4 | Marlies Blauth

Landschaft

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Marlies Blauth

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3 | Angela Ahlborn

Spurensuche

Jost atmet tief durch. Jetzt nur nichts sagen, es hat keinen Sinn, es würde die Situation nur verschlimmern. Er meidet den Blick seiner Mutter; zu oft hat er sie in dieser resignierten Abwehrhaltung gesehen, tapfer ausharrend, mit Tränen in den Augen. Die Stimme seines Vaters schwillt an, jedes ausgespieene Wort ist ein Treffer. Wo lauert die unbändige Wut, die unberechenbar wie aus dem Nichts immer wieder aufflackert? Hatte sie stets in seinem Vater gebrodelt, nur gedeckelt und gut versteckt? Die Wesensveränderung sei der Krankheit geschuldet, beteuern die Ärzte. Jost will das glauben, bei jedem einzelnen Zornesausbruch seines Vaters gibt er sich größte Mühe.

Ihn quält wie so häufig die Frage, ob man hätte achtsamer sein müssen. Als sein Vater begann zu verschwinden, hatte es kaum jemand bemerkt, im Rückblick erscheinen ihm die Vorboten schmerzhaft deutlich. Vor Jahren schon verstand sein Vater bei einem Weihnachtsfestessen den bei solchen Gelegenheiten ständig erzählten Familienwitz nicht mehr. Mit merkwürdig großen Augen erklärte er Josts Schwester, ihn noch nie gehört zu haben. Er sorgte mit dieser Aussage für ein kurzes erschrecktes Innehalten der fröhlichen Gesellschaft. Josts Mutter lachte die Beklommenheit weg. Einige Wochen später fand Jost beschmutzte Unterwäsche seines Vaters, versteckt an den unmöglichsten Stellen. Seine Mutter schmunzelte auch darüber und riet ihm, sich nicht zu sorgen, der Vater sei nun auch nicht mehr der Jüngste, da passiere so etwas und es sei ihm sicherlich peinlich.

Mit den Jahren ließ das Lachen in Josts Elternhaus nach. Sämtliche Versuche, die Mutter auf den Zustand des Vaters anzusprechen, wurden von ihr boykottiert. Die zunehmende Vergesslichkeit ihres Mannes sowie seine sich plötzlich entwickelnden Eifersuchtsanfälle entschuldigte sie mit seinem Alter. Josts Vorstoß, einen Neurologen zu konsultieren, wurde mit groben Unflätigkeiten kommentiert; nie zuvor hatte er seinen Vater solche Worte sagen hören. Wie ein Tuch legte sich die Sorge vor drohendem Unheil auf die Familie, Frohsinn und Unbekümmertheit wurden herausgefiltert.

Demenz. Der Zustand des Vaters hatte jetzt einen Namen. Kompromisslos und nicht diskutierbar. Erstmalig ausgesprochen und als weitere Diagnose in den Entlassungspapieren schriftlich festgehalten. Sein Vater hatte mehrere Tage wegen einer Niereninsuffizienz im Krankenhaus verbracht. Der Damm war gebrochen, Josts Mutter konnte sich alles von der Seele reden, sie war befreit vom Druck, die Situation zu verharmlosen. Gleichzeitig zwang sie der Befund, sich von der Illusion einer normalen Alterserscheinung zu verabschieden. Jost konnte das Ausmaß ihrer Einsamkeit nur erahnen. Der Vater war von allem unberührt. Niemand traute sich, das Thema anzusprechen, zu groß war die Furcht vor einem erneuten Wutausbruch, den letztlich seine Mutter mehrere Tage auszubaden hätte.

Die Krankheit war launisch; es gab hellere Tage, in denen man sich der Hoffnung hingeben konnte, der Verlauf wäre eventuell zu stoppen oder würde sich gar bessern. Als die Diagnose endlich feststand, kam fast so etwas wie Euphorie bei Jost auf. Er hoffte, nun könne man handeln, Ärzte um Medikamente und Therapien bitten, Ratschläge von Betroffenen einholen, einen Pflegedienst hinzuziehen. Die Erkenntnis über die Unheilbarkeit einer Demenz traf ihn schwer. Auch der Rat, das Wohlbefinden des Betroffenen zu fördern, stellte keine Entlastung dar; sein Vater wehrte sich gegen jede noch so kleine Hilfeleistung, da er keine Krankheitseinsicht empfand.

Jost vermisste seinen Vater schmerzlich. Die ausführlichen Gespräche zwischen ihnen gehörten der Vergangenheit an, jedwede Logik erreichte den Vater nicht mehr. Von dem ehemals klugen und belesenen Feingeist schien nur noch die optische Hülle existent zu sein. Immer wieder suchte Jost seinen Vater in dem so vertrauten, doch meist ausdruckslosen Gesicht. Tatsächlich fand er ihn manchmal ganz weit in der Vergangenheit; dort waren sie beide sicher, es war fast wie früher, die Rollen klar definiert, Vater und Sohn. Viele Ereignisse aus der Kindheit und Jugend waren noch abrufbar und belebten die sonst so leere Miene des alten Mannes. Jost hatte noch nie zuvor den Wunsch verspürt, etwas schriftlich festzuhalten, aber jetzt gab er dem Bedürfnis nach, jedes Detail ihrer Beziehung aufzuschreiben, bevor sein Vater sich gänzlich in sich zurückziehen würde.

Ihm war die Sinnlosigkeit der Frage bewusst, ob die Veränderung des Vaters ausschließlich auf die Demenz zurückzuführen war oder die damit verbundene fehlende Impulskontrolle seinen wahren Charakter zum Vorschein brachte. Jost hatte sich schon immer an der Dominanz und Selbstgerechtigkeit seines Vaters gerieben, jedoch gingen diese Eigenarten vor der Krankheit nie über ein erträgliches Maß hinaus. Etwas in ihm flehte danach, den Vater aus der Verantwortung zu ziehen, wenn dieser wieder einmal seine Mutter mit wüsten Beschimpfungen und haltlosen Eifersuchtstiraden quälte. In diesen immer häufiger vorkommenden Situationen besaß Jost nicht den Abstand, die verbalen Gewaltexzesse seines Vaters  mit dem dementiellen Syndrom zu entschuldigen, sondern sah einen bösartigen Menschen, der eine nicht auszuhaltende Belastung für seine Mutter darstellte. Im Anschluss empfand er Scham und versuchte, sein Verhältnis zum Vater neu zu definieren, was ihm jedoch nicht wirklich gelang. Hatte er früher seine Bindung zu ihm ohne Zögern mit Liebe und Zuneigung assoziiert, war da jetzt ein verwirrendes Vakuum, das er gerne mit mehr als pflichtbewusster Sorge befüllt hätte. Und er fürchtete sich vor der Erinnerung an seinen Vater: Würde er ihn später nur noch als den Menschen sehen, der er in seinen letzten Jahren gewesen war?

Jost schreckt auf, ein klirrendes Geräusch unterbricht die zornigen Beschimpfungen. Sein Vater hat eine Tasse nach seiner Mutter geworfen. Er unterstellt ihr einen zu freundlichen Umgang mit dem Pflegehelfer. Die Mutter weint leise, der Vater erhebt sich, Jost steht bereit, sich schützend vor die Mutter zu stellen, doch sein Vater geht stumm in den Garten. Hilflos nimmt Jost seine Mutter in den Arm, versucht zu trösten. Noch als er die Scherben auffegt, ist er von Wut erfüllt.

„Kannst du nach ihm schauen, Jost?“, bittet seine Mutter. „Ist wohl besser, wenn du das tust.“

Mit dem Gefühl, der Situation nicht mehr gewachsen zu sein, geht Jost auf den Rücken seines Vaters zu. In Erwartung einer wie immer sinnlosen Auseinandersetzung setzt er sich neben ihn auf die Gartenbank. Ohne ihn anzuschauen greift der alte Mann nach seiner Hand.

„Ich weiß nicht, was los ist, Junge, irgendwas stimmt nicht in meinem Kopf“, weint er leise. Fest umschließt Jost die Hand seines Vaters.

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Angela Ahlborn

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2 | Marc Späni

Zielorte

Im Homeoffice habe ich die praktische Philosophie entdeckt.

Wann immer es die Arbeit zulässt – und das ist eigentlich immer –, gehe ich zur S-Bahn-Station und helfe den Leuten, ihren Weg zu finden.

Ich bin aber keiner von denen, die Bibeln verteilen oder mit Kreide den ganzen Asphalt vollschreiben, Gott ist der Weg. Jesus rettet dich. Das Gebet wirkt.

Das Zentrum meines Wirkens ist der Billettautomat, dieser stählerne rot-blaue Altarblock, das Kontrollzentrum der Station, ihr Gehirn.

Zehn, fünfzehn Minuten bevor der Zug fährt, stehe ich da.

Ich helfe auch denjenigen, die mit dem Automaten nicht klarkommen, wie man ein 24-Stunden-Anschlussbillett für drei Zonen löst oder ein halbes nach Olten 1.Klasse. Meine eigentliche Zielgruppe sind aber diejenigen, die nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen. Ihnen mache ich Vorschläge. Mittlerweile sehe ich es den Leuten nämlich immer besser an, wo ihre Bestimmung liegt. Schwierig sind diejenigen, die behaupten zu wissen, wo sie hinwollen, und sich nicht von ihrem Irrtum abbringen lassen. Erst einmal ist es mir gelungen, einem solchen gegen seinen Willen das Ticket zu seiner richtigen Bestimmung zu lösen und es ihm im letzten Augenblick in die Hand zu drücken, als sich die Zugstüren schon schlossen. Man muss diese Leute zu ihrer Bestimmung zwingen. Schwierig sind auch diejenigen, die den Automaten für sich in Anspruch nehmen, da kommt es schon mal zu kleineren Rangeleien, vor allem zu Stosszeiten.

Selten ist niemand da. Meistens wenigstens Oberholzer, mit seinem karierten Hemd und der verschlissenen Manchesterjacke.

Ihm brauche ich nicht zu helfen, er kennt seine Bestimmung: Er will nirgendwo hin.

Mit Oberholzer erörtere ich philosophische Fragen: Wer sind all die Leute, die ein- und aussteigen? Wer sind wir? Worauf warten wir eigentlich? Was sollen wir sonst noch tun? Am Automaten komponieren wir immer ausgeklügeltere Tickets: Mit einer Mehrfahrtenkarte erster Klasse von Goppensteig nach Ganterswil via Le Locle, Arosa und Brunnen SZ haben wir neulich die Marke von 17'000 Franken gesprengt. Natürlich kann man solche Billette am Ende nicht am Automaten kaufen. Es sind Gedankenexperimente, Denkspiele.

Immer freitags kauft Oberholzer ein Ticket, nach Amriswil, Puntrutt, Höri oder sonst wo hin, faltet es, steckt es sorgfältig in sein Portemonnaie und geht nach Hause. Er muss schon eine große Sammlung haben.

Wenn ich ihn frage, warum er nie fährt, schüttelt er den Kopf. «Der Zug fährt genau dahin, wo die Schiene hinführt, egal was du dir für ein Billett kaufst.» Seit einiger Zeit ist er auch überzeugt, dass Orte wie La Tine, Tinglev, Tinizong oder Tincques nur Erfindungen eines verrückten Programmierers sind.

Und langsam gelange ich zur Überzeugung, dass er recht haben könnte.

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Marc Späni

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1 | Tara Meister

richtung mittel

Socken

Mike hob den Karton hoch über das zerlegte Bettgestell und seine Muskeln glänzten, deltoideus, trapezius, biceps, das volle Programm.

Mia seufzte, schon den ganzen Vormittag. „In ein paar Tagen habe ich vergessen, wie es ausgesehen hat.“

Ihre nackten Füße ragten über den Couchtisch, dahinter stapelte sich beinahe alles, nur das Regal stand noch.

In der Küche wickelte Ben Gläser in Zeitungspapier ein, Wassergläser und Weingläser, die ein bisschen klebrig waren. Dass sie nicht zerbrachen, auf den 47 Kilometern zwischen hier und dort.

Aus der Musikbox kam Big Thief, regelmäßig unterbrochen von dem Akku-leer-Geräusch.

Ob er in der neuen Wohnung noch den 2 Euro 80 Wein trinken würde, überlegte Ben, oder nicht mehr, bei 2,3 brutto.

Mia kam in die Küche, drehte die Musikbox leiser. „Es geht mir zu schnell“, sagte sie und: „Kann ich deinen Duschvorleger haben?“

„Ja.“

Zerbrechliches

Ben stapelte ein eingepacktes Glas nach dem anderen in den Karton.

„Da steh ich dann nackt drauf und nass, wenn ich aus der Dusche komme und denk an dich“, sagte Mia, „voller Mitleid.“

Sie griff nach den restlichen Weintrauben in der Obstschale.

„Danke“, antwortete Ben.

Junger Mann fällt mit Fahrrad in den Donaukanal hieß es auf der Doppelseite, in die er die Zuckerdose einwickelte.

„Wer als nächstes, frag ich mich“, Mia ließ eine Traube zwischen ihren Zähnen platzen, „hat bei dir auch niemand kommen sehen, dass du eines Tages arbeiten gehen würdest.“

Sie trug ihren fliederfarbenen Pullover, mit Absicht, vermutete Ben. Den, den er an einem Abend ein wenig angesengt hatte. Wenn sie ihm den Rücken zuwandte, sah er das dunkle Brandloch.

„Ich bau das Regal jetzt ab!“, rief Mike aus dem anderen Zimmer.

„Passt!“, rief Ben zurück.

„Willst du alle Bücher behalten?“

„Ja!“

„Alle, alle?“

„Ja!“, brüllte Ben über das einsetzende Geräusch der Bohrmaschine.

„Wer liest denn Bücher zweimal?“

Sonstiges

Ben stand zwischen den Kisten, nippte an seiner Bierflasche, seine Augen waren ein bisschen feucht. Mia bemerkte es erst, als sie ihre Zigarette fertig geraucht hatte.

„Schon gut“, sagte sie und zwickte ihm in die Wange, „irgendwann wären wir sowieso hässlich geworden. Sogar Mike, das glaubt er mir nur nicht.“

Später war der Flur vollgeräumt und die Wohnung leer.

Zu dritt setzten sie sich vor die Zimmertüre auf den Boden und begannen die Sticker von dem Milchglas zu kletzeln. Es dauerte lange und unter jeder Schicht kam eine neue. Politische Parolen, Veranstaltungen, Musikbands, klebrige weiße Fussel sammelten sich unter ihren Fingernägeln.

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Tara Meister

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24 | Sofie Steinfest

Wie der Christbaum schwimmen lernte, der hätte der unsrige werden sollen

Nur diesen einen Wunsch habe ich, nur diesen, nichts sonst wünsche ich mir zu Weihnachten, habe ich zu dir gesagt: Lass uns zusammen einen Baum aussuchen, habe ich gesagt, für uns. Und mir den Baum dabei schon als einen geschmückten gedacht, und das gemeinsame Aussuchen so, als gäbe es uns mit einem gemeinsamen Heim rund um diesen Baum.

Mich daran zu gewöhnen, dass du in letzter Minute doch nicht kannst, dazu habe ich bereits genügend Zeit gehabt. Anscheinend nicht ausreichend. Vorhin noch, allein vor dem Christbaumstand, habe ich meine Zuversicht durchschwommen, und womöglich auch die deine. Quer zur Fließrichtung, das in jedem Fall. Jedenfalls in dem Fall unseres verfehlten Zusammentreffens, wieder einmal.

Es ist wahr, finde ich nun, so wie ich den Baum unverhüllt durch die Straßen schleppe, so wie ich mich dahinschleppe und den Baum nur als Vorwand, ohne dich. Es ist wahr, die besinnungslose Freude kennt uns kaum mehr. Ansatzlos heben wir uns von allem ab, was wir einst waren und nie sein werden. Die Ringe an unseren Fingern haben ab dem ersten Augenblick von unserer komplizierten Verfassung gezeugt: nicht zusammenpassend. Wohl haben wir vorgeblich unwissend getan, als hätten wir uns bei unseren Treueschwüren versprochen. Und dennoch, eine Tatsache, nicht nur an Feiertagen: Du wie ich einem anderen Menschen zugetan.

Das Ausharren und Zuwarten seither unsere Lebensaufgabe. Oft umsonst. Darum also, der Baum, den ich allein über den losen Neuschnee schleife, den Baum, den du nicht mit mir trägst, verzweifelt, als ginge es darum ein Wettrennen zu gewinnen. Auf befestigten Straßen eile ich, als könnte mich das retten, oder auch nur etwas von uns, und denke an die Zeit, als Anfang war und Frühling freilich und meine Verfügbarkeit zum Beispiel durchaus zur Debatte gestanden ist. Mit zusammengebissenen Zähnen haben wir uns einst einander vorgestellt. Um das Schlimmste zu verhüten, das wir noch kaum ahnten, das Schlimmste, das meine Offenbarung sein mochte oder deine.

Ich und der Baum bewegen sich über die Friedensbrücke, als gäbe es keine andere denn diese schicksalshafte Querung. Wiewohl die Richtung stimmt, unterwegs zu dir, ist meine Lust entvölkert. Ich denke an Wildbienen, die ich den domestizierten immer schon vorgezogen habe, und denke bereits an unseren Baum getunkt in ein Das-wäre-auch-zu-schön-gewesen! Und spüre ihn entgleiten, den Christbaum, der hätte der unsrige werden sollen, aus meinen verkrampften Händen, hinab, als wäre da kein Geländer, in die Donau, wo ich ihn kurz darauf treiben sehe, wie unsere Zuversicht: gegen die Strömung.

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Sofie Steinfest

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23 | Sarah Claire Wray

c scham

ich war und bin und werde immer sein
durch arbeit definiert

schaffe schaffe häusle baue

nur wer leistet,
ist
ein guter mensch ein lieber mensch
ein mensch der von anderen gelobt wird

doch jetzt ist alle leistung still gedreht.

und ich ich bin

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Sarah Claire Wray

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22 | Carolina Reichl

Die Geburt Schatzibinkis

Rückblickend bezeichnet meine Mutter die Geschehnisse als ein Wunder.

Den ganzen Advent war sie auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Mein Vater hatte ihr Ende November angekündigt, dass er dieses Jahr mit seiner neuen Freundin Weihnachten feiern würde. Er glaubte, dass auch sie eine Affäre hätte.

Meine Mutter zog allein in die erstbeste Wohnung, die sie fand.

Am 24. Dezember half ich ihr beim Übersiedeln. Wir bestellten Pizza bei einem Türken auf Mjam. Zum Kochen fühlte sie sich nicht im Stande. Sie heulte nach der dritten Flasche Weißwein. Sie verstand nicht, wie es soweit kommen konnte. 26 Jahre hatte sie ihre Bedürfnisse denen meines Vaters untergeordnet.

Wir öffneten einen Zweigelt. Betrunken schliefen wir vor dem Fernseher ein.

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Am nächsten Morgen saß meine Mutter neben mir und strahlte über das ganze Gesicht. Vor uns auf dem Boden ein Katzenjunges mit zerzaustem Fell, das sich über einen Teller Schinkenwürfel beugte.

„Das ist Moritz“, sagte sie. Mich hätte sie auch Moritz genannt, wenn ich ein Junge geworden wäre. „Ich war um 5:00 schon wach und hab den Müll rausgetragen. Da hab ich ein Miauen gehört. Jemand hat den Kleinen einfach in der Mülltonne ausgesetzt, kannst du dir das vorstellen? Wie lang er da wohl schon gewesen ist. Ein Wunder, dass er noch lebt.“ So hatte sie ihn empfangen, unbefleckt, aber verdreckt.

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Bereits nach wenigen Tagen wurde aus Moritz Morli beziehungsweise Schatzibinki. Morli benutzte sie, um über ihn zu sprechen; Schatzibinki in der direkten Anrede. Seither hat für meine Mutter eine neue Zeitrechnung begonnen. Wenn sie von einem Ereignis berichtet, das vor der Trennung geschehen ist, dann sagt sie nicht: Vor der Trennung, sondern: Vor Morli.

Anfangs fand ich es gut, dass sie Morli behalten hatte. Er lenkte sie von meinem Vater ab und bewahrte sie davor, alleine zu sein. Doch dann begann sie, um 4:00 Uhr morgens aufzustehen, weil er Frühstück wollte. Sie hörte auf, auf Urlaub zu fahren, weil sich irgendjemand um Morli kümmern musste und ihrer Meinung nach konnte das nur sie; vor anderen hatte Morli Angst. Sie verzichtete sogar auf ihre Maniküre, auf die seit Jahrzehnten schwor, nur um ihm das teuerste Futter und Leckerlis in allen Formen zu kaufen. Mit Sticks, Pudding und Bites ringt sie um seine Aufmerksamkeit. Manchmal kauft sie ihm auch Neuburger. Den liebt er. Sie selbst mag Leberkäse nicht.

Ich sage oft: „Du verwöhnst ihn zu sehr.“

Sie meint, ich müsse das verstehen. Wenn er fraß, wäre er glücklich. Recht viel mehr gäbe es in seinem 40m2 Universum nicht.

Selbst als sich herausstellte, dass sie eine Katzenhaarallergie hatte, beschloss sie, ihn nicht herzugeben, sondern lieber Tabletten zu nehmen. Es wäre ja nur ein leichtes Kratzen im Hals und ein bisschen Husten, sagte sie.

„Es ist nicht immer einfach, aber das Gute ist, ich kann mich auf ihn verlassen. Er wird immer bei mir bleiben.“ Dann fügte sie hinzu, es sei vorherbestimmt gewesen, dass sie einander gefunden hatten.

„Wer sollte das bestimmen?“, fragte ich. Darauf antwortete sie nicht. Sie meinte nur, es könne kein Zufall sein, dass sie ihn ausgerechnet an Weihnachten gefunden hatte.

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Am 24.12.2019 sprach sie zum ersten Mal von Morli dem Retter. Er hätte sie vor der Verzweiflung bewahrt und von ihrer Trauer erlöst. Sie hob ihr Glas und trank auf ihn.

Aber Morli ist kein Erlöser. Er ist verfressen.

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Wenn ich meine Mutter besuche, überlege ich, die Wohnungstür offen zu lassen, damit das geliebte Schatzibinki in die Freiheit läuft und sie ihre zurückbekommt.

Vielleicht hätte ich die Einschränkungen verstanden, die meine Mutter für Morli hinnahm, wenn Morli ein Hund gewesen wäre. Hunde erwidern Zuneigung bedingungslos. Morlis Liebe ist an den Futternapf geknüpft.

Bevor er sein Fressen bekommt, ist er am zutraulichsten. Sobald er hört, wie das Schälchen geöffnet wird, schwattelt er in die Küche. Ich staune jedes Mal, wie dick er geworden ist. Sein Bauch schaukelt so heftig von links nach rechts, dass er alle Muskeln anspannen muss, damit es ihn nicht aus der Bahn wirft.

Dann schmiegt er sich um die Beine meiner Mutter, zuerst mit dem Kopf, dann mit dem ganzen Körper. Streicheln, hochheben, abbusseln, das lässt er alles zu, schnurrt dabei sogar und manchmal schleckt er ihr auch über die Wange.

Sobald er aufgegessen hat, ist sein liebes Getue vorbei. Versucht meine Mutter ihn zu berühren, streckt er die Krallen aus und beißt ihr mit voller Wucht in die Hand. Seine Reaktionen sind unergründlich.

Meine Mutter schreit nicht, auch nicht wenn der Kratzer tief ist und blutet. Sie ist ihm niemals böse. Sie sagt dann, sie wäre selbst schuld, sie hätte ihn nicht anfassen dürfen. Nach dem Essen mag er das nicht.

Auf ihrer Hand sind so viele Narben, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann.

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Ich frage mich, ob Katzen ein Bewusstsein dafür haben, wenn sie über einen Menschen Macht verfügen. Und wenn ja, ob es ihnen Spaß macht.

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Eines Tages öffne ich die Tür und stelle eine frischgeöffnete Packung Neuburger ins Treppenhaus.

 „Komm“, flüstere ich. Morli sitzt am Gang und beobachtet mich, wie ich ihm seinen Weg nach draußen deute.

Ich lehne mich gegen die Wand, sodass er problemlos an mir vorbeilaufen kann. Meine Mutter kriegt von alldem nichts mit. Wir haben uns bereits verabschiedet, sie steht in der Küche und räumt auf.

 „Es war ein Versehen“, würde ich ihr sagen. „Er war so schnell, ich unkonzentriert. Es tut mir leid.“ Sie würde weinen, mich beschimpfen, aber irgendwann würde sie mir verzeihen.

Ich bin verwundert, dass Morli sich nicht gleich in Bewegung setzt.

„Komm schon, ich weiß, wie sehr du den liebst“, sage ich noch einmal und hebe eine Scheibe hoch, tanze damit vor seinem Gesicht. Er wird gleich zubeißen, denke ich.

Gelassen sieht er mich an, schließt die Augen und öffnet sie wieder.

Einige Minuten stehen wir so da. Dann wird es mir zu blöd.

Ich trete über die Schwelle, packe den Leberkäse wieder ein und nicke ihm zu. Dann schließe ich die Tür.

Er bleibt bei meiner Mutter, so wie sie es prophezeit hat.

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Carolina Reichl

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21 | Lisa Bullerdiek

Ich sitze in der obersten Reihe am Fenster. Unter mir sind keine Stuhlreihen. Vorne kein Vorhang. Bald ist es so weit, ich habe vor zehn Minuten über ein Prepaid-Handy angerufen und es danach im Klo versenkt, in dem Badezimmer, das wir seit langem nicht benutzt haben.

Aber der Sonnenuntergang will nicht passen. Gold habe ich erwartet, oder wenigstens Orange. Stattdessen eher Dreckswasser mit Eiweißkrone.

Macht nichts. Bald kann ich anfangen.

Die Winterluft wischt meinen Zigarettenrauch aus dem Handgelenk zurück ins Zimmer.

Macht auch nichts. Ist eh niemand wirklich hier. Nur das leise Grummeln unten. Ab und zu Klackern auf der Treppe.

Ich beginne so langsam. Das ist mein zweitliebster Moment, wie der Krach, wenn die Instrumente vor dem Konzert gestimmt werden, der sich langsam in Harmonie verzahnt. Zuerst schicke ich Blitze als Vorahnung, hinter den Bäumen an der großen Straße, die ich manchmal vergesse, dabei ist sie ein schönes Detail. Ich klopfe blaues Licht gegen die Allee, zwischendurch rotes, ganz sanft, dann ist es wieder verschwunden – Kinderhände, die an einem Geländer entlangruckeln. Sie müssen erst die Kurve nehmen, wie wir alle, die wiedergekommen sind. Die Kurve, die Taxifahrer oft verpassen. Wir mussten uns auf den letzten Metern nach vorne lehnen und mit dem Finger auf die dunkle Lücke zwischen den Bäumen zeigen – da, hinter dem Schild.

Und dann schüttele ich die Lichtreflexe als Glockenklingeln zwischen den Hauswänden, ein lautloses Echo, das sich entlang der gedrungenen Reihen nach vorne arbeitet und den jetzt schwarzen Stein belebt, kein Martinshorn, das brauche ich an Heiligabend nicht. Noch ist alles andere still. Ich halte den Klang, lasse ihn noch nicht ganz den schmalen Weg ausfüllen. Ich klackere die Lichter jetzt schneller, schicke immer mehr und mehr Autos, die sich nach vorne drängen, wie ein Schwarm Heuschrecken in langer Dreiecksformation, hebe sie ein Stück über den Asphalt, aus meinem Klingeln wird ein Surren. Die Häuser stehen fest da, aber ich male mit dem Licht Leben in die Fenster.

Ich ziehe das Surren hoch über die Straße, zwischen den Kaminrauch, bis zu mir. Bald ist es in meinem Kopf, ich streiche es mir hinter die Ohren, auf meinen Hinterkopf, auf meine Lider. Sie sind jetzt unten auf dem Wendeplatz, ich drehen ihre Reifen ein, als Andeutung, dass alles gut ist und sie bald wieder gehen; ich lasse sie noch einen Moment innehalten, auf ihren Sitzen zurückgelehnt, mit weit geöffneten Augen, bevor das Orchester richtig einsetzt. Vielleicht ist das der zweitbeste Moment.

Dann geht alles ganz schnell, ich werde ungeduldig: Kla-klatsch, klatsch, klatsch der Türen, raschelnde Funktionsjacken, geübte Schritte, gerade Haltung, aber ungeschicktes Innehalten. Welches Haus nochmal? Ich zeige auf das Haus an der Ecke. Ich baue das Finale auf, löse es noch nicht ein – Geduld. Sie finden die richtige Nummer mit meiner Hilfe, sind ein Fischschwarm aus funkelndem Schwarz auf der Schwelle, stehen auf den Gittern, unter denen wir früher immer Kröten gefunden haben. Wir mussten gut gucken und mit der Hand im Laub wühlen, dann saßen sie da: Feuchte Holzstücke, die uns in die Hand pinkelten, wenn wir zu fest zudrückten.

Die Tür öffnet sich, dahinter ist es schwärzer als draußen. Ich schubse sie hinein, aufgereiht an einem gelösten Faden, kurzes Warten, dann schnipse ich die Lichter an: Wohnzimmer, erster Stock, Dachboden, davor auf einmal die schwarzen Silhouetten der Männer in den verschiedenen Fenstern, die so merkwürdig an der Außenseite positioniert sind. Die Schatten sind wie Trompeten oder wie eine Stimme des Chors, noch nicht ganz da, aber genug, um mir selbst in die Magengrube zu boxen und mir den Hals ein bisschen zuzuschnüren. Vielleicht haben wir uns mit den Fenstern abgefunden, weil alle Häuser hier gleich sind und wir mit ihnen wenigstens nicht alleine waren.

Die Pause: Alles ist ruhig, jetzt stehen sie im Wohnzimmer, fast außerhalb meiner Reichweite. Meine Nachbarn in der Mitte sehen sicher sehr klein und alt aus zwischen den Männern. Entwarnung, nichts gefunden, aber eine Telefonnummer, falls doch etwas sein sollte; Erleichterung, alle Fenster heil, die Winterluft bleibt draußen, niemand Fremdes, der in der Abstellkammer oder dem Kriechkeller lauert, niemand Fremdes, der ausgerechnet am Heiligen Abend mit einem Messer in der Hand hinter der Küchentür sitzt.

Alles wieder rückwärts, ich wiederhole das Motiv: Licht, Treppe, nicht ganz im Gleichschritt raus aus dem Haus, über den Krötenschacht, Fischschwarm auf dem Wendeplatz oder Käfer, die sich irgendwo zu einem schwarzen funkelnden Haufen sammeln, Autotüren, kurzes Innehalten, dann zurück aus dem Schlauch nach vorne, bis zur Kurve, diesmal keine Lichter, kein Blau, kein Rot, nur die vollkommene Stille nach sehr viel Krach. Die Häuser stehen fest da. Aber anders, weil sie jetzt intakt aussehen und sogar freundlich, weil das Orange in den Fenstern mehr leuchtet, nachdem ich vorher Blau dagegengeklopft habe. In die Stille hinein dringt nur der höchste Klang, das Solo, das ich bis zuletzt hinausgezögert habe. Auch jetzt wünschte ich, ich könnte es in die Länge ziehen wie Bonbonteig und dann ganz dünn ausrollen. Dann würde es ihn in kleine, scharfkantige Stücke zerbrechen, die auf der Zunge schmelzen.

Meine Nachbarn kommen aus der Tür, in Hausschuhen und Socken, Schals und Arme um ihre Körper geschlungen. Sie stehen davor und betrachten jedes Fenster, jeden Stein und einander. Ich habe allem Kontur gegeben, einen kleinen grauen Rand um die Einzelheiten gezogen.

Nur der Himmel ist wieder nicht ganz perfekt. Er ist nicht so klar und blau, wie er früher war, wenn sich die Erwachsenen auf dem Wendeplatz noch auf einen Glühwein trafen und wir Kinder auf dem Spielplatz daneben schaukelten, uns die Hände an den Metallketten verkühlten und durch die eisklare Nacht sausten.

Trotzdem, ich kann ihre Gesichter nicht sehen, aber ich bin mir sicher, dass sie erstaunt sind und froh, dass sie hier ihr Leben verbracht haben. Denn alle Fenster sind heile. Niemand Fremdes lauert in der Abstellkammer oder im Kriechkeller. Niemand Fremdes sitzt ausgerechnet am Heiligen Abend mit einem Messer in der Hand hinter der Küchentür.

Das ist ja das Schöne an Weihnachten: Alle reißen sich zusammen. Manchmal muss ich nur ein bisschen nachhelfen.

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Lisa Bullerdiek

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20 | Sarah Rinderer

heimat

ich sammle aushöhlungen
unter den fingerkuppen

lavasteine
feinkörnig
der stille nach
aufs fensterbrett gelegt

vertiefungen
blassviolett bis anthrazit
erinnerungen ans flüssig-sein
nie ganz schwarz

am flughafen
zäher strom
heimreisende glasig
und mit zu schwerem gepäck
die alle am selben ort
ihre gesammelten steine
zurücklassen

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Sarah Rinderer

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19 | Walter L. Buder

die drei

1

am siebten morgen
stille und licht im tagwind
des nachts klopft ein herz

2

hell schlägt die glocke
handlauf im steilhang ihr ton
dicht an der zeit

3

leuchtendes warten:
zittergras und schachtelhalm
singen im schatten

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Walter L. Buder

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