freiVERS | Miriam Brümmer

Es kommt anders

Der von Flügelschlägen
zerpflückte Morgen unentschieden.
Schwarze Nacht wagt sich
zu nah an meinen Winter.
Die Krähen vertagen schreiend die
Dürre des Sommers, die
nicht zu fluten aufhört.

Ich lösche das Licht auf den Satzenden,
bis sie von vorne leuchten.

 

Miriam Brümmer

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Jessica Ramsauer

Die Geschichte der leisen Schwingung

Als ich ankam, war mein Atem rau und unruhig, als würde mein Körper noch immer Wege fürchten, die längst vergangen sind. Der Flur fühlte sich an wie ein Ort zwischen damals und jetzt. Doch als sich die Tür öffnete, blieb die Vergangenheit kurz stehen — als hätte sie gemerkt, dass sie hier nichts zu suchen hat. Ich trat in einen Raum, der vielleicht bald meinen Namen lernen könnte.

Wir setzten uns. Zwei Menschen, zwei Welten, die sich noch nicht kannten, aber einander vorsichtig abtasteten.

In mir gibt es einen Ort, der tief unter der Oberfläche liegt — ein leises Feld aus Schwingung und Wahrnehmung. Dort höre ich alles: Tonlagen, Tempo, kleinste Bewegungen der Aufmerksamkeit. Es ist der Ort, an dem ich spüre, ob jemand wirklich bei mir ist oder ob ein halber Schritt ins Innen fehlt.

Manchmal bewegte sie sich schneller als ich. Dann verzog sich etwas in diesem inneren Feld, als würde eine Saite kurz den Kontakt verlieren. Ihre Worte glitten mir davon, noch bevor ich wusste, was ich sagen wollte. Ich verlor sie nicht ganz — aber gerade so, dass sich ein feiner Schleier zwischen uns legte. Fein genug, um unsichtbar zu sein, dicht genug, um mich zu schützen.

Und dann gab es Momente, in denen sie tiefer sank. Ihr Atem wurde ruhiger, ihre Stimme weicher, ihr Blick durchlässiger. Dann traf ihr Klang den meinen. In mir wurde es warm, ein Stück Erde unter den Füßen, die vorher gefehlt hatte.

Wir sprachen über vieles, und doch mehr über das, was zwischen den Worten lag. Über Geschichten, die schwer tragen, aber in dieser Geschwindigkeit noch zu groß sind. Über Linien, die in mir weit zurückreichen. Über das Ringen zwischen Sehnsucht und Schutz, Nähe und Rückzug.

Es gab Augenblicke, in denen der Klang der Welt lauter war als der zwischen uns. Manchmal füllten Wörter den Raum, bevor wir gemeinsam den leisen Punkt fanden, an dem sich Innen und Außen berühren. Ich merkte, wie schnell sie in eigenen Bildern sein konnte — und wie mein System dann kurz aussetzte, wie ein Echo ohne Ursprung.

Aber dann — gab es diesen einen Moment. Ganz am Ende. Die Zeit war schon schmal geworden, Schritte warteten irgendwo jenseits der Tür. Und doch geschah etwas Weiches: eine Geste, warm und klar, deren Berührung nicht in der Haut lag, sondern in der Aufmerksamkeit. Ein kurzer, stiller Takt, in dem sich ihre Wärme mit meiner traf — gerade lang genug, dass mein Körper verstand: Hier darfst du landen.

Dieser Augenblick blieb. Er wanderte mit mir hinaus, als hätte ein feiner Rest ihres Tons irgendwo in mir einen Platz gefunden — ein kaum hörbarer Nachklang, der noch einen Moment verweilt, bevor er sich wieder in die Stille legt. Kein Anhaften — eher der sanfte Abdruck eines Haltens, das aus Tiefe statt aus Pflicht entsteht.

Und so begann etwas, das noch keinen Namen hat — ein zarter Versuch, zwei Systeme aufeinander einzustimmen. Nicht über Worte und nicht über Wissen, sondern über das, was darunter wirkt: das stille Erkennen, wenn ein Mensch einen Ton trifft, der schon lange darauf wartet, wieder zu klingen.

 

Jessica Ramsauer

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Louisa Dormann

Fluchtfantasien

In unseren Betten ist Platz, wir
Frieren in der Nacht, wir
Haben uns verloren, wir
Finden uns damit ab, wir
Finden uns spät in der Nacht, wir
Drehen nochmal die Zeit zurück, wir
Sind gemeinsam einsam, wir
Fürchten uns vor dem Alleinsein, wir
Finden Halt im Beisammensein, wir

Sprechen über Belangloses, wir
Schweigen über unsere Finsternis, wir
Machen uns nur etwas vor, wir
Flüchten uns in die Illusion, wir
Suchen nach einer Richtung, wir
Verirren uns im Palindrom, wir
Laufen rückwärts vor die Wand, wir
Ergeben uns dem Minimum, wir
Geben uns damit zufrieden, denn

In der Stille ist der Lärm, der
Keine Ruhe gibt, der
Schwer auszuhalten ist, der
Leiser ist, wenn du da bist, wir
Verdienen mehr als wir uns wünschen, doch
Bekommen nur, was wir uns geben, und
Im Morgengrauen erkennen wir, dass
Was wir dachten, was wir hatten, nie
Mehr war und sein konnte als

Eine nachtdurchträumte Fluchtfantasie

 

Louisa Dormann

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Lena Maria Trohar

Die geweihten Tage

Rosa, rosarot. So steht der Baum, den ich meine. Der, der mich in meiner Kindheit schon begleitet hat. Auf den der Bruder geklettert ist. Von dem der Vater gefallen war. Als er die Triebe schnitt. Unter dessen Erde wir den weißen Abdruck seines Arms vergruben. Rosarot, wie sie bei der Nachbarin nicht sind. Weiß dort und viel weniger üppig. Vielleicht bei uns so üppig, weil der Vater in dem einen Frühling nach dem Sturz die Triebe nicht geschnitten hat. Und die Großmutter zufrieden. Denn was sie zufrieden macht, sind die Früchte, die uns die Natur gibt. Die ohne ihr Zutun wachsen, jedes Jahr neu wachsen. Neu wachsen und wieder neu wachsen. Rosarot, wie ich es sonst nur ein anderes Mal gesehen habe. Auf der Leinwand. In den übergroßen Spiegelungen ganzer Welten. Gespürt habe ich es, den Windhauch im Geäst. Die Federstriche jeder Nuance. Und dann war ich stolz. Stolz auf den unseren.

Rot, kirschrot. Was die Großmutter noch zufriedener macht als das üppige Wachsen, ist das üppige Ernten. Es wird auf den einen Tag gewartet, den einen richtigen. Man fürchtet, dass die Vögel sich schon zu festlich bewirten. Aber der Tag im Kalender muss stimmen. Die Großmutter weiß es. Dann ist es soweit. Der Vater steigt auch wieder hinauf. Ein Eimer hängt mit einem Strick an seiner Hüfte. Ich darf nur die Leiter halten, auf der die Mutter steht. So viele Kübel waren es noch nie. Wir essen, bis wir nichts mehr schmecken. Das Trinken ist mir verboten. Kirschrot der Saft, der aus der Flasche läuft. Hitze im Steinofen, trotz des Sommers. Aber die Früchte müssen eingekocht werden. Heute. Es steht Fruchttag im Kalender. Kirschrot meine Lippen. Die Lippen der Eltern, des Bruders und der Großmutter. Betrunken vor Freude. Ich schaue in den Spiegel. Ziehe die Schnute. So gefärbt gefalle ich mir. Was der Baum kann, denke ich mir. Und wie haltlos glücklich die Großmutter ist.

Braun, rotbraun. Ich verstehe es nicht. Ich weine. Ich frage. Ich verstehe es nicht. Rotbraun das Holz, das aus dem Stamm geschnitten wird. Orange der Griff der Säge, die hindurchgleitet. Und ich verstehe es nicht. Wir waren doch so glücklich gewesen. Als wir ernteten, als wir einkochten, als wir aßen und tranken. Wir waren doch glücklich gewesen in der schwülen Küche. Und stolz. So wie ihn die Nachbarin nicht hat. Rotbraun die Bretter, die in der Werkstatt liegen. Aus denen etwas gemacht wird wie eine Kommode oder ein Nachkästchen. Die Bretter, die dort so lange liegen. Weil nichts aus ihnen gemacht wird. Aber braun, rotbraun der Stumpf, den ich sehe, wenn ich aus dem Fenster der Stube schaue. Wenn ich schaue und immer noch nicht verstehe, weil man den Kindern nur die schnellen Antworten gibt. Ich stelle mich daneben, darauf. Betaste die Schnittwunde. Braun, rotbraun. Und Gelb. Der Laubfall der anderen Bäume.

Rosa, rosarot. Muss es werden, um zu werden, was ich mir wünschen darf. Am vierten des letzten Monats. Der Kalender der Großmutter hätte heute gesagt. Ich denke an dem Stumpf in unserem Garten. Sehe ihn vom Fenster der Stube aus. Ich bin nicht mehr dort. Aber ich kenne die geweihten Tage. Da, wo ich jetzt bin, muss ich hinaus. Viel weiter hinaus. Bis ich einen finde. Da glänzt er mit den Streifen rundherum wie ein Silberfisch. Rosarot muss ich hoffen. Zwicke drei eiskalte Zweige ab. Benenne sie. Stelle sie ins Wasser. Warte.

 

Lena Maria Trohar

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Katja Hummel

Enteignung

ich hol mir die städte zurück
die auf meiner landkarte
deinen namen tragen

die gemeinsam durchschwommenen
Seen und Meere

deine liebsten wörter
sind nicht mehr mein alphabet

ich schaue nicht mehr weg,
wenn deine straße kommt

dein zorn
macht mein herz
nicht mehr stumm

ich finde in mir
fast vergessenen mut

stück für stück
überschreib ich dich
befreie,
was du nicht loslassen willst

öffne die orte in mir
die dich noch immer lieben
und lasse ihnen ihre trauer

entferne zärtlich
deine hand aus meiner
finger für finger

bis ich die leere spüren kann
auf meiner haut

die luft
schließt sich
hinter dir

 

Katja Hummel

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Elisabeth Bendl

Roadtrip

Renault 19. Ihr erstes Auto. Die Fahrertür, nur mit Spanngurt zu schließen, das Fenster der Fahrerseite, mit einem Keil fixiert.
Die erste Fahrt, eine Kassette mit Klebeetikett am Beifahrersitz, die Aufschrift „für dich“. Der Motor wird gestartet, es raucht und ruckelt. Dann los, die Musik nach jedem Kilometer um eine Essenz lauter drehen. Red Hot Chili Peppers, Metallica, Foo Fighters, Aerosmith. Begleiter, die bleiben werden.
Ohne Ziel und mit der Gewissheit, dass sich Freiheit genauso anfühlt. Dass das, was noch kommt, gut werden wird. Es ist heiß, der Fahrtwind dröhnt in den Ohren. Immer schneller über die Straßen, ohne Ziel. Dann die Erkenntnis, dass eine Tankfüllung endlich ist.

Opel Astra. Trinke niemals beim Fahren! Hörst du, niemals!
Nur ein Glas, ist nicht schlimm. Ein Zweites, ich kann schon noch fahren.
Zu siebt im Fünfsitzer. Die Erste mit Führerschein. Neue Bekanntschaften, dem Führerschein geschuldet. Von einem Festl zum nächsten. Jedes Wochenende dasselbe Spiel. Kennt man ein Dorf, kennt man alle, die Zelte in den Hallen der Bauern gleichen einander, die Tequilabar ist immer aus demselben Holz geschnitzt.
Der Heimweg. Lachen, singen, rauchen. Die Wodkaflasche geht im Kreis, macht auch nicht vor der Fahrerin halt. Schleichwege, um nicht der Polizei in die Hände zu fallen. Ein wenig schneller, aufs Gas drücken. Ein Auto von rechts, sie hat es spät bemerkt. Vollbremsung. Glück gehabt, schon wieder. Im Nachhinein gesehen reiner Zufall, den Eltern der Freunde ihre Kinder nicht genommen zu haben.

BMW 3er. Das Auto des besten Freundes, damals an der Uni. Ein Feldweg am Rande irgendeiner größeren Ortschaft. Bahngleise und das regelmäßige Rumpeln der Güterwagons. Fünf Uhr früh, ein Herbsttag. Die Scheiben beschlagen, verschwommene Bilder dringen nach innen – und nach außen. Er sitzt am Beifahrersitz, sie auf ihm. Der Schalthebel ist im Weg und stört dennoch nicht. Gleichmäßige Bewegungen des Autos, vor und zurück, gleich einer Wippe. Das Quietschen der alten Stoßdämpfer. Das Autodach direkt über ihrem Kopf, sie muss ihn leicht schräg halten, so stört es nicht. Der BH am Fahrersitz, ihre Hose über der Rückbanklehne. Ihre Beine schmerzen, gut ist es dennoch. Ein Mann drückt seine Nase an die Fensterscheibe der Fahrertüre.

Nissan Micra. Ein letzter unbeschwerter Sommer. Damals noch die Hoffnung, dass viele dieser Sommer folgen sollten. Gleich nach dem letzten Semester an der Uni die Fahrt in den Süden. Die beste Freundin am Beifahrersitz. Den winzigen Kofferraum vollgestopft mit Zelt, Kleidung und Bier. Frei sein, zwei Wochen lang. Ein langer Weg bis an die Grenze, die wenigen PS bremsen aus. Endlich Villach, dann die fremde Luft, die auch nicht anders riecht als in Österreich. Die Musik bis zum Anschlag aufgedreht. Französische Chansons, nur diesen Sommer. Landstraßen fahren, um Mautgebühren zu sparen. Das Geld wird für Wichtigeres benötigt. Überrascht, wie wohltuend das Meer auf die Seele wirkt. Baden im Salzwasser, Spaziergänge am Strand, Bier am Lagerfeuer. Lachen, bis die Tränen die Wangen hinablaufen. Der Schmäh, den man nur versteht, wenn man sich eine Ewigkeit kennt.

Range Rover. Eine lange Sommernacht in Wien. Sie steigen ein in sein Auto, scheinbar mit demselben Ziel. Intensive Gespräche, verstohlene Blicke, vorsichtige Berührungen. Ein Stopp am Straßenrand. Sein Lächeln, ihr Zittern. Der erste Kuss. Das Herzklopfen muss doch etwas bedeuten. Langsamer fahren als nötig, um mehr Zeit miteinander zu haben. Herausfinden, wohin die Fahrt gehen soll. Die Hoffnung, Liebe gefunden zu haben, ohne je herauszufinden, was Liebe wirklich ist. In dem Glauben sein, dass das, was kommen wird, gut werden wird. Das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, verdrängen. Es muss Liebe sein.

Ford Focus. Das Begräbnis des Vaters. Zehn Jahre ist sie diese Strecke nicht mehr gefahren. 506 Kilometer auf verschneiten Straßen Zeit, um die Trauer zu suchen. Das, was sie findet, ist Erleichterung, vielleicht. Dann, angekommen am Ziel, hagelt es. Nicht nur Eiskörner, auch Vorwürfe.
Einige Stunden lang prasseln die Worte der Vergangenheit auf sie ein, sie hält es aus, lässt es geschehen, niemals wieder wird sie an diesen Ort zurückkehren.
Der Ford macht Mätzchen, die Kupplung reißt. Mitten auf der Romantikstraße. Ausrollen lassen, Motor stoppen und schreien. Tränen fließen keine.

VW Golf Kombi. Zwei Kindersitze auf der Rückbank. Der erste Weg führt zum Kindergarten, noch eine letzte Umarmung, die Kinder sind ruhig und weinen dieses Mal nicht. Das schlechte Gewissen bleibt. Weiter Richtung Arbeit, Stau wie jeden Morgen. Die Playlist: Wir sind am Leben, Back to Black, No Roots, Highway to Hell. Die späte Erkenntnis, dass es doch keine Liebe war. Die Kinder, die ein Leben, wie sie es sich gewünscht hat, nicht mehr möglich machen. Die Frage, wann und ob ein Airbag aufgeht, wenn man auf das Lenkrad einschlägt. Und dann die Tränen. So fühlt sich also Trauer an.

Skoda Oktavia. Immer noch Kombi. Die Wege haben sich geändert. Kein Kindergarten vor der Arbeit, sondern Taxiunternehmen nach der Arbeit. Für die Kinder. Klavierspielen, Reiten, Tennis, Freunde. Sie kümmert sich. Er nicht mehr. Das Sorgerecht hat sie bekommen. Es war eindeutig. Kein Ermessensspielraum. Säufer bekommen Besuchsrecht, nicht mehr und nicht weniger. Sie sollte erleichtert sein. Der Beifahrersitz bleibt leer. Keine Wut, keine Schläge, keine Schikanen, keine Tränen, keine Trauer. Ein neues Leben, nur mit den Kindern am Rücksitz. Heute hört sie keine Musik.

Jeep Cherokee. 25 Jahre später an der Grenze, kurz nach Villach. Ein Auto für sie alleine. Sie öffnet die Fenster, kann das Meer schon riechen. Die Kinder erwachsen, der Wunsch, die letzten 20 Jahre auf der Stelle nachzuholen. Das Leben spüren, so wie damals, mit 18, die erste Fahrt in ihrem Renault 19. Sie gibt Gas, erinnert sich an ihre erste Reise in den Süden, ihre Freundin am Beifahrersitz. Das Lachen, die Lebenslust, die Vorfreude auf das, was kommen sollte. Auch dieses Mal wählt sie die Landstraßen, sie hat Zeit. Das Ziel: Der Campingplatz von damals, die ewig langen Sandstrände, der Aperol, das Lagerfeuer. Sich selbst suchen und vielleicht auch finden. Auch dieses Mal wieder: Französische Chansons. „Je veux de l′amour, de la joie, de la bonne humeur“.

 

Elisabeth Bendl

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Jan-Erik Grebe

Silberfischchen

Geht es ihnen gut
den Silberfischchen
zwischen Badezimmer
und Monstera jagend
nach Milben
und Schuppen
unserer alten Welt
in Zimmern
schon gefüllt mit
fremden Möbeln
fehlt er dir auch
der Blick
aus dem Kinderzimmer
auf die Wälder
die Wendeltreppe
die uns atemlos ließ
Weißt du noch
sagst du
mit deinem
Windspiellachen

 

Jan-Erik Grebe

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Gabriele Raimer

Thailand – Leise Wege, weites Herz

Aufbruch – Dem Ruf folgen
„Du hast es tatsächlich geschafft“, sagte Andrea und lächelte. Diese Reise, die vor ihr lag, hatte mit einem Flüstern, nicht mit einem großen Entschluss begonnen.
Das Gepäckband summte, Menschen eilten an ihnen vorbei, die Luft roch nach Kaffee und Kerosin. Ulli hob den Kopf, ihr Lächeln war unsicher, fast verloren.
„Geschafft? Na ja“, dachte sie. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an, eher wie eine fremde Stimme aus einer anderen Zeit. Vor vierzig Jahren war sie schon einmal aufgebrochen – jung, frei, voller Hoffnung. Damals war es das Land der weiten Himmel, der stillen Gesichter, der Leichtigkeit hinter dem Lärm. Damals hatte sie geglaubt, das Leben sei unendlich weit.
Nach Krankheiten, Abschieden und dem langsamen Verstummen ihrer Träume war in ihr eine Sehnsucht erwacht. Jetzt wollte sie zurückkehren, dorthin, wo sie sich so lebendig gefühlt hatte. Lange hatte sie die Reise hinausgezögert. Thailand, allein, auf eigene Faust, so weit weg – ein Traum, der unter dem Staub des Alltags zu verschwinden drohte.
Aber sie spürte, dass Stillstand ihre Lebensgeister ersticken würde. Die Bequemlichkeit hatte sich wie feiner Staub, kaum sichtbar, aber schwer, auf ihr Leben gelegt. Und dann war da diese Angst: Was, wenn sie zusammenbrach? Wenn die Kraft nicht reichte? Wenn sie sich selbst überschätzte? Gleichzeitig wusste sie: Sie hatte sich nie besonders gut eingeschätzt, wenn es um Dinge wie Treppenstufen mit schwerem Koffer ging. Und dennoch war sie immer angekommen.
Das leise Flüstern wurde immer lauter. „Was, wenn da noch etwas auf mich wartet? Etwas, das ich verloren glaubte?“ Mit der Frage kam die Angst, aber auch die Hoffnung.
„Geh“, sagte die Stimme in ihr. „Warte nicht. Folge dem, was dich lebendig macht.“
Als sie ihre Wohnung verließ und der Abschied von zu Hause nicht mehr rückgängig zu machen war, fühlte sie sich wie ein Wassertropfen, der über ein Blatt rollt, kurz zittert und sich dann der Schwerkraft übergibt. So hatte sich der Beginn dieser Reise angefühlt. Wie ein Aufbruch, der unausweichlich war.
Und nun stand sie da. Das Gewicht der Tasche in ihrer Hand und das viel größere Gewicht der Entscheidung auf ihren Schultern. Andrea sagte nichts mehr. Ihre Umarmung war still, ein Versprechen, als der Lautsprecher zur letzten Aufforderung rief. In Ulli regte sich ein Satz, den sie einmal gelesen hatte und der jetzt wie eine Gewissheit in ihr aufstieg:
„Wenn du deiner Freude folgst, findest du den Weg, der immer auf dich gewartet hat. Und wo du Wände vermutest, öffnen sich Türen.“
Ein Atemzug. Ein Zittern. Ein erster Schritt.
Langsam, beinahe tastend, ging Ulli los. Fort von allem, was sie gehalten hatte – hinein in etwas, das sie nicht kannte. Als sich die Türen zum Gate hinter ihr schlossen, wusste sie: Es war ein Ruf zur Rückverbindung. Mit sich selbst. Mit dem Leben. „Etwas in mir ist jung geblieben“, flüsterte es in ihr. Es schaut noch immer mit staunenden Augen. Ein Gefühl von Freiheit – jener Freiheit, die man nur spürt, wenn man wirklich losgelassen hat.

Ankunft im fremden Licht
Am Ausgang des Flughafens stand ein Mann mit einem Schild in der Hand, auf dem ihr Name geschrieben war. Er lächelte, nahm ihr Gepäck entgegen und öffnete die Tür zu einem Wagen, in dem kühle Luft vom Ventilator surrte. Ulli stieg ein. Den Anfang hatte sie bewusst organisiert, um sich sanft auf das Neue einlassen zu können.
Die Fahrt nach Hua Hin zog sich hin. Palmenhaine wechselten sich ab mit staubigen Straßen, kleinen Dörfern mit bunten Fassaden, die Strommasten mit ihrem Kabelchaos, Neonlichtern und Werbetafeln für Schönheitskliniken und Zahnarztpraxen. Das Land wirkte noch immer wie ein großes Versprechen für makellose Haut, perfekte Zähne, ewige Jugend.
Im Radio spielte leise Musik. Eine Sprache, die sie nicht verstand, die sie aber nicht störte. Sie saß ruhig da, zwischen zwei Welten. Nicht mehr dort, noch nicht ganz hier. In dieser Schwebe lag ein eigener Raum, still und offen.
Das Hotel, schlicht und weiß, lag eingebettet in einen tropischen Garten, in dem die Grillen zirpten. Ein junger Mann brachte sie in ihr Zimmer, zog die Vorhänge zur Seite, und da war es: das Meer.
Ulli stellte ihre Tasche ab, zog die Schuhe aus und ging hinunter zum Strand. Die Sonne stand tief, der Himmel spiegelte sich golden im Wasser wie ein Willkommensgruß. Sie blieb lange stehen, reglos.
Sie hatte es tatsächlich geschafft. Trotz aller Zweifel, trotz der Stimmen, die sie zur Vorsicht mahnten. Andere machten Kreuzfahrten in ihrem Alter, sie hatte das Abenteuer gewählt. Ein Gedanke, der sich wie ein großes Lächeln in ihr ausbreitet.
Es war nicht nur die Schönheit, die sie berührte. Es war auch ein Wiedererkennen. Vor Jahrzehnten hatte sie an einem ähnlichen Strand gestanden – jünger, offener, verliebt in das Leben. Damals hatte sie sich als Teil von etwas Größerem empfunden, leicht und unbesiegbar. Dieses Lebensgefühl war nie ganz verschwunden. Jetzt konnte es, verborgen unter der Oberfläche ihrer Erinnerungen, wieder langsam auftauchen. Trotz der Angst, die sich nicht ganz abschütteln ließ, war ihre Sehnsucht stärker. Eine Sehnsucht, die nicht in die Vergangenheit wollte, sondern in ein Weitwerden des Jetzt.
Diese Reise war ein Wagnis. Aber sie war auch ein Zeichen dafür, dass so noch etwas mit 70 Jahren möglich war.
Ulli atmete tief ein. Für einen Moment war alles einfach: die Luft, das Licht, der salzige Wind. Das Leben rief noch immer.

 

Gabriele Raimer

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Lea Matusiak

mond und die see

du stehst da
königsblau, vor mir
durch die haut schimmert das mark
leicht, zwischen uns
liegt ein heft, eine
kassette und ein
fertig gedrechselter stift
du blickst herüber
verwegen ergraut
unter uns einigkeit
dass wir uns uneinig sind
deine tränen sind schon
mondversonnen
im sande der nacht und im schatten
verronnen, zwischen uns
blaukraut und brautkleid
unter uns die see

 

Lea Matusiak

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Antonia Schneider

Danke für Nichts

Mit einer Bewegung, deren Routine ich auch im Halbschlaf beherrsche, schalte ich den zwitschernden Wecker aus. Dieses Mal wird nicht auf den Snooze-Knopf gedrückt, obwohl ich meine Augen kaum offenhalten kann. 5:15 Uhr. Ein mindful morning, den ich mit einer Routine starte, die mir der Life Coach gepitched hat. Die beige gehaltene Präsentation mit dampfenden Tees, mokkafarbenen Notizbüchern auf Leinenbettwäsche und magischen Naturpfaden, die von Menschen begangen werden, auf deren T-Shirts Sprüche zu sehen sind wie Let nature nurture you, hat mich überzeugt. Ich möchte auch glücklich durch wilde Landschaften wandern. Ich möchte die lächelnde Frau sein, die den Moment auskostet und ihre übergroße Tasse Tee wie ein Neugeborenes in den Händen hält. Für die beste Version meiner selbst nehme ich viel in Kauf. Ich fülle meine Warenkörbe regelmäßig mit Aromasprays, Gesichtsmasken und überteuerten Teesorten mit sprechenden Namen, wie Zen Balance, Wonderful Morning oder Be Happy. Wenn letzteres bloß so einfach wäre, würde ich mir eine Menge ersparen. Krampfhaft versuche ich den letzten Rest Zahnpasta aus der Tube zu quetschen, stecke mir die Zahnbürste, deren krummgebogene Bürsten mich an meine eigene Körperhaltung erinnern, in den Mund und starre mich an. Dass ich mich dabei gar nicht so richtig sehe, weil der Spiegel mit positiven Affirmationen vollgeklebt ist, ist egal. So genau muss ich mich ohnehin nicht ansehen, um zu wissen, dass die Augenringe nach wie vor nicht weniger geworden sind. Weniger geworden ist nur meine Lebenslust, aber daran arbeite ich schon. Und wie ich arbeite. Ich gebe ständig mein Bestes, übernehme den Lead in jedem Projekt und mache freiwillig Überstunden, um mir später eine Auszeit leisten zu können. No pain, no gain. Jede Lifestyle-Zeitschrift wird auf Selflove und Wellness durchforstet. Jedes Instagram-Reel, das ein Geheimrezept für ein glückliches Leben verspricht oder in 10 Schritten zu mehr innerer Balance verhelfen soll, wird abgespeichert. Mir selbst fehlt jedoch jegliche Balance, weil meine müden Augen ständig am Handydisplay hängen, anstatt auf die Gehsteigkante zu achten. Ich spucke den winzigen Rest Zahnpasta ins Waschbecken. Inhale. Exhale. Mit meinem Rosenquarzroller fahre ich meine erschöpften Gesichtszüge entlang, um mein schlafloses Ich in ein Energiebündel zu verwandeln. Energize! Vom Zombie zum Model in 5 Minuten. Mit allen Mitteln versuche ich meine zerknitterte Stirn zu plätten und mir meine Frustration aus den Wangen zu rollen. Aber das Einzige, was dabei rollt, sind meine Augen. Was mache ich hier eigentlich? Ich merke, dass ich das Gefühl nicht abschütteln kann, etwas falsch zu machen und während ich vergebens darauf warte, dass sich eine innere Zufriedenheit einstellt, lese und scrolle ich mich weiter durch Ratgeber und Reels. Die darin enthaltenen Imperative schreien mich an, zerren an mir, nehmen mich auseinander und tauschen mich gegen eine vermeintlich bessere, produktivere Version meiner selbst aus und immer wieder suche ich den Fehler bei mir. Resigniert trete ich in die Küche, um mir einen Matcha-Latte einzuschenken. Dieser solle meinen inneren Antrieb und meine Produktivität fördern, sagt der Life Coach. Schmecken tut er mehr nach Teichwasser als nach innerem Antrieb, aber ich versuche mich streng an die Vorgaben zu halten. Mit jedem Schluck wird die Welt um mich herum farbloser, nein, pastellfarbener. Mein Leben wirkt wie ein Pinterest-Board. Auch meine Emotionen bleiben seit geraumer Zeit pastellfarben und schlagen in keine Richtung aus. Ich bin mintgrün vor Neid auf jene Menschen, die mir aus ihren Social-Media-Kanälen glücklich entgegenlächeln. Ich erlebe keine blauen Wunder mehr. Ich sehe nichts durch eine rosarote Brille. Ich sehe nicht mal mehr Schwarz. Ich sehe beige und löffle freudlos meine Porridge-Bowl. Einheitsbrei. Auf die funkensprühende Lebensfreude, die mir der Life Coach versprochen hat, warte ich vergebens. Meine cremefarbene Euphorie steckt in einer Makramee-Blumentopfampel, die so hoch hängt, dass sie kaum erreichbar ist. So wie meine Erwartungen an mich selbst. In Instagram-Stories sehe ich, wie andere ihr Leben managen und fest im Griff haben. Mein Leben wirkt momentan eher so wie ein lascher Händedruck, wobei Druck hier wohl die falsche Wortwahl ist. Den Druck spüre nur ich. Anpassungsdruck. Leistungsdruck. Optimierungsdruck. Ich fühle mich wie ein pfeifender Teekessel kurz vorm Überkochen. Mir kommt der Dampf schon aus den Ohren und ich fühle mich innerlich leer. Ausgetrunken. Weggeworfen. Mittendrin im Zerfallsprozess. Das Pampasgras und die Trockenblumen, deren Hochblüte ebenso vergangen ist wie meine, stimmen mir zu. Ich würge den letzten Rest des Matcha-Lattes hinunter, schalte das Radio ein und kritzle lustlos ein paar Zeilen in mein Gratitude-Journal. Danke für…? Nichts will mir einfallen. „Danke für Alles“ von Endless Wellness ertönt aus den Lautsprechern und ich übertrage den Songtitel in das Notizbuch und mache mich mit einem Ohrwurm im Kopf auf den Weg ins Morning Yoga. Dort warten bereits die üblichen Verdächtigen, die sich aus dem kuschligen Bett quälen, um vor einem arbeitsreichen Tag noch kurz etwas „nur für sich“ zu machen. Sacred Selfcare. Die Yoga-Trainerin sitzt im Lotussitz mit geschlossenen Augen auf ihrer Matte in einem Raum, der Entspannung und Ruhe flüstert. Ich schleiche an ihr vorbei, wie ein Teenager, der zu spät vom Fortgehen nachhause gekommen ist und die schlafenden Eltern nicht wecken will. Der naturbelassene Holzboden knarzt unter meinen Füßen und sofort öffnen sich ihre Augen. Mit einem betont freundlichen Blick legt sie die Hände vor dem Herzen zusammen und beugt sich mit einem gehauchten „Namaste!“ nach vorne. Ertappt nicke ich ihr zu und suche mir die nächstgelegene Ecke, wo ich meine von den herabschauenden Hunden zerkaute Matte ausrolle. Spiritual Growth. „Guten Morgen, ihr Lieben! Ich bin Alina und gemeinsam fließen wir heute durch eine kraftvolle Einheit.“ Ich unterdrücke ein Gähnen. Ihre Stimme scheint keine Höhen und Tiefen zu kennen und um Letzterem zu entkommen, versuche ich mich auf Biegen und Brechen zu entspannen. „Diese Stunde steht unter dem Motto The Secret Within und lenkt unseren Fokus auf die innere Weisheit.“ Ihre Ausgeglichenheit raubt mir zunehmend den letzten Nerv. „Wir atmen tief ein und vertrauen auf unser Bauchgefühl.“ Aber dort, wo ich mein Bauchgefühl vermute, spüre ich nur die Leinsamen meines Porridges, die meine Verdauung ankurbeln. Nourish yourself. Ich scheiß auf die innere Weisheit! Ich will dieses Gefühl loswerden, das in meiner Brust brennt. Um mich gut zu fühlen, lege ich Ehrgeiz, Fleiß und Disziplin an den Tag und kann dafür nachts nicht mehr schlafen. Alina wirft ihre blonden Beachwaves für eine Herzöffnung in den Nacken, ehe sie in die Haltung des Baumes wechselt und ich es ihr gleichtue. Meine Zehen krallen sich dabei in die spröd gewordene apricotfarbene Plastikmatte und ich beginne zu hinterfragen, warum ich so viel Geld in dieses Yoga-Abo investiere anstatt in eine vernünftige Wohnung. Matsyasana statt Mietpreisdeckel. Meine Krise ist zum Geschäftsmodell geworden. Für jedes Gefühl gibt es das passende Produkt und die Kundinnen und Kunden stehen für scheinbar mehr Zufriedenheit nicht nur Schlange, sondern auch auf einem Bein in der Hoffnung ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Aber so wie meine Matten-Nachbarin gerate auch ich in Schieflage beim Versuch in der Haltung des Baumes zu verharren. Alina lächelt wohlwollend und mein Blutdruck steigt beim Anblick ihres Vergnügens. Find stillness in the storm. Ich muss an ein Reel denken, dass ich mir am Vorabend angesehen habe. Reel. Was für ein trügerischer Name. Als wären diese 10-Sekunden-Videos wahrhaftige, reale Einblicke in das Leben von soul_glow und wie sie alle heißen. Wie kann man nur zehnsekündige gelbstrahlende Labrador-Happiness mit dem eigenen Alltag vergleichen? Einfärbige Emotionen kommen nicht gegen das reiche Farbspektrum des Lebens an. Ein letztes Mal versuche ich die Haltung von Alina zu imitieren und scheitere. Nun sollen wir uns bei uns selbst bedanken, dass wir heute den Weg auf die Yogamatte gefunden haben, und dabei habe ich erst vor einer Stunde mein Gratitude-Journal ausgefüllt. Mir schwirrt vor lauter Dankbarkeit der Kopf und meine Gedanken beginnen zu kreisen. Reelstorm. Love yourself first. Sacred Selfcare. Glow through what you go through. Nourish yourself. Find stillness in the storm. Take time to bloom. Unfollow your fear. Trust the timing of your life. Inhale. Exhale. Energize! Während Alina die Stunde mit einem Namaste abschließt, liege ich mit dem Puls einer Wüstenrennmaus auf meiner Yogamatte. Panikattacke oder Bauchgefühl? Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Der pastellfarbene Filter fällt mir wie Gurkenscheiben von den Augen. Ich muss raus, weg von dem terracottafarbenen Mobiliar des Yogastudios und den welken Trockenblumen, die leblos von der Decke baumeln und hinaus ins Grüne zu den prachtvoll lodernden Feuerlilien und den majestätischen Königskerzen, die gänzlich ohne Life Coach über sich hinauswachsen. Mit meiner Matte unterm Arm trete ich ins Freie und höre das morgendliche Vogelgezwitscher, das mein Wecker vergebens nachzuahmen versucht. Mein Blutdruck ist immer noch hoch und auf meiner Stirn bilden sich Schweißperlen, die sich auf meinen rosigen Wangen zu Rinnsalen vereinen, ehe sie als Sturzbach über mein Kinn tropfen und alle gespeicherten Selfcare-Reels mit sich reißen. Sturmflut. Alles muss raus und ich kotze mir die teure Porridge-Bowl aus dem Leib. Detox yourself. Auch wenn ich mich nicht genug fühle, habe ich genug. Mir reicht es. Ich trete meine zerschlissene Yogamatte in den nächsten Mülleimer und merke, wie sich eine unbändige Wut breitmacht. Ich sehe Rot. Leuchtendes, kräftiges Rot.

 

Antonia Schneider

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>