Handschuh in Handschuh

 

Auf Weihnachtsmärkten küsst es sich gut, sagst du.

Ich entgegne dir: Der Glühwein ist mir zu bitter.

Auch auf meiner Zunge?

Ich probiere davon und nicke. Auch auf deiner Zunge.

 

Wir bahnen uns durch die Menge, Handschuh in Handschuh, und ich erhasche im Vorbeigehen einen Blick auf unsere roten Wangen, wie sie sich spiegeln in der Weihnachtskugel, ganz oben in der Zweigkrone eines Tannenbaums, o Tannenbaum. Ich würde deine Hand gerne loslassen, aber möchte dich nicht verlieren.

 

Ich kauf dir ein Lebkuchenherz, sagst du.

Ich entgegne dir: Die sind mir zu süß.

Darf ich dir was anderes schenken?

Ich stecke meine Hände in die Taschen.

 

Von den Lichterketten der Buden wachsen Eiszapfen zu uns herunter. Mir läuft die Nase, mein Atem zeichnet sich weiß wie Zuckerwatte in der Winterluft ab und die Waren glitzern. Morgen kommt der Weihnachtsmann, dabei mag ich keine Geschenke von Männern, auch nicht von solchen, die ich liebe, erst recht nicht von dir.

Ich schaue dich schniefend an, deine Augen groß wie die des Nussknackers, und stecke meine linke Hand mit meinem zusammengeknüllten Papiertaschentuch darin in deine Jackentasche. Meine Finger wandern in das Innere deines Handschuhs, legen sich auf deinen Handrücken und reiben sich an dem kratzigen Fell, eine geschenkte Wärme, für die ich nicht einmal einen Glühweinkuss eintauschen musste.

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Marie Menke

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