freiTEXT | Eva-Marie Hanser

Federballreste

Wir haben ihm den Bart abrasiert. Alle zusammen, jede:r einen Bereich der Gesichtsbehaarung, mit einem elektrischen Rasierapparat am letzten Schultag nach der Zeugnisverteilung, siebenundzwanzig Schüler:innen. Er auf einem Stuhl im hinteren Bereich der Klasse. Wir eine pulsierende Traube, die sich unruhig stieß und zur Seite drückte, weil wir sehen und rasieren wollten. Ich habe nicht rasiert aus Angst ihn zu verletzten, hielt den Rasierer bloß nah an seinen Bart, bevor ich ihn weitergab und nach hinten gedrängt wurde, nur Hinterköpfe und Arme sah zu leisem Surren, lebhaftem Kichern und Ausrufen von Staunen.
Einen Monat zuvor waren wir am Fluss, am unregulierten Abschnitt, denn in Wirklichkeit sind Flüsse nicht gerade, sondern mäandern, bilden Arme, Haufen und Werde, die bleiben oder verschwinden, und neue entstehen, werden weggefegt und überspült mit der nächsten Eisschmelze, dem Starkregen und den Fluten. Wir folgten ihm über Sandbänke, Schotterstrände und durch mangrovengleiche Wälder. Zwischen den nassen, ins Wasser ragenden Wurzeln glitten Schwimmkäfer rudernd über die Oberfläche und Wasserläufer schlugen konzentrische Wellen. Aus der Ferne sahen wir einen Reiher und hörten die Frösche im Schilf, und von Mücken zerstochen, uns gegenseitig kratzend aßen wir die Hopfensuppe, die er uns gekocht hatte, an jenem Feuer, an dem er später eine letzte Zigarette rauchte und versprach, wir können ihm den Bart abrasieren, sollte er rückfällig werden.
Als er verunglückte, hatte ich meinen ersten Kuss. In Irland mit einem sommersprossigen Jungen, der aussah wie gutes Fladenbrot. Unsere Köpfe bewegten sich unbeholfen aufeinander zu, zweimal von der falschen Seite, unterbrochen von verlegenem Lachen, erst beim dritten Versuch in korrekter Spiegelung. Die Zungen berührten sich. Glitschige Fremdkörper, pelzig und ungewohnt im Geschmack, und höflich verschwieg ich die Irritation, ging stumm neben ihm her, bemüht einen seligen Eindruck zu machen, wie ein flauschiges Lamm, das die landschaftliche Schönheit genießt. Sattgrüne Weiden, steile Klippen. Dabei fehlt mir der pastorale Sinn.
Ketchup klebt an den Rändern unserer Münder, und ich frage mich, wie das geht, dass wir kaum atmen können vor Lachen, der Bauch schmerzt, wir immer bescheuertere Szenen und Szenarien erfinden, die wir endlos aneinanderreihen, und eben noch am Grab mit sanften Bewegungen Erde auf den Sarg streuten, als bestäubten wir ihn mit feinem Zucker. „Leichenschmaus“, flüstert mir Yvonne ins Ohr, die Kenntnis hat von Ritualen und Riten, und ich höre das erste Mal davon und stelle mir Hinterbliebene vor, die sich am Leichnam laben. Der Leichnam auf Salatgarnitur mit Endivien und faden Tomaten im Bierzelt umgeben von Menschen, deren fleischige Arme große Gabeln umgreifen.
Wir streifen das Kindliche ab, starren auf den braunen Boden mit den runden Kacheln und erinnern uns, die Köpfe auf die Hände gestützt, vor den leeren Tellern, an die Blutegel, die wir uns ansetzen ließen. Blutegel haben zehn Augen und drei Kiefer, mit denen sie die Haut aufsägen. Sie sogen sich voll, eine Stunde lang, mit vierzig Millilitern nährstoffreichem Blut, bevor sie abfielen, und er sie ins Biotop zurückbrachte, wo sie sich ein ganzes Jahr ernähren konnten von der in ihren Därmen eingespeicherten und durch Mikroorganismen haltbargemachten Kost.
Die Teller werden weggetragen und wir gefragt, ob es noch etwas sein darf. Ein Dessert, vielleicht? Ein Kakao? Ich bestelle einen Becher Zitroneneis mit Schlag und Yvonne streicht sich den langen Pony aus den Augen und erzählt von tagelang auf uns herabstürzenden Regenmassen. So gewaltig, dass der Bach über das Ufer trat, und der Schlamm, durch den wir zu unseren in sich zusammenfallenden Zelten wateten, sei knöcheltief und zäh wie Teer gewesen. Wir bewarfen uns mit Gatsch, stürzten uns aufeinander und drückten uns entzückt in die nasse Erde, Haut an Haut, während er im Dickicht nach Walderdbeeren und Pilzen suchte. Fotos am Tisch: Ich auf einem Bein stehend beim Ausleeren eines Gummistiefels. Wir wuschen uns im Bach und aßen die Walderdbeeren.
Auf Luftmatratzen liegen wir im Aufstellpool in Yvonnes Garten, sie am Rücken, ich das Gesicht im Plastik vergraben, es klebt an meiner Wange. Ich spiele mit der Poolfolie, streiche an ihren Falten entlang und quetsche sie. Eine unreife Kastanie fällt ins Wasser, und sinkt, ein giftgrüner Morgenstern. Er treibt am Grund, neben Blatt- und Federballresten.

 

Eva-Marie Hanser

 

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freiTEXT | Antonia Kranebitter

Sommernachtstraum, C-Moll

Wie man sich nur in ein so kurzes Kleid pressen konnte. Dann auch noch die Farbe, ein nahezu verwaschen wirkendes Lachsrosa. Ließ die vom Alkohol geröteten Wangen noch stärker hervortreten. Man wollte sich für die eigene Überangepasstheit gratulieren, und für Leila, die im letzten Moment eine Krawatte anstelle der doch etwas albernen Fliege vorgeschlagen hatte. Sie hatte Martin flüchtig zum Abschied auf die Wange geküsst und war gedankenlos zum nächsten Punkt auf ihrer nie endenden Haushaltsliste übergegangen. Er hatte es nicht gewagt, die Tür zum Kinderzimmer zu öffnen. Schlich sich zaghaft aus der Wohnung wie ein Fremder. Erlebte die Trauung in dem mit weißen Rosen geschmückten Pavillon wie in einem Film, hörte sich selbst einem verzerrten Echo gleich, als er seine Rede auf das Brautpaar zum Besten gab. Irgendwann hatten ihn die vielen Bierflaschen auf die Wiese gezwungen, neben die Frau in Lachsrosa.
„Na“, hatte sie in einer Selbstverständlichkeit gesagt, die nur aus dem Norden stammen konnte. Ihre nackten Beine ausgestreckt. Martin mochte den Hamburger Dialekt normalerweise und konnte sich selbst kaum erklären, warum ihm die Frau so unsympathisch war. Vielleicht lag es daran, wie sie sich in ihrem korpulenten Körper bewegte, gelassen und beinahe mit Stolz. Er lächelte höflich.
„Kippe?“, sagte sie und hielt ihm die Schachtel hin, er schüttelte den Kopf und änderte seine Meinung mitten in der Geste.
„Ich bin Svenja“, sagte die Frau. Sah ihm dabei zu, wie er sich an der Schachtel abmühte.
„Danke“, sagte Martin und stellte sich vor.
Eine ganze Weile lang rauchten beide schweigend, und Martin sah wie erstarrt nach oben. Der Himmel war wolkenlos und tiefschwarz. Nach einigen Minuten begann die Stille sich bedrohlich anzufühlen, als könnte jeden Moment etwas Unerwartetes zwischen den Bäumen hervorspringen.
„Das Orchester war eine gute Idee“, sagte Martin schließlich, als er das Schweigen nicht mehr ertrug. „Schade nur, dass die Cellistin sich beim Einzug verspielt hat. Ein A in Takt Sieben, statt – “
Svenja vollendete seinen Satz. „Statt dem As. Kleiner Fehler mit Wirkung, ich bin völlig ausgestiegen. Theresa stand schon vorne in ihrem Brautkleid, als ich wieder zuhören konnte.“
Martin war einigermaßen überrascht. Rief sich die Szene wieder vor Augen, als Theresa den von Rosen umrankten Eingang betreten hatte und die Cellistin ihren Bogen ansetzte.
Ob sie die Legende aus dem antiken Griechenland kenne, die dem Schwan von Camille Saint-Saëns seinen zweiten Namen gab, hatte er sie einige Wochen vor der Hochzeit gefragt. Der weiße Schwan bleibt stumm bis an sein Lebensende, und erst in seinen letzten Stunden stimmt er den schönsten aller Vogelgesänge an.
Das Stück habe sie doch vor allem für Timo ausgewählt, außerdem sei eine Hochzeit auch eine Art Ende, hatte Theresa gewitzelt.
„Ich habe selbst lange im Orchester gespielt“, sagte Svenja und sah ihn auffordernd an. „Und Sie? Ich wette, die meisten Gäste haben den Fehler nicht mal bemerkt.“
„Ich unterrichte Musik“, sagte Martin, „und Mathematik.“
Wenn er über seinen Lehrberuf sprach, reagierten viele Menschen mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. Was gut tat, besonders nach einem Abend wie dem gestrigen, wenn Emma Fieber hatte und Leila nicht mit den bissigen Bemerkungen aufhören wollte, obwohl er so, so müde war.
Svenja schien ungerührt.
„Sie waren während der Schulzeit mit Theresa zusammen, oder? Sie hat Ihren Namen öfters erwähnt. Der kleine Martin, hat sie gesagt und von dieser Klassenfahrt erzählt. Als ihr euch gemeinsam weggestohlen habt.“
Martin rückte einige Zentimeter von der Frau weg, die ein klein wenig nach Schweiß roch, gemischt mit kaltem Zigarettenrauch. Irgendwo ganz tief in ihm klang ihr Name vertraut, aber er konnte die Erinnerung nicht greifen. Seine Gedanken zu verworren vom Alkohol, und gleichzeitig die Entrüstung über ihre Dreistigkeit. Dann wieder die einsetzende Scham darüber, wie stark seine Gefühle waren.
Theresa fiel ihm ein, im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerteppich, mit Sitzkärtchen und Tischdekoration beschäftigt. Hast du Zweifel, hatte er sie gefragt. Woher er den Mut für die Frage hatte und welche Antwort er sich erhoffte, das wusste Martin nicht. Bloß dass er sie stellen musste, weil es sonst niemand tun würde. Theresa hatte ihn starr angesehen, wie sie das immer tat, wenn sie ihrer Ehrlichkeit Ausdruck verleihen wollte.
Timo sei das Beste, das ihr je passieren konnte, trotz seiner Vogelobsession, hatte sie gesagt. Gleich danach komme natürlich er, sie hatte lachend seine Schulter berührt.
Er: Damals hast du ja auch deine Meinung geändert.
Sie, die Stimme voller Entrüstung: Damals war ich neunzehn. Das ist ja wohl was völlig anderes.
Er: Damals hast du mich betrogen. Mit irgendeiner Kommilitonin.
Feine Spucketröpfchen hatten Theresas Hand benetzt, und Martin hatte seine Worte zurücknehmen und seinen Atem wieder in den Mund zurücksaugen wollen.
In Theresas Augen standen Tränen.
Nicht irgendeine, hatte sie gesagt. Außerdem ist das doch schon so lange her, Martin.
Er drückte die Zigarette im Gras aus.
„Und Sie?“, fragte Martin, „Warum sind Sie hier? Ihren Namen habe ich jedenfalls noch nie gehört.“
Er konnte sich nicht zurückhalten, obwohl er wusste, wie lächerlich vorwurfsvoll er klang, genau wie Emma wenn sie fragte, warum sie immer noch keinen kleinen Bruder hatte. Als Svenja antwortete, lallte sie ein wenig.
„Theresa und ich, we go way back, das war noch damals in Wien. Aber ehrlich gesagt war ich selbst über die Einladung überrascht. Bis gestern dachte ich nicht, dass ich wirklich hierherkomme.“
Der letzte Satz seltsam spröde und befreit von jeder Nonchalance. Sie sprang auf, leicht schwankend.
„Kommst du mit?“, Svenja wechselte unmerklich ins Du.
„Im Pavillon ist jetzt niemand mehr, die sind alle auf der Tanzfläche bei David Guetta. Vielleicht haben wir Glück und das Cello ist noch da. Du kannst doch sicher ein bisschen Klavierspielen, als Musiklehrer?“
Martin war zu überrascht über den absurden Vorschlag, um ihn abzulehnen. Er folgte Svenja, die ihre hohen Schuhe ausgezogen hatte und im Dunkeln aussah wie ein kleiner, rosafarbener Gummiball. Sie rannte jetzt beinahe.
Der Pavillon war wirklich leer, und Martin prüfte die Uhrzeit auf dem Handybildschirm. Kurz vor Mitternacht. Wischte eine Nachricht von Leila beiseite. Die Cellistin hatte ihr Instrument zwar in seine Hülle gepackt, es stand jedoch noch neben dem Flügel, und Martin stellte sich die feingliedrige Frau vor, wie sie sich neben Theresa zu Housemusik aus den Zweitausendern um die eigene Hüfte drehte.
„Die Cellistin sah gut aus, oder? Hat den Fehler fast wettgemacht“, sagte Svenja, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Dann mit einem Blick auf den Notenständer: „Gabriel Fauré, das müsste ich hinbekommen. Schaffst du die Klavierbegleitung?“
„Warum hast du vorher nicht gesagt, dass du auch Cello spielst?“, fragte Martin. Seine Worte hallten in dem leeren Raum.
„Hab‘ ich doch. Du hörst nur nicht richtig zu“, sagte Svenja und klemmte das Cello zwischen ihre Beine. Martin beugte sich über den Flügel und wusste nach einem Blick auf die Noten, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen würden, die sich in den letzten Jahren auf britische Popsongs für Siebtklässler beschränkt hatten.
„Dann spiel‘ ich alleine“, sagte Svenja. „Hör gerne zu, wenn du magst.“
Während sie spielte, trank Martin die Bierflasche leer, die er immer noch in der Hand hielt. Wie groß und bedeutungsvoll ihm vor der Hochzeit noch alles erschienen war, wie eng mit ihm verschränkt. Vielleicht war der Fluchtpunkt gar nicht dort, wo er ihn immer vermutet hatte.
Die Töne bäumten sich zu einem letzten Crescendo auf und verklangen leise. Sie hatte mit jemandem telefoniert, daran erinnerte sich Martin plötzlich ganz deutlich. Kurz vor der Hochzeit war Theresa mit verquollenen Augen zu ihm gekommen und hatte gesagt, sie könne nicht darüber sprechen, aber auf jeden Fall sei jetzt alles in Ordnung. Sie habe alle Zweifel endgültig aus der Welt geräumt.
Svenja stand auf und ging langsam schwankend auf den Ausgang zu. Sie hielt immer noch ihre Schuhe in der Hand. „Na dann“, sagte sie, und Martin, eher der Höflichkeit halber „Ach, du gehst schon? Willst du nicht noch auf Theresa warten?“
Svenja lachte. „Das ist doch mein Abschiedslied. Diesmal wirklich. Kannst du ihr ausrichten.“
Entfernte sich langsam in die Dunkelheit, und Martin konnte noch lange am Glühen ihrer Zigarette sehen, wohin sich ihre Schritte bewegten.
Er summte die sanfte Cellomelodie noch am nächsten Tag, als er gemeinsam mit Leila den Tisch deckte, die so glücklich wirkte wie schon lange nicht mehr, weil Emma endlich wieder essen wollte. Leila schloss kurz die Augen und lauschte. Zog dann die linke Augenbraue hoch, mit diesem Lächeln, das er am Anfang immer und immer wieder hatte sehen wollen.
„Die Hochzeit scheint ja nicht besonders wild gewesen zu sein.“
Das Stück heiße Après un rêve, und Martin konnte sich die Behauptung nicht verkneifen, das wisse er als Musikprofessor natürlich.
„Was bedeutet das?“, fragte Emma, die unbemerkt die Küche betreten hatte, in ihrer unermüdlichen Neugierde.
„Nach einem Traum“, sagte Leila. Martin verbesserte: „Wohl eher Nach dem Traum, oder Wenn der Traum vorbei ist. Weißt du, Emma, es geht um dieses Gefühl, wenn du nach einem schönen Traum wieder aufwachst.“
Leila sagte streng, aber mit einem Lachen in der Stimme, „Bin nun ich die Französischlehrerin oder du“, und Martin hob Emma hoch, die fröhlich quietschte.
Für einen Moment verschränkte sich sein Blick mit Leilas. Er erwischte sich bei dem etwas abgedroschenen Gedanken, dass ja vielleicht doch alles gut werden würde.
Draußen hingen dunkle Wolken schwer über der Stadt. Ein feiner Sommerregen setzte ein und wusch die Spuren des Vortags von den Straßen. Die Kraniche zogen in Schwärmen gen Süden, und nur wenige Menschen hörten ihre Rufe und nickten sich wissend zu.
Bald kommt der Herbst, sagten sie.

 

Antonia Kranebitter

 

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freiTEXT | Özden Gülcicek

Elisa

Sie würde ihm ein Notizbuch kaufen, dachte sie, mit geschlossenen Augen, die Hände auf den Ohren der Tochter, die wie durch ein Wunder noch auf dem Bauch der Mutter weiterschlief. Das gleiche Notizbuch, das er ihr vor einiger Zeit überlassen hatte, obwohl er dann zu verstehen gab, dass er es eigentlich lieber behalten hätte. Sie hatte gespürt, dass er nur widerwillig zustimmte, als sie ihn fragte. Ihr eigenes war gerade vollgeschrieben. In diesem Moment pochte der Drang, weiterschreiben zu können, stärker als das Unwohlsein darüber, in seine Schuld zu geraten. Sie würde ihm ein neues kaufen und dann mit Mina verschwinden.
Er liebt es, wenn sie spricht, fließend in einer Sprache, die nicht seine ist, wenn sie Witze macht, ohne zu zögern. Er versteht genug, um zu begreifen, dass es Witze sind, und es erinnert ihn an das, was er an ihr nicht begreifen kann. Sie sitzt am Sekretär, telefoniert mit Kunden in Spanien, vor sich das Notizbuch, von dem sie ihm ein neues gekauft hatte, nach der Sache neulich. Er hatte gesagt, es täte ihm leid, aber eigentlich war sie selbst schuld gewesen.
Ich werde diese Schlampe für alles bezahlen lassen, sagt er, als sie mit dem Telefonat fertig ist. Ich werde ihre ganze Familie hineinziehen und sie leiden lassen.
Dir ist klar, dass ich zur Polizei gehen muss, wenn du solche Dinge sagst, entgegnete sie.

Damals hatte Elisa die Polizei gerufen, und er hatte es ihr nicht verziehen.
Geh zur Polizei, deine besten Freunde. Du bist so eine verdammte Ratte, so eine Verräterin.
Ich hatte Angst vor dir.
Warum solltest du Angst vor mir haben? Du kennst mich doch. Ich habe dich nicht angefasst. Das machst nur du, denk dran.
Du hattest Mina im Arm. Ich musste sie dir wegnehmen. Das ist keine Misshandlung, das ist Notwehr.
Natürlich, wenn du es tust, ist es Notwehr. Wenn ich nur rede, weil du mich verrückt machst mit deiner ständigen Missbilligung von allem, was ich tue, ist das Missbrauch. Aber dass du mich schlägst, ist kein Missbrauch? Du hast mich terrorisiert. Du hast mich zerstört. Und ich habe nie die Polizei gerufen. Habe ich jemals die Polizei gerufen?
Sie will sich nicht wieder hineinziehen lassen, will nicht, dass ihr Blut schneller arbeitet als ihr Verstand. Sie hatte sich versprochen, es besser zu machen, besser für Mina. Die war jetzt in der Tagespflege.
Wir müssen ein paar Entscheidungen treffen, wie wir Mina gemeinsam erziehen wollen.
Ich treffe keine Entscheidungen mit dir. Ich bin jeden Tag mit meiner Tochter, jeden Tag. Das ist meine Entscheidung. Ich treffe keine anderen Entscheidungen.
Wieder dasselbe Lied.
Also gut. Wie du willst. Sie schafft es, sich zusammenzureißen und souverän zu reagieren. Sie ist zufrieden mit sich. Doch irgendwie hat sie ihn trotzdem provoziert.
Oh oh, wow wow, wie du willst, wie du willst. So sprechen wir jetzt also. Du bist so raffiniert, hysterisch! Hörst du? So hysterisch.
Er nennt sie immer hysterisch, wenn er so ist. Aber er hört auf und setzt sich aufs Sofa, als wäre nichts.
Ist es so, wie er behauptet? Ist Elisa schuld an allem? Ist nicht sie es, die ihr ins Gewissen redet, die ihn schlecht macht bei jeder Gelegenheit? Die sagt, sie müsse mehr erwarten, sich nicht so klein machen lassen, darauf bestehen, dass er mehr macht? Was soll ich noch machen, fragt er dann immer. Was denn noch? Und als sie ihn zum hundertsten Mal auf die Details hinweist, kocht er auf und nennt ihre Bitten lächerlich. Schleudert sie und Mina ins Bett mit seinem Getöse, dessen Wucht Sahar in die Matratze drückt, in Bewegungslosigkeit verharren lässt, lediglich ihre Finger in Bewegung, um Elisa anzurufen und still mithören zu lassen.
Sie greift nach dem Kochlöffel in der Schublade, tut so, als wolle sie ihn in der Küche benutzen, braucht aber nur etwas, woran sie sich festhalten kann, während sie eine einfache Frage stellen will, im richtigen, sanften Tonfall.
Ich muss noch etwas arbeiten, kannst du Mina heute abholen?
Ja klar, sagt er. Die Chancen dafür standen siebzig zu dreißig. Sie hat Glück.
Er verlässt das Haus, schreibt ihr eine halbe Stunde später, dass es draußen so schön sei und sie etwas Zeit miteinander verbringen sollten. Komm, lass uns im Park essen, wir kaufen Sandwiches und Limonade. Lass uns heute eine gute Zeit haben. Das ist wichtig.
Sie weiß, dass sie die Zeit zum Arbeiten nutzen sollte. Doch ein Bild von Mina mit Frank im Gras bleibt in ihr hängen. Es ist schön und flüchtig. Sie will es verdrängen, vor sich die Seite, die sie noch nicht zu Ende geschrieben hat.
Sie zieht ihre Sandalen an, streicht Sonnencreme auf die Haut. Sie muss ohnehin essen, kauft zwei Sandwiches, dazu Chips. Roastbeef und Reuben für ihn, Chicken Piccata und Reuben für sich. Mina wird jeweils eine Hälfte von jedem Elternteil essen.
Im Park bleibt sie stehen, als sie die beiden von Weitem erblickt. Die Tochter auf der Schulter des übergroßen Vaters, der wie ein Koloss hinausragt in die Krone der Kastanie, unter der sie nach den stacheligen Früchten greifen. Sahar nähert sich den beiden und entgegnet, obwohl niemand etwas gesagt hat: Kastanien darf man nicht vom Baum pflücken, man muss warten, bis sie im Herbst abfallen. Franks Blick, als er zu ihr runter sieht, ist in seiner Zornesfalte vergraben. Er legt eine Hand in ihr Hohlkreuz, gleitet, sie schiebend, sanft zur Wiese, wo er Mina von der Schulter nimmt und sie sich hinsetzen. Unbemerkt teilen sie die Sandwiches untereinander auf.
Sie will jemanden in ihrem Leben haben, jemanden, für den sie sich anstrengen könnte, jemanden, dem man nicht zeigen will, dass man aufgibt. Aber, denkt sie, es ist einfach, sich das auszumalen. Nicht so einfach, das zu finden. Vielleicht sollte sie einfach das Beste aus dem machen, was sie hat: ihre Familie, die da ist, wie sie ist, aus Fleisch und Blut, greifbar, sichtbar.
Sie merkt, dass er nur erschöpft ist. Als sie seine Hand greift, lässt sein Körper die Anspannung los. Er legt sich hin und schließt die Augen. Ihr Kopf beginnt zu kreisen. Elisa, denkt sie, Elisa.

 

Özden Gülcicek

 

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freiTEXT | Philipp Sladkowski

Die Spende

Als ich endlich bemerkte, dass mein Telefon schon seit einer Weile vibrierte, tropfte ich gerade mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir. Trotz der Atemschutzmaske stieg mir der beißende Dampf in die Nase. Vor lauter Sprödheit dichtete das graue Silikon nicht mehr richtig ab. Keine Ahnung, wie alt das Ding war und wie viele Namen vorangegangener Assistent:innen bereits darauf verblasst waren, bevor ich meinen eigenen mit schwarzen Edding darübergekrakelt hatte.
Ich fummelte das Telefon mit meiner freien Hand aus der Hosentasche und machte mit der anderen weiter. Mir war klar, wer dran sein würde. Niemand sonst ließ es so lange klingeln.
„Hast du gerade viel zu tun?“
„Nein“, log ich. Eigentlich sollte ich heute noch das gesamte Muster, das als Vorlage ausgedruckt neben mir lag, auf das Großformat übertragen. Natürlich wusste er das nicht. Dafür kam er viel zu selten ins Atelier. Zu wissen, an welchen seiner Kunstwerke wir aktuell arbeiteten, überließ er seinem Studio Manager.
„Könntest du schnell etwas für mich erledigen?“
„Gerne“, log ich erneut.
Noch während er mir erklärte, was er wollte, kroch ich von der Bohle, die mit Schraubzwingen an dem zwei Meter hohen Baugerüst befestigt war. Sie ragte wie ein Sprungbrett über die Leinwand. Ich eilte zum anderen Ende der langen Fabrikhalle, wo ich in den Scherenlift stieg und mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt alles aus dem Lastenregal nahm, was er mir diktierte. Dabei konnte ich ihn kaum verstehen. Hinter mir dröhnten mehrere Staubsauger. Die anderen hatten gerade eimerweise Farbe auf eine noch größere Leinwand als meine geschüttet. Nun versuchten sie energisch, winzige Lufteinschlüsse herauszusaugen, indem sie an die Enden von Staubsaugerschläuchen geklebte Spritzen hineinpieksten. Der Studio Manager, der hektische Anweisungen gebend daneben stand, sah mich und forderte aus der Ferne mit seinem Gesichtsausdruck eine Erklärung von mir. Ich drehte ihm das Telefon an meinem Ohr entgegen und deutete mit dem Finger darauf. Das genügte, um mein Handeln zu autorisieren.
Je zwei 500-ml-Flaschen Acrylfarbe pro Farbton, dutzende Tuben Ölfarbe, mehrere Gläser Pigmente, Bindemittel, unzählige Pinsel sämtlicher Größen und allerhand weitere Kunstmaterialien packte ich in leere RAKO-Boxen. Ich bediente mich so großzügig an dem Bestand, dass ich erwartet hätte, diesen danach deutlich ausgedünnt zu haben. Doch es fiel kaum auf. Das Lastenregal, das sich über die gesamte Stirnseite der Halle bis knapp unter das Dach erstreckte, sah weiterhin wie ein Großhandel für Kunstbedarf aus. Dabei benutzten wir dessen Inhalt für die meisten Projekte nicht einmal, sondern bestellten neu. Das Regal und dessen Inhalt erfüllte eher repräsentative Zwecke, das Beeindrucken hohen Sammlerbesuchs zum Beispiel, oder der Medien, wenn sie über ihn berichteten. Es war extrem kostspielige Künstlerstudiodeko, die teilweise komplett ungenutzt vor sich hin trocknete.
Aufeinandergestapelt rollte ich die vollen RAKO-Boxen mit einer Sackkarre über das weitläufige Grundstück zum Sprinter, lud sie ein und fuhr los. Ich hatte mich dermaßen beeilt, dass ich noch meine improvisierte Schutzbekleidung für die Arbeit mit dem Chlor trug, einen schwarzer Müllsack, in den ich Löcher für Arme und Beine gerissen hatte, als ich auf den Parkplatz der Grundschule einbog. Schnell streifte ich ihn ab, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Es brachte nicht viel. So skeptisch wie die Schulleiterin meine farbverschmierten Klamotten betrachtete, als ich mich im Sekretariat anmeldete, hätte ich den Sack genauso gut anbehalten können.
„Ach, Sie sind das! Der Kunstraum ist ganz oben. Sie sollten sich aber besser ranhalten. In 15 Minuten fängt die Pause an.“
Ich befürchtete schon, eine laufende Schulstunde zu unterbrechen, als ich den Raum betrat. Glücklicherweise war gerade keine Klasse anwesend. Die Kunstlehrerin saß allein an ihrem Schreibtisch und war mit Vorbereitungen beschäftigt. Erstaunt betrachte sie die erste Kiste und nahm diese zögerlich entgegen, als könne ich das nicht ernst meinen. Dann bedankte sie sich überschwänglich.
„Das war noch nicht alles“, eröffnete ich ihr.
„Was, wirklich?“
Während ich schwitzend eine Kiste nach der anderen herauftrug und vor ihr auf den Boden stellte, ging ihr Erstaunen recht schnell in Sprachlosigkeit über. Fast schon erschrocken starrte sie darauf, als hätte sie trotz ihres Berufs soeben erst von der Existenz einer solchen Menge und Auswahl an Kunstmaterialien erfahren.
„Ich muss mal schauen, ob ich überhaupt genügend Platz habe.“
Sie führte mich in eine kleine Kammer neben dem Klassenzimmer. Dort deutete sie auf eine trostlose, schmale Ablage. Bis auf eine einzelne, viertel volle Flasche Kadmiumgelb und ein paar Wachsmalstifte war diese komplett leer.
„Wie Sie sehen, sind unsere Mittel sehr begrenzt. Für den Kunstunterricht bleibt leider nie viel Budget übrig.“
Mit sichtlicher Verzückung begann sie, die Farben aus den Kisten zu nehmen und auf der Ablage nach Tönen zu sortieren.
„Sagen Sie ihm tausend Dank und dass mir seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof sehr gefallen hat. Dass jemand ganz alleine solche großen, aufwendigen Werke erschafft, ist wirklich beeindruckend.“
Ich sparte es mir, ihre verklärte Vorstellung seiner Kunstproduktion zu berichtigen. Zu erörtern, dass Künstler wie er heutzutage riesige Studios betrieben, in denen sie zahlreiche Assistent:innen beschäftigten, die größtenteils alle selbst Kunstschaffende waren, aber aus Mangel an Erfolg finanziell darauf angewiesen waren, deren Kunst herzustellen, anstatt der eigenen, würde jetzt zu weit führen. Stattdessen nickte ich und eilte zurück ins Sekretariat, um mich abzumelden.
„Richten Sie Ihrem Chef unseren herzlichen Dank für diese großzügige Spende aus“, sagte die Schulleiterin merkwürdig hölzern, „allerdings hatte ich ihm am Telefon schon mitgeteilt, dass wir keinerlei Kapazitäten mehr haben. Wir nehmen momentan keine Kinder aus anderen Bezirken auf, nur aus unserem direkten Einzugsgebiet. Da können wir leider keine Ausnahme machen.“
Endlich verstand ich, wieso er einer Grundschule in Zehlendorf Kunstmaterialien spendete, obwohl er in Neukölln wohnte. Ich kannte mich mit den Unterschieden zwischen den Grundschulen der einzelnen Bezirke Berlins nicht aus, aber sie schienen ihm wichtig genug zu sein, seinen Sohn jeden Tag mit dem Auto durch die halbe Stadt fahren zu wollen. Wobei das wahrscheinlich eh seine Haushälterin oder jemand von uns machen würde.
Mit dem Einsetzen des Pausenklingelns stieg ich wieder in den Sprinter und fuhr zurück. Auf dem Grundstück sprangen einige der anderen gerade energisch auf dem vollen Baucontainer herum. Sie versuchten, den Müll darin zusammenzustampfen, um Platz für die Leinwand zu schaffen, an der sie vorhin gearbeitet hatten. Offenbar war es ihnen nicht gelungen, sämtliche Einschlüsse herauszusaugen. In den letzten Wochen hatten sie unzählige solcher Fehlversuche entsorgen müssen. Es war nahezu unmöglich, die Oberfläche so fehlerfrei hinzukriegen, wie er es wollte.
Ich parkte und half ihnen schnell, das von der halben Palette Farbe, die darauf vergeudet worden war, unheimlich schwer gewordene Gewebe in den Container zu wuchten. Dabei entdeckte ich mehrere Großpackungen 6 mm Tackernadeln. Für das Aufspannen der Leinwände sollten wir diese nicht mehr verwenden. Ich kletterte in den Container, trat einen Stapel Leisten beiseite und kramte sie hervor. Um Tackernadeln brauchte ich mir nun für die nächsten Jahre keine Sorgen mehr zu machen.
Im Atelier bereiteten die anderen schon den nächsten Versuch vor. Der Studio Manager war hörbar angespannt und wiederholte unentwegt, dass es dieses Mal unbedingt klappen müsse. Froh darüber, diesem Projekt nicht zugeteilt zu sein, zog ich den Müllsack wieder an, streifte die Atemschutzmaske über und nahm meinen Platz auf der Bohle ein. Kaum dass ich saß, klingelte das Telefon erneut.
„Und? Hat alles geklappt?“, fragte er.
„Ja. Sie haben sich sehr gefreut. Ich soll dir ihren Dank ausrichten.“
„Gut!“
Er machte eine kurze Pause und ich dachte schon, da käme nichts mehr, als er hinzufügte: „Haben sie sonst noch etwas gesagt?“
Ich beschloss, die letzten Sätze der Schulleiterin lieber überhört zu haben und verneinte. Er legte auf und ich fuhr fort, mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir zu tropfen.

 

Philipp Sladkowski

 

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freiTEXT | Adnan Aydemir

Rauch, Erde und Erinnerung

Dieser Text ist eine Rückkehr – nicht nur an einen Ort, sondern in eine Geschichte, die nie abgeschlossen war. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich aus einem brennenden Haus trug und selbst an den Folgen starb. Mehr als vierzig Jahre später fuhr ich in das Dorf zurück, aus dem er kam. Ich wollte wissen, ob jemand mich noch kennt – oder sich an ihn erinnert. Was ich fand, war Nähe, Trauer, Erstaunen – und eine unerwartete Schuld: die Erkenntnis, dass selbst Freude ein
Herz brechen kann. ‚Rauch, Erde und Erinnerung‘ ist kein Reisebericht. Es ist der Versuch, den Schmerz und die Zärtlichkeit einer späten Begegnung in Sprache zu fassen.

Mit sechsundvierzig Jahren kehre ich zum ersten Mal in das Dorf Lubishte zurück.
Ein guter Freund begleitet mich, zwanzig Jahre älter, zwei Rucksäcke, ein Ziel.
Lubishte – das Dorf meines Vaters, in Kosovo,
die Erde seiner Kindheit,
die für mich nur ein Wort war, bis jetzt.

Er starb in Deutschland, als ich drei Jahre alt war.
Er rettete mich aus dem Feuer einer Zechenhaushälfte,
doch er selbst überlebte nicht.
Wenige Tage später erlag er den Rauchvergiftungen.
Meine Mutter blieb mit sechs Kindern zurück
in der neuen, fremden Heimat.
Ich, das Jüngste, kaum drei,
trug Verbrennungen dritten Grades an siebzig Prozent meines Körpers davon,
auch im Gesicht.

Nun also stehe ich hier,
in dem Dorf meines Vaters,
das seinen Namen trägt in meinem Ausweis,
aber nicht in meiner Erinnerung.
Ich will überraschen – und werde selbst überrascht.
Ich weiß nicht, ob noch jemand von uns lebt hier,
ob jemand weiß, wer ich bin.

Doch sie sind da.
Verwandte, von denen niemand etwas wusste –
nicht einmal die vielen in der Türkei.

Einer von ihnen, ein Cousin meines mit zweiundvierzig Jahren verstorbenen Vaters,
sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus,
eine Zigarette in der Hand.
Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen.
Dann zieht er langsam den Rauch ein,
schaut wieder hin,
und in dem Moment, als er versteht, wer vor ihm steht,
fällt ihm die Zigarette aus der Hand.
Er beginnt zu weinen
und umarmt mich, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte
zwischen uns zusammendrücken.

Auch die anderen kommen,
nahe, ferne Verwandte,
ergriffen, lächelnd, traurig.
Sie berühren mein Gesicht,
sehen in mir den Sohn, den Neffen,
den Überlebenden.

Drei Tage lassen sie uns nicht fort.
Nicht aus Lubishte, nicht aus dem Nachbardorf.
Sie öffnen ihre Häuser,
ihre Wohnungen,
ihre Herzen.
Das Hotel in Prishtina, längst bezahlt,
bleibt leer.
Wir schlafen auf Sofas, essen aus einem Topf,
trinken Kaffee im Hof,
hören Geschichten,
die alle mit Schweigen beginnen.

Ein älterer Verwandter aus der Schweiz ist gerade im Urlaub im Dorf –
Musiker,
übersetzt für mich,
deutet die Worte, die Gesten, die Tränen.

Fünfzehn Monate sind seitdem vergangen.
Ich bin achtundvierzig.
Und manche Nächte bleiben wach.

Ich denke an den Moment,
als der Cousin meines Vaters, der mich weinend umarmt hatte,
sagte, dass er Herzprobleme habe
und die Begegnung mit mir
seinem Herzen den Rest gegeben habe.
Er meinte es nicht böse –
aber der Satz traf mich wie ein zweites Feuer.

Er schickt mir Fotos,
mit Freunden, mit Familie.
Er ist gealtert,
schnell, sichtbar.
Und ich frage mich,
wie egoistisch ich war,
unangekündigt dorthin zu fahren,
ohne die Folgen zu bedenken,
ohne zu wissen,
dass man mit Erinnerungen auch töten kann.

Wie soll ich ihm je wieder ins Gesicht sehen –
im wirklichen Leben?

 

Adnan Aydemir

 

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freiTEXT | Lisa Rehm

Blau

Es fing an einem Dienstag an, vielleicht auch Montag, da war es nur ein Schimmer, ein Schatten, aber Dienstag war es dann ein Fleck, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück vielleicht. Jeden Tag wurde er ein bisschen größer, heute ist Donnerstag und er ist so groß wie meine Hand. Wenn ich auf ihn draufdrücke, tut er nicht weh. Der Arzt meinte, es sei ein Hämatom, aber so fühlt es sich nicht an, es ist auch nicht das richtige Blau. Hämatome haben ja mehr so ein Meeresblau, habe ich auch zu dem Arzt gesagt, mein blauer Fleck hat eher so ein Himmelsblau. Der Doktor hat mich mit einem Soll-ich-dich-zum-Psychiater-überweisen-Blick angeguckt. Ich fühle mich unverstanden.
Ich hatte da immer schon ein kleines Muttermal, nordwestlich von meinem Bauchnabel, der Sollbruchstelle der Menschen, das war die Wurzel, der Ursprung der Erblauung. Jetzt war ich zwar besorgt, aber hätte ich heute gewusst, wie blau ich noch werden würde, wäre ich vom Balkon gesprungen.
Natürlich tat ich das, was jeder erst einmal tun würde: „Ich werde blau“ tippte ich in die Internetsuchmaschine. Ich wurde mit den unterschiedlichsten Artikeln über Krankfeiern, Blutvergiftungen und Hämatome belohnt. Ein paar Erwähnungen von Betrunkenheit schafften es, und dann fand ich den Artikel, der mich nicht mehr loslässt. Was passiert, wenn ein Mensch stirbt? Es geht um die sogenannte „Finalphase“ bei sterbenden Menschen, irgendwann werden sie blau, bevor sie sterben. Weil der Sauerstofftransport eingestellt wird.
Also war ich gestern noch mal beim Arzt. Aus Angst zu sterben oder von chronischem Sauerstoffmangel betroffen zu sein, bestand ich darauf, Blut abgenommen zu bekommen. Morgen muss ich kommen, um die Ergebnisse zu besprechen. Er hat übrigens jetzt auch große Augen gemacht, als er gesehen hat, wie groß der Fleck geworden ist. Er spricht immer noch von einem Hämatom, mir ist aber nicht entgangen, dass er versucht hat, den Fleck mit Alkohol zu entfernen, als ob ich ihn anschwindle.
Aus meinem privaten Umfeld habe ich niemandem von dem Fleck erzählt, er bereitet mir ja auch Sorgen, und ich möchte nicht, dass jemand diese verstärkt.

Es sind zwei Wochen vergangen seit der Blutabnahme, die keine nennenswerten Ergebnisse mit sich brachte. Der blaue Fleck ist weitergewachsen und hat mittlerweile 38 cm Durchmesser. Ich führe eine Tabelle, in die ich den täglichen Durchmesser eintrage. Der Fleck wächst um die zehn Zentimeter in der Woche. Er hat sich ausgebreitet in meinen Schambereich, auf mein linkes Bein, über meine Brüste bis in meine linke Achselhöhle. Ich sitze in einem Zug in die größere Stadt mit dem Uniklinikum, in das mein Arzt mich überwiesen hat. Seit der Fleck 35 cm groß ist, nimmt er ihn auch ernst. Entschuldigt hat er sich natürlich nicht. Auch meine Mutter habe ich mittlerweile eingeweiht und Lydia, meine Jugendfreundin. Beide haben irgendwie nicht angemessen reagiert, obwohl ich auch keine Ahnung habe, wo auf dem Reaktionsmaßstab die Angemessenheit liegt. Die Landschaft zieht an mir vorbei, ich habe mich damit abgefunden zu sterben. Ich habe mir das zwar immer anders vorgestellt; später, schmerzhafter, dramatischer. Ich fasse mit meiner Hand unter meinen Pullover und streichele vorsichtig meinen Bauch. Der Fleck tut nicht weh, juckt nicht, ich habe auch keine anderen Symptome, es geht mir soweit gut. Eine Hitze schlägt in mir hoch und ich spüre die Tränen in die Augen steigen. Ich schaue mich um, der Zug ist voll mit berufstätigen Menschen. Ein Mann in orangener Regenjacke beobachtet mich. Ich schlucke die Tränen runter, hier möchte ich jetzt nicht weinen.

Die Teetasse umklammert mit beiden Händen sehe ich den Fruchtfliegen zu, wie sie die Birne besetzen, die ich nicht schaffe zu essen. Seit der Erblauung habe ich neun Kilo abgenommen. Fünf davon im Krankenhaus, vier Tage lang habe ich Nahrung bekommen, die, wie ich vermute, Menschen dazu bringen soll, das Krankenhaus so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Tot oder lebendig. Mein Gefrierfach ist voll mit Gerichten, die meine Mutter mir vorgekocht hat, als sie zwei Tage hier war, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin. Im Krankenhaus haben sie alles mit mir gemacht: geröntgt, in die Röhre, mit Kontrastmittel, von dem ich mir die Seele aus dem Leib gekotzt habe, Ultraschall, Blut abgenommen, noch mehr Blut abgenommen, Haut entnommen, in meine Augen geleuchtet, und sie haben mich zu einer Psychologin geschickt. Ob ich einen Todeswunsch verspüre, wollte sie wissen. Eine Sehnsucht, dachte ich. Jetzt warte ich auf einen Termin bei einer örtlichen Psychoanalyse. Meine Mutter musste nach dem Wochenende wieder fahren. Ich bin jetzt erstmal zwei Wochen krankgeschrieben. Der blaue Fleck geht jetzt bis zu meinem Hals und meinem Knie, ich habe aufgehört, die Ausbreitung zu dokumentieren, und mich damit abgefunden, ganz blau zu werden.

Ich schaue in den Spiegel, ich warte darauf, dass mir die Tränen kommen, aber sie kommen nicht. Ich habe keine Substanz mehr, ich bin ganz leer und komplett blau. Ich drehe mich. Jeder Quadratzentimeter meines Körpers ist blau. Ich hänge den Spiegel ab und drehe ihn um. Dann breche ich zusammen und bleibe so lange auf dem Boden liegen, bis die Sonne wieder untergeht.
Alle starren mich an. Eine hat gesagt, das ist super für ein Avatar-Cosplay. Ich bin in einer psychosomatischen Klinik für Menschen mit Essstörung gelandet, nachdem ich endlich einen Termin bei der Psychoanalyse bekommen habe. Ich sei magersüchtig, sagte man mir da. Hier hat man mir gesagt, ich bin depressiv. Niemand hat gesagt, ich bin blau. Wir sitzen in einem Kreis in der Gruppentherapie und alle warten darauf, dass ich was sage. Aber ich möchte nicht mehr reden. Niemand hört mir richtig zu, alles, was ich sage, hat kein Gewicht. Ich stehe auf, verlasse den Raum und verschwinde.

 

Lisa Rehm

 

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freiTEXT | Lena Kothgasser-Haider

überlieben

Wenn sich zwei lieben dann stets über ein Drittes. Ein Kind oder einen Hund oder ein Haus oder eine Espressomaschine.
Wenn sich zwei lieben, müssen sie schließlich irgendwohin mit ihrer Liebe. Mit diesem immer tiefer werdenden Eisberg aus feuchten Küssen und taumelnden Beteuerungen. Liebesschwüre sind nur gültig mit einem Dazwischen. Mit dem, was es vermeintlich noch braucht, damit sich die Liebe genügt: Die gegenseitige Übereinkunft eine Sorgeverantwortung zu übernehmen.
Lass es uns unterschreiben, lass uns die Ewigkeit schwören und unterzeichnen mit Blut auf Papier. Das Kind hat Läuse, der Hund Würmer, das Haus einen Wasserschaden und die Espressomaschine verkalkt.
Wir sind ein Liebespaar. Wir sind sorgeverantwortliche Bezugspersonen. Als wären die Liebesschwüre nicht gültig ohne dreifache Unterfertigung. Ich liebe dich, sage ich, und bekomme einen roten Ringordner ausgefertigt. Urkunden, Besitzverhältnisse und Verträge legen Zeugnis ab von der Ernsthaftigkeit unserer Liebe. Liebe, damit scherzt man nicht! Haben wir doch eben erst einen Kredit aufgenommen, sagt der Hund und wälzt sich zwischen uns im Bett. Ich kraule sein rechtes, du sein linkes Ohr. Schau, wie lieb er schaut, sage ich. Hör mal, wie lieb er schnüffelt, sagst du und wir wälzen uns mit dem Hund in den Laken. Danach machst du mir in der Küche, die nach feuchten Schimmelwänden riecht, einen Espresso. Das ist nicht einfach bloß Kaffee. Das ist eine ökologisch-ökonomisch korrekte Arabica-Mischung mit leicht schokoladiger Note. Das Kind möchte auch Kaffee, aber eigentlich nur wegen der Schokolade.
Lieben wir uns der Liebe wegen? Noch immer trage ich den dicken roten Ringordner unter dem Arm. Du hältst deinen ebenfalls und ich frage mich, ob wir beide dasselbe unterschrieben haben. Wir sollten dringend darüber sprechen und dann verschieben wir es auf ein anderes Mal. Wir lieben uns, weil du du bist und ich ich bin, sagst du und ich nicke. Das genügt mir. Das und die Schlagbohrmaschine, mit der ich nun die Wände aufstemme.

 

Lena Kothgasser-Haider

 

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freiTEXT | Nico Haingärtner

Leimrute

In der Klasse hatte keiner aufgepasst, auch ich nicht, und doch wusste ich als einziger die Antwort. Von da an war ich die Leimrute, Leimrute Oskar, weil es im Unterricht um den Vogelfang ging.
Ich war die Leimrute und vor allem ein großer Betrüger in den Augen meiner Klassenkameraden. Die mir vorwarfen, nur so zu tun als ob. Als ob Peders Achselfürze nicht spannender wären als der Unterricht. Die mir jetzt in den Pausen den aus dem Rachen hochgezogenen Rotz vor die Füße spuckten. Dieselben, mit denen ich eben noch befreundet gewesen war, riefen jetzt im Chor: Leimrute Schleimrute, wenn ich morgens das Klassenzimmer betrat. Weil du ein Schleimer bist, meinte Narve, und setzte sich neben Peder.

Passt, meinte der Stiefvater, also der Name. Weil ja tatsächlich alles Gesagte und Gehörte bei mir kleben blieb. Unheimlich, meinte er, sei das.
Vielleicht für einen, der jeden Tag aufs Neue vergisst, dass er von der Milch Magenschmerzen kriegt, murmelte die Mutter.
Und dann wurde noch dies gemeint und das gemurmelt, bis zuletzt der Stiefvater mit milchweißer Oberlippe und zornesrotem Kopf den Hut nahm und die Tür ins Schloss krachen ließ.
Aber bisschen stimmts schon, eh? Schlaumeier, du, kicherte die Mutter und ging aus dem Raum.

***

Juna mochte Rotkehlchen und ich mochte Juna. Schon deshalb staunte ich über den selbstgemalten Vogel an der Tafel und saugte jedes Wort ihres Vortrags auf. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr mochte ich Rotkehlchen selbst, ich fragte den Stiefvater, ob er mir mehr erzählen konnte, ob es stimmte, dass Rotkehlchen wühlenden Schweinen folgten, um dann von ihrem Fressen zu stibitzen und warum sie in Ameisen badeten, aber er war ja immer noch verschnupft, weil ich ihn vor der Mutter bloßgestellt hatte. Seine Milch trank er jetzt im Stall, wenn keiner zusah, und er wagte es auch nicht mehr, über die Magenschmerzen zu klagen. Aber ich sah ihm immer gleich an, wenn er wieder litt, konnte spüren, wie das Feuer seinen Rachen entlangkroch, und dann suchte ich lieber das Weite.

Nach der Schule ging ich in den Wald. Ich hatte herausgefunden, dass, wenn ich ganz still sitzen blieb, ich selbst zum Wald werden konnte. Denn während ich anfangs dachte, alleine zu sein – was mir gut gefiel, weil mein Kopf weniger verklebte, wenn ich allein war –, nahm ich, wenn ich nur lang genug still saß, überall Bewegung wahr. Hörte es summen und rascheln und pfeifen. Und manchmal sah ich ein Rotkehlchen aufblitzen, ein Tupfen Rot im Grün des Waldes.

Morgens, wenn der Nebel um die Stiefel waberte, winkte ich der Mutter im Weggehen zu, wie ich es immer tat. Doch sobald ich außer Sichtweite war, bog ich in den Wald ab. Dann wusste ich schon, dass es Ärger geben würde, wenn die Mutter die Lehrerin das nächste Mal im Laden traf, aber mit Ärger kannte ich mich aus.
In der Schule landete die Spucke der anderen jetzt über Umwege auf meiner Hose. Über den Umweg, dass einer mich schubste, während ein anderer mir das Bein stellte. Manchmal aber auch einfach so, direkt aus Narves Mund zum Beispiel. Zehn Punkte pro Treffer, meinte Peder. Fünfzig in die Haare.

Wenn ich dann heimkam, schimpfte der Stiefvater. Eigentlich schimpfte er gar nicht, er sagte bloß, ach, der, aber das reichte schon, um zu wissen, was Sache war.
Deshalb ging ich in den Wald. Meistens alleine, manchmal mit Juna, zumindest stellte ich mir das vor, abends, wenn ich im Bett lag und schon lange schlafen sollte, wenn es vor dem Fenster pechschwarz war und man nichts mehr hörte außer dem Flüstern der Kühe im Stall. Wenn ich gerade noch mitbekam, wie der Stiefvater mit vollem Milchbauch leise die Tür schloss, bevor mir die Augen zufielen.

Ja, der Stiefvater trank jetzt so viel Milch, dass ich anfing, mir Sorgen um ihn und die Kälber zu machen. Denn wenn der Stiefvater bis spät in die Nacht Milch soff, dann bliebe für die Kälber ja nichts mehr übrig, dachte ich mir. Eigentlich wusste ich, dass das Blödsinn war, ich war ja kein Kind mehr. Trotzdem schlich ich eines Nachts in den Stall und da sah ich dann auch, was ich nicht sehen sollte, das, worüber ich kein Wort verlieren sollte, wenn ich nicht herausfinden wollte, ob es da draußen in der Welt noch einen Stiefvater gäbe, der dumm genug war, einen klugscheißenden Rumschnüffler durchzufüttern, eine kleine Pissnelke, die den ganzen Tag durch den Wald streunert und mit offenem Maul Löcher in die Luft glotzt, hohl wie die Milchkühe im Stall, nur zum Fressen und Scheißen gut, und jetzt schleich dich, du Mistratte! Und dann bekam er noch fünfzig Punkte.
Also schlich ich mich, zurück in die Stube, und fand heraus, dass ich nicht der einzige war, der spät aufblieb. Aber die Mutter lag nicht im Bett und dachte an Juna. Sie saß bloß da, aufrecht, im Dunkeln, und schnaufte, dass es mir Angst machte.

***

Balder ist an der Mistel gestorben. Das haben wir in der Schule gelernt. Wo ich jetzt wieder hinging.
Balder war der Sohn von Frigga und als Frigga um Balder weinte, verwandelten sich ihre Tränen in die Beeren der Mistel. Aber das war vor tausenden von Jahren, als es noch keine Schule gab, und zu meinem Glück gab es auch morgen keine Schule. Weil morgen Weihnachten war.
Umso mehr sehnte ich mich nach Juna. Ich lag wach und stellte mir tausende Dinge vor, zum Beispiel, sie zu heiraten oder sie unter dem Mistelzweig zu küssen oder sogar das zu tun, was der Stiefvater mit der Bäckersfrau im Stall gemacht hatte. Vor der ich jetzt die Augen niederschlug, wenn die Mutter mich Brot kaufen schickte. Dabei war sie so schön, besonders in jener Nacht, mit ihren geröteten Wangen und dem verstrubbelten Haar und manchmal dachte ich deshalb auch an sie, wenn ich nachts wach lag. Ich fand sie fast so schön wie das Rotkehlchen, das ich Juna zu Weihnachten schenken wollte.

Um die Stiefel waberte wieder die Nebelsuppe und darunter knirschte der Frost, als ich in den Wald stapfte. Ich rieb drei Stöcke mit Friggas Tränen ein und rammte sie in den Boden – zwei brachen ab, weil die Erde hartgefroren und ich seit dem Sommer groß und stark geworden war. Beim letzten klappte es. Und dann wurde ich Wald. Summend und pfeifend und raschelnd vor Kälte, und die einzige Bewegung kam von meinem Zittern und den kleinen Wölkchen, die aus meinem Mund aufstiegen, immer höher, bis sie von den Himmelswolken verschluckt wurden. So saß ich da, während sich an meiner Nasenspitze kleine Eiszapfen bildeten. Während mir kalt und wieder warm und dann beides zugleich wurde. Bis endlich ein roter Fleck durchs Grau blitzte und sich mitten auf Friggas Rute setzte.

Und kurz war es schön. Kurz sah ich mich an Junas Tür klopfen, sah mich ihr das Geschenk überreichen, sah uns küssend im Stall und dann heiraten.
Doch dann sah ich, was wirklich geschah, sah das Rotkehlchen panisch mit den Flügeln schlagen, sah, wie die Flügel an der Rute kleben blieben und die ersten Federn ausgerissen wurden. Und ich stürmte los, ich wollte das kleine Tier ja bloß beruhigen, aber stattdessen verdrehten und verschlangen wir uns wie im Kampf und dann sah ich, wie das Bein losgelöst vom pulsierenden Körper am Stock klebte. Wie ein kleiner Zweig, der aus dem Ast ragt, und statt Blättern wuchsen Fleisch und Federn daran, und der Vogel schlug wie wild mit seinen Flügeln und die Flügel klebten an meiner Hand fest, und von da an war alles eins – Federn, Vogel, Rute, Hand, und mein Kopf verklebte so schlimm, dass ich zuschlug, dass ich das, was da an meiner Hand klebte, gegen den Waldboden schlug, um es los zu sein, und weil es nicht half, nahm ich den Stiefel dazu, drückte mit der dicken, matschigen Sohle den fedrigen Klumpen auf die frostige Erde, schabte ihn von der Hand und dann rannte ich, und ich wäre lieber Balder gewesen als Oskar, lieber Wald als ich.

 

Nico Haingärtner

 

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freiTEXT | Helene Lanschützer

Im Schrebergarten

Bald sind die Isabellatrauben reif. Sie hängen bereits abwartend von der Gartenlaube, winden sich wie eine lila Perlenkette um die morschen Pfähle. Glänzen vom Regen auch wie Perlen, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Sie erstreckt sich von der Gartenlaube bis unter die Dachgiebel des Hauses und endet im Auffangbecken, das wir zum Gießen benutzen. Zum Gemüse- und Blumengießen. Die Isabellatrauben gießen sich selbst, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Hast du gehört? Die Regenrinne muss repariert werden.
Heuer ist ein Zucchini-Jahr. Ich habe es ausgerechnet, es sind im Schnitt zwei Zucchinis pro Tag, die geerntet werden müssen, gelbe und grüne. So viele Zucchinis können nicht eingefroren werden, dafür sind sie zu wässrig. Wir verschenken sie an die Nachbarn, die heuer kein Zucchini-Jahr haben. Über die Zäune hinweg, da wird einiges ausgetauscht, Gemüse, Nachrichten, Zigarettenstummel. Manchmal auch Enkelkinder. Hörst du mir zu? Wir haben zu viele Zucchinis. Ja, und zu wenig Tomaten. Heuer ist kein Tomaten-Jahr. Das hatten wir aber letzten Sommer, fünfzehn Dosen Tomatensoße liegen noch immer irgendwo in der Tiefkühltruhe. Damit kommen wir sogar durch den nächsten Winter.
Die Irmgard braucht keine Zucchinis. Sie hat heuer auch ein gutes Zucchini-Jahr – ich habe sie gerade getroffen und gefragt. Aber der Gartenzaun von ihr ist schon ganz morsch und muss dringend einmal erneuert werden. Das ist der Fluch des mittleren Gartens, man muss immer links und rechts fragen, wenn man etwas erneuern möchte. Wir müssen nur links die H.s fragen und mit denen verstehen wir uns gut. Das ist unser Glück. Wir teilen alles, die Läusemittel und den großen Griller, wenn die ganz große Familie kommt, für die unser Griller zu klein ist.
Früher habe ich mir immer ein Haus mit Garten gewünscht, jetzt habe ich eine Erdgeschosswohnung und einen Schrebergarten mit Blick auf die Zugschienen. Jede Stunde fährt ein Zug vorbei, ich nehme das Rauschen schon gar nicht mehr wahr, denke manchmal, dass der Wind besonders laut durch die Bäume weht, die Blätter zum Rascheln bringt, dabei ist es nur der Zug, der vorbeifährt. Wenn ich im Zug bin, dann kann ich die Schrebergärten zählen, überall sehe ich einen Garten wie unseren, als würde eine geografische Abhängigkeit zwischen Schrebergärten und Zugschienen bestehen.
Jetzt gibt es Neuigkeiten. Endlich, es gab schon so lange keine mehr. Die Irmgard hat es den H.s gesagt und die H.s mir gerade, als sie das Läusemittel zurückgebracht haben. Hör jetzt gut zu. Die Irmgard bekommt neue Nachbarn, die rechts von ihr ziehen weg. Sie haben jetzt ein Haus mit Garten und brauchen keinen Schrebergarten mehr. Die Irmgard hat die Neuen schon gesehen, zwischen den Buchsbäumen hindurch erspäht, und erkannt, dass sie nicht von hier sind. Nein, nicht aus einem anderen Bezirk, auch nicht aus einer anderen Stadt. Aus einem anderen Land. Sie sprechen eine andere Sprache und bauen bestimmt auch anderes Gemüse an, haben die H.s gesagt. Vor denen müssen wir uns in Acht nehmen.
Der Frühherbst kommt, oder soll ich noch Spätsommer sagen? In letzter Zeit ist nicht viel passiert – eine Petition gibt es zu unterschreiben, die Irmgard hat sie per Mail geschickt. Es ist eine Petition dafür, dass die neuen Nachbarn, die nicht von hier sind, wieder wegziehen sollen, weil sie zu laut sind. Ich habe sie noch nicht gehört, aber unser Garten ist auch ganz außen, wir hören nur den Zug. Trotzdem habe ich unterschrieben. Es könnte ja sein, dass etwas bei uns wegkommt, denn wir haben genug, das sie interessieren könnte. Den Griller, die Isabellatrauben. Nicht einmal die Zucchinis gebe ich ihnen. Die Petition haben schon viele unterschrieben, viel mehr, als bei uns einen Schrebergarten besitzen. Aber mir soll es recht sein. Hast du gehört, dass die Irmgard einen neuen Gartenzaun bekommt?

Rauch steigt seit Stunden auf, in der Nacht hat es gebrannt bei den neuen Nachbarn, lichterloh in ihrem Gartenhaus. Ich habe nichts mitbekommen, war zu Hause und habe erst später den Rauch gesehen, die Feuerwehr gehört und am Nachmittag die Ruine des Gartenhauses besucht, sogar die Himbeerbüsche sind ausgebrannt. Den ganzen Abend sieht es schon so aus, als hätte jemand gegrillt, doch es riecht nach verbranntem Plastik, nach verkohltem Holz. Fremdverschulden soll die Polizei festgestellt haben, Eigenverschulden meinen die H.s. Ich weiß nicht, ob man hier irgendwem die Schuld geben kann. Schließlich ist doch niemand dabei gewesen, niemand hat gesehen, wer was angezündet haben soll. Ich sollte die Fenster schließen, der Geruch beißt sich sonst auch in unseren Gardinen fest und den bekomme ich dann nie mehr hinaus.
Die Isabellatrauben sind jetzt reif, fast schon zu reif. Kaum nimmt man sie in die Hand, platzt die Schale auf und man hat nur noch ihre kleinen Kerne zwischen den Fingern. Gut, dass wieder Ruhe bei uns ist. Die Nachbarn, die nicht von hier sind, zogen weg, bevor ich die letzten Zucchinis verkocht habe. Zurück bleibt ein Garten ohne Gartenhaus, ein verkohlter Fleck in der Mitte unseres alltäglichen Lebens, der erst nächsten Frühling neu bepflanzt werden soll… Es beginnt zu regnen. Hast du die Regenrinne repariert? Ich habe dir doch gesagt, dass du sie reparieren sollst. Du hörst mir nie zu.

 

Helene Lanschützer

 

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freiTEXT | Linda Sensenberger

Echo

Natürlich habe ich den Kuchen vergessen, natürlich hat Hilla für mich den Kuchen gebacken.
Vater mag Bienenstich nicht, sage ich und Hilla nickt.
Aber Mutter mag Bienenstich, sagt Hilla, ich nicke.
Sie balanciert das Blech auf der Handfläche und streichelt mit der anderen meinen Rücken. Dem läuft ein Schauer hinunter, weil es kalt und Hillas Hand so vorsichtig ist, also drücke ich sie fester an mich.
Der Wind huscht in die Lücken zwischen uns und weil es nebelig ist, erkenne ich nicht, ob alles aussieht wie früher.
Wir schließen die Autos ab, kurz leuchten sie auf. Wie im Flur das Licht, als Hilla die Klingel drückt.
Ich bilde mir ein, Mutter noch am Klang ihrer Schritte zu kennen. Durch das Milchglas der Tür sehen wir zu, wie sie den Schlüssel dreimal im Schloss umdreht.
Hilla gibt mir den Bienenstich und umarmt im Türrahmen Mutter.
Ich wusste nicht, dass Hilla Mutter umarmt.
Hilla, sagt Mutter, dann: Greta.
Mutter, sage ich.
Wie geht es dir?, sagt Hilla.
Mutter macht Platz und ich schlüpfe hinter Hilla mit dem Kuchen ins Haus. An den Wänden hängen Fotos von Hilla und mir und Mutter und Vater. Schwarzweiß, weil Vater meinte, das macht man jetzt wieder so.
Während wir in die Küche gehen, dreht Hilla den Kopf zu mir um und lächelt ein bisschen. Ich lächle ein bisschen zurück, wie auf den Bildern im Flur, und dabei denke ich, dass ich sonst anders lächle, nur in diesem Haus lächle ich so.
Kaffee?, fragt Mutter, ja, sagen Hilla und ich.
Milch und Zucker?, fragt Mutter, nur Milch, sage ich, wie immer, sagt Hilla.
Ich frage mich, was wie immer denn heißt und Mutter setzt das Wasser auf.
Was heißt denn wie immer?, frage ich Hilla, Hilla antwortet nicht.
Das Licht ist noch so gelb wie früher. Es macht, dass die Zeitungen auf dem Esstisch alt aussehen und Mutters Ringe unter den Augen dunkler.
Ich frage Mutter nicht, wie sie es hier den ganzen Tag aushält. Auch nicht, wie sie es vorher mit Vater ausgehalten hat.
Während Mutter den Tchibo-Instantkaffee ins heiße Wasser rührt, klappt Hilla am Küchentisch ihren Laptop auf.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten?, fragt Hilla.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten, wenn man gar nicht trauert?, frage ich nicht.
Ich sage: Am Rand ist ein schwarzer Strich.
Mutter stellt drei Tassen auf den Tisch und setzt sich neben Hilla.
Na, Greta, sagt Mutter.
Wie geht es meinem Mädchen?
Ihre Wangen sind eingefallen und faltig. Sie färbt sich jetzt die Haare brünett. Früher hat Vater ihr verboten, sich die Haare zu färben. Er mochte lieber natürliche Frauen.
Gut, sage ich.
Sie rührt ihren Kaffee noch weiter, bis sich die helle Schaumschicht am Rand der Tasse absetzt.
Was machst denn du jetzt so?, fragt Mutter.
Ich studiere, sage ich.
Wie schön, sagt Mutter.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied, liest Hilla vor, passt das so?
Du musst noch seinen Namen draufschreiben, sagt Mutter.
Das kommt doch noch, Mutter, sagt Hilla. Das ist doch bloß der Anfang.
Ich denke, dass ich nicht besonders viele liebevolle Erinnerungen habe und weiß nicht, warum ich mich genau jetzt gerne an diese paar wenigen Erinnerungen erinnern möchte.
Zum Schulanfang ist Vater mit mir wandern gegangen. Unterwegs gab es Knabbernossi und Laugenbrötchen, die wir morgens noch beim Bäcker geholt hatten. Ich fand zwei grüne Steine, die ich zuhause eine Woche lang unter mein Kopfkissen und dann in meine Steinschachtel legte. Am Rückweg meinte Vater, dass wir doch öfter wandern gehen sollten, damit mein Po schön knackig wird.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied von unserem Ehemann, Vater, Onkel und Freund Erik Ukkonen?, fragt Hilla.
Ich weiß nicht, welche Freunde sie meint, ob man das einfach auf die Karte schreibt, damit man eben etwas schreibt, und ich weiß auch nicht, ob ihn jemals jemand Onkel genannt hat.
Und jetzt Geburts- und Todesdatum, sagt Mutter.
Hilla tippt und ich denke daran, dass wir damals auf dem Nachhauseweg Tina Turner gehört haben.
Im Küchenradio rauscht es nur.
Mutter schiebt Hilla die Milchtüte und Zucker hin, Hilla kippt ein bisschen Milch in ihren Kaffee und verrührt den Zucker darin.
Es riecht nach Milchkaffee und dem Überzug der Küchenmöbel, nach ein bisschen Moder, nach Mutters Parfum, das sie seit fünf Jahren anscheinend nicht gewechselt hat und nach unten leicht angebrannten Aufbackbrötchen von Lidl.
Ich habe die schwarze Kruste immer weggeschabt, aber es schmeckte trotzdem verbrannt. Die weiche Mitte des Brötchens habe ich herausgepult, zu einem festen Knödel geformt und so lange gekaut, bis er zusammen mit der Spucke in meinem Mund wieder weich wurde. Auf den ausgehöhlten Brötchen ist die Butter angeschmolzen. Bevor sie zerlaufen konnte, habe ich die Hälften gegessen.
Hilla sagt: Nach langem Leiden durfte er nun für immer einschlafen.
Ich sage: So lange hat er doch gar nicht gelitten.
Hilla sagt: Drei Monate immerhin.
Ich sage nicht: Woher weißt du denn das.
Ich denke: Nach noch längerem Leiden darf ich nun nicht für immer einschlafen.
Ich weiß nicht, ob ich nun gerne für immer einschlafen möchte.
Was macht die Arbeit, mein Mädchen?, fragt Mutter.
Alles beim Alten, sagt Hilla.
Das ist schön, sagt Mutter.
Woher weiß Mutter denn, dass du arbeitest?, sage ich nicht.
Ich sehe Hilla an, aber Hilla sieht auf die halbfertige Trauerkarte am Laptop.
Ich höre nicht auf, sie anzusehen und frage mich, ob hier überhaupt irgendjemand trauert.
Als Hilla nicht aufsieht, schiebe ich meine Kaffeetasse auf dem Melamintisch hin und her.
Hilla sieht auf die Tasse, die ich auf dem Melamintisch hin und her schiebe.
Ich nehme die Tasse und trinke. Der Kaffee ist lauwarm und schmeckt mehr nach Milch als Kaffee. Hillas Blick folgt der Tasse und endlich sieht sie mich an.
Was?, fragt sie, ohne wirklich zu fragen.
Was, sage ich, ohne es wirklich zu sagen.
Stattdessen sagt Hilla: Und jetzt unsere Namen?
Ja, sagt Mutter, jetzt schreibst du unsere Namen darunter.
Hilla tippt weiter und ich denke daran, dass wir noch nie alle zusammen auf einer Karte unterschrieben haben. Manchmal hat Mutter Karten geschrieben, wenn jemand Geburtstag oder geheiratet hatte oder gestorben oder geboren war, aber Vater wollte nie unterschreiben und Hilla und ich waren entweder zu klein oder hatten auch keine Lust. Einmal, während Mutter im Wohnzimmer Karten schrieb, hat Vater mir in der Zeitung Bilder von Frauen gezeigt. Es war das erste Mal, dass ich Brüste sah.
Haben wir ein Bild von Vater?, fragt Hilla.
Mutter entsperrt ihr Handy und wischt durch die Galerie.
Sie hat keinen Ring mehr am Finger, aber plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie ihn damals, kurz bevor ich gegangen bin, überhaupt noch getragen hat.
Ich beuge meinen Kopf ein wenig zur Seite und schaue Mutters Fotos an. Berliner Dom, Essen, Essen, etwas Verschwommenes, Spree, Schiffslenkrad, Spree, ein Selfie. Mutter, Vater und Hilla vor dem Schiffsgeländer am Fluss. Mutter hat ein Doppelkinn, halb geöffnete Lippen und zusammengekniffene Augen, Vater steht daneben und schaut in die Kamera, Hilla legt den Arm um ihn und grinst. Mutter wischt weiter. Verschwommenes Selfie, Spree, Essen, Blume, Blume.
Ich schaue weg.
Schaue Hilla an.
Hilla schaut weg.
Weicht mir aus.
Hilla, sage ich.
Hilla, wo ist der Kuchen.
Du hast doch den Kuchen genommen, sagt Hilla.
Hilla, wir gehen jetzt den Kuchen holen.
Hilla und ich gehen den Kuchen holen.
Die Stühle quietschen am Boden, als wir sie vom Tisch wegschieben.
Vater hat mich angefunkelt, wenn wir zu zweit in der Küche saßen und mein Stuhl beim Aufstehen quietschte. Er mochte es nicht, wenn ich laut war. Wenn jemand hörte, dass wir zu zweit in der Küche waren. Es war unser Geheimnis, und meistens mochte Vater dieses Geheimnis.
Ich schließe hinter Hilla die Küchentür und halte noch die Klinke fest. Sie ist kühl unter meiner schwitzigen Hand. Ich halte sie fest und mich an ihr fest. Ich brauche jetzt irgendwas zum Festhalten.
Du hast gesagt, dass du den Kontakt abgebrochen hast, zische ich.
Das habe ich vor fünf Jahren gesagt, sagt Hilla.
Hast du mir also fünf Jahre lang eine Lüge erzählt?, sage ich.
Hilla lehnt sich zwischen einem Foto von mir und einem von ihr gegen die Wand.
Ich habe die beiden erst im Herbst wieder gesehen, sagt Hilla.
Und davor?, sage ich.
Hilla sieht auf ihre Füße, die in Rentiersocken stecken.
Ich sage ihr nicht, dass Weihnachten schon rum ist. Das weiß sie schon, weil wir gemeinsam gefeiert haben.
Hilla sagt: Mutter hat mich angerufen. Als Vater krank wurde.
Und dann?, sage ich.
Hilla sagt: Dann bin ich ihn besuchen gegangen.
Verräterin, sage ich nicht.
Lügnerin, sage ich nicht.
Auch nicht: Täterfreundin.
Der Bienenstich, sage ich.
Ich lasse die Klinke los, quetsche mich an Hilla vorbei und greife nach dem Kuchen, der oben auf dem Schuhschrank steht.
Hier habt ihr euren Bienenstich, sage ich. Hilla nimmt ihren Bienenstich.
Ich gehe aufs Klo.
Am Klo sitzt Vater auf der Brille. Er zeigt mir mit sechs, wie man Tampons benutzt. Am Klo hallt Vaters Lachen besonders laut.
Ich will weg von diesem Klo, aber ich bin auch froh, am Klo zu sein, weil mir plötzlich übel ist. Ich drehe mich zur Kloschüssel um, auf der gerade noch Vater saß. Ich würge, aber ich kann nicht erbrechen. Ich würge nochmal.
Hilf mir doch, sage ich, aber es kommt nichts raus, keine Stimme und auch keine Kotze.
Hilf mir doch, sage ich wieder, aber Vater hilft mir nicht. Er sitzt auf der Klobrille und sieht zu, wie nichts aus mir rauskommt.
Ich klappe den Klodeckel zu und setze mich darauf. Vater pocht jetzt gegen den Deckel, aber ich stehe nicht auf.
Greta, sagt Hilla von draußen.
Sie klopft gegen die Tür, aber ich stehe nicht auf.
Es tut mir leid, sagt Hilla.
Es hört auf zu klopfen, aber ich stehe nicht auf.
Heute hallt Vaters Stimme besonders laut.

 

Linda Sensenberger

 

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