freiVERS | Charlotte Obenaus
am Rande
am Rande erwähnen wir die schlechten Nächte
die Haare, die uns ausfallen und den Hunden
die Schmerzen
und immer ist es der innere, nie der äußere Rand
immer stürzen sie zurück in uns
wenn der Abend Blau auf Blau schichtet
und der Raps leuchtet
als würde er auch uns gehören, uns
die wir ohne Scheune
die wir ohne Zeit bis Juli
laufen am Saum der Felder
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freiTEXT | Eva-Marie Hanser
Federballreste
Wir haben ihm den Bart abrasiert. Alle zusammen, jede:r einen Bereich der Gesichtsbehaarung, mit einem elektrischen Rasierapparat am letzten Schultag nach der Zeugnisverteilung, siebenundzwanzig Schüler:innen. Er auf einem Stuhl im hinteren Bereich der Klasse. Wir eine pulsierende Traube, die sich unruhig stieß und zur Seite drückte, weil wir sehen und rasieren wollten. Ich habe nicht rasiert aus Angst ihn zu verletzten, hielt den Rasierer bloß nah an seinen Bart, bevor ich ihn weitergab und nach hinten gedrängt wurde, nur Hinterköpfe und Arme sah zu leisem Surren, lebhaftem Kichern und Ausrufen von Staunen.
Einen Monat zuvor waren wir am Fluss, am unregulierten Abschnitt, denn in Wirklichkeit sind Flüsse nicht gerade, sondern mäandern, bilden Arme, Haufen und Werde, die bleiben oder verschwinden, und neue entstehen, werden weggefegt und überspült mit der nächsten Eisschmelze, dem Starkregen und den Fluten. Wir folgten ihm über Sandbänke, Schotterstrände und durch mangrovengleiche Wälder. Zwischen den nassen, ins Wasser ragenden Wurzeln glitten Schwimmkäfer rudernd über die Oberfläche und Wasserläufer schlugen konzentrische Wellen. Aus der Ferne sahen wir einen Reiher und hörten die Frösche im Schilf, und von Mücken zerstochen, uns gegenseitig kratzend aßen wir die Hopfensuppe, die er uns gekocht hatte, an jenem Feuer, an dem er später eine letzte Zigarette rauchte und versprach, wir können ihm den Bart abrasieren, sollte er rückfällig werden.
Als er verunglückte, hatte ich meinen ersten Kuss. In Irland mit einem sommersprossigen Jungen, der aussah wie gutes Fladenbrot. Unsere Köpfe bewegten sich unbeholfen aufeinander zu, zweimal von der falschen Seite, unterbrochen von verlegenem Lachen, erst beim dritten Versuch in korrekter Spiegelung. Die Zungen berührten sich. Glitschige Fremdkörper, pelzig und ungewohnt im Geschmack, und höflich verschwieg ich die Irritation, ging stumm neben ihm her, bemüht einen seligen Eindruck zu machen, wie ein flauschiges Lamm, das die landschaftliche Schönheit genießt. Sattgrüne Weiden, steile Klippen. Dabei fehlt mir der pastorale Sinn.
Ketchup klebt an den Rändern unserer Münder, und ich frage mich, wie das geht, dass wir kaum atmen können vor Lachen, der Bauch schmerzt, wir immer bescheuertere Szenen und Szenarien erfinden, die wir endlos aneinanderreihen, und eben noch am Grab mit sanften Bewegungen Erde auf den Sarg streuten, als bestäubten wir ihn mit feinem Zucker. „Leichenschmaus“, flüstert mir Yvonne ins Ohr, die Kenntnis hat von Ritualen und Riten, und ich höre das erste Mal davon und stelle mir Hinterbliebene vor, die sich am Leichnam laben. Der Leichnam auf Salatgarnitur mit Endivien und faden Tomaten im Bierzelt umgeben von Menschen, deren fleischige Arme große Gabeln umgreifen.
Wir streifen das Kindliche ab, starren auf den braunen Boden mit den runden Kacheln und erinnern uns, die Köpfe auf die Hände gestützt, vor den leeren Tellern, an die Blutegel, die wir uns ansetzen ließen. Blutegel haben zehn Augen und drei Kiefer, mit denen sie die Haut aufsägen. Sie sogen sich voll, eine Stunde lang, mit vierzig Millilitern nährstoffreichem Blut, bevor sie abfielen, und er sie ins Biotop zurückbrachte, wo sie sich ein ganzes Jahr ernähren konnten von der in ihren Därmen eingespeicherten und durch Mikroorganismen haltbargemachten Kost.
Die Teller werden weggetragen und wir gefragt, ob es noch etwas sein darf. Ein Dessert, vielleicht? Ein Kakao? Ich bestelle einen Becher Zitroneneis mit Schlag und Yvonne streicht sich den langen Pony aus den Augen und erzählt von tagelang auf uns herabstürzenden Regenmassen. So gewaltig, dass der Bach über das Ufer trat, und der Schlamm, durch den wir zu unseren in sich zusammenfallenden Zelten wateten, sei knöcheltief und zäh wie Teer gewesen. Wir bewarfen uns mit Gatsch, stürzten uns aufeinander und drückten uns entzückt in die nasse Erde, Haut an Haut, während er im Dickicht nach Walderdbeeren und Pilzen suchte. Fotos am Tisch: Ich auf einem Bein stehend beim Ausleeren eines Gummistiefels. Wir wuschen uns im Bach und aßen die Walderdbeeren.
Auf Luftmatratzen liegen wir im Aufstellpool in Yvonnes Garten, sie am Rücken, ich das Gesicht im Plastik vergraben, es klebt an meiner Wange. Ich spiele mit der Poolfolie, streiche an ihren Falten entlang und quetsche sie. Eine unreife Kastanie fällt ins Wasser, und sinkt, ein giftgrüner Morgenstern. Er treibt am Grund, neben Blatt- und Federballresten.
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freiVERS | Nicola Quaß
Wolkenwelten
Wahres nirgendwo, überall nur Trugbilder,
von denen man nichts erwarten sollte.
– E. M. Cioran, Der zersplitterte Fluch
Wir schauten ihnen lange nach.
Den Schattenscherben, die über
Landschaften flogen. Den Wolken-
herden im Galopp.
Da wuchs ein Spinnennetz
am Himmel, da verquollen Wolkenflocken
am Horizont. Da zerstob etwas Zeit.
Ich träumte entschlossen
vom Sommer, saugte Licht und Wärme
in mich auf. Das Gefühl, im eigenen Kopf
zu baumeln, leichter zu sein
als Luft. Ich deutete auf etwas Helles,
du verrietest mir die Sicht der Dinge:
Wahres nirgendwo, überall Trugbilder.
Ich sagte: Schaukel, du sagtest: Cumulus,
ich: singender Schwan.
Jahre später, im Anflug auf das neblige Land,
sah ich Wolkenbüschel, rosablauen Abendschaum,
glaubte zwischen dem Nebelmeer
Bergspitzen zu erkennen, schon winkte mir
jemand vom Gipfel aus zu.
Doch die Erkenntnis ging weiter:
als du eines Morgens nicht mehr erwachtest,
hielt ich mich für das letzte Gespenst.
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freiTEXT | Antonia Kranebitter
Sommernachtstraum, C-Moll
Wie man sich nur in ein so kurzes Kleid pressen konnte. Dann auch noch die Farbe, ein nahezu verwaschen wirkendes Lachsrosa. Ließ die vom Alkohol geröteten Wangen noch stärker hervortreten. Man wollte sich für die eigene Überangepasstheit gratulieren, und für Leila, die im letzten Moment eine Krawatte anstelle der doch etwas albernen Fliege vorgeschlagen hatte. Sie hatte Martin flüchtig zum Abschied auf die Wange geküsst und war gedankenlos zum nächsten Punkt auf ihrer nie endenden Haushaltsliste übergegangen. Er hatte es nicht gewagt, die Tür zum Kinderzimmer zu öffnen. Schlich sich zaghaft aus der Wohnung wie ein Fremder. Erlebte die Trauung in dem mit weißen Rosen geschmückten Pavillon wie in einem Film, hörte sich selbst einem verzerrten Echo gleich, als er seine Rede auf das Brautpaar zum Besten gab. Irgendwann hatten ihn die vielen Bierflaschen auf die Wiese gezwungen, neben die Frau in Lachsrosa.
„Na“, hatte sie in einer Selbstverständlichkeit gesagt, die nur aus dem Norden stammen konnte. Ihre nackten Beine ausgestreckt. Martin mochte den Hamburger Dialekt normalerweise und konnte sich selbst kaum erklären, warum ihm die Frau so unsympathisch war. Vielleicht lag es daran, wie sie sich in ihrem korpulenten Körper bewegte, gelassen und beinahe mit Stolz. Er lächelte höflich.
„Kippe?“, sagte sie und hielt ihm die Schachtel hin, er schüttelte den Kopf und änderte seine Meinung mitten in der Geste.
„Ich bin Svenja“, sagte die Frau. Sah ihm dabei zu, wie er sich an der Schachtel abmühte.
„Danke“, sagte Martin und stellte sich vor.
Eine ganze Weile lang rauchten beide schweigend, und Martin sah wie erstarrt nach oben. Der Himmel war wolkenlos und tiefschwarz. Nach einigen Minuten begann die Stille sich bedrohlich anzufühlen, als könnte jeden Moment etwas Unerwartetes zwischen den Bäumen hervorspringen.
„Das Orchester war eine gute Idee“, sagte Martin schließlich, als er das Schweigen nicht mehr ertrug. „Schade nur, dass die Cellistin sich beim Einzug verspielt hat. Ein A in Takt Sieben, statt – “
Svenja vollendete seinen Satz. „Statt dem As. Kleiner Fehler mit Wirkung, ich bin völlig ausgestiegen. Theresa stand schon vorne in ihrem Brautkleid, als ich wieder zuhören konnte.“
Martin war einigermaßen überrascht. Rief sich die Szene wieder vor Augen, als Theresa den von Rosen umrankten Eingang betreten hatte und die Cellistin ihren Bogen ansetzte.
Ob sie die Legende aus dem antiken Griechenland kenne, die dem Schwan von Camille Saint-Saëns seinen zweiten Namen gab, hatte er sie einige Wochen vor der Hochzeit gefragt. Der weiße Schwan bleibt stumm bis an sein Lebensende, und erst in seinen letzten Stunden stimmt er den schönsten aller Vogelgesänge an.
Das Stück habe sie doch vor allem für Timo ausgewählt, außerdem sei eine Hochzeit auch eine Art Ende, hatte Theresa gewitzelt.
„Ich habe selbst lange im Orchester gespielt“, sagte Svenja und sah ihn auffordernd an. „Und Sie? Ich wette, die meisten Gäste haben den Fehler nicht mal bemerkt.“
„Ich unterrichte Musik“, sagte Martin, „und Mathematik.“
Wenn er über seinen Lehrberuf sprach, reagierten viele Menschen mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. Was gut tat, besonders nach einem Abend wie dem gestrigen, wenn Emma Fieber hatte und Leila nicht mit den bissigen Bemerkungen aufhören wollte, obwohl er so, so müde war.
Svenja schien ungerührt.
„Sie waren während der Schulzeit mit Theresa zusammen, oder? Sie hat Ihren Namen öfters erwähnt. Der kleine Martin, hat sie gesagt und von dieser Klassenfahrt erzählt. Als ihr euch gemeinsam weggestohlen habt.“
Martin rückte einige Zentimeter von der Frau weg, die ein klein wenig nach Schweiß roch, gemischt mit kaltem Zigarettenrauch. Irgendwo ganz tief in ihm klang ihr Name vertraut, aber er konnte die Erinnerung nicht greifen. Seine Gedanken zu verworren vom Alkohol, und gleichzeitig die Entrüstung über ihre Dreistigkeit. Dann wieder die einsetzende Scham darüber, wie stark seine Gefühle waren.
Theresa fiel ihm ein, im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerteppich, mit Sitzkärtchen und Tischdekoration beschäftigt. Hast du Zweifel, hatte er sie gefragt. Woher er den Mut für die Frage hatte und welche Antwort er sich erhoffte, das wusste Martin nicht. Bloß dass er sie stellen musste, weil es sonst niemand tun würde. Theresa hatte ihn starr angesehen, wie sie das immer tat, wenn sie ihrer Ehrlichkeit Ausdruck verleihen wollte.
Timo sei das Beste, das ihr je passieren konnte, trotz seiner Vogelobsession, hatte sie gesagt. Gleich danach komme natürlich er, sie hatte lachend seine Schulter berührt.
Er: Damals hast du ja auch deine Meinung geändert.
Sie, die Stimme voller Entrüstung: Damals war ich neunzehn. Das ist ja wohl was völlig anderes.
Er: Damals hast du mich betrogen. Mit irgendeiner Kommilitonin.
Feine Spucketröpfchen hatten Theresas Hand benetzt, und Martin hatte seine Worte zurücknehmen und seinen Atem wieder in den Mund zurücksaugen wollen.
In Theresas Augen standen Tränen.
Nicht irgendeine, hatte sie gesagt. Außerdem ist das doch schon so lange her, Martin.
Er drückte die Zigarette im Gras aus.
„Und Sie?“, fragte Martin, „Warum sind Sie hier? Ihren Namen habe ich jedenfalls noch nie gehört.“
Er konnte sich nicht zurückhalten, obwohl er wusste, wie lächerlich vorwurfsvoll er klang, genau wie Emma wenn sie fragte, warum sie immer noch keinen kleinen Bruder hatte. Als Svenja antwortete, lallte sie ein wenig.
„Theresa und ich, we go way back, das war noch damals in Wien. Aber ehrlich gesagt war ich selbst über die Einladung überrascht. Bis gestern dachte ich nicht, dass ich wirklich hierherkomme.“
Der letzte Satz seltsam spröde und befreit von jeder Nonchalance. Sie sprang auf, leicht schwankend.
„Kommst du mit?“, Svenja wechselte unmerklich ins Du.
„Im Pavillon ist jetzt niemand mehr, die sind alle auf der Tanzfläche bei David Guetta. Vielleicht haben wir Glück und das Cello ist noch da. Du kannst doch sicher ein bisschen Klavierspielen, als Musiklehrer?“
Martin war zu überrascht über den absurden Vorschlag, um ihn abzulehnen. Er folgte Svenja, die ihre hohen Schuhe ausgezogen hatte und im Dunkeln aussah wie ein kleiner, rosafarbener Gummiball. Sie rannte jetzt beinahe.
Der Pavillon war wirklich leer, und Martin prüfte die Uhrzeit auf dem Handybildschirm. Kurz vor Mitternacht. Wischte eine Nachricht von Leila beiseite. Die Cellistin hatte ihr Instrument zwar in seine Hülle gepackt, es stand jedoch noch neben dem Flügel, und Martin stellte sich die feingliedrige Frau vor, wie sie sich neben Theresa zu Housemusik aus den Zweitausendern um die eigene Hüfte drehte.
„Die Cellistin sah gut aus, oder? Hat den Fehler fast wettgemacht“, sagte Svenja, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Dann mit einem Blick auf den Notenständer: „Gabriel Fauré, das müsste ich hinbekommen. Schaffst du die Klavierbegleitung?“
„Warum hast du vorher nicht gesagt, dass du auch Cello spielst?“, fragte Martin. Seine Worte hallten in dem leeren Raum.
„Hab‘ ich doch. Du hörst nur nicht richtig zu“, sagte Svenja und klemmte das Cello zwischen ihre Beine. Martin beugte sich über den Flügel und wusste nach einem Blick auf die Noten, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen würden, die sich in den letzten Jahren auf britische Popsongs für Siebtklässler beschränkt hatten.
„Dann spiel‘ ich alleine“, sagte Svenja. „Hör gerne zu, wenn du magst.“
Während sie spielte, trank Martin die Bierflasche leer, die er immer noch in der Hand hielt. Wie groß und bedeutungsvoll ihm vor der Hochzeit noch alles erschienen war, wie eng mit ihm verschränkt. Vielleicht war der Fluchtpunkt gar nicht dort, wo er ihn immer vermutet hatte.
Die Töne bäumten sich zu einem letzten Crescendo auf und verklangen leise. Sie hatte mit jemandem telefoniert, daran erinnerte sich Martin plötzlich ganz deutlich. Kurz vor der Hochzeit war Theresa mit verquollenen Augen zu ihm gekommen und hatte gesagt, sie könne nicht darüber sprechen, aber auf jeden Fall sei jetzt alles in Ordnung. Sie habe alle Zweifel endgültig aus der Welt geräumt.
Svenja stand auf und ging langsam schwankend auf den Ausgang zu. Sie hielt immer noch ihre Schuhe in der Hand. „Na dann“, sagte sie, und Martin, eher der Höflichkeit halber „Ach, du gehst schon? Willst du nicht noch auf Theresa warten?“
Svenja lachte. „Das ist doch mein Abschiedslied. Diesmal wirklich. Kannst du ihr ausrichten.“
Entfernte sich langsam in die Dunkelheit, und Martin konnte noch lange am Glühen ihrer Zigarette sehen, wohin sich ihre Schritte bewegten.
Er summte die sanfte Cellomelodie noch am nächsten Tag, als er gemeinsam mit Leila den Tisch deckte, die so glücklich wirkte wie schon lange nicht mehr, weil Emma endlich wieder essen wollte. Leila schloss kurz die Augen und lauschte. Zog dann die linke Augenbraue hoch, mit diesem Lächeln, das er am Anfang immer und immer wieder hatte sehen wollen.
„Die Hochzeit scheint ja nicht besonders wild gewesen zu sein.“
Das Stück heiße Après un rêve, und Martin konnte sich die Behauptung nicht verkneifen, das wisse er als Musikprofessor natürlich.
„Was bedeutet das?“, fragte Emma, die unbemerkt die Küche betreten hatte, in ihrer unermüdlichen Neugierde.
„Nach einem Traum“, sagte Leila. Martin verbesserte: „Wohl eher Nach dem Traum, oder Wenn der Traum vorbei ist. Weißt du, Emma, es geht um dieses Gefühl, wenn du nach einem schönen Traum wieder aufwachst.“
Leila sagte streng, aber mit einem Lachen in der Stimme, „Bin nun ich die Französischlehrerin oder du“, und Martin hob Emma hoch, die fröhlich quietschte.
Für einen Moment verschränkte sich sein Blick mit Leilas. Er erwischte sich bei dem etwas abgedroschenen Gedanken, dass ja vielleicht doch alles gut werden würde.
Draußen hingen dunkle Wolken schwer über der Stadt. Ein feiner Sommerregen setzte ein und wusch die Spuren des Vortags von den Straßen. Die Kraniche zogen in Schwärmen gen Süden, und nur wenige Menschen hörten ihre Rufe und nickten sich wissend zu.
Bald kommt der Herbst, sagten sie.
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freiVERS | Ferenc Liebig
Meine Eltern haben sich in einer Diskothek
kennengelernt und vielleicht haben sie
nicht recht verstanden, was der andere sagte
und immer nur genickt und dann war man
verheiratet und dann kam ein Haus und dann
kam der erste Tod und von den Eltern ist nur
noch einer übrig und das Haus ist immer
noch da, aber verheiratet ist niemand mehr,
selbst der Sohn hat sich scheiden lassen
und wenn ich es recht überlege, ist es schon
seltsam in der Steuererklärung geschieden
ankreuzen zu müssen und die Vergangenheit ist
wie ein Bagger, der Löcher in die Erinnerung
schaufelt und in den Löchern liegen die Skelette
von Leichen und keine der Leichen lässt sich
mehr identifizieren und manchmal liegt man
mit all seinen Sorgen wach und fragt sich,
wo man zuerst anfangen soll aufzuräumen,
denn bei all dem Kram, der zu erledigen ist,
gibt es immer irgendeinen Kram,
der dringender erledigt werden muss,
irgendwo muss man allerdings anfangen,
nichtsdestotrotz aufpassen,
dass der aufgeräumte Platz
nicht wieder unordentlich wird,
wenn man Dinge sortiert und auftürmt
und Stapel macht für Dinge, die bleiben,
für Dinge, die weggeschmissen werden,
für Dinge, bei denen man sich noch nicht
endgültig entschieden hat.
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freiTEXT | Özden Gülcicek
Elisa
Sie würde ihm ein Notizbuch kaufen, dachte sie, mit geschlossenen Augen, die Hände auf den Ohren der Tochter, die wie durch ein Wunder noch auf dem Bauch der Mutter weiterschlief. Das gleiche Notizbuch, das er ihr vor einiger Zeit überlassen hatte, obwohl er dann zu verstehen gab, dass er es eigentlich lieber behalten hätte. Sie hatte gespürt, dass er nur widerwillig zustimmte, als sie ihn fragte. Ihr eigenes war gerade vollgeschrieben. In diesem Moment pochte der Drang, weiterschreiben zu können, stärker als das Unwohlsein darüber, in seine Schuld zu geraten. Sie würde ihm ein neues kaufen und dann mit Mina verschwinden.
Er liebt es, wenn sie spricht, fließend in einer Sprache, die nicht seine ist, wenn sie Witze macht, ohne zu zögern. Er versteht genug, um zu begreifen, dass es Witze sind, und es erinnert ihn an das, was er an ihr nicht begreifen kann. Sie sitzt am Sekretär, telefoniert mit Kunden in Spanien, vor sich das Notizbuch, von dem sie ihm ein neues gekauft hatte, nach der Sache neulich. Er hatte gesagt, es täte ihm leid, aber eigentlich war sie selbst schuld gewesen.
Ich werde diese Schlampe für alles bezahlen lassen, sagt er, als sie mit dem Telefonat fertig ist. Ich werde ihre ganze Familie hineinziehen und sie leiden lassen.
Dir ist klar, dass ich zur Polizei gehen muss, wenn du solche Dinge sagst, entgegnete sie.
Damals hatte Elisa die Polizei gerufen, und er hatte es ihr nicht verziehen.
Geh zur Polizei, deine besten Freunde. Du bist so eine verdammte Ratte, so eine Verräterin.
Ich hatte Angst vor dir.
Warum solltest du Angst vor mir haben? Du kennst mich doch. Ich habe dich nicht angefasst. Das machst nur du, denk dran.
Du hattest Mina im Arm. Ich musste sie dir wegnehmen. Das ist keine Misshandlung, das ist Notwehr.
Natürlich, wenn du es tust, ist es Notwehr. Wenn ich nur rede, weil du mich verrückt machst mit deiner ständigen Missbilligung von allem, was ich tue, ist das Missbrauch. Aber dass du mich schlägst, ist kein Missbrauch? Du hast mich terrorisiert. Du hast mich zerstört. Und ich habe nie die Polizei gerufen. Habe ich jemals die Polizei gerufen?
Sie will sich nicht wieder hineinziehen lassen, will nicht, dass ihr Blut schneller arbeitet als ihr Verstand. Sie hatte sich versprochen, es besser zu machen, besser für Mina. Die war jetzt in der Tagespflege.
Wir müssen ein paar Entscheidungen treffen, wie wir Mina gemeinsam erziehen wollen.
Ich treffe keine Entscheidungen mit dir. Ich bin jeden Tag mit meiner Tochter, jeden Tag. Das ist meine Entscheidung. Ich treffe keine anderen Entscheidungen.
Wieder dasselbe Lied.
Also gut. Wie du willst. Sie schafft es, sich zusammenzureißen und souverän zu reagieren. Sie ist zufrieden mit sich. Doch irgendwie hat sie ihn trotzdem provoziert.
Oh oh, wow wow, wie du willst, wie du willst. So sprechen wir jetzt also. Du bist so raffiniert, hysterisch! Hörst du? So hysterisch.
Er nennt sie immer hysterisch, wenn er so ist. Aber er hört auf und setzt sich aufs Sofa, als wäre nichts.
Ist es so, wie er behauptet? Ist Elisa schuld an allem? Ist nicht sie es, die ihr ins Gewissen redet, die ihn schlecht macht bei jeder Gelegenheit? Die sagt, sie müsse mehr erwarten, sich nicht so klein machen lassen, darauf bestehen, dass er mehr macht? Was soll ich noch machen, fragt er dann immer. Was denn noch? Und als sie ihn zum hundertsten Mal auf die Details hinweist, kocht er auf und nennt ihre Bitten lächerlich. Schleudert sie und Mina ins Bett mit seinem Getöse, dessen Wucht Sahar in die Matratze drückt, in Bewegungslosigkeit verharren lässt, lediglich ihre Finger in Bewegung, um Elisa anzurufen und still mithören zu lassen.
Sie greift nach dem Kochlöffel in der Schublade, tut so, als wolle sie ihn in der Küche benutzen, braucht aber nur etwas, woran sie sich festhalten kann, während sie eine einfache Frage stellen will, im richtigen, sanften Tonfall.
Ich muss noch etwas arbeiten, kannst du Mina heute abholen?
Ja klar, sagt er. Die Chancen dafür standen siebzig zu dreißig. Sie hat Glück.
Er verlässt das Haus, schreibt ihr eine halbe Stunde später, dass es draußen so schön sei und sie etwas Zeit miteinander verbringen sollten. Komm, lass uns im Park essen, wir kaufen Sandwiches und Limonade. Lass uns heute eine gute Zeit haben. Das ist wichtig.
Sie weiß, dass sie die Zeit zum Arbeiten nutzen sollte. Doch ein Bild von Mina mit Frank im Gras bleibt in ihr hängen. Es ist schön und flüchtig. Sie will es verdrängen, vor sich die Seite, die sie noch nicht zu Ende geschrieben hat.
Sie zieht ihre Sandalen an, streicht Sonnencreme auf die Haut. Sie muss ohnehin essen, kauft zwei Sandwiches, dazu Chips. Roastbeef und Reuben für ihn, Chicken Piccata und Reuben für sich. Mina wird jeweils eine Hälfte von jedem Elternteil essen.
Im Park bleibt sie stehen, als sie die beiden von Weitem erblickt. Die Tochter auf der Schulter des übergroßen Vaters, der wie ein Koloss hinausragt in die Krone der Kastanie, unter der sie nach den stacheligen Früchten greifen. Sahar nähert sich den beiden und entgegnet, obwohl niemand etwas gesagt hat: Kastanien darf man nicht vom Baum pflücken, man muss warten, bis sie im Herbst abfallen. Franks Blick, als er zu ihr runter sieht, ist in seiner Zornesfalte vergraben. Er legt eine Hand in ihr Hohlkreuz, gleitet, sie schiebend, sanft zur Wiese, wo er Mina von der Schulter nimmt und sie sich hinsetzen. Unbemerkt teilen sie die Sandwiches untereinander auf.
Sie will jemanden in ihrem Leben haben, jemanden, für den sie sich anstrengen könnte, jemanden, dem man nicht zeigen will, dass man aufgibt. Aber, denkt sie, es ist einfach, sich das auszumalen. Nicht so einfach, das zu finden. Vielleicht sollte sie einfach das Beste aus dem machen, was sie hat: ihre Familie, die da ist, wie sie ist, aus Fleisch und Blut, greifbar, sichtbar.
Sie merkt, dass er nur erschöpft ist. Als sie seine Hand greift, lässt sein Körper die Anspannung los. Er legt sich hin und schließt die Augen. Ihr Kopf beginnt zu kreisen. Elisa, denkt sie, Elisa.
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freiVERS | Helmut Blepp
Schwermütige Wanderungen
Früher wussten wir
wenn weiße Kühe auf den Weiden stehen
dann haben wir Burgund erreicht
Wir fraßen löffelweise Senf
der in der Nase kitzelte
und uns Tränen in die Augen trieb
Den Wein stahlen wir aus hölzernen Fässern
lauschten bei Nacht unter bergenden Bäumen
dem Gesang aus Vogelträumen
Die Furten schmaler Flüsse erlaubten unser Bad
nackt wälzten wir uns im fetten Klee
und plünderten die Apfelwiesen
Heute sind wir Verirrte an Peripherien
wohin wir uns auch wenden weiße Kühe
Fremde wie wir in Tälern ohne Horizont
Trunken machen uns die faulen Beeren
zerkaut mit Brot ohne Salz und Käse ohne Milch
unsere Haut raschelt in der Nacht
Früher verstanden wir es heimzukommen
wohin wir auch einander führten
ein kleiner Mond hat da gereicht
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freiTEXT | Philipp Sladkowski
Die Spende
Als ich endlich bemerkte, dass mein Telefon schon seit einer Weile vibrierte, tropfte ich gerade mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir. Trotz der Atemschutzmaske stieg mir der beißende Dampf in die Nase. Vor lauter Sprödheit dichtete das graue Silikon nicht mehr richtig ab. Keine Ahnung, wie alt das Ding war und wie viele Namen vorangegangener Assistent:innen bereits darauf verblasst waren, bevor ich meinen eigenen mit schwarzen Edding darübergekrakelt hatte.
Ich fummelte das Telefon mit meiner freien Hand aus der Hosentasche und machte mit der anderen weiter. Mir war klar, wer dran sein würde. Niemand sonst ließ es so lange klingeln.
„Hast du gerade viel zu tun?“
„Nein“, log ich. Eigentlich sollte ich heute noch das gesamte Muster, das als Vorlage ausgedruckt neben mir lag, auf das Großformat übertragen. Natürlich wusste er das nicht. Dafür kam er viel zu selten ins Atelier. Zu wissen, an welchen seiner Kunstwerke wir aktuell arbeiteten, überließ er seinem Studio Manager.
„Könntest du schnell etwas für mich erledigen?“
„Gerne“, log ich erneut.
Noch während er mir erklärte, was er wollte, kroch ich von der Bohle, die mit Schraubzwingen an dem zwei Meter hohen Baugerüst befestigt war. Sie ragte wie ein Sprungbrett über die Leinwand. Ich eilte zum anderen Ende der langen Fabrikhalle, wo ich in den Scherenlift stieg und mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt alles aus dem Lastenregal nahm, was er mir diktierte. Dabei konnte ich ihn kaum verstehen. Hinter mir dröhnten mehrere Staubsauger. Die anderen hatten gerade eimerweise Farbe auf eine noch größere Leinwand als meine geschüttet. Nun versuchten sie energisch, winzige Lufteinschlüsse herauszusaugen, indem sie an die Enden von Staubsaugerschläuchen geklebte Spritzen hineinpieksten. Der Studio Manager, der hektische Anweisungen gebend daneben stand, sah mich und forderte aus der Ferne mit seinem Gesichtsausdruck eine Erklärung von mir. Ich drehte ihm das Telefon an meinem Ohr entgegen und deutete mit dem Finger darauf. Das genügte, um mein Handeln zu autorisieren.
Je zwei 500-ml-Flaschen Acrylfarbe pro Farbton, dutzende Tuben Ölfarbe, mehrere Gläser Pigmente, Bindemittel, unzählige Pinsel sämtlicher Größen und allerhand weitere Kunstmaterialien packte ich in leere RAKO-Boxen. Ich bediente mich so großzügig an dem Bestand, dass ich erwartet hätte, diesen danach deutlich ausgedünnt zu haben. Doch es fiel kaum auf. Das Lastenregal, das sich über die gesamte Stirnseite der Halle bis knapp unter das Dach erstreckte, sah weiterhin wie ein Großhandel für Kunstbedarf aus. Dabei benutzten wir dessen Inhalt für die meisten Projekte nicht einmal, sondern bestellten neu. Das Regal und dessen Inhalt erfüllte eher repräsentative Zwecke, das Beeindrucken hohen Sammlerbesuchs zum Beispiel, oder der Medien, wenn sie über ihn berichteten. Es war extrem kostspielige Künstlerstudiodeko, die teilweise komplett ungenutzt vor sich hin trocknete.
Aufeinandergestapelt rollte ich die vollen RAKO-Boxen mit einer Sackkarre über das weitläufige Grundstück zum Sprinter, lud sie ein und fuhr los. Ich hatte mich dermaßen beeilt, dass ich noch meine improvisierte Schutzbekleidung für die Arbeit mit dem Chlor trug, einen schwarzer Müllsack, in den ich Löcher für Arme und Beine gerissen hatte, als ich auf den Parkplatz der Grundschule einbog. Schnell streifte ich ihn ab, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Es brachte nicht viel. So skeptisch wie die Schulleiterin meine farbverschmierten Klamotten betrachtete, als ich mich im Sekretariat anmeldete, hätte ich den Sack genauso gut anbehalten können.
„Ach, Sie sind das! Der Kunstraum ist ganz oben. Sie sollten sich aber besser ranhalten. In 15 Minuten fängt die Pause an.“
Ich befürchtete schon, eine laufende Schulstunde zu unterbrechen, als ich den Raum betrat. Glücklicherweise war gerade keine Klasse anwesend. Die Kunstlehrerin saß allein an ihrem Schreibtisch und war mit Vorbereitungen beschäftigt. Erstaunt betrachte sie die erste Kiste und nahm diese zögerlich entgegen, als könne ich das nicht ernst meinen. Dann bedankte sie sich überschwänglich.
„Das war noch nicht alles“, eröffnete ich ihr.
„Was, wirklich?“
Während ich schwitzend eine Kiste nach der anderen herauftrug und vor ihr auf den Boden stellte, ging ihr Erstaunen recht schnell in Sprachlosigkeit über. Fast schon erschrocken starrte sie darauf, als hätte sie trotz ihres Berufs soeben erst von der Existenz einer solchen Menge und Auswahl an Kunstmaterialien erfahren.
„Ich muss mal schauen, ob ich überhaupt genügend Platz habe.“
Sie führte mich in eine kleine Kammer neben dem Klassenzimmer. Dort deutete sie auf eine trostlose, schmale Ablage. Bis auf eine einzelne, viertel volle Flasche Kadmiumgelb und ein paar Wachsmalstifte war diese komplett leer.
„Wie Sie sehen, sind unsere Mittel sehr begrenzt. Für den Kunstunterricht bleibt leider nie viel Budget übrig.“
Mit sichtlicher Verzückung begann sie, die Farben aus den Kisten zu nehmen und auf der Ablage nach Tönen zu sortieren.
„Sagen Sie ihm tausend Dank und dass mir seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof sehr gefallen hat. Dass jemand ganz alleine solche großen, aufwendigen Werke erschafft, ist wirklich beeindruckend.“
Ich sparte es mir, ihre verklärte Vorstellung seiner Kunstproduktion zu berichtigen. Zu erörtern, dass Künstler wie er heutzutage riesige Studios betrieben, in denen sie zahlreiche Assistent:innen beschäftigten, die größtenteils alle selbst Kunstschaffende waren, aber aus Mangel an Erfolg finanziell darauf angewiesen waren, deren Kunst herzustellen, anstatt der eigenen, würde jetzt zu weit führen. Stattdessen nickte ich und eilte zurück ins Sekretariat, um mich abzumelden.
„Richten Sie Ihrem Chef unseren herzlichen Dank für diese großzügige Spende aus“, sagte die Schulleiterin merkwürdig hölzern, „allerdings hatte ich ihm am Telefon schon mitgeteilt, dass wir keinerlei Kapazitäten mehr haben. Wir nehmen momentan keine Kinder aus anderen Bezirken auf, nur aus unserem direkten Einzugsgebiet. Da können wir leider keine Ausnahme machen.“
Endlich verstand ich, wieso er einer Grundschule in Zehlendorf Kunstmaterialien spendete, obwohl er in Neukölln wohnte. Ich kannte mich mit den Unterschieden zwischen den Grundschulen der einzelnen Bezirke Berlins nicht aus, aber sie schienen ihm wichtig genug zu sein, seinen Sohn jeden Tag mit dem Auto durch die halbe Stadt fahren zu wollen. Wobei das wahrscheinlich eh seine Haushälterin oder jemand von uns machen würde.
Mit dem Einsetzen des Pausenklingelns stieg ich wieder in den Sprinter und fuhr zurück. Auf dem Grundstück sprangen einige der anderen gerade energisch auf dem vollen Baucontainer herum. Sie versuchten, den Müll darin zusammenzustampfen, um Platz für die Leinwand zu schaffen, an der sie vorhin gearbeitet hatten. Offenbar war es ihnen nicht gelungen, sämtliche Einschlüsse herauszusaugen. In den letzten Wochen hatten sie unzählige solcher Fehlversuche entsorgen müssen. Es war nahezu unmöglich, die Oberfläche so fehlerfrei hinzukriegen, wie er es wollte.
Ich parkte und half ihnen schnell, das von der halben Palette Farbe, die darauf vergeudet worden war, unheimlich schwer gewordene Gewebe in den Container zu wuchten. Dabei entdeckte ich mehrere Großpackungen 6 mm Tackernadeln. Für das Aufspannen der Leinwände sollten wir diese nicht mehr verwenden. Ich kletterte in den Container, trat einen Stapel Leisten beiseite und kramte sie hervor. Um Tackernadeln brauchte ich mir nun für die nächsten Jahre keine Sorgen mehr zu machen.
Im Atelier bereiteten die anderen schon den nächsten Versuch vor. Der Studio Manager war hörbar angespannt und wiederholte unentwegt, dass es dieses Mal unbedingt klappen müsse. Froh darüber, diesem Projekt nicht zugeteilt zu sein, zog ich den Müllsack wieder an, streifte die Atemschutzmaske über und nahm meinen Platz auf der Bohle ein. Kaum dass ich saß, klingelte das Telefon erneut.
„Und? Hat alles geklappt?“, fragte er.
„Ja. Sie haben sich sehr gefreut. Ich soll dir ihren Dank ausrichten.“
„Gut!“
Er machte eine kurze Pause und ich dachte schon, da käme nichts mehr, als er hinzufügte: „Haben sie sonst noch etwas gesagt?“
Ich beschloss, die letzten Sätze der Schulleiterin lieber überhört zu haben und verneinte. Er legte auf und ich fuhr fort, mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir zu tropfen.
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freiVERS | Marc Glund
falle
mein blick geht in die tiefe.
atme schwer.
befinde mich am abgrund
einer felsbarriere.
wasser fällt dem blick voraus.
zwei äste, knorrig,
dazwischen
verlassen
fast?
ein spinnennetz.
mehr nicht.
keine tiere in sicht, ich
kommentiere: #keinetiere?
er fühlt sich unentdeckt an, dieser
ort, am rande eines kleinen dorfes,
eins zu zwei, die ratio zwischen
mensch und kuh.
in dem ich nie war, dem
ort, dem wasser, dem felsen, dem
view und in dem ich auch nicht bin,
nun bloß nicht versinken,
das wasser,
es fällt
voraus
läuft aus, aus meinem handy,
im stream der äste, der ängste,
der träume, der kacheln, der
netze, der orte,
so fern.
der einsame versuch:
ich atme aus.
ein grund ist nicht
in sicht, ich sinke,
sinke immer weiter
verfallen
in nichts als
dem fall
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freiTEXT | Adnan Aydemir
Rauch, Erde und Erinnerung
Dieser Text ist eine Rückkehr – nicht nur an einen Ort, sondern in eine Geschichte, die nie abgeschlossen war. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich aus einem brennenden Haus trug und selbst an den Folgen starb. Mehr als vierzig Jahre später fuhr ich in das Dorf zurück, aus dem er kam. Ich wollte wissen, ob jemand mich noch kennt – oder sich an ihn erinnert. Was ich fand, war Nähe, Trauer, Erstaunen – und eine unerwartete Schuld: die Erkenntnis, dass selbst Freude ein
Herz brechen kann. ‚Rauch, Erde und Erinnerung‘ ist kein Reisebericht. Es ist der Versuch, den Schmerz und die Zärtlichkeit einer späten Begegnung in Sprache zu fassen.
Mit sechsundvierzig Jahren kehre ich zum ersten Mal in das Dorf Lubishte zurück.
Ein guter Freund begleitet mich, zwanzig Jahre älter, zwei Rucksäcke, ein Ziel.
Lubishte – das Dorf meines Vaters, in Kosovo,
die Erde seiner Kindheit,
die für mich nur ein Wort war, bis jetzt.
Er starb in Deutschland, als ich drei Jahre alt war.
Er rettete mich aus dem Feuer einer Zechenhaushälfte,
doch er selbst überlebte nicht.
Wenige Tage später erlag er den Rauchvergiftungen.
Meine Mutter blieb mit sechs Kindern zurück
in der neuen, fremden Heimat.
Ich, das Jüngste, kaum drei,
trug Verbrennungen dritten Grades an siebzig Prozent meines Körpers davon,
auch im Gesicht.
Nun also stehe ich hier,
in dem Dorf meines Vaters,
das seinen Namen trägt in meinem Ausweis,
aber nicht in meiner Erinnerung.
Ich will überraschen – und werde selbst überrascht.
Ich weiß nicht, ob noch jemand von uns lebt hier,
ob jemand weiß, wer ich bin.
Doch sie sind da.
Verwandte, von denen niemand etwas wusste –
nicht einmal die vielen in der Türkei.
Einer von ihnen, ein Cousin meines mit zweiundvierzig Jahren verstorbenen Vaters,
sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus,
eine Zigarette in der Hand.
Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen.
Dann zieht er langsam den Rauch ein,
schaut wieder hin,
und in dem Moment, als er versteht, wer vor ihm steht,
fällt ihm die Zigarette aus der Hand.
Er beginnt zu weinen
und umarmt mich, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte
zwischen uns zusammendrücken.
Auch die anderen kommen,
nahe, ferne Verwandte,
ergriffen, lächelnd, traurig.
Sie berühren mein Gesicht,
sehen in mir den Sohn, den Neffen,
den Überlebenden.
Drei Tage lassen sie uns nicht fort.
Nicht aus Lubishte, nicht aus dem Nachbardorf.
Sie öffnen ihre Häuser,
ihre Wohnungen,
ihre Herzen.
Das Hotel in Prishtina, längst bezahlt,
bleibt leer.
Wir schlafen auf Sofas, essen aus einem Topf,
trinken Kaffee im Hof,
hören Geschichten,
die alle mit Schweigen beginnen.
Ein älterer Verwandter aus der Schweiz ist gerade im Urlaub im Dorf –
Musiker,
übersetzt für mich,
deutet die Worte, die Gesten, die Tränen.
Fünfzehn Monate sind seitdem vergangen.
Ich bin achtundvierzig.
Und manche Nächte bleiben wach.
Ich denke an den Moment,
als der Cousin meines Vaters, der mich weinend umarmt hatte,
sagte, dass er Herzprobleme habe
und die Begegnung mit mir
seinem Herzen den Rest gegeben habe.
Er meinte es nicht böse –
aber der Satz traf mich wie ein zweites Feuer.
Er schickt mir Fotos,
mit Freunden, mit Familie.
Er ist gealtert,
schnell, sichtbar.
Und ich frage mich,
wie egoistisch ich war,
unangekündigt dorthin zu fahren,
ohne die Folgen zu bedenken,
ohne zu wissen,
dass man mit Erinnerungen auch töten kann.
Wie soll ich ihm je wieder ins Gesicht sehen –
im wirklichen Leben?
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