freiTEXT | Christoph Michels

in schnitten

die scheibe herunter, zum ineinander, kreuzend, sich verflechtend, im immer neuen, und von allen seiten, damit kein blick dahinter. in diesem rauschen, das sich monoton, seit stunden, legt es sich grau, als ob nie wieder etwas anderes - -

ein lkw, der langsam näher, zum dröhnen, im nebeneinanderher und wie angehalten:

der fahrer, angezogenes knie, aufgestützter ellbogen, hält er eine kippe, der rauch senkrecht. sein grauer bart, der tatoowierte oberarm, die augen geradeaus. plüschwürfel an der windschutzscheibe. und der rauch senkrecht und er unbeweglich, jeder in seinem.

scheibe still asphalt regen wimper angst, fließend, gespiegelt, zerschnitten.

und der wald sich dann doch, hinter der leitplanke, im flimmern, baum neben baum gestellt, im berechneten, ihre reihen, endlose reihen und alles in ihre struktur:

wald felder windräder, ein dorf, zur unvorstellbarkeit verflacht, die wiesen von hecken getrennt, ein tankstellen-hinweis auf einem anhänger in ein feld gestellt, reihen aus solarpanelen, schwarz zu silber, im vorbei, nebeneinander aufgereihte kühe.

zwei rehe, mit gesenkten köpfen im zerregneten gras, als ob auch sie dort hingestellt.

der versuch den blick zurück, der sich dann im flimmern der leitplanke und erst im horizont der felder wieder still.

als der bus bremsend, gekurve, betonklötze und der regen jetzt senkrecht die scheibe, das grau zerschneidend, der sich zusammenziehende blick, zum stechen ins hirn.

anhalten anfahren anhalten, „keine pause, gleich weiter, dankeschön“, aussteigende die in den gepäckfächern, dann durch die wartenden. einsteigende lassen andere auf dem parkplatz, in ihrem flach, das immer gleiche, sich kein name im beton.

die ruhe dann, als jeder auf seinem platz, dass sich die stadt noch immer im kopf, in jedem ihrer geräusche, verschachtelt, nicht mehr auseinander, zum hintergrund – dann vom anfahren geschluckt.

und der asphalt sich wieder, in seinem geradeaus, im ewigen hintereinander der autos, lastwagen, die sich zu viehtransportern, tanklastern, kühlwagen, reisebussen und die lichter des gegenverkehrs in der windschutzscheibe zerstreut, zum ungefähren – eine autobahnbrücke in weitem bogen und die vergangenen tage dann entfernt, jeder von ihnen zur anstrengung, als ob kein einziger mehr möglich. //

schon lange gefallene blätter, die unter den platanen, den zusammengeklappten sonnenschirmen, auch sie schon lange, und das laub, über das kopfsteinpflaster geweht, um diese skulptur, die dort, in der mitte des platzes: tanzende vor einem klavierspieler. grau in grau. laub. regen. nur wenige, die unbewegt, als ob es genauso vorgesehen, und ich mit ihnen, langsam zum teil dieses platzes, jeder in seinem, nicht anders zu denken, wo das licht, wo das grau, hin und zurück getauscht, die gleichzeitigkeit jeder sekunde und der platz im regen und der nachmittag ein ende.

nur das holz des tisches. und wie sie die weiße porzellantasse und sich dann wieder hinter den tresen stellte. blicke, die näher. und die kaffeetasse und im regen gingen welche über den platz und waren unvorstellbar. und dazwischen dieses, das sich nicht, nicht in ihr stehen. wie ich weggefahren, wie ich zurückgekommen war. wie köpfe über pappbechern, mateflaschen, kein gesicht, die augen ins grau, auch das so vorgesehen.

am gesundbrunnen war er eingestiegen, hatte sich neben mich gesetzt. das türkis seiner jacke im augenwinkel. dann mir gegenüber, sein kinn, das sich spitz aus seinem gesicht, abgezehrt in falten, adern, die sich über seine stirn, seine haare dünn und zerschwitzt. er trug eine zerrissene jeans und diesen türkisenen anorak, die zu langen ärmel, die ihm über die hände. als sein blick meinen und das grün seiner augen, wie direkt es, aus diesem gesicht heraus, überdeutlich, „you have a good soul“, in einem klar, wie es dort zwischen uns. andere schauten herüber, ein stehender drehte sich um, ohne dass er seinen blick von mir, „you know, i come from a planet where everything is green, everything” und irgendetwas an ihm, seine augen verändert, das grün, tiefer vielleicht, saß ich, ohne es zu verstehen, in den blicken der anderen, in seinem. er zog eine bürste aus seinem leinenbeutel, den grünen plastikgriff einer bürste ohne borsten, hielt er ihn mir, langsam kreisend, vors gesicht, mit konzentrierten augen, die kein einziges mal von mir, „ihre seele ist rein – gute menschen sind selten geworden“, er lächelte, steckte die bürste zurück und seine augen dann nachdenkend: „ich kam nicht alleine, ich kam mit einem jungen, der heulte wie ein wolf – er konnte ein stein sein, ein see, oder ein baum, er konnte jeder vogel sein. seine augen waren genauso grün wie meine, aber er ging nur rückwärts. er sagte, dass wir beide gemeinsam so alles sehen könnten. ich habe bloß noch seinen seinen seelenvermesser. he is the moon – – .“ als er mit zusammengekniffenen augen in seiner tasche, ein klapphandy, es dann zurück: „sie werden bald anrufen – jedes jahr rufen sie an, die philharmoniker, weihnachtssaison – meine stimme ist von einem anderen stern, sagen sie“ und sein lachen, die weißen zähne, die aufgerissenen augen, sich immer weiter, in dieses grün. und er zog eine lesebrille, einen zerknickten zettel aus seinem beutel, die brille umständlich aufsetzend, stand er dann, sich räuspernd, den blick über die brille ins leere, fing er an zu singen. fröhliche nacht. wie er dort in der mitte des wagens, in den blicken der anderen, geflüster, gelache, aber er weiter sang, die brust herausgestreckt, den kopf erhoben, sang er es zu ende. und stand, noch immer, im rattern der bahn und seine augen noch einmal auf mir: „take care, my son“. er gab mir die hand und stieg aus. und die leere, unter ihren blicken, versunken, in enge und ich stand dann an einem bahnsteig und wusste nicht, weshalb ausgerechnet dort. ich erkannte es wieder, aber das grau des bahnsteigs war wie in papier gewickelt, jeder stein, jeder mülleimer, alles entfernt. ich ging treppen herunter, oder hoch, stand vor einer straßenlaterne, um jeden einzelnen aufkleber, jede vermisstenanzeige, jeden abreisszettel, aber die buchstaben waren nur flimmern. die hauptstraße herunter, die von den bahnschienen zerteilt, lief ich vom bahnhof weg. das durcheinander der autos, im gehupe, aber auch das nur entfernt, wie in den worten eines anderen, die fassaden, die sich über dem gehweg, der immer breiter, jeder in seiner entfernung, war unerreichbar geworden. ein backshop, der früher ein gemüseladen, dann zehn meter weiter dieser gemüseladen. und konnte in keine der seitenstraßen, hätte es von oben, wie eine straße in die nächste, um einen anderen weg zurück zu finden. unvorstellbarkeit, diese straße, diese stadt, in welchen gedanken. die augen im starren festgehalten, als eine alte, die in einer mülltonne wühlend, sich dann zu mir: „hier, weitergehn, weitergehn alter – sonst kriegste nochn arsch voll heute, weitergehn“ und sich erst dann der blick lösend und sie sich wieder zur mülltonne.

und ich ging denselben weg zurück, nahm die bahn, köpfe ohne gesichter, jeder könnte jeder, wie sie sich im grau – und stand dann auf demselben platz, von dem aus ich losgefahren war, stand, als ob es das erste mal. aber der backshop und der alte, der neben dem eingang, mit seinem hund, in decken gewickelt. das kleingeld, seine hand gekrümmt, zerfurcht, er bedankte sich leise – es war so vorgesehen.

von raum zu raum zu gehen, ohne dabei irgendetwas hinter sich, ohne irgendein bild, immer wieder in neuem, gegen jeden schnitt.

und ich ging, quer über den platz, längst gefallene blätter, im regen und das gelb und ich ging hinein. ihr bild in der scheibe, das sich vor das grau des platzes, als ob kein bild mehr außerhalb, jedes nur noch aus mir heraus, in geschlossenen augen, sich eines ins nächste. kaffeereste, eingetrocknet. und sie stand noch einmal neben mir, nahm die tasse und sagte etwas vom grün, vom winter. mit einem blick, in dem etwas unentschiedenes und ich konnte sie verstehen. aber was, in welchen worten, in dieses stehen, ließe sich nichts ändern.

das holz des tisches und der wind den regen gegen das fenster, das langsam beschlagend, und weiter auf sich begrenzt, zu aussichtslosem, ging ich dann. noch einmal den blick, aber nur noch die umrisse sitzender, verschwommenes, sich fremd und unvorstellbar und auch sie, unwahrscheinlich geworden. //

der regen jetzt seitlich, gegen die scheibe klatschend. wie vergessenes, das losgelöst und zusammenhangslos, sich jetzt zurück. von stein zu stein. keine einzige mauer. und doch jeder stein, vorgesehen. in jedem bild, dieses reisens, ständig sich und nirgendwo, nur der erste gedanke: für immer verloren.

strommasten, die dunkel aus den feldern heraus, enten, die zu weißen flecken, die dämmerung sich in den bus, zu gespiegeltem, sich vor alles näherkommende, das zu bekannt noch, doch zerschnitten, jeder raum gesehen, jedes bild, jedes wort, ist wahllosigkeit.

jemand fängt an zu husten, ein telefon klingelt, der langsamer werdende bus.

und kein weiteres wort mehr hören zu können. //

 

 

Christoph Michels

 

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freiTEXT | Lisa Gollub

Angst

Zuerst habe ich aufgehört mit dem Autofahren, denn Autofahren ist bekanntlich gefährlich. Mein Auto habe ich einfach stehengelassen. Es wird mich überleben, denn es hat aufgehört, gefahren zu werden. Noch in hundert Jahren wird es wie konserviert dort stehen und bewundert werden für seine archaische Unberührtheit. Dann habe ich aufgehört, mit Fähren zu fahren, obwohl es in meiner Umgebung keine Fähren gibt. Ich habe mir gedacht: Besser schon in Gedanken damit aufhören, falls man in Versuchung kommt, es bei Gelegenheit doch zu tun. Als ich einmal meine Oma besuchte, die in einer mittelgroßen Gemeinde an der Donau wohnt, stellte ich fest, dass ich zwei Möglichkeiten hatte: mit der Fähre den Fluss überqueren oder über die Brücke gehen. Ich bin über die Brücke gegangen, allerdings nur ein zweites Mal, denn dann beschloss ich: Ich gehe nicht mehr über Brücken. Als ich nach Hause kam, betrachtete ich eine Landkarte und stellte fest, dass ich nun wortwörtlich in Transdanubien lebte, nämlich begrenzt von Donau, March und Thaya, ein Gebiet, das, wie ich mir sagte, groß genug war für meine Bedürfnisse. Ich genoss die Aussicht auf lange Radtouren durch Wein- und Waldviertel, aber dann wurde ich Zeuge eines Unfalls, bei dem zwei Autos kollidierten, als eines einen Radfahrer überholen wollte. Zu allem Übel wurde ich auf die Polizeistation geladen und musste gegen einen der Autofahrer aussagen. Da dachte ich bei mir: Nie wieder den Verkehr beobachten! Und um Gottes Willen nicht mehr Radfahren. Am Abend schrieb ich auf einen Zettel das Motto meines verkleinerten Lebens: Je geringer die Möglichkeiten, desto unendlicher die Welt. Ich machte mich zu Fuß auf. Zu Fuß ging ich einkaufen und zu Fuß ging ich zum Arzt, denn auch Busfahren ist gefährlich, und mit meiner Oma telefonierte ich nun regelmäßig. Sie erzählte vom Jahrhundert-Hochwasser, das die Brücke unterspült hatte, Fahrzeuge und Fußgänger seien ins Wasser gestürzt, aber niemand sei gestorben. Ein Wunder!, dachte ich. Ein Wunder!, sagte meine Oma. Als wir das nächste Mal telefonierten, stand das Wasser schon bis zum Tür, sodass sie das Haus nicht mehr verlassen konnte. Helfer der Feuerwehr brachten ihr Lebensmittel auf einem Schlauchboot, und ich machte mir jetzt wirklich Sorgen. Ich beschloss, meine Oma zu retten. Ich packte alles Notwendige ein, überprüfte meinen Personalausweis, meine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, behob Geld. Aber dann kam mir in den Sinn: Ich fuhr nicht mehr mit dem Auto, nicht mehr mit dem Bus, nicht mehr mit der Bahn, über Brücken ging ich nicht mehr und mit einem Schlauchboot die Donau zu überqueren erschien mir gefährlicher, als selbst ein Flugzeug zu steuern. Ich rief bei meiner Oma an und sagte: Oma, ich kann dich nicht retten! Retten, was heißt, warum willst du mich retten?, fragte sie. Sie habe Gummistiefel, das Schlauchboot der Feuerwehr komme jeden Tag mit frischer Milch, alles sei halb so schlimm. Ich beendete das Telefonat desillusioniert. Dann dachte ich: Ich muss aufhören mit dem Aufhören. Deshalb rief ich meinen besten Freund an und wir verabredeten uns für den Nachtclub. Ich rang mich dazu durch, mit dem Bus zu fahren, er wankte ein bisschen nach allen Seiten, einmal streifte er mit den Reifen den Randstein, aber sonst blieb die Fahrt ereignislos. Im Nachtclub genoss ich das Leben wie ein Lebemann, kippte Spritzwein wie Wasser und entschied mich für eine Frau. Der scheinbar vorbestimmte Ablauf beruhigte mich. Ich war ihr immer einen Schritt voraus, um die nächste Aktion erwarten zu können. «Du weißt», sagte sie auf der Fahrt nach Hause immer wieder, «du weißt». Aber ich wusste es erst morgen früh, als ich aufwachte und feststellte, dass neben mir ein Mann-in-Frau lag. Ich konnte mich an nichts erinnern. An diesem Tag beschloss ich, nicht mehr in Nachtclubs zu gehen, denn das schadet Ruf und Gesundheit. Ich entwickelte eine längst überfällige Lebensphilosophie: Jedes Element aus unserem Alltag ist hinsichtlich seiner Gefahr für Leib und Leben zu bewerten und sofern Gefahr besteht zu vermeiden. Die beste Prophylaxe ist Voraussicht. Das heißt, sich am besten immer schon vor der Welle auf den Berg retten, oder besser zur Prophylaxe der Prophylaxe von vornherein dort ansiedeln. Insofern fiel es mir nicht schwer, nicht mehr über Brücken zu gehen oder mit Fähren zu fahren, denn ich wusste: So bin ich sicher vor den Gefahren des Lebens. Zu dieser Zeit entdeckte ich im Fernsehen eine Dokumentation über Superflüssigkeiten, welchen das Kunststück gelingt, ihre Reibung zu minimieren. Sie fließen einfach über alles hinweg, was sich ihnen entgegenstellt. Wie einen Gedanken, den man noch nicht greifen konnte, erschien mir in großer Ferne die Vorstellung einer reibungslosen Welt. Hüftgelenke, die sich nicht zerreiben. Motoren, die ewig dahinpumpen. Menschen, die ihrem Schicksal entfliehen. Und dann dachte ich an Ozeane, die im Zerfließen Menschen ertränken. Reibung und Reibungslosigkeit sind Fluch und Segen, dachte ich. Und auch Leben und Tod sind äquivalent in der Gefahr, die von ihnen ausgeht. Muss man nicht den Tod fürchten, dann das Leben. An diesem Tag beschloss ich: Ich gehe nicht mehr vor die Tür. Ich legte den Wohnungsschlüssel in die Schatulle der Reserveschlüssel, die ich erst lange suchen musste, dann aber doch fand. Die Vorstellung, ihren Ort noch einmal zu vergessen, beruhigte mich, sodass ich mich bewusst anstrengte, es aber bald aufgab. Mein Kosmos war zu klein geworden. Auf meinen 52,75 Quadratmetern war nichts mehr zu übersehen oder zu verdrängen. Alle Möbel sprangen mir ins Auge, als hätte ich sie neu gekauft. Ich putzte montags und samstags, bald montags, mittwochs und samstags und als ich bloß die Schlieren des letzten Putztages beseitigte, stellte ich fest, dass ich mich drehte. Mein Leben hatte an Form und Struktur gewonnen, aber an Inhalt verloren. Es war, als würde ich mich rückwärts gehend fortbewegen. Aber ich bewege mich fort, dachte ich, denn alle Veränderungen hatte ich mit dem Gedanken vollzogen, jedes Hindernis schon zu erahnen, bevor es zur Gefahr wird. Prävention ist die beste Gesundheitsvorsorge, sagt der Hausarzt und ich nahm es mir zu Herzen. Bald dachte ich wieder an die Dokumentation über Superflüssigkeiten. Sie stimmte mich nachdenklich wie alles, was man nicht so recht versteht. Ich betrachtete meinen Körper, setzte an zu einer Kniebeuge, verrenkte den Kopf ein wenig, und tatsächlich: Ich spürte Reibung. Ich spürte wie Knorpel über Knorpel glitt, dann ruckte und im nächsten Moment schon rumpelte. Mein Körper machte mir Angst. Wie konnte trotz aller Enthaltsamkeit ein Knorpelschaden entstanden sein? Ich wollte –, aber nein, ich verließ das Haus nicht mehr. Ich wollte –, aber nein, ich telefonierte nicht mehr. Was tun? Ich legte mich ausgestreckt auf mein Bett, das mir wie eine dünne Pritsche vorkam, und atmete, atmete ruhig vor mich hin, bis sich mein Herzschlag verlangsamte. Ich versuchte Gedanken zu fassen, ja, ich beobachtete mich beim Denken und griff immer wieder in mein Bewusstsein hinein, und da fiel mir auf, wie sehr mich das Denken beanspruchte. Ich spürte geradezu die Reibung der Gedanken, wie sie sich aneinanderzwängten und aneinanderrieben, und unwillkürlich dachte ich an den nicht mehr ganz intakten Lack meines Autos, der bei jeder Berührung abblätterte. Ich muss aufhören zu denken, dachte ich, aufhören! Da vernahm ich ein lautes Geräusch. Es kam aus dem Vorzimmer. Ich hörte es noch einmal, also hievte ich mich vorsichtig hoch, um die Gelenke zu schonen und bewegte mich in den winzigen Vorraum. Hey!, hörte ich durch die Tür, bist du zu Hause? Da rauschten an mir die vergangenen Wochen vorbei, die Pein der vermeintlichen Sicherheit, die Angst vor Brücken und Fähren, die Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Mit zittrigen Händen öffnete ich die Schatulle, die auf der Kommode neben der Tür stand, und fingerte den Schlüssel heraus. Ist alles in Ordnung?, fragte mein bester Freund, als wir uns gegenüber standen.

 

Lisa Gollub

 

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freiTEXT | Daniel Resca

13A

Flaute. Stille Schwüle erdrückt die Stadt, der Hochsommer ist angekündigt eingetroffen, grelles Licht auf den Straßen, weiße Fassanden reflektieren die Strahlen. Der Körper sitzt da von der Welt gespalten, die Verwirrung ist im Kopf sichtbar, sie kreist frustriert um sich selbst ohne sich selbst zu fangen, sie verwandelt sich in Wut und droht hochzugehen, sie droht zu entweichen, sie will zerstören, die angestaute bittere Kraft, sie bahnt sich den Weg hoch, vom Bauch Richtung Hals, sie hat den Weg gefunden, sie ist kanalisiert, sie ist im Hals, sie bleibt stecken. Der Ausgang ist verschlossen, die Lippen sind verriegelt, sie können keinen Laut rauslassen, nicht jetzt, nicht hier im Bus. Der 13A fährt seine gewohnte Strecke, noch vier Haltestellen bis zur Endstation, die Lippen fangen an zu zittern, sie spüren den Druck, sie wollen nachgeben, nur noch drei Haltestellen, nur noch – Ah! Die Blicke heben sich von den Smartphones. Die Wut löst sich in Luft auf und verliert sich in der Welt. Die Augen starren noch, wandern bald aber wieder zu ihren Bildschirmen. Draußen scheint die Mittagssonne, stille Schwüle erdrückt die Stadt, der Hochsommer ist angekündigt eingetroffen.

Erschienen in: ecetera, Nr. 80, St. Pölten 2020. ISSN 1682-9115

 

Daniel Resca

 

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freiTEXT | Stefanie Marek

Sagt alles ab

Stell dir vor, dass die Apokalypse kommt, aber eine Welt, die untergeht, ist es bisher noch nicht. Stell dir vor, ab morgen sind alle Veranstaltungen abgesagt, verschoben, abgeblasen und storniert. In ein paar Tagen schon werden sie ganz verboten sein. Stell dir vor, es kommt ein Krieg mit einem Feind, den keiner sieht und die Veranstaltungen, die sind die ersten, die eine nach der anderen aus dem Kalender fallen, wie erschlagene Fliegen vom Fensterglas. Es gibt auch andre Tote, solche die geatmet und gelebt haben, aber die Eventleichen sind die, die dich als erstes treffen, weil du sie als erstes selber sterben siehst.

Sagt alles ab, ist die Devise, um Himmels Willen, sagt alles ab!

Ist das jetzt auch das Ende für so viele, die du kennst, werden es bald Künstler-Fliegen sein, die aus den Kalendern fallen, wenn sie versuchen noch zu retten, was bald nicht mehr zu retten ist? Sagt alles ab, denn unsre Zeit, die ist jetzt umgebucht.

Du sitzt in einem menschenleeren Zug und dort, wo du jetzt hinfährst, kommen ab morgen keine Leute mehr zusammen. Es ist alles abgesagt, nur das eine, das noch nicht. Es ist das heute Abend, das Konzert von einer Freundin, das ihr allererstes ist. Sie hat schon jahrelang davon geredet, sich dort oben hinzustellen, hat es so unbedingt gewollt und es dann nie getan. Stell dir vor, schlussendlich hat sie sich getraut, hat wochenlang vor dieser Bühne Angst gehabt und jetzt ist alles abgesagt. Nur dieser letzte Abend nicht, an dem sie allein mit der Gitarre im Gepäck die Solo-Vorband stellt. Dass du kommst, steht schon so lange fest und du kommst obwohl du ein schlechtes Gewissen hast, weil du sie unterstützen willst und weil das Gewissen schlechter wäre, wenn du zuhause bleibst.

Sagt alles ab, nein jetzt noch nicht. Nur dieser eine Abend noch.

Stell dir vor, die Welt wie wir sie kennen, die steht plötzlich ganz gespenstisch still. Sie hat sich so erschrocken in ihrer so gewohnten Eitelkeit, hat sich vorher nicht einmal von der Gewissheit stören lassen, dass sie in ein paar wenigen Jahrzehnten wirklich untergeht. Was sind schon wenige Jahrzehnte? Doch mindestens genug, um ein paar Kleinigkeiten zu verändern, die keinen wirklich stören und keinem wirklich helfen. Sagt alles ab, schreien die Kinder, um deren Zukunft es hier geht, sagt alles ab, wir bitten euch! Ihr seid doch naiv. Was stellt ihr euch denn bitte vor, ihr, die ihr nichts von der realen Welt versteht? Sagt alles ab, ist doch absurd. Und jetzt ist alles abgesagt, aber nur fast. Und du musst aufpassen, dass ihr euch nicht umarmt, dass du das Händeschütteln jedes Mal ganz brav verpasst.

Stell dir vor, es sind nur knapp zwanzig Leute hier in diesem Raum und sie spüren, dass ab morgen alles anders wird, dass sie irgendwie schon jetzt zuhause sein sollten. Zwanzig sind neunzehn zu viel und ab nächster Woche wird das auch so verordnet sein, auch wenn das jetzt noch keiner weiß. Stell dir vor, ihre Finger zittern und sie ist so nervös, das erste Lied gelingt ihr nicht so ganz, aber du siehst da etwas flackern in ihren Augen und etwas an ihrem Gesicht ist anders als sonst. Es ist ein Song von ihr und sie singt ihn zum ersten Mal vor Publikum.

„Sagt alles ab“, das schreit ein Schriftzug auf dem T-Shirt eines Sängers, der nachher noch auf dieser Bühne steht. Alle wippen mit und sie bewegen sich ein bisschen zur Musik, aber niemand tanzt, weil niemand richtig ausgelassen sein kann. Sagt alles ab, schreit mir das T-Shirt immer wieder ins Gesicht. Es ist ein Scherz. Sagt alles ab!

Aber vorher spielt sie noch ein Lied, ein Lied, ganz kräftig und ganz laut und nicht für dich, oder für ihre Mutter, die auch gekommen ist, und nicht für irgendjemand sonst. Es ist ihr Song und in ihrem Gesicht, da siehst du etwas, durch das du plötzlich ganz verwundert bist. Du siehst sie innen drinnen, dort wo ihre Stimme herkommt, siehst sie ganz so wie sie vielleicht wirklich ist.

Stell dir vor die Apokalypse kommt, zumindest fühlt es sich ein bisschen danach an und Ausgang gibt es noch, aber das auch nicht mehr so lang. Du hörst diese Gerüchte, wirst jeden Tag mit tausend richtigen und falschen Nachrichten bombardiert und weißt schon nicht mehr was du glauben sollst und ganz leise, langsam wirst auch du jetzt mit der Angst der andren infiziert, weil plötzlich nicht mehr sicher ist, was morgen noch passiert.

Von den andren Sängern bekommst du nicht viel mit, obwohl sie gute Stimmen und gute Texte haben, aber in deinen Ohren flirrt es und du kannst dich nicht mehr konzentrieren. Sag alles ab und komm nach Hause – deine Eltern haben in der Pause angerufen. Du kannst doch nicht, dein Job und deine Wohnung, dein Leben in der Stadt. Du willst nicht weg. Sag alles ab. Denn andere Leben nur als deins, die stehen jetzt auf dem Spiel.

Und sie spielt ihr erstes Lied am Ende noch einmal und dieses neu gespielte, alte Lied, auf dieser Bühne, auf der sie jahrelang nicht stehen konnte und auf der sie jetzt schlussendlich steht, bevor morgen alles untergeht, ist besser noch bei dieser zweiten Chance, viel besser als beim ersten Mal.

Sagt alles ab, denn es ist besser so. Doch wir sind bald zurück. Die Bühne bleibt nicht ewig leer. Dass unsre zweite Chance so sein wird wie die erste, das hoffe ich ganz ehrlich nicht. Doch diese Freundin von dir und auch alle andren haben wir nicht abgeschrieben und nicht abgesetzt. Wir warten bis ihr wiederkommt.

Sagt alles ab – für jetzt.

 

 

Stefanie Marek

 

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freiTEXT | Christoph Steven

Die Briefträger

Wie du weißt, sagte eines Morgens die Mutter zu mir, kommen heute wieder die Briefträger. Sie hielt mir meinen besten Anzug entgegen, schnitt mir in Rekordzeit die Haare und schloss mich ein in mein Zimmer, wo ich warten sollte, bis ich gerufen wurde.

Kurze Zeit später hörte ich an ihrem aufgeregten Geschrei, dass sich die ersten Fahrräder näherten. Die Bäume leuchteten gelb, wenn die Briefträger angeradelt kamen und dann war die ganze Welt gelb. Lautes Fahrradgeklingel hallte über die Ebene und stieg uns gleich in den Kopf.

Kommt und trinkt, hörte ich die Mutter anschließend sagen, und tatsächlich stapften die Briefträger mit ihren großen Körpern, die schon fast die gelbe Farbe ihrer Uniformen angenommen hatten, die Treppe hoch, wo sie in unser bestes Zimmer geführt wurden. Ich konnte hören, wie sie murmelten, schmatzten und tranken aus großen Krügen, die wir speziell für sie angefertigt hatten.

Dann endlich wurde meine Tür aufgeschlossen und ich konnte nach unten zu den anderen. Die neuen Rekruten, die in den Familien zur Briefträgerreife herangewachsen waren, hatten Spalier zu stehen, hoch gewachsen waren viele, stramm stehen mussten sie. Ihnen gegenüber standen die Briefträger, die sich manchmal nervös ihre Hände an der gelben Uniform abwischten. Sie hatten blutunterlaufende Augen, große gelbe Zähne, mit denen sie die neuen Rekruten zerreißen konnten, wie es ihnen beliebte, so erzählten sie uns und die Fahrräder, mit denen sie ins Dorf kamen, tanzten, wenn sie sie nicht im Zaum hielten.

Einer sagte, dich haben wir doch schon letztes Jahr geprüft.

Der Junge ist madig, gab ein Briefträger schließlich zu Protokoll, zupfte an meinem Gesicht herum und schluckte beim Anblick meines Kopfes. Danach zogen die Briefträger wieder die Besten aus unserer Mitte, verschnürten das neue Personal zum Paket und stiegen schließlich fast zur selben Zeit auf ihre gelben Fahrräder, klingelten noch einmal wie auf ein Signal und stoben dann davon der Hügelkette entgegen, während wir treu hinter ihnen ausschritten. Nächstes Jahr, jubelten die Briefträger fast unisono im Chor. Wir schwangen unsere Taschentücher zum anhaltend lauten Geklingel der Briefträger, doch schon bald waren die gelben Uniformen aus unserem Blickfeld verschwunden.

Der Hals zu dick, der Kopf zu groß, die Hände nicht ebenmäßig, schrie meine Mutter dann, die die Beurteilungsgrundlagen der Briefträger über die Jahre verinnerlicht hatte. Sie schlug mit der flachen Hand gegen meinen Kopf, dass er wieder einen Zentimeter kleiner wurde, drückte mit ihren Händen gegen meinen Hals, bis ich glaubte zu ersticken und rieb mir Kräuter ins Gesicht, mit denen das weitere Wachstum des Kopfes unterbunden werden sollte.

Abends stieg ich dann ins Dachgeschoss unseres Hauses, drehte und wendete mich, um den Kopf in der ursprünglichen Form zu halten und starrte dann auf die Hügelkette, hinter der manchmal das blitzende Chrom der gelben Posträder aufleuchtete. Auch waren die Begrenzungsfeuer des Postbezirks gut zu erkennen und manchmal glaubte ich sogar, dass vom Berge eine gelbe Uniform zu mir herüberleuchtete. Das sind also die Menschen, die die Welt ausmachen, dachte ich und wurde von einem Moment auf den anderen traurig, weil ich nicht zu ihnen gehörte.

Schon fünfzig und noch immer zu nichts nütze. Das Geschrei der Mutter weckte mich aus allen Träumen. Ich wollte den Mund öffnen, um ihr zu widersprechen, doch die Mutter warf mit einem Holzscheit nach mir. Ich stand auf und dachte darüber nach, warum ich zu nichts nütze sein sollte. Meine Brüder und Schwestern waren nun schon lange von den Briefträgern geholt worden. Jeden Tag musste ich mir anhören, dass ich mich immer noch am heimischen Ofen wärmte und sie nicht. Dabei konnte ich mich kaum noch erinnern an die Geschwister, lange hatten wir nichts von ihnen gehört. Vielleicht sind sie tot, warf ich ein. Da bekam das Gesicht des Vaters einen geisterhaften Ausdruck und er spuckte mir den Auswurf seines Rachens gleich ins Gesicht. Die Mutter verdrückte eine Träne und sagte: Sie sind nützliche Mitglieder der Gesellschaft und du nicht. Für einen Moment stellte ich mir meine Schwestern und Brüder vor, wie sie tot in einem der Briefträgerhäuser lagen.

Am nächsten Morgen schlich ich mich noch vor dem ersten Licht aus dem Haus. Das Tal ruhte unter dem fahlen falschen Licht des Mondes, aus den Wäldern kamen unbekannte Geräusche. Zwischen den Bäumen raschelte es.

Als ich nach kurzer Zeit den Waldrand erreichte, waren die ersten Lichter im Dorf zu sehen, winzige Punkte, die vor meinen Augen tanzten. Ich schwang meinen Wanderstock und erklomm die steile Straße, die zum oberen Berg führen sollte. „Nur für Briefträger“ stand auf einem gelben Schild und schon bald wurde der Straßenbelag gelblich und in meinen Ohren klang, wohl von den Schritten der Straße, das Fahrradgeklingel der Briefträger. Ich musste mir die Ohren zuhalten, doch je höher ich kam, desto betörender wurden die Geräusche, die schließlich aus meinem eigenen Körper zu kommen schienen. In meinem Kopf fuhren nun Fahrräder, große Reifen stoben vor meinen Augen auseinander, ein dicker Briefträger mit Schnurrbart erschien in der Luft. Meine eigenen Körpergeräusche, mein Atem, mein Denken waren ein einziges Fahrradgeklingel. Der Himmel stieg als riesiger Reifen vor meinen Augen auf. Die Ohren wollten mir zerplatzen, die Eingeweide schienen aus meinem Körper zu treten, Blut trat mir aus Nase und Ohren, doch ich schleppte mich vorwärts. Das ist der sichere Tod, hörte ich jemanden sagen. Er tötet sich. In einiger Entfernung konnte ich die Dorfbewohner sehen, die sich am unteren Ende der Straße versammelt hatten. Ich kroch jetzt nur noch vorwärts, doch von oben waren schon die gelben Uniformen der Briefträger zu erkennen und ein blendendes gelbes Licht, das mir in die Augen stach. Es schien eins zu sein mit dem Himmel – fette Briefträger schwebten auf den Wolken und hielten sich den Bauch vor Lachen. Die Luft wurde kälter, ich kroch vorwärts, weit konnte es nicht mehr sein. Ich streckte eine Hand aus und sah schon einige Kiesel vor mir, die wir im Tal nicht kannten. Aber Gras gab es hier, aber da drüben war etwas, das ich nicht genau erkennen konnte. Mein Körper wollte sich auflösen, ich werde in der Luft zerrissen, dachte ich und einen Moment später hatte ich mich – wohl automatisch – aufgerichtet.

Vor mir lagen ein paar ärmliche Hütten. Einige waren verfallen, Scheiben waren eingeschlagen worden und in der Luft lag ein übler Gestank. Ein paar schäbige Briefträgeruniformen, deren gelbe Farbe verblasst war, hingen zum Trocknen auf einer Wäscheleine. Im gleichen Moment war die Luft von sinnlosem und albernem Fahrradgeklingel erfüllt. Ich machte einen Luftsprung, lächelte und lief befreit den Abhang hinunter, wo mich die Dorfbewohner empfingen und mit offenem Mund anstarrten.

 

 

Christoph Steven

 

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freiTEXT | Katharina Wurzer

Beziehungsweise

I

Jeder Moment ist eine Entscheidung, für und gegen etwas. Genauso gut wie ich hier mit Paul sitze, könnte ich jetzt mit Alex auf meinem Balkon sein oder alleine die Straße entlanggehen. Vielleicht würde ich mir dann ähnlich verloren vorkommen, unruhig und beobachtet, wobei mich Pauls besorgter Blick weniger stört als der neugieriger Nachbar_innen. Ich versuche zu lächeln, ein paar Sonnenstrahlen abzubekommen und mich aufzurichten, während ich Paul ein Getränk anbiete. „Soda mit Zitrone“, murmelt er, wohingegen mir mehr nach Wein oder Schnaps zumute ist. „Kennst du es, dich inmitten einer Menschenmasse einsam zu fühlen?“, frage ich, als ich aus der Küche zurückkomme. „Vor allem dann“, meint Paul: „Manchmal fühle ich mich alleine weniger einsam. Da höre ich zumindest noch meine eigenen Gedanken“. „Ich mag dich und deine Denkweise“, ich nehme einen Schluck meines Eistees und rücke meinen Sessel ein wenig näher zu meinem Freund, der den heutigen Nachmittag entspannt zu sehen scheint. Wie es wohl wäre, wenn Paul einmal nicht ruhig ist? Wenn ihn etwas oder jemand ärgert? „Streitigkeiten müssen sich auszahlen“, hat er letztens angemerkt: „Entweder man hat danach eine Lösung oder eine Veränderung. Im Idealfall führt die Lösung zu einer Veränderung“. Aber was ist schon ideal? Und warum streben wir Ideale an? Sogar Menschen sollen ideal für uns sein, uns guttun, keinen Kummer bereiten und auch sonst kompatibel sein. Nicht alle Menschen seien sexuell miteinander kompatibel, habe ich mir sagen lassen. In einem früheren Zeitalter habe man sich noch nicht alles von einem einzigen Menschen erwartet, stand in einem Standard-Artikel. Da sei gleich auf die Einwohner_innen eines ganzen Dorfes zurückgegriffen worden. „Monogamie ist ohnehin egoistisch. Man lebt nur einmal und da gehört Ausprobieren dazu“, höre ich Alex sagen, einen Verfechter offener Beziehungen: „Hast du manchmal Angst vorm Leben?“ „Manchmal habe ich Angst vor der Liebe, vor der Verletzlichkeit und davor, dass sie keine Entscheidung ist“, habe ich damals geantwortet und ihm in die Augen gesehen. Emotionslos, starr und ohne zu zwinkern. Anders als bei Paul, vor dem ich diese Angst erst recht nicht eingestehen kann.

„Ich mag dich auch“, meint er da plötzlich und greift nach meiner Hand. Schweigend sitzen wir hier. Er in seinem dunklen T-Shirt, der blauen Jeans und den Sneakers, ich mit meinem roten Sweater und der schwarzen Jeans, die langen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Wir hören die Nachbarin mit ihrem Kind schimpfen, einen Hund bellen und den aufkommenden Wind wehen. „Ist dir kalt?“. Ich schüttle den Kopf und lehne mich vorsichtig an mein Gegenüber. Der Geruchssinn soll eine Rolle spielen, in wen man sich verliebt, fällt mir ein. Dabei riecht Paul gar nicht besonders aufregend, einen Hauch nach irgendeinem Duschöl, ein wenig nach der Zitrone, die im Glas vor ihm liegt, und nach dem Essen, das er zu Mittag gekocht hat. Pilzgulasch mit Semmelknödeln, wobei ich Semmelknödel relativ geruchsneutral in Erinnerung habe. „Ich mag deine Stimme“. Paul zieht mich an sich und streicht mir mit einer Hand übers Gesicht. Sie fühlt sich warm an und vertraut, ohne dass er das zuvor je gemacht hätte. Ohne dass er gefragt hat, was für Paul eher untypisch ist. Er sieht mich an und lässt mich los. „Kannst du diesmal länger bleiben?“. Ich nicke und wünsche mittlerweile, doch zu etwas Stärkerem gegriffen zu haben. „Abgesehen davon sind wir in meiner Wohnung. Schön, dass du dich schon so wie zu Hause fühlst“. Ich lache, vielleicht aus Nervosität oder weil diese Situation etwas Absurdes hat. Erst gestern habe ich an dieser Stelle mit Moritz getanzt und ihm klar gemacht, dass ich seine Gefühle nicht erwidere. Dass ich nur einen schönen Abend wollte, Ablenkung von mir selbst, Spaß bis zu weiteren Momenten, in denen mir weder meine Zerbrechlichkeit noch seine Anhänglichkeit bewusst waren. Was ist Untreue schon, wenn man sich nicht einmal selbst treu sein kann? Was für das Leben gilt, gilt auch für die Liebe. Niemand ist darin alleine. Ziele werden gesetzt, mit anderen geteilt und wieder verworfen. Zurückgeworfen, weggeworfen in einen Eimer aus Erinnerungen, die sich wie Fallobst zersetzen und verschlossen werden. Wenn du Glück hast, findest du den Schlüssel nicht mehr. Wenn du Pech hast, geht dein Weitblick verloren.

II

„Wenn ich dich sehe, vergesse ich vieles um mich“, beginne ich zaghaft und frage mich zugleich, wie lange es Lia schon ohne Zigarette aushält. Sie zieht ihre Beine zum Oberkörper, richtet ihren Zopf und sieht auf ihre Armbanduhr. Wie lange wir wohl schon hier sitzen? „Ich kann bald nicht mehr. Wieso schaffen wir es nicht über Wesentliches zu sprechen? Oder wieder über etwas anderes wie sonst auch?“. „Lia, was erwartest du dir?“. Sie steht auf, zündet sich eine Zigarette an und weicht meinem Blick aus. Ihr Verhalten verunsichert mich nur noch mehr. „Ich weiß es nicht“, ihre Stimme klingt freundlich, als sie sich wieder hinsetzt: „Ich weiß nur, dass ich in dich verliebt bin und mich das alles hier fertig macht“. „Soll ich dich in den Arm nehmen?“. Lia seufzt, steht erneut auf und kommt mit einer Flasche Wein sowie zwei Gläsern retour: „Angenommen wir gehen eine Beziehung ein. Wie soll die für dich aussehen?“. „Mir ist es wichtig, Zeit miteinander zu verbringen, über alles sprechen, gemeinsam lachen und weinen zu können. Ich möchte gegenseitige Unterstützung, sich mal Glück für einen Termin zu wünschen, einfach als Begleitung mitkommen. Das hört sich alles ziemlich langweilig an, oder?“. „Ein bisschen wie ein altbewährtes Konzept. Sind Beziehungen nicht Konstrukte, die aus den eigenen Erwartungen und Vorstellungen gebaut werden? Die ohne Kompromisse ohnehin nicht funktionieren?“. Es stört mich, dass sie von Funktionen spricht, von Konstrukten und Konzepten. Sie, die gerade noch bei ihrer Verliebtheit war, und ihren Kopf an meiner Schulter hatte. „Ich weiß nicht, ob das etwas für mich ist“. „Hast du es denn nie ausprobiert? Was war mit Georg?“. Ich schenke uns Wein ein und achte auf ihre Bewegungen, die von sanft zu ruckartig wechseln. Der Hund hat aufgehört zu bellen, der Wind bläst weniger stark, erwischt Lias und mein Haar. Es gleitet zur Seite, ohne dass mit ihm gespielt worden wäre. „Ich habe mich eingeengt gefühlt. Er wollte mich für sich alleine. Ohne ihn ausgehen war da manchmal schon zu viel. Ohne ihn auf Urlaub fahren wäre gar nicht denkbar gewesen. Es gab Tage, an denen ich nur noch weg wollte. Weg von ihm, in die Arme eines anderen oder einer anderen. Ich bin bisexuell. Stell‘ dir mal die Reaktion vor als er es erfahren hat“, Lia wird ruhiger und reicht mir jetzt erneut ihre Hand. „Eva hat mir nicht geglaubt, dass ich sie liebe, weil ich asexuell bin“. „Wie fühlt sich das für dich an?“. „Ich habe keine Ahnung wie es ist, sich zu jemandem sexuell hingezogen zu fühlen. Sich Sex zu wünschen oder einfach nur vorzustellen. Es gibt in meiner Welt so viel Interessanteres, über das ich nachdenke. Kunst, Geschichte, meine Arbeit“. „Manchmal überdeckt es anderes“, setzt Lia fort: „Wenn Emotionen und körperliche Anziehung miteinander einhergehen, ist der Sex irgendwie schöner. Nicht, dass ich ein Problem mit Asexualität hätte. Was hältst du von einer offenen Beziehung?“.

Wir sprechen über Definitionen und sind uns nicht einig, was emotionale Exklusivität betrifft. „Als Erster von etwas zu erfahren ändert doch nichts. Warum ist dir das wichtig?“, meint Lia achselzuckend.

Je mehr Wein ich trinke, desto trüber werden meine Gedanken. Lia riecht nach einem blumigen Parfüm, geht auf und ab, um schließlich ins Wohnzimmer zu gelangen und eine CD aufzulegen. „Ist es nicht egal, wie wir es nennen, solange es für uns beide passt?“. „Aber das tut es doch noch gar nicht“, widerspreche ich ihr, während eine Mischung aus Alternative und Indie bereits meine Stimme übertönt. „Paul, wir diskutieren seit beinahe über einer Stunde“, erinnert mich Lia: „Lass‘ uns das Gespräch später fortführen, wenn wir darüber nachgedacht haben. Immerhin wissen wir jetzt, woran wir sind“.

Kurz nachdem ich einwillige, sitzen wir bei Nudeln mit Gemüsesauce. Lias Küche ist beinahe so chaotisch wie sie selbst. Einem Stuhl fehlt ein Bein, das Salz hat sie vorhin auf der Theke verstreut. Versalzen ist dafür nichts. „Lia“, versuche ich, aber sie winkt ab und macht sich an den Abwasch. Der Schaum des Geschirrspülmittels überdeckt unsere Teller und das Besteck, das weiter nach unten rutscht. „Das war zu viel“. Ich hoffe, sie meint das Spülmittel.

 

Katharina Wurzer

 

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freiTEXT | Daniel Klaus

Duschgels

Es ist nicht so, dass ich sie klaue. Ich finde sie. Und dann bekommen sie in meinem Badezimmer ein neues Zuhause.

Angefangen habe ich damit auf Campingplätzen während eines Interrail-Urlaubs. Da war ich siebzehn. Und nach dem Urlaub habe ich zuhause weitergemacht: Beim Sport, in der Sauna, im Schwimmbad, im Fitnessstudio. Es ist erstaunlich, wie viele Männer in der Umkleidekabine ihr Duschgel einfach vergessen. Und es sind immer wieder Duschgels dabei, die mit Duftkombinationen aufwarten, auf die ich nie gekommen wäre. Lebkuchen und Orange zum Beispiel. Es ist jedes Mal ein kleines Abenteuer, wenn ich ein neugefundenes Exemplar ausprobiere. Mein exotischstes Duschgel habe ich vor zwei Monaten beim Kiesertraining in der Ostseestraße eingesteckt. Es kommt aus Japan und ist voll mit für mich unverständlichen Zeichen. Es riecht sehr gut, aber ich kann nicht sagen, nach was es riecht, weil ich keinen vergleichbaren Geruch kenne. Es riecht sehr langsam. Und so fühlt es sich auch auf der Haut an: Wie ein japanischer Film, der nur aus wenigen, langen Kameraeinstellungen besteht.

Seit einigen Jahren hebe ich die leeren Duschgelpackungen auf. Ich bringe es einfach nicht mehr übers Herz, sie wegzuwerfen, weil ich mit jeder einzelnen von ihnen eine gemeinsam verbrachte Zeit verbinde. Sie sind wichtige Erinnerungsstücke für mich. Meine Sammlung ist mittlerweile so groß, dass ich ein eigenes Regal für sie gekauft habe. Es hat eine raffinierte Hintergrundbeleuchtung, und ich stehe oft vor dem Regal und betrachte meine Duschgels, so wie andere gerne in ihren alten Photoalben blättern.

Mir ist schon klar, dass es nicht viele Menschen gibt, die diese Leidenschaft nachvollziehen können. Aber es ist wirklich eine harmlose Leidenschaft. Ich bin einfach nur ein gutriechender Mann Mitte dreißig, der sich seit knapp zwei Jahrzehnten kein Duschgel mehr gekauft hat.

 

Daniel Klaus

 

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freiTEXT | Wolfgang Wurm

 Strategie.

Zwar hatte auch er öfter mit dem Gedanken gespielt, aber ihn niemals ausgesprochen, denn diese Entscheidung war ihm noch immer eine Nummer zu groß. Als sie ganz behutsam die Überlegung ins Gespräch einfließen ließ, nach all den Jahren vielleicht doch zusammenzuziehen, verspürte er sofort eine Enge, die ihn bedrohte. Dennoch schien es ihm klüger, seine Scheu für sich zu behalten, und er bat sie nicht, das Thema aufzuschieben, sonst hätte ja er die Initiative ergreifen müssen, um es abermals auf die Tagesordnung zu bringen. Schon wäre es um sein Prinzip geschehen gewesen, sie auf gut Glück vorschlagen zu lassen, was er sich insgeheim wünschte.

 

Wolfgang Wurm

 

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freiTEXT | Olav Amende

95 Jahre: Stimmen

I

Lange hatte das Haus im Schlaf gelegen, sagt er. Lange dichtete es die Zeit nach draußen ab. Eine alte Dame kam zu uns. Sie stieg durch das Treppenhaus. Sie sprach: Es hat sich nichts verändert. Es ist dieselbe Farbe. Es ist dasselbe Holz, das meine Hand streift. Es wäre das Gefühl von damals, wäre ich noch …

Die Musikerin zieht eine Etage tiefer. An die eierschalenfarbene kahle Wand klebt sie ein Notenblatt mit dem Titel Mondschein-Walzer.

Über den Pflaumenbaum klettern Kinder auf die Garagendächer, ernten Holunder. In dem Sonntagskuchen duften Blüten.

Die Stille im Dachstuhl. Das Knarren der Treppe.

In der Badewanne schaukelt das Löschwasser. In die Badewanne, in den Eintopf rieselt das Stroh.

Im Keller bricht ein Rohr. Nun treffen sich die Nachbarn wieder. In Ketten schöpfen und reichen sie sich die Eimer von Hand zu Hand.

II

Leipzig, den 02. Juni 1923
Das Mitteldeutsche Braunkohlen-Syndikat beabsichtigt nach den in doppelter Ausfertigung beifolgenden Plänen auf dem an der Richterstraße in Leipzig-Gohlis gelegenen Flurstück Nr. 3587/3588 ein Beamtendoppelhaus zu errichten.
Wir erlauben uns dazu erläuternd folgendes zu bemerken: Das Haus soll aus Erdgeschoss, zwei Obergeschossen und ausgebautem Dachgeschoss bestehen und je zwei zus. also acht Wohnungen enthalten und gänzlich unterkellert werden. Die Trennung der Wohnungen in den einzelnen Geschossen geschieht je durch zwei Leichtwände mit entsprechend ausgefülltem Zwischenraum. Es sind zwei Haustreppen aus Eiche mit unterseits verschalten und verputzten Läufern vorgesehen, die an den Eingangsseiten liegen …

Das Kind legt sich flach auf die Steine im Keller. Es presst die Hände fest an die Ohren. Eine Welle erreicht es. Eine Welle, so rot, so warm – viel zu heiß.

Das Holz der Stuhllehne quillt. Von der Diskokugel im Garten löst sich ein Paillettenstreifen. Aus einem Handtäschchen baumelt eine Perlenkette.

Der Professor trägt neue Schriften heran, legt sie auf den schwankenden Stapel.

Durch die Dachrinne drückt sich der Regen.

Der Nachbarschaftsverein GOASE präsentiert Hoppel – eine Skulptur von Matthias Garff. Es wird Kaffee und Kuchen geben!

III

Es war eine Bucht für Gestrandete wie mich, spricht er. Für Menschen, die sich aus dem Geschehen fallen ließen, um zu sich zu kommen; um zu ruhen.

Guter Mond, du gehst so stille / In den Abendwolken hin, / Bist so ruhig, und ich fühle …

Durch eine schmale Klappe schiebt sich eine orangene Katze.

An den Fenstern flackern Kerzen, in die Wand sickern Klänge. Jedes Haus lebt, sagt er.

Im Waschhaus kochen sie die Zuckerrüben. Ein Mädchen zieht den Löffel aus dem Zuber.

Ein Besucher des Gartenfestes zieht ein Buch aus einer Kiste.

IV

Das Knarren der Treppe. Es scheint mir dasselbe zu sein wie vor 80 Jahren. Damals setzten wir uns in den Garten, vor die Stechpalme. Jene, vor der wir auch heute stehen. Wir Kinder setzten uns vor die Pflanze und spielten Doktor. Denn die Palme stach.

Die Welle kommt. Die Welle brennt sich in den Stein. Ein Walzer verhallt.

Die Kirschen fallen. Die Birnen fallen. Die Äpfel, Zwetschgen, Pflaumen fallen.

Der Vater reißt die Tür auf. Vom Volkssturm desertiert. Das Mädchen erinnert sich an einen Verschlag in der Schräge des Daches.

Lange kratzt der Arzt am Kalk der Badewanne, dann winkt er ab. Er entfernt die Gardinenstange, stößt auf hohlen Ziegel, blickt ins Freie.

Unbekannte Arbeiter kommen, stellen ein Gerüst auf, verschwinden.

V

Dann kam der Tag der Aktivierung. Wir mussten erwachen.

Durch das Beet streichen die Hühner. Im Feuer knackt das Holz. Der Musiker legt das Kinn auf die Violine.

Am Baugerüst rankt die Erbse. Am Baugerüst rankt der Wein. Die Pappeln bilden neue Triebe. Die Kätzchen platzen. Die Samen fliegen. Wirbelnder Schnee im Sommer.

Nachts stehen brennende Kerzen in den Fenstern des Paares, das die Partei nicht außer Landes lässt.

Auf dem Balkon positioniert sich der Schauspieler.

Unter einem weißen Laken steckt ein lehmfarbenes Wesen. Die platten Füße schauen heraus. Ein Dutzend Menschen haben sich unter bunten Wimpeln im Vorgarten versammelt. Ein Kind spielt Tischtennis mit seinem Vater. Ein Bewohner des Hauses steht auf dem Zaunpfeiler, ruft Sonntagsspaziergänger herbei. Wir dürfen Ihnen präsentieren: Hoppel! Das Laken wird gelüftet; ein Widderkaninchen blickt in die Runde.

VI

Wir entrümpelten die Keller und füllten den Lkw mit Heizkörpern, Waschmaschinen, Benzinkanistern, Autobatterien, Rohren, Fahrrädern, Fernsehern, Matratzen. Wir brachen Wände auf, entfernten die Zäune.

Da platzt die Frontscheibe, da bricht das Rohr, da explodiert…

Ein Kind schwingt sich an den Wäschepfahl. Rost splittert. Der Pfahl zerknickt.

Die alte Frau schiebt den Bohnerbesen hin und her.

Der Arzt schiebt dem Arbeiter ein Päckchen Kaffee in die Manteltasche. Dieser holt die Westantenne aus seinem Barkas. Wir stellen sie unters Dach, sagt er. Das wird flimmern, aber du kannst empfangen.

In den Wintern zieht das Paar in das warme Zimmer der einstigen Magd. In den umliegenden Zimmern glänzen Eiskristalle.

VII

Im Flur hängen hundert Drucke, Zeichnungen, Aquarelle. Hundert Menschen drängen sich. Mit Pinseln streichen sie die Buchstaben auf das Plakat, stellen die Hollywoodschaukel auf die Straße.

Guter Mond, du gehst so stille …

Die Kinder zeichnen mit Kreide Gesichter auf die Platten. Durch die Ritzen des Dachbodens dringt die Flugasche. In den Gärten faulen die Zaunbretter.

Ein Arbeiter der Hausverwaltung erscheint. Er zieht einen Ziegel ins Dach, dann geht er.

Ein Mann wischt sich den Ruß aus dem Gesicht.

VIII

22. September 1939. Betrifft Luftschutzmaßnahme.
In dem uns gehörenden Doppelgrundstück, N22, Richterstraße 4-6, beabsichtigen wir einen Durchbruch der Brandgiebelmauer im Keller vornehmen zu lassen. Es soll damit eine Verbindung zwischen beiden Häusern im Alarmfalle geschaffen werden, damit ohne Gefahr eine beiderseitige Hilfe gewährleistet ist.
Wir bitten um Veranlassung und Genehmigung.

Auf den grünen Stuhl steigt die orangene Katze. Staub erglänzt. Die Katze öffnet die Klappe, verschwindet.

Die Hausgemeinschaft versammelt sich zu einem ersten Plenum.

Im Treppenhaus hallen die Stiefel. Im Treppenhaus schlägt sie den Bohnerbesen gegen die Leiste. Im Eingang klappert der Briefkasten.

Ich habe den Ochsenkopf unter das Dach gestellt, sagt der Arzt. Ich habe ihn durch den Schornstein gezogen, antwortet der Assistent.

Der Sturm tost. Das Glas des Gewächshauses flattert. Fetzen einer Folie fliegen durch die Luft, verfangen sich in den Büschen. Ein Baum kippt, eine Scheibe platzt. Hoppel wankt. Regen fließt über das schwarze glänzende Auge des Kaninchens. Die Skulptur fällt. Die Haut bricht, die Platten knacken, das Linoleum birst.

IX

Ein Chor hebt an: …

Die Musikerin streift winters durch das Gestrüpp. All these things happen in one second and last forever. Sie tanzt zur Violine am Feuer.

Die Gräser und Quecken wachsen. Aus dem Nichts erscheinen Birken, Kastanien.

Der Sturm hebt die Blätter vom Stapel, durch die Zimmer wirbeln die Schriften.

Der Putz bröckelt von den Wänden.

X

Die Stille unter dem Dach.

Dann brennen alle Häuser. Dann explodiert der Garten. Dann reißen die Bomben Krater so breit wie das Kinderzimmer, so weit wie Schlafsäle, so tief wie … Die Pappeln beben. Der Druck reißt das Geäst in die Höhe.

Das Holz der Stuhllehne reißt. Das Holz des Stuhlbeines bricht.

Ein windschiefer Schornstein. Die Hausverwaltung antwortet schriftlich: Es besteht keine Gefahr.

XI

Was wir uns wünschen, ist Gemeinschaft. Was wir wollen, ist Geborgenheit.

Leise dringen die Klänge des Walzers ins Gemäuer, während sie unten im Garten die Tafel aufbauen, zum Essen laden.

Im Wind rauschen die Pappeln. Ein Huhn pickt ein Korn. Eine Elster schiebt sich durch die Birke.

Der Schauspieler wendet sich nach links, wendet sich nach rechts. Seine Worte hallen im Garten:

Mephistoteles sich umsehend: Doch wie? – Wo sind sie hingezogen? / Unmündiges Volk, du hast mich überrascht! / Sind mit der Beute himmelwärts entflogen; / Drum haben sie an dieser Gruft genascht! / Mir ist ein großer, einziger Schatz entwendet: / Die hohe Seele, die sich mir verpfändet, / Die haben sie mir pfiffig weggepatscht. / / Beim wem soll ich mich beklagen? / Wer schafft mir mein erworbenes Recht? / Du bist getäuscht in deinen alten Tagen, / Du hasts verdient, es geht dir grimmig schlecht!

Sie schlagen ein Loch in die Wand, reichen die Korbmöbel aus der alten in die neue Wohnung; dann mauern sie die Wand zu.

XII

Vier Menschen machen sich im Garten an alten Paletten zu schaffen. Sie hebelt mit einer Zinkenhacke die Leisten ab; er klopft die Klötzer von den Brettern – die Klötzer landen in der Feuerschale. Ein Dritter zieht die Nägel aus den Brettern. Im Hintergrund sägt der Vierte. Sein Sohn spaziert zwischen den Tomatenpflanzen. Eine Schaufensterpuppe mit elfenbeinweißer Haut und kahlem Haupt sitzt im mohnroten Kleid auf dem Gerüst und hält ihnen eine Perlenkette entgegen.

Guter Mond, du gehst so stille / In den Abendwolken hin, / Bist so ruhig, und ich fühle, / Daß ich ohne Ruhe bin!

Sie schaufeln den Phosphorbrei in die Eimer. Die Kinder tragen den brennenden Schutt aus den Häusern. Mit Wasser, Sand, Erde löschen sie die Flammen ab.

Eine alte Frau holt Post aus dem Briefkasten. Jeden Tag öffnet sie ihn, zur selben Stunde.

Vom Blech der Eimer tropft das Wasser auf die Dielen. Die Frauen nehmen die verstaubte Wäsche vom Dachboden, hängen sie in die Flure.

XIII

Das Haus schläft. In seinem Schoß ruhen die Kinderträume. Da kehrt der Vater mit Bonbons fürs Töchterchen nach Hause. Da packt ein Paar seine Koffer. Da gesellt sich eine alte Dame mit Postkarten zu ihrem Gatten. Bedächtig schleichen die Seelen durch die Räume. An den Fenstern verlöschen die Kerzen.

 

Olav Amende

 

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freiTEXT | Sigune Schnabel

Die Zeit bleibt Kind

I

Es gab Menschen, in denen die Zeit schlief. Sie blinzelte morgens einmal in die Dunkelheit des Körpers, drehte sich um und schloss die Augen erneut. Der Atem ging so gleichmäßig und leis, dass ihre Anwesenheit aus den Köpfen verschwand.

Mit fünf Jahren hatte Johanna geglaubt, gänzlich von den Misslichkeiten des Lebens befreit zu sein. Damals hatte ihr Bruder eine eiternde Wunde auf dem Handrücken, die täglich versorgt werden musste. Johanna schaute angewidert zu, wie der Verband gewechselt wurde, und sagte sich im Stillen: Mir würde so etwas nicht passieren.

Erst als sie zur Schule ging, erkannte Johanna, dass die Zeit stärker war als sie. Ihre Großmutter ging ins Badezimmer und stellte den Fuß auf einem Hocker ab. Krampfadern überzogen das Bein vom Knie abwärts, schlängelten sich wie Flussbetten entlang und hatten beinahe die Dicke von Johannas kleinem Finger.

Sie hob ihr Kinderbein zu ihrer Großmutter empor und stellte es daneben. „Schau mal“, sagte sie und zeigte auf ihre Adern. Blau hoben sie sich vom Fuß ab. Ob sie einmal Krampfadern würden? Großmutter zwängte sich den Stützstrumpf über und antwortete: „Bestimmt.“

II

Später wurde die Zeit ein Strom. Je älter Johanna wurde, desto reißender stürzten die Jahre das Flussbett hinab. Früher, als sie noch ein kleines Mädchen war, bewegten sie sich in feinen Wellen, und an manchen Stellen blickte Johanna bis zum Grund. Heute sah sie nur treibende Blätter und aufgewirbelte Gischt.

Damals bestand ein Tag aus einem riesigen Sack. Sie sammelte und sammelte, und immer blieb noch Platz. Nachts füllte sie den Rest in anderen Welten. Dann trat ein Mann aus der Tür der schlechten Träume, die sich in der Wand am Fußende ihres Bettes befand, bäumte sich auf und sprach mit finsterer Stimme: „Ich bin der Schokoladenfresser!“ Leider war Johanna nicht schlagfertig und mutig genug, ihm die Reste vom letzten Osterfest anzubieten. Ihr kam nicht einmal der Gedanke, dass sie selbst gar nicht aus Schokolade bestand und somit außer Gefahr war, gefressen zu werden.

Mit den Jahren wurden die Säcke immer kleiner, und die alten befanden sich schon so weit hinten, dass Johanna nicht mehr zu ihnen durchdrang. Nur manchmal, wenn sie müde war, geriet sie für Sekunden in einen Bereich zwischen Traum und Wachen, in dem Erinnerungen wohnten. Gerüche und Orte vereinten sich in diesem Moment. Ihre Füße befanden sich plötzlich auf Straßen, die sie als Kind entlanggelaufen war, in Ecken, die ihr gänzlich entfallen waren. In solchen Augenblicken merkte sie, dass ihr Leben in ihr ruhte. Sie waren ein müder Nachklang der einstigen Fähigkeit, die Welt mit allen Sinnen zu erleben. Ein Echo der Kindheit und zugleich ein Tor.

III

Früher schrieb Johannas Mutter jedes Jahr einen langen Brief an die Verwandtschaft. Die Kinder durften diese Seiten nicht lesen, wussten aber, dass es um sie ging, was sie wütend machte. Einmal fanden Johannas Bruder und sie Schnipsel im Papierkorb, die unverkennbar von einer Kopie stammten. Jeden einzelnen breiteten sie auf dem Wohnzimmerboden aus. Ihre Mutter störte sie nicht bei ihrer Tätigkeit, denn sie glaubte offenbar nicht an den Erfolg. Bei manchen Teilen sah man sofort, dass sie zusammenpassten. Dann gab es diese weißen Randbereiche, auf denen sich nur einzelne Striche befanden, die nahezu jeden Buchstaben fortführen konnten. Immer wieder probierten die Kinder aus, die Teile zusammenzusetzen. Am Ende schafften sie es. Es entstand ein Text.

Sekunden im Halbschlaf waren manchmal solche Puzzleteile. Mit viel Geduld ließ sich von ihnen einmal der Text der Kindheit ablesen. Das nächste Mal wollte Johanna ihn luftdicht in Flaschen verstauen und in ein Boot tragen, ihn vor dem reißenden Fluss schützen.

IV

Bei Paul war die Zeit kein Fluss. Schon früh rannte sie in seinem Körper auf und ab. Ein unbändiges Kind, das gegen die Zellen trommelte; das noch nicht gelernt hatte, Spuren zu verwischen und Scherben zu beseitigen. Manchmal erschrak es einen Augenblick, das Kind; vielleicht, weil ein Glas auf den Kacheln zersprang. Doch dann rannte es weiter umher, bis der nächste Gegenstand zu Bruch ging.

Manchmal sah Johanna vor sich, wir sie mit Paul durch den Sand lief. Die Sandalen baumelten in seiner linken Hand. Johanna trieb es immer weiter, bis zum hintersten Zipfel der Insel, an dem das Vogelschutzgebiet begann. Auf einmal war der Weg überflutet. Wellen umspülten ihre Fahrräder, die sie oben abgestellt hatten. Paul stieg ins knietiefe Wasser. Hinterher lachten sie, froh, dass sie sich rechtzeitig auf den Rückweg begeben hatten.

Wenn Paul auf dem Stuhl saß, wollte Johanna sagen: „Steh auf!“ Doch niemand konnte die Zeit in seinem Innern bremsen. Wie gern hätte Johanna ihn wie ein Fahrrad aus dem Meer gezogen.

V

Die Pflegerin schob ein großes Gestell heran. Sie musste aufpassen, dass es nicht anstieß. Dann ließ sie es herunter, gerade so tief, dass sie Paul daran befestigen konnte.

Als sie es wieder nach oben kurbelte, schwebte er in einer Schaukel. Zwischen den Armlehnen des Rollstuhls ließ sie ihn herunter, so passgenau, dass er in Sitzposition landete. Jedes Mal konnte Johanna nur zuschauen, wie die Zeit jede Regung von Paul nahm.

VI

Die Fähigkeit der Hingabe war abhandengekommen. Johanna schlüpfe in einen Raum, in den keine Berührungen reichten. Müdigkeit legte sich in ihre Sätze, ließ sie schwer werden und langsamer klingen. Sie versuchte, ihre Unsicherheit durch Verstand zu tarnen, zerschnitt ihr Leben in kleine Stücke und setzte es schlüssig zusammen, legte es auf einen Teller und sagte: „Sieht es nicht schön aus?“ Paul verzog das Gesicht.

VII

Johanna hatte gedacht, sie würden es schaffen, nichts zu erwarten. Nicht mehr zu spüren, wie sie dahinter verschwanden. Aber sie hatte sich geirrt. „Ich will dich noch einmal von vorne verlieren“, dachte sie und schaute aus dem Fenster. Sie saß an Pauls Bett und sah zu, wie er immer weniger wurde. Wie seine Hände, seine Stimme ihm entglitten. Sie hatte Angst vor seinem Verschwinden, denn es lag außerhalb ihrer Ordnung. Außerhalb der Regeln ihrer Welt. Es ließ sich nicht erklären und beherrschen. Geradezu absurd in einer aufgeklärten Zeit. Lag hier nicht das größte Versagen, wenn nicht sogar ein Verspotten aller Errungenschaften?

VIII

Seit Pauls Körper ihm entglitt, war Johanna aus dem Takt geraten. Bei jedem Versuch, sich zu halten, fehlte das Gerüst, die Grundlage. Also fiel sie in sich hinein, bis sie sich nicht mehr auffinden konnte, so tief. In der Leere tauchte ihr altes Leben wieder auf, als Nordlicht. Wenn sie danach griff, stürzte sie weiter, denn die Farben hatten keine Substanz.

Sie konnte Paul nur zusehen, wie sich etwas um ihn auflöste; nichts war mehr möglich, außer in den Leerstellen zu versinken.

Ein Teil von Paul hatte sich in Johanna verankert. Wo er sich lockerte, riss er etwas auf. Ihre Wurzeln waren wund geworden an der Luft. Wie lange war es her, dass sie die Grenzen zwischen sich verloren hatten? Dass sie sich überschnitten und ineinander rankten? Auch auf Johannas Seite starb etwas.

IX

Manchmal hielten sie sich am Immergleichen, denn es täuschte sie über das Ende hinweg. Ihr Denken beruhigte sich in dem Schein von Beständigkeit. Sie ahmten die Tage nach, als könnten sie so die Zeit anhalten. „Glaubst du nicht auch, dass sie hinter Gewohnheit verschwindet? Dass sie ganz still wird, wenn wir sie in einen Rahmen pressen?“, fragte Johanna, doch sie sprach es nicht aus.

Und sie dachte weiter: „Kennst du die Angst vor der Zeit? Eine Wohnung, ein Möbelstück aufzugeben, weil dann auch ein Stück von dir verschwindet; ein Abschnitt beendet ist, der aus dir herausfällt und eine Lücke hinterlässt? Du haftest noch daran, zu einem kleinen Teil, und fühlst, wie sich ein Loch in dir bildet, ohne diesen Gegenstand. Die Zeit zerstört dich zunächst nur langsam, doch du wirst immer kleiner, bevor du etwas Neues werden kannst. Nein, selbst das ist nicht von Bestand. Bald wird dir die Fähigkeit zu werden abhandenkommen. Bleibst du dann ohne dich zurück? Weißt du, was ‚ohne dich‘ bedeutet?“ Johanna wusste es nicht.

X

Manchmal nahm sie ein kleines Stück Leben und warf es in die Leerstellen. Doch es verlor den Glanz, wenn es so einsam und zerschnitten an der falschen Stelle lag.

 

Sigune Schnabel

 

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