freiTEXT | Katharina Körting

Smalltalk, bebildert

Ergrauen
Verlernt man
Jedes Haar hält
Was es nicht verspricht
Fallweise

HIER FEHLT EIN FOTO, DAS ICH NICHT MACHEN KONNTE: Vater und Sohn in der Tram. Der jüngere, den Kopf entspannt auf der Schulter des Älteren, liest in einem dicken Buch aus Papier, Der Ältere hält ein Tablet vor sich wie ein Buch, kramt dann seinen Telefoncomputer hervor, sagt etwas zu dem Jungen, das ich nicht höre. Der Junge taucht unwillig auf: Das brauche ich nicht, sagt er, das habe ich mir schon abgeschrieben. Wahrscheinlich etwas für die Schule. Der eigene Sohn mag auch lieber Formulare mit der Hand ausfüllen als im Rechner. Vielleicht ist die Zukunft gar nicht so eindimensional wie wir uns manchmal glauben machen.

Zugehör

Immer wieder dieses halbe Zugehören, diese Unfähigkeit, voll dabei zu sein, zum Beispiel beim Handballspiel des Sohnes, bei dem mir eine Mutter einen Krachmacher in die Hand drückt, und ich weiß, ich werde ihn nicht verwenden, werde nur zaghaft klatschen, wenn ein Tor fällt, zwischendurch viel zu viel nachdenken, beobachten, dieses unablässige Beobachten, bei dem mir das meiste entgeht, weil ich zu tief grabe in meiner Seele. Oder bei der Arbeit, sogar bei meiner Ehe gehörte ich, bis sie zerbrach, nur halb zu mir, zu uns, zu ihm. Unsicher, ob es sicher ist.

Ich sitze mit der Kapuze in meinem Café und schreibe in meinem Buch. Die ganze Zeit bin ich, schreibe ich, auf der Suche nach Zugehörigkeit, finde sie in den Zwischenspielen, die die Zeit bietet, die ich mir erkämpfe, manchmal erzwinge, in temporären Gruppen, im Nützlichsein, das durch Tun erfolgt: Zugehörigkeit gibt es für mich nur im Nützlichsein. Zugehörigkeit ist Tun. Deshalb kann ich nie stille sein, nicht ruhen, außer bei Gott, wo ich fraglos zugehörig bin, wenn ich das glaube.
Angst fließt in Wellen, wie warme Luft aus U-Bahnschächten, Klimaanlagenfurze, wallt mich an, von der Seite, von hinten, von vorn, hinterlässt im Verschwinden ihre Spur in meiner zusammengepressten Hand (keine Faust, nur die Idee einer Faust), in meinem mahlenden Kiefer, den ich nicht locker kriege, egal, was ich versuche, Achten machen, wie der Physiotherapeut riet, oder gucken wie eine Kuh. Fehlende Zugehörigkeit verursacht diesen leichten Schwindel, als zöge jemand, den ich nicht kenne (nur zu kennen meine) am Stuhl unter mir, lässt dann davon ab, bevor ich fallen kann.

Schreiben ist Notwehr.

Es gibt diese Sinnlosigkeit. Sie ist unleugbar (und lässt sich leicht behaupten, wenn man den Magen voll und ein warmes Schlafzimmer hat). Diese Sinnlosigkeit meines Strebens, des Strebens meiner Kinder. Was wollen wir damit? Was erhoffe ich mir von all meinen Gedankensprüngen? Heute leben wir und morgen sterben wir. „Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?“, fragt der Prediger, „alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ Diese Verse lassen sich lesen als Mahnung, als deprimierende Zusammenfassung, als Trost, weil es immer schon so war und so sein wird – oder als Augenzwinkern, denn wenn alles sinnlos ist, ist auch nichts sinnlos. Wenn nichts Bedeutung hat, hat alles Bedeutung. Auch mein nichtiges Sehnen, mein haltloses Versuchen und Suchen, so vergeblich, da ich mich nicht geben kann, ohne mich zu verlassen.

Es gibt eine beständige, besänftigende, oder irre machende Wiederholung. Essen, schlafen, arbeiten, wieder schlafen, aufräumen, traurig sein, müde sein, vergeblich sein oder nicht in der Versuchung, Dieses Eine Wichtige nur noch nicht gefunden oder erkannt zu haben. Und die Ahnung, die zur Gewissheit wird: Das Eine Wichtige existiert nur als Qual, als Nichtvorhandenes, als Wunsch. Eine Schimäre, die ablenkt von den wirklich wichtigeren Dingen, wobei dieses „wirklich“ unzulässige Behauptung und Propaganda ist.

Meine Müdigkeit macht mir zu schaffen, meine luxuriöse Müdigkeit, die an Erschöpfung grenzt und sich wünscht, irgendwie, Erschöpfung zu sein, oder zu werden, eine Rechtfertigung für eine Pause in diesem unleugbar sinnlosen Strebenleben, das Sinn nur aus sich selbst schöpfen kann:

Aus dem Heben des Kopfes, wenn jemand mit lauten Schritten vorbeigeht.

Aus dem Streichen über das Haar eines bald erwachsenen Kindes.

Aus der dummen Gewissheit, dass es egal ist, wenn es egal ist, solange du dein Bestes tust und gibst und bist und denkst und schreibst, auch wenn du keine Ahnung hast, oder höchstens eine Ahnung, was dieses „dein Bestes“ sein könnte.

Menschen sprechen in mein Gehirn, blockieren die Sehnsucht, dass jemand seinen Arm um mich legt, jemand, dem ich angehöre. Wer könnte das sein? Wer könnte ich sein?

Ich putze mir die Nase, lasse die Kapuze wie einen Schutzwall auf meinem anstößigen Kopf und wehre den Kommentar eines Bekannten ab. „Sieht gut aus“, oder Ähnliches sagt er, als müsse er mich bewerten, als müsse er mir Mut zusprechen, als müsse er behaupten, dass ich dazu gehöre, zu irgendetwas, und sei es zu denen, die sich von ihm bewerten lassen. Er meint es nicht böse. Er meint es nicht gut. Er meint gar nicht mich, doch ich mag ihn im Moment nicht sehen, mag nicht gesehen werden, mag nicht reden, mag nur nicht allein sein in dieser kurzen Zeit meiner Demütigung, meines Hochmuts.

Niemand hält, was er verspricht, auch ich nicht. Aber wenn da jemand wäre, der auf die richtige Weise in der richtigen Zeit seinen Arm um mich legt, wäre mir mehr geholfen, als ich verweigern kann. (Und all dies schreibe ich nur, um es wieder zu lesen, später, morgen, unverständliches Zeug, um mich zu vergewissern, dass ich ein Herz habe, das schlägt, auch wenn ich nicht mehr weiß, wie sich das anfühlt, wenn mir jemand den Arm um die Schulter legt und tatsächlich mich meint, und sich. (Schreiben ist vergebliche Kommunikation mit dem Nichtschreiben.) Das aushalten. Aushalten, dass ich das aushalte.

 

Existenz

Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. Immer durch dieselben Straßen gehen und warten, bis man etwas entdeckt. (...) Zu Beginn mag es langweilig sein, weil man es nicht beherrscht. Später kann man erfahren, daß Geist in der Welt ist. Immer die gleiche kleine Menge. (Ilse Aichinger)[1]

Im Café. Eine runde junge Frau, schwarze Jacke, schwarzer abgenutzter Rucksack mit eddingweißen Peace-Zeichen, schwarze Jogginghose, helle Turnschuhe, dunkle Haare, dicke Brille spricht mich mit heftigem Lispeln an: Ob ich eine ihrer Postkarten haben möchte? Ich frage nach dem Preis. Drei Euro. Kitschige Motive, zu denen mir keine Verwendung einfällt. „Alles Liebe“ in erhöhten goldenen Buchstaben mit einer erhabenen lila Blume. „Herzlichen Glückwunsch“ mit Glitzerglanz. Ihr Schweißgeruch ist stark, aber nicht unangenehm. Im Moment brauche ich keine Postkarte, sage ich. Sie wünscht mir einen schönen Tag und drängt sich weiter. Ich sehe, wie sie Absagen kassiert, freundlich aber bestimmt sagt ein Gast nach dem andern Nein, schüttelt den Kopf, schaut sich ihre Werke nicht an. Meine Augen füllen sich mit diesen Tränen eines Berührtseins, das ich nicht immer vermeiden, nicht töten kann, denn es ist da, lauert auf meine Unaufmerksamkeit, damit ich ihm nachgebe.

Ich winke sie zurück. Sie freut sich, quetscht sich zu meinem Tisch, streift dabei einen Zeitungsverkäufer in dem engen Raum, gibt mir ihre Karten zur Ansicht. Sie erklärt, wie sie sie herstellt. Sie mache alles selbst außer der Schrift – die schneide sie aus und klebe sie drauf. Ihre Offenheit besiegt mich. Nun kramt sie auch die schon überholten Valentinstags-Motive aus ihrem Rucksack. Rote Herzen und lächelnde Gesichter. Sie macht den Eindruck, dass sie gern über ihre Arbeit spricht. Und dass sie glücklich ist. Zuversichtlich. Als wäre alles in Ordnung und das Leben okay. Die drei Euro pro Karte scheinen weniger wichtig zu sein als die Informationen zum Werk - der Austausch. Ich schaue nur flüchtig und wähle die lila Blume mit „Alles Liebe“. Sie wechselt flink bei der Kellnerin den Zehn-Euro-Schein. Ich weiß nicht, ob ich mich beim Kauf ihrer Postkarte, die ich nicht leiden kann, gut fühle oder schlecht oder beides. Ob ich überheblich bin, weil ich etwas aus einem vagen Mitgefühl heraus erwerbe, damit sie nicht abgewiesen das Café verlässt. Ob meine Unehrlichkeit gerechtfertigt ist. Sie verabschiedet sich, schenkt der Kellnerin zwei Karten. Auch ich verlasse bald nach ihr das Café, sehe den großen, alten, stinkenden Mann mit dem verschlissenen Tarnfarbenmantel, dem weißen Bart, den schweren Plastiktaschen, die seine Arme zu Boden ziehen. Neulich stand er an der S-Bahntreppe und wirkte, als würde er gleich starten, oder sterben. Er stand lange und schaute, und ich drängte mich an ihm vorbei, wollte schnell weg, mein schlechtes Gewissen drückte, oder die Neugier, ich drehte mich nach ihm um, aber wollte mich nicht hineinziehen lassen in meine Phantasien von Unglück und verschloss mein Herz und existierte nicht. Jetzt steht er an der Straße wie eingefroren, obwohl kein Auto kommt, und scheint zu überlegen, was er da soll. Wie es weiter geht. Ich überlege, ihm zwei Euro zuzustecken, aber vielleicht will er das gar nicht. Vielleicht bettelt er nicht. Ich zögere von ferne. Da kommt er in Bewegung, überquert die Straße mit festen Schritten, biegt zielstrebig in eine Straße ein. Vielleicht wohnt er unter der S-Bahn-Brücke, denke ich ziellos, lasse von ihm ab und fahre nach Hause, "Alles Liebe" in lila in der Tasche.

Nein
Sage ich nur vorläufig
Um das Ja hinauszuzögern
(Manchmal klappt das)

Auf der Bahnhofstreppe trifft mich ein Schwindel
direkt ins Mark, sendet sekundenbrüchige Kaskaden
von Folgen und Ursachen (was wird aus mir?)

„Hast du das auch gespürt?“, fragt die Touristin ihre Begleitung.
„Die Stufen zittern! Merkt das sonst keiner?“
Das Kopfschütteln, das ich im Rücken spüre, bringt mich in Versuchung:
„Doch ich!“, will ich rufen. „Ich auch!“
Meine schwitzige Seele beruhigt sich, verwundert:
Entwarnung kann seltsam enttäuschend sein

Sommererinnerung

 

„Das ist immer das Schlimmste Mann
Wenn du außen nass bist und innen
Ich hasse das Mann ich hasse es“

Ich kann kein smalltalk
Ich kann kein smallwork
Ich kann kein smalllove
Ich kann kein smalllife

 

Katherina Körting

 

[1] Im Interview mit Iris Radisch in der ZEIT, 1.11.1996 Link

 

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freiTEXT | Janine Adomeit

Keine Spatzen

Agata, das bedeute ja „die Gute“, hatte Herr Pfeiffer gleich am Bahnhof gesagt und ihr mit dem Zeigefinger auf die Schulter getippt.

Ob sie das gewusst habe?

Agata hatte nicht, obwohl zuhause in Kruszki jede Dritte oder Vierte so hieß.

„Ach so“, hatte Herr Pfeiffer gesagt, „ein ganzes Dorf voller guter Frauen!“ Sein grauer Schnurrbart zitterte.

„Na dann, Agata. Pass gut auf uns auf, ja?“

Sie nickte, etwas anderes als Nicken kam ihr unpassend vor.

Herr Pfeiffer nahm ihren Koffer. Sie müssten nur fünf Minuten gehen, sie wohnten sehr zentral. Es klang stolz, wie er das sagte. Agata sah ihn in die Dunkelheit vorausgehen mit ihrem Gepäck, das ihr in der fremden Hand eine ängstliche Sekunde lang nicht mehr wie ihr eigenes vorkam. Sie folgte Herrn Pfeiffer. Das Haus, vor dem sie stehenblieben, war groß, aber freundlich. Sie müssten jetzt leise sein, sagte Herr Pfeiffer, seine Mutter schliefe schon. Er steckte den Schlüssel ins Schloss.

Herr Pfeiffers Mutter wohnte im Erdgeschoss, in dem Zimmer das neben Agatas lag. In der Nacht hörte Agata sie zum ersten Mal klopfen, das Geräusch bohrte sich tief in ihren Traum. Sie stand benommen auf, dicke milchige Wärme hinter der Stirn, Schlaf, dachte Agata, Schlafen – und dann: Jakub. Aber als sie die Tür zum Flur öffnete, stand da nicht Jakub, sondern Herr Pfeiffer in seinem hellblauen Bademantel und hatte schon das Licht eingeschaltet.

„Sie klopft“, sagte er, „das ist das Zeichen.“

Er steckte den Kopf in das Zimmer seiner Mutter, seine Lippen bewegten sich lautlos und er gestikulierte in Richtung Agata, dann ging er zurück in sein Schlafzimmer im ersten Stock. Er trug keine Socken und hatte sehr weiße, sehr hässliche Beine. Er tat Agata leid.

Frau Pfeiffer musste zur Toilette. Agata versuchte, nicht an den Bandscheibenvorfall vom letzten Winter zu denken, als sie ihr aus dem Bett half. Woran sie stattdessen zu denken versuchte, waren die kaputten Rohre in ihrem Haus und Jakubs Studium in Lublin, waren die tausend Euro, die sie schon nächsten Monat schicken könnte. Tausend, dachte Agata. Vierundzwanzig Stunden, ein halbes Jahr lang jeden Tag, dann könnte sie zurück für drei Wochen. Sommer in Kruzski. Ein Korbstuhl;  Wind im Laub der Weißbuchen und Wind über dem See; Kormorangefieder, das im Sonnenlicht schimmert wie flüssiges Metall. Tausend.

Agata und Frau Pfeiffer, geteilte Verlegenheit zwischen sich, gingen den Flur entlang zum Badezimmer. Die alte Frau machte die winzigsten aller Schritte, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel. Sie sprach erst, als sie sich, auf Agata gestützt, zum Pinkeln setzte, und Agata ihr das Nachthemd über die Oberschenkel zog.

Entschuldigung. Das sei ja nicht die feine Art, einander kennen zu lernen.

Doch, sagte Agata, Frau Pfeiffer sei sehr fein angezogen.

Sie schwiegen eine Weile und lauschten dem Geräusch von Frau Pfeiffers Urinstrahl, wie er auf das Wasser in der Toilettenschüssel traf.

„Der Erwin hat erzählt, du bist Krankenschwester in Polen.“

„Krankenschwester“, wiederholte Agata, „ja, Krankenschwester. In Polen.“

„Und du hast auch einen Sohn?“

„Ja“, sagte Agata und sah zu, wie die alte Frau sie beim Abrollen des Klopapiers beobachtete.

Sie hätten auch schon deutsche Schwestern gehabt, sagte Frau Pfeiffer: „Aber die wollten nichts tun für ihr Geld!“

Dazu fiel Agata nichts ein. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft zuckte sie mit den Schultern.

Sie konnte nicht gleich wieder einschlafen, nachdem sie zurück ins Bett geklettert war. Sie hörte auf die Züge mit ihren rumpelnden Waggons, die drüben im Bahnhof einfuhren, und sie dachte an die alte Frau im Zimmer nebenan. Sie streckte die Beine aus.

Agatas waren gute Beine. Nicht schön, sondern gut. Sie hatte mit ihnen fast alle Weitsprungwettbewerbe zwischen der vierten und der achten Klasse gewonnen. Wie viele Jahre würden die Beine noch zu gebrauchen sein? Wann würde sie das erste feine Reißen in den Knien spüren, in den Fingern, im Hüftgelenk? Der Rücken ließ sie ja jetzt schon im Stich. Zweifellos, Agata löste sich auf, sie wurde alt. Noch zwanzig Jahre Verfall, dann hätte sie auch das geschafft. In zwanzig Jahren wäre sie nur noch alt.

Ihr Kopf schmerzte. Erst nach einigen Minuten fiel ihr auf, dass sie Hunger hatte. Sie öffnete ihre Handtasche und fand die in Papierservietten eingewickelten Waffeln, die sie gestern Abend mit Jakub gebacken hatte. Sie hatte auf einmal das Gefühl, dass sie bei den Waffeln anfangen müssen würde, wenn sie jemals hier ankommen wollte. Sie nahm eine, biss ab, kaute, schluckte. Der süße warme Brei auf der Zunge, zwischen den Zähnen, war tröstlich. Sie nahm die nächste Waffel. Sie sah nicht auf die Uhr. Irgendwann waren keine Waffeln mehr da. Sie legte sich schlafen.

Herrn Pfeiffer sah Agata erst am nächsten Abend wieder. Er betrachtete die belegten Brote auf dem Küchentisch, legte sich schließlich eins auf den Teller und aß es mit Messer und Gabel, dazu zwei kleingeschnittene saure Gurken. Dann lehnte er sich zurück und sagte: „Tja.“ Agata kannte das Wort nicht, doch es klang wie „Ja“, deshalb wurde sie mutig und schob mehr von dem Brot über den Tisch, mehr von der rosa Fleischwurst, der Butter. Aber Herr Pfeiffer schüttelte den Kopf.

Agata habe das selbstverständlich nicht wissen können, aber wenn er abends vom Geschäft nach Hause kam, hatte er gerne etwas Warmes. Sie sei doch hoffentlich gewohnt, frisch zu kochen?

Frisch. Agata verstand: Schnell, und nickte heftig. Schnell kochen konnte sie, zur Not auch für viele. Herr Pfeiffer machte eine Handbewegung, so als risse er an etwas, und sagte: „Nicht so!“ Dann tat er, als rühre er mit einem Löffel in einem Kochtopf: „Sondern so!“

Seit dem zweiten Tag kochte Agata frisch. Sie probierte es mit den Gerichten, die Jakub gern aß, bei denen er sagte: Schmeckt gut und macht satt. Sie hatte dabei Herrn Pfeiffers großen Bauch vor Augen, wie er den Bauch mit einer geschickten Handbewegung angehoben und bequem unter der Tischkante platziert hatte. Sie ahnte, das Essen musste stark sein und viel. Aber er mochte den Eintopf nicht, wie Agata ihn machte, und er mochte keine Kutteln. Spätzle, sagte er. Sie solle sich von seiner Mutter das Rezept geben lassen.

Die alte Frau Pfeiffer hörte das und bekam aufgeregte Flecken im Gesicht.

„Mein Erwin“, sagte sie, als Agata ihr später im Bett die Haare bürstete. Seit Jahren habe niemand mehr für ihn gekocht, alles habe er selbst machen müssen. Ein guter Koch, ihr Erwin. Aber das wolle er jetzt nicht mehr, jetzt sei Agata da.

Frau Pfeiffer ließ sich am nächsten Morgen nach dem Frühstück die Lesebrille bringen, den Notizblock, den Bleistift, und steckte die Bleistiftspitze lange in den Mund und saugte daran.

„Dann schreibt er besser“, sagte sie.

Agata sah ihr über die Schulter. Spätzle, schrieb Frau Pfeiffer und zog eine schwache Linie darunter. Agata presste die Schneidezähne auf die Unterlippe. Sie ließ Frau Pfeiffer allein, ging in ihr eigenes Zimmer und nahm das Wörterbuch aus der Nachttischschublade. Es dauerte lange, bis sie glaubte, fündig geworden zu sein. Spatzen. Agata strich das Wort mit ihrem gelben Textmarker an und starrte auf das pergamentdünne Papier, das kühl und abweisend unter ihren Fingern knisterte. Sie wusste, es verbarg etwas vor ihr.

Erst am Nachmittag war Frau Pfeiffer fertig. Ihr Gesicht leuchtete vor Zufriedenheit.

„Ja, Spätzle“, sagte sie, als sie das Rezept auf den Küchentisch legte, „das ist was Gutes. Der Erwin hat abends gern was Gutes. Er arbeitet doch so schwer.“

Agata wusste nichts von Herrn Pfeiffers Arbeit, sie hatte auch nicht gefragt. Sie wusste nur, dass er Jeans und Hemd trug, wenn er morgens das Haus verließ, und kam er später zurück, war alles noch so sauber wie einige Stunden zuvor. Im Treppenhaus waren ihr gerahmte Fotos von ihm aufgefallen, fünf oder sechs versetzt nebeneinander, und auf jedem stand er neben einem anderen Auto, eine Hand auf der geöffneten Wagentür, die andere in die Hüfte gestützt. Vielleicht war das schwerer, als es aussah.

Agata setzte sich an den Küchentisch. Sie faltete den Bogen Papier auseinander und strich ihn glatt. Sie starrte darauf. Sie blinzelte.

„Ja“, sagte Frau Pfeiffer in ihrem Rücken. „Das ist Sütterlin. Kennst du Sütterlin?“

Agata antwortete nicht. Sie lächelte schief. Sie begleitete die alte Frau ins Wohnzimmer und schaltete ihr den Fernseher ein. Zurück in der Küche öffnete Agata den Kühlschrank. In Kruszki öffnete sie immer den Kühlschrank oder ging in die Speisekammer, wenn sie nachdenken musste. Verdammtes Spatzenessen. Sie legte den Kopf zurück und schloss die Augen, damit die Tränenflüssigkeit dahin zurücklaufen konnte, wo sie hergekommen war. Kälte kroch ihr übers Gesicht. Agata schlug die Kühlschranktür zu. Sie nahm das Rezept vom Tisch, faltete es klein und steckte es in die Hosentasche. Sie ging in den Flur und warf einen Blick ins Wohnzimmer, wo Frau Pfeiffer schief im Sessel saß, das Kinn auf der Brust, die Atemzüge geräuschvoll, gleichmäßig. Agata nahm Jacke, Schlüssel, das Portemonnaie – ihr eigenes Portemonnaie mit den an der Grenze eingetauschten Scheinen, nicht das mit dem Haushaltsgeld. Die Haustür zog sie so leise wie möglich hinter sich zu.

In dem Supermarkt, den ihr Herr Pfeiffer am ersten Tag gezeigt hatte, ging sie entlang der Tiefkühltruhen, die Eiskruste darin glitzerte diamantschön im Licht der Neonröhren. Klamm und mutlos betrachtete Agata das abgepackte Fleisch unter dem Truhendeckel, die gefrorenen Erbsen, den Apfelstrudel. Endlich sah sie eine Frau in einem rot-weiß-gelben Kittel und reichte ihr das Stück Papier aus ihrer Hosentasche. Ihr Herz klopfte.

Sie wolle kaufen, sagte Agata. Zögerlich fügte sie hinzu: „Spatzen?“

Die Frau runzelte die Stirn und nahm ihr den Zettel aus der Hand. Las. Gab ihr den Zettel zurück.

„Das kann ja kein Mensch entziffern. Machen Sie es sich nicht so schwer. Im Kühler gibt es Spätzle, ganz frisch, sind im Angebot.“

„Spatzen“, wiederholte Agata.

„Spatzen, Spätzle, die einen sagen so, die anderen so. Warten Sie, ich zeige es Ihnen.“

Agata folgte der Frau durch den Supermarkt. Die Frau blieb vor einem Kühlregal stehen. Sie griff nach einem rechteckigen Paket. Gelbe Teigstreifen drückten sich von unten gegen die Folie. Nicht einmal auf der Verpackung war ein Spatz abgebildet. Nudeln.

„Danke“, sagte Agata.

Sie drehte die Spätzle um, suchte nach den kleinen Flaggensymbolen, fand die weiß-rote. Zwölf bis vierzehn Minuten in kochendes Salzwasser geben. Agata stellte sich an der Kasse an.

Frau Pfeiffer war wach, als sie gegen Vier nach Hause kam.

„Du musst einen Zettel schreiben, wenn du gehst, Agata“, sagte sie.

Agata lächelte der alten Frau zu, hielt das Paket mit einer Hand hinter dem Rücken und sperrte sich in der Küche ein. Sie ließ das Lächeln aus ihrem Gesicht fallen. Noch zwei Stunden, bis Herr Pfeiffer von der Arbeit kommen würde. Agata öffnete die Schränke. Eine Handvoll Mehl, zwei Eier, Salz. Das Handrührgerät. Sie schlug eine geringe Menge Teig, einen Teigrest nur. Sie verteilte das Mehl auf der Arbeitsplatte und dem Fußboden, sie bestäubte ihre Hände damit und fuhr sich durchs Haar. Um zehn vor Sechs ließ sie Wasser aufkochen auf dem Herd. Um zwei vor Sechs öffnete sie die Packung Spätzle und schüttete die Nudeln in das Wasser. Sie setzte sich an den Küchentisch und wartete.

Die saubere, glänzende Spüle. Die karierten Handtücher. Das weiße Ziffernblatt der Uhr über dem Kühlschrank. Und Agata dachte an das gestickte Madonnenbild, das an derselben Stelle hing in Kruszki.

Janine Adomeit

bereits erschienen in: entwürfe 74 (2013)

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freiTEXT | Sylvia Hubele

Der Einzelhändler

Jetzt weiß ich, warum der Einzelhändler so heißt: Nicht etwa, weil er mit einzelnen Sachen handelt, mit Glühbirnen und Schokoriegeln, mit Hämmern und Streichhölzern. Nein, er steht mutter- und vaterseelenallein in seinem Laden. Er räumt und kramt in den Regalen, sortiert Suppentüten, pinselt den nicht vorhandenen Staub von sorgfältig sortierten Schrauben. Er ist allein. Einzeln und in Einzelhaft. Der Einzelhändler steht in seinem Laden einzeln herum, döst im Halbdämmer vor sich hin, träumt von reger Nachfrage und sammelt in den langen Pausen die Kraft und Energie, die er braucht, wenn er mal nicht alleine ist.

Auf der Straße gehen hin und wieder Menschen vorbei, doch kaum jemand dreht den Kopf und sieht auf die Pyramide von Suppendosen und das Aquarium, in dem zwei Guppys Verstecken zwischen den Wasseralgen spielen. Der kundige Einzelhändler wartet geduldig im hintersten, im dunkelsten Eck seines Ladens, wie die Spinne - versteckt im Astloch am Rande ihres Netzes. Er schaut nicht auf die Straße, sondern poliert die Messingstangen, an denen er mit Ösen aus handgebogenem Draht die bunten Topflappen hübsch drapiert hat. Er wartet. Er hat Zeit.

Der Einzelhändler beobachtet gerne, wie sich der Mensch langsam in einen kaufenden - und vor allem auch zahlenden Kunden verwandelt. Die Wandlung geschieht Schritt für Schritt, und der kundige Einzelhändler weiß, dass er diese Metamorphose nicht stören oder gar zu früh unterbrechen darf.

Denn manchmal geht ein Mensch erst zügigen Schrittes vorbei, zögert dann, verhält, schaut in das Schaufenster und auf das Schild an der Ladentür, legt die Hand auf die Klinke und erst nach einer Weile drückt er die Tür auf. Die meisten Menschen zögern, solange sie noch die Hand auf der Türklinke halten, und lassen diese nur ungern los. Wenn sich die Ladentür mit einem satten Schmatzen hinter ihnen schließt, zucken sie zusammen, als wären sie jetzt gefangen.

Doch der Einzelhändler bewegt sich keineswegs, um seinen künftigen Kunden standesgemäß zu empfangen. Er weiß genau, dass er um keinen Preis die Verwandlung stören darf, bevor sie vollständig ist. Nimmt also der Mensch, der so zögernd in den Laden kam und die Tür so widerstrebend losließ, endlich etwas in die Hand, die geöffnete Packung Aspirin etwa, deren Inhalt hier auch tablettenweise verkauft wird, so beginnt die langsame Metamorphose des Menschen in einen Kunden. Dann erschrickt dieser nicht mehr bei der Frage: "Kann ich etwas für Sie tun?" oder verlässt gar fluchtartig den Laden.

Am besten ist es allerdings, wenn der künftige Käufer etwas sucht, was er nicht sofort selbst findet. Hier ist ihm der Einzelhändler außerordentlich beflissentlich behilflich, kramt selbst in seinen Regalen, schiebt die Brille erst hoch in die Haare, dann nach vorne auf die Nase. Er murmelt leise vor sich hin und holt hier und da interessante Schachteln und Dinge aus Schubladen und Ecken. Jedes Teil wird dem Kunden ausführlich vorgeführt, während dieser von einem Fuß auf den anderen tritt und hofft, dass der Einzelhändler doch bald fündig werden möge. Manchmal allerdings muss der Einzelhändler nach langer Suche aufgeben, weil die erwünschte Ware partout nicht aus ihrer Ecke kommen und sich zeigen möchte. Dann geht der Kunde, ob mit gesuchter Schraube oder ohne gewünschten Haken.

Nach dieser Anstrengung öffnet der Einzelhändler eine abgegriffene Pappdose mit Aluminiumdeckel und streut den beiden Fischen zwei einzelne Flöckchen Fischfutter in das Aquarium, bevor er sich selbst einen Schokoriegel greift und mit dem sechsten Schlag vom nahe gelegenen Kirchturm den Laden von außen mit seinem großen Schlüssel absperrt.

 

Sylvia Hubele

bereits erschienen in: Himmelsstürmerinnen 2, (Prosa, Lyrik und mehr, 2008)

 

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freiTEXT | Markus Anton

daphne oder alle herrscher sterbender welten

ne bessere frau nen besseren job ein schnelleres motorrad längere kürzere hellere dunklere haare besser leben nachhaltiger leben und scheiß auf nachfolgende generationen ein haus mindestens ne villa ein schloss eine insel der mond oder alle anderen bemitleidenswerten planeten hiv mit ner scherbe in die brust geritzt krebs in all seinen variationen und alle anderen krankheiten oder infektionen unheilbar heilbar bewegte bilder zu tode gevögelt re run re run größer kleiner mutterficker vatermörder duftwasser verwesungsgeruch sell buy gutes wetter schlechtes wetter artensterben leise laut grau der unendlichkeit die augen aus dem schädel reißen es versuchen das geräusch glühenden tabaks der sich in die unterarme brennt dann ne chesterfield drogen alkohol vergewaltigung einvernehmlich uneigennützig etwas erreichen irgendetwas my life is better than yours und kinderhände mit gebrochenen fingerknöcheln klammern sich an werte nachfolgender generationen nur mittelmaß erzielt durchschlagende erfolge der klang deiner stimme wirst du gefickt der klang deiner stimme fickst du alter egos auf hochglanz poliert samstag nachmittags massensterben staatlich gefördert dehumanise sportveranstaltungen arenen bitte vergessen sie nicht mich positiv zu bewerten hitler ghandi jede bewegung erzeugt ne gegenbewegung vergänglichkeit ist das problem der anderen mehr macht tödlichere waffen mordende krüppel too many puppys die andere wange hinhalten opfer scheißopfer ich

 

Markus Anton

 

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freiTEXT | Magdalena Baran

Nichts als Hitzefrei

Aufwachen. Es kommt von innen. Du machst die Augen zu. Noch ein bisschen. Es wird noch gehen. Nein, doch nicht. Du musst es angehen. Jetzt. Augen öffnen. Sonnenstrahlen durch Jalousien. Schatten am Bett und Boden. Wie Gitter. Schlafzimmer weiß, fast steril. Mit Gittern. 07:42. Kindergeschrei vom Hof. Geruch nach Eiern. Frühstück. Nicht für Dich. Du bist allein. Ganz allein. Drehst dich um. Er schläft. Drehst dich fort. Gut, jetzt raus. Stehst auf. Gehst in die Küche. Drehst Kaffeemaschine auf. Räumst Geschirr weg. Machst Kaffee. Räumst Wohnzimmer auf. Trinkst Kaffee. Drehst Notebook an. Trinkst Kaffee. Schreibst Text. Trinkst Kaffee. Die Angst noch da. 09:19. Dir wird heiß. Ganz heiß von innen. Brechreiz vom Kaffee. Kinder schreien weiter. Kein Geruch mehr. Frühstück aus. Wettervorhersage: heute 34 Grad. Heiß. Drinnen und draußen. Wunsch nach Abkühlung. Überall. Drinnen und draußen. Nicht auszuhalten. 09:27. Schaust aus dem Fenster. Klimaanlage wird montiert. Das nutzt auch nichts. Du weißt es. Es nutzt nichts. Machst Tür auf. Nimmst Zeitung. Titel: #Respekt. Uninteressant. Vollkommen lust- und antriebslos mit 33 Jahren. Jeder andere fröhlich und heiter. Karriereziele. Familienplanung. Selbstoptimierung. Für dich völlig sinnlos. Wunsch nach dem Ende. Bis dahin Zeit totschlagen. 09:53. Vielleicht doch Eier. Vielleicht hilft das – eine Eierspeise! …Eier vorzüglich mit Salz und Schnittlauch. Dazu Toast. Zeitung geht auch noch: Die Bereitschaft Lügen zu glauben ist enorm gestiegen. Glaubst du sofort und isst Eier. Geräusche. Er ist aufgewacht. Licht am Klo. Du isst. Und liest: Kein Staatsziel Wirtschaft –„Fataler Fehler“. Klar. Alles klar. War dir schon immer klar. Fehler macht man. Einmal. Zweimal. Dreimal. So schnell kann es gehen. Das ganze Leben verfehlt. Eierspeise aber doch ganz gut. Nur noch ein Bissen übrig. Zeitung schreibt: Auch der Pudel denkt sich was. Zweifellos. So wird es sein. Aus Langweile einen Hund zu kaufen. Das hättest du machen sollen. Diese Chance auch verpasst. 10:33. Spülung. Angst schon weniger. Eier und Zeitung helfen. Er geht zurück ins Schlafzimmer. Du allein im Wohnzimmer. Zeitung lesend, Eier essend. Leben im Wohlstand. Schön. Scheinbar Badewetter. Dann halt an den See. Gehst ins Bad. Duschen. Rasieren. Eincremen. Schminken. Badeanzug im Schlafzimmer. Er schläft nicht. Legst dich dazu. Er berührt dich. Du berührst ihn. Dir wird heiß. Nähe. 11:28. Du starrst an die Decke. Er neben dir. Alles lichtdurchflutet. Jalousien hochgezogen. Angst weg. Was machen wir heute? Baden? Ihr lächelt. Sonnig und heiter haben sie vorausgesagt. Es wird schön werden. Und heiß. Du weißt es.

 

Magdalena Baran

 

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freiTEXT | Marlene Gölz

Arbeitsdienst

Aspern/NÖ, 1942

Ich war 18. Eine trostlose Gegend. Rundherum: gar nichts. Das Lager, ok, da muss ich durch, dachte ich. Die Leiterin hat  zu mir gesagt: Du, da ist ein Ehepaar, Bauern, die haben gerade eine Tochter verloren. Das wär was für dich. Da schick ich dich hin. Na servus, dachte ich. Gut, ich hab meine Sachen gepackt und bin hin. Auf dem Hof: Nichts. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Ich hab geklopft, keine Reaktion. Dann bin ich ins Haus, bin in die Küche. Niemand da. Von der Küche die nächste Tür, stand ich schon im Stall, direkt daneben. Die Kühe von hinten. Dann hör ich ein Klopfen. Ganz regelmäßig. Es kam vom Hof. In der Tür war ein kleiner Spalt, da hab ich durchgeschaut. Stand da ein Mann, mitten im Hof, und hackte Holz. Das wird der Knecht sein, dachte ich und bin hin zu ihm. Grias di, sagte ich. Bist du der Knecht? Na i bin da Bau´, sagte er und ich dachte: Das fängt ja gut an. Er hat mir gleich aufgetragen, ich sollte den Hof kehren, und den Stall. Sauber aber, sagte er, sauber müsste ich das machen. Ich sags dir, ich hab den Stall geputzt und gewischt, dass die Kühe ausgerutscht sind, so sauber.

Einmal musste ich auf dem Feld Disteln stechen, den ganzen Tag. Nicht mit einem Spaten, sondern mit dem Taschenmesser. Bei brennender Hitze. Ich konnte nicht genug arbeiten bei denen. Am Abend schimpfte mich die Lagerleitung, weil ich zu spät heimgekommen bin. Du musst schon pünktlich sein, hörst du? sagten sie. Aber ich hatte keine Uhr, wir durften keine Armbanduhr tragen bei der Arbeit. Da hat die Bäuerin eine Küchenuhr gekauft, mit aufs Feld genommen und in die Ackerfurche gesteckt. Aber weißt du was? Da konnte sie nicht ticken, die Uhr, in der Furche. Bin ich wieder zu spät gekommen. Das war was. Bald war ich die Einzige, die eine Armbanduhr tragen durfte. Waren keine guten Leut, dieses Ehepaar. Und mir hat gegraust, beim Essen. In der Küche sind die Hühner herumgerannt und zu Mittag stand ein großer Topf in der Mitte, alle haben draus gegessen. Und wenn sie fertig waren, haben sie den Löffel noch mal ordentlich abgeschleckt und ihn zurück in die Schublade gelegt. Ich hab mir aus dem Lager meinen eigenen Löffel mitgenommen, eingewickelt in ein Geschirrtuch, jeden Tag.

Irgendwann kam ein Bauer vom Nachbarort ins Lager, der sagte: Wir brauchen dringend eine, aber eine die sich nicht vor Tieren fürchtet. Das ist meine Chance, dachte ich und hab mich gemeldet, obwohl ich ja kaum Erfahrung hatte. Da bin ich dann hingekommen, zu den nächsten Bauern. Liebe Leut. Bei denen konnte ich bleiben. Haben einen Korb mitgenommen aufs Feld, eine Jause und was zu trinken. Und das mit den Tieren, das hab ich ganz gut hingekriegt. Hat sich sogar herumgesprochen. Einmal musste ich ein Kalb zu einem anderen Bauern treiben, quer durch den Ort. Mitten auf dem Marktplatz ist es stehen geblieben, es wollte partout nicht weitergehen. Es ist ja nicht so leicht, die gehen ja nicht immer wenn sie sollen. Ja was mach ich jetzt, sagte ich mir. Da stand ich, links den Strick, rechts einen Stock. Aber ich kann das Kalb ja nicht schlagen, dachte ich. Dann ist mir eingefallen, was sie immer gesagt haben: Wenn eine Kuh nicht gehen will, einfach den Schweif raufdrehen. Na das hab ich gemacht. Du, das Viech hat einen Satz getan, mir ist ganz anders geworden. Der Strick hat sich immer enger um mein Handgelenk gezogen und irgendwann war der Strick halt aus. Und da hab ich Hilfe gerufen weil ich es nimma halten konnte. Dann sind zwei Männer gekommen, die haben mich gehört, und begleitet.

Bald ist ein anderer zum Hof, der hat nach mir gefragt. Du kannst doch mit Tieren, sagte er. Da ist eine Kuh, die will nicht in den Wagon, Schlachttransport, wir brauchen Leut. Bin ich halt mit. Als ich den Stall betreten hab, stand da keine Kuh sondern ein Riesenstier mit Scheuklappen. Mir ist ganz anders geworden. Ich eh so klein, stand ich da, mit meinen Zöpfen, und sollte den Stier dazu bringen mitzugehen. Da hab ich einfach zu reden begonnen. Damit er sich an meine Stimme gewöhnt. Hab ihm irgendwas erzählt, und bin dann langsam immer nähergekommen. Und als ich dann vor ihm stand, hab ich ihm vorsichtig die Hand auf die Stirn gelegt, ihn gestreichelt und immer weitergeredet dabei. Und dann ist er mitgegangen mit mir. Bis zum Wagon. Bei dem Ehepaar bin ich geblieben, bis zum Schluss. Die waren gut zu mir.

Viele Jahre später, ich war längst verheiratet und meine zwei Buben erwachsen, war ich mit meinem Mann mal in dieser Gegend. Du, wenn wir schon da sind, sagte ich zu ihm, schaun wir doch, ob das Lager noch steht. Das Lager stand nicht mehr. Aber den Bauernhof haben wir gefunden. Ich bin ausgestiegen aus dem Auto, mein Mann ist sitzengeblieben, bin zur Tür und hab geklopft.

Bist du der Bauer hier?, hab ich gefragt.

Und er: Ja, der bin ich.

Kennst mi nu?

Freilich, hat er gesagt, du bist die Öfried.

Er hat immer Öfried gesagt zu mir, nicht Elfriede.

Deaf i einakuma?

Kum eina, hat er gesagt.

Wir haben uns so gefreut, uns zu sehen. Er war lieb. Aber es war auch traurig, weil es war so armselig in der Stube. Seine Frau hat ihn verlassen und alles mitgenommen. Die hat ihn ruiniert, die hat ihm alles genommen. Sein Selbstvertrauen, weißt du. Wir haben uns die Hand gehalten, der Bauer und ich. Und irgendwann kein Wort mehr geredet. Nach einer Weile bin ich aufgestanden, zurück zum Auto, zu meinem Mann.

 

Marlene Gölz

 

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freiTEXT | Markus Grundtner

Das eine, das andere und das seltsame Dazwischen

Das eine, was ich in meinem Studium der Rechtswissenschaften gelernt habe, ist, dass es keinerlei Sinn hat, Vorlesungen zu besuchen.
Zum Beweis dafür möchte ich von meiner Einführungsvorlesung in die Rechtsphilosophie berichten. Mittlerweile nenne ich diese Episode liebevoll „das seltsame Dazwischen“.

Am Anfang meines Studiums sitze ich also in der ersten Reihe des größten Hörsaals des Juridicum Wien.
Da taucht hinter dem Vortragspult plötzlich – so als hätte er sich dort bis zu diesem Moment verborgen –, ein grauhaariger und grünbebrillter Mann auf, der bekleidet ist mit einem Sakko (perfekt sitzend), einer Jeans (ausgewaschen) und einem Hawaiihemd (sauber gebügelt).

Der Mann stellt sich dem Hörsaalplenum nicht vor. Aus diesem Grund heißt er ab nun der Einfachheit und Anschaulichkeit halber Herr Just.

Just eröffnet seine Einführung in die Rechtsphilosophie mit den Worten: „Unendlich ist das Universum, zahllos seine Normen.“

Er tritt an die große grüne Tafel und schreibt die Worte „Sein und Sollen“ darauf. Er sagt: „Das Universum existiert und seine Normen gelten. Die Existenz des Universums lässt sich auf das Faktum des Urknalls zurückführen, die Geltung aller Normen auf die Geltung der allerersten Norm – der Urnorm. Es gilt nun, diese Urnorm zu entdecken, um das Innerste des Universums zu erkennen.“

Just beginnt Rechnungen auf die Tafel zu kritzeln. Die Zauberformel „nicht prüfungsrelevant“ bleibt unausgesprochen. Alle schreiben mit.

Just rechnet weiter wild vor und sagt dabei: „Mathematisch gesehen ist die Urnorm der Quotient aus einer Division von Alpha und Omega oder die Summe einer Addition von Non plus Ultra. Die Urnorm ist aber – gleichgültig nach welcher Berechnungsart – eine Kommazahl. Jenseits des Kommas steht eine weitere Zahl. Wen es interessieren sollte: Das ist Gott. Aber das wird gnadenlos abgerundet.“

Ich schüttle meine Hand. Sie schmerzt vom Mitschreiben. Ein wenig erschöpft frage ich mich, ob ich in meinem Studium nun bereits so große Fortschritte gemacht und derart grundlegende Erkenntnisse gewonnen habe, dass es jetzt schon zu spät für mich ist, noch österreichischer Bundeskanzler zu werden.

Just fährt unbeirrt fort und sagt: „Die Mathematik bringt uns aber – wie so oft – nicht weiter.“

Alle Anwesenden nicken.

„Mathematik ist nicht Recht. Sie können also alles vergessen, was wir gerade besprochen haben.“

Alle Anwesenden starren auf ihre schmerzenden Hände.

Just sagt: „Wir müssen die Urnorm auf juristischem Wege suchen: Die Urnorm findet sich am Anfang einer langen juristischen Verweiskette von Paragraphen und Artikeln, die sich wiederum in Absätze, Sätze, Ziffern und Buchstaben aufgliedern.“

Ein Raunen geht durch den Hörsaal, welches Just anscheinend als Ausdruck des erfreuten Erstaunens fehldeutet.

„Begleiten Sie mich auf meiner legistischen Expedition! Uns erwartet eine eingehende Betrachtung aller Menschenrechte gegenübergestellt mit allen Verkehrsschildern, aber auch eine diffizile Untersuchung des Völkerrechts im Vergleich mit den allgemeinen Geschäftsbedingungen von Mobilfunkverträgen und zu guter Letzt eine tiefschürfende Analyse des Gewohnheitsrechts unter Zuhilfenahme der Anleitungen sämtlicher Brettspiele des Universums.“

Nun versucht Just, den Beamer zum Laufen zu bringen. Dieses traurig anzusehende Unterfangen ist gleichbedeutend mit einer Pause, die eine halbe Stunde dauert.

Als Just die Widerstände der Technik überwunden hat, projiziert er ein Regelwerk an die Wand des Hörsaals.

Er nennt es: „Die zehn Gebote (novelliert)“.

Dann trägt er die einzelnen Paragraphen vor, als wäre der nichtfunktionierende Beamer (der lediglich eines einfachen Drucks auf die Einschalttaste seiner Fernbedienung bedurft hat) ein Berg gewesen, von dem Just soeben mit seinen zehn Geboten herabgestiegen wäre.

Sein Gesicht leuchtet, als er vorträgt:

„§ 1. Gesetze der Natur und Gesetze des Menschen sind unvollständig.

§ 2. Es gibt keine Regel ohne Ausnahme. Gäbe es eine Regel, die keine Ausnahme hätte, dann wäre die Regel selbst die Ausnahme, weil alle anderen Regeln Ausnahmen haben.

§ 3. Die Ausnahme davon ist die Urnorm.

§ 4. Je mehr Paragraphen oder Artikel eine Norm aufweist, desto größer ist ihre Entfernung von der Urnorm.

§ 5. Das Universum ist die Manifestation der faktischen Kraft des Normativen. Der Mensch hingegen ist der Sklave der normativen Kraft des Faktischen.

§ 6. Der Mensch erlässt mehr und mehr Normen, anstatt die bestehenden Normen allesamt und sofort aufzuheben. Der Mensch muss aufhören, ein Mensch zu sein. Wenn der Mensch die Urnorm entdecken will, muss er zur Urnorm werden.

§ 7. Die Urnorm hat sich verselbständigt, seit es den Urnormsetzer nicht mehr gibt. Daher sieht das aktuelle Universum auch so aus, wie es aussieht: Chaotisch, unlogisch und immer schlechtes Wetter.

§ 8. Wer die Urnorm kennt, begreift den Anfang des Universums. Wer den Anfang des Universums begreift, versteht, wie das Universum funktioniert, und kann das Universum neu normieren.

§ 9. Im Gegensatz zum aktuellen Universum ist das zukünftige Urnorm-Universum nicht revidierbar. Es stünde kein Rechtsmittel offen, welches die Aufhebung des Universums ermöglichen würde. Denn wenn alle Menschen die Urnorm erkannt haben und nach dieser Erkenntnis handeln, gibt es keine Formalfehler mehr.

§ 10. (1) Wenn aber eine Norm auftauchen sollte, die niedergeschrieben wurde, und als Urnorm betitelt ist, kann es nicht die Urnorm sein.

(2) Wenn ein Mensch vor einer Ansammlung anderer Menschen tritt, und Inhalte vorträgt, die nach Angaben des Vortragenden zur Urnorm führen oder die Urnorm gar beinhalten, kann dieser Mensch nicht der Verkünder der Urnorm sein.

(3) Die Urnorm ist jeglicher Form der Verschriftlichung unzugänglich. Die Urnorm ist und bleibt ungeschrieben. Die Urnorm ist perfekt. Denn nur das, was ungeschrieben ist und ungeschrieben bleibt, kann perfekt sein und perfekt bleiben.“

Hier endet der Vortrag von Just nicht: Er versteigt sich in unzähligen weiteren Absätzen, Sätzen, Ziffern und Buchstaben seines zehnten Gebots in die Beschreibung seiner Urnorm, so als wäre sie ein Wirbel im Zentrum des Universums, in den er hineingefallen ist.

Nach gut zwei Stunden verständigt jemand den Sicherheitsdienst der Universität. Just wird Hörsaalbesetzung vorgeworfen. Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes führen ihn ab und übergeben ihn – als Reaktion auf diverse minderschwere Handgreiflichkeiten seinerseits – den Organen der Strafverfolgungsbehörden.

Für den Rest des Semesters fällt die Vorlesung aus. Wir mögen bitte einfach daheim in unseren WG-Zimmern das Lehrbuch auswendig lernen, so wie alle vernünftigen Studenten es tun, teilt uns die Fakultätsleitung mit.

Just sehen wir niemals wieder. Das ist übrigens das andere, was ich in meinem Studium gelernt habe: Bloß, weil jemand das Recht hat, sich in einem Bagatellstrafverfahren selbst zu verteidigen, heißt das noch lange nicht, dass er von diesem Recht auch Gebrauch machen sollte.

Markus Grundtner

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freiTEXT | Mario Huber

5. Branco, der Beschützer

Als Branco klein war, wuchsen Katzen auf den Bäumen. Es gab kleine Bäume mit roten und gefleckten Katzen, es gab große Bäume mit länglichen, dunkelgrünen Blättern, die schneeweiße Katzen trugen und es gab Büsche mit schwarzen Katzen, die im Wind wild fauchten. Branco war kaum vier Jahre alt, als er mit seiner Familie sein Dorf verließ. Aber nicht nur das: Er und seine Familie zogen nicht nur in ein anderes Dorf oder einen anderen Landesteil, sondern sie zogen in ein anderes Land. Dort sah er Katzen wie Hunde durch die Straßen laufen, aber keinen einzigen Katzenbaum. Langsam vergaß er die Landschaft seiner Kindheit, vergaß die Menschen, die Gesichter, die Gerüche, die Autos, die Süßigkeiten im Geschäft und an der Tankstelle und schließlich auch die Katzenbäume. Die Welt um ihn herum schien einzuschlafen. Mit neunzehn Jahren begann Branco zu studieren. Er wollte Arzt [1] werden. Da er nicht sehr reich war, suchte er nach Arbeit, um dem Träumen ein Ende zu setzen. Da entdeckte er eine Anzeige am Schwarzen Brett der Universität: Suche Beschützer. Sehr gute Bezahlung. Branco war ein Beschützer, dass wusste er von sich. Er wählte die Nummer auf dem Zettel und wartete gespannt mit dem Telefon am Ohr. Nachdem es dreimal geläutet hatte, wurde das Telefon am anderen Ende abgehoben und eine Stimme, weder männlich noch weiblich, aber sehr alt, fragte: Bist du mein Beschützer? Branco antwortete: Ja. Die Stimme holte tief Luft und sagte: Dann komm heute kurz vor Sonnenuntergang zu mir, ich werde dir deine Aufgabe erklären. Nimm nichts mit was dir lieb ist, aber bring mir eine Sache, die du nicht entbehren kannst. Dann hörte Branco nur noch ein Klicken und das Gespräch war beendet. Er wollte noch nach der Adresse fragen, aber aus einem unbestimmten Grund wusste er sie ohnehin. Seltsam, dachte Branco.

Mit dem Gefühl, einen schweren Stein um seinen Hals zu tragen, fuhr Branco mit seinem Fahrrad los. Der Wind strich ihm durch die Barthaare. Je näher er dem Hügel am Rande der Stadt kam, desto mehr veränderte sich die Umgebung, die Häuser wurden schöner, größer und vor allem älter. Als er sein Fahrrad vor der schönsten, größten und ältesten Villa abstellte, trug er das Gewicht der ganzen Welt um den Hals. Kaum hatte er sein Rad versperrt, öffnete sich die Tür der Villa einen schmalen Spalt und Branco meinte ein leises Schnurren zu hören. Doch dann trug der Wind diese fort und Branco wurde von einer Hand, ganz versteckt im Türrahmen, näher herangewunken. Hast du mir etwas mitgebracht, was du nicht entbehren kannst?, fragte die Hand. Doch bevor Branco antworten konnte, schob die Hand die Tür auf und ein freundliches Gesicht gesellte sich zu ihr. Vielen Dank, sagte das Gesicht, du bist jetzt mein Beschützer. Mit einem Mal hoben sich Brancos Schultern vor Leichtigkeit.

Komm nur herein, sprach das Gesicht weiter, ich werde dir deine Arbeit erklären. Es ist nicht viel, was du tun musst. Es ist eigentlich nur eine Kleinigkeit. Branco spitzte seine Ohren. Das Gesicht zog plötzlich seine Augen zusammen und die Hand griff nach etwas im Dunklen. Branco wich zurück und versuchte, er wusste nicht warum, sich zu entspannen. Ohne Übergang wanderten die Augen wieder an ihre übliche Stelle und die Hand tänzelte ruhig. Der Moment schlicht lautlos um die Ecke. Du musst die Katzen aus meinem Garten vertreiben, hörte Branco schließlich. Sie sind eine Plage. Sie verwüsten alles und machen vor nichts Halt. Wenn ich noch eine Katze in meinem Garten sehe… Der Satz blieb unvollendet, stattdessen verschwand der Schlaf aus Brancos Welt. Die Menschen, die Gerüche, die Bäume fielen ihm wieder ein. Wo ist der Garten, fragte er. Hinter dem Haus, bei dem Bäumen, dort wo die Katzen sind, antwortete er sich selbst. Als er in den Garten blickte, für alles bereit, hatte er das Gesicht bereits vergessen, nur die Hand reichte ihm noch sein Werkzeug.

Im Garten öffnete sich der Himmel plötzlich und ein letzter Sonnenstrahl vor der tiefen Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht richtete sich auf eine bestimmte Stelle. Als Branco seinen Blick dem Licht folgen ließ, sah er die Sonne in den Augen einer jungen Katze leuchten. Er hob sein Werkzeug, das er erst in diesem Moment als Hammer erkannte, und schleuderte es in Richtung der funkelnden Augen. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Tagen und Wochen immer und immer wieder. Sobald die Sonne durch die Wolken brach, erschien eine Katze und Branco schützte das Haus und seinen Bewohner. Das Denken fiel Branco leicht in dieser Zeit. Die Dinge fügten sich ineinander und auf jeden Tag folgte eine traumlose Nacht. [2] Er hatte aufgehört die Katzen zu zählen und war erfüllt von seiner Aufgabe.

An einem Abend, der nahende Herbst lag bereits in der Luft, fand Branco einen Zettel im Garten. Er lag im hintersten Winkel, an einer Stelle, an der Boden bis zum Ende des Frühlings noch vom Winter feucht blieb. Er hob den Zettel, der von oben bis unten mit kleinen, sehr feinen Buchstaben beschriftet war, auf und begann zu lesen: An den Wächter des Hauses und an den Überbringer der Taten: Ich sehe dir bei deiner Aufgabe jeden Tag zu. Du bist sehr mutig und gewissenhaft, das ist zu loben. Du bist aber auch ungerecht und vorschnell, das ist zu verurteilen. In einer Woche wird deine Arbeit enden und was du geborgt hast, obwohl du es nicht entbehren kannst, wird dir für immer genommen. Nur ich kann dir helfen, es wieder zu finden. Lasse die nächste Katze, die den Garten betritt, passieren und ich werde dir ein Beschützer sein. Branco hatte den Zettel kaum fertiggelesen, da erfasste ihn ein Windstoß und mit leisem Fauchen flog er davon.

In den folgenden Tagen ließ sich keine Katze im Garten blicken. Weder morgens, noch mittags, noch abends. Jeden Tag ging Branco unverrichteter Dinge nach Hause. Mit jedem Tag wurde er angespannter. Der Garten hatte sich bereits auf den Winter eingestellt und der Wind trug die Kälte in Brancos Gesicht. Plötzlich saß eine Katze im Garten. Sie hatte ein dunkles Fell und ihr fehlte eine Pfote. Branco vertrieb sie aus dem Garten. Im selben Moment öffneten sich die Tür in seinem Rücken und der Himmel. Eine Hand und ein Vogel schossen heraus und fassten Branco am Kopf und am Hals. Die Tür schlug wieder ins Schloss und der Vogel verschwand in der Hand samt Brankos Gleichgewicht. Der Boden unter ihm und der Wind neben ihm vermischten sich, die Luft bestand aus Federn. Die Tür öffnete sich abermals und das Gesicht trat heraus, nahm Brancos Augen und verschwand damit. Er spürte Katzen um seine Beine. Seine Haut war nicht mehr vom Fell zu unterscheiden. Er wollte nach den Katzen fassen, aber sie hatten seine Finger und Hände genommen. Zwischen all dies schob sich ein leises Geräusch, ein Summen und Pochen. Langsam formte sich daraus eine Stimme, Worte und Sätze. Als Branco die Worte, die Sätze, die Stimme verstand, konnte sie keiner außer ihm noch hören.                                                                                            , sagte die Stimme. Dann wurde die Welt wieder still und Branco begann zu träumen. [3]


[1]

Arft W, burd) D0ftor erie$t (aber itt Wult1tbar;t, Xi et a ròt 110&) Vovutàr gebliebett); id)01t im 16. òûf)tf). Itillttllt 2 0 C t O r bie •S2tr3t' alt (1561 30c 1616 126 20C to r e Ì) fiir CS2)tebicirt i , bellifd) 127 alld) 2 octor filt '21?3f ; id)01t im 17. òabrf)S. b er b o c te ril („id) fiabe (o biel berboctert" )ìic. Xolcflttar, 40 Dialogi 1625 21, 162 b). 21 lilliere arzât, arÀt SIR. : tilt ipe;ififd) btllt ill horse-leeell 'Tierar3t'; bd31t Itbb. (Sigeltltalltc d) It e r làehentere (bei. 'fili inti$er eeifrdl'it'). ealttlilf)t at)b. arzât mit arzïter areiàtor archiâter filt bCV111ittef11 jillb Ilitf)t Xed)lt. gtiecf). iriif) illS (bgl. r), ftetà*erillittlltltg. Ciliâtge medico, mire, f13. médecin, òie freitid) iillb ;l'iber arz- Z!ertrettr At. c;ezt-i. 2ie Illittelrtyeitt. abi. arzâttat. artista ilt (diltlid) mirò Ilttat. artista fili' YAebi3i1tcr artiste vétérinairej ; dltd) iit òCllt [iltevell treiietl archiatri bereite bei belli •tQ1tfe11fi11ig (Sl)ilüfreri bei (Sh•ofitlt. — E. i. Arzyenei.

 

[2]

Europa III

Meine Eisenbahn fährt:
Von Dundee bis nach Sarajevo,
nicht ganz.
Vom Polarlicht bis zum Bosporus,
nicht ganz.
Sie ist blankgeputzt,
freundlich besichtert.

Sie ist:
rot wie die Liebe,
blau wie die Liebe,
grün wie die Liebe,
gelb wie die Liebe.
Und weiß, natürlich.

 

[3]

 

Mario Huber

 

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freiTEXT | Jürgen Flenker

Inseln

Niemand ist eine Körperschaft, niemand kann aus seiner amtlichen Haut. Die meisten halten gerade in turbulenten Zeiten an ihrem Inseldasein fest. Splendid isolation. Umso wichtiger ist es, den Stürmen zu trotzen und an ortsveränderlichen Geräten festzuhalten. Die Zentren wandern, die Peripherien sind auf dem Vormarsch. Aktuellen Wachstumsprognosen zufolge kann es auch umgekehrt sein. Mehr denn je kommt es darauf an, wo man steht. Oder fällt.

Freilich kann eine solche Entwicklung, zumal im öffentlich-rechtlichen Raum, leicht zu Verwerfungen führen. Die alten Feindschaften pflanzen sich fort, nicht zuletzt bei Stromausfall. Den Bäumen kann das nur recht sein. Zum Glück gibt es lichte Haine und Strukturfonds für Gebiete mit Entwicklungsrückstand. Nachschub durch Breitbandversorgung. Die Enge hat abgewirtschaftet, das Dickicht wird gelichtet. Überall mehr Durchlässigkeit, ausgebleichte Flecken, saubere Schnitte.

Osmotischer Austausch. Auch zwischen Ost und West. Formlose Anschreiben genügen. Abholzungen sind selten und behördlich genehmigt.
Und dennoch, allen Migrationshintergründen zum Trotz: Das Kirchturmdenken bleibt im Dorf. Der stumme Organist zieht die letzten Register der Stille, die krummen Alleen entziehen sich den Kurvendiskussionen durch Flucht. Auf den katzengebuckelten Gassen lauter Leisetreter. Flurbereinigung war gestern. In den windstillen Ecken wird am geldwerten Vorteil der Zukunft gearbeitet. Spatzen flattern über abgefrühstückte Felder und aus dem Licht, das über den Ackern aufgeht, stricken sich die Bevollmächtigten amtliche Westen mit Silberstreifen.

Ca ira!

Jürgen Flenker

Aus dem Buch ‚All over Heimat‘ (Hg. von Matthias Engels, Thomas Kade, Thorsten Trelenberg; stories & friends 2019) - Leseprobe

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freiTEXT | Stefan Reiser

St. Marienkirchen

Wie es mir denn gehe, was ich denn so treibe, man höre und sehe ja seit Jahren nichts mehr von mir, stürzte sie bei der Hochzeit eines gemeinsamen Freundes auf mich zu. Vorigen Sonntag erst, sagte ich, sei im Festsaal des hiesigen Kirchenwirts die letzte Vorstellung meines Stückes gewesen. Ausgerechnet der Dernière sei, zum größten Bedauern des Ensembles, nicht der andernorts übliche Publikumsandrang beschert gewesen. Wo das denn zu lesen gewesen sei, sie sogleich, sie habe nichts erfahren. Lobpreisung in jeder Zeitung, auf allen Titelseiten mein Gesicht, ich darauf, wie komme es nur, dass ihr das entgangen sei? Wo sie jetzt wohne, ob in Kopfing, Pimpfing, im Ausland oder gar in St. Aegidi? Sie lachte und erzählte, wie sie vor einigen Jahren mit ihrem Mann ein Haus gebaut habe, hier in St. Marienkirchen, gleich dort drüben, hinter der Kirche stehe es. „Armes St. Marienkirchen“, ich wiederum, „wohin die Post nichts mehr austrägt! Seltsam ...“, schob ich um mich blickend noch eins hinterher, „ist da nicht bis vorigen Sonntag überall plakatiert gewesen? Habe ich nicht selbst vor, neben und hinter der Kirche die Werbeständer aufgestellt?“ Kurzes Schweigen. Dann ich, bemerkend, zu weit gegangen zu sein, einen Schritt zurück; dann sie, ich solle ihr nächstes Mal persönlich Bescheid geben, wenn ich wieder etwas veranstalte, unbedingt rechtzeitig, damit sie sich von Kind und Kegel freinehmen könne; dann ich, mich wegdrehend, dass zum jetzigen Zeitpunkt an ein nächstes Mal nicht zu denken sei - ein ganzes Jahr hätte ich sieben Tage die Woche gearbeitet, ich bräuchte nun dringend eine Pause -, worauf sie ein „Aber freilich, jaja!“ erwiderte und dass wir uns nach der Kirche sicher noch sehen würden, auf einen weiteren Plausch, aber genau verstand ich nicht mehr, was sie sagte, der Abstand war schon zu groß.

Drei Jahre später, auf dem Kirtag, sah ich sie wieder. Ob alle die Ihrigen seien, sprach ich sie an und meinte drei kleine Buben, die sie, während sie sich um den vierten im Kinderwagen kümmerte, mit Wasserpistolen und Holzschwertern umkreisten. Gott, nein, sagte sie, der mit der Rüstung gehöre ihrer Schwester. Oha, Katharina – das war, wie könnte ich ihn je vergessen, der Name ihrer etwas jüngeren Schwester –, wie es ihr denn gehe, was sie denn so treibe, wollte ich wissen, und wo sie stecke, sie könne sich doch nicht einfach so aus der Affäre ziehen, während auf ihren Kleinen mit einem Waffenarsenal pausenlos eingedroschen werde, einfach so aus dem Staub machen und alle anderen, die sie brauchen und lieben, sich selbst überlassen. Ganz so schlimm sei es nicht, ich tue ihr unrecht, zumal Katharina heute mit ihrem Mann auf der Baustelle sei, gab sie zurück. Dem einzig Unbewaffneten wurde jetzt ein Häubchen aufgesetzt. „Hinterm Kirchenwirt, das zweite Haus rechts, mit der Doppelgarage, schau’s dir an.“ Außerdem habe „Tante Kathi“ in der Vergangenheit immer auf die Lausbuben aufgepasst, Tag und Nacht auf Abruf. Nun sei es an der Zeit, sich zu revanchieren. Das dürfe sie gar nicht laut sagen, aber dank ihrer Schwester habe sie in den letzten zehn Jahren eigentlich nie aufs Fortgehen verzichten müssen, trotz Kind und Kegel.

Zu alledem schwieg ich. Eine Einladung zum Grillabend lehnte ich ab, dankend, und unter Angabe fadenscheiniger Gründe. Nicht unser Gespräch vor drei Jahren, sondern der Tanzkurs vor zwanzig Jahren, als sich ihre Schwester zu einem Abbruch gezwungen sah, war mir wieder eingefallen.

 

Stefan Reiser

www.stefanreiser.com

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