Im Schrebergarten
Bald sind die Isabellatrauben reif. Sie hängen bereits abwartend von der Gartenlaube, winden sich wie eine lila Perlenkette um die morschen Pfähle. Glänzen vom Regen auch wie Perlen, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Sie erstreckt sich von der Gartenlaube bis unter die Dachgiebel des Hauses und endet im Auffangbecken, das wir zum Gießen benutzen. Zum Gemüse- und Blumengießen. Die Isabellatrauben gießen sich selbst, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Hast du gehört? Die Regenrinne muss repariert werden.
Heuer ist ein Zucchini-Jahr. Ich habe es ausgerechnet, es sind im Schnitt zwei Zucchinis pro Tag, die geerntet werden müssen, gelbe und grüne. So viele Zucchinis können nicht eingefroren werden, dafür sind sie zu wässrig. Wir verschenken sie an die Nachbarn, die heuer kein Zucchini-Jahr haben. Über die Zäune hinweg, da wird einiges ausgetauscht, Gemüse, Nachrichten, Zigarettenstummel. Manchmal auch Enkelkinder. Hörst du mir zu? Wir haben zu viele Zucchinis. Ja, und zu wenig Tomaten. Heuer ist kein Tomaten-Jahr. Das hatten wir aber letzten Sommer, fünfzehn Dosen Tomatensoße liegen noch immer irgendwo in der Tiefkühltruhe. Damit kommen wir sogar durch den nächsten Winter.
Die Irmgard braucht keine Zucchinis. Sie hat heuer auch ein gutes Zucchini-Jahr – ich habe sie gerade getroffen und gefragt. Aber der Gartenzaun von ihr ist schon ganz morsch und muss dringend einmal erneuert werden. Das ist der Fluch des mittleren Gartens, man muss immer links und rechts fragen, wenn man etwas erneuern möchte. Wir müssen nur links die H.s fragen und mit denen verstehen wir uns gut. Das ist unser Glück. Wir teilen alles, die Läusemittel und den großen Griller, wenn die ganz große Familie kommt, für die unser Griller zu klein ist.
Früher habe ich mir immer ein Haus mit Garten gewünscht, jetzt habe ich eine Erdgeschosswohnung und einen Schrebergarten mit Blick auf die Zugschienen. Jede Stunde fährt ein Zug vorbei, ich nehme das Rauschen schon gar nicht mehr wahr, denke manchmal, dass der Wind besonders laut durch die Bäume weht, die Blätter zum Rascheln bringt, dabei ist es nur der Zug, der vorbeifährt. Wenn ich im Zug bin, dann kann ich die Schrebergärten zählen, überall sehe ich einen Garten wie unseren, als würde eine geografische Abhängigkeit zwischen Schrebergärten und Zugschienen bestehen.
Jetzt gibt es Neuigkeiten. Endlich, es gab schon so lange keine mehr. Die Irmgard hat es den H.s gesagt und die H.s mir gerade, als sie das Läusemittel zurückgebracht haben. Hör jetzt gut zu. Die Irmgard bekommt neue Nachbarn, die rechts von ihr ziehen weg. Sie haben jetzt ein Haus mit Garten und brauchen keinen Schrebergarten mehr. Die Irmgard hat die Neuen schon gesehen, zwischen den Buchsbäumen hindurch erspäht, und erkannt, dass sie nicht von hier sind. Nein, nicht aus einem anderen Bezirk, auch nicht aus einer anderen Stadt. Aus einem anderen Land. Sie sprechen eine andere Sprache und bauen bestimmt auch anderes Gemüse an, haben die H.s gesagt. Vor denen müssen wir uns in Acht nehmen.
Der Frühherbst kommt, oder soll ich noch Spätsommer sagen? In letzter Zeit ist nicht viel passiert – eine Petition gibt es zu unterschreiben, die Irmgard hat sie per Mail geschickt. Es ist eine Petition dafür, dass die neuen Nachbarn, die nicht von hier sind, wieder wegziehen sollen, weil sie zu laut sind. Ich habe sie noch nicht gehört, aber unser Garten ist auch ganz außen, wir hören nur den Zug. Trotzdem habe ich unterschrieben. Es könnte ja sein, dass etwas bei uns wegkommt, denn wir haben genug, das sie interessieren könnte. Den Griller, die Isabellatrauben. Nicht einmal die Zucchinis gebe ich ihnen. Die Petition haben schon viele unterschrieben, viel mehr, als bei uns einen Schrebergarten besitzen. Aber mir soll es recht sein. Hast du gehört, dass die Irmgard einen neuen Gartenzaun bekommt?
Rauch steigt seit Stunden auf, in der Nacht hat es gebrannt bei den neuen Nachbarn, lichterloh in ihrem Gartenhaus. Ich habe nichts mitbekommen, war zu Hause und habe erst später den Rauch gesehen, die Feuerwehr gehört und am Nachmittag die Ruine des Gartenhauses besucht, sogar die Himbeerbüsche sind ausgebrannt. Den ganzen Abend sieht es schon so aus, als hätte jemand gegrillt, doch es riecht nach verbranntem Plastik, nach verkohltem Holz. Fremdverschulden soll die Polizei festgestellt haben, Eigenverschulden meinen die H.s. Ich weiß nicht, ob man hier irgendwem die Schuld geben kann. Schließlich ist doch niemand dabei gewesen, niemand hat gesehen, wer was angezündet haben soll. Ich sollte die Fenster schließen, der Geruch beißt sich sonst auch in unseren Gardinen fest und den bekomme ich dann nie mehr hinaus.
Die Isabellatrauben sind jetzt reif, fast schon zu reif. Kaum nimmt man sie in die Hand, platzt die Schale auf und man hat nur noch ihre kleinen Kerne zwischen den Fingern. Gut, dass wieder Ruhe bei uns ist. Die Nachbarn, die nicht von hier sind, zogen weg, bevor ich die letzten Zucchinis verkocht habe. Zurück bleibt ein Garten ohne Gartenhaus, ein verkohlter Fleck in der Mitte unseres alltäglichen Lebens, der erst nächsten Frühling neu bepflanzt werden soll… Es beginnt zu regnen. Hast du die Regenrinne repariert? Ich habe dir doch gesagt, dass du sie reparieren sollst. Du hörst mir nie zu.
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