freiTEXT | Claudia Siefen-Leitich

Peter N. kam bis Berlin

„Das geht mir ja alles dermaßen auf die Nerven“, sagte Peter sehr oft, wobei er mit der linken Hand in sein strähniges rotes Haar fuhr, dort verblieb und eine Faust bildete, kurz sich zusammendrückte, um dann die Finger wieder zu entspannen, die einzelnen Strähnen zwischen den Fingern, um dann wieder kurz eine Faust zu bilden. Sein Haar war rot, von jenem Rot, dass man aus der Entfernung für Blond hätte halten können. Aber es war rot, seine Sommersprossen untermauerten diese Feststellung. Die Sommersprossen sah man, wenn man Peter gegenüber stand. Um ihm ins Gesicht zu schauen, musste man wohlwollend den Kopf in den Nacken legen. Das Gesicht war scharfkantig, das Kinn kräftig, die Wangenknochen standen ein wenig hervor und die Augenbrauen bestanden aus langen blonden und grauen Haaren. Und Peter war sehr groß. „Dermaßen auf die Nerven.“

„Ich geh' noch in den Supermarkt. Soll ich Dir was mitbringen?“ Das sagte Peter, und er zog seinen dunkelblauen Mantel an. Aber Peter sagte das nur, wenn er einen mochte. Dann ging er los und es konnte passieren, dass er zurück kam und die Hände in den dunkelblauen Manteltaschen vergraben hatte, vor dem Schreibtisch stehen blieb und sagte, dass es ihm leid täte und er leider im Supermarkt angekommen wieder vergessen hatte, was er denn hätte mitbringen sollen. Dann legte er einem einen Apfel auf den Tisch. Oder eine Tafel Schokolade. Oder eine Packung Zigaretten. „Ist das in Ordnung?“

„Es regnet schon wieder.“ Wenn sich im Herbst die dunklen Nachmittage häuften schüttelte Peter den Kopf und zupfte an den feuchten Beinen seiner Jeans herum. Und er setzte sich, arbeitete zwei Stunden am Computer und stand auf, um einen Kaffee zu kochen. Aus der Küche hörte man dann kurze Zeit später ein wütendes Schnauben. Und er kam zurück und setze sich wieder an den Computer, um eine Stunde später zu sagen: „Es ist kein Kaffee mehr da. Ich geh' gleich noch mal in den Supermarkt.“ Dann ging er wieder los, schüttelte in der Tür noch einmal seine roten Strähnen. Wenn er dann zurück kam stellte er eine Flasche Rotwein auf seinen Tisch, ging noch mal in die Küche, um Gläser zu holen. „Den Kaffee bringe ich morgen früh mit.“ Dann füllte er Gläser, kam zum Schreibtisch herüber und stellte ein gefülltes Glas auf der Tischplatte ab. Peter war eigentlich aus Hamburg. „Du solltest Dir die Haare wachsen lassen“, sagte er und ging zurück zu seinem Computer.

An einem der Abende waren wir wieder lange im Büro und an manchen dieser Abende sagte Peter: „Ich muss da noch mal kurz nachdenken“, und setzte sich auf den Fußboden, streckte die langen Beine aus und legte sich hin. Dann schloss er die Augen und lächelte, winkte mit der rechten Arm herum und sagte: „Komm' her.“ Dann ging ich manchmal zu ihm hinüber und legte mich dazu und Peter erzählte, von seinem Bruder, den er sehr schätzte und von seiner Freundin, die ihn vor ein paar Wochen verlassen hatte. „Das Trinken“, sagte er. Dann stand er auf. „Warum liegst Du auf dem kalten Fußboden?“, und ich streckte ihm beide Hände hin, dass er mir aufhelfen konnte. Aber Peter nahm nur meine linke Hand, zog mich heran und fuhr mit einem Arm unter meinen Rücken, um mich langsam heranzuziehen, immer ein wenig Abstand zwischen seinem Oberkörper und mir haltend. So flog ich in Zeitlupe in die Senkrechte und ich spürte, wie der Boden sich ganz langsam von mir entfernte und ich diesem roten Haar immer näher kam. Wenn ich zu nah war korrigierte Peter den Abstand sogleich wieder auf sein gewünschtes Maß und so verschoben wir uns in immer gleichem Abstand zueinander bis ich wieder auf den Beinen stand. Und schaute ihn an. Und Peter streckte sich wieder und lachte und schüttelte den Kopf. „Lass' uns heute abend noch was trinken gehen.“

Wir waren ins „Diener“ gegangen, mit seinen dunklen Holzmöbeln und holzvertäfelten Wänden, die Autogrammkarten und Fotos von Schauspielern und Opernsängern an den Wänden. „Hier lassen sie einen in Ruhe, und wenn mein Bruder mich besucht, gehen wir oft hierhin.“ Dann saßen wir dort, vielleicht für drei Stunden, wir zahlten und Peter und ich gingen die Strasse entlang bis ich zur U-Bahn kam und er weiter zu Fuß nach Hause ging. Am nächsten Tag sprach er dann nicht mit mir. Aber am Ende der Woche stand er wieder vor meinem Schreibtisch. „Ich geh' noch in den Supermarkt. Soll ich Dir was mitbringen?“

„Ich habe jemanden kennengelernt“, sagte er in regelmäßigen Abständen und hielt seinen Kaffee in der Hand, balancierte das Zigarettenpäckchen in der anderen Hand. „Lass' uns noch eine rauchen bevor Du gehst.“ Dann standen wir am großen Fenster des Büros, um hinauszuschauen. „Mich macht das nur fertig, warum kommt man sich nie näher, wenn man miteinander ins Bett geht?“ Dann rauchten wir in Ruhe zu Ende und sagten nichts mehr. Nach diesem Satz konnte man nichts mehr sagen. Jedenfalls nicht an diesem Abend. „Ich glaube ich brauche einfach nur Urlaub. Ein paar Tage werde ich wegfahren. Mein Bruder fährt mit mir. Ich glaube, darauf freue ich mich.“

Irgendwann rief mich sein Bruder an, den ich nur einmal im Büro getroffen hatte. „Das ist mein Bruder“, hatte Peter gesagt, mehr nicht. Er hatte noch am Computer gearbeitet, dann seinen Mantel angezogen und sein Bruder hatte freundlich in die Runde genickt und zusammen verließen sie das Büro.

„Ich habe irgendwie das Gefühl, dass sie das wissen sollten. Ich habe Peter gefunden in seiner Wohnung. Er hat sich aufgehängt. Ich glaube, mehr will ich jetzt auch nicht sagen. Ich werde jetzt auflegen.“ Den Telefonhörer hielt ich noch eine Weile in der Hand und musste sofort daran denken, wie Peter mich vom Boden hochhob. Ich habe einen warmen Luftzug gespürt.

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Claudia Siefen-Leitich

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freiTEXT | Lavina Stauber

Weil ich an Geschichten über die Liebe glaube

Vielleicht hätte ich erzählen sollen, dass es mein Lachen war. Denn mein Lachen ist fordernd und bricht Deines, nach wenigen Sekunden schon. Mein Lachen übertönt Dein Lachen so überzeugend, so kräftig, dass Dein Lachen gar keine Wahl hat, als sich schnell zu verlaufen. Die zarten Töne des Zweifelns haben gegen die grobe Bestimmtheit meines Lachens keine Chance. Und wenn wir jetzt gemeinsam lachen, spielt es plötzlich doch eine Rolle, wer damit angefangen hat.

Jetzt entspringt mein Lachen meiner Unsicherheit. Es versucht zu verstecken, dass ich nicht mehr sicher bin, ob ich diese Geschichte nicht falsch begonnen habe. Ich wollte, dass diese Geschichte etwas Besonderes wird. Ich wollte, dass diese Geschichte zu unserer Geschichte wird. Ich wollte so sehr, dass diese Geschichte gut ausgeht, dass ich nicht darauf geachtet hatte, ob diese Geschichte überhaupt gut anfängt.

Ich sitze barfuß am Klavier und blicke durch die geöffneten Türen in Gedanken auf meine sonnige Aprilwiese. Es ist Ende Juni und die plötzliche Hitze hat das Gras dort längst verdorrt. Ich spüre die Sonne nicht auf meiner Haut, nur die Kälte der Klaviatur unter meinen Fingern. Dass ich nur wenige Schritte von der Wärme des Sommers entfernt bin, macht es noch unverständlicher zu akzeptieren, dass es gerade richtig sein soll, dennoch sitzenzubleiben.

Das Klavier erinnert mich an Dich. Es ist groß, zu groß für mich, und liebevoll verstimmt. Seine Tasten liegen zu schön nebeneinander, und reagieren doch so geduldig auf meine unbeholfenen Berührungen. Sein Klang ist wohlwollend und stimmt eine Reife an, die ich noch nicht verstehe. Vor allem aber ist es gerade da, für mich, und in seiner Schwerer vermittelt es mir, dass es das noch eine ganze Weile sein wird.

Wir haben uns die Ehrlichkeit erhalten und trotzdem kostet es mich jetzt Überwindung. Plötzlich traue ich mich nicht mehr ganz zu lachen. Ich traue mich nicht mehr ganz zu bestätigen, zu bekräftigen, laut in den Hörer zu schreien: Ja. Du bist schön! Immer noch und jedes Mal aufs Neue.

Du hast ein Hemd getragen, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Aber dann hast Du es ausgezogen und mir erklärt, dass es ein Fehler war. Du hast mir erklärt, wie Dein Leben auf der anderen Seite meines Hörers wirklich aussieht. Du hast mir erklärt, dass die Zeit doch eine Rolle in unserer Geschichte spielt. Du hast mir erklärt, wie der Glaube an das Gute allein manchmal dennoch nicht ausreicht. Und doch haben wir dann beide beschlossen, weiter an das Gute zu glauben.

Du zitierst Tom Jones und ich wünschte, ich würde mit derselben Überzeugung an Shakespeare’s 126 Sonett festhalten. Statt zu antworten, schweige ich. Ich sehe Dich an und es bricht mir mein Herz, zu gehen. Aber nicht zu gehen, würde alles zerbrechen. Unsere feine Blase, die wir mit so viel Mühe und Aufrichtigkeit und Zeit gebaut haben, nur um dennoch zu spät zu sein.

Ein Schatten zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Über der trocknen Juniwiese zieht er seine Kreise, der Bussard, den ich Dir bei einem Wiedersehen so gerne gezeigt hätte. Plötzlich bin ich sehr froh, dass ich nun ihn wiederhabe, meinen Bussard, der noch am Himmel stand, als ich mir so sicher war, dass alles gut sein würde.

Wir sind beide wieder da, wo wir angefangen haben. Wie sind uns wieder sympathisch, weil wir beide Suchende sind. Vielleicht auch deswegen, weil wir an einem sommerlichen Apriltag beide so sehr daran geglaubt hatten, bereits etwas gefunden zu haben.

Wenn ich nicht aufpasse, schlägt mir mein Handy vor, Dich anzurufen. So sehr hast Du Dich über die Zeit, auf die wir in unserem Leichtsinn nie genug geachtet haben, schon in mein Leben geschlichen. Ich blicke auf mein Klavier und stelle mir vor, welche Lücke es bedeuten würde, wenn es eines Tages dort nicht mehr stünde. Doch gerade ist mein Klavier alles, was dem Raum geblieben ist.

Wie gerne würde ich Dich jetzt wieder ganz nah an meinem Ohr haben, Deiner warmen Stimme lauschen und mir vorstellen, wie Deinen Lippen sie berühren. Aber ich muss ehrlich sein, zu Dir und noch viel mehr: zu mir selbst.

Denn ich kann es nicht spielen, das Klavier, das so wunderschön den ganzen Raum einnimmt. Ich habe nie gelernt, es zu spielen, nie gelernt, es zu schätzen. Ich habe es in meinen Besitz genommen und so gerne ich auch über seine Tasten streiche, weiß ich, dass es mir nicht zusteht. Es erlaubt mir nur, von Zeit zu Zeit, vorbeizuschauen. Es ist nicht für mich bestimmt, sondern für jemand anderen. Für jemanden, der es spielen kann.

Während ich aufstehe und zur Türe trete, lasse ich einen Gedanken zu. Den Gedanken, wie es wäre, wenn nicht das Klavier mich an Dich erinnern würde, sondern Dich das Klavier an mich. Und nun ist da die Frage, wenn es anders wäre, ob Du es auch spielen wollen würdest, mein Klavier, dem ich in diesem Moment so gerne über die Tasten streichen würde. Denn wir wissen beide, dass Du mir das eine voraus hast: Du könntest es spielen. Aber nur Du weißt in diesem Moment, ob Du das auch wollen würdest.

Noch immer zieht der Bussard seine Kreise und in meinen Gedanken hänge ich nun der Zeit nach. Ich vermisse Dich, ich vermisse die Aprilwiese und den Gedanken daran, dass noch alles gut ist. Jetzt arbeiten wir daran, dass es eines Tages wieder gut werden wird.

Ich wünsche mir noch immer, dass diese Geschichte etwas Besonderes ist. Weil ich Geschichten über die Liebe liebe, aber viel mehr noch, weil ich an Geschichten über die Liebe glaube. Auch wenn ich übersehen habe, dass es bei Geschichten nicht nur darum geht, ob sie gut enden. Es geht auch darum, ob sie gut beginnen. Es ist so wichtig, wie sie beginnen. Es ist so wichtig, dass sie gut beginnen. Und unsere Geschichte hat nicht gut begonnen.

Unsere Geschichten hätten anders beginnen sollen. Es ist schwer, den Anfang einer Geschichte zu finden. Es ist schwer, die Zeit für einen guten Anfang zu treffen. Denn so sehr wir beide an eine andere Wahrheit glauben wollen, so spielt die Zeit doch eine wichtigere, größere Rolle, als wir es uns eingestehen wollten. Und wenn diese doch unsere Geschichte ist, dann eine, die wir gegen die Zeit verloren haben. Eine Geschichte über das Verpassen und falsche Zeitpunkte.

Als die Sonne hinter die Gipfel der Bäume sinkt und lange Schatten wirft, muss ich ins Freie treten. Um wenigsten einen letzten Sonnenstrahl auf meiner Haut zu spüren. Einen kleinen, weichen Sonnenstrahl, der keinen Schaden mehr anrichten kann und mir in diesem Moment dennoch die Welt bedeutet.

Vielleicht werde ich es eines Tages spielen können, mein Klavier. Aber jetzt ist nicht die richtige Zeit, das Spielen zu erlernen. So wie jetzt auch nicht die richtige Zeit ist, unsere Geschichte zu erzählen.

Geschichten über die Liebe beginnen oft zu spät. Und auch wenn wir daran glauben, dass es gut werden wird, bleibt sie, die Angst, davor, dass auch unsere Geschichte bereits begonnen hat, dass auch wir zu spät sind.

Während ich der Sonne weiter dabei zusehen, wie sie hinter den Horizont sinkt, kommt mir ein Wunsch über die Lippen. Der Wunsch danach, dass unsere Geschichte schlicht noch nicht begonnen hat. Dass wir den guten Anfang nicht verpasst, sondern viel zu früh, viel zu ungeduldig in die Geschichte gestartet sind. Dass wir noch auf den richtigen Zeitpunkt warten müssen, auf den gute Anfang unserer Geschichte.

Mein Bussard kreist nach Sonnenuntergang noch über der trockenen Juniwiese. Seine Beharrlichkeit macht mir Hoffnung. Denn was mich jetzt noch hält, ist der Glaube daran, dass die Dinge, die wirklich gut sind, Zeit brauchen. Dass die Dinge, die wirklich gut sind, nie leicht sind. Und es wäre zu leicht gewesen, wenn ich eines Tages hätte erzählen können, dass es unser Lachen war.

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Lavina Stauber

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freiTEXT | Jasmin Schellong

21 Fußballfelder

Mein Vater ist Polizist und Fußballheld. Er schoss einst das entscheidende Tor um die Bezirksliga-Meisterschaft. Später verteilte er überall auf dem Wohnzimmerteppich Salbe, die er auf seine Blasen auftrug. Meine Oma sagte stets, das sei der Preis des Erfolgs. Will man uns besuchen, muss man in eine bayerische Gegend, die fast so viele Autos wie Einwohner hat, und in der viele Kreuze am Straßenrand stehen. Igel gehören hier zur bedrohten Art. Früher wohnten wir über der Bank. Papas Uniform hing jeden Tag frisch gebügelt auf dem Balkon. Ich glaube, es lag an der Uniform, dass die Bank nie überfallen worden ist. Mama arbeitet in einer Bäckerei. Ihre Arme waren voller Narben, allesamt Brandwunden von den heißen Backblechen. Sie lernte meinen Vater auf der Treppe am Ausgang eines Tanzlokals kennen. Hätte sie doch nur ein wenig von Feng-Shui verstanden, dann wäre ihr klar gewesen, dass dies schlechte energetische Voraussetzungen sind. Meine Eltern heirateten in dem Jahr, als Boris Becker noch Jungfrau war und Helmut Kohl Bundeskanzler wurde. Kurze Zeit später, die Beziehung hatte nicht nur Risse, sondern trug eher das Muster eines Mohnstrudels, schafften sie zuerst die Couch von Ikea, dann mich, und schließlich meinen Bruder an. Menschen merken sich immer den Ort an dem sie sich finden, jedoch nie den Ort, an dem sie sich verlieren. Nicht so meine Mama: als sie dasselbe fühlte, wenn sie Pfirsiche im Supermarkt anfasste, wie wenn sie meinen Vater berührte, wusste sie, dass ihre Liebe zu Ende war. Mit jemandem abzuschließen gelingt erfolgreicher, wenn beide Seiten mindestens mit einem Unentschieden auseinandergehen.

Ich weiß noch, dass er früher nicht einschlafen konnte, ohne dass jemand seine Hände festhielt. Die waren wie warme Kissen aus Fleisch. Man konnte die Unendlichkeit in ihnen fühlen. Jedes Mädchen mit dem ich was hatte, fand ihn total süß. Wikipedia sagt über Menschen wie ihn, dass der Fehler in den Erbanlagen liegen müsse. Das Gen Nummer 21 sei in fast allen Zellen dreifach vorhanden. Ich will das nicht glauben.

Als ihn die Hauptschule an unserem Ort als Schüler ablehnte, war ich traurig. Nicht seinetwegen. Egal wo er war, er kam überall zurecht. Mir taten die Menschen an der Schule leid, würden sie nun doch so viel verpassen. Durch ihn hab ich mehr über mich gelernt, als mir lieb ist. Beispielsweise, dass ich ein eifersüchtiger Mistkerl bin. Mama tat alles für ihn. Geschnittenes Bio-Obst, Reittherapie, integrative Schule. Viele Besuche bei Therapeutinnen-Frauen aller Art - mit körpereinnehmenden Schals. Sie war eine richtige Sagrotan-Mum: bei richtiger Anwendung Effektivität bis zu 99 Prozent. Als er größer wurde, liebte er es, zum Flughafen zu fahren und neue Menschen, die gerade ankamen, anzusehen. Besonders gefielen ihm die verschiedenen Uniformen der Flug-Crews. Erblickte er im Bus eine Person mit ihm verdächtig erscheinenden Leberflecken, empfahl er den Betreffenden unseren Dermatologen, dessen Visitenkarte er immer in der Jackentasche dabeihatte. Er kannte nicht diese Distanz, die uns Menschen trennt, und jeden einsam in seinen Startblock stellt. Er konnte sich unendlich für etwas begeistern. Einmal im Monat gingen wir zum Friseur- er freute sich schon Tage davor. Im Laden kannte jeder das Ritual; nach dem Schneiden Haare in Plastiktüte einpacken.

Wir bewahrten die Tüten im Keller auf. Mein Vater hat sie inzwischen weggeworfen.

Es gibt Tage, die unterteilen etwas in ein Vorher und ein Nachher. Man kann sich für gewöhnlich gut an sie erinnern, weiß, welche Unterhose man anhatte. Es war Freitag mitten im Dezember, im Supermarkt gab es Gummibärchen im Angebot und Schnee hatte die Welt leiser gemacht. Weihnachtsfeier im Verein - ein Anruf von Mama: „Du musst sofort kommen.“

Seit einiger Zeit lebte er unter der Woche in München in einer WG. Er schrieb mir regelmäßig und die Umschläge enthielten immer eine Daunenfeder, die Mitpassagiere in der U-Bahn aus ihren dicken Winterjacken verloren hatten. An diesem Tag war er alleine unterwegs. Das mochte er am liebsten. Den Turtles-Rucksack geschultert, um seinen Hals baumelte der laminierte Adressanhänger mit Mamas Schrift. Vermutlich wurde ihm schwarz vor Augen. Er suchte Halt und hatte sich im U-Bahnhof in einen Passbildautomaten gesetzt. Sein Herz war krank. Die Narbe nach seiner Herzoperation sah aus wie eine Laserschwert-Wunde. Sport konnte er keinen machen, trotzdem war er bei allem dabei. Im Urlaub ruderten wir mit ihm aufs Meer hinaus. Am Frühstücksbuffet freute er sich über die kleinen Zucker- und Salzpäckchen, die er sich manchmal in den Bauchnabel schüttete. Ich erinnere mich, wie wir abends immer diese Erklär-Sendung zusammen ansahen, die Größenvergleiche stets mittels Fußballfeldern vornimmt.

Kirchen sind kalte Orte, es sind die Menschen, die sie erst wärmer machen. Niemals hab ich in unserer Kirche mehr Leute gesehen, als an diesem Tag.

Fast jeder hatte eine anekdotische Geschichte über ihn parat. Seine Beerdigung verlief trotzdem wie eine Preisverleihung: Zuerst wurde geheult, dann der Familie gedankt, und am Ende gegessen. Damit Mama den Tag durchstand, holte ich ihr vorher an der Tankstelle einen Protein-Riegel. Ich war vorbereitet; trug an diesem Tag so viel Synthetik wie ich konnte, und die elektrostatische Entladung half mir jedem Händeschüttler an seinem Grab einen kurzen Schlag zu versetzen.

Mama und ich sind umgezogen. Das Haus hat einen Aufzug mit Notfallknopf. Ein Schild verspricht 24-stündige Erreichbarkeit. Neulich kam ein Brief. In diesem wurde gebeten, den Notfallknopf wirklich nur im Notfall zu betätigen. Mama hatte immer wieder den Knopf gedrückt um mit jemanden zu sprechen. Sie hat mich nun gebeten, dass ich sie für einen VHS-Sprachkurs anmelde.

Ich kann seither nicht gut alleine einschlafen. Vor einiger Zeit habe ich entdeckt, dass man bei Thalia bis zu drei Stunden schlafen darf, bis man angesprochen wird. Natürlich sind wir noch eine Familie; ich fühle mich dennoch wie die Menschen im Film E.T., als er in sein Raumschiff steigt und sie zurückbleiben. Andere Leute sind mir seit jeher fremd. Wenn ich mit ihnen zu tun habe, komme ich mir vor, wie das Rettungsboot im Film Titanic, dass sich seinen Weg durch die gefroren Körper bahnt.

Seine Zellen waren dreifach, deshalb konnte er sich verschenken. Ich muss mich wie alle, die zu wenig haben, gut verkaufen.

bereits erschienen in &radieschen #56

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Jasmin Schellong

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freiTEXT | Monique Wesemaël

Sternstunde

Er hatte sich auf seinem Bett ausgestreckt. Unter sich fühlte er die feste Matratze, die ihm Halt gab. Sicherheit. Sein Blick fixierte die flimmernde Dunkelheit, die über ihm durch das Dachfenster hereinschwebte. Unzählige Sterne, alte Bekannte, leisteten ihm Gesellschaft, zwinkerten mit kaltem Licht zu ihm hinunter. In Gedanken sortierte er sie nach Namen, identifizierte Sternbilder, die er immer wieder stolz und mit Freude benannte: der Große Bär, der Kleine Bär, Orion, Andromeda, Kassiopeia. Jupiter schien außergewöhnlich hell um diese Jahreszeit.

Die Enge in seiner Brust nahm wieder zu. Verdammt, es war doch alles gut! Er war allein, in Sicherheit.

Heute Nachmittag waren sie zusammen in seinem Elternhaus, um vom Dachboden das zweite Bett zu holen. In diesen letzten Wochen und Monaten traute er sich langsam aus der Deckung, freute sich über die gemeinsame Zeit mit ihr. Wenn er bei ihr war, schliefen sie in ihrem großen Bett, mal händchenhaltend, mal aneinandergeschmiegt. Ihre Wärme, ihre weiche Haut waren nie weiter als eine Armlänge entfernt.

Bei ihm hingegen stand das schmale Bett. Neunzig Zentimeter, damit begnügte er sich seit seiner Scheidung. Seine Ex-Frau hatte nie besonderen Wert auf eine gemeinsame Schlafstatt gelegt. Warum standen ihre Betten eigentlich immer auseinander? Warum kam er sich all die Jahre vor wie ein Bittsteller, wenn er auf der Suche nach Nähe zu ihr ins Bett kroch?

Seine Freundin hatte nie ein Wort gesagt, dass er ihr die Extramatratze auf den Fußboden legte, wenn sie zum Übernachten blieb. Oft genug lag sie so lange in seinen Armen, bis sie begann wegzudämmern. Ihn machte das ganz unruhig. Er fürchtete, keinen Platz für seine Nachtruhe zu haben. Ohne zu murren rutschte sie auf sein Zeichen dann schlaftrunken auf die Matratze hinüber, die einen halben Meter neben dem Bett lag. Das wollte er nicht mehr.

Als sie nach ihrer Rückkehr am späten Nachmittag mit den Einzelteilen des Betts in seinem Schlafzimmer standen, hatte er schon einmal sein eigenes Bett an die andere Wand geschoben. Er wollte Platz für das zweite daneben schaffen. Aber mit einem Mal war er sich nicht mehr sicher, ob er nicht doch lieber den Schreibtisch an eine andere Stelle versetzen wollte. Oder das Bücherregal umbauen, das da im Weg stand. Und die große Pflanze, die vorher sein Schlafzimmer begrünt hatte, musste nun ins Wohnzimmer. Und seine Musikinstrumente auch: die zwei Posaunenkoffer, der Notenständer, die Conga.

Er blickte sich um. Dann setzte er sich auf sein Bett und überlegte. Sie setzte sich neben ihn, wortlos. Warf ihm einen forschenden Blick von der Seite zu. Dass so ein zweites Bett so viel Platz brauchte… Er atmete ganz flach. Ihm war, als schnüre ein eisernes Band seinen Brustkorb ein. Schwindel ergriff ihn, alles wurde eng. Die Wände des Zimmers wölbten sich zentimeterweise nach innen. Wie wenig Raum auf einmal da war!

Er tat einen tiefen Atemzug. „Ich glaube, ich habe mich übernommen“, murmelte er.

Verstohlen linste er zu ihr.

Für einen Moment schloss sie die Augen.

„Ist nicht schlimm“, antwortete sie nach einer kurzen Pause. „Ich schlafe noch eine Weile auf der Matratze. Es muss noch nicht sein.“

Schweigend räumten sie die Möbelteile hinter die Schlafzimmertüre, in die Nische neben dem Schrank. „Da musst du sie nicht ständig sehen“, sagte sie versöhnlich.

Die Enge in seiner Brust ließ nicht nach. In seinem Kopf stürzten stattdessen die Gedanken eine Böschung hinab, verfingen sich im Dickicht dorniger und klebriger Ranken. Atemlos suchten sie einen Ausweg aus diesem beängstigenden Labyrinth. Das eiserne Band saß so fest, dass ihm übel wurde. Betretenes Schweigen brannte auf seinen Stimmbändern. Unerträgliche Beklemmung brüllte nach ihrem Recht.

„Würde es dir etwas ausmachen, heute bei dir zu schlafen?“

Sie sah ihn an. Ihr ernster Blick traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube.

Statt einer Antwort drehte sie sich um, ging in den Flur und begann, ihre Schuhe anzuziehen. Er ging ihr nach, schweigend, einen Kloß von der Größe eines Tennisballs im Hals. Sie nahm ihre Tasche und ihre Jacke vom Garderobenhaken.

Geh nicht.

Sie öffnete die Wohnungstüre und wandte sich um. In ihren Augen standen Tränen.

Geh nicht. Bitte bleib.

„Na dann.. mach‘s mal gut“, stammelte er.

Kaum hörbar erwiderte sie: „Ja, mach‘s gut.“ Halt sie auf.

Dann wandte sie sich ab und zog die Türe hinter sich zu.

In den nächsten Tagen würde er endlich das Teleskop aufbauen, damit er ihr den leuchtenden Jupiter zeigen konnte. Und Saturn direkt daneben.

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Monique Wesemaël

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freiTEXT | Felix Wünsche

Hampelmann

„Wenn du nicht versuchst, an Geld zu kommen, kannst du nichts bestimmen. Dann bist du der Hampelmann für andere, anstatt selber an der Schnur zu ziehen.“ Der Typ saß an einem der drei Fenstertische, das Mittagslicht fiel satt durch die großen Scheiben, zurückgelehnt mit geschlossenen Augen in einem der alten Sessel, die ich vereinzelt im Café stehen habe, Müdigkeit in allen Winkeln des Gesichts. Blauschwarze Designerjeans, breit umgeschlagen an den Knöcheln über den weichen, schicken Sneakern, gut sitzendes Hemd mit Manschettenknöpfen, hatte an seinem Notebook gearbeitet, ein Ciabatta mit Ziegenkäse in Honigkruste verspeist, der Stolz meiner kalten Gerichte. Auf dem Weg zurück von der Toilette hielt er an der Theke, wo ich Gläser wusch.

„Schönes Café, richtig gut gemacht. Ist das deins?“ Sonnenbräune, Dreitagebart, lächelte er mich an, gewinnend, vertraulich, setzte sich auf einen der Barstühle. Hatte er keine Angst um seinen Laptop dort alleine am Tisch?

„Danke. Ist meins, ja.“

Sein Blick wanderte nochmal durch den Raum, über die mintgrünen Wände, die großformatigen Fotos von einer Bekannten, Gebäudeporträts, Plätze, Baulücken, vielleicht fünfzehn Jahre alt die Aufnahmen. Die Rahmen hatte mein Freund aus alten Fenstern selber gebaut. Gemeinsam hatten wir renoviert, den Boden abgeschliffen, in einem heimlichen Rhythmus, der uns durch die Tage trug, ganz selbstverständlich, ganz locker. Ich hatte das Gefühl tiefer zu atmen oder mehr Luft in die Lungen zu bekommen und mich durchströmte eine Leichtigkeit, die mich hat lächeln lassen. Leichtigkeit, die wir eingearbeitet haben in die Dielen, die Wände, die Theke und die Tische aus altem Bauholz. Kleine Macken haben die Tischplatten, die Theke, mir so vertraut wie die Leberflecke meines Körpers.

„Eine tolle Komposition. Hat Charakter. So was sehe ich, ich bin in der Kreativbranche tätig. Du hast Talent. Wie kommt es, dass du so etwas machst?“ Eine lässige Armbewegung umschließt den Raum, ein anerkennendes Nicken.

So etwas. So etwas Tolles oder so etwas Banales? „War ein Traum von mir. Ich arbeite schon lange im Gastrobereich, war aber nie in einem Laden, den ich wirklich mochte. Und irgendwann dachte ich, ich muss es eben selbst machen. Außerdem wollte ich etwas Eigenes, nicht immer für andere die Arbeit machen.“ Ganz automatisch sortierten meine Hände Gläser ein.

Er ließ sich einen Grappa einschenken, drehte das Gläschen am Stil. „Ist ein relativ kleiner Laden. Wie kommt man da über die Runden?“

Im Bauch bohrte der Stich, den ich mit mir trug. Den Stich, dass es nicht reichte, nicht reichte für ein Leben, eine Wohnung hier im Zentrum. „Alles super.“

Lüge. Lüge. Lüge.

Sollte er doch die Wahrheit hören mit seinen teuren Jeans, dem Kaschmirmantel, mit seinem zehn Euro Grappa, Nonino Riserva. „Okay, wenn du's wirklich wissen willst. Ehrlich gesagt bescheiden. Kann mir im Moment nicht mal eine kleine Wohnung hier in der Nähe leisten. Es hat viel Kraft gekostet, das hier aufzubauen, und jetzt stehe ich da wie ein Idiot. Die Mietpreise sind einfach unfair.“ Ich hielt die Augen niedergeschlagen, wischte das Spritzwasser neben dem Spülbecken weg.

„Der Preis ist für alle gleich. Das ist eine gerechte Sache. Klare Kante. Die Frage ist, ob man ihn sich leisten kann. Nur wenn du richtig Schotter kriegst für die Zeit, die du arbeitest, kannst du was zu deinen Gunsten bewegen. Wohnung, Auto, Urlaub, nette Einrichtung. Ich wette, dein Stundenlohn hier sieht nicht gut aus. Hast ja noch nicht mal Leute, die für dich arbeiten, und das im Bewirtungsbereich, wo die Löhne echt nicht hoch sind. Wie viel bleibt dir nach Abzug aller Kosten? Zehn Euro? Sicher nicht mehr, richtig?“ Seine Selbstsicherheit schaute mich aus seiner ganzen Haltung an, wie er an seinem Schnaps nippte.

Erniedrigend, so zum Objekt von abstrakten Betrachtungen gemacht zu werden. Von irgendwem. Lähmend. Die Wahrheit in seinen Worten lähmte mich. Oder seine Selbstsicherheit, zu wissen, wie die Welt beschaffen war.

„Habe ich nie genau ausgerechnet, aber zehn Euro kommen schon hin.“

„Und dann stehst du hier sicher mehr als 40 Stunden pro Woche im Laden, machst noch Einkäufe, was macht das, 200 Stunden im Monat? Und was kommt dabei rum? 2000 Euro vielleicht. Nicht nichts, aber ich würde dir auch nicht unbedingt eine Wohnung vermieten. Und Rente hast du noch nicht eingezahlt und Arbeitslosenversicherung auch nicht, richtig?“

„Wie wohnst du denn?“

„Ich hab 'ne eigene Wohnung. Ein schönes Obergeschoss in einem Altbau, kleine Dachterrasse, alles in allem hundertzwanzig Quadratmeter, nichts Extravagantes, aber nett. Und, ist das unfair?“ Schaute mich herausfordernd an. „Ich will das haben. Habe viel dafür getan und tue immer noch viel. So ist das, ohne Geld kein Gestaltungsspielraum. Geld ist Macht über andere, Kontrolle, Ellenbogenfreiheit. Mit Geld kannst du dir Arbeitskraft kaufen, Lebenszeit, Ideen, dir ein gutes Stück vom Kuchen abschneiden. Schau, ich esse hier in deinem Café, genieße die Atmosphäre, du bedienst mich, wäscht mir die Gläser und Teller, putzt die Toilette. Und damit verdienst du nicht genug Geld, um in deinem eigenen Café ein Sandwich zu essen.“ Hier kam dann irgendwo der Hampelmannsatz. Hampelmann. Warum wurde ich nicht wütend? Stand da hinter dem Tresen, würde die Tische wischen, die Toilettenböden, lies mich beschimpfen als Hampelmann, wurde nicht zornig, ballte nicht die Faust, warf ihn nicht raus. Zu oft geschwiegen, zu oft Salate arrangiert, Speisen aufgetragen unter bellenden Blicken von Küchenchefs, Chefkellnern, Kneipen-Eigentümern, zu wenig Kraft, zu wenig Übung im Kämpfen, zu wenig Ressourcen, um einen Kampf zu wagen, zu viel Furcht, zu viel Glaube daran, dass schon alles irgendwie okay wäre.

Ich blickte weiter schweigend auf die Arbeitsplatte, hypnotisiert, wischte letzte Tropfen vom Rand der Spüle. War es so? War das die Wahrheit? Nicht jeder konnte alles haben. Schenkte ihm einen Grappa nach, als er mir das Glas über den Tresen schob. Er redete weiter. „Du musst ein wertvoller Dienstleister für die richtig Reichen sein, die richtig, richtig Reichen, verstehst du, ihr Geld verwalten und vermehren, ihre Firmen managen, sie juristisch gegen alle Angriffe verteidigen, ihre Krankheiten oder Zipperlein behandeln, ihre Häuser bauen und einrichten, Statussymbole für sie herstellen. Sind ja im Prinzip alles Dinge, die jeder braucht und will, wohnen, gesund sein, geachtet werden, Grundbedürfnisse eigentlich, nur durch die Macht des extremen Reichtums, ins Phantastische verzerrt. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere ist, dass man selbst etwas aufbaut. Ein Unternehmen, wo man selbst Chef ist, sich von der Arbeit der Leute, die bei einem angestellt sind, ein kleines Stückchen abzwacken kann.“ Wieder die ausholende, den Raum umfassende Geste, „Kannst du auch machen. Du hast Talent, das ist ein Pfund. Das Café hat Potential. Mach es größer, mach ein paar andere auf, hier, in anderen Städten. Würde laufen und die Wohnung wäre dann kein Problem mehr.“ Angenehm rann der Traubenschnaps die Kehle hinab, der Adamsapfel hüpfte routiniert in stiller Zufriedenheit.

„Ich will nicht reich werden. Ich will nur eine Wohnung“, sagte mein Mund. Ich freute mich, ganz plötzlich, gluckernd, das zu hören.

„Dann darfst du dich auch nicht über zu hohe Mietpreise beschweren. Wenn du nichts aus dem hier machen willst, okay, deine Sache. Aber wer weiß, ob du mit fünfzig, sechzig noch so locker den ganzen Tag im Café stehst, wer weiß, ob der Laden dann noch läuft. Jetzt hast du ein Gespür für den Trend, aber dann? Und Rente? Zahlst du nun ein oder nicht?“ Das Grappagläschen rutschte zu mir herüber, er blickte mich an, jetzt Auge in Auge. „Mach doch was draus, aus dem, was du kannst. Ich helfe dir, wenn du willst. Ist mein Job so was, hier meine Karte“. Lag weiß, in minimalistischem Design auf dem hellen Holz der Theke, er zahlte. „Muss los, wir sehen uns“, Trinkgeld klapperte in großen Münzen in den Becher, den ich dafür neben den großen Gläsern mit Keksen und Brownies stehen habe.

Mehr Gäste in den Stunden danach, mehr Bagels, Sandwiches mit Grillgemüse, Tagessuppen, Latte macchiatos, Espressos, er würde vielleicht Espressi sagen, mehr Geld, mehr Schmutzgeschirr, mehr Kuchen, die wieder neu gebacken, Suppen, die wieder neu gekocht werden mussten.

Zwei Latte macchiato, Kirschkäse, Apfelstreusel, marinierter Salat aus Tofu, Norialgen und Pfefferminze. Abwesend schaute das Pärchen mich an, freundlich glänzte die Sonne auf ihren dunklen Brillengläsern, „Thank you, it looks wonderful.“ In mir kratzte es. Eine Hohlfigur, die Gewissheit entleert. Die Espressomaschine schredderte laut, hielt die Gedankenspirale im Zaun.

Nicht jeder kann das. Nützlich für die Reichen sein. Geld gebären. Vertraute Handgriffe, die ich genoss. Latte macchiato, Espresso auf heißer Milch, darüber Milchschaum.

 .

Felix Wünsche

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freiTEXT | Nele Ziemer

Habicht meint Sperber

Luise will eigentlich nur einen Ausreißer machen mit Paul. Christian will eigentlich nur Luise und Luise steigt dazu. Luise lässt ihrem Kater den halbvollen Napf, in the end bleibt Kater Kater, at the end fühlen sich eh beide bereits. Luises Kater wird morgen 14 und sie selbst: nicht happy.

Christian: will - wie gesagt - eigentlich nur Luise und damit meint er: sie an den Öhrchen ziehen und liebkosen, sie seinen Eltern vorstellen. Christian macht das Dach des Cabriolets auf.
Luise: Der Fahrtwind macht sie müde, flusig, es wellen sich ihr die Lippen, ganz prall gefüllte Wangenlappen links und rechts. Paul könnte seinen Fingernagel in ihren Lippenriss drücken, sie sieht sich schon mit erhobenen Armen, Gib mir all dein kriminelles Interesse, dass sich das Efeu an den Altbauten zusammenzieht, Luise will das alles.

Christian öffnet ihr jede Tür, Christian würde sie gern hinter verschlossenen Fensterläden auf sich sitzen haben. Aber Christian ist anständig und hat stattdessen wasserdichte Brotdosen und Laugengebäck dabei und Luise bleibt bloß scharf auf Radieschen. Christian macht das nichts aus, ihm fällt dazu eine Anekdote ein:
- Ich habe dieses Fable für Kaninchen und Meerschweinchen, sagt er.
- Zwölf Schlangen in deiner Umgebung sind interessiert, sagt Luise. Christian schmatzt und bevor er sich verschlucken kann, geht der Kaugummi zur Seite raus. Mehr macht Christian nicht.

Zwischendurch vergisst Luise kurz, dass es sich bei Paul und ihr um zwei verschiedene Körper handelt. Auf hoher See kratzt sie sich die Haut und wenn sie aus dem Hinterhalt die Flut überkommt, dann schluckt sie ihn gleich mit. Wenn Luise ganz ehrlich wäre: Sie würde sich mit ihm in einer Flasche drehen, er könne sie sogar platzen lassen, das wäre ihr nur recht, sie vertraut ihm da aufs Ganze. Luise würde den beiden ihren Rachen so schnell wieder schließen, Paul würde blind, so flott ginge das, das würde gar niemand mitbekommen, bevor nicht schon zu spät. Intriguing, denkt Luise da, und Christian: Der steht am nächsten Busch und über seiner Kimme Haare wie ein Büschel Gras, das Luise nicht nochmal hätte sehen wollen, hätte sie es sich nur überhaupt einmal überlegt.

Christian ist hier voll auf seiner Seite, Christian hat sogar Marshmallows für sie dabei und einen Holzanzünder, Luise hat ihr Teewasser. Christian hätte gern etwas Heißes, Luise hofft, dass er da nicht an sie denkt, Christian weiß das nicht, Luises Thermoskanne tropft. Christian detoxt, Luise auch, Luise und er halten sich an verschiedene Pläne, wenig später hat Christian eine Brandblase auf dem Handrücken. Luise merkt sich für Paul: Bin im Ernstfall so verlässlich wie dein Wasserkocher: 1 bis 2 Hände verbrühen. Christian merkt nichts.

Christian denkt darüber nach, wie Luise ihren Kater krault. Er sieht hier kein Tier, sondern eine Chance, legt seine Hand auf Luises Oberschenkel, Luise will, dass er beide Hände am Steuer lässt. In Christians Vorstellung ist Luises Kater morgen nicht 14, sondern verhungert.

Christian versucht einen weiteren Zugang, Luise würde den lieber von Paul gelegt bekommen: Christian zeigt auf einen Habicht, Christian meint einen Sperber. Eigentlich weiß Luise  länger schon ausreichend, sieht zum Beispiel Tauben von Freileitungen kippen. Luise weiß nicht weiter.

 .

Nele Ziemer

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freiTEXT | Lyli Chin

Gedanken in die Hand nehmen oder was Sprache für mich bedeutet

Teil I: ein (An-)Trieb

Ich spüre wie meine Sprache sich hochziehen muss. Wie auf diesen Klettergerüsten, bei denen man sich von einer zur nächsten Stange hangeln muss, mit Steigung. Immer höher. Ich bin damals nach der Hälfte abgesprungen.

Wenn mir heute die Worte fehlen, fühlt es sich auch so an. Wie loslassen müssen. Sprache ist ein Kraftakt.

Ich sehe die nächsthöhere Sprosse, aber ich erreiche sie nicht. Ich hänge.

Dabei will ich das Wort ergreifen und fließend elegant durch das Gerüst schwingen. Leichthändig.

Ich habe ein Verlangen nach Sprache. Ich giere danach alles zu beschreiben.

Das Innerste, die Freunde, mich, die Momente dazwischen, denn

schreiben heißt sehen machen.

Der größte Genuss ist Selbstbefriedigung durch Ausdruck. Mein Höhepunkt auf Papier.

Teil II: ein Ort

Zu Hause. Es gibt hier nicht viel Sprache. Nicht viele Fragen, noch weniger Antworten.

Hast du schon gegessen?, Was?, Und Mama?

Auch auf Lao. Mein Bruder wird jeden Abend von meiner Mutter gefragt, ob er schon geduscht habe: ອາບນ້ ຳ ແລ້ວບໍ (abnaamlabaw) Schatz?

Manchmal vergesse ich, dass Laotisch gar nicht die Muttersprache meiner Mutter ist. Sie lernte Lao als Zweitsprache neben Deutsch. Jedoch im Gegensatz zu Letzterem nicht bewusst mit Lehrbuch, sondern das Gegenteil davon und ins Gesicht: Als Vietnamesin, die bei ihrer laotischen Schwiegerfamilie einzog.

Sie eröffnete mit meinem Vater ein Restaurant. Er kochte mit seinem Cousin und sie bediente mit seiner Schwester während seine Mutter, meine Oma, auf mich aufpasste.

So verständigten sich meine Eltern irgendwann auf zwei Sprachen. Lao wurde zur Geheimsprache meiner Kindheit.

Zum Beispiel wenn ich vor meinen Freunden von Mama ermahnt wurde bloß nicht in den Waschraum zu gehen, der als Abstellkammer diente. Meine Mutter schämte sich für die messiartigen Zustände  zu Hause. Ich mich auch. Deshalb nickte ich gehorsam und ging mit mit den Freundinnen direkt in mein vorzeigbares Zimmer. Manchmal übersetzte ich ihnen dann was mir eben zugezischt wurde, weil sie diese Sprache vielleicht befremdlich fanden. Weil ich damals noch nicht so stolz darauf war, dass meine Eltern eine andere Sprache sprechen.

Und doch habe ich als Kind mehr Lao gesprochen. Laotische Verben mit deutschen Nomen verbunden und von meiner Mutter "ນອນ (nawn) Bauch" eingefordert. Ausdrücke wie dieser gehören uns. Sie existieren nur an diesem Ort, wo ich meinen Kopf auf ihren Bauch legen konnte. Nur dort konnte ich ohne Scham weinen, wenn sie arbeiten ging.

Es war mir peinlich, dass ich meine Eltern vermisste. Ich war mir sicher das konnten meine Freunde nicht verstehen.

So viel spielte sich nicht auf deutsch ab oder überhaupt in irgendeiner Sprache.Bis heute. Es fällt mir schwer lao-viet Wirklichkeiten bzw. den zu Hause Kosmos, den ich mit meiner Familie bewohne, meinen deutschen Freunden oder meiner englischen Liebe zu erklären.

Und umgekehrt fühle ich, dass auch meine Eltern etwas Grundlegendes vielleicht nie verstehen werden. Es hat etwas damit zu tun, dass ich weiß, sie haben ein Leben in ihrer Herkunftssprache gelebt. Eine Kindheit lang. Sie waren vietnamesische und laotische Kinder. Jetzt sind sie deutsche Staatsbürger. Doch wenn ich höre wie Mama laut mit ihren Schwestern lacht oder wie Papa mit seinem Cousin telefoniert, dann sehe ich wie frei sie sind, wenn sie ihre Sprache sprechen.

Meine Sprache ist diese Sprache, in ihr bin ich frei. Ich bin ein deutsches Kind.

Teil III: eine Wahrheit

Wir sind toxische und zugleich heilsame Wesen.

Wir verfügen über das Gift, das uns lähmt und das Gegengift, das uns bewegt.

Beides dringt tief ein. Beides ist Sprache.

freimütig       liebend         verbittert           sondern wir sie ab

in Schrift oder Schall

treffen Worte

einen Nerv             den Gedanken            mein Herz

Wegen dir komme ich noch in die Klapse!

traf mich der giftige Pfeil meiner Muttersprache.

In der Fremdsprache schmeiße ich mir die lindernde Droge ein,

wenn ich in seinen Liebesbriefen lese:

I need you in my life

und heile.

Teil IV: die Freiheit

meine Gedanken in die Hand zu nehmen

sie abzuwägen zu besehen

sie zu fahren und zu steuern auf Papier

die Welt zu beschreiben

zu zeigen wie ich sie sehe

Menschen zu sagen wie ich für sie fühle

zu sehen wer ich glaube zu sein

to be a writer

 .

Lyli Chin

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freiTEXT | Angela Ahlborn

Es war gut

„Mama, was ist das für ein Wort?“

„Oh, Jule, nicht schon wieder! Wir müssen gleich los!“

„Mama, sag‘ mir, wie das Wort heißt!“

„Jule, hör‘ auf damit! Ich hab‘ keine Zeit!“

Ich schloss das Album und legte es in eine der Kisten mit der Aufschrift „behalten“. An solche und ähnliche Dialoge hatte ich mich erinnert, als ich die Fotos aus meiner Vorschulzeit sah. Ich wollte so gerne lesen lernen, doch meine Mutter fand mich anstrengend und dieser Wunsch für ein Kind meines Alters war in ihren Augen nicht normal. Ich sollte lieber mit der Puppe spielen, in die man oben Wasser goss, das unten als Pipi wieder heraus kam oder als Tränen über die runden Wangen kullerten. Die war sehr teuer gewesen und ich war das einzige Kind in unserer Umgebung, die solch ein Spielzeug besaß. Meine Mutter hatte an der Puppe bestimmt mehr Freude als ich, schon um den Anderen zu zeigen, was sie als alleinstehende Frau ihrer Tochter bieten konnte.

„Die Anderen“ waren wichtig, das begriff ich ziemlich schnell. Sie waren die Instanz, vor der ich mit meinen Taten bzw. Nichttaten zu bestehen hatte. Meine Mutter war sehr auf Außenwirkung bedacht; schrieb ich in der Schule eine Fünf, durfte das keiner erfahren, bei einer Eins hingegen ging sie damit regelrecht hausieren, was sie in den ersten sechs Schuljahren auch ausgiebig tat; die Jahre danach muss sie oft sehr erschöpft gewesen sein von all den aberwitzigen Geschichten, die sie über mich verbreitete, um die für sie enttäuschende Realität zu vertuschen.

Schönheit war für meine Mutter das Wichtigste. Als ich schon jenseits der Vierzig war, schien es für sie das Größte, wenn jemand sie fragte, „ist deine Tochter immer noch so hübsch?“ Davon konnte sie eine sehr lange Zeit zehren und – was noch viel wichtiger war – es allen Freunden und Bekannten erzählen, ob sie es hören wollten oder nicht. Dabei störte es sie nicht im geringsten, wenn ich dabei war, im Gegenteil, im günstigsten Fall nickte sie mir aufmunternd zu, im schlechtesten tätschelte sie mir die Wange, während ich mich am liebsten aufgelöst hätte. Wenn wir unter Menschen waren, raunte sie mir manchmal zu, „guck mal, Jule, dieses arme Menschenkind da hinten mit DER Nase im Gesicht“, (wo sonst, Mama?) oder „XY ist ja hässlich wie die Nacht, aber trotzdem nett!“ Übrigens glaubte sie nur zu raunen, die Leute neben uns hörten jedes Wort.

Intelligent sollte ich natürlich auch sein, aber nicht zu sehr. Frauen durften nicht schlauer sein als ihre Männer, solche Ehen waren sehr gefährdet. Ich wollte sie immer mal fragen, ob es diesen Idealstatus zwischen ihr und meinem Vater auch gegeben hätte, aber ich traute mich nicht. Sie konnte nur begrenzt über sich selbst lachen und war zudem auch recht launenhaft; ich wusste nie genau ihre Stimmungslagen einzuschätzen. Außerdem waren in ihren Augen alle zu intelligenten Frauen graue Mäuse, die plump gekleidet und vereinsamt immerzu mit einem Buch in der Hand anzutreffen waren, der Haushalt um sie herum in einem miserablen Zustand. Somit bissen meine Lehrer in der Unterstufe bei ihr auf Granit mit ihrem Rat, mich eine Klasse überspringen zu lassen.

Und einen guten Beruf sollte ich mal haben, allerdings einen, bei dem man auch Haushalt und Garten im Topzustand halten sowie genügend Zeit für den Gatten und die Kinder aufbringen konnte. Somit war eine berufliche Karriere ausgeschlossen; die Frauen in Führungspositionen würden am Ende ihres Lebens ganz alleine da stehen.

Ich hatte somit klar gesteckte Ziele vor Augen mit diesen drei umrissenen Aufgaben. Natürlich gab es meinerseits immer mal wieder kleine aufmüpfige Revolten wie z.B. meine Punkerzeit, doch letztendlich hielten diese Phasen selten lange an, da ich sie nicht aus Überzeugung lebte, sondern nur Ausdruck meines Widerstands waren.

In meiner Studentenzeit meinte ich, alle drei Punkte erledigt zu haben: Ich hatte durch Zufall das Glück, als Model für einen berühmten Modedesigner zu laufen, sah viel von der Welt und verdiente viel Geld. Ich dachte, meine Mutter würde vor Stolz schier überschnappen, doch weit gefehlt! Ihr war der Job zu unstet und sie betete zu Gott, ich möge mich auf keinen Fall in einen Mann aus der Modewelt verlieben;  die waren alle chi-chi und keine richtigen Männer. Was sie aber trotzdem nicht davon abhielt, der Welt von ihrer Tochter, dem Model zu erzählen. Als ich später einen Rechtsanwalt heiratete, war wieder alles in Ordnung.

Das war ganz nach ihrem Geschmack, denn sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Rechtsanwaltsgehilfin und verehrte ihren Chef, für den sie zusätzliche Arbeit mit nach Hause nahm, die sie abends nach den Haushaltspflichten erledigte. Ich habe mich ständig gefragt, woher sie diese unglaubliche Energie nahm, die sie bis in hohe Alter begleitete. Sie muss Ende Siebzig gewesen sein, als ich sie anrief und lange darauf warten musste, ihre Stimme zu hören. Nur so als Floskel fragte ich sie, woher ich sie denn geholt hätte. Die Antwort entsetzte mich:  Sie würde die Flurwand streichen und hätte erst vom selbstgebauten Gerüst klettern müssen, das sich über die drei Etagen zog. Auf den Maler hätte sie nicht warten wollen und mich mochte sie auch nicht belästigen; die Wahrheit war, dass ich es ihr sowieso nie gut genug gemacht hätte.

Ich habe nie einen tatkräftigeren Menschen erlebt als meine Mutter. Diese Eigenschaft erwies sich gleichermaßen als störend wie auch nützlich. Bei wie vielen meiner Umzüge hatte sie geschleppt, gestrichen, genäht und geputzt! Sie hatte ein einziges Mal geschwächelt beim Tod meines Vaters, als ich noch klein war.  Da hatte sie nach Aussagen meiner Tante mehrere Tage nur auf ihrem Bett gesessen und geweint. Aber die ihr angeborene Tatkraft setzte sich durch, denn eines Morgens schüttelte sie ihre Trauer ab wie ein Hund Wasser aus seinem Fell und stellte sich den veränderten Lebensumständen. Andererseits konnte sie mich mit ihrer Tatkraft gelegentlich überrollen, da ihr das Feingefühl und die Geduld fehlten, die diese Charaktereigenschaft optimiert hätten.

Sie erzählte oft und gern, wie schwer sie es damals als alleinerziehende Mutter gehabt hätte, nicht einen Deut mit heute zu vergleichen! Die jungen Frauen heutzutage hätten ja keinen blassen Schimmer! Wie sie sich hat abrackern müssen für die paar Kröten, von der gesellschaftlichen Akzeptanz mal ganz zu schweigen!

Diese Geschichte brachte sie aus zwei Gründen zu Gehör, einmal natürlich, um Bewunderung zu bekommen, in fröhlichem Ton erzählt, was auch immer zum gewünschten Ziel führte, zum zweiten, um mich demütig und dankbar zu stimmen, wenn ich sie wegen irgendetwas kritisierte, dann allerdings in jammerndem und anklagendem Singsang. Ich wollte ihre Lebensleistung auch keinesfalls kleinreden, aber ich glaubte ihr nicht. Sie hatte es aus dem einfachen Grund nicht so schwer, wie sie es gern schilderte, weil sie solch ein unglaublich kraftvoller Mensch war! Der sein Leben mit links meisterte, ob nun mit oder ohne Mann. Meine Mutter schien mir immer „unkaputtbar“.

Es gab zwei Gemütszustände in ihrem Leben, die mindestens so stark waren wie ihre Tatkraft: Ihre Liebe zu mir und ihre Angst vor Krebs. Letzteres zwang sie regelmäßig in die Knie und sie schaffte es leider nicht, diese unbegründete Furcht vor mir zu verstecken, so dass ich schon als kleines Kind davon überzeugt war, in nicht allzu weiter Ferne Vollwaise zu werden. Das war grausam und als ich alt genug war, um ihre Hypochondrie erkennen zu können, war ich einerseits unfassbar erleichtert, andererseits hasste ich sie dafür.

Ihre Liebe zu mir war wie eine Naturgewalt, ein Vulkanausbruch. Nicht selten sprang sie unvermittelt bei Tisch auf, um auf mich zuzustürzen und mich in den Arm zu nehmen, zu küssen und zu beteuern, wie lieb sie mich habe. Meist brachte ich nur ein schales „ich dich auch“ heraus, als Kind wie als Erwachsene; sie verwirrte mich damit, aber etwas in mir genoss es auch. Und sie konnte wunderbar trösten. Beispielsweise als ich mich von meinem Rechtsanwalt getrennt hatte und selbst todtraurig darüber war, stand sie vor meiner Tür und wusch mir erst mal den Kopf, wieso ich das sichere Nest verlassen hätte, es sei doch nirgends überall Sonnenschein etc. … Hatte ich die Standpauke erst einmal überstanden, begann das Paradies: Sie steckte mich ins Bett, orderte Schlaf an, bekochte mich, las mir vor und wiegte mich wie ein Baby. Nach angemessener Zeit hieß es dann, „Jule, das Leben geht weiter, pack es an!“ In solchen Momenten fand ich sie wunderbar.

Jetzt stand ich in ihrem Haus und ich hatte mich davor gefürchtet, weil ich wusste, dieses Mal würde es das letzte Mal sein. Es tat weh zu sehen, wie die Möbel verschwanden, die Räume kahler wurden, ihre Sachen in Kisten wanderten. Furcht vor den Erinnerungen, den schlechten wie den guten, Angst nicht verzeihen zu können oder zusammenzubrechen.

Bei alledem machte sich trotzdem eine Erkenntnis in mir breit: Das Leben mit meiner Mutter war gut gewesen. Es war gut, Mama. Und das hätte ich dir gerne noch sagen wollen.

 .

Angela Ahlborn

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freiTEXT | Sebastian Danz

Das Wochenende

1

Die pinke Zuckerwatte ist in Mias Bauch zu einem angedauten, säuerlich riechenden Schleim geworden, der sich nur schwer aus dem groben Strick ihres Pullovers waschen lässt. Sie hatte die Zuckerwatte vor der Abfahrt heimlich aus der Schublade im Wohnzimmer genommen und die halbe Packung gegessen. Das gestand sie Hedwig zwischen zwei Brechschwällen. Im Halogenlicht einer Raststätten-Toilette irgendwo zwischen München und Innsbruck rubbelt Hedwig ihrer auf dem Rand des Waschbeckens sitzenden, fünfjährigen Tochter die letzten Reste Erbrochenes aus den Mundwinkeln. Die Zuckerwatte hatte Mia von Alexanders Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen. Als sie Mia zurück auf dem Parkplatz den Gurt umlegt, versucht Hedwig, ihrer Schwiegermutter nicht die Schuld an den Kotzflecken auf dem Rücksitz des Autos zu geben.

Noch eine Stunde, dann würden sie die Hauptstraße verlassen und sich einen schneebedeckten Berghang zum Hotel hinauf schlängeln. Alexander schnarcht im Beifahrersitz. Hedwig hasst es, wenn er bei langen Autofahrten einschläft und die ganze Verantwortung ihr überlässt. Seine Stirn, die gegen die Scheibe gedrückt bei jeder Bremsung hin- und herwischt, hinterlässt fettige Streifen auf dem Glas. Im Rückspiegel sieht Hedwig Noah, den Blick auf den Bildschirm seines Smartphones fixiert. Er trägt große schwarze Kopfhörer, die seine blonden Locken plattdrücken. Mia hatte vor zwei Wochen Noahs Smartphone in die Hände bekommen und mit einem Fingerwisch ein Pornovideo geöffnet, das ihr Bruder angeschaut haben musste, bevor er sich zur Familie an den Frühstückstisch gesetzt hat. Es folgten ein verfrühtes Aufklärungsgespräch mit Mia und ein unbefristetes Handyverbot für Noah. Heute Morgen hob Hedwig das Verbot auf. Noah hatte sich geweigert, ohne sein Smartphone ins Auto zu steigen.

2

Sie erreichen die Abfahrt und Hedwig fragt sich, wie Menschen hier ihr Leben verbringen können. Den letzten Ort mit Supermarkt und Restaurants haben sie vor gut 50 Kilometern hinter sich gelassen. Das Dorf am Fuß des Berges, durch das Hedwig jetzt das Auto die immer steiler ansteigende Straße Richtung Hotel steuert, ist nichts weiter als eine Ansammlung von Bauernhöfen, Scheunen und eingeschneiten Kruzifixen. Nirgendwo sind Leute zu sehen. Vielleicht ist das kein Dorf, sondern nur eine lieblos zusammengezimmerte Kulisse, die den ankommenden Hotelgästen das Gefühl geben soll: Sie haben die Zivilisation verlassen, ab jetzt können Sie sich entspannen.

Als sie den Parkplatz des Hotels erreichen, nach einer zehnminütigen Serpentinenfahrt, während der Hedwig jeden Moment damit rechnet, Mia würgen zu hören, kommt ein Junge mit Pickelkruste auf der Stirn, wohl kaum älter als sechzehn, in Lederhose, breit lächelnd und mit ausgestreckten Armen auf das Auto zugelaufen. Hedwig sieht, wie er seine Lippen bewegt, aber kann ihn nicht hören. Sie lässt das Fenster runter. „Wie bitte?“, fragt sie. „Griaß eich in unserem Paradies!“, sagt er. Ein hölzernes Namensschild ist in den karierten Hemdstoff auf seiner Brust gesteckt. Ein Name ist darauf eingebrannt: Heribert. Heribert beugt sich nach unten und steckt den Kopf durchs Fenster, halb ins Auto, grinst erst die Kinder und dann Alexander an, der gerade aufwacht. „Hat der Herr die Dame den verzwickten Berg heraufkraxeln lassen?“, fragt er und lacht sehr laut. „Er hat keinen Führerschein“, sagt Hedwig. Sie schnallt sich ab, Heribert tritt von der Autotür weg. Sie fasst den Türgriff, zieht, schwingt ihren Körper nach links und stößt sich die Schulter. Die Autotür klemmt.

3

„Hedwig, hast du meine Flip-Flops nicht eingepackt?“, ruft Alexander aus dem Badezimmer. „Was?“, ruft sie zurück. Sie hatte ihn verstanden. Manchmal hat sie nur keine Lust, auf seine Fragen zu antworten. Vor allem dann nicht, wenn die Antwort offensichtlich ist. Alexander hat die, wie Hedwig findet, völlig überflüssige Angewohnheit, vor jeder Reise verschiedene Packverantwortlichkeiten zwischen ihm und ihr aufzuteilen. Für den kurzen Skitrip hatte er sich selbst Ski-Ausrüstung und Verpflegung für die Autofahrt zugeteilt und ihr alles, was die Kinder brauchen könnten und die Badesachen für die ganze Familie. Alexanders Flip-Flops hatte Hedwig im Sommerschuhregal auf dem Dachboden vergessen.

Hedwig ist angespannt von der Autofahrt. Ihre Hände riechen immer noch nach Erbrochenem. Aus dem Nachbarzimmer hört sie Mia kreischen und Noah schreien. Sie spürt, wie sich bei der Aussicht auf einen Streit mit Alexander über die vergessenen Flip-Flops ihr Herzschlag beschleunigt und ihre Hände feucht werden. Sie ist in der richtigen Stimmung für einen Austausch sinnloser Vorwürfe. Doch Alexander steckt den Kopf aus dem Badezimmer und sagt: „Kein Problem, ich habe unten im Hotelshop Badelatschen gesehen und kaufe mir dann noch welche.“ Er lächelt. Wahrscheinlich will er zumindest am ersten Abend der Harmonie noch eine Chance geben. Oder er möchte nicht weiter nachbohren, weil sie diejenige ist, die das Wochenende im 5-Sterne-Spa-Hotel bezahlt. Alexander kann sich gerade nichts leisten.

Als sie sich vor 14 Jahren kennenlernten war er, 20 Jahre alt, einer der fünf jungen Schriftsteller des Jahres gewesen. Sie, 31 Jahre alt, hatte sich gerade mit ihrem Literaturmagazin selbstständig gemacht und zum ersten Mal eben jene Liste erstellt, die inzwischen mit darüber entschied, welche Autorinnen und Autoren in Deutschland als neue literarische Wunderkinder gefeiert werden. Alexander hatte sich diesen Status mit einem Roman über den slowakischen Nationalaufstand von 1944 erschrieben. Es folgten zwei weitere Romane über in Vergessenheit geratene Revolutionen in Osteuropa und eine Kurzgeschichtensammlung. Nichts davon verkaufte sich gut. Sie trafen sich zum ersten Mal beim Fotoshooting für die Nachwuchsautoren-Titelstory in ihrer Redaktion. Alexander war sehr jung und sehr attraktiv, Hedwig hatte sich gerade scheiden lassen. Ein paar Monate später war sie schwanger.

4

Am Abend sitzt Hedwig mit Alexander im Whirlpool. Der Wind weht eisig. Die letzten Sonnenstrahlen sind gerade hinter dem auf der anderen Talseite emporragenden Bergmassiv verschwunden. Das warme, blubbernde Wasser macht Hedwig müde. Noah und Mia sind in ihrem Zimmer und schlafen. Neben Hedwig wabert Alexanders Brust- und Rückenbehaarung um seinen Körper, wie sehr dünne, schwarze Meerestierchen. In der fahlen Unterwasserbeleuchtung des Beckens wirkt seine Haut noch blasser als sonst. Er sieht aus wie ein totes Korallenriff. „Wollen wir ins Zimmer gehen?“, fragt er. Hedwig nickt. „Ich komme gleich nach“, sagt sie. Alexander strauchelt durch das Wasser etwas ungelenk Richtung Treppe und zieht sich am vereisten Geländer aus dem Becken. Seine Haare hängen jetzt nass an ihm herunter. Wassertropfen haben sich in den Locken über seinem Steißbein verfangen und reflektieren das Licht des Pools.

5

Hedwig öffnet die Zimmertür und weiß, dass nun die Zeit für Sex gekommen ist. Alexander liegt nackt auf dem Bett und liest eine Biografie über den Anführer des Posener Arbeiteraufstands von 1956. Als Hedwig ihren Bademantel auszieht und an den Haken der Garderobe hängt, legt Alexander das Buch weg. „Komm mal her“, sagt er. Hedwig dreht sich zu ihm. Alexanders Körper ist unter der etwas grellen Leselampe voll ausgeleuchtet. Er macht schon länger keinen Sport mehr, Low Carb- und Paleodiät haben ihre Versprechen nicht gehalten. Die Niedergeschlagenheit, die Alexander wegen ausbleibender schriftstellerischer Erfolge empfindet, hat sein Körper in einen traurigen Männerbusenansatz und hängendes Bauchfett übersetzt.

Hedwig setzt sich neben Alexander aufs Bett. Er nimmt ihre Hand und legt sie auf seine noch feuchte, haarige Brust. Hedwig muss kurz den Impuls unterdrücken, ihre Hand wegzuziehen. Alexander scheint das zu bemerken. „Findest du mich nicht mehr attraktiv?“, fragt er sie. „Ach Quatsch“, sagt Hedwig und küsst ihn, bevor er zu einer weiteren Frage ansetzen kann. Sie legt sich auf ihn, er rutscht etwas nach unten, leckt an ihren Brüsten. Hedwig ist nicht erregt. Alexanders Handgelenk zwischen ihren Beinen drückt ihr schmerzhaft auf den Hüftknochen. Wie so oft in letzter Zeit, kommt es Hedwig vor, als würden Alexander und sie sich zum ersten Mal anfassen. Nur ist die Unbeholfenheit, mit der sie beide den Körper des anderen abtasten, nicht die aufregende, kurzatmige von Frischverliebten, sondern eine mechanisch unsichere, die sich fragt, wie es so weit hatte kommen können. Alexander scheint ähnliche Gedanken zu haben. Er ist nicht hart.

6

Um dem Hotelzimmer zu entfliehen, das Zeuge einer ihrer missglückten Sexversuche geworden war, beschließen Hedwig und Alexander, in die Après Ski-Bar ein paar Kurven oberhalb des Hotels zu fahren. Als sie durch die Hotellobby zum Parkplatz laufen, ruft ihnen Heribert hinterher, der an der Rezeption sitzt: „Führt der Herr die Dame noch auf einen Betthupferl-Drink aus?“ Er zwinkert Hedwig breit grinsend zu. Zwischen seinen beiden etwas zu groß geratenen Vorderzähnen klemmt etwas Grünes, aus der Ferne nicht Definierbares. „Nein, ich muss ja fahren“, antwortet Hedwig. Heribert grinst weiter und nickt. Seine Ausbildung hat ihn auf eine solche Situation nicht vorbereitet.

In die Bar zu fahren, war keine gute Idee. In der zweigeschossigen Holzhütte, die mehr Großraumdisko als urige Kneipe ist, röhrt ein Mann in österreichischem Dialekt ein Lied über junge Frauen aus den Lautsprechern, die nach einem Maß Bier besonders anschmiegsam werden. Im Untergeschoss neben dem DJ-Pult kämpfen Frauen und Männer mittleren Alters in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit wie Fohlen auf wackeligen Beinen gegen die Schwerkraft. Hedwig und Alexander sitzen im Obergeschoss an einem Tisch, über dem der große, wütend aussehende Kopf eines Wildschweins hängt. Jemand hat dem Tier einen goldenen Partyhut auf die borstige Stirn gesetzt. Hedwig nippt an einem Kräutertee, Alexander trinkt Grog. Beide warten darauf, dass jemand spricht.

Im Auto auf dem Weg zurück zum Hotel sieht Hedwig aus den Augenwinkeln, dass Alexander weint. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Alexander ist immer für die Kommunikation zwischen ihnen beiden zuständig gewesen. Es ist immer er gewesen, der wie ein fleischgewordener Beziehungsratgeber jeden Konflikt ansprach. Doch mit fortschreitender Zeit und Ale­xanders sich immer bemerkbarer machenden Depression, die beide in den seltenen Gesprächen über seine kreative Krise umschifften, war sein unbedingter Wille, jegliche Spannung zwischen ihnen zu lösen, einer passiven Gleichgültigkeit gewichen. Als Hedwig zurück vor dem Hotel das Auto in eine Parklücke steuert, steigt Alexander aus, bevor sie den Motor ausgestellt hat. Hedwig schnallt sich ab und rammt sich beim Versuch, die klemmende Autotür zu öffnen, einen zweiten blauen Fleck in die Schulter.

7

Als Hedwig, Alexander und Noah am Samstag auf der sonnigen Terrasse einer Skihütte heiße Schokolade trinken, ruft die 19-jährige Erzieherin aus dem Kinderclub des Hotels an. Mia hat Durchfall. Sie sei während des Mittagessens aufgestanden, habe sich Strumpfhose und Unterwäsche runtergezogen und auf den lila Plüschteppich gekackt. Jetzt weine sie, klage über Bauchschmerzen, Hedwig müsse sie abholen. Eine frisch ausgelernte Erzieherin müsste eigentlich mit einem kackenden Kind fertig werden, denkt Hedwig. Aber vielleicht werden Kinder in österreichischen Dörfern bei der ganzen guten Bergluft und den kräftigen Rindersuppen nicht krank.

Jetzt sitzt Hedwig mit Alexander und Noah über ihr Dessert gebeugt beim Abendessen im Hotel-Restaurant. Auf dem fünfeckigen Teller vor ihr liegt eine Marillen-Schnitte mit Vanilleeis und Nougatschaum. Mia liegt mit einer quietschbunten Feenprinzessinnen-Serie auf dem iPad und Kamillentee in der Nuckelflasche im Bett. Alexander löffelt schweigend in einer Schüssel Schokomousse. Noah stochert mit einer Hand in einem Stück Papageienkuchen vom Kinderbüffet, in der anderen hält er sein Smartphone halb unter dem Tisch und tippt darauf herum. „Leg bitte dein Handy weg, Noah“, sagt Hedwig. Er ignoriert sie.

Beim Ausschenken des den Hauptgang begleitenden Weißweins war die Kellnerin gegen den Kerzenständer auf der Mitte des Tisches gestoßen. Hedwig kratzt das verspritzte Wachs vom weichen Damast des Tischtuchs und streut es über die Reste des Nougatschaums auf dem Teller vor sich. Ihr ist übel. Das Stück Dorade mit Zitronen-Dill-Sauce hatte sich etwas zu weich in ihrem Mund angefühlt, der Geschmack etwas zu fischig. Noah ignoriert Hedwigs zweite und dritte Bitte, sein Handy wegzulegen. Vor den anderen Hotelgästen will Hedwig nicht lautstark ihre Erziehungsunfähigkeit demonstrieren und lässt ihn in Ruhe. Verloren in Gedanken über ihren Sohn, der nicht einmal den Kopf hebt, wenn sie ihn anspricht, löffelt Hedwig den letzten Klecks Nougat von ihrem Teller und wundert sich über den unerwarteten Nachgeschmack. Sie hatte das Wachs mitgegessen.

8

Zum dritten Mal muss sich Hedwig aus der Liege im Relaxraum des Spas hieven. Die Polstermatte rutscht auf dem glatten Holz immer wieder nach unten. Sie findet einfach keine bequeme Position. Wellenrauschen und Möwenkreischen beschallen die sich Entspannenden aus hinter Trockengestecken aus Schilf und Weizen versteckten Boxen. Noah und Mia hat Hedwig im Bambini-Aqualand abgegeben. Die slowakische Blonde mit den tätowierten Augenbrauen würde sich noch eine Stunde um die Töchter und Söhne der Hotelgäste kümmern. Noah blickte Hedwig nur stumm und vorwurfsvoll an, als sie seine Zimmerkarte verlangt und ihn mit Mia nach unten geschickt hatte, mit der Begründung, er solle mehr Zeit mit seiner kleinen Schwester verbringen. Alexander sitzt irgendwo in einer der drei Bars des Hotels und trinkt Fichtenlikör oder Bonsaigin oder irgendeine andere überteuerte Spirituose, von der die Hotelleitung weiß, dass die Mercedes-Van fahrenden Großstädter sie ohne auf den Preis zu schauen trinken würden, weil es sie angeblich nur in diesem einen Tal hier im österreichischen Hinterland gibt. Jetzt, endlich, ist Hedwig allein, bis auf die halbnackten bis nackten Fremden, die hier wie sie im flackernden Schein des Kaminfeuers auf ihren Liegen herumrutschen, um ihre Körper in urlaubsgerechte Stellungen zu bringen.

Hedwig driftet in einen unruhigen Halbschlaf und fängt an zu träumen. Sie steht in einem leeren Raum mit schwarzen Wänden und schwarzem Boden. Eine einzelne Glühbirne an einem Kabel, das aus dem Nichts über ihr in den Raum hineinhängt, beleuchtet eine Kehrschaufel und einen Handfeger, die vor ihren Füßen liegen. Hedwig bemerkt, dass der Boden um sie herum mit etwas bedeckt ist, das wie weißes Pulver aussieht. Sie beugt sich nach unten, hebt Schaufel und Handfeger auf und fängt an, zu kehren. Doch so viel sie auch kehrt, das weiße Pulver wird nicht weniger. Sobald sie eine Fläche freigefegt hat, rieseln von irgendwoher neue weiße Schüppchen auf den schwarzen Boden. Hedwig sieht jetzt ihre Arme, die mit roten, wund geschürft aussehenden Stellen übersät sind. Sie scheinen immer größer zu werden. Sie lässt Schaufel und Besen fallen, fasst sich mit einer Hand ins Gesicht und hält sie sich vor die Augen. An ihren Fingerspitzen klebt Blut.

9

Am Sonntagmorgen fahren Hedwig und Alexander zu einem Kiosk im Tal, um Proviant für die Rückfahrt zu kaufen. Hedwig legt gerade Haferkekse und Geleebananen in den Wagen, als sie Alexander vom anderen Ende des Gangs mit einem Sechserpack Bier und zwei Flaschen Haselnussschnaps auf sich zukommen sieht. „Wir wollten Sachen für die Fahrt kaufen“, sagt Hedwig. „Das ist für nach der Fahrt“, sagt Alexander und stellt das Bier in den Wagen auf die Geleebananen. „Pass doch auf“, zischt Hedwig und zieht die zerdrückte Packung unter den Flaschen hervor. „Hast du mal bei uns zu Hause in den Keller geschaut?“, fragt Hedwig. „Wer soll das alles trinken?“ Eine ältere Dame in schlammbrauner Daunenjacke, die nur wenige Meter entfernt steht, in ihrer linken Hand ein mit eingeschweißter Wurst und Tütensuppen gefüllter Weidenkorb und in der rechten eine rote Leine, an deren Ende ein meerschweinchengroßer Hund befestigt ist, dreht ihren Kopf interessiert in Richtung Hedwigs lauter werdender Stimme. Als Hedwig zu ihr hinüberblickt, zuckt sie zusammen und lässt die Leine fallen. Sofort setzt sich der Hund tippelnd in Bewegung. „Rudi“, ruft die Frau und rennt ihm hinterher.

„Ich hätte dich letztes Jahr verlassen sollen“, sagt Alexander. Im Kofferraum klappern seine Bierflaschen bei jeder Unebenheit der Straße. Hedwig schließt für einen Moment die Augen und sucht nach einer möglichst gelassenen Erwiderung. Es gelingt ihr nicht. „Ja, genau, vielleicht hättest du dann ja mehr Energie fürs Schreiben gehabt, anstatt sie darauf zu verschwenden, sauer auf mich zu sein“, sagt sie.  Alexander schaut sie von der Seite an, schüttelt den Kopf und lacht. „Was?“, fragt Hedwig. „Hättest du mich nicht so verletzt, wäre mein Kopf vielleicht frei gewesen fürs Schreiben“, antwortet Alexander leise, dreht sich von ihr weg und schaut aus dem Fenster. „Ach, ist es jetzt meine Schuld, dass dein Talent nach einem Buch schon aufgebraucht war?“ „Hedwig!“ Alexander schreit jetzt fast. „Wegen dir hat mein Schwanz monatelang gebrannt.“

Vor gut einem Jahr hatte Hedwig Sex mit einem jungen Dichter aus dem Allgäu, den sie für ein Interview für die Reihe „Provinzpoeten“ ihres Magazins getroffen hatte. Sie taten es im Pferdestall auf dem Hof seiner Eltern. Aus den nüchtern-professionellen E-Mails, die Hedwig und er sich für die Vorbereitung des Interviews hin- und hergeschickt hatten, wurde schnell offensives Flirten. Er schien darin geübt zu sein. Hedwig fing sich einen Tripper bei ihm ein. Alexander steckte sich bei ihr an. „Das kannst du mir nicht ewig vorhalten, Alexander“, sagt Hedwig. „Dass sich die große Frau Chefredakteurin von einem 19-jährigen untalentierten Bauern ficken lassen hat?“ fragt Alexander. Sie erreichen das Hotel. Hedwig fährt etwas zu schnell in eine freie Parklücke und stößt mit dem Auto gegen den massiven Holzzaun, der das Hotelgelände umgibt. „Ich fasse es nicht, dass du mir diese Scheiße bei jeder Gelegenheit vor den Kopf knallst“, sagt sie. Sie schnallt sich ab, zieht am Türgriff und wirft sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die klemmende Autotür. Doch diesmal gleitet sie ohne Probleme auf. Hedwig fällt aus dem Auto kopfüber in den Schneematsch. Hedwigs untere Körperhälfte hängt noch im Fahrerraum. Sie winkelt ihre Beine an, stützt sich mit ihren Händen im eisigen Brei ab, geht neben dem Auto in die Hocke und versucht, nicht laut loszuschreien. Alexander taucht neben ihr auf und streckt ihr seine Hand entgegen. „Hast du dir wehgetan?“, fragt er. „Lass mich“, sagt Hedwig. Sie steht auf, klopft sich den Schnee von ihrem Mantel und läuft vom Auto weg.

10

Nach ein paar Minuten bemerkt Hedwig, dass sie völlig ziellos geradeaus läuft und der Schnee immer tiefer wird. Sie steht auf einem Feld. Vor ihr sieht sie die kurvige Straße, die ins Tal führt. Hinter ihr sieht sie in der Ferne Alexander, der noch immer neben der offenen Autotür steht und sie beobachtet. Am Himmel über Hedwig fliegen zwei Krähen, die sich in der Luft attackieren, auseinanderfliegen, um dann wieder mit einem dumpfen Rascheln gegeneinanderzustoßen. Ein paar schwarze Federn schießen aus dem Vogelknäuel und landen auf dem zugeschneiten Feld. Hedwig ist plötzlich sehr übel. Der pinke Grapefruitsaft vom Frühstücksbuffet schießt in einem dampfenden Strahl aus ihrem Mund in den Schnee.

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Sebastian Danz

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freiTEXT | Lisa Neumann

Lotte

Wir sitzen auf einer Bank im Park und genießen die Sonne. Lotte sitzt neben mir, Bella, ihre Hündin, liegt im Gras und hechelt in der Hitze.
„Ganz schön heiß, heute“, sagt Lotte und nippt an ihrem Milchshake, den ich ihr vorn an der Eisdiele gekauft habe.
Ihre dunklen, kinnlangen Haare umspielen ihr Gesicht. Ihr roter Lippenstift ist ein wenig zu grell, aber Lotte möchte gern erwachsener sein, als sie ist. Erwachsener als Valentina. Dabei hat sie meine Schwester noch nie wirklich gesehen.
„Schmeckt der?“ Ich zeige auf ihren Milchshake.
„Nach Schokolade.“
Sie grinst. Der Shake hat ihren Mund etwas dunkel gefärbt. Sie leckt sich über die Lippen, verschmiert den Lippenstift, lacht.
„Hast du mal mit ihm geredet?“
„Was?“
„Ob du mit ihm geredet hast, Süße.“
Sie ist die Einzige, die mich so nennen darf.
„Mit Jonathan?“
„Nein, mit dem lieben Gott.“ Sie rollt mit den Augen.
Ich boxe sie gegen den Oberarm. „Aua.“ Sie zieht eine Schnute.
„Hast du?“
„Nein.“
Wir sitzen in einer abgelegenen Ecke vom Park. Gut, dass uns niemand hören kann.
„Mensch, Klara. Wie soll man dich bloß verkuppeln?“
Sie seufzt, dann lacht sie. „Morgen rede ich mit ihm.“
„Nein, das wirst du nicht.“
„Werde ich.“
„Nein.“
„Doch. Hast du Schiss?“
„Ich will nicht, dass du mit ihm redest. Du kannst nicht frei machen, nur um auf unseren Schulhof zu kommen.“
Fast habe ich geschrien.
„Dann musst du mit ihm reden.“
„Ich…“
„Was?“
„Er findet mich bestimmt komisch.“
Blödsinn. Lotte grinst. Ihr Modellächeln, nennt sie das. „So müsst du wirken, im Friseursalon. Lächeln und mit den Wimpern klimpern“, hat sie mal gesagt.

Auf dem Heimweg halte ich Bella an der Leine. Sie zieht ganz schön. An der Ecke meiner Straße verabschieden wir uns. Küsschen, Küsschen. Dann geht Lotte weiter.

Als ich nach Hause komme, steht Mama in der Küche und kocht.
„Wie war die Schule?“
„Okay.“ Ich zucke mit den Schultern. Gut, dass Lotte schon arbeitet. Sonst würden wir uns die Unterrichtszeit mit spannenden Geschichten vertreiben. Lotte kennt die besten Geschichten. Unglaublich, was die Leute einem im Friseursalon so alles erzählen.
„War noch mit Lotte im Park.“
„Wann lernen wir sie denn endlich mal kennen, deine Lotte?“
„Sie arbeitet, Mama.“
„Auch am Wochenende?“
„Meistens.“
Das ist nicht wahr. Eigentlich will ich nur nicht, dass Lotte meine Eltern kennenlernt. Wer weiß, wie sie dann über mich denken würde. Das brave Mädchen von nebenan. Nee, bloß nicht!

Am nächsten Tag stehe ich lange im Flur vor dem Klassenraum, dabei bin ich bereits fünf Minuten zu spät. Ich will nicht darein gehen. Er sitzt da drin. Und wenn mich Lotte nachher fragt, ob ich Jonathan endlich angesprochen habe, muss ich schon wieder eine Ausrede erfinden. Schließlich gehe ich doch hinein. Frau Reinhardt stellt mich zur Rede.
„Hab verschlafen, sorry.“
„Habt ihr keine Wecker zu Hause?“
„Nein.“ Die Klasse lacht. Ich setze mich an meinen Platz.
Wann wohl der nächste Elternbrief kommen wird?

Ich schwänze die sechste. Lotte wartet auf mich bei unserer Bank im Park. Sie raucht.
„Hey.“ Ich setze mich neben sie.
„Schlechter Tag?“
„Jep.“
Sie reicht mir die Kippe. Ich schüttele den Kopf.
„Meine Eltern wollen dich mal kennenlernen.“ Ich weiß selbst nicht, wieso ich dies sage.
„Das geht doch nicht, Klara.“
„Okay.“ Ich zucke mit den Schultern. Ich habe sie noch nie nach dem Grund gefragt. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mal, wo genau sie wohnt. Wir treffen uns immer im Park.
„Willst du mit zu mir nach Hause kommen? Meine Schwester kommt erst um drei und meine Eltern arbeiten.“
„Sturmfrei?“
Ich nicke. Sie grinst. Wenn sie lächelt kann man ihre Zahnlücke sehen.
„Meinetwegen. Aber nur wegen dir, Klara.“

Auf dem Heimweg bin ich nervös. Ob es eine richtige Idee war, Lotte mitzunehmen? Was wird sie zu meinem Zimmer sagen? Mein Zimmer, das vollgekleistert ist mit peinlichen Kindheitsfotos und High School Musical Postern. Ich schiebe den Gedanken beiseite.
„Habt ihr Alkohol da?“
„Was?“
„Schnaps? Bier? Wodka? Champagner? Irgendwas?“
Ich schweige.
„Jetzt guck doch nicht so entsetzt, Klara.“ Sie lacht, hustet.
Lotte raucht zu viel. Aber das habe ich ihr schon viel zu oft gesagt.
„Weiß nicht“, sage ich und öffne das Gartentor.

„Bam!“, schreit Lotte und lässt den Sektkorken knallen.
„Auf uns!“ Sie dreht sich mit der Flasche und erhobenen Armen im Kreis.
„Ach was! Auf deine große Liebe? Wie heißt der noch?“
„Jonathan“, murmele ich.
„Auf Jonathan“, schreit sie und schenkt mir ein. Manchmal finde ich ihre Energie nahezu unheimlich. Dabei hat sie erst ein Bier getrunken.
Ich nippe am Glas, fühle mich schlecht. Lotte dreht die Musik auf.
„Lass uns tanzen, Baby.“ Sie zieht mich ins Wohnzimmer.
Der Bass wummert in den Wänden, pocht in meinem Schädel.

Lotte kann gut tanzen. Viel zu gut. Neben ihr komme ich mir unbeholfen vor.
„Pirouette!“, schreit sie und dreht mich im Kreis.
Ich muss lachen. Sie dreht mich. Immer weiter und weiter.
„Nein, Lotte.“ Ich schließe die Augen. „Lass das, mir wird schlecht. Mir wird…“
„Klara?“
Die Musik ist abrupt verstummt. Meine Schwester steht im Zimmer. Valentina trägt braune Lederstiefel, eine enge, schwarze Jeans und einen knallroten, knielangen Mantel. Vermutlich ahnt sie nicht einmal, wie hübsch sie in diesem Outfit ist.
Ich bleibe stehen. Lotte hält mich, damit ich nicht umkippe. Ich lehne mich etwas an sie.
„Die Musik war ja draußen zu hören“, sagt Valentina.
„Hast du schon wieder geschwänzt? Und mit wem redest du überhaupt die ganze Zeit? Wer ist diese Lotte? Sag mal, bist du betrunken?“
Ich kichere.
„Das ist nicht witzig.“ Sie bleibt vor mir stehen.
„Ich mache mir Sorgen um dich, Klara.“
Ich drehe mich um, starre in Lottes Gesicht. Sie rollt mit den Augen.

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Lisa Neumann

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