freiVERS | Jan-Erik Grebe

Silberfischchen

Geht es ihnen gut
den Silberfischchen
zwischen Badezimmer
und Monstera jagend
nach Milben
und Schuppen
unserer alten Welt
in Zimmern
schon gefüllt mit
fremden Möbeln
fehlt er dir auch
der Blick
aus dem Kinderzimmer
auf die Wälder
die Wendeltreppe
die uns atemlos ließ
Weißt du noch
sagst du
mit deinem
Windspiellachen

 

Jan-Erik Grebe

 

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freiTEXT | Gabriele Raimer

Thailand – Leise Wege, weites Herz

Aufbruch – Dem Ruf folgen
„Du hast es tatsächlich geschafft“, sagte Andrea und lächelte. Diese Reise, die vor ihr lag, hatte mit einem Flüstern, nicht mit einem großen Entschluss begonnen.
Das Gepäckband summte, Menschen eilten an ihnen vorbei, die Luft roch nach Kaffee und Kerosin. Ulli hob den Kopf, ihr Lächeln war unsicher, fast verloren.
„Geschafft? Na ja“, dachte sie. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an, eher wie eine fremde Stimme aus einer anderen Zeit. Vor vierzig Jahren war sie schon einmal aufgebrochen – jung, frei, voller Hoffnung. Damals war es das Land der weiten Himmel, der stillen Gesichter, der Leichtigkeit hinter dem Lärm. Damals hatte sie geglaubt, das Leben sei unendlich weit.
Nach Krankheiten, Abschieden und dem langsamen Verstummen ihrer Träume war in ihr eine Sehnsucht erwacht. Jetzt wollte sie zurückkehren, dorthin, wo sie sich so lebendig gefühlt hatte. Lange hatte sie die Reise hinausgezögert. Thailand, allein, auf eigene Faust, so weit weg – ein Traum, der unter dem Staub des Alltags zu verschwinden drohte.
Aber sie spürte, dass Stillstand ihre Lebensgeister ersticken würde. Die Bequemlichkeit hatte sich wie feiner Staub, kaum sichtbar, aber schwer, auf ihr Leben gelegt. Und dann war da diese Angst: Was, wenn sie zusammenbrach? Wenn die Kraft nicht reichte? Wenn sie sich selbst überschätzte? Gleichzeitig wusste sie: Sie hatte sich nie besonders gut eingeschätzt, wenn es um Dinge wie Treppenstufen mit schwerem Koffer ging. Und dennoch war sie immer angekommen.
Das leise Flüstern wurde immer lauter. „Was, wenn da noch etwas auf mich wartet? Etwas, das ich verloren glaubte?“ Mit der Frage kam die Angst, aber auch die Hoffnung.
„Geh“, sagte die Stimme in ihr. „Warte nicht. Folge dem, was dich lebendig macht.“
Als sie ihre Wohnung verließ und der Abschied von zu Hause nicht mehr rückgängig zu machen war, fühlte sie sich wie ein Wassertropfen, der über ein Blatt rollt, kurz zittert und sich dann der Schwerkraft übergibt. So hatte sich der Beginn dieser Reise angefühlt. Wie ein Aufbruch, der unausweichlich war.
Und nun stand sie da. Das Gewicht der Tasche in ihrer Hand und das viel größere Gewicht der Entscheidung auf ihren Schultern. Andrea sagte nichts mehr. Ihre Umarmung war still, ein Versprechen, als der Lautsprecher zur letzten Aufforderung rief. In Ulli regte sich ein Satz, den sie einmal gelesen hatte und der jetzt wie eine Gewissheit in ihr aufstieg:
„Wenn du deiner Freude folgst, findest du den Weg, der immer auf dich gewartet hat. Und wo du Wände vermutest, öffnen sich Türen.“
Ein Atemzug. Ein Zittern. Ein erster Schritt.
Langsam, beinahe tastend, ging Ulli los. Fort von allem, was sie gehalten hatte – hinein in etwas, das sie nicht kannte. Als sich die Türen zum Gate hinter ihr schlossen, wusste sie: Es war ein Ruf zur Rückverbindung. Mit sich selbst. Mit dem Leben. „Etwas in mir ist jung geblieben“, flüsterte es in ihr. Es schaut noch immer mit staunenden Augen. Ein Gefühl von Freiheit – jener Freiheit, die man nur spürt, wenn man wirklich losgelassen hat.

Ankunft im fremden Licht
Am Ausgang des Flughafens stand ein Mann mit einem Schild in der Hand, auf dem ihr Name geschrieben war. Er lächelte, nahm ihr Gepäck entgegen und öffnete die Tür zu einem Wagen, in dem kühle Luft vom Ventilator surrte. Ulli stieg ein. Den Anfang hatte sie bewusst organisiert, um sich sanft auf das Neue einlassen zu können.
Die Fahrt nach Hua Hin zog sich hin. Palmenhaine wechselten sich ab mit staubigen Straßen, kleinen Dörfern mit bunten Fassaden, die Strommasten mit ihrem Kabelchaos, Neonlichtern und Werbetafeln für Schönheitskliniken und Zahnarztpraxen. Das Land wirkte noch immer wie ein großes Versprechen für makellose Haut, perfekte Zähne, ewige Jugend.
Im Radio spielte leise Musik. Eine Sprache, die sie nicht verstand, die sie aber nicht störte. Sie saß ruhig da, zwischen zwei Welten. Nicht mehr dort, noch nicht ganz hier. In dieser Schwebe lag ein eigener Raum, still und offen.
Das Hotel, schlicht und weiß, lag eingebettet in einen tropischen Garten, in dem die Grillen zirpten. Ein junger Mann brachte sie in ihr Zimmer, zog die Vorhänge zur Seite, und da war es: das Meer.
Ulli stellte ihre Tasche ab, zog die Schuhe aus und ging hinunter zum Strand. Die Sonne stand tief, der Himmel spiegelte sich golden im Wasser wie ein Willkommensgruß. Sie blieb lange stehen, reglos.
Sie hatte es tatsächlich geschafft. Trotz aller Zweifel, trotz der Stimmen, die sie zur Vorsicht mahnten. Andere machten Kreuzfahrten in ihrem Alter, sie hatte das Abenteuer gewählt. Ein Gedanke, der sich wie ein großes Lächeln in ihr ausbreitet.
Es war nicht nur die Schönheit, die sie berührte. Es war auch ein Wiedererkennen. Vor Jahrzehnten hatte sie an einem ähnlichen Strand gestanden – jünger, offener, verliebt in das Leben. Damals hatte sie sich als Teil von etwas Größerem empfunden, leicht und unbesiegbar. Dieses Lebensgefühl war nie ganz verschwunden. Jetzt konnte es, verborgen unter der Oberfläche ihrer Erinnerungen, wieder langsam auftauchen. Trotz der Angst, die sich nicht ganz abschütteln ließ, war ihre Sehnsucht stärker. Eine Sehnsucht, die nicht in die Vergangenheit wollte, sondern in ein Weitwerden des Jetzt.
Diese Reise war ein Wagnis. Aber sie war auch ein Zeichen dafür, dass so noch etwas mit 70 Jahren möglich war.
Ulli atmete tief ein. Für einen Moment war alles einfach: die Luft, das Licht, der salzige Wind. Das Leben rief noch immer.

 

Gabriele Raimer

 

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freiVERS | Lea Matusiak

mond und die see

du stehst da
königsblau, vor mir
durch die haut schimmert das mark
leicht, zwischen uns
liegt ein heft, eine
kassette und ein
fertig gedrechselter stift
du blickst herüber
verwegen ergraut
unter uns einigkeit
dass wir uns uneinig sind
deine tränen sind schon
mondversonnen
im sande der nacht und im schatten
verronnen, zwischen uns
blaukraut und brautkleid
unter uns die see

 

Lea Matusiak

 

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freiTEXT | Antonia Schneider

Danke für Nichts

Mit einer Bewegung, deren Routine ich auch im Halbschlaf beherrsche, schalte ich den zwitschernden Wecker aus. Dieses Mal wird nicht auf den Snooze-Knopf gedrückt, obwohl ich meine Augen kaum offenhalten kann. 5:15 Uhr. Ein mindful morning, den ich mit einer Routine starte, die mir der Life Coach gepitched hat. Die beige gehaltene Präsentation mit dampfenden Tees, mokkafarbenen Notizbüchern auf Leinenbettwäsche und magischen Naturpfaden, die von Menschen begangen werden, auf deren T-Shirts Sprüche zu sehen sind wie Let nature nurture you, hat mich überzeugt. Ich möchte auch glücklich durch wilde Landschaften wandern. Ich möchte die lächelnde Frau sein, die den Moment auskostet und ihre übergroße Tasse Tee wie ein Neugeborenes in den Händen hält. Für die beste Version meiner selbst nehme ich viel in Kauf. Ich fülle meine Warenkörbe regelmäßig mit Aromasprays, Gesichtsmasken und überteuerten Teesorten mit sprechenden Namen, wie Zen Balance, Wonderful Morning oder Be Happy. Wenn letzteres bloß so einfach wäre, würde ich mir eine Menge ersparen. Krampfhaft versuche ich den letzten Rest Zahnpasta aus der Tube zu quetschen, stecke mir die Zahnbürste, deren krummgebogene Bürsten mich an meine eigene Körperhaltung erinnern, in den Mund und starre mich an. Dass ich mich dabei gar nicht so richtig sehe, weil der Spiegel mit positiven Affirmationen vollgeklebt ist, ist egal. So genau muss ich mich ohnehin nicht ansehen, um zu wissen, dass die Augenringe nach wie vor nicht weniger geworden sind. Weniger geworden ist nur meine Lebenslust, aber daran arbeite ich schon. Und wie ich arbeite. Ich gebe ständig mein Bestes, übernehme den Lead in jedem Projekt und mache freiwillig Überstunden, um mir später eine Auszeit leisten zu können. No pain, no gain. Jede Lifestyle-Zeitschrift wird auf Selflove und Wellness durchforstet. Jedes Instagram-Reel, das ein Geheimrezept für ein glückliches Leben verspricht oder in 10 Schritten zu mehr innerer Balance verhelfen soll, wird abgespeichert. Mir selbst fehlt jedoch jegliche Balance, weil meine müden Augen ständig am Handydisplay hängen, anstatt auf die Gehsteigkante zu achten. Ich spucke den winzigen Rest Zahnpasta ins Waschbecken. Inhale. Exhale. Mit meinem Rosenquarzroller fahre ich meine erschöpften Gesichtszüge entlang, um mein schlafloses Ich in ein Energiebündel zu verwandeln. Energize! Vom Zombie zum Model in 5 Minuten. Mit allen Mitteln versuche ich meine zerknitterte Stirn zu plätten und mir meine Frustration aus den Wangen zu rollen. Aber das Einzige, was dabei rollt, sind meine Augen. Was mache ich hier eigentlich? Ich merke, dass ich das Gefühl nicht abschütteln kann, etwas falsch zu machen und während ich vergebens darauf warte, dass sich eine innere Zufriedenheit einstellt, lese und scrolle ich mich weiter durch Ratgeber und Reels. Die darin enthaltenen Imperative schreien mich an, zerren an mir, nehmen mich auseinander und tauschen mich gegen eine vermeintlich bessere, produktivere Version meiner selbst aus und immer wieder suche ich den Fehler bei mir. Resigniert trete ich in die Küche, um mir einen Matcha-Latte einzuschenken. Dieser solle meinen inneren Antrieb und meine Produktivität fördern, sagt der Life Coach. Schmecken tut er mehr nach Teichwasser als nach innerem Antrieb, aber ich versuche mich streng an die Vorgaben zu halten. Mit jedem Schluck wird die Welt um mich herum farbloser, nein, pastellfarbener. Mein Leben wirkt wie ein Pinterest-Board. Auch meine Emotionen bleiben seit geraumer Zeit pastellfarben und schlagen in keine Richtung aus. Ich bin mintgrün vor Neid auf jene Menschen, die mir aus ihren Social-Media-Kanälen glücklich entgegenlächeln. Ich erlebe keine blauen Wunder mehr. Ich sehe nichts durch eine rosarote Brille. Ich sehe nicht mal mehr Schwarz. Ich sehe beige und löffle freudlos meine Porridge-Bowl. Einheitsbrei. Auf die funkensprühende Lebensfreude, die mir der Life Coach versprochen hat, warte ich vergebens. Meine cremefarbene Euphorie steckt in einer Makramee-Blumentopfampel, die so hoch hängt, dass sie kaum erreichbar ist. So wie meine Erwartungen an mich selbst. In Instagram-Stories sehe ich, wie andere ihr Leben managen und fest im Griff haben. Mein Leben wirkt momentan eher so wie ein lascher Händedruck, wobei Druck hier wohl die falsche Wortwahl ist. Den Druck spüre nur ich. Anpassungsdruck. Leistungsdruck. Optimierungsdruck. Ich fühle mich wie ein pfeifender Teekessel kurz vorm Überkochen. Mir kommt der Dampf schon aus den Ohren und ich fühle mich innerlich leer. Ausgetrunken. Weggeworfen. Mittendrin im Zerfallsprozess. Das Pampasgras und die Trockenblumen, deren Hochblüte ebenso vergangen ist wie meine, stimmen mir zu. Ich würge den letzten Rest des Matcha-Lattes hinunter, schalte das Radio ein und kritzle lustlos ein paar Zeilen in mein Gratitude-Journal. Danke für…? Nichts will mir einfallen. „Danke für Alles“ von Endless Wellness ertönt aus den Lautsprechern und ich übertrage den Songtitel in das Notizbuch und mache mich mit einem Ohrwurm im Kopf auf den Weg ins Morning Yoga. Dort warten bereits die üblichen Verdächtigen, die sich aus dem kuschligen Bett quälen, um vor einem arbeitsreichen Tag noch kurz etwas „nur für sich“ zu machen. Sacred Selfcare. Die Yoga-Trainerin sitzt im Lotussitz mit geschlossenen Augen auf ihrer Matte in einem Raum, der Entspannung und Ruhe flüstert. Ich schleiche an ihr vorbei, wie ein Teenager, der zu spät vom Fortgehen nachhause gekommen ist und die schlafenden Eltern nicht wecken will. Der naturbelassene Holzboden knarzt unter meinen Füßen und sofort öffnen sich ihre Augen. Mit einem betont freundlichen Blick legt sie die Hände vor dem Herzen zusammen und beugt sich mit einem gehauchten „Namaste!“ nach vorne. Ertappt nicke ich ihr zu und suche mir die nächstgelegene Ecke, wo ich meine von den herabschauenden Hunden zerkaute Matte ausrolle. Spiritual Growth. „Guten Morgen, ihr Lieben! Ich bin Alina und gemeinsam fließen wir heute durch eine kraftvolle Einheit.“ Ich unterdrücke ein Gähnen. Ihre Stimme scheint keine Höhen und Tiefen zu kennen und um Letzterem zu entkommen, versuche ich mich auf Biegen und Brechen zu entspannen. „Diese Stunde steht unter dem Motto The Secret Within und lenkt unseren Fokus auf die innere Weisheit.“ Ihre Ausgeglichenheit raubt mir zunehmend den letzten Nerv. „Wir atmen tief ein und vertrauen auf unser Bauchgefühl.“ Aber dort, wo ich mein Bauchgefühl vermute, spüre ich nur die Leinsamen meines Porridges, die meine Verdauung ankurbeln. Nourish yourself. Ich scheiß auf die innere Weisheit! Ich will dieses Gefühl loswerden, das in meiner Brust brennt. Um mich gut zu fühlen, lege ich Ehrgeiz, Fleiß und Disziplin an den Tag und kann dafür nachts nicht mehr schlafen. Alina wirft ihre blonden Beachwaves für eine Herzöffnung in den Nacken, ehe sie in die Haltung des Baumes wechselt und ich es ihr gleichtue. Meine Zehen krallen sich dabei in die spröd gewordene apricotfarbene Plastikmatte und ich beginne zu hinterfragen, warum ich so viel Geld in dieses Yoga-Abo investiere anstatt in eine vernünftige Wohnung. Matsyasana statt Mietpreisdeckel. Meine Krise ist zum Geschäftsmodell geworden. Für jedes Gefühl gibt es das passende Produkt und die Kundinnen und Kunden stehen für scheinbar mehr Zufriedenheit nicht nur Schlange, sondern auch auf einem Bein in der Hoffnung ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Aber so wie meine Matten-Nachbarin gerate auch ich in Schieflage beim Versuch in der Haltung des Baumes zu verharren. Alina lächelt wohlwollend und mein Blutdruck steigt beim Anblick ihres Vergnügens. Find stillness in the storm. Ich muss an ein Reel denken, dass ich mir am Vorabend angesehen habe. Reel. Was für ein trügerischer Name. Als wären diese 10-Sekunden-Videos wahrhaftige, reale Einblicke in das Leben von soul_glow und wie sie alle heißen. Wie kann man nur zehnsekündige gelbstrahlende Labrador-Happiness mit dem eigenen Alltag vergleichen? Einfärbige Emotionen kommen nicht gegen das reiche Farbspektrum des Lebens an. Ein letztes Mal versuche ich die Haltung von Alina zu imitieren und scheitere. Nun sollen wir uns bei uns selbst bedanken, dass wir heute den Weg auf die Yogamatte gefunden haben, und dabei habe ich erst vor einer Stunde mein Gratitude-Journal ausgefüllt. Mir schwirrt vor lauter Dankbarkeit der Kopf und meine Gedanken beginnen zu kreisen. Reelstorm. Love yourself first. Sacred Selfcare. Glow through what you go through. Nourish yourself. Find stillness in the storm. Take time to bloom. Unfollow your fear. Trust the timing of your life. Inhale. Exhale. Energize! Während Alina die Stunde mit einem Namaste abschließt, liege ich mit dem Puls einer Wüstenrennmaus auf meiner Yogamatte. Panikattacke oder Bauchgefühl? Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Der pastellfarbene Filter fällt mir wie Gurkenscheiben von den Augen. Ich muss raus, weg von dem terracottafarbenen Mobiliar des Yogastudios und den welken Trockenblumen, die leblos von der Decke baumeln und hinaus ins Grüne zu den prachtvoll lodernden Feuerlilien und den majestätischen Königskerzen, die gänzlich ohne Life Coach über sich hinauswachsen. Mit meiner Matte unterm Arm trete ich ins Freie und höre das morgendliche Vogelgezwitscher, das mein Wecker vergebens nachzuahmen versucht. Mein Blutdruck ist immer noch hoch und auf meiner Stirn bilden sich Schweißperlen, die sich auf meinen rosigen Wangen zu Rinnsalen vereinen, ehe sie als Sturzbach über mein Kinn tropfen und alle gespeicherten Selfcare-Reels mit sich reißen. Sturmflut. Alles muss raus und ich kotze mir die teure Porridge-Bowl aus dem Leib. Detox yourself. Auch wenn ich mich nicht genug fühle, habe ich genug. Mir reicht es. Ich trete meine zerschlissene Yogamatte in den nächsten Mülleimer und merke, wie sich eine unbändige Wut breitmacht. Ich sehe Rot. Leuchtendes, kräftiges Rot.

 

Antonia Schneider

 

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freiVERS | Carla Bessa

einmal waren wir in las vegas

und übernachteten in einem dieser riesigen casino-hotels
unser zimmer: im 23. oder 24. stock
von dort oben die aussicht wie wunderbar
wir hassten las vegas aber
wir liebten es
die stadt von oben zu sehen die lichter
blinkend die dekadenz

du standest nackt am riesigen fenster mit dem las vegas strip
im hintergrund
schautest nach unten und sagtest: letztendlich
lebt der kapitalismus von unserem bedürfnis nach illusion

ich dachte: bingo

und als ich deinen körper so schön nackt am fenster stehen sah
gegen die wechselnden farben der neonlichter
da wurde mir klar
dass auch wir von illusionen leben du
der du an unsere liebe unbedingt glauben willst
obwohl du weißt dass ich nicht
die sprache der sentimentalitäten beherrsche

als ob du meine gedanken lesen könntest
fügtest du hinzu:
was zählt ist hoffen zu können hoffen
dass sich eines tages etwas ändert
die hoffnung ist das opium

dann hatten wir sex und sahen zu wie die nacht
über las vegas hereinbrach

später gingen wir hinunter ins casino und du
hast einen haufen geld beim roulette gewonnen

 

Carla Bessa

 

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freiTEXT | Markus Juncker

Hymne des leichten Lebens

Lichtwesen wie wir surfen immer auf den Wellen des Systems, lassen uns von Schaumkrone zu Schaumkrone tragen.
Wo wir sind ist oben, riecht die Luft nach Dachgarten, nicht nach Asphalt und Maloche.
Lichtwesen wie wir nehmen grundsätzlich den Fahrstuhl, niemals die Treppe. Weil es für uns eine Frage des Prinzips ist, immer den leichten und bequemen Weg zu nehmen, nicht den langsamen und mühseligen.
Unser Fahrstuhl fährt auf direktem Wege in die oberen Etagen. Dorthin, wo dezente Klaviermusik im Hintergrund läuft bei Tag und wilde Partys mit bunten Cocktails gefeiert werden bei Nacht.
Wir tanzen uns durch die Stadt, sind jederzeit dort, wo das Leben pulsiert.
Und wenn wir vom Lärm und der Hast der Großstadt genug haben, dann ziehen wir uns zurück in den Süden. Dahin, wo das Licht unsere Leben in schönen, warmen Farben zeichnet.
Wir kaufen ein Haus in der Nähe von Aix-en-Provence. Wir verkaufen Lavendel-Säckchen und gebrannte Keramiken an Touristen, geben Selbstfindungsseminare für gestresste Manager.
Zum Frühstück tauchen wir unsere Croissants in den Kaffee, schwimmen tagsüber in unserem Pool. Und in den Nächten ziehen wir durch die Gassen der Altstadt. Unser Leben wird ein mediterranes Fest voll flirrender Ekstase sein.
Und wenn wir von der Hitze des Südens genug haben, dann ziehen wir einfach weiter.
Von unserer Blockhütte in der westlichen Eifel beobachten wir das Wild im herbstlichen Morgennebel, holen unsere Brötchen beim Dorfbäcker.
Wir bewirten müde Wanderer auf ihrer Rast, bieten ihnen Mahlzeit und Fremdenzimmer, geben Waldseminare für naturferne Großstadtkids.
An verschneiten Winterabenden wärmen wir uns am Feuer und in unserer Sauna.
Und wenn wir von der Einsamkeit des Waldes genug haben, dann ziehen wir einfach immer weiter.
Heute betreiben wir eine Surfschule in Portugal, morgen eine Käserei in Appenzell, übermorgen vielleicht einen Gnadenhof in der Lüneburger Heide.
Wir ziehen immer dorthin, wo das Leben leicht ist. Wo man uns auf Händen trägt.
Denn Lichtwesen wie wir sind nicht für dieses Hamsterrad, diese Tristesse gemacht.
Wir sind stark, denn wir haben einander. Und wir haben das Geheimnis des guten Lebens durchschaut.
Denn unsere Seelen sind alt wie ein flämischer Meister oder ein im Fass gereifter Bordeaux. Und zugleich jung wie die Schulmädchen, die in ihren bauchfreien Tops und ihren kreisrunden Ohrringen an der Eisdiele Schlange stehen.

 

Markus Juncker

 

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freiVERS | Jane Wels

Ruß legt sich
auf meine Schritte,
wie ich höre,
fährt Curiosity
über den Mars
und die Knochensammlerraupe
trägt ihr Tarngewand.
Ich frage mich,
gibt es ein vages Terrain,
einen leeren Raum,
in dem Sprache
nicht mit Worten
angefüllt ist,
einen Ort
für das Gerümpel
in der Herzkammer
und den Nachtsänger,
die Dichteschwankung,
den Schaum,
existiert ein Void
im Irdischen,
oder flieh ich
zu den Wüstenhunden,
eine Lilith,
die bellt.

 

Jane Wels

 

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freiTEXT | Franziska Neef

Windlotse

Am Himmel ist einiges los: Geschichtete, appetitliche Wolken überlagern einander wie Blätterteig, dazwischen hängt grauschwarz gestauchte Luft. Keine Schicht bleibt lang auf der andern. Der Wind verschiebt das Bild ständig. Er windet stark, schon seit Tagen, löst illegale Versammlungen von Schwüle und Bräsigkeit auf, lässt ungute Gedankenkonstrukte zerstieben und feixt Richtung Haarlack und Klämmerchen. Wind, das weiß ich, macht alles besser, wenn man an seiner Bodenhaftung nicht hängt. Das tue ich heute kein bisschen. Ich setze mich aus, heißt, ich sitze auf und lasse mich tragen, hoch hinauf und mittenrein, in eine Pause, ein Panorama, einen windigen Überblick.
Die Einsturzstelle ist ein aufgeräumtes Zimmer: kein offenliegendes Erdreich, für das man sich schämen müsste, kein Sand, keine Steine, kein Grund. Dem Anschein nach sehe ich eine Baustelle wie viele andere, mit, vielleicht, etwas geordneteren Platzverhältnissen: hier der Stapel von soundso, dort das Gerüst mit dem und dem, rechtwinklig zueinander ausgerichtet. Alles sieht merkwürdig sauber aus, als würde hier jeden Tag durchgefegt. Ein gelber Kran überwacht den Bestand. Sein Arm schweift durch den geschichteten Himmel. In Konfrontation mit dem Wind hört man seine Stimme: ein langes, metallisches Pfeifen. Im Kranwärterhaus sitzt scheinbar kein Mensch. Vielleicht kann der Kran die Arbeit nach sechzehn Jahren allein, so somnambul sicher, wie er da schwenkt.
Ein Stück weiter hinten, kurz vor der Kirche, stehen untätig eingezäunt Lotsenpunktpfosten. Nicht weit dahinter, die Straße runter, liegt die Schule, durch deren Tür ich vor dreizehn Jahren das letzte Mal ging. Mich hat, glaube ich, nie ein Lotse geleitet. Ich erinnere mich nur, wie ich den Arm in die Richtung streckte, in der ich die Straße queren wollte. Diesen Trick hatten sie uns in der Grundschule beigebracht. Wenn er funktionierte, fühlte ich mich sehr mächtig. Ich konnte die Autos anhalten! Sie stoppten, und ich ging meines Weges und erreichte irgendwann das Backsteingebäude, das ich jahrelang bauchschmerzig aufsuchte. In den Pausen saß ich in der Schulbibliothek, auf der kaputten Tischtennisplatte im Hof, auf den Heizungen im dritten Stock, überall da, wo die anderen nicht waren. Auf dem Klassenfoto, das im Klassenzimmer an einer Styropor-Pinnwand hing, wurde mein Gesicht mit Edding geschwärzt. Wenn ich mich meldete, sagte ich immer das Falsche, das merkte ich an dem tuschelnden Lachen. In der Schule habe ich gelernt: Wenn jemand lacht, muss man misstrauisch werden. Ich begann, genau aufzupassen auf meine Sätze. Ich fing an zu spiegeln und wurde belohnt. Irgendwann konnte ich bei den anderen stehen und mit ihnen eine rote John Player’s teilen, die wer für 20 Cent einzeln am Kiosk gekauft hatte. Ein Großteil meiner Wortmeldungen kam zu den Akten. Die runde Metallbrille wurde ersetzt. Die Streublumenbluse snackten die Motten. Ich entwickelte eine luftdichte Körperspannung und wurde oft gefragt, warum ich so stierte. Ja vor Anstrengung, stupid. Unauffälligkeitsanstrengung. Ich stapelte Verabredungen, Einladungen, Nagellacke, Fast-Fashion-Tüten, Smirnoff Ice und Glätteisen über die Streublumenbluse, die Wortmeldungen, die Metallbrille. Ich stapelte Kante auf Kante und richtete die Stapel rechtwinklig aus. Ich träume noch heute von einer verpatzten mündlichen Abschlussprüfung: wie ich mit einem Permanentmarker unmögliche Matrizen ans Whiteboard zeichne, und wie ich infolgedessen ein weiteres Jahr in der Schule sein muss.
Aber ich gehe nicht wieder dorthin. Ich wehe rüber zum Waidmarkt. Dort steht ein zeitweiser Pavillon, von einer Künstlergruppe aus Rotterdam. Der Pavillon ist ein hölzernes Nest. Durch den Spalt zwischen Korpus und Dach sieht man einen Ausschnitt der Wolkenschichten. Es riecht nach Holz und nach trockenen Händen. Es lugt der Wind durch die Ritzen. Es gibt eine Chronik, beginnend am 3. März 2009. Es gibt eine Festschrift meiner alten Schule, anlässlich der Eröffnung des Anbaugebäudes. Es gibt eine fahrige Hummel, die von meinem Riegel nichts essen will. Draußen sagt jemand, er finde das scheiße, mit heller, eindringlicher Stimme. Jemand andres antwortet, sei doch nicht so. Und die kleinen Ereignisse scheren sich nicht um die großen. Noch immer haschen sich trockene Blättchen und Plastikfetzen andeutungsvoll knisternd im Kreis. Immer noch schnaufen die Busse, mit ihren Ziehharmonikarümpfen, angestrengt durch die Straßen. Immer noch scheint die Sonne und weht der Wind, und immer noch riecht es nach Mensch und Holz und Scharnier: nach den leeren Buden des im Aufbau begriffenen Weihnachtsmarkts, wo ich mit meinen Nicht-Schulfreundinnen alljährlich spielte. Einmal knallte eine Budentür hinter mir zu und ließ sich partout nicht mehr öffnen. Einer der Aufbauhelfer musste geholt werden. Er machte ein großes Tamtam, rasselte mit seinen Schlüsseln und palaverte rüde op Kölsch. Schlussendlich versprach er uns Prügel, für den Fall, dass wir noch einmal wagen würden, auf seiner Baustelle Spökes zu machen. Als er weg war, rümpften wir die Nasen. Baustelle! Am nächsten Tag kamen wir wieder, vorsichtig und mäuseleis. Hier, im Pavillon, wird sich nie jemand einsperren können. Es gibt zu viele Türen, und der Wind sorgt dafür, dass sie offen bleiben. Eine von ihnen, die dunkelste, würde ich zu gerne abmontieren und zuhause an meine Wand lehnen: als eingefrorenes, duftendes Aquarium, voll vertikal blasiger Holzaugen.
Gegenüber, auf einem Balkon der neuerrichteten Wohnanlage, dreht sich ein purpurnes Windrad, aufgedreht, beinahe burnt-out. Der Wind ist schuld, gibt mir nie eine Pause, ruft es mit fischdünner Stimme, dabei würde ich doch so gerne mal stehen! Ich antworte nicht. Es wäre umsonst. Wenn wer schon etwas so falsch versteht... denn es ist doch gar nicht der Wind! Es ist das Rad, in seiner Radhaftigkeit, das gar nicht anders kann, als voranzurennen. Ich dagegen sitze hier und weiß, es gibt nichts zu rennen. Ich habe noch Zeit. En masse. Jeden gegenteiligen Gedanken schiebe ich nach draußen und kicke ihn mit dem Fuß in den Wind, wo er sich drehen und drehen muss, bis er zu Boden sinkt.
Ich kontrolliere vieles, aber niemals den Wind. Ich kontrolliere niemals den Traum, wie ein solcher der Einsturz gewesen sein muss. Ein geteilter Traum, ein Augenzeugentraum. Der gespensterhafte Riss, der in der grauen Schießschartenfassade erscheint. Man kann verfolgen, wie er breiter und breiter wird. So berichtet es eine Zeugin. Der Riss wird breiter und breiter, und irgendwann bricht das Gebäude entzwei. Das ganze, große Gebäude. Das vollzieht sich in ein paar Sekunden. Glattes und Festes, das Eckiges, Raues, Herumfliegendes wird. Staub, wo vorher Luft war. Statt Oberflächenspannung ein Mont Klamott. Ohrenbetäubend, und dann alles still. Davon berichten alle.
Mittlerweile ist Ordnung gemacht. Die Toten begraben. Der Schaden kartiert. Die Trümmer beseitigt. Menschen therapiert. Schulen ausgebaut. Der Zukunft gehuldigt. Die Inbetriebnahme der Nord-Süd-Bahn auf Anfang der 2030er Jahre terminiert. Steuergelder versenkt. Arbeitsplätze geschaffen. Der Schulkiosk von Frau Yalcin geschlossen. Der Matthiasgrill an der Ecke geschlossen. Die Shishabar auf dem Blaubach geschlossen. Ein Rewe City an neuralgischer Stelle eröffnet. Das Abizeugnis verloren. Die beglaubigte Zufallskopie beinahe verloren. Das Verfahren beendet. Der Raum parzelliert. Neubauten errichtet. Chroniken geschrieben. Die Leerstelle der Einsturzstelle als Baustelle kaschiert. Nein, der Kran auf der Baustelle ist nicht somnambul, sondern bloß still und entschlossen. Er steht da schon lange und er kennt seinen Task: transportiert, von Hier nach Dort, auf dass weiterhin Ordnung herrscht. Denn nur wenn Ordnung ist, kann es weitergehen. Und also geht es dann weiter.
Während Menschen, Tauben und gelockte Hunde mit Onkelgesichtern vorbeiwehen, sitze ich hier und bewege mich nicht. Ich kann noch weitermachen, und also mache ich weiter, am selben Ort, in beinah derselben Zeit. Es ist kaum vorstellbar, dass ich etwas zu tun haben soll mit der Schulbibliothek, der kaputten Tischtennisplatte und den kalten Heizungen, und ebenso unvorstellbar ist, dass ich mich nicht kurzerhand dazu entschließen kann, wieder einmal den Erdkundeunterricht beim bärtigen Wollpullover oder die Sportdoppelstunde bei Mr.-Hopserlauf-und-chilenische-Gitarrenmusik zu besuchen, ohne, dass jemand die Augenbrauen hochziehen würde, wenn er denn noch im Schuldienst stünde, so er überhaupt noch lebte. Die Möglichkeit, dass die Erkunde- und Sportstunden bloß in einem entfernten Land liegen, das sich mittels einer wenn auch beschwerlichen Reise erreichen lässt, scheint mir um ein Vielfaches plausibler. Die Reise begänne an einem der Lotsenpunkte, neben der Einsturzstelle, innerhalb des Zauns. Dorthin käme ein bewarnwesteter Wind, holte mich ab, und wüsste genau, wohin.

 

Franziska Neef

 

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freiVERS | Emma Joerges

zwischen den jahren

ich erwarte monde anstelle von augäpfeln
und feuerwerkskörper auf deiner zunge.
du bist eine heimat in klammern und
eventuell unendlichkeit
meine fünf sinne bestücke ich mit fragezeichen
und befrage die fragwürdige stabilität des schlafzimmerbodens
5 Zentimeter: absolute untergrenze für die tragfähigkeit von eis
ich google „thermodynamik“ mit wärmflasche im schoß
ich erwarte gegenwart
und sternschnuppen unter deinen fingernägeln
ziehst du in meiner epidermis ein?
kleidest du dich in meine silben?
8 Zentimeter: nun können gruppen die eisfläche sicher betreten
ich erwarte
zarte zwischenräume
zwischen den jahren
ich erwarte monde anstelle von augäpfeln
(mindestens drei)
und sonnenstrahlen in deinen haaren
ich stelle in frage
die entropie deiner sommersprossen im winter
kommt ihr mit in leichtigkeit?
ich vertraue dem eis

 

Emma Joerges

 

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freiTEXT | Robin Dietz

Heute gehe ich nicht mehr ans Meer

Über das Cap Martin wurde schon viel geschrieben, denke ich mir manchmal. Und es stimmt, es ist einfach das Kap, an dem die schönste Bucht mit dem schönsten Meer der Welt zusammentrifft. Aber scheinbar hat niemand sich die Zeit genommen, so richtig hinzuschauen. Die Rede von den brandenden Wellen und der türkisfarbenen See stimmt vielleicht, sie taugt aber doch gar nichts. Jetzt hat die Sonne ihren Zenit bereits erreicht und es beginnt das, was ich die magische Zeit nenne. Es ist, als würden die Sterne im Wasser liegen, tausende Sterne, die von einer Sekunde auf die andere verglühen und Platz machen für ihre Brüder und Schwestern. Und die Wellen legen abwechselnd den Blick auf sie frei und verstellen ihn wieder und legen ihn frei, verstellen und legen ihn frei. Wie Edelsteine glitzert das Meer, ein funkelndes, lautloses Feuerwerk, das keinen Nachthimmel mehr braucht. Man kann das von überall hier beobachten und es sieht doch niemand hin. Dabei hat in dieser Zwischenzeit das Wasser mehr zu sagen als alles andere in der Welt. Aber niemand hört zu. Von meinem Balkon aus kann ich die Menschen unten am Strand sehen. Sie sind ungefähr so groß wie die Hälfte meines kleinen Fingers, wahrscheinlich sogar noch kleiner. Mittlerweile ist mein Blick auch ohne Fernglas so geschärft, dass ich genau erkennen kann, ob sie zu lange in der Sonne waren. Claude steht da unten. Es muss Claude sein. Auch wenn es ungewöhnlich ist, dass er am Meer steht. Ich erkenne ihn an seiner Körperhaltung. Für gewöhnlich sitzt er nur auf seinem faltbaren Strandstuhl und schaut in ein Buch. Ob er wirklich liest, frage ich mich manchmal und wozu überhaupt. Claude sagt, er lese Romane, und ich frage mich, wozu überhaupt. Aber es ist Claude dort unten. Ich erkenne ihn an seiner Badehose, wobei viele Leute diese Badehose haben. Claude trägt gerne, was viele Leute tragen. Aber seine Badehose ist alt, sehr alt, so alt wie seine Socken, die nicht gut gewaschen sind. Was ihn angetrieben hat, ans Meer zu gehen? Ich gehe heute nicht mehr ans Meer. Man hat auch einen herrlichen Blick vom Parkplatzdeck aus. Man überblickt das Kap und sieht bis nach Monaco, sieht die großen Häuser, die nicht bewohnt sind, die Briefkastenfirmen, sieht die Schiffe, die vor den Bojen ankern und am Abend wieder verschwinden, sieht, wie grün das Kap trotz der vielen Häuser immer noch ist. Aber man muss nicht erst aufs Parkdeck. Von meinem Balkon ist der Blick auch wunderschön. Wenn man in der Bucht schwimmt, bis zu den Bojen, dann hat man das Meer für sich allein. Hier kommt niemand hin und die Leute auf den Yachten gucken doch nur auf ihre Teller. Und die Leute am Strand reiben sich doch nur ihre Schultern aneinander. Oder sie stehen bloß im Wasser herum oder schwimmen mal für gerade einmal hundert Meter raus. Ich habe diese Leute nie begreifen können, wie ich die Leute auf den Yachten nie habe begreifen können. Sie schippern in unsere Bucht mit ihren riesigen Yachten, und in unsere Bucht geschippert, steigen sie plötzlich aus ihren Yachten heraus und steigen auf, steigen wie selbstverständlich auf ihre kleinen Jetskis und fahren bis zum Abend mit ihren kleinen Jetskis um ihre riesige Yacht herum und steigen dann wieder auf ihre riesige Yacht und fahren in die nächste Bucht, um gleich wieder auf ihre winzigen Jetskis zu steigen. Die belgische Königsfamilie soll ein Haus hier besitzen, Coco Chanel hat hier gewohnt und der Diktator Sese Seko Mobutu. Das ist nur schwer zu begreifen. Auch Winston Churchill wusste die Bucht zu schätzen. Heute zieren Tafeln für die Touristen den Wanderweg nach Menton. Auf jeder Tafel stehen ein paar Dinge drauf, was sie mit einem Zitat von Churchill aufgehübscht haben, damit der Wandernde weiß, was er über die Landschaft denken soll. Die Superreichen brauchen natürlich nicht an den Strand der gewöhnlichen Reichen. Es ist ihnen da auch einfach zu voll und unbehaglich mit den gewöhnlichen Reichen, deshalb baden sie lieber unter Aufsicht vor dem eigenen Grundstück. Da sitzt ihnen auch keiner auf ihrem Lieblingsquadratmeter, da können sie ganz beruhigt sein, wenn das Champagnerfrühstück mal wieder länger gedauert hat. Wenn ich an meine Boje schwimme und auf die Bucht schaue, sehe ich immer sofort die Casa del Mare und kann es doch wieder nicht glauben. Sie haben sie direkt am Strand gebaut und gleich auch noch so lang wie den Strand selbst haben sie die Casa del Mare gebaut. Nur einen kleinen Platz haben sie für die Strandbesucher gelassen, die sich auf einer schmalen Treppe links des Palastes hinunterschlängeln, um sich ins Wasser stellen zu können. Ein kleines Restaurant liegt neben der Villa, aber dort gehe ich niemals hin, die Leute sind dort einfach zu unfreundlich, denke ich. In diesem Prachtbau aber, der den größten Teil des Strandes ausmacht, wohnt Alexander Mashkevitch. Zumindest gehört ihm dieses Schloss. Er wohnt auf seiner Lady Lara. Zumindest gehört ihm diese Luxusyacht. Er ist schon immer auch manchmal zwischen ein paar dubiosen Geschäften bereits braun gebrannt und mit gemachtem Lächeln in seine Villa gekommen. Mit seiner Lady Lara ist er angekommen oder gleich mit seinem Helikopter auf der Villa gelandet. Jetzt ist er schon ein paar Jahre nicht mehr hier gewesen. Ich mache mir Sorgen um ihn. Manchmal schaue ich dann in meiner App nach, wo Lady Lara ankert. Aber ob Mashkevitch sich auf ihr aufhält, das weiß ich dann ja auch nicht. Dieses Jahr hat er zum ersten Mal seinen Pool nicht mit Wasser füllen lassen. Von meiner Wohnung kann ich das genau beobachten. Mashkevitch respektiert unser Wasserproblem. Nur sein Gärtner dekoriert den Pool mit schnell abblühenden Pflanzen, um ihn dann gleich wieder mit schnell abblühenden Pflanzen zu dekorieren und sein Gärtner gießt den Garten so ausgiebig, als würde er jeden Tag den Pool aufs Neue befüllen. Aber Mashkevitch hat wegen unseres Wasserproblems angeordnet, seinen Pool nicht zu befüllen. Und alle anderen Pools der Gegend sind bis zum Rand gefüllt, aber außer in unserem Pool schwimmt niemals jemand und ich denke unweigerlich, dass Mashkevitch vielleicht der viel kleinere Verbrecher ist. Wenn ich an meine Boje geschwommen bin, denke ich an alle Verbrecher hier und schaue immer gleich auf die Prachtvilla und kann es immer noch nicht glauben. Ich sehe die steinernen und zum Teil efeubewachsenen Mauern und den gebändigten Garten der wilden Kapflora mit seinen tropischen Palmen, knorrigen Olivenbäumen und immergrünen Nadelbäumen. Und kann es nicht glauben. Und dann schaue ich immer weiter nach rechts, wo Le Corbusier hinter Eileen Grays moderner Villa einfach seine Hütte gestellt hat. Nur eine kleine Hütte hat der Corbusier dahingestellt, einen winzigen Holzbau, den er da der Casa Del Mare entgegengesetzt hat, ein Minimalhaus am Meer neben das Maximalhaus am Meer hat er einfach dahingestellt und dann hat der Corbusier das kleine Ding einfach sein Schloss genannt, um der Casa Del Mare etwas entgegenzusetzen. Die kleinen dreisechsundsechzig auf dreisechsundsechzig neben dem strandlangen vier Hektar großen Grundstück, das kann ich bis heute nicht glauben und gucke immer hin und her zwischen den Bauten, wenn ich zu meiner Boje geschwommen bin. Und manchmal denke ich mir, schon längst an meine Boje geschwommen, das winzige Holzhaus unter der Erde sei mit den Wurzeln der Bäume verbunden und die Casa Del Mare, das riesige Schloss, verdränge mit seinem gigantischen Fundament die Wurzeln der Bäume. Eine Villa mit 15 Zimmern gegen eine begehbare Spirale, denke ich mir manchmal. Es ist ein Witz, der in der Landschaft steht und alle gucken hin, aber keiner lacht, denke ich mir manchmal, an meine Boje geschwommen. Und an meine Boje geschwommen, denke ich mir, was ist schon der Unterschied, wenn Eileen Gray eigenhändig den Maultieren zuguckt, wie sie die Bauteile runterschaffen und Le Corbusier eigenhändig die Bauteile auf Korsica herstellen und per Schiff anliefern lässt und Mashkevitch einfach in das fertige Schloss am Strand zieht? Was ist schon der Unterschied, denke ich mir manchmal bei meiner Boje. Sie alle nehmen sich hier etwas raus und verbrechen hier aber ganz gewaltig etwas, denke ich mir dann, an meine Boje geschwommen, sie alle glauben, sie könnten sich das einfach so erlauben. Und dann schaue ich mir lieber, an meine Boje geschwommen, die Bucht an, ich überblicke ganz einfach meine Bucht. Und so oft ich die Bucht auch überblicke, immer wieder mache ich Halt bei der Höhenburg auf dem höchsten Punkt der Gemeinde und gucke mir schon auch die Höhenburg einmal an und denke mir, da steht sie ja noch auf dem höchsten Punkt der Gemeinde und denke mir, dass sie ihren mittelalterlichen Charakter ja noch bewahrt hat, wie sie da noch so steht. Und wie oft habe ich, an meine Boje geschwommen, schon die Häuser in der Bucht gezählt? Es sind genau eintausendvierhundertzweiunddreißig Häuser. Zumindest zählte ich am häufigsten bis eintausendvierhundertzweiunddreißig und dachte, ich hätte nun alle Häuser in der Bucht gezählt. Aber am zweithäufigsten zählte ich eintausendvierhunderteinundvierzig Häuser und dachte, ich hätte alle Häuser in der Bucht gezählt. Das ist ein Unterschied von neun Häusern, denke ich mir manchmal, an meine Boje geschwommen, und frage mich, wie es sein kann, dass sich ein solch großer Unterschied ergibt. Ich habe auch oft schon deutlich weniger Häuser und oft auch schon mal deutlich mehr Häuser in der Bucht gezählt, am häufigsten aber bin ich auf eintausendvierhunderteinundvierzig und eintausendvierhundertzweiunddreißig Häuser gekommen. Ich kann das kaum glauben, denke ich, an meine Boje geschwommen, und muss dann immer zusehen, dass ich wieder an Land komme, weil mir die Lippen über das Zählen schon wieder ganz blau geworden sind. Aber heute schwimme ich nicht mehr an meine Boje und ans Meer gehe ich auch nicht. Sie haben wegen des Wasserproblems ja auch die Duschen am Strand abmontiert. Es regnet einfach zu wenig. Und wenn ich eine kostenlose Dusche will, dann muss ich an den Pool. Der Pool ist eine Annehmlichkeit, der nur den Bewohnern hier zuteilwird. Hohe Mauern und dicke Stahltüren schützen uns Bewohner vor Eindringlingen und der Hausmeister sieht zu, dass es immer schön aufgeräumt ist, wenn wir ein bisschen im Pool planschen wollen. Claude muss seine Gewohnheiten geändert haben, sonst würde er jetzt ja nicht am Meer stehen. Montags und dienstags geht er für gewöhnlich morgens an den Pool und nachmittags ans Meer. Er sagt, der Pool sei dann am schönsten, weil er den Pool montags und dienstags am Vormittag für sich allein habe. Aber jetzt steht er ja am Meer und schwimmt doch wieder nicht. Am Meer sitzt Claude eigentlich nur auf seinem faltbaren Strandstuhl im Schatten und liest und sagt, so sei es auszuhalten. Und am Pool schwimmt Claude auch nie. Er liegt dann auf seiner Liege am Pool und liest und sagt, so sei es auszuhalten. Und ich denke mir immer, das ist doch kaum auszuhalten. Und ob er wirklich liest, frage ich mich manchmal und wozu überhaupt. Und wenn er sich vollgelesen hat, dann nimmt er noch eine kostenlose Dusche am Pool, so als ob er sich das Gelesene gleich wieder abwaschen wolle. Wenn Claude am Pool steht, dann erkenne ich ihn immer schon an seiner Körperhaltung. Claude steht aber niemals am Pool und eigentlich steht er auch nie am Meer. Am Meer sitzt er nur auf seinem faltbaren Strandstuhl. Und am Pool liegt er nur auf seiner Liege und hat ein Buch in der Hand und die alte Badehose an. Daran erkenne ich ihn. Ich denke, er will einfach nur seine Ruhe haben und liest überhaupt nicht. So entgeht er der Gefahr, in ein Gespräch verwickelt zu werden. Er guckt dann in seiner Liege am Pool liegend besonders intensiv in das Buch, so als würde er gedanklich nur schwer folgen können. Er nimmt das in Kauf, denke ich, weil er nicht in ein Gespräch verwickelt werden will. Aber die Leute am Pool sind schamlos und unfreundlich. Sie sehen ja selbst, wie intensiv Claude in das Buch guckt und wie schwer es ihm fällt, so intensiv ins Buch zu gucken und sie tun trotzdem ganz interessiert daran, wie Claude das Wetter findet. Wie soll Claude denn das Wetter finden, denke ich mir, das Wetter hier ist immer herrlich. Oder sie fragen Claude tatsächlich, was er denn liest, so als ob es sie wirklich interessiert. Die Leute hier sind einfach schamlos und unfreundlich. Der Pool ist eine Annehmlichkeit für die Leute, die nicht mehr ans Meer können, weil das Meer und ihre Wohnung von vielen Treppen getrennt sind. Sie können die Treppen nicht mehr laufen, denken die Leute am Pool. Das kann eigentlich gar nicht sein, weil das Meer so unendlich schön ist und ob man kann oder nicht, das Meer zieht einen runter. Sogar Claude steht ja am Meer und hat die Treppen überwunden. Früher war Claude immer wandern. Das war seine Leidenschaft. Anders als seine Lust zu Romanen habe ich Claude seine Lust auf das Wandern immer abgenommen. Er ist nicht einfach zum Wandern gegangen, um vor den Leuten am Meer und von den Leuten am Pool zu fliehen. Seine Lust auf das Wandern war eine aufrichtige Lust. Da hat sich Claude seine Nüsse genommen und ein Stück Käse und ein Stück Brot und Datteln und ist zum Wandern und ist mit seinem Wandern seiner aufrichtigen Lust nachgegangen. Aber jetzt geht Claude nicht mehr zum Wandern, weil er sich beide Knie kaputtgewandert hat. Aber am Meer steht er heute doch mit seinen kaputtgewanderten Knien, weil das Meer hier so unendlich schön ist, nimmt Claude die Treppen mit seinen kaputtgewanderten Knien unendlich leicht, denke ich mir. Der Pool hier ist den Leuten eine Annehmlichkeit. Von hier können sie aufs Meer schauen und sich überlegen, ob sie vielleicht doch noch nach unten ans Meer gehen, ob sie es doch noch ans Meer schaffen können. Ein paar Treppen haben sie ja schon von ihrer Wohnung zum Pool hinter sich gebracht. Ich gehe heute nicht mehr an den Pool. Auch wenn der Pool mir eine Annehmlichkeit bedeutet, weil ich dort eine kostenlose Dusche bekomme. Eigentlich sitzen die Leute bloß am Pool oder stehen im Pool. Die Leute, die am Pool sitzen oder im Pool stehen sind eigentlich nur Fossilien. Sie sind eigentlich nichts anderes als Zeugnisse vergangenen Lebens, wie der dicke Mann, der seit Jahren von seiner Frau in den Pool gehievt wird und da steht er dann stundenlang im Pool und hat den Mund offen und seit Jahren hat er dort am Pool stundenlang stehend seinen Schaum an den Mundwinkeln hängen und kriegt den Mund nicht mehr zu, bis seine Frau sich erbarmt und ihm den Mund zuklappt und ihn aus dem Pool hievt. Und seine Frau sitzt auf einer Liege am Pool und findet ein Haar, sehe ich durch das Fernglas, und während ihr Mann stundenlang im Pool mit schäumendem Mund die schäumenden Wellen am Meer imitiert, nimmt sie das Haar herbei und versucht es stundenlang zu spalten, sehe ich durch das Fernglas und wie sie das Haar stundenlang zu spalten versucht, gelingt es ihr irgendwann doch und erst dann, wenn sie das Haar gespalten hat, klappt sie ihren Mann zu und hievt ihn aus dem Pool. Und Claude muss das alles mitansehen, denke ich mir manchmal und er versucht, in sein Buch zu schauen. Wenn man an den Pool kommt, dann stürzen sich die Leute gleich auf einen und fragen nach dem Wetter und wie man es findet und wie soll man das Wetter finden. Das Wetter hier ist immer herrlich. Und die Leute sagen das auch. Die Leute am Pool sagen, das Wetter hier ist immer herrlich, sagen sie und dass es darüber nichts zu reden gäbe, weil es so herrlich ist, und dann reden sie stundenlang doch wieder über das Wetter. Der Pool ist für mich eine Unannehmlichkeit, wenn ich eine kostenlose Dusche brauche. Brauche ich eine kostenlose Dusche, gehe ich an den Pool und bin gleich ein Gefangener und die Leute stürzen sich auf mich und reden mir das herrliche Wetter in den Kopf und ich will bloß meine kostenlose Dusche. Ich brauche eine Dusche, denke ich mir, aber an den Pool kann ich nicht gehen und am Meer bekomme ich keine kostenlose Dusche mehr. Als ich heute Morgen mit dem Fernglas den Pool überprüfe und schaue, ob ich es wagen kann, sehe ich, wie der Hausmeister den Pool für uns schon aufgeräumt hat. Und wie der Hausmeister den Pool verlässt, kommt auch schon eine Frau und sieht sich um und ich bekomme keine kostenlose Dusche mehr. Ich sehe genau, wie sie sich umsieht und ich frage mich, wonach sie sich eigentlich umsieht. Aber dann nimmt sie doch eine Dusche und steigt in den Pool. Bevor man in den Pool steigt, muss man eine Dusche nehmen. Und die Frau sieht sich um und fühlt sich völlig unbeobachtet und nimmt trotzdem eine Dusche. Sie hat sich sehr korrekt verhalten. Aber ich kann mich der Gefahr einer kostenlosen Dusche nicht mehr aussetzen, das herrliche Wetter kann ich mir von der Frau am Pool nicht in den Kopf reden lassen und so gehe ich nicht mehr an den Pool. Ich könnte vielleicht auf unser Parkplatzdeck gehen und in den Briefkasten schauen. Doch der Briefkasten ist eigentlich immer leer. Aber vom Parkplatzdeck aus kann ich den Pool sehen und das Meer. Ich sehe dann den Pool und ich sehe das Meer. Ich bin dann im sechsten Stock und kann Claude trotzdem am Meer genau an seiner Badehose erkennen. Ich erkenne Claude dann vom Parkplatzdeck aus an seiner Körperhaltung und sehe, dass er noch am Meer steht. Mein Blick ist auch ohne Fernglas mittlerweile so geschärft, dass ich Claude vom Parkplatzdeck aus erkennen kann, obwohl er dann nur noch strichmännchengroß am Meer steht und ich kann dann beurteilen, ob er zu lange in der Sonne war. Und ich stehe dann auf dem Parkplatzdeck und Claude würde niemals darauf kommen, dass ich ihn auch von hier aus sehen kann. Vom Parkplatzdeck aus hat man eine wunderbare Aussicht, so wie von meinem Balkon aus. Aber die Perspektive ist hier doch eine andere. Es ist eine leicht verschobene Perspektive, habe ich mir immer gedacht, wenn ich auf dem Parkplatzdeck stand. Aber diese Perspektive macht doch alles anders. Oder wenn ich im Treppenhaus stand und von dort aus die wunderbare Aussicht genossen habe. Auch von dem Punkt dort im Treppenhaus, der auf der Höhe meines Balkons liegt, nur ein paar Meter nach links verschoben, ist die wunderbare Aussicht dieselbe, es ist dieselbe wunderbare Aussicht, aber eben doch leicht verschoben und dadurch ganz anders. Von hier habe ich die Felsen in der Mitte der Bucht oft gezählt. Es sind genau zehn Felsen. Steht das Wasser bei ablandigem Wind tiefer, sind es genau zwei oder drei Felsen mehr. Es gibt aber niemals ablandigen Wind. Wo soll er denn auch herkommen, der ablandige Wind, habe ich mich oft gefragt und darüber gelacht. Wenn die Wellen einmal höher sind, dann sieht man manchmal auch nur sechs oder sieben Felsen in der Mitte der Bucht. Ein paar Felsen sind aber immer zu sehen, weil die Wellen niemals unbequem stark sind in meiner Bucht. Die Aussicht auf meine Bucht ist von überall hier wunderbar. Manchmal gucke ich die Aussicht an und ertappe mich dabei, wie ich die Aussicht gar nicht mehr sehe. Ich gucke dann die Aussicht an und konzentriere mich auf die Aussicht und darauf, wie herrlich die Aussicht ist und ertappe mich dabei, wie ich die Aussicht doch nicht mehr sehe. Morgens ist es auf dem Parkplatzdeck noch sehr ruhig. Es kommt nur einmal vielleicht ein Nachbar vorbei und hat sein Baguette in der Tüte. Abends ist es hier dann vergleichsweise voll, wenn die Leute mit ihren teuren Wagen in die Stadt fahren, um sich in den teuren Restaurants die Mägen mit Schrott vollzumachen. Ich gehe nicht in die Restaurants. Die Leute sind dort sehr unfreundlich. Ich stehe lieber auf meinem Parkplatzdeck. Stehe ich morgens auf dem Parkplatzdeck, gucke ich immer aufs Meer. Stehe ich abends auf meinem Parkplatzdeck, gucke ich immer auf die Häuser. Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber das war schon immer so. Ich frage mich das auch gar nicht mehr. Ich akzeptiere das einfach. Abends sehe ich manchmal auch die Lichter des automatischen Rasenmähers auf Mashkevitchs Anwesen zwischen den Blättern der Bäume kurz aufblitzen. Und morgens sehe ich mit meinem Fernglas den gemähten Rasen bei Mashkevitch und frage mich, ob Mashkevitch, wenn er sich ganz woanders aufhält, vielleicht auf seiner Lady Lara zwischen ein paar dubiosen Geschäften noch schnell durch eine seiner Kameras spähend davon überzeugt, wie gut der Rasen gemäht ist. Aber selbst sein gut gepflegter Rasen hat schon auch ein paar wenige braune Stellen. Abends kann man auch das Spiel der Taschenlampe beobachten. Das Sicherheitspersonal auf Mashkevitchs Anwesen hat taktische Taschenlampen und kann sehr gut mit ihnen umgehen. Das Sicherheitspersonal leuchtet den Bereich vor sich kurz aus, um dann kurz das Licht zu dimmen, um dann kurz durch mehrmaliges Tippen ein paar Morse in die Dunkelheit zu schicken. Und morgens kann man dann gut sehen, dass in der Nacht alles in Ordnung gewesen sein muss. Und ich frage mich dann manchmal, ob Mashkevitch sich vielleicht mit den paar braunen Stellen im Rasen einverstanden gibt und ganz anderswo auf der Welt beruhigt aufatmet, weil in der Nacht alles in Ordnung war. Aber heute gehe ich auch nicht mehr auf das Parkplatzdeck, morgens nicht und abends nicht. Mir läuft das Parkplatzdeck ja nicht davon. Von meinem Balkon aus kann ich durch das Fernglas das Sicherheitspersonal bei Mashkevitch genau erkennen. Es sind insgesamt fünfzehn oder sechzehn Angestellte im Sicherheitspersonal, die in Schichten von acht Stunden den Tag unter sich aufteilen. Sie nehmen ihre Arbeit sehr ernst und wissen doch, dass niemand es wagen würde, sich auf das bombastische Grundstück zu schleichen. Aber einmal habe ich gesehen, wie einer von der Sicherheit sich fünfzehn Meter vom Pool aufhielt und dann in der Nase gepopelt hat. Das war genau an dem Tag, als in der darauffolgenden Nacht eine Familie am Strand übernachtet hat. Ich habe genau sehen können, wie sie dort in ihren Schlafsäcken auf Matten lagen, in wohlüberlegtem Abstand zu Mashkevitchs Mauer und dem Meer, nämlich etwa genau in der Mitte. Und als Erstes steht die Mutter auf und blickt sich in alle Richtungen um und läuft auf Mashkevitchs Schloss am Meer zu und hockt sich vor die Mauer und pisst unter ständigem Hin- und Herschauen einfach gegen die Mauer von Mashkevitchs Schloss. Und dann wachen die Söhne auf und pissen gegen die Mauer. Und während sich die Mutter schon die Achseln mit Feuchttüchern durchgewischt hat und es die Söhne gerade tun und die Mutter schon angefangen hat, sich die Zähne zu putzen und es dann die Söhne tun, steht noch der Vater auf und pisst als Letztes an Mashkevitchs Mauer. Und der Vater stand am längsten an der Mauer. Und als der Vater sich dann die Zähne putzt, haben die Mutter und die Söhne schon längst an Mashkevitchs Mauer ausgespuckt und als letztes spuckt der Vater noch an die Mauer aus und hat sich die Achseln schon mit Feuchttüchern durchgewischt. Und ich denke mir, Mashkevitch muss das wissen und ob Mashkevitch das weiß und warum er nichts dagegen tut und wo Mashkevitch eigentlich ist und ob es ihm gut geht. Ich kann natürlich nicht einfach so runter, habe ich mir gedacht, weil der Weg einfach zu weit ist und sie wären längst fortgekommen, dachte ich mir. Aber wäre ich gleich, als die Frau sich unter ständigem Um- und Hin- und Hersehen entleert hat, losgelaufen, dann hätte ich vielleicht den Vater noch zur Rede stellen können. Stattdessen habe ich einfach nur zugeguckt und alles beobachtet und als es nichts mehr zu beobachten gab, habe ich nicht mehr hinsehen können und habe mir den Pickel auf dem Po einfach ausgedrückt. Und dann sind Mashkevitch auch zwei Bäume umgeknickt und er hat nichts dagegen unternommen. Sie liegen nicht auf dem Rasen, aber sie stehen doch in einem für sie ungesunden Winkel. Ich weiß nicht, wie es vom Anwesen betrachtet aussieht, aber ich frage mich schon, warum Mashkevitch nichts unternimmt und ob er wohlauf ist. Man sieht heute nicht mehr viel durch das Fernglas. Auf den Schiffen ist auch immer weniger los. Man sieht sie nur noch hin und wieder ein paar Stühle rücken oder das Deck schrubben und die Familien kann man beim Essen durchs Fernglas sehen, wie sie nur auf ihre Teller gucken. In einem der Häuser sehe ich schon auch mal eine ältere Frau morgens auf dem Balkon sitzen und für zwanzig Minuten eine Zeitung lesen. Es ist die mit dem bunten Nachthemd, das so bunt ist, dass sie sich einfach auch unbeobachtet fühlen muss, wenn sie auf ihrem Balkon sitzt und Zeitung liest. Und auch der Mann vierzig Häuser weiter rechts sitzt jeden Morgen auf seinem Balkon und atmet seine Zigarette auf und holt sich erst dann einen Kaffee, um noch eine Zigarette dazu zu rauchen. Heute sieht man nicht mehr viel durch das Fernglas. Aber früher habe ich schon auch mal in einem der Schlafzimmer in einer der Villen ein paar Sachen auf dem Boden liegen sehen. Es muss ein Herrenbademantel gewesen sein und wahrscheinlich auch ein BH dort auf dem Boden in einem der Schlafzimmer in einer der Villen. Heute sehe ich durch das Fernglas den Mann, der in unregelmäßigen Abständen mit seinem Metalldetektor an den Strand kommt und niemals etwas gefunden hat. Sein Detektor schlägt schon auch mal aus und dann guckt er hoffnungsvoll und sucht den Boden ab und verrückt ein paar Steine und hat doch wieder nichts gefunden. Und dann ist da noch der Mann, der mit hoher Sorgfalt Steine am Strand auswählt und sie seit Stunden auf den Felsen platziert. Dem Mann steht der Schweiß im Gesicht und er ist von seiner stundenlangen Tätigkeit angestrengt und versucht die Steine in ein paar Zwischenräume zu stellen, sodass sie nicht herunterfallen. Er spielt, denke ich mir, und ist dabei so angestrengt, er spielt ein anstrengendes Spiel und ich frage mich, wozu überhaupt. Als es da unten angefangen hat zu brennen, bin ich in zweiunddreißig Sekunden auf das Parkplatzdeck gerannt. Nach nur sechs Minuten und vierzehn Sekunden, die ich oben stand, war die Feuerwehr mit siebenundzwanzig Mann schon da. Und nach nur vierundzwanzig Minuten war das Feuer schon gelöscht. Ich kann mich hier einfach auch sicher fühlen. Nur zwei kleinere Bäume waren verkohlt. Vielleicht leben sie sogar noch. Und als ich den Aufzug wieder runternehme, wird mir plötzlich bewusst, dass ich immer, wenn ich in den Aufzug steige, nur zwei Knöpfe drücke. Fahre ich in meine Wohnung, drücke ich die Zwei und fahre ich auf das Parkplatzdeck drücke ich die Sechs. Und noch niemals habe ich einen anderen Knopf gedrückt. Ich habe es so leicht und doch weiß ich nie, wenn ich in den Fahrstuhl steige, welchen Knopf ich drücken muss. Ich muss mich immer erst umdrehen und gucken, ob ich das Parkplatzdeck aus dem Aufzug sehe und die Zwei drücken muss oder ob ich das Treppenhaus auf meiner Etage sehe und die Sechs drücken muss. Noch niemals habe ich einen anderen Knopf im Aufzug gedrückt und mir aber oft gedacht, ich könnte einen anderen Knopf drücken, es ist doch so leicht, und niemals habe ich es hingekriegt. Ich drücke auf die Eins und fahre zu Claude runter, denke ich mir manchmal. Claude ist mein Freund. Wenn ich mal von meiner Boje zurückgeschwommen bin, dann unterhalten wir uns schon auch mal, wenn er auf seinem faltbaren Strandstuhl sitzt und in das Buch guckt. Ich frage ihn schon auch mal, was er heute vom Wetter hält und was er eigentlich liest, so als ob es etwas zur Sache täte. Einmal haben wir auch zusammen bei mir gegessen und einmal haben wir zusammen bei ihm gegessen in den vielen Jahren. Aber er isst lieber bei sich und ich esse lieber bei mir. Er mag die Gewürze und will alles mit seinen Händen bearbeiten, sogar die Bohnen reinigt er wie eine alte Frau und kocht alles frisch, weil er nichts zu tun hat, sagt er. Und ich verstehe die Gewürze nicht und koche den Fisch immer in der Mikrowelle, eine Minute eine Seite und eine Minute die andere Seite, damit ich nichts weiter zu tun habe, sage ich ihm. Und so essen wir nicht mehr zusammen. Claude sehe ich nur, wie er am Meer sitzt oder wie er am Pool sitzt oder ich sehe ihn eben durchs Fernglas, wie er heute sogar am Meer steht. Ich könnte einfach zu Claude runterfahren und an seiner Tür klingeln, er steht ja am Meer und öffnet mir sicher nicht. Aber heute fahre ich nicht mehr zu Claude runter. Ich könnte auch nach Monaco zum Einkaufen fahren, wenn mir danach ist oder wenn ich etwas brauche. Manchmal zieht es mich schon nach Monaco und ich drücke im Aufzug die Sechs und fahre mit meinem Auto nach Monaco. Manchmal macht der Prinz mit seiner Familie ein öffentliches Picknick oder ich gehe in eines der Museen oder ich spaziere im Park, denke ich mir. Aber dann fahre ich nach Monaco und gehe doch nur einkaufen, weil ich wieder etwas brauche. Manchmal zieht es mich eben schon nach Monaco, wenn ich meiner Bucht überdrüssig geworden bin. Und wenn ich nach Monaco gefahren bin, zieht es mich gleich schon wieder in meine Bucht zurück und ich kaufe nur kurz in Monaco ein, soviel ich greifen kann kaufe ich ein und fahre schnell zurück in meine Bucht. Aber heute zieht es mich nicht nach Monaco. Und in Menton gehe ich niemals einkaufen. Die Leute sind dort einfach so unfreundlich. Aus Menton kommt seit Jahren immer ein Paar morgens an den Strand in unsere Bucht. Sie fährt immer mit dem Zug und er läuft die neun Kilometer aus Menton immer. Und dann schwimmen sie und baden ihre Körper in unserer Bucht und sie fährt mit dem Zug wieder nach Menton. Und er sitzt dann noch in unserer Bucht und putzt sich die Füße ab und zieht sich die weißen Trainingssocken, die er immer anhat, bis ganz nach oben bis zur Mitte der Wade und braucht fast länger als eine Minute pro Socke, bis er sich die weißen Trainingssocken bis zur Mitte der Wade hochgezogen hat und dann läuft er los und sie hat schon längst den Zug genommen, wenn er noch sein Handtuch und seine Badehose in fast länger als fünf Minuten eingepackt hat und er sich dabei nach allen umschaut und dann ist er los und ist fertig und läuft wieder in sein Menton hinein und morgen kommen sie wieder, sie mit dem Zug und er zu Fuß und alles läuft genauso wie heute und gestern und die Jahre zuvor. Nach Menton könnte ich auch wieder mal laufen, denke ich mir manchmal, der Weg ist idyllisch und es tut dem Körper gut, aber wozu, denke ich mir dann und laufe den schönen Weg nicht bis nach Menton. Ich stehe mit meinem Fernglas auf dem Balkon und schaue weg von dem am Meer stehenden Claude und schaue auf das Hotel ganz oben auf dem Felsen. Wenn mal ein bisschen der Wind weht, denke ich an das Hotel ganz oben auf dem Felsen, weil es mehr Glas als Beton verbaut hat und denke mir, dass es wackeln muss und dass es irgendwann von dort oben einfach herunterkippt auf unsere Bucht oder herunterrutscht. Und dann sehe ich durch mein Fernglas und sehe, dass es doch sehr solide dort oben auf dem Felsen steht. Jeder hat hier ein Fernglas. Meinen Nachbarn sehe ich oft, wie er mehrere Stunden auf seinem Balkon mit seinem Fernglas verbringt und ich frage mich, wozu überhaupt. Er hat kein Standfernglas wie ich und muss sein Fernglas immer halten und hängt irgendwann nur noch auf seinem Balkonsims mit seinem Fernglas in der Hand, wenn ich ein paar Balkone weiter mit meinem Standfernglas stehe. Ich habe auch schon einmal jemanden dort drüben auf der anderen Seite der Bucht mit einem Fernglas gesehen, wie er mit seinem Fernglas genau auf meinen Balkon geguckt hat, wie ich dastehe und mit meinem Fernglas auf seinen Balkon gucke. Und wie er mit seinem Fernglas sieht, dass ich ihn mit meinem Fernglas sehe, da tut er plötzlich so, als ob er auf die Berge hinter mir sehe und ich frage mich, was es für ein Gefühl für ihn gewesen sein muss, dass ich ihn da ertappt habe, wie er mich mit seinem Fernglas auf meinem Balkon beobachtet hat. Und dann frage ich mich, was er gesehen hat und wie ich aussehe mit meinem Fernglas auf dem Balkon, was er für ein Bild von mir durch sein Fernglas gesehen hat, wie ich hier mit meinem Fernglas auf dem Balkon stehe und wie ich dann glaube, genau das Bild, das er durch sein Fernglas von mir gesehen hat, im Kopf zu haben, wird mir plötzlich bewusst, dass es das Bild gar nicht gewesen sein kann, weil das Bild, das ich dann im Kopf hatte, ein Bild von mir mit meinem Fernglas auf meinem Balkon war, das man nur im Kopf haben kann, wenn man hinter mir auf meiner Couch im Wohnzimmer sitzt und mich von hinten auf meinem Balkon mit meinem Fernglas auf dem Balkon stehen sieht. Ich habe mich den Tag über gefragt, wie ich das Bild plötzlich nur von hinter mir auf meiner Couch im Wohnzimmer sitzend, wie ich auf dem Balkon mit meinem Fernglas stehe, im Kopf haben konnte. Aber schon ein paar Tage später habe ich es einfach akzeptiert und denke kaum noch daran und sehe wieder völlig befreit durch mein Fernglas. Claude steht da unten am Meer. Und ich muss daran denken, wie Claude dann doch immer mal wieder von ein paar Touristen, die nicht zu den Reichen hier gehören, so intensiv er sich auch in sein Buch vertieft, angesprochen wird. Claude findet immer einen guten Umgang mit den paar Touristen. Und da erzählt er den Touristen von der kalten Quelle, die unweit des Strandes aus den Felsen ins Meer spült und dass wir im Sommer immer näher an der kalten Quelle schwimmen und im Winter immer weiter weg von der kalten Quelle schwimmen und ich höre Claude zu und sehe seine glaubhaften Armbewegungen und will es ihm fast abnehmen und denke, Claude schwimmt im Sommer immer näher an der kalten Quelle und im Winter immer weiter weg von der kalten Quelle und weiß es doch, dass Claude im Sommer wie im Winter immer nur auf seinem faltbaren Strandstuhl sitzt und in sein Buch hineinstarrt. Aber jetzt muss er seine Gewohnheiten geändert haben. Jetzt steht er da unten am Meer und schwimmt doch nicht. Ich werde ihn fragen, denke ich mir, wenn ich ihn das nächste Mal treffe, werde ich ihn fragen, ob er auf seinem faltbaren Strandstuhl sitzt oder tatsächlich am Meer steht. Aber das läuft mir ja nicht davon. Claude läuft mir ja nicht davon. Und heute gehe ich auch nicht mehr raus.

 

Robin Dietz

 

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