freiVERS | Philipp Rhensius

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Keira, warum hältst du deinen Kopf so schräg
warum trägst du diese Kette
warum sagst du nichts
die Lippen geschlossen zum unverfänglichen Code
Ja, Chanel hat deinen Körper gekauft
aber sehnst du dich nicht nach Freiheit?

Wie die Menschen wochenends im Cafe
mathematisch angeordnet
die Reste der Kuchen
wie Nachhbildungen von Schlachtfeldern vor ihnen
Auch sie Gefangene der Fiktion
so wie du
Keira

Wusstest du, dass 75 % aller Menschen aus 80 % Wasser bestehen
Und sie dennoch lieber schweben als fließen?
Dass sie lieber einzeln sind als Teil des Ganzen?
Die Freiheit, die du fürchtest
Keira
Ist gebunden an Verträge, die niemand unterschrieben hat

Jetzt wird's schmutzig
Der Krieg in Jemen hat 60.000 Tote gefordert
Drei Millionen Vertriebene
Und diese Leuten hier
Verdoppeln Schönheit
Oder simulieren Demokratie

Keira, warum hältst du deinen Kopf so schräg?
Du bist Wasser und Wasser muss fließen
Mach es ihnen vor

 

Philipp Rhensius

 

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freiTEXT | Christoph Michels

in schnitten

die scheibe herunter, zum ineinander, kreuzend, sich verflechtend, im immer neuen, und von allen seiten, damit kein blick dahinter. in diesem rauschen, das sich monoton, seit stunden, legt es sich grau, als ob nie wieder etwas anderes - -

ein lkw, der langsam näher, zum dröhnen, im nebeneinanderher und wie angehalten:

der fahrer, angezogenes knie, aufgestützter ellbogen, hält er eine kippe, der rauch senkrecht. sein grauer bart, der tatoowierte oberarm, die augen geradeaus. plüschwürfel an der windschutzscheibe. und der rauch senkrecht und er unbeweglich, jeder in seinem.

scheibe still asphalt regen wimper angst, fließend, gespiegelt, zerschnitten.

und der wald sich dann doch, hinter der leitplanke, im flimmern, baum neben baum gestellt, im berechneten, ihre reihen, endlose reihen und alles in ihre struktur:

wald felder windräder, ein dorf, zur unvorstellbarkeit verflacht, die wiesen von hecken getrennt, ein tankstellen-hinweis auf einem anhänger in ein feld gestellt, reihen aus solarpanelen, schwarz zu silber, im vorbei, nebeneinander aufgereihte kühe.

zwei rehe, mit gesenkten köpfen im zerregneten gras, als ob auch sie dort hingestellt.

der versuch den blick zurück, der sich dann im flimmern der leitplanke und erst im horizont der felder wieder still.

als der bus bremsend, gekurve, betonklötze und der regen jetzt senkrecht die scheibe, das grau zerschneidend, der sich zusammenziehende blick, zum stechen ins hirn.

anhalten anfahren anhalten, „keine pause, gleich weiter, dankeschön“, aussteigende die in den gepäckfächern, dann durch die wartenden. einsteigende lassen andere auf dem parkplatz, in ihrem flach, das immer gleiche, sich kein name im beton.

die ruhe dann, als jeder auf seinem platz, dass sich die stadt noch immer im kopf, in jedem ihrer geräusche, verschachtelt, nicht mehr auseinander, zum hintergrund – dann vom anfahren geschluckt.

und der asphalt sich wieder, in seinem geradeaus, im ewigen hintereinander der autos, lastwagen, die sich zu viehtransportern, tanklastern, kühlwagen, reisebussen und die lichter des gegenverkehrs in der windschutzscheibe zerstreut, zum ungefähren – eine autobahnbrücke in weitem bogen und die vergangenen tage dann entfernt, jeder von ihnen zur anstrengung, als ob kein einziger mehr möglich. //

schon lange gefallene blätter, die unter den platanen, den zusammengeklappten sonnenschirmen, auch sie schon lange, und das laub, über das kopfsteinpflaster geweht, um diese skulptur, die dort, in der mitte des platzes: tanzende vor einem klavierspieler. grau in grau. laub. regen. nur wenige, die unbewegt, als ob es genauso vorgesehen, und ich mit ihnen, langsam zum teil dieses platzes, jeder in seinem, nicht anders zu denken, wo das licht, wo das grau, hin und zurück getauscht, die gleichzeitigkeit jeder sekunde und der platz im regen und der nachmittag ein ende.

nur das holz des tisches. und wie sie die weiße porzellantasse und sich dann wieder hinter den tresen stellte. blicke, die näher. und die kaffeetasse und im regen gingen welche über den platz und waren unvorstellbar. und dazwischen dieses, das sich nicht, nicht in ihr stehen. wie ich weggefahren, wie ich zurückgekommen war. wie köpfe über pappbechern, mateflaschen, kein gesicht, die augen ins grau, auch das so vorgesehen.

am gesundbrunnen war er eingestiegen, hatte sich neben mich gesetzt. das türkis seiner jacke im augenwinkel. dann mir gegenüber, sein kinn, das sich spitz aus seinem gesicht, abgezehrt in falten, adern, die sich über seine stirn, seine haare dünn und zerschwitzt. er trug eine zerrissene jeans und diesen türkisenen anorak, die zu langen ärmel, die ihm über die hände. als sein blick meinen und das grün seiner augen, wie direkt es, aus diesem gesicht heraus, überdeutlich, „you have a good soul“, in einem klar, wie es dort zwischen uns. andere schauten herüber, ein stehender drehte sich um, ohne dass er seinen blick von mir, „you know, i come from a planet where everything is green, everything” und irgendetwas an ihm, seine augen verändert, das grün, tiefer vielleicht, saß ich, ohne es zu verstehen, in den blicken der anderen, in seinem. er zog eine bürste aus seinem leinenbeutel, den grünen plastikgriff einer bürste ohne borsten, hielt er ihn mir, langsam kreisend, vors gesicht, mit konzentrierten augen, die kein einziges mal von mir, „ihre seele ist rein – gute menschen sind selten geworden“, er lächelte, steckte die bürste zurück und seine augen dann nachdenkend: „ich kam nicht alleine, ich kam mit einem jungen, der heulte wie ein wolf – er konnte ein stein sein, ein see, oder ein baum, er konnte jeder vogel sein. seine augen waren genauso grün wie meine, aber er ging nur rückwärts. er sagte, dass wir beide gemeinsam so alles sehen könnten. ich habe bloß noch seinen seinen seelenvermesser. he is the moon – – .“ als er mit zusammengekniffenen augen in seiner tasche, ein klapphandy, es dann zurück: „sie werden bald anrufen – jedes jahr rufen sie an, die philharmoniker, weihnachtssaison – meine stimme ist von einem anderen stern, sagen sie“ und sein lachen, die weißen zähne, die aufgerissenen augen, sich immer weiter, in dieses grün. und er zog eine lesebrille, einen zerknickten zettel aus seinem beutel, die brille umständlich aufsetzend, stand er dann, sich räuspernd, den blick über die brille ins leere, fing er an zu singen. fröhliche nacht. wie er dort in der mitte des wagens, in den blicken der anderen, geflüster, gelache, aber er weiter sang, die brust herausgestreckt, den kopf erhoben, sang er es zu ende. und stand, noch immer, im rattern der bahn und seine augen noch einmal auf mir: „take care, my son“. er gab mir die hand und stieg aus. und die leere, unter ihren blicken, versunken, in enge und ich stand dann an einem bahnsteig und wusste nicht, weshalb ausgerechnet dort. ich erkannte es wieder, aber das grau des bahnsteigs war wie in papier gewickelt, jeder stein, jeder mülleimer, alles entfernt. ich ging treppen herunter, oder hoch, stand vor einer straßenlaterne, um jeden einzelnen aufkleber, jede vermisstenanzeige, jeden abreisszettel, aber die buchstaben waren nur flimmern. die hauptstraße herunter, die von den bahnschienen zerteilt, lief ich vom bahnhof weg. das durcheinander der autos, im gehupe, aber auch das nur entfernt, wie in den worten eines anderen, die fassaden, die sich über dem gehweg, der immer breiter, jeder in seiner entfernung, war unerreichbar geworden. ein backshop, der früher ein gemüseladen, dann zehn meter weiter dieser gemüseladen. und konnte in keine der seitenstraßen, hätte es von oben, wie eine straße in die nächste, um einen anderen weg zurück zu finden. unvorstellbarkeit, diese straße, diese stadt, in welchen gedanken. die augen im starren festgehalten, als eine alte, die in einer mülltonne wühlend, sich dann zu mir: „hier, weitergehn, weitergehn alter – sonst kriegste nochn arsch voll heute, weitergehn“ und sich erst dann der blick lösend und sie sich wieder zur mülltonne.

und ich ging denselben weg zurück, nahm die bahn, köpfe ohne gesichter, jeder könnte jeder, wie sie sich im grau – und stand dann auf demselben platz, von dem aus ich losgefahren war, stand, als ob es das erste mal. aber der backshop und der alte, der neben dem eingang, mit seinem hund, in decken gewickelt. das kleingeld, seine hand gekrümmt, zerfurcht, er bedankte sich leise – es war so vorgesehen.

von raum zu raum zu gehen, ohne dabei irgendetwas hinter sich, ohne irgendein bild, immer wieder in neuem, gegen jeden schnitt.

und ich ging, quer über den platz, längst gefallene blätter, im regen und das gelb und ich ging hinein. ihr bild in der scheibe, das sich vor das grau des platzes, als ob kein bild mehr außerhalb, jedes nur noch aus mir heraus, in geschlossenen augen, sich eines ins nächste. kaffeereste, eingetrocknet. und sie stand noch einmal neben mir, nahm die tasse und sagte etwas vom grün, vom winter. mit einem blick, in dem etwas unentschiedenes und ich konnte sie verstehen. aber was, in welchen worten, in dieses stehen, ließe sich nichts ändern.

das holz des tisches und der wind den regen gegen das fenster, das langsam beschlagend, und weiter auf sich begrenzt, zu aussichtslosem, ging ich dann. noch einmal den blick, aber nur noch die umrisse sitzender, verschwommenes, sich fremd und unvorstellbar und auch sie, unwahrscheinlich geworden. //

der regen jetzt seitlich, gegen die scheibe klatschend. wie vergessenes, das losgelöst und zusammenhangslos, sich jetzt zurück. von stein zu stein. keine einzige mauer. und doch jeder stein, vorgesehen. in jedem bild, dieses reisens, ständig sich und nirgendwo, nur der erste gedanke: für immer verloren.

strommasten, die dunkel aus den feldern heraus, enten, die zu weißen flecken, die dämmerung sich in den bus, zu gespiegeltem, sich vor alles näherkommende, das zu bekannt noch, doch zerschnitten, jeder raum gesehen, jedes bild, jedes wort, ist wahllosigkeit.

jemand fängt an zu husten, ein telefon klingelt, der langsamer werdende bus.

und kein weiteres wort mehr hören zu können. //

 

 

Christoph Michels

 

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freiVERS | Freya Morisse

Bevor man aus dem Haus geht, überprüfen:

ist das Smartphone da
sind die Schlüssel da
ist das Geld da
ist das Wetter da
ist das vorhergesagte Wetter da
ist die Hose da
hab‘ ich eine Hose an
ist der Standort da
ist mein Standort da
hab‘ ich Datenvolumen da
hab‘ ich Akku da
ist die optimale Route da
gibt es Hindernisse
wo sind Hindernisse
wie viele Minuten
wie viele Minuten hab‘ ich noch
ist die Zeit da
läuft die Zeit
stopp‘ ich die Zeit
sind die Pläne da
hab‘ ich Pläne (welche Pläne)
hab‘ ich Listen (wozu Listen)
kann ich heute Haken machen (schlagen)
ist das Licht da
ist das Blaulicht da
sind die Motoren da
sind die Sirenen da
sind die Flüsse da
fließen die Flüsse
bewegt sich die Stadt
beweg‘ ich mich zuerst
ist mein Körper da
ist mein Körper wach
ist Pelz auf meiner Zunge
hab‘ ich Mundgeruch bekämpft
ist mein Magen da
ist mein Magen leer
ist mein Ziehen da
ist mein Pochen da
ist mein Schweiß da (stink‘ ich jetzt schon)
sind meine Muskeln da
sind meine Muskeln wach
sind meine Füße da
hab‘ ich den Füßen Bescheid gesagt
hab‘ ich die Füße aufgeweckt
ist mein Zimmer da
ist im Zimmer Nacht
hängt im Zimmer Schlaf
ist mein Bett da
ist mein Bett gemacht
ist mein Bett noch warm
klebt Schlaf im Laken
find‘ ich die warme Stelle
sind die Träume da
sind die Träume
fortsetzbar

 

Freya Morisse

 

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freiTEXT | Lisa Gollub

Angst

Zuerst habe ich aufgehört mit dem Autofahren, denn Autofahren ist bekanntlich gefährlich. Mein Auto habe ich einfach stehengelassen. Es wird mich überleben, denn es hat aufgehört, gefahren zu werden. Noch in hundert Jahren wird es wie konserviert dort stehen und bewundert werden für seine archaische Unberührtheit. Dann habe ich aufgehört, mit Fähren zu fahren, obwohl es in meiner Umgebung keine Fähren gibt. Ich habe mir gedacht: Besser schon in Gedanken damit aufhören, falls man in Versuchung kommt, es bei Gelegenheit doch zu tun. Als ich einmal meine Oma besuchte, die in einer mittelgroßen Gemeinde an der Donau wohnt, stellte ich fest, dass ich zwei Möglichkeiten hatte: mit der Fähre den Fluss überqueren oder über die Brücke gehen. Ich bin über die Brücke gegangen, allerdings nur ein zweites Mal, denn dann beschloss ich: Ich gehe nicht mehr über Brücken. Als ich nach Hause kam, betrachtete ich eine Landkarte und stellte fest, dass ich nun wortwörtlich in Transdanubien lebte, nämlich begrenzt von Donau, March und Thaya, ein Gebiet, das, wie ich mir sagte, groß genug war für meine Bedürfnisse. Ich genoss die Aussicht auf lange Radtouren durch Wein- und Waldviertel, aber dann wurde ich Zeuge eines Unfalls, bei dem zwei Autos kollidierten, als eines einen Radfahrer überholen wollte. Zu allem Übel wurde ich auf die Polizeistation geladen und musste gegen einen der Autofahrer aussagen. Da dachte ich bei mir: Nie wieder den Verkehr beobachten! Und um Gottes Willen nicht mehr Radfahren. Am Abend schrieb ich auf einen Zettel das Motto meines verkleinerten Lebens: Je geringer die Möglichkeiten, desto unendlicher die Welt. Ich machte mich zu Fuß auf. Zu Fuß ging ich einkaufen und zu Fuß ging ich zum Arzt, denn auch Busfahren ist gefährlich, und mit meiner Oma telefonierte ich nun regelmäßig. Sie erzählte vom Jahrhundert-Hochwasser, das die Brücke unterspült hatte, Fahrzeuge und Fußgänger seien ins Wasser gestürzt, aber niemand sei gestorben. Ein Wunder!, dachte ich. Ein Wunder!, sagte meine Oma. Als wir das nächste Mal telefonierten, stand das Wasser schon bis zum Tür, sodass sie das Haus nicht mehr verlassen konnte. Helfer der Feuerwehr brachten ihr Lebensmittel auf einem Schlauchboot, und ich machte mir jetzt wirklich Sorgen. Ich beschloss, meine Oma zu retten. Ich packte alles Notwendige ein, überprüfte meinen Personalausweis, meine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, behob Geld. Aber dann kam mir in den Sinn: Ich fuhr nicht mehr mit dem Auto, nicht mehr mit dem Bus, nicht mehr mit der Bahn, über Brücken ging ich nicht mehr und mit einem Schlauchboot die Donau zu überqueren erschien mir gefährlicher, als selbst ein Flugzeug zu steuern. Ich rief bei meiner Oma an und sagte: Oma, ich kann dich nicht retten! Retten, was heißt, warum willst du mich retten?, fragte sie. Sie habe Gummistiefel, das Schlauchboot der Feuerwehr komme jeden Tag mit frischer Milch, alles sei halb so schlimm. Ich beendete das Telefonat desillusioniert. Dann dachte ich: Ich muss aufhören mit dem Aufhören. Deshalb rief ich meinen besten Freund an und wir verabredeten uns für den Nachtclub. Ich rang mich dazu durch, mit dem Bus zu fahren, er wankte ein bisschen nach allen Seiten, einmal streifte er mit den Reifen den Randstein, aber sonst blieb die Fahrt ereignislos. Im Nachtclub genoss ich das Leben wie ein Lebemann, kippte Spritzwein wie Wasser und entschied mich für eine Frau. Der scheinbar vorbestimmte Ablauf beruhigte mich. Ich war ihr immer einen Schritt voraus, um die nächste Aktion erwarten zu können. «Du weißt», sagte sie auf der Fahrt nach Hause immer wieder, «du weißt». Aber ich wusste es erst morgen früh, als ich aufwachte und feststellte, dass neben mir ein Mann-in-Frau lag. Ich konnte mich an nichts erinnern. An diesem Tag beschloss ich, nicht mehr in Nachtclubs zu gehen, denn das schadet Ruf und Gesundheit. Ich entwickelte eine längst überfällige Lebensphilosophie: Jedes Element aus unserem Alltag ist hinsichtlich seiner Gefahr für Leib und Leben zu bewerten und sofern Gefahr besteht zu vermeiden. Die beste Prophylaxe ist Voraussicht. Das heißt, sich am besten immer schon vor der Welle auf den Berg retten, oder besser zur Prophylaxe der Prophylaxe von vornherein dort ansiedeln. Insofern fiel es mir nicht schwer, nicht mehr über Brücken zu gehen oder mit Fähren zu fahren, denn ich wusste: So bin ich sicher vor den Gefahren des Lebens. Zu dieser Zeit entdeckte ich im Fernsehen eine Dokumentation über Superflüssigkeiten, welchen das Kunststück gelingt, ihre Reibung zu minimieren. Sie fließen einfach über alles hinweg, was sich ihnen entgegenstellt. Wie einen Gedanken, den man noch nicht greifen konnte, erschien mir in großer Ferne die Vorstellung einer reibungslosen Welt. Hüftgelenke, die sich nicht zerreiben. Motoren, die ewig dahinpumpen. Menschen, die ihrem Schicksal entfliehen. Und dann dachte ich an Ozeane, die im Zerfließen Menschen ertränken. Reibung und Reibungslosigkeit sind Fluch und Segen, dachte ich. Und auch Leben und Tod sind äquivalent in der Gefahr, die von ihnen ausgeht. Muss man nicht den Tod fürchten, dann das Leben. An diesem Tag beschloss ich: Ich gehe nicht mehr vor die Tür. Ich legte den Wohnungsschlüssel in die Schatulle der Reserveschlüssel, die ich erst lange suchen musste, dann aber doch fand. Die Vorstellung, ihren Ort noch einmal zu vergessen, beruhigte mich, sodass ich mich bewusst anstrengte, es aber bald aufgab. Mein Kosmos war zu klein geworden. Auf meinen 52,75 Quadratmetern war nichts mehr zu übersehen oder zu verdrängen. Alle Möbel sprangen mir ins Auge, als hätte ich sie neu gekauft. Ich putzte montags und samstags, bald montags, mittwochs und samstags und als ich bloß die Schlieren des letzten Putztages beseitigte, stellte ich fest, dass ich mich drehte. Mein Leben hatte an Form und Struktur gewonnen, aber an Inhalt verloren. Es war, als würde ich mich rückwärts gehend fortbewegen. Aber ich bewege mich fort, dachte ich, denn alle Veränderungen hatte ich mit dem Gedanken vollzogen, jedes Hindernis schon zu erahnen, bevor es zur Gefahr wird. Prävention ist die beste Gesundheitsvorsorge, sagt der Hausarzt und ich nahm es mir zu Herzen. Bald dachte ich wieder an die Dokumentation über Superflüssigkeiten. Sie stimmte mich nachdenklich wie alles, was man nicht so recht versteht. Ich betrachtete meinen Körper, setzte an zu einer Kniebeuge, verrenkte den Kopf ein wenig, und tatsächlich: Ich spürte Reibung. Ich spürte wie Knorpel über Knorpel glitt, dann ruckte und im nächsten Moment schon rumpelte. Mein Körper machte mir Angst. Wie konnte trotz aller Enthaltsamkeit ein Knorpelschaden entstanden sein? Ich wollte –, aber nein, ich verließ das Haus nicht mehr. Ich wollte –, aber nein, ich telefonierte nicht mehr. Was tun? Ich legte mich ausgestreckt auf mein Bett, das mir wie eine dünne Pritsche vorkam, und atmete, atmete ruhig vor mich hin, bis sich mein Herzschlag verlangsamte. Ich versuchte Gedanken zu fassen, ja, ich beobachtete mich beim Denken und griff immer wieder in mein Bewusstsein hinein, und da fiel mir auf, wie sehr mich das Denken beanspruchte. Ich spürte geradezu die Reibung der Gedanken, wie sie sich aneinanderzwängten und aneinanderrieben, und unwillkürlich dachte ich an den nicht mehr ganz intakten Lack meines Autos, der bei jeder Berührung abblätterte. Ich muss aufhören zu denken, dachte ich, aufhören! Da vernahm ich ein lautes Geräusch. Es kam aus dem Vorzimmer. Ich hörte es noch einmal, also hievte ich mich vorsichtig hoch, um die Gelenke zu schonen und bewegte mich in den winzigen Vorraum. Hey!, hörte ich durch die Tür, bist du zu Hause? Da rauschten an mir die vergangenen Wochen vorbei, die Pein der vermeintlichen Sicherheit, die Angst vor Brücken und Fähren, die Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Mit zittrigen Händen öffnete ich die Schatulle, die auf der Kommode neben der Tür stand, und fingerte den Schlüssel heraus. Ist alles in Ordnung?, fragte mein bester Freund, als wir uns gegenüber standen.

 

Lisa Gollub

 

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freiTEXT | Daniel Resca

13A

Flaute. Stille Schwüle erdrückt die Stadt, der Hochsommer ist angekündigt eingetroffen, grelles Licht auf den Straßen, weiße Fassanden reflektieren die Strahlen. Der Körper sitzt da von der Welt gespalten, die Verwirrung ist im Kopf sichtbar, sie kreist frustriert um sich selbst ohne sich selbst zu fangen, sie verwandelt sich in Wut und droht hochzugehen, sie droht zu entweichen, sie will zerstören, die angestaute bittere Kraft, sie bahnt sich den Weg hoch, vom Bauch Richtung Hals, sie hat den Weg gefunden, sie ist kanalisiert, sie ist im Hals, sie bleibt stecken. Der Ausgang ist verschlossen, die Lippen sind verriegelt, sie können keinen Laut rauslassen, nicht jetzt, nicht hier im Bus. Der 13A fährt seine gewohnte Strecke, noch vier Haltestellen bis zur Endstation, die Lippen fangen an zu zittern, sie spüren den Druck, sie wollen nachgeben, nur noch drei Haltestellen, nur noch – Ah! Die Blicke heben sich von den Smartphones. Die Wut löst sich in Luft auf und verliert sich in der Welt. Die Augen starren noch, wandern bald aber wieder zu ihren Bildschirmen. Draußen scheint die Mittagssonne, stille Schwüle erdrückt die Stadt, der Hochsommer ist angekündigt eingetroffen.

Erschienen in: ecetera, Nr. 80, St. Pölten 2020. ISSN 1682-9115

 

Daniel Resca

 

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freiTEXT | Stefanie Marek

Sagt alles ab

Stell dir vor, dass die Apokalypse kommt, aber eine Welt, die untergeht, ist es bisher noch nicht. Stell dir vor, ab morgen sind alle Veranstaltungen abgesagt, verschoben, abgeblasen und storniert. In ein paar Tagen schon werden sie ganz verboten sein. Stell dir vor, es kommt ein Krieg mit einem Feind, den keiner sieht und die Veranstaltungen, die sind die ersten, die eine nach der anderen aus dem Kalender fallen, wie erschlagene Fliegen vom Fensterglas. Es gibt auch andre Tote, solche die geatmet und gelebt haben, aber die Eventleichen sind die, die dich als erstes treffen, weil du sie als erstes selber sterben siehst.

Sagt alles ab, ist die Devise, um Himmels Willen, sagt alles ab!

Ist das jetzt auch das Ende für so viele, die du kennst, werden es bald Künstler-Fliegen sein, die aus den Kalendern fallen, wenn sie versuchen noch zu retten, was bald nicht mehr zu retten ist? Sagt alles ab, denn unsre Zeit, die ist jetzt umgebucht.

Du sitzt in einem menschenleeren Zug und dort, wo du jetzt hinfährst, kommen ab morgen keine Leute mehr zusammen. Es ist alles abgesagt, nur das eine, das noch nicht. Es ist das heute Abend, das Konzert von einer Freundin, das ihr allererstes ist. Sie hat schon jahrelang davon geredet, sich dort oben hinzustellen, hat es so unbedingt gewollt und es dann nie getan. Stell dir vor, schlussendlich hat sie sich getraut, hat wochenlang vor dieser Bühne Angst gehabt und jetzt ist alles abgesagt. Nur dieser letzte Abend nicht, an dem sie allein mit der Gitarre im Gepäck die Solo-Vorband stellt. Dass du kommst, steht schon so lange fest und du kommst obwohl du ein schlechtes Gewissen hast, weil du sie unterstützen willst und weil das Gewissen schlechter wäre, wenn du zuhause bleibst.

Sagt alles ab, nein jetzt noch nicht. Nur dieser eine Abend noch.

Stell dir vor, die Welt wie wir sie kennen, die steht plötzlich ganz gespenstisch still. Sie hat sich so erschrocken in ihrer so gewohnten Eitelkeit, hat sich vorher nicht einmal von der Gewissheit stören lassen, dass sie in ein paar wenigen Jahrzehnten wirklich untergeht. Was sind schon wenige Jahrzehnte? Doch mindestens genug, um ein paar Kleinigkeiten zu verändern, die keinen wirklich stören und keinem wirklich helfen. Sagt alles ab, schreien die Kinder, um deren Zukunft es hier geht, sagt alles ab, wir bitten euch! Ihr seid doch naiv. Was stellt ihr euch denn bitte vor, ihr, die ihr nichts von der realen Welt versteht? Sagt alles ab, ist doch absurd. Und jetzt ist alles abgesagt, aber nur fast. Und du musst aufpassen, dass ihr euch nicht umarmt, dass du das Händeschütteln jedes Mal ganz brav verpasst.

Stell dir vor, es sind nur knapp zwanzig Leute hier in diesem Raum und sie spüren, dass ab morgen alles anders wird, dass sie irgendwie schon jetzt zuhause sein sollten. Zwanzig sind neunzehn zu viel und ab nächster Woche wird das auch so verordnet sein, auch wenn das jetzt noch keiner weiß. Stell dir vor, ihre Finger zittern und sie ist so nervös, das erste Lied gelingt ihr nicht so ganz, aber du siehst da etwas flackern in ihren Augen und etwas an ihrem Gesicht ist anders als sonst. Es ist ein Song von ihr und sie singt ihn zum ersten Mal vor Publikum.

„Sagt alles ab“, das schreit ein Schriftzug auf dem T-Shirt eines Sängers, der nachher noch auf dieser Bühne steht. Alle wippen mit und sie bewegen sich ein bisschen zur Musik, aber niemand tanzt, weil niemand richtig ausgelassen sein kann. Sagt alles ab, schreit mir das T-Shirt immer wieder ins Gesicht. Es ist ein Scherz. Sagt alles ab!

Aber vorher spielt sie noch ein Lied, ein Lied, ganz kräftig und ganz laut und nicht für dich, oder für ihre Mutter, die auch gekommen ist, und nicht für irgendjemand sonst. Es ist ihr Song und in ihrem Gesicht, da siehst du etwas, durch das du plötzlich ganz verwundert bist. Du siehst sie innen drinnen, dort wo ihre Stimme herkommt, siehst sie ganz so wie sie vielleicht wirklich ist.

Stell dir vor die Apokalypse kommt, zumindest fühlt es sich ein bisschen danach an und Ausgang gibt es noch, aber das auch nicht mehr so lang. Du hörst diese Gerüchte, wirst jeden Tag mit tausend richtigen und falschen Nachrichten bombardiert und weißt schon nicht mehr was du glauben sollst und ganz leise, langsam wirst auch du jetzt mit der Angst der andren infiziert, weil plötzlich nicht mehr sicher ist, was morgen noch passiert.

Von den andren Sängern bekommst du nicht viel mit, obwohl sie gute Stimmen und gute Texte haben, aber in deinen Ohren flirrt es und du kannst dich nicht mehr konzentrieren. Sag alles ab und komm nach Hause – deine Eltern haben in der Pause angerufen. Du kannst doch nicht, dein Job und deine Wohnung, dein Leben in der Stadt. Du willst nicht weg. Sag alles ab. Denn andere Leben nur als deins, die stehen jetzt auf dem Spiel.

Und sie spielt ihr erstes Lied am Ende noch einmal und dieses neu gespielte, alte Lied, auf dieser Bühne, auf der sie jahrelang nicht stehen konnte und auf der sie jetzt schlussendlich steht, bevor morgen alles untergeht, ist besser noch bei dieser zweiten Chance, viel besser als beim ersten Mal.

Sagt alles ab, denn es ist besser so. Doch wir sind bald zurück. Die Bühne bleibt nicht ewig leer. Dass unsre zweite Chance so sein wird wie die erste, das hoffe ich ganz ehrlich nicht. Doch diese Freundin von dir und auch alle andren haben wir nicht abgeschrieben und nicht abgesetzt. Wir warten bis ihr wiederkommt.

Sagt alles ab – für jetzt.

 

 

Stefanie Marek

 

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freiVERS | Birger Niehaus

tiersch§§§§g§§

mitgeschöpfe,
insbesondere hunde und katzen,
sind hinsichtlich
bestimmter, nicht unerheblicher, vernünftiger gründe
außer in notfällen,
soweit es zum schutz der mitgeschöpfe erforderlich ist
hinsichtlich artgemäßer
und nicht artwidriger
schmerzen, leiden oder schäden
hinsichtlich bestimmter, nicht unerheblicher, vernünftiger, artgemäßer und nicht artwidriger
art,
zum zweck des schutzes
zu schützen.

mitgeschöpfe
sind hinsichtlich
der mitgeschöpfgemäßen nutzung von mitgeschöpfen
bei der beschränkung auf das unerlässliche maß von vernünftigen gründen
hinsichtlich mitgeschöpfgemäßer
schmerzen, leiden oder schäden
unter der aufsicht bestimmter, nicht unerheblicher, vernünftiger, freiwilliger prüfverfahren
außer in notfällen
zum zweck des geschöpfgemäßen wohlbefindens
im einvernehmen mit berufs- oder gewerbsmäßiger verantwortung,
vorbehaltlich berufs- oder gewerbsmäßiger verantwortung,
sofern die unter § 1 genannten mitgeschöpfe
nicht zur verfügung stehen,
zum zweck des tötens
zu töten.

geschöpfe
sind ihrer inneren gesinnung nach
zu humanen anwandlungen
gegenüber mitgeschöpfen,
insbesondere hunden und katzen,
durch das bundesministerium für ernährung und landwirtschaft
ermächtigt
außer zum zweck
der unter § 2 genannten zwecke.
humane anwandlungen sind nicht erforderlich
hinsichtlich des kastrierens von unter vier wochen alten männlichen rindern, schafen und ziegen,
des enthornens oder des verhinderns des hornwachstums bei unter sechs wochen alten rindern,
des kürzens des schwanzes von unter vier tage alten ferkeln sowie von unter acht tage alten lämmern,
des kürzens des schwanzes von unter acht tage alten lämmern mittels elastischer ringe,
des abschleifens der eckzähne von unter acht tage alten ferkeln, sofern dies zum schutz des muttertieres oder der wurfgeschwister unerlässlich ist,
des absetzens des krallentragenden letzten zehengliedes bei masthahnenküken, die als zuchthähne verwendung finden sollen, während des ersten lebenstages.

mitgeschöpfe
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(weggefallen)
(Inkrafttreten)

 

Birger Niehaus

 

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freiVERS | Sofie Steinfest

Kein Schreibtisch

Kinder
Kinder und Wäsche

Wäsche
Wäsche und eine Frau

Kinder
Kinder und eine Frau

eine Frau und Kinder und Wäsche und
eine Frau und ein SchreibKüchentisch

 

zum 50. Todestag von Marlen Haushofer am 21.3.2020,
einer der vielen Schriftstellerinnen am Küchentisch

 

Sofie Steinfest

 

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freiTEXT | Christoph Steven

Die Briefträger

Wie du weißt, sagte eines Morgens die Mutter zu mir, kommen heute wieder die Briefträger. Sie hielt mir meinen besten Anzug entgegen, schnitt mir in Rekordzeit die Haare und schloss mich ein in mein Zimmer, wo ich warten sollte, bis ich gerufen wurde.

Kurze Zeit später hörte ich an ihrem aufgeregten Geschrei, dass sich die ersten Fahrräder näherten. Die Bäume leuchteten gelb, wenn die Briefträger angeradelt kamen und dann war die ganze Welt gelb. Lautes Fahrradgeklingel hallte über die Ebene und stieg uns gleich in den Kopf.

Kommt und trinkt, hörte ich die Mutter anschließend sagen, und tatsächlich stapften die Briefträger mit ihren großen Körpern, die schon fast die gelbe Farbe ihrer Uniformen angenommen hatten, die Treppe hoch, wo sie in unser bestes Zimmer geführt wurden. Ich konnte hören, wie sie murmelten, schmatzten und tranken aus großen Krügen, die wir speziell für sie angefertigt hatten.

Dann endlich wurde meine Tür aufgeschlossen und ich konnte nach unten zu den anderen. Die neuen Rekruten, die in den Familien zur Briefträgerreife herangewachsen waren, hatten Spalier zu stehen, hoch gewachsen waren viele, stramm stehen mussten sie. Ihnen gegenüber standen die Briefträger, die sich manchmal nervös ihre Hände an der gelben Uniform abwischten. Sie hatten blutunterlaufende Augen, große gelbe Zähne, mit denen sie die neuen Rekruten zerreißen konnten, wie es ihnen beliebte, so erzählten sie uns und die Fahrräder, mit denen sie ins Dorf kamen, tanzten, wenn sie sie nicht im Zaum hielten.

Einer sagte, dich haben wir doch schon letztes Jahr geprüft.

Der Junge ist madig, gab ein Briefträger schließlich zu Protokoll, zupfte an meinem Gesicht herum und schluckte beim Anblick meines Kopfes. Danach zogen die Briefträger wieder die Besten aus unserer Mitte, verschnürten das neue Personal zum Paket und stiegen schließlich fast zur selben Zeit auf ihre gelben Fahrräder, klingelten noch einmal wie auf ein Signal und stoben dann davon der Hügelkette entgegen, während wir treu hinter ihnen ausschritten. Nächstes Jahr, jubelten die Briefträger fast unisono im Chor. Wir schwangen unsere Taschentücher zum anhaltend lauten Geklingel der Briefträger, doch schon bald waren die gelben Uniformen aus unserem Blickfeld verschwunden.

Der Hals zu dick, der Kopf zu groß, die Hände nicht ebenmäßig, schrie meine Mutter dann, die die Beurteilungsgrundlagen der Briefträger über die Jahre verinnerlicht hatte. Sie schlug mit der flachen Hand gegen meinen Kopf, dass er wieder einen Zentimeter kleiner wurde, drückte mit ihren Händen gegen meinen Hals, bis ich glaubte zu ersticken und rieb mir Kräuter ins Gesicht, mit denen das weitere Wachstum des Kopfes unterbunden werden sollte.

Abends stieg ich dann ins Dachgeschoss unseres Hauses, drehte und wendete mich, um den Kopf in der ursprünglichen Form zu halten und starrte dann auf die Hügelkette, hinter der manchmal das blitzende Chrom der gelben Posträder aufleuchtete. Auch waren die Begrenzungsfeuer des Postbezirks gut zu erkennen und manchmal glaubte ich sogar, dass vom Berge eine gelbe Uniform zu mir herüberleuchtete. Das sind also die Menschen, die die Welt ausmachen, dachte ich und wurde von einem Moment auf den anderen traurig, weil ich nicht zu ihnen gehörte.

Schon fünfzig und noch immer zu nichts nütze. Das Geschrei der Mutter weckte mich aus allen Träumen. Ich wollte den Mund öffnen, um ihr zu widersprechen, doch die Mutter warf mit einem Holzscheit nach mir. Ich stand auf und dachte darüber nach, warum ich zu nichts nütze sein sollte. Meine Brüder und Schwestern waren nun schon lange von den Briefträgern geholt worden. Jeden Tag musste ich mir anhören, dass ich mich immer noch am heimischen Ofen wärmte und sie nicht. Dabei konnte ich mich kaum noch erinnern an die Geschwister, lange hatten wir nichts von ihnen gehört. Vielleicht sind sie tot, warf ich ein. Da bekam das Gesicht des Vaters einen geisterhaften Ausdruck und er spuckte mir den Auswurf seines Rachens gleich ins Gesicht. Die Mutter verdrückte eine Träne und sagte: Sie sind nützliche Mitglieder der Gesellschaft und du nicht. Für einen Moment stellte ich mir meine Schwestern und Brüder vor, wie sie tot in einem der Briefträgerhäuser lagen.

Am nächsten Morgen schlich ich mich noch vor dem ersten Licht aus dem Haus. Das Tal ruhte unter dem fahlen falschen Licht des Mondes, aus den Wäldern kamen unbekannte Geräusche. Zwischen den Bäumen raschelte es.

Als ich nach kurzer Zeit den Waldrand erreichte, waren die ersten Lichter im Dorf zu sehen, winzige Punkte, die vor meinen Augen tanzten. Ich schwang meinen Wanderstock und erklomm die steile Straße, die zum oberen Berg führen sollte. „Nur für Briefträger“ stand auf einem gelben Schild und schon bald wurde der Straßenbelag gelblich und in meinen Ohren klang, wohl von den Schritten der Straße, das Fahrradgeklingel der Briefträger. Ich musste mir die Ohren zuhalten, doch je höher ich kam, desto betörender wurden die Geräusche, die schließlich aus meinem eigenen Körper zu kommen schienen. In meinem Kopf fuhren nun Fahrräder, große Reifen stoben vor meinen Augen auseinander, ein dicker Briefträger mit Schnurrbart erschien in der Luft. Meine eigenen Körpergeräusche, mein Atem, mein Denken waren ein einziges Fahrradgeklingel. Der Himmel stieg als riesiger Reifen vor meinen Augen auf. Die Ohren wollten mir zerplatzen, die Eingeweide schienen aus meinem Körper zu treten, Blut trat mir aus Nase und Ohren, doch ich schleppte mich vorwärts. Das ist der sichere Tod, hörte ich jemanden sagen. Er tötet sich. In einiger Entfernung konnte ich die Dorfbewohner sehen, die sich am unteren Ende der Straße versammelt hatten. Ich kroch jetzt nur noch vorwärts, doch von oben waren schon die gelben Uniformen der Briefträger zu erkennen und ein blendendes gelbes Licht, das mir in die Augen stach. Es schien eins zu sein mit dem Himmel – fette Briefträger schwebten auf den Wolken und hielten sich den Bauch vor Lachen. Die Luft wurde kälter, ich kroch vorwärts, weit konnte es nicht mehr sein. Ich streckte eine Hand aus und sah schon einige Kiesel vor mir, die wir im Tal nicht kannten. Aber Gras gab es hier, aber da drüben war etwas, das ich nicht genau erkennen konnte. Mein Körper wollte sich auflösen, ich werde in der Luft zerrissen, dachte ich und einen Moment später hatte ich mich – wohl automatisch – aufgerichtet.

Vor mir lagen ein paar ärmliche Hütten. Einige waren verfallen, Scheiben waren eingeschlagen worden und in der Luft lag ein übler Gestank. Ein paar schäbige Briefträgeruniformen, deren gelbe Farbe verblasst war, hingen zum Trocknen auf einer Wäscheleine. Im gleichen Moment war die Luft von sinnlosem und albernem Fahrradgeklingel erfüllt. Ich machte einen Luftsprung, lächelte und lief befreit den Abhang hinunter, wo mich die Dorfbewohner empfingen und mit offenem Mund anstarrten.

 

 

Christoph Steven

 

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freiVERS | Andi Pianka

Aktiv

(Ein Drama in dreizehn Runden)

Personen der Handlung:

  1. AKT
  2. AKT
  3. AKT
  4. AKT

 

Bühne.

  1. AKT:

Gestatten, erster Akt.

  1. AKT:

Gestatten, zweiter Akt.

  1. AKT:

Gestatten, dritter Akt.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir die Frage, was Sie hier machen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir die Antwort: Ich bin aktiv.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, eine Runde auszusetzen.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, Sie darauf hinzuweisen, dass Sie sich bereits in der ersten Runde vorgestellt haben.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, Sie darauf hinzuweisen, dass es unhöflich ist, jemanden wegen Repetition zu tadeln.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, Sie darauf hinzuweisen, dass Streitigkeiten unseren Aktivitäten nicht dienlich sind.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, Sie höflichst darum zu ersuchen, Ihre Repetitionen einzustellen und sich stattdessen stärker auf Ihre Aktivitäten zu konzentrieren.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, Sie höflichst darum zu ersuchen, Ihre Maßregelungen einzustellen und sich stattdessen stärker auf Ihre Aktivitäten zu konzentrieren.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, mich in Ihrem Streit für neutral zu erklären.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, zweiter Akt, Sie allerhöflichst darum zu bitten, sich in Dinge, die Sie nichts angehen, nicht einzumischen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, erster Akt, Sie allerhöflichst darum zu bitten, mir die Entscheidungsfreiheit darüber zu lassen, welche Dinge mich etwas angehen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, diese Runde auszusetzen.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, zweiter Akt, Sie ultimativ dazu aufzufordern, Ihre Aktivitäten nicht zu gefährden und deswegen Ihre Einmischungen einzustellen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, erster Akt, Sie ultimativ dazu aufzufordern, Ihre Aktivitäten nicht zu gefährden und deswegen Ihre Maßregelungen einzustellen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, Sie zu nichts auffordern zu müssen.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, zweiter Akt, da Sie unsere gemeinsamen Aktivitäten durch Ihre fortwährenden Einmischungen ernsthaft gefährden, Sie zu einem Duell aufzufordern.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, erster Akt, da Sie unsere gemeinsamen Aktivitäten durch Ihre fortwährenden Maßregelungen ernsthaft gefährden, Ihre Aufforderung zu einem Duell anzunehmen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, bei Ihrem Duell die Rolle des Schiedsrichters übernehmen zu dürfen.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, dritter Akt, Ihr Angebot höflichst dankend abzulehnen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, dritter Akt, Ihr Angebot höflichst dankend anzunehmen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, Sie um eine eindeutigere Antwort zu ersuchen.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, dritter Akt, Ihnen die Fresse zu polieren. (ohrfeigt dritten Akt)

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, erster Akt, Ihnen die Fresse zu polieren. (ohrfeigt ersten Akt)

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, erster und zweiter Akt, mich für neutral zu erklären und Ihnen beiden die Fresse zu polieren. (ohrfeigt ersten und zweiten Akt)

 AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, dieses unwürdige Schauspiel zu verlassen. (verlässt die Bühne)

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, dieses unwürdige Schauspiel zu verlassen. (verlässt die Bühne)

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, diese Runde auszusetzen.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT (aus dem Off):

Gestatten Sie mir, die Rolle des Regisseurs zu übernehmen und dieses aktivitätslose Stück abzubrechen.

  1. AKT (aus dem Off):

Gestatten Sie mir, die Rolle des Publikums zu übernehmen und dieses aktivitätslose Stück auszubuhen.

  1. AKT:

Gestatten Sie mir, die Rolle des dritten Aktes zu übernehmen.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT (aus dem Off):

Gestatten, erster Akt außer Dienst.

  1. AKT (aus dem Off):

Gestatten, zweiter Akt außer Dienst.

  1. AKT:

Gestatten, dritter Akt im Dienst.

  1. AKT:

Gestatten, vierter Akt.

  1. AKT (aus dem Off):

Gestatten, letzte Runde.

  1. AKT (aus dem Off):

Gestatten, letzte Runde.

  1. AKT:

Gestatten, letzte Runde. (verlässt die Bühne)

  1. AKT:

Gestatten, die letzte Runde geht auf mich.

 

ENDE

 

Andi Pianka

 

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