freiVERS | Olga Lakritz
die krachende zukunft hinterlässt mir bloss konfetti
die ich zusammenwische
ich wünschte noch ich wüsste was ich wollte
da ergriff mich bereits die angst mit ihrem
walfischmaul
und schluckte mich ganz
viele tage wanderte ich watete durch schilf durch halbtiefes wasser
und blieb mit beiden gummistiefeln stecken
ich berührte die magenwände die meine eigenen waren
und beschloss die suchaktion abzubrechen
anderntags fand ich meine schwester – ein toter fisch – am strand
auch dich werden einmal die gezeiten zurück ins offene meer holen
und ich schmeckte sogleich die salzige freiheit auf der eigenen zunge
in meinen unterarm trennten sich die blutgefässe von mir
ich sprach zu mir selbst das leise lied aus der kinderwiege
aus der mich die kobolde stahlen und an meiner stelle
eine glaspuppe hinterliessen
durch den fluss ging ich aufwärts und suchte den ort an dem fische sterben
ich stellte mir vor ich fände ihren friedhof
stattdessen fand ich ein verlorenes stück mond in einer grube
es flackerte mir entgegen und ich nachtkind hob es auf
verstehst du nun fragte ich die tote fischschwester
doch sie gab keine antwort
aus den steinen tropfte das süsse wasser auf meine haut
beglichene schulden erschienen am himmel und die gläubiger fielen
auf die knie und beteten zu ihrem gott in fremden zungen
ertrunkene stimmen lockten mich legten sich auf meine zunge
schon stand ich auf und betrachtete das meer von der anderen seite aus:
auch hier sah ich meine tote fischschwester die sich weigerte
mit mir zu sprechen obschon ich sie mehrmals auf einen kaffee einlud
nun gut
sagte ich und stieg eine rote treppe hinab und fand ein neues land
ganz nebenbei wurde hier die seele in stücken gehandelt
und ich verlor sogleich die meinige im tausch gegen etwas mehl
es nickten zustimmend die fischfrauen auf dem markt
ausgelöst von einer tiefseenot befand ich mich bald auf offenem meer
bald erneut im walfischbauch
bald schon zuhause: es wartete ein stapel leerer kaffeetassen
und der wille sass stumm in der ecke
ich frass das plankton von den fensterläden und jalousien
ich nahm das stück mond und steckte es mir zum nachtisch in den mund
freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
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