freiVERS | Olga Lakritz
die krachende zukunft hinterlässt mir bloss konfetti
die ich zusammenwische
ich wünschte noch ich wüsste was ich wollte
da ergriff mich bereits die angst mit ihrem
walfischmaul
und schluckte mich ganz
viele tage wanderte ich watete durch schilf durch halbtiefes wasser
und blieb mit beiden gummistiefeln stecken
ich berührte die magenwände die meine eigenen waren
und beschloss die suchaktion abzubrechen
anderntags fand ich meine schwester – ein toter fisch – am strand
auch dich werden einmal die gezeiten zurück ins offene meer holen
und ich schmeckte sogleich die salzige freiheit auf der eigenen zunge
in meinen unterarm trennten sich die blutgefässe von mir
ich sprach zu mir selbst das leise lied aus der kinderwiege
aus der mich die kobolde stahlen und an meiner stelle
eine glaspuppe hinterliessen
durch den fluss ging ich aufwärts und suchte den ort an dem fische sterben
ich stellte mir vor ich fände ihren friedhof
stattdessen fand ich ein verlorenes stück mond in einer grube
es flackerte mir entgegen und ich nachtkind hob es auf
verstehst du nun fragte ich die tote fischschwester
doch sie gab keine antwort
aus den steinen tropfte das süsse wasser auf meine haut
beglichene schulden erschienen am himmel und die gläubiger fielen
auf die knie und beteten zu ihrem gott in fremden zungen
ertrunkene stimmen lockten mich legten sich auf meine zunge
schon stand ich auf und betrachtete das meer von der anderen seite aus:
auch hier sah ich meine tote fischschwester die sich weigerte
mit mir zu sprechen obschon ich sie mehrmals auf einen kaffee einlud
nun gut
sagte ich und stieg eine rote treppe hinab und fand ein neues land
ganz nebenbei wurde hier die seele in stücken gehandelt
und ich verlor sogleich die meinige im tausch gegen etwas mehl
es nickten zustimmend die fischfrauen auf dem markt
ausgelöst von einer tiefseenot befand ich mich bald auf offenem meer
bald erneut im walfischbauch
bald schon zuhause: es wartete ein stapel leerer kaffeetassen
und der wille sass stumm in der ecke
ich frass das plankton von den fensterläden und jalousien
ich nahm das stück mond und steckte es mir zum nachtisch in den mund
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freiTEXT | Anna Wonde
Die Häuser
Ich weiß noch genau, wie die Häuser riechen.
Das Haus mit den beiden blonden Jungs – süßlich und nach vielen kleinen Regeln.
Das Haus am Ende der Straße – nach dem Wald, der sich in Richtung des Hauses ausstreckt.
Ich höre das Klappern der Pantoletten an den Füßen der Mütter. Mit Peeptoe und Keilabsatz aus Kork und damals schon frage ich mich, wie die Mütter darin eigentlich den ganzen Tag umherlaufen. Klack-klack-klack über die terracottafarbenen Steinfliesen in der Küche. Klack-klack-klack über die Pflastersteine in der Einfahrt. Geräuschlos durch die Gärten, über den Rasen, den die Väter samstags mähen. Einer nach dem anderen, vorne in der Straße fängt es an und wenn der erste fertig ist, fängt der nächste erst an, als gäbe es einen unsichtbaren Staffelstab, den sie sich übergeben.
Woher kommen all die Häuser? Früher waren das alles Felder, sagen die alten Tanten. Sie sitzen auf einer Holzbank, der einzigen in der ganzen Straße, und erzählen von den Häusern, die nach dem Krieg gebaut wurden. Wie ihre Väter zurückkamen, innerlich und äußerlich versehrt, wie sie weinten unterm Weihnachtsbaum oder schrien in den Nächten. Wie sie dann begannen, Häuser zu bauen. Stein für Stein und ihre Alpträume darin einmauerten.
Sie reden mit den Kindern. Spiel nicht am Fluss, sagen sie, da wohnt ein Mann mit einem Haken und damit zieht er die Kinder ins Wasser und sie müssen dann für immer bei ihm leben und ihm dienen.
Bleib nicht in der Dunkelheit draußen, sonst kommt ein Mann, der aussieht wie eine Krähe, und der fliegt mit dir weg.
Und die Kinder werden größer und sie glauben den Tanten nicht mehr. Du lügst, sagen sie, deine Nase ist schon ganz lang. Aber sicher sind sie sich nicht, und wenn es dunkel wird, beschleunigen sie ihre Schritte und werfen Blicke über die Schulter, aber da ist nur das Echo ihrer Sohlen auf dem Pflaster.
Und die Kinder werden größer, aber sie haben jetzt Angst vor der Dunkelheit. Mehr Angst als früher. Sie ist bedrohlich und real. Sie gehen nicht mehr allein zur Bushaltestelle, wenn es Nacht ist, und Nacht wird es schon um 17 Uhr.
Zur Sicherheit haben sie eigene Häuser gebaut, mit großen Terrassen und Kieselsteinen im Vorgarten. Sie vergraben die Sehnsucht unter einem Steingarten, da muss man sie nicht gießen.
Alle sind zu Hause. Sie schließen abends die Türen zu und lassen die Fensterläden runter und trinken noch zwei Gläser Wein, allein in der Küche. Taking off the edge.
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freiVERS | Philipp von Bose
Licht und Stiege
dünn die farben-fäden über hingekleckstem
grün, die frühlingsboten streunen und die
krokusaugen blinzeln lila in den tag.
der letzte schnee an kreuzwegen: drangsal in eis unter
sonnen im sinnen der hoffenden schafe.
im augenblick zerrütten die wolken nur selten das licht – dann
manchmal regen, wenn die wiesen schüchtern ihre fragen stellen
und ein name.
ein name auf der zunge. auf der zunge eines
jungen, die sich löst vom kalten stahl des winters.
gestreifte betten im schlafzimmer, kein
wimmerndes keuchen durchs fenster, nur
zebramuster-maserung vor dem moment
der nackten füße auf dem teppich.
lamm noch zu werden im langsamen
brechen der glitzernden haut / erwachen zu können
zu feldern aus licht.
man streckt ohren übers land. zu horchen dem
tassen-geklingel, den zwitschernden zweigen, dem
warmen entspringen.
man spricht leiser, etwas lachend über politik
vor der hauswand des hotels, die ganz in
löwenzahn verwurzelt.
und im wohnzimmer die jakobsleiter:
von stetem drang, dort hochzusteigen,
von großer müdigkeit umhüllt.
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freiTEXT | Philipp Ammon
Das Weltdorf im Hochgebirge
Kistendörfer seemannsbärtig
Din wa daula wie zu Hause
Wolkentürme, grüßt den Wedding!
Gottes ist der Kawkasioni,
Badstraße und Gudauri
In Tbilissi wird seit geraumer Zeit wild gebaut. Zuerst erweiterte man die eigenen Wohnungen mit Balkonvorbauten, welche die Höfe schrumpfen und die Bürgersteige oder die gedachten Bürgersteige verschwinden ließen. In einigen Fällen ging die Stadtverwaltung dagegen vor, in der Regel wurden die Vorbauten geduldet. Nun verschwinden auch die Freiräume zwischen den Häusern. Ganze Hochhäuser werden in den Himmel gezogen und versperren die Sicht von den Balkonen, die man einst den Wohnungen anbaute. Es wird immer enger. Im Stadtbild entkleidet sich die von W.E.D. Allen in seiner History of the Georgian People beschriebene aesthetic irresponsibility ihrer Ästhetik.
Die Libertären schelten den Staat eine Zwangsanstalt, die jedwede Initiative im Keim ersticke und seine Angehörigen in asoziale Subjekte verwandle. Der Leviathan ist ihr Gottseibeiuns. Erlebt man die Abwesenheit des Staates und seines Rechtswesens in Wirklichkeit, so relativiert sich dieses Schreckensbild der Libertären. Bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle, wird zum natürlichen gesellschaftlichen Aggregatzustand, auch wenn die direkte militärische Auseinandersetzung ausgesetzt sein sollte, wenn die Waffen im Moment schweigen. Der Kriegszustand setzt sich in kleineren gesellschaftlichen Details fort, in der Nichtbeachtung von Gesetzen. Manifester Ausdruck dieses molekularen Bürgerkrieges sind erpresserische Verträge im Geschäftsleben, der Verkehr oder der wilde Hausbau – An- und Neubauten ohne Genehmigung auf öffentlichem Grund. Wo Gesetzen keine Rechnung geschuldet wird, ist jeder politische Wandel ein Haschen nach dem Wind. Die Tribunen wechseln zur Ergötzung des Publikums. Die Substanz ändert sich nicht. Es gilt das Recht des Stärkeren, nicht die Stärke des Rechts. Die Leninsche Machtfrage „Wer wen?“, „Kto - kogo?“, fand im Georgischen eine Substantivierung, die winwisaoba, die „Werwenigkeit“, welche Eingang in Tschenkelis Wörterbuch fand.
Im Zentrum Tbilissis hat man ein Autobahngeschlängel gebaut. So schön wie in Siegen. Ein Glück, wenn sich der Blick wieder weitet, wenn man auf den Autobahnschlangen die Stadt verläßt. Wir fahren Richtung Kachetien. Die Wiesen entlang der Autotrasse sind mittlerweile verbrannt. Erst im kachetischen Hochland, durch welches man nach Tuschetien gelangt, wird es wieder grüner, waldiger. Wir fahren durch das kachetische Weideland, das König Lewan von Kachetien einst im 17. Jahrhundert den Tuschen für ihre Treue im Krieg gegen die Perser schenkte. Ein Teil der Tuschen sind karthwelisch, i.e. georgischstämmig. Der andere Teil besteht aus mit den Tschetschenen und Inguschen verwandten Bazben, den Zowatuschen. Mit Tschenenen und Inguschen bilden sie Familie der Wainachen. Wai nach, zu deutsch unser Volk. Anders als Tschetschenen und Inguschen sind die Bazben Christen. Sie gehören der Georgisch-Orthodoxen Kirche an und verstanden sich auch in vergangenen Jahrhunderten als Teil der georgischen Nation. Die Bazben beherrschten neben der eigenen Sprache stets das Georgische. Doch ist das Fortleben der bazbischen Sprache selbst nicht mehr gewiß.
Wir erreichen die ersten Kistendörfer im Pankissital. Duissi, Dschoqolo. Die Kisten sind Tschetschenen, die Schamils Herrschaft nach Kachetien entwichen. Die meisten leben hier im Pankissital. Das im russischen Kaukasuskrieg des 19. Jahrhunderts errichtete Imamat Schamils griff tief in die Lebensgewohnheiten der Nordkaukasier ein. Schariat ersetzte Adat, das Gewohnheitsrecht. Tanz, Gesang und Alkohol wurden vom Imam verboten. Nur die im Rundtanz gesprochenen Gebete, die gesungene Rezitation einer Sure oder der im Singsang wiederholte Name des Einen blieben vom Verbot unberührt: Sikr, das meditative Gedenken des Göttlichen. Andere Tschetschenen sollen schon im 18. Jahrhundert nach Kachetien übergesiedelt sein. Im Taip, dem tschetschenischen Clanverband wird der erworbene Reichtum der Mitglieder auf die Gemeinschaft verteilt. Um den Besitz vor der Taipteilung zu retten, blieb der Weg nach Georgien.
Schon am Rand der Ausfallstraße von Tbilissi sah man vereinzelt Wahabiten sitzen. In den Kistendörfern werden ihre Seemannsbärte zur Gewohnheit. Ihr Blick ist gestreng. Im vergangenen Jahr fiel in Syrien der Kommandeur Omar Schischani, Omar der Tschetschene, ein Kind aus einer gemischten georgisch-kistischen Familie aus dem Pankissital. Er hatte einst in der georgischen Armee gedient. Im Augustkrieg 2008 focht er auf georgischer Seite. Nach Entlassung aus der Armee wurde er arbeitslos. In Syrien fand er neuen Sinn, Beschäftigung und Tod.
Wir fahren durch Birkiani, ein verlassenes Tuschendorf; erreichen Dsibachewi, ein Dorf der Pschawen. Aus der Ferne sieht man Omalo, den Hauptort des tuschetischen Berglands. Nach einer Theorie, an der mein tuschetischer Reisegefährte Gotscha Ghulelauri zweifelt, sollen die Tuschen im 4. Jahrhundert vor der Christianisierung Pschawiens und Chewsuretiens durch König Mirian nach Tuschetien geflohen sein. Vielmehr seien Pschawen und Chewsuren, die damals noch unter dem Namen Pchowen zusammengefaßt waren, (d.h. die Freien oder Kühnen – eine ähnliche Selbstbezeichnung wie die der Franken) dorthin geflohen. Das Land habe bereits damals Tuschetien geheißen. Wie seine Einwohner, die Tuschen.
Mit Tuschetien ist eine große Wanderungstheorie verbunden. In vorgeschichtlicher Zeit sollen karthwelische Kaukasier nach Westen aufgebrochen sein. Vor den Indoeuropäern hätten sie die mediterrane Welt besiedelt. In Griechenland hätten sie beispielsweise ihre Silbe de für Mutter hinterlassen, auf welche die einfallenden Indoeuropäer ein meter gepfropft hätten. Aus dieser sprachlichen Pfropfung sei die chthonische Gottheit Demeter hervorgegangen. Über Lemnos seien die Karthwelier weiter auf die Appeninhalbinsel gewandert. Aus ihnen seien die Etrusker hervorgegangen. Das zweite Tuschetien befinde sich in Italien: Tuscien, so die mittelalterliche Bezeichnung – die Toscana. Wie die Anführer der nordostkaukasischen Bergler für die der Name Luchumi typisch war, nannten die italischen Tuscier ihre Könige lucumones. Sie gründeten das etruskische Rom: Ruma Rasna. Doch während Italien und die Toscana gedeihen, verbrennen die tuschischen Schafhirten ihre Wolle bergeweise: Der Verkauf lohnt sich nicht mehr. Manche Hirten arbeiten mittlerweile für ein halbes Jahr als Lastkraftwagenfahrer in Amerika, um darauf in den restlichen Monaten des Jahres in der Heimat ihrer traditionellen Arbeit nachzugehen. Zogen die Hirten früher im Wechsel der Jahreszeiten auf die Bergweide oder ins Tal und überquerten Pässe, so ziehen sie heute im Jahreswechsel von einem Kontinent zum andern und überqueren Ozeane. Nach Westen folgen die Tuschen ihren vorgeschichtlichen Vorfahren: die Weltwanderhirten bestehen in der Weltwirtschaft.
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freiVERS | Miriam Brümmer
Es kommt anders
Der von Flügelschlägen
zerpflückte Morgen unentschieden.
Schwarze Nacht wagt sich
zu nah an meinen Winter.
Die Krähen vertagen schreiend die
Dürre des Sommers, die
nicht zu fluten aufhört.
Ich lösche das Licht auf den Satzenden,
bis sie von vorne leuchten.
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freiTEXT | Jessica Ramsauer
Die Geschichte der leisen Schwingung
Als ich ankam, war mein Atem rau und unruhig, als würde mein Körper noch immer Wege fürchten, die längst vergangen sind. Der Flur fühlte sich an wie ein Ort zwischen damals und jetzt. Doch als sich die Tür öffnete, blieb die Vergangenheit kurz stehen — als hätte sie gemerkt, dass sie hier nichts zu suchen hat. Ich trat in einen Raum, der vielleicht bald meinen Namen lernen könnte.
Wir setzten uns. Zwei Menschen, zwei Welten, die sich noch nicht kannten, aber einander vorsichtig abtasteten.
In mir gibt es einen Ort, der tief unter der Oberfläche liegt — ein leises Feld aus Schwingung und Wahrnehmung. Dort höre ich alles: Tonlagen, Tempo, kleinste Bewegungen der Aufmerksamkeit. Es ist der Ort, an dem ich spüre, ob jemand wirklich bei mir ist oder ob ein halber Schritt ins Innen fehlt.
Manchmal bewegte sie sich schneller als ich. Dann verzog sich etwas in diesem inneren Feld, als würde eine Saite kurz den Kontakt verlieren. Ihre Worte glitten mir davon, noch bevor ich wusste, was ich sagen wollte. Ich verlor sie nicht ganz — aber gerade so, dass sich ein feiner Schleier zwischen uns legte. Fein genug, um unsichtbar zu sein, dicht genug, um mich zu schützen.
Und dann gab es Momente, in denen sie tiefer sank. Ihr Atem wurde ruhiger, ihre Stimme weicher, ihr Blick durchlässiger. Dann traf ihr Klang den meinen. In mir wurde es warm, ein Stück Erde unter den Füßen, die vorher gefehlt hatte.
Wir sprachen über vieles, und doch mehr über das, was zwischen den Worten lag. Über Geschichten, die schwer tragen, aber in dieser Geschwindigkeit noch zu groß sind. Über Linien, die in mir weit zurückreichen. Über das Ringen zwischen Sehnsucht und Schutz, Nähe und Rückzug.
Es gab Augenblicke, in denen der Klang der Welt lauter war als der zwischen uns. Manchmal füllten Wörter den Raum, bevor wir gemeinsam den leisen Punkt fanden, an dem sich Innen und Außen berühren. Ich merkte, wie schnell sie in eigenen Bildern sein konnte — und wie mein System dann kurz aussetzte, wie ein Echo ohne Ursprung.
Aber dann — gab es diesen einen Moment. Ganz am Ende. Die Zeit war schon schmal geworden, Schritte warteten irgendwo jenseits der Tür. Und doch geschah etwas Weiches: eine Geste, warm und klar, deren Berührung nicht in der Haut lag, sondern in der Aufmerksamkeit. Ein kurzer, stiller Takt, in dem sich ihre Wärme mit meiner traf — gerade lang genug, dass mein Körper verstand: Hier darfst du landen.
Dieser Augenblick blieb. Er wanderte mit mir hinaus, als hätte ein feiner Rest ihres Tons irgendwo in mir einen Platz gefunden — ein kaum hörbarer Nachklang, der noch einen Moment verweilt, bevor er sich wieder in die Stille legt. Kein Anhaften — eher der sanfte Abdruck eines Haltens, das aus Tiefe statt aus Pflicht entsteht.
Und so begann etwas, das noch keinen Namen hat — ein zarter Versuch, zwei Systeme aufeinander einzustimmen. Nicht über Worte und nicht über Wissen, sondern über das, was darunter wirkt: das stille Erkennen, wenn ein Mensch einen Ton trifft, der schon lange darauf wartet, wieder zu klingen.
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freiVERS | Louisa Dormann
Fluchtfantasien
In unseren Betten ist Platz, wir
Frieren in der Nacht, wir
Haben uns verloren, wir
Finden uns damit ab, wir
Finden uns spät in der Nacht, wir
Drehen nochmal die Zeit zurück, wir
Sind gemeinsam einsam, wir
Fürchten uns vor dem Alleinsein, wir
Finden Halt im Beisammensein, wir
Sprechen über Belangloses, wir
Schweigen über unsere Finsternis, wir
Machen uns nur etwas vor, wir
Flüchten uns in die Illusion, wir
Suchen nach einer Richtung, wir
Verirren uns im Palindrom, wir
Laufen rückwärts vor die Wand, wir
Ergeben uns dem Minimum, wir
Geben uns damit zufrieden, denn
In der Stille ist der Lärm, der
Keine Ruhe gibt, der
Schwer auszuhalten ist, der
Leiser ist, wenn du da bist, wir
Verdienen mehr als wir uns wünschen, doch
Bekommen nur, was wir uns geben, und
Im Morgengrauen erkennen wir, dass
Was wir dachten, was wir hatten, nie
Mehr war und sein konnte als
Eine nachtdurchträumte Fluchtfantasie
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freiTEXT | Lena Maria Trohar
Die geweihten Tage
Rosa, rosarot. So steht der Baum, den ich meine. Der, der mich in meiner Kindheit schon begleitet hat. Auf den der Bruder geklettert ist. Von dem der Vater gefallen war. Als er die Triebe schnitt. Unter dessen Erde wir den weißen Abdruck seines Arms vergruben. Rosarot, wie sie bei der Nachbarin nicht sind. Weiß dort und viel weniger üppig. Vielleicht bei uns so üppig, weil der Vater in dem einen Frühling nach dem Sturz die Triebe nicht geschnitten hat. Und die Großmutter zufrieden. Denn was sie zufrieden macht, sind die Früchte, die uns die Natur gibt. Die ohne ihr Zutun wachsen, jedes Jahr neu wachsen. Neu wachsen und wieder neu wachsen. Rosarot, wie ich es sonst nur ein anderes Mal gesehen habe. Auf der Leinwand. In den übergroßen Spiegelungen ganzer Welten. Gespürt habe ich es, den Windhauch im Geäst. Die Federstriche jeder Nuance. Und dann war ich stolz. Stolz auf den unseren.
Rot, kirschrot. Was die Großmutter noch zufriedener macht als das üppige Wachsen, ist das üppige Ernten. Es wird auf den einen Tag gewartet, den einen richtigen. Man fürchtet, dass die Vögel sich schon zu festlich bewirten. Aber der Tag im Kalender muss stimmen. Die Großmutter weiß es. Dann ist es soweit. Der Vater steigt auch wieder hinauf. Ein Eimer hängt mit einem Strick an seiner Hüfte. Ich darf nur die Leiter halten, auf der die Mutter steht. So viele Kübel waren es noch nie. Wir essen, bis wir nichts mehr schmecken. Das Trinken ist mir verboten. Kirschrot der Saft, der aus der Flasche läuft. Hitze im Steinofen, trotz des Sommers. Aber die Früchte müssen eingekocht werden. Heute. Es steht Fruchttag im Kalender. Kirschrot meine Lippen. Die Lippen der Eltern, des Bruders und der Großmutter. Betrunken vor Freude. Ich schaue in den Spiegel. Ziehe die Schnute. So gefärbt gefalle ich mir. Was der Baum kann, denke ich mir. Und wie haltlos glücklich die Großmutter ist.
Braun, rotbraun. Ich verstehe es nicht. Ich weine. Ich frage. Ich verstehe es nicht. Rotbraun das Holz, das aus dem Stamm geschnitten wird. Orange der Griff der Säge, die hindurchgleitet. Und ich verstehe es nicht. Wir waren doch so glücklich gewesen. Als wir ernteten, als wir einkochten, als wir aßen und tranken. Wir waren doch glücklich gewesen in der schwülen Küche. Und stolz. So wie ihn die Nachbarin nicht hat. Rotbraun die Bretter, die in der Werkstatt liegen. Aus denen etwas gemacht wird wie eine Kommode oder ein Nachkästchen. Die Bretter, die dort so lange liegen. Weil nichts aus ihnen gemacht wird. Aber braun, rotbraun der Stumpf, den ich sehe, wenn ich aus dem Fenster der Stube schaue. Wenn ich schaue und immer noch nicht verstehe, weil man den Kindern nur die schnellen Antworten gibt. Ich stelle mich daneben, darauf. Betaste die Schnittwunde. Braun, rotbraun. Und Gelb. Der Laubfall der anderen Bäume.
Rosa, rosarot. Muss es werden, um zu werden, was ich mir wünschen darf. Am vierten des letzten Monats. Der Kalender der Großmutter hätte heute gesagt. Ich denke an dem Stumpf in unserem Garten. Sehe ihn vom Fenster der Stube aus. Ich bin nicht mehr dort. Aber ich kenne die geweihten Tage. Da, wo ich jetzt bin, muss ich hinaus. Viel weiter hinaus. Bis ich einen finde. Da glänzt er mit den Streifen rundherum wie ein Silberfisch. Rosarot muss ich hoffen. Zwicke drei eiskalte Zweige ab. Benenne sie. Stelle sie ins Wasser. Warte.
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freiVERS | Katja Hummel
Enteignung
ich hol mir die städte zurück
die auf meiner landkarte
deinen namen tragen
die gemeinsam durchschwommenen
Seen und Meere
deine liebsten wörter
sind nicht mehr mein alphabet
ich schaue nicht mehr weg,
wenn deine straße kommt
dein zorn
macht mein herz
nicht mehr stumm
ich finde in mir
fast vergessenen mut
stück für stück
überschreib ich dich
befreie,
was du nicht loslassen willst
öffne die orte in mir
die dich noch immer lieben
und lasse ihnen ihre trauer
entferne zärtlich
deine hand aus meiner
finger für finger
bis ich die leere spüren kann
auf meiner haut
die luft
schließt sich
hinter dir
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freiTEXT | Elisabeth Bendl
Roadtrip
Renault 19. Ihr erstes Auto. Die Fahrertür, nur mit Spanngurt zu schließen, das Fenster der Fahrerseite, mit einem Keil fixiert.
Die erste Fahrt, eine Kassette mit Klebeetikett am Beifahrersitz, die Aufschrift „für dich“. Der Motor wird gestartet, es raucht und ruckelt. Dann los, die Musik nach jedem Kilometer um eine Essenz lauter drehen. Red Hot Chili Peppers, Metallica, Foo Fighters, Aerosmith. Begleiter, die bleiben werden.
Ohne Ziel und mit der Gewissheit, dass sich Freiheit genauso anfühlt. Dass das, was noch kommt, gut werden wird. Es ist heiß, der Fahrtwind dröhnt in den Ohren. Immer schneller über die Straßen, ohne Ziel. Dann die Erkenntnis, dass eine Tankfüllung endlich ist.
Opel Astra. Trinke niemals beim Fahren! Hörst du, niemals!
Nur ein Glas, ist nicht schlimm. Ein Zweites, ich kann schon noch fahren.
Zu siebt im Fünfsitzer. Die Erste mit Führerschein. Neue Bekanntschaften, dem Führerschein geschuldet. Von einem Festl zum nächsten. Jedes Wochenende dasselbe Spiel. Kennt man ein Dorf, kennt man alle, die Zelte in den Hallen der Bauern gleichen einander, die Tequilabar ist immer aus demselben Holz geschnitzt.
Der Heimweg. Lachen, singen, rauchen. Die Wodkaflasche geht im Kreis, macht auch nicht vor der Fahrerin halt. Schleichwege, um nicht der Polizei in die Hände zu fallen. Ein wenig schneller, aufs Gas drücken. Ein Auto von rechts, sie hat es spät bemerkt. Vollbremsung. Glück gehabt, schon wieder. Im Nachhinein gesehen reiner Zufall, den Eltern der Freunde ihre Kinder nicht genommen zu haben.
BMW 3er. Das Auto des besten Freundes, damals an der Uni. Ein Feldweg am Rande irgendeiner größeren Ortschaft. Bahngleise und das regelmäßige Rumpeln der Güterwagons. Fünf Uhr früh, ein Herbsttag. Die Scheiben beschlagen, verschwommene Bilder dringen nach innen – und nach außen. Er sitzt am Beifahrersitz, sie auf ihm. Der Schalthebel ist im Weg und stört dennoch nicht. Gleichmäßige Bewegungen des Autos, vor und zurück, gleich einer Wippe. Das Quietschen der alten Stoßdämpfer. Das Autodach direkt über ihrem Kopf, sie muss ihn leicht schräg halten, so stört es nicht. Der BH am Fahrersitz, ihre Hose über der Rückbanklehne. Ihre Beine schmerzen, gut ist es dennoch. Ein Mann drückt seine Nase an die Fensterscheibe der Fahrertüre.
Nissan Micra. Ein letzter unbeschwerter Sommer. Damals noch die Hoffnung, dass viele dieser Sommer folgen sollten. Gleich nach dem letzten Semester an der Uni die Fahrt in den Süden. Die beste Freundin am Beifahrersitz. Den winzigen Kofferraum vollgestopft mit Zelt, Kleidung und Bier. Frei sein, zwei Wochen lang. Ein langer Weg bis an die Grenze, die wenigen PS bremsen aus. Endlich Villach, dann die fremde Luft, die auch nicht anders riecht als in Österreich. Die Musik bis zum Anschlag aufgedreht. Französische Chansons, nur diesen Sommer. Landstraßen fahren, um Mautgebühren zu sparen. Das Geld wird für Wichtigeres benötigt. Überrascht, wie wohltuend das Meer auf die Seele wirkt. Baden im Salzwasser, Spaziergänge am Strand, Bier am Lagerfeuer. Lachen, bis die Tränen die Wangen hinablaufen. Der Schmäh, den man nur versteht, wenn man sich eine Ewigkeit kennt.
Range Rover. Eine lange Sommernacht in Wien. Sie steigen ein in sein Auto, scheinbar mit demselben Ziel. Intensive Gespräche, verstohlene Blicke, vorsichtige Berührungen. Ein Stopp am Straßenrand. Sein Lächeln, ihr Zittern. Der erste Kuss. Das Herzklopfen muss doch etwas bedeuten. Langsamer fahren als nötig, um mehr Zeit miteinander zu haben. Herausfinden, wohin die Fahrt gehen soll. Die Hoffnung, Liebe gefunden zu haben, ohne je herauszufinden, was Liebe wirklich ist. In dem Glauben sein, dass das, was kommen wird, gut werden wird. Das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, verdrängen. Es muss Liebe sein.
Ford Focus. Das Begräbnis des Vaters. Zehn Jahre ist sie diese Strecke nicht mehr gefahren. 506 Kilometer auf verschneiten Straßen Zeit, um die Trauer zu suchen. Das, was sie findet, ist Erleichterung, vielleicht. Dann, angekommen am Ziel, hagelt es. Nicht nur Eiskörner, auch Vorwürfe.
Einige Stunden lang prasseln die Worte der Vergangenheit auf sie ein, sie hält es aus, lässt es geschehen, niemals wieder wird sie an diesen Ort zurückkehren.
Der Ford macht Mätzchen, die Kupplung reißt. Mitten auf der Romantikstraße. Ausrollen lassen, Motor stoppen und schreien. Tränen fließen keine.
VW Golf Kombi. Zwei Kindersitze auf der Rückbank. Der erste Weg führt zum Kindergarten, noch eine letzte Umarmung, die Kinder sind ruhig und weinen dieses Mal nicht. Das schlechte Gewissen bleibt. Weiter Richtung Arbeit, Stau wie jeden Morgen. Die Playlist: Wir sind am Leben, Back to Black, No Roots, Highway to Hell. Die späte Erkenntnis, dass es doch keine Liebe war. Die Kinder, die ein Leben, wie sie es sich gewünscht hat, nicht mehr möglich machen. Die Frage, wann und ob ein Airbag aufgeht, wenn man auf das Lenkrad einschlägt. Und dann die Tränen. So fühlt sich also Trauer an.
Skoda Oktavia. Immer noch Kombi. Die Wege haben sich geändert. Kein Kindergarten vor der Arbeit, sondern Taxiunternehmen nach der Arbeit. Für die Kinder. Klavierspielen, Reiten, Tennis, Freunde. Sie kümmert sich. Er nicht mehr. Das Sorgerecht hat sie bekommen. Es war eindeutig. Kein Ermessensspielraum. Säufer bekommen Besuchsrecht, nicht mehr und nicht weniger. Sie sollte erleichtert sein. Der Beifahrersitz bleibt leer. Keine Wut, keine Schläge, keine Schikanen, keine Tränen, keine Trauer. Ein neues Leben, nur mit den Kindern am Rücksitz. Heute hört sie keine Musik.
Jeep Cherokee. 25 Jahre später an der Grenze, kurz nach Villach. Ein Auto für sie alleine. Sie öffnet die Fenster, kann das Meer schon riechen. Die Kinder erwachsen, der Wunsch, die letzten 20 Jahre auf der Stelle nachzuholen. Das Leben spüren, so wie damals, mit 18, die erste Fahrt in ihrem Renault 19. Sie gibt Gas, erinnert sich an ihre erste Reise in den Süden, ihre Freundin am Beifahrersitz. Das Lachen, die Lebenslust, die Vorfreude auf das, was kommen sollte. Auch dieses Mal wählt sie die Landstraßen, sie hat Zeit. Das Ziel: Der Campingplatz von damals, die ewig langen Sandstrände, der Aperol, das Lagerfeuer. Sich selbst suchen und vielleicht auch finden. Auch dieses Mal wieder: Französische Chansons. „Je veux de l′amour, de la joie, de la bonne humeur“.
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