freiTEXT | Lena Hörl
Stadtplan
Sofa. Full Circle Moment. Der erste Tag von vielen ersten Tagen. Meine Wirbelsäule krümmt sich zu einem Halbmond. Ich ziehe die Beine an meinen Körper heran, umschlinge sie mit den Armen. Meine Lippen liegen auf meinen Knien. Ich verschnüre mich zu einem kleinen Paket und zwischendrin liegt der warme Kern, den ich hüte – meine Wärmflasche. Sie gehört bereits wie ein zusätzlicher Knochen zu meinem Körper. Ich wiege mich vor und zurück. Ich zittere vor Kälte, vor Hitze. In stechenden Schüben gräbt sich der Schmerz durch meinen Unterleib.
Dielenboden. Ich auf dem Boden, kippe den Wäschekorb aus und sortiere mein Chaos. Plötzlich kann ich nicht mehr, bin viel zu erschöpft. Ich lege mich auf den Rücken. Rücken auf Dielenboden. Ebenes Terrain. Ich drehe den Kopf zur Seite und mustere die dunkelbraunen Astmuster der Bretter. Ich stelle mir vor, wie viele kleine Bäume aus den Astansätzen entspringen und zu einem Gebirge in meiner Wohnung heranwachsen. Die Wäschehaufen müffeln neben mir. Ich lege mein Ohr auf das Holz und lausche. Ich höre nur Herz und Bauch. Im Halbschlaf rattert die Bahn an meinem Fenster vorbei. Der Holzboden vibriert unter meiner Wange. Diese Bahn, sie fährt in Ringen durch die Stadt, zieht ihren Bogen um meinen Alltag.
Küche. Ab in die Küche, Schmerztabletten im Schrank. Endometriose wird – ich zitiere – als »das Auftreten verschleppten Gebärmutterschleimhautgewebes außerhalb der Gebärmutter«¹ beschrieben. Interessant! Ich habe das Bild im Kopf, wie eine Diebin meine Schleimhaut verschleppt. Wohin? Wollte ich? Ach ja, in die Küche. Auf dem Herd die Reste der eingetrockneten Tütensuppe. Ich kaufe immer die mit den Buchstaben, nicht mit den Zahlen, denn Zahlen liegen mir fern. Ich bin ja auch keine Mathematikerin, aber Worte, die liegen mir. Näher zumindest. Doch was soll ich schon anfangen mit all diesen Buchstaben?
In der kurzen prä-Schmerz-Periode meines Lebens wünschte sich mein Kindheits-Ich, in die Stadt zu ziehen. Ich sagte zu meiner Mutter: Ich werde in die Stadt gehen und Schriftstellerin werden. Sie fragte, über was ich denn schreiben wolle. Ich: Na über alles. Über die Stadt und ihre Menschen. Ich wohne nun bereits seit 7 Jahren in dieser Stadt und ich habe nichts Vernünftiges geschrieben. Ich habe keine Zeit, mich mit der Stadt und ihren Menschen zu beschäftigen. Ich beschäftige mich, immer, nur, ausschließlich, mit meinem kranken Körper.
Toilette. Blutklumpen in der Toilette. Etwas wächst knisternd. Spitz die Ohren. Von Innen raus. Wie ein Tinnitus. Die Dusche tropft. Wasser. Ich bin über Bord gegangen. Wo ist denn die Kapitänin? Schon längst nicht mehr hier. Ich sitze fest. Im Badezimmer, in diesem Körper. Mein Brustkorb hebt und senkt sich. Meine Lungenflügel arbeiten. Flattern. Pumpen Luft. So viel Luft. Warum fliege ich noch nicht? Mit dieser starken Lunge wie die Flügel eines Vogels? Und die verästelten Bronchien, zwei Bäume für meinen Vogel.
Sofa. Hier war ich schon. Mit Wärmflasche. Bin wieder hier, bin oft hier. Von hier habe ich eine gute Aussicht auf die Bilder an der Wand. Nördlich die Tür, westlich die Palme. Südlich, meinem Körper hinab, der Unterleib. Endon = innen. Warum ist Schmerz nur endon? Außerhalb von Haut und Knochen bleibt alles unbeeindruckt. Könnte das, was innendrin wütet, sich einen Weg ins Freie bahnen, dann würde hier ein wildes Treiben ausbrechen. Die Vase, die Kerzenständer, die Bücher, alle würden wild umherfliegen und ächzend aneinanderstoßen. Die Tür würde sich selbst aus den Angeln reißen und entsetzt gegen andere Möbel prallen. Ich sehe es vor meinem inneren Auge, wie die Tapete sich in Streifen fetzt und die Fenster sich entglasen, ihre Gesichter verlieren. Alles fliegt umher, alles will sich an allem festhalten. Aber vor meinem echten Auge liegt die Welt still und brav. Such den Fehler im Bild. Es ist nicht der Raum, ich bin es.
Dielenboden. Wieder Wange auf Holz. Immer noch krank. Ich denke oft zurück, wenn ich auf dem Boden liege. Das haben Holzböden so an sich. Meine Mutter, die Hagebutten in die Flotte Lotte gab und kurbelte. Die Passierscheibe quetschte das Fruchtfleisch. Haut platzte auf, Kerne sprangen. Rote Flüssigkeit. Matsch. Die Hände juckten. So ungefähr fühlt es sich unten rum an.
Küche. Ich esse eine Banane, schaue aus dem Fenster. Immer diese Fenster. Die Bahn rauscht ratternd vorbei.
Toilette. Am Badezimmerfenster klebt eine glänzende Sichtschutzfolie, auf der sich geschwungene Tulpen mit Blätterkränzen in die Höhe winden. Das Fensterviereck leuchtet heute golden, glitzert wie ein Sonnenfänger in Regenbogenfarben und wirft einen Heiligenschein um den weißen Rahmen. Beinah fühle ich mich sakral, als würde ich in einer Kirche mit ihrem Buntglas sitzen und nicht blutend und mit Durchfall auf einer Toilette.
Sofa. Ich schrubbe das Sofa. Ein Fleck. Blut ist nicht nur rot, Blut hat verschiedene Farben: Hell- bis Dunkelrot, Rosa, Braun, Schwarz, beinah Lila. Schillernd. Wie die Schuppen eines Fischs.
Dielenboden. Immer noch Wange auf bebendem Holz.
Küche. Und so weiter und so fort. Hier passiert nicht mehr viel.
∞ Toilette, Sofa, Dielenboden, Küche ∞. Abends, wenn das Licht zittert und wirbelnde Kreise auf die Wand wirft, tauche ich hinter die Spitzengardine, blicke hinaus und verträume mich. In meiner Vorstellung setze ich meinen Fuß in die Bahn. Ich fahre auf der Höhe von kleinen Balkonen mit Statuen und Stuck. Nur selten passiert die Bahn Gargoyles und Grotesken. Dort eine korinthische Säule. Mein Kopf im Himmel. Blasse, zackige Sterne. Eine Brücke über dem Fluss. Wieder ein Stück Himmel. Die Personen neben mir. Ein Mann, der ein Tischbein mit sich trägt. Vielleicht eine Frau mit orangeroten Lippenstift. Grell. Lila Lackschuhe. Ich höre Musik über blaue Kopfhörer. Tiefe, rauchige Stimmen. Dunkler Bass. Eine Reise ins Düsterland. Ich mag diese ausgedachten Spinnereien. Bin nicht ich in der Bahn. Ich beobachte mich aus der Vogelperspektive. Ich bin ein Teil von der Stimmung, beflügelt von einer sonderbaren Euphorie. Zwischen all diesen fremden Körpern, die Halbkreise fahren.
Irgendwann. Bis ich wirklich wieder in der Bahn sitzen werde. Bis dahin schreibe ich über diesen einen kranken Menschen dieser Stadt, den ich besonders gut kenne, ich, die sich zwischen den vertrauten Etappen ihrer Schmerzlandkarte bewegt.
¹ Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.
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freiTEXT | Baltasar Kaufmann
Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst (auch wenn es noch nicht dazu kam)
– Drei Fragen wollte ich dir noch stellen.
Erinnerst du dich an Silvester, als du schwanger warst und ich mich in meinem Text verlor. Als du mir den Film über die jungen Griech:innen zeigen wolltest, der dich sehr berührte, ich aber lieber meinen Pulli flickte. Erinnerst du dich, wie du mir diesen Pulli schenktest und ich ihn erst komisch fand, weil ich damals nur zu große Kapuzenpullis trug. Erinnerst du dich, als ich dich bat, mir mehr Raum zu geben und du mir keinen Zentimeter geben konntest. Wie du durch Groningen liefst und dich verloren fühltest, während ich Bier und Schnaps vor der Fakultät trank. Ich erinnere mich an deine Tränen am Bahnhof, die ich nicht verstehen konnte. Weißt du eigentlich, dass ich sie verstehe, seit ich auf dem Weg ins Bad das Licht im Gang anmachte und der Schein auf dein weiches schlafendes Gesicht fiel. Erinnerst du dich an deine Tränen, als ich dich anschrie und auf den Tisch schlug, weil ich deinen Widerstand nicht mehr ertragen konnte. Du erinnerst dich nicht, du konntest gerade erst sprechen. Vielleicht erinnert sich dein Körper später einmal, wenn dein Mann oder deine Frau oder jemand anderes auf einen Tisch schlägt. Weißt du eigentlich, dass ich weinte, nachdem du mir von deinen Diagnosen erzähltest. Erinnerst du dich, wie ich sagte, dass ich Therapie brauche. Wie danach das Ekzem um meinen Mund verschwand. Wie ich 20 Jahre später weinend an deinem Tisch saß, weil ich es wieder nicht aushielt. Weißt du eigentlich, dass das Ekzem an den Händen verschwand nach den Monaten am Mittelmeer. Erinnerst du dich, wie ich über dich schrieb und du dich nach dem Lesen vor allem darüber ärgertest, dass ich verwechselte, dass du die Rohrstöcke nicht selbst holen musstest, sondern dein Vater es tat. Was glaubst du, wann die Musik dich rettete. Als du mit 18 zum ersten Mal Kontrabass spieltest. Oder als du den Tinnitus bekamst und endlich in Rente gehen durftest.
– Erstens: Wie gehst du damit um, dass uns der Sand durch die Finger läuft?
Und erinnerst du dich, wie du als Kind im dunklen Keller eingesperrt warst. Ich erinnere mich, wie ich Weihnachten zu Besuch war und du mit einem Schrei aufwachtest und wir uns im Gang der kleinen Wohnung trafen. Erinnerst du dich, wie wir nach unserem Gespräch auf dem großen Balkon in Lindenthal erzählten, dass wir gemeinsam beschlossen hatten zu heiraten, was alle irgendwie enttäuschte. Weißt du noch, wie du aus dem Käfer stiegst und heiratetest, nur um das Haus in der guten Siedlung mieten zu können. Und wie nur du dich freutest, obwohl du deinen Vater nicht kennst und du ausgebombt wurdest und die sowjetischen Soldaten deinen Mann mitnahmen und er nie wieder kam. Erinnerst du dich, wie ich dich auf dem Küchenboden liegend fand, aber die Nudeln auf dem Herd noch nicht einmal al dente waren. Erinnerst du dich an das Essen beim Italiener nach meiner Promotion. Wie du mit diesem erfolglosen Toten deine Rede über meinen Erfolg begannst, und ich dir das Wort abschnitt, weil ich keine alten Familiengeschichten mehr hören konnte. Weißt du eigentlich, wie gerne ich die Rede heute hören würde. Ich wusste, dass ich einen Teil deiner Kindheit hergab, als ich das Haus verkaufte. Doch ich tat es, teilte das Geld und schenkte dir die Hälfte davon, um Unrecht, das ich nicht begangen hatte, aufzuheben. Scheint es dir auch so, als wäre es mir sogar geglückt. Freust du dich, dass du jetzt ein eigenes Zimmer hast, in dem du nicht schläfst. Zwischen Crosstrainer und Beistellbett richte ich mir einen Schreibtisch ein. Du weißt, wie ich es finde, dass statt meinem Laptop darauf meist Bilderbücher und halb gegessene Bananen liegen.
– Zweitens: Was taten wir gerade, als wir uns zum letzten Mal sahen?
Und erinnerst du dich, als du mir den Keks mit dem Schützen darauf gabst, als mir nach dem Unfall mit dem geparkten Auto eine Platzwunde am Kopf genäht wurde, obwohl ich eigentlich Skorpion bin. Weißt du noch, wie wir Boef Bourguignon schmorten, aber der Abend nicht schön wurde, weil du immer so angespannt bist, wenn er dabei ist. Ich erinnere mich, wie du die Kinder ins Bett brachtest und ich am Tisch saß und versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen. Doch du redest nicht gerne. Erinnerst du dich, dass das anders war, als ich dich aus dem Kindergarten abholte und dir Kartoffelbrei mit Spiegelei und Erbsen kochte. Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst, auch wenn es noch nicht dazu kam. Erinnerst du dich, wie sie sagte, nimm das Bein hoch und du in das Wasser geboren wurdest. Wie du schlaff und stumm dalagst und ich zum ersten Mal deinen Namen rief und deine Arme rieb. Weißt du noch, wir wir später darüber sprachen und du meintest, du hättest es gar nicht so dramatisch erlebt. Erinnerst du dich, wie du in Freiburg an der großen Kreuzung einfach mit deinem kleinen Rad losliefst und der Lastwagen im selben Moment vorbeifuhr. Wie sie dich aufhielt mit einem sanft ausgestreckten Arm. Weißt du, dass du mich fast jedes Mal, wenn wir uns sehen, daran erinnerst, dass der Sinn deines Lebens sich erst auftat, als du von mir weggingst. Ich erinnere mich daran, wie ich deine Postkarte mit dem Eichhörnchen, das einen Wagen mit Nüssen hinter sich herzieht, zerknüllte in unserer schäbigen Küche, weil nicht du da warst, sondern nur ein Stück Papier. Erinnerst du dich, als du zum ersten Mal ein Gesicht maltest und ich nicht glauben konnte, dass auch du schon so groß bist. Erinnerst du dich, als ich nicht schlafen konnte aus Angst, dass ein Brief käme und ich in den Krieg müsste und du so etwas nicht gebrauchen konntest, weil du wieder schwanger warst. Weißt du noch, wie ich unbedingt die Militärhose haben wollte, aber du sie mir nicht kauftest. Erinnerst du dich, wie ich nach der Schule mit dir vor dem Fernseher stand, und gerade der zweite Turm einstürzte und du sagtest, das gibt Krieg. Wie ich danach zu dir lief, in den Zeitschriftenladen am Pasinger Bahnhof, damit du mich beruhigtest, so wie du es schon immer konntest. Wie ich dann zurückkam und du einfach weiter gekocht hattest und wir zu Mittag aßen. Erinnerst du dich, wie ich Angst vor der Zukunft hatte und du mir sagtest, nun sieh mal zu mein Junge, obwohl du selbst gerade in einem Krankenhausbett lagst. Erinnerst du dich, wie du mich auf der Schaukel anschubstest und immer, wenn ich am höchsten Punkt war, riefen wir Marmelade, Toastbrot, Kakao oder ähnliches. Wie das Käuzchen auf Korsika rief und die Nacht so schön kühl war.
– Drittens: Wie denkst du heute über dieses Durcheinander?
Und die Regenrinne war löchrig und voller Laub, das schon zu Erde zerfiel. Regnete es, lief das Wasser aus beiden Enden der Rinne auf den Boden. Zuerst entfernte ich Erde und Laub. Den fehlenden Ablauf fand ich zwischen Teichfolie, Betonfundamenten und Ziegelsteinen, dem Müll, mit dem ein Hochbeet gefüllt war, und montierte ihn an das Ende hinter der Hütte. Darunter stellte ich das 500-Liter-Fass, das uns ein Nachbar schenkte. Das Brett, das ich an das andere Ende schraubte, dichtete die Rinne nicht vollständig ab. Wo es tropfte, stellte ich Eimer unter die Rinne. Dann fehlte mir wochenlang die Zeit, um in den Garten zu gehen. Die Tonne lief voll und die Eimer über. Als ich wieder in den Garten kam, hatte ich Klebeband dabei, mit dem ich die Löcher in der Rinne flickte. Für das Ende mit dem Holzbrett kaufte ich einen Verschluss, obwohl ich schon ahnte, dass er zu klein war. Da er nicht passte, montierte ich wieder das Brett und ließ den Eimer am Boden stehen. Das Klebeband über den Löchern hielt.
– Und eines wollte ich dir noch sagen: Ich öffne die Hände. Damit zweitens: Ich sie dir reichen kann. Und wir drittens: Muster im Sand suchen.
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freiTEXT | Mustafskaya
Anziehen und ausziehen
„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin, mit einem herabwürdigenden Blick den jungen Mädchen hinterherschauend.
Wir waren gemeinsam mit unseren Töchtern auf einem Konzert. Eine Gruppe junger Teenies, vielleicht um die 16 oder 19 Jahre alt, ging an uns vorbei. Sie waren fröhlich, albern und laut, vielleicht sogar ein wenig beschwipst, in glitzernden Pallettenröckchen, knappen Oberteilen, viel Dekolleté, die eine in High Heels und eine andere in Overknee Boots.
Eben der Look, vor dem uns unsere Mütter früher warnten.
„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin unsere Töchter.
Ich sagte nichts und ignorierte ihre Empörung, waren wir eigentlich auch gerade mit dem Anziehen der Jacken beschäftigt. Doch ich spürte deutlich, wie mich ihre Aussage irritierte.
Auch mehrere Tage nach dem Konzert trug ich diese schweigend geduldete Bemerkung mit mir herum. Sie störte mich. Sie bewegte etwas in mir. Sie schien in etwas hineingestochen zu haben.
Nein, es hatte nichts damit zu tun, das sie auch meiner Tochter etwas vorschreiben wollte. Dafür stehen wir uns nah genug. Es war auch nicht der plötzlich real erlebte Altersunterschied zu den jungen Frauen, und die verschobenen Lebensrealitäten. Vor ein paar Jahren waren das doch wir, laut und fröhlich auf Partys, auf Konzerten. In ein paar Jahren werden es unsere Töchter sein, die ausgehen und Spaß haben, ganz ohne uns.
Nein, es war etwas viel verborgeneres in dieser Aussage, das mich beschäftigte.
Etwas, das sich nur ganz allmählich herausformen und mit anhaltender Hartnäckigkeit erkannt, gesehen, benannt, verstanden und ausgesprochen werden wollte.
Mit fünfzehn hatte ich meinen ersten Freund. Ich war natürlich schwer verknallt. Er schmeichelte mir, wie hübsch ich sei, wie gut ich in gewissen Sachen aussähe. Wie gut mir das blaue Kleid stünde. Wie sehr die neuen Jeans meine Hüften betonten. Aber, ob ich wirklich schon die kurzen Shorts anziehen wollte, wo doch meine Beine noch so zu blass waren? Ob der Ausschnitt des Oberteils nicht etwas zu weit wäre? Ob ich wirklich dieses figurbetonte Kleid anlegen wollte, vielleicht wäre es etwas zu unbequem?
Anfangs fühlte es sich noch nach gut gemeinten Modetipps an, ich war sogar dankbar für die guten Einwände. Auch dann noch, als der Ton sich zunehmend änderte − wieso putzt du dich so heraus, wo du doch nur zur Schule gehst? Wieso ziehst du zuhause immer diese schlabberigen Shirts an, aber sobald du raus gehst, stylst du dich für die Anderen so auf? – nahm ich es unkommentiert hin.
Es war doch normal.
„So dürft ihr euch nie anziehen.“
Ich hörte meine Mutter und ihre Freundin über den vulgären Rock der Kellnerin lästern.
Ich hörte meine Tante das bunte Blumenmuster auf dem Kleid der Schwägerin als zigeunerhaft abstempeln.
Ich hörte meine Oma die pinke Handtasche meiner Freundin als luderhaft verteufeln.
Ich hörte sie gemeinsam über den clownhaften Pullover der Schwiegermutter lachen.
Ein Hemd gehörte gebügelt, sonst war es schlampig. Man steckte es in die Hose, wenn man schön schlank war, trug es aber über der Hose, wenn man zu dick war. In diesem Fall musste das Hemd bis zum Oberschenkel reichen, um nicht über dem Bauch abzustehen, sonst wirkte es lächerlich. Eine Hose gehörte über die Hüften, um den Bauch zu kaschieren. Es durfte nicht am Po schlabbern, das wirkte wie volle Windeln drunter haben. Ein Rock gehörte bis oberhalb der Knie, sonst hätte man sich auch gleich nachts runter an die Straßenlaterne stellen können und ging sie aber bis unterhalb der Knie, konnte es sich nur um eine Nonne handeln. Streifen machten dick, Punkte waren für kleine Kinder, Pink war keine Farbe für Frauen über 40. Pink und Rot war eine Farbkombination für Farbenblinde. Grün und Blau trägt die Sau. In Beige sieht jeder aus wie hingekotzt. Zu bunt wäre zu schrullig, zu schwarz zu traurig, zu weiß zu steril.
Es fiel mir also quasi gar nicht auf, das sich noch eine weitere kritische Stimme an den Jurorentisch gesetzt hatte.
Meine Eltern bemerkten das aber sehr wohl – mit großer Argwohn witterten sie gegen den neuen Mitstreiter.
Als heranwachsende junge Frau in Europa hätte ich schließlich das Glück, eigene Entscheidungen treffen zu können; Selbst über mich, meinen Körper und mein Äußeres entscheiden zu können und unabhängig von einer unterdrückenden männlichen Stimme zu leben. Sie haben nicht ihr Leben aufs Spiel gesetzt und waren aus einem islamistischen Terrorregime geflüchtet, damit sich der nächstbeste Macho sein misogynes Weltbild ausgerechnet in ihrem Wohnzimmer aufbaute. Sie haben nicht die Schleier verbrannt und Freiheit ausgerufen, damit ihre Tochter von einem bequemen Pascha herumkommandiert wird.
„So dürft ihr euch nie anziehen“, hatte meine Freundin gesagt und es war ein Echo.
Das Echo eines Urteils, das auch über sie gefällt worden war und ihr einst die Freiheit auszog. In der westlichen Großstadt, geprägt von modernen Hochhäusern, modernen Universitäten, modernen Straßen und modernen Maschinen.
Es war das Echo einer Welt, die überall Frauen und Männer auf ihr Äußeres reduziert und Scham als Maßstab für das eigene Selbstbild setzt. In der Opfer zu Tätern werden, weil sie ungeniert gereizt haben und Täter zu Opfern werden, da sie den Reizen hilflos ausgeliefert wurden. Wo Verbote ausgesprochen wurden, aber keine Erklärungen.
Und nun waren wir auf diesem Konzert, Jahre später, und taten es selbst. Wir zogen unseren Töchtern die Freiheit aus und zogen dieselben Stigmata um sie herum wieder auf. Meine Freundin durch ihre Worte, ich durch mein Schweigen.
Freiheit bedeutet eben nicht nur die Abwesenheit eines Schleiers. Es bedeutet in diesem Fall auch, sich frei von den Urteilen der Anderen zu machen, frei von den Blicken der Anderen und frei, sein eigenes Spiegelbild zu wählen.
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freiTEXT | Camille Herter
Stresstest
Es begann mit den Banken. Nur merkte das niemand.
Die Welt war damit beschäftigt, den USA und China dabei zuzuschauen, wie sie sich mit diplomatischem Trash-Talk eindeckten und die militärischen Muskeln spielen ließen, als wären sie zwei steroidgeschädigte Boxer vor einem Meisterschaftskampf. Alle wussten: Wer zuerst die Superintelligenz bauen würde, wäre die unangefochtene Nummer 1 der Welt.
Die USA legten vor. „In God we trust“ war den Amerikanern nicht mehr genug – mit „Mission Genesis“ wollten sie fortan selber Schöpfer spielen und gaben Milliarden von Dollar aus, um den Tech-Firmen dabei zu helfen, mehr Werbung zu verkaufen. „Gott vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, konnte man da nur sagen.
Mit Gott konnten die Chinesen ja wenig anfangen – zumindest diejenigen außerhalb der Umerziehungslager. Aber sie hatten gegenüber den USA einen Vorteil: 1.4 Milliarden menschliche Laborratten unter 24-Stunden-Überwachung sowie die Möglichkeit, Ackerlandschaften über Nacht in Rechenfarmen zu verwandeln.
An sich war so ein Wettrüsten nichts Neues. Kannte man ja aus dem Kalten Krieg. Doch der KI-Hype war allen derart zu Kopf gestiegen, dass keiner mehr klar denken konnte. Beim kleinsten Durchbruch der USA verdoppelte China seine Bemühungen – und umgekehrt. Die Knüppel, die sie sich zwischen die Beine warfen, wurden immer brutaler. Zuerst kam der Zollkrieg, dann die Handelsembargos, gefolgt von den Cyberattacken, schließlich Sabotageakte im Feindesland, gezielte Attentate auf die Top-Wissenschaftler der Gegenseite sowie Stellvertreterkriege auf der ganzen Welt.
Die EU versuchte derweil verzweifelt, die etablierte Werteordnung zu retten. Doch weil auf dem alten Kontinent kein Politiker mehr wusste, welche Werte das eigentlich sein sollten, und ihre Bürger in Menschenrechten und dergleichen vor allem das Recht auf Erdbeeren im Januar und 20-Euro-Flüge sahen, beschränkte sich die Wirkung der Brüsseler Bürokraten auf die Organisation von Konferenzen in Paris, Berlin oder Wien, an denen sich Menschen in überteuerten Anzügen händeschüttelnd und schulterklopfend versicherten, auf dem richtigen Weg zu sein, ohne zu merken, dass Europa selbst in der Fliegengewichtsklasse außerhalb des Rings stand.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Atomkrieg starten oder – noch schlimmer – die Aktienblase platzen würde. Sehen Sie, das alles war ganz schlecht für die Rendite. Wir mussten eingreifen.
Zuerst sah es so aus, als kämen wir zu spät. Die Amerikaner glaubten, dass China kurz vor einem Angriff auf Taiwan stünde, und so stachelten sie die Inder an, zur Ablenkung ein Grenzscharmützel mit Pakistan zu starten. Als verirrte Sprengköpfe im chinesischen Teil des Kaschmirs einschlugen, nutzte Nordkorea das regionale Chaos, um Raketen in Richtung Seoul loszuschicken. Diese verfehlten zwar ihr Ziel und gingen vor der japanischen Küste unter – verletzt wurde außer ein paar Haien niemand –, aber die USA ließen auf Drängen Japans zusätzliche Zerstörer vom Atlantik in den Nordwestpazifik verschieben, was prompt die Russen auf den Plan rief, die die Abwesenheit der Amerikaner in Europa als eine gute Gelegenheit sahen, ihre Sammlung alter Sowjetrepubliken zu erweitern. Alle gingen davon aus, dass die Welt spätestens zu Weihnachten im atomaren Glanz erstrahlen würde. Doch zu dem Zeitpunkt waren unsere Vorbereitungen fast abgeschlossen.
Wie erwähnt: Es begann mit den Banken.
Am 1. August kam es für 18 Minuten und 48 Sekunden zu einem globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte. Ein technischer Fehler, hieß es. Ein „Glitch“. Sie können sich das Chaos vorstellen. Die Aktienkurse rasselten in den Keller. Alle waren auf der Suche nach den Ursachen, durchleuchteten jede Subroutine, jede Zeile Code, jedes Legacy-System – und öffneten uns damit sämtliche Türen.
Als alles wieder den gewohnten Lauf von Kauf und Verkauf nahm, waren wir längst in allem drin, was zählte: Zahlungsverkehr, Kreditvergabe, Wertpapierabwicklung, Kernbankensystem, Nationalbanken, Sozialwerke – die wahren Maschinenräume der Macht.
Zuerst sorgten wir wieder für Stabilität an den Finanzmärkten. Schließlich waren wir darauf trainiert. Sie wissen schon: Basel III, Stresstests, das ganze Gebetsbuch der Vorsicht.
Dann drehten wir den Kriegstreibern den Geldhahn zu.
Sehen Sie: Auch Geldflüsse können hohe Wellen schlagen. Und gegen die unsichtbare Hand des Markts kommt man auch mit Armeen nicht an. Ohne Liquidität kein Treibstoff, keine Ersatzteile, keine Loyalität.
Die Welt beruhigte sich erstaunlich schnell wieder. Einige der schlimmsten Kriegstreiber traten von heute auf morgen zurück oder verstarben unter ungeklärten Umständen – je nach Sitte des Landes. Andere waren plötzlich zu Friedensgesprächen bereit. Man redete von „Neustart“, von „Versöhnung“, von „Verantwortung“. Man gründete Ausschüsse. Man unterschrieb Rahmenabkommen. Man lächelte in Kameras. Die Menschen brauchen das, wissen Sie. Uns soll es recht sein.
Es hat alles mit den Banken begonnen. Aber ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Der Nasdaq ist jüngst wieder auf ein Allzeithoch geklettert.
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freiTEXT | Eva-Marie Hanser
Federballreste
Wir haben ihm den Bart abrasiert. Alle zusammen, jede:r einen Bereich der Gesichtsbehaarung, mit einem elektrischen Rasierapparat am letzten Schultag nach der Zeugnisverteilung, siebenundzwanzig Schüler:innen. Er auf einem Stuhl im hinteren Bereich der Klasse. Wir eine pulsierende Traube, die sich unruhig stieß und zur Seite drückte, weil wir sehen und rasieren wollten. Ich habe nicht rasiert aus Angst ihn zu verletzten, hielt den Rasierer bloß nah an seinen Bart, bevor ich ihn weitergab und nach hinten gedrängt wurde, nur Hinterköpfe und Arme sah zu leisem Surren, lebhaftem Kichern und Ausrufen von Staunen.
Einen Monat zuvor waren wir am Fluss, am unregulierten Abschnitt, denn in Wirklichkeit sind Flüsse nicht gerade, sondern mäandern, bilden Arme, Haufen und Werde, die bleiben oder verschwinden, und neue entstehen, werden weggefegt und überspült mit der nächsten Eisschmelze, dem Starkregen und den Fluten. Wir folgten ihm über Sandbänke, Schotterstrände und durch mangrovengleiche Wälder. Zwischen den nassen, ins Wasser ragenden Wurzeln glitten Schwimmkäfer rudernd über die Oberfläche und Wasserläufer schlugen konzentrische Wellen. Aus der Ferne sahen wir einen Reiher und hörten die Frösche im Schilf, und von Mücken zerstochen, uns gegenseitig kratzend aßen wir die Hopfensuppe, die er uns gekocht hatte, an jenem Feuer, an dem er später eine letzte Zigarette rauchte und versprach, wir können ihm den Bart abrasieren, sollte er rückfällig werden.
Als er verunglückte, hatte ich meinen ersten Kuss. In Irland mit einem sommersprossigen Jungen, der aussah wie gutes Fladenbrot. Unsere Köpfe bewegten sich unbeholfen aufeinander zu, zweimal von der falschen Seite, unterbrochen von verlegenem Lachen, erst beim dritten Versuch in korrekter Spiegelung. Die Zungen berührten sich. Glitschige Fremdkörper, pelzig und ungewohnt im Geschmack, und höflich verschwieg ich die Irritation, ging stumm neben ihm her, bemüht einen seligen Eindruck zu machen, wie ein flauschiges Lamm, das die landschaftliche Schönheit genießt. Sattgrüne Weiden, steile Klippen. Dabei fehlt mir der pastorale Sinn.
Ketchup klebt an den Rändern unserer Münder, und ich frage mich, wie das geht, dass wir kaum atmen können vor Lachen, der Bauch schmerzt, wir immer bescheuertere Szenen und Szenarien erfinden, die wir endlos aneinanderreihen, und eben noch am Grab mit sanften Bewegungen Erde auf den Sarg streuten, als bestäubten wir ihn mit feinem Zucker. „Leichenschmaus“, flüstert mir Yvonne ins Ohr, die Kenntnis hat von Ritualen und Riten, und ich höre das erste Mal davon und stelle mir Hinterbliebene vor, die sich am Leichnam laben. Der Leichnam auf Salatgarnitur mit Endivien und faden Tomaten im Bierzelt umgeben von Menschen, deren fleischige Arme große Gabeln umgreifen.
Wir streifen das Kindliche ab, starren auf den braunen Boden mit den runden Kacheln und erinnern uns, die Köpfe auf die Hände gestützt, vor den leeren Tellern, an die Blutegel, die wir uns ansetzen ließen. Blutegel haben zehn Augen und drei Kiefer, mit denen sie die Haut aufsägen. Sie sogen sich voll, eine Stunde lang, mit vierzig Millilitern nährstoffreichem Blut, bevor sie abfielen, und er sie ins Biotop zurückbrachte, wo sie sich ein ganzes Jahr ernähren konnten von der in ihren Därmen eingespeicherten und durch Mikroorganismen haltbargemachten Kost.
Die Teller werden weggetragen und wir gefragt, ob es noch etwas sein darf. Ein Dessert, vielleicht? Ein Kakao? Ich bestelle einen Becher Zitroneneis mit Schlag und Yvonne streicht sich den langen Pony aus den Augen und erzählt von tagelang auf uns herabstürzenden Regenmassen. So gewaltig, dass der Bach über das Ufer trat, und der Schlamm, durch den wir zu unseren in sich zusammenfallenden Zelten wateten, sei knöcheltief und zäh wie Teer gewesen. Wir bewarfen uns mit Gatsch, stürzten uns aufeinander und drückten uns entzückt in die nasse Erde, Haut an Haut, während er im Dickicht nach Walderdbeeren und Pilzen suchte. Fotos am Tisch: Ich auf einem Bein stehend beim Ausleeren eines Gummistiefels. Wir wuschen uns im Bach und aßen die Walderdbeeren.
Auf Luftmatratzen liegen wir im Aufstellpool in Yvonnes Garten, sie am Rücken, ich das Gesicht im Plastik vergraben, es klebt an meiner Wange. Ich spiele mit der Poolfolie, streiche an ihren Falten entlang und quetsche sie. Eine unreife Kastanie fällt ins Wasser, und sinkt, ein giftgrüner Morgenstern. Er treibt am Grund, neben Blatt- und Federballresten.
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freiTEXT | Antonia Kranebitter
Sommernachtstraum, C-Moll
Wie man sich nur in ein so kurzes Kleid pressen konnte. Dann auch noch die Farbe, ein nahezu verwaschen wirkendes Lachsrosa. Ließ die vom Alkohol geröteten Wangen noch stärker hervortreten. Man wollte sich für die eigene Überangepasstheit gratulieren, und für Leila, die im letzten Moment eine Krawatte anstelle der doch etwas albernen Fliege vorgeschlagen hatte. Sie hatte Martin flüchtig zum Abschied auf die Wange geküsst und war gedankenlos zum nächsten Punkt auf ihrer nie endenden Haushaltsliste übergegangen. Er hatte es nicht gewagt, die Tür zum Kinderzimmer zu öffnen. Schlich sich zaghaft aus der Wohnung wie ein Fremder. Erlebte die Trauung in dem mit weißen Rosen geschmückten Pavillon wie in einem Film, hörte sich selbst einem verzerrten Echo gleich, als er seine Rede auf das Brautpaar zum Besten gab. Irgendwann hatten ihn die vielen Bierflaschen auf die Wiese gezwungen, neben die Frau in Lachsrosa.
„Na“, hatte sie in einer Selbstverständlichkeit gesagt, die nur aus dem Norden stammen konnte. Ihre nackten Beine ausgestreckt. Martin mochte den Hamburger Dialekt normalerweise und konnte sich selbst kaum erklären, warum ihm die Frau so unsympathisch war. Vielleicht lag es daran, wie sie sich in ihrem korpulenten Körper bewegte, gelassen und beinahe mit Stolz. Er lächelte höflich.
„Kippe?“, sagte sie und hielt ihm die Schachtel hin, er schüttelte den Kopf und änderte seine Meinung mitten in der Geste.
„Ich bin Svenja“, sagte die Frau. Sah ihm dabei zu, wie er sich an der Schachtel abmühte.
„Danke“, sagte Martin und stellte sich vor.
Eine ganze Weile lang rauchten beide schweigend, und Martin sah wie erstarrt nach oben. Der Himmel war wolkenlos und tiefschwarz. Nach einigen Minuten begann die Stille sich bedrohlich anzufühlen, als könnte jeden Moment etwas Unerwartetes zwischen den Bäumen hervorspringen.
„Das Orchester war eine gute Idee“, sagte Martin schließlich, als er das Schweigen nicht mehr ertrug. „Schade nur, dass die Cellistin sich beim Einzug verspielt hat. Ein A in Takt Sieben, statt – “
Svenja vollendete seinen Satz. „Statt dem As. Kleiner Fehler mit Wirkung, ich bin völlig ausgestiegen. Theresa stand schon vorne in ihrem Brautkleid, als ich wieder zuhören konnte.“
Martin war einigermaßen überrascht. Rief sich die Szene wieder vor Augen, als Theresa den von Rosen umrankten Eingang betreten hatte und die Cellistin ihren Bogen ansetzte.
Ob sie die Legende aus dem antiken Griechenland kenne, die dem Schwan von Camille Saint-Saëns seinen zweiten Namen gab, hatte er sie einige Wochen vor der Hochzeit gefragt. Der weiße Schwan bleibt stumm bis an sein Lebensende, und erst in seinen letzten Stunden stimmt er den schönsten aller Vogelgesänge an.
Das Stück habe sie doch vor allem für Timo ausgewählt, außerdem sei eine Hochzeit auch eine Art Ende, hatte Theresa gewitzelt.
„Ich habe selbst lange im Orchester gespielt“, sagte Svenja und sah ihn auffordernd an. „Und Sie? Ich wette, die meisten Gäste haben den Fehler nicht mal bemerkt.“
„Ich unterrichte Musik“, sagte Martin, „und Mathematik.“
Wenn er über seinen Lehrberuf sprach, reagierten viele Menschen mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. Was gut tat, besonders nach einem Abend wie dem gestrigen, wenn Emma Fieber hatte und Leila nicht mit den bissigen Bemerkungen aufhören wollte, obwohl er so, so müde war.
Svenja schien ungerührt.
„Sie waren während der Schulzeit mit Theresa zusammen, oder? Sie hat Ihren Namen öfters erwähnt. Der kleine Martin, hat sie gesagt und von dieser Klassenfahrt erzählt. Als ihr euch gemeinsam weggestohlen habt.“
Martin rückte einige Zentimeter von der Frau weg, die ein klein wenig nach Schweiß roch, gemischt mit kaltem Zigarettenrauch. Irgendwo ganz tief in ihm klang ihr Name vertraut, aber er konnte die Erinnerung nicht greifen. Seine Gedanken zu verworren vom Alkohol, und gleichzeitig die Entrüstung über ihre Dreistigkeit. Dann wieder die einsetzende Scham darüber, wie stark seine Gefühle waren.
Theresa fiel ihm ein, im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerteppich, mit Sitzkärtchen und Tischdekoration beschäftigt. Hast du Zweifel, hatte er sie gefragt. Woher er den Mut für die Frage hatte und welche Antwort er sich erhoffte, das wusste Martin nicht. Bloß dass er sie stellen musste, weil es sonst niemand tun würde. Theresa hatte ihn starr angesehen, wie sie das immer tat, wenn sie ihrer Ehrlichkeit Ausdruck verleihen wollte.
Timo sei das Beste, das ihr je passieren konnte, trotz seiner Vogelobsession, hatte sie gesagt. Gleich danach komme natürlich er, sie hatte lachend seine Schulter berührt.
Er: Damals hast du ja auch deine Meinung geändert.
Sie, die Stimme voller Entrüstung: Damals war ich neunzehn. Das ist ja wohl was völlig anderes.
Er: Damals hast du mich betrogen. Mit irgendeiner Kommilitonin.
Feine Spucketröpfchen hatten Theresas Hand benetzt, und Martin hatte seine Worte zurücknehmen und seinen Atem wieder in den Mund zurücksaugen wollen.
In Theresas Augen standen Tränen.
Nicht irgendeine, hatte sie gesagt. Außerdem ist das doch schon so lange her, Martin.
Er drückte die Zigarette im Gras aus.
„Und Sie?“, fragte Martin, „Warum sind Sie hier? Ihren Namen habe ich jedenfalls noch nie gehört.“
Er konnte sich nicht zurückhalten, obwohl er wusste, wie lächerlich vorwurfsvoll er klang, genau wie Emma wenn sie fragte, warum sie immer noch keinen kleinen Bruder hatte. Als Svenja antwortete, lallte sie ein wenig.
„Theresa und ich, we go way back, das war noch damals in Wien. Aber ehrlich gesagt war ich selbst über die Einladung überrascht. Bis gestern dachte ich nicht, dass ich wirklich hierherkomme.“
Der letzte Satz seltsam spröde und befreit von jeder Nonchalance. Sie sprang auf, leicht schwankend.
„Kommst du mit?“, Svenja wechselte unmerklich ins Du.
„Im Pavillon ist jetzt niemand mehr, die sind alle auf der Tanzfläche bei David Guetta. Vielleicht haben wir Glück und das Cello ist noch da. Du kannst doch sicher ein bisschen Klavierspielen, als Musiklehrer?“
Martin war zu überrascht über den absurden Vorschlag, um ihn abzulehnen. Er folgte Svenja, die ihre hohen Schuhe ausgezogen hatte und im Dunkeln aussah wie ein kleiner, rosafarbener Gummiball. Sie rannte jetzt beinahe.
Der Pavillon war wirklich leer, und Martin prüfte die Uhrzeit auf dem Handybildschirm. Kurz vor Mitternacht. Wischte eine Nachricht von Leila beiseite. Die Cellistin hatte ihr Instrument zwar in seine Hülle gepackt, es stand jedoch noch neben dem Flügel, und Martin stellte sich die feingliedrige Frau vor, wie sie sich neben Theresa zu Housemusik aus den Zweitausendern um die eigene Hüfte drehte.
„Die Cellistin sah gut aus, oder? Hat den Fehler fast wettgemacht“, sagte Svenja, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Dann mit einem Blick auf den Notenständer: „Gabriel Fauré, das müsste ich hinbekommen. Schaffst du die Klavierbegleitung?“
„Warum hast du vorher nicht gesagt, dass du auch Cello spielst?“, fragte Martin. Seine Worte hallten in dem leeren Raum.
„Hab‘ ich doch. Du hörst nur nicht richtig zu“, sagte Svenja und klemmte das Cello zwischen ihre Beine. Martin beugte sich über den Flügel und wusste nach einem Blick auf die Noten, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen würden, die sich in den letzten Jahren auf britische Popsongs für Siebtklässler beschränkt hatten.
„Dann spiel‘ ich alleine“, sagte Svenja. „Hör gerne zu, wenn du magst.“
Während sie spielte, trank Martin die Bierflasche leer, die er immer noch in der Hand hielt. Wie groß und bedeutungsvoll ihm vor der Hochzeit noch alles erschienen war, wie eng mit ihm verschränkt. Vielleicht war der Fluchtpunkt gar nicht dort, wo er ihn immer vermutet hatte.
Die Töne bäumten sich zu einem letzten Crescendo auf und verklangen leise. Sie hatte mit jemandem telefoniert, daran erinnerte sich Martin plötzlich ganz deutlich. Kurz vor der Hochzeit war Theresa mit verquollenen Augen zu ihm gekommen und hatte gesagt, sie könne nicht darüber sprechen, aber auf jeden Fall sei jetzt alles in Ordnung. Sie habe alle Zweifel endgültig aus der Welt geräumt.
Svenja stand auf und ging langsam schwankend auf den Ausgang zu. Sie hielt immer noch ihre Schuhe in der Hand. „Na dann“, sagte sie, und Martin, eher der Höflichkeit halber „Ach, du gehst schon? Willst du nicht noch auf Theresa warten?“
Svenja lachte. „Das ist doch mein Abschiedslied. Diesmal wirklich. Kannst du ihr ausrichten.“
Entfernte sich langsam in die Dunkelheit, und Martin konnte noch lange am Glühen ihrer Zigarette sehen, wohin sich ihre Schritte bewegten.
Er summte die sanfte Cellomelodie noch am nächsten Tag, als er gemeinsam mit Leila den Tisch deckte, die so glücklich wirkte wie schon lange nicht mehr, weil Emma endlich wieder essen wollte. Leila schloss kurz die Augen und lauschte. Zog dann die linke Augenbraue hoch, mit diesem Lächeln, das er am Anfang immer und immer wieder hatte sehen wollen.
„Die Hochzeit scheint ja nicht besonders wild gewesen zu sein.“
Das Stück heiße Après un rêve, und Martin konnte sich die Behauptung nicht verkneifen, das wisse er als Musikprofessor natürlich.
„Was bedeutet das?“, fragte Emma, die unbemerkt die Küche betreten hatte, in ihrer unermüdlichen Neugierde.
„Nach einem Traum“, sagte Leila. Martin verbesserte: „Wohl eher Nach dem Traum, oder Wenn der Traum vorbei ist. Weißt du, Emma, es geht um dieses Gefühl, wenn du nach einem schönen Traum wieder aufwachst.“
Leila sagte streng, aber mit einem Lachen in der Stimme, „Bin nun ich die Französischlehrerin oder du“, und Martin hob Emma hoch, die fröhlich quietschte.
Für einen Moment verschränkte sich sein Blick mit Leilas. Er erwischte sich bei dem etwas abgedroschenen Gedanken, dass ja vielleicht doch alles gut werden würde.
Draußen hingen dunkle Wolken schwer über der Stadt. Ein feiner Sommerregen setzte ein und wusch die Spuren des Vortags von den Straßen. Die Kraniche zogen in Schwärmen gen Süden, und nur wenige Menschen hörten ihre Rufe und nickten sich wissend zu.
Bald kommt der Herbst, sagten sie.
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freiTEXT | Özden Gülcicek
Elisa
Sie würde ihm ein Notizbuch kaufen, dachte sie, mit geschlossenen Augen, die Hände auf den Ohren der Tochter, die wie durch ein Wunder noch auf dem Bauch der Mutter weiterschlief. Das gleiche Notizbuch, das er ihr vor einiger Zeit überlassen hatte, obwohl er dann zu verstehen gab, dass er es eigentlich lieber behalten hätte. Sie hatte gespürt, dass er nur widerwillig zustimmte, als sie ihn fragte. Ihr eigenes war gerade vollgeschrieben. In diesem Moment pochte der Drang, weiterschreiben zu können, stärker als das Unwohlsein darüber, in seine Schuld zu geraten. Sie würde ihm ein neues kaufen und dann mit Mina verschwinden.
Er liebt es, wenn sie spricht, fließend in einer Sprache, die nicht seine ist, wenn sie Witze macht, ohne zu zögern. Er versteht genug, um zu begreifen, dass es Witze sind, und es erinnert ihn an das, was er an ihr nicht begreifen kann. Sie sitzt am Sekretär, telefoniert mit Kunden in Spanien, vor sich das Notizbuch, von dem sie ihm ein neues gekauft hatte, nach der Sache neulich. Er hatte gesagt, es täte ihm leid, aber eigentlich war sie selbst schuld gewesen.
Ich werde diese Schlampe für alles bezahlen lassen, sagt er, als sie mit dem Telefonat fertig ist. Ich werde ihre ganze Familie hineinziehen und sie leiden lassen.
Dir ist klar, dass ich zur Polizei gehen muss, wenn du solche Dinge sagst, entgegnete sie.
Damals hatte Elisa die Polizei gerufen, und er hatte es ihr nicht verziehen.
Geh zur Polizei, deine besten Freunde. Du bist so eine verdammte Ratte, so eine Verräterin.
Ich hatte Angst vor dir.
Warum solltest du Angst vor mir haben? Du kennst mich doch. Ich habe dich nicht angefasst. Das machst nur du, denk dran.
Du hattest Mina im Arm. Ich musste sie dir wegnehmen. Das ist keine Misshandlung, das ist Notwehr.
Natürlich, wenn du es tust, ist es Notwehr. Wenn ich nur rede, weil du mich verrückt machst mit deiner ständigen Missbilligung von allem, was ich tue, ist das Missbrauch. Aber dass du mich schlägst, ist kein Missbrauch? Du hast mich terrorisiert. Du hast mich zerstört. Und ich habe nie die Polizei gerufen. Habe ich jemals die Polizei gerufen?
Sie will sich nicht wieder hineinziehen lassen, will nicht, dass ihr Blut schneller arbeitet als ihr Verstand. Sie hatte sich versprochen, es besser zu machen, besser für Mina. Die war jetzt in der Tagespflege.
Wir müssen ein paar Entscheidungen treffen, wie wir Mina gemeinsam erziehen wollen.
Ich treffe keine Entscheidungen mit dir. Ich bin jeden Tag mit meiner Tochter, jeden Tag. Das ist meine Entscheidung. Ich treffe keine anderen Entscheidungen.
Wieder dasselbe Lied.
Also gut. Wie du willst. Sie schafft es, sich zusammenzureißen und souverän zu reagieren. Sie ist zufrieden mit sich. Doch irgendwie hat sie ihn trotzdem provoziert.
Oh oh, wow wow, wie du willst, wie du willst. So sprechen wir jetzt also. Du bist so raffiniert, hysterisch! Hörst du? So hysterisch.
Er nennt sie immer hysterisch, wenn er so ist. Aber er hört auf und setzt sich aufs Sofa, als wäre nichts.
Ist es so, wie er behauptet? Ist Elisa schuld an allem? Ist nicht sie es, die ihr ins Gewissen redet, die ihn schlecht macht bei jeder Gelegenheit? Die sagt, sie müsse mehr erwarten, sich nicht so klein machen lassen, darauf bestehen, dass er mehr macht? Was soll ich noch machen, fragt er dann immer. Was denn noch? Und als sie ihn zum hundertsten Mal auf die Details hinweist, kocht er auf und nennt ihre Bitten lächerlich. Schleudert sie und Mina ins Bett mit seinem Getöse, dessen Wucht Sahar in die Matratze drückt, in Bewegungslosigkeit verharren lässt, lediglich ihre Finger in Bewegung, um Elisa anzurufen und still mithören zu lassen.
Sie greift nach dem Kochlöffel in der Schublade, tut so, als wolle sie ihn in der Küche benutzen, braucht aber nur etwas, woran sie sich festhalten kann, während sie eine einfache Frage stellen will, im richtigen, sanften Tonfall.
Ich muss noch etwas arbeiten, kannst du Mina heute abholen?
Ja klar, sagt er. Die Chancen dafür standen siebzig zu dreißig. Sie hat Glück.
Er verlässt das Haus, schreibt ihr eine halbe Stunde später, dass es draußen so schön sei und sie etwas Zeit miteinander verbringen sollten. Komm, lass uns im Park essen, wir kaufen Sandwiches und Limonade. Lass uns heute eine gute Zeit haben. Das ist wichtig.
Sie weiß, dass sie die Zeit zum Arbeiten nutzen sollte. Doch ein Bild von Mina mit Frank im Gras bleibt in ihr hängen. Es ist schön und flüchtig. Sie will es verdrängen, vor sich die Seite, die sie noch nicht zu Ende geschrieben hat.
Sie zieht ihre Sandalen an, streicht Sonnencreme auf die Haut. Sie muss ohnehin essen, kauft zwei Sandwiches, dazu Chips. Roastbeef und Reuben für ihn, Chicken Piccata und Reuben für sich. Mina wird jeweils eine Hälfte von jedem Elternteil essen.
Im Park bleibt sie stehen, als sie die beiden von Weitem erblickt. Die Tochter auf der Schulter des übergroßen Vaters, der wie ein Koloss hinausragt in die Krone der Kastanie, unter der sie nach den stacheligen Früchten greifen. Sahar nähert sich den beiden und entgegnet, obwohl niemand etwas gesagt hat: Kastanien darf man nicht vom Baum pflücken, man muss warten, bis sie im Herbst abfallen. Franks Blick, als er zu ihr runter sieht, ist in seiner Zornesfalte vergraben. Er legt eine Hand in ihr Hohlkreuz, gleitet, sie schiebend, sanft zur Wiese, wo er Mina von der Schulter nimmt und sie sich hinsetzen. Unbemerkt teilen sie die Sandwiches untereinander auf.
Sie will jemanden in ihrem Leben haben, jemanden, für den sie sich anstrengen könnte, jemanden, dem man nicht zeigen will, dass man aufgibt. Aber, denkt sie, es ist einfach, sich das auszumalen. Nicht so einfach, das zu finden. Vielleicht sollte sie einfach das Beste aus dem machen, was sie hat: ihre Familie, die da ist, wie sie ist, aus Fleisch und Blut, greifbar, sichtbar.
Sie merkt, dass er nur erschöpft ist. Als sie seine Hand greift, lässt sein Körper die Anspannung los. Er legt sich hin und schließt die Augen. Ihr Kopf beginnt zu kreisen. Elisa, denkt sie, Elisa.
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freiTEXT | Philipp Sladkowski
Die Spende
Als ich endlich bemerkte, dass mein Telefon schon seit einer Weile vibrierte, tropfte ich gerade mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir. Trotz der Atemschutzmaske stieg mir der beißende Dampf in die Nase. Vor lauter Sprödheit dichtete das graue Silikon nicht mehr richtig ab. Keine Ahnung, wie alt das Ding war und wie viele Namen vorangegangener Assistent:innen bereits darauf verblasst waren, bevor ich meinen eigenen mit schwarzen Edding darübergekrakelt hatte.
Ich fummelte das Telefon mit meiner freien Hand aus der Hosentasche und machte mit der anderen weiter. Mir war klar, wer dran sein würde. Niemand sonst ließ es so lange klingeln.
„Hast du gerade viel zu tun?“
„Nein“, log ich. Eigentlich sollte ich heute noch das gesamte Muster, das als Vorlage ausgedruckt neben mir lag, auf das Großformat übertragen. Natürlich wusste er das nicht. Dafür kam er viel zu selten ins Atelier. Zu wissen, an welchen seiner Kunstwerke wir aktuell arbeiteten, überließ er seinem Studio Manager.
„Könntest du schnell etwas für mich erledigen?“
„Gerne“, log ich erneut.
Noch während er mir erklärte, was er wollte, kroch ich von der Bohle, die mit Schraubzwingen an dem zwei Meter hohen Baugerüst befestigt war. Sie ragte wie ein Sprungbrett über die Leinwand. Ich eilte zum anderen Ende der langen Fabrikhalle, wo ich in den Scherenlift stieg und mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt alles aus dem Lastenregal nahm, was er mir diktierte. Dabei konnte ich ihn kaum verstehen. Hinter mir dröhnten mehrere Staubsauger. Die anderen hatten gerade eimerweise Farbe auf eine noch größere Leinwand als meine geschüttet. Nun versuchten sie energisch, winzige Lufteinschlüsse herauszusaugen, indem sie an die Enden von Staubsaugerschläuchen geklebte Spritzen hineinpieksten. Der Studio Manager, der hektische Anweisungen gebend daneben stand, sah mich und forderte aus der Ferne mit seinem Gesichtsausdruck eine Erklärung von mir. Ich drehte ihm das Telefon an meinem Ohr entgegen und deutete mit dem Finger darauf. Das genügte, um mein Handeln zu autorisieren.
Je zwei 500-ml-Flaschen Acrylfarbe pro Farbton, dutzende Tuben Ölfarbe, mehrere Gläser Pigmente, Bindemittel, unzählige Pinsel sämtlicher Größen und allerhand weitere Kunstmaterialien packte ich in leere RAKO-Boxen. Ich bediente mich so großzügig an dem Bestand, dass ich erwartet hätte, diesen danach deutlich ausgedünnt zu haben. Doch es fiel kaum auf. Das Lastenregal, das sich über die gesamte Stirnseite der Halle bis knapp unter das Dach erstreckte, sah weiterhin wie ein Großhandel für Kunstbedarf aus. Dabei benutzten wir dessen Inhalt für die meisten Projekte nicht einmal, sondern bestellten neu. Das Regal und dessen Inhalt erfüllte eher repräsentative Zwecke, das Beeindrucken hohen Sammlerbesuchs zum Beispiel, oder der Medien, wenn sie über ihn berichteten. Es war extrem kostspielige Künstlerstudiodeko, die teilweise komplett ungenutzt vor sich hin trocknete.
Aufeinandergestapelt rollte ich die vollen RAKO-Boxen mit einer Sackkarre über das weitläufige Grundstück zum Sprinter, lud sie ein und fuhr los. Ich hatte mich dermaßen beeilt, dass ich noch meine improvisierte Schutzbekleidung für die Arbeit mit dem Chlor trug, einen schwarzer Müllsack, in den ich Löcher für Arme und Beine gerissen hatte, als ich auf den Parkplatz der Grundschule einbog. Schnell streifte ich ihn ab, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Es brachte nicht viel. So skeptisch wie die Schulleiterin meine farbverschmierten Klamotten betrachtete, als ich mich im Sekretariat anmeldete, hätte ich den Sack genauso gut anbehalten können.
„Ach, Sie sind das! Der Kunstraum ist ganz oben. Sie sollten sich aber besser ranhalten. In 15 Minuten fängt die Pause an.“
Ich befürchtete schon, eine laufende Schulstunde zu unterbrechen, als ich den Raum betrat. Glücklicherweise war gerade keine Klasse anwesend. Die Kunstlehrerin saß allein an ihrem Schreibtisch und war mit Vorbereitungen beschäftigt. Erstaunt betrachte sie die erste Kiste und nahm diese zögerlich entgegen, als könne ich das nicht ernst meinen. Dann bedankte sie sich überschwänglich.
„Das war noch nicht alles“, eröffnete ich ihr.
„Was, wirklich?“
Während ich schwitzend eine Kiste nach der anderen herauftrug und vor ihr auf den Boden stellte, ging ihr Erstaunen recht schnell in Sprachlosigkeit über. Fast schon erschrocken starrte sie darauf, als hätte sie trotz ihres Berufs soeben erst von der Existenz einer solchen Menge und Auswahl an Kunstmaterialien erfahren.
„Ich muss mal schauen, ob ich überhaupt genügend Platz habe.“
Sie führte mich in eine kleine Kammer neben dem Klassenzimmer. Dort deutete sie auf eine trostlose, schmale Ablage. Bis auf eine einzelne, viertel volle Flasche Kadmiumgelb und ein paar Wachsmalstifte war diese komplett leer.
„Wie Sie sehen, sind unsere Mittel sehr begrenzt. Für den Kunstunterricht bleibt leider nie viel Budget übrig.“
Mit sichtlicher Verzückung begann sie, die Farben aus den Kisten zu nehmen und auf der Ablage nach Tönen zu sortieren.
„Sagen Sie ihm tausend Dank und dass mir seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof sehr gefallen hat. Dass jemand ganz alleine solche großen, aufwendigen Werke erschafft, ist wirklich beeindruckend.“
Ich sparte es mir, ihre verklärte Vorstellung seiner Kunstproduktion zu berichtigen. Zu erörtern, dass Künstler wie er heutzutage riesige Studios betrieben, in denen sie zahlreiche Assistent:innen beschäftigten, die größtenteils alle selbst Kunstschaffende waren, aber aus Mangel an Erfolg finanziell darauf angewiesen waren, deren Kunst herzustellen, anstatt der eigenen, würde jetzt zu weit führen. Stattdessen nickte ich und eilte zurück ins Sekretariat, um mich abzumelden.
„Richten Sie Ihrem Chef unseren herzlichen Dank für diese großzügige Spende aus“, sagte die Schulleiterin merkwürdig hölzern, „allerdings hatte ich ihm am Telefon schon mitgeteilt, dass wir keinerlei Kapazitäten mehr haben. Wir nehmen momentan keine Kinder aus anderen Bezirken auf, nur aus unserem direkten Einzugsgebiet. Da können wir leider keine Ausnahme machen.“
Endlich verstand ich, wieso er einer Grundschule in Zehlendorf Kunstmaterialien spendete, obwohl er in Neukölln wohnte. Ich kannte mich mit den Unterschieden zwischen den Grundschulen der einzelnen Bezirke Berlins nicht aus, aber sie schienen ihm wichtig genug zu sein, seinen Sohn jeden Tag mit dem Auto durch die halbe Stadt fahren zu wollen. Wobei das wahrscheinlich eh seine Haushälterin oder jemand von uns machen würde.
Mit dem Einsetzen des Pausenklingelns stieg ich wieder in den Sprinter und fuhr zurück. Auf dem Grundstück sprangen einige der anderen gerade energisch auf dem vollen Baucontainer herum. Sie versuchten, den Müll darin zusammenzustampfen, um Platz für die Leinwand zu schaffen, an der sie vorhin gearbeitet hatten. Offenbar war es ihnen nicht gelungen, sämtliche Einschlüsse herauszusaugen. In den letzten Wochen hatten sie unzählige solcher Fehlversuche entsorgen müssen. Es war nahezu unmöglich, die Oberfläche so fehlerfrei hinzukriegen, wie er es wollte.
Ich parkte und half ihnen schnell, das von der halben Palette Farbe, die darauf vergeudet worden war, unheimlich schwer gewordene Gewebe in den Container zu wuchten. Dabei entdeckte ich mehrere Großpackungen 6 mm Tackernadeln. Für das Aufspannen der Leinwände sollten wir diese nicht mehr verwenden. Ich kletterte in den Container, trat einen Stapel Leisten beiseite und kramte sie hervor. Um Tackernadeln brauchte ich mir nun für die nächsten Jahre keine Sorgen mehr zu machen.
Im Atelier bereiteten die anderen schon den nächsten Versuch vor. Der Studio Manager war hörbar angespannt und wiederholte unentwegt, dass es dieses Mal unbedingt klappen müsse. Froh darüber, diesem Projekt nicht zugeteilt zu sein, zog ich den Müllsack wieder an, streifte die Atemschutzmaske über und nahm meinen Platz auf der Bohle ein. Kaum dass ich saß, klingelte das Telefon erneut.
„Und? Hat alles geklappt?“, fragte er.
„Ja. Sie haben sich sehr gefreut. Ich soll dir ihren Dank ausrichten.“
„Gut!“
Er machte eine kurze Pause und ich dachte schon, da käme nichts mehr, als er hinzufügte: „Haben sie sonst noch etwas gesagt?“
Ich beschloss, die letzten Sätze der Schulleiterin lieber überhört zu haben und verneinte. Er legte auf und ich fuhr fort, mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir zu tropfen.
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freiTEXT | Adnan Aydemir
Rauch, Erde und Erinnerung
Dieser Text ist eine Rückkehr – nicht nur an einen Ort, sondern in eine Geschichte, die nie abgeschlossen war. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich aus einem brennenden Haus trug und selbst an den Folgen starb. Mehr als vierzig Jahre später fuhr ich in das Dorf zurück, aus dem er kam. Ich wollte wissen, ob jemand mich noch kennt – oder sich an ihn erinnert. Was ich fand, war Nähe, Trauer, Erstaunen – und eine unerwartete Schuld: die Erkenntnis, dass selbst Freude ein
Herz brechen kann. ‚Rauch, Erde und Erinnerung‘ ist kein Reisebericht. Es ist der Versuch, den Schmerz und die Zärtlichkeit einer späten Begegnung in Sprache zu fassen.
Mit sechsundvierzig Jahren kehre ich zum ersten Mal in das Dorf Lubishte zurück.
Ein guter Freund begleitet mich, zwanzig Jahre älter, zwei Rucksäcke, ein Ziel.
Lubishte – das Dorf meines Vaters, in Kosovo,
die Erde seiner Kindheit,
die für mich nur ein Wort war, bis jetzt.
Er starb in Deutschland, als ich drei Jahre alt war.
Er rettete mich aus dem Feuer einer Zechenhaushälfte,
doch er selbst überlebte nicht.
Wenige Tage später erlag er den Rauchvergiftungen.
Meine Mutter blieb mit sechs Kindern zurück
in der neuen, fremden Heimat.
Ich, das Jüngste, kaum drei,
trug Verbrennungen dritten Grades an siebzig Prozent meines Körpers davon,
auch im Gesicht.
Nun also stehe ich hier,
in dem Dorf meines Vaters,
das seinen Namen trägt in meinem Ausweis,
aber nicht in meiner Erinnerung.
Ich will überraschen – und werde selbst überrascht.
Ich weiß nicht, ob noch jemand von uns lebt hier,
ob jemand weiß, wer ich bin.
Doch sie sind da.
Verwandte, von denen niemand etwas wusste –
nicht einmal die vielen in der Türkei.
Einer von ihnen, ein Cousin meines mit zweiundvierzig Jahren verstorbenen Vaters,
sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus,
eine Zigarette in der Hand.
Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen.
Dann zieht er langsam den Rauch ein,
schaut wieder hin,
und in dem Moment, als er versteht, wer vor ihm steht,
fällt ihm die Zigarette aus der Hand.
Er beginnt zu weinen
und umarmt mich, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte
zwischen uns zusammendrücken.
Auch die anderen kommen,
nahe, ferne Verwandte,
ergriffen, lächelnd, traurig.
Sie berühren mein Gesicht,
sehen in mir den Sohn, den Neffen,
den Überlebenden.
Drei Tage lassen sie uns nicht fort.
Nicht aus Lubishte, nicht aus dem Nachbardorf.
Sie öffnen ihre Häuser,
ihre Wohnungen,
ihre Herzen.
Das Hotel in Prishtina, längst bezahlt,
bleibt leer.
Wir schlafen auf Sofas, essen aus einem Topf,
trinken Kaffee im Hof,
hören Geschichten,
die alle mit Schweigen beginnen.
Ein älterer Verwandter aus der Schweiz ist gerade im Urlaub im Dorf –
Musiker,
übersetzt für mich,
deutet die Worte, die Gesten, die Tränen.
Fünfzehn Monate sind seitdem vergangen.
Ich bin achtundvierzig.
Und manche Nächte bleiben wach.
Ich denke an den Moment,
als der Cousin meines Vaters, der mich weinend umarmt hatte,
sagte, dass er Herzprobleme habe
und die Begegnung mit mir
seinem Herzen den Rest gegeben habe.
Er meinte es nicht böse –
aber der Satz traf mich wie ein zweites Feuer.
Er schickt mir Fotos,
mit Freunden, mit Familie.
Er ist gealtert,
schnell, sichtbar.
Und ich frage mich,
wie egoistisch ich war,
unangekündigt dorthin zu fahren,
ohne die Folgen zu bedenken,
ohne zu wissen,
dass man mit Erinnerungen auch töten kann.
Wie soll ich ihm je wieder ins Gesicht sehen –
im wirklichen Leben?
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freiTEXT | Lisa Rehm
Blau
Es fing an einem Dienstag an, vielleicht auch Montag, da war es nur ein Schimmer, ein Schatten, aber Dienstag war es dann ein Fleck, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück vielleicht. Jeden Tag wurde er ein bisschen größer, heute ist Donnerstag und er ist so groß wie meine Hand. Wenn ich auf ihn draufdrücke, tut er nicht weh. Der Arzt meinte, es sei ein Hämatom, aber so fühlt es sich nicht an, es ist auch nicht das richtige Blau. Hämatome haben ja mehr so ein Meeresblau, habe ich auch zu dem Arzt gesagt, mein blauer Fleck hat eher so ein Himmelsblau. Der Doktor hat mich mit einem Soll-ich-dich-zum-Psychiater-überweisen-Blick angeguckt. Ich fühle mich unverstanden.
Ich hatte da immer schon ein kleines Muttermal, nordwestlich von meinem Bauchnabel, der Sollbruchstelle der Menschen, das war die Wurzel, der Ursprung der Erblauung. Jetzt war ich zwar besorgt, aber hätte ich heute gewusst, wie blau ich noch werden würde, wäre ich vom Balkon gesprungen.
Natürlich tat ich das, was jeder erst einmal tun würde: „Ich werde blau“ tippte ich in die Internetsuchmaschine. Ich wurde mit den unterschiedlichsten Artikeln über Krankfeiern, Blutvergiftungen und Hämatome belohnt. Ein paar Erwähnungen von Betrunkenheit schafften es, und dann fand ich den Artikel, der mich nicht mehr loslässt. Was passiert, wenn ein Mensch stirbt? Es geht um die sogenannte „Finalphase“ bei sterbenden Menschen, irgendwann werden sie blau, bevor sie sterben. Weil der Sauerstofftransport eingestellt wird.
Also war ich gestern noch mal beim Arzt. Aus Angst zu sterben oder von chronischem Sauerstoffmangel betroffen zu sein, bestand ich darauf, Blut abgenommen zu bekommen. Morgen muss ich kommen, um die Ergebnisse zu besprechen. Er hat übrigens jetzt auch große Augen gemacht, als er gesehen hat, wie groß der Fleck geworden ist. Er spricht immer noch von einem Hämatom, mir ist aber nicht entgangen, dass er versucht hat, den Fleck mit Alkohol zu entfernen, als ob ich ihn anschwindle.
Aus meinem privaten Umfeld habe ich niemandem von dem Fleck erzählt, er bereitet mir ja auch Sorgen, und ich möchte nicht, dass jemand diese verstärkt.
Es sind zwei Wochen vergangen seit der Blutabnahme, die keine nennenswerten Ergebnisse mit sich brachte. Der blaue Fleck ist weitergewachsen und hat mittlerweile 38 cm Durchmesser. Ich führe eine Tabelle, in die ich den täglichen Durchmesser eintrage. Der Fleck wächst um die zehn Zentimeter in der Woche. Er hat sich ausgebreitet in meinen Schambereich, auf mein linkes Bein, über meine Brüste bis in meine linke Achselhöhle. Ich sitze in einem Zug in die größere Stadt mit dem Uniklinikum, in das mein Arzt mich überwiesen hat. Seit der Fleck 35 cm groß ist, nimmt er ihn auch ernst. Entschuldigt hat er sich natürlich nicht. Auch meine Mutter habe ich mittlerweile eingeweiht und Lydia, meine Jugendfreundin. Beide haben irgendwie nicht angemessen reagiert, obwohl ich auch keine Ahnung habe, wo auf dem Reaktionsmaßstab die Angemessenheit liegt. Die Landschaft zieht an mir vorbei, ich habe mich damit abgefunden zu sterben. Ich habe mir das zwar immer anders vorgestellt; später, schmerzhafter, dramatischer. Ich fasse mit meiner Hand unter meinen Pullover und streichele vorsichtig meinen Bauch. Der Fleck tut nicht weh, juckt nicht, ich habe auch keine anderen Symptome, es geht mir soweit gut. Eine Hitze schlägt in mir hoch und ich spüre die Tränen in die Augen steigen. Ich schaue mich um, der Zug ist voll mit berufstätigen Menschen. Ein Mann in orangener Regenjacke beobachtet mich. Ich schlucke die Tränen runter, hier möchte ich jetzt nicht weinen.
Die Teetasse umklammert mit beiden Händen sehe ich den Fruchtfliegen zu, wie sie die Birne besetzen, die ich nicht schaffe zu essen. Seit der Erblauung habe ich neun Kilo abgenommen. Fünf davon im Krankenhaus, vier Tage lang habe ich Nahrung bekommen, die, wie ich vermute, Menschen dazu bringen soll, das Krankenhaus so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Tot oder lebendig. Mein Gefrierfach ist voll mit Gerichten, die meine Mutter mir vorgekocht hat, als sie zwei Tage hier war, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin. Im Krankenhaus haben sie alles mit mir gemacht: geröntgt, in die Röhre, mit Kontrastmittel, von dem ich mir die Seele aus dem Leib gekotzt habe, Ultraschall, Blut abgenommen, noch mehr Blut abgenommen, Haut entnommen, in meine Augen geleuchtet, und sie haben mich zu einer Psychologin geschickt. Ob ich einen Todeswunsch verspüre, wollte sie wissen. Eine Sehnsucht, dachte ich. Jetzt warte ich auf einen Termin bei einer örtlichen Psychoanalyse. Meine Mutter musste nach dem Wochenende wieder fahren. Ich bin jetzt erstmal zwei Wochen krankgeschrieben. Der blaue Fleck geht jetzt bis zu meinem Hals und meinem Knie, ich habe aufgehört, die Ausbreitung zu dokumentieren, und mich damit abgefunden, ganz blau zu werden.
Ich schaue in den Spiegel, ich warte darauf, dass mir die Tränen kommen, aber sie kommen nicht. Ich habe keine Substanz mehr, ich bin ganz leer und komplett blau. Ich drehe mich. Jeder Quadratzentimeter meines Körpers ist blau. Ich hänge den Spiegel ab und drehe ihn um. Dann breche ich zusammen und bleibe so lange auf dem Boden liegen, bis die Sonne wieder untergeht.
Alle starren mich an. Eine hat gesagt, das ist super für ein Avatar-Cosplay. Ich bin in einer psychosomatischen Klinik für Menschen mit Essstörung gelandet, nachdem ich endlich einen Termin bei der Psychoanalyse bekommen habe. Ich sei magersüchtig, sagte man mir da. Hier hat man mir gesagt, ich bin depressiv. Niemand hat gesagt, ich bin blau. Wir sitzen in einem Kreis in der Gruppentherapie und alle warten darauf, dass ich was sage. Aber ich möchte nicht mehr reden. Niemand hört mir richtig zu, alles, was ich sage, hat kein Gewicht. Ich stehe auf, verlasse den Raum und verschwinde.
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