freiTEXT | Nils Dorenbeck

Gertruds Kleider

Die Bombe fiel in der Nacht zu meinem zehnten Geburtstag. Sie fiel durch das Dach und alle Stockwerke, und dann explodierte sie nicht. Auf dem Wohnzimmerteppich lag sie wie schlafend.

Da wir jetzt kein Zuhause mehr hatten, wurden wir verschickt. Das heißt: Ich wurde verschickt. Meine Brüder mussten wieder nach Frankreich. Ich kam zu Fröschkes. Die Fröschkes hatten Schokolade. Die Fröschkes hatten große Töchter, die kleinen Jungen Schokolade gaben. Dabei war ich ja gar nicht mehr klein, ich war ja jetzt schon zehn. Aber Schokolade hatten die und waren schon große Mädchen und hatten keinen Bruder. Lisbeth hieß die eine, Elisabeth eigentlich, die war sechzehn und hatte Zöpfe, links einen und rechts einen, die machte sie auf am Abend und kämmte sich lange und lachte mich aus, weil mein Mund offen stand, wenn ich zusah am Abend.

"Willste noch Schokolade?"

"Nee."

"Hab auch keine mehr. Darf dir auch nicht so viel geben."

"Will ja auch keine mehr."

"Was willste denn?"

"Nichts."

Und die andere hieß Anna. Die hatte nur einen Zopf, hinten, der war dafür länger; die war auch schon größer. Die hatte schon einen Soldaten. Sagten sie, aber der war nie da. Nur Anna war da. Und Lisbeth. Und die Eltern von Anna und Lisbeth waren da, die waren schon alt. Und Lisbeth kämmte ihr Haar glatt am Abend, und Anna stand schweigend am Tor schon am Morgen und wartete auf Post vom Soldaten. Wenn welche kam, rannte sie auf ihr Zimmer und schloss die Tür ab hinter sich und kam nicht mehr raus da für Stunden, denn der Soldat hat sehr lange Briefe geschrieben. Aber Anna hat nie was erzählt von dem, was er schrieb von der Front. Ich hab auch nie gefragt. Nur Herr Fröschke hat gefragt.

"Was hat er denn geschrieben?"

"Nichts."

"Irgendetwas wird er wohl geschrieben haben."

"Er hat aber nichts geschrieben!"

"Warum schickt er dann Briefe, wenn doch nichts drin steht?"

"Ach Papa!"

"Wo stehen sie denn?"

"Ist doch gleich."

"Nein, das ist nicht gleich, im Krieg ist es nie gleich, wo man steht mit seiner Einheit. Ich habe damals deiner Mutter immer geschrieben, wo wir standen, obwohl wir monatelang in unseren Stellungen hockten."

"Da wird die Mama sich aber gefreut haben."

"Jetzt werd noch frech!"

Und dann floh Anna wieder auf ihr Zimmer und schloss die Tür ab hinter sich, und Herr Fröschke hat erzählt, wie das war in seinem Krieg, wenn sie wochenlang in ihren Stellungen hockten und immer die gleichen Briefe nach Hause schickten. Denn es stand immer das Gleiche drin in den Briefen. Weil sie ihre Stellungen nie verlassen haben, weil die Front sich nicht bewegte, weil jeden Tag das Gleiche passierte, und weil man das, was passierte, nicht nach Hause schreiben konnte und schon gar nicht an sein Mädchen. Aber sein Mädchen hat er geheiratet nach dem Krieg, und sein Mädchen war froh, als es sich nicht mehr ängstigen musste über Briefen, in denen immer nur stand, wie schön der Himmel war über Frankreich. Herr Fröschke hat dann immer sehr lange erzählt, und ich glaube, er hat manches erzählt, was er seinem Mädchen nicht geschrieben hat. Ich war ja ein Junge. Und sein Mädchen ist dann der Anna nachgegangen und hat sie nach dem Brief gefragt, glaube ich, aber anders als Herr Fröschke, glaube ich, und ist dann sehr lange bei der Anna geblieben und hat auch erzählt von dem Krieg von Herrn Fröschke, aber auch anders. Und ich hab Herrn Fröschke zugehört und an Lisbeth gedacht, der ich auch gerne aus Frankreich geschrieben hätte.

Lisbeth aber interessierte sich nicht für den Krieg ihres Vaters und war immer froh, wenn er fertig erzählt hatte. Und manchmal war sie auch froh, wenn ich dann nicht wusste, was ich machen sollte, und dann hat sie mich manchmal gefragt, ob ich ihr nicht ein Bild malen wolle. Malen konnte ich ja, sogar besser als meine Brüder, und das haben sogar die gesagt, wenn ich Männekes malte auf dem Zeitungsrand, denn Papier war knapp. Und einmal hat sie mich gefragt, ob ich ihr nicht ein Bild von ihr malen wolle. Und ich hab ja gesagt.

Als das Bild fertig war, wollte ich es ihr nicht zeigen. Aber ich hatte es ja für sie gemalt, und also musste ich. Sie hat es sich lange angeschaut und nichts gesagt. Und dann hat sie gesagt, dass das Bild schön sei, und ich bin rot geworden und hab gesagt Du-bist-auch-schön. Und Lisbeth hat mich so angeschaut mit ihren Zöpfen.

Und einmal hat auch Frau Fröschke etwas erzählt, weil wieder so lange kein Brief da gewesen war von dem Soldaten, und das hatte auch mit Mädchen und mit Soldaten zu tun. Da war sie noch jung gewesen, noch jünger als Anna, noch jünger als Lisbeth, noch kleiner als ich, ein richtiges Kind noch, und das war noch vor dem Krieg von Herrn Fröschke gewesen, aber Soldaten gab's da auch schon und Mädchen. Frau Fröschke war da ein ganz kleines Mädchen und hatte eine Freundin, die hat sie immer besucht nach der Schule. Und die Freundin hatte eine Schwester oder eine Cousine, die war schon groß und hatte schöne Kleider in ihrem Schrank und viele davon – so viele und so schöne, dass die Freundin von Frau Fröschke immerzu davon erzählt und damit angegeben hat, was ihre große Schwester für Kleider hat. Und Frau Fröschke hat gesagt Das-stimmt-ja-gar-nicht, und die Freundin hat gesagt Es-stimmt-doch, und das ging ein paar Mal so hin und her. Und dann hat die Freundin von Frau Fröschke nichts mehr gesagt und bloß noch geguckt, weil sie so tief Luft geholt und dabei ganz große Augen gekriegt hat, und dann hat sie gesagt: "Und wenn ich sie dir zeige!" Und da hat Frau Fröschke vor Schreck gar nichts drauf gesagt.

"Aber du darfst es nicht meiner Schwester verraten."

"Ich sag nichts, versprochen."

"Los. Komm."

"Ja."

Und dann sind sie in das Haus geschlichen von den Eltern von der Freundin von Frau Fröschke und waren beide ganz aufgeregt, und die Freundin hat den Kleiderschrank von der Schwester aufgemacht ganz leise, und Frau Fröschke hat den Mund nicht mehr zugekriegt vor Staunen, so schöne Kleider hatte die Schwester von ihrer Freundin! Und Frau Fröschke war ganz neidisch auf die Schwester von ihrer Freundin, und ihre Freundin war auch neidisch auf ihre Schwester, aber außerdem stolz, weil Frau Fröschke noch neidischer war als sie selbst, weil das ja nicht ihre Schwester war, die so schöne Kleider hatte. Aber weil Frau Fröschke ihre beste Freundin war, hat sie sie getröstet und mit noch mehr Stolz und noch mehr Neid gesagt: "Die Gertrud hat ja auch schon ‘nen Soldaten!"

Jedenfalls ist Frau Fröschke ganz schnell nach Hause gelaufen und hat geweint und hat zu ihrer Mutter gesagt: "Mama, Mama, ich will auch ‘nen Soldaten!“ Und ihre Mutter war schrecklich entsetzt und hat mit ihr geschimpft. Aber ihr Vater hat sie in den Arm genommen und hat sie gestreichelt und gesagt: "Sei still, du kriegst gleich zwei."

So war das. Das hat Frau Fröschke beim Abendessen erzählt, und Herr Fröschke hat nichts mehr gesagt. Und Lisbeth hat so komisch auf ihre Schwester geschaut, und die hat gelächelt, und Frau Fröschke auch. Und abends im Bett hab ich an Lisbeth gedacht, die auch Kleider trug und schön war und gut roch, und der ich aus Frankreich geschrieben und die ich dann geheiratet hätte, denn die Lisbeth war knorke, und ich weiß nicht warum.

Am nächsten Tag war dann endlich wieder ein Brief da. Aber nicht von dem Soldaten, sondern von seinen Eltern, und Anna hat viel geweint.

 

Nils Dorenbeck

 

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freiTEXT | Simone Alber

Sinnlosigkeitsprobleme wirksam bekämpfen

Wenn man von einem Sinnlosigkeitsproblem befallen ist, sollte man nicht am Samstagvormittag zum Edeka gehen.

Ein Sinnlosigkeitsproblem krallt sich grau und schwer im Gehirn fest und wabert einem neblig trüb ums Gesicht herum. Es ernährt sich von der Lebensfreude seines Wirts und saugt ihm den Elan aus den Gliedern. „Wozu das alles.“, flüstert es. „Macht doch eh keinen Sinn.“ Ein Sinnlosigkeitsproblem ist in keiner Lebenslage förderlich, aber es gibt doch Tätigkeiten, die kann man trotz akutem Befall einigermaßen ausüben.

Putzen zum Beispiel ist auch mit Sinnlosigkeitsproblem möglich. Das Sinnlosigkeitsproblem motzt dann zwar: „Wird doch eh wieder dreckig!“, aber wenn es die frisch geschaffene Sauberkeit sieht, wird es ein wenig kleinlaut, und das Gemotze wird leiser.

Keller aufräumen, Steuererklärung machen, einen Pulli kaufen: alles Dinge, die sich trotz Sinnlosigkeitsproblem einigermaßen bewerkstelligen lassen.

Man kann mit einem Sinnlosigkeitsproblem auch relativ entspannt vor dem Fernseher sitzen. Das Sinnlosigkeitsproblem hockt daneben und mault vielleicht leise vor sich hin, aber durch die Fernsehberieselung wird es eingelullt und drängt sich nicht in den Vordergrund.

Richtig empfehlenswert ist Kino. Wenn man einen guten Film erwischt, kann es sein, dass das Sinnlosigkeitsproblem gar nicht erst mit rein kommt. Es wartet draußen, oder es geht schon mal nach Hause, und wenn man Glück hat, findet es den Heimweg nicht, und man ist es für eine Weile los.

 

Auch Joggen ist eine Möglichkeit, um es loszuwerden. Das Sinnlosigkeitsproblem ist eher unsportlich. Wenn man einigermaßen trainiert ist, kann man ihm davonlaufen.

Wäsche aufhängen dagegen ist nicht empfehlenswert bei akutem Sinnlosigkeitsproblem-Befall. Bei dieser Tätigkeit hockt es einem schwer im Nacken, so, und es flüstert einem ins Ohr: „Schon wieder diese Socken, schon wieder diese Unterhosen. Die hast du letzte Woche auch schon aufgehängt. Und morgen wirst du sie wieder abhängen. Und nächste Woche wieder aufhängen. Und dann wieder abhängen.“

Ja, beim Wäsche aufhängen fühlt sich das Sinnlosigkeitsproblem bestätigt.

Aber samstags beim Edeka, da entfaltet es sich zu seiner ganzen Größe. Da trumpft es richtig auf.

Schon die Tiefgarage ist seine Welt. Es schmiegt sich an die grauen Betonpfeiler, und man atmet es ein mit der kalt-feuchten Luft. Es suhlt sich im schmutzigen Wasser der Pfützen. Im Scheppern der Einkaufswagenräder hört man seine Stimme: „Wozu, wozu, wozu.“ Es quetscht sich mit hinein in den Aufzug. Neben die Aufzugknöpfe hat es einen alten Kaugummi geklebt, der seine Botschaft verbreitet: Hoffnungslos. Trostlos. Sinnlos.

Am Pfandflaschenautomat glotzt es einem aus dem Rohr entgegen, in dem die Plastikflaschen verschwinden und sofort geschreddert werden. Aus den überquellenden Süßigkeitenregalen höhnt es: „Auspacken, fressen, wegwerfen. Plastikschwemme. Karies.“

So richtig wohl fühlt es sich in den Gesichtern der Menschen, die einem auf dem Rollband auf dem Weg nach unten entgegenkommen. Müde, graue Sinnlosigkeitsgesichter mit bitteren Kerben um den Mund. „Und ich, und ich?“, fragen die Gesichter. „Wann bin ich dran? Und wer liebt mich?“ Das Sinnlosigkeitsproblem lässt ihre Leben jämmerlich und klein erscheinen.

Das Sinnlosigkeitsproblem klebt in den ungewaschenen Haaren der jogginghosigen Schlurfeinkäufer und ruft zur Resignation auf: „Wozu die mühevolle Prozedur mit dem Shampoo auf sich nehmen! Übermorgen sind sie eh wieder fettig.“

Kartoffeln, Bananen, Haferflocken, Nutella, Mehl, Spaghetti, Salami, Milch, Eier, Joghurt, Emmentaler. Ja, ja, und dann zum Schluss das Klopapier. Das Sinnlosigkeitsproblem nickt sinnig vor sich hin.

Der Wagen voll, das Überleben wieder für eine Woche gesichert. „So viel Mühe!“, sagt das Sinnlosigkeitsproblem. „Und wozu? Arbeiten, Geld verdienen, Einkaufen, Ausräumen, Einräumen, Kochen, Essen, Spülen. Ein ewiger Kreislauf. Und wozu? Alt werden. Sterben.“

Das Sinnlosigkeitsproblem ist kein angenehmer Zeitgenosse. Und Menschen, die von ihm befallen sind, sind ebenfalls unangenehm. Sie sind meist griesgrämig und schlecht gelaunt. Wenn man etwas von ihnen will, werden sie pampig. Und wenn man nett zu ihnen ist, fangen sie an zu heulen.

Wer ein Sinnlosigkeitsproblem hat, sollte möglichst nicht samstags zum Edeka gehen. Besser ist es, darüber zu schreiben. Schreiben findet das Sinnlosigkeitsproblem langweilig. Das gleichmäßige Flüstergeräusch des Stifts auf dem Papier macht es müde. Und in einem aktiven Gehirn kann es sich so schlecht festkrallen. Irgendwann schläft es ein und fällt ab. Da liegt es dann in seiner ganzen aufdringlichen grauen Hässlichkeit und schnarcht vor sich hin. Dann sollte man ganz leise den Stift aus der Hand legen und sich vorsichtig aus dem Zimmer schleichen. Pssssst! Tür zu!

 

Simone Alber

 

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freiTEXT | Thomas Büch

Erinnerung an eine Insel

1.

Ringemeier saß im Nachtbus und bestand beinah vollständig aus Heimkehr. Dabei entzog sich ihr gerichtetes Existieren durch den Ortswechsel jeder Sehnsucht. In Ringemeiers Vorstellung war die Dunkelheit (von Sternen einmal abgesehen) ein vollkommen durchsichtiges Objekt in den weiß behandschuhten Händen ältlicher Pärchen, welche niemand mehr als Eltern beschrieb. Mag sein, dass Mütter, lange in der offenen Tür stehend und von einer gewaltigen Schafherde umgeben, mit nachtblinden Augen auf die ausbleibende Tochter warten. Mag sein, dass die Probleme beginnen, wenn die gute Erde in all ihrer Kugelförmigkeit sämtliche Grenzen an die Endlosigkeit verliert. Mag sein, dass spät nur eine Kategorie von Zeit darstellt. Ringemeier fuhr nach Hause. Sie war größtenteils keine zwanzig Jahre alt.

2.

Schneidinger liebte für sein Leben an R.'s Haut einzig und allein ihre Muttermaligkeit und obwohl man annehmen darf, dass es sonst niemanden auf dieser Welt gab, dem er ein Gefühl entgegenbrachte, das Zuneigung zumindest annähernd ähnelte, sprach er nie von Haut, sondern immer bloß von Integument, so sehr war er Gefangener einer Sprache, die das Verletzlichsein als Konzept des Miteinanders leugnete. Es kann daher kaum wundernehmen, dass er letztlich sogar in weitaus höherem Maße seiner Sterblichkeit zum Opfer fiel, als dies üblicherweise Angehörigen des männlichen Geschlechts möglich ist.

 

3.

In dem kleinen, ein bisschen verwilderten Gärtchen unserer Protagonistin lebte aber noch viele Jahre ein Maulwurf mit einem siebenzackigen hellen Fleck auf der Stirn. Sie hätte ihn gerne einmal einem ihrer Besucher gezeigt, nur kamen die immer erst in tiefer Nacht, und musste daher dieses pelzige Ding auch einer sehr überschaubaren Miniaturwelt zugehörig erscheinen, so hätte doch kein Mensch je die zum Gestreicheltwerden geschaffene Geschmeidigkeit seines Fells vergessen mögen oder die glücksverlorenen Quieklaute des Winzlings, wenn er sich am Köpfchen kraulen ließ.

4.

Wir alle sind Teil einer vollkommen linear erzählten Geschichte und falls es uns zuweilen auch so vorkommen mag, als bedürfe unsere Flüchtigkeit eines vielstimmigen Chores von Chronisten, wollen wir gleichwohl nie der Kränkung anheimfallen, sofern uns das Gegenteil bewiesen wird.

5.

Es dämmerte schon sehr zum folgenden Tag hin, als der inzwischen arg ramponierte Bus in die Hofeinfahrt einbog. Zu solch exzentrischer Besuchsstunde hielt sich das Empfangskomitee in engen Grenzen, aber ein paar Schafe standen herum. Manch einer wäre ob der Begrüßung durch spärliche Blöklaute und vereinzelte neugierige Blicke enttäuscht gewesen, Ringemeier indes sprang lachend aus dem Führerhaus, und am Himmel leuchtete der Morgenstern aus dem ungeheuren Licht seiner Möglichkeit.

 

Thomas Büch

 

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freiTEXT | Achim Stegmüller

Verfolgungen

1

„Ich war nicht immer so allein. Ich hatte mal eine Freundin. Wie ich nach ihr Sehnsucht habe. Wäre ich mit ihr zusammen geblieben, hätte mein Leben einen anderen Verlauf genommen. Ich wäre um die Sonne gekreist und nicht um den Mond. Ich säße nicht andauernd hier im Treppenhaus. Sie hat sich immer einen Hasen gewünscht. Einen kleinen weißen Hasen mit roten Augen. Ich habe diesen Wunsch nie erst genommen. Und dann hat sie mich an dem Tag, als ich ein Referat über Strukturwandel im Ruhrgebiet hielt, verlassen. Ich habe es nicht verstanden. Ich war noch beschwingt vom Lob meines Professors. Sie sagte: Du hast mir keinen Hasen gekauft. Und ich: Was? Sie: Du hast mir keinen Hasen gekauft, und deshalb verlasse ich dich. Ich kann ja nicht ewig darauf warten, dass man mir einen Hasen schenkt.“

2

„Ein weißes Monster verbreitet Angst und Schrecken. Es ist so groß wie zehn Eisbären. Wenn es nur einmal sein Maul so richtig aufreißt, ist schon ein halbes Reisbauerndorf weg. Wer kann, der flieht. Und wohin dieses weiße Monster auch kommt, überall sind die Dörfer und Städte schon verlassen. Das weiße Monster wird immer hungriger! Das Monster stößt auf ein neues Dorf. Alle Bewohner sind über Nacht geflohen, nur ein kleines Mädchen ist vergessen worden. Ein Waisenmädchen, eines aus dem Ausland, mit einer anderen Hautfarbe, eines, das die einfache Arbeit im Stall verrichtet. Und wie das Mädchen am frühen Morgen aufwacht, schaut es in die Augen des Monsters. Sie findet diese Augen nett. Das Monster nimmt sie in seine Pranken und hebt sie hoch in die Luft. Das Mädchen fühlt sich wie eine Königin. Sie zeigt dem Monster die Wasser- und Speichervorräte des Dorfes, damit es sich stärken kann. Und dann geht das Mädchen voraus und das Monster hinterher und wie sie so gehen wird das Monster immer kleiner, wird zu einem Hasen. Und noch bevor sie in der nächsten Stadt ankommen, weiß schon jeder: Das kleine Mädchen hat das weiße Monster gezähmt. Man feiert Feste für das Mädchen und das Monster, baut Tempel für sie, aber sie mögen die Stadtluft nicht und ziehen weiter. Erst in einem kleinen Dorf fühlen sie sich wohl. Das Mädchen bekommt dort eine warme Suppe, der Hase Salatblätter. Mit dem Mädchen und dem Hasen kehren Wohlstand und Reichtum in das Dorf ein.“

 

 

Achim Stegmüller

 

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freiTEXT | Frederike Schäfer

Hugo

1

Ich stehe in einer überfüllten Küche und versuche, gelassen am Kühlschrank zu lehnen. Ich bin Studentin, ich bin auf einer Party. Ich finde das toll, ich muss das toll finden, mich wohlfühlen. Der Kartoffelsalat suppt vor sich hin, das warme Bier in der Wanne mit abgestandenem Wasser, vor einigen Stunden bestimmt frisch und kühl, jetzt den steigenden Temperaturen der Dachgeschosswohnung mit undefinierbarem Teppichboden ausgeliefert. Ich tippe auf Olive. Mit lilafarbenen Tupfen. Und piksen tut er auch. Ein bisschen wie Schmirgelpapier unter den nackten Füßen.

„Sockenparty“, hat Judith gerufen, als wir im fünften Stock ankamen.

„Jaa“, habe ich gesagt und nur gedacht, lustig, ich trage gar keine Socken.

Ja, denke ich, Party. Im Flur sitzen die anderen in einem großen Kreis, die Beine in die Mitte gestreckt. Sieht ein bisschen aus wie eine große, triste Blume, die morgen ihre Eltern besuchen wird und erzählt, wie wahnsinnig toll doch diese Party war. Und ihre Eltern werden sagen: „Jaja, diese Studenten. Als wir noch jung waren ...“ Ich will nicht Teil der Blume sein, aber in der Küche will ich eigentlich auch nicht sein. Um ehrlich zu sein, möchte ich überhaupt und gar nicht auf dieser Party sein. Es ist mittlerweile so eng, dass ich mich kaum rühren kann. Mein Kopf ragt unnatürlich weit in den Raum, weil sich hinter mir ein Gewürzregal befindet und ich meinen Kopf schlichtweg nicht anders halten kann.

Ich nehme mir ein zimmertemperaturwarmes Beck's Holunder und denke nur: Idiotenapostroph.

„Hat jemand einen Flaschenöffner“, fragt mein nach vorne gereckter Kopf.

„Klar“, sagt der Typ neben mir und öffnet meine Flasche mit seiner. Er braucht sechs Anläufe.

„Ich bin Hugo“, sagt er.

„Ich bin Frida“, sage ich.

„Hallo, Frida“, sagt er.

„Hi“, sage ich.

Wir trinken jeder einen Schluck, und irgendwie kommt es dazu, dass Hugo mir Fotos von Kleinkindern zeigt.

„Weißt du“, sagt er, „nur, weil ich ein Mann bin, kann ich Kinder ja trotzdem süß finden, so gar nicht sexuell, meine ich. Aber man muss sich immer irgendwelche perversen Witze anhören. Ist zum Kotzen.“
„Ja“, sage ich. „Ist echt beschissen.“

„Dabei“, sagt Hugo, „ist das doch voll okay. Ich meine wegen Frauenquote und so. Da darf ich doch wohl in einem Kindergarten arbeiten, oder nicht?“

„Ja“, sage ich. „Klar.“

Hugo packt sein Handy weg. Ich sage Handy und nicht Smartphone.

Hugo fragt: „Wollen wir vielleicht woanders hingehen? In Ruhe quatschen?“

„Ja“, sage ich. „Klar, gute Idee.“

Wir gehen in Judiths zehn-Quadratmeter-Zimmer und setzen uns auf die Matratze, die versucht, ein Bett zu sein, aber einfach nur eine harte Matratze auf einem kratzigen Teppichboden ist. Aber es ist ruhig, „zum quatschen“.

„Ich trinke ja keinen Alkohol“, sagt Hugo.

„Ach so“, sage ich, „wie kommt's?“, und trinke einen Schluck von meinem Beck's Holunder.

Hugo zuckt mit den Schultern. „Ach, war 'ne schwierige Zeit, also in der Schule. Alkohol und so. Hab dann entschieden, dass ich das nicht mehr brauche.“

„Ja“, sage ich. Mehr fällt mir nicht ein.

„Ja, auch mit Mobbing und so. Ich war auch richtig fett. War dann erst mal im Kindergarten und jetzt halt hier.“

„Wow“, sage ich. „Super, cool“, sage ich bestimmt auch noch. Hugo ist doch ganz in Ordnung.

2

Wir liegen auf einem neunzig-Zentimeter-Kinderzimmerbett im Haus seiner Eltern. Es müffelt. Irgendwie nach dreckigem Mann mit einer Spur Axe irgendwas.

Wir sind nackt. Ich liege unten. Meine Beine sind gespreizt, er auf mir drauf. Er schwitzt, und sein Rücken ist haarig. Wir küssen uns. Mit Zunge. Eigentlich mag ich das nicht, weil ich es nicht schaffe, meinen Speichelfluss zu kontrollieren, aber gut. Jetzt ist seine Hand zwischen meinen Beinen und versucht allem Anschein nach, seinen Penis in meine Vagina zu befördern. Irgendwie.

„Warte mal.“

Das war ich. Ich drücke Hugo von mir weg und wische mir schnell mit der Hand über den Mund.

Hugo sagt: „Äh.“

„Äh“, sage ich nicht, sondern: „Ich hab dir doch gesagt, dass ich nicht mit dir schlafen will. Also, nicht so, zum ersten Mal, meine ich. Ich will mit niemandem zum erstem Mal schlafen, der nicht mein Freund ist, das habe ich dir gesagt. Also, also richtig, meine ich, ein richtiger Freund, mein richtiger Freund.“

„Ja ...“, sagt Hugo. Mit drei Punkten am Ende, ohne zu erklären, wofür die drei Punkte stehen.

„Und ohne Kondom schon gar nicht“, sage ich.

„Ja, äh“, sagt Hugo, „also, es ist so, mit ist das für mich einfach nicht gut. Ich spür da nichts.“

Ich sage nichts.

Hugo sagt: „Ich hab ja auch keine Krankheit oder so. Ehrlich.“

Ich sage nichts.

Hugo küsst mich. Mit Zunge. Ich küsse ihn auch. Ich weiß nicht, wie lange wir uns küssen. Und ich liege immer noch so da, mit gespreizten Beinen. Alles andere würde auch keinen Sinn machen, wenn ich meine Beine lang ausstrecken würde, oder so. Oder wir nebeneinander lägen. Keinen Sinn. Und so ist das ja auch okay. Ich meine damit, Hugo ist schon okay. Lecken ist okay, und ich habe ihm auch einen runtergeholt. Das war in Ordnung. Und jetzt das Küssen, das ist auch in Ordnung. Er mit seiner Zunge, wie ein raues, kleines Tier in meiner Mundhöhle. Und jetzt bewegt er sich ein wenig. Sein Körper ist meinem so nahe, und ich merke erst gar nicht, was da passiert, da ist plötzlich nur so ein Schmerz, so ein Schmerz irgendwie in mir drinnen. Und ich realisiere: Okay, dann habe ich jetzt wohl Sex. So zum ersten Mal. Das ist scheinbar in Ordnung. Und es fühlt sich in mir ein bisschen so an wie beim Schulsport, wenn man durch die Halle rennt und stolpert und mit seiner nackten Haut über den Hallenboden rutscht. Und diese Haut, die gibt nach, und die reißt und die brennt, und gleichzeitig ist da dieses Gefühl von Kälte, das mit dem Schmerz kommt. Und ich, ich liege ganz ruhig da und bewege mich nicht und hoffe, hoffentlich sieht er den Schmerz nicht und die Kälte. Hoffentlich sieht er das nicht. Stattdessen sage ich: „Das tut weh.“ Und Hugo bewegt sich nicht mehr.

„Mann, tut mir leid“, sagt er. Und er küsst mich. Ich weiß nicht, ob ich das will.

Ich küsse ihn auch. Und Hugo bewegt sich jetzt, er wird richtig schnell und stößt und macht Geräusche. Und je länger er sich bewegt, desto weniger spüre ich den Schmerz. Und plötzlich bricht Hugo einfach zusammen, als wäre er bewusstlos. Er rollt sich neben mich, aber er ist nicht bewusstlos. Sein Augen sind zwar geschlossen, aber er lächelt. Ein seliges Lächeln ist das. Und aus mir, aus mir suppt eine warme, klebrige Flüssigkeit. Und mir wird übel, mir wird richtig übel. Und ich sage: „Ich muss mal auf die Toilette.“ Und irgendwie tut es jetzt wieder weh, so richtig weh. Ich pinkel, und es brennt, und da ist Blut. Aber das ist schon okay, das mit dem Blut, so beim ersten Mal.

Und ich komme zurück in sein Zimmer, und Hugo sitzt am Schreibtisch an seinem Computer, und er sagt: „Hey, kann ich eine Runde zocken?“

Und ich sage, „klar“, und lege mich auf das Bett.

„Du bist echt super“, sagt Hugo.

„Dann sind wir jetzt wohl in einer Beziehung“, sagt Hugo.

„Ja“, sage ich, „dann sind wir wohl in einer Beziehung.“

 

3

Ich nenne Hugo nicht mehr Hugo. Ich sage „Ügó“, französisch.

 

Frederike Schäfer

 

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freiTEXT | Peter Sipos

Schnee bei uns

Schon als ich dich kennenlernte, wusste ich, dass es niemals klappen wird zwischen uns. Wir leiden einfach beide zu viel. Wenn wir miteinander schlafen, dann sagst du oft, du fühlst dich wie eine Heldin, aber ich glaube du bist keine Heldin. Ich kann diese Sprüche nicht leiden und das solltest du wissen. Die Sonne scheint heute und es liegt Schnee auf unserem Grundstück, was eigentlich nicht sein kann, aber bei uns liegt immer Schnee. Wir sitzen im Garten und du willst nicht reden. Ich finde immer, dass du etwas mies drauf bist, wenn die Sonne scheint, aber du schließt nur die Augen und sagst, du wärst sonnenempfindlich, was nach meinem Empfinden nicht stimmt. Ziehen wir weg von hier, sage ich, ich kann diesen Schnee nicht mehr haben, ich sage das schon ewig. Ach, hör auf, sagst du, ich finde es schön hier, wir haben sogar Eiszapfen. Und ich bin genervt, weil du das immer machst: mich ablenken, wenn ich melancholisch werde. Das ist nicht wahr, sagst du dann und ich erkläre dir: Hör zu, Mell, du musst endlich aufhören, mir zu sagen, wer ich sein darf, du sprichst so selten gut zu mir. Und nach einer Weile frage ich: Hast du Hunger? Es ist anders, wenn ich esse, weil ich brauche Essen, damit ich nicht friere. Ich kaue den Salat und sage: wir müssen etwas ändern. Als ich dann aufgegessen habe, sitzen wir am Küchentisch und wir sind weiterhin nicht verheiratet. Es geht zu Ende mit uns, das weiß ich schon lange. Was soll man schon tun, frage ich. Du nickst, wie vorgestern auch schon. Ein verwachsenes Ehepaar wäre auch nicht schön, sage ich, weil ich vermute, dass du dasselbe denkst. Wir sind kein Ehepaar, sagst du. Ich finde, das war jetzt taktlos, sowas Eindeutiges zu sagen. Es ist kalt, sagst du, es war schon immer kalt in diesem Haus. Wieso bist du schon wieder so gereizt, frage ich indem ich dich über den Tisch hinweg streichle, mit der flachen Hand. Wir lachen heute schon gar nicht. Hallo, ich gehe jetzt, sage ich, weil du mich nur dann in Frieden lässt, wenn ich Quatsch rede. Das Lügen ist meine Spezialität, sage ich. Das Lügen ist nicht deine Spezialität, sagst du, wenn schon ist das Lügen deine Allergie. Und es ist endlich etwas dabei in deinen Worten, etwas das mitklingt, wie wenn eine Brise auch noch riecht, das heißt gut riecht, egal. Komm gehen wir jetzt endlich nach Hause, könnte ich dir befehlen aber wir sind ja noch Kinder, wir sind noch Kinder im Herzen, da brauchen wir keine Kinder kriegen. Es ist alles so chaotisch mit dir, hätte ich sagen können, als wir uns kennenlernten, damals, als wir hier einzogen. Aber stattdessen habe ich nur Unsinn geredet und meine Lippen gespitzt, wie auch heute. Spitze Lippen machen mich scharf, sagtest du einmal und ich weiß nicht warum, aber dieser Satz blieb immer in meinem Kopf. Eine Liebe ist das nicht. Wir blinzeln. Mell, rufe ich und du schaust kurz zur Decke hinauf, Mell, wir müssen gehen jetzt, unser Flugzeug startet. Ich verlasse dich, sagst du dann. Ich bin kein richtiger Mensch, ich mache alles schlimmer, ich habe keine Ambitionen und wenn ich hinfalle, dann bleibe ich liegen, weil von alleine aufstehen werde ich sicher nicht. Mell, lass uns gehen, Mensch, wenn wir den Flug verpassen, dann bleiben wir hier, was machen wir dann? Du schaust mit zusammengezogenen Augenbrauen auf meinen Brustkorb. Wenn du nur in meine Augen schauen würdest, dann könnte ich dich überzeugen, mit mir zu fliegen. Aber wir bleiben im Haus, das eigentlich schon immer nur ein Nebenhaus war. Das Nebenhaus von irgendeiner Fabrik oder so. Vielleicht kommt der Schnee von da. Wenn alles so bleibt, sage ich, dann ist es aus zwischen uns. Du machst die Tür zum Garten auf, also packe ich meinen Koffer. Dann schaust du mir dabei zu, weil du mich bestimmt vermissen wirst. Ich habe jetzt gepackt, sage ich und drehe mich zu dir um. Rauchen wir eine, fragst du und ich fühle mich, als hätte ich eine Scheidung hinter mir. Zumindest hasst du mich nicht. Draußen blickst du mir noch hinterher, dann nimmst du einen Kieselstein aus dem Schnee und wirfst ihn in die Ferne.

 

Peter Sipos

 

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freiTEXT | Karsten Sirach

Der Nachlass

Nach den von ihm persönlich gemachten Angaben hat Patient X - jung, kräftig, groß - über Jahre hin von ihm so genannte niedere Tätigkeiten ausgeübt, schreibt der Nachtarzt der Charité spät am Abend in seinen Bericht. Überleben!, sagte Patient immer wieder und: Hören Sie das! Welche Tätigkeiten, dazu gibt es keine weiteren Angaben. Er könne sich nicht mehr erinnern, was er wann wo und wie lange getan habe. Er wisse auch nicht mehr, wie er heiße oder wo er herkomme oder wo er wohne. Patient kam ohne Papiere. Angehörige konnten daher keine ermittelt werden. Patient hat sich selbst eingeliefert, nachdem er bemerkt habe, dass er die Verrichtung alltäglicher Handlungen kaum noch bewältigen kann und demnach auch die Fähigkeit zu jeder Art von Beschäftigung nicht mehr besitze. Dafür hat Patient keine Erklärung. Nur, dass jeder ergriffene Gegenstand sich schon nach kurzer Zeit seiner Aufmerksamkeit entziehe. Auch seinen Händen. Und auch jeder Mensch, mit dem er ins Gespräch kommen würde, wäre nach kurzer Zeit schon aus seiner Aufmerksamkeit verschwunden. Auch jedes Bild, jeder Ort, jeder Vorgang. Hören Sie das!, sagte Patient immer wieder und: Angst! Die üblichen Untersuchungen wurden durchgeführt. Auch verschiedene Experimente. Keine Spuren von Missbrauch. Weder geistig noch körperlich konnte eine Beeinträchtigung festgestellt werden. Beim Entlassungsgespräch hat Patient X sich um einen Posten als Nachtwächter beworben, schreibt der Nachtarzt der Charité früh am Morgen in seinen Bericht. Seine Bewerbung wurde aber auf Grund der oben genannten Tatsachen abgelehnt.

 

 

Karsten Sirach

 

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freiTEXT | Christoph Michels

in schnitten

die scheibe herunter, zum ineinander, kreuzend, sich verflechtend, im immer neuen, und von allen seiten, damit kein blick dahinter. in diesem rauschen, das sich monoton, seit stunden, legt es sich grau, als ob nie wieder etwas anderes - -

ein lkw, der langsam näher, zum dröhnen, im nebeneinanderher und wie angehalten:

der fahrer, angezogenes knie, aufgestützter ellbogen, hält er eine kippe, der rauch senkrecht. sein grauer bart, der tatoowierte oberarm, die augen geradeaus. plüschwürfel an der windschutzscheibe. und der rauch senkrecht und er unbeweglich, jeder in seinem.

scheibe still asphalt regen wimper angst, fließend, gespiegelt, zerschnitten.

und der wald sich dann doch, hinter der leitplanke, im flimmern, baum neben baum gestellt, im berechneten, ihre reihen, endlose reihen und alles in ihre struktur:

wald felder windräder, ein dorf, zur unvorstellbarkeit verflacht, die wiesen von hecken getrennt, ein tankstellen-hinweis auf einem anhänger in ein feld gestellt, reihen aus solarpanelen, schwarz zu silber, im vorbei, nebeneinander aufgereihte kühe.

zwei rehe, mit gesenkten köpfen im zerregneten gras, als ob auch sie dort hingestellt.

der versuch den blick zurück, der sich dann im flimmern der leitplanke und erst im horizont der felder wieder still.

als der bus bremsend, gekurve, betonklötze und der regen jetzt senkrecht die scheibe, das grau zerschneidend, der sich zusammenziehende blick, zum stechen ins hirn.

anhalten anfahren anhalten, „keine pause, gleich weiter, dankeschön“, aussteigende die in den gepäckfächern, dann durch die wartenden. einsteigende lassen andere auf dem parkplatz, in ihrem flach, das immer gleiche, sich kein name im beton.

die ruhe dann, als jeder auf seinem platz, dass sich die stadt noch immer im kopf, in jedem ihrer geräusche, verschachtelt, nicht mehr auseinander, zum hintergrund – dann vom anfahren geschluckt.

und der asphalt sich wieder, in seinem geradeaus, im ewigen hintereinander der autos, lastwagen, die sich zu viehtransportern, tanklastern, kühlwagen, reisebussen und die lichter des gegenverkehrs in der windschutzscheibe zerstreut, zum ungefähren – eine autobahnbrücke in weitem bogen und die vergangenen tage dann entfernt, jeder von ihnen zur anstrengung, als ob kein einziger mehr möglich. //

schon lange gefallene blätter, die unter den platanen, den zusammengeklappten sonnenschirmen, auch sie schon lange, und das laub, über das kopfsteinpflaster geweht, um diese skulptur, die dort, in der mitte des platzes: tanzende vor einem klavierspieler. grau in grau. laub. regen. nur wenige, die unbewegt, als ob es genauso vorgesehen, und ich mit ihnen, langsam zum teil dieses platzes, jeder in seinem, nicht anders zu denken, wo das licht, wo das grau, hin und zurück getauscht, die gleichzeitigkeit jeder sekunde und der platz im regen und der nachmittag ein ende.

nur das holz des tisches. und wie sie die weiße porzellantasse und sich dann wieder hinter den tresen stellte. blicke, die näher. und die kaffeetasse und im regen gingen welche über den platz und waren unvorstellbar. und dazwischen dieses, das sich nicht, nicht in ihr stehen. wie ich weggefahren, wie ich zurückgekommen war. wie köpfe über pappbechern, mateflaschen, kein gesicht, die augen ins grau, auch das so vorgesehen.

am gesundbrunnen war er eingestiegen, hatte sich neben mich gesetzt. das türkis seiner jacke im augenwinkel. dann mir gegenüber, sein kinn, das sich spitz aus seinem gesicht, abgezehrt in falten, adern, die sich über seine stirn, seine haare dünn und zerschwitzt. er trug eine zerrissene jeans und diesen türkisenen anorak, die zu langen ärmel, die ihm über die hände. als sein blick meinen und das grün seiner augen, wie direkt es, aus diesem gesicht heraus, überdeutlich, „you have a good soul“, in einem klar, wie es dort zwischen uns. andere schauten herüber, ein stehender drehte sich um, ohne dass er seinen blick von mir, „you know, i come from a planet where everything is green, everything” und irgendetwas an ihm, seine augen verändert, das grün, tiefer vielleicht, saß ich, ohne es zu verstehen, in den blicken der anderen, in seinem. er zog eine bürste aus seinem leinenbeutel, den grünen plastikgriff einer bürste ohne borsten, hielt er ihn mir, langsam kreisend, vors gesicht, mit konzentrierten augen, die kein einziges mal von mir, „ihre seele ist rein – gute menschen sind selten geworden“, er lächelte, steckte die bürste zurück und seine augen dann nachdenkend: „ich kam nicht alleine, ich kam mit einem jungen, der heulte wie ein wolf – er konnte ein stein sein, ein see, oder ein baum, er konnte jeder vogel sein. seine augen waren genauso grün wie meine, aber er ging nur rückwärts. er sagte, dass wir beide gemeinsam so alles sehen könnten. ich habe bloß noch seinen seinen seelenvermesser. he is the moon – – .“ als er mit zusammengekniffenen augen in seiner tasche, ein klapphandy, es dann zurück: „sie werden bald anrufen – jedes jahr rufen sie an, die philharmoniker, weihnachtssaison – meine stimme ist von einem anderen stern, sagen sie“ und sein lachen, die weißen zähne, die aufgerissenen augen, sich immer weiter, in dieses grün. und er zog eine lesebrille, einen zerknickten zettel aus seinem beutel, die brille umständlich aufsetzend, stand er dann, sich räuspernd, den blick über die brille ins leere, fing er an zu singen. fröhliche nacht. wie er dort in der mitte des wagens, in den blicken der anderen, geflüster, gelache, aber er weiter sang, die brust herausgestreckt, den kopf erhoben, sang er es zu ende. und stand, noch immer, im rattern der bahn und seine augen noch einmal auf mir: „take care, my son“. er gab mir die hand und stieg aus. und die leere, unter ihren blicken, versunken, in enge und ich stand dann an einem bahnsteig und wusste nicht, weshalb ausgerechnet dort. ich erkannte es wieder, aber das grau des bahnsteigs war wie in papier gewickelt, jeder stein, jeder mülleimer, alles entfernt. ich ging treppen herunter, oder hoch, stand vor einer straßenlaterne, um jeden einzelnen aufkleber, jede vermisstenanzeige, jeden abreisszettel, aber die buchstaben waren nur flimmern. die hauptstraße herunter, die von den bahnschienen zerteilt, lief ich vom bahnhof weg. das durcheinander der autos, im gehupe, aber auch das nur entfernt, wie in den worten eines anderen, die fassaden, die sich über dem gehweg, der immer breiter, jeder in seiner entfernung, war unerreichbar geworden. ein backshop, der früher ein gemüseladen, dann zehn meter weiter dieser gemüseladen. und konnte in keine der seitenstraßen, hätte es von oben, wie eine straße in die nächste, um einen anderen weg zurück zu finden. unvorstellbarkeit, diese straße, diese stadt, in welchen gedanken. die augen im starren festgehalten, als eine alte, die in einer mülltonne wühlend, sich dann zu mir: „hier, weitergehn, weitergehn alter – sonst kriegste nochn arsch voll heute, weitergehn“ und sich erst dann der blick lösend und sie sich wieder zur mülltonne.

und ich ging denselben weg zurück, nahm die bahn, köpfe ohne gesichter, jeder könnte jeder, wie sie sich im grau – und stand dann auf demselben platz, von dem aus ich losgefahren war, stand, als ob es das erste mal. aber der backshop und der alte, der neben dem eingang, mit seinem hund, in decken gewickelt. das kleingeld, seine hand gekrümmt, zerfurcht, er bedankte sich leise – es war so vorgesehen.

von raum zu raum zu gehen, ohne dabei irgendetwas hinter sich, ohne irgendein bild, immer wieder in neuem, gegen jeden schnitt.

und ich ging, quer über den platz, längst gefallene blätter, im regen und das gelb und ich ging hinein. ihr bild in der scheibe, das sich vor das grau des platzes, als ob kein bild mehr außerhalb, jedes nur noch aus mir heraus, in geschlossenen augen, sich eines ins nächste. kaffeereste, eingetrocknet. und sie stand noch einmal neben mir, nahm die tasse und sagte etwas vom grün, vom winter. mit einem blick, in dem etwas unentschiedenes und ich konnte sie verstehen. aber was, in welchen worten, in dieses stehen, ließe sich nichts ändern.

das holz des tisches und der wind den regen gegen das fenster, das langsam beschlagend, und weiter auf sich begrenzt, zu aussichtslosem, ging ich dann. noch einmal den blick, aber nur noch die umrisse sitzender, verschwommenes, sich fremd und unvorstellbar und auch sie, unwahrscheinlich geworden. //

der regen jetzt seitlich, gegen die scheibe klatschend. wie vergessenes, das losgelöst und zusammenhangslos, sich jetzt zurück. von stein zu stein. keine einzige mauer. und doch jeder stein, vorgesehen. in jedem bild, dieses reisens, ständig sich und nirgendwo, nur der erste gedanke: für immer verloren.

strommasten, die dunkel aus den feldern heraus, enten, die zu weißen flecken, die dämmerung sich in den bus, zu gespiegeltem, sich vor alles näherkommende, das zu bekannt noch, doch zerschnitten, jeder raum gesehen, jedes bild, jedes wort, ist wahllosigkeit.

jemand fängt an zu husten, ein telefon klingelt, der langsamer werdende bus.

und kein weiteres wort mehr hören zu können. //

 

 

Christoph Michels

 

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freiTEXT | Lisa Gollub

Angst

Zuerst habe ich aufgehört mit dem Autofahren, denn Autofahren ist bekanntlich gefährlich. Mein Auto habe ich einfach stehengelassen. Es wird mich überleben, denn es hat aufgehört, gefahren zu werden. Noch in hundert Jahren wird es wie konserviert dort stehen und bewundert werden für seine archaische Unberührtheit. Dann habe ich aufgehört, mit Fähren zu fahren, obwohl es in meiner Umgebung keine Fähren gibt. Ich habe mir gedacht: Besser schon in Gedanken damit aufhören, falls man in Versuchung kommt, es bei Gelegenheit doch zu tun. Als ich einmal meine Oma besuchte, die in einer mittelgroßen Gemeinde an der Donau wohnt, stellte ich fest, dass ich zwei Möglichkeiten hatte: mit der Fähre den Fluss überqueren oder über die Brücke gehen. Ich bin über die Brücke gegangen, allerdings nur ein zweites Mal, denn dann beschloss ich: Ich gehe nicht mehr über Brücken. Als ich nach Hause kam, betrachtete ich eine Landkarte und stellte fest, dass ich nun wortwörtlich in Transdanubien lebte, nämlich begrenzt von Donau, March und Thaya, ein Gebiet, das, wie ich mir sagte, groß genug war für meine Bedürfnisse. Ich genoss die Aussicht auf lange Radtouren durch Wein- und Waldviertel, aber dann wurde ich Zeuge eines Unfalls, bei dem zwei Autos kollidierten, als eines einen Radfahrer überholen wollte. Zu allem Übel wurde ich auf die Polizeistation geladen und musste gegen einen der Autofahrer aussagen. Da dachte ich bei mir: Nie wieder den Verkehr beobachten! Und um Gottes Willen nicht mehr Radfahren. Am Abend schrieb ich auf einen Zettel das Motto meines verkleinerten Lebens: Je geringer die Möglichkeiten, desto unendlicher die Welt. Ich machte mich zu Fuß auf. Zu Fuß ging ich einkaufen und zu Fuß ging ich zum Arzt, denn auch Busfahren ist gefährlich, und mit meiner Oma telefonierte ich nun regelmäßig. Sie erzählte vom Jahrhundert-Hochwasser, das die Brücke unterspült hatte, Fahrzeuge und Fußgänger seien ins Wasser gestürzt, aber niemand sei gestorben. Ein Wunder!, dachte ich. Ein Wunder!, sagte meine Oma. Als wir das nächste Mal telefonierten, stand das Wasser schon bis zum Tür, sodass sie das Haus nicht mehr verlassen konnte. Helfer der Feuerwehr brachten ihr Lebensmittel auf einem Schlauchboot, und ich machte mir jetzt wirklich Sorgen. Ich beschloss, meine Oma zu retten. Ich packte alles Notwendige ein, überprüfte meinen Personalausweis, meine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, behob Geld. Aber dann kam mir in den Sinn: Ich fuhr nicht mehr mit dem Auto, nicht mehr mit dem Bus, nicht mehr mit der Bahn, über Brücken ging ich nicht mehr und mit einem Schlauchboot die Donau zu überqueren erschien mir gefährlicher, als selbst ein Flugzeug zu steuern. Ich rief bei meiner Oma an und sagte: Oma, ich kann dich nicht retten! Retten, was heißt, warum willst du mich retten?, fragte sie. Sie habe Gummistiefel, das Schlauchboot der Feuerwehr komme jeden Tag mit frischer Milch, alles sei halb so schlimm. Ich beendete das Telefonat desillusioniert. Dann dachte ich: Ich muss aufhören mit dem Aufhören. Deshalb rief ich meinen besten Freund an und wir verabredeten uns für den Nachtclub. Ich rang mich dazu durch, mit dem Bus zu fahren, er wankte ein bisschen nach allen Seiten, einmal streifte er mit den Reifen den Randstein, aber sonst blieb die Fahrt ereignislos. Im Nachtclub genoss ich das Leben wie ein Lebemann, kippte Spritzwein wie Wasser und entschied mich für eine Frau. Der scheinbar vorbestimmte Ablauf beruhigte mich. Ich war ihr immer einen Schritt voraus, um die nächste Aktion erwarten zu können. «Du weißt», sagte sie auf der Fahrt nach Hause immer wieder, «du weißt». Aber ich wusste es erst morgen früh, als ich aufwachte und feststellte, dass neben mir ein Mann-in-Frau lag. Ich konnte mich an nichts erinnern. An diesem Tag beschloss ich, nicht mehr in Nachtclubs zu gehen, denn das schadet Ruf und Gesundheit. Ich entwickelte eine längst überfällige Lebensphilosophie: Jedes Element aus unserem Alltag ist hinsichtlich seiner Gefahr für Leib und Leben zu bewerten und sofern Gefahr besteht zu vermeiden. Die beste Prophylaxe ist Voraussicht. Das heißt, sich am besten immer schon vor der Welle auf den Berg retten, oder besser zur Prophylaxe der Prophylaxe von vornherein dort ansiedeln. Insofern fiel es mir nicht schwer, nicht mehr über Brücken zu gehen oder mit Fähren zu fahren, denn ich wusste: So bin ich sicher vor den Gefahren des Lebens. Zu dieser Zeit entdeckte ich im Fernsehen eine Dokumentation über Superflüssigkeiten, welchen das Kunststück gelingt, ihre Reibung zu minimieren. Sie fließen einfach über alles hinweg, was sich ihnen entgegenstellt. Wie einen Gedanken, den man noch nicht greifen konnte, erschien mir in großer Ferne die Vorstellung einer reibungslosen Welt. Hüftgelenke, die sich nicht zerreiben. Motoren, die ewig dahinpumpen. Menschen, die ihrem Schicksal entfliehen. Und dann dachte ich an Ozeane, die im Zerfließen Menschen ertränken. Reibung und Reibungslosigkeit sind Fluch und Segen, dachte ich. Und auch Leben und Tod sind äquivalent in der Gefahr, die von ihnen ausgeht. Muss man nicht den Tod fürchten, dann das Leben. An diesem Tag beschloss ich: Ich gehe nicht mehr vor die Tür. Ich legte den Wohnungsschlüssel in die Schatulle der Reserveschlüssel, die ich erst lange suchen musste, dann aber doch fand. Die Vorstellung, ihren Ort noch einmal zu vergessen, beruhigte mich, sodass ich mich bewusst anstrengte, es aber bald aufgab. Mein Kosmos war zu klein geworden. Auf meinen 52,75 Quadratmetern war nichts mehr zu übersehen oder zu verdrängen. Alle Möbel sprangen mir ins Auge, als hätte ich sie neu gekauft. Ich putzte montags und samstags, bald montags, mittwochs und samstags und als ich bloß die Schlieren des letzten Putztages beseitigte, stellte ich fest, dass ich mich drehte. Mein Leben hatte an Form und Struktur gewonnen, aber an Inhalt verloren. Es war, als würde ich mich rückwärts gehend fortbewegen. Aber ich bewege mich fort, dachte ich, denn alle Veränderungen hatte ich mit dem Gedanken vollzogen, jedes Hindernis schon zu erahnen, bevor es zur Gefahr wird. Prävention ist die beste Gesundheitsvorsorge, sagt der Hausarzt und ich nahm es mir zu Herzen. Bald dachte ich wieder an die Dokumentation über Superflüssigkeiten. Sie stimmte mich nachdenklich wie alles, was man nicht so recht versteht. Ich betrachtete meinen Körper, setzte an zu einer Kniebeuge, verrenkte den Kopf ein wenig, und tatsächlich: Ich spürte Reibung. Ich spürte wie Knorpel über Knorpel glitt, dann ruckte und im nächsten Moment schon rumpelte. Mein Körper machte mir Angst. Wie konnte trotz aller Enthaltsamkeit ein Knorpelschaden entstanden sein? Ich wollte –, aber nein, ich verließ das Haus nicht mehr. Ich wollte –, aber nein, ich telefonierte nicht mehr. Was tun? Ich legte mich ausgestreckt auf mein Bett, das mir wie eine dünne Pritsche vorkam, und atmete, atmete ruhig vor mich hin, bis sich mein Herzschlag verlangsamte. Ich versuchte Gedanken zu fassen, ja, ich beobachtete mich beim Denken und griff immer wieder in mein Bewusstsein hinein, und da fiel mir auf, wie sehr mich das Denken beanspruchte. Ich spürte geradezu die Reibung der Gedanken, wie sie sich aneinanderzwängten und aneinanderrieben, und unwillkürlich dachte ich an den nicht mehr ganz intakten Lack meines Autos, der bei jeder Berührung abblätterte. Ich muss aufhören zu denken, dachte ich, aufhören! Da vernahm ich ein lautes Geräusch. Es kam aus dem Vorzimmer. Ich hörte es noch einmal, also hievte ich mich vorsichtig hoch, um die Gelenke zu schonen und bewegte mich in den winzigen Vorraum. Hey!, hörte ich durch die Tür, bist du zu Hause? Da rauschten an mir die vergangenen Wochen vorbei, die Pein der vermeintlichen Sicherheit, die Angst vor Brücken und Fähren, die Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Mit zittrigen Händen öffnete ich die Schatulle, die auf der Kommode neben der Tür stand, und fingerte den Schlüssel heraus. Ist alles in Ordnung?, fragte mein bester Freund, als wir uns gegenüber standen.

 

Lisa Gollub

 

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freiTEXT | Daniel Resca

13A

Flaute. Stille Schwüle erdrückt die Stadt, der Hochsommer ist angekündigt eingetroffen, grelles Licht auf den Straßen, weiße Fassanden reflektieren die Strahlen. Der Körper sitzt da von der Welt gespalten, die Verwirrung ist im Kopf sichtbar, sie kreist frustriert um sich selbst ohne sich selbst zu fangen, sie verwandelt sich in Wut und droht hochzugehen, sie droht zu entweichen, sie will zerstören, die angestaute bittere Kraft, sie bahnt sich den Weg hoch, vom Bauch Richtung Hals, sie hat den Weg gefunden, sie ist kanalisiert, sie ist im Hals, sie bleibt stecken. Der Ausgang ist verschlossen, die Lippen sind verriegelt, sie können keinen Laut rauslassen, nicht jetzt, nicht hier im Bus. Der 13A fährt seine gewohnte Strecke, noch vier Haltestellen bis zur Endstation, die Lippen fangen an zu zittern, sie spüren den Druck, sie wollen nachgeben, nur noch drei Haltestellen, nur noch – Ah! Die Blicke heben sich von den Smartphones. Die Wut löst sich in Luft auf und verliert sich in der Welt. Die Augen starren noch, wandern bald aber wieder zu ihren Bildschirmen. Draußen scheint die Mittagssonne, stille Schwüle erdrückt die Stadt, der Hochsommer ist angekündigt eingetroffen.

Erschienen in: ecetera, Nr. 80, St. Pölten 2020. ISSN 1682-9115

 

Daniel Resca

 

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