freiVERS | Felicia Aparicio Lukaßowitz
große städte III
meine erinnerungen an die große stadt verblassen
doch nicht der geruch nach staub
nach frischem brot und üppigen gärten
und den abgasen alter limousinen
mich zerreisst fast der blick auf die häuser
über hügel verstreut wie granatsplitter
alles strotzt vor dreck, aber es ist warm
und in den einkaufszentren spiegelt sich die sonne
wir wandeln, die köpfe im nacken
die glaswände der hochhäuser stürzen
über uns zusammen. vor uns das meer so dunkel
die stadt in unserem rücken glänzt
mich birgt die wärme der aprilnacht
die haschischgeschwängerte brise des meeres
das späte februarlied, das schmutzige katzen
durch stahlträgergestützte kriegsruinen schreien
eine frau sitzt am boden, daneben
zwei schlafende kinder, die gesichter
verdunkelt von staub und salzluft
ihre herkunft ist in den wirren des krieges
zu einem schimpfwort geworden
die nacht überzieht der flaum grüner mandeln
und in alhamra entkleiden sich die restaurants
tische gleiten zur seite, lampen werden gedimmt
schon schmiegen sich raucher an die nackten fassaden
und tanzen trinkend über klebrige böden
im gedämpften licht liegt noch der schwere geruch
nach fettigem essen und schweiß
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freiTEXT | Petra Hochwimmer
Fischaugenlicht
Das Licht brach an den Lamellen der Jalousie. Der eine Strahl zeichnete sich direkt auf Annas Gesicht ab, hob den dunklen Fleck ihrer rechten unteren Kinnseite hervor, der andere, etwas in Schieflage geraten, verlor sich unter den Rollen des rostbraunen Nachttisches. Jedes Mal, wenn ich die Tür zum Zimmer 223 öffnete, strömte mir derselbe Geruch in die Nase: eine Mischung aus zu dick aufgetragener Nivea und Blumenwasser, das zu lange von niemandem mehr getauscht worden war. Der Geruch kroch in die Fasern meiner Kleider, kroch weiter in meine abgestorbenen Hautschuppen hinein, die immer wieder abfielen beim routinierten Anlegen der blauen Einweghandschuhe.
Anna saß an diesem Morgen aufrecht im Bett. Und jedes Mal, wenn Anna lächelte, drückten ihre Mosaikwangen aus winzig roten Adern ihre Brille etwas nach oben, sodass man die schon dünn gewordenen Augenbrauen kaum noch erkennen konnte. „Heute ist ein guter Tag“, sagte Anna, und noch bevor ich nach dem Warum fragen konnte, fuhr sie fort: „Keine Angst vor dem Aufwachen.“ Das monotone Massieren ihrer Füße war eine Übersprungshandlung, das wusste ich. Doch ich wollte das Verschwinden von Annas Lächeln um jeden Preis verhindern. Zögerlich stieg Anna schließlich ein auf meinen Ablenkungsversuch, sprach nicht mehr von der Angst, die unter ihrer Haut lauerte und jede Nacht an einer anderen Stelle ausbrechen wollte, es aber nie schaffte, weil man sich auf die Wirkung des Sedativums wirklich verlassen konnte.
„Hast du schon einmal Fische beim Sterben beobachtet?“ Annas Frage riss mich aus meinen Gedanken. „Warum sollte man Fischen beim Sterben zuschauen?“, entgegnete ich vielleicht etwas zu forsch, weil ich nicht gerne sprach über den Tod. Letztens war die Pumpe für die Sauerstoffzufuhr im Aquarium ausgefallen. Im Wasser gab es schon bald keine Luftbläschen mehr, die Fische mit ihren viel zu großen Augen wurden panisch. Schuppen sanken langsam auf den Grund, wurden wieder aufgewirbelt, von den ums Überleben kämpfenden Fischen. Das Aquarium glich einer Schneekugel, die einmal zu oft geschüttelt worden war. Ein rotes Licht am Aquariumsdeckel fing an, hastig zu blinken, ein schriller Ton schwoll an, klang ab wie eine längst vergessene Sirene. Irgendwann gaben sie auf, die Fische, oder ihr Herz-Kreislauf-System wurde einfach schwach, das wusste Anna nicht so genau, und dann drehten sie sich auf den Rücken. Sie trieben im stillgewordenen Wasser umher, und manchmal stießen ihre Körper lautlos aneinander. Als die Pumpe wieder funktionierte, strömte plötzlich zu viel Sauerstoff in das Wasser. Es schien, als hätte jemand die Schneekugel auf den Kopf gedreht. Die Lampe hörte auf zu blinken. Der Sirenenton verklang im leer gewordenen Speisesaal. Manche Fische drehten ihren Bauch wieder Richtung Grund, andere trieben regungslos weiter. Eine milchige Glasur legte sich über ihre Augen, eine wie jene, die man von pinken Punschkrapferln kennt, nur eben weiß.
Es war so still im Zimmer, ich konnte das kratzige Surren der Notfallglocke hören. „Vielleicht fühlt sich Sterben genau so an“, sagte Anna leise und beobachtete die Luftbläschen im Wasserbehälter ihres Sauerstoffgeräts.
Irgendwann trafen sich unsere Blicke. Doch nur Anna lächelte sanft, zog die Nasenbrille ihres Sauerstoffschlauchs etwas enger, spürte das glatte Plastik zwischen ihren Fingern ihre Haut aufreiben. Ich hingegen schwieg immer noch. Der Tod war meine Arbeit. Er war omnipräsent, durch nichts relativierbar. Doch als ich Annas ozeanblaue Augen am Sauerstoffbehälter haften sah, fühlte ich mich plötzlich selbst wie ein Fisch, in luftleeren Weiten treibend.
Auch der Zeiger der Uhr tickte an diesem Tag anders. Jedes Ticken dehnte sich zu einem langen Echo aus, das durch den in einem Daffodilton gestrichenen Gang spazierte, bis es vom Fensterglas umarmt und nie mehr losgelassen wurde. Ich wusste, ich hatte heute viel zu lange gebraucht für Annas Morgenroutine. Ich wusste, dass diese Zeit verstrichen und in keinem Zimmer mehr aufzuholen war. Und trotzdem stand ich regungslos vor der Uhr, folgte jedem Wink des Zeigers, spürte ein Zucken in meiner linken Hand. Wie gerne ich zurückgewunken hätte. Aber es blieb nur eine sanfte Erregung meiner müd gewordenen Gliedmaßen. Ein schwacher Versuch des Loslösens, ein Trost, der überhaupt keiner war.
Nur spärlich drang der schrille Ton zu mir vor. Er war gedämpft, so, als trüge man Kopfhörer, die einem nie gepasst hatten. Das hektische Blinken der Warnleuchte zentrierte sich zu einem winzigen Punkt vor meinen Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde versagte mein Körper. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was zu tun war in einem solchen Moment. Auf der Anzeige stand keine Zimmernummer. Jemand im Aufenthaltsraum musste den Alarm ausgelöst haben. Ich sah zu Anna. Anna, die ihre Finger in den Tisch krallte, nach Luft rang. Ihre Stricknadeln waren auf den Boden gefallen. Anna bekam keine Luft, dachte ich. Und endlich schaffte ich es, zu tun, was ich so oft simulieren musste in der Ausbildung. Ich drehte den Sauerstoff zwei Stufen nach oben und nahm Annas Hand. „Ich bin jetzt da“, flüsterte ich. Aber ich wusste nicht, ob ich Anna oder nur mich selbst davon überzeugen wollte. Anna drückte meine Hand etwas zu fest, doch sie atmete ruhiger, bekam wieder Luft, und schon bald machte sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht bemerkbar. Die Mosaikwangen drückten die Brille wie gewohnt nach oben.
An diesem Abend saß ich viel zu lange an Annas Bett, konnte nicht aufhören, ihren Atem kontrollieren zu wollen. Ich wusste von Annas COPD-Erkrankung. Ich wusste, dass diese Anfälle dem Krankheitsbild entsprachen. Ich wusste aber auch, dass Annas Lunge irgendwann nicht mehr stark genug sein würde, diese Krämpfe, dieses Zusammenziehen der Lungenflügel auszuhalten. Und plötzlich musste ich an die toten Fische denken. Ich hörte die Luftbläschen im Sauerstoffbehälter brodeln. Ich hörte die Stille, die an diesem Abend viel zu laut war im Zimmer 223.
Ein letztes Mal sah ich zu Anna hinüber. Das Mondlicht linderte das Rot ihrer Mosaikwangen, ließ ihr Gesicht fahler aussehen. Und als ich lange nach Dienstschluss die Eingangstür des Pflegeheims öffnete, glaubte ich für einen kurzen Moment, den modrigen Duft von Wasser wahrzunehmen, dem der Sauerstoff fehlt. Ich blickte zu Annas Fenster hoch. Es war geschlossen. Und das Licht schon lange gelöscht.
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freiVERS | Lukas Leinweber
German Windows
der Ausblick auf den Morgen hält sich
im Rahmen, beschert zwei schwarze Finger
hinterlässt nur Abdrücke auf der Bettwäsche
sicher hinter Panzerglas hausen die Gedanken
Scheiben ohne Öffnungszeiten nirgendwo
die Stimmung kippt mit dem Ausschütteln
bei sperrangelweit fand sich komischerweise
nichts vom Schwalbenschwärmen im Gesetz
Gewitter flattert unterm Lampenschein jetzt
ein Aufriss um nichts, die Vorstellung
vom Windzug unterkühlt
Steinwürfe nach dem Glück sind
versicherungspflichtige Schadensangelegenheiten
gebrochene Ansichten werden von Lastern transportiert
der Handel mit ideologischen Brillen floriert
ein gläsernes Geschäft
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freiTEXT | Oliver Schein
Peregrinus
Ich wache auf, als die Zahnbürste schon in meinem Mund steckt.
Der Arm vor mir gehört mir nicht.
Er zieht in ruhigen Bahnen über Zähne, die ich nicht kenne. Innen, außen, Kauflächen. Der Schaum schmeckt nach Pfefferminze und einem Hauch Metall aus alten Leitungen. Die Finger umklammern den Plastikgriff, als hätten sie nur diese eine Bewegung gelernt.
Im Spiegel hängt ein Gesicht:
Augenringe, Bartstoppeln, ein Sprung im Schneidezahn. Hinter ihm eine weiße Fliese mit einem feinen Riss, der sich als dünne Linie über die Wand zieht. Rechts ein wackliges Regal mit Duschgel, einer halb leeren Creme, einer Packung Schmerztabletten, in der noch drei Tabletten klappern.
Ich kenne diesen Raum nicht.
Ich weiß, wo der Lichtschalter ist.
Der Körper spuckt Schaum ins Becken. Ein Tropfen trifft den Rand, läuft langsam zum Abfluss, ein schwarzer Kreis im weißen Becken. Der Wasserhahn rauscht, bis jemand ihn zudreht: ich, aber nicht ich.
Das Geräusch bleibt einen Moment im Raum, breitet sich aus, wird schwerer, kälter.
---
Wasser. Nicht aus einem Hahn, sondern aus einem Himmel, den ich nicht sehe.
Es fällt in dicken Strängen auf Schultern, die an grobes Leinen gewöhnt sind. Es läuft in einen Kragen, der längst durchnässt ist. Unter meinen nackten Füßen Holz, das federt, weil darunter nur Luft ist.
Vor mir ein Platz, Gesichter unter Tüchern und Kapuzen. Mäntel, die Wasser saugen. Hinter mir Harz. Ich drehe den Kopf ein Stück und sehe einen Stamm, so nah, dass ich jede Faser in der Rinde erkennen kann. Dort, wo ein Ast aus dem Stamm wächst, ist das Holz glatt, hell, blank. Ein Strick liegt darüber, gespannt.
Eine Stimme liest etwas vor, Worte über Ordnung und Gesetz. Der Regen zerhackt die Sätze. Im Vordergrund bleiben Münder und Hände. Ich schaue auf den Baum. In der Rinde flache Kerben, halb verwischt, als hätte jemand Zeichen eingeritzt, die keiner mehr lesen kann.
Das Holz unter meinen Füßen rutscht weg.
Der Körper fällt, der Blick bleibt am Stamm. Ein Harztropfen hängt an einer Verdickung, klar, schwer. Er löst sich nicht.
---
Der Wasserhahn im Badezimmer gibt einen letzten Laut von sich. Der Mann im Spiegel spült den Schaum weg, reibt sich mit einem Handtuch über das Gesicht. Die Kante des Handtuchs ist aufgefasert.
„Muss los", sagt er.
Auf der Waschmaschine vibriert ein Handy. Er nimmt es hoch, wischt über das Display. Licht fällt auf Fliesen. Nachrichten, Mails, ein kleines Dreieck für ein Video. Er tippt es an.
Eine Bahnstation, graue Fliesen, Neonlicht, zitternde Kamera. Ein Junge am Boden, einer, der tritt, einer, der filmt. Menschen im Hintergrund bleiben stehen, halten sich an Taschen fest, an nichts. Der Ton ist leise, aber die Bewegungen sind hart und schnell.
Im Kiefer spannt sich etwas an.
Der Daumen bewegt sich, das Bild friert, wird klein, verschwindet. Die Liste mit Symbolen rutscht wieder nach oben. Der Bildschirm wird schwarz.
Er steckt das Handy ein, greift nach der Tasche, löscht das Licht.
---
Schlag aus Metall.
Ich stehe auf einem Sims, der warm unter meinen Füßen ist. Über mir hängt eine Glocke im Dunkeln des Turms. Wenn sie schlägt, vibriert der Stein unter meinen Krallen. Die Luft trägt Rauch, kalte Asche, einen süßlichen Film von unten.
Unter mir Dächer, dicht an dicht, Gassen wie Spalten. Auf einem Platz haben sie Erde zur Seite geschoben. Ein Loch, von Brettern eingefasst, der Rand schlammig vom Regen.
Ein Wagen fährt an die Kante, kippt. Stoff, Körper, lose Arme, Beine. Die Formen verschwimmen, sobald sie fallen. Der Geruch legt sich als zusätzliche Schicht über den Platz.
Ich lasse mich fallen.
Die Luft trägt mich ein Stück, dann klappe ich die Flügel an, bremse kurz vor dem Boden, lande auf etwas Weichem. Unter meinen Füßen gibt Fleisch nach, unter dem Stoff Knochen. Der Stoff ist nass.
Mein Schnabel tastet nach einer Stelle, die noch zu ist. Haut, die nichts mehr entscheidet. Ich reiße, ziehe, schlucke.
Ein Auge liegt frei.
Das Lid steht halb offen. Die Pupille ist milchig, aber der Blick steht noch zwischen mir und dem grauen Himmel. Meine Beine werden starr. Der Schnabel bleibt in der Luft.
Dann senke ich den Kopf, suche eine Stelle, auf der Stoff alles abdeckt, und mache weiter.
Steine prallen neben mir in die Grube. Stimmen schreien. Ich springe ein paar Schritte, Flügel halb ausgebreitet, lasse die Steine im nassen Gemisch verschwinden, rücke an einen anderen Saum.
Wenn es dunkel wird, sitze ich auf einem Dachfirst, lege den Schnabel ins Gefieder und putze, bis das Metall wieder glatt ist.
---
Beton.
Ein Flur, Treppen, Geländer aus verkratztem Metall. Die Luft ist feucht, trägt Waschmittel und ein Essen von gestern, das in den Wänden hängt.
Ich stehe mit einer Tasche über der Schulter. Der Schlüssel steckt noch im Schloss. Über mir läuft Wasser in einem Rohr, irgendwo fällt etwas um, jemand flucht leise.
Schritte: ein Mann kommt die Treppe herunter, Schultern angespannt, Jacke offen. In der einen Hand ein Riemen, in der anderen ein Kinderarm. Am Kind hängt ein Ranzen, der zu breit für den Rücken ist.
„Beeil dich", sagt der Mann.
Der Junge stolpert auf der letzten Stufe. Ein Schnürsenkel ist offen. Die Kante der Stufe trifft den Fuß. Ein kurzer Laut, sofort wieder verschluckt. Der Griff um den Arm bleibt.
Ich könnte zur Seite gehen. Den Rücken an die Wand drücken, Platz machen.
Der Körper tut es nicht. Die Hand am Schlüssel wird feucht.
„Moment", sagt mein Mund.
Der Mann schaut hoch. Erst mich an, dann seine Hand, dann den Jungen.
„Was?"
„Er ist eben umgeknickt", sage ich. „Lassen Sie ihn kurz hinstellen."
Der Mann blickt auf den Fuß, als sei er neu. Der Griff lockert sich ein wenig. Der Junge setzt den Fuß auf, vorsichtig. Das Gesicht zieht sich kurz zusammen, aber er steht.
„Na gut", sagt der Mann. „Dann langsam."
Er hebt den Ranzen ein Stück an, damit der Gurt nicht mehr in den Hals schneidet. Sie gehen weiter. Der Schnürsenkel schleift, die Hand am Arm ist nicht mehr so fest.
Ich ziehe den Schlüssel aus dem Schloss und warte, bis ihre Schritte im Straßenlärm verschwinden, bevor ich selbst die Treppe hinuntergehe.
---
Holz unter den Pfoten.
Der Flur ist enger, die Stufen sind abgescheuert, jede mit eigener Kerbe. Die Luft ist warm vom Ofen, satt von Suppe und altem Rauch. Tapete löst sich in Fetzen, der Putz dahinter bröckelt.
Ich springe auf die Fensterbank. Das Glas ist kalt. Mein Atem beschlägt eine kleine Fläche. Draußen ein Hof, Kopfstein, eine Tonne an der Wand.
Unten steht eine zweite Katze. Das Fell liegt eng, Rippen zeichnen Linien unter der Haut. Sie schiebt den Kopf gegen den Deckel der Tonne, hebt ihn ein Stück an, lässt ihn wieder sinken, versucht es noch einmal.
„Die schon wieder", sagt eine Stimme hinter mir.
Eine Frau tritt ans Fenster. Die Hände sind rot vom Spülwasser. Sie sieht nach unten. „Mach sie weg", ruft sie. Ein Name. Schritte. Ein Stuhl kratzt, ein Besenstiel wird aufgenommen.
Meine Krallen graben sich ins Holz. Der Hof ist der Weg, den ich kenne. Die andere steht darin, als gehörte ihr ein Stück davon.
Ich reiße das Maul auf und schreie. Das Geräusch ist zu groß für den Raum, schneidet durch Tellerklirren und Ofenknacken.
Der Mann mit dem Besenstiel zuckt, bevor er das Fenster erreicht. Unten fährt die Katze zusammen, blickt nach oben, zur Seite, verschwindet im Schatten zwischen zwei Mauern.
Der Stock trifft die Tonne. Metall scheppert. Stimmen schimpfen über „Viecher". Das Fenster wird geschlossen.
Ich springe vom Sims, setze mich an den Teller auf dem Tisch und lecke die Ränder sauber. Die Suppe ist dünn, an den Kanten dicker. Der Schwanz liegt ruhig, der Brustkorb geht zu schnell.
Der Hof ist leer.
---
Bett.
Ein Metallgestell, eine Matratze, ein Nachttisch, ein Stuhl ohne Aufgabe. Links vom Bett ein Monitor, der in gleichmäßigen Abständen piept und eine Linie zeichnet, die hin und wieder ausschlägt.
Die Hände dieses Körpers sind leicht und trocken. Die Haut darüber ist dünn, wenn man sie zusammendrückt, bleibt sie einen Moment stehen. Die Nägel sind kurz, matt.
Das Fenster steht auf Kipp. Die Luft trägt Desinfektionsmittel und einen süßlichen Rest von dem, was auf dem Tablettenwagen steht. Draußen ein Baum, der Stamm von einem Metallring gehalten. In seinen Ästen hat sich Plastik verfangen, eine zerfledderte Tüte, die bei Wind leise raschelt. Auf einem der Äste sitzt ein schwarzer Vogel.
Die Schwester tritt ein, stellt ein Tablett auf den Nachttisch. Eine Schale mit Püree, eine Tasse Tee, ein Löffel. Sie prüft Schlauch, Pflaster, Monitoranzeige.
„Alles stabil", sagt sie.
Der Mund dieses Körpers formt ein „Ja". Es ist kaum mehr Stimme darin.
Sie zieht das Laken glatt, richtet das Kissen, macht eine kurze Notiz und verschwindet wieder. Auf dem Flur rollt ein Wagen vorbei, Porzellan klappert gedämpft durch die Tür.
Es fühlt sich an, als läge ich unter der Haut und nicht auf der Matratze. Die Lampe über mir ist ausgeschaltet und trotzdem nicht ganz dunkel. Ein Haar liegt quer über der Stirn.
Draußen rückt der Vogel ein Stück auf dem Ast. Der Baum bewegt sich nur wenig, mehr im Stamm als in den Zweigen.
Der Monitor verändert seinen Takt, minimal. Der Abstand zwischen zwei Tönen wird etwas länger. Die Gardine hebt und senkt sich im Luftzug.
Ein weiterer Wagen rollt vorbei, Teller schlagen sacht gegeneinander. Jemand ruft etwas, lacht, hört auf. Eine Tür fällt ins Schloss.
Der Körper atmet ein, hält den Atem einen Herzschlag lang, atmet aus. Der Monitor gibt einen Ton von sich, dann einen mit mehr Pause dahinter.
Die Geräusche im Zimmer klingen, als kämen sie durch eine dickere Tür. Draußen knackt etwas im Baum. Der Vogel sitzt.
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freiVERS | Thimo Buchmüller
Uhu
Der Uhu, bubo bubo,
schlief in der Scheune
neben mir.
Am Morgen
nahm er mein Augenlicht.
Ich stutzte seine Flügel
als Gegengabe.
In der Nacht
vergaben wir einander.
Unser Sinn für Orientierung
war ähnlich.
Meine Netzhaut begann zu sehen.
Seine Flügel wuchsen –
länger, länger –
bis seine Federn mich kitzelten.
Weich wie Daunen:
der große Jäger.
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freiTEXT | Andreas Zabel
Die Echtheit der kleinen Brüche
Ich heiße Gunnar. Achtunddreißig. Ein Körper, der funktioniert, ein Leben, das sich lange weigerte, Form anzunehmen. Vielleicht beginnt alles an jenem Morgen, an dem Jerusalem wie ein ausgeatmeter Gedanke hinter den Fenstern hing und ich nicht mehr wusste, ob ich mich ausruhte oder verschwand. Die Frau in der Küche bewegte sich wie jemand, der Worte nur noch als Möglichkeit kennt. Zwischen uns lagen die Dinge, die man nicht sagt, weil sie sonst zu wahr würden.
Vier Tage zuvor war ich in ein Wohnzimmer zurückgekehrt, das zu leer war, um ein Zuhause zu sein. Unten handelten zwei Männer über Sandalen — Preis, Geschichte, Bedeutung — und ich merkte, dass ich nichts davon beantworten konnte. Ich stand nur da, wie jemand, der sich selbst beim Zusehen ertappt.
Lis brachte Avocados mit, überreif wie Gedanken, die man zu lange getragen hat. „Schneid sie auf“, sagte sie. Der Geruch, süßlich und alt, breitete sich aus wie eine sanfte, aber unerbittliche Diagnose. „Manchmal sehen Dinge gesund aus, obwohl sie es nicht sind.“ Ich wusste nicht, ob sie mich meinte oder die Frucht. Manchmal ist das dasselbe.
Später knickte mein Knöchel, unscheinbar, fast höflich. Ich saß vor einem Lokal, eine Zigarette zwischen den Fingern, und die Welt ging gleichgültig an mir vorbei. Die Frau, die sich ohne Vorwarnung zu mir setzte, nahm mir die Zigarette ab, zog einmal, gab sie mir zurück. „Manchmal braucht es nicht mehr“, sagte sie. Ihr Blick blieb an mir hängen, als wüsste sie, dass man für bestimmte Einsichten erst stolpern muss.
Franzi war eine andere Art Bruchstelle. Sie trat in Räume, als würde sie sie erst erschaffen, indem sie sie betrat. Wir saßen zusammen, und sie sagte: „Du behandelst Gefühle wie eine Steuererklärung.“ Sie lächelte dabei nicht. „Ordentlich. Übersichtlich. Ohne Mut.“ Es klang nicht vorwurfsvoll, eher wie jemand, der weiß, dass Wahrheiten nur wirken, wenn sie sanft platziert werden. „Man kann jemanden zärtlich zerstören“, sagte sie. „Ehrlichkeit ist schärfer, wenn sie leise ist.“
Abdul sprach leise, aber seine Worte trugen weiter als die der anderen. „Man gewöhnt sich an vieles“, sagte er, „aber nicht daran, dass jemand fehlt.“ Seine Hände erzählten mehr als seine Stimme — zögernde Bewegungen, die sich weigerten, endgültig zu sein. „Warum Deutschland?“, fragte ich. „Weil hier niemand weiß, wer ich war. Nur, wer ich bin.“ Da begriff ich, dass manche Brüche nicht repariert werden müssen; man muss nur lernen, sie auszuhalten.
Am Ende bleibt weniger, als man glaubt. Nicht die Orte, nicht die ruhigen Erklärungen, nicht die Tage, die man verstreichen ließ. Es bleibt, was sich in den kleinen Rissen zeigt — jene Momente, in denen man einen Atemzug länger bleibt, als man wollte. Ich weiß nicht, ob ich ankomme. Aber ich merke, dass ich angefangen habe, zuzuhören, bevor Dinge verschwinden.
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freiVERS | Olga Lakritz
die krachende zukunft hinterlässt mir bloss konfetti
die ich zusammenwische
ich wünschte noch ich wüsste was ich wollte
da ergriff mich bereits die angst mit ihrem
walfischmaul
und schluckte mich ganz
viele tage wanderte ich watete durch schilf durch halbtiefes wasser
und blieb mit beiden gummistiefeln stecken
ich berührte die magenwände die meine eigenen waren
und beschloss die suchaktion abzubrechen
anderntags fand ich meine schwester – ein toter fisch – am strand
auch dich werden einmal die gezeiten zurück ins offene meer holen
und ich schmeckte sogleich die salzige freiheit auf der eigenen zunge
in meinen unterarm trennten sich die blutgefässe von mir
ich sprach zu mir selbst das leise lied aus der kinderwiege
aus der mich die kobolde stahlen und an meiner stelle
eine glaspuppe hinterliessen
durch den fluss ging ich aufwärts und suchte den ort an dem fische sterben
ich stellte mir vor ich fände ihren friedhof
stattdessen fand ich ein verlorenes stück mond in einer grube
es flackerte mir entgegen und ich nachtkind hob es auf
verstehst du nun fragte ich die tote fischschwester
doch sie gab keine antwort
aus den steinen tropfte das süsse wasser auf meine haut
beglichene schulden erschienen am himmel und die gläubiger fielen
auf die knie und beteten zu ihrem gott in fremden zungen
ertrunkene stimmen lockten mich legten sich auf meine zunge
schon stand ich auf und betrachtete das meer von der anderen seite aus:
auch hier sah ich meine tote fischschwester die sich weigerte
mit mir zu sprechen obschon ich sie mehrmals auf einen kaffee einlud
nun gut
sagte ich und stieg eine rote treppe hinab und fand ein neues land
ganz nebenbei wurde hier die seele in stücken gehandelt
und ich verlor sogleich die meinige im tausch gegen etwas mehl
es nickten zustimmend die fischfrauen auf dem markt
ausgelöst von einer tiefseenot befand ich mich bald auf offenem meer
bald erneut im walfischbauch
bald schon zuhause: es wartete ein stapel leerer kaffeetassen
und der wille sass stumm in der ecke
ich frass das plankton von den fensterläden und jalousien
ich nahm das stück mond und steckte es mir zum nachtisch in den mund
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freiTEXT | Anna Wonde
Die Häuser
Ich weiß noch genau, wie die Häuser riechen.
Das Haus mit den beiden blonden Jungs – süßlich und nach vielen kleinen Regeln.
Das Haus am Ende der Straße – nach dem Wald, der sich in Richtung des Hauses ausstreckt.
Ich höre das Klappern der Pantoletten an den Füßen der Mütter. Mit Peeptoe und Keilabsatz aus Kork und damals schon frage ich mich, wie die Mütter darin eigentlich den ganzen Tag umherlaufen. Klack-klack-klack über die terracottafarbenen Steinfliesen in der Küche. Klack-klack-klack über die Pflastersteine in der Einfahrt. Geräuschlos durch die Gärten, über den Rasen, den die Väter samstags mähen. Einer nach dem anderen, vorne in der Straße fängt es an und wenn der erste fertig ist, fängt der nächste erst an, als gäbe es einen unsichtbaren Staffelstab, den sie sich übergeben.
Woher kommen all die Häuser? Früher waren das alles Felder, sagen die alten Tanten. Sie sitzen auf einer Holzbank, der einzigen in der ganzen Straße, und erzählen von den Häusern, die nach dem Krieg gebaut wurden. Wie ihre Väter zurückkamen, innerlich und äußerlich versehrt, wie sie weinten unterm Weihnachtsbaum oder schrien in den Nächten. Wie sie dann begannen, Häuser zu bauen. Stein für Stein und ihre Alpträume darin einmauerten.
Sie reden mit den Kindern. Spiel nicht am Fluss, sagen sie, da wohnt ein Mann mit einem Haken und damit zieht er die Kinder ins Wasser und sie müssen dann für immer bei ihm leben und ihm dienen.
Bleib nicht in der Dunkelheit draußen, sonst kommt ein Mann, der aussieht wie eine Krähe, und der fliegt mit dir weg.
Und die Kinder werden größer und sie glauben den Tanten nicht mehr. Du lügst, sagen sie, deine Nase ist schon ganz lang. Aber sicher sind sie sich nicht, und wenn es dunkel wird, beschleunigen sie ihre Schritte und werfen Blicke über die Schulter, aber da ist nur das Echo ihrer Sohlen auf dem Pflaster.
Und die Kinder werden größer, aber sie haben jetzt Angst vor der Dunkelheit. Mehr Angst als früher. Sie ist bedrohlich und real. Sie gehen nicht mehr allein zur Bushaltestelle, wenn es Nacht ist, und Nacht wird es schon um 17 Uhr.
Zur Sicherheit haben sie eigene Häuser gebaut, mit großen Terrassen und Kieselsteinen im Vorgarten. Sie vergraben die Sehnsucht unter einem Steingarten, da muss man sie nicht gießen.
Alle sind zu Hause. Sie schließen abends die Türen zu und lassen die Fensterläden runter und trinken noch zwei Gläser Wein, allein in der Küche. Taking off the edge.
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freiVERS | Philipp von Bose
Licht und Stiege
dünn die farben-fäden über hingekleckstem
grün, die frühlingsboten streunen und die
krokusaugen blinzeln lila in den tag.
der letzte schnee an kreuzwegen: drangsal in eis unter
sonnen im sinnen der hoffenden schafe.
im augenblick zerrütten die wolken nur selten das licht – dann
manchmal regen, wenn die wiesen schüchtern ihre fragen stellen
und ein name.
ein name auf der zunge. auf der zunge eines
jungen, die sich löst vom kalten stahl des winters.
gestreifte betten im schlafzimmer, kein
wimmerndes keuchen durchs fenster, nur
zebramuster-maserung vor dem moment
der nackten füße auf dem teppich.
lamm noch zu werden im langsamen
brechen der glitzernden haut / erwachen zu können
zu feldern aus licht.
man streckt ohren übers land. zu horchen dem
tassen-geklingel, den zwitschernden zweigen, dem
warmen entspringen.
man spricht leiser, etwas lachend über politik
vor der hauswand des hotels, die ganz in
löwenzahn verwurzelt.
und im wohnzimmer die jakobsleiter:
von stetem drang, dort hochzusteigen,
von großer müdigkeit umhüllt.
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freiTEXT | Philipp Ammon
Das Weltdorf im Hochgebirge
Kistendörfer seemannsbärtig
Din wa daula wie zu Hause
Wolkentürme, grüßt den Wedding!
Gottes ist der Kawkasioni,
Badstraße und Gudauri
In Tbilissi wird seit geraumer Zeit wild gebaut. Zuerst erweiterte man die eigenen Wohnungen mit Balkonvorbauten, welche die Höfe schrumpfen und die Bürgersteige oder die gedachten Bürgersteige verschwinden ließen. In einigen Fällen ging die Stadtverwaltung dagegen vor, in der Regel wurden die Vorbauten geduldet. Nun verschwinden auch die Freiräume zwischen den Häusern. Ganze Hochhäuser werden in den Himmel gezogen und versperren die Sicht von den Balkonen, die man einst den Wohnungen anbaute. Es wird immer enger. Im Stadtbild entkleidet sich die von W.E.D. Allen in seiner History of the Georgian People beschriebene aesthetic irresponsibility ihrer Ästhetik.
Die Libertären schelten den Staat eine Zwangsanstalt, die jedwede Initiative im Keim ersticke und seine Angehörigen in asoziale Subjekte verwandle. Der Leviathan ist ihr Gottseibeiuns. Erlebt man die Abwesenheit des Staates und seines Rechtswesens in Wirklichkeit, so relativiert sich dieses Schreckensbild der Libertären. Bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle, wird zum natürlichen gesellschaftlichen Aggregatzustand, auch wenn die direkte militärische Auseinandersetzung ausgesetzt sein sollte, wenn die Waffen im Moment schweigen. Der Kriegszustand setzt sich in kleineren gesellschaftlichen Details fort, in der Nichtbeachtung von Gesetzen. Manifester Ausdruck dieses molekularen Bürgerkrieges sind erpresserische Verträge im Geschäftsleben, der Verkehr oder der wilde Hausbau – An- und Neubauten ohne Genehmigung auf öffentlichem Grund. Wo Gesetzen keine Rechnung geschuldet wird, ist jeder politische Wandel ein Haschen nach dem Wind. Die Tribunen wechseln zur Ergötzung des Publikums. Die Substanz ändert sich nicht. Es gilt das Recht des Stärkeren, nicht die Stärke des Rechts. Die Leninsche Machtfrage „Wer wen?“, „Kto - kogo?“, fand im Georgischen eine Substantivierung, die winwisaoba, die „Werwenigkeit“, welche Eingang in Tschenkelis Wörterbuch fand.
Im Zentrum Tbilissis hat man ein Autobahngeschlängel gebaut. So schön wie in Siegen. Ein Glück, wenn sich der Blick wieder weitet, wenn man auf den Autobahnschlangen die Stadt verläßt. Wir fahren Richtung Kachetien. Die Wiesen entlang der Autotrasse sind mittlerweile verbrannt. Erst im kachetischen Hochland, durch welches man nach Tuschetien gelangt, wird es wieder grüner, waldiger. Wir fahren durch das kachetische Weideland, das König Lewan von Kachetien einst im 17. Jahrhundert den Tuschen für ihre Treue im Krieg gegen die Perser schenkte. Ein Teil der Tuschen sind karthwelisch, i.e. georgischstämmig. Der andere Teil besteht aus mit den Tschetschenen und Inguschen verwandten Bazben, den Zowatuschen. Mit Tschenenen und Inguschen bilden sie Familie der Wainachen. Wai nach, zu deutsch unser Volk. Anders als Tschetschenen und Inguschen sind die Bazben Christen. Sie gehören der Georgisch-Orthodoxen Kirche an und verstanden sich auch in vergangenen Jahrhunderten als Teil der georgischen Nation. Die Bazben beherrschten neben der eigenen Sprache stets das Georgische. Doch ist das Fortleben der bazbischen Sprache selbst nicht mehr gewiß.
Wir erreichen die ersten Kistendörfer im Pankissital. Duissi, Dschoqolo. Die Kisten sind Tschetschenen, die Schamils Herrschaft nach Kachetien entwichen. Die meisten leben hier im Pankissital. Das im russischen Kaukasuskrieg des 19. Jahrhunderts errichtete Imamat Schamils griff tief in die Lebensgewohnheiten der Nordkaukasier ein. Schariat ersetzte Adat, das Gewohnheitsrecht. Tanz, Gesang und Alkohol wurden vom Imam verboten. Nur die im Rundtanz gesprochenen Gebete, die gesungene Rezitation einer Sure oder der im Singsang wiederholte Name des Einen blieben vom Verbot unberührt: Sikr, das meditative Gedenken des Göttlichen. Andere Tschetschenen sollen schon im 18. Jahrhundert nach Kachetien übergesiedelt sein. Im Taip, dem tschetschenischen Clanverband wird der erworbene Reichtum der Mitglieder auf die Gemeinschaft verteilt. Um den Besitz vor der Taipteilung zu retten, blieb der Weg nach Georgien.
Schon am Rand der Ausfallstraße von Tbilissi sah man vereinzelt Wahabiten sitzen. In den Kistendörfern werden ihre Seemannsbärte zur Gewohnheit. Ihr Blick ist gestreng. Im vergangenen Jahr fiel in Syrien der Kommandeur Omar Schischani, Omar der Tschetschene, ein Kind aus einer gemischten georgisch-kistischen Familie aus dem Pankissital. Er hatte einst in der georgischen Armee gedient. Im Augustkrieg 2008 focht er auf georgischer Seite. Nach Entlassung aus der Armee wurde er arbeitslos. In Syrien fand er neuen Sinn, Beschäftigung und Tod.
Wir fahren durch Birkiani, ein verlassenes Tuschendorf; erreichen Dsibachewi, ein Dorf der Pschawen. Aus der Ferne sieht man Omalo, den Hauptort des tuschetischen Berglands. Nach einer Theorie, an der mein tuschetischer Reisegefährte Gotscha Ghulelauri zweifelt, sollen die Tuschen im 4. Jahrhundert vor der Christianisierung Pschawiens und Chewsuretiens durch König Mirian nach Tuschetien geflohen sein. Vielmehr seien Pschawen und Chewsuren, die damals noch unter dem Namen Pchowen zusammengefaßt waren, (d.h. die Freien oder Kühnen – eine ähnliche Selbstbezeichnung wie die der Franken) dorthin geflohen. Das Land habe bereits damals Tuschetien geheißen. Wie seine Einwohner, die Tuschen.
Mit Tuschetien ist eine große Wanderungstheorie verbunden. In vorgeschichtlicher Zeit sollen karthwelische Kaukasier nach Westen aufgebrochen sein. Vor den Indoeuropäern hätten sie die mediterrane Welt besiedelt. In Griechenland hätten sie beispielsweise ihre Silbe de für Mutter hinterlassen, auf welche die einfallenden Indoeuropäer ein meter gepfropft hätten. Aus dieser sprachlichen Pfropfung sei die chthonische Gottheit Demeter hervorgegangen. Über Lemnos seien die Karthwelier weiter auf die Appeninhalbinsel gewandert. Aus ihnen seien die Etrusker hervorgegangen. Das zweite Tuschetien befinde sich in Italien: Tuscien, so die mittelalterliche Bezeichnung – die Toscana. Wie die Anführer der nordostkaukasischen Bergler für die der Name Luchumi typisch war, nannten die italischen Tuscier ihre Könige lucumones. Sie gründeten das etruskische Rom: Ruma Rasna. Doch während Italien und die Toscana gedeihen, verbrennen die tuschischen Schafhirten ihre Wolle bergeweise: Der Verkauf lohnt sich nicht mehr. Manche Hirten arbeiten mittlerweile für ein halbes Jahr als Lastkraftwagenfahrer in Amerika, um darauf in den restlichen Monaten des Jahres in der Heimat ihrer traditionellen Arbeit nachzugehen. Zogen die Hirten früher im Wechsel der Jahreszeiten auf die Bergweide oder ins Tal und überquerten Pässe, so ziehen sie heute im Jahreswechsel von einem Kontinent zum andern und überqueren Ozeane. Nach Westen folgen die Tuschen ihren vorgeschichtlichen Vorfahren: die Weltwanderhirten bestehen in der Weltwirtschaft.
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