freiVERS | Jaqueline Isabell Grosser

Steinbeeren

Leuchtdioden
im Weihnachtsgrün
der Tundra,

Girlanden
aus Knochenfrost,
lautlos gelöst.

Was wir finden,
nährt das Vergehen.

Wir streifen
Rucksäcke ab
wie Häute,

reißen Wurzeln
aus der Erde
wie Nähte.

Totenrosen,
schwer
in Menschenhänden.

Milchzahnzeit —
blass, brüchig,
im Permafrost.

Wir schöpfen,
bergen Samen
aus dem Schlamm.

Geschenke
aus der dunklen Zeit.

 

Jaqueline Isabell Grosser

 

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freiTEXT | Nico Haingärtner

Leimrute

In der Klasse hatte keiner aufgepasst, auch ich nicht, und doch wusste ich als einziger die Antwort. Von da an war ich die Leimrute, Leimrute Oskar, weil es im Unterricht um den Vogelfang ging.
Ich war die Leimrute und vor allem ein großer Betrüger in den Augen meiner Klassenkameraden. Die mir vorwarfen, nur so zu tun als ob. Als ob Peders Achselfürze nicht spannender wären als der Unterricht. Die mir jetzt in den Pausen den aus dem Rachen hochgezogenen Rotz vor die Füße spuckten. Dieselben, mit denen ich eben noch befreundet gewesen war, riefen jetzt im Chor: Leimrute Schleimrute, wenn ich morgens das Klassenzimmer betrat. Weil du ein Schleimer bist, meinte Narve, und setzte sich neben Peder.

Passt, meinte der Stiefvater, also der Name. Weil ja tatsächlich alles Gesagte und Gehörte bei mir kleben blieb. Unheimlich, meinte er, sei das.
Vielleicht für einen, der jeden Tag aufs Neue vergisst, dass er von der Milch Magenschmerzen kriegt, murmelte die Mutter.
Und dann wurde noch dies gemeint und das gemurmelt, bis zuletzt der Stiefvater mit milchweißer Oberlippe und zornesrotem Kopf den Hut nahm und die Tür ins Schloss krachen ließ.
Aber bisschen stimmts schon, eh? Schlaumeier, du, kicherte die Mutter und ging aus dem Raum.

***

Juna mochte Rotkehlchen und ich mochte Juna. Schon deshalb staunte ich über den selbstgemalten Vogel an der Tafel und saugte jedes Wort ihres Vortrags auf. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr mochte ich Rotkehlchen selbst, ich fragte den Stiefvater, ob er mir mehr erzählen konnte, ob es stimmte, dass Rotkehlchen wühlenden Schweinen folgten, um dann von ihrem Fressen zu stibitzen und warum sie in Ameisen badeten, aber er war ja immer noch verschnupft, weil ich ihn vor der Mutter bloßgestellt hatte. Seine Milch trank er jetzt im Stall, wenn keiner zusah, und er wagte es auch nicht mehr, über die Magenschmerzen zu klagen. Aber ich sah ihm immer gleich an, wenn er wieder litt, konnte spüren, wie das Feuer seinen Rachen entlangkroch, und dann suchte ich lieber das Weite.

Nach der Schule ging ich in den Wald. Ich hatte herausgefunden, dass, wenn ich ganz still sitzen blieb, ich selbst zum Wald werden konnte. Denn während ich anfangs dachte, alleine zu sein – was mir gut gefiel, weil mein Kopf weniger verklebte, wenn ich allein war –, nahm ich, wenn ich nur lang genug still saß, überall Bewegung wahr. Hörte es summen und rascheln und pfeifen. Und manchmal sah ich ein Rotkehlchen aufblitzen, ein Tupfen Rot im Grün des Waldes.

Morgens, wenn der Nebel um die Stiefel waberte, winkte ich der Mutter im Weggehen zu, wie ich es immer tat. Doch sobald ich außer Sichtweite war, bog ich in den Wald ab. Dann wusste ich schon, dass es Ärger geben würde, wenn die Mutter die Lehrerin das nächste Mal im Laden traf, aber mit Ärger kannte ich mich aus.
In der Schule landete die Spucke der anderen jetzt über Umwege auf meiner Hose. Über den Umweg, dass einer mich schubste, während ein anderer mir das Bein stellte. Manchmal aber auch einfach so, direkt aus Narves Mund zum Beispiel. Zehn Punkte pro Treffer, meinte Peder. Fünfzig in die Haare.

Wenn ich dann heimkam, schimpfte der Stiefvater. Eigentlich schimpfte er gar nicht, er sagte bloß, ach, der, aber das reichte schon, um zu wissen, was Sache war.
Deshalb ging ich in den Wald. Meistens alleine, manchmal mit Juna, zumindest stellte ich mir das vor, abends, wenn ich im Bett lag und schon lange schlafen sollte, wenn es vor dem Fenster pechschwarz war und man nichts mehr hörte außer dem Flüstern der Kühe im Stall. Wenn ich gerade noch mitbekam, wie der Stiefvater mit vollem Milchbauch leise die Tür schloss, bevor mir die Augen zufielen.

Ja, der Stiefvater trank jetzt so viel Milch, dass ich anfing, mir Sorgen um ihn und die Kälber zu machen. Denn wenn der Stiefvater bis spät in die Nacht Milch soff, dann bliebe für die Kälber ja nichts mehr übrig, dachte ich mir. Eigentlich wusste ich, dass das Blödsinn war, ich war ja kein Kind mehr. Trotzdem schlich ich eines Nachts in den Stall und da sah ich dann auch, was ich nicht sehen sollte, das, worüber ich kein Wort verlieren sollte, wenn ich nicht herausfinden wollte, ob es da draußen in der Welt noch einen Stiefvater gäbe, der dumm genug war, einen klugscheißenden Rumschnüffler durchzufüttern, eine kleine Pissnelke, die den ganzen Tag durch den Wald streunert und mit offenem Maul Löcher in die Luft glotzt, hohl wie die Milchkühe im Stall, nur zum Fressen und Scheißen gut, und jetzt schleich dich, du Mistratte! Und dann bekam er noch fünfzig Punkte.
Also schlich ich mich, zurück in die Stube, und fand heraus, dass ich nicht der einzige war, der spät aufblieb. Aber die Mutter lag nicht im Bett und dachte an Juna. Sie saß bloß da, aufrecht, im Dunkeln, und schnaufte, dass es mir Angst machte.

***

Balder ist an der Mistel gestorben. Das haben wir in der Schule gelernt. Wo ich jetzt wieder hinging.
Balder war der Sohn von Frigga und als Frigga um Balder weinte, verwandelten sich ihre Tränen in die Beeren der Mistel. Aber das war vor tausenden von Jahren, als es noch keine Schule gab, und zu meinem Glück gab es auch morgen keine Schule. Weil morgen Weihnachten war.
Umso mehr sehnte ich mich nach Juna. Ich lag wach und stellte mir tausende Dinge vor, zum Beispiel, sie zu heiraten oder sie unter dem Mistelzweig zu küssen oder sogar das zu tun, was der Stiefvater mit der Bäckersfrau im Stall gemacht hatte. Vor der ich jetzt die Augen niederschlug, wenn die Mutter mich Brot kaufen schickte. Dabei war sie so schön, besonders in jener Nacht, mit ihren geröteten Wangen und dem verstrubbelten Haar und manchmal dachte ich deshalb auch an sie, wenn ich nachts wach lag. Ich fand sie fast so schön wie das Rotkehlchen, das ich Juna zu Weihnachten schenken wollte.

Um die Stiefel waberte wieder die Nebelsuppe und darunter knirschte der Frost, als ich in den Wald stapfte. Ich rieb drei Stöcke mit Friggas Tränen ein und rammte sie in den Boden – zwei brachen ab, weil die Erde hartgefroren und ich seit dem Sommer groß und stark geworden war. Beim letzten klappte es. Und dann wurde ich Wald. Summend und pfeifend und raschelnd vor Kälte, und die einzige Bewegung kam von meinem Zittern und den kleinen Wölkchen, die aus meinem Mund aufstiegen, immer höher, bis sie von den Himmelswolken verschluckt wurden. So saß ich da, während sich an meiner Nasenspitze kleine Eiszapfen bildeten. Während mir kalt und wieder warm und dann beides zugleich wurde. Bis endlich ein roter Fleck durchs Grau blitzte und sich mitten auf Friggas Rute setzte.

Und kurz war es schön. Kurz sah ich mich an Junas Tür klopfen, sah mich ihr das Geschenk überreichen, sah uns küssend im Stall und dann heiraten.
Doch dann sah ich, was wirklich geschah, sah das Rotkehlchen panisch mit den Flügeln schlagen, sah, wie die Flügel an der Rute kleben blieben und die ersten Federn ausgerissen wurden. Und ich stürmte los, ich wollte das kleine Tier ja bloß beruhigen, aber stattdessen verdrehten und verschlangen wir uns wie im Kampf und dann sah ich, wie das Bein losgelöst vom pulsierenden Körper am Stock klebte. Wie ein kleiner Zweig, der aus dem Ast ragt, und statt Blättern wuchsen Fleisch und Federn daran, und der Vogel schlug wie wild mit seinen Flügeln und die Flügel klebten an meiner Hand fest, und von da an war alles eins – Federn, Vogel, Rute, Hand, und mein Kopf verklebte so schlimm, dass ich zuschlug, dass ich das, was da an meiner Hand klebte, gegen den Waldboden schlug, um es los zu sein, und weil es nicht half, nahm ich den Stiefel dazu, drückte mit der dicken, matschigen Sohle den fedrigen Klumpen auf die frostige Erde, schabte ihn von der Hand und dann rannte ich, und ich wäre lieber Balder gewesen als Oskar, lieber Wald als ich.

 

Nico Haingärtner

 

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freiVERS | Sophie Steger

Ich schreibe keine Regionalliteratur

Ein Naturwasser bestellen
und dumm angeguckt werden
sich entschuldigen
sagen, dass man ein stilles gemeint hat

In den Kindergarten gehen
und nur Hochdeutsch können
aber für dich gibt es kein Hochdeutsch
sondern nur Deutsch

Die Deutsche sein

Dialekt sprechen lernen
aber immer noch die Deutsche sein

In der Oberstufe
einen anderen Dialekt sprechen lernen
weil die Schule
eine halbe Stunde entfernt ist
von da, wo du wohnst
oder von da, wo du kommst

Sprache nuancieren

Richtiges Hochdeutsch
nur mit deiner Mutter sprechen

Südtiroler Hochdeutsch
mit Südtirolern

Sich ärgern

Sprache nuancieren
bis man nicht mehr sprechen kann

Meine Stimme klingt tiefer im Dialekt

Ich verstehe die Leute nicht,
die sagen, Deutsch klinge hart
Deutsch ist weich

Gesagt bekommen,
man hätte eine österreichische Pronunciation

Sagen,
dass dein Vater Österreicher ist
obwohl er Italiener ist

Es nicht zu kompliziert machen wollen

Sag doch mal was auf Italienisch
Nein

Sprache verändern
Sätze verändern

650 km fahren
und für 100 Euro bei Rewe einkaufen

Nach einem halben Jahr
Papageienkuchen und rote Grütze essen
und sich fühlen,
als wäre das Essverhalten
stecken geblieben
als du mit vier weggezogen bist

Freitags in der Fastenzeit
Wurst im Schulbrot haben
Skandal auslösen

Ich bin eine Deutsch-Italienerin
Ich bin eine deutsche Südtirolerin
Ich bin auch Südtirolerin
Ich bin Deutsche

Ich bin eine
deutsch–südtirolerisch–italienische Österreicherin

Ich bin eine
italienische deutsche österreichische Italienerin

Ich schreibe Regionalliteratur
ausschließlich
gegen meinen Willen

Einen Pass von beiden Ländern haben
fuck you all

 

Sophie Steger

 

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freiTEXT | Helene Lanschützer

Im Schrebergarten

Bald sind die Isabellatrauben reif. Sie hängen bereits abwartend von der Gartenlaube, winden sich wie eine lila Perlenkette um die morschen Pfähle. Glänzen vom Regen auch wie Perlen, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Sie erstreckt sich von der Gartenlaube bis unter die Dachgiebel des Hauses und endet im Auffangbecken, das wir zum Gießen benutzen. Zum Gemüse- und Blumengießen. Die Isabellatrauben gießen sich selbst, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Hast du gehört? Die Regenrinne muss repariert werden.
Heuer ist ein Zucchini-Jahr. Ich habe es ausgerechnet, es sind im Schnitt zwei Zucchinis pro Tag, die geerntet werden müssen, gelbe und grüne. So viele Zucchinis können nicht eingefroren werden, dafür sind sie zu wässrig. Wir verschenken sie an die Nachbarn, die heuer kein Zucchini-Jahr haben. Über die Zäune hinweg, da wird einiges ausgetauscht, Gemüse, Nachrichten, Zigarettenstummel. Manchmal auch Enkelkinder. Hörst du mir zu? Wir haben zu viele Zucchinis. Ja, und zu wenig Tomaten. Heuer ist kein Tomaten-Jahr. Das hatten wir aber letzten Sommer, fünfzehn Dosen Tomatensoße liegen noch immer irgendwo in der Tiefkühltruhe. Damit kommen wir sogar durch den nächsten Winter.
Die Irmgard braucht keine Zucchinis. Sie hat heuer auch ein gutes Zucchini-Jahr – ich habe sie gerade getroffen und gefragt. Aber der Gartenzaun von ihr ist schon ganz morsch und muss dringend einmal erneuert werden. Das ist der Fluch des mittleren Gartens, man muss immer links und rechts fragen, wenn man etwas erneuern möchte. Wir müssen nur links die H.s fragen und mit denen verstehen wir uns gut. Das ist unser Glück. Wir teilen alles, die Läusemittel und den großen Griller, wenn die ganz große Familie kommt, für die unser Griller zu klein ist.
Früher habe ich mir immer ein Haus mit Garten gewünscht, jetzt habe ich eine Erdgeschosswohnung und einen Schrebergarten mit Blick auf die Zugschienen. Jede Stunde fährt ein Zug vorbei, ich nehme das Rauschen schon gar nicht mehr wahr, denke manchmal, dass der Wind besonders laut durch die Bäume weht, die Blätter zum Rascheln bringt, dabei ist es nur der Zug, der vorbeifährt. Wenn ich im Zug bin, dann kann ich die Schrebergärten zählen, überall sehe ich einen Garten wie unseren, als würde eine geografische Abhängigkeit zwischen Schrebergärten und Zugschienen bestehen.
Jetzt gibt es Neuigkeiten. Endlich, es gab schon so lange keine mehr. Die Irmgard hat es den H.s gesagt und die H.s mir gerade, als sie das Läusemittel zurückgebracht haben. Hör jetzt gut zu. Die Irmgard bekommt neue Nachbarn, die rechts von ihr ziehen weg. Sie haben jetzt ein Haus mit Garten und brauchen keinen Schrebergarten mehr. Die Irmgard hat die Neuen schon gesehen, zwischen den Buchsbäumen hindurch erspäht, und erkannt, dass sie nicht von hier sind. Nein, nicht aus einem anderen Bezirk, auch nicht aus einer anderen Stadt. Aus einem anderen Land. Sie sprechen eine andere Sprache und bauen bestimmt auch anderes Gemüse an, haben die H.s gesagt. Vor denen müssen wir uns in Acht nehmen.
Der Frühherbst kommt, oder soll ich noch Spätsommer sagen? In letzter Zeit ist nicht viel passiert – eine Petition gibt es zu unterschreiben, die Irmgard hat sie per Mail geschickt. Es ist eine Petition dafür, dass die neuen Nachbarn, die nicht von hier sind, wieder wegziehen sollen, weil sie zu laut sind. Ich habe sie noch nicht gehört, aber unser Garten ist auch ganz außen, wir hören nur den Zug. Trotzdem habe ich unterschrieben. Es könnte ja sein, dass etwas bei uns wegkommt, denn wir haben genug, das sie interessieren könnte. Den Griller, die Isabellatrauben. Nicht einmal die Zucchinis gebe ich ihnen. Die Petition haben schon viele unterschrieben, viel mehr, als bei uns einen Schrebergarten besitzen. Aber mir soll es recht sein. Hast du gehört, dass die Irmgard einen neuen Gartenzaun bekommt?

Rauch steigt seit Stunden auf, in der Nacht hat es gebrannt bei den neuen Nachbarn, lichterloh in ihrem Gartenhaus. Ich habe nichts mitbekommen, war zu Hause und habe erst später den Rauch gesehen, die Feuerwehr gehört und am Nachmittag die Ruine des Gartenhauses besucht, sogar die Himbeerbüsche sind ausgebrannt. Den ganzen Abend sieht es schon so aus, als hätte jemand gegrillt, doch es riecht nach verbranntem Plastik, nach verkohltem Holz. Fremdverschulden soll die Polizei festgestellt haben, Eigenverschulden meinen die H.s. Ich weiß nicht, ob man hier irgendwem die Schuld geben kann. Schließlich ist doch niemand dabei gewesen, niemand hat gesehen, wer was angezündet haben soll. Ich sollte die Fenster schließen, der Geruch beißt sich sonst auch in unseren Gardinen fest und den bekomme ich dann nie mehr hinaus.
Die Isabellatrauben sind jetzt reif, fast schon zu reif. Kaum nimmt man sie in die Hand, platzt die Schale auf und man hat nur noch ihre kleinen Kerne zwischen den Fingern. Gut, dass wieder Ruhe bei uns ist. Die Nachbarn, die nicht von hier sind, zogen weg, bevor ich die letzten Zucchinis verkocht habe. Zurück bleibt ein Garten ohne Gartenhaus, ein verkohlter Fleck in der Mitte unseres alltäglichen Lebens, der erst nächsten Frühling neu bepflanzt werden soll… Es beginnt zu regnen. Hast du die Regenrinne repariert? Ich habe dir doch gesagt, dass du sie reparieren sollst. Du hörst mir nie zu.

 

Helene Lanschützer

 

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freiVERS | Gawan Mehić

Nichts für fremde Wände

Entspannung folgt Erregung,
behauptet die Ebbe,
bevor sie geht.

Sehnsucht und Zärtlichkeit,
Wörter, die wir benutzen,
wenn nichts mehr antwortet.

In Augenblicken bewegter Dichtung
zeichnet Zeit
in kreisender Dauer,
die trägt,
ohne zu urteilen.

Ich muss nicht erscheinen.
Ich bin kein Bild
für fremde Wände.

Ich will begegnet werden
wie Fenster bei Nacht:
Ein Durchlass
für Herzschläge
im Takt fremder Leben.

 

Gawan Mehić

 

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freiTEXT | Linda Sensenberger

Echo

Natürlich habe ich den Kuchen vergessen, natürlich hat Hilla für mich den Kuchen gebacken.
Vater mag Bienenstich nicht, sage ich und Hilla nickt.
Aber Mutter mag Bienenstich, sagt Hilla, ich nicke.
Sie balanciert das Blech auf der Handfläche und streichelt mit der anderen meinen Rücken. Dem läuft ein Schauer hinunter, weil es kalt und Hillas Hand so vorsichtig ist, also drücke ich sie fester an mich.
Der Wind huscht in die Lücken zwischen uns und weil es nebelig ist, erkenne ich nicht, ob alles aussieht wie früher.
Wir schließen die Autos ab, kurz leuchten sie auf. Wie im Flur das Licht, als Hilla die Klingel drückt.
Ich bilde mir ein, Mutter noch am Klang ihrer Schritte zu kennen. Durch das Milchglas der Tür sehen wir zu, wie sie den Schlüssel dreimal im Schloss umdreht.
Hilla gibt mir den Bienenstich und umarmt im Türrahmen Mutter.
Ich wusste nicht, dass Hilla Mutter umarmt.
Hilla, sagt Mutter, dann: Greta.
Mutter, sage ich.
Wie geht es dir?, sagt Hilla.
Mutter macht Platz und ich schlüpfe hinter Hilla mit dem Kuchen ins Haus. An den Wänden hängen Fotos von Hilla und mir und Mutter und Vater. Schwarzweiß, weil Vater meinte, das macht man jetzt wieder so.
Während wir in die Küche gehen, dreht Hilla den Kopf zu mir um und lächelt ein bisschen. Ich lächle ein bisschen zurück, wie auf den Bildern im Flur, und dabei denke ich, dass ich sonst anders lächle, nur in diesem Haus lächle ich so.
Kaffee?, fragt Mutter, ja, sagen Hilla und ich.
Milch und Zucker?, fragt Mutter, nur Milch, sage ich, wie immer, sagt Hilla.
Ich frage mich, was wie immer denn heißt und Mutter setzt das Wasser auf.
Was heißt denn wie immer?, frage ich Hilla, Hilla antwortet nicht.
Das Licht ist noch so gelb wie früher. Es macht, dass die Zeitungen auf dem Esstisch alt aussehen und Mutters Ringe unter den Augen dunkler.
Ich frage Mutter nicht, wie sie es hier den ganzen Tag aushält. Auch nicht, wie sie es vorher mit Vater ausgehalten hat.
Während Mutter den Tchibo-Instantkaffee ins heiße Wasser rührt, klappt Hilla am Küchentisch ihren Laptop auf.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten?, fragt Hilla.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten, wenn man gar nicht trauert?, frage ich nicht.
Ich sage: Am Rand ist ein schwarzer Strich.
Mutter stellt drei Tassen auf den Tisch und setzt sich neben Hilla.
Na, Greta, sagt Mutter.
Wie geht es meinem Mädchen?
Ihre Wangen sind eingefallen und faltig. Sie färbt sich jetzt die Haare brünett. Früher hat Vater ihr verboten, sich die Haare zu färben. Er mochte lieber natürliche Frauen.
Gut, sage ich.
Sie rührt ihren Kaffee noch weiter, bis sich die helle Schaumschicht am Rand der Tasse absetzt.
Was machst denn du jetzt so?, fragt Mutter.
Ich studiere, sage ich.
Wie schön, sagt Mutter.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied, liest Hilla vor, passt das so?
Du musst noch seinen Namen draufschreiben, sagt Mutter.
Das kommt doch noch, Mutter, sagt Hilla. Das ist doch bloß der Anfang.
Ich denke, dass ich nicht besonders viele liebevolle Erinnerungen habe und weiß nicht, warum ich mich genau jetzt gerne an diese paar wenigen Erinnerungen erinnern möchte.
Zum Schulanfang ist Vater mit mir wandern gegangen. Unterwegs gab es Knabbernossi und Laugenbrötchen, die wir morgens noch beim Bäcker geholt hatten. Ich fand zwei grüne Steine, die ich zuhause eine Woche lang unter mein Kopfkissen und dann in meine Steinschachtel legte. Am Rückweg meinte Vater, dass wir doch öfter wandern gehen sollten, damit mein Po schön knackig wird.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied von unserem Ehemann, Vater, Onkel und Freund Erik Ukkonen?, fragt Hilla.
Ich weiß nicht, welche Freunde sie meint, ob man das einfach auf die Karte schreibt, damit man eben etwas schreibt, und ich weiß auch nicht, ob ihn jemals jemand Onkel genannt hat.
Und jetzt Geburts- und Todesdatum, sagt Mutter.
Hilla tippt und ich denke daran, dass wir damals auf dem Nachhauseweg Tina Turner gehört haben.
Im Küchenradio rauscht es nur.
Mutter schiebt Hilla die Milchtüte und Zucker hin, Hilla kippt ein bisschen Milch in ihren Kaffee und verrührt den Zucker darin.
Es riecht nach Milchkaffee und dem Überzug der Küchenmöbel, nach ein bisschen Moder, nach Mutters Parfum, das sie seit fünf Jahren anscheinend nicht gewechselt hat und nach unten leicht angebrannten Aufbackbrötchen von Lidl.
Ich habe die schwarze Kruste immer weggeschabt, aber es schmeckte trotzdem verbrannt. Die weiche Mitte des Brötchens habe ich herausgepult, zu einem festen Knödel geformt und so lange gekaut, bis er zusammen mit der Spucke in meinem Mund wieder weich wurde. Auf den ausgehöhlten Brötchen ist die Butter angeschmolzen. Bevor sie zerlaufen konnte, habe ich die Hälften gegessen.
Hilla sagt: Nach langem Leiden durfte er nun für immer einschlafen.
Ich sage: So lange hat er doch gar nicht gelitten.
Hilla sagt: Drei Monate immerhin.
Ich sage nicht: Woher weißt du denn das.
Ich denke: Nach noch längerem Leiden darf ich nun nicht für immer einschlafen.
Ich weiß nicht, ob ich nun gerne für immer einschlafen möchte.
Was macht die Arbeit, mein Mädchen?, fragt Mutter.
Alles beim Alten, sagt Hilla.
Das ist schön, sagt Mutter.
Woher weiß Mutter denn, dass du arbeitest?, sage ich nicht.
Ich sehe Hilla an, aber Hilla sieht auf die halbfertige Trauerkarte am Laptop.
Ich höre nicht auf, sie anzusehen und frage mich, ob hier überhaupt irgendjemand trauert.
Als Hilla nicht aufsieht, schiebe ich meine Kaffeetasse auf dem Melamintisch hin und her.
Hilla sieht auf die Tasse, die ich auf dem Melamintisch hin und her schiebe.
Ich nehme die Tasse und trinke. Der Kaffee ist lauwarm und schmeckt mehr nach Milch als Kaffee. Hillas Blick folgt der Tasse und endlich sieht sie mich an.
Was?, fragt sie, ohne wirklich zu fragen.
Was, sage ich, ohne es wirklich zu sagen.
Stattdessen sagt Hilla: Und jetzt unsere Namen?
Ja, sagt Mutter, jetzt schreibst du unsere Namen darunter.
Hilla tippt weiter und ich denke daran, dass wir noch nie alle zusammen auf einer Karte unterschrieben haben. Manchmal hat Mutter Karten geschrieben, wenn jemand Geburtstag oder geheiratet hatte oder gestorben oder geboren war, aber Vater wollte nie unterschreiben und Hilla und ich waren entweder zu klein oder hatten auch keine Lust. Einmal, während Mutter im Wohnzimmer Karten schrieb, hat Vater mir in der Zeitung Bilder von Frauen gezeigt. Es war das erste Mal, dass ich Brüste sah.
Haben wir ein Bild von Vater?, fragt Hilla.
Mutter entsperrt ihr Handy und wischt durch die Galerie.
Sie hat keinen Ring mehr am Finger, aber plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie ihn damals, kurz bevor ich gegangen bin, überhaupt noch getragen hat.
Ich beuge meinen Kopf ein wenig zur Seite und schaue Mutters Fotos an. Berliner Dom, Essen, Essen, etwas Verschwommenes, Spree, Schiffslenkrad, Spree, ein Selfie. Mutter, Vater und Hilla vor dem Schiffsgeländer am Fluss. Mutter hat ein Doppelkinn, halb geöffnete Lippen und zusammengekniffene Augen, Vater steht daneben und schaut in die Kamera, Hilla legt den Arm um ihn und grinst. Mutter wischt weiter. Verschwommenes Selfie, Spree, Essen, Blume, Blume.
Ich schaue weg.
Schaue Hilla an.
Hilla schaut weg.
Weicht mir aus.
Hilla, sage ich.
Hilla, wo ist der Kuchen.
Du hast doch den Kuchen genommen, sagt Hilla.
Hilla, wir gehen jetzt den Kuchen holen.
Hilla und ich gehen den Kuchen holen.
Die Stühle quietschen am Boden, als wir sie vom Tisch wegschieben.
Vater hat mich angefunkelt, wenn wir zu zweit in der Küche saßen und mein Stuhl beim Aufstehen quietschte. Er mochte es nicht, wenn ich laut war. Wenn jemand hörte, dass wir zu zweit in der Küche waren. Es war unser Geheimnis, und meistens mochte Vater dieses Geheimnis.
Ich schließe hinter Hilla die Küchentür und halte noch die Klinke fest. Sie ist kühl unter meiner schwitzigen Hand. Ich halte sie fest und mich an ihr fest. Ich brauche jetzt irgendwas zum Festhalten.
Du hast gesagt, dass du den Kontakt abgebrochen hast, zische ich.
Das habe ich vor fünf Jahren gesagt, sagt Hilla.
Hast du mir also fünf Jahre lang eine Lüge erzählt?, sage ich.
Hilla lehnt sich zwischen einem Foto von mir und einem von ihr gegen die Wand.
Ich habe die beiden erst im Herbst wieder gesehen, sagt Hilla.
Und davor?, sage ich.
Hilla sieht auf ihre Füße, die in Rentiersocken stecken.
Ich sage ihr nicht, dass Weihnachten schon rum ist. Das weiß sie schon, weil wir gemeinsam gefeiert haben.
Hilla sagt: Mutter hat mich angerufen. Als Vater krank wurde.
Und dann?, sage ich.
Hilla sagt: Dann bin ich ihn besuchen gegangen.
Verräterin, sage ich nicht.
Lügnerin, sage ich nicht.
Auch nicht: Täterfreundin.
Der Bienenstich, sage ich.
Ich lasse die Klinke los, quetsche mich an Hilla vorbei und greife nach dem Kuchen, der oben auf dem Schuhschrank steht.
Hier habt ihr euren Bienenstich, sage ich. Hilla nimmt ihren Bienenstich.
Ich gehe aufs Klo.
Am Klo sitzt Vater auf der Brille. Er zeigt mir mit sechs, wie man Tampons benutzt. Am Klo hallt Vaters Lachen besonders laut.
Ich will weg von diesem Klo, aber ich bin auch froh, am Klo zu sein, weil mir plötzlich übel ist. Ich drehe mich zur Kloschüssel um, auf der gerade noch Vater saß. Ich würge, aber ich kann nicht erbrechen. Ich würge nochmal.
Hilf mir doch, sage ich, aber es kommt nichts raus, keine Stimme und auch keine Kotze.
Hilf mir doch, sage ich wieder, aber Vater hilft mir nicht. Er sitzt auf der Klobrille und sieht zu, wie nichts aus mir rauskommt.
Ich klappe den Klodeckel zu und setze mich darauf. Vater pocht jetzt gegen den Deckel, aber ich stehe nicht auf.
Greta, sagt Hilla von draußen.
Sie klopft gegen die Tür, aber ich stehe nicht auf.
Es tut mir leid, sagt Hilla.
Es hört auf zu klopfen, aber ich stehe nicht auf.
Heute hallt Vaters Stimme besonders laut.

 

Linda Sensenberger

 

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freiVERS | Alexander Köffel

mia homs imma gsogt
net mit die fremdn redn
ob und zua hob i schon
grüßgott und so
oba amol wor i allan daham
lei i und die kotz
do leitets
i moch die tia auf
gonz nervös
mit a poor euro in da hond
steht a dicke liabe fremde vor da tia
i bin die brotfrau
vom berg oba
i bring eich des brot
is die mutti do
na
oba i bin do
jo
des sig i
sogt sie
und locht
und gibt ma
des brot
wos noch worm is
und a horte krustn hot

 

Alexander Köffel

 

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freiTEXT | Heike Pichler

Inga und das Nass

Sie dreht sich um. Sie lacht. Ihr T-Shirt klebt an ihrem nassen Busen. Ein guter Trick. Ich zwinkere ihr zu. Gut gemacht. Das hast du gut gemacht. Flüstere ich. Ich öffne die Augen wieder. Sie ist weg.
Ich gehe hinaus. Es ist mir egal. Es regnet. Das ist mir auch egal. Ich bleibe nicht stehen, um den Regen auf meiner Haut zu spüren. Um zu spüren, wie es mir die nassen Haare an die Kopfhaut klatscht. Ich bin ja nicht Inga und ich weiß ja, dass Regen nass ist.
Ich sagte doch, es ist mir egal!
Ich wische mir nicht die nassen, angeklatschten Haare aus dem Gesicht. Ich lasse mein Gesicht verschwinden. Verschwind.En.

Inga sagt, sie hat einen Joker, aber sie spielt ihn nicht. Noch nicht.
„Ich habe einen Joker, aber ich spiele ihn nicht.“ Ich sehe, wie sie mich schelmisch angrinst. Sie will schelmisch sein, aber ich durchschaue sie.
„Noch nicht.“
Ich glaube ihr das mit dem Joker nicht. Ich weiß, dass sie will, dass ich sie frage, was der Joker ist.
„Was ist der Joker, den du hast?“

Jetzt ist sie tot und sie spürt den Regen nicht mehr auf ihrer Haut. Ich weiß nicht, wie sie die Haare im Sarg hatte. Oder was sie anhatte. Ich bin nicht hingegangen.
Ich sehe den Bus kommen und kurz vergesse ich, nicht zu spüren und der Regentropfen läuft mir über mein Gesicht und er läuft über meinen Hals. Unter meine Jacke. Unter meine Haut und ich höre, wie sie schreit, meine Haut, und meine Härchen stehen und zittern. Ich steige in den Bus. Setze mich auf einen freien Platz und es ist wieder egal. Kein Spüren. Kein Regen. K.Ein Wort.

Inga liegt bei mir. Haut an Haut. Ich versuche ihre Haut zu hören. Dazu lege ich mein Ohr auf ihren Bauch. Ihre Haut ist sehr viel weicher als meine und ihr Bauch geht auf und ab. „Inga“, flüstere ich in ihren Bauch hinein und sie lacht mich aus. „Was ist der Joker, den du hast?“

Der Bus fährt los. Bleibt stehen. So wie Busse das für gewöhnlich machen. Jemand setzt sich auf den Platz neben mir. Ich sehe Inga draußen zwischen den Blättern tanzen. Der Wind hebt sie hoch. Sie war schon immer klein und dünn. Der Wind hebt sie hoch, wirbelt sie mit den Blättern herum. Sie lacht. Sie lacht so fröhlich. Ich wische mit der Hand über das beschlagene Fenster. Das Nass ist kalt auf meiner Hand. Meine Hand hält inne. Bleibt am Fenster kleben. Spricht mit dem Nass. Dann erschrickt sie und wischt sich in meine Hose. K.Ein Nass. K.Eine Inga.

Inga reckt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Sie riecht an dem Wasser, das herunterfällt. Es rinnt an ihr hinunter. Ihr T-Shirt klebt an ihren Brüsten und mein Gehirn knipst ein Foto. Ing.A. Sie dreht sich um zu mir und blickt mich ernst an. Ihre Augen fixieren mich. Ich bewege mich nicht. Ich warte. „Sie haben nein gesagt“, sagt sie.
Ich höre Fragen in meinem Kopf.
Und jetzt?
Werden sie dir weh tun?
Was wirst du tun?
Kannst du leben, dort?
Was wird aus uns?
Es ist schwer, die Fragen festzuhalten, aber sie dürfen nicht hinaus. Nicht zu Inga. K.Eine Antwort. Das Wasser läuft über mein Gesicht. Inga tanzt und singt irgendetwas auf russisch. Fragen können laut schreien und gleichzeitig kann alles stumm sein und in einem großen Vakuum dröhnen.

Ich steige aus dem Bus aus.

Ich rieche an Ingas Haut, die nackt an meiner Haut liegt. Es gibt keinen Joker, denke ich. Keinen für ein Wir. Keinen für ein Uns. U.Ns. Die Angst frisst sich in meine Gedärme. Wie Maden wühlt sie in mir herum.
Was wird aus deiner Haut, dort?
Wird dort auch das Nass an dir hinunterlaufen?
Wessen Gehirn wird dort Fotos knipsen?
Und was wird er damit machen?
Ich sperre den Kopf ein. Ist ein Mensch egal? L.Egal. Wie viele Milliarden Menschen gibt es? Wie viele davon sind egal? Wie viele nicht?
Ingas Joker sind die Maden. Das ahne ich. Ich spüre sie, wie sie sich durch meine Haut fressen, hinein in meine Innereien. Überall beißen sie Löcher.

Ich stehe im Regen. Das Wasser läuft an mir hinunter. Inga tanzt in der Luft, wirbelt mit den Blättern. Niemand tut ihr weh und das Wasser läuft an ihr hinunter. Glückliche Inga.

 

Heike Pichler

 

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freiVERS | Jutta Schüttelhöfer

Formen

manchmal lege ich mich zum Quadrat
einfach aus Spaß
oder nein eher aus Experimentierfreude
nur um zu sehen ob ich vollständig bin

geboren wurde ich als Ellipse
aber verstanden hat das nie jemand
lange Zeit bin ich beinahe
als Trapez durchgegangen
: ich war nicht gerade genug
aber das haben sie in ihrer Oberflächlichkeit nicht bemerkt
bloß zum Rechteck hat es nie gereicht
das haben wir alle eingesehen

draußen ist der rechte Winkel der Sonderling
aber vermutlich haben sie auch das nie kapiert
(und ich betrachte mich inzwischen mit elliptischer Gelassenheit)

 

Jutta Schüttelhöfer

 

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freiTEXT | Sarah Buck

Frühstück

Sie sitzen am großen Esstisch in der guten Stube, Hartmut am Tischende, links von ihm Helene. Der frisch aufgebrühte Kaffee dampft aus dem gebogenen Hals der Porzellankanne, das Kuchenbrot ist aufgeschnitten. Seit dem Aufwachen – Hartmuts Schnarchen hat sie bereits vor Sonnenaufgang geweckt - quält Helene ein Schmerz in den Schläfen, dumpf, bohrend und gnadenlos in seiner Hartnäckigkeit.
Hartmuts Hand tastet sich hinter der Zeitung hervor und hält ihr seine Tasse hin. Sie schenkt ihm ein, dann schenkt sie sich selbst ein. Hinter der Zeitung hört sie es schlürfen.
„Möchtest du ein Stück vom Kuchenbrot?“, fragt sie.
„Natürlich.“ Er hebt die Zeitung soweit hoch, dass sie ihm das Brot auf den Teller legen kann.
Helene nimmt sich auch eins, bestreicht es mit Butter und der selbstgemachten Brombeermarmelade, doch dann lässt sie es auf ihrem Teller liegen. Sie blickt aus der geschlossenen Terrassentür in den Garten. Die Rosen hat sie ordentlich zurückgeschnitten letzten Herbst, sie blühen prächtig dieses Jahr. Doch die Anemonen bereiten ihr Sorgen, sie sind so zart, der letzte Regenguss ist ihnen nicht gut bekommen.
Die Zeitung knistert, Hartmut blättert um. Helene legt die Hände seitlich an ihren Kopf und massiert sich in kleinen kreisenden Bewegungen die schmerzenden Stellen. Vielleicht, denkt sie, würde es helfen, nach dem Frühstück eine Runde durch den Garten zu machen. Früher – das ist schon lange her – haben Hartmut und sie das manchmal gemeinsam gemacht. Dann hat er sie bei der Hand genommen und ihr erklärt, was er vorhatte: hier ein Teich, da die Buchsbäume, dort das Beet für Kartoffeln, Salat und Erdbeeren. Sie hat gelauscht – ihre Hand ganz klein und warm in seiner – und sich an seiner Freude erfreut.
„Wir könnten vielleicht...“, setzt sie an, doch im gleichen Moment fährt ihr ein solcher Stich in die Schläfen, dass ihre Stimme versagt.
Hinter der Zeitung: kauen, schlürfen, schlucken.
Helene starrt auf die Anemonen, mutlos lassen sie ihre Köpfe hängen, ein großer Teil ihrer Blütenblätter liegt zerstreut auf der Erde wie achtlos abgestreifte Kleidungsstücke.
Hartmut legt die Zeitung beiseite. Ganz langsam nähert sich seine gekrümmte Hand einer Fliege, die auf seinem Teller sitzt und von den Krümeln nascht. Mit einer blitzschnellen Bewegung hat er sie in der Faust gefangen. Helene zuckt zusammen, als wäre sie selbst in seine Fänge geraten. Er presst die Finger zusammen, dann schmiert er die tote Fliege in seine Serviette.
„Du hast da noch dein Brot liegen“, sagt er.
Schulmeisterlich, denkt Helene, das ist der Ton, in dem er es sagt.
„Ach ja, tatsächlich“, sagt sie.
„Ein Träumerle bist du.“ Er greift wieder nach der Zeitung.
Das Wort ärgert sie, sie weiß nicht genau warum. Sie schaut auf ihr Kuchenbrot, an dem die Brombeermarmelade seitlich hinabläuft. „Ich habe heute keinen rechten Appetit“, sagt sie.
„Ja, ja.“
„Möchtest du mein Brot essen?“
„Ist gut.“
Helene will es ihm auf den Teller geben, da sieht sie Hartmuts Serviette, die sich entfaltet hat und den Blick auf die zerquetschte Fliege freigibt – ein schwarzer Fleck auf blütenweißem Grund. Sie greift nach der Serviette, wirft einen kurzen Blick auf die Wand aus Zeitung, dann schabt sie die Fliege mit ihrem Messer von der Serviette aufs Brot. Sie schiebt es unter der Zeitung durch auf seinen Teller.
Die Geräusche, die er beim Essen macht, kommen ihr entsetzlich laut vor. Nur dieses knirschende Mahlen und das Ticken der Standuhr sind zu hören.
Dann hat er aufgegessen. Leise stößt er auf. „So!“, sagt er. „Jetzt muss ich aber.“ Hartmut faltet die Zeitung akkurat zusammen und steht auf.
Auf einmal ist Helene etwas leichter zumute. Der Schmerz hat nachgelassen und beim Anblick der Anemonen, die jetzt direkt von der Sonne angestrahlt werden, denkt sie, dass sie es vielleicht doch noch schaffen könnten. Sie wird ihnen das gefilterte Kaffeepulver aufs Beet streuen, das wird ihnen gut bekommen.
„Um zwölf bin ich wieder hier. Was gibt es zu Mittag?“
„Ich weiß noch nicht“, sagt sie. „Wir werden sehen.“

 

Sarah Buck

 

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