In Cowboystiefeln auf Bob Dylans Couchtisch springen - zum 20 Todestag von Townes Van Zandt

Am 1. Jänner 2017 jährte sich der Todestag von Townes Van Zandt zum 20. Mal. Grund für Andreas Haider, einem seiner musikalischen Vorbilder einen Artikel zu widmen.

„Ich denke nicht, dass alle meine Lieder so traurig sind. Ich habe ein paar, die sind nicht traurig – die sind nur hoffnungslos.“ – Townes Van Zandt

Am 1. Jänner feiern gleich zwei ganz große der Country Music ihren Todestag. „Feiern“ ist ja, wenn es ums Sterben geht, nicht gerade der gelungenste Ausdruck, aber für diese beiden Musiker passt er. Denn sowohl Hank Williams (17.09.1923 - 1.1.1953), viel mehr aber noch  Townes Van Zandt (7.3.1944 - 1.1.1997), besangen in ihren Songs die Bitterkeit des Lebens, aus der wohl nur der Tod die ersehnte Erlösung bringen kann. Und natürlich diverse Suchtmittelchen. So starb Hank Williams auf dem Weg zu einem Konzert auf dem Rücksitz seines Cadillacs an einer Mischung aus Alkohol, Schmerzmitteln und anderen Medikamenten. Und auch Van Zandt war Zeitlebens dem Suff und anderen Substanzen nicht abgeneigt.

 

Townes Van Zandt wurde am 7. März 1944 geboren, hinein in eine der „First Families“ von Texas.  Das gilt sowohl historisch, als auch gesellschaftlich. Seine Vorfahren siedelten sich irgendwann im 18. Jahrhundert in Texas an, zu einer Zeit, als das Gebiet noch Teil des spanischen Kolonialreich war. Eines der texanischen Countys (vergleichbar mit einem Landkreis in Bayern oder einem Gau in Salzburg) wurde nach der Familie Van Zandt benannt. Und seine Vorfahren machten richtig Geld, mit allem, womit man in Texas reich werden konnte: Land, Rindern und Erdöl; waren Politiker, Offiziere, Philanthropen. Beste Voraussetzungen für Townes, in eine große Zukunft zu starten.

 

Als Kind kam er auf ein Elitemilitärinternat, mit dem Ziel, Berufsoffizier zu werden. Und seine Schulzeit stellte die Weichen für sein zukünftiges Leben, doch in eine ganz andere Richtung, als erhofft. Im Internat machte er nämlich, mit Klebstoffschnüffeln, erste Suchterfahrungen. Einmal sprang er während einer Party von einem Balkon im vierten Stock eines Hochhauses, angeblich nur, um zu spüren, wie es sich anfühlt, zu fallen. Die besorgten Eltern brachten ihn in die Psychiatrie. Dort wurden eine bipolare Persönlichkeitsstörung und Suizidgefahr diagnostiziert. Behandelt wurde Townes mit der damals gängigen äußerst brutalen Insulinschocktherapie. Sie hatte zum Ergebnis, dass Townes seine Kindheitserinnerungen verlor, am Ende der „Therapie“ erkannte er nicht einmal mehr seine eigenen Eltern. An eine Offizierskarriere war nicht mehr zu denken.

 

Als Kind bekam Townes von seinem Vater eine Gitarre geschenkt, unter der Bedingung, dass er dessen Lieblingslied, Bobby Helms‘ „Fraulein“, lernen müsste. Townes hielt sein Versprechen. Sein erster öffentlicher Auftritt war noch als Schüler, während eines Schulballs. Er brachte sich das Instrument selber bei, orientierte sich dabei hauptsächlich am Stil des Bluesmusikers Lightnin‘ Hopkins. Was die Lyrics betrifft waren Hank Willams und Bob Dylan Van Zandts Vorbilder. Was sich in seinen poetischen Balladen mit ausdrucksstarken Metaphern niederschlug, begleitet mit dem ihm eigenen Flatpicking. Um 1965, Townes Van Zandt hatte geheiratet und war mit seiner ersten Frau nach Houston gezogen, begann er dort in Clubs aufzutreten und seine eigenen Lieder zu schreiben. Wenig später nehm er auch die ersten Schallplatten auf. Die Studioalben gingen in ihren Arrangements, das seine düsteren Texte mal mit dissonanten Streichern, mal mit Hornpassagen oder einsam im Wind verhallenden Mundharmonikaklängen unterlegte, weit über typische Country-Music hinaus.  Es sind jedoch seine Live-Alben, die den authentischen Townes Van Zandt zeigen, der zwischen seinen Songs Anekdoten und Witze bringt und seine Songs ganz alleine, nur mit der gezupften Gitarre, vorträgt. Als sein wichtigstes Album zählt bei Fans und Kritikern „Live at the Old Quarter“

 

Erfolg, darin sind sich alle, die Townes persönlich kannten einig, bedeutete ihm nicht viel. Der Schlagzeuger Leland Waddel, der Van Zandt in den Siebzigern besuchte, erinnert sich: „Townes war erfolgreich, hatte ein paar gute Alben rausgebracht. Ich dachte, er hätte ein tolles Haus, mit ein paar schicken Autos vor der Tür. Als wir dort ankommen, sehen wir einen ollen Wohnwagen ohne Fenster, keine Möbel, eine Matratze im Schlafzimmer, eine Couch und ein paar Hühner, die herumlaufen. Da wusste ich, dem geht’s um die Musik.“ Steve Earle, für den Townes Van Zandt väterlicher Freund und Mentor war, meinte in einem Interview, dass das auch der Hauptgrund wäre, warum er, trotz seines musikalischen Genies, nie ein Megastar wie Johnny Cash, Bob Dylan oder Willie Nelson wurde. Ihm fehlte es einfach an Ehrgeiz. Steve Earle kann ich in Zusammenhang mit Townes Van Zandt natürlich unmöglich erwähnen, ohne sein berühmt gewordenes Zitat zu bringen: „Townes Van Zandt ist der beste Songwriter in der ganzen Welt, und ich würde in meinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Couchtisch springen, und das wiederholen!“  - Van Zandt entgegnete übrigens lakonisch: „Ich kenne Bob Dylan. Und ich kenne seine Bodyguards. Ich glaube nicht, dass Steve auch nur in die Nähe von Dylans Couchtisch kommt.“

 

Den Erfolg hatten andere, mit Coverversionen. Willie Nelson und Merle Haggard etwa mit „Pancho And Lefty“ (wohl Van Zandts größter Hit). Im offiziellen Musikvideo dazu hat Townes Van Zandt sogar zwei Cameo-Auftritte (einmal als mexikanischer Offizier und in der Schlussszene als er selbst). Emmylou Harris coverte „If I Needed You“, die Cowboy Junkies „To Live Is To Fly“, Bobby Bare „White Freight Liner Blues“, Norah Jones „Be Here To Love Me”; Steve Earle verlässt die Bühne nie, ohne mindestens einen Song seines langjährigen Freundes gesungen zu haben. Sogar Nobelpreisträger Bob Dylan coverte „Pancho And Lefty“.

 

Die Liste der Musiker, Musikerinnen und Bands, die Townes Van Zandt als Vorbild, Einfluss oder Inspirationsquelle nennen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Im Laufe der Jahre beriefen sich eine Menge Künstler und Künstlerinnen aus Country, Folk, Blues, Singer/Songwriter, Grunge, Metal, Rock, Pop, Jazz usw. auf Van Zandt. Als sich in den 1980er Jahren die Americana- und Alternative-Country-Szene bildete, wurde er rasch als Vordenker und Idol dieses Stils erkannt.

 

Kurz vor seinem Tod hatte sich Van Zandt die Hüfte gebrochen. Statt den Bruch aber behandeln zu lassen, ließ er sich im Rollstuhl ins Tonstudio fahren, um ein Album aufzunehmen. Um trotz der massiven Schmerzen singen und Gitarre spielen zu können, füllte er sich mit Unmengen an Alkohol und Schmerzmittel ab - eine schaurige Parallele zum eingangs erwähnten Hank Williams. Die Aufnahmen dieser Session - sie sind teilweise im Dokumentarfilm „Be here to love me“ zu hören - zeigen einen Townes Van Zandt, der immer mehr die Kontrolle über sich selbst verliert, lallt, ausfällig wird. Irgendwann reichte es dem Produzenten und er ließ die Session abbrechen. Erst danach wurde Van Zandt ins Krankenhaus eingeliefert, wo seine Hüfte endlich operiert wurde. Nach dem Eingriff fiel er zeitweise ins Delirium, als er sich aber wieder einigermaßen stabilisiert hatte, wurde er auf eigenen Wunsch entlassen. Seine dritte Ex-Frau, zu der er nach wie vor ein freundschaftliches Verhältnis pflegte, kümmere sich um ihn. Am Morgen des 1. Jänner 1997 fand ihn sein Sohn Will leblos auf dem Sofa liegend. Auf den Tag genau 44 Jahre nach seinem Vorbild Hank Williams starb Townes Van Zandt an Herzversagen.

Die Schlusspointe gebührt Van Zandts langjährigem Freund Guy Clark (der selbst erst letzen Mai verstorben ist). Der nie um einen Scherz verlegene Clark sang bei der Beerdigung und bemerkte, als er sich die Gitarre umschnallte: „Für diesen Gig wurde ich schon vor dreißig Jahren gebucht.“

Andreas Haider


22 | Andreas Haider

Weihnachtsgschicht 2016

In Idomeni kumt a kloans Kind auf’d Wöt,
in an koidn Zöt,
weis Boot wieda amoi voi is;

In Afghanistan flücht a junge Familie,
mit nix aussa eahn nocktn Lebn,
weis eahna des a nu nehma wion.

In Syrien haum a poar Terroristn
in an Weisnhaus
hundat Kinda ogschlocht;

Waun i heit de Zeidung lies -
Herbergssuche, Flucht, Kindamord -
es is eh fost wia im Weihnachtsevangelium;
wia vor zwatausnd Johr -
und de Menschheit wird net gscheida!

Andreas Haider

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Illustrationen von Sarah Oswald.


23 | Andreas Haider

Der Weihnachtsbaum

Dem Wald entrissen,
der lange schon keinen Schnee mehr sah,
ins Wohnzimmer gestellt,
geschmückt mit Glitzerzeug und Kerzen,
und Süßem in Alufolie.

Da steht er nun,
eingeschraubt ins Christbaumkreuz,
quasi gekreuzigt,
so, als ob es zwischen Weihnachten und Karfreitag
einen Zusammenhang gäbe.

Schon brennen die Kerzen,
die Lichter erhellen Raum und Baum.
Und während das Lied ertönt,
weinen die Kerzen ihre Wachstränen.
Oh Tannenbaum, Oh Flammenbaum.

Andreas Haider

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