freiTEXT | Philipp Sladkowski

Die Spende

Als ich endlich bemerkte, dass mein Telefon schon seit einer Weile vibrierte, tropfte ich gerade mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir. Trotz der Atemschutzmaske stieg mir der beißende Dampf in die Nase. Vor lauter Sprödheit dichtete das graue Silikon nicht mehr richtig ab. Keine Ahnung, wie alt das Ding war und wie viele Namen vorangegangener Assistent:innen bereits darauf verblasst waren, bevor ich meinen eigenen mit schwarzen Edding darübergekrakelt hatte.
Ich fummelte das Telefon mit meiner freien Hand aus der Hosentasche und machte mit der anderen weiter. Mir war klar, wer dran sein würde. Niemand sonst ließ es so lange klingeln.
„Hast du gerade viel zu tun?“
„Nein“, log ich. Eigentlich sollte ich heute noch das gesamte Muster, das als Vorlage ausgedruckt neben mir lag, auf das Großformat übertragen. Natürlich wusste er das nicht. Dafür kam er viel zu selten ins Atelier. Zu wissen, an welchen seiner Kunstwerke wir aktuell arbeiteten, überließ er seinem Studio Manager.
„Könntest du schnell etwas für mich erledigen?“
„Gerne“, log ich erneut.
Noch während er mir erklärte, was er wollte, kroch ich von der Bohle, die mit Schraubzwingen an dem zwei Meter hohen Baugerüst befestigt war. Sie ragte wie ein Sprungbrett über die Leinwand. Ich eilte zum anderen Ende der langen Fabrikhalle, wo ich in den Scherenlift stieg und mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt alles aus dem Lastenregal nahm, was er mir diktierte. Dabei konnte ich ihn kaum verstehen. Hinter mir dröhnten mehrere Staubsauger. Die anderen hatten gerade eimerweise Farbe auf eine noch größere Leinwand als meine geschüttet. Nun versuchten sie energisch, winzige Lufteinschlüsse herauszusaugen, indem sie an die Enden von Staubsaugerschläuchen geklebte Spritzen hineinpieksten. Der Studio Manager, der hektische Anweisungen gebend daneben stand, sah mich und forderte aus der Ferne mit seinem Gesichtsausdruck eine Erklärung von mir. Ich drehte ihm das Telefon an meinem Ohr entgegen und deutete mit dem Finger darauf. Das genügte, um mein Handeln zu autorisieren.
Je zwei 500-ml-Flaschen Acrylfarbe pro Farbton, dutzende Tuben Ölfarbe, mehrere Gläser Pigmente, Bindemittel, unzählige Pinsel sämtlicher Größen und allerhand weitere Kunstmaterialien packte ich in leere RAKO-Boxen. Ich bediente mich so großzügig an dem Bestand, dass ich erwartet hätte, diesen danach deutlich ausgedünnt zu haben. Doch es fiel kaum auf. Das Lastenregal, das sich über die gesamte Stirnseite der Halle bis knapp unter das Dach erstreckte, sah weiterhin wie ein Großhandel für Kunstbedarf aus. Dabei benutzten wir dessen Inhalt für die meisten Projekte nicht einmal, sondern bestellten neu. Das Regal und dessen Inhalt erfüllte eher repräsentative Zwecke, das Beeindrucken hohen Sammlerbesuchs zum Beispiel, oder der Medien, wenn sie über ihn berichteten. Es war extrem kostspielige Künstlerstudiodeko, die teilweise komplett ungenutzt vor sich hin trocknete.
Aufeinandergestapelt rollte ich die vollen RAKO-Boxen mit einer Sackkarre über das weitläufige Grundstück zum Sprinter, lud sie ein und fuhr los. Ich hatte mich dermaßen beeilt, dass ich noch meine improvisierte Schutzbekleidung für die Arbeit mit dem Chlor trug, einen schwarzer Müllsack, in den ich Löcher für Arme und Beine gerissen hatte, als ich auf den Parkplatz der Grundschule einbog. Schnell streifte ich ihn ab, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Es brachte nicht viel. So skeptisch wie die Schulleiterin meine farbverschmierten Klamotten betrachtete, als ich mich im Sekretariat anmeldete, hätte ich den Sack genauso gut anbehalten können.
„Ach, Sie sind das! Der Kunstraum ist ganz oben. Sie sollten sich aber besser ranhalten. In 15 Minuten fängt die Pause an.“
Ich befürchtete schon, eine laufende Schulstunde zu unterbrechen, als ich den Raum betrat. Glücklicherweise war gerade keine Klasse anwesend. Die Kunstlehrerin saß allein an ihrem Schreibtisch und war mit Vorbereitungen beschäftigt. Erstaunt betrachte sie die erste Kiste und nahm diese zögerlich entgegen, als könne ich das nicht ernst meinen. Dann bedankte sie sich überschwänglich.
„Das war noch nicht alles“, eröffnete ich ihr.
„Was, wirklich?“
Während ich schwitzend eine Kiste nach der anderen herauftrug und vor ihr auf den Boden stellte, ging ihr Erstaunen recht schnell in Sprachlosigkeit über. Fast schon erschrocken starrte sie darauf, als hätte sie trotz ihres Berufs soeben erst von der Existenz einer solchen Menge und Auswahl an Kunstmaterialien erfahren.
„Ich muss mal schauen, ob ich überhaupt genügend Platz habe.“
Sie führte mich in eine kleine Kammer neben dem Klassenzimmer. Dort deutete sie auf eine trostlose, schmale Ablage. Bis auf eine einzelne, viertel volle Flasche Kadmiumgelb und ein paar Wachsmalstifte war diese komplett leer.
„Wie Sie sehen, sind unsere Mittel sehr begrenzt. Für den Kunstunterricht bleibt leider nie viel Budget übrig.“
Mit sichtlicher Verzückung begann sie, die Farben aus den Kisten zu nehmen und auf der Ablage nach Tönen zu sortieren.
„Sagen Sie ihm tausend Dank und dass mir seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof sehr gefallen hat. Dass jemand ganz alleine solche großen, aufwendigen Werke erschafft, ist wirklich beeindruckend.“
Ich sparte es mir, ihre verklärte Vorstellung seiner Kunstproduktion zu berichtigen. Zu erörtern, dass Künstler wie er heutzutage riesige Studios betrieben, in denen sie zahlreiche Assistent:innen beschäftigten, die größtenteils alle selbst Kunstschaffende waren, aber aus Mangel an Erfolg finanziell darauf angewiesen waren, deren Kunst herzustellen, anstatt der eigenen, würde jetzt zu weit führen. Stattdessen nickte ich und eilte zurück ins Sekretariat, um mich abzumelden.
„Richten Sie Ihrem Chef unseren herzlichen Dank für diese großzügige Spende aus“, sagte die Schulleiterin merkwürdig hölzern, „allerdings hatte ich ihm am Telefon schon mitgeteilt, dass wir keinerlei Kapazitäten mehr haben. Wir nehmen momentan keine Kinder aus anderen Bezirken auf, nur aus unserem direkten Einzugsgebiet. Da können wir leider keine Ausnahme machen.“
Endlich verstand ich, wieso er einer Grundschule in Zehlendorf Kunstmaterialien spendete, obwohl er in Neukölln wohnte. Ich kannte mich mit den Unterschieden zwischen den Grundschulen der einzelnen Bezirke Berlins nicht aus, aber sie schienen ihm wichtig genug zu sein, seinen Sohn jeden Tag mit dem Auto durch die halbe Stadt fahren zu wollen. Wobei das wahrscheinlich eh seine Haushälterin oder jemand von uns machen würde.
Mit dem Einsetzen des Pausenklingelns stieg ich wieder in den Sprinter und fuhr zurück. Auf dem Grundstück sprangen einige der anderen gerade energisch auf dem vollen Baucontainer herum. Sie versuchten, den Müll darin zusammenzustampfen, um Platz für die Leinwand zu schaffen, an der sie vorhin gearbeitet hatten. Offenbar war es ihnen nicht gelungen, sämtliche Einschlüsse herauszusaugen. In den letzten Wochen hatten sie unzählige solcher Fehlversuche entsorgen müssen. Es war nahezu unmöglich, die Oberfläche so fehlerfrei hinzukriegen, wie er es wollte.
Ich parkte und half ihnen schnell, das von der halben Palette Farbe, die darauf vergeudet worden war, unheimlich schwer gewordene Gewebe in den Container zu wuchten. Dabei entdeckte ich mehrere Großpackungen 6 mm Tackernadeln. Für das Aufspannen der Leinwände sollten wir diese nicht mehr verwenden. Ich kletterte in den Container, trat einen Stapel Leisten beiseite und kramte sie hervor. Um Tackernadeln brauchte ich mir nun für die nächsten Jahre keine Sorgen mehr zu machen.
Im Atelier bereiteten die anderen schon den nächsten Versuch vor. Der Studio Manager war hörbar angespannt und wiederholte unentwegt, dass es dieses Mal unbedingt klappen müsse. Froh darüber, diesem Projekt nicht zugeteilt zu sein, zog ich den Müllsack wieder an, streifte die Atemschutzmaske über und nahm meinen Platz auf der Bohle ein. Kaum dass ich saß, klingelte das Telefon erneut.
„Und? Hat alles geklappt?“, fragte er.
„Ja. Sie haben sich sehr gefreut. Ich soll dir ihren Dank ausrichten.“
„Gut!“
Er machte eine kurze Pause und ich dachte schon, da käme nichts mehr, als er hinzufügte: „Haben sie sonst noch etwas gesagt?“
Ich beschloss, die letzten Sätze der Schulleiterin lieber überhört zu haben und verneinte. Er legte auf und ich fuhr fort, mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir zu tropfen.

 

Philipp Sladkowski

 

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freiVERS | Marc Glund

falle

mein blick geht in die tiefe.
          atme schwer.
befinde mich am abgrund
einer felsbarriere.
          wasser fällt dem blick voraus.
                    zwei äste, knorrig,
                              dazwischen
                                        verlassen
                                                  fast?
                              ein spinnennetz.
                    mehr nicht.
          keine tiere in sicht, ich
          kommentiere: #keinetiere?

er fühlt sich unentdeckt an, dieser
ort, am rande eines kleinen dorfes,
eins zu zwei, die ratio zwischen
          mensch und kuh.

in dem ich nie war, dem
ort, dem wasser, dem felsen, dem
view und in dem ich auch nicht bin,
nun bloß nicht versinken,
                                        das wasser,
                                        es fällt
                                        voraus
läuft aus, aus meinem handy,
im stream der äste, der ängste,
der träume, der kacheln, der
netze, der orte,
so fern.
          der einsame versuch:
          ich atme aus.
ein grund ist nicht
in sicht, ich sinke,
                      sinke immer weiter
                                        verfallen
                                        in nichts als

                                        dem fall

 

Marc Glund

 

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freiTEXT | Adnan Aydemir

Rauch, Erde und Erinnerung

Dieser Text ist eine Rückkehr – nicht nur an einen Ort, sondern in eine Geschichte, die nie abgeschlossen war. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich aus einem brennenden Haus trug und selbst an den Folgen starb. Mehr als vierzig Jahre später fuhr ich in das Dorf zurück, aus dem er kam. Ich wollte wissen, ob jemand mich noch kennt – oder sich an ihn erinnert. Was ich fand, war Nähe, Trauer, Erstaunen – und eine unerwartete Schuld: die Erkenntnis, dass selbst Freude ein
Herz brechen kann. ‚Rauch, Erde und Erinnerung‘ ist kein Reisebericht. Es ist der Versuch, den Schmerz und die Zärtlichkeit einer späten Begegnung in Sprache zu fassen.

Mit sechsundvierzig Jahren kehre ich zum ersten Mal in das Dorf Lubishte zurück.
Ein guter Freund begleitet mich, zwanzig Jahre älter, zwei Rucksäcke, ein Ziel.
Lubishte – das Dorf meines Vaters, in Kosovo,
die Erde seiner Kindheit,
die für mich nur ein Wort war, bis jetzt.

Er starb in Deutschland, als ich drei Jahre alt war.
Er rettete mich aus dem Feuer einer Zechenhaushälfte,
doch er selbst überlebte nicht.
Wenige Tage später erlag er den Rauchvergiftungen.
Meine Mutter blieb mit sechs Kindern zurück
in der neuen, fremden Heimat.
Ich, das Jüngste, kaum drei,
trug Verbrennungen dritten Grades an siebzig Prozent meines Körpers davon,
auch im Gesicht.

Nun also stehe ich hier,
in dem Dorf meines Vaters,
das seinen Namen trägt in meinem Ausweis,
aber nicht in meiner Erinnerung.
Ich will überraschen – und werde selbst überrascht.
Ich weiß nicht, ob noch jemand von uns lebt hier,
ob jemand weiß, wer ich bin.

Doch sie sind da.
Verwandte, von denen niemand etwas wusste –
nicht einmal die vielen in der Türkei.

Einer von ihnen, ein Cousin meines mit zweiundvierzig Jahren verstorbenen Vaters,
sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus,
eine Zigarette in der Hand.
Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen.
Dann zieht er langsam den Rauch ein,
schaut wieder hin,
und in dem Moment, als er versteht, wer vor ihm steht,
fällt ihm die Zigarette aus der Hand.
Er beginnt zu weinen
und umarmt mich, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte
zwischen uns zusammendrücken.

Auch die anderen kommen,
nahe, ferne Verwandte,
ergriffen, lächelnd, traurig.
Sie berühren mein Gesicht,
sehen in mir den Sohn, den Neffen,
den Überlebenden.

Drei Tage lassen sie uns nicht fort.
Nicht aus Lubishte, nicht aus dem Nachbardorf.
Sie öffnen ihre Häuser,
ihre Wohnungen,
ihre Herzen.
Das Hotel in Prishtina, längst bezahlt,
bleibt leer.
Wir schlafen auf Sofas, essen aus einem Topf,
trinken Kaffee im Hof,
hören Geschichten,
die alle mit Schweigen beginnen.

Ein älterer Verwandter aus der Schweiz ist gerade im Urlaub im Dorf –
Musiker,
übersetzt für mich,
deutet die Worte, die Gesten, die Tränen.

Fünfzehn Monate sind seitdem vergangen.
Ich bin achtundvierzig.
Und manche Nächte bleiben wach.

Ich denke an den Moment,
als der Cousin meines Vaters, der mich weinend umarmt hatte,
sagte, dass er Herzprobleme habe
und die Begegnung mit mir
seinem Herzen den Rest gegeben habe.
Er meinte es nicht böse –
aber der Satz traf mich wie ein zweites Feuer.

Er schickt mir Fotos,
mit Freunden, mit Familie.
Er ist gealtert,
schnell, sichtbar.
Und ich frage mich,
wie egoistisch ich war,
unangekündigt dorthin zu fahren,
ohne die Folgen zu bedenken,
ohne zu wissen,
dass man mit Erinnerungen auch töten kann.

Wie soll ich ihm je wieder ins Gesicht sehen –
im wirklichen Leben?

 

Adnan Aydemir

 

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freiVERS | turtle kollektiv

| efeuschwestern |

eine einladung:
pack das auto voll wilder frauen,
das kleine beil,
den spaten,
fahrt zu seinem zerfallenden haus,
seinem wuchernden-nachbarn-dorn-im-auge-wald,
denn

dort
neigen sie sich mir entgegen,
strecken ihre holzarme in den regen,
schirmen mich ab, wie ich
hier auf kiefernnadeln und moos liege,
mich anschmiege an sie, die unter mir atmet.

waldboden zittert.
straßenlärm trotzdem.
efeu wächst durch mich, durch haus, an haus lang,
kleine ärmchen mit saugnäpfen an unserer haut.
starre in wolken, sehe haus nicht mehr vor lauter grün.
papa mochte efeu.
ich mag efeu jetzt.
unkraut baum, ungeziefer gefahr, unkraut ist der garten.
un. ungehalten, unbeschnitten, ungeordnet, ungemäht.
ungeheuerlich.
dieses geschrei.
gras: abwesend.
efeu. moos. wald.
wald werden.

es knistert & krabbelt,
er kräht –
da ist
wald hinter meinen ohren –
da spazieren
ameisen auf haut
und
irgendwo in der brust pulsiert ein klammer, dunkler klumpen,
ich atme tief,
ich schlucke,
tief versunken
sackt er richtung erde, verschiebt sich in mir,
verdrängt organe, gräbt sich durch rippen –
da ist
bloß eine dünne schicht –
da trennen
lediglich ein paar zellen
meinen puls
von ihrem.

eiche. zur straße.
laub gehäuft auf bürgersteigen. buchtenblätter.
fegen. kehr. kehr. feg. streich. weg.
blätter jetzt braun: eingeeist.
eiche streckt arm über straße, über grundstücksgrenze hinaus.
ich würde gerne auf ihm liegen.

im rascheln der bäume
rasen autos,
rennen menschen
durch meine adern,
es ist laut, richtig laut,

mama, frag mich ab:
birke?
gezähnt.
buche?
gewellt.
eiche?
gebuchtet.

heinrich?
ausgeblutet.

immer noch viel zu laut
in mir,
also
drehe ich mich auf die seite, ich
drücke mein ohr auf knorrige haut,
dumpfer heart.beat. da unten
in ihr.

mein blut
pulsiert,
ächzt, stöhnt, quietscht, schlagt mit dem wind,
murmelt,
summt,
grieft,
heult,
kreischt –
ein schwarm kampfwespen.
an den fingern
meiner fäuste
um den spatengriff,
in der erde
ein loch,
ein letztes mal
die anzeige,
keine antwort,
ein grab.

wie es wäre, würden zellen die form verlieren,
würden grenzen verschmieren und
haare in den boden wachsen,
nägel zu blättern, haut zu moos, knochen zu rinde werden –
heimlich,
den heinrich,

haut von efeu überzogen, durchdrungen, zersetzt.
unsere inneren kammern geöffnet für fremde und freunde und innerstes in container, innerstes in taschen, lieblingsfilm, bob marley CD, MVV ausweis 1979.
innerstes ins außen gestülpt, verkehrt.
die tapete ist weiß-grün-braun-gelb-rohfaser-schimmelpilz-gesprenkelt.

schhhhhh
mach ich, zu uns, zum haus und zu mir, zu unserem gemeinsamen körper,
sonne geht unter.

gehe
einen fuß vor den andern
entlang des efeupfads.

schhhhhh
mach ich zu den hühnern,
den heinrich
an den füßen
im dunkel
aus dem stall.
stimmen verschwinden.
beil fällt.
musik geht aus. frieden für die nacht.

wie es wäre
ohne dieses hasten in der blutbahn,
leise,
ohne den heinrich,
ohne dieses ständige wollen und wollen und sollen.
die kinder wollten unbedingt
fifty-fifty pro ei.
na gut, sagte der opa.
für den dorn-im-ohr-nachbarn
löschen der anzeige: hahn abzugeben.

ich frage das haus:
was fühlst du dabei?
du stehst.
bücherstrom versiegt nicht, quillt, drückt, füllt papiercontainer.
du spuckst weiter sein leben aus. und meins. unseres.
38 tonnen,
federn,
geschichten schon,
tropfen –
haus werden.

ich habe vergessen, wer durch wen geistert.

 

turtle kollektiv

dieser text ist im turtle kollektiv entstanden
geschrieben von lara wüster, anna job und katharina wulkow.

 

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freiTEXT | Lisa Rehm

Blau

Es fing an einem Dienstag an, vielleicht auch Montag, da war es nur ein Schimmer, ein Schatten, aber Dienstag war es dann ein Fleck, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück vielleicht. Jeden Tag wurde er ein bisschen größer, heute ist Donnerstag und er ist so groß wie meine Hand. Wenn ich auf ihn draufdrücke, tut er nicht weh. Der Arzt meinte, es sei ein Hämatom, aber so fühlt es sich nicht an, es ist auch nicht das richtige Blau. Hämatome haben ja mehr so ein Meeresblau, habe ich auch zu dem Arzt gesagt, mein blauer Fleck hat eher so ein Himmelsblau. Der Doktor hat mich mit einem Soll-ich-dich-zum-Psychiater-überweisen-Blick angeguckt. Ich fühle mich unverstanden.
Ich hatte da immer schon ein kleines Muttermal, nordwestlich von meinem Bauchnabel, der Sollbruchstelle der Menschen, das war die Wurzel, der Ursprung der Erblauung. Jetzt war ich zwar besorgt, aber hätte ich heute gewusst, wie blau ich noch werden würde, wäre ich vom Balkon gesprungen.
Natürlich tat ich das, was jeder erst einmal tun würde: „Ich werde blau“ tippte ich in die Internetsuchmaschine. Ich wurde mit den unterschiedlichsten Artikeln über Krankfeiern, Blutvergiftungen und Hämatome belohnt. Ein paar Erwähnungen von Betrunkenheit schafften es, und dann fand ich den Artikel, der mich nicht mehr loslässt. Was passiert, wenn ein Mensch stirbt? Es geht um die sogenannte „Finalphase“ bei sterbenden Menschen, irgendwann werden sie blau, bevor sie sterben. Weil der Sauerstofftransport eingestellt wird.
Also war ich gestern noch mal beim Arzt. Aus Angst zu sterben oder von chronischem Sauerstoffmangel betroffen zu sein, bestand ich darauf, Blut abgenommen zu bekommen. Morgen muss ich kommen, um die Ergebnisse zu besprechen. Er hat übrigens jetzt auch große Augen gemacht, als er gesehen hat, wie groß der Fleck geworden ist. Er spricht immer noch von einem Hämatom, mir ist aber nicht entgangen, dass er versucht hat, den Fleck mit Alkohol zu entfernen, als ob ich ihn anschwindle.
Aus meinem privaten Umfeld habe ich niemandem von dem Fleck erzählt, er bereitet mir ja auch Sorgen, und ich möchte nicht, dass jemand diese verstärkt.

Es sind zwei Wochen vergangen seit der Blutabnahme, die keine nennenswerten Ergebnisse mit sich brachte. Der blaue Fleck ist weitergewachsen und hat mittlerweile 38 cm Durchmesser. Ich führe eine Tabelle, in die ich den täglichen Durchmesser eintrage. Der Fleck wächst um die zehn Zentimeter in der Woche. Er hat sich ausgebreitet in meinen Schambereich, auf mein linkes Bein, über meine Brüste bis in meine linke Achselhöhle. Ich sitze in einem Zug in die größere Stadt mit dem Uniklinikum, in das mein Arzt mich überwiesen hat. Seit der Fleck 35 cm groß ist, nimmt er ihn auch ernst. Entschuldigt hat er sich natürlich nicht. Auch meine Mutter habe ich mittlerweile eingeweiht und Lydia, meine Jugendfreundin. Beide haben irgendwie nicht angemessen reagiert, obwohl ich auch keine Ahnung habe, wo auf dem Reaktionsmaßstab die Angemessenheit liegt. Die Landschaft zieht an mir vorbei, ich habe mich damit abgefunden zu sterben. Ich habe mir das zwar immer anders vorgestellt; später, schmerzhafter, dramatischer. Ich fasse mit meiner Hand unter meinen Pullover und streichele vorsichtig meinen Bauch. Der Fleck tut nicht weh, juckt nicht, ich habe auch keine anderen Symptome, es geht mir soweit gut. Eine Hitze schlägt in mir hoch und ich spüre die Tränen in die Augen steigen. Ich schaue mich um, der Zug ist voll mit berufstätigen Menschen. Ein Mann in orangener Regenjacke beobachtet mich. Ich schlucke die Tränen runter, hier möchte ich jetzt nicht weinen.

Die Teetasse umklammert mit beiden Händen sehe ich den Fruchtfliegen zu, wie sie die Birne besetzen, die ich nicht schaffe zu essen. Seit der Erblauung habe ich neun Kilo abgenommen. Fünf davon im Krankenhaus, vier Tage lang habe ich Nahrung bekommen, die, wie ich vermute, Menschen dazu bringen soll, das Krankenhaus so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Tot oder lebendig. Mein Gefrierfach ist voll mit Gerichten, die meine Mutter mir vorgekocht hat, als sie zwei Tage hier war, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin. Im Krankenhaus haben sie alles mit mir gemacht: geröntgt, in die Röhre, mit Kontrastmittel, von dem ich mir die Seele aus dem Leib gekotzt habe, Ultraschall, Blut abgenommen, noch mehr Blut abgenommen, Haut entnommen, in meine Augen geleuchtet, und sie haben mich zu einer Psychologin geschickt. Ob ich einen Todeswunsch verspüre, wollte sie wissen. Eine Sehnsucht, dachte ich. Jetzt warte ich auf einen Termin bei einer örtlichen Psychoanalyse. Meine Mutter musste nach dem Wochenende wieder fahren. Ich bin jetzt erstmal zwei Wochen krankgeschrieben. Der blaue Fleck geht jetzt bis zu meinem Hals und meinem Knie, ich habe aufgehört, die Ausbreitung zu dokumentieren, und mich damit abgefunden, ganz blau zu werden.

Ich schaue in den Spiegel, ich warte darauf, dass mir die Tränen kommen, aber sie kommen nicht. Ich habe keine Substanz mehr, ich bin ganz leer und komplett blau. Ich drehe mich. Jeder Quadratzentimeter meines Körpers ist blau. Ich hänge den Spiegel ab und drehe ihn um. Dann breche ich zusammen und bleibe so lange auf dem Boden liegen, bis die Sonne wieder untergeht.
Alle starren mich an. Eine hat gesagt, das ist super für ein Avatar-Cosplay. Ich bin in einer psychosomatischen Klinik für Menschen mit Essstörung gelandet, nachdem ich endlich einen Termin bei der Psychoanalyse bekommen habe. Ich sei magersüchtig, sagte man mir da. Hier hat man mir gesagt, ich bin depressiv. Niemand hat gesagt, ich bin blau. Wir sitzen in einem Kreis in der Gruppentherapie und alle warten darauf, dass ich was sage. Aber ich möchte nicht mehr reden. Niemand hört mir richtig zu, alles, was ich sage, hat kein Gewicht. Ich stehe auf, verlasse den Raum und verschwinde.

 

Lisa Rehm

 

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freiVERS | Simone Steger

vulven wie fliegen

Schopenhauer liegt auf dem fensterbrett
ich habe die fliege mit ihm erschlagen

der eiweißbrei klebt
zur hälfte an der ästhetik
zur hälfte an der scheibe

jetzt schreibe ich nackt ein gedicht
damit ich mich nicht aus versehen
am fenster zur welt erschlage
so kurzsichtig
ich manchmal gern wäre

ich sitze nackt auf dem sessel
mein leib versinkt im stoff
ich habe angst
so zu sitzen
noch von früher
und von der ästhetik

keine sprache über vulven
ich kann nichts darüber sagen
außer

 

vulven wie fliegen
eine last im zuhause des körpers
genauso wie Schopenhauer
in unseren zellen

obwohl ich kostbar bin
sitze ich das erste mal so

etwas in mir platzt auf
licht prallt auf die scheibe
Schopenhauer wäre verstimmt
ich lasse den eiweißbrei kleben

 

Simone Steger

 

(ebenfalls veröffentlicht auf Pigeon Publishing)

 

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freiTEXT | Lena Kothgasser-Haider

überlieben

Wenn sich zwei lieben dann stets über ein Drittes. Ein Kind oder einen Hund oder ein Haus oder eine Espressomaschine.
Wenn sich zwei lieben, müssen sie schließlich irgendwohin mit ihrer Liebe. Mit diesem immer tiefer werdenden Eisberg aus feuchten Küssen und taumelnden Beteuerungen. Liebesschwüre sind nur gültig mit einem Dazwischen. Mit dem, was es vermeintlich noch braucht, damit sich die Liebe genügt: Die gegenseitige Übereinkunft eine Sorgeverantwortung zu übernehmen.
Lass es uns unterschreiben, lass uns die Ewigkeit schwören und unterzeichnen mit Blut auf Papier. Das Kind hat Läuse, der Hund Würmer, das Haus einen Wasserschaden und die Espressomaschine verkalkt.
Wir sind ein Liebespaar. Wir sind sorgeverantwortliche Bezugspersonen. Als wären die Liebesschwüre nicht gültig ohne dreifache Unterfertigung. Ich liebe dich, sage ich, und bekomme einen roten Ringordner ausgefertigt. Urkunden, Besitzverhältnisse und Verträge legen Zeugnis ab von der Ernsthaftigkeit unserer Liebe. Liebe, damit scherzt man nicht! Haben wir doch eben erst einen Kredit aufgenommen, sagt der Hund und wälzt sich zwischen uns im Bett. Ich kraule sein rechtes, du sein linkes Ohr. Schau, wie lieb er schaut, sage ich. Hör mal, wie lieb er schnüffelt, sagst du und wir wälzen uns mit dem Hund in den Laken. Danach machst du mir in der Küche, die nach feuchten Schimmelwänden riecht, einen Espresso. Das ist nicht einfach bloß Kaffee. Das ist eine ökologisch-ökonomisch korrekte Arabica-Mischung mit leicht schokoladiger Note. Das Kind möchte auch Kaffee, aber eigentlich nur wegen der Schokolade.
Lieben wir uns der Liebe wegen? Noch immer trage ich den dicken roten Ringordner unter dem Arm. Du hältst deinen ebenfalls und ich frage mich, ob wir beide dasselbe unterschrieben haben. Wir sollten dringend darüber sprechen und dann verschieben wir es auf ein anderes Mal. Wir lieben uns, weil du du bist und ich ich bin, sagst du und ich nicke. Das genügt mir. Das und die Schlagbohrmaschine, mit der ich nun die Wände aufstemme.

 

Lena Kothgasser-Haider

 

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freiVERS | Jaqueline Isabell Grosser

Steinbeeren

Leuchtdioden
im Weihnachtsgrün
der Tundra,

Girlanden
aus Knochenfrost,
lautlos gelöst.

Was wir finden,
nährt das Vergehen.

Wir streifen
Rucksäcke ab
wie Häute,

reißen Wurzeln
aus der Erde
wie Nähte.

Totenrosen,
schwer
in Menschenhänden.

Milchzahnzeit —
blass, brüchig,
im Permafrost.

Wir schöpfen,
bergen Samen
aus dem Schlamm.

Geschenke
aus der dunklen Zeit.

 

Jaqueline Isabell Grosser

 

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freiTEXT | Nico Haingärtner

Leimrute

In der Klasse hatte keiner aufgepasst, auch ich nicht, und doch wusste ich als einziger die Antwort. Von da an war ich die Leimrute, Leimrute Oskar, weil es im Unterricht um den Vogelfang ging.
Ich war die Leimrute und vor allem ein großer Betrüger in den Augen meiner Klassenkameraden. Die mir vorwarfen, nur so zu tun als ob. Als ob Peders Achselfürze nicht spannender wären als der Unterricht. Die mir jetzt in den Pausen den aus dem Rachen hochgezogenen Rotz vor die Füße spuckten. Dieselben, mit denen ich eben noch befreundet gewesen war, riefen jetzt im Chor: Leimrute Schleimrute, wenn ich morgens das Klassenzimmer betrat. Weil du ein Schleimer bist, meinte Narve, und setzte sich neben Peder.

Passt, meinte der Stiefvater, also der Name. Weil ja tatsächlich alles Gesagte und Gehörte bei mir kleben blieb. Unheimlich, meinte er, sei das.
Vielleicht für einen, der jeden Tag aufs Neue vergisst, dass er von der Milch Magenschmerzen kriegt, murmelte die Mutter.
Und dann wurde noch dies gemeint und das gemurmelt, bis zuletzt der Stiefvater mit milchweißer Oberlippe und zornesrotem Kopf den Hut nahm und die Tür ins Schloss krachen ließ.
Aber bisschen stimmts schon, eh? Schlaumeier, du, kicherte die Mutter und ging aus dem Raum.

***

Juna mochte Rotkehlchen und ich mochte Juna. Schon deshalb staunte ich über den selbstgemalten Vogel an der Tafel und saugte jedes Wort ihres Vortrags auf. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr mochte ich Rotkehlchen selbst, ich fragte den Stiefvater, ob er mir mehr erzählen konnte, ob es stimmte, dass Rotkehlchen wühlenden Schweinen folgten, um dann von ihrem Fressen zu stibitzen und warum sie in Ameisen badeten, aber er war ja immer noch verschnupft, weil ich ihn vor der Mutter bloßgestellt hatte. Seine Milch trank er jetzt im Stall, wenn keiner zusah, und er wagte es auch nicht mehr, über die Magenschmerzen zu klagen. Aber ich sah ihm immer gleich an, wenn er wieder litt, konnte spüren, wie das Feuer seinen Rachen entlangkroch, und dann suchte ich lieber das Weite.

Nach der Schule ging ich in den Wald. Ich hatte herausgefunden, dass, wenn ich ganz still sitzen blieb, ich selbst zum Wald werden konnte. Denn während ich anfangs dachte, alleine zu sein – was mir gut gefiel, weil mein Kopf weniger verklebte, wenn ich allein war –, nahm ich, wenn ich nur lang genug still saß, überall Bewegung wahr. Hörte es summen und rascheln und pfeifen. Und manchmal sah ich ein Rotkehlchen aufblitzen, ein Tupfen Rot im Grün des Waldes.

Morgens, wenn der Nebel um die Stiefel waberte, winkte ich der Mutter im Weggehen zu, wie ich es immer tat. Doch sobald ich außer Sichtweite war, bog ich in den Wald ab. Dann wusste ich schon, dass es Ärger geben würde, wenn die Mutter die Lehrerin das nächste Mal im Laden traf, aber mit Ärger kannte ich mich aus.
In der Schule landete die Spucke der anderen jetzt über Umwege auf meiner Hose. Über den Umweg, dass einer mich schubste, während ein anderer mir das Bein stellte. Manchmal aber auch einfach so, direkt aus Narves Mund zum Beispiel. Zehn Punkte pro Treffer, meinte Peder. Fünfzig in die Haare.

Wenn ich dann heimkam, schimpfte der Stiefvater. Eigentlich schimpfte er gar nicht, er sagte bloß, ach, der, aber das reichte schon, um zu wissen, was Sache war.
Deshalb ging ich in den Wald. Meistens alleine, manchmal mit Juna, zumindest stellte ich mir das vor, abends, wenn ich im Bett lag und schon lange schlafen sollte, wenn es vor dem Fenster pechschwarz war und man nichts mehr hörte außer dem Flüstern der Kühe im Stall. Wenn ich gerade noch mitbekam, wie der Stiefvater mit vollem Milchbauch leise die Tür schloss, bevor mir die Augen zufielen.

Ja, der Stiefvater trank jetzt so viel Milch, dass ich anfing, mir Sorgen um ihn und die Kälber zu machen. Denn wenn der Stiefvater bis spät in die Nacht Milch soff, dann bliebe für die Kälber ja nichts mehr übrig, dachte ich mir. Eigentlich wusste ich, dass das Blödsinn war, ich war ja kein Kind mehr. Trotzdem schlich ich eines Nachts in den Stall und da sah ich dann auch, was ich nicht sehen sollte, das, worüber ich kein Wort verlieren sollte, wenn ich nicht herausfinden wollte, ob es da draußen in der Welt noch einen Stiefvater gäbe, der dumm genug war, einen klugscheißenden Rumschnüffler durchzufüttern, eine kleine Pissnelke, die den ganzen Tag durch den Wald streunert und mit offenem Maul Löcher in die Luft glotzt, hohl wie die Milchkühe im Stall, nur zum Fressen und Scheißen gut, und jetzt schleich dich, du Mistratte! Und dann bekam er noch fünfzig Punkte.
Also schlich ich mich, zurück in die Stube, und fand heraus, dass ich nicht der einzige war, der spät aufblieb. Aber die Mutter lag nicht im Bett und dachte an Juna. Sie saß bloß da, aufrecht, im Dunkeln, und schnaufte, dass es mir Angst machte.

***

Balder ist an der Mistel gestorben. Das haben wir in der Schule gelernt. Wo ich jetzt wieder hinging.
Balder war der Sohn von Frigga und als Frigga um Balder weinte, verwandelten sich ihre Tränen in die Beeren der Mistel. Aber das war vor tausenden von Jahren, als es noch keine Schule gab, und zu meinem Glück gab es auch morgen keine Schule. Weil morgen Weihnachten war.
Umso mehr sehnte ich mich nach Juna. Ich lag wach und stellte mir tausende Dinge vor, zum Beispiel, sie zu heiraten oder sie unter dem Mistelzweig zu küssen oder sogar das zu tun, was der Stiefvater mit der Bäckersfrau im Stall gemacht hatte. Vor der ich jetzt die Augen niederschlug, wenn die Mutter mich Brot kaufen schickte. Dabei war sie so schön, besonders in jener Nacht, mit ihren geröteten Wangen und dem verstrubbelten Haar und manchmal dachte ich deshalb auch an sie, wenn ich nachts wach lag. Ich fand sie fast so schön wie das Rotkehlchen, das ich Juna zu Weihnachten schenken wollte.

Um die Stiefel waberte wieder die Nebelsuppe und darunter knirschte der Frost, als ich in den Wald stapfte. Ich rieb drei Stöcke mit Friggas Tränen ein und rammte sie in den Boden – zwei brachen ab, weil die Erde hartgefroren und ich seit dem Sommer groß und stark geworden war. Beim letzten klappte es. Und dann wurde ich Wald. Summend und pfeifend und raschelnd vor Kälte, und die einzige Bewegung kam von meinem Zittern und den kleinen Wölkchen, die aus meinem Mund aufstiegen, immer höher, bis sie von den Himmelswolken verschluckt wurden. So saß ich da, während sich an meiner Nasenspitze kleine Eiszapfen bildeten. Während mir kalt und wieder warm und dann beides zugleich wurde. Bis endlich ein roter Fleck durchs Grau blitzte und sich mitten auf Friggas Rute setzte.

Und kurz war es schön. Kurz sah ich mich an Junas Tür klopfen, sah mich ihr das Geschenk überreichen, sah uns küssend im Stall und dann heiraten.
Doch dann sah ich, was wirklich geschah, sah das Rotkehlchen panisch mit den Flügeln schlagen, sah, wie die Flügel an der Rute kleben blieben und die ersten Federn ausgerissen wurden. Und ich stürmte los, ich wollte das kleine Tier ja bloß beruhigen, aber stattdessen verdrehten und verschlangen wir uns wie im Kampf und dann sah ich, wie das Bein losgelöst vom pulsierenden Körper am Stock klebte. Wie ein kleiner Zweig, der aus dem Ast ragt, und statt Blättern wuchsen Fleisch und Federn daran, und der Vogel schlug wie wild mit seinen Flügeln und die Flügel klebten an meiner Hand fest, und von da an war alles eins – Federn, Vogel, Rute, Hand, und mein Kopf verklebte so schlimm, dass ich zuschlug, dass ich das, was da an meiner Hand klebte, gegen den Waldboden schlug, um es los zu sein, und weil es nicht half, nahm ich den Stiefel dazu, drückte mit der dicken, matschigen Sohle den fedrigen Klumpen auf die frostige Erde, schabte ihn von der Hand und dann rannte ich, und ich wäre lieber Balder gewesen als Oskar, lieber Wald als ich.

 

Nico Haingärtner

 

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aber für dich gibt es kein Hochdeutsch
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Die Deutsche sein

Dialekt sprechen lernen
aber immer noch die Deutsche sein

In der Oberstufe
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Sophie Steger

 

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