09 | Andreas Hutt

hier ist sogar kiefernwald möglich.
kläffen eines hundes, das die richtung vorgibt,
mit schiefer gepflasterte wege, folgen

die augen einem imaginären fingerzeig nach oben
ins rostrot verdorrte.  je höher wir steigen,
desto mehr schleicht sich kahles grün
in die knochen.

ist das ein wasserfall
der den geruch von moder
auslöst?

hinter dem hügel
leblose ausläufer der stadt.

 

Andreas Hutt

 

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08 | Melitta L. Roth

Ihr Schreiben von gestern ist gegenstandslos

Mir ist gestern beim Schreiben doch tatsächlich mein Gegenstand verloren gegangen. Als ich mich an den Schreibtisch setzen wollte, war er noch da, aber dann war er auf einmal weg. Wie weggeblasen.

Ich habe noch ein wenig herumgekramt, bis in die entferntesten Winkel des Gehirns gestöbert. Ohne Erfolg. Andere längst verschollene Sachen sind zutage getreten. Aber nicht das, worüber ich hatte schreiben wollen. So läuft es immer. Du suchst etwas und was anderes tritt an seine Stelle. Mit realen Dingen ist es ebenso. Du suchst deine Bahncard und andere längst vergessene Sachen treten zutage: ein verrosteter Nagel, ein leerer Labellostift oder eine Arbeitsbescheinigung, die dir vor zwei Jahren abhanden gekommen war und die du mühsam beim Arbeitgeber hattest wieder einholen müssen, wegen der Steuer. So ging es immer. Als wäre ein Plan dahinter.

Ich hätte noch ewig nachdenken können, sicher wären noch andere vergessene Ideen aufgetaucht. Fakt war, dass dieser gewisse Gegenstand, über den ich heute unbedingt hatte schreiben wollen, verschollen blieb. Wie ausradiert.
Bloß nicht suchen, das sei der beste Trick, damit Verschwundenes wieder auftaucht, so hatte es mir meine Mutter beigebracht. Und die hatte das von ihrer Mutter.

Egalsein, sagte sie, ist Zauberwort bei jeder Sucherei. Du musst so tun, als ob es dir komplett egal ist. Schreib dir das hinter die Ohren, Dotscha.

Natürlich sagte sie nicht genau das, sondern etwas wie: Bind dir das gefälligst auf deinen Schnurrbart, Dotscha.
Die Redewendungen wurden bei uns noch immer frei aus dem Russischen übersetzt. Und diese mit dem Schnurrbart schien aus einer sehr alten Zeit zu stammen, als die Mushiks noch prächtige Bärte trugen.
Überhaupt war der Umgang mit Sprachbildern in unserer Familie eher kreativ. Wenn etwas erstaunlich war, standen wir davor wie die Kuh vorm neuen Tor. Bei uns waren auch überall Tretmühlen versteckt, wir wurden abwechselnd übern Kamm gekehrt oder über den Tisch gehauen. Vielleicht hatte diese Art, Dinge zu überlisten auch etwas mit unserer Herkunft zu tun? Der Trick, nicht nur Menschen, sondern Dinge bewusst zu schneiden, damit sie nervös wurden und dir hinterherliefen. Willst du was finden, hör auf zu suchen. Gab es dieses Konzept auch im Westen?

Als ich klein war, habe ich mir folgendes darunter vorgestellt: Dinge wollen verborgen bleiben, sie sind wie kleine Kinder. Spielen gern verstecken und freuen sich diebisch, wenn sie nicht gefunden werden. Tust du dagegen so, als würden sie dich nicht im Geringsten interessieren, geben sie ihr Versteckspiel auf und kommen schmollend wieder hervor. Das gilt für Gegenstände wie für Gedanken. Mit der Zeit wird das, was wichtig war, eh wieder angeschwemmt, das ist der Lauf der Dinge. Oft geschieht das ganz unerwartet, in einem unbedachten Moment.
Am allerbesten sei es, so hatte es mir meine Mutter beigebracht, wie es ihre Mutter ihr immer gepredigt hatte, etwas komplett anderes zu tun, beispielsweise sich hinzulegen und zu schlafen. Na warte, denke ich und setze mich aufs Sofa, wirst schon sehen. Mir doch egal, wo du bleibst und ob ich später Lust habe, mich überhaupt mit dir zu befassen, mal sehen, wer von uns sturer ist.

Erst mal ein kleines Schläfschen. Plötzlich erinnere ich mich an dieses Wort. So hatten unsere Eltern das genannt, ein Schläf-s-chen machen, mit falschem s mitten im Wort. Sie hatten diese Art, Worte zu verdrehen oder auszuschmücken, sodass sie unabsichtlich niedlich wurden. Bei uns gab es Millich zum Frühstück oder ein Gast hatte eine Mitbring-Insel dabei und Ohrringe waren im besten Fall mit Steinen verzerrt.
Erst mal also ein Schläfschen halten? Wie lang war das her, dass ich das so gehört habe? Irgendwann, beim Aufwachen, werde ich mich schon daran erinnern, was ich schreiben wollte. Die prophetische Kraft der Träume. In der Antike gab es ganze Traumzentren, wohin Menschen sich zurückzogen, um zu träumen, sich zu heilen, wieder klarzukommen. Ein Retreat auf Delphi, das wärs jetzt.
In einem russischen Märchen schläft der Held auf einem warmen Ofen aus Ton, der den gesamten Raum der Hütte einnimmt und die Lösung kommt zu ihm wie von selbst. In einem anderen bittet die Froschprinzessin den Prinzen, sich keine Gedanken zu machen und sich schlafenzulegen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Schlafen als Lösung eines Problems scheint mir ein eher östliches Konzept zu sein. Zu wenig protestantisch, zu wenig an einem alles bestimmenden Arbeitsethos orientiert. Busy busy bis zum Burnout ist doch die Devise. Wie heißt noch gleich dieser faulenzende Mensch in einem alten russischen Roman? Habs gleich, Oblomow. Ich schau kurz nach, und siehe da, es gibt mehrere Dutzend Synonyme für Nichtstuer im Russischen, einer davon Leshebok oder Lesheboka, also Lieg-auf-der-Seite. Das, was ich gerade mache.
Ich browse weiter, im Deutschen gibt es mehr als 150 Begriffe für Faulpelz. Gewonnen!
Zugegeben, die Lieg-auf-der-Seite-Methode führt nicht immer zum unmittelbaren Erfolg. Vor allem nicht sofort. Es kann Stunden dauern oder sogar Wochen oder Monate, bis der verschwundene Gegenstand sich bequemt, wieder ins Bewusstsein zu dringen. Die Dinge sind bekannt dafür, dass sie solche Spielchen gern in die Länge ziehen. Also musste ich das Spiel mitspielen, um den verfluchten Gegenstand zu reizen. Ich legte mich wieder hin. Vielleicht macht ihn meine mangelnde Aufmerksamkeit mürbe und er tritt zwischen den Falten der Erinnerung hervor? Bis dahin würde mein Schreiben eben gegenstandslos bleiben. Reine Deko. Wobei, Dekoration ist in ihrer Dreidimensionalität doch auch irgendwie gegenständlich. Oder etwa nicht? Während ich so liege, huscht unvermittelt eine wabernde Kontur vor meinem inneren Auge, na, gleich habe ich dich! Ach, doch nicht. Zu flüchtig.

 

Melitta L. Roth

 

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07 | Sophia Fritz

Adventszeit

  1. Türchen

Lars und ich haben heute zusammen unsere Spuren in den Schnee geknirscht. Ich habe ihm gesagt, dass du mir früher immer einen Kalender gemacht hast und ich mir dieses Jahr zum ersten Mal selbst was ausdenken musste.

Die Handschuhe stören, also lasse ich sie irgendwann fallen und hoffe, dass in seiner Halsbeuge kein Tellereisen versteckt ist.

  1. Türchen

Ich habe heute solange Jonas gegen meinen Bauch gepresst, bis er mir erzählt hat, was ihn wirklich nicht schlafen lässt. Danach wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Ich habe ihn noch eine Weile gehalten, aber irgendwann ist er gegangen und ich glaube nicht, dass er wiederkommt.

  1. Türchen

Der Schnee ist wieder weg, aber seit dir bin ich es gewohnt, auf Dinge, die plötzlich verschwinden, nicht mehr zu reagieren.

Ich war im Club, ich war in seiner Hose, er hat meine Hände weggeschoben und meinte: Eins nach dem anderen. Ich dachte: Einer nach dem anderen, und seitdem du nicht mehr da bist, sind alle nur noch Andere nach dem Einen.

  1. Türchen

Mein Herz ist eine Lande- und Startbahn ohne Funktower, d.h. ab und zu Nachricht von Paul: Schön, dass ich mich ab und zu in dir ausruhen darf.

  1. Türchen

Du hast den Zweitschlüssel zu deinem Schrebergarten immer an verschiedenen Orten versteckt und das sagt mehr über dich und das Verhältnis zu deinen Ex-Freundinnen aus, als dir wahrscheinlich lieb wäre.

Ich stand in der Mitte des Raumes und habe vor Enttäuschung angefangen zu heulen, weil ich dachte, dein Lieblingsversteck und ich hätten mehr Gemeinsamkeiten, aber hier ist alles noch genauso ordentlich und aufgeräumt wie vorher.

  1. Türchen

Gestern Abend habe ich noch einen alten Schuh von dir gefunden, mit Schokolade gefüllt und vor die Tür gestellt. Der Hund hat heute Morgen alles aufgefressen. Jetzt liegen wir zu zweit auf dem Boden und haben eine Wette mit dem Schnee am Laufen, wer von uns dreien am längsten liegenbleiben wird.

  1. Türchen

Heute hat Daniel mir durch die Trennwand der Unitoiletten erzählt, dass er mein Herz erobern möchte. Ich weiß nicht, wie er sich das vorstellt. Eine ausladende Wüste zu bezwingen, oder mit Ritterrüstung und Helm und Lanze loszustürmen und ein brachliegendes Feld zu finden.

  1. Türchen

Du hast mich aufgeschraubt wie eine Flasche, du hast deinen Korkenzieher in meinen Schaumstoff gebohrt, wenn du betrunken warst, habe ich dich mein blaues Wunder genannt und du hast den Ausdruck auf die Liste der Klischees gesetzt, mit denen wir uns nicht weiter ruinieren sollten.

Mein Waschbecken fragt manchmal noch nach dir.

  1. Türchen

Julian kennt mich inzwischen aus allen Perspektiven, ich kenne seine Perspektiven und befinde mich in keiner einzigen davon.

 

  1. Türchen

Ich habe Matze heute wieder für deinen Unfall verantwortlich gemacht. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem er mir glauben wird.

  1. Türchen

Ich habe heute an den Türen von Freunden geklingelt, bis einer aufgemacht hat. Ich bin jetzt meistens die, die am längsten irgendwo bleiben will.

Seitdem du nicht mehr mein Zuhause bist, fällt mir der Heimweg schwerer.

  1. Türchen

Drei Leute haben mir heute erzählt, wie viel ihnen meine Ratschläge in letzter Zeit geholfen haben.

Wie viele Türchen muss ich aus den Angeln heben, bis du mich so sehr hasst, dass du eine Petition gegen mich unterschreibst?

 

  1. Türchen

Beinahe hätte ich Oliver gefragt, wie er die Frau vor mir genannt hat. Ich persönlich ändere die Kosenamen der Männer jetzt, als müsste ich mir irgendwas beweisen.

Ich meinte zu ihm, dass es nichts zu sagen hat, wenn ich mir in den letzten Monaten keine Zeit mehr für ihn nehme und dass wir uns deshalb nicht weniger bedeuten.

Aber eigentlich wissen wir beide, dass einer immer mehr Umstände für den anderen eingeht und dass wir seit Jahren noch keine genauere Skala für Liebe gefunden haben.

  1. Türchen

Als ich bei den Kosenamen bis F durchgekommen bin, habe ich angefangen, zu googeln. Wusstest du, dass der erste Name, der angezeigt wird, ‚Herzblatt‘ ist? Es gibt noch 228 weitere lustige Kosenamen für Männer und Frauen auf www.flirtuniversity.de, also muss ich mir in nächster Zeit keine Sorgen machen.

  1. Türchen

Marta versucht immer herauszufinden, wie es mir wirklich geht, also habe ich ihr heute gesagt, dass sie zu dick ist und mich nie ganz verstanden hat, bis sie langsam angefangen hat zu weinen.

Du lässt plötzlich Dinge zu, die wir beide mir früher nie hätten durchgehen lassen.

Die Leute sagen, manchmal suchen einen Geister heim, aber die einzige, die noch nach einem Geist sucht, bin ich.

  1. Türchen

Deine Abwesenheit ist manchmal so präsent, ich würde ihr gerne Biotin-Tabletten geben, damit ihre Haare länger werden und ich sie endlich zu Abendveranstaltungen mitnehmen kann ohne mitleidig angestarrt zu werden.

Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin über das Klofenster nach draußen ge­klettert. Ich habe mich wie die Protagonistin eines Musikvideos gefühlt, für das ich mich selbst schämen würde, es in meiner Playlist zu haben.

  1. Türchen

Heute habe ich versucht, Gott mit einem Kissen zu ersticken, dabei weiß ich doch schon von zwei Dingen, die ganz sicher nicht existieren: Gott und sanfte Gewalt.

  1. Türchen

Tinder, aber für Verletzte. Tinder, aber für Romantiker. Tinder, aber als Kalender. Tinder, bis meine Fehler anfangen, aus mir zu lernen.

  1. Türchen

Heute bin ich mit einem Mann mitgegangen, auf dessen Jacke fett SECURITY draufstand, weil ich dachte, dass man sich sowieso nicht mehr wünschen kann. Ich war zu müde, um mit ihm zu schlafen, und als ich ein paar Stunden später aufgewacht bin, war er nicht mehr in der Wohnung. Den Stempel für den Club lasse ich mir jetzt immer direkt über den Pulsadern geben.

  1. Türchen

Anna hat sich heute in der Mittagspause zu mir gesetzt, weil sie sich Sorgen um mich macht. Anna weiß, dass ich mich früher meinen Problemen immer angenommen habe und jetzt selbst von meinen Problem genommen werde, meistens von hinten. Anna weiß nicht, wie sie mir helfen kann.

Ich vermisse deine Unterschrift auf meiner Daseinsberechtigung.

 

  1. Türchen

Es gibt einen Kurzbefehl, um mich zu öffnen und die Kombination der Tasten wird immer beliebiger. Ich will dir noch sagen: Ich weiß jetzt, du warst der eine Liebhaber, der mich wirklich lieb gehabt hat.

  1. Türchen

Weil in zwei Tagen Weihnachten ist, breche ich heute in den Antiquitätenladen ein und klaue eine Landschaft. Mein Leben ist ein eingefrorenes Bild und wenn alle Linien auf dich zulaufen, bist du immer noch meine Fluchtperspektive, selbst wenn du außerhalb des Rahmens liegst.

  1. Türchen

Ich wollte immer mein Leben in den Griff kriegen aber ich wünschte, ich könnte dich noch einmal mit beiden Händen in den Griff kriegen. Du bist immer noch der Mann meiner Träume und ich würde gerne mal wieder ruhig schlafen.

  1. Türchen

24 Menschen wie Türen aufgestoßen, 24 mal meinen Fuß im Spalt stehen lassen, aber ich finde noch nicht mal das Kellerfenster zu mir selbst, ich ziehe mich aus Affären und kann nicht aufhören dich mitzuschleifen.

 

Sophia Fritz

 

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06 | Martina Berscheid

Bevor alles verschwindet

Papa wartet schon vor der Haustür. Mein Herz schlägt schnell, wie immer, wenn ich ihn besuche. Ich atme tief durch. Steige aus dem Wagen, nehme die Kuchenschachtel vom Beifahrersitz.

Das Gras im Vorgarten ist von Reif überzogen. Eine graue Wolkendecke verhängt den Himmel. In zwei Wochen ist Weihnachten und meine Töchter wünschen sich Schnee.

Ich hingegen hoffe auf einen warmen Winter. Mir graust bei der Vorstellung, Papa könnte die glatte Vortreppe hinunterstürzen.

Papa tapst mir entgegen. Er ist noch dünner geworden. „Hallo Marlene.“

Seine Umarmung riecht nach saurer Milch. Ich wende den Blick ab vom Schmutzrand, der seinen Hemdkragen einsäumt.

Wie immer erkundigt er sich zuerst nach Uwe und den Mädchen, und ich muss ihm versichern, dass es allen bestens geht.

Er nimmt mir den Kuchen ab. „Brauchst dir doch nicht solche Umstände zu machen“, murmelt er, aber ich sehe am Leuchten seiner Augen, wie sehr er sich freut. Auch wenn es meine Backkünste bei Weitem nicht mit denen meiner Mutter aufnehmen können.

Im Flur riecht es nach nasser Wolle. Ich stelle ein umgestürztes Paar verdreckter Gummistiefel auf, gehe in die Küche und unterdrücke ein Seufzen. In der Spüle stapelt sich Geschirr, der Herd ist übersät mit Soßenspritzern, der Boden fleckig. Aus dem Mülleimer hängt eine Bananenschale wie eine ausgestreckte Zunge.

Als ich das letzte Mal anbot sauberzumachen, wurde Papa wütend. Auch von einer Putzhilfe wollte er nichts wissen. Seitdem schwelt das Thema zwischen uns, und beide haben wir Angst, dass es erneut aufflammt und wir uns daran verbrennen.

Ich öffne den Kühlschrank, wo ein Stück Käse und zwei Möhren vereinsamen, und stelle den Topf mit Suppe hinein, die ich ihm vorgekocht habe.

Im Küchenschrank finde ich löslichen Kaffee und glücklicherweise noch sauberes Geschirr. Ich setze Wasser auf, schütte Kaffee in die Tassen und hole den Kuchen aus der Form.

Die Eckbank quietscht, als Papa sich setzt.

„Ach Marlenchen“, seufzt er. „Gedeckter Apfel.“

Er strahlt mich an, und ich streiche ihm über den Handrücken.

Der Kessel pfeift, ich gieße Wasser in die Tassen. Aus meiner Tasche hole ich eine Packung H-Milch. Fehlen nur noch die Gabeln.

Die Besteckschublade ist leer. Ich ziehe ein Schubfach nach dem anderen auf, irgendwo werden doch noch zwei saubere Gabeln sein.

„Lass doch, Marlene. Essen wir den Kuchen halt auf der Hand.“

Ich reiße die letzte Schublade auf. Und erstarre.

Statt Besteck finde ich ein Schreibheft. Mamas Name steht darauf. In ihrer Handschrift. Ich nehme es heraus, halte es hoch.

„Was ist das?“

Papa senkt den Kopf. „Ich hab es vor ein paar Wochen da drin gefunden.“

Ich setze mich zu ihm an den Tisch. Schlage das Heft auf.

Bevor alles verschwindet.

Ich muss schlucken und lese trotzdem weiter.

Heute war Marlene mit den Mädchen da, Lisa und Alina. Das weiß ich nur, weil Marlene sie so angesprochen hat: Lisa und Alina, zeigt mal der Oma, was wir ihr mitgebracht haben.

Ich hatte ihre Namen vergessen. Dabei sind sie so schön.

Ich erinnere mich an jenen Nachmittag, weil es da anfing. Sehe meine Mutter vor mir, wie sie da saß, den Blick auf ihre Enkelinnen gerichtet. Ein Blick wie eine offene Wunde. Weil sie ahnte, dass ihr Geist zerfallen würde.

Ich blättere weiter, lese quer. Alltagsbeschreibungen und Eindrücke. Ein herrlicher Herbsttag. Himbeertorte! In dem Stil. Von Seite zu Seite wird die Schrift krakeliger. Wörter weichen Zickzacklinien und werden durch hilflose Umschreibungen ersetzt: roter Baum statt Ahorn.

Später klaffen ganze Lücken in den Zeilen. Irgendwann hat Mama mitten im Satz abgebrochen. Die Leere, die dahinter gähnt, offenbart ihre ganze Verzweiflung über das zunehmende Nichts in ihrem Kopf.

Die Trauer schlägt mich mit voller Wucht. Ich schließe die Augen, aber die Tränen kommen trotzdem.

Plötzlich fühle ich Papas Hand auf meiner Schulter.

„Ich konnte es nicht wegwerfen“.

Seine Stimme vibriert.

Mit Hingabe hatte sich Papa, obwohl er gerade einen Schlaganfall überwunden hatte, an der Betreuung meiner Mutter beteiligt. Seit ihrem Tod schwindet ihm die Kraft.

Seine Hände zittern.

„Komm, wir essen Kuchen“, schlage ich vor. „Ich habe ihn nach ihrem Rezept gebacken.“

Er nickt, als wäre das ein Trost. Wir essen mit den Händen.

„Sie fehlt mir so, Marlene.“ Die Worte rieseln leise aus seinem Mund.

„Papa. Möchtest du nicht doch zu uns ziehen?“

„Nein.“

Mit dem Zeigefinger schiebt er ein paar Krümel auf dem Teller hin und her. „Ist lieb von euch, aber … Manchmal bilde ich mir ein, sie ist noch da. Dann hör ich ihr Lachen, ihre schnellen Schritte.“

Ich lege meine Hand in seine. Seine Haut ist rau, übersät mit hornigen Zähnchen. Sie verhaken sich in meiner Handfläche, als wollten sie verhindern, dass wir uns voneinander lösen.

„Dann komm wenigstens über Weihnachten. Bitte, Papa.“

Er wiegt den Kopf hin und her.

Plötzlich fallen mir die Sterne aus Goldpapier ein, die meine Töchter für ihn gebastelt haben. Ich ziehe sie aus der Tasche.

„Ach.“ Seine Finger streichen über die krummen Zacken, sein Blick driftet weg, zu einer Erinnerung, vielleicht daran, wie meine Mutter zur Weihnachtszeit das Haus schmückte, mit Tannenzweigen und Strohsternen, Kerzen vor den Fenstern.

„Na gut.“ Er räuspert sich. „Aber jetzt musst du zu deiner Familie.“

Er hat recht. Draußen dämmert es schon. Er steht auf, taumelt, und ich packe ihn gerade noch rechtzeitig. Er sieht mich an, und seine Augen spiegeln meine Furcht: vor dem Tag, an dem er stürzen und ich ihn hier leblos finden werde.

„Bis nächste Woche.“

Papa umarmt mich, wir halten uns ein paar Sekunden.

Wie immer schließt er hinter mir ab. Ich weiß, dass er mir durch das Glas der Haustür nachschaut, bis mein Wagen hinter der nächsten Kurve aus seinem Sichtfeld verschwindet.

 

Martina Berscheid

 

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05 | Martin Peichl

Alte Landkarten

wenn die U-Bahn einfährt und unser Leben zu einem Windkanal wird und bellt: über den Zaun springt fast

ein Wald aus gelben Haltegriffen, der orange Mann mit dem orangen Kind, die Sitze rot: eine Alarmstufe / und das Essverbot, das wir auf uns beziehen

was wir alles in die Postkästen im Stiegenhaus stecken (aus den Augen, aus dem Sinn), als könnten wir hinter den geschlitzten Fächern ein ganzes Leben wegsperren

(ich: der Nachbar, den es nicht mehr gibt)

in meiner Hand: nichts, nur deine Hand oder der Schatten einer Hand (was ist der Unterschied, hier: im Winter)

wenn der Schnee Wurzeln schlägt in deinen Haaren

woraus Zeit gemacht ist: wir wissen es nicht, aus alten Dias und Projektoren, die nicht mehr funktionieren vielleicht / ein Wort, das wir einer Bewegung geben, deren Richtung wir nicht verstehen / und jedes Mal, wenn wir ein Foto machen, einen Moment festhalten, verlieren wir: ein paar Sekunden nur, sie summieren sich: werden zu Halden

(ganze Tage, die wir im selben Türrahmen verbracht haben, auf die nächste Katastrophe wartend)

und zurückbleibt: eine leere Schneekugel, ein Schütteln

die Buchstaben hängen über den Stühlen, liegen auf der Couch und auf dem Tisch gleich daneben, zum Teil auf dem Parkettboden verteilt

jemand muss die Wörter zerstückelt haben, während wir geschlafen haben (ich schaue auf meine Finger: kein Blut, das eingetrocknet unter meinen Nägeln wartet)

deine Jalousien: sie klingen wie alte Landkarten, gegen die Faltlinien zusammengelegt und im Handschuhfach verstaut / aus dem Wasserhahn tröpfelt: die vorletzte Jahreszeit

jemand hat die Stadt mit Nebel eingerieben und wir: haben kein Alibi

 

Martin Peichl

 

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04 | Nina Radzwill

Im Spiegel des Feuers

Zerrissen.
Hin- und hergerissen.
Aus Gedanken gerissen hast du mich.
Als du auf einmal vor mir standest
mit nassen Klamotten,
dreckigen Schuhen und müden Augen.

Wie nach einer langen Reise, auf der du nicht das finden konntest, was du vergessen hast zu suchen. Dein Blick und dein Körper verrieten mir schon längst, was deine sanftmütige, zerbrechliche Stimme sich nach einer Weile Schweigen zu fragen traute: „Darf ich heute vielleicht bei dir schlafen?“

Du brauchtest eine Pause. Auch ich hatte den Stift schon lange nicht mehr abgesetzt. Nie hätte ich gedacht, dass du derjenige sein könntest, der mich mit einer leichten Berührung davon abhalten würde, wieder und wieder all die neu beschriebenen Seiten zu zerreißen und zu verbrennen, während ich mit krampfhafter Kälte die Flammen beobachtete. Die Glut. Wie alles zu Asche wurde.

Nein, wir saßen gemeinsam am Feuer und zum ersten Mal sah ich nicht die Zerstörung, sondern begriff die beflügelnde Wirkung, die es mit ihren knisternden Funken über uns hat regnen lassen. In deinen Armen. Wir saßen stundenlang dort, lasen uns gegenseitig vor und schauten den Flammen beim lieblichen Lodern zu. Der Glut. Der Asche. Nicht, wie eines zum anderen wurde; nicht, was vorher war und was bald sein würde. Nein. Wir sahen das Licht: das Gelb, das Weiß, das Blau. Wir spürten die Wärme, fühlten den Wind, atmeten die leicht nach Rauch schmeckende Luft. Wir fragten nicht danach, woher wir kamen oder wie wir nach Hause kommen würden, wo „Zuhause“ ist oder wie es auszusehen hatte. Wir sahen nicht, wer wir einmal waren oder wer wir eines Tages sein wollen. Wir sahen uns.

 

Nina Radzwill

 

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03 | Barbara Rieger

In Vent

30m unter dem Schnee!, hat die Wirtin am Morgen beim Frühstück gesagt und dass sie nicht verstehe, was die Leute abseits der Piste suchen. 30cm reichen, um zu sterben, hat meine Mutter später am Telefon behauptet und dass sie kommen werde, dass sie mich nicht alleine lassen will, dass sie nicht alleine sein will zu Weihnachten und ich will nicht glauben, dass man so nahe an der Oberfläche ersticken kann, aber andererseits, denke ich, in der Badewanne geht es auch.

Ich gehe vorbei an der großen Tanne, vorbei an Hotels, vorbei an einem Schlepplift, der mit keinem der anderen Lifte verbunden ist und mit dem niemand fährt. Ich gehe den Hang hinauf, den Weg entlang auf gefrorenem Schnee, gehe immer weiter hinein ins Tal. Bis zum Schluss will ich gehen oder zumindest bis zur Hängebrücke. Es ist der Wind, der mir die Tränen in die Augen treibt, nur der Wind.

Über Entscheidungen denke ich nach, während mir das Gesicht einfriert und darüber, dass ich dich haben wollte so wie du mich, darüber, dass man im verliebten Zustand keine Entscheidungen treffen sollte und dass mir die Gemeinplätze nicht mehr weiterhelfen.

Auf der Kuppe des Hanges ein Hund, er läuft bellend auf mich zu, hinter ihm die Frau, ruft ihn zurück, er folgt. Dass er nur spielen will, sagt sie nicht, aber dass er die Leute noch nicht gewohnt sei, dass er zu Beginn der Saison alle Fremden anbelle, bevor er sich dann an sie gewöhne und dass es nicht mehr weit sei bis zur Hängebrücke. Hunde, die bellen, ein weiterer Gemeinplatz in meinem Kopf, denke ich und dass du dich vielleicht an mich gewöhnt hättest, wenn ich andere Entscheidungen, andere Sätze, wenn ich also anders, denke ich und komme fast nicht voran, sinke fast ein, bleibe fast stecken, fühle mich blind.

46m auf die andere Seite, 31m in die Tiefe, denke ich, greife nach dem Geländer, halte mich fest, gehe Schritt für Schritt über den Abgrund. In der Mitte drehe ich mich mit dem Rücken zum Wind, ziehe das Handy aus meiner Tasche und rufe dich an.

Dass du das Unmögliche willst, sagst du, eine Frau, zu der du dich drei Tage lang ins Bett legen und dich geborgen fühlen kannst, eine Frau, die dich nie fragt, wo du an den anderen Tagen gewesen bist. Dass du eines wirklich gut kannst, sagst du, einer Frau zu vermitteln, dass sie die einzige, die beste, die schönste sei, das habe eine Freundin zu dir gesagt, aber das Problem, habe sie gesagt, und ich spüre, dass es erst wenige Stunden her ist, das Problem aber, was wenn die Frau draufkommt, dass sie nicht die einzige und schlimmer noch, was wenn es aufhört.

23m auf die andere Seite, 31m in die Tiefe, denke ich, meine Finger gefroren, gefroren meine Gefühle, und dass ich wegen dir sicher nicht von einer Brücke, in einer Badewanne, natürlich nicht. Ich gehe weiter, der Wind hat sich gedreht.

Der Mann, den ich wegen dir verlassen habe, hat mir das mit dem Wind erklärt, mit der Luft im Alpenvorland und der Luft im Tal, die sich schneller erwärmt und schneller abkühlt, dass aufgrund dieser Temperaturunterschiede der Wind untertags ins Tal hinein und am Abend aus dem Tal hinaus und ich denke, dass es umkehrt sein sollte who's left and who's leaving, dass es doch umgekehrt war, dass immer ich es war, die gegangen ist.

Ich kann das Dorf erahnen in der Dämmerung, das Dorf mit den Häusern, die alle Hotels sind, mit den wenigen Einheimischen und den Fremden, die erst nach Weihnachten kommen werden. Ich denke an letztes Jahr, als mein Mann den Rollstuhl mit meinem Vater zum Christbaum geschoben hat, wie hilflos, wie harmlos mein Vater am Ende, denke ich und dass ich vergessen hatte, meinem Mann etwas zu schenken, dass ich damals alles vergessen hatte. Dass ich nach Hause will und nicht weiß, wo das ist.

Die Straße mündet in die Dorfstraße, wieder stehe ich vor der Tanne, sie ist mit Lichtern geschmückt, über der Straße hängt ein Doppelsessel vom Sessellift, er baumelt hin und her. Im Gastraum des Hotels sitzt meine Mutter, springt auf und umarmt mich.

Der neue Sechser-Sessellift, hat die Wirtin beim Frühstück erzählt, ist secondhand, Kuppel hat er keine. Bis jetzt war er immer gesperrt, der Wind zu stark, doch meine Mutter und ich, wir haben Glück, wir fahren bis nach oben, fahren Ski, Ski fahren haben wir nicht verlernt, Ski fahren können wir, Ski fahren hat uns der Vater beigebracht. In der Hütte rufe ich den Mann an, den ich verlassen habe. Ich wünsche ihm Frohe Weihnachten und sage ihm, dass ich ihn gern habe, sehr gern. Dass ich nach Hause kommen soll, sagt er nicht, aber dass er mich gern hat, sehr gern und Frohe Weihnachten. Es ist der Schmerz in meinen Zehen, der mir die Tränen in die Augen treibt, dieser Schmerz, wenn Gefrorenes auftaut.

Nach dem Weihnachtsmenü, nach fünf Gängen, einer Flasche Wein und zwei Stamperln Schnaps, gehen meine Mutter und ich die Dorfstraße entlang, vor der Tanne bleiben wir stehen. Ich habe ihn, sagt meine Mutter plötzlich, trotz allem immer geliebt und dass es so unvorstellbar sei, dass er nicht mehr da. Ich sehe die Tränen in ihren Augen und nehme sie in die Arme. Eingehängt gehen wir weiter, unter der Sessellifttrasse durch, bis zur Kirche.

Während der Christmette schiebt mir mein Sitznachbar ein Gesangsbuch zu. Als ob ich singen würde, als ob ich jemals singen könnte, ich warte auf das einzige Lied, das ich singen kann, und führe uns nicht in Versuchung, ein Ohrwurm, auch den Text kann ich auswendig, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und als es dann Zeit zur Kommunion ist, stehe ich auf. Meine Mutter flüstert mir zu, und niemand kann so laut flüstern wie meine Mutter: Hast du deine Sünden gebeichtet? Ich nicke und frage mich, ob sie vergessen hat, dass ich längst aus der Kirche ausgetreten bin.

Nach der Mette zünde ich Kerzen an. Eine für meinen toten Vater, eine für dich, eine für meinen Mann. Ich öffne die Kirchentür, der Wind bläst mir entgegen, bläst, denke ich, alle Kerzen aus.

 

Barbara Rieger

 

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02 | Rebecca Heinrich

So ist es

Sie zu verlassen. Also: zu gehen, den Schlüssel in der Tür umzudrehen und in den Garten hinauszutreten. Nicht nur in den Garten. Darüber hinaus. Auf die Straße, unter die Straßenlaternen, neben dem Bordstein stehen. Und: zu gehen. Wohin eigentlich? Das wird unbeantwortet bleiben. Es wird auch nicht darüber nachgedacht. Das ist ja, was es ausmacht. Am Anfangspunkt losgehen und nicht zurückkehren, um wieder zurückzukommen, nur eben woanders, also: an einem anderen Anfangspunkt. Die erste Station wieder aufzusuchen eine Niederlage.
Oder doch bei ihr zu bleiben. Also: zu gehen, den Schlüssel in der Tür umzudrehen und über den Garten einzukehren (heimzukehren wollen wir nicht sagen, das steht an diesem Punkt noch zur Debatte). Nicht nur über den Garten zu gehen, sondern ihn zu überwinden. Das Gras sich aufrichten lassen. Der Impuls, eine Narzisse zu pflücken und mitzubringen. Wem eigentlich. Dem Schreibpult? Oder doch dem Küchentisch? Dann doch nicht. Also: das Ertasten des Loches; und wieder passt der Schlüssel nicht auf Anhieb. Der erste Schritt am Laminat (bezeichnend für das Alter; es war ja nicht genug Geld vorhanden, das wird auch so bleiben).
Den Boden rausreißen wollen. Oder doch lieber drin lassen. Die verleimten Bretter herausreißen und sie dann wieder verlegen, bloß anders. Am liebsten das Gras im Garten wachsen lassen. Wild wuchernd. Das will sie doch. Das hat sie gesagt. Das hat sie gesagt und gewollt und dabei aus dem Fenster gesehen, am Brett die Handfläche abgestützt, ihr Blick auf den fallenden Fliederblüten, bedächtig. Die Atmung verdächtig.
Ich habe ihren Nacken geküsst und sie hat das Fenster geöffnet.

Das Geschirr abspülen, die Hemden zusammenlegen (weiß mit etwas Spitze: der Sommer wird versprochen sein). Dort der Küchentisch: Ihre Packung Zigaretten, eine halb gerauchte wieder hineingesteckt, wir müssen sparen, weißt du, davon kannst du nicht leben, das wird nicht gehen, ich verdiene auch nicht so viel und du weißt ja. Du weißt ja. Hilfe, die kostet. Ja, es kostet. Und wenn schon.
Das Fallobst einsammeln, die Brennnesseln ausreißen, der Löwenzahn. Gelbe Pollen an den schwarzen Handschuhen, der Flieder wirft Halbschatten auf den Boden. Daneben Sonne auf den zerfallenen Blüten. Den Sommer bemerkst du erst, wenn er dich aus dem Haus treibt. Dort der Gartenstuhl. Ein paar Bücher: Schlag, Gavalda, Hermann. Angelesen. Zwei, drei Sätze unterstrichen. Also zwölf Seiten gelesen und jeweils zwei, drei Sätze hervorgehoben. Gelbe Pollen auf dem schwarzen Bezug. Dort ein Loch. Nicht vom Lesen.

Das Haus zu verlassen. Das Schlafzimmer, das Einzelbett mit zwei Decken, mit zwei Kopfkissen und zwei Gläsern. Ungemacht, umgeschlagen und unberührt seit dem Morgengrauen. Bedeutet: dem Boden mit den Fotos, Notizblöcken, Wanderführern, Artikelseiten, Zeitungsausschnitten und Werbeprospekten nicht zu antworten. Die Papierstapel zu verlassen. Dann: ihr Zimmer. Ihr Brillenetui, das Buch auf dem Schemel, den roten Filzstoff vor das Fenster geklebt, der Streifen Licht, der trotzdem auf dem Sitzkissen liegt. Der Staub an den Leinwänden und die offene Tür des Schranks. Der Ärmel eines Pullovers über dem Holz. Gelbe Pollen darauf.
Der Flur, die Bilder ohne Rahmen, die Pflanzen ohne Vase (nur der Topf, es wird nicht mehr Erde geben), das Badezimmer, sogar die Badewanne, das Oliv, überall, der Spiegel mit den Spritzern, die graublauen Fliesen, die Stiege. Die Stiege, die knarrt bei jedem Schritt, der die dritte Stufe reizt; die protestiert, jedes Mal, wenn du nach oben willst, in ihr Zimmer. Als ob die Stufe ein Recht hätte darauf. Als ob sie recht hätte. Als ob.
Dieses Haus also. Mit dem Küchentisch in der Mitte, darum die zwei Stühle, der Geschirrspüler. Ich benutze den nie. Sie schaltet ihn an, ich verstehe nicht warum. Ich verstehe nicht, warum sie das tut. Ich habe noch nie verstanden, warum die zwei Stühle genau so stehen und sie den Geschirrspüler daneben benutzt, wenn ich das Geschirr mit der Hand abspüle. Als ob.
Aber der Garten. Die Terrasse mit dem Steinboden, der Wildwuchs, ja sogar das Fallobst. Ja sogar der Löwenzahn. Aber der Flieder. Sie steht draußen in diesem Halbschatten, als ob sie es sich ausgesucht hätte, dass die Sonne genauso fallen wird. Dass der Flieder genauso stehen wird, wenn sie sich diesen Platz im Garten erwählt. Ihr Garten. Nicht meiner. Mir gehört der Gartenstuhl. Und die Bücher. Zwölf Seiten gelesen, zwei, drei Sätze hervorgehoben. Der Name darin. Es kostet.
Ich habe gesagt, ich habe Angst vor morgen. Was, wenn es nicht hilft. Wird es, sagte sie, es ist nicht nötig, Angst zu haben. Sie legt meine Hand in ihre. Gelb, von den Pollen. Und wenn schon.

Zurückzukommen und die Narzissen sehen. Sich zu ihnen hinunterbeugen. Die Knie im Gras, es ist schon länger geworden, jetzt kann man es plattdrücken. Siehst du, es richtet sich auf. Das tut es immer wieder. Zumindest: Es tut so als ob. Vielleicht bleibt es auch, dort. Und begrüßt den Halbschatten. Wenn ich weg bin. Wenn ich die Narzissen geschnitten und zu einem Bund geflochten habe. In eine Vase gestellt. Ohne Erde, aber mit Wasser. Auf den Küchentisch. Oder besser in ihr Zimmer? Sie müsste mal Staub wischen. Aber dafür wird erst später Zeit sein, danach, also nachher, wenn es vorbei ist. Wenn es nichts mehr kostet.

 

Rebecca Heinrich

 

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01 | Sebastian Franz

Im Karzer

Prinz Harrie war mal eine große Nummer. Eintausendundachtzig. So viele Pils hat das Aas beim Paule angeschrieben. Das sind fünfzehn am Tag. Das sind sechs Tage die Woche. Nur Montag, da braucht der Paule Abstand von dem ganzen Geschmeiß. Außerdem kommt da immer die Lieferung und er muss zur Metro. Das sind zwölf Wochen. Das ist Death Row. Der Hamad hat das so genannt. Der hört gerne Tupac im Benz. So sind sie, die Jungen. Der Harrie ist ein Alter. Den schreibt man mit ie, weil wir hier in Deutschland sind. Der hört zuhause Nina Simone, aber wünscht sich Reinhard Mey im Karzer. Den Karzer hat der Paule dem Jörgen abgekauft, als Tupac noch gelebt hat und der Harrie noch eine kleine Nummer war. 25 Jahre ist das her und im Karzer hat sich nicht viel verändert seitdem. Nur das Pils kostet mittlerweile 2,50 Euro. Weil hier keiner nur eins trinkt und der Paule dann nicht so viel Wechselgeld braucht. Trinkgeld gibt hier sowieso niemand, also warum 2,60 verlangen? Der Hamad hat jetzt 26 Zoll auf der G-Klasse. Chrom. Der ist ein Junger, aber die Rolex kann er tragen. Der ist ein Junger, aber kann dein Todesurteil sprechen. Der Harrie hätte es wissen müssen. Aber da war er schon nur noch Flickwerk.

Der Paule kann sich noch daran erinnern, wie der Harrie das erste Mal im Karzer war. Im weißen Anzug und mit Damenbegleitung. „Kellner, zwei Flaschen Champagner“, hat er gerufen und noch mal „Kellner“, als der Paule auch nach drei Minuten keine Anstalten machte, ihn zu bedienen. Der Erwin hat ihn kurz fragend angeschaut, weil der Neue hier den Luftikus spielte. Der Erwin war damals Boxer auf Landesebene, aber als die Marie von ihm schwanger war, da musste er ins Stahlwerk. Und dann der Schnaps und der Raub und der Knast und das waren einfach andere Zeiten. Der Paule schüttelte den Kopf und der Erwin zuckte mit den Schultern. Dann ging der Paule zu Harries Tisch, setzte zwei Pils ab und sagte: „Gekokst wird draußen.“ Da ist der Stieglitz kurz übergeschnappt und hat ihm erklärt, dass er Prinz Harrie sei, aber als der Erwin ihm die Hand auf die Schulter legte, da war er rasch wieder vernünftig. Der Paule mag vernünftige Gäste. Die sind besser fürs Geschäft. Zwei Wochen später kam Prinz Harrie wieder in den Karzer. Im roten Anzug, mit einem halben Frauenhaus im Schlepptau und schließlich immer öfter. Dem Paule war es immer ein Dorn im Auge, wenn der Harrie auf seinen Absacker reinschneite. Doch es bedeutete auch immer anständige Frauen. Der Paule mag anständige Frauen. Die sind besser fürs Geschäft als die Handvoll Eulen, die hier sonst verkehrt. Und tatsächlich hat der Harrie sich nie beim Koksen erwischen lassen, bis auf das eine Mal vor sieben Jahren. Zwei Tage später hat der Paule den Kalle getroffen, als er in der Metro war. Dem Kalle gehört der Trichter und da war der Harrie auch rausgeflogen, genauso wie im Pacha und im Hirsch. Das hätte der Markus vom Wirtschaftskontrolldienst erzählt. Der Kalle und der Markus kennen sich noch aus der C-Jugend und deshalb passt das schon mit den Kontrollen.

Beim Harrie passte nichts mehr. Der Hamad wusste das. Der Harrie wusste das. Und so konnte er auch nicht ablehnen, als der Hamad ihm seine neuen Sitzbezüge zeigen wollte. Schwarzes Leder mit goldenen Nähten. Wirklich schöne Bezüge, wirklich. Aus der G-Klasse nimmt man alles ganz anders wahr, intensiver. Was man für einen Überblick hat. Über die Straße, die Menschen, das Geschäft. Wirklich ein tolles Auto, wirklich. Der Hamad war ein schlauer Junge. Er war clean und er war überzeugend. Wirklich ein großzügiges Angebot, wirklich. Und als der Harrie nach zwei Runden über Bahnhofstraße und Neue Straße wieder ausstieg, da war er Hamads Knecht.

Für eine Weile ging das gut und dann kamen die Wetten. Anfangs hatte der Harrie nur mit dem Mario gewettet, dass Italien rausfliegt und Recht behalten. Marios Eltern kamen damals aus Kalabrien und haben hier das La Spezia aufgemacht. Ihrem Sohn haben sie beigebracht, dass die Deutschen keinen echten Mozzarella auf ihrer Pizza brauchen, weshalb mehr auf der Haben-Seite bleibt. Deshalb war es für den Mario kein Problem, seine 200 Euro Wettschulden beim Harrie einzulösen. Für den Harrie aber war es ein immer größeres Problem, seine Drogen zu zahlen. Und so wurde Koks zu Pep und Pep zu Crack und der Ivan vom Tipico wollte seine Kohle und der Harrie dachte, dass der Hamad es nicht merken würde. Aber weil der Hamad ein schlauer Junge war und der Harrie ein immer größeres Problem, sitzt der Harrie jetzt wieder im Karzer und wartet. Die letzten zwölf Wochen brachte er hier zu und weiß, dass er es hätte wissen müssen.

Die ganze vertrackte Angelegenheit könnte auch schon lange erledigt sein. Aber der Hamad ist ein schlauer Junge und weiß, dass der Harrie dafür zu viele Gläubiger hat. Als endlich alles geregelt war, schickte er den Deniz in den Karzer. Der Deniz ist ein Junger und würde gerne Rolex tragen. Deshalb macht er, was der Hamad ihm aufträgt und unterbreitete dem Paule ein Angebot. Doch der Paule will damit nichts am Hut haben, denn er ist kein Mörder. Schließlich wurde er damals nur wegen Totschlags verurteilt. Das sollte der Hamad eigentlich wissen. Ist doch ein schlauer Junge. Aber der Harrie dürfe hier wieder rein, wenn der Hamad die Rechnung zahlt.

Seitdem ist der Harrie wieder jeden Abend hier und säuft. Außer montags. Jetzt säuft er seit zwölf Wochen und merkt trotzdem, wie Deniz sich an Tisch 4 setzt. Der Harrie schaut dem Paule in die Augen. Das erste Mal seit sieben Jahren. Er rappelt sich auf und wankt hart nach Lee zur Kellertreppe, stürzt hinunter ins Klo, reihert eine Woge Kotze an die Wand über den Pissoirs und kann nichts mehr halten. Deniz steht auf, nickt dem Paule zu und geht hinterher. Der Paule trinkt beim Arbeiten schon lange nicht mehr. Jetzt schenkt er sich einen Klaren ein. Ausgerechnet bei ihm auf dem Klo muss das passieren. Noch einer zum Nachspülen. Aber wohin soll der Sünder auch rennen? Der Harrie war in seiner eigenen Pisse ausgerutscht, wird es später heißen. Platzwunde. Erstickt im Pissoir. Harries Muskeln entspannen und milder Druck bettet sein Gesicht in die Wärme der Kotze, bis die Lichter nach und nach ganz im Regengrau verschwimmen. Deniz hat sein Geschäft verrichtet und kommt wieder hoch. Er nickt wieder und legt einen Umschlag auf den Tresen. Der Paule muss das Geld nicht zählen: Es sind genau zweitausendsiebenhundert Euro. Und Prinz Harrie, der war mal eine große Nummer.

 

Sebastian Franz

 

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24 | Sigune Schnabel

Aschetage

Hier ist der Raum tiefer
als jeder Gedanke,
fällt Regen von Dachkanten.

Seit Stunden
raschelt es in meinem Kopf,
und etwas brennt sich ein,
wenn wir so schütter beieinander liegen.

Im letzten Wortbruch
suche ich nach Scherben
für mein Sommerhaus.
Doch du greifst mich am Nachtsaum,
schleifst mich fort,
aus Angst, hier zu verwittern.

Sigune Schnabel

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