freiTEXT | Joyce Shintani

Stiller gegen Abend

Schon wieder: dieser feuchte Geruch. Regen auf dem Asphalt. Noch kühl. Frühling.
Dieses Frühjahr ist es mir endlich gelungen, ein Vogelhäuschen aufzuhängen. Ein Meisenpaar ist eingezogen. Gegen Abend, wenn alles leiser wird, höre ich das aufgeregte Fiepen der Jungvögel. Sie verlangen nach Insekten! Die Körner, die ich gestreut habe, bleiben unbeachtet liegen. Verschmäht.
Hinter dem Häuschen steht eine Eiche, deren frische, hellgrüne Blätter im leichten Wind flattern. Zur anderen Seite breitet eine Kastanie ihren Schatten aus – vor Wochen noch leuchtend in Purpurblüten, nun Teil des grünen Mosaiks vorm Fenster.
Ich bin in Bayern. Ein einst königlicher Kurort in den Voralpen – erstaunlich, wie viel Glanz hiergeblieben ist. Mein neues Zuhause.
Nicht der Ort, an dem ich mir meinen zweiundsiebzigsten Frühling vorgestellt hatte.
Der Mann verließ mich. Meine besten Jahre, würde ich sagen. Ein guter Mann, den ich liebte. Solide Karriere. Und ich besaß die Hälfte der Wohnung. Die Hälfte! Nie hätte ich so weit zu träumen gewagt. Als meine Mutter starb, steckte ich ihr kleines Erbe in die Renovierung dieser Wohnung im Schwabenland. Schwarzer Stein in der Küche. Schubladen und Schränke, die sich bei Berührung öffneten – seidig, lautlos. Ein eingelassener Aufschnittapparat. Ein Hocker in der Ecke – mein Studienplatz für Rezepte. Luxus wie in den besten AirBnBs, die ich online bewundert, aber nie gebucht hatte. Und das Bad – eine Regenbogen-Glasdusche. Eine Wanne mit Düsen, mit Blasen. Und eine altersgerechte Glastür zum Ein- und Aussteigen. Himmel auf Erden!
Dann der Bruch. Plötzlich wollte er weg. Ganz klar. Ich blieb allein – im goldenen Käfig.
Was blieb mir übrig? Er ging.
Nach anderthalb Jahren hielt ich es nicht mehr aus. Zweiundzwanzig Ehejahre hingen an den Dingen… Die Weingläser – unsere Reisen. Die Sofaecke – seine Krümel. Das leere Kissen neben mir – für immer sein Geruch. Das war er.
Ich blieb. Verschmäht.
Die Wohnung: ausgehöhlt.
Kein neues Kapitel dort. Nicht mal auf Tinder.
Also Hamburg. So weit wie möglich weg. Erinnerungen abtöten! So viel Fremde, so viel Abstand zwischen mir und dem Herd, dass ich mich nie wieder erinnern müsste.
Ich erinnerte mich.
Hamburg ist eine großartige Stadt. Endlich wieder am Wasser, nach vierzig Jahren Mitteleuropa-Käfig. Doch ich war eingeschlossen in einem Loch. Direkt an der Elbe, in einem kompakten Backsteinbau, einst Kühllager für Nordatlantikfisch. Jetzt ein Sterbeort: Demente, Verwirrte, Verstummte… alles gut Betuchte.
„Wie zur Hölle bin ich hier gelandet?“, fragte ich mich. „Wenigstens wieder am Wasser“, redete ich mir zu. „Wie früher. Wie in Long Beach.“
Die kalten Fische in Hamburg hatten mich bis auf die Knochen durchfroren. Ich musste weg.
Ein neuer Mann. Ein Plan. Wien!
Wien – und ein musikalisch-literarischer Salon. „Du wärst die ideale Gastgeberin! Junge Talente, neue Musik, Lesungen… stell dir das nur vor!“, sagte er.
Ich stellte es mir vor.
Die Donau, das Theater, die Musik… Ich kannte Wien. Ich hatte dort gelebt, gearbeitet. Und jetzt: ein Salon! Wer könnte da Nein sagen?
Doch konnte ich diesem Mann trauen, der mir Wien versprach?
Was blieb mir? Was bleibt uns? Wie oft kann man neu anfangen? Können wir wandern? Wie diese schwarzen Punkte am Himmel – hin und zurück und wieder hin?
Erstaunlich – während ich dies schreibe, wird das Zwitschern der hungrigen Jungvögel draußen immer lauter, nur zwei oder drei Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Neue Klangmuster!
Bald fliegen sie. Vielleicht sehe ich’s.
Also planten wir. Packten. Zogen um. Der neue Mann und ich. Ein Kraftakt.
Aber die Stadt war der Lohn. Die Wohnung, die er ausgesucht hatte… Gründerzeit, hohe Decken, weiße Wände mit Stuckverzierung. Auf Zehenspitzen trugen die Möbelpacker seinen Steinway drei Stockwerke hinauf.
Erster Salon: ein junger deutscher Pianist. Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninow. Dann unsere Freundin aus Berlin: Tangos, Chansons. Im Herbst eine Poesielesung mit Musik. Ich nahm Gesangsunterricht, sang zu Weihnachten Händels Messiah in der Peterskirche! Wien war Himmel.
Dann kam der Winter. Die Musik fror ein.
Der Mann, der mich hergebracht hatte, verstummte. Etwas in ihm zerbrach. Wir fanden keine Reparatur. Er klagte.
Erschöpft verlor auch ich die Stimme.
Erinnerungen heulten in mir auf.
Zwischen uns lag ein sibirischer Streifen.
Dann der Alkohol. Und zersplitterndes Glas als Klangkulisse.

Hier in Bayern fällt das Licht. Es ist still. Der Geruch von frischer Nässe ist verflogen. Die Meisen haben aufgehört zu fiepen. Haben sie bekommen, was sie brauchten?

Es kam anders als geplant.
Ich sitze meistens nur.
Auch ich – stiller gegen Abend.

 

Joyce Shintani

 

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