24 | Katharina Ferner

lunzt (na)
umadum
riahst (di)
wözt (di)
drahst (mi)
schlawinast
heast (na)
sog amoi
wia warats
won wia a wengal efta
lunzn taadn

 

Katharina Ferner

 

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23 | Andreas Hippert

Alter

Im Apfelgarten
von den Jungbäumen
unbeachtet
die er seit Äonen
unter den Fittichen seiner Äste behütete
unscheinbar
zwischen der Blütenpracht
der prallenden Bäume
stand er
in seinen fruchtlosen Jahren
unsichtbar geworden
viele Winter lang
bevor ihn
das Eis zerbrach.
Darniederliegend
erblühte er
letzte Äpfel.

 

Andreas Hippert

 

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22 | Caroline Wolfram

Für Weihnachten nach Hause fahren

Zuhause ist, wo die Familie ist. Weihnachten ist die Zeit des Friedens und des Vergebens.

Die mit Zitaten gespickte Pinnwand im Wohnzimmer meiner besten Freundin starrt mich bedrohlich an und weil ich nicht nur ängstlich sondern auch konfliktscheu bin und mich nicht mit der geballten Weisheit dieser Korktafel anlegen will, kaufe ich mir ein Zugticket nach Hause. Der Heilige Abend ist nur noch ein paar Stunden entfernt, als meine Füße den Boden meines Heimatortes zum ersten Mal seit drei Jahren wieder betreten. Außer mir steigt sonst niemand hier aus dem Zug aus. Und auch niemand ein. Eine seltsame Ruhe erfüllt mich. Nach all der Zeit ist hier doch immer noch mein Zuhause. Statistisch gesehen habe ich hier die meisten Stunden meines Lebens verbracht und auch wenn diese Erkenntnis, nach allem was vorgefallen ist, nicht viel Wert besitzt, so wiegt sie mich dennoch in der Sicherheit, die Bekanntes immer mit sich bringt.
Ich gehe langsam vom Bahnhof in Richtung der Wohngegend meiner Eltern. Es ist bereits dunkel und einzelne Schneeflocken purzeln in froher Erwartung im Licht der Straßenlaternen auf den Asphalt. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Aus den Geschäften, die die Straße links und rechts säumen, blinken bunte Dekorationen um die Wette und grelle Schilder machen auf den Winterschlussverkauf, der in ein paar Tagen starten wird, aufmerksam. Doch als ich geradeaus blicke fällt mein Blick unweigerlich auf den großen Weihnachtsbaum, der wie ein Wächter vor dem Rathaus steht. Majestätisch überstrahlt er all den anderen Kitsch und versetzt mich zurück in meine Kindheit. Als alles noch einfacher, besser war. Einen Moment lang lasse ich mich von diesem Gefühl einlullen. Mit Mama und Papa eislaufen gehen. Maroni essen. Hand in Hand von einem Stand auf dem Christkindlmarkt zum nächsten spazieren. Vor dem großen Baum ist eine Krippe aufgebaut. Maria, Josef und alle anderen Protagonisten bewachen fromm das Jesuskind, während aus einem Lautsprecher wunderschöne Weihnachtslieder erklingen, die mich wünschen lassen, dass nur ein winziger Funke katholischen Glaubens in mir übriggeblieben wäre, um die Musik in ihrer radikalsten Form genießen zu können.
Doch ich folge dem Straßenverlauf weiter und denke an dieses Gedicht. Markt und Straßen stehen verlassen. Ich glaube nicht, dass der Autor sich Gedanken darüber gemacht hat, was im Inneren der still erleuchteten Häuser stattfand, während die Welt draußen wunderstill beglückt war. Rechts von mir blitzt das schneidende Licht eines Horrorfilms in meine Augen, im zweiten Stock des Wohnhauses links von mir sehe ich hinter einem Vorhang die Silhouette eines eng umschlungenes Paares. Irgendwo vor mir dringt das laute Wortgefecht von zwei Männern an meine Ohren und als ich schließlich vor der Gartentür meines Elternhauses stehe, begrüßen mich ein Dutzend Bierflaschen, die wie stinkende Gartenzwerge aus dem Boden ragen.
Aus dem Haus höre ich lautes Lachen und dröhnende Schlagermusik, der Soundtrack einer fröhlichen Feier. Mein Herz rast. Langsam greife ich nach der Türklinke, als ich an ein anderes Zitat auf der Pinnwand denken muss. Zu Weihnachten kommt es nicht darauf an, was unter dem Baum liegt, sondern wer zusammen davor steht. Ich stecke meine Hand zurück in meine Jackentasche und mache mich auf den Weg retour. Es gibt schließlich einen Grund, warum ich nicht eingeladen wurde.

 

Caroline Wolfram

 

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21 | Kathrin Lagatie

Sehen

Als ich meine Mutter am Boden liegen sah, lief ich eilig in die Küche. Die Küchenschere war die einzige im Haus, die regelmäßig geschliffen wurde. Ein Erbe meines Vaters. Ich griff also zur Schere, ging zurück zur Mutter und schnitt ihr die Haare ab. Wieder zu Hause angekommen, verfütterte ich den Zopf an die fleischfressende Pflanze, die irgendwer vor Jahren in unserem Treppenhaus ausgesetzt hatte. Ich kümmerte mich seitdem um sie. Ab und an ein Finger, hin und wieder eine Wimper, das bringt Glück. Während ich der Pflanze dabei zusah, wie sie das Haar meiner Mutter verschlang, wurde mir klar, dass ich die ganze Mutter verfüttern würde. Nun hatte ich endlich ein Ziel vor Augen. Ich musste nur aufpassen, dass mich niemand dabei beobachten würde.

 

Kathrin Lagatie

 

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20 | Manon Hopf

WENN DIE MÜTTER ZU
frieden sind
kochen sie
richten sie
den Teig
und rollen die Finger
in die Füllung
dort liegt die Hand
im Bauch
sie brauchen sie dann
nicht an der Waffe
sondern im Gewicht

 

Manon Hopf

 

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19 | Alisha Gamisch

advent ende zwanzig

die großen generationen sterben ab
sie lassen ihre haut zurück und ein zwei sprengkörper unter häusern
fernnah gesehen die angst
in den augen der opas wie viel prozent
hungerleuchten disziplin hörigkeit? die oberen die oberen
eben und uns ist auch so viel leid geschehen der apfelstrudel im starnberger
haus des großtantenmannes
die russn die tschechn die säue
stolpern durch albwörter
winden durch entwurzelte ausreden
ja aber wir hatten nie ein zu hause so wie du

nemez haben sie mich genannt sagt ein opa
und russ haben sie mich auch genannt

wenn zwei opas sich als jugendliche begegnet wären
hätten sie sich erschossen oder einen schnaps getrunken?
die zeit sie dehnt sich durch gene hindurch sie blättert von der wand
legt hände drauf
ein opa in einem anderen haus
zitiert ein gedicht von kästner
ohne fehler – fehler? er kann sich nicht mehr erinnern
auch erzählen geht noch aber
ohne bezug zum heute oder morgen
keine frage kommt ihm in den sinn
verschoben das gefühl im jetzt zu sein

 

Alisha Gamisch

 

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18 | Lisa Gollub

nehcasnebeiS

Ich packte meine Siebensachen und verließ die Post, nachdem ich – endlich – den Brief nach Weißrussland aufgegeben hatte. Zur Sicherheit klatschte ich mit der Hand auf die Tasche, denn ich wollte nichts vergessen haben, blickte wie beim Autofahren über die Schulter in den toten Winkel der Postfiliale und schaute eine Sekunde später in das Gesicht eines Fußgängers. Wird schon passen, dachte ich und machte mich auf zur Nordsee, um das Mittagessen einzunehmen.

Gewissenhaft bestellte ich einen mit Siegel ausgestatteten Fisch aus Norwegen und setzte mich an einen Tisch beim Fenster. Ich beobachtete die Menschen, wie sie vorübereilten und fragte mich, was sie antrieb. Ich erinnerte mich an die Weisheit, einen Menschen nicht nach seinem Motiv zu fragen, sondern sein Verhalten zu analysieren. Man muss wissen, woraus man Schlüsse zieht, dachte ich.

Draußen ging ich ein wenig spazieren, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte. Ich sah mich völlig frei von Verpflichtungen, fast unabhängig von Raum und Zeit. Tja, ich fühlte mich ein wenig wie gesundes Gewebe, aus dem ein Tumor entfernt wurde. Es klaffte ja doch ein Loch in mir, das ich momentan nicht füllen konnte. Was tun?, fragte ich mich.

Da kam ich an einer Parkbank vorbei. Ein Kind versuchte sich bäuchlings auf die Bank zu robben. Ich sah, dass es mit aller Kraft alles versuchte, ja, ich fieberte ein wenig mit und war versucht, ihm den entscheidenden Ruck zu geben. Ich blickte mich um. Keine Mutter in Sicht. Also half ich dem angestrengten Kind. Und als es vollbracht war, konnte ich nicht umhin. Schon hielt ich es im Arm wie ein Eigenes. Wie beruhigend war es doch, ein Kind zu haben!

Glückselig streifte ich durch die Straßen und ließ keine Gelegenheit aus, meinem Glück Ausdruck zu verschaffen. Ich strahlte jeden beliebigen Fußgänger an, während das an die Hüfte gestemmte Kind bei jedem Schritt abhob und wieder landete. Wie alt ist es denn?, fragte mich ein alter Mann auf der Straße. Das dürfen Sie mich nicht fragen!, lachte ich ihn an und bestieg den nächsten Bus.

Einen Kinderwagen brauche ich jetzt!, dachte ich. Also schnappte ich den Zwillingskinderwagen, der neben einem anderen im Bus stand, setzte mein Kind hinein und stieg bei der nächsten Station aus. Erst als wir zehn Minuten später das Tor zum Prater passiert hatten, entdeckte ich das zweite Kind, das ruhig im Kinderwagen schlief. Umso besser!, dachte ich und machte mich wagemutig auf in die Menge, die sich jedes Jahr zur Eröffnung der Saison versammelt.

Von der Ferne hörte ich plötzlich vertraute Musik. Ich fühlte mich in meine Jungscharzeit zurückversetzt, als wir auf der Reise nach Tirol Stunden über Stunden Volkslieder sagen, dieselben, die ich allen meinen Kindern beigebracht habe. Schon standen wir vor einer Schießbude und ein trübsinniger Bub reichte uns Stoffbälle.

Warum bist du traurig?, fragte ich ihn, als die Kinder alle Bälle ins Off geschossen hatten. Ich muss jeden Tag hier arbeiten und darf nicht in die Schule gehen, sagte er. Das kann nicht sein!, dachte ich, griff seinen Oberarm, zog ihn über die Theke und lächelte ihn willkommenheißend an. Komm mit uns!, sagte ich mehr zu mir als zu ihm. Und schon waren wir eine fast vollzählige Familie.

Wir bahnten uns den Weg durch die Menschenmenge. Ich ließ den kleinen Buben vom Schießstand zur Entschädigung Motocross fahren, die beiden anderen setzte ich ins Kleinkindkanufahren und verspeiste währenddessen, wie ich es aus Jugendjahren kannte, Pommes frites mit Mayo.

Ebenso einfach wie man Kinder verliert, kann man Kinder auch wieder aufklauben. Denn als wir uns auf den Weg nach Hause machten, fix und foxi waren die Kinder, wie der kleine Bub immer wieder für alle anderen sprechend sagte, da sah ich in der Menge ein gestrandetes Kind. Es stapfte plärrend im Kreise, schrie nach Mama und Papa, obwohl es längst zu groß war, um zu schreien. Da platzierte ich mich mit dem Zwillingskinderwagen unmittelbar vor ihm, zumindest einen Halbkreis ausfüllend, und lächelte es ganz unscheinbar an, in etwa wie eine Vertrauensperson. Im nächsten Moment sah ich, wie ihm die ganze Szene Einhalt gebot, wie es seine Entscheidung fällte und auf uns zukam, als wären wir immer schon seine Familie gewesen. Schön!, sagte ich, schön! Und wir umarmten uns allesamt in Verklammerung mit dem Zwillingskinderwagen.

Endlich auf dem Weg nach Hause!, dachte ich, als wir mit der Rolltreppe abwärts fuhren. Und wie eine einsame Prinzessin sah ich ein Mädchen, das aufwärts fuhr, winken. Durch trübe Schichten der Erinnerung tauchte ich in die Gegenwart und erkannte schließlich eines meiner Kinder, meiner Kinder! Ich wollte es wiederhaben, dachte ich, ich wollte es wie eine Sache wiederhaben. Es erschien mir im Moment der Begegnung wie ein Edelstein in einer Mineraliensammlung. Dabei war es wahrscheinlich den ganzen Tag Rolltreppe gefahren, und ich fühlte mich schuldig wie eine Rabenmutter, die ein Kind ins Heim gibt und kurze Zeit später wieder abholen will. Da kam der Rolltreppenabsatz, ich musste schnell reagieren, beiderseits fuhr die U-Bahn ein und schon war alles, was gerade geschehen war, längst wieder Vergangenheit.

Ich nahm einen Umweg über die Schule, die sich in der Nähe meiner Wohnung befand. Schon oft hatte ich mich am Eingang platziert, um den Kindern allerlei Süßigkeiten zuzustecken. Ich hatte immer schon ein Bedürfnis nach Wohltätigkeit gehabt und in dieser Geste sah ich sie realisiert. Also stellte ich mich mit meinen vier Kindern, die ich rückwärts durchzählte, als würde ich vorwärts zählen, mit einer Packung Werther’s Original vor den Eingang des Musikgymnasiums. Die Glocke schrillte, Kinder gingen vorüber, bedienten sich ohne ein Dankeswort, bis die Packung mit dem Erklingen der Stundenglocke fast leer war. Ich nahm die verbliebenen zwei Bonbons in die Hand und dachte: Der Wohltätigkeit genug, aufs Ganze gehen! Wie gerufen kamen zwei Mädchen durch die Doppeltür, das Schicksal erfüllt sich selbst, dachte ich, denn sie nahmen mir die Bonbons aus der Hand und schauten mich erwartungsvoll an. Ich war ein wenig überrascht, dann sagte eines der Mädchen, etwa zwölf Jahre alt mit Zöpfen: Gehen wir?

Auf dem Rückweg wunderte ich mich ein wenig. Ich fragte mich, warum meine Kinder mich ohne jeden Zweifel an der Mutterschaft annahmen, dass sie mir geradezu in die Arme liefen, als wäre ich in der Tat eine Mutter. Was hatte das zu bedeuten? Vor vielen, vielen Jahren, dachte ich, habe ich in der Schule gelernt, dass bei einer Reaktion ein Teilchen von A auf B übergeht. Niemals kann aber ein Teilchen in der Luft hängen. Alle meine Kinder waren auf mich übergegangen und deshalb mussten sie an anderer Stelle fehlen. Ich empfand Glückseligkeit, aber was empfanden die Eltern? Was würde ich empfinden bei der rückwärtigen Übertragung? Faxen, dachte ich dann, soweit wird es nicht kommen. Verbissen pfügte ich wie schon einmal durch die Straßen, vorne die beiden Mädchen aus dem Musikgymnasium, die ich im Singen gar nicht anzuleiten brauchte, dahinter der Bub, der Händchen hielt mit dem verweinten Kind aus dem Prater, und dann ich – mit dem Zwillingskinderwagen.

Kurz vor der Wohnung drehte ich meinen Kopf ein wenig in den Nacken, um die Verspannungen des Tages zu lösen, und da erblickte ich das Sorgenkind, wie es mit traurigem Blick dahinbummelte, immer mit ein wenig Abstand zu uns. Und ich wusste nicht zu sagen, ob es dasselbe Kind war, das ich heute als erstes verloren hatte. Da winkte mir vom Hauseingang die Nachbarin zu und rief mir entgegen: Vorbildlich, eine vorbildliche Familie! Ich zählte durch. Es waren ihrer sieben. Positive Bilanz!, dachte ich und schüttelte der Nachbarin beim Eintreten noch energisch die Hand.

 

Lisa Gollub

 

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17 | Alexander Rall

Bibi ist verlassen

Bibi ist verlassen. Hans ist weg. Hans ist unglücklich. Vielleicht ist Hans so unglücklich, dass er sich gerade woanders bewirbt. Sie spürt eine kleine Angst, weil sie es nicht weiß. Dr. Flachs ist zwar noch da, aber nicht für sie. Hans ist eigentlich für sie zuständig. Das heißt, er sagt ihr, was sie zu tun und was sie zu lassen hat. Das beruhigt sie. Irgendwie. Er ist ihr Vorgesetzter. Dr. Flachs ist eine Nummer höher. Er vertritt Hans ausnahmsweise. Bibi schreibt ihm manchmal Mails, in denen sie fragt, was sie tun und was sie lieber lassen soll. Sie bekommt nie eine Antwort. Manchmal kommt Dr. Flachs vorbei und zuckt mit den Schultern. Da müsse sie warten, bis Hans wieder da sei. Das wisse er auch nicht. Der Laptop will auch nicht mehr. Schon die dritte Installation heute morgen. Bibi trinkt Tee. Der Vorgesetzte und der Laptop behindern ihre Arbeit.

Fürs Nichtstun müsste man eigentlich mehr bekommen als fürs Tun, denkt Bibi. Bibi denkt gerne, aber sie weiß momentan nicht worüber. Vermutlich werde ich vergessen, denkt Bibi und sagt laut: „Aber ich bin noch da.“ Das hört niemand. Sie schaut aus ihrem Büro und sieht alle bei der Arbeit in die Bildschirme schauen. Manche sehen ganz krumm aus. Tut doch nicht so, denkt sie‚ das ist doch die reinste Ignoranz. Am liebsten würde sie die Tür einfach aufreißen und allen mit ihren Vorwürfen überschütten. Arme Bibi, würden sie sagen, was ist nur los mit dir? Das wäre gelogen. Das wäre auch kein Ausweg. Sie seufzt. Stören kommt also nicht in Frage.

Sie überlegt, wie sie ein Zeichen ihrer Existenz in die Welt rausschickt. Vielleicht ein Joke oder ein Musik-Clip. Vielleicht auf Twitter, vielleicht ein Mail an alle. Aber was soll sie schreiben? Ihr seid alle Ignoranten? Das weiß jeder, auch wenn es niemand zugibt. Sie rollt mit den Augen zu den Klängen von Fade away. Sie sieht aus dem Fenster auf die ewige Baustelle eines Viertels, das seitdem sie hier arbeitet entsteht. – Es wird sicher noch weiter gebaut, wenn ich längst weg bin. Aber wohin bin ich dann weg – und bin ich dann auch woanders? Niemand gibt ihr eine Antwort. Das spürt sie. Am liebsten würde sie verschwinden, einfach so. Aber sie weiß nicht wohin. Sie sitzt da und starrt auf ihre Füße. Die waren auch schon mal kleiner, denkt sie und streckt sich. Wer bin ich?, fragt sie sich.

Sie überlegt: Ich muss langsam machen. Ich habe kurze schwarze Haare, blaue Augen und kleine gepflegte Hände. Sie schaut auf sich und auf ihre schicke Jeans. Sie vermisst einen Spiegel. Er würde sie jetzt ablenken. Das weiß sie. Sie sagt sich: Ich habe als Sekretärin angefangen und bin dann zur Assistentin aufgestiegen. Nach fünf Jahren. Keine Bilderbuchkarriere, aber immerhin. Außerdem bin ich schrecklich nett und habe eine klare Denke. Das sagt jeder. Aber davon hat zur Zeit niemand etwas, auch ich nicht. Ich nicht und niemand, denkt sie, ich nicht, weil Niemand, denkt sie, Niemand braucht mich, weil Niemand Niemanden braucht. Ihre Gedanken wiederholen weiter das Wort, Niemand Niemand Niemand, bis es sich anfühlt wie ein Brett, das ihr ein anderer vor den Kopf schlägt. Alle sitzen da. All die Niemande dieser Welt, denkt sie, sitzen draußen in ihren Glaskästen bei der Arbeit und schlagen sich gegenseitig lauter Bretter lautlos vor die Birne. Besonders dumpf ist das Brett von Dr. Flachs. Dick und dumpf. Sternchen, wohin man auch blickt.

Bibi kommt sich vor, wie eine Witzfigur in einem Comic-Strip. „Boing, boing, boing“, sagt sie und schlägt sich auf die Stirn. Sie kommt sich blöd vor. Das ist doch die reinste Ausbeutung, denkt sie. Ich bin doch nicht zum Vergnügen für die anderen da. – Vielleicht doch? Vielleicht sollte ich die anderen auch mal ignorieren. Sie zögert, sie weiß noch nicht wie, aber dann fällt es ihr ein: Einfach mal schnell weggucken, einfach mal etwas überhören, einfach mal den anderen reinquatschen, einfach so tun, als hätte man viel zu tun. Aus Hektik nicht grüßen. Sich alleine hinsetzen. Den anderen nicht ansehen. Oder nur so: von oben herab.

Sie spielt alles durch, gestikuliert im Büro. Sie ist zwar klein, aber eigentlich müsste es jemandem auffallen. Sich schaut sich um. Niemand schaut hin. Das wäre ja eine tolle Firma, wo jeder jeden ignoriert – großartig, denkt sie, was dabei wohl herauskäme, wenn jeder mit jedem ums Ignorieren konkurrieren würde. Aber dann müsste man sich ab und zu dem anderen auch wieder zuwenden, damit das Ignorieren auch wieder ein Ignorieren wäre. Sonst wäre das Ignorieren ja gar kein Ignorieren mehr, sondern… Sie überlegt und erschrickt: Vielleicht werde ich von den anderen ja gar nicht ignoriert, ich meine noch nicht einmal ignoriert. Ich wäre einfach Luft. Oder einfach nichts – sie lacht auf, erschrickt wieder, lacht auf – oder wie ein Satellit der vorbeizieht und wieder verschwindet? Interessant, denkt sie und schaut aus dem Fenster. Überall Stau.

Überall Scharen von Menschen. Ob sich alle genauso fühlen wie sie? Sie würde zu gerne in ihre Köpfe schauen. Das wäre spannend. Aber das kann sie nicht. Und wenn, fragt sie sich, was würde sie entdecken. Vielleicht immer nur mich selber. Das wäre nicht lustig. Das wäre das Ende. Aber das Ende von was? Auch das weiß sie nicht. Vielleicht wäre es eine Freiheit. Sie zweifelt, weil sie es sich nicht vorstellen kann. Vielleicht fällt ihr noch was ein. Sie hofft. Ganz leise.

Sie schaut auf ihre Schublade. Zum Trost hat sie sich ein altes Buch von Donald Duck dort hingelegt. Es ist bunt, aber zerfleddert. Sie blättert darin. Sie kennt jede Geschichte. Sie muss sich nur die Bilder ansehen, dann weiß sie gleich, worum es sich dreht. Das tröstet sie. Herrlich dieser grimmige, gelbe Schnabel und die gelben Entenwatschen. Würde er doch nur aus dem Bild direkt hier hereinkommen, wünscht sie sich. Sie würde ihm sofort die Hand schütteln und Guten Tag sagen. Sie können gleich hier anfangen, würde sie sagen. Ihr Job ist es, die Einstellungsverträge zu prüfen, ihre Richtigkeit zu bestätigen und sie dann Dr. Flachs zur Unterschrift weiterzugeben.

Unterhaltungskünstler wie Sie können wir schließlich gebrauchen. In der ganzen Firma ist nix los, lauter Finanzfachleute. Noch trockener kann man es sich nicht vorstellen. Und jeder ignoriert jeden und manchmal noch nicht einmal das. Wir brauchen Sie dringend, Herr Duck, die Stimmung ist echt auf dem Gefrierpunkt. Gehen Sie einfach durch Gänge und nehmen Sie Ihre Neffen mit, das reicht schon. Alle würden denken, jetzt bin ich verrückt. Das wäre großartig. Alle wären einen Moment lang verrückt. Das würde schon reichen. Nur so zum Durchatmen, zum Freisein. Für einen Moment. – Platz für den Geldspeicher Ihres Onkel haben wir auch. Muss nur noch die Tiefgarage ausgebaut werden, Herr Duck, oder reicht Ihnen Blockchain? Haben wir hier auch im Hause, ganz feine Technologie. Das Gehaltliche regeln wir natürlich ganz nach Ihren Vorstellungen. – Sie deutet einen Knicks an.

Dann füllt sie den Vertrag auf ihrem Laptop aus, fügt Namen, Adresse und Kontonummer ein. Titel: Unterhaltungskünstler mit Prokura. Sie legt den Vertrag zu den anderen Verträgen in die Unterschriftenmappe und bringt sie Dr. Flachs. Dr. Flachs ist da und telefoniert. Er deutet mit der Hand auf den Schreibtisch und nickt ihr zu. Sie legt die Mappe hin und geht zurück in ihr Büro.

Der Quatsch kann mich den Job kosten, denkt Bibi und lacht. Sie setzt sich und wartet. Sie fühlt sich wie gelähmt. Sie will nichts ändern. Nur noch die weiße Wand anschauen. Es ist nichts. Nur weiß. Leuchtend weiß. Die ganze Wand ist weiß. Ihr Inneres auch. Unbeschrieben weiß. Sie spürt ihren Atem, wie er ein- und wieder ausströmt. Es ist nichts, alles ist egal, alles ist gleich. Bibi spürt, wie sie anfängt zu lächeln. Alles ist weiß, auch ich, ich bin ich und die Wand. Ich bin die Wand und ich. Bibi spürt, wie ihr Lächeln stärker wird. Bibi fühlt sich frei – wie noch nie in meinem Leben, denkt sie. Dann sieht sie zur Tür. Sie öffnet sich unendlich langsam.

Dr. Flachs kommt herein und legt ihr die unterschrieben Verträge hin. Bibi lächelt noch immer über beide Ohren. „Na, so fröhlich heute“, sagt Dr. Flachs freundlich. „Einfach so, ein so schöner Tag heute“, sagt Bibi. Er legt ihr die Unterschriftenmappe mit den Verträgen hin. „Die können Sie jetzt rausschicken.“ Dr. Flachs geht wieder in sein Büro. Bibi sieht die Verträge durch. Donald Duck ist eingestellt.

 

Alexander Rall

 

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16 | Gloria Ballhause

Liebesroboter

Am Tag, als es endlich den ersten Schnee geben sollte, saß Theo im Wartezimmer seines Hausarztes. Husten- und Niesanfälle hatten ihn in der Nacht wachgehalten, vor Sonnenaufgang waren auch noch enorme Kopfschmerzen dazu gekommen. Ein Verdacht wühlte in seinem Kopf: Meningitis. Er hatte die Symptome gegoogelt und war nach einem kargen Frühstück – Kaffee schwarz und eine halbe Zigarette – in die Praxis gefahren.

Theo war der erste Patient im Wartezimmer. Kurz nach ihm betraten zwei Frauen den Raum. Sie setzten sich an die Wand gegenüber und schnatterten, ohne ihn zu beachten oder auch nur zu grüßen. Theo regte solch großstädtische Unhöflichkeit auf, aber so waren eben die Zeiten. Er beließ es bei einem Stirnrunzeln und wandte sich wieder dem Geo-Heft auf seinen Knien zu. Ein Artikel über Nordfriesland zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Nach einer Weile verschwammen die Zeilen vor seinen Augen, er schloss sie für einen Moment. Plötzlich riss ihn ein Satz ins Wartezimmer zurück.

„Schalten sich Roboter, wenn sie Langeweile haben, einfach ab? Wie läuft das bei euch…?“, hatte eine der Frauen gefragt.

Da er die Augen geschlossen hatte, wusste Theo nun nicht, welche der Frauen es gewesen war. Er musterte sie. Die beiden sahen ganz gewöhnlich aus. Sie waren ungefähr in seinem Alter, knapp sechzig. Die eine war groß und schlank, trug ihr blondes Haar zu einer Helmfrisur gefönt und schien Pastelltöne zu bevorzugen. Die andere war eher rundlich, hatte kurzes graues Haar und einen schönen Mund, von dem Theo ausging, dass er gern naschte. Die Augen der Kurzhaarigen erschienen ihm sehr lebhaft, ziemlich blau, nicht so eingetrübt, wie ihm oft seine eigenen vorkamen. War sie etwa diejenige, bei der ein Roboter zu Hause auf dem Sofa saß?

„Naja, Robotern ist nie langweilig, weil sie gar nicht so viele Erwartungen an ihre Freizeit haben“, sagte die Kurzhaarige.

Sehr richtig, pflichtete Theo ihr innerlich bei. Es war grundsätzlich ein Denkfehler, Maschinen menschliches Verhalten anzudichten. Das hatte ihn schon immer geärgert. All diese Filme über Roboter, die einsam und auf der Suche nach Gefährten waren. Das war absoluter Humbug. Wenn jemand einsam war, dann war es der Mensch selbst, der solche blödsinnigen Geschichten erfand, um den Umgang mit Maschinen ertragen zu können.

„Kann er auch weinen?“, fragte die Frau in Pastelltönen hinterher. Also tatsächlich: Die Kurzhaarige hatte einen Roboter zu Hause und die Pastell-Frau hatte immer noch nicht verstanden, dass Maschinen keine Menschen waren.

„Er ist programmiert, an den richtigen Stellen zu weinen, wenn ein trauriger Film im Fernsehen kommt oder sowas, aber Gefühle hat er ja nicht wirklich“, sagte die Kurzhaarige.

Theo war froh, dass sie in der Lage war, Mensch und Maschine auseinanderzuhalten. Allerdings: War es nicht traurig, dass die Kurzhaarige, statt eines richtigen Menschen, einen Roboter zu Hause hatte? Eine Frau, deren Augen leuchteten und die obendrein noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Sie war doch sicher beliebt und viel unterwegs und mit vielen Kontakten gesegnet. Auf welchem Weg war die Menschheit, wenn selbst jemand wie sie einen Roboter brauchte? Und warum wusste Theo nichts von Robotern für alleinstehende ältere Frauen? Er recherchierte viel und las alle wichtigen Zeitungen online. Wenn es so etwas schon zu kaufen gab, blieb es doch nicht geheim. Und warum hatte er noch nichts von weiblichen Modellen für zu Hause gehört? Es war doch unwahrscheinlich, dass es nur männliche Modelle gab. Schließlich waren Männer – und diesen Fakt konnte man nicht ignorieren – die Herrscher der Maschinen. Sie entwickelten und entwarfen zum überwiegenden Teil, was gebaut wurde. Theos Herz polterte in seiner Brust. Er verhedderte sich in einem Husten- und Niesanfall und nahm dankend ein Taschentuch von der Kurzhaarigen an. Nach ein paar Atemzügen gewann er seine Fassung wieder. Er legte das Geo-Heft zur Seite. Als Theo Augenkontakt mit der Kurzhaarigen hergestellt hatte und gerade seinen Mund für eine Frage öffnete, kicherte die Pastell-Frau dazwischen.

„Und wie ist das mit… ich meine, macht er alles, was du willst… na, du weißt schon?“. Die Kurzhaarige lief rot an und fiel ins Kichern ein. Verstohlen sah sie zu Theo, dem seine Frage schlagartig auf der Zunge vertrocknete. Er schloss den Mund und schluckte. Er war nicht ganz sicher, ob er ihre Antwort hören wollte.

„Herr Schliema, bitte in Behandlungszimmer zwei“, rief der Arzt über den Flur in das Wartezimmer. Theo erhob sich.

Im Behandlungszimmer saß einer dieser Jungdoktoren, die an Patienten wie ihm praktische Erfahrungen sammelten, denn Theos Hausarzt hatte seine Praxis als Lehrpraxis umfunktioniert. Das hieß, Theo bekam den richtigen Arzt eigentlich gar nicht mehr zu Gesicht. Jedes Mal, wenn er wegen seines Blutdrucks oder einer Erkältung in die Praxis kam, behandelte ihn eine neue junge Ärztin oder ein junger Arzt. Der Arzt, blond und mit einem derartigen Milchgesicht ausgestattet, dass Theo schon nach dem Ausweis fragen wollte, stellte sich als Herr Hoffmann vor.

„Herr Schliema, wo drückt denn der Schuh?“, fragt er.

Theo fühlte einen Stich in der Brust. Noch so jung und schon voller Floskeln, dachte er. Ihn überfiel eine Müdigkeit, die nicht nur von einer durchwachten Nacht kommen konnte. Es war eine Tonne Müdigkeit, die auf seine Lider drückte und auch auf seine Schultern.

Waren Männer wie er so einfach ersetzbar durch Roboter? Was wusste denn dieses Milchgesicht von Doktor überhaupt? Er behandelte Theo wie einen Idioten, bloß weil er aus seiner Sicht die Altersgrenze, in der man noch für zurechnungsfähig gehalten wird, überschritten hatte. Dabei war er erst sechzig. Er war noch zu gebrauchen, auch als Mann!

„Die Schuhe drücken nicht. Ich habe eine Meningitis!“, sagte Schliema.

„Das wollen wir uns mal anschauen“, sagte der Doktor sanft, was Theo noch mehr in Rage versetzte.

Er erläuterte in einem, wie ihm selbst auffiel, etwas herrischen Ton seine Symptome – Niesanfälle, Rotzbildung, Hustenfrequenz, Stärke und Art der Kopfschmerzen –, das hatte der Doktor nun von seiner Floskelattitüde. Theo übertrieb ein bisschen, auch weil der junge Doktor bei seinen Untersuchungen – Brust abhorchen, Nebenhöhlen abklopfen, Rachen inspizieren – immer mehr die Stirn auf Ärzteart in Falten legte, was er wahrscheinlich in einer Lerngruppe für angehende Hausärzte einmal die Woche geübt hatte. Theo ließ sich davon nicht einschüchtern. Er beendete seinen Vortrag mit der Diagnose Verdacht auf Meningitis und fügte die Frage an, ob er über die Feiertage ins Krankenhaus müsse.

Der junge Doktor schwieg einen Moment, entspannte seine Stirn und lächelte ihn triumphierend an.

„Herr Schliema, das müssen sie nicht, Sie haben einen stinknormalen grippalen Infekt“, sagte er.

Theo brauchte einen Moment, bevor er die Worte richtig verarbeitet hatte.

„Aber das kann gar nicht sein, die Symptome sind doch eindeutig“, wandte er ein, wurde aber sofort wieder unterbrochen.

„Sie können sich freuen“, entgegnete der Arzt, nun seinerseits etwas herrisch. Offenbar war Theo nicht der erste, der eine Diagnose des Milchgesichtes infrage gestellt hatte.

„Die Symptome passen nicht zu einer Meningitis“, sagte der Arzt weiter und setzte zu einem Vortrag über Meningitis an.

Theo sank in den Stuhl. Er war sich so sicher gewesen. Alles hatte so gut zusammengepasst und nun überführte man ihn quasi der Hypochondrie.

Und war er wirklich überhaupt noch ein Mann? Es stimmte ja gar nicht, dass er ohne Hilfsmittel mit einer Frau wie der Kurzhaarigen… Wenn er seine Erektionen ansah, dann war das doch ein Trauerspiel. In den letzten zwei Jahren hatte er es drei Mal mit einer Bekannten versucht, bei der er sich nicht getraut hatte, zu sagen, dass er ihr süßliches Parfüm abscheulich fand. Nachdem er zwei Mal gescheitert war, hatte er beim dritten Versuch eine dieser Pillen, die er ihm Internet bestellt hatte, eingenommen, was ihm zwar eine Erektion bescherte, aber auch Übelkeit und Schwindel, sodass ihm nichts anderes übriggeblieben war, als auf dem Rücken zu liegen und zu warten, bis seine Übelkeit abgeklungen war, mit ihr leider auch die ersehnte Erektion. Die Scham über dieses Ereignis hatte ihm verboten, die Bekannte noch einmal zu fragen und seine Hemmschwelle, in dieser Richtung aktiv zu werden, war enorm gestiegen. Vielleicht sollte er es auch mal mit einem Roboter probieren, beziehungsweise mit einem weiblichen Modell. Mit ihr könnte er üben, und wenn die Richtige dann käme, wäre er vorbereitet auf solch eine Situation. Es konnte unmöglich sein, dass es nur Liebesroboter für ältere Damen gab. Er musste das recherchieren. Theo unterbrach den Arzt.

 

Dicke Flocken sanken herab und ließen sich auf den Wollmützen der Fußgänger nieder. Theo lief, ja rannte fast über den Bürgersteig in Richtung seines Wagens. Als er um eine Hausecke bog, rempelte er jemanden an. Er entschuldigte sich hastig, stockte und blieb dann stehen. Es war die Kurzhaarige. Unter der roten Wollmütze hätte er sie fast nicht erkannt.

Theo sah in ihr Gesicht. Sie hat Augen wie Fenster, dachte er.

„Ach, Sie sind es… ich wollte Sie fragen...“, stammelte er. Sie nickte als wüsste sie, was er fragen wollte. Es schien ihm fast so, als wollte sie seine Worte herbeinicken. Strahlte sie nicht sogar vor Erwartung?

Auf seiner Zunge tat sich jedoch nichts. Die Worte kräuselten sich in seiner Kehle, strebten vor und zurück. Er konnte sie nicht nach einem, beziehungsweise nach ihrem Liebesroboter fragen. Das war zu seltsam und irgendwie auch eine persönliche Sache.

„Ach, nichts“, sagte er.

Das Strahlen erlosch. Vor ihre Augen schoben sich unsichtbare Läden. Sie macht zu, dachte er. So etwas wäre ihm früher nicht passiert. Er war einfach nicht auf der Höhe. Vielleicht würde er es nie mehr sein. Theo schüttelte einen Hustenanfall. Er zog den Kragen seines Mantels enger im den Hals.

„Sie sollten nach Hause gehen und sich ausruhen, Sie sehen müde aus“, sagte die Kurzhaarige.

„Das ist die Erkältung, ich habe kaum geschlafen“, sagte er außer Atem. Er wandte sich mit einem Alsodann von ihr ab.

„Sie wollten fragen, ob ich einen Roboter habe“, rief ihm die Kurzhaarige in den Rücken.

Theo drehte sich um. Die Stille der Flocken landete auf seiner Stirn, auf seiner Nase und seinen Lippen. Die Flocken schmolzen sofort.

„Verzeihen Sie uns, wir sind manchmal ein bisschen böse, Marianne und ich, und spielen Szenen aus unserer Kabarett-Gruppe“, sagte die Kurzhaarige. Ihr Lächeln kam ihm traurig vor. Eine Last fiel von ihm ab, die nicht von der Erkältung kam und auch nicht von der durchwachten Nacht.

„Kann ich Sie ein Stück begleiten? Ich erkläre es Ihnen“, sagte die Kurzhaarige.

Theo und die Kurzhaarige, die Iris hieß, gingen nebeneinander her. Er hörte ihr zu, nieste und hustete in ihre Worte hinein. Sein Kopf fühlte sich heiß an. Morgen würde er wahrscheinlich nicht mal mehr aus dem Bett kommen. Ab und zu lachte er. Sie auch. Das Lachen war warm und kam aus tiefster Kehle.

 

Gloria Ballhause

 

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15 | David Hassbach

Weihnachten im Schlachthaus

Am Heiligabend machte ich immer eine Doppelschicht im Schlachthaus.
Ich wollte nicht wie die ganzen Arschlöcher sein,
die das ganze Jahr über ihre Frauen schlagen
und dann für einen Abend ein nettes Gesicht aufsetzen,
ihren Bälgern etwas Liebloses schenken
und sich anschließend mit Punsch besaufen.
Außerdem wartete zu Hause niemand auf mich.
Mein Vorarbeiter Jack, ein derber Mann
mit Bratpfannenhänden und einem Kopf so groß
wie der eines Ochsen, trank immer aus seiner Whiskeyflasche,
sprach dann vom heiligen Geist und lachte dreckig,
wenn sich wieder jemand einen Finger abschnitt.
Dieser Betrieb hatte fürwahr mehr Krüppel produziert,
als so manches Schwangerschaftsmedikament.
Die Zeit verging langsam und gegen acht Uhr
spürte auch ich den Whiskey schon in den müden Knochen.
Doch plötzlich lag ein Schimmer in der Luft,
wie wenn sich das schummrige Kneipenlicht
im Pailletten-Kleid einer billigen Nutte reflektiert.
Einem der frischen Kalbskadaver wuchsen auf einmal Flügel
und dieser Kalbsengel stieg in die Luft empor
und verkündete die Frohe Botschaft.
Unter den Arbeitern wurde es still.
Doch dann schlug Jack dem himmlischen Vieh einen Haken durch die Ferse und zog es
schreiend hinauf zu den anderen Kadavern,
bis es verstummte.
Während ich noch einen Schluck Whiskey nahm, dachte ich:
An diesem gottlosen Ort ist einfach kein Platz für Weihnachten.

 

David Hassbach

 

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