ab zwischen ihm und ihr. Sie macht es jede Woche. Sie hat sich vorgetastet, eine Reihe, dann zwei, meistens sitzt er im vorderen Drittel. Sie hat die Wand verlassen. Sie kommt nicht immer auf denselben Namen, manchmal unterschreibt jemand nicht, das stört das System. Aber es gibt Wahrscheinlichkeiten.

Es gibt, denkt sie, hinübersehend, Wahrscheinlichkeiten.

Sie hat ihn ein einziges Mal berührt. Er stellte sein Tablett neben ihres auf das Band, sie drehte sich zu schnell um, er entschuldigte sich freundlich, er ging sehr schnell weg. Sie stand und beobachtete seine Nudelreste beim Verschwinden. Sie traute sich nicht.

Heute ist sie zu spät. Das erste Mal. Sie stimmt sich immer mit ihm ab, das weiß er nicht, aber sie geht immer direkt nach ihm in den Raum. Er ist ein pünktlicher Mensch. Oder das Thema interessiert ihn sehr. Oder beides.

Inzwischen sitzt sie direkt hinter ihm, ihm und dem mit dem Leberfleck, der immer dabei ist. Sie mag den mit dem Leberfleck nicht, aber er ist wichtig. Sie hört ihnen zu, manchmal schreibt sie etwas auf, zwischen die Zahlen. Er könnte es merken. Es kann sein, eines Tages dreht er sich um und fragt sie, warum sie sich immer hinter ihn setzt.

Was sie dann tun wird, weiß sie nicht.

Sie hat überhaupt immer das Gefühl, dass sie angestarrt wird. Wenn sie die Treppen zu ihrer Wohnung hochgeht, bedeutet jedes Stockwerk eine Pause. Schon seit einiger Zeit kauft sie fast jeden Tag ein, es sind dann viel kleinere Mengen. Sie geht in verschiedene Läden.

Wenn es also nicht der Hinterkopf ist, das kann sie sich problemlos ausmalen, dann ist es das. Er kann sie so nicht wollen. Sie würde es selbst nicht.

Die Sommersprossen an seinem Hals hat sie schon gezählt, wie oft, weiß sie nicht, oft. Die Anzahl hat sie aufgeschrieben. Überhaupt wird sie die Vorlesung nächstes Semester wiederholen müssen.

Seinetwegen, denkt sie. Das Wort gibt allem einen guten Klang.

Sie sieht, wie er sein Fahrrad an den Plakaten vorbeischiebt, wie er sich die Haare aus der Stirn holt, wie er den anderen ausweicht.

Deshalb muss sie stehen bleiben. Sie sieht.

Ihn zu küssen stellt sie sich nie vor. In ihrem Studiengang gibt es nicht viele Frauen. Und keine, die so sind wie sie. Man hat sich gewundert, was willst du denn damit, wenn es wenigstens Medizin gewesen wäre, als Mädchen. Sie hat die Familie jetzt schon eine Weile nicht mehr gesehen, nicht mal an Weihnachten. Sie will keine Fragen beantworten.

Sie denkt sich oft aus, wie sie ihn doch noch anspricht, in ihrem Kopf ist es einfach, in ihrem Kopf ist es real. Sie könnte ihn nach seinen Unterlagen fragen, falls er ihr keine Zigarette geben will. Er sollte es jedenfalls nicht. Sie war da allerdings noch nie gut drin. Verantwortung ist keins ihrer Wörter, es gehört nicht zu ihr. Sie hat also Angst.

Ob es darum mit dem letzten nicht geklappt hat, weiß sie nicht. Wenn sie versucht ihn zu erinnern, dann springen die roten Haare dazwischen. Es hätte viel mehr sein können. Mit hätte kommt man nicht weiter. Mach das nicht, hat er immer wieder gesagt, es war ihm wichtig, aber sie kann nichts dafür. Mach das nicht, es passt nicht zu dir, er hat sie gebeten. Dass sie da hingeht, dass es aus der Welt ist. Wegmachen. Er hat ihre Wörter auch gekannt. Seine Nachrichten bleiben unbeantwortet. Sie haben einfach aufgehört sich zu sehen.

Vielleicht, denkt sie, ist der Rothaarige nur da, weil sie letztes Jahr nicht richtig zugehört hat. Dabei glaubt sie gar nicht an Schicksale.

Sie sieht ihn, er ist fast vorbei, er braucht Monate, denkt sie, für diese kurze Strecke.

Sieh her, denkt sie. Sieh mich an. Er ist fast vorbei.

Als sie anfing, aus ihrer Kleidung zu platzen, hätte sie gern jemand anders in die Geschäfte geschickt. Es war keiner da. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht braucht man das, aber wenn sie schöner wäre, wenn sie nicht so unförmig wäre, wie sie jetzt ist, dann könnte er sie bemerken. Sie hat sich noch nie überreden können.

Ihr Gesicht ist jetzt plötzlich in einer Schräglage. Es wird immer schräger.

Und er sieht sie an.

Der Krach in ihrem Kopf ist ganz zeitversetzt, der mechanische Krach, er ist hässlich. Die Bremsen tun in den Gehörgängen weh, etwas geht kaputt. Sie hört eine junge Frau schreien, es ist verwunderlich, denkt sie, dass jemand anders auch ihre Stimme hat. Sie würde gern überprüfen, ob ihre noch da ist, aber sie hat keine Zeit. Sie kann ihre Tasche sehen, wie sie sanft neben ihrem Gesicht auf die Straße klatscht. Das gehört da alles nicht hin, sie weiß das, sie ist sich sicher. Die Haut schürft über den Teer. Der Teer ist ziemlich warm. Dann hört die Bewegung auf. Sie schließt die Augen.

Als sie ein Kind war, hatte sie einen Hund. Er war klein und hässlich und gelb, ihre Eltern hatten nicht diskutiert, als sie vor seinem Käfig stehen blieb. Er kam überall hin mit. Nur in die Badewanne durfte er nicht, sie tat es heimlich, wenn sie allein waren. Sie tröstete ihn, wenn er sich nicht schön fand. Für sie war er schön, war seine Krummheit schön und sein Stummelschwanz und sein linkes Auge, das heller war als das andere. Sie war überzeugt, dass er alles verstand, was sie ihm in die verfilzten Ohren sagte.

Der Geruch nach Blut und Hundescheiße, als er überfahren wurde.

Die Arme und Beine da, denkt sie, die gehören ihr gar nicht. Man hat sie dort abgelegt, ohne sie zu fragen. Es sind so viele Menschen auf der Straße, es wird bald Sommer, bald werden sie mit ihrem Eis spazieren gehen. Ein Eis wäre jetzt gar nicht schlecht, der Geschmack kriecht über die Zunge. Ihr fällt ein, dass sie zu spät zur Vorlesung kommt. Das ist ihr noch nie passiert.

Es vergeht Zeit. Sie macht die Augen wieder auf, als sie etwas gefragt wird, sie reagiert. Jemand möchte das.

Sie denkt an seine Augen, es war etwas Komisches in ihnen, sie kommt nicht darauf, was es war. Sie wird hochgehoben und hingelegt. Sie macht die Augen ein zweites Mal auf.

Das ist, denkt sie, alles sehr freundlich. Sie würde gern aufstehen und gehen, irgendwo muss ihre Tasche sein, da sind alle ihre Unterlagen drin. Sie würde auch Finderlohn bezahlen, bestimmt hat sie jemand aufgehoben, es ist eine blaue Tasche, denkt sie. Der Reißverschluss ist an einer Stelle ausgefranst.

Sie würde gern gehen. Sie wagt es nicht, es scheint nicht vorgesehen zu sein. Jemand hat ihr etwas an den Kopf geklebt.

So sieht das also aus, denkt sie. Was war denn in seinen Augen, es fällt ihr nicht ein, das stört sie.

Der kleine gelbe Hund mochte keinen Schaum. Deshalb badete sie immer ohne, solange er da war. Es war ein echtes Opfer. Sie hat die Badekugeln ihrer Mutter sehr geliebt, sie hatten bunte Farben, giftbunt, sie rochen gut. Sie glitschten einem durch die Hand, wenn man sie ins Wasser hielt.

Sie würde sich gerne am Arm kratzen, auch das ist irgendwie nicht vorgesehen. Dieser hochgewölbte Bauch vor ihr, ihr Bauch, sie hält sich nicht damit auf. Sie würde gern etwas sagen. Jemand diskutiert, der Himmel, denkt sie, ist sehr blau heute. Es ist ihr nur selten passiert, dass man Dinge mit ihr macht, und sie ist nur einmal beim Arzt gewesen, das ist wie mit dem Rauchen und allen Verantwortungsdingen, denkt sie. Dann vergisst sie es.

Sie sieht ihn an.

Er sitzt neben ihr, hier ist nicht viel Platz, wie hat er das geschafft, denkt sie, sein Gesicht ist so nah bei ihr, dass sie es anfassen könnte. Sie will ihn fragen, wo er sein Fahrrad gelassen hat.

Sie lächelt ihn an, sie ist sicher, dass ihr ganzer Körper lächelt. Sie muss den Kopf nur wenig drehen. Er hat ihre Hand genommen, er isst keine Eier, seine Mutter hat sein Lieblingsauto zertreten, er raucht, er hat ihre Hand genommen. Matchboxautos, denkt sie, kriegt man doch gar nicht kaputt. Das Licht ist sehr hässlich, aber ihm kann es nichts anhaben. Er streichelt ihr Haar, sie ist verblüfft, dass er das gleichzeitig tun kann, dann fällt ihr ein, dass er ja zwei Hände hat.

Jemand sagt, dass dem Baby sehr wahrscheinlich nichts passiert ist.

Sie hört es nicht.

Ann-Christin Kumm

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Die grelle Griselda

Sie hieß nicht wirklich Griselda.

Eh klar. Wer nennt sein Kind schon Griselda?

Sie nannte sich also selbst so. Griselda Grill, alias die grelle Griselda. Grill, so hieß sie wirklich. Mit Nachnamen. Mit Vornamen eigentlich Gisela.

Gisela, werden Sie jetzt sagen, das ist ja kaum besser als Griselda!

Nun, Gisela hatte halt eine gleichnamige Oma als Taufpatin. Eine durchaus wohlhabende Patin. Eine Patin, die ihre erste Enkelin stolz über den Taufstein hielt.

So lange jedenfalls, bis Gisela zu schreien anfing.

Das Geschrei war – man ahnt es – grell.

So grell, dass es außerhalb der Kirche zu hören war.

Sagt man.

Auf der anderen Straßenseite.

Jenseits einer sechsspurigen Hauptverkehrsstraße.

Aber das ist natürlich übertrieben.

Vermutlich.

Jedenfalls ließ sich die Großmutter künftig nur noch selten sehen. Im Gemeindebau aber, wo Giselas Familie lebte, da erweiterte sich rasch deren Bekanntenkreis. Leute schauten vorbei, die Vater und Mutter noch nie gesehen hatten. Selbst Nachbarn aus dem Parterre. Dabei wohnten die Grills im sechsten Stock. Und die Fenster wurden nur geöffnet, wenn Gisela schlief.

Also eher selten.

Angeblich schuf damals ein Nachbarsjunge den Spitznamen ›die grelle Gisela‹. Ein Junge, der erst seit ein, zwei Jahren im Land war, und Grell, Grill, das verwechselt man schon mal.

Wie auch immer: Bald schon, da fanden Giselas Eltern ein Mittel, ihr Töchterchen zu kalmieren: Nämlich mit Zuckerln und Spielzeug. Und Gisela lernte rasch. Sie lernte auch, dass man ein Mittel nicht überstrapazieren darf, wenn es wirksam bleiben soll. Somit schrie Gisela nur noch selten so grell, dass der halbe Gemeindebau aus den Federn fiel.

Auch in der Schule, da lernte Gisela schnell.

Und wer glaubt, dass sie dauernd störte: Oh nein!

Jedenfalls nicht dauernd. Nur, wenn es passte. Ihr. Oder auch anderen. So wurde sie prompt Klassensprecherin. Niemand störte, wenn sie sprach. Niemand sprach, wenn sie die Stimme erhob. Das mied man besser.

Sie meldete sich aber auch sonst zu Wort.

Im Unterricht. In allen Fächern. Ganz normal. Normal für ihre Verhältnisse, heißt das. Nicht gerade grell, aber nie sagte wer ›Lauter, Gisela!‹

Niemals!

Die Lehrer liebten sie. Meistens. Gisela konnte man immer fragen, selbst wenn keiner aufzeigte. Sie wusste immer was zu sagen. Klar, oft war es Unsinn, aber, so sagte man ihr: Besser was Falsches sagen als gar nichts!

In der Schule, da lernte Gisela wirklich was fürs Leben: Grell, das sind nicht nur Töne, nein, grell können auch Farben sein.

Grelles Grün, grelles Blau, grelles Rot. Besser noch: Grelles Gelb. Beim Zeichnen und Malen, da mochten die anderen Schüler Farben mischen, doch nicht Gisela: Stets nahm sie nur die reinen Farben.

Wie Gisela mit der Schule fertig war, da war ihr auch klar, was sie machen wollte: Kunst! Irgendwas mit Kunst!

Auch an der Universität, da lief es gut für Gisela. Schon im ersten Semester bekam sie ein Stipendium. Dazu verfasste ihr ein Kommilitone etwas theoretisches Zeugs zu dem Zeugs, das Gisela anfangs produzierte, von wegen Reinheit der Farbe, Berufung auf den Pointilismus, so etwas halt. Denn anfangs, da benutzte Gisela weiter die unvermischten Grundfarben. Auch ihren echten Vornamen benutzte sie noch, aber das änderte sich bald: Und zwar mit der Entdeckung dessen, was als ‚Grellweiß’ bekannt werden sollte.

Aber der Reihe nach.

Von einem Chemiker – dem Cousin jenes Kommilitonen –, da hörte Gisela von einem Farbstoff, der Weißer als Weiß sein soll, der mehr Licht ausstrahle, als er absorbiert, bis zu 30 Prozent mehr.

Unmöglich, sagen Sie?

Was meinen Sie, wie Ihre Waschmittel funktionieren?

Wie Ihre Gardinen Weißer als Weiß werden?

Weißmacher, das ist das Zauberwort! Die machen aus Ultraviolett sichtbares Licht.

Ist also nichts Neues. Neu war, dass dies auch bei normaler Farbe funktionierte, Farbe, die man wie üblich verarbeiten konnte, mit Pinsel, Rolle, Spachtel und Spray.

Dies, das wusste Gisela gleich, war genau ihr Ding. Und dank eines Anwalts – ein Nachbar jenes Cousins ihres Kommilitonen –, da gelang ihr der Coup: Für den Bereich der Bildenden Kunst erhielt sie einen Exklusiv-Vertrag: Sie und nur sie durfte da diese Farbe nutzen, ein Weiß, das ‚Grellweiß’ getauft ward. Und bei der Gelegenheit, da wurde Gisela zu Griselda, mit Eintrag im Ausweis und allem.

Dies war gefundenes Fressen für die Presse, und Griselda gab ihr, was sie wollte: Kuriose Fotos, schrille Stories, schräge Interviews, grelle Geschichten eben.

So ward ›die grelle Griselda‹ geboren. Von einer Designerin – der Freundin jenes Nachbarn des Cousins ihres Kommilitonen – bekam sie Klamotten auf den Leib geschneidert, alles in Grellweiß. Griselda erwog gar, ihre schwarzen Haare platinblond zu färben, aber ihr Friseur – der Bruder jener Freundin des Nachbarn des Cousins ihres Kommilitonen – riet ihr ab. So begnügte sie sich einer Sonnenbrille, in Schwarz, wenn auch nicht in Vantablack.

Natürlich setzte Griselda ihr Grellweiß ein, wo immer sie konnte. Sie wechselte zu grellweißen Installationen, bevorzugt aus Objekten, die vorher Schwarz waren: Alte Pneus, Vinyl-Platten, Smokings, Unterhaltungselektronik, ganze Klaviere. Auch dafür verfasste ihr jener Kommilitone theoretische Texte; schließlich muss man irgendwas neben die Werke schreiben.

Am liebsten aber trug Griselda diese Texte selbst vor, in Interviews, auf Ausstellungen, immer in Grellweiß gestylt, immer sehr selbstsicher, wenn auch mit inhaltlichen Abschweifungen, die viele befremdeten. Aber gute Stories gab es allemal ab.

Griselda merkte natürlich, dass sie gut ankam. So ging sie dazu über, Auftritte auch unabhängig von ihrer Kunst anzusetzen. Bei Happenings, bei Demos, bei Poetry Slams, in Talkshows. Stets lieferte sie eine Show ab, nicht immer eine gute, doch eine wirkungsvolle allemal, eine, die in Erinnerung blieb.

Eh klar, dass bald Agenten auf Griseldas Auftritte aufmerksam wurden. Speziell einer, nämlich der Vater jenes Bruders der Freundin des Nachbarn des Cousins ihres Kommilitonen – der übrigens nicht auch der Vater der Freundin des Nachbarn des Cousins ihres Kommilitonen war. Denn der Bruder, der war eigentlich ein Halbbruder.

Wie auch immer: Er – der Agent also –, der vermittelte Griselda den Kontakt zu einem Manager – seinem Golfpartner –, und der verschaffte ihr erste Auftritte, ließ ihr Songs und Videos auf den Leib schreiben, die Griseldas Organ und Erscheinung erst so recht zur Geltung brachten.

Das schlug ein. Wie eine Bombe. Eine grellweiße Bombe.

„Sie lässt Britney Spears und Lady Gaga bieder wirken“ hieß es. Rasch war ein Slogan geboren: „Grell, greller, Griselda.“

Dank ihres Managers stiegen Griseldas Gagen, stiegen die Preise für ihre Kunst um das Zehn- und Hundertfache. Ihre Alben stürmten die Charts, Alben, alle natürlich mit grellweißen Covern, die das ›White Album‹ blass aussehen ließen. Kurz, Griselda scheffelte Geld, richtig Geld.

Natürlich kam es, wie es kommen musste: Schon bei ihrem dritten Album, da hieß es, es sei unoriginell, allzu kommerziell, und die Kunstkritiker bemängelten, dass sie sich bei ihren Installationen nur noch selbst kopiere. Da konnte Griselda nur grinsen: Genau genommen, kopierten mehrere, bescheiden bezahlte Kunststudenten für sie.

Irgendwann, da schlug ihr Manager vor, dass Griselda auch als Schauspielerin arbeiten könne; er habe schon das eine oder andere Angebot. Griselda ließ sich das durch den Kopf gehen.

Damit stand sie vor der Wahl:

  1. Sie konnte versuchen, sich weiter zu steigern, bis ihr Publikum sie nicht mehr sehen, nicht mehr hören konnte und wollte.
  2. Sie konnte sich wiederholen, bis die Kopie von der Kopie von der Kopie immer blasser wurde, bis sie irgendwann tot von der Bühne fiel.
  3. Sie konnte versuchen, sich neu zu erfinden, sich ein neues Image zu verschaffen.
  4. Sie konnte Schluss machen. Klar, sie war erst knapp über Dreißig, aber sie hatte ihr Geld gut angelegt, dank ihres Anlageberaters, übrigens ein Parteifreund jenes Golfpartners des Vater vom Halbbruder der Freundin des Nachbarn des Cousins ihres Kommilitonen. Jedenfalls konnte sie bequem vom Kapital leben.

Griselda entschied sich für letztere Option.

Sie machte Schluss.

Mit der ihr eigenen Konsequenz: Keine Kunst mehr, keine Auftritte, kein grelles Scheinwerferlicht mehr, keine grellen Töne.

Was aus ihr wurde, wollt ihr wissen?

Falsche Frage!

Hier gibt’s kein Fadeout, sondern einen harten Schnitt.

Ende.

Olaf Lahayne

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