freiVERS | Thimo Buchmüller

Muttersprache

I
in der bleichen Luft
des Supermarktes
drängen Gedanken:
Hundefutter,
entrückte Landschaften
aus Dosen und Licht
aneinander
die Kassiererin lächelt,
die Kasse zeigt eine Summe,
die in ein weißes
Logbuch geschrieben wird –
ins wunderbare
Buch der Wandelungen
gern würde ich die Rechnung
für dich begleichen:
die unbezahlten Stunden,
in denen du
unsere Zimmer geputzt hast,
bis dein Gesicht
glatt war
wie Raureif.

II
in meinem Mantel,
der oben zu weit ist,
trete ich hinaus.
mein Gesicht,
zusammengekniffen,
der Winter nimmt mich ein.
und die Erinnerungen an dich
bröckeln langsam vom Putz.
dass ich kaum Erinnerungen habe,
als seist du ein Archipel,
so kam es mir oft vor.
als der Winter mich ganz einnordet,
taucht doch noch etwas auf:
dass du schon damals
leicht und dünn warst,
dass ich dich schon als junger Mann
umarmte –
wie heute
den Winter.

 

III
die Müllabfuhr
holte das Blumengesteck ab.
die Flocken stoben auf,
als ich meine kalte Stimme
wälzte –
wie du es zuletzt
gemacht hattest.
kaum hörbar
warst du gewesen.
„man wird immer weniger“
waren deine letzten Worte.

 

Thimo Buchmüller

 

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freiVERS | Thimo Buchmüller

renn papa renn

es ist eine ewige hetz
um das gute

die straße wird verschoben
in und aus dem sichtfeld

renn papa renn

das tachometer zeigt
77 fahrenheit zu viel

und die kleine wartet
alleine in der wohnung

mit ihrer kleinen taschenlampe
aus der ferne
macht sie lichtsignale
die sich wie wolken
über mein auto schieben

renn papa renn
du kommst zu spät

dann ist sie groß
steht mit ihrer schultüte am zaun
und wartet auf dich
ihr blick auf ihre schuhe

renn papa renn
die zeit ist kostbar

wir haben ferien
deine taschenuhr
zeigt an, dass ich altere

 

Thimo Buchmüller

 

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freiVERS | Thimo Buchmüller

Uhu

Der Uhu, bubo bubo,
schlief in der Scheune
neben mir.

Am Morgen
nahm er mein Augenlicht.
Ich stutzte seine Flügel
als Gegengabe.

In der Nacht
vergaben wir einander.
Unser Sinn für Orientierung
war ähnlich.

Meine Netzhaut begann zu sehen.
Seine Flügel wuchsen –
länger, länger –
bis seine Federn mich kitzelten.

Weich wie Daunen:
der große Jäger.

 

Thimo Buchmüller

 

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