freiTEXT | Marlene Gölz

Arbeitsdienst

Aspern/NÖ, 1942

Ich war 18. Eine trostlose Gegend. Rundherum: gar nichts. Das Lager, ok, da muss ich durch, dachte ich. Die Leiterin hat  zu mir gesagt: Du, da ist ein Ehepaar, Bauern, die haben gerade eine Tochter verloren. Das wär was für dich. Da schick ich dich hin. Na servus, dachte ich. Gut, ich hab meine Sachen gepackt und bin hin. Auf dem Hof: Nichts. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Ich hab geklopft, keine Reaktion. Dann bin ich ins Haus, bin in die Küche. Niemand da. Von der Küche die nächste Tür, stand ich schon im Stall, direkt daneben. Die Kühe von hinten. Dann hör ich ein Klopfen. Ganz regelmäßig. Es kam vom Hof. In der Tür war ein kleiner Spalt, da hab ich durchgeschaut. Stand da ein Mann, mitten im Hof, und hackte Holz. Das wird der Knecht sein, dachte ich und bin hin zu ihm. Grias di, sagte ich. Bist du der Knecht? Na i bin da Bau´, sagte er und ich dachte: Das fängt ja gut an. Er hat mir gleich aufgetragen, ich sollte den Hof kehren, und den Stall. Sauber aber, sagte er, sauber müsste ich das machen. Ich sags dir, ich hab den Stall geputzt und gewischt, dass die Kühe ausgerutscht sind, so sauber.

Einmal musste ich auf dem Feld Disteln stechen, den ganzen Tag. Nicht mit einem Spaten, sondern mit dem Taschenmesser. Bei brennender Hitze. Ich konnte nicht genug arbeiten bei denen. Am Abend schimpfte mich die Lagerleitung, weil ich zu spät heimgekommen bin. Du musst schon pünktlich sein, hörst du? sagten sie. Aber ich hatte keine Uhr, wir durften keine Armbanduhr tragen bei der Arbeit. Da hat die Bäuerin eine Küchenuhr gekauft, mit aufs Feld genommen und in die Ackerfurche gesteckt. Aber weißt du was? Da konnte sie nicht ticken, die Uhr, in der Furche. Bin ich wieder zu spät gekommen. Das war was. Bald war ich die Einzige, die eine Armbanduhr tragen durfte. Waren keine guten Leut, dieses Ehepaar. Und mir hat gegraust, beim Essen. In der Küche sind die Hühner herumgerannt und zu Mittag stand ein großer Topf in der Mitte, alle haben draus gegessen. Und wenn sie fertig waren, haben sie den Löffel noch mal ordentlich abgeschleckt und ihn zurück in die Schublade gelegt. Ich hab mir aus dem Lager meinen eigenen Löffel mitgenommen, eingewickelt in ein Geschirrtuch, jeden Tag.

Irgendwann kam ein Bauer vom Nachbarort ins Lager, der sagte: Wir brauchen dringend eine, aber eine die sich nicht vor Tieren fürchtet. Das ist meine Chance, dachte ich und hab mich gemeldet, obwohl ich ja kaum Erfahrung hatte. Da bin ich dann hingekommen, zu den nächsten Bauern. Liebe Leut. Bei denen konnte ich bleiben. Haben einen Korb mitgenommen aufs Feld, eine Jause und was zu trinken. Und das mit den Tieren, das hab ich ganz gut hingekriegt. Hat sich sogar herumgesprochen. Einmal musste ich ein Kalb zu einem anderen Bauern treiben, quer durch den Ort. Mitten auf dem Marktplatz ist es stehen geblieben, es wollte partout nicht weitergehen. Es ist ja nicht so leicht, die gehen ja nicht immer wenn sie sollen. Ja was mach ich jetzt, sagte ich mir. Da stand ich, links den Strick, rechts einen Stock. Aber ich kann das Kalb ja nicht schlagen, dachte ich. Dann ist mir eingefallen, was sie immer gesagt haben: Wenn eine Kuh nicht gehen will, einfach den Schweif raufdrehen. Na das hab ich gemacht. Du, das Viech hat einen Satz getan, mir ist ganz anders geworden. Der Strick hat sich immer enger um mein Handgelenk gezogen und irgendwann war der Strick halt aus. Und da hab ich Hilfe gerufen weil ich es nimma halten konnte. Dann sind zwei Männer gekommen, die haben mich gehört, und begleitet.

Bald ist ein anderer zum Hof, der hat nach mir gefragt. Du kannst doch mit Tieren, sagte er. Da ist eine Kuh, die will nicht in den Wagon, Schlachttransport, wir brauchen Leut. Bin ich halt mit. Als ich den Stall betreten hab, stand da keine Kuh sondern ein Riesenstier mit Scheuklappen. Mir ist ganz anders geworden. Ich eh so klein, stand ich da, mit meinen Zöpfen, und sollte den Stier dazu bringen mitzugehen. Da hab ich einfach zu reden begonnen. Damit er sich an meine Stimme gewöhnt. Hab ihm irgendwas erzählt, und bin dann langsam immer nähergekommen. Und als ich dann vor ihm stand, hab ich ihm vorsichtig die Hand auf die Stirn gelegt, ihn gestreichelt und immer weitergeredet dabei. Und dann ist er mitgegangen mit mir. Bis zum Wagon. Bei dem Ehepaar bin ich geblieben, bis zum Schluss. Die waren gut zu mir.

Viele Jahre später, ich war längst verheiratet und meine zwei Buben erwachsen, war ich mit meinem Mann mal in dieser Gegend. Du, wenn wir schon da sind, sagte ich zu ihm, schaun wir doch, ob das Lager noch steht. Das Lager stand nicht mehr. Aber den Bauernhof haben wir gefunden. Ich bin ausgestiegen aus dem Auto, mein Mann ist sitzengeblieben, bin zur Tür und hab geklopft.

Bist du der Bauer hier?, hab ich gefragt.

Und er: Ja, der bin ich.

Kennst mi nu?

Freilich, hat er gesagt, du bist die Öfried.

Er hat immer Öfried gesagt zu mir, nicht Elfriede.

Deaf i einakuma?

Kum eina, hat er gesagt.

Wir haben uns so gefreut, uns zu sehen. Er war lieb. Aber es war auch traurig, weil es war so armselig in der Stube. Seine Frau hat ihn verlassen und alles mitgenommen. Die hat ihn ruiniert, die hat ihm alles genommen. Sein Selbstvertrauen, weißt du. Wir haben uns die Hand gehalten, der Bauer und ich. Und irgendwann kein Wort mehr geredet. Nach einer Weile bin ich aufgestanden, zurück zum Auto, zu meinem Mann.

 

Marlene Gölz

 

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freiTEXT | Markus Grundtner

Das eine, das andere und das seltsame Dazwischen

Das eine, was ich in meinem Studium der Rechtswissenschaften gelernt habe, ist, dass es keinerlei Sinn hat, Vorlesungen zu besuchen.
Zum Beweis dafür möchte ich von meiner Einführungsvorlesung in die Rechtsphilosophie berichten. Mittlerweile nenne ich diese Episode liebevoll „das seltsame Dazwischen“.

Am Anfang meines Studiums sitze ich also in der ersten Reihe des größten Hörsaals des Juridicum Wien.
Da taucht hinter dem Vortragspult plötzlich – so als hätte er sich dort bis zu diesem Moment verborgen –, ein grauhaariger und grünbebrillter Mann auf, der bekleidet ist mit einem Sakko (perfekt sitzend), einer Jeans (ausgewaschen) und einem Hawaiihemd (sauber gebügelt).

Der Mann stellt sich dem Hörsaalplenum nicht vor. Aus diesem Grund heißt er ab nun der Einfachheit und Anschaulichkeit halber Herr Just.

Just eröffnet seine Einführung in die Rechtsphilosophie mit den Worten: „Unendlich ist das Universum, zahllos seine Normen.“

Er tritt an die große grüne Tafel und schreibt die Worte „Sein und Sollen“ darauf. Er sagt: „Das Universum existiert und seine Normen gelten. Die Existenz des Universums lässt sich auf das Faktum des Urknalls zurückführen, die Geltung aller Normen auf die Geltung der allerersten Norm – der Urnorm. Es gilt nun, diese Urnorm zu entdecken, um das Innerste des Universums zu erkennen.“

Just beginnt Rechnungen auf die Tafel zu kritzeln. Die Zauberformel „nicht prüfungsrelevant“ bleibt unausgesprochen. Alle schreiben mit.

Just rechnet weiter wild vor und sagt dabei: „Mathematisch gesehen ist die Urnorm der Quotient aus einer Division von Alpha und Omega oder die Summe einer Addition von Non plus Ultra. Die Urnorm ist aber – gleichgültig nach welcher Berechnungsart – eine Kommazahl. Jenseits des Kommas steht eine weitere Zahl. Wen es interessieren sollte: Das ist Gott. Aber das wird gnadenlos abgerundet.“

Ich schüttle meine Hand. Sie schmerzt vom Mitschreiben. Ein wenig erschöpft frage ich mich, ob ich in meinem Studium nun bereits so große Fortschritte gemacht und derart grundlegende Erkenntnisse gewonnen habe, dass es jetzt schon zu spät für mich ist, noch österreichischer Bundeskanzler zu werden.

Just fährt unbeirrt fort und sagt: „Die Mathematik bringt uns aber – wie so oft – nicht weiter.“

Alle Anwesenden nicken.

„Mathematik ist nicht Recht. Sie können also alles vergessen, was wir gerade besprochen haben.“

Alle Anwesenden starren auf ihre schmerzenden Hände.

Just sagt: „Wir müssen die Urnorm auf juristischem Wege suchen: Die Urnorm findet sich am Anfang einer langen juristischen Verweiskette von Paragraphen und Artikeln, die sich wiederum in Absätze, Sätze, Ziffern und Buchstaben aufgliedern.“

Ein Raunen geht durch den Hörsaal, welches Just anscheinend als Ausdruck des erfreuten Erstaunens fehldeutet.

„Begleiten Sie mich auf meiner legistischen Expedition! Uns erwartet eine eingehende Betrachtung aller Menschenrechte gegenübergestellt mit allen Verkehrsschildern, aber auch eine diffizile Untersuchung des Völkerrechts im Vergleich mit den allgemeinen Geschäftsbedingungen von Mobilfunkverträgen und zu guter Letzt eine tiefschürfende Analyse des Gewohnheitsrechts unter Zuhilfenahme der Anleitungen sämtlicher Brettspiele des Universums.“

Nun versucht Just, den Beamer zum Laufen zu bringen. Dieses traurig anzusehende Unterfangen ist gleichbedeutend mit einer Pause, die eine halbe Stunde dauert.

Als Just die Widerstände der Technik überwunden hat, projiziert er ein Regelwerk an die Wand des Hörsaals.

Er nennt es: „Die zehn Gebote (novelliert)“.

Dann trägt er die einzelnen Paragraphen vor, als wäre der nichtfunktionierende Beamer (der lediglich eines einfachen Drucks auf die Einschalttaste seiner Fernbedienung bedurft hat) ein Berg gewesen, von dem Just soeben mit seinen zehn Geboten herabgestiegen wäre.

Sein Gesicht leuchtet, als er vorträgt:

„§ 1. Gesetze der Natur und Gesetze des Menschen sind unvollständig.

§ 2. Es gibt keine Regel ohne Ausnahme. Gäbe es eine Regel, die keine Ausnahme hätte, dann wäre die Regel selbst die Ausnahme, weil alle anderen Regeln Ausnahmen haben.

§ 3. Die Ausnahme davon ist die Urnorm.

§ 4. Je mehr Paragraphen oder Artikel eine Norm aufweist, desto größer ist ihre Entfernung von der Urnorm.

§ 5. Das Universum ist die Manifestation der faktischen Kraft des Normativen. Der Mensch hingegen ist der Sklave der normativen Kraft des Faktischen.

§ 6. Der Mensch erlässt mehr und mehr Normen, anstatt die bestehenden Normen allesamt und sofort aufzuheben. Der Mensch muss aufhören, ein Mensch zu sein. Wenn der Mensch die Urnorm entdecken will, muss er zur Urnorm werden.

§ 7. Die Urnorm hat sich verselbständigt, seit es den Urnormsetzer nicht mehr gibt. Daher sieht das aktuelle Universum auch so aus, wie es aussieht: Chaotisch, unlogisch und immer schlechtes Wetter.

§ 8. Wer die Urnorm kennt, begreift den Anfang des Universums. Wer den Anfang des Universums begreift, versteht, wie das Universum funktioniert, und kann das Universum neu normieren.

§ 9. Im Gegensatz zum aktuellen Universum ist das zukünftige Urnorm-Universum nicht revidierbar. Es stünde kein Rechtsmittel offen, welches die Aufhebung des Universums ermöglichen würde. Denn wenn alle Menschen die Urnorm erkannt haben und nach dieser Erkenntnis handeln, gibt es keine Formalfehler mehr.

§ 10. (1) Wenn aber eine Norm auftauchen sollte, die niedergeschrieben wurde, und als Urnorm betitelt ist, kann es nicht die Urnorm sein.

(2) Wenn ein Mensch vor einer Ansammlung anderer Menschen tritt, und Inhalte vorträgt, die nach Angaben des Vortragenden zur Urnorm führen oder die Urnorm gar beinhalten, kann dieser Mensch nicht der Verkünder der Urnorm sein.

(3) Die Urnorm ist jeglicher Form der Verschriftlichung unzugänglich. Die Urnorm ist und bleibt ungeschrieben. Die Urnorm ist perfekt. Denn nur das, was ungeschrieben ist und ungeschrieben bleibt, kann perfekt sein und perfekt bleiben.“

Hier endet der Vortrag von Just nicht: Er versteigt sich in unzähligen weiteren Absätzen, Sätzen, Ziffern und Buchstaben seines zehnten Gebots in die Beschreibung seiner Urnorm, so als wäre sie ein Wirbel im Zentrum des Universums, in den er hineingefallen ist.

Nach gut zwei Stunden verständigt jemand den Sicherheitsdienst der Universität. Just wird Hörsaalbesetzung vorgeworfen. Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes führen ihn ab und übergeben ihn – als Reaktion auf diverse minderschwere Handgreiflichkeiten seinerseits – den Organen der Strafverfolgungsbehörden.

Für den Rest des Semesters fällt die Vorlesung aus. Wir mögen bitte einfach daheim in unseren WG-Zimmern das Lehrbuch auswendig lernen, so wie alle vernünftigen Studenten es tun, teilt uns die Fakultätsleitung mit.

Just sehen wir niemals wieder. Das ist übrigens das andere, was ich in meinem Studium gelernt habe: Bloß, weil jemand das Recht hat, sich in einem Bagatellstrafverfahren selbst zu verteidigen, heißt das noch lange nicht, dass er von diesem Recht auch Gebrauch machen sollte.

Markus Grundtner

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freiTEXT | Mario Huber

5. Branco, der Beschützer

Als Branco klein war, wuchsen Katzen auf den Bäumen. Es gab kleine Bäume mit roten und gefleckten Katzen, es gab große Bäume mit länglichen, dunkelgrünen Blättern, die schneeweiße Katzen trugen und es gab Büsche mit schwarzen Katzen, die im Wind wild fauchten. Branco war kaum vier Jahre alt, als er mit seiner Familie sein Dorf verließ. Aber nicht nur das: Er und seine Familie zogen nicht nur in ein anderes Dorf oder einen anderen Landesteil, sondern sie zogen in ein anderes Land. Dort sah er Katzen wie Hunde durch die Straßen laufen, aber keinen einzigen Katzenbaum. Langsam vergaß er die Landschaft seiner Kindheit, vergaß die Menschen, die Gesichter, die Gerüche, die Autos, die Süßigkeiten im Geschäft und an der Tankstelle und schließlich auch die Katzenbäume. Die Welt um ihn herum schien einzuschlafen. Mit neunzehn Jahren begann Branco zu studieren. Er wollte Arzt [1] werden. Da er nicht sehr reich war, suchte er nach Arbeit, um dem Träumen ein Ende zu setzen. Da entdeckte er eine Anzeige am Schwarzen Brett der Universität: Suche Beschützer. Sehr gute Bezahlung. Branco war ein Beschützer, dass wusste er von sich. Er wählte die Nummer auf dem Zettel und wartete gespannt mit dem Telefon am Ohr. Nachdem es dreimal geläutet hatte, wurde das Telefon am anderen Ende abgehoben und eine Stimme, weder männlich noch weiblich, aber sehr alt, fragte: Bist du mein Beschützer? Branco antwortete: Ja. Die Stimme holte tief Luft und sagte: Dann komm heute kurz vor Sonnenuntergang zu mir, ich werde dir deine Aufgabe erklären. Nimm nichts mit was dir lieb ist, aber bring mir eine Sache, die du nicht entbehren kannst. Dann hörte Branco nur noch ein Klicken und das Gespräch war beendet. Er wollte noch nach der Adresse fragen, aber aus einem unbestimmten Grund wusste er sie ohnehin. Seltsam, dachte Branco.

Mit dem Gefühl, einen schweren Stein um seinen Hals zu tragen, fuhr Branco mit seinem Fahrrad los. Der Wind strich ihm durch die Barthaare. Je näher er dem Hügel am Rande der Stadt kam, desto mehr veränderte sich die Umgebung, die Häuser wurden schöner, größer und vor allem älter. Als er sein Fahrrad vor der schönsten, größten und ältesten Villa abstellte, trug er das Gewicht der ganzen Welt um den Hals. Kaum hatte er sein Rad versperrt, öffnete sich die Tür der Villa einen schmalen Spalt und Branco meinte ein leises Schnurren zu hören. Doch dann trug der Wind diese fort und Branco wurde von einer Hand, ganz versteckt im Türrahmen, näher herangewunken. Hast du mir etwas mitgebracht, was du nicht entbehren kannst?, fragte die Hand. Doch bevor Branco antworten konnte, schob die Hand die Tür auf und ein freundliches Gesicht gesellte sich zu ihr. Vielen Dank, sagte das Gesicht, du bist jetzt mein Beschützer. Mit einem Mal hoben sich Brancos Schultern vor Leichtigkeit.

Komm nur herein, sprach das Gesicht weiter, ich werde dir deine Arbeit erklären. Es ist nicht viel, was du tun musst. Es ist eigentlich nur eine Kleinigkeit. Branco spitzte seine Ohren. Das Gesicht zog plötzlich seine Augen zusammen und die Hand griff nach etwas im Dunklen. Branco wich zurück und versuchte, er wusste nicht warum, sich zu entspannen. Ohne Übergang wanderten die Augen wieder an ihre übliche Stelle und die Hand tänzelte ruhig. Der Moment schlicht lautlos um die Ecke. Du musst die Katzen aus meinem Garten vertreiben, hörte Branco schließlich. Sie sind eine Plage. Sie verwüsten alles und machen vor nichts Halt. Wenn ich noch eine Katze in meinem Garten sehe… Der Satz blieb unvollendet, stattdessen verschwand der Schlaf aus Brancos Welt. Die Menschen, die Gerüche, die Bäume fielen ihm wieder ein. Wo ist der Garten, fragte er. Hinter dem Haus, bei dem Bäumen, dort wo die Katzen sind, antwortete er sich selbst. Als er in den Garten blickte, für alles bereit, hatte er das Gesicht bereits vergessen, nur die Hand reichte ihm noch sein Werkzeug.

Im Garten öffnete sich der Himmel plötzlich und ein letzter Sonnenstrahl vor der tiefen Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht richtete sich auf eine bestimmte Stelle. Als Branco seinen Blick dem Licht folgen ließ, sah er die Sonne in den Augen einer jungen Katze leuchten. Er hob sein Werkzeug, das er erst in diesem Moment als Hammer erkannte, und schleuderte es in Richtung der funkelnden Augen. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Tagen und Wochen immer und immer wieder. Sobald die Sonne durch die Wolken brach, erschien eine Katze und Branco schützte das Haus und seinen Bewohner. Das Denken fiel Branco leicht in dieser Zeit. Die Dinge fügten sich ineinander und auf jeden Tag folgte eine traumlose Nacht. [2] Er hatte aufgehört die Katzen zu zählen und war erfüllt von seiner Aufgabe.

An einem Abend, der nahende Herbst lag bereits in der Luft, fand Branco einen Zettel im Garten. Er lag im hintersten Winkel, an einer Stelle, an der Boden bis zum Ende des Frühlings noch vom Winter feucht blieb. Er hob den Zettel, der von oben bis unten mit kleinen, sehr feinen Buchstaben beschriftet war, auf und begann zu lesen: An den Wächter des Hauses und an den Überbringer der Taten: Ich sehe dir bei deiner Aufgabe jeden Tag zu. Du bist sehr mutig und gewissenhaft, das ist zu loben. Du bist aber auch ungerecht und vorschnell, das ist zu verurteilen. In einer Woche wird deine Arbeit enden und was du geborgt hast, obwohl du es nicht entbehren kannst, wird dir für immer genommen. Nur ich kann dir helfen, es wieder zu finden. Lasse die nächste Katze, die den Garten betritt, passieren und ich werde dir ein Beschützer sein. Branco hatte den Zettel kaum fertiggelesen, da erfasste ihn ein Windstoß und mit leisem Fauchen flog er davon.

In den folgenden Tagen ließ sich keine Katze im Garten blicken. Weder morgens, noch mittags, noch abends. Jeden Tag ging Branco unverrichteter Dinge nach Hause. Mit jedem Tag wurde er angespannter. Der Garten hatte sich bereits auf den Winter eingestellt und der Wind trug die Kälte in Brancos Gesicht. Plötzlich saß eine Katze im Garten. Sie hatte ein dunkles Fell und ihr fehlte eine Pfote. Branco vertrieb sie aus dem Garten. Im selben Moment öffneten sich die Tür in seinem Rücken und der Himmel. Eine Hand und ein Vogel schossen heraus und fassten Branco am Kopf und am Hals. Die Tür schlug wieder ins Schloss und der Vogel verschwand in der Hand samt Brankos Gleichgewicht. Der Boden unter ihm und der Wind neben ihm vermischten sich, die Luft bestand aus Federn. Die Tür öffnete sich abermals und das Gesicht trat heraus, nahm Brancos Augen und verschwand damit. Er spürte Katzen um seine Beine. Seine Haut war nicht mehr vom Fell zu unterscheiden. Er wollte nach den Katzen fassen, aber sie hatten seine Finger und Hände genommen. Zwischen all dies schob sich ein leises Geräusch, ein Summen und Pochen. Langsam formte sich daraus eine Stimme, Worte und Sätze. Als Branco die Worte, die Sätze, die Stimme verstand, konnte sie keiner außer ihm noch hören.                                                                                            , sagte die Stimme. Dann wurde die Welt wieder still und Branco begann zu träumen. [3]


[1]

Arft W, burd) D0ftor erie$t (aber itt Wult1tbar;t, Xi et a ròt 110&) Vovutàr gebliebett); id)01t im 16. òûf)tf). Itillttllt 2 0 C t O r bie •S2tr3t' alt (1561 30c 1616 126 20C to r e Ì) fiir CS2)tebicirt i , bellifd) 127 alld) 2 octor filt '21?3f ; id)01t im 17. òabrf)S. b er b o c te ril („id) fiabe (o biel berboctert" )ìic. Xolcflttar, 40 Dialogi 1625 21, 162 b). 21 lilliere arzât, arÀt SIR. : tilt ipe;ififd) btllt ill horse-leeell 'Tierar3t'; bd31t Itbb. (Sigeltltalltc d) It e r làehentere (bei. 'fili inti$er eeifrdl'it'). ealttlilf)t at)b. arzât mit arzïter areiàtor archiâter filt bCV111ittef11 jillb Ilitf)t Xed)lt. gtiecf). iriif) illS (bgl. r), ftetà*erillittlltltg. Ciliâtge medico, mire, f13. médecin, òie freitid) iillb ;l'iber arz- Z!ertrettr At. c;ezt-i. 2ie Illittelrtyeitt. abi. arzâttat. artista ilt (diltlid) mirò Ilttat. artista fili' YAebi3i1tcr artiste vétérinairej ; dltd) iit òCllt [iltevell treiietl archiatri bereite bei belli •tQ1tfe11fi11ig (Sl)ilüfreri bei (Sh•ofitlt. — E. i. Arzyenei.

 

[2]

Europa III

Meine Eisenbahn fährt:
Von Dundee bis nach Sarajevo,
nicht ganz.
Vom Polarlicht bis zum Bosporus,
nicht ganz.
Sie ist blankgeputzt,
freundlich besichtert.

Sie ist:
rot wie die Liebe,
blau wie die Liebe,
grün wie die Liebe,
gelb wie die Liebe.
Und weiß, natürlich.

 

[3]

 

Mario Huber

 

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freiTEXT | Jürgen Flenker

Inseln

Niemand ist eine Körperschaft, niemand kann aus seiner amtlichen Haut. Die meisten halten gerade in turbulenten Zeiten an ihrem Inseldasein fest. Splendid isolation. Umso wichtiger ist es, den Stürmen zu trotzen und an ortsveränderlichen Geräten festzuhalten. Die Zentren wandern, die Peripherien sind auf dem Vormarsch. Aktuellen Wachstumsprognosen zufolge kann es auch umgekehrt sein. Mehr denn je kommt es darauf an, wo man steht. Oder fällt.

Freilich kann eine solche Entwicklung, zumal im öffentlich-rechtlichen Raum, leicht zu Verwerfungen führen. Die alten Feindschaften pflanzen sich fort, nicht zuletzt bei Stromausfall. Den Bäumen kann das nur recht sein. Zum Glück gibt es lichte Haine und Strukturfonds für Gebiete mit Entwicklungsrückstand. Nachschub durch Breitbandversorgung. Die Enge hat abgewirtschaftet, das Dickicht wird gelichtet. Überall mehr Durchlässigkeit, ausgebleichte Flecken, saubere Schnitte.

Osmotischer Austausch. Auch zwischen Ost und West. Formlose Anschreiben genügen. Abholzungen sind selten und behördlich genehmigt.
Und dennoch, allen Migrationshintergründen zum Trotz: Das Kirchturmdenken bleibt im Dorf. Der stumme Organist zieht die letzten Register der Stille, die krummen Alleen entziehen sich den Kurvendiskussionen durch Flucht. Auf den katzengebuckelten Gassen lauter Leisetreter. Flurbereinigung war gestern. In den windstillen Ecken wird am geldwerten Vorteil der Zukunft gearbeitet. Spatzen flattern über abgefrühstückte Felder und aus dem Licht, das über den Ackern aufgeht, stricken sich die Bevollmächtigten amtliche Westen mit Silberstreifen.

Ca ira!

Jürgen Flenker

Aus dem Buch ‚All over Heimat‘ (Hg. von Matthias Engels, Thomas Kade, Thorsten Trelenberg; stories & friends 2019) - Leseprobe

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freiTEXT | Stefan Reiser

St. Marienkirchen

Wie es mir denn gehe, was ich denn so treibe, man höre und sehe ja seit Jahren nichts mehr von mir, stürzte sie bei der Hochzeit eines gemeinsamen Freundes auf mich zu. Vorigen Sonntag erst, sagte ich, sei im Festsaal des hiesigen Kirchenwirts die letzte Vorstellung meines Stückes gewesen. Ausgerechnet der Dernière sei, zum größten Bedauern des Ensembles, nicht der andernorts übliche Publikumsandrang beschert gewesen. Wo das denn zu lesen gewesen sei, sie sogleich, sie habe nichts erfahren. Lobpreisung in jeder Zeitung, auf allen Titelseiten mein Gesicht, ich darauf, wie komme es nur, dass ihr das entgangen sei? Wo sie jetzt wohne, ob in Kopfing, Pimpfing, im Ausland oder gar in St. Aegidi? Sie lachte und erzählte, wie sie vor einigen Jahren mit ihrem Mann ein Haus gebaut habe, hier in St. Marienkirchen, gleich dort drüben, hinter der Kirche stehe es. „Armes St. Marienkirchen“, ich wiederum, „wohin die Post nichts mehr austrägt! Seltsam ...“, schob ich um mich blickend noch eins hinterher, „ist da nicht bis vorigen Sonntag überall plakatiert gewesen? Habe ich nicht selbst vor, neben und hinter der Kirche die Werbeständer aufgestellt?“ Kurzes Schweigen. Dann ich, bemerkend, zu weit gegangen zu sein, einen Schritt zurück; dann sie, ich solle ihr nächstes Mal persönlich Bescheid geben, wenn ich wieder etwas veranstalte, unbedingt rechtzeitig, damit sie sich von Kind und Kegel freinehmen könne; dann ich, mich wegdrehend, dass zum jetzigen Zeitpunkt an ein nächstes Mal nicht zu denken sei - ein ganzes Jahr hätte ich sieben Tage die Woche gearbeitet, ich bräuchte nun dringend eine Pause -, worauf sie ein „Aber freilich, jaja!“ erwiderte und dass wir uns nach der Kirche sicher noch sehen würden, auf einen weiteren Plausch, aber genau verstand ich nicht mehr, was sie sagte, der Abstand war schon zu groß.

Drei Jahre später, auf dem Kirtag, sah ich sie wieder. Ob alle die Ihrigen seien, sprach ich sie an und meinte drei kleine Buben, die sie, während sie sich um den vierten im Kinderwagen kümmerte, mit Wasserpistolen und Holzschwertern umkreisten. Gott, nein, sagte sie, der mit der Rüstung gehöre ihrer Schwester. Oha, Katharina – das war, wie könnte ich ihn je vergessen, der Name ihrer etwas jüngeren Schwester –, wie es ihr denn gehe, was sie denn so treibe, wollte ich wissen, und wo sie stecke, sie könne sich doch nicht einfach so aus der Affäre ziehen, während auf ihren Kleinen mit einem Waffenarsenal pausenlos eingedroschen werde, einfach so aus dem Staub machen und alle anderen, die sie brauchen und lieben, sich selbst überlassen. Ganz so schlimm sei es nicht, ich tue ihr unrecht, zumal Katharina heute mit ihrem Mann auf der Baustelle sei, gab sie zurück. Dem einzig Unbewaffneten wurde jetzt ein Häubchen aufgesetzt. „Hinterm Kirchenwirt, das zweite Haus rechts, mit der Doppelgarage, schau’s dir an.“ Außerdem habe „Tante Kathi“ in der Vergangenheit immer auf die Lausbuben aufgepasst, Tag und Nacht auf Abruf. Nun sei es an der Zeit, sich zu revanchieren. Das dürfe sie gar nicht laut sagen, aber dank ihrer Schwester habe sie in den letzten zehn Jahren eigentlich nie aufs Fortgehen verzichten müssen, trotz Kind und Kegel.

Zu alledem schwieg ich. Eine Einladung zum Grillabend lehnte ich ab, dankend, und unter Angabe fadenscheiniger Gründe. Nicht unser Gespräch vor drei Jahren, sondern der Tanzkurs vor zwanzig Jahren, als sich ihre Schwester zu einem Abbruch gezwungen sah, war mir wieder eingefallen.

 

Stefan Reiser

www.stefanreiser.com

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freiTEXT | Barbara Rieger

Sachen von mir

Wenn du am Land wohnst, brauchst du ein Auto. Wir borgen uns das Auto deiner Eltern aus, das Auto deines Bruders und, nach seinem Schlaganfall, als er nicht mehr damit fahren kann, das Auto meines Vaters. So lange wir wollen, sagt er.

Wenn wir aufs Land ziehen, muss ich endlich richtig Auto fahren lernen. Das Auto meines Vaters hat Automatik, ich fühle mich sicher, gebe Gas. Nicht so schnell, schreist du, die Straße ist glatt, und ich spüre, wie nervös du bist, wie nervös ich werde.

Das erste, was ich mitgenommen und dort gelassen habe, war ein Wollpulli. Im Haus deiner Eltern habe ich einen Wollpulli gebraucht, im Haus deiner Eltern war es kalt, beheizt nur die Küche mit einem alten Tischherd. Warm nur der Morgen, die gespeicherte Wärme unserer Körper unter dem Tuchent und wie schwer es mir jedes Mal fiel, ihn zurückzuschlagen, aufzustehen.

Wenn du ein Haus baust, musst du früh aufstehen, brauchst du feste Schuhe, die Unebenheiten. Am Anfang gab es überhaupt keine ebenen Flächen, am Anfang war alles voller Bretter und rostiger Nägel, Sperrmüll, Gatsch und Dreck und rundherum die Berge. Später bin ich mit den abgearbeiteten Wanderschuhen mit dir auf einen Gipfel gegangen, habe unsere Namen ins Gipfelbuch geschrieben.

Das erste, was du machst: Du packst alle meine Sachen in das Auto meines Vaters. Du stellst das Auto in die Kurzparkzone vor meiner Wohnung und wirfst mir den Schlüssel ins Postfach. Ich lege einen Parkschein nach, öffne den Kofferraum, trage die Dinge in den Keller, in meine Wohnung.

Mein Snowboard. In den flachen Stücken hast du mich gezogen.

Meine Ski. Zu Weihnachten habe ich meine Ski aus dem Keller meiner Eltern geholt und mitgenommen, zu Weihnachten sind wir zum ersten Mal gemeinsam Ski gefahren, zuerst bist du mir davon, dann habe ich dich überholt.

Die alte Snowboardhose ist so weit, habe ich immer gesagt, dass ich zwei Mal darin Platz habe oder habe ich gesagt: Dass zwei Männer darin Platz haben.

Meine Softboots, eine Skibrille, eine Haube. Ich denke an unser letztes gemeinsames Foto. Wir beide in der Gondel, wir sehen fertig aus, die letzte Fahrt vor Liftschluss. Wir haben die sonnigsten Stunden erwischt, es zieht zu.

Der Wanderrucksack. Der Rucksack war zu schwer, schwerer als deiner, schwerer als der deiner Freunde, schwer, weil ich keine moderne superleichte Wanderausrüstung hatte, so wie ihr. Am Anfang wollte ich umkehren, aber du hast so glücklich ausgesehen, ich wollte dich nicht enttäuschen. Und es gab Momente, da habe ich den Rucksack vergessen, es gab Phasen, da bin ich von Stein zu Stein gesprungen und habe innerlich gesungen, es gab Momente, da hab ich gedacht, ich könnte dir mühelos folgen.

Im Rucksack meine alte Sonnenbrille. Durch die Sonnenbrille sah es immer so aus, als würde die Sonne scheinen, durch die Sonnenbrille haben wir die Berge noch stärker leuchten sehen. Auf der Hütte haben sie reihum meine Sonnenbrille aufgesetzt, du, deine Freunde, alle am Tisch. Ich frage mich, wann das Glas zersprungen ist.

Ein Müllsack mit Gewand. Ich bilde mir ein, dass ich diese Jeans trug, als wir uns kennen gelernt haben, bilde mir ein, dass diese Jeans damals meine Haupthose war. Ich frage mich, warum ich diese Jeans so schnell zur Baustellenhose gemacht habe, denke, dass ich gut aussehen wollte, am Anfang, auch auf der Baustelle.

Eine abgeschnittene Jeans, die man ausschließlich zum Arbeiten am eigenen Grundstück anziehen kann. Eine schwarze Weste, die ich für das Dorfgasthaus schick genug fand. Eine rote Kapuzenjacke mit weißen Farbspritzern. Eine Jacke, die wir im Urlaub gekauft haben. In fünf Jahren haben wir drei Mal Urlaub gemacht. Eine Jeans, die deiner Mutter gehört und Wollhauben, wie viele Wollhauben braucht ein Mensch?

Als wir einziehen konnten, habe ich meine  Shirts in den alten Kasten gelegt, der Kasten, der deinen Großeltern gehört hat und genauso aussieht. Ich sehe sie vor mir, wie sie in ihrem Fach im Kasten liegen, ein Fach darunter die alten Jeans, ein Fach darüber deine Shirts. Ich sehe sie noch immer dort liegen, obwohl dort nun ein Loch sein muss, obwohl du dort bald schon etwas anderes unterbringen wirst. Du hättest meine alten Shirts behalten sollen, denke ich, als Putzfetzen.

An den Ärmeln der Fleece-Jacke klebt Putz, ich habe sie zum arbeiten angezogen und, als es nicht mehr so viel zu arbeiten gab, zum laufen durch den Wald. Ich denke an die Fotos vom letzten Winter, wir beide im Schnee neben dem Bach, wir beide ganz in Schwarz. Nur deine Schuhe leuchten blau und das Stirnband, das meine Mutter dir gestrickt hat. Auf einem Foto stehst du hinter mir, hebst meine Arme in die Höhe. Auf dem nächsten ich auf deinem Rücken, du beugst dich nach vor, ich strecke Arme und Beine zur Seite. Auf dem nächsten hebe ich dich hoch, du lachst, lachst, bevor du fällst, bevor ich dich fallen lasse. Die Fotos, denke ich, hast du nie gesehen. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der ich die Fleece-Jacke wieder anziehen werde, ich sollte sie wegwerfen, aber ich schiebe sie ins oberste Kastenfach, ganz nach hinten.

Mein Arbeitshandschuhe hast du wohl behalten.

Hausschuhe. Das erste, was ich mir gekauft habe, als der Boden verlegt war, als wir einziehen konnten.

Meine alten, löchrigen Laufschuhe. Am Ende habe ich das Auto genommen, bin ins Tal hineingefahren, habe das Auto abgestellt, bin losgelaufen, immer auf die Berge zu, bis zum Talschluss, bis zum Talschluss und dann? Habe ich mich gefragt und lange vor dem Talschluss umgedreht.

Meine Gedanken: ein Tatort. Ich weiß nicht, wann du aufgehört hast, der Hauptverdächtige zu sein.

Deine Gedanken: ein Schutzdamm.

Das Auto, ich muss es umstellen, irgendwo abstellen, ich weiß nicht, wo ich es parken soll, ich weiß nicht, wie ich ohne dich parallel einparken soll, weiß nicht, was ich ohne dich noch kann.

Deine Gefühle: Ich frage mich, ob du die Fliesen von der Wand stemmst, die wir gemeinsam verlegt haben.

Meine Gefühle: Eine Mischmaschine, Fußabdrücke im Beton, ausgesparte Stellen im Verputz.

Das Auto, sagt mein Vater später, kannst du behalten, du brauchst es jetzt, wo du am Land wohnst.

Barbara Rieger

Dieser Text ist auch Teil der erostepost Nr. 57 (März 2019)

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freiTEXT | Melitta Roth

Sie zählte ihre Schritte

Sie zählt ihre Schritte. Das hatte sie sich so angewöhnt in den fünfzehn Jahren, es geschah ganz automatisch. Drei Schritte vom Hocker zum Herd. Sieben zu Küchentür und weitere acht Schritte bis zum Sofa. Nur keinen Schritt zu viel. Sie muss gut haushalten, muss ihre Energie sparen. Nur so hatte sie überlebt: Durch Ökonomie der Bewegung. Wegen der Ökonomie haben sie sie damals auch abgeholt. Ihr Vater war ein Händler gewesen, ein kleiner Krämer im Dorf. Bürsten und Körbe und Seifen, lauter Waren für den Haushalt. Eigentlich zu wenig für einen echten Bourgeois. Genug, um ein Kulak zu sein. Genug, um die Tochter des Kulaken abzuholen. Sie  bekam 15 Jahre wegen konterrevolutionärer Umtriebe und Kulakentum. 15 Jahre ohne Briefrecht. Andere können danach nur mit einem Stück trockener Brotrinde unterm Kopfkissen einschlafen. Sie zählt Schritte. Vom Sofa zum Fenster sind es fünf. Dort verharrt sie dann stundenlang. Starrt auf den Hof. Dorthin, wo tagsüber die Metallschaukel quietscht, daneben eine Bank. Darauf sitzen die alten Weiber aus den umliegenden Häusern und knacken ihre Sonnenblumenkerne, stricken irgendwelche Schals aus grauer Wolle und tratschen. Sie will nicht tratschen. Ihre Nichte bringt ihr die Lebensmittel vorbei, so braucht sie die Wohnung nicht zu verlassen. Zu viele Schritte. Allein die Treppe hinunter auf die Straße, sieben und achtzig Stück. Sie schlurft in die Küche zählt mit, vier, fünf... am Herd bleibt sie stehen, zündet das Gas an. Ein Tee wäre jetzt gut. Sie wartet, schaut in die Gasflämmchen, betrachtet die Kacheln mit den kleinen blauen Strichen, wie Regen.

Drei Schritte, dann ist sie am Tisch. Sie trinkt ihren Tee mit Brombeermarmelade, die ihr auch Irina mitgebracht hat. Die Tochter ihres jüngsten Bruders. Ihr Bruder Aljoscha war erst 13 damals. Ihn hat eine entfernte Tante bei sich versteckt gehalten und ihn als ihren eigenen Sohn ausgegeben, das hatte ihn gerettet. Was aus den anderen geworden ist, weiß sie nicht. Vielleicht leben sie irgendwo unter einem anderen Namen. Vielleicht lebt keiner mehr von ihnen.

„Deine Tante ist etwas wunderlich,“ sagen die Leute zu Irina. Die Nachbarinnen, die Freunde und Oleg, ihr Mann.

Ja, ein wenig wunderlich mag sie sein. Kaut die Haut von der Stolitschnaja solange ab, bis nicht eine Faser Wurst mehr dran ist. Macht sich bis zu fünf Mal einen Aufguss vom selben Teebeutel. Bis er nach nichts schmeckt.

„Nimm doch neuen Tee, ich habe dir genug besorgt, sage ich ihr jedes Mal. Das ist ein ganzes Kilo, du musst nicht sparen.“ Aber nein, die Tante trinkt heißes Wasser mit ein wenig Farbe drin.

Bei dem kleinsten Geräusch schreckt sie zusammen, traut sich kaum aus dem Haus. Weiß nicht, was sie antworten soll, wenn ihr die einfachste Frage gestellt wird.
„Na, Tantchen, was hast du heute gemacht?“

Was wird sie schon gemacht haben, den ganzen Tag eingesperrt im vierten Stock. Das Radio läuft, aber Irina hat nicht den Eindruck, dass ihre Tante viel davon mitbekommt. Manchmal bleibt sie mitten im Raum stehen und traut sich nicht weiter, als wäre da eine unsichtbare Linie, ein Elektrozaun mitten in ihrer Wohnung. Harrt ein Weilchen aus und setzt dann ihren Weg fort. Zögernd mit geduckter Haltung.

Immerhin, sie kann sich noch gut bewegen. Ja, die Beine sind noch in Ordnung. Sieben Schritte bis zum Schrank, dann weitere zwölf ins Bad und neun bis zum Bett. Sie lauscht auf das Scharren in den anderen Etagen, bis es ganz still ist. Wenn sie keine Schritte zählt, hört sie ihr Herz ganz laut pochen. Heute war ein Tag. Und morgen kommt ein neuer Tag. Darüber hinaus nichts. Nur Schritte zählen.

Melitta Roth

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freiTEXT | Christoph Laible

So jemand

Licht zuckt auf Mamas Haut. Die Farben wechseln sich ab. Wenn das Licht weiß ist, kann ich sie am besten beobachten. Sie guckt aus ihren bernsteinbraunen Augen auf die Leinwand, wühlt in der Popcorntüte auf ihrem Schoß. Manchmal saugt sie die Lippen ein, beißt auf ihnen herum. Dann tanzen tiefe Falten um die Mundwinkel. Ich versuche jede Regung zu deuten, sehne mich nach einer Träne. Im Ausschnitt ihrer Bluse bebt der gelbe Herzanhänger sachte auf und ab. Ich habe ihn Mama zu Weihnachten geschenkt. Sie trägt das Herz jeden Tag. Ich spüre mein Gesicht, wie es pocht. Sie bemerkt, dass ich sie anstarre, lächelt mich an.

„Hm“, summt Mama.

Als der Film zu Ende ist, bleiben wir noch sitzen. Wir warten, bis sich die anderen aus den Reihen geschoben haben. Ein junger Kerl stolziert die Treppe zum Ausgang hinauf, schwingt dabei die Hüfte hin und her. Seine Freunde lachen.

Mama legt ihre zarte Hand auf meine. Sie wiegt so unendlich schwer und mit ihr legt sich ein Schleier um mein Bewusstsein, der mich nicht zu den Dingen durchdringen lässt. Als wäre das alles nicht echt, als wären wir selbst Darsteller in einem Film. Der Schleier dämmt meine Furcht vor dem Gespräch, das wir gleich führen werden. Den Brand, der bis in meine Fingerspitzen lodert, sich jeden Gedanken, jede Empfindung unterwirft.

An den Kassen im Foyer sitzt keiner mehr. Eine junge Frau mit Ohrtunneln und Nasenring putzt Röstzwiebeln von einem Stehtisch. Durch die Glasfront des Kinokomplexes sehe ich in die Nacht. Der Lichtersmog der Stadt lässt den Himmel milchig-orange schimmern. Ich stemme meinen Arm gegen die Glastür, schiebe, zittere.

Draußen ist es bitterkalt. Kippengestank beißt in meiner Nase. Im Aschenbecher neben der Glastür schwelt es. Dunkler Rauch quillt aus dem Schlitz, fließt am Metall hinab. Ich pflücke eine Marlboro Gold aus der Schachtel in meinem Peacoat, zünde sie an, ziehe kräftig. Der Rauch sticht in meiner Lunge. Mama mag nicht, dass ich rauche, sagt, sie hat Angst, dass ich krank werde. Ich blase eine Wolke in die Kälte, sehe wie Mama verbissen lächelt, fühle mich kurz frei. Als ich die Zigarette von meinen Lippen löse, reißt der Filter ein Stückchen Haut ab. Ich fahre mit der Zunge über die Stelle, schmecke ein bisschen Blut.

„Und?“, höre ich mich sagen.
„Sehr, sehr gut“, sagt Mama: „Hast du gut ausgesucht, den Film.“
„Gell, find ich auch.“
Ich lächle, versuche locker zu wirken.
„Das ist ja schon Wahnsinn.“
„Ja, so mutig. Und das zu der damaligen Zeit“, sage ich.
Wie lächerlich ich bin.
„Ein lieber Mensch, aber arm dran“, sagt Mama.
„Sie war doch glücklich am Schluss.“
„Ob so jemand wirklich glücklich sein kann.“
„Wieso denn nicht?“

Mama saugt die Lippen ein, wiegt den Kopf nach links, dann nach rechts.

„Wen findet denn so jemand? Irgendwelche mit ´nem Fetisch vielleicht, aber ´ne richtige Partnerschaft ist doch fast unmöglich. Ich weiß das auch, dass ich da blöd bin. So schlimm das auch für solche ist. Aber nur, weil man da was wegschnibbelt, wird aus einem Mann keine Frau.“

Ihre Worte schlagen mir in die Magengrube, werden zu physischem Schmerz. Ich möchte Mama ohrfeigen, schütteln, anschreien.

Ich ohrfeige und schüttle sie nicht. Auch die Worte bleiben in mir, obwohl sie schon ganz vorne an der Zungenspitze waren, alles hätten ändern können, wenn sie herausgebrochen wären, ein paar Millimeter weiter, durch den Schleier, in die Wirklichkeit.

Ich drehe mich weg. Tue, als ob ich an meinem Feuerzeug herummache, kämpfe gegen die Tränen.

„Komm, jetzt zahlen wir und fahren. Daheim trinken wir noch einen Tee.“

Ich schaffe es, eine neue Marlboro aus der Schachtel zu holen und „treffen uns im Parkhaus“ zu sagen.

Ich sehe Mama nach, wie sie zurück ins Kino geht. Wie es sie schüttelt, als sie ins Warme tritt, vor dem Parkautomat in ihrem Geldbeutel kramt. Das Licht des Foyers bricht sich in meinen Tränen. Sie kriechen warm über meine Wangen, brennen an meiner Lippe. Strahlen legen sich über Mama. Wenn ich die Augen zusammenkneife, werden die Lichtstrahlen länger und dichter, lassen sie verschwimmen.

Zitternd führe ich die Marlboro zwischen meine Lippen, zünde sie an. Das Rad des Feuerzeugs schmerzt an meinen kalten Fingern. Ich nehme einen Zug, werfe die Zigarette in den Aschenbecher. Dunkler Rauch schiebt sich unaufhörlich aus dem Metallschlitz.

Christoph Laible

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freiTEXT | Pedro Zobel

Letzens in der Kneipe

Letztens in der Kneipe, nach dem schätzungsweise siebten oder achten Bier, einer Gruppe kichernder und gackernder Frauen, die an diesem Abend mit der mindestens genauso frechen wie originellen Idee, in den Spelunken der Stadt Schnäpse, Piccolöchen und Kondome aus einem Bauchladen heraus zu verkaufen, Junggesellinnenabschied feierten, erst ein flammendes Plädoyer für das unabhängige Denken gehalten, mich währenddessen nicht nur zum Rebellen, sondern zum absoluten Non-Konformisten hochstilisiert und dabei genauso wahl- wie zusammenhangslos mit Begriffen wie „Repressive Toleranz“, „Verblendungszusammenhang“ und „Negative Dialektik“ um mich geschmissen.

Trotz dieses extrovertierten und vom Alkohol befeuerten Gockelgehabes dann doch noch irgendwann die verdrehten Augen, die gelangweilten, irritierten oder schlicht angsterfüllten Blicke und den für mich empfundenen Fremdscham meines Auditoriums realisiert und infolgedessen, langsam aber sicher, geschnallt, dass sich unsere Lebensrealitäten wahrscheinlich doch ein klein wenig zu sehr voneinander unterscheiden, als dass ich in diesem Rahmen hier auch nur irgendetwas reißen könnte.

Somit also kein Preaching to the converted, sondern eher Phrasendrescherei to the confused.

Doch anstatt meine Performance genau an diesem Punkt der kurzen Einsicht abzubrechen, die Klappe zu halten und mich einfach stillschweigend in der hinterletzten Ecke der Kaschemme zu betrinken, schwafelte ich vollkommen unbeirrt weiter vor mich hin und hielt es schlussendlich, ganz so, als hätte ich mich nicht schon genug blamiert, für eine total clevere Idee, quasi als abschließendes Statement und unumstößlichen Beweis, dass ich den Schwachsinn, den ich da von mir gebe, auch absolut real fühle und natürlich total true lebe, auf den Tresen zu springen, um mir das Bier direkt aus dem Zapfhahn in den Schlund laufen zu lassen, danach einige wüste Beleidigungen, sowohl über die psychische als auch die physische Verfassung der Gäste sowie der Belegschaft vom Stapel zu lassen und abschließend grenzdebil lachend und Deckelprellend aus dem Laden zu stürmen.

Tags darauf dann mit einem ziemlichen Schädel und meinem Nachwuchs im Schlepptau kleinlaut die Zeche beglichen, wohlwissend dass ich als solventer Stammgast rein Garnichts zu befürchten habe, bis auf die hochgezogenen Augenbrauen des Schenkenbesitzers ob meines präpubertärem Verhaltens.

Dann den Wochenendeinkauf erledigt.

Dafür den gerade angeschafften Thule Chariat Sport 2-Fahrradanhänger zum Lastenesel umfunktioniert, um die leeren Getränkekisten zum Supermarkt zu transportieren.
Beim Einladen streng darauf geachtet, die Oettinger-Bierkisten so im Innenraum des Hängers zu verstauen, dass ich darüber feinsäuberlich meine Denns-Biomarkt-Papiertüten drapieren und auch noch das Verdeck schließen konnte. Die 12er-Kiste vegane Bio-Sauerkrautlimonade anschließend distinktionsbedingt auf den Karren gestellt und meinen Sprössling daneben platziert, um auch ja aller Welt zeigen zu können, das ich nicht nur ein nachhaltig denkender, umsichtiger Mensch bin, sondern zudem auch noch ein liebevoller Superdaddy, der seinem Kind auch wirklich jeden Spaß ermöglicht.

Mir an der nächsten Straßenecke eingestanden, dass mein scheinheiliges Getue mittlerweile schon fast paranoide Ausmaße angenommen hat.

Denn während ich in der Kneipe trotz, oder wahrscheinlich gerade wegen meines achsofundierten theoretischen Halbwissens, nicht über irgendwelches steinzeitliches Brunftgehabe hinauskomme, zeigt diese Bierkistenversteckaktion, hinter der sich ja nichts weiter als die lächerlichen Was-sollen-denn-die-Nachbarn-denken?-Ansichten – ein saufender Vater bringt seine leeren Billigbierkisten im Kinderwagen zurück in den Supermarkt? Furchtbar! – meiner Oma verbergen, dass ich doch offensichtlich mit weitaus mehr kleinbürgerlichen Komplexen behaftet bin, als ich mir eingestehen will und dementsprechend ein ungefähr genauso subversives Dasein friste wie irgendeine selbsternannte Influencer-Göre, die ihr halbes Monatsgehalt in einen Oversized Vetements-Justin-4ever-Hoodie investieren muss, um sich vor ihrem Social-Media-Publikum via hochauflösendem Fahrstuhlselfie Zeitgeistigkeit, Geschmackssicherheit und Ironieverständnis attestieren zu können und die in ihrer Persönlichkeit so gefestigt und selbstsicher ist, dass sie sich in steter Regelmäßigkeit auf dem Klo die Seele aus dem Leib kotzt, nur um ihren Viertausendsiebenhundertdreiundzwanzig Instagram-Followern, Zweitausendeinhundertachtundsiebzig Youtube-Kanal-Abonnenten und den siebenhundertdreiundsechzig regelmäßigen Lesern ihres Modeblogs genau die Bilder liefern zu können, die von ihr erwartet werden.

Und die dann am Wochenende, mit ihren Mädels und einem Bauchladen im Gepäck, Junggesellinnenabschied feiert und dabei von einem Typen angebaggert wird, der hoffentlich irgendwann mal kapieren wird, dass seine Lebensrealität sich weitaus mehr mit der eines dahergelaufenen Max Mustermanns deckt als ihm lieb ist und vor allem dass diese ein bisschen mehr Kichern und Gackern ganz gut vertragen könnte.

Pedro Zobel

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freiTEXT | Stephan Weiner

ER und ICH

Solange ER und ICH zusammen sind, ist alles gut. WIR fürchten UNS nicht. Auch nicht vor dem kleinen Raum mit den weißen Fliesen an der Wand. ER und ICH wohnen noch nicht sehr lange hier. WIR wurden nicht richtig gefragt, ob WIR hier wohnen wollen - hatten aber auch nichts dagegen. WIR wissen nicht genau, warum WIR hier einziehen mussten. Aber WIR glauben, es ist wegen der Geschichte mit dem Kugelmenschen – dem Dicken, der UNS zu sich eingeladen hat.

Der Dicke hatte UNS gemeinsam eingeladen. WIR kennen ihn aus dem Wartezimmer des Arztes, der immer so viel redet. WIR haben ihn dort schon oft gesehen. Und der Dicke wollte UNS schon lange einmal zum Abendessen bei sich haben; sagt, er könne UNS helfen. WIR wissen nicht, wobei er UNS helfen möchte, kommen der Einladung aber achselzuckend nach. Als WIR das Haus betreten, steht der kugelrunde Gastgeber im Eingangsbereich und blickt von ein paar Stufen auf UNS herab. ICH ducke mich vorsichtshalber ein wenig, ER streckt den Kopf empor.

Der Dicke begrüßt UNS, nimmt UNSERE Jacke und führt UNS in ein großes Zimmer mit Kamin. WIR sind nicht allein. Sechs weitere Paare sind anwesend – stehen rum – mustern UNS. In solchen Situationen schicke ICH IHN gerne vor. ER ist bei so etwas viel souveräner. IHM macht es Spaß, sich den Gegebenheiten anzupassen. Mit einem Blick hat ER die Essenz seines Gegenübers erkannt und beginnt, sie gekonnt zu kopieren. WIR können auf diese Weise sein, was WIR wollen. Reich, arm, dick, dünn, schlau, dumm – einfach alles. Das ist ein gutes Gefühl. Seit ER und ICH zusammen sind, beherrscht mich daher ein Gefühl absoluter Klarheit. Mein Drang nach Freiheit, der offenbar nicht mit der allgemein akzeptierten Ordnung vereinbart werden kann, hat MICH oft in Schwierigkeiten gebracht. Doch mit IHM ist der Drang verschwunden. Tatsächlich verspüre ICH überhaupt keinen Drang und keinen Wunsch nach Veränderung mehr. Die überraschende Einladung des Dicken zu akzeptieren, ist für UNS kein Akt der Höflichkeit. WIR tun niemandem einen Gefallen, möchten UNS nicht einschmeicheln, um neue Freunde zu gewinnen oder Ähnliches. WIR gehen ohne besondere Absichten durchs Leben und haben nicht vor, etwas daran zu ändern.

Der Gastgeber rollt durchs Zimmer. Lächelt durch die Runde und richtet unangenehm lang seinen Blick auf UNS. Wieder ducke ICH mich, während ER den Blick erwidert. „Wir wollen helfen“, sagt der Dicke, und versucht seine Stummel-Arme auszubreiten. Allgemeines Nicken begleitet diese Geste. „Wir glauben, dazu in der Lage zu sein, da wir früher einmal genauso waren.“ ER und ICH wissen nicht, was WIR dazu sagen sollen und scheinen das mit UNSEREM Gesichtsausdruck auch deutlich gemacht zu haben. „Alle hier waren einmal eins“, erklärt der Dicke. „Alle sechs Paare in diesem Raum, waren mehr als nur einer Meinung – sie waren sechs Individuen.“ Er beugt sich leicht nach vorne und betrachtet UNS dramatisch durch seine Augenbrauen. „Auch ich und meine Partnerin waren einmal eins“, fährt er fort. „Wir sehnten uns nach nichts. Lebten von Tag zu Tag und wünschten uns, nur zusammen zu sein. – Doch ohne Verlangen lebt es sich schlecht. Es macht krank. Das einzig Gute: Wenn man erst merkt, wie krank, dann ist der erste Schritt zur Gesundung, zur Spaltung, zur Normalität schon getan.“ Als der Dicke das Wort „krank“ ausspricht, nicken die 6 Frauen und 6 Männer im Takt, jeweils abwechselnd, zuerst die Männer, dann die Frauen, und scheinen dabei ihr eigenes Gegenteil zu verkörpern. „Wer krank ist, will gesund sein. Wer abhängig ist, will frei sein. Wer in Gefahr ist, sucht die Sicherheit. Wer im Chaos versinkt, entwickelt Regeln zu seiner Bändigung. Wer hasst, will lieben. Wer arm ist, will reich sein. Wer unsicher ist, sucht nach einer Erklärung. Wer stumm ist, sucht nach einem Wortführer. Und wer unterdrückt wird, will sich emanzipieren!“ Mit dem letzten Satz dreht er sich einmal im Kreis und zeigt dann mit einem seiner speckigen Finger auf eine Tür. Langsam betritt eine dünne Frau den Raum. WIR starren sie an. WIR können nicht anders. Nicht ihre fehlende Statur ist das, was IHN und MICH am meisten schockiert, es ist ihre ungeheure Größe. Sie überragt den Dicken in ihrer Länge um das Doppelte. Er selbst, klein und fett, sieht daneben wie eine extrem gestauchte Version von ihr aus. „Meine Frau“, schreit er förmlich. Applaus von den anderen Gästen. ER ist vollkommen entsetzt. ICH sehe es an seinem Gesichtsausdruck. Es wäre besser, jetzt zu gehen, denke ICH noch. „Du siehst, wir sind genau wie du. Und wir können helfen. Wir können helfen, dich von ihm zu befreien. Du musst dich von ihm trennen, um glücklich zu werden. Du musst erkennen, dass du krank bist. Du musst dich entzweien und auf die Suche gehen. Musst dich nach einem geeigneten Partner umschauen; musst Sehnsucht entwickeln. Du kannst nicht für immer alles in dir vereinen. Das ist nicht normal!“ Mit jedem Satz kommt der Dicke einen Schritt auf UNS zu. ER bekommt Panik. ICH kann noch an mich halten. Plötzlich spüren WIR die Wand hinter UNS. WIR können nicht weiter zurück. WIR müssen nach vorne. ICH möchte IHN aufhalten, aber es ist zu spät. Wild hämmern seine Fäuste auf die Brust des Dicken. Der weicht zurück und seine Frau versucht sie auseinander zu bringen. Vor lauter Verzweiflung greife ICH hinter mich, greife nach dem Erstbesten, einem Schürhaken neben dem Kamin und steche zu. Blutend liegt die dünne Frau am Boden. ER und der Dicke lassen voneinander. Die anderen Gäste sehen MICH traurig an. ER und ICH verlassen langsam das Haus. Hinter UNS hören wir laute Geräusche; Schreie. WIR schauen uns achselzuckend an, laufen zur Straße und in die Stadt, bis WIR vor unserer Wohnung stehen. WIR betreten UNSER Zimmer und werden erwartet. Sie nehmen UNS mit und bringen UNS in das weiße Zimmer. IHM und MIR ist das egal. WIR legen uns auf die an der Wand stehende Pritsche.

„Wir glauben dir“, sagt der Mann mit dem weißen Bart. ER und ICH sitzen aufrecht auf UNSEREM Bett und starren auf UNSERE Fußspitzen. Es sind nur zwei. „Es ist Okay sich nach Gesundheit zu sehnen, wenn man erkennt, dass man krank ist“, fährt der Mann fort. „Wir sind zu zweit und du bist nicht rund. Kannst nicht in zwei verschiedene Richtungen sehen. Bist einfach nur du.“ Der Mann spricht mit IHM, ICH schaue zu. Was er sagt, ergibt keinen Sinn. Wie können ER und ICH nur in eine Richtung sehen? Wieso sollte ICH mich nach Gesundheit sehnen? Wieso sollte ICH mich überhaupt nach etwas sehnen, wo ER und ICH doch alles haben? WIR beschließen, dem alten Mann, der uns trennen will, zu ignorieren. WIR beschließen, UNS wieder hinzulegen und von gar nichts zu träumen.

Stephan Weiner

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