freiTEXT | Luca Bognanni

Der Bobbel

42 Tage, 12 Stunden, 21 Minuten. So lange saßen sie jetzt hier. Sie wussten das, weil die Stoppuhr immer noch lief. Sie hatten sie zu Beginn gestartet und seitdem ratterten die Ziffern ununterbrochen um die Wette, die Zahlen jagten einander ohne sich einzuholen, ohne Rast, konstant und zuverlässig zogen sie vorüber. Immer wenn nach 24 Stunden das Rennen von vorn begann, ritzte einer der Beiden mit dem Armbanddorn einen Strich ins Holz und so wussten sie eben, dass es 42 Tage, 12 Stunden und bald 22 Minuten waren, die sie mit den Augen die Digitalanzeige der Stoppuhr fixierten und hin und wieder einen Strich in die Wand kratzten. Sie hatten sich mit der Situation arrangiert. Eingerichtet, hatten sie sich, so sehr wie man es sich in einem Kleiderschrank eben einrichten konnte. Immerhin zwei klapprige Campingstühle hatten Platz gefunden und auf denen hockten sie jetzt und schwiegen sich an, denn sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Der Eine von ihnen verzog hin und wieder das Gesicht, er runzelte dann die Stirn, blinzelte mit den Augen, und schob die Brauen so gewaltsam zusammen, dass die Furchen auf der Stirn kleine Rettungsgassen bildeten. Die Andere stützte dagegen die Ellenbogen auf den Knien ab, krümmte den Rücken und vergrub das Gesicht in die aufgefächerten Hände. Sie taten das immer, wenn er durchs Treppenhaus polterte. Schwer und unbeholfen. Jeder Schritt war eine Detonation. Der Schrank begann dann zu zittern, das Holz pulsierte, Staub wirbelte durch die Luft. Mit jedem Tag wurden die Schritte derber, die Schwingungen gewaltiger, die Beben häufiger. Das ganze Haus wippte mittlerweile, wenn der Bobbel auf die Stufen stampfte.

Der Bobbel hatte sich eingeschlichen. Heimlich und harmlos. Am Anfang hatten sie es gar nicht so recht mitbekommen. Irgendwann war er eben da gewesen. Der Eine war sich sicher, dass die Andere ihn angeschleppt hatte, aber wann genau, dass konnte er beim besten Willen auch nicht mehr sagen. Irgendwann war er halt da, der Bobbel. Da hatte sie ihm gesagt, er solle den Bobbel doch bitte mal aufheben und dabei hatte sie auf den kleinen kugelförmigen Teigklumpen, der von der Arbeitsfläche auf die Fliesen gefallen war, gezeigt. Und er hatte den Bobbel aufgehoben und jetzt verfluchte er diesen Tag. Der Bobbel hatte sich schnell nicht mehr nur auf Teig beschränkt. Er war übergesprungen auf andere Dinge. Einmal da, konnte er vieles sein. Ein Wollknäuel, eine Bodenwelle, ein Tennisball. Alles Rundliche wurde fortan Bobbel genannt. Erst von der Anderen, etwas später von dem Einen. Frikadellen, Bäuche, Keksdosen – alles Bobbel. Irgendwann, als bereits Gebäckstücke, Küchengeräte und Gymnastikbälle zum Bobbel geworden waren, hatten sie es gemerkt. Da hatte die Andere zu dem Einen an einem Montagabend als sie in der Küche standen gesagt, sie habe es vergessen den Bobbel an die Straße zu stellen und mit Bobbel meinte sie den Müllsack und da hatten sie sich kurz in die Augen geschaut und mussten beide herzlich lachen, denn den Müllsack hatte bisher nun wirklich niemand Bobbel genannt. Und jetzt konnte plötzlich alles ein Bobbel sein. Schuhe, Kerzen, Steuererklärungen, Bademeister, Frischhaltefolie. Alles Bobbel. Wenn Gäste bei ihnen zu Besuch waren, kam es nicht selten vor, dass sie kein Wort verstanden. Zu weit erstreckte sich der Bedeutungshorizont des Wortes mittlerweile. Zwischen Sonnenschirm und Chicken Nuggets, konnte alles ein Bobbel sein. Der Eine und die Andere hatten dagegen längst gefallen am Bobbel gefunden. Sie schauten sich dann verschwörerisch an, wenn um sie herum alles rätselte, ob mit Bobbel jetzt gerade der Salzstreuer oder der Buchsbaum im Nachbarsgarten gemeint war. Der Eine und die Andere dagegen wussten immer was gemeint war. Sie achteten darauf ob die Augen beim Sprechen zusammengekniffen waren, ob sich die Lippen zu einem langgezogenen Oval formten, ob ein Akzent auf den ersten Vokal gesetzt wurde, ob die zweite Silbe verschluckt oder das „l“ sich, beinahe französisch, wie ein Kaugummi in die Länge zog. Der Bobbel konnte sich für sie ganz unterschiedlich anhören. Mal war er eher ein „Bòbbel“, mal fast schon ein „Bobbèl“, manchmal ein „Bobelle“ und nicht selten auch ein „Bobbl“. Der Eine und die Andere verstanden immer was verlangt war, wenn vom Bäcker ein Bobbel mitgebracht werden sollte. Auch jetzt, wo sie seit 42 Tagen, 12 Stunden und fast 25 Minuten im Schrank festsaßen, wussten sie: Es war die beste Zeit ihres Lebens.

Problematisch war es geworden als sich der Bobbel nicht mehr nur auf Nomen beschränkte, sondern sich auch nach und nach Verben und Adjektive zu eigen machte. Sätze wie „was bobbelst du hier rum?“, „ich dachte heute Abend bobbeln wir mal wieder“ oder „du wolltest doch den gebobbelten Bobbel anziehen?“ vermehrten sich exponentiell. Längst nannten die Andere und der Eine sich gegenseitig nicht mehr beim Namen, sondern sprachen auch in Anwesenheit anderer von ihrem Bobbel. Die ersten Missverständnisse entstanden schnell. Da hatte der Eine der Anderen statt eines Pfunds Mehl einen Staubsaugroboter aus der Stadt mitgebracht und da hatten sie beide noch gelacht, aber es war nicht dieses Lachen wie damals beim Müllsack, es war ein angespanntes Aufgrunzen, weil die Andere mit dem Staubsaugroboter ja jetzt keinen Bobbel backen konnte. Und es wurde immer schwieriger über die Missverständnisse hinwegzusehen, denn die Massagestühle, Mikrowellen und Thermodecken, die statt der gemeinten Marmeladen, Sparschäler und Deo-Roller angeschafft wurden, stapelten sich bereits. Einmal war die Andere für eine Woche verschwunden, nachdem der Eine sie gefragt hatte, ob sie sich am Bobbel träfen, weil sie schon so lang nicht mehr da gebobbelt hätten und dann war sie aber nicht in der Schlange ihrer Lieblingseisdiele aufgetaucht, sondern zu dem Ferienhaus an der Nordsee gefahren und hatte sich gewundert, warum er denn nicht da einträfe. Das war der Punkt, an dem sie gemerkt hatten, dass hier irgendwas schieflief. Dass der Bobbel sich viel zu breit gemacht hatte in ihrem Haus, ihrer Garage, ihrem Leben. Dass man ihn jetzt mal rausschmeißen müsse wie damals den Müllsack. Und so hatten sie sich zusammengesetzt, um eben diesen Rauswurf zu besprechen und als sie da saßen merkten sie plötzlich das ganze Ausmaß des Unheils. Dass sie den Bobbel gar nicht mehr rauswerfen konnten, weil er schon viel zu groß und breit geworden war. Und das war ja auch kein Wunder, denn sie hatten ihn gefüttert mit allem möglichen. Erst jetzt bemerkten sie, dass der Bobbel mit ihnen am Tisch saß und er lachte über sie, weil es ihnen so lange gar nicht aufgefallen war. Und jetzt wurde ihnen bewusst, dass sie gar nicht mehr miteinander sprechen konnten, weil ihr Wortschatz nur noch das Wort Bobbel kannte. Und so übernahm fortan der Bobbel das Sagen im Haus und sie das Schweigen. Und eines Tages, nachdem der Eine gerade vom Joggen nach Hause gekommen war, teilte ihnen der Bobbel mit, dass sie jetzt leider beide in den Kleiderschrank ziehen müssten, weil der Bobbel gewachsen sei und noch mehr Raum benötige. Und das war vor 42 Tagen, 12 Stunden und gleich 29 Minuten gewesen. Und alles was sie hatten war eben jetzt noch diese Stoppuhr, die der Eine noch vom Joggen umhatte, und obwohl das Leben jetzt doch sehr eingeschränkt für den Einen und die Andere in diesem sehr engen Kleiderschrank war, tat es irgendwie gut auf die Digitalanzeige zu schauen, auf die Zahlen, die sich gegenseitig verfolgten, denn sie waren eben Zahlen und keine Wörter und kein Bobbel und das waren die schönsten Momente bis die Schrankwand wieder anfing zu zittern.

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Luca Bognanni

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freiTEXT | Saskia Raupp

Halstuchspiele in Kakanien

„Tut’s noch weh?“, fragte Dolores mit sanfter Stimme.

In Bademänteln rauchten sie auf der Sonnenterrasse der Ski-Hütte die ersten Zigaretten des Tages. Robert wusste nicht, ob sie sich über ihn lustig machte. Bislang hatten sie keine zehn Worte gewechselt. Deine Anwesenheit lässt mich alle Schmerzen vergessen, wäre wahr und gelogen zugleich gewesen, fand er als Antwort aber indiskutabel ‑ viel zu kitschig. So stellte er sich Dialoge in Bestsellern vor, die er nicht las. Als Controller im Headquarter der Versicherung blieb ihm nur in den Ferien Zeit zum Lesen und dann verlangten seine Ansprüche nach etwas Gehaltvollem.

Gestern war ihre Reisegruppe im Kleinwalsertal eingetroffen. Und keine halbe Stunde nach ihrer Ankunft hatte Robert sich den Knöchel verstaucht. Die anderen hingen jetzt gewiss mit roten Gesichtern im Schlepplift oder kippten den ersten Jagertee. Er hätte daheimbleiben sollen.

Sein Schweigen wurde langsam peinlich.

„Glück im Unglück“, hörte Robert sich sagen. „Auf der steilen Treppe hätte ich mir auch den Hals brechen können.“

Er bereute diesen Nachsatz sofort und zog - ohne groß darüber nachzudenken - den Knoten am Gurt seines Bademantels fester. Bei ihrem Beruf musste sie ihn zwangsläufig für ein Weichei halten. Also, falls es stimmte, was man über sie munkelte.

Umringt von den Bergmassiven der Allgäuer Alpen und unter schlumpfeis-blauem Himmel fühlte Robert sich noch bedeutungsloser als sonst. Sofern das überhaupt möglich war.

„Der Berg da drüben“, er zielte mit seiner Kippe auf einen der Gipfel, „der mit dem Buckel, heißt Großer Widderstein.“

Dolores kräuselte die Lippen.

Er versuchte, nicht daran zu denken, was sie tat, jeden Tag tat – und dass sie ihn deshalb so ansah. Er faselte weiter, stotterte: „M-Mein St-Sternzeichen.“

„Witzig, meins auch!“

„Mein Geburtstag ist am 22. März.“

„Nein! Meiner auch!“

„1996!“

„1969!“

Ihr Lachen steckte an. Es rollte aus dem Bauch, schüttelte den ganzen Körper und löste die Klümpchen, die er innerlich angesetzt hatte. Aus Angst, Scham, oder mangelnder Rührung. Emotionale Emulsion, dachte er und, dass sie seine Mutter sein könnte.

„Zweiundzwanzig“, sagte Dolores. „Eine Zahl, die aussieht wie verliebte Schwäne.“

„Ich mag Schwäne“, sagte Robert augenblicklich.

Das war die Wahrheit. Er hätte aber auch Schweine gemocht, wenn es half, den Zauber des Augenblicks zu verlängern.

„Jeder mag Schwäne. Diese komischen Vögel sind rein, elegant, monogam …“

„Und gemein, wenn es darauf ankommt. Schon mal gesehen, wie ein Schwan sein Nest verteidigt?“

Sie löschte ihre Zigarette im Schnee und grinste.

Endlich. Ihre Kopfbewegung in Richtung Esszimmer interpretierte Robert nicht nur als Aufforderung zum Frühstück. Ob er mit ihr etwa …

Eine Stunde später saß Robert in einem Ledersessel vor dem Kamin und las weiter im Mann ohne Eigenschaften, das er im letzten Sommer begonnen hatte. Ihm gefielen Skepsis und Ironie der Untergangsstimmung, auch wenn er nur schleppend vorankam. Als Dolores aus der Sonnenbank zurückkehrte und sich ihm gegenüber mit einem Buch niederließ, glühte ihr Gesicht. Sie lagerte ihre Füße neben seinen auf einem Hocker, der an einen Melkschemel erinnerte. Roberts rechter Knöchel, dick mit Schmerzsalbe beschmiert, war in einen Drei-Meter-Verband aus dem Erste-Hilfe-Kasten gewickelt, ihre Füße steckten in Plüschpantoffeln mit Krokodilgesichtern. Sonst stießen ihn derlei Spielereien ab, aber hier oben vor dem Feuer gefiel ihm der Glaube ans Fressen-und-gefressen-werden.

À la recherche du temps perdu wickelte Dolores ihre Ringellocken um den kleinen Finger, zog sie lang bis zu den Schultern und ließ sie wieder nach oben schnellen, wo sie dank natürlicher Sprungkraft oder Dauerwelle an den Ohrläppchen endeten. Robert schielte immer wieder zu ihr hinüber. Sein Blick folgte der zarten Linie, die ihr langer schlanker Hals vom Unterkiefer über den Kehlkopf bis zum Schlüsselbein zeichnete. Wenn eine Passage gefiel, wippten die Krokodile.

„Du magst Hälse.“

„Wie bitte?“ Robert blickte aus seinem Buch auf.

Sie taxierte ihn mit unverhohlener Neugier.

„Du magst Hälse“, wiederholte sie. „Jetzt habe ich das geschnallt. Schon mal Atemkontrolle ausprobiert?“

„Nein! Wie kommst du darauf?“

„Dein Halstuch. Hätte ja sein können, dass du gern damit spielst.“

„Das ist von meiner Schwester.“

„Ach so“, sagte sie, als wäre damit alles geklärt. „Und ich war früher Physiotherapeutin.“

Robert verstand überhaupt nichts mehr. Wie kam diese Person dazu, sich über ihn lustig zu machen? Gerade jetzt, wo er dabei war, sie … Ja, was eigentlich? Ihn fröstelte.

Atemkontrolle. Woher wusste sie das? Er wollte weiterlesen, nach tagheller Mystik suchen, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen aus der Reihe. Ihm schien, als wartete Dolores auf irgendetwas. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, worauf. Schließlich fragte er: „Warum bist du mitgekommen, wenn du dir aus Wintersport gar nichts machst?“

„Frieren ist meine Kernkompetenz. Mein Job ist wie ein ewigwährender Wintersport.“

Prompt sah er sie vor seinem geistigen Auge in Latexkleidern. Reflexartig kniff er die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Das Ganze dauerte keine Zehntelsekunde, Dolores merkte es trotzdem. Halb belustigt, halb entschuldigend fügte sie hinzu: „Wo, wenn nicht in Eis und Schnee, kann ich mich wärmen und gehen lassen?“

„Ist das denn anstrengend?“

„Das Bisschen Auspeitschen und Stiefel-Lecken-Lassen?“ Plötzlich war sie die Eingeschnappte. „Natürlich, ist das anstrengend! Viel Verantwortung. Deine Schwester sollte es sich gut überlegen, bevor sie diesen Weg einschlägt.“

„Meine Schwester ist tot.“

„…“

„Konntest du ja nicht wissen.“

Sie schwiegen lange.

„Komm, gehen wir in die Sauna“, sagte Dolores endlich.

„Mit dem Verband?“

„Stimmt. Der sitzt zu stramm.“ Sie begann ihn zu lösen. Als er zuckte, sagte sie: „Physiotherapeutin, schon vergessen?“, und tastete seinen Knöchel ab. Aus der Nähe offenbarte ihr Gesicht die Spuren der Zeit. Lachfältchen überwogen, laut Roberts Theorie, ein Indiz für Leute, die ein selbstbestimmtes Leben führten. Je länger Dolores an seinem Bein herumfummelte, desto tiefer furchten Sorgenfalten ihre Stirn. „Das sollte sich besser ein Arzt ansehen.“

„Morgen“, sagte er entschieden. „Heute komme ich sowieso nicht mehr dran. Mich interessiert, was du vorhin mit Atemkontrolle meintest. Wie funktioniert das?“

Auf dem Weg zur Sauna beschrieb sie die rauschhaften Gefühle beim Erwachen aus der Ohnmacht. Robert erfuhr, dass Würgespiele zur Steigerung der Lust schon vor über hundert Jahren in Südfrankreich verbreitet gewesen waren und dass der Autor Jean Gino sie in einem seiner Romane beschrieben hatte.

In der Umkleide streiften sie das Thema Sicherheitsmaßnahmen.

„Leidest du oder jemand aus deiner Familie unter Asthma?“

Sie öffnete ihren Bademantel.

„Nein, nicht das ich wüsste.“

„Panikattacken?“ Ihre Brüste zeigten noch nach oben.

„Auch nicht.“ Robert schwitzte. „In wie viel Prozent aller Fälle geht das denn schief? Mit Notarzt und so?“

Die Antwort klang wie ein Witz. Jedenfalls im Vergleich zu seiner Schadenkostenquote. Was hemmte ihn eigentlich den Bademantel und Halstuch auszuziehen?

„Wirklich gefährlich ist nur die Selbststrangulation. In meinem Studio arbeite ich mit unterschiedlichen Materialien. Gasmasken, Korsetts und so. Man kann aber auch einfach Alltagsgegenstände benutzen wie diesen Bademantelgurt hier.“

Höchste Zeit in die Sauna zu gehen! Neben der Schwalldusche stand ein Korb mit Handtüchern. Sollte er sich bedecken? Lachte sie ihn dann wieder aus? Er stellte sich ihre Ringellöckchen bei hoher Luftfeuchtigkeit vor.

Schon drückte Dolores ihn sanft gegen die Sauna-Tür.

„Du kannst es so wickeln, oder so …“ Sie demonstrierte verschiedene Spielarten. „Das sind natürlich nur Trockenübungen“, endete sie. „Aber, wenn du willst …“

Robert überlegte. „Lass mich mal.“

Der Bademantelgurt hing ihm wie ein Schlange um den Hals. Er griff mit beiden Händen nach den Enden, schüttelte den Kopf, löste stattdessen sein Halstuch und bevor sie Nein sagen konnte, hatte er es um ihren Schwanenhals geschlungen. Schön stramm, wie damals.

„Robert“, flüsterte Dolores mit weitaufgerissenen Augen. Dann sagte sie nichts mehr.

Als die Domina zu Boden sank, fing Robert sie auf. Er trug sie in die Sauna, bettete sie auf eine der oberen Bänke, holte zwei Handtücher, rollte sie auf und schob sie ihr in den Nacken und unter die Knie. Dann setzt er sich auf die untere Ebene und betrachtete sie von den Zehen bis zur Stirn. Sie gefiel ihm immer besser. Gerne hätte Robert das Spiel länger ausgekostet, doch er hörte, dass die anderen zurück waren und durch die Hütte lärmten. Der Aufregung, die gleich einsetzen musste, zog er die Ohnmacht vor. Und zog. Und zog.

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Saskia Raupp

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freiTEXT | Jan-Christian Petersen

Wir wissen nichts von Mauretanien

Nachts höre ich den Lärm der Biogasanlage aus zwei Kilometern Entfernung. Dieses stetige und beinah unmerkliche Geräusch erfüllt die Luft wie ein Auto, das bei laufendem Motor neben mir steht. Im Morgengrauen erhebt sich mit der Sonne auch der Wind, wird laut und überwältigend. Ich lebe in Schleswig-Holstein auf tropfnassem Marschland zwischen zwei Meeren. Wo immer man sich hier aufhält, es sind nie mehr als 60 Kilometer bis zur Küste und es regnet fast das ganze Jahr.

Als ich zum ersten Mal von Mauretanien hörte, wusste ich nichts über das Land, seine Menschen – geschweige denn, wo es auf das Karte liegt. Das habe ich mit dem größten Teil der Deutschen gemein. Als Europäer interessieren wir uns meist erst für ein fremdes Land, sobald wir Wirtschaftsinteressen zu pflegen beginnen oder wenn deren Bevölkerung eine Bedrohung für uns darstellt.

Der Boden, auf dem ich lebe, ist grün und reich an Gras. – Mauretanien besteht aus blassen Sand- und Steintönen, als wäre das ganze Land in Aquarellfarben gemalt. Ich sehe Bilder von ziegelsteinförmigen Häusern. Wüstenwind verwischt den Horizont.

Vor meinem eigenen Fenster saugt der Nebel an der schwammnassen Marsch. Die Menschen im nahe gelegenen Dorf kämpfen dieser Tage um ihr Recht, ihre Dächer mit glasierten Pfannenziegeln bedecken zu dürfen. Sie rebellieren gegen einen Artikel ihrer Dorfsatzung, der ihnen lediglich den Gebrauch matter Dachziegel gestattet. – In Mauretanien verteidigen sich die Menschen gegen Artikel 306. Es ist das Blasphemie- und Apostasiegesetz. Praktisch jeder kann zum Tode verurteilt werden oder im Gefängnis landen. Der Geruch von Insektiziden steht in übervollen Zellen.

Ich bin überwältigt vom Sturm, der draußen tobt. Die Bäume sind vom Wind in Form gepresst. Selbst bei Flaute sehen ihre Zweige wie wehende Fahnen aus. Alles Wachstum wird hier in Richtung Ostküste gedrängt, wo die großen Städte liegen.

Bäume in Mauretanien, falls überhaupt vorhanden, stehen allein, dünn und klein mit verschrumpelten Rinden, aber mit Baumkronen, die wie Fontänen gefächert sind. Einige Sklaven ruhen noch in ihren Schatten. Über Generationen wurden Hunderttausende von ihnen ohne eigene Geschichte aufgezogen. Die Wüste bietet in ihrer selbst das perfekte Monument einer Erinnerungskultur, welches die Auslöschung jeglicher Identität zu versinnbildlichen taugt. – Oder vielleicht sollte man hier ein leeres Plateau als Denkmal errichten? Es würde jeden Tag von einwehendem Sand gereinigt werden – als Geste, die den Willen zeigt, das Gedenken an die Opfer der Sklaverei am Leben zu erhalten.

Ich höre den Zug. Er fährt in ungefähr drei Kilometern Entfernung an meiner Wohnung vorüber. Es dauert eine Weile, bis die Geräuschlandschaft wieder von der Biogasanlage eingenommen ist. Sie klingt noch immer wie ein Auto mit laufendem Motor, dessen Fahrer nicht weiß, ob er fortfahren oder bleiben soll. – In den letzten Wochen habe ich fast zwei Dutzend Berichte von Mauretaniern gelesen, die aufgrund von Gesetzen verfolgt wurden, deren Auslegung jeglichen Ausdruck von Leben und handelnder Fürsorge strafbar zu machen verstehen.

Manchmal, wenn die Biogasanlage abgeschaltet ist, kann ich hören, wie der Zug langsam in die Nacht verschwindet. Jeden Tag liefert er Touristen wie Frachtgut auf einer von den Nordseeinseln ab. Den ganzen Weg entlang mästen sich Schafe, Kühe und Wildgänse am üppigen Gras. – So groß, wie die mauretanische Wüste ist, so lang und schwer ist auch der Zug, der sie durchquert. Eisenerz ist das Gold des Landes. Es wird von den Minen im Nordosten über 700 Kilometer bis zu den Häfen im Westen transportiert. Grundsätzlich teilen wir denselben Ozean. Er liegt nur wenige Schritte von meiner Haustür entfernt.

Ich bin fasziniert von dem neu entdeckten Land und entsetzt über die Geschichten des Despotismus, die Mauretaniens Ruhe überschatten, nachdem auch dort der Zug vorbeigefahren ist. Sand weht hinter ihm her. – Der deutsche Schriftsteller Arno Schmidt hat einmal geschrieben, das Leben bedeute den Sieg von Proteinen über Silikate. Die Sahara lässt es umgekehrt aussehen. Nur wenige Prozent Mauretaniens sind überhaupt für die Landwirtschaft geeignet. Der Wind formt Dünen wie Meereswellen und wandert mit den Gebeten nach Osten. Heilige Ruhe liegt über der Wüste. Wie jeden Freitag wird in den Moscheen für ein friedliches Wohlergehen gebetet, während gleichzeitig zahlreiche Mauretanier kriminalisiert werden, weil sie Liebe und Trauer auf andere als die islamische Weise teilen.

Ich stehe am Ufer. Meereswellen spülen das Land hinfort. Was ich sehe, steht kaum in Widerspruch zu dem, was in einigen mauretanischen Siedlungen geschieht. Langsam fortfließende Lawinen fluten Wege und Straßen. Sand hatte einst das alte Chinguetti überdeckt – diese heilige Siedlung, in der alte islamische Schriften aufbewahrt und bewacht werden. Vor langer Zeit wurde der ganze Ort auf höhere Gebiete verlegt. Die Sahara hat auch diese Siedlung eingenommen. Die Häuser, die man heute dort sieht, stehen auf denen, die begrabenen sind. Die Wüste erhebt sich und ich sehe das Ansteigen der See.

Kleine Inseln ragen aus dem Wattenmeer empor. Es gibt in keiner anderen Sprache ein Wort für diese einzigartige Landschaft, die direkt vor der Westküste Schleswig-Holsteins liegt – ein Weltnaturerbe, das geformt wird von sich ständig bewegendem Wasser, angezogen vom Mond. Im Mittelalter war das Meer hier festes Land. Die Wellen haben es weggerissen. In Jedem Herbst werden die Inseln von solchen Sturmfluten überschwemmt. Allein die Häuser, die auf kleinen Hügeln erbaut sind, ragen dann aus dem schäumenden Meer. Wellen bersten an den Mauern.

Ich sehe Schwärme von Graureihern nach Mauretanien fliegen. Der Herbst ist genauso die Zeit des Nebels. Er bedeckt das Marschland mit Silber wie die Wüste, wenn sie vom Vollmond beleuchtet wird. Ich habe Mauretanien selbst nie gesehen. Ich bin nicht vielen Mauretaniern begegnet, die mir aus erster Hand erzählt haben, was sie im Alltag bewegt oder in Bezug auf die Vergangenheit des Landes. Wir Europäer kolonisierten einst den afrikanischen Kontinent, beuteten die Ressourcen aus und versklavten Millionen. Wer bin ich, dass ich die Sklaverei in Mauretanien so selbstbewusst anzuprangern wage? Europa hat sie reich gemacht.

Von der Küste zurück nehme ich eine alte Enzyklopädie von Johann Christoph Adelung aus meinem Regal. Veröffentlicht wurde das Buch 1793. Ich blättere nach "Europa" und finde die Definition: "Der Name des kleinsten, aber aufgeklärtesten und gesittetsten Weltteiles." Ich lösche das Licht und blicke aus dem Fenster. Ich sehe den Nebel. Es ist der Schleier meiner Unwissenheit, der anmaßende Projektionen widerspiegelt, die in meinem Zustand der Untätigkeit entstehen.

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Jan-Christian Petersen

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24 | Sofie Steinfest

Wie der Christbaum schwimmen lernte, der hätte der unsrige werden sollen

Nur diesen einen Wunsch habe ich, nur diesen, nichts sonst wünsche ich mir zu Weihnachten, habe ich zu dir gesagt: Lass uns zusammen einen Baum aussuchen, habe ich gesagt, für uns. Und mir den Baum dabei schon als einen geschmückten gedacht, und das gemeinsame Aussuchen so, als gäbe es uns mit einem gemeinsamen Heim rund um diesen Baum.

Mich daran zu gewöhnen, dass du in letzter Minute doch nicht kannst, dazu habe ich bereits genügend Zeit gehabt. Anscheinend nicht ausreichend. Vorhin noch, allein vor dem Christbaumstand, habe ich meine Zuversicht durchschwommen, und womöglich auch die deine. Quer zur Fließrichtung, das in jedem Fall. Jedenfalls in dem Fall unseres verfehlten Zusammentreffens, wieder einmal.

Es ist wahr, finde ich nun, so wie ich den Baum unverhüllt durch die Straßen schleppe, so wie ich mich dahinschleppe und den Baum nur als Vorwand, ohne dich. Es ist wahr, die besinnungslose Freude kennt uns kaum mehr. Ansatzlos heben wir uns von allem ab, was wir einst waren und nie sein werden. Die Ringe an unseren Fingern haben ab dem ersten Augenblick von unserer komplizierten Verfassung gezeugt: nicht zusammenpassend. Wohl haben wir vorgeblich unwissend getan, als hätten wir uns bei unseren Treueschwüren versprochen. Und dennoch, eine Tatsache, nicht nur an Feiertagen: Du wie ich einem anderen Menschen zugetan.

Das Ausharren und Zuwarten seither unsere Lebensaufgabe. Oft umsonst. Darum also, der Baum, den ich allein über den losen Neuschnee schleife, den Baum, den du nicht mit mir trägst, verzweifelt, als ginge es darum ein Wettrennen zu gewinnen. Auf befestigten Straßen eile ich, als könnte mich das retten, oder auch nur etwas von uns, und denke an die Zeit, als Anfang war und Frühling freilich und meine Verfügbarkeit zum Beispiel durchaus zur Debatte gestanden ist. Mit zusammengebissenen Zähnen haben wir uns einst einander vorgestellt. Um das Schlimmste zu verhüten, das wir noch kaum ahnten, das Schlimmste, das meine Offenbarung sein mochte oder deine.

Ich und der Baum bewegen sich über die Friedensbrücke, als gäbe es keine andere denn diese schicksalshafte Querung. Wiewohl die Richtung stimmt, unterwegs zu dir, ist meine Lust entvölkert. Ich denke an Wildbienen, die ich den domestizierten immer schon vorgezogen habe, und denke bereits an unseren Baum getunkt in ein Das-wäre-auch-zu-schön-gewesen! Und spüre ihn entgleiten, den Christbaum, der hätte der unsrige werden sollen, aus meinen verkrampften Händen, hinab, als wäre da kein Geländer, in die Donau, wo ich ihn kurz darauf treiben sehe, wie unsere Zuversicht: gegen die Strömung.

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Sofie Steinfest

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22 | Carolina Reichl

Die Geburt Schatzibinkis

Rückblickend bezeichnet meine Mutter die Geschehnisse als ein Wunder.

Den ganzen Advent war sie auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Mein Vater hatte ihr Ende November angekündigt, dass er dieses Jahr mit seiner neuen Freundin Weihnachten feiern würde. Er glaubte, dass auch sie eine Affäre hätte.

Meine Mutter zog allein in die erstbeste Wohnung, die sie fand.

Am 24. Dezember half ich ihr beim Übersiedeln. Wir bestellten Pizza bei einem Türken auf Mjam. Zum Kochen fühlte sie sich nicht im Stande. Sie heulte nach der dritten Flasche Weißwein. Sie verstand nicht, wie es soweit kommen konnte. 26 Jahre hatte sie ihre Bedürfnisse denen meines Vaters untergeordnet.

Wir öffneten einen Zweigelt. Betrunken schliefen wir vor dem Fernseher ein.

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Am nächsten Morgen saß meine Mutter neben mir und strahlte über das ganze Gesicht. Vor uns auf dem Boden ein Katzenjunges mit zerzaustem Fell, das sich über einen Teller Schinkenwürfel beugte.

„Das ist Moritz“, sagte sie. Mich hätte sie auch Moritz genannt, wenn ich ein Junge geworden wäre. „Ich war um 5:00 schon wach und hab den Müll rausgetragen. Da hab ich ein Miauen gehört. Jemand hat den Kleinen einfach in der Mülltonne ausgesetzt, kannst du dir das vorstellen? Wie lang er da wohl schon gewesen ist. Ein Wunder, dass er noch lebt.“ So hatte sie ihn empfangen, unbefleckt, aber verdreckt.

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Bereits nach wenigen Tagen wurde aus Moritz Morli beziehungsweise Schatzibinki. Morli benutzte sie, um über ihn zu sprechen; Schatzibinki in der direkten Anrede. Seither hat für meine Mutter eine neue Zeitrechnung begonnen. Wenn sie von einem Ereignis berichtet, das vor der Trennung geschehen ist, dann sagt sie nicht: Vor der Trennung, sondern: Vor Morli.

Anfangs fand ich es gut, dass sie Morli behalten hatte. Er lenkte sie von meinem Vater ab und bewahrte sie davor, alleine zu sein. Doch dann begann sie, um 4:00 Uhr morgens aufzustehen, weil er Frühstück wollte. Sie hörte auf, auf Urlaub zu fahren, weil sich irgendjemand um Morli kümmern musste und ihrer Meinung nach konnte das nur sie; vor anderen hatte Morli Angst. Sie verzichtete sogar auf ihre Maniküre, auf die seit Jahrzehnten schwor, nur um ihm das teuerste Futter und Leckerlis in allen Formen zu kaufen. Mit Sticks, Pudding und Bites ringt sie um seine Aufmerksamkeit. Manchmal kauft sie ihm auch Neuburger. Den liebt er. Sie selbst mag Leberkäse nicht.

Ich sage oft: „Du verwöhnst ihn zu sehr.“

Sie meint, ich müsse das verstehen. Wenn er fraß, wäre er glücklich. Recht viel mehr gäbe es in seinem 40m2 Universum nicht.

Selbst als sich herausstellte, dass sie eine Katzenhaarallergie hatte, beschloss sie, ihn nicht herzugeben, sondern lieber Tabletten zu nehmen. Es wäre ja nur ein leichtes Kratzen im Hals und ein bisschen Husten, sagte sie.

„Es ist nicht immer einfach, aber das Gute ist, ich kann mich auf ihn verlassen. Er wird immer bei mir bleiben.“ Dann fügte sie hinzu, es sei vorherbestimmt gewesen, dass sie einander gefunden hatten.

„Wer sollte das bestimmen?“, fragte ich. Darauf antwortete sie nicht. Sie meinte nur, es könne kein Zufall sein, dass sie ihn ausgerechnet an Weihnachten gefunden hatte.

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Am 24.12.2019 sprach sie zum ersten Mal von Morli dem Retter. Er hätte sie vor der Verzweiflung bewahrt und von ihrer Trauer erlöst. Sie hob ihr Glas und trank auf ihn.

Aber Morli ist kein Erlöser. Er ist verfressen.

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Wenn ich meine Mutter besuche, überlege ich, die Wohnungstür offen zu lassen, damit das geliebte Schatzibinki in die Freiheit läuft und sie ihre zurückbekommt.

Vielleicht hätte ich die Einschränkungen verstanden, die meine Mutter für Morli hinnahm, wenn Morli ein Hund gewesen wäre. Hunde erwidern Zuneigung bedingungslos. Morlis Liebe ist an den Futternapf geknüpft.

Bevor er sein Fressen bekommt, ist er am zutraulichsten. Sobald er hört, wie das Schälchen geöffnet wird, schwattelt er in die Küche. Ich staune jedes Mal, wie dick er geworden ist. Sein Bauch schaukelt so heftig von links nach rechts, dass er alle Muskeln anspannen muss, damit es ihn nicht aus der Bahn wirft.

Dann schmiegt er sich um die Beine meiner Mutter, zuerst mit dem Kopf, dann mit dem ganzen Körper. Streicheln, hochheben, abbusseln, das lässt er alles zu, schnurrt dabei sogar und manchmal schleckt er ihr auch über die Wange.

Sobald er aufgegessen hat, ist sein liebes Getue vorbei. Versucht meine Mutter ihn zu berühren, streckt er die Krallen aus und beißt ihr mit voller Wucht in die Hand. Seine Reaktionen sind unergründlich.

Meine Mutter schreit nicht, auch nicht wenn der Kratzer tief ist und blutet. Sie ist ihm niemals böse. Sie sagt dann, sie wäre selbst schuld, sie hätte ihn nicht anfassen dürfen. Nach dem Essen mag er das nicht.

Auf ihrer Hand sind so viele Narben, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann.

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Ich frage mich, ob Katzen ein Bewusstsein dafür haben, wenn sie über einen Menschen Macht verfügen. Und wenn ja, ob es ihnen Spaß macht.

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Eines Tages öffne ich die Tür und stelle eine frischgeöffnete Packung Neuburger ins Treppenhaus.

 „Komm“, flüstere ich. Morli sitzt am Gang und beobachtet mich, wie ich ihm seinen Weg nach draußen deute.

Ich lehne mich gegen die Wand, sodass er problemlos an mir vorbeilaufen kann. Meine Mutter kriegt von alldem nichts mit. Wir haben uns bereits verabschiedet, sie steht in der Küche und räumt auf.

 „Es war ein Versehen“, würde ich ihr sagen. „Er war so schnell, ich unkonzentriert. Es tut mir leid.“ Sie würde weinen, mich beschimpfen, aber irgendwann würde sie mir verzeihen.

Ich bin verwundert, dass Morli sich nicht gleich in Bewegung setzt.

„Komm schon, ich weiß, wie sehr du den liebst“, sage ich noch einmal und hebe eine Scheibe hoch, tanze damit vor seinem Gesicht. Er wird gleich zubeißen, denke ich.

Gelassen sieht er mich an, schließt die Augen und öffnet sie wieder.

Einige Minuten stehen wir so da. Dann wird es mir zu blöd.

Ich trete über die Schwelle, packe den Leberkäse wieder ein und nicke ihm zu. Dann schließe ich die Tür.

Er bleibt bei meiner Mutter, so wie sie es prophezeit hat.

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Carolina Reichl

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21 | Lisa Bullerdiek

Ich sitze in der obersten Reihe am Fenster. Unter mir sind keine Stuhlreihen. Vorne kein Vorhang. Bald ist es so weit, ich habe vor zehn Minuten über ein Prepaid-Handy angerufen und es danach im Klo versenkt, in dem Badezimmer, das wir seit langem nicht benutzt haben.

Aber der Sonnenuntergang will nicht passen. Gold habe ich erwartet, oder wenigstens Orange. Stattdessen eher Dreckswasser mit Eiweißkrone.

Macht nichts. Bald kann ich anfangen.

Die Winterluft wischt meinen Zigarettenrauch aus dem Handgelenk zurück ins Zimmer.

Macht auch nichts. Ist eh niemand wirklich hier. Nur das leise Grummeln unten. Ab und zu Klackern auf der Treppe.

Ich beginne so langsam. Das ist mein zweitliebster Moment, wie der Krach, wenn die Instrumente vor dem Konzert gestimmt werden, der sich langsam in Harmonie verzahnt. Zuerst schicke ich Blitze als Vorahnung, hinter den Bäumen an der großen Straße, die ich manchmal vergesse, dabei ist sie ein schönes Detail. Ich klopfe blaues Licht gegen die Allee, zwischendurch rotes, ganz sanft, dann ist es wieder verschwunden – Kinderhände, die an einem Geländer entlangruckeln. Sie müssen erst die Kurve nehmen, wie wir alle, die wiedergekommen sind. Die Kurve, die Taxifahrer oft verpassen. Wir mussten uns auf den letzten Metern nach vorne lehnen und mit dem Finger auf die dunkle Lücke zwischen den Bäumen zeigen – da, hinter dem Schild.

Und dann schüttele ich die Lichtreflexe als Glockenklingeln zwischen den Hauswänden, ein lautloses Echo, das sich entlang der gedrungenen Reihen nach vorne arbeitet und den jetzt schwarzen Stein belebt, kein Martinshorn, das brauche ich an Heiligabend nicht. Noch ist alles andere still. Ich halte den Klang, lasse ihn noch nicht ganz den schmalen Weg ausfüllen. Ich klackere die Lichter jetzt schneller, schicke immer mehr und mehr Autos, die sich nach vorne drängen, wie ein Schwarm Heuschrecken in langer Dreiecksformation, hebe sie ein Stück über den Asphalt, aus meinem Klingeln wird ein Surren. Die Häuser stehen fest da, aber ich male mit dem Licht Leben in die Fenster.

Ich ziehe das Surren hoch über die Straße, zwischen den Kaminrauch, bis zu mir. Bald ist es in meinem Kopf, ich streiche es mir hinter die Ohren, auf meinen Hinterkopf, auf meine Lider. Sie sind jetzt unten auf dem Wendeplatz, ich drehen ihre Reifen ein, als Andeutung, dass alles gut ist und sie bald wieder gehen; ich lasse sie noch einen Moment innehalten, auf ihren Sitzen zurückgelehnt, mit weit geöffneten Augen, bevor das Orchester richtig einsetzt. Vielleicht ist das der zweitbeste Moment.

Dann geht alles ganz schnell, ich werde ungeduldig: Kla-klatsch, klatsch, klatsch der Türen, raschelnde Funktionsjacken, geübte Schritte, gerade Haltung, aber ungeschicktes Innehalten. Welches Haus nochmal? Ich zeige auf das Haus an der Ecke. Ich baue das Finale auf, löse es noch nicht ein – Geduld. Sie finden die richtige Nummer mit meiner Hilfe, sind ein Fischschwarm aus funkelndem Schwarz auf der Schwelle, stehen auf den Gittern, unter denen wir früher immer Kröten gefunden haben. Wir mussten gut gucken und mit der Hand im Laub wühlen, dann saßen sie da: Feuchte Holzstücke, die uns in die Hand pinkelten, wenn wir zu fest zudrückten.

Die Tür öffnet sich, dahinter ist es schwärzer als draußen. Ich schubse sie hinein, aufgereiht an einem gelösten Faden, kurzes Warten, dann schnipse ich die Lichter an: Wohnzimmer, erster Stock, Dachboden, davor auf einmal die schwarzen Silhouetten der Männer in den verschiedenen Fenstern, die so merkwürdig an der Außenseite positioniert sind. Die Schatten sind wie Trompeten oder wie eine Stimme des Chors, noch nicht ganz da, aber genug, um mir selbst in die Magengrube zu boxen und mir den Hals ein bisschen zuzuschnüren. Vielleicht haben wir uns mit den Fenstern abgefunden, weil alle Häuser hier gleich sind und wir mit ihnen wenigstens nicht alleine waren.

Die Pause: Alles ist ruhig, jetzt stehen sie im Wohnzimmer, fast außerhalb meiner Reichweite. Meine Nachbarn in der Mitte sehen sicher sehr klein und alt aus zwischen den Männern. Entwarnung, nichts gefunden, aber eine Telefonnummer, falls doch etwas sein sollte; Erleichterung, alle Fenster heil, die Winterluft bleibt draußen, niemand Fremdes, der in der Abstellkammer oder dem Kriechkeller lauert, niemand Fremdes, der ausgerechnet am Heiligen Abend mit einem Messer in der Hand hinter der Küchentür sitzt.

Alles wieder rückwärts, ich wiederhole das Motiv: Licht, Treppe, nicht ganz im Gleichschritt raus aus dem Haus, über den Krötenschacht, Fischschwarm auf dem Wendeplatz oder Käfer, die sich irgendwo zu einem schwarzen funkelnden Haufen sammeln, Autotüren, kurzes Innehalten, dann zurück aus dem Schlauch nach vorne, bis zur Kurve, diesmal keine Lichter, kein Blau, kein Rot, nur die vollkommene Stille nach sehr viel Krach. Die Häuser stehen fest da. Aber anders, weil sie jetzt intakt aussehen und sogar freundlich, weil das Orange in den Fenstern mehr leuchtet, nachdem ich vorher Blau dagegengeklopft habe. In die Stille hinein dringt nur der höchste Klang, das Solo, das ich bis zuletzt hinausgezögert habe. Auch jetzt wünschte ich, ich könnte es in die Länge ziehen wie Bonbonteig und dann ganz dünn ausrollen. Dann würde es ihn in kleine, scharfkantige Stücke zerbrechen, die auf der Zunge schmelzen.

Meine Nachbarn kommen aus der Tür, in Hausschuhen und Socken, Schals und Arme um ihre Körper geschlungen. Sie stehen davor und betrachten jedes Fenster, jeden Stein und einander. Ich habe allem Kontur gegeben, einen kleinen grauen Rand um die Einzelheiten gezogen.

Nur der Himmel ist wieder nicht ganz perfekt. Er ist nicht so klar und blau, wie er früher war, wenn sich die Erwachsenen auf dem Wendeplatz noch auf einen Glühwein trafen und wir Kinder auf dem Spielplatz daneben schaukelten, uns die Hände an den Metallketten verkühlten und durch die eisklare Nacht sausten.

Trotzdem, ich kann ihre Gesichter nicht sehen, aber ich bin mir sicher, dass sie erstaunt sind und froh, dass sie hier ihr Leben verbracht haben. Denn alle Fenster sind heile. Niemand Fremdes lauert in der Abstellkammer oder im Kriechkeller. Niemand Fremdes sitzt ausgerechnet am Heiligen Abend mit einem Messer in der Hand hinter der Küchentür.

Das ist ja das Schöne an Weihnachten: Alle reißen sich zusammen. Manchmal muss ich nur ein bisschen nachhelfen.

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Lisa Bullerdiek

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18 | Gloria Ballhause

Siebzehn Minuten, 2020

Zu Steven gehen. Von Steven kommen. Straßen entlanglaufen, die im verordneten Dornröschenschlaf vor sich hindämmern. Das Schwappen in den inneren Fässern hören, die nicht umkippen dürfen, weil du sonst nirgendwohin mehr gehst. Auch nicht zu Steven.

Das Zu-Steven-Gehen dauert siebzehn Minuten. Das sind siebzehn Minuten, in denen du die Fässer durch die Straßen balancierst vorbei an Menschen, die wie du sacht ihre Schritte setzen. Katzenmenschen überall, in dieser Stadt, in der doch sonst immer jemand schreit oder mit den Füßen auf den Boden stampft.

Und immer, wenn du zu Steven gehst, bleibt jemand plötzlich stehen. An einer Kreuzung oder einer Hausecke, jemand, der unausgeschlafen aussieht und in den Himmel blinzelt. Ein Mensch, der sich zu fragen scheint, wohin wollte ich, wohin soll ich, und jedes Mal, nach ein paar Sekunden, mit einem Ruck wieder losläuft. Als sei es ihm eingefallen, als wüsste er jetzt das Wohin. Das Sollen. Und du freust dich in diesen siebzehn Minuten, dass es dir selbst heute nicht einfallen muss.

Deine Schritte sind siebzehn Minuten lang abgezählt. Du hast nicht genug für zwanzig Minuten oder auch nur für achtzehn. Zu-Steven-gehen heißt, zu wissen wohin mit dir und warum. Beides hat die Umrisse von Stevens Hand, die deine Schulter entlangstreicht, ohne etwas zu fordern; die dich auf ein Floß im Meer zieht. Der Trick ist, denkst du, sich nie an den Holzplanken festzuhalten, sondern immer am Meer.

Das Von-Steven-Kommen dauert dagegen länger, es dehnt sich aus. Fünfundzwanzig Minuten sind es meist, manchmal zählst du sogar fünfundreißig. Je nachdem, wie dir die Zeit unter den Füßen wegdriftet, weil du hier und da langsamer gehst, in den Taschen nach imaginären Zigaretten suchst, herumguckst, ohne etwas zu sehen. Immer läuft die gleiche Playlist dabei. Rauf und runter. Die Fässer sind jedoch still.

Alles in allem stimmt aber etwas mit dem Zu-Steven-Gehen nicht. Wenn du zuhause die Tür hinter dir schließt, aus den Schuhen schlüpfst und es aufhört, das Zu-Steven-Gehen-Von-Steven-Kommen, gibt es keine Verschnaufpause. Es gibt keine Ruhe, alles beginnt vorn, das Schwanken und Schwappen, das Warten. Das Warten auf das Zu-Steven-Gehen.

Und du fragst dich, warum immer nur du gehst.

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Gloria Ballhause

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16 | Clare Beams - Gabriele Maier

Der Wettstreit der Universalgenies

– english original version below –

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Der Wettstreit bildet sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne den Höhepunkt unseres Jahres an der Simmler School. Der Mathematiklehrer und Leiter des Technologie-Clubs, Abe Larson, schraubt grellgelbe Glühbirnen in die Scheinwerfer des Zuschauerraums – er bringt die Kandidaten gerne zum Schwitzen. Abe hat graue Haare, die er in einem Pferdeschwanz trägt – er ist verbittert. Der Rest von uns ist ebenfalls verbittert, jeder auf seine Art und Weise, jedoch versuchen die meisten von uns, es nicht so offen zur Schau zu stellen.

Ich verspüre eine nervöse Unruhe vor dem Beginn des Wettstreits, obwohl ich mir bewusst bin, dass ich viel zu alt für diese Gefühlsregung bin. Ich sitze allein in der siebten Reihe. Amanda Stevens, eine unserer Fremdsprachenlehrerinnen, hat mir gleich bei meiner Ankunft zugewunken und mir zu verstehen gegeben, dass ich mich zu ihr setzen soll, was ich jedoch ignoriert habe. Ich fühle mich gerade nicht in der Lage, die Geschichten über ihren Verlobten oder die Renovierungsarbeiten in ihrer Küche zu ertragen. Die Jurymitglieder haben sich bereits um ihren Tisch versammelt und unterhalten sich. Das Licht von den zu grellen Scheinwerfern wird von den leeren Stühlen der drei Kandidaten zurückgeworfen und erschafft die Illusion, als befänden sich auf den Stühlen glänzende Wasserpfützen. Ich frage mich, welchen Platz Emily wohl wählen wird, ob sie sich zwischen die beiden Jungen oder ans Ende der Stuhlreihe setzen wird.

„Ist hier noch frei, Jules?“

Niemand außer Jim Barnham hat mich je in meinem Leben Jules genannt. Als ich mich zu ihm umdrehe, hat er sich bereits neben mir niedergelassen. „Nervös?“ fragt er. Er lehnt sich zu mir hinüber, seine blauen Augen leuchten. Sein verzweifelter Versuch, von allen gemocht zu werden, hat mit den Jahren einen hundeähnlichen Charakter angenommen – wir gehen nun beide auf die fünfzig zu.

Ich habe nicht vor, sein Ego zu streicheln. Ich schenke ihm ein knappes Lächeln. „Naja, auch du bist sicherlich nervös.“ Jim und ich sind die Betreuer von zwei der drei diesjährigen Kandidaten und zwar von jenen zwei, die eine wirkliche Chance auf den Sieg haben: Emily Branch (ich) und Peter Sweeney (er).

„Natürlich, ganz klar. Obwohl der Junge wirklich ganz großartig ist, was die Sache erleichtert. Und dein Schützling natürlich auch.“ Er stößt einen kurzen Pfeifton aus und zuckt mit seinen Augenbrauen. Mir fällt mit Genugtuung auf, wie struppig sie mittlerweile sind. Die Bemerkung und das Zucken seiner Augenbrauen scheint sich Jim von einem überspannten Witzbold abgeguckt zu haben, den Jim wohl irgendwann in seinem Leben einmal genauer unter die Lupe genommen haben muss. Ich habe mich seit langem gefragt, wer dieser Mann wohl sein mag, von dem Jim sein Verhalten übernommen hat; ob es sich um nur eine Person oder um eine Kombination verschiedener Menschen handelt, aus dem realen Leben, aus Film oder Buch; bis jetzt ist es mir nie gelungen, diese Person ausfindig zu machen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zu Anfang nicht in der Lage war, hinter Jims Fassade zu blicken, genauso wenig wie die Generationen von Schülern, die Jim mit erstaunlicher Regelmäßigkeit ihr Jahrbuch widmen. Mr. Barnham, SIE HABEN MEIN LEBEN VERÄNDERT! Ich habe länger als eigentlich angebracht dafür gebraucht, um zu verstehen, dass das Bedürfnis, allseits beliebt zu sein, von Schwäche zeugt, auch wenn die Bemühungen letztendlich zum Erfolg führen.

Trotz seiner gekünstelten Ausdrucksweise liegt Jim bei Emily und Peter nicht falsch. Beide sind wirklich großartig. Emily ist jedoch einfach ein kleines bisschen großartiger als Peter.

Jetzt kommen sie auf die Bühne, alle drei durch das Scheinwerferlicht bloßgestellt. Emily, der man ihre Anspannung ansieht, setzt sich in die Mitte. Peter, zu ihrer Linken, macht einen gelassenen Eindruck; allerdings wippt er mit einem seiner Füße auf und ab, und Jeremy Cooper befindet sich zu ihrer Rechten. Mir tut Jeremy Leid. Er weiß, auf was er sich da eingelassen hat und blinzelt uns auf eine beschämte Art und Weise frettchenhaft an. Jeremy Cooper ist hier, weil er die Fähigkeit besitzt, Prüfungsantworten mit Leichtigkeit auswendig zu lernen, was ihm jetzt in der elften Klasse, in seinem Jahr als Junior, einen exzellenten Notendurchschnitt eingebracht hat. Und weil wir einen dritten Kandidaten brauchten. Sogar seine Betreuerin, Ellen Sayers aus den Sozialwissenschaften, hat eingesehen, dass Jeremy es nicht mit Peter und Emily aufnehmen kann. Ich habe Emily seit ihrem ersten Schultag bei Simmler in der neunten Klasse auf diesen Wettstreit vorbereitet, und es steht außer Frage, dass Emily selbst bereits ihr ganzes bisheriges Leben lang auf diesen Moment hingearbeitet hat. Als ich ihr zum ersten Mal begegnet bin, wurde mir dies sofort bewusst. Ich beginne meine erste Stunde des Schuljahres immer damit, dass sich meine Schüler untereinander kennenlernen: sie gehen durch das Klassenzimmer und nennen ihre Namen; sie zählen dann ihre Lieblingsbücher auf und erklären kurz, was ihnen besonders gut an ihnen gefällt. An jenem Morgen verkündete Emily mit leiser Stimme, während sie auf ihre Hände starrte: „King Lear. Wegen der Macht.“ Und ich fühlte mich in meine eigene Schulzeit zurückversetzt, als ich in meinem sonnendurchfluteten Zimmer, das mit einer Rosentapete ausstaffiert war, King Lear zum ersten Mal las. Ich erinnerte mich genau an das Gefühl, das mich damals überkam, das Gefühl einer Stimme, die lauter und lauter in mir wurde, mit der Absicht, auf diese Größe, auf dieses Gewicht zu antworten – eine Stimme, die kraftvoller als meine eigene zu sein schien, jedoch trotz allem meine eigene war.

Ich habe eine ganze Reihe von intelligenten und talentierten Schülern unterrichtet. Ich habe ihre größten Erfolge miterlebt und einen kurzen Blick in ihre Zukunft erhaschen können, in das Erwachsenenleben meiner Schüler, falls alles wie geplant verlaufen sollte. So habe ich in den flinken Händen von Samantha Matthews, die tröstend über den Rücken ihrer weinenden Freundin strichen, den Arztkittel erahnt, den sie später einmal tragen würde. Polierte Konferenztische und gebügelte Anzüge schwangen in den geschmeidigen Antworten mit, die Patrick Dunning jedes Mal parat hatte, wenn ich ihn aufrief – egal, ob er eine Antwort auf meine Frage wusste oder nicht. Emily ist die einzige Schülerin, deren Zukunft mir in gewissem Sinne verschlossen bleibt, da mir alles, was ich mir vorstelle, nicht großartig genug für sie erscheint.

Obwohl es vielleicht nicht wirklich der Wahrheit entspricht, dass sie die einzige Schülerin ist. Auch Peter Sweeneys Zukunft habe ich mir bis jetzt nicht vorstellen können. Bei Emily weist das Unbekannte solch enorme Dimensionen auf, dass ich mich nicht in der Lage sehe, die Leere mit einer konkreten Vision zu füllen; bei Peter liegen zu viele Möglichkeiten im Wettstreit miteinander, so dass mir seine Zukunft aus diesem Grund verschlossen bleibt. Er erledigt jede Aufgabe ohne Anstrengung, was den Anschein erweckt, als könne er endlos damit fortfahren, bis er seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet.

Emily macht jetzt einen ruhigen Eindruck, während sie auf den Beginn des Wettstreites wartet. Ihre dunklen, glatten Ponyfransen zieren ihr bewegungsloses, feierliches Gesicht. Peter lächelt in die Menge, ein genau kalkuliertes Lächeln, das zu sagen scheint: ich freue mich, dass ihr alle da seid! Jeremy erweckt den Eindruck, als müsse er sich im nächsten Moment übergeben.

„Okay, alle zusammen!“ verkündet Linda Hayes, die dieses Jahr die Vorsitzende der Jury ist. „Wir beginnen jetzt. Ich begrüße alle, die sich heute hier zu unserem diesjährigen Wettstreit der Universalgenies versammelt haben und gratuliere allen drei Kandidaten: Emily Branch, Jeremy Cooper, Peter Sweeney. Es ist eine große Ehre, an diesem Wettstreit teilnehmen zu dürfen.“

Wir klatschen. Jims Ellbogen berührt kurz den meinen.

„Runde Eins des Wettstreits besteht aus drei Fragen, auf die die Kandidaten frei antworten können. Die Fragen prüfen das Wissen der Kandidaten auf dem Gebiet der Geschichte, Kultur und Literatur. Jeder Kandidat erhält in alphabetischer Reihenfolge einmal die Gelegenheit, als erster eine der drei Fragen zu beantworten. Miss Emily Branch beginnt. Sie hat fünf Minuten Zeit für ihre Antwort. Danach erhalten die anderen zwei Kandidaten je zwei Minuten, um Emilys Antwort zu kommentieren oder zu ergänzen.“

Runde Eins ist, soweit ich weiß, die einfachste – es geht hier in erster Linie um Faktenwissen – jedoch ertappe ich mich dabei, wie ich meine Kniescheiben umklammere.

„Sind Sie bereit, Miss Branch?“

„Ja.“

„Ihre Frage lautet: Bitte erläutern Sie die Themen, die im Mittelpunkt des Ersten Konzils von Nicäa standen, inwieweit diese Themen erfolgreich verhandelt wurden und was die langfristigen Auswirkungen des Konzils auf Geschichte und Kultur waren. Sie haben fünf Minuten Zeit. Ihre Zeit beginnt jetzt.“

Emily senkt ihr glänzendes Gesicht, das durch das Licht feucht erscheint. Ich versuche, regelmäßig zu atmen. Warum fängt sie nicht an?

Endlich blickt sie auf. „Wir glauben“, zitiert sie, „an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Und an den einen Herrn…“

Das Rezitieren des gesamten Glaubensbekenntnisses verkürzt Emilys Zeit, aber Emily hat sich aus dramatischen Gründen dafür entschieden. Sie rezitiert das ursprüngliche Glaubensbekenntnis des Ersten Konzils von Nicäa. Ich wusste gar nicht, dass es ihr bekannt ist. Ihre Stimme verrät keine Hektik, ist nicht besonders laut, und die Wörter sind wie Perlen, die Emily geschmeidig auf eine Schnur auffädelt. Ich höre ihr bis zum Ende zu. Jetzt bleiben ihr nur noch wenige Minuten, um ihre eigene Meinung zu äußern. „… die verdammt die heilige, katholische und apostolische Kirche.“

Emily pausiert einen Atemzug lang.

„Meiner Meinung nach ist diese Rede, die erste Version des nicänischen Glaubensbekenntnisses, das wichtigste Ergebnis, das aus dem Ersten Konzil von Nicäa des Jahres 325 n. Chr. hervorgegangen ist. Das Konzil verfolgte viele Absichten. Es wollte die Streitigkeiten zwischen Arius und Meletius beilegen, einen verbindlichen Tag für das Osterfest etablieren, Fragen zur Taufe und der Verfolgung von Nichtgläubigen klären. Jedes dieser Ziele wurde erreicht, und sie alle sind wichtig. Jedoch bin ich mir nicht sicher, ob es etwas Wichtigeres als die Worte gibt. Mit dem Glaubensbekenntnis verkündeten die Konzilteilnehmer, dass sie das Recht hatten, den Glauben ihrer Anhänger zu kontrollieren und zu vereinheitlichen. Sie trugen viele verschiedene Stimmen zusammen und“ – nach einer Pause – „verflochten sie in dem Maße miteinander, so dass am Ende eine einzige daraus hervorging. Mit diesem Glaubensbekenntnis überwindet das Konzil die Zeit und beeinflusst sogar meine Stimme im Hier und Jetzt. Ich finde es unglaublich, dass Worte dazu fähig sind. Sie können einen Menschen verändern, wenn man es zulässt.“ Eine gewisse Befangenheit schwingt plötzlich in ihrer Stimme mit, denn sie beschreibt ihr eigenes bisheriges Leben. Ihre Mundwinkel ziehen sich unmerklich nach oben. „Falls man es denn möchte.“

Emily beendet ihre Rede genau in jenem Moment, als Linda ihr zu verstehen geben möchte, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Es folgt eine kurze Stille. Ich wünschte, ich könnte die Ehrfurcht, die in ihr mitschwingt, festhalten.

„Vielen Dank, Miss Branch“, sagt Linda. Ihre Stimme ist beinahe neutral, was man ihr zugutehalten muss. „Mr. Cooper, Sie liefern den ersten Kommentar zu Emilys Rede. Ihre zwei Minuten beginnen jetzt.“

Jeremys Ohren und Nase verfärben sich rot. „Also“, stößt er hervor. Er reibt sich die Nase, wohl ahnend, dass sich diese gegen ihn verschworen hat. „Meiner Meinung nach hat Emily bereits alles Wesentliche erwähnt. Ich kann noch hinzufügen, dass das Konzil im Jahre 325 n. Chr. stattfand.“

Emily hatte dies bereits erwähnt. Die Bleistifte der Schiedsrichter bewegen sich unauffällig über das Papier.

„Und dass der arianische Streit sich darum drehte…“ Jeremy gerät in Panik, als er bemerkt, dass er sich nicht an den Begriff des Trinitarismus erinnern kann. Ich beobachte Emily, die nur mit Mühe an sich halten kann, um ihm den Begriff nicht zuzuflüstern.  „…sich darum drehte, ob Jesus wahrhaftig göttlich sei. Wie seine Stellung im Hinblick auf Gott zu verstehen sei.“ Es scheint, als ob die Bleistifte der Schiedsrichter, die sich geschäftig hin und her bewegen, an Jeremys Haut kratzen. „Das ist nun aber alles“, murmelt Jeremy. Ellen hat mir erklärt, dass Jeremy begeistert war, als sie ihm mitteilte, dass das Lehrerkollegium ihn als dritten Kandidaten ausgewählt hatte. Ich weiß auch, dass sie ihm so gut wie möglich bei der Vorbereitung auf den Wettstreit geholfen hat und dass er alles, was sie ihm gegeben hat, fleißig gelesen hat. Aber er gehört eben jener Kategorie von Schülern an, die jahrein, jahraus nur die Texte ihrer Lehrer lesen - wenn auch äußerst gründlich - und diese Art des Lernens wird in diesem Wettstreit nicht belohnt; das geforderte Wissensfeld ist dafür zu weit gefasst.

„Ihnen bleibt noch eine Minute Zeit, falls Sie sie noch nutzen möchten“, teilt ihm Linda leise mit. Doch Jeremy schüttelt den Kopf.

„Okay, dann ist Mr. Sweeney an der Reihe. Sie haben zwei Minuten Zeit.“

„Danke schön“, sagt Peter Sweeney. Er lächelt uns alle noch einmal an. Sein Gesicht ist beinahe perfekt geschnitten, schmal und warm, klassisch im Sinne eines altmodischen Buches, in dem der Held als schneidig beschrieben wird. „Meine Mitstreiter haben ausgezeichnete Argumente geliefert. Mir hat Jeremys Hervorhebung des Arianismus, des trinitarischen Streites gefallen.“ Fehlerlos gemeistert: indem er auf Jeremys Fehler hinweist, stellt er gleichzeitig sein eigenes Wissen heraus, so dass sein rüder Seitenhieb im Gewand der Liebenswürdigkeit daherkommt. „Und Emily, Emily stellt überzeugend und eloquent die verschiedenen Stimmen in den Vordergrund.“

An diesem Punkt errötet Emily. In all meinen Jahren, die ich Emily Branch kenne, habe ich sie niemals erröten sehen. Während ihre Wangen eine rosige Farbe annehmen, schnürt sich mir langsam der Hals zu.

„Natürlich stellt keines der beiden eine wirklich bleibende Errungenschaft dar. Auf Konstantin, der das Konzil einberief, folgten zwei Kaiser, die den Arianismus für eine gewisse Zeit wiedereinsetzten. Und das Erste Glaubensbekenntnis von Nicäa wurde später in das Zweite Glaubensbekenntnis von Nicäa umgewandelt, in jene Version, mit der die meisten von uns heute vertraut sind: ‚Wir glauben an einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde‘ und so weiter.“

Ich bin mir ganz sicher, dass Peters Wissen hinsichtlich beider Glaubensbekenntnisse hier erschöpft ist. Es liegt jedoch in seiner genialen Begabung, die Dinge, die er nicht weiß, als unwichtig und trivial erscheinen zu lassen: und so weiter.

„Daher ist für mich die bleibende Bedeutung des Konzils von Nicäa eine andere. Sie hängt damit zusammen, dass all jene Bischöfe nach Nicäa reisen, weil Konstantin sie zusammengerufen hat. Es hängt mit der Tatsache zusammen, dass wichtige Ereignisse und Entscheidungen von einem bedeutenden Mann kontrolliert werden können.“

Er beendet seine Rede genau nach zwei Minuten. Schaut mich an, scheint sein Gesicht zu sagen, ich werde auch einmal ein bedeutender Mann sein. Schon jetzt bin ich nicht mehr weit davon entfernt.

Ich suche Emily nach Runde Eins auf und ziehe sie vorsichtig zu mir heran, als wäre sie ein verletzter Vogel. Aber als ich sie wieder loslasse, sehe ich in ein sorgloses Gesicht. Sie befindet sich einen Punkt hinter Peter nach Runde Eins. Ihre Erste Antwort hat ihr den ersten Platz eingebracht – Peters Antwort war ausgefeilt und beeindruckend, aber reichte nicht an ihre heran, – und natürlich lag sie bei den Zweiten Antworten vor Jeremy, was ihr acht Punkte in der Gesamtwertung einbrachte. Peter, der sowohl die Runden der Zweiten Antworten gewann als auch bei den Ersten Antworten den zweiten Platz belegte, hat neun Punkte. Jeremys Punktzahl beläuft sich auf zwei, da er den dritten Platz bei den Ersten Antworten belegte. Wir vergeben Punkte für den dritten Platz – auch wenn es nur drei Kandidaten gibt – weil wir Lehrer sind und unsere Schüler ermutigen wollen.

„Das nicänische Glaubensbekenntnis,“ sage ich kopfschüttelnd zu ihr. „Das erste nicänische Glaubensbekenntnis.“

Sie zuckt mit den Schultern. „Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden,“ sagt sie. Eine typische Bemerkung von Emily – ich bin es gewohnt, sie zu beglückwünschen, während sie auf den Boden starrt. Aber heute beobachtet sie Peter auf der anderen Seite des Raumes, während Jim ihm einen anerkennenden Klaps auf den Rücken gibt.

Peter fängt Emilys Blick auf und lächelt. Dieses Lächeln sollte sich, wie ich finde, nur an Menschenansammlungen richten. Es wiegt schwer wie Gold und ich glaube nicht, dass Emily fähig ist, die Last dieses Lächelns zu tragen.

Am nächsten Morgen bin ich schon früh in meinem Klassenzimmer, da ich auf Emily warte, die mich dort gewöhnlich aufsucht. „Es erleichtert den Start in den Tag“, hat sie mir einmal gesagt.

Während ich warte, rücke ich die Stühle um meinen ovalen Tisch zurecht. Ich habe sie am liebsten in regelmäßigem Abstand voneinander, wie gesunde Zähne. Seit zwanzig Jahren ist das meine Morgenroutine, seit ich mit 28 Jahren zum ersten Mal zu Simmler kam. Mein Klassenzimmer ist mein Königreich, in dem ich alles selber ausgewählt habe: die Bilder, die das Globe Theater und Hannah Arendt mit verschmitztem Blick zeigen, die gelben, nicht weißen, Kreidestücke, die ich in Reih und Glied in einer Schale unterhalb der Tafel aufbewahre, die bunten Teppiche, die verteilt in den Ecken des Raumes liegen, jedes Buch, das sich in den drei großen Bücherregalen befindet.

Wenn dieser Raum jedoch ein Königreich ist, dann sind seine Untertanen nicht nur meine vergangenen und jetzigen Schüler, sondern auch all jene Personen, die mich über die Jahre hinweg ausgemacht haben. Die Bücher erinnern mich an jenen Herbst, als ich 30 Jahre alt wurde und mir unsicher war, ob ich Simmler verlassen und mich für einen weiterführenden Studiengang bewerben sollte. Als ich die Notenlisten auf meinem Schreibtisch liegen ließ, ein Buch aus dem Bücherregal zog und es durchblätterte, während ich mich zu entscheiden versuchte, ob ich mich mutig genug fühlte mich hineinzuwagen, alleine, herumzuwandern und zu sinnieren, oder ob es dafür bereits zu spät sei. Das Fenster erinnert mich an jenen Frühling vor zehn Jahren, als meine Mutter starb, und der dennoch der schönste Frühling war, an den ich mich erinnern kann. Jeder Morgen brachte butteriges Licht, das in dicken Schichten über dem Seminartisch lag, so dass ich nicht sicher war, ob meine Gefühle oder nur das grelle Licht die Tränen in meine Augen trieben.

Und jene Ecke hinter einem der Bücherregale ist der Ort, an dem Jim Barnham an einem frühen Nachmittag im Winter seine Finger sanft über mein Schlüsselbein gleiten ließ, in meinem ersten Jahr an der Schule (damals trug ich mit Vorliebe Blusen mit tiefem Ausschnitt, sogar wenn es draußen kalt war), während einem seiner Besuche zwischen seinen Unterrichtsstunden. Er meinte, ich sähe griechisch aus, was nicht im Entferntesten zutraf. Ich stamme von Bauern aus dem Staate Pennsylvanien ab und habe von je her den Eindruck vermittelt, als ob ich zum Heuschaufeln mit meinen vier stämmigen Söhnen bestimmt sei. Obwohl ein Teil von mir damals die Lüge ganz klar erkannte, erinnere ich mich daran, wie ich als Antwort meinen dicken Hals reckte, als wäre er gemeißelt. Dies geschah ungefähr zwei Wochen bevor Jim zu unserer jährlichen Weihnachtsfeier mit einem Mädchen auftauchte, das später seine Frau wurde, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Er hatte sie in einem Laden in der Stadt kennengelernt, wo sie ihm Salz- und Pfefferstreuer als Weihnachtsgeschenk für seine Mutter verkaufte. Ich habe mir immer vorgestellt, dass diese Salz- und Pfefferstreuer die Form von Enten hatten.

Emily ist heute spät dran. Ihr Vater, ein Elektriker, der Emily morgens zur Schule bringt, stimmt die Fahrt normalerweise mit seinen eigenen Terminen ab. Ich gehe zurück zu meinem Schreibtisch und probiere meine Stifte aus. Ich finde zwei Stifte, deren Minen so gut wie leer sind und die ich in den Mülleimer werfe, bevor sie sich gegen mich wenden können.

„Ms. Alberts?“ Peter Sweeney lehnt wie hingegossen an meinem Türrahmen. „Darf ich kurz reinkommen? Falls Sie nicht zu beschäftigt sind.“

„Kommen Sie herein, Peter. Setzen Sie sich.“

Sogar seine Bewegungen drücken Komplimente aus: er streicht anerkennend über die Oberfläche meines Schreibtischs und macht es sich mit offensichtlichem Vergnügen in jenem Stuhl bequem, in dem eigentlich Emily sitzen sollte. „Danke“, sagt er. „Ich dachte – ich hoffe, ich störe nicht. Es ist nur, wissen Sie, uns wird gesagt, dass wir den Rat von vielen verschiedenen Leuten den Wettstreit betreffend einholen sollen. Daher habe ich mir gedacht, dass ich einfach vorbeikomme, weil es sonst wirklich niemanden gibt, dessen Rat ich lieber hören würde. Natürlich außer demjenigen von Mr. Barnham.“

Es ist genau der Wortlaut, den ich von Peter Sweeney erwartet habe, mit dem er sich jetzt an die Betreuerin seiner Gegenspielerin wendet. Ich habe noch nie viel von Peter gehalten, im Gegensatz zu allen anderen. Trotz seiner offensichtlichen Brillanz – in der neunten Klasse habe ich von Peter einen Aufsatz gelesen, den ich nicht unbedingt selber hätte schreiben können – und seines großzügigen Verhaltens gegenüber seinen Mitmenschen, sogar, oder besonders, gegenüber den Stümpern, den unbesonnenen Quasselköpfen, den seltsam Gekleideten, den Pickligen. Andere Lehrer loben Peter über den grünen Klee bei Lehrerkonferenzen. Ich selbst bin mir allerdings sicher, dass er sich nur dann so großzügig benimmt, wenn ihm jemand dabei zusieht. Wenn andere ein Loblied auf Peter singen, führe ich mir gerne jene Episode vor Augen, als Peter in der neunten Klasse war. Damals verließ er meine Klasse zusammen mit dem zotteligen Sam Evans, der später im selben Jahr noch von der Schule abging. Sam konnte sein Schullektüre Romeo und Julia zum wiederholten Male nicht finden. Auf dem Weg zur Klassentür bot Peter Sam an, ihm sein Buch zu leihen – er solle einfach zu seinem Schließfach kommen, sagte ihm Peter mit dieser Leichtigkeit, die er bald vervollkommnen sollte, als beide an meinem Schreibtisch vorbeigingen. Gleich nachdem sie aus der Tür waren, fiel mir ein, dass ich jemanden zwischen den Unterrichtsstunden abfangen wollte und eilte auf den Flur hinaus.

„Soll ich jetzt einfach kurz mitkommen?“ hörte ich Sam zu Peter sagen. „Vielen Dank.“

Und ich sah, wie Peter, anstatt auf Sam einzugehen, ihm seinen perfekten Rücken zuwandte und ihn einfach stehen ließ.

„Peter!“ rief ich ihm hinterher, während ich den beiden Jungen folgte. „Peter, Sam hat Sie gefragt, ob er sich Ihr Buch jetzt ausleihen kann.“

„Oh, Entschuldigung“, sagte Peter. „Habe ich nicht gehört.“ Jedoch im ersten Moment, als er uns sein Gesicht zuwandte, und noch bevor er seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle hatte, sah ich seine Wut, die fast zu schnell verschwand, als dass man sie hätte wahrnehmen können. Ich aber hatte sie bemerkt und wusste, was es war – obwohl er damals schon klug genug war, vorsichtig zu sein. Seitdem habe ich nie mehr einen ähnlichen Moment bei ihm beobachten können. Dieser Fehler war ihm nur einmal unterlaufen und würde in Zukunft nicht mehr passieren.

Ich falte meine Hände auf der Tischplatte. „Ich glaube nicht, dass Sie weitere Ratschläge benötigen, Peter. Aber natürlich helfe ich gerne, wenn ich kann.“

„Was ich fragen wollte – haben Sie einen Tipp, wie man mit Nervosität umgeht?“

Ich starre ihn an und kann nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken.

„Heute wird es schwieriger werden als gestern, da heute unsere eigene Meinung gefragt ist, wissen Sie? Und dann sehen uns so viele Leute zu.“ Er sieht mich mit ernstem Blick an. Ich frage mich, ob er diesen Blick in dem großen, gerahmten Spiegel geübt hat, der sich bestimmt irgendwo in seinem Haus befindet – vielleicht über dem Kaminsims im Wohnzimmer. „Ich habe mir gedacht, dass Sie mir vielleicht mit ein paar Tipps aus Ihrer eigenen Erfahrung weiterhelfen können.“

Okay, sage ich mir. Okay, Peter, dann lass uns dieses Spiel spielen. Ich runzele meine Stirn und gebe mir den Anschein, als würde ich darüber nachdenken, welche meiner Weisheiten ich ihm anvertrauen sollte.

„Also, wenn Sie mich fragen, dann ist eine ehrliche und wohlüberlegte Antwort immer noch die beste Wahl.“

„Okay. Danke. Das hilft mir weiter.“

„Und natürlich sollten Sie sich keine Gedanken darüber machen, wie die Antworten der anderen ausfallen. Falls andere ein bisschen mehr als Sie wissen und ein bisschen mehr zu sagen haben. Ich meine –.“ Ich schenke ihm ein wohlwollendes Lächeln. „Man sitzt da nicht drin, nicht wahr? Man kann nur sein Bestes geben.“

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber sicherlich nicht, dass Peter mein Lächeln auf eine unbekümmerte Art und Weise erwidert. „Ich nehme an, Sie sprechen über Emily“, bemerkt er. „Sie müssen so stolz auf sie sein. Sie ist wirklich – unglaublich.“

Das Spiel ist für mich beendet. Finger weg von Emily, denke ich.

Er hat sich erhoben. „Ich bin dann mal wieder weg“, sagt er. „Ich bin mir sicher, dass Emily auch mit Ihnen sprechen möchte.“

Ich reiße mich zusammen und erwidere: „Viel Glück heute, Peter“, wobei ich die Betonung auf das Wort Glück lege; aber er ist schon aus dem Zimmer, und ich bin mir nicht sicher, ob er mich gehört hat.

In der Stille meines Königreiches warte ich weiter auf Emily. Als es nur noch fünf Minuten bis zum Schulbeginn sind, gehe ich die Treppe hinauf und stoße auf Emily, die zusammen mit ein paar anderen Mädchen aus ihrem Jahrgang auf dem Boden sitzt, den Rücken gegen die Schließfächer gelehnt und die Füße weit in den Flur hinausgestreckt. „Oh, hallo“, begrüßt mich Emily.

Ich habe diesem Mädchen stapelweise Bücher mitgegeben, habe mit großer Umsicht seine Leistungen bewertet und es immer wieder ermutigt, nie aufgehört, an es zu glauben. Ich habe endlose Stunden meines Lebens in Emily investiert, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich zu erheben und zu beweisen, wozu sie fähig ist; damit sie den Beleg dieses Beweises in sich tragen kann und niemals mehr an sich zweifelt. Der eigentliche Wettstreit ist eher unbedeutend, aber nicht die Folgen, die er für Emily haben kann. Das Leben bietet nur wenige solcher Gelegenheiten, obwohl Emily das im Moment noch nicht verstehen mag. Ich zwinge mich dazu, ruhig zu sprechen. „Ich dachte, dass Sie sich vielleicht unten mit mir unterhalten möchten.“

„Ich fühle mich ehrlich gesagt gut vorbereitet“, erwidert Emily. „Es war mir nicht bewusst, dass Sie mich sprechen wollten.“

Was sie stattdessen macht, wie ich vermute, ist hier oben zu sitzen und darauf zu warten, dass Peter Sweeney vorbeikommt.

Alle Schulstunden enden heute fünf Minuten früher als sonst, damit genügend Zeit für Runde Zwei des Wettstreites am Ende des Tages verbleibt. Obwohl es sich auf den ersten Blick um eine nur minimale Veränderung handelt, ist sie doch für uns alle deutlich spürbar; wenn sich die Zeit und unsere Gedanken normalerweise in einem 4o-minütigen Takt bewegen, dann fühlen sich 35 Minuten zu kurz und wie amputiert an. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, sitze ich wieder in der Aula.

Ich bemerke Jim drei Reihen hinter mir, wie er sich mit Amanda Stevens unterhält. Amanda hat ihren Kopf zurückgeworfen und lacht schallend über Jims Neckereien. Ihr Hals hat eine rosige Farbe angenommen. Ich frage mich, was wohl ihr Verlobter dazu sagen würde, wenn er sie so sehen könnte.

Ich gleite neben Jim auf den Stuhl, der sich mir freudestrahlend zuwendet. Ausgewählt zu werden, egal von wem, gehört zu Jims Lieblingsmomenten in seinem Leben.

„Hallo! Emily hat sich gestern tapfer geschlagen“, bemerkt er mit einer großzügigen Handbewegung.

„Danke.“

Amanda spürt, wie sich die warme Flut von Jims Aufmerksamkeit von ihr zurückzieht und wendet sich schnell Stan Fisher zu, der Französisch unterrichtet. Ein fast vergessener Muskel tief in meinem Inneren verbucht dies als Triumpf und zuckt mit einer belanglosen Freude, an die ich mich noch gut erinnere. Mich macht dieses Zucken wütend.

„Jim, kann ich dir eine Frage stellen?“

„Schieß los.“

„Glaubst du, dass Peter an Emily interessiert ist?“

„Ja, das habe ich mir auch schon gedacht.“

Ich nicke und presse meine Zähne fest aufeinander. Denn ich weiß, dass Peter nicht wirklich an Emily interessiert ist, sondern sie nur in dem Glauben wiegen möchte, dass er etwas für sie übrighat. Kann Peter überhaupt wahre Gefühle aufbringen? Außer vielleicht, wenn es sich um sein Bedürfnis zu siegen handelt.

„Ich glaube, dass er Emily bewundert“, erklärt mir Jim. „Ich habe die Vermutung, dass sich diese Bewunderung langsam in etwas Tieferes verwandelt.“ Der Klang seiner Stimme ist so heiter, als ob wir das Paarungsverhalten von preisgekrönten Tieren besprechen. Und dabei weiß ich noch nicht einmal, ob er mir diese Heiterkeit bloß vorspielt oder ob er wirklich der Auffassung ist, dass Peter mehr für Emily empfindet. Ich hege meine Zweifel, ob er überhaupt darüber nachdenkt, was sich in Peters Kopf so abspielt.

„Ganz natürlich“, sagt Jim.

Gott sei Dank muss ich keinen weiteren Kommentar zu diesem Thema abgeben, da Alex Wells mit Jeremy auf der Bühne erscheint, den er gerade aus dem Warteraum geholt hat. Die Reihenfolge der Kandidaten ist durch ein Losverfahren bestimmt worden: zuerst Jeremy, dann Peter, dann Emily. Jeder der Kandidaten muss eine Rede zu ein und demselben Thema aus dem Stehgreif halten, während die anderen zwei auf dem Flur unter der Aufsicht eines Lehrers ausharren, damit sie den Vortragenden nicht belauschen können. Jeremys Gesicht trägt heute den Ausdruck von jemandem, der zu dem Ort seiner Hinrichtung geführt wird. Er steht in der Mitte der Bühne und wartet auf seinen Todesstoß.

„Hier ist das Thema Ihrer Rede, Mr. Cooper. Bitte beantworten Sie die folgende Frage: Welchen Wert sehen Sie als den wichtigsten einer Gesellschaft an, den diese in besonderem Maße schätzen sollte? Sie haben fünf Minuten Zeit. Die Zeit läuft.“

Die Frage ist so allgemein und offen gehalten, um den Kandidaten so viel Freiheit wie möglich bei ihrer Antwort zu gewähren. Diese Freiheit können sie natürlich auch zu ihrem Nachteil nutzen – wie beispielsweise im Fall von Jeremy. Obwohl man fairerweise sagen muss, dass es vielleicht nur deshalb so erscheint, weil er sich dem Vergleich mit den beiden anderen Kandidaten stellen muss, die weitaus besser abschneiden werden. Schweißglänzend beginnt Jeremy über Freiheit zu sprechen, ändert dann jedoch seine Richtung und konzentriert sich stattdessen auf die Errungenschaften einer Gesellschaft: die Landung auf dem Mond, die Relativitätstheorie, ein vager Verweis auf „Literatur“. Laut Jeremys Definition scheinen wir alle in einer perfekten Gesellschaft zu leben. Am Ende der zweiten Minute ist er wieder zum Begriff der Freiheit zurückgekehrt. Er spricht von der Amerikanischen Revolution und hebt am Ende jedes Satzes seine Stimme, eine Eigenart, an die ich mich noch gut erinnere, als Jeremy in meiner Klasse war; selbst bei Jeremys intelligentesten Beiträgen endete jeder seiner Sätze in einer Frage. Mittlerweile ist Jeremy bei Namen und Daten von Kriegshandlungen der Revolution angelangt, die er stur auflistet. So funktioniert Jeremys Verstand, wie wir alle wissen.

Währenddessen sitzen Emily und Peter draußen im Flur. Sie werden von Mary Alice Washburn beaufsichtigt, die anderen Leuten nie lange in die Augen sehen kann – ein Grund, warum sie keine gute Lehrerin ist. Ich frage mich, wie schnell und weit wohl Peters Hände in jenen Zeiträumen wandern, in denen Mary Alice an die Wand oder auf den Boden starrt.

„All dies ist eine Folge von Freiheit“, sagt Jeremy. „Freiheit bedeutet – Menschen sind bereit für Freiheit zu sterben.“

Die Jury wartet einen Augenblick, um sicherzustellen, dass Jeremy seinen Vortrag beendet hat. Dann bedankt sich Linda sehr freundlich bei ihm. Alex verlässt den Raum, um Peter hereinzuholen.

Im Gegensatz zu Jeremy, der seinem eigenen Tod entgegenzutreten schien, vermittelt Peter den Eindruck, als sei er auf dem Weg zu einer Preisverleihung, um dort eine Auszeichnung in Empfang zu nehmen. Er bewegt sich mit gewollter Bescheidenheit in dem Bewusstsein, dass es ein schlechtes Licht auf ihn werfen würde, zu viel Aufmerksamkeit auf seinen bevorstehenden Sieg zu ziehen, der ihm ohne Frage zusteht. Er grinst und bohrt die Hände in die Hosentaschen, während er darauf wartet, dass Linda ihm das Thema mitteilt. Dann überlegt er.

„Natürlich muss zuerst entschieden werden, was unter einer perfekten Gesellschaft zu verstehen ist“, beginnt er und fährt selbstsicher fort über Individuen und Gemeinschaft zu sprechen. Der Rhythmus seiner Rede ist angenehm. Aber während ich ihm zuhöre, macht sich in mir eine wachsende Unruhe breit. „Eine perfekte Gesellschaft muss von allen Mitgliedern als solche betrachtet werden“, sagt Peter. „Jedes Mitglied muss die Freiheit genießen, die eigene Vollkommenheit, die eigene Größe verwirklichen zu können.“

An seiner Rede ist so weit nichts auszusetzen, aber sicherlich stolpern auch die Schiedsrichter, so wie ich, über den Begriff der Größe, sicherlich erinnern sie sich an Runde Eins, in der Peter schon einmal diesen Begriff bemühte. Wir sind hier einem Ego ausgesetzt, wie wir es niemals bei Emily vorfinden würden. Im Gegenteil scheint Emily regelmäßig angenehm darüber überrascht zu sein, sich in unserer Gesellschaft zu befinden und nicht in ihrem kleinen, unordentlichen Haus, in dem sich ihr restliches Leben abspielt.

Ich überlasse mich für einen Moment meinem Gefühl der Zufriedenheit, als folgender Wortlaut an mein Ohr dringt, der mich erneut beunruhigt: „Die Größe der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft sollte in das gesamte soziale Geflecht eingewoben werden“, deklamiert Peter. „Denn die Gesellschaft befindet sich in einem wunderbaren Widerspruch zwischen dem Individuum als solchem und seiner gleichzeitigen Rolle in der Gemeinschaft.“

Die Worte vermischen sich mit Peters weiterer Rede, aber die von Peter verwendete Beschreibung der Gesellschaft ist diejenige von Emily. Ich habe sie früher mehrere Male im exakt gleichen Wortlaut aus Emilys Mund gehört.

Mir wird klar, was passiert sein muss. Emily und Peter haben sich gemeinsam auf diese Runde vorbereitet, vielleicht sogar gerade dort draußen auf dem Flur, haben nach Ideen und Antworten auf mögliche Fragen gesucht. Emilys Worte aus seinem Mund zu hören gibt mir das Gefühl, als sei Peter in Emilys Innerstes vorgedrungen und habe dort ihre Worte gestohlen.

Dieses Gefühl verstärkt sich, als Emily an der Reihe ist und sogleich mit dem Satz beginnt, den wir gerade von Peter gehört haben: „In der Gesellschaft scheint mir ein wunderbarer Widerspruch zu liegen. Es ist der Widerspruch zwischen Gemeinschaft auf der einen und dem Individuum auf der anderen Seite.“ Man könnte natürlich das Argument vorbringen, dass besagte Idee sowohl von Peter als auch von Emily stammen könnte. Das Ohr kann jedoch nicht vergessen, von wem es die Idee zuerst gehört hat. Und Peter war sich dieser Tatsache vollends bewusst, als er zu seiner Rede ansetzte.

Im Zuge dieser Wiederholung fällt es womöglich allen anderen außer mir schwer, sich bis zum Ende auf Emilys Rede zu konzentrieren. „Unser Privileg besteht darin, ein Teil eines solchen Mechanismus zu sein – oder solch eines Organismus, denn eine Gesellschaft ist in Wirklichkeit ein lebendiges Wesen. Die Gesellschaft zur Vollkommenheit zu führen ist letztendlich Aufgabe von uns allen.“

Peter gewinnt die Runde mit zwei Punkten Vorsprung. Linda verkündet die Bewertung der Jury, während die drei Kandidaten neben ihr auf der Bühne stehen. Als sie sich zum Gehen wenden, sehe ich, wie sich Peters Fingerspitzen auf Emilys Schulterblatt legen. Sie wirft ihm einen dankbaren Blick zu – diesem Dieb.

Am letzten Morgen des Wettstreits gehe ich um zwanzig vor acht die Treppe zu den Schließfächern hinauf, da ich nicht noch einmal vergeblich auf Emily warten möchte. Ich treffe sie am Rande eines Pulks von kichernden Mädchen, die sich auf dem Weg in ihre Klassen befinden. Obwohl Peter weit und breit nicht zu sehen ist, ist seine Anwesenheit jedoch deutlich spürbar: in Emilys Schuhspitze, die sie über den Boden zieht, in ihren Fingern, die an ihren Haaren ziehen. Er hat sie in den Abgrund alltäglicher, geistloser Pubertät gezogen, wo Emily nun zu all jenen Mädchen gehört, die in einer ununterscheidbaren Masse untergehen. Ich weiß, dass sie auch nur ein Mädchen wie alle anderen ist und somit das Recht hat, sich so wie alle anderen zu fühlen. Aber es versetzt mir einen Stich, dass es nun so gut wie unmöglich erscheint, Emily als diejenige auszumachen, die heute Nachmittag in die Aula gehen, ihr eigenes Gedicht vortragen und die Werke ihrer Mitstreiter respektvoll bewerten wird, wie es Runde Drei vorschreibt. Emily wird eine echte Villanella vortragen, da sie Elizabeth Bishops „Eine Kunst“ liebt. Ihre Version ist kein perfektes Gedicht – sie ist gerade einmal sechzehn Jahre alt – aber es offenbart eine Tiefe ihrer Gefühle, die mich in Erstaunen versetzt. Ich starre dieses Mädchen, das vor mir steht, an, ohne es wiederzuerkennen. Ihre gelangweilten Züge um den Mund.

„Kann ich mit Ihnen kurz sprechen, Emily?“ frage ich sie.

„Ich wollte eigentlich gerade auf die Toilette gehen.“

Sie schuldet mir und sich selbst dieses Gespräch, auch wenn sie es in diesem Moment nicht mehr wahrhaben möchte. Ich ziehe meine Augenbrauen hoch und sage: „Dann treffen wir uns gleich danach in meinem Klassenzimmer.“

Als sie zur Tür hereinkommt, warte ich, bis sie sich, ohne mich eines Blickes zu würdigen, hingesetzt hat. Dann sage ich ihr, dass ich mir Sorgen um sie mache.

Ein alltäglicher Satz, den alle Lehrer routinemäßig anwenden, den aber Emily höchstwahrscheinlich bis jetzt noch niemals zu hören bekommen hat. Sie hebt schnell ihren Kopf: „Sie sind mit meiner Leistung nicht zufrieden?“

„Ich mache mir wegen der Punktzahl keine Sorgen.“ Ich frage mich, wie ich es ihr erklären soll: es geht um die Art und Weise, wie sie sich in diesem Wettbewerb verhält, die mich bekümmert. Dass sie in ihrem Leben die Möglichkeit besitzt, Großes zu leisten, aber nur dann, wenn sie die Entscheidung, die sie im Begriff zu treffen ist, revidiert und ihrem Verstand und nicht ihren Gefühlen den Vorzug gibt, während wir ihr alle dabei zusehen. Es ist eine Entscheidung, die später nicht mehr rückgängig zu machen sein wird; auch wenn man es dann bereut, sich einer Liebe hingegeben zu haben, die geradewegs aus den eigenen Büchern entsprungen zu sein scheint - die die eigene Haut leise summen und die Luft in goldenem Licht erstrahlen lässt, während sein Blick einen zum Aufblühen bringt. Und die Bücher den Anschein erwecken, als seien sie von nur untergeordneter Wichtigkeit im eigenen Leben, oder als ob es noch genügend Zeit gäbe, später wieder zu ihnen zurückzukehren. Und vielleicht ist dem auch so. Denn die Zeit ist nicht das eigentliche Problem, sondern die Tatsache, dass sich die Bücher später nicht mehr dort befinden, wo man sie zurückgelassen hat, sie sich dem eigenen Zugriff entzogen haben, wenn man sich entscheiden sollte, wieder zu ihnen zurückzukommen.

„Ich habe das Gefühl, dass Sie Ihr Ziel aus den Augen verlieren“, erkläre ich Emily.

Sie krümmt ihre Schultern. Diese Bewegung erinnert mich an unzählige trotzige Schüler, die ich über die Jahre hinweg unterrichtet habe und die mir schulterzuckend erklärt haben, dass sie keine bessere Leistung erbringen können, und was ich denn eigentlich von ihnen wolle? Was ich von oder für Emily möchte, ist, dass ihr die ganze Welt offensteht. Ich möchte, dass sie ihr eigenes Wohl im Auge behält, dass sie ihr volles Potential ausschöpft.

Ich warte auf ihre Antwort. Sie kann sich sicherlich nicht hinter diesem anderen Mädchen verstecken, während sie mit mir redet. Aber sie schweigt.

„Hören Sie mir zu, Emily, Peter, er ist – Sie verschwenden Ihre Zeit mit ihm.“

Das rüttelt sie auf. Vielleicht hatte sie angenommen, ich wüsste nicht Bescheid.  „Warum?“

Ich möchte ihr sagen, dass sie so viel außergewöhnlicher als Peter ist. Peter ist einfach nur sehr charmant und klug genug, nur jene Eigenschaften von sich preiszugeben, die er auch zeigen möchte. Jedoch handelt es sich dabei um keine Talente, sondern schlichtergreifend um Waffen. Auch wenn er dir das Herz bricht, was er ohne Zweifel tun wird, Emily, wird er dies auf eine Art und Weise tun, dass du nicht ihn, sondern dich selbst hassen wirst.

Emily sitzt jetzt so bewegungslos auf ihrem Stuhl, als handelte es sich bei ihr nicht um einen lebendigen Menschen, sondern um ein Stillleben, während sie auf meine Antwort wartet. Mein Herz schlägt heftig vor Wut und fordert lautstark, dass ich ihr die Wahrheit sage. Aber es handelt sich hier um Peter, und falls ich ihr beweisen möchte, was ich weiß, so muss ich selbst diese Beweise zu Tage fördern.

„Es fällt mir schwer, es Ihnen zu sagen. Ich habe ihn gesehen. Mit Jessica Fuller, Emily. Es tut mir so Leid.“

„Wie meinen Sie das?“

Ich lege mein Gesicht in mitleidige Falten.

„Nein“, sagt Emily und schüttelt ihren Kopf. „Er hasst Jessica.“

„Hat er das Ihnen so gesagt?“

Ich habe eine geschickte Wahl getroffen. Jessica lacht laut und trägt immer so kurze Röcke, dass sie sich eng wie Gummi an ihren festen Po schmiegen. Ich sehe, wie Emily zu zweifeln beginnt. „Sie müssen etwas gesehen haben, was nur den Anschein hatte –“

„Emily, sie haben sich geküsst. Gegen die Schließfächer gelehnt.“

„Wann war das?“ fragt sie, und ich weiß, dass ich mein Ziel erreicht habe.

„Gestern.“

Sie nickt schnell, ohne Tränen in den Augen. Nur die Heftigkeit ihrer Bewegung verrät ihre Gefühle. Niemand muss eine solche Heftigkeit an den Tag legen, um einer Tatsache ins Auge zu sehen – es sei denn, die eigene Welt geht unter. Was für ein Recht habe ich, Emilys Welt zu zerstören – Emily, die ich in mein Herz geschlossen habe? Aber bevor ich noch etwas hinzufügen kann, ist Emily schon aufgestanden. „Danke schön, Ms. Alberts“, sagt sie mit mir bereits zugewandtem Rücken, und dann ist sie verschwunden.

Der weitere Schultag rauscht an mir vorbei, ohne dass ich mich in meinen Unterricht einfinden kann. Unser Thema ist die Odyssee. Wir stecken in einem dieser endlosen Bücher fest: Odysseus ist bereits nach Hause zurückkehrt, aber er hat noch kein Blutbad angerichtet. „Warum ist Athena so wütend auf Odysseus?“ frage ich. Dreizehn Gesichter wenden sich mir zu, so rein und ahnungslos, dass mich ihr Anblick schmerzt. Ich wünschte, sie brächten sich vor mir in Sicherheit.

Endlich ist der Beginn von Runde Drei in greifbare Nähe gerückt. Im Lehrerzimmer fülle ich meinen überdimensional großen Becher, um in kleinen Schlückchen den fast ungenießbaren Kaffee dieses späten Nachmittags zu trinken. Dabei stelle ich mich an die Spüle, den Rücken meinen geschäftigen Kollegen zugewandt. In der Spüle befinden sich allerlei Dinge, die wir dort zurücklassen, wenn wir aus dem Lehrerzimmer stürzen im Bewusstsein, nur noch eine Minute bis zum Beginn der nächsten Unterrichtsstunde zu haben; schmutzige Teller mit Essensresten, Tassen, die an ihrem Rand die Halbmonde unserer schlechten Lippenstifte aufweisen; klebrige und verbogene Gabeln. Diese Gegenstände befinden sich in einem ununterbrochenen Kreislauf zwischen Regal, Tisch und Spüle, tagein, tagaus, jahrein, jahraus, während unsere Gesichter faltig werden und die Haut auf unseren Händen erschlafft. Meinen Teller habe ich heute morgen in die Spüle gestellt, aber jetzt kann ich ihn in dem Berg von Geschirr nicht mehr wiederfinden.

Im Lehrerzimmer wird es langsam leer. Seit meiner ersten Begegnung mit Emily vor drei Jahren habe ich auf diesen Moment gewartet; jedoch bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher, ob ich wirklich nach unten in die Aula gehen möchte.

Als Jim hereinkommt, um in sein Postfach zu sehen, bin ich die einzige, die sich noch im Lehrerzimmer befindet. Er sieht mich an und grinst. „Nur noch dieses eine Mal heute!“ sagt er. Er geht zum Kopierer, um dort wahrscheinlich ein Arbeitsblatt für den morgigen Tag zu vervielfältigen, und dreht sich dann wieder zu mir um. „Ich sag dir, ich kann es kaum erwarten, bis alles vorbei ist. Dieser Stress!“ Er fährt sich durch die Haare an seinem Hinterkopf.

Gleich nach besagter Weihnachtsfeier vor zwanzig Jahren hat er sich diesen Umgang mit mir angewöhnt: die Illusion, dass wir schon immer auf unverbindlich freundlichem Fuße miteinander gestanden hätten. Und ich habe mich beinahe dankbar dafür gefühlt, dass die Vergangenheit damit einfach aufhörte zu existieren. Jedoch wäre Jim bestimmt überrascht, wenn er wüsste, an welche Dinge ich mich heute noch erinnern kann. Ich war damals alleine auf die Feier gegangen. Ich hatte angenommen, dass Jim mich abholen und wir zusammen hinfahren würden, aber er hatte am Wochenanfang vage von irgendwelchen Plänen für besagten Nachmittag gesprochen und war auch nicht zu Hause – oder ging nicht ans Telefon, als ich ihn anrief. Somit fuhr ich alleine zum Haus von Stacy Porter. Ich trug einen Wollrock und einen pfirsichfarbenen Kaschmirpullover, der angenehm auf meiner Haut lag. Ich stellte mir vor, wie seine Hände sehr bald über den Pullover streichen würden, draußen in der Kälte, nachdem wir die Feier kurz verlassen hatten: wir konnten unseren Atem in der Kälte sehen, während das Gewicht seiner Handflächen auf meinen Schultern lag, die sich so weich und geschmeidig anfühlten. Jim war noch nicht auf der Feier eingetroffen, als ich bei Stacy vorfuhr. Ich verbrachte eine Stunde damit, von einer Lehrergruppe zur nächsten zu wandern und höflich über Witze zu lachen, die die Intelligenz des Vortragenden nur unzureichend kaschierten. Lehrer sind es gewohnt, vor unfreiwilligem Publikum zu stehen, und das hat nicht selten zur Folge, dass wir schlechte Gesprächspartner sind. Ich hielt mein Glas in einem hübschen Winkel; damals dachte ich noch, dass es so etwas wie einen hübschen Winkel für das Halten eines Glases gäbe. Ich hatte in der Zeit mit Jim das Gefühl, dass alles, was ich tat, für alle anderen sichtbar wäre.

Ich sah ihn sofort, als er eintrat. Die Tür öffnete sich und Jim schlüpfte hindurch, die Augen von Lachfältchen umspielt und den Mantel bereits halb ausgezogen. Ich näherte mich ihm, als eine Frau in den Eingangsbereich trat. Sie hatte ein kurzes, goldglänzendes Kleid an, als ob es sich bei Stacy Porters Haus um einen Nachtclub handelte; ihr dick aufgetragenes Make-up konnte ich von meiner Entfernung aus genau erkennen. Ich dachte sofort, dass Jim und ich über diese Person gemeinsam lachen, uns Geschichten über sie ausdenken und uns skandalöse Erklärungen für ihr Auftauchen bei der Feier ausdenken würden, als ich sah, wie er seine Hand mit unmissverständlicher Vertrautheit auf ihren unteren Rücken legte.

Heute weiß ich über Jim Barnham Bescheid. Ich weiß, dass sich hinter seinem Charisma nichts Wahrhaftes oder Bewundernswertes verbirgt. Ich weiß, dass er die Frau im goldenen Kleid, Ally, geheiratet hat und dass ihre Ehe sechs Jahre Bestand hatte, bis zu jenem Zeitpunkt, als Jims Affäre mit Laura aufflog, die seine zweite Frau wurde und mit der er zehn Ehejahre verbrachte. Ich weiß jetzt, dass eine Beziehung mit Jim nicht von Dauer gewesen wäre. Selbst wenn Ally damals nicht in jenem Geschenkeladen gearbeitet hätte, hätte ich meine Beziehung mit Jim früher oder später bereut. Somit kann ich wahrscheinlich von Glück sagen, dass das Bereuen bereits zu jenem frühen Zeitpunkt in der Vergangenheit einsetzte.

Allerdings schleichen sich bei mir jetzt Zweifel ein, ob ich in jenem Moment nicht doch einen Fehler gemacht habe, als ich ihn in Stacy Porters pseudo-französischem Wohnzimmer bemerkte – rotwangig von der Kälte und von jenem alkoholischen Getränk, das er vorher mit Ally zu sich genommen hatte – und es vermied, zu ihm zu gehen. Stattdessen rannte ich aus der Hintertüre hinaus und um das Haus herum zu meinem Auto, fuhr dann mit laufendem Radio nach Hause, um die leisen, hässlichen Schluchzer zu übertönen, während ich mir mit dem Handrücken über Augen und Nase wischte. Am nächsten Morgen erwachte ich spät und verbrachte den ganzen Tag mit dem Korrigieren von Aufsätzen. Ich ging den ganzen Tag nicht vor die Tür und vergab die schlechtesten Noten in meiner gesamten Laufbahn als Lehrer.

Ich frage mich, ob ich in jenem Moment, als ich Jim den Abend überließ, ohne eine Erklärung von ihm einzufordern, nicht etwas Wichtigeres als nur ihn verlor. Was, wenn Jim nur die äußere Form meines Verlustes darstellte, dem ich ein Gesicht gegeben hatte? Was, wenn ich selber in genau jenem Moment mein Leben herabgewürdigt hatte?

Jim runzelt die Stirn. „Alles in Ordnung, Jules?“

Er stellt seine Frage mit einer Leichtigkeit, die seine Gleichgültigkeit meiner Antwort gegenüber offenbart. Ich möchte ihn jedoch nicht noch einmal einfach so davonkommen lassen, unberührt von allem. Ich durchquere den Raum. Er tritt zur Seite in der Annahme, dass ich zu meinem Postfach unterwegs bin, aber ich folge seiner Bewegung. Er steht nun gegen den summenden, ratternden Kopierer gedrängt.

„Jules“, sagt er mit einer Wärme in der Stimme, die im Gegensatz zu seinem argwöhnischen Gesicht steht – mit einer Stimme, die man normalerweise für das sanfte Aufwecken eines alten Freundes verwendet, der auf dem eigenen Sofa kurz eingenickt ist. Ich nähere mein Gesicht dem seinen. Ich weiß, wie ich aus unmittelbarer Nähe aussehe: Falten bedecken meinen Hals, meine Haut strahlt eine gewisse Schwere aus und meine Augen sind wässrig. Jim sieht ebenfalls älter aus als das letzte Mal, als wir uns so nahegekommen sind. Aber eigentlich sehe ich gar nicht Jim. Ich sehe eine Trennlinie zwischen Möglichem und Unmöglichem, die wie ein elektrisch aufgeladener Draht vor mir leuchtet. Wenn ich meine Lippe an die seine hebe, könnte ich womöglich noch den Geschmack erhaschen: den elektrischen Funken einer mir offenstehenden Welt.

Unter uns, im Erdgeschoss, befindet sich Emily auf ihrem Weg zur Aula. Dort wird sie ihre Villanella vortragen, ihre dunklen, magischen Augen zur Decke gewandt. „Das Haus gehört mir und ich kenne alle seine Konturen./ Ich könnte sie zeichnen: Dach und Boden, jede Wand./ Seine Räume sind Löcher die ich entlang meiner Wirbelsäule fühle …“

Die Lichter werden Emilys Haut wärmen, als handelte es sich um winzige, liebevolle Sonnen. Wenn sie alles gibt, wie es ihre Art ist, dann werden wir sie bis zu jenem Grad erhitzen, der sie unberührbar macht, so dass wir sie dann in die Welt entlassen können, der sie ihren Lebensweg einbrennen wird. Ich bitte noch nicht einmal darum, Zeuge des nächsten Teiles ihres Lebens werden zu dürfen. Ich erwarte eigentlich nicht, dass sie sich später noch an mich erinnern wird. Nur der gegenwärtige Teil gehört mir, der die Vorbereitung auf später beinhaltet sowie die Vorstellung dessen, was da kommen mag.

Emily wird es auf der Bühne heiß werden. Während sie ihr Haus beschreibt, wird sie es vor Augen haben und das Gefühl in ihrer Fantasie noch einmal durchleben, das das Haus in der Vergangenheit bei ihr ausgelöst hat. In ihrem Inneren. Ich habe mich so lange mit diesen Gefühlen beschäftigt, bis ich mir sicher war, sie voll und ganz zu verstehen. Jedoch habe ich sie nur von außen erfahren können.

Die Augen von Jim suchen verzweifelt nach einem sicheren Ort, der es ihm erlaubt, den Augenkontakt mit mir zu vermeiden. Ich lehne mich näher an ihn heran, so dass ihm nur die Wahl bleibt, in meine Richtung zu sehen. Siehst du? Hier bin ich. Immer noch hier.

„Wir müssen nach unten gehen“, sagt Jim. In seiner Stimme schwingt beinahe etwas wie Angst mit. „Sie werden sich fragen, wo wir sind.“

Er meint unsere Schüler. Aber ob er damit wirklich Recht hat? Ich bin mir nicht so sicher. Peter sieht sich nur nach jenen Dingen um, die für ihn von Nutzen sind.

Und Emily? Emily wird vielleicht nach mir in der Menge Ausschau halten, während sie ihr Gedicht vorträgt. Sie wird unter Umständen nach Peter Ausschau halten. Wir alle werden sie ansehen, während wir mit angehaltenem Atem auf ihr Gedicht warten, das unsere kühnsten Vorstellungen übertreffen soll und das uns gleichzeitig vertraut erscheint. Aber wenn es endlich Gestalt annimmt, wird Emily nicht auf uns warten. Sie wird es auf seinen Weg hinunter durch die Aulagänge entsenden, und selbst ich kann froh sein, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, bevor es durch die Tür der Aula entschwindet.

 

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aus dem Englischen von Gabriele Maier

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The Renaissance Person Tournament

 

The tournament is the highlight of our year at the Simmler School, figuratively and literally: Abe Larson, math teacher and advisor to the tech club, uses acid-bright bulbs in the auditorium spotlights. He likes to make the contestants sweat. Abe is grizzled, ponytailed, a bitter man. The rest of us are bitter too, in our different ways, but most of us try to be less blatant.

I am fluttering-nervous as I wait for the Tournament to begin, though I know this delicate feeling is much too young for me. I sit by myself in the seventh row. Amanda Stevens from the Foreign Language department waved and mouthed “Over here, Julia” as I was coming in, but I pretended not to see her, since I don’t have it in me to hear about her fiancé or their kitchen remodel just now. Already the judges on the panel are arrayed at their table and chatting amongst themselves. The reflection of those overdone spotlights on the three contestants’ empty chairs makes them look like they’re holding shining pools of water. I wonder which one Emily will choose, whether she’ll sit between the two boys or on one of the ends.

“Seat taken, Jules?”

No one but Jim Barnham has ever in my life called me Jules. When I turn, he’s already sitting. “You nervous?” he says. He leans in, blue eyes beamy. His desperation to be loved is becoming doglike with the years—both of us nearing fifty now.

I will not pet him. I give him a very small smile. “Well, you must be too.” Jim and I are the faculty coaches for two of this year’s three contestants, the two who have an actual chance of winning: Emily Branch (mine) and Peter Sweeney (his).

“Right, right. The kid is amazing, though, which helps. And yours.” He does a little whistle and wiggles his eyebrows. I note with satisfaction how they’ve grown shaggy. The remark and the wiggle feel lifted from the behavior of some effusive jokey man Jim must at some point have studied. I have wondered about the identity of this man from whom Jim borrows, if he is one or a combination of many, real or filmed or written; I’ve never quite been able to place him. My shame is that at first I failed to see through any of it, just like the generations of students who dedicate the yearbook to Jim with stunning regularity. Mr. Barnham, you changed my life!! It took me longer than it should have to understand that there is weakness in a need to make oneself loved, even if one is successful in the attempt.

Despite his contrived mode of expression, Jim isn’t wrong about Emily and Peter. They are, both of them, amazing. Emily is just a little bit more amazing.

“We’ll see how they do,” I say.

They are coming onstage now. All three are laid bare by those lights. Emily sits, watchful, in the middle. Peter is on her left, looking relaxed except that one foot bounces, and Jeremy Cooper is on her right. Poor Jeremy. He knows what he’s in for, blinking out at all of us in his humiliated ferrety way. Jeremy Cooper is here because he is good at memorizing the answers for tests, so he has accumulated, by this point in his junior year, a nice high GPA, and because we needed a third. Even his coach, Ellen Sayers from the Social Studies department, understands that Jeremy has nothing that could let him touch Peter and Emily. I have been grooming Emily for the Tournament since she arrived at Simmler as a ninth grader, and really she’s been grooming herself for it all her life. I could tell on the morning I met her. I always open my first lesson of the year with introductions: the students go around the room and say their names, then their favorite books and a couple of words about why they love them. That first morning, Emily said softly, looking at her hands, “King Lear. For the power.” And I was plunged back into my sunny rose-wallpapered high-school bedroom, where I’d read Lear for the first time. I remembered the feeling I’d had then, of a voice rising up in me to answer that scale, that heft—a voice larger than mine that still somehow came from me.

I’ve taught a wealth of bright and talented students. I have watched them in their finest moments and glimpsed the adults they might become, if things go well for them. When I saw the way Samantha Matthews’s capable hands calmly patted the back of the crying friend she hugged, I also saw the scrubs her older self could wear. I heard long slick tables and crisp suits in the smooth answers Patrick Dunning gave every time I called on him, whether or not he actually knew anything about what I’d asked. Emily is the only student I’ve taught whose future remains opaque to me, because nothing I can fix on seems big enough.

Though that’s not quite true, that she’s the only one. I’ve never been able to see Peter Sweeney’s future either. With Emily the blank seems too vast to fill, but Peter’s blank I can fill with too many things. He performs each task with so little effort that you think he’ll be doing it forever, until he does the next thing.

Emily looks calm as she waits, her dark fringe of bangs sleek above her immobile, solemn face. Peter has begun to smile, just the right amount—so nice to see all of you!—for the crowd. Jeremy looks like he might throw up.

“All right, everybody!” says Linda Hayes, the head of this year’s judging panel. “All right, time to begin. Welcome to this year’s Renaissance Person Tournament, and congratulations to our three contestants: Emily Branch, Jeremy Cooper, Peter Sweeney. To have been selected to compete is a very great honor.”

We all clap. Jim’s elbow brushes mine.

“Round One of the Tournament will consist of three free-response questions that assess the candidates’ knowledge of history, culture, and literature. Each candidate, in alphabetical order, will have the opportunity to be first respondent on one question. Miss Emily Branch will begin. She’ll have five minutes in which to answer, and then each of the other contestants will have two minutes to respond and add to Miss Branch’s response.”

Round One is, I think, the easiest—a simple matter of knowing things—but I find I’m gripping my own kneecaps.

“Are you ready, Miss Branch?”

“Yes.”

“Here is your question. Please discuss the agenda of the First Council of Nicaea, the degree to which that agenda was successfully completed, and the long-term effects of the Council on history and culture. You have five minutes. Your time begins now.”

Emily bows her shining head, also wetted by the lights. I try to keep breathing. Why doesn’t she start?

At last she raises her face. “We believe,” she says, “in one God, the Father Almighty, Maker of all things visible and invisible, And in one Lord . . . ”

Reciting the entire thing this way will eat up her time, but Emily has chosen to do it for the sake of performance. She is giving us the original Nicene Creed from the First Council. I hadn’t even known she knew it. Her voice is unhurried, not overly loud, and the words click out smooth as pearls she is dropping onto a string. I listen as she comes to the end. She’ll have only a couple of minutes left to say anything of her own. “. . . they are condemned by the holy and apostolic Catholic church.”

Emily pauses for the space of a breath.

“I think this speech, the first version of the Nicene Creed, is the most important development to emerge from the First Council of Nicaea of 325 C.E. The Council had many purposes. To settle the Arian and Meletian controversies. To fix on a definitive Easter date. To decide questions about baptism and the persecution of nonbelievers. Each of these was resolved, and all of that is important. But I’m not sure anything is more important than the words. With the Creed, the Council members were declaring that they had the right to control and unify the beliefs of the faithful. They took many voices and”—another pause—“braided them into one. With this Creed, the Council reaches through time to shape even my voice, even today. It’s amazing, I think, that words can do that. They can change you, if you let them.” A shyness comes into her voice, because she’s describing the shape of her own life so far. The corners of her mouth lift slightly. “If you want them to.”

Emily stops, just as Linda’s teeth are coming together to tell her time. There’s a short silence. I wish I could record its awed sound.

“Thank you, Miss Branch,” Linda says. To her credit, her voice is almost neutral. “Mr. Cooper, you will respond first. Your two minutes begin now.”

Jeremy’s ears and nose begin to go red. “Well,” he says. Maybe feeling the way his nose is turning on him, he rubs at it. “I think Emily covered things pretty well. I guess I’d just add that the Council happened in 325 C.E.”

Emily said that. The judges’ pencils move discreetly.

“And that the Arian controversy had to do with—” He panics as he realizes he can’t come up with the word, which is Trinitarianism. I watch Emily ache to whisper it to him. “With whether Jesus was, in actuality, divine. Where his place was, relative to God.” It feels as if the judges’ busy pencils are scratching at Jeremy’s skin. “That’s it, really,” Jeremy says. Ellen said he was excited when she told him he was the faculty’s choice to be the third competitor. I know she did her best to help him prepare, and I know he’d have been diligent in reading whatever she gave him. But he’s a kid who’s spent years reading only the texts his teachers have given him, though very thoroughly, and that’s not the kind of study the Tournament rewards; what’s fair game is too wide-ranging.

“You still have about a minute, if you want to use it,” Linda tells him gently. Jeremy shakes his head.

“Okay, then. Mr. Sweeney, your turn. Two minutes.”

“Thank you,” Peter Sweeney says. He smiles again for all of us. He has an almost perfect face, lean and warm, classic as something from a dated book in which the hero is described as dashing. “My fellow contestants have made excellent points. I liked Jeremy’s emphasis on Arianism, on the Trinitarian controversy.” Flawlessly done: he’s pointed out Jeremy’s mistake while underscoring his own command, yet he manages to disguise the jab as graciousness. “And Emily, Emily makes such an eloquent, powerful point, about voices.”

This is when Emily blushes. I have never in all the time that I have known her seen Emily Branch blush. As her cheeks stain pink, I feel a dark dread well in the back of my throat.

“Of course, neither of those are really lasting developments. Constantine, who called the Council, was succeeded by two emperors who restored Arianism for a time. And the First Nicene Creed was later revised into the Second Nicene Creed, the version so many of us are familiar with today: ‘We believe in one God, the Father Almighty, Maker of Heaven and Earth,’ and so on.”

I am sure to the bottom of my soul that Peter knows no more than this of the Nicene Creed in either version. This is his genius, to make the things he doesn’t know look unworthy of attention: and so on.

“So for me the lasting effect of the Nicene Council is something else. It has to do with the fact that all of these bishops arrive in Nicaea because Constantine has called them. With the fact that great events and decisions can be controlled by one great man.”

He finishes just as his two minutes come to a close. Look at me, his face tells us. I will be a great man. I’m not that far from being one already.

I find Emily afterward. I pull her carefully to me, as if she were an injured bird, though when I release her, her face is untroubled. Round One has left her one point behind Peter. She won the First Responses—Peter’s was polished and impressive but nothing like the miracle of hers—and of course she carried the Second Responses against Jeremy, bringing her to eight points total. Peter, who won both his rounds of Second Responses and took second place in the First Responses, has nine. Jeremy has two points, having placed third in the First Responses. We give points for third place out of three because we’re teachers, and we like to be encouraging.

“The Nicene Creed,” I say to her, shaking my head. “The first Nicene Creed.”

She shrugs. “I’m happy with how it went,” she says. A typical Emily remark—I’m used to congratulating her while she looks at the floor. But today she’s watching Peter, across the room, as Jim claps him on the back.

Peter meets her gaze and smiles. That smile is something that should only be turned on many people at once. It’s heavy as gold, and I don’t think even Emily can be expected to bear up under it.

The next morning I’m in my classroom early, anticipating that Emily will come see me, as she usually does. “It sort of settles me into the day,” she told me once.

While I wait, I straighten the chairs around my oval table. I like them even-spaced as good teeth. I’ve done this each school morning for twenty years, since I first came to Simmler when I was twenty-eight. My classroom by now is my own kingdom. Everything in it I have chosen: the posters of the Globe Theater and wry-eyed Hannah Arendt, the pieces of yellow, not white, chalk that I keep lined up in dusty parade in the tray beneath the board, the bright throw rugs I’ve scattered around the edges of the room, every book on the three big bookshelves.

If this room is a kingdom, though, its citizens are not only my students, past and present, but also the different people I have been, all these years. The books remind me most of the fall I turned thirty, when I was wondering whether or not to leave Simmler and apply to graduate school—when I would walk away from the grading spread on my desk, lift a book from the shelf, and ruffle its pages, trying to decide if I was brave enough to venture in again, alone, to wander around and ponder, or if it was too late for that. The window reminds me of the spring ten years ago when my mother died, the most beautiful spring I can remember. Every morning brought buttery light caked thick over the discussion table, so that I was unsure whether feeling or just the glare made my eyes well.

And that back corner, against one of the bookshelves, will always be the place where Jim Barnham feathered his fingers over my collarbone, one early winter afternoon in my first year of teaching (I favored scoop-necked blouses in those days, even in cold weather), during one of the visits he used to pay me between classes. I remember he told me I looked Grecian. This has never been remotely true—I come from Pennsylvania farming stock and I have always looked like I should be hauling hay with my four sturdy sons. Though some part of me knew it was a lie even then, I remember craning my thick neck, in response, as if it were sculpture. This was maybe two weeks before he arrived at the annual Christmas party with the girl who would become his first wife, with nary a word to me. He met her when she sold him a set of salt-and-pepper shakers at the gift store downtown for his mother’s Christmas present. In my imagination those salt-and-pepper shakers have always been shaped like ducks.

Emily is late. Her father, who is an electrician, times her rides in the mornings around his own first job of the day. I return to my desk to test my pens. I find two likely to call it quits soon and toss them before they can turn on me.

“Ms. Alberts?” Peter Sweeney is leaning aesthetically against my door frame. “Could I come in for a second? If you’re not too busy.”

“Sure, Peter. Have a seat.”

Even his movements are compliments: he pats the surface of my desk in appreciation, he settles with visible comfort into the chair where Emily should be sitting. “Thanks,” he says. “I thought—I hope I’m not interrupting. It’s just, you know, they tell us we should ask for lots of people’s advice about the Tournament. So I thought I’d stop by, since there’s really no one else whose advice I’d rather have. Aside from Mr. Barnham, of course.”

Exactly the speech I would expect Peter Sweeney to make when approaching his opponent’s coach. I’ve never been as fond of Peter as everyone else is. This despite his obvious brilliance—he wrote a paper in my ninth-grade class that I’m not sure I could have written myself—and his generosity to every person around him, even, or especially, the bumblers, the awkward blurters, the strangely dressed, the pockmarked. Other teachers wax rhapsodic about Peter in faculty meetings. Me, I feel certain he wouldn’t be so kind if there weren’t other people watching. There’s a memory I return to when people praise him, a moment that happened when Peter was in ninth grade. He was leaving my room after class with shaggy Sam Evans, who gave up on Simmler midway through that year. Sam had lost his copy of Romeo and Juliet again. As they made their way to the door Peter said Sam could borrow his—just come by his locker, Peter told him, with that ease he was already perfecting, as they passed my desk. Right after they’d gone I remembered someone I needed to catch between classes and ducked into the hall.

“So I’ll just come up with you?” I heard Sam saying. “Thanks a lot.”

And I watched Peter say nothing, turn his perfect back and walk away.

“Peter!” I called. I came up behind them. “Peter, Sam’s asking if he can come get your book.”

“Oh, sorry,” Peter said. “Didn’t hear.” But in the first moment he turned toward us, just before he composed his face, I saw anger. Gone almost too quickly to register. Still, I saw it, and I know what it was—though he was smart enough to be careful, even then, and I never saw another moment like that from him. He would never make that kind of mistake now.

I fold my hands on my desktop. “I doubt you need much advice, Peter. But of course if I can help I’m happy to.”

“What I wanted to ask is—do you have any tips for dealing with the nerves?”

I stare at him. I almost laugh.

“It’ll be harder today than yesterday. Because today’s about our own opinion, you know? And with all those people watching.” He looks at me earnestly. I wonder if he’s practiced that look in the big, heavy-framed mirror I’m sure hangs somewhere in his house, maybe above the living-room mantel. “I just figured you might have some thoughts to share, out of your own experience.”

All right, I decide. All right, Peter, let’s play. I knit my eyebrows as if considering what wisdom to bestow. “Well,” I tell him, “I think the best thing is just to give the most honest, thoughtful answer you can.”

“Right,” he says. “Thanks. That helps a lot.”

“And really, you can’t worry about what anyone else’s answer will be like. If one of them knows a little more than you, has a little more to say, I mean—” I smile kindly. “You don’t have any control over that, do you? All you can do is your own best.”

I don’t know quite what I’m expecting, but I know that it isn’t for Peter to return my smile, sunnily, as he does. “You’re talking about Emily, I guess,” he says. “You must be so proud of her. She’s really—incredible.”

That breaks me out of our nice game. You stay away from her, I think.

He’s standing up now. “Well, I should be going,” he says. “I’m sure she’ll be wanting to talk to you too.”

I collect myself enough to say, “Good luck today, Peter,” emphasizing luck just a little, but he’s already out the door, and I don’t know if he hears.

In the quiet of my kingdom then, I continue to wait for Emily. Five minutes before the start of first period I go upstairs and find her with some other junior girls, all of them leaning against the lockers with their legs stretched out into the hall. “Oh, hi,” Emily tells me.

I have given this girl stacks of books, careful criticism and more careful encouragement, raw and beating belief. Hours and hours and hours of my life, so that she might have the chance to stand up and prove what she can do, so that she will be able to carry the record of that proof inside herself, reinforcing that self’s outline, forever. The Tournament itself is a small thing, but what it could do for Emily is not small. There aren’t that many chances like this in a life, though she can’t yet see that. I force myself to speak calmly. “I thought maybe you’d want to come down and talk.”

“I was just feeling pretty ready,” she tells me. “I wasn’t sure I needed to.”

What she’s doing instead, I suspect, is sitting here for the chance that Peter Sweeney might walk by.

Classes are all five minutes shorter than usual to make time for Round Two of the Tournament at the end of the day. The difference is slight but noticeable to all of us; when your time and thought are habitually carved up into forty-­minute increments, each thirty-five minute class has the short, wincing feel of a limp. Before I know it I’m back in the auditorium.

I see Jim three rows back, chatting with Amanda Stevens, who has her head back, laughing, in the posture of the deliciously teased. Her throat is pink. I wonder what her fiancé would have to say about this particular picture, if he could see it.

I slide into the chair on the other side of Jim, and he turns toward me, his face folding over on itself with happiness. Being chosen, by anyone, is one of Jim’s favorite things.

“Hey, Emily did great yesterday,” he says, with a magnanimous sweep of his hands.

“Thanks.”

Amanda feels the warm tide of his attention turn from her and swivels to talk to Stan Fisher, who teaches French. Some sleeping muscle deep within me takes this for a triumph, and twitches with a remembered, irrelevant pleasure. That twitch, it makes me angrier.

“Jim, can I ask you something?”

“Ask away.”

“Have you gotten the feeling that Peter is interested, you know, in Emily?”

“I’ve been thinking that too.”

I nod, pressing my teeth together very hard. Because I know Peter isn’t interested in Emily, not really—only in making her think he is. When has Peter ever felt a true thing? Except perhaps his desire to win.

“I think he admires her,” Jim tells me. “And I think that’s beginning to grow into something more.” His tone is as jolly as if we’re discussing the mating of prize pets. The thing is, I’m not even sure it’s an act, his taking Peter’s interest at face value. I doubt he bothers to think much about what goes on inside Peter’s head.

“Very natural,” Jim says.

Blessedly I don’t have to comment on the naturalness of it all, because Alex Wells is bringing Jeremy out of the holding tank and onto the stage. The order has been chosen from a hat: Jeremy, then Peter, then Emily. Each contestant will deliver a speech, composed on the spot, on the same topic, while the other two wait in the hall with a teacher so there’s no chance for them to overhear. Today Jeremy has the look of someone being led to his place of execution. He stands, center stage, and waits for the blow.

“Here is your assigned topic, Mr. Cooper. Please give us your opinion on the following: what is the single most important moral value a perfect society should hold? You have five minutes, beginning now.”

About as generic and open-ended a question as possible; the idea in Round Two is to leave them plenty of rope to hang themselves. Which is just what Jeremy proceeds to do—though to be fair to him, maybe it only seems that way in comparison to the performance I know the other two will give. Shiny with sweat, Jeremy starts to talk about freedom and then changes direction and focuses on achievement instead. The moon landing, the theory of relativity, a vague reference to “literature.” It seems that according to Jeremy’s definition, we’re all living in the perfect society. By the end of the second minute he’s back to freedom again. He starts talking about the American Revolution, with the upturn at the end of each sentence that I remember from all of his comments in my class, even the smartest ones, and soon he’s just reciting the names and dates of acts and battles. This is the kind of mind he has. As we all knew.

Meanwhile, Emily and Peter sit in the hallway. Their supervisor is Mary Alice Washburn, who never seems able to make eye contact with anyone for too long—one of the reasons she’s a bad teacher. I wonder just how fast and far Peter’s hands might creep in the intervals when Mary Alice is staring at the wall or the floor.

“All of that was because of freedom,” Jeremy says. “Freedom is—people are willing to die for freedom.”

The panel waits for a moment to be sure he’s done. Then Linda tells him “Thank you” in a very kind voice. Alex goes back to fetch Peter.

If Jeremy looked like he was being brought to his death, Peter looks like he’s going to an awards ceremony to claim his prize. He walks with easy-to-afford modesty, the suggestion that it would be bad taste to draw attention to his victory, that obvious thing. He grins and tents his pockets with his hands while he waits for Linda to tell him the topic. Then he considers.

“The first thing to decide, of course, is the definition of a perfect society,” he says, and he’s off and running, talking about individuals and community. The rhythm of it is nice. But as I listen, I begin to feel a mounting excitement. “A perfect society,” Peter says, “must be deemed perfect by its inhabitants. Each and every one of them must be free to find their own perfection, their own greatness.”

All quite unobjectionable on its own, but surely that word greatness is tripping the same wire for the judges that it is for me; surely they too are remembering that it’s what Peter emphasized in Round One as well. We’re hearing ego in a way we would never in a million years hear it from Emily, who has an air of continuous, delighted surprise to have found herself with all of us, away from the small disheveled house that holds the rest of her life.

I’m drifting along on the current of my happiness when I hear something that snags me. “The greatness of a perfect society’s individual members should be knit into the general tapestry,” Peter says. “Because society is a wonderful contradiction—many and one at once.”

The words blend with the rest, but that description of society’s nature is Emily’s. It’s something that I have heard her say, more than once, word for word.

I can see what must have happened. They were preparing for this round together, maybe right out there in the hall, talking over potential questions and ideas that might be dropped into a response. But hearing him say it, I feel as if Peter has reached down Emily’s throat, into the core of her, and stolen her words.

This feeling grows when it’s Emily’s turn, for the line is one of the first things she says. “Society in general strikes me as a beautiful contradiction. It’s many and it’s one—it’s both.” Anybody could reason through, could understand that it could be either one’s idea. The ear, though, can’t forget who said it first. And Peter would have known that very well, as he opened his mouth to say it.

In the wake of that doubling, it’s hard, probably, for everyone but me to really listen to the rest of what Emily has to say. “We’re all privileged to be a part of such a mechanism—or such an organism, really, because society I think is a living body. The work of making it as perfect as it can be, that’s a responsibility that ultimately rests with each of us.”

Peter comes out ahead in this round by two more points. Linda announces the scores with the three contestants lined up beside her on the stage. As they turn to go, I see Peter’s fingertips alight on Emily’s shoulder blade. She looks at him, at this thief, with gratitude.

At twenty of eight on the final morning of the Tournament, I go upstairs to the lockers, because this time I know better than to wait for Emily to come to me. I intercept her at the back of a clump of giggling girls on the move. Though he’s nowhere I can see, Peter is all over her: in the toe of her shoe dragging at the floor, in her fingers tucking at her hair. He has pulled her right into the pit of normal vapid adolescence and made her indistinguishable from the indistinguishable girls around her. I know, I do know, that she is just a girl, as they are girls, and so she has every right to feel the same things they do. But it hurts me that it would be hard to pick Emily out now as the one who will go into the auditorium this afternoon and recite an original composition, then gracefully critique the work of her fellow contestants, as Round Three requires. Emily’s is an actual, real villanelle, because she loves Bishop’s “One Art.” Hers isn’t a perfect poem—she’s only sixteen—but it contains a depth of feeling that astonishes me. I stare at this girl in front of me without recognition. The bored set of the mouth.

“Emily, can I talk to you for a second?” I ask.

“I was just on my way to the bathroom.”

She owes this to both of us, though, even if she’s lost sight of that now. I raise my eyebrows and say, “I’ll see you in my classroom right afterward.”

When she arrives, I wait for her to sit, which she does without looking at me. Then I tell her, “I’m worried, Emily.”

A standard teacher line, but Emily has probably never before heard it. Her head snaps up. “You aren’t happy with how I’m doing?”

“I’m not worried about the scores.” I wonder how to explain it to her: that it’s the way she’s playing that frightens me. That in her life she has the capacity to become wondrous, but not if she makes the choice I fear she’s making while we all watch, to put something else ahead of her brain. It’s not a choice you get to revise later. You think it is, while you’re succumbing to an experience of love that really you’re lifting right out of all of your books—while your skin hums and the air grows gold tinted, while his gaze makes you feel you’re blooming. The books themselves make you think that maybe books aren’t the most important thing after all, or at least that there will be plenty of time to return to them. And I suppose there might be. Time isn’t really the problem. It’s that when you go to look for those books—if you do go to look—they aren’t where you left them, aren’t in any place you know, anymore, how to find.

“I just feel like you’re losing your focus,” I tell Emily.

She hunches her shoulders. In that motion I see a thousand defiant kids who have shrugged, over the years, to tell me they can’t do any better, and what do I want from them, exactly? What I want from, for, Emily is the whole world. I want her to feed herself, to watch that self become the most enormous thing.

I wait for her to speak. She won’t be able to pretend to be this other girl while she’s talking. But she’s quiet.

“Emily, listen. Peter, he’s—not a good use of your time,” I tell her.

That startles her. She didn’t think I knew, maybe. “Why?”

Because, I want to tell her, you are so much more extra­ordinary than he is. He is only very charming, and too clever to be caught being anything he doesn’t want to be. These are not talents; they’re weapons. Even when he breaks your heart—and he will, Emily—he’ll do it in such a way, I know it, that you won’t be able to hate him. You will be left with no one to hate but yourself.

Emily sits as still, now, as a painted girl, waiting for my response. My heart beats furiously with the need to show her the truth. This is Peter, and if I want proof of what I know, I will have to make it.

“This is hard to say,” I tell her. “I saw him. With Jessica Fuller, Emily. I’m sorry.”

“What do you mean?”

I crease my face in sympathy.

“No,” she says, shaking her head. “He hates Jessica.”

“Is that what he told you?”

I’ve chosen well. Jessica has a loud laugh, a habit of wearing skirts so short and tight they’re like rubber bands around her hard little backside. I watch Emily begin to doubt. “You must have seen something that looked like—”

“Emily, he was kissing her. Up against the lockers.”

“When?” she asks, and I know I’ve done it.

“Yesterday.”

She nods rapidly, dry-eyed. Only the ferocity of the motion of her head gives her away. No one has to put that much force into accepting something unless it feels like the end of the world. Who am I to be ending Emily’s world, Emily whom I love? But before I can say anything else, she’s getting up. “Thanks, Ms. Alberts,” she says, her back already to me, and then she’s gone.

For the rest of the school day the discussions I am meant to be leading flow past without touching me. We are talking about The Odyssey, stranded in one of those endless books after Odysseus has made it home but before he does any suitor-slaughtering. “Why do you think Athena is so frustrated with Odysseus here?” I ask. Thirteen faces turn toward me, so pure and blank the sight of them hurts. I want to tell them all to run.

At last Round Three’s beginning nears. In the faculty room, I refill my all-day mug and stand by the sink, my back to the other buzzing teachers, to sip the burnt-out end-of-­afternoon coffee. There in the basin sits a collection of the many things we leave behind when we flee this room, realizing we have only a minute left before the next class starts: plates smeared with food; cups, their rims bedecked with the half-moons of our bad lipstick shades; sticky and bent-tined forks. These items move from shelf to table to sink in a constant orbit day after day, year after year, as our faces line and the skin of our hands goes baggy. I left a plate in here this morning, I know, but I can’t identify it in the heap now.

The room has begun to empty. I’ve been waiting for this moment for the three years I’ve known Emily, but I’m not sure I can go down there.

When Jim pops in to check his mailbox, I’m the only other person left in the room. He catches sight of me and grins. “One to go!” he says. He steps over to the photocopier to run something off, a handout for tomorrow, probably, then turns back to me. “I tell you, I can’t wait till it’s over. The stress!” He ruffles at the back of his hair.

He adopted this mode with me almost right away after that Christmas party twenty years ago: the pretense that we have always been friendly acquaintances. I’ve come to feel almost grateful for the easy erasure. But I think Jim would be surprised how I still remember. I went alone to the party. I’d assumed Jim would pick me up and we’d go together, but he’d been vague about plans earlier in the week, and when I called him that afternoon he wasn’t home, or wasn’t answering. So I drove myself to Stacy Porter’s house. I wore a wool skirt and a peach-colored cashmere sweater I loved the feel of. I thought his hands would soon be on it, maybe when we stepped outside during the party to stand in the cold: there would be clouds of our breath and the weight of his palms on my shoulders, and the joy of being soft. Jim wasn’t there yet when I got to Stacy’s, so I spent an hour moving from circle to circle of teachers and laughing politely at displays of intelligence disguised as jokes. Teachers are used to having captive audiences, and it makes us bad at conversation. I held my drink at a pretty angle; I thought, then, that there was a pretty angle for holding a drink. I felt in those days of Jim as if everything I did were suddenly visible.

I saw him right away when he arrived. The door opened and he sidled through, eyes already crinkled, beginning to shrug off his coat. I started to go to him. Then a woman stepped into the entryway. She wore a short sparkly gold dress like she thought this was a nightclub, makeup I could see across the room. I was thinking that Jim and I could laugh about her together, speculate about who she was and invent scandalous explanations for her presence here, when I saw him put his hand, with unmistakable intimacy, to the small of her back.

Now, I know many things about Jim Barnham. I know that beneath his charisma is nothing very genuine or remarkable, really. I know how he married the gold-dressed woman, Ally, and how their marriage lasted the six years until she found out about Laura, who would become his second wife, to whom he would manage to stay married for almost ten. I know he couldn’t have given me anything lasting. At some point, even if Ally had not been working that shift at the gift shop, I would have regretted all of it. The regret might as well have arrived when it did.

Yet the suspicion comes to me now that I made some mistake in that moment when I saw him across Stacy Porter’s faux-French living room—red cheeked from the cold and from whatever he’d been drinking with Ally—and didn’t go to him. I ran instead out the back door and around to my car, then drove home with the radio on to drown out the low, ugly sounds of my own crying, wiping my eyes and nose on the back of my hand. I woke late the next morning and graded papers without leaving the house all day, some of the lowest grades I ever gave.

I wonder if, in that moment when I let Jim have that night just as he wanted it, without even making him explain, I lost something more important than Jim himself. If he was only the shape I gave my loss, because it seemed to want a face. If it was then, exactly then, that I allowed my life to become smaller.

Jim wrinkles his eyebrows at me. “You all right, Jules?”

He asks so lightly, because he doesn’t have to care about the answer. I don’t want to just release him again, untouched. I cross the room. He moves over, as if he’s expecting me to go to my mailbox, but I move over with him. He comes up against the humming, rattling photocopier.

“Jules,” he says, his voice warmer than his wary face—a tone you might use to wake up an old friend who’d dozed off on your couch. I bring my face in close to his. I know what I look like at so small a remove: there are folds in my neck and a heaviness to my skin, a wateriness to my eyes. Jim looks older too, since the last time we were this close. But really I’m not seeing Jim at all. I’m seeing a dividing line between possibilities and impossibilities, glowing like a live wire there in front of me. If I brought my lips to his I might still catch its taste: the electric spark of an open world.

Down below us, on the first floor, Emily walks toward the auditorium. Inside, she will recite her villanelle with her dark, magical eyes on the ceiling. “The house is mine, and I know all its lines. / I could draw them: roof and floor, each wall. / Its rooms are holes I feel along my spine . . . ”

The lights will heat Emily’s skin like tiny, loving suns. If she gives her whole self, as she will do, in exchange we will heat her to the point where no one can touch her, and then release her to scorch a path through the rest of her life. I don’t even ask to watch that next part. I don’t particularly expect her to remember me then. Only this part, only the readying and the imagining of what may come next, belongs to me.

Emily will feel hot, on that stage. As she describes her house, she will see it. She will feel the way she has felt, living inside it. Inside herself. I have thought about those feelings until I’ve been sure I’ve understood them, but after all I have only been seeing them from the outside.

Jim’s eyes are desperately seeking a safe space somewhere off to the side of me. I lean closer still, so he has no choice but to look where I want him to. See? There I am. Still there.

“We should go down,” Jim says. He sounds almost afraid. “They’ll be looking for us.”

Our students, he means. Will they? I’m not sure. Peter looks only for what he needs.

And Emily? Emily may or may not look for me in the crowd, while she speaks. She may or may not look for Peter. We will all be looking at her, watching for her poem to emerge, holding our breath. We want it to be unlike anything we’ve ever seen, and we also want to recognize it. But when it does emerge, Emily won’t wait for us. She will send it walking down the aisle, and I’ll be just like all the others, lucky to catch the flash of its face before it’s out the door.

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Claire Beams

Erstveröffentlichung in CRAFT, 2017

Further Reading — Clare Beams

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Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

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12 | Simon Stockinger

Schiebetür

What fresh hell can this be?
Dorothy Parker

Aus irgendeinem Grund öffnet die Schiebetür sich nicht, sondern zeigt mir nur mein Spiegelbild, blass, von der Sonne angeknallt, einzelne Haare wie weiße Leuchtfäden. Eine große Frau mit Hut wird hinter mir immer größer und schreit „Cornelia“, die Tür öffnet sich für sie, ich verschwinde vor mir, die Frau überholt mich und Cornelia überholt sie mit hüpfenden Locken und einem alt aussehenden Autorückspiegel in der Hand. Ganz kurz fängt mich der Rückspiegel ein, dann sind Mutter und Kind verschwunden, hinter irgendwelchen Regalen.

Der Mitarbeiter wirkt enttäuscht und fragt mich, ob ich das getan hätte. Wir stehen beide vor unzähligen bunten Plastikbehältern mit Flüssigwaschmitteln. Ich schüttle den Kopf und sage, dass ich gar kein Interesse an Waschmittel hätte, dass mir nur heiß gewesen sei. Jetzt rutschen dem Mitarbeiter die Schultern runter, während er laut ausatmet, dann verschränkt er die Arme und nickt. Wir starren beide auf eine leuchtend violette Packung von Persil, in deren unteres Drittel, direkt unter dem Etikett, ein sehr präzises kleines Loch gestanzt wurde. Aus dem Loch tritt gleichmäßig und langsam das Waschmittel.

Ich sage: Was sagt man dazu. Und: Alle möglichen Gedanken drängen sich auf. Aja, sagt der Mitarbeiter und es klingt halb wie eine Frage, halb wie Zustimmung. Dann sagt er sehr nüchtern: Wer könnte das gewesen sein.

Ich merke, durch unser beider Alltag bläst jetzt eine ganz frische Böe, kurz geht es sogar in meinem Bauch elektrisiert zu und ich sehe, wie witzig alles ist. Ich blicke den Ladenmitarbeiter erstmals länger an, er ist untersetzt, trägt eine Schürze, trägt Koteletten und eine runde bronzen-gerahmte Brille, und schafft es trotz alldem humorlos auszusehen. Dennoch: Die Situation, dieses Rätsel, verpasst dem Tag einen unerwarteten Farbton, eine Leichtigkeit, vielleicht weniger: Ein Lachfältchen – und ich stehe hier mit einem Schicksalsgenossen. Irgendetwas Witziges sollte mir doch zu sagen einfallen. Ich überlege und blicke auf sein Namensschild. Hans. Ich überlege weiter; irgendwas muss sich aus dieser Situation machen lassen.

Da sagt Hans: Das gibt’s nicht.
Was?
Na, sehen Sie das nicht. Eins nach dem anderen jetzt.

Ich sehe es. Viele bunte, zähe Rinnsale, sie fallen als einzelne Strahlen, bilden kleine Seen auf den Regalflächen, die eine Etage tiefer liegen, fallen dann von diesen in mehreren Fällen, manchmal nur in langsamen Tropfen; mir fällt nichts ein. Es ist zu verrückt und doch ist alles wie davor; die kleine Entrückung wird schon zur Belastung.

Cornelias Mutter hält ein Werkzeug, von dessen Griff ein schmales Metallteil weggeht in der einen, und einen eleganten Hammer in der anderen Hand; sie geht in einer tänzerisch wirkenden Schrittfolgen auf das Regal zu, schlägt mit dem Werkzeug und dem Hammer ein Loch in einen Flüssigwaschmittelbehälter und entfernt sich schließlich wieder mit derselben Tanzschrittfolge rückwärts von dem Regal.

Hans fragt mich unsinnigerweise: Sehen Sie das?
Ich will unserer Schicksalsgemeinschaft auf die Sprünge helfen, schließlich haben wir jetzt einen gemeinsamen Feind.
Ich frage: Was sollen wir tun?
Hans sagt: Wir? Ich sage: Na, Sie sehen das doch.

Irgendetwas stimmt nicht mit Hans, es wirkt, als würde er gleich etwas Unüberlegtes tun. Ich sage: Jetzt nur keine Affekthandlungen, Hans!

Er blickt mich entgeistert an und deutet unbestimmt und seltsam langsam auf die Frau. Wo ist ihre Tochter?
Ich sage zu Hans: Sie hat eine Tochter.
Was? Kennen Sie diese Frau etwa?
Wir sind gemeinsam hereingekommen.

Cornelia kauert hinter einem Regal und schaut der Tätigkeit ihrer Mutter zu. Sie macht kleine Mundbewegungen; es wirkt, als würde sie immer wieder Mama sagen oder wie eine Kaulquappe nach Luft schnappen, kein Ton kommt heraus. Das sieht schrecklich aus, abgründig, und verdirbt mir gehörig die Laune. Ich zeige auf das Mädchen und will etwas zu Hans sagen. Der steht aber inzwischen bei der Frau, Cornelias Mutter, hat eine Hand auf ihrer Schulter und begleitet unbeholfen ihre Schrittfolgen, redet dabei offensichtlich beruhigend auf sie ein. Jetzt wirkt es wirklich wie ein Tanz; es wirkt, als gehöre es so und nicht anders, als wäre es davor unvollständig gewesen.

Ich merke, die Einschätzung der Situation fällt mir zunehmend schwer, der klimatisierte Raum hilft auch nicht mehr; ich beschließe zu gehen, jetzt. Am Weg nach draußen sehe ich noch einmal den Rückspiegel; Cornelia hat ihn einfach in der Mitte des Gangs mit den Parfums und Deodorants liegen lassen. Das wäre nun eine Chance doch noch einmal in die Situation einzusteigen, in Kontakt zu treten, hilfreich zu intervenieren, somit ein Teil davon zu werden; es würde sich bestimmt gut anfühlen. Aber meine Beine tragen mich träge weiter in Richtung der Schiebetür.

Als ich davor stehe, geht das Ding nicht auf. Ich sehe kein Spiegelbild, nur das Gleißen eines Tages, der sich selbst satt zu haben scheint.

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Simon Stockinger

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11 | Tara Meister

Scheinlich

„Welche?“

Alex‘ Finger fahren über die raue Oberfläche der Walnusshälften, lustvoll, als wären es Mini-Brüste oder Riesen-Klitoris. Er hat gelbe Fingernägel, vom Rauchen. Er hat mir schon acht Euro abgenommen.

„Ich will nicht mehr, Alex.“

„Komm, rat noch einmal. Gibt auch Rabatt. Familienrabatt.“

Das flockige Wachs, das ich vom Kerzenständer gekratzt habe, während ich überlege, liegt überall verstreut und es sieht hässlich aus. Ich kratze mich am Bart. Unter welcher halben Nuss liegt die Glasmurmel?

Im Licht tanzt der Staub. Alex sieht zufrieden aus, oder wenigstens amüsiert. „Ich spürs, Mann. Dieses Mal hast dus, dieses Mal wirds was.“

„Du weißt, warum ich heute da bin, oder?“ Ich versuche das Wachs mit meinen warmen Fingern wieder an den Kerzenständer zu kleben. „Wir müssen da heute hin zu diesem Termin. Diesmal wirklich.“

Ich sehe mich wiederholt um, in gewisser Weise befriedigt, dass in diesem Raum unmöglich ein Kind großwerden kann.

„Das ist deine Chance“, Alex zeigt wieder auf die Nüsse, als hätte ich nichts gesagt, „einmal noch. Du bist doch so das brain.“

„Doch!“, ruft er aufgeregt als ich abwehre. „Doch das bist du, Mann. Wahnsinn, was du denen da vorhin vorgerechnet hast, du hast total rasiert.“

„Das… das war nur ein bisschen Kopfrechnen, Alex, sonst gar nichts. Den Grammpreis mal die Anzahl und dann zehn Prozent abgezogen. Das war gar nichts.“

„Also ich kann das nicht.“

Meine Hände sind mittlerweile klebrig feucht. „Solltest du aber. Das ist doch ganz… einfach alles. Das brauchst du fürs Leben. Hey, wenn dich deine Dealer verarschen können, dann werden dich alle verarschen!“

Alex nickt langsam, seine Augen sind schmal und rot.

„Also was ist? Versuchst dus nochmal?“

Die drei Nussschalen liegen vor ihm auf dem Tisch. Es waren ursprünglich drei Engel, Weihnachtsdeko, die ihm seine Mutter geschickt hatte, damit es ein wenig feierlich wird in seiner Wohnung. Alex hat die Köpfe abgelöst, sorgfältig, damit sie alle gleich aussahen, und ein Spiel daraus gemacht.

Ich starre sie an. Es ist eine Wahrscheinlichkeit. Bei dem Versuch, meine Hände an meiner Hose abzuwischen, bleiben Fussel und Haare an meinen Handflächen heften. Eine Wahrscheinlichkeit ist die Erwartbarkeit des Eintretens eines Falls. Zum Beispiel sind aus den Eiern von mir und Alex 50% Wahrscheinlichkeit in Lena gewandert. Zumindest rückblickend. Auch bei den Nüssen ist ja alles schon entschieden. Aber ich bin noch nicht entschieden. Alex nimmt sich ein Stück Pizza aus dem Karton, es ist groß und weich, es schleift auf dem Weg zu seinem Mund über den Tisch. „Da ist jetzt Pizza auf der Konsole“, sage ich und denke dabei, wie leicht es wäre, den Tisch einfach umzustoßen, mit Gewalt, und dann würden die Nüsse offen liegen und ich könnte die Murmel sehen. Es geht auch anders. Die Vorstellung ist auf einmal fast unwiderstehlich.

Alex‘ Bart verschwindet, als er seinen Kopf zur Seite neigt, ich kneife irritiert die Augen zusammen. Er nimmt die Konsole und schleckt sie ab.

„Wir müssen bald los“, sage ich, meine Stimme kratzt im Hals.

Alex isst seine Pizza. Ich habe die Vermutung, dass es die mittlere Nuss sein könnte, aber ich habe Angst. Meine Hände sind nicht nur klebrig, sie kommen mir jetzt auch kleiner vor.

„Das wird nicht so schlimm“, sage ich zu Alex und mir, „die stecken uns erstmal nur so ein Wattestäbchen in den Mund, hab ich gehört.“ Meine Hände sind wirklich klein.

„Also“, jetzt wirkt Alex nicht mehr heiter, „wo ist die Murmel?“

Ich versuche wieder zu rechnen, aber es macht das Bild nicht klarer. „Deine Stimme ist ganz hoch.“

„Deine auch, Mann“, Alex lacht, „als wärst du kastriert. Bist du kastriert? Dann würden wir uns den Weg da hin heute sparen.“ Er hört sofort auf zu lachen. Sein Gesicht sieht weicher aus, seine Haut reiner, sein Pullover wirkt so überdimensional groß. Will ich unter die mittlere Nuss schauen oder nicht? Will ich wissen, ob darunter die Murmel ist?

„Es sind doch nur zwei Euro, Mann.“

„Ich hab keine Lust mehr, dauernd zu verlieren.“

Das Wachs unter meinen Fingernägeln lässt sich nicht mehr rauskratzen. Ich möchte wissen, wie spät es ist, die Armbanduhr rutscht mir vom ungewohnt schmalen Handgelenk.

Der kleine, bartlose Alex ist mittlerweile halb in seiner Kleidung verschwunden.

„Willst dus denn nicht wissen?“

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Tara Meister

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