freiVERS | Florian Kranz

Du hast ein Anagrammgesicht

(Anagramm-Hommage an Unica Zürns „Das ist ein Anagrammgedicht“)

 

Sein Anagrammgedicht haust
im Auge des Grams. Hat nicht an
mir das Schema genagt? In Haut
hat sein Damm echt grausig an
sein Anagramm gedacht, uh! Ist
das Auge im Gesicht? Mann (hart,
grimmig) hastet, denn auch Aas
macht Tigerhaie nass und mag
das Amt. Graue Gischt nahm ein
Gramm Anna. Gut, ich hasste die
Gischt eh. Au, niemand grast am
Haus! Gemacht in dem Anti-Sarg
ist unser Gamma-Gedicht. Ah! An
einem Hang saugt dramatisch
dumm Satans Haar. Geige nicht
im schaumigen Sand. Er hat Tag
um Tag gereimt, sah danach ins
achtseitige Gras und nahm am
Gang uns die Sicht. Er hat Mama
arm gesagt: „Nie hast du an mich
gedacht!“ Hut, iss ein Anagramm!

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Florian Kranz

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freiTEXT | Daniel Vitecek

Polemiken gegen Tiere

Vorrede

Was wir den Tieren vorwerfen ist, dass sie uns gegenüber, ihre Eigenständigkeit nicht bewahrt haben. Wir betrachten sie und sie verwandeln sich in uns. Oder wir betrachten sie, bis wir sie essen.

1. Der Dachs

Der Dachs hat keine einzige liebenswerte Angewohnheit. Zu Mitternacht watschelt er im Mondlicht auf Friedhöfen herum und buddelt Dinge aus. Er wühlt sich Gänge in die Gräber und haust unter den Toten. Wo immer der Dachs auftaucht, entstehen Geschichten über Wiedergänger und Gespenster.

2. Die Hirschkäfer

Hirschkäfer sind Verdreher und Täuscher. Am ärgsten ist ihr Missbrauch der menschlichen Götterlehre. Im Fluge bilden sie absichtlich die Gestalt einer Fee oder gar die des Gottessohnes am Kreuz nach. Wir wissen von eifernden Christen und hoffnungsvollen Esoterikern die vom eigenen Erkennenwollen geblendet, den fliegenden Kruzifixen tief in den Wald hinein folgten. Als sie wiederkamen, verließen sie ihre Gemeinden und Kirchen und sprachen in fremden Zungen. Niemand weiß, zu welchen seltsamen Kulten die Hirschkäfer sie verführten.

3. Das Schwein

Es gibt Menschen, die halten Schweine für sehr gescheit. So mancher Landwirt und so manche Tierrechtlerin haben schon zu tief in die wässrigen Augen eines Schweines geblickt und sich darin selbst erkannt. Manch einer fiel danach einer überbrünstigen Auffassung von geteilter Schicksalsgemeinschaft zum Opfer und weigerte sich, den Schlachthof wieder zu verlassen. Der Nährwert, den die Menschheit dadurch gewinnt, gilt allgemein als größer, als der Schaden, den sie dabei  erleidet.

4. Der Wolf

Der Wolf ist nichts weiter als ein Hund, der zu blöd war, sich uns anzuschließen.
Jetzt wird er ausgerottet. Das hat er nun davon.

5. Der Hund

Das erbärmliche Dasein der Hunde beweist, dass der Mensch die Natur nicht liebt.
Er liebt nur die selbstgeschaffenen Unwesen. Und die Hervorbringungen des menschlichen Geistes sind abartiger, als es die der Welt jemals sein könnten. Durch ihre Vielgestaltigkeit ähneln die Hunde heute eher bösen Träumen als Tieren.

6. Der Elefant

Aus dem östlichen Tansania wird seit Langem berichtet, dass sich Elefantenbullen als Menschen verkleiden, in die Dörfer gehen und dort für ihre eigenen Stoßzähne Gewehre kaufen, um andere Elefantenbullen totzuschießen. Jetzt zeigen DNS-Untersuchungen bei drei kürzlich verhafteten Wilderern, dass diese unzweifelhaft der Art Loxodonta angehören. Da über Rückverwandlungen bei Elefanten noch wenig bekannt ist, werden die drei  Elfenbeinschmuggler ihre mehrjährigen Haftstrafen vorsichtshalber im Elefantengehege des Zoos von Daressalam verbüßen.

7. Der Neandertaler

Ja, ich weiß, kein Tier direkt, sondern ein Vertreter der Gruppe Mensch. Als ob da jemals ein Unterschied gewesen wäre! Nach einer völlig missglückten Anpassung an ein wandelndes Klima schloss der letzte Neandertaler völlig verdient vor 40.000 Jahren einsam und schwermütig seine blitzblauen Augen in irgendeiner europäischen Höhle.
Leider kam es vor seinem Verschwinden immer wieder zu gemeinsamen Höhepunkten zwischen Neandertaler*Innen und Vertreter*Innen der afrikanischen Gruppe Sapiens. Weil wir die Menschen gut kennen, nehmen wir jeweils einen völlig einvernehmlichen Beischlaf mit anschließender gemeinsamer Kinderbetreuung an. Und da wir immer für die Freiheit der Liebe eintreten, können wir den beteiligten Parteien auch keinerlei persönliche Vorwürfe machen! Das Erbe dieser verderblichen Seitensprünge legt sich nun aber wie ein Leichentuch über Europa, trägt doch jeder Europäer vier Prozent Neandertalererbgut in sich. Diese vier Prozent geben die Würze, die unsere Zivilisation seit tausenden von Jahren so außergewöhnlich schmackhaft macht: die Neigung zum lähmenden Trübsinn und zur vorschnellen Selbstaufgabe. [1]

8. Der Esel

Dem Esel gilt unser Mitgefühl. Früher ein wichtiges Mitglied jedes Haushalts, wurde er durch die Automatisierung an den Rand gedrängt. Als marginalisierte Gruppe spukt er heute durch Kinderbücher und lustige Weihnachtsgeschichten und gibt dort, neben Türken, Afrikanern und Frauen, eine traurige Figur ab. Es sind diese Narrative, die Vorurteile gegen den Esel festschreiben und seine soziale Außenseiterrolle perpetuieren. Aber wer, so frage ich euch glühende Gender- und Klima- und Klassenkämpfer*Innen, wer von euch kümmert sich um das Rewriting der unzähligen Dummen-Esel-Geschichten? Verbietet Shrek! Oder setzt wenigstens eine verdammte
Triggerwarnung davor. Ihr unsensiblen Esel!

9. Das Pferd

Kein Tier hat sein Schicksal so sehr verdient wie das Pferd. Über Jahrhunderte williger Vollstrecker bei Krieg, Kolonisation und Völkermord, wurde es von einer höheren Gerechtigkeit in jene Hölle verbannt, die wir Reitklub nennen. Dort werden die Pferde heute von Teufeln in Gestalt von pubertierenden Mädchen mit emotional-instabilen Persönlichkeitsstörungen zu Tode gestriegelt und geritten. Als gnädigere Strafe gilt ihre Umwandlung zu Leberkäse. Trotzdem ist der Gerechtigkeit damit noch lange nicht genüge getan und ich fordere hiermit: Wenn der Türkenschlächter Prinz Eugen endlich von seinem Sockel am Heldenplatz fällt, dann muss auch sein Pferd fallen!

10. Die Ameisen

Ameisen gelten als arbeitssame Kapitalistenschweine. Geht man durch einen Wald, stolpert man allenthalben über ihre Unternehmungen, die rücksichtslos Raubbau an der Umwelt treiben. Allgemein werden sie deshalb auch abgelehnt. Jetzt erfahre ich von Elias Canetti, dass die meisten Ameisen, die meiste Zeit über in ihren Nestern ruhen.
Das öffnet die Tür meines Herzens wieder ein spaltbreit für diese missverstandenen Wesen. Doch dann denke ich: Ist das nicht kennzeichnend für Kapitalistenschweine? In der Öffentlichkeit Geschäftigkeit vortäuschen und dann im eigenen Büro auf der faulen Haut liegen? Hauptsache, das Image stimmt!

[1] Simonti, Corinne N. and Vernot et.al.: The phenotypic legacy of admixture between modern humans and Neandertals, in: Science 351 (2016), 737--741

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Daniel Vitecek

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freiVERS | Nora Hofmann

im naturhistorischen museum

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und der saal 4 legt deine finger in falten
du knüllst an sammelst ein schmiegst dich an
krümmst dich ein (bitte nicht am glas aufstützen)
wühlst dich ein schmiegst dich an aufgeplatztes
an arme / an geröll / an die zeit
die lithogenese greift dir die haut ab

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und der meteorit im saal 5 fühlt sich an wie ein narbengeflecht
an körpern: leuchtendes speist sich in den adergang
bleibt stehen geronnene mundflächen gesichter
schmelzfelder geschlossene augen dich wegstellen
aus der luft räumen als feuerkugel einschlagen lassen
krater in wälder / in straßen ohne einen laut

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und im saal 7 verliest du ein fossil zum altschmerzschupper
der zersetzung übergeben angeschwemmte
irrgärten vom sand umwispert im rückgrat
verschlungenes eng an der zeit getragen
die ammoniten / die belemniten / die seelilien
jahre orte schlaf diverse gründe in stein gestoßen

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Nora Hofmann

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freiTEXT | Nico Haingärtner

Käfig

Das ist jetzt nicht mehr mein Hund, nicht mehr mein Freund, das ist ein Zerrbild. Es fing an, als er nicht mehr schlafen wollte, als er stundenlang durch die Wohnung tappte, als er so lange im Kreis lief, bis er irgendwann vor der Wand stehenblieb und ins Leere starrte. Da ging ich behutsam, ganz langsam zu ihm hin, legte ihm die Hand auf den schweren Kopf, die Hand, die ihn am liebsten gepackt hätte, die Hand, die ganz genau Bescheid wusste um die eigenen schlaflosen Nächte, um das In-die-Matratze-krallen, die sich erinnerte an die kühle Keramik, wenn ich mich, auf das Waschbecken gestützt, übermüdet, überreizt, im Spiegel ansah und dann schnell wieder weg, weil ich den Gedanken, der sich mir da aufdrängte, nicht ertragen wollte.

Einschläfern, sagen die Leute, schläfer ihn doch ein, und dabei bemerken sie nicht, dass ihnen Sand in die Augen gestreut wurde, von den Wortverdrehern, den Beschönigern, denen, die die Wahrheit nicht wahrhaben wollen. Er wird nicht einschlafen, er wird sterben, und darüber möchte ich nicht diskutieren, und ich will auch nicht von meinem Opa sprechen, der tagelang, wochenlang durch seine Wohnung irrte, der mich nicht schlafen ließ, als die Oma im Krankenhaus lag mit ihrem Schlaganfall. Mein Opa, dessen Füße sich bei jedem Auftreten in die Hausschlappen saugten und dann bei jedem Anheben dieses Geräusch machten, dieses fischige, schlammige Krötengeräusch, schmatz schmatz, schmatz schmatz. Mein Opa, der sich bei der Oma am Telefon beschwerte. Über den Hermann. Dass der ja nur schlafe, und was der eigentlich hier zu suchen habe, der Hermann. Der Hermann, das bin ich, obwohl ich gar nicht der Hermann bin, der Hermann war sein Bruder, der an einer Hirnhautentzündung starb, als mein Opa noch ein Kind war.

Und trotzdem sagte da keiner, schläfer ihn doch ein, den Opa. Da wäre keiner drauf gekommen, das zu sagen, vor allem nicht, wenn sie ihn gesehen hätten, spät nachts, als wir zusammen vor dem Fernseher saßen, weil wir beide nicht schlafen konnten. Der Opa, weil die Zeit für ihn keinen Sinn mehr ergab, und ich, weil ich keine Wahl hatte. Denn da lachte der Opa, lachte mit Tränen in den Augen, lachte mit Rotz aus der Nase, sagte, guck, Hermann, guck hin, der Bud Spencer, der haut dem Kerl in die Schnauze, dass es pfeift. Guck doch mal hin, Hermann. Penn nicht bloß rum.

Als ich meine Hand auf seinen schweren Kopf lege, auf den Kopf meines Freundes, da zuckt er zusammen, und im nächsten Augenblick zucke auch ich zusammen und spüre die Zähne und haue ihm eine in die Schnauze, haue ihm in die Schnauze, dass es pfeift. Und im übernächsten Augenblick tut es mir leid. Aber da ist es zu spät, da ist er weg, verschwunden in der Dunkelheit der Wohnung, und als ich vor dem Spiegel stehe und das Blut in das Waschbecken tropft, weiß ich, dass ich mich noch lange daran erinnern werde. Nicht wegen der Narbe, die zurückbleibt, sondern weil ich meinen Freund geschlagen habe. Weil die Zeit für ihn keinen Sinn mehr ergab.

Und ich weiß auch, dass er mir in drei, vier Stunden, wenn ich zur Arbeit muss, wo ich immer nur halb da bin, halb da, halb bei ihm, ihm dabei zusehe, wie er vor der Wand steht, wie er umherirrt und seine Geräusche macht, tapp tapp, Geräusche, die mich wachhalten, stumpfe Krallen auf kaltem Parkett, dass er mir dann überall hin folgen wird. In die Küche, ins Bad. Mit heraushängender Zunge, sodass es aussieht, als würde er lächeln, und dass er dann nicht mehr wissen wird, was passiert ist, dass ich dann immer noch sein Freund sein werde. Aber leichter macht es das nicht.

Leichter macht es das nicht, wenn die anderen sagen, das ist das Alter, und sei doch froh, dass es da einen Ausweg gibt. Sei doch froh, dass du nicht mehr jedes Mal Scheiße aufsammeln musst, wenn du von der Arbeit kommst, und sei doch froh, dass du dir keine Sorgen machen musst, dass dein Parkett aufquillt wegen der Pisse.

Froh sollst du sein. Dass du dich nicht mehr freuen musst, wenn ich von der Arbeit komme, sei froh, dass du dein Futter nicht mehr essen musst, mit wegrutschenden Beinen, weil dir die Kraft fehlt. Sei froh, dass du dich nicht mehr kraulen lassen musst, unter der Schnauze, wo es dir so gut gefällt, und sei froh, dass der kleine weiße Nachbarshund, der noch nicht weiß, wie müde du bist, dich nicht mehr anspringen kann, nicht mehr mit dir spielen kann, während du dastehst, stoisch, gelassen, zu mir aufschaust, mir vertraust. Sei froh. Dass dann alles schwarz ist, alles vorbei, dass dein Leben zu Ende ist, weil ich das so will.

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Nico Haingärtner

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freiVERS | Alexandra Regiert

Pink Ladies

nun steht dir das meer offen
ein unendlicher ozean
betauchbar an der oberfläche
lichtreflektierend wie frischhaltefolie
perlmuttschimmernd
muschelrauschend
deephouse tanzende plastikkorallen
lecken die füße mit rauen zungen

ein meer aus pink-lady-äpfeln
und 3-D-drucker-landschaften
universell bahnbrechend berauschend

haarfarben wie regenbögen
mitte april und namen
die wie karamell auf der zunge zergehen
erfahrene bonbons
die herde klatscht beifall
in der zigarettenpause
wirft plastikblumen
an den strand
bejubelt echtes leben

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Alexandra Regiert

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freiTEXT | Carolina Reichl

Herr Pechmann

Ich beginne und beende meine Stunden auf die Minute genau. Nur mit Herrn Pechmann überziehe ich immer. Er hat einen schönen Mund und eine angenehme, tiefe Stimme, der man gerne zuhört.

„Ich glaube, ich bringe Unglück“, sagt er. „Wenn ich jemanden mag, dann wird die Person schwer krank oder hat einen Unfall und stirbt. Das war bei meinen Eltern so, bei meiner letzten Freundin und bei drei Arbeitskollegen, mit denen ich mich gut verstanden habe. Ich will nicht, dass das wieder passiert. Darum habe ich mich von allen abgekapselt. Manchmal vergehen Monate, ohne dass ich mit jemandem spreche.“ Herr Pechmann beginnt zu weinen. Er ist ungefähr in meinem Alter und ein wenig abgemagert, wodurch seine markanten Wangenknochen schön zur Geltung kommen.

„Ich hätte gerne Freunde. Zumindest einen – aber was, wenn dann wieder etwas Schlimmes passiert?“

Frau Hammer ist meine nächste Patientin. Sie ist Anfang zwanzig und geht in Wahrheit nur in Therapie, weil das gerade alle ihre Freundinnen machen. Sie hat eine nazistische Persönlichkeit, aber keine richtigen Probleme. Sie erzählt mir von Männern, die sie wollen, aber die sie nicht will. Dass sie Wirtschaft nur studiert, weil ihre Eltern das wollen. Dass sie am liebsten nach Bali auswandern und Yogalehrerin werden würde.

Ich lasse sie reden. In Gedanken bin ich bei Herrn Pechmann. Er ist seit sechs Wochen mein Patient. Schritt für Schritt zeigt er mir mehr von seinen Narben und was sich darunter verbirgt.

Würde ich daran glauben, dass es Seelenverwandte gibt, dann wäre Herr Pechmann meiner. Ich verstehe ihn. Auch ich lasse seit Jahren niemanden an mich heran, um nicht enttäuscht zu werden.

„Er macht die Tür nicht zu, wenn er aufs Klo geht. Ich glaube, ich werde mich nicht mehr bei ihm melden“, sagt Frau Hammer. Ich nicke.

Herr Pechmann sagte vorhin, dass Mittwoch der schönste Tag der Woche für ihn ist, weil er da zu mir kommen kann. Er spürt die besondere Verbindung, die zwischen uns ist.

„Es gibt da eine Frau, mit der ich gerne ausgehen würde“, sagt er bei der nächsten Sitzung. „Aber ich trau mich nicht, sie zu fragen.“

Mir wird heiß, ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

„Warum nicht?“

„Vielleicht sagt sie nein.“

„Vielleicht sagt sie auch ja.“

„Ich will nicht zurückgewiesen werden.“

„Ich glaube nicht, dass sie das tun würde.“

„Dann ist es offensichtlich, wen ich meine?“

Ich nicke.

„Und Sie glauben, dass ich bei Mia eine Chance habe?“

Ich sehe ihn irritiert an.

„Ich meine die Patientin nach mir.“

„Frau Hammer?“, frage ich und erschrecke mich selbst über meine schrille Stimme. Er nickt.

„Wir unterhalten uns hin und wieder im Wartezimmer.“

Ich kenne Frau Hammer gut genug, um zu wissen, dass sie sich nicht für ihn interessieren wird. Sie ist viel zu wählerisch.

„Versuchen Sie’s doch einfach.“ Ein gebrochenes Herz ist immer ein guter Gesprächsstoff.

Wir sprechen alles im Detail durch. Zwischen uns gibt es keinen Filter, durch den seine Worte gezogen werden. Er sagt mir gerade aus dem Bauch heraus, was er denkt. Ich bin die Einzige, mit der er so spricht, die Einzige, die sehen kann, wie kaputt er wirklich ist. Mia weiß nichts von seiner Einsamkeit und seinen Verlustängsten. Wüsste sie davon, hätte sie sich nicht mit ihm getroffen.

„Zum Schluss hab ich sie geküsst“, sagt er und blickt daraufhin zu Boden. „Zu mehr war ich nicht bereit.“

Ich atme erleichtert auf, sage, er soll sich nicht unter Druck setzen.

Ich bin mir sicher, dass sie bald das Interesse verlieren wird, so wie sonst auch. Dennoch gebe ich ihm eine Reihe von schlechten Ratschlägen.

„Ich glaube, ich mag ihn“, sagt Mia zwei Wochen später.

„Und es gibt nichts, was Sie an ihm stört?“, frage ich.

Sie schüttelt den Kopf.

„Auch nicht der Altersunterschied?“

„Nein.“

„Und seine introvertierte Art?“

„Nein.“

„Gut“, sage ich. Dann frage ich, wie es auf der Uni läuft. Geht so, sagt sie. Sie hat Stress, weil sie eine wichtige Prüfung nicht bestanden hat.

Ich verschreibe ihr Medikamente mit starken Nebenwirkungen. Dazu gehören Gewichtszunahme und Depression. Niemand mag jemanden, der dick und schlecht gelaunt ist.

Herr Pechmann sagt mir, wie toll ich bin. Ohne mich hätte er sich nie mit Mia getroffen.

Er sagt: „Ich war schon lange nicht mehr so glücklich.“

Und dann: „Ich möchte die Therapie beenden.“

Ich denke: Jetzt dreht er durch.

Ich schnappe nach Luft, strenge mich an, die Fassung zu bewahren. Er ist krank, er weiß nicht, was er sagt.

„Ich kann die Therapie doch beenden, oder?“

Ich merke, wie ich schneller atme. Das ist die Panik, die in mir hochkriecht. Ich blinzle, hoffe, dass er die Tränen in meinen Augen nicht bemerkt.

„Selbstverständlich, Sie sind freiwillig hier.“

Unfassbar, wie schnell man den Verstand verliert, wenn es einem gut geht.

Frau Hammer hat ein wenig zugenommen. Trotzdem ist sie eine junge, hübsche Frau. Sie begreift gar nicht, wie gut es ihr geht. Denn obwohl sie jetzt einfach mit Herrn Pechmann glücklich sein könnte, sagt sie: „Ich fühle mich in letzter Zeit nicht gut.“

Da sage ich: „Ich kann Ihnen nicht mehr helfen. Sie sind seit drei Jahren bei mir und wir machen keine Fortschritte. Es ist besser, Sie suchen sich eine neue Therapeutin.“

Damit hat sie nicht gerechnet.

„Vielleicht brauche ich mehr Medikamente?“

Ich sage, ihre Medikamente wären schon stark genug.

Sie will fragt, was sie hat, Depression, Borderline oder vielleicht noch etwas Schlimmeres.

„Ich weiß es nicht“, sage ich und schicke sie vor die Tür.

Ich wollte nicht, dass es soweit kommt. Aber ganz unfroh bin ich nicht.

Herr Pechmann schluchzt. Ich verstehe nicht alles, was er sagt. Ich höre nur Krankenhaus und zu viele Tabletten. Sie ist nicht gestorben, aber fast.

Ich setze mich neben ihn und lege meine Hand auf seine.

„Haben Sie Mia schon besucht?“

Er schüttelt den Kopf.

„Das ist meine Schuld. Ich halte mich lieber von ihr fern, damit ihr nicht noch was passiert.“

Ich stimme ihm zu. Dann vereinbaren wir die nächste Sitzung.

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Carolina Reichl

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freiVERS | Marco de las Heras

Das Flaschendrehen hört niemals auf.
Blieb sie da stehen und zeigte zu mir, wütend
als hätte ich mich jahrelang im Sitzkreis
in einer solch' verstohlenen Art und Weise positioniert
damit sie mich nicht treffen kann:
Gestern starb mein Vater.

Seltsam regungslos lag er da im Zimmer, es war still;
eine Schnake störte meine Trauer.
Sie kam nach jedem Anlauf meiner Tränen
aus dem Hinterhalt, wie ein schiefer Geigenton im Ohr.

Als ich sie dann endlich müde rastend
an der Wand entdeckte, zog ich den Schuh aus,
holte mit ihm Schwung und erinnerte
während ich die Schnake auf der Stelle tötete
das Gewicht in meinen Fingerkuhlen von schweren, biergefüllten Plastiktüten
den Augenblick, als wir zusammenstießen
und siehe da: Aus der Schnake drang der Lebenssaft
klebte an der Wand.

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Marco de las Heras

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freiTEXT | Simon Loidl

Es war nichts

Wir saßen in Blickweite der Bar und warteten auf unser Essen. Wir sprachen kaum, denn wir hatten uns schon den ganzen Tag über unterhalten. Ich beobachtete die anderen Personen in dem Lokal, doch da gab es nicht viel zu sehen. Ein Mann ging an uns vorbei in Richtung des vorderen Teils, wo sich die Bar befand. Er blickte sich um, als wäre er ebenfalls zum ersten Mal hier. Weder vor noch hinter der Bar war jemand zu sehen. Plötzlich blieb der Mann stehen. Er schien etwas auf dem Boden zu betrachten, aber ich konnte nicht sehen, was. Nach ein paar Sekunden bückte er sich und hob etwas auf, das er in die Höhe hielt: eine oder zwei Spaghettinudeln, die offenbar beim Abräumen eines Tellers hier gelandet waren. Ich verstand nicht, weshalb der Mann die Nudeln aufgehoben hatte. Während er seine Hand, in der er immer noch die Speisereste hielt, wieder senkte, näherte sich in seinem Rücken, vom Eingang des Lokals her, eine Frau. Sie ging direkt auf ihn zu. Sie sprach ihn an. Ich hielt den Atem an, gespannt, wie sich der Mann aus der Situation herausmanövrieren würde, mit vom Boden aufgehobenen Nudeln ertappt zu werden. Ich weiß nicht, warum, aber ich war mir sicher, dass er die Nudeln in die Hosentasche stecken würde. Eine andere Möglichkeit sah ich nicht, wenn er nicht erklären wollte, weshalb er mitten in einem Lokal stand und Nudeln in der Hand hatte, die offensichtlich nicht seine waren. Doch der Mann machte weder das eine noch das andere. Er drehte sich um und grüßte die Frau. Dann wandte er sich zur Bar, legte die Nudeln in einen Aschenbecher, nahm diesen und trug ihn durch eine Tür, die hinter der Bar in eine Küche oder einen Abstellraum führte. Mir wurde klar, dass der Mann hier arbeitete. Ich begann wieder normal zu atmen, wandte meinen Blick von der zu Ende gegangenen Szene ab, blickte mein Gegenüber an und hob die Schultern.

„Was ist?“, fragte sie mich.

Ich schüttelte den Kopf.

Es war nichts.

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Simon Loidl

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freiVERS | Johannes Bruckmann

Kaltes Feuer

Wir fügen immer noch ein Scheit hinzu und sprechen davon, dass das Holz aus uns sein möge
Wir fügen immer noch ein Scheit hinzu und sprechen davon, dass es unser Feuer sein möge
Wir fügen immer etwas hinzu, auf dass das Feuer in unseren Farben brennen möge
Aber immer ist es noch nicht unser Feuer
Immer zünden wir das Feuer noch nicht an

Das Feuer brennt noch nicht in unseren Farben
Wir beargwöhnen das Feuer, das noch nicht brennt
Früher haben wir auch Scheite abgetragen
Heute fügen wir nur noch Scheite hinzu
Und zünden das Feuer nicht an

Die Scheite werden immer größer, immer schwerer
Wir können die Scheite nur noch gemeinsam tragen
Weil das Feuer nicht brennt, fügen wir noch mehr Scheite hinzu und Scheite hinzu
Wir fügen verzweifelt immer noch etwas hinzu
Die Scheite werden immer größer, immer schwerer

Du willst das Feuer nicht entzünden, es hat zu lange nicht gebrannt
Die Scheite sind feucht und modrig geworden unter der Last der immer neuen Scheite
Wir leben von dem Feuer, das noch nicht brennt, das nicht mehr brennen wird
Aber wir fügen immer noch mehr Scheite hinzu
Wir können sie nur noch gemeinsam tragen

Niemand soll wissen, dass das Feuer nicht brennt, wir geben vor, dass das Feuer brennt
Dass das Feuer in unseren Farben brennt, dass es unser Feuer ist
Wir ersticken in dem kalten Feuer
Wir ersticken unter den schweren Scheiten, wir vermodern unter den schweren Scheiten
Wenn sich das Feuer entzündet, dann verbrennt es unsere Leichen

 

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Johannes Bruckmann

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freiTEXT | Tara Meister

Das Freie

Wir lernen uns kennen an einem Abend, in einer Gasse. Sie steht zwischen zwei Mülltonnen und ich stelle mich dazu, es ist die Rückseite eines kleinen Bio-Ladens mit Café, es hat längst zu, wir sind hier, um Abgelaufenes abzuholen, uns verbindet die dafür entworfene App. Weil ich so etwas noch nie gemacht habe, weil Leute vorbeigehen und uns mustern, schwitzen meine Hände. Ich mustere Marlene, deren Blick in die Ferne gerichtet ist, war der Name tatsächlich Marlene? Sie trägt einen bunten, samtigen Body mit wilden Pflanzen darauf, er ist tief ausgeschnitten, zwischen ihren Brüsten ist der Kopf eines Schlangentattoos zu sehen. Um ihren Hals eine Kette, deren Anhänger in ihrem Ausschnitt verschwindet, als hätte die Schlange ihn gefressen. Marlene ist groß gewachsen, kurvig und war bestimmt schon einmal hier. Alles oder etwas an ihr zieht mich magisch an. Es kommen noch zwei andere und Stefan- der damals mein Freund war- der gar keine Lust darauf hat, das sieht man ihm an. Ich habe es vorgeschlagen, er sagt dann nicht ja und nicht nein, er kommt vorwurfsvoll mit. Während der Ladenbesitzer kommt, während er ein paar Sätze mit uns wechselt, uns mit ins Lager nimmt und dort Papiertüten mit Essen verteilt, sehe ich Stefan an und merke, dass er Marlene, nicht ansieht. Es ärgert mich, ich wünsche mir, dass sie seinen Blick anzieht wie meinen, dass er sieht, was schön ist. Wütend drücke ich ihm weiche braune Bananen in die Hand. Ich bemerke Schweißflecken auf seinem blauen Hemd, das auf einer Seite aus seiner Hose gerutscht ist. In diesem Moment finde ich ihn erbärmlich, ich starre auf Marlenes Haar auf dem Weg nach draußen. Die Tür schließt sich, wir gehen ein paar Schritte weiter zu einer Grünfläche und beginnen dort das Essen zu verteilen. Stefan sieht mit etwas Abstand zu, ich bin innerlich seltsam erschüttert von diesem Abend, Marlene wühlt in den Papiersäcken. Sie wühlt und wühlt als würde sie nach einem Schatz graben. Wie eine Piratin, denke ich, und dass ich gerne wenigstens Steuermann wäre und ich sage Stefan, dass er doch mit dem Moped schon vorausfahren soll, ich würde nachkommen, ich habe keine Lust mehr nachzukommen. Mit vollem Rucksack, einer Flasche Wein in der einen und einer goldenen Dose Sardinen in der anderen Hand geht Marlene los, ich frage in welche Richtung sie muss, ich sage, ich auch, sie wirkt nicht begeistert. Gemeinsam gehen wir ein paar Straßen weiter und dann den Kanal entlang und ich weiß nicht mehr, was ich mir erhofft habe. Marlene bleibt für einen Moment stehen, um die Dose zu öffnen und das Öl abzugießen, dann essen wir im Gehen die Sardinen und spucken die abgebissenen Köpfe in den Fluss, der sie vielleicht raus aus der Stadt trägt. Während wir ein bisschen reden, merke ich schließlich, dass da etwas Dunkles, Unerfülltes ist. Ob mich das angezogen hat, frage ich mich.

„Wie heißt du nochmal?“, frage ich sie.

„Marlene.“

Es ist ein weiter Weg in Marlenes Leben.

Ich war keine Ausnahme, wie alle anderen auch habe ich sie im Laufe der Zeit immer wieder verloren.

Vor drei Jahren, erfahre ich irgendwann, ist sie in Wien angekommen, hat begonnen Psychologie zu studieren, nach einem Semester gemerkt, dass es nicht das Richtige war und einfach weiter gemacht. Immer noch ist das Studium unsichtbar, die Bücher in ihrem Regal sind allesamt Thriller, die Prüfungen schreibt sie von anderen unbemerkt.

Auf allen Fotos und jetzt gerade lacht sie, hält sie mich mit den Augen fest. Sie hat die lauteste Stimme in der WG, aber sie schweigt viel. Ich schlafe mit ihrem Mitbewohner und höre sie spät nachts zur Toilette schlurfen.

Manchmal sehe ich sie tagelang nicht und wenn dann die Türe aufgeht, sind ihre Schritte langsam. Über den Winter ist sie schwerer geworden.

„Wir wollten doch segeln gehen.“

„Heute nicht. Vielleicht morgen, wenn der Wind geht.“

Oft steht sie unruhig im Raum. Wolken, die sie nervös machen, fettige Pfannen wütend, aber kein Schwamm und keine Kerze machen die Wohnung zu einem Ort, an dem sie sein möchte. Wochenlang ist sie hungrig und still.

Aber jetzt ist Frühling und morgen, wenn der Wind geht, nimmt sie mich mit an die Donau, auf das Segelboot.

Ich gehe schlafen, sie sitzt noch länger dort am Tisch. Morgen, denke ich und in meinen Ohren rauscht es.

Am nächsten Tag erzählt sie, dass sie spät nachts ein Geräusch gehört hat, zwischen zwei und drei Uhr, sie war lang wach und ist spät aufgestanden. Es hätte jemand etwas Großes aus dem Fenster geworfen. Und dass sie sich heute doch nicht nach Segeln fühlt.

Mit einer Einkaufstasche verlasse ich das Haus, da liegt vor mir auf dem Gehsteig in einer glitzernden Lache ein toter Fisch.

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Tara Meister

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