8 | Irena Habalik

Stille, Nacht, Stimme

Zuerst fiel ein Blatt herein, dann zuckte eine grüne Kuh auf dem Bild von Chagall.

War es ein Zeichen?

Die Nachtstunde hat Blech im Munde, die Gegensprechanlagen leuchten wie die bierpolierten Klinken, die Stromdrähte dünn, schutzlos, wen kümmern sie bloß?

Ich lausche der Stille, berieche, starre sie an. Sie ist es. Ein leichtes Wort, zwei Silben, zu denen ich nicht leicht einen Reim finde. Ich? Ja, ich komme vor, in unregelmäßigen Abständen bin ich da, mein Stammbaum ist abgebildet, beige auf weiß, die Tafel drei, und in welchem Stammbuch erscheinen Ihre Sprüche?

Züchten Sie Majoliken, Majoran, Ranunkeln?

Die Beweggründe am Abend? Immer verschlafen? Gestern um zehn sammelte ich Steine, am Bahndamm, am Feldrain, jeder Stein in meiner Hand verlor seine Einsilbigkeit, jeder Stein auf dem Spielplatz eine Möglichkeit. Sie wurden bemalt pink, pastell, blau:

Fröhliche Zeugen einer erstarrten Zeit,

und sie wurden zusammengebracht, die passten und die nicht zusammenpassten.

Später schrieb ich einen Brief an die Kölner Stadtverwaltung:

Sehr geehrte Damen und Herren, die Fassade des Doms sollte geputzt werden. Wenn die Fassade nicht stimmt, wie steht es mit den Altären, über Seitenschiffe will ich nichts wissen, morgen geht die Post nach Madagaskar, legen Sie nicht auf, bitte, waren Sie schon im siebenten Himmel?

So wird gefragt, und nebenbei wird gezählt an den Fingern, in einem Sommer stürzte ich zwischen dem vierten und dem fünften.

Eine schiefe Ebene mit frischen, klaren Lüften für heiße Umarmungen auf den Bänken, eine Ebene in Glanz und Glamour oder ohne, je nach Aussichtspunkt (stand da nicht beim Eingangstor, klein und durchgestrichen: von Aussicht zur Ansicht?).

Einen Engel sah ich im Parterre, ein blasser Engel sprang über den Fenstersims, lief die Straße hinunter, immer geradeaus, vorbei an der Kurzsichtigkeit der Ampel. Die Passanten schüttelten einander die Hände, einer stammelte:

Es ist nicht aller Tage Engel.

Vielleicht war das ein Schatten, entlang der Häuserwand, vielleicht ein kleiner runder Mann, der nicht im Schatten stehen wollte, also lief er.

Während ich spreche, blicken die Augen in den rechten Winkel, als ob dort eine Postkarte von gestern klebte, doch nichts ist zu sehen, nichts bewegt sich in diesem Raum nur anderswo ist bekannt: Zu Ovids Zeiten sprach man einander zugewandt, ohne zu zwinkern, ich zwinkere, zwinkere, auf diese Weise komme ich näher, wenn nicht einem Gesicht, dann einem Ding an sich, aber Achtung, die Stimme hier:

Ja, Sie sollten sie damals reden hören.

Meine Stimme ist verlorengegangen.

Zur Maulbeerenzeit, in der angeblich Wunder passieren. Das Wunder überstand ich, auch das Staunen darüber, mit einem Ersatzstimmorgan artikuliere ich mich schöner, bilde lange Nebensätze, als ob es darauf ankäme, Sie werden nicht glauben, wer so ein Organ hat, muss sogar lachen. Was steckt dahinter?

Das kann schon morgen nach vorne treten, keiner wird dem einen Namen geben, am Ende eines letzten Satzes steht die Nacht.

Der Unbekannte unter der Brücke sagte: Die Nacht ist ein Ufer für die Schlaflosen, Uferlosen, dem glattgefegten Pflaster hast du den Rücken gezeigt, vor dir buntes Treiben, vor dir Farben, das ist die Stille.

Sie schimmert, flimmert, flackert dir entgegen, leise, zuversichtlich.

Und das Rauschen, Rascheln, Lispeln an diesem Ort ertönt wie eine Ouvertüre. Hören Sie es?

Arm in Arm langsam, leise, wir sind an jenem Ort angelangt.

Wir schauen uns um, ein Nicken genügt, man versteht es von alleine, wir schauen in die Weite, wer weiß, ein Ort gibt den anderen.

Ist es nur Krächzen in der Leitung?

Eine Tücke des Unsichtbaren, gerne würde ich Honig um Ihre Wangen schmieren (sind Sie Mann, Frau? Ach egal), eine Floskel ins Ohr setzen,

Dutzende von Floskeln ohne sich dutzendmal anzustrengen, Verzeihung, Sie können mich anschreien, schreien Sie,

das Schweigen der Stadt, die Stille: Ich horche in sie hinein, sie brüllt in meinen Eingeweiden, mir ist bang.

Nein, fürchten Sie sich nicht.

Ich ein Nachtschänder? Sinnesverwirrter? Nichtstuer? (Ja, ja, das Vokabular, es lässt manchmal verstummen.)

Aber sind wir nicht alle Nichtstuer für den Vater, den unseren da oben? Was tun wir für ihn? Und welcher Vater, welche Mutter würde uns unendlich füttern?

Wahr schmeckt das Futter, Gottesspeise für uns. Unendlich mein Dank, kurz wie Magenaufstoßen die Bitte: Vater unser gib keine Butter, es genügt, gib bitte, was täglich durch die Finger zerrinnt.

Hören Sie zu? Jetzt erscheint der erste Bus.

Im zarten hellen Rot, einem Farbton, der aus der dunklen Umklammerung loslässt, schon stellt man Tafeln auf, die etwas verraten, der Wind fällt herein,

leicht wie Worte zum Sonntag, ich sage gegen die Wand: Es lassen sich Reime machen.

Irena Habalik

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7 | Larissa Böttcher

Goldene Tage

Ich richte mich auf, hier entlang, stromaufwärts, hinauf, mit dem Handballen voran.

Draußen drängt die Sonne mit ihrem taubenblauen Licht. Es schwappt über die Dächer. Jagt durch die Straßen. Bombardiert die Fassaden. Sprengt das Eis von den Frontscheiben. Klettert durch das Fenster zu mir herein, während ich still dasitze und direkt hinein stiere, nicht mal blinzle. Es zerrt an meinen Zügen, wälzt sich durch die Poren und zieht darunter jede einzelne Faser straff. Ich richte jeden Finger meiner Hand einzeln auf, greife zu und ziehe, ziehe an diesem Hebel, immer wieder, in alle Richtungen, bis der Rahmen knackend nach außen schwingt.

Der Wind treibt meinen Atem hinaus in den Hof. Unten, an der Hauswand, kleben zwei Schatten. Sie flüstern und zittern und stecken die Köpfe zusammen. Ich beuge mich vor, etwas zu weit, etwas zu schnell. Kälte schlägt mir ins Gesicht, meine Gedanken, meine Entwürfe, meine Utopien geraten ins Taumeln. Sie schreien auf, rutschen ineinander, verknoten sich und kippen mit mir nach vorn, prallen von innen gegen meine Stirn und ich klopfe vorsichtig dagegen und es klopft zurück. Ich friere, doch ich dränge weiter hinaus, ich verrenke mir den Hals, denn ich richte den Blick aus.

Irgendwo da unten, da hinten, wo sich alles mit Menschen füllt und Worte abgestoßen werden wie Fremdkörper, gibt es einen Fleck. Ich bin mir sicher, es gibt ihn noch, diesen Fleck, zinnoberrot, den ich auf die Tapete gemalt habe, groß wie ein Kieselstein. An diese Wand, diese Wände, deine kahlen Wände, hinter denen es still war, hinter denen es still ist. Hinter denen dieser Fleck existiert.

Nur du, ein ganz und gar geräuschloses Wesen, konnte unbemerkt verschwinden.

Meine Gedanken raufen sich frei. Gebliebene, Wiederkehrer, Fremdgewordenes. Ich öffne den Mund. Meine Lippen sind trocken, sie reißen auseinander und ich rufe etwas in den Tag hinaus, etwas, dass ich nicht verstehe und ich blinzle, blinzle immer schneller, ich spüre, wie es mich schüttelt, wie es mich aus dem Bett reißt, mich herumwirbelt, wie die Fasern unter meiner Haut auseinanderplatzen und durch meinen Körper schnellen. Ich greife nach dem Fensterrahmen, kralle mich fest.

Draußen gurren die Tauben so laut, dass man glauben könnte, ein Gewitter rollt heran und vielleicht ist es so, dass du das auch in der Ferne noch hören kannst. Vielleicht sitzt du dort am Fenster und schweigst, während ich den Rahmen loslasse und in die Welt hinausstürze wie ein Kind, guck mal, ohne Hände, siehst du's? Wie ich in das blaue Licht eintauche, Funken schlage und versinke?

Die Schatten schrecken auseinander.
Ich nicke ihnen zu.

Es sind diese goldenen Tage.

Larissa Böttcher

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6 | Gorch Maltzen

Mikrokosmos (Bagatelle)

Fühle wieder etwas. Laufe herum und habe diese Taste in mir. Drücke sie und kann weinen. Freue mich zu weinen. Bin kaum eierschalen-, übergangsjacken-, durchpausdick. Bin noch vorsichtig, aber bin da. Seufze. Mute mir Zumutbares mutig zu. Musik bedeutet wieder etwas, alles. Gehe alte Wege und finde neue Wege alte Wege wie neue Wege zu begehen. Kann wieder Dinge zulassen. Telefoniere jetzt weniger als drei Stunden am Tag mit Hanna, um mein Herz auszuschütten. Übe wieder mehr als drei Stunden am Tag Klavier, neuerdings Bartók, auch Schönberg. Nehme Johanniskraut, Baldrian, widerwillig. Es hilft. Glaube ich. Habe aufgehört zu verblassen. Verlerne erlernte Hilflosigkeit. Nehme mir Zeit für mich. Weiß um eigene Verletzlichkeit. Lasse mich überreden. Gehe ab und zu mit zu Dingen, die alle wichtig finden. Hanna sagt, man darf sein Leben nicht verpassen. Habe aufgehört zu verpassen, passe auf. Spüre Samt, Lametta, Wachs. Bin dankbar für kleine Dinge. Das Jahr geht zur Neige. Sehe Raureif an Neonreklamen nachts. Schmecke Frost. Erwarte Blüte.

Gorch Maltzen

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5 | Luca Kieser

wiederholungen

#27

und er küsste sie

zwischen küssen, sagte sie und küsste ihn

zwischen küssen, fügte er hinzu und küsste sie

zwischen küssen, fügte sie hinzu und küsste ihn

zwischen küssen, fügte er hinzu und küsste sie

zwischen küssen, fügte sie hinzu und küsste ihn

[wiederholen!]

Luca Kieser

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4 | Martin Troger

Der Stiegenhaus-Kranz

In diesem Stiegenhaus werden
oft mehrere Stufen mit einem
Satz genommen, während,
mit einem lauten Knall,
die Haustür von alleine wieder zugeht
Aufgegangen ist sie erst
nach einem kurzen lauten
brummenden Geräusch

Das Loch in der Mitte des Kranzes,
er ist ungefähr so breit
wie der weiße Teller
auf dem er steht,
ist ungefähr so breit wie die dicke Kerze
in der Mitte, die erst ein-zweimal
gebrannt hat,
ein-zweimal
öfter als ein Kaufhaus-Kranz
Beim Schlüpfen aus den Schuhen
berühren manchmal kleine Finger,
noch seltener ein Ringfinger,
die Außenseite des Kranzes

Auch beim Schlüpfen in die Schuhe
am nächsten Morgen
steht der Kranz oben vor der
Wohnungstür auf der Kommode
Es wäre zu gefährlich die dicke
Kerze anzuzünden, weil sich
niemand länger in dem kalten
Stiegenhaus aufhält, als es dauert
sich seine Schuhe an- oder auszuziehen

Hast du unten den Schieber raufgegeben
ist manchmal oben aus der Wohnung
zu hören, wenn die Wohnungstür schon
offen ist
Ist er unten, könnte jeder, der es
versucht, die Tür einfach aufdrücken
und
den Kranz einfach mitnehmen
Auffallen
würde es erst am nächsten Morgen
beim Schlüpfen in die Schuhe,
die nach der Nacht
immer ganz kalt sind
Ein Kaufhaus-Kranz würde wahrscheinlich
viel eher vermisst werden

Martin Troger

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03 | Hannah Bründl

Der Platz der Birke

  1. Proklamation.
  2. Die Birke wurzelt welttief. Strukturelle Ursachen verformen sie, ein rhizomartig
  3. verwobener Untergrund aus knorrigem Wurzelnetz. Die Birke bricht sich an den
  4. Felsbrocken im Boden. An dem Ort, zu dem sie verdammt ist. Die Birke ist radikal,
  5. sie weigert sich. Ein Kompendium an Verweisspielen.
  6. Sie ist es leid.
  7. Emphase.
  8. Die Birke wächst vor dem Fenster. Sie ist größer als das Leben. Ihre hellgrünen Blätter
  9. eingerollt; Dass es um das Bahnbrechen gehen wird. Um das Entzünden und hoch
  10. Schwirren. Um das Verklammern mit wanderlustigen Idealen. Um die Leere zwischen
  11. zwei Stämmen. Als eine Projektionsfläche pflanzlicher Ängste.
  12. Die Bäume kommunizieren miteinander. Ihre Formulierungen von Zucker und
  13. Botenstoffen pumpen sich durch verschlungene Äste. Pulsierend. Ein zuverlässiges
  14. Signum einer verzweifelten Einsamkeit. Wer ganz unten in der Nahrungskette
  15. festgehalten wird, muss kreativ werden, um seine Lücken füllen zu können.
  16. Die Birke hat Sitzfleisch. Zerrissene Knospen ziehen sich zurück. Der Stamm reißt auf.
  17. Es erscheint nur konsequent, dass sich alles geändert hat.
  18. Rückhall.
  19. Die Birke ruft einen Raum an Warnsignalen auf.
  20. Ihre Einsamkeit erstickt sie in Wolken und Wind, ihr Narbengewebe bernsteinfarbenen Eiter produzierend.
  21. Sie schweigt dazu.
  22. Entschweben.
  23. Der Schlüssel der Birke ist die Reise in ihrem Inneren. Die Reise in ihrem Inneren und
  24. die Schuppen der Fruchtstände. An den Fruchtständen kleben die kindlichen
  25. Birkensamen. Von September bis Oktober schweben die Samen der gefangen
  26. gehaltenen Bäume in abgesprochener Ästhetik davon. Die gläserne Herbstluft
  27. zerkratzend. Sonne einfangend. Die Natur macht einmal im Jahr eine Ausnahme.
  28. Aufatmen können. Die Birke bewahrt ihre kindheitliche Samenkapsel-Reise in ihrem
  29. Birkenherz auf. Eine Zeitebenen verbindende Reflexion.
  30. Ein Aufbruch mit geschlossenen Augen.
Hannah Bründl

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2 | Peter Paul Wiplinger

Advent-Advent

„Advent-Advent, ein Lichtlein brennt; erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier; dann steht das Christkind vor der Tür!“ Diesen Spruch sagten wir Kinder, auch im Chor, wenn wieder einmal die Adventszeit angebrochen war. Dann waren die Tage kürzer und am Abend wurde es immer früher dunkel. Draußen konnte es schon sehr kalt sein. Und der erste Schnee blieb liegen und verzauberte die Natur und alle Gegenstände, auf die er fiel und die er wie in ein weißes Federbett einhüllte. Drinnen in den Häusern brannte schon früh das Licht. Man hatte den Ofen im Wohnzimmer oder in der Wohnküche eingeheizt; es knisterte und duftete das Holz. Und vom Kachelofen kam die wohlige Wärme und erfüllte den Raum. Man war nun am Abend in der Familie mehr beisammen als sonst, keiner ging so wie im Sommer irgendwo auswärts hin. Sogar die Männer gingen seltener ins Wirtshaus; und wenn, dann blieben sie nicht bis in die späte Nacht. Sie spielten auch nicht Karten und es war nicht so laut in den Gaststuben wie sonst. „Die Stille Zeit“ ist nun, sagte man. Und so war jetzt lautes Lärmen unangebracht. Vielmehr sollte man „Einkehr halten in sich selber“ und sich vorbereiten auf das große Fest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, auf Weihnachten.

Bis dahin aber war es noch weit, einige Wochen waren noch davor. Und da galt es, mehr als sonst zu beten und viel zu tun. Als erstes wurde am Samstag vor dem ersten Adventsonntag von der Mutter der Adventkranz gebunden, aus den duftenden Tannen- oder Fichtenzweigen, die man sich selber aus dem Wald geholt hatte. Der Vater half ihr dabei. Bei uns wurden die Zweige der Einfachheit halber gleich auf den wie ein Wagenrad über dem Tisch hängenden hölzernen Lampenschirm mit Blumendraht aufgebunden. Das ging ganz gut so und war sehr praktisch. Denn die Lampe innerhalb des Lampenschirmes, der nach oben offen war, befand sich dann innerhalb des Adventkranzes und wurde von diesem umschlossen. Die vier Kerzen, drei lilafarbene und eine weiße, wurden in ganz flache Kerzenhalter gesteckt und dann mit dem Draht, der an den Kerzenhaltern war, am Adventkranz angebunden. Am Schluss wurde noch ein breites dunkel-lilafarbenes Seidenband mit silberner Borte an beiden Rändern querlaufend über den Kranz gewunden. Wenn alles fertig war, sagte der Vater zufrieden „Schön ist er wieder, unser Adventkranz, nicht wahr, Mutter!“ Und diese antwortete darauf „Ja, schön ist er wieder, unser Adventkranz.“ Damit war alles getan. Und man wartete jetzt nur noch auf den Abend des ersten Adventsonntags.

Nach dem Abendessen versammelten sich die ganze Familie und auch die Hausangestellten im Wohnzimmer. Die Kinder saßen in einer Reihe um den Tisch herum, die noch kleinen auf dem Schoß einer älteren Schwester. Die Hausangestellten saßen auf dem Sofa an der Wand. Wenn der Vater zur Streichholzschachtel griff und ein Streichholz anzündete, dann mit dem brennenden Streichholz auf dem Tisch kniend den noch weißen Docht der ersten Kerze entzündete, dann verstummte sogleich jedes Gerede und Geflüster, und alle schauten gespannt und zugleich ergriffen auf die nun brennende erste Kerze am Adventkranz. Nachdem das elektrische Licht ausgemacht worden war, erleuchtete das Licht der Kerze die Finsternis, und der Raum war in eine schwache Dämmrigkeit getaucht. Die Flamme der Kerze flackerte, es knisterte und roch nach Wachs. Schatten zuckten oder lagen auf den Gesichtern. Und dann hörte man die Stimme des Vater nach einem kurzen Sichräuspern sagen „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen!“; wobei er und wir andächtig das Kreuzzeichen machten.

Dann beteten wir das „Vater unser“ und ein „Gegrüßet-seist-Du-Maria“; anschließend das „Glaubensbekenntnis“ und ein oder zwei Gesetzchen des „Freudenreichen Rosenkranzes“, darunter das mit dem Text „Den Du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast...“. Darauf nahm der Vater ein Buch, immer dasselbe, in jedem Advent, und schlug es auf. Um besser lesen zu können, entzündete er eine kleine Kerze, die in einem grünen, mit Blumen bemalten, hölzernen Kerzenleuchter steckte. Aus dem Buch las er dann den Abschnitt, der für den ersten Adventsonntag bestimmt war. Er las mit fester Stimme und fast so wie der Herr Pfarrer in der Kirche. Alle hörten aufmerksam zu. Niemand von den Kindern hätte sich getraut, irgendeinen Unfug zu machen oder wie in der Schule zu „schwätzen“. Nur manchmal hörte man ein Husten oder Räuspern. Es konnte sein, dass die schon alte und von der langen, schweren Tagesarbeit ermüdete Köchin beim Rosenkranzbeten kurz einschlief, und man ihr tiefes, etwas geräuschvolles Atmen hörte. Dann stieß sie sogleich eine andere Hausangestellte, oder wer eben neben ihr saß, kurz an, und sie wachte gleich wieder auf, schaute etwas verwundert um sich und betete weiter. Alle waren bei dieser Adventandacht ganz dem Gebet und der Erbauung hingegeben. Nur die hinten auf dem Sofa eingerollt liegende Katze schnurrte ganz leise; doch das wurde von den Stimmen der Betenden übertönt.

Als kleiner Knirps konnte ich natürlich noch nicht so lange und komplizierte Gebete wie das „Vater unser“, das „Gegrüßet-seist-Du-Maria“ und schon gar nicht das „Glaubensbekenntnis“, den „Rosenkranz“ oder den „Engel-des-Herrn“ mitbeten. Und so saß ich da, manchmal neben unserer lieben Köchin Fanni und plapperte jene einfachen Worte mit, die ich schon reden konnte, deren Bedeutung ich aber oft noch gar nicht verstand. Wenn ich schon müde war oder müde wurde von der einschläfernden Monotonie dieses Gebetsstimmenchores, dann schlief ich ein, wobei ich mich bei der Fanni anlehnte, und sie den Arm um mich legte. Man ließ mich schlafen, weckte mich aber kurz vor dem Ende unserer Adventandacht auf und sagte leise zu mir: „Jetzt bist du dran, Peterle!“ Und dann musste ich zum Vater gehen, mich zwischen ihm und der Mutter hinstellen - gerade dass der Kopf über die Tischfläche ragte - die Hände zusammenfalten, zu einem bereits vor mir aufgestellten, eingerahmten Jesusbildchen, das einen kleinen, blondgelockten Buben zeigte, aufblicken und „mein Gebet“ sprechen, das man mich gelehrt hatte und das ich - mit Hilfe von Vater und Mutter, die es mit mir ganz langsam und deutlich sprechend mitbeteten - nun aufsagen musste. Meist begann der Vater mit dem ersten Wort und ich betete dann - ein jedes Wort in kindlicher Manier betonend - mein Gebet: „Weil jetzt, o liebes Jesukind, die Engelein so fleißig sind, drum will auch ich für Dich mich plagen...“ Weiter weiß ich es nicht mehr, hier bin ich immer stecken geblieben und habe nicht weiter gewusst. Heute, nach fast sechs Jahrzehnten, habe ich den Rest meines Kindergebetes vergessen. Aber das „Mich-plagen“ ist mir noch als etwas mir Unangenehmes bis heute im Gedächtnis geblieben.

Kaum dass ich etwas älter und größer war als ein Knirps von drei oder vier Jahren, habe ich das Mich-plagen für das Jesuskind in der Adventszeit schon als besondere Religionsübung aufgefasst und dem entsprechend kistenweise das gehackte Holz aus der Holzlaube unten für die Köchin Fanni über die Stiege hinauf getragen und in die Holzkiste geschlichtet. Wiederum etwas später, als ich mich dann geweigert habe, dieses Kindergebet noch weiter aufzusagen, hatte ich mich gefragt, warum auch ich mich, bloß deshalb, „weil die Engelein so fleißig sind“, nun so für das Jesuskind abplagen soll. Ich konnte und wollte nicht einsehen, was das eine mit dem anderen zu tun habe. Und überhaupt, warum schon wieder so ein opferverdächtiges Wort wie „Mich-plagen“ anstatt „Mich-freuen“?! Immer musste man „Opfer bringen“; in der Fastenzeit, in der Adventszeit; bei einem Gelübde oder bei einer Novene. Sünde, Reue, Buße, Sühne, Strafe, Verdammnis, Fegefeuer und Hölle - das alles waren Begriffe und Bestandteile einer düsteren Welt, die mit der Religion und dem Katholizismus schon früh in mein kindliches Empfinden hineingelegt wurden, ob ich das nun wollte oder nicht. Von Freude und Fröhlichsein war kaum jemals die Rede.

So wie am ersten Adventsonntag wurde nun an jedem Tag bis hin zu Weihnachten die gleiche Adventfeier in unserer Familie abgehalten. Jede Adventandacht lief nach diesem beschriebenem Muster ab, manchmal war sie etwas kürzer, ein anderes Mal ein wenig länger; immer aber war es das gleiche Zeremoniell. Das hatte etwas Beruhigendes, manchmal etwas Einschläferndes an sich, aber man konnte sich auf etwas verlassen, daß es so sein würde, wie man es kannte. Und da dies mit wenigen und kleinen Abänderungen über viele Jahre der Kindheit und dann der Jugend so verlief, bildete dies einen Bestandteil dessen, was man „Familientradition“ nannte und als solche bezeichnen kann. Meine Geschwister und ich wurden von Jahr zu Jahr größer. An meine Stelle und die meiner Kindergebete mit dem „O du liebes Jesukind, weil jetzt die Engelein so fleißig sind...“ und dem „Jesukindlein komm zu mir, mach ein frommes Kind aus mir! Mein Herz ist klein, darf niemand hinein, als Du, mein liebes Jesulein“ traten die Kinder und ihre Gebete meiner nun verheirateten älteren Geschwister, die fallweise zu unserer Adventandacht kamen. Sie saßen dann genauso andächtig wie wir damals, vielleicht ein wenig verschreckt, weil eben doch nur Besucher, um den Tisch im Wohnzimmer herum. Die Fanni gab es nicht mehr; die liebe alte Frau, meine wichtigste Bezugsperson in meiner Kindheit, war schon gestorben. Ebenso einige meiner Geschwister, die ein unerwarteter, viel zu früher, tragischer Tod aus der Familie herausgerissen und in den Herzen meiner Eltern tiefe, unheilbare Wunden hinterlassen hatte. Hausangestellte gab es längst nicht mehr. Das Geschäft war abgegeben, verpachtet. Ich war weggezogen und kam zwar regelmäßig, aber doch nur selten nach Hause. Vater und Mutter waren alt geworden, müde, krank, schweigsam. Nur an den Enkelkindern schienen sie sich noch zu erfreuen. Das laute Beten über längere Zeit fiel ihnen schwer. Die Stimme des Vaters war schwach und brüchig geworden. Die Mutter lebte in sich zurückgezogen, in ihrem eigenen unausgesprochenen Innern. Die Adventandachten hatten aber Generationen und Jahrzehnte überdauert und überbrückt; als etwas Gemeinsames, Verbindendes, Zuverlässiges.

Auch jetzt wurde noch an jedem Adventsonntag eine neue Kerze am Adventkranz angezündet und am vierten Adventsonntag die einzige weiße Kerze, als sichtbares Zeichen, dass das Fest der Geburt Jesu Christi nahe sei. Aber nicht mehr der alte Vater zündete sie an. Er konnte nicht mehr auf den Tisch klettern und sich beim Kerzenanzünden hinaufknien. Jetzt bat er eines seiner Enkelkinder. Und eine herzergreifende Traurigkeit lag in seiner Stimme und erfüllte auch mich, wenn er mit einem matten, etwas verlegenen Lächeln einem seiner schon größeren Enkelkinder das brennende Streichholz, das seine zitternde Hand an der Reibfläche nach mehrmaligen Versuchen endlich doch entzündet hatte, hinhielt und bat: „Geh’, sei so lieb und zünd’ mir die Kerze oben an!“ Dann stieg dieses Enkelkind auf den Sessel, kniete sich auf den Tisch, so wie einst der Vater das getan hatte, und zündete die Kerze oben am Adventkranz an. Dann flackerte die Kerze auf und erleuchtete die Finsternis. Und mit jedem Adventsonntag wurde es heller im Raum. Und wieder freuten sich Kinder auf Weihnachten; und mit ihnen die alten Eltern, die noch immer das Gleiche für die Enkelkinder taten, was sie Jahrzehnte hindurch für ihre eigenen vielen Kinder getan hatten.

Natürlich ging man auch jetzt noch während der Adventszeit in die „Rorate“, eine Frühmesse an Werktagen mit besonderen Gebeten und Liedern für diese Zeit der Vorbereitung in Erwartung des Herrn. Noch immer sang man die alten, bekannten Lieder, das „Tauet Himmel, den Gerechten...“ und „O Heiland, reiß die Himmel auf...!“ Noch immer saßen im Dunkel der Kirche, bevor die Kerzen am Altar angezündet wurden, die Frauen und die wenigen Männer hingeduckt in den Kirchenstühlen, eingemummt in schwere Mäntel und dicke, wollene Tücher. Denn der Winter ist bitter kalt in diesem Land an der Grenze, und die Kälte kriecht einem durch alle Kleider hindurch unter die Haut bis auf die Knochen. Noch immer wurde in der letzten Adventwoche ein Christbaum aus einem der Wälder der Bürgergemeinschaft geholt. Später brachte uns dann jemand den großen Baum. Noch immer wurde bei uns jedes Mal ein paar Tage vor Weihnachten die große Kiste mit der Krippe, mit den in Papier eingewickelten und in Holzwolle eingehüllten Figuren sowie dem hölzernen Stall, den der Vater schon vor Jahrzehnten gebastelt hatte, vom Dachboden ins Wohnzimmer herabgetragen. Und dann wurden dieser Stall und diese Gipsfiguren, die Hirten und Schafe, der Ochs und der Esel, Maria und Josef sowie die kleine Holzkrippe mit Stroh für das Jesuskind auf einem über die hohen Sofalehnen gelegten dicken Brett, das mit Moos ausgelegt und mit Tannenreisig und einem Zaun aus dünnen Haselnusszweigen umgrenzt wurde, aufgestellt; die Krippe noch leer und ohne das Jesuskind, das erst am Heiligen Abend hineingelegt wurde. Dann wurde noch ein kleiner Kiesweg, der gerade hin zum Stall führte, angelegt. Und auf dem standen dann kleine rote Kerzen in sternförmigen niedrigen Kerzenleuchtern, die zum Gebet oder zur Betrachtung für die Kinder angezündet wurden. Auch eine Beleuchtung gab es im Stall, so dass es die Heilige Familie hell hatte. Und dann saßen der alte Vater und die alte Mutter mit den vielen kleinen Enkelkindern vor der Krippe mit den angezündeten Kerzen und der kleinen Beleuchtung im Stallinneren und beteten die gleichen Gebete, die wir als Kinder gebetet hatten. Und der Vater sagte manchmal „Kinder, jetzt ist die Krippe noch leer, aber bald kommt das Jesuskind hinein; dann zu Weihnachten.“

Das alles wurde aus unserer Kindheit über Jahrzehnte hinweg hinübergerettet in die nächste und übernächste Generation. Ob es dort weiterlebt, weiß ich nicht. Mit dem Tod meiner Eltern und dem darauffolgenden Auseinanderbrechen der Großfamilie endete sowohl diese Gestaltung der Adventszeit, als auch die anderer Tage, Zeiten und Feste im Kirchenjahr. Es endete ein gelebtes Lebensbeispiel, eine Familientradition. Heute, nach all den Jahrzehnten, erinnere ich mich an meine frühe Kindheit. Ich sehe in meiner Erinnerung Lichter brennen, die es längst nicht mehr gibt. Und ich glaube die Stimmen von Vater und Mutter und von meinen längst verstorbenen Geschwistern zu hören, wie sie singen: „Tauet Himmel, den Gerechten, Wolken regnet ihn herab! Also rief in langen Nächten einst die Welt, ein weites Grab ...“ Und ich vermeine, dann auch den hellen Klang jenes Glöckchens zu vernehmen, das jedes Mal bei der letzten Adventandacht, nämlich der am Heiligen Abend, nachdem wir mit dem Beten und Singen geendet hatten und still dasaßen, zuerst kaum hörbar, wie aus weiter Ferne, dann aber näher kommend, geläutet hat, worauf der Vater zu uns Kindern sagte: „Horcht’s Kinder, es läutet; das Christkind ist da!“ Dann sind wir langsam aber innerlich ganz aufgeregt durch die dunklen Räume hinaufgegangen zu jenem Zimmer, durch dessen offenen Türspalt ein helles Licht geleuchtet hat, von dem man uns gesagt hatte, dass es von jenem Licht herrühre, das „das Licht der Welt“ sei. Und da stand dann ein wunderschöner, großer, geschmückter und nach Wald duftender Weihnachtsbaum. Davor und darunter lagen viele Päckchen. Und dann sangen wir alle gemeinsam und tief ergriffen das schöne alte Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht ...“

Peter Paul Wiplinger

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1 | Katherina Braschel

puttenstuckgebet

es ist:
vierundzwanzig
mal brust angehalten
den aufgestoßenen röchelatem hinunter
fingerkuppen geschluckt
rillenzerschnitten
morgendlich
jeder mittagsruf
ein blutbad

es ist:
vielmehr zeitschriftenapokalypse
heimwegsgut an streusteinen
aufgeschürft
bis dialysefreier
knochenmarksvergleich
eine eintagsbeschau
glutwein in
stangenware
absolutionsheischerei

es kann:
noch nicht sprechen.

es ist:
eine dellenwand
ein hautschuppenfest
eisglasur
gegenüber
ein jubelchor
eine ikealandmine
der kerzenlose
zimmerbrand
die schattenarme
fleckenwütig
um die tafel geschlungen

es kann:
noch nicht singen.

es ist:
goldgezierter maskenverdruss
in auswurfslacke
merinowollen
kyrienbeton
im heilsbringerwund

Katherina Braschel

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freiVERS | Silke Gruber

Wir, nachts

Nur
eine halbe Sekunde
bevor du schlafend
kaltblütig
ihren Körper zertrümmern wirst
nimmt eine Mücke
ihre Henkersmahlzeit an
deiner Schulter:
fremd
diese Stelle
denke ich
an der mein Kopf ruhen
sollte und weine
um das arme Tier
mich in den
Schlaf

Silke Gruber

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freiVERS | Dagmar Falarzik

Grasland. Ein Wasserturm dahinten
und Häuser drumherum, wie ein Kranz.
Der ewige Wind, Staub in der Luft,
kein Mensch weit und breit.

Abends wenn das Grasland leuchtet,
der Wind sich legt und die Hitze sinkt,
hört man manchmal Gesang
und nachts heulen die Coyoten.

 

Es weltet, sagt Herr Heidegger.
Das sind sie Wirks, sagt Herr Dürr.
Vergiss alles drumherum, sagt Herr Husserl.

Die Weissen quatschen zu viel,
denkt der Indianer und schweigt.
Er fährt den Philosophen in die Prairie raus
und lässt ihn da ohne Nahrung und Wasser
vier Tage lang stehen.

 

Völlig hineingerutscht, von der Vorstellung absorbiert,
ist die Realität auf ein Minimum reduziert,
während eine Parallelwelt den Raum überlagert.

Nachdem sich auch die Parallelwelt aufgelöst hat,
bleibt nur noch Bewegung, die sich durch abstrakte,
optische Ungewissheiten auszeichnet.

Dagmar Falarzik

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