freiTEXT | Linda Sensenberger
Echo
Natürlich habe ich den Kuchen vergessen, natürlich hat Hilla für mich den Kuchen gebacken.
Vater mag Bienenstich nicht, sage ich und Hilla nickt.
Aber Mutter mag Bienenstich, sagt Hilla, ich nicke.
Sie balanciert das Blech auf der Handfläche und streichelt mit der anderen meinen Rücken. Dem läuft ein Schauer hinunter, weil es kalt und Hillas Hand so vorsichtig ist, also drücke ich sie fester an mich.
Der Wind huscht in die Lücken zwischen uns und weil es nebelig ist, erkenne ich nicht, ob alles aussieht wie früher.
Wir schließen die Autos ab, kurz leuchten sie auf. Wie im Flur das Licht, als Hilla die Klingel drückt.
Ich bilde mir ein, Mutter noch am Klang ihrer Schritte zu kennen. Durch das Milchglas der Tür sehen wir zu, wie sie den Schlüssel dreimal im Schloss umdreht.
Hilla gibt mir den Bienenstich und umarmt im Türrahmen Mutter.
Ich wusste nicht, dass Hilla Mutter umarmt.
Hilla, sagt Mutter, dann: Greta.
Mutter, sage ich.
Wie geht es dir?, sagt Hilla.
Mutter macht Platz und ich schlüpfe hinter Hilla mit dem Kuchen ins Haus. An den Wänden hängen Fotos von Hilla und mir und Mutter und Vater. Schwarzweiß, weil Vater meinte, das macht man jetzt wieder so.
Während wir in die Küche gehen, dreht Hilla den Kopf zu mir um und lächelt ein bisschen. Ich lächle ein bisschen zurück, wie auf den Bildern im Flur, und dabei denke ich, dass ich sonst anders lächle, nur in diesem Haus lächle ich so.
Kaffee?, fragt Mutter, ja, sagen Hilla und ich.
Milch und Zucker?, fragt Mutter, nur Milch, sage ich, wie immer, sagt Hilla.
Ich frage mich, was wie immer denn heißt und Mutter setzt das Wasser auf.
Was heißt denn wie immer?, frage ich Hilla, Hilla antwortet nicht.
Das Licht ist noch so gelb wie früher. Es macht, dass die Zeitungen auf dem Esstisch alt aussehen und Mutters Ringe unter den Augen dunkler.
Ich frage Mutter nicht, wie sie es hier den ganzen Tag aushält. Auch nicht, wie sie es vorher mit Vater ausgehalten hat.
Während Mutter den Tchibo-Instantkaffee ins heiße Wasser rührt, klappt Hilla am Küchentisch ihren Laptop auf.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten?, fragt Hilla.
Wie schreibt man denn so eine Trauerkarte am besten, wenn man gar nicht trauert?, frage ich nicht.
Ich sage: Am Rand ist ein schwarzer Strich.
Mutter stellt drei Tassen auf den Tisch und setzt sich neben Hilla.
Na, Greta, sagt Mutter.
Wie geht es meinem Mädchen?
Ihre Wangen sind eingefallen und faltig. Sie färbt sich jetzt die Haare brünett. Früher hat Vater ihr verboten, sich die Haare zu färben. Er mochte lieber natürliche Frauen.
Gut, sage ich.
Sie rührt ihren Kaffee noch weiter, bis sich die helle Schaumschicht am Rand der Tasse absetzt.
Was machst denn du jetzt so?, fragt Mutter.
Ich studiere, sage ich.
Wie schön, sagt Mutter.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied, liest Hilla vor, passt das so?
Du musst noch seinen Namen draufschreiben, sagt Mutter.
Das kommt doch noch, Mutter, sagt Hilla. Das ist doch bloß der Anfang.
Ich denke, dass ich nicht besonders viele liebevolle Erinnerungen habe und weiß nicht, warum ich mich genau jetzt gerne an diese paar wenigen Erinnerungen erinnern möchte.
Zum Schulanfang ist Vater mit mir wandern gegangen. Unterwegs gab es Knabbernossi und Laugenbrötchen, die wir morgens noch beim Bäcker geholt hatten. Ich fand zwei grüne Steine, die ich zuhause eine Woche lang unter mein Kopfkissen und dann in meine Steinschachtel legte. Am Rückweg meinte Vater, dass wir doch öfter wandern gehen sollten, damit mein Po schön knackig wird.
In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied von unserem Ehemann, Vater, Onkel und Freund Erik Ukkonen?, fragt Hilla.
Ich weiß nicht, welche Freunde sie meint, ob man das einfach auf die Karte schreibt, damit man eben etwas schreibt, und ich weiß auch nicht, ob ihn jemals jemand Onkel genannt hat.
Und jetzt Geburts- und Todesdatum, sagt Mutter.
Hilla tippt und ich denke daran, dass wir damals auf dem Nachhauseweg Tina Turner gehört haben.
Im Küchenradio rauscht es nur.
Mutter schiebt Hilla die Milchtüte und Zucker hin, Hilla kippt ein bisschen Milch in ihren Kaffee und verrührt den Zucker darin.
Es riecht nach Milchkaffee und dem Überzug der Küchenmöbel, nach ein bisschen Moder, nach Mutters Parfum, das sie seit fünf Jahren anscheinend nicht gewechselt hat und nach unten leicht angebrannten Aufbackbrötchen von Lidl.
Ich habe die schwarze Kruste immer weggeschabt, aber es schmeckte trotzdem verbrannt. Die weiche Mitte des Brötchens habe ich herausgepult, zu einem festen Knödel geformt und so lange gekaut, bis er zusammen mit der Spucke in meinem Mund wieder weich wurde. Auf den ausgehöhlten Brötchen ist die Butter angeschmolzen. Bevor sie zerlaufen konnte, habe ich die Hälften gegessen.
Hilla sagt: Nach langem Leiden durfte er nun für immer einschlafen.
Ich sage: So lange hat er doch gar nicht gelitten.
Hilla sagt: Drei Monate immerhin.
Ich sage nicht: Woher weißt du denn das.
Ich denke: Nach noch längerem Leiden darf ich nun nicht für immer einschlafen.
Ich weiß nicht, ob ich nun gerne für immer einschlafen möchte.
Was macht die Arbeit, mein Mädchen?, fragt Mutter.
Alles beim Alten, sagt Hilla.
Das ist schön, sagt Mutter.
Woher weiß Mutter denn, dass du arbeitest?, sage ich nicht.
Ich sehe Hilla an, aber Hilla sieht auf die halbfertige Trauerkarte am Laptop.
Ich höre nicht auf, sie anzusehen und frage mich, ob hier überhaupt irgendjemand trauert.
Als Hilla nicht aufsieht, schiebe ich meine Kaffeetasse auf dem Melamintisch hin und her.
Hilla sieht auf die Tasse, die ich auf dem Melamintisch hin und her schiebe.
Ich nehme die Tasse und trinke. Der Kaffee ist lauwarm und schmeckt mehr nach Milch als Kaffee. Hillas Blick folgt der Tasse und endlich sieht sie mich an.
Was?, fragt sie, ohne wirklich zu fragen.
Was, sage ich, ohne es wirklich zu sagen.
Stattdessen sagt Hilla: Und jetzt unsere Namen?
Ja, sagt Mutter, jetzt schreibst du unsere Namen darunter.
Hilla tippt weiter und ich denke daran, dass wir noch nie alle zusammen auf einer Karte unterschrieben haben. Manchmal hat Mutter Karten geschrieben, wenn jemand Geburtstag oder geheiratet hatte oder gestorben oder geboren war, aber Vater wollte nie unterschreiben und Hilla und ich waren entweder zu klein oder hatten auch keine Lust. Einmal, während Mutter im Wohnzimmer Karten schrieb, hat Vater mir in der Zeitung Bilder von Frauen gezeigt. Es war das erste Mal, dass ich Brüste sah.
Haben wir ein Bild von Vater?, fragt Hilla.
Mutter entsperrt ihr Handy und wischt durch die Galerie.
Sie hat keinen Ring mehr am Finger, aber plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie ihn damals, kurz bevor ich gegangen bin, überhaupt noch getragen hat.
Ich beuge meinen Kopf ein wenig zur Seite und schaue Mutters Fotos an. Berliner Dom, Essen, Essen, etwas Verschwommenes, Spree, Schiffslenkrad, Spree, ein Selfie. Mutter, Vater und Hilla vor dem Schiffsgeländer am Fluss. Mutter hat ein Doppelkinn, halb geöffnete Lippen und zusammengekniffene Augen, Vater steht daneben und schaut in die Kamera, Hilla legt den Arm um ihn und grinst. Mutter wischt weiter. Verschwommenes Selfie, Spree, Essen, Blume, Blume.
Ich schaue weg.
Schaue Hilla an.
Hilla schaut weg.
Weicht mir aus.
Hilla, sage ich.
Hilla, wo ist der Kuchen.
Du hast doch den Kuchen genommen, sagt Hilla.
Hilla, wir gehen jetzt den Kuchen holen.
Hilla und ich gehen den Kuchen holen.
Die Stühle quietschen am Boden, als wir sie vom Tisch wegschieben.
Vater hat mich angefunkelt, wenn wir zu zweit in der Küche saßen und mein Stuhl beim Aufstehen quietschte. Er mochte es nicht, wenn ich laut war. Wenn jemand hörte, dass wir zu zweit in der Küche waren. Es war unser Geheimnis, und meistens mochte Vater dieses Geheimnis.
Ich schließe hinter Hilla die Küchentür und halte noch die Klinke fest. Sie ist kühl unter meiner schwitzigen Hand. Ich halte sie fest und mich an ihr fest. Ich brauche jetzt irgendwas zum Festhalten.
Du hast gesagt, dass du den Kontakt abgebrochen hast, zische ich.
Das habe ich vor fünf Jahren gesagt, sagt Hilla.
Hast du mir also fünf Jahre lang eine Lüge erzählt?, sage ich.
Hilla lehnt sich zwischen einem Foto von mir und einem von ihr gegen die Wand.
Ich habe die beiden erst im Herbst wieder gesehen, sagt Hilla.
Und davor?, sage ich.
Hilla sieht auf ihre Füße, die in Rentiersocken stecken.
Ich sage ihr nicht, dass Weihnachten schon rum ist. Das weiß sie schon, weil wir gemeinsam gefeiert haben.
Hilla sagt: Mutter hat mich angerufen. Als Vater krank wurde.
Und dann?, sage ich.
Hilla sagt: Dann bin ich ihn besuchen gegangen.
Verräterin, sage ich nicht.
Lügnerin, sage ich nicht.
Auch nicht: Täterfreundin.
Der Bienenstich, sage ich.
Ich lasse die Klinke los, quetsche mich an Hilla vorbei und greife nach dem Kuchen, der oben auf dem Schuhschrank steht.
Hier habt ihr euren Bienenstich, sage ich. Hilla nimmt ihren Bienenstich.
Ich gehe aufs Klo.
Am Klo sitzt Vater auf der Brille. Er zeigt mir mit sechs, wie man Tampons benutzt. Am Klo hallt Vaters Lachen besonders laut.
Ich will weg von diesem Klo, aber ich bin auch froh, am Klo zu sein, weil mir plötzlich übel ist. Ich drehe mich zur Kloschüssel um, auf der gerade noch Vater saß. Ich würge, aber ich kann nicht erbrechen. Ich würge nochmal.
Hilf mir doch, sage ich, aber es kommt nichts raus, keine Stimme und auch keine Kotze.
Hilf mir doch, sage ich wieder, aber Vater hilft mir nicht. Er sitzt auf der Klobrille und sieht zu, wie nichts aus mir rauskommt.
Ich klappe den Klodeckel zu und setze mich darauf. Vater pocht jetzt gegen den Deckel, aber ich stehe nicht auf.
Greta, sagt Hilla von draußen.
Sie klopft gegen die Tür, aber ich stehe nicht auf.
Es tut mir leid, sagt Hilla.
Es hört auf zu klopfen, aber ich stehe nicht auf.
Heute hallt Vaters Stimme besonders laut.
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freiTEXT | Heike Pichler
Inga und das Nass
Sie dreht sich um. Sie lacht. Ihr T-Shirt klebt an ihrem nassen Busen. Ein guter Trick. Ich zwinkere ihr zu. Gut gemacht. Das hast du gut gemacht. Flüstere ich. Ich öffne die Augen wieder. Sie ist weg.
Ich gehe hinaus. Es ist mir egal. Es regnet. Das ist mir auch egal. Ich bleibe nicht stehen, um den Regen auf meiner Haut zu spüren. Um zu spüren, wie es mir die nassen Haare an die Kopfhaut klatscht. Ich bin ja nicht Inga und ich weiß ja, dass Regen nass ist.
Ich sagte doch, es ist mir egal!
Ich wische mir nicht die nassen, angeklatschten Haare aus dem Gesicht. Ich lasse mein Gesicht verschwinden. Verschwind.En.
Inga sagt, sie hat einen Joker, aber sie spielt ihn nicht. Noch nicht.
„Ich habe einen Joker, aber ich spiele ihn nicht.“ Ich sehe, wie sie mich schelmisch angrinst. Sie will schelmisch sein, aber ich durchschaue sie.
„Noch nicht.“
Ich glaube ihr das mit dem Joker nicht. Ich weiß, dass sie will, dass ich sie frage, was der Joker ist.
„Was ist der Joker, den du hast?“
Jetzt ist sie tot und sie spürt den Regen nicht mehr auf ihrer Haut. Ich weiß nicht, wie sie die Haare im Sarg hatte. Oder was sie anhatte. Ich bin nicht hingegangen.
Ich sehe den Bus kommen und kurz vergesse ich, nicht zu spüren und der Regentropfen läuft mir über mein Gesicht und er läuft über meinen Hals. Unter meine Jacke. Unter meine Haut und ich höre, wie sie schreit, meine Haut, und meine Härchen stehen und zittern. Ich steige in den Bus. Setze mich auf einen freien Platz und es ist wieder egal. Kein Spüren. Kein Regen. K.Ein Wort.
Inga liegt bei mir. Haut an Haut. Ich versuche ihre Haut zu hören. Dazu lege ich mein Ohr auf ihren Bauch. Ihre Haut ist sehr viel weicher als meine und ihr Bauch geht auf und ab. „Inga“, flüstere ich in ihren Bauch hinein und sie lacht mich aus. „Was ist der Joker, den du hast?“
Der Bus fährt los. Bleibt stehen. So wie Busse das für gewöhnlich machen. Jemand setzt sich auf den Platz neben mir. Ich sehe Inga draußen zwischen den Blättern tanzen. Der Wind hebt sie hoch. Sie war schon immer klein und dünn. Der Wind hebt sie hoch, wirbelt sie mit den Blättern herum. Sie lacht. Sie lacht so fröhlich. Ich wische mit der Hand über das beschlagene Fenster. Das Nass ist kalt auf meiner Hand. Meine Hand hält inne. Bleibt am Fenster kleben. Spricht mit dem Nass. Dann erschrickt sie und wischt sich in meine Hose. K.Ein Nass. K.Eine Inga.
Inga reckt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Sie riecht an dem Wasser, das herunterfällt. Es rinnt an ihr hinunter. Ihr T-Shirt klebt an ihren Brüsten und mein Gehirn knipst ein Foto. Ing.A. Sie dreht sich um zu mir und blickt mich ernst an. Ihre Augen fixieren mich. Ich bewege mich nicht. Ich warte. „Sie haben nein gesagt“, sagt sie.
Ich höre Fragen in meinem Kopf.
Und jetzt?
Werden sie dir weh tun?
Was wirst du tun?
Kannst du leben, dort?
Was wird aus uns?
Es ist schwer, die Fragen festzuhalten, aber sie dürfen nicht hinaus. Nicht zu Inga. K.Eine Antwort. Das Wasser läuft über mein Gesicht. Inga tanzt und singt irgendetwas auf russisch. Fragen können laut schreien und gleichzeitig kann alles stumm sein und in einem großen Vakuum dröhnen.
Ich steige aus dem Bus aus.
Ich rieche an Ingas Haut, die nackt an meiner Haut liegt. Es gibt keinen Joker, denke ich. Keinen für ein Wir. Keinen für ein Uns. U.Ns. Die Angst frisst sich in meine Gedärme. Wie Maden wühlt sie in mir herum.
Was wird aus deiner Haut, dort?
Wird dort auch das Nass an dir hinunterlaufen?
Wessen Gehirn wird dort Fotos knipsen?
Und was wird er damit machen?
Ich sperre den Kopf ein. Ist ein Mensch egal? L.Egal. Wie viele Milliarden Menschen gibt es? Wie viele davon sind egal? Wie viele nicht?
Ingas Joker sind die Maden. Das ahne ich. Ich spüre sie, wie sie sich durch meine Haut fressen, hinein in meine Innereien. Überall beißen sie Löcher.
Ich stehe im Regen. Das Wasser läuft an mir hinunter. Inga tanzt in der Luft, wirbelt mit den Blättern. Niemand tut ihr weh und das Wasser läuft an ihr hinunter. Glückliche Inga.
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freiTEXT | Sarah Buck
Frühstück
Sie sitzen am großen Esstisch in der guten Stube, Hartmut am Tischende, links von ihm Helene. Der frisch aufgebrühte Kaffee dampft aus dem gebogenen Hals der Porzellankanne, das Kuchenbrot ist aufgeschnitten. Seit dem Aufwachen – Hartmuts Schnarchen hat sie bereits vor Sonnenaufgang geweckt - quält Helene ein Schmerz in den Schläfen, dumpf, bohrend und gnadenlos in seiner Hartnäckigkeit.
Hartmuts Hand tastet sich hinter der Zeitung hervor und hält ihr seine Tasse hin. Sie schenkt ihm ein, dann schenkt sie sich selbst ein. Hinter der Zeitung hört sie es schlürfen.
„Möchtest du ein Stück vom Kuchenbrot?“, fragt sie.
„Natürlich.“ Er hebt die Zeitung soweit hoch, dass sie ihm das Brot auf den Teller legen kann.
Helene nimmt sich auch eins, bestreicht es mit Butter und der selbstgemachten Brombeermarmelade, doch dann lässt sie es auf ihrem Teller liegen. Sie blickt aus der geschlossenen Terrassentür in den Garten. Die Rosen hat sie ordentlich zurückgeschnitten letzten Herbst, sie blühen prächtig dieses Jahr. Doch die Anemonen bereiten ihr Sorgen, sie sind so zart, der letzte Regenguss ist ihnen nicht gut bekommen.
Die Zeitung knistert, Hartmut blättert um. Helene legt die Hände seitlich an ihren Kopf und massiert sich in kleinen kreisenden Bewegungen die schmerzenden Stellen. Vielleicht, denkt sie, würde es helfen, nach dem Frühstück eine Runde durch den Garten zu machen. Früher – das ist schon lange her – haben Hartmut und sie das manchmal gemeinsam gemacht. Dann hat er sie bei der Hand genommen und ihr erklärt, was er vorhatte: hier ein Teich, da die Buchsbäume, dort das Beet für Kartoffeln, Salat und Erdbeeren. Sie hat gelauscht – ihre Hand ganz klein und warm in seiner – und sich an seiner Freude erfreut.
„Wir könnten vielleicht...“, setzt sie an, doch im gleichen Moment fährt ihr ein solcher Stich in die Schläfen, dass ihre Stimme versagt.
Hinter der Zeitung: kauen, schlürfen, schlucken.
Helene starrt auf die Anemonen, mutlos lassen sie ihre Köpfe hängen, ein großer Teil ihrer Blütenblätter liegt zerstreut auf der Erde wie achtlos abgestreifte Kleidungsstücke.
Hartmut legt die Zeitung beiseite. Ganz langsam nähert sich seine gekrümmte Hand einer Fliege, die auf seinem Teller sitzt und von den Krümeln nascht. Mit einer blitzschnellen Bewegung hat er sie in der Faust gefangen. Helene zuckt zusammen, als wäre sie selbst in seine Fänge geraten. Er presst die Finger zusammen, dann schmiert er die tote Fliege in seine Serviette.
„Du hast da noch dein Brot liegen“, sagt er.
Schulmeisterlich, denkt Helene, das ist der Ton, in dem er es sagt.
„Ach ja, tatsächlich“, sagt sie.
„Ein Träumerle bist du.“ Er greift wieder nach der Zeitung.
Das Wort ärgert sie, sie weiß nicht genau warum. Sie schaut auf ihr Kuchenbrot, an dem die Brombeermarmelade seitlich hinabläuft. „Ich habe heute keinen rechten Appetit“, sagt sie.
„Ja, ja.“
„Möchtest du mein Brot essen?“
„Ist gut.“
Helene will es ihm auf den Teller geben, da sieht sie Hartmuts Serviette, die sich entfaltet hat und den Blick auf die zerquetschte Fliege freigibt – ein schwarzer Fleck auf blütenweißem Grund. Sie greift nach der Serviette, wirft einen kurzen Blick auf die Wand aus Zeitung, dann schabt sie die Fliege mit ihrem Messer von der Serviette aufs Brot. Sie schiebt es unter der Zeitung durch auf seinen Teller.
Die Geräusche, die er beim Essen macht, kommen ihr entsetzlich laut vor. Nur dieses knirschende Mahlen und das Ticken der Standuhr sind zu hören.
Dann hat er aufgegessen. Leise stößt er auf. „So!“, sagt er. „Jetzt muss ich aber.“ Hartmut faltet die Zeitung akkurat zusammen und steht auf.
Auf einmal ist Helene etwas leichter zumute. Der Schmerz hat nachgelassen und beim Anblick der Anemonen, die jetzt direkt von der Sonne angestrahlt werden, denkt sie, dass sie es vielleicht doch noch schaffen könnten. Sie wird ihnen das gefilterte Kaffeepulver aufs Beet streuen, das wird ihnen gut bekommen.
„Um zwölf bin ich wieder hier. Was gibt es zu Mittag?“
„Ich weiß noch nicht“, sagt sie. „Wir werden sehen.“
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freiTEXT | Joyce Shintani
Stiller gegen Abend
Schon wieder: dieser feuchte Geruch. Regen auf dem Asphalt. Noch kühl. Frühling.
Dieses Frühjahr ist es mir endlich gelungen, ein Vogelhäuschen aufzuhängen. Ein Meisenpaar ist eingezogen. Gegen Abend, wenn alles leiser wird, höre ich das aufgeregte Fiepen der Jungvögel. Sie verlangen nach Insekten! Die Körner, die ich gestreut habe, bleiben unbeachtet liegen. Verschmäht.
Hinter dem Häuschen steht eine Eiche, deren frische, hellgrüne Blätter im leichten Wind flattern. Zur anderen Seite breitet eine Kastanie ihren Schatten aus – vor Wochen noch leuchtend in Purpurblüten, nun Teil des grünen Mosaiks vorm Fenster.
Ich bin in Bayern. Ein einst königlicher Kurort in den Voralpen – erstaunlich, wie viel Glanz hiergeblieben ist. Mein neues Zuhause.
Nicht der Ort, an dem ich mir meinen zweiundsiebzigsten Frühling vorgestellt hatte.
Der Mann verließ mich. Meine besten Jahre, würde ich sagen. Ein guter Mann, den ich liebte. Solide Karriere. Und ich besaß die Hälfte der Wohnung. Die Hälfte! Nie hätte ich so weit zu träumen gewagt. Als meine Mutter starb, steckte ich ihr kleines Erbe in die Renovierung dieser Wohnung im Schwabenland. Schwarzer Stein in der Küche. Schubladen und Schränke, die sich bei Berührung öffneten – seidig, lautlos. Ein eingelassener Aufschnittapparat. Ein Hocker in der Ecke – mein Studienplatz für Rezepte. Luxus wie in den besten AirBnBs, die ich online bewundert, aber nie gebucht hatte. Und das Bad – eine Regenbogen-Glasdusche. Eine Wanne mit Düsen, mit Blasen. Und eine altersgerechte Glastür zum Ein- und Aussteigen. Himmel auf Erden!
Dann der Bruch. Plötzlich wollte er weg. Ganz klar. Ich blieb allein – im goldenen Käfig.
Was blieb mir übrig? Er ging.
Nach anderthalb Jahren hielt ich es nicht mehr aus. Zweiundzwanzig Ehejahre hingen an den Dingen… Die Weingläser – unsere Reisen. Die Sofaecke – seine Krümel. Das leere Kissen neben mir – für immer sein Geruch. Das war er.
Ich blieb. Verschmäht.
Die Wohnung: ausgehöhlt.
Kein neues Kapitel dort. Nicht mal auf Tinder.
Also Hamburg. So weit wie möglich weg. Erinnerungen abtöten! So viel Fremde, so viel Abstand zwischen mir und dem Herd, dass ich mich nie wieder erinnern müsste.
Ich erinnerte mich.
Hamburg ist eine großartige Stadt. Endlich wieder am Wasser, nach vierzig Jahren Mitteleuropa-Käfig. Doch ich war eingeschlossen in einem Loch. Direkt an der Elbe, in einem kompakten Backsteinbau, einst Kühllager für Nordatlantikfisch. Jetzt ein Sterbeort: Demente, Verwirrte, Verstummte… alles gut Betuchte.
„Wie zur Hölle bin ich hier gelandet?“, fragte ich mich. „Wenigstens wieder am Wasser“, redete ich mir zu. „Wie früher. Wie in Long Beach.“
Die kalten Fische in Hamburg hatten mich bis auf die Knochen durchfroren. Ich musste weg.
Ein neuer Mann. Ein Plan. Wien!
Wien – und ein musikalisch-literarischer Salon. „Du wärst die ideale Gastgeberin! Junge Talente, neue Musik, Lesungen… stell dir das nur vor!“, sagte er.
Ich stellte es mir vor.
Die Donau, das Theater, die Musik… Ich kannte Wien. Ich hatte dort gelebt, gearbeitet. Und jetzt: ein Salon! Wer könnte da Nein sagen?
Doch konnte ich diesem Mann trauen, der mir Wien versprach?
Was blieb mir? Was bleibt uns? Wie oft kann man neu anfangen? Können wir wandern? Wie diese schwarzen Punkte am Himmel – hin und zurück und wieder hin?
Erstaunlich – während ich dies schreibe, wird das Zwitschern der hungrigen Jungvögel draußen immer lauter, nur zwei oder drei Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Neue Klangmuster!
Bald fliegen sie. Vielleicht sehe ich’s.
Also planten wir. Packten. Zogen um. Der neue Mann und ich. Ein Kraftakt.
Aber die Stadt war der Lohn. Die Wohnung, die er ausgesucht hatte… Gründerzeit, hohe Decken, weiße Wände mit Stuckverzierung. Auf Zehenspitzen trugen die Möbelpacker seinen Steinway drei Stockwerke hinauf.
Erster Salon: ein junger deutscher Pianist. Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninow. Dann unsere Freundin aus Berlin: Tangos, Chansons. Im Herbst eine Poesielesung mit Musik. Ich nahm Gesangsunterricht, sang zu Weihnachten Händels Messiah in der Peterskirche! Wien war Himmel.
Dann kam der Winter. Die Musik fror ein.
Der Mann, der mich hergebracht hatte, verstummte. Etwas in ihm zerbrach. Wir fanden keine Reparatur. Er klagte.
Erschöpft verlor auch ich die Stimme.
Erinnerungen heulten in mir auf.
Zwischen uns lag ein sibirischer Streifen.
Dann der Alkohol. Und zersplitterndes Glas als Klangkulisse.
Hier in Bayern fällt das Licht. Es ist still. Der Geruch von frischer Nässe ist verflogen. Die Meisen haben aufgehört zu fiepen. Haben sie bekommen, was sie brauchten?
Es kam anders als geplant.
Ich sitze meistens nur.
Auch ich – stiller gegen Abend.
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freiTEXT | Moritz Grohs
Firma Eckelt
Mutti verschaffte mir einen Ferialjob in der Firma Eckelt.
Ich war wenig begeistert über die Aussicht, die nächsten Wochen dem Proletariat anzugehören, und dann auch noch in Steyr festzuhängen.
Am Morgen meines ersten Arbeitstags führte Mutti mich mit dem Auto hinauf auf den Resthof zur Firma Eckelt. Vermutlich hatte sie die Befürchtung, dass ich sonst meinen Dienst schwänzen würde.
Ich stand orientierungslos in einer riesigen Fabrikhalle, in der es ohrenbetäubend laut war. Endlich kam jemand, um mir zu zeigen, was ich zu arbeiten hatte.
Meine erste Tätigkeit bestand darin, kleine quadratische Korkblättchen zwischen aneinander gelehnte Glasscheiben zu kleben, damit die Scheiben nicht aneinander kratzten.
Ich gab mir Mühe, alle mir aufgetragenen Arbeiten zur Zufriedenheit der Chefs zu erledigen.
Die Stimmung, die herrschte, wenn ich durch das Steyrdorf, den Schnallenberg hinauf und dann über den Tabor der Frühschicht entgegenschritt, mochte ich gerne. Es war zu der frühen Stunde noch so friedlich und still überall. Gleichzeitig war ich jedoch unangenehm nervös.
Einer meiner Kollegen nahm mich zu Beginn meines Jobs ein bisschen unter seine Fittiche, da wir einander als ehemalige Schüler des BRG Steyr erkannt hatten.
Er war sehr nett zu mir und bot mir sogar einmal an, mich mit seinem Auto nach der Schicht nach Hause zu bringen.
Allmählich verlor er jedoch das Interesse an mir.
Ich mochte es, wenn die zweite Schicht um 22 Uhr zu Ende ging und ich kurz darauf die Fabrikhalle verließ. Ich war geschafft von der schweren Arbeit, meine Haut juckte vom Glasstaub und meine Füße fühlten sich ganz leicht an, weil ich gerade den schweren Arbeitsschuhen entstiegen war. Die Nacht war lau und friedlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas geschafft hatte. Mir fielen die zwei Worte ein, die auf dem Sockel des Werndl-Denkmals am Ende der Promenade stehen: „Arbeit ehrt“.
Ich hatte große Mühe, mit den Leuten um mich zu kommunizieren; in den Pausen saß ich also meistens schweigend und lesend im Pausenkammerl, während die anderen ihre immergleichen Gespräche über Autos, nackte Frauen und gelegentlich auch über Sauftouren führten.
Der Typ, der mit mir bei dem riesigen Ofen arbeitete, in dem die Glasscheiben gehärtet wurden, war meistens übernächtig und voller Restalk, wenn er zur Frühschicht auftauchte.
Allmählich kristallisierte sich heraus, dass er mich nicht leiden konnte.
Immer deutlicher wurde ich zum Außenseiter.
Der besoffene Typ war mit einem Hubwagen voller Glasscheiben unterwegs und rammte einen anderen Wagen voller Glasscheiben, der da herumgestanden hatte. Es gab einen lauten Knall und dann bedeckte ein Meer von Glasscherben den Boden, die der stille Jugoslawe dann wegkehren musste.
Es herrschte eine enorme Hitze in der Fabrikhalle.
Allmählich ging der Nachmittag in den Abend über.
Wir waren damit beschäftigt, Wagen voller schwerer Glasscheiben auf den Platz vor der Halle zu schieben, damit sie dort in LKWs verladen werden konnten.
Ich schob, so fest ich konnte. Mir rann der Schweiß in Bächen runter.
Schon nach kurzer Zeit war mir ganz klar, dass ich es in der Firma Eckelt nicht mochte.
Alle Augenblicke warf ich einen dezenten Blick auf die Uhr, die sich in der Anzeige des riesigen Ofens befand und war dann immer recht enttäuscht darüber, wie elends langsam die Zeit hier drinnen in der Halle verging.
Ich nahm einen hastigen Zug von meiner Zigarette und wartete darauf, dass die nächste Glasscheibe anrollte, damit ich sie mit meinem Kollegen auf einen Wagen wuchten konnte. Und dann wiederum die nächste und die nächste.
Man tadelte mich, weil ich jeden Tag ein paar Minuten zu spät zur Schicht erschien.
Ich wurde regelrecht verzweifelt darüber, dass ich in der Firma Eckelt arbeiten musste.
Ich unternahm zaghafte Versuche, mir einen Finger zu brechen, damit ich nicht mehr arbeiten musste, aber es gelang mir nicht.
Mein saufender Arbeitskollege hasste mich regelrecht. Er drangsalierte mich, so gut er es vermochte.
Von den allermeisten der anderen Kollegen konnte ich keine Hilfe erwarten. Niemand sprach auch nur ein Wort mit mir. Der Typ mit den Wikinger-Tattoos, der jeden Tag nach der Schicht auf seinem Motorrad davonbrauste, tat, als wäre ich gar nicht existent. Die zwei Bosnier, die die Statur von Bären hatten, unterhielten sich mit lauten, tiefen Stimmen in ihrer Muttersprache miteinander, und beachteten mich auch nicht weiter.
Es war der totale Wahnsinn für mich und gelegentlich weinte ich in der Fabrikhalle still und leise vor mich hin.
Wir waren lebende Roboter, die von morgens bis abends Glas schleppten, bei ohrenbetäubendem Lärm eingeschlossen in einer glühend heißen Fabrikhalle.
Ich konnte nicht verstehen, wie die Leute so ein Leben zu ertragen imstande waren und zu ertragen gewillt waren.
Ein kleiner Mann aus Sarajewo, der aussah wie Diego Maradona, begann, sich hin und wieder mit mir zu unterhalten.
Mehrmals gab er mir den Rat, dass ich unbedingt meine Matura nachholen müsse, damit mir ein Leben in Fabrikhallen erspart bliebe.
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freiTEXT | Melissa Redeker
die ex-geherin
heute vor einem jahr entschied ich mich, meinem freund fremdzugehen. fremd mit einem anderen. die fremdheit des anderen hat mich fasziniert, mich angesteckt, mich in den bann gezogen. ist in mich eingezogen. nun ist die fremde ein teil vom ich. nun bin die fremde ich und träume vom wegziehen, vom weiterziehen. ich träume vom umzug in eine fremde stadt. die fremdheit des ich mit der fremdheit der welt tarnen. ja, ganz eins werden lassen – verschmelzen, verschmolzen. fremd und fremd gesellt sich gern. wir wissen. wir verdrängen das. wir verfremden unsere erinnerung.
pinterest 2014: zwei menschen küssen sich schwarz-weiß, einer mit sonnenbrille. darauf drei schwarze balken, weiße schrift – nicht sicher, ob den kuss störend oder den kuss rahmend:
we all
start as
strangers.
wir alle beginnen als fremde. wir alle begegnen der fremde. freunde und fremde – dazwischen nicht viel oder alles. der fremde, dem kuss mit einem freund störend oder rahmend bedeutung geben? das fremdgehen dem kuss mit meinem ex-freund störend oder rahmend bedeutung gebend? seit dem fremdgehen fühle ich mich fremd. gehe mit mir um, wie mit einer fremden – nicht wie mit einer freundin. gehe fremde wege, höre fremde lieder, treffe fremde menschen – und auf fremde gedanken. in meinem kopf – visionen, illusionen, inspirationen – einer fremden. befremdlich. vielstimmige versionen einer fremden, die in meine fremde welt passt. ich charakterisiere die fremde. ich kultiviere die fremde. ich identifiziere mich mit der fremden, die mir aus dem spiegel entgegenblickt: das bin ich. die fremdgeherin. die ex-freundin. nehme die fremde zur freundin. werde zur ex-geherin, denn ich möchte bleiben – verändert und fremd – aber bei mir.
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freiTEXT | Petra Hochwimmer
Fischaugenlicht
Das Licht brach an den Lamellen der Jalousie. Der eine Strahl zeichnete sich direkt auf Annas Gesicht ab, hob den dunklen Fleck ihrer rechten unteren Kinnseite hervor, der andere, etwas in Schieflage geraten, verlor sich unter den Rollen des rostbraunen Nachttisches. Jedes Mal, wenn ich die Tür zum Zimmer 223 öffnete, strömte mir derselbe Geruch in die Nase: eine Mischung aus zu dick aufgetragener Nivea und Blumenwasser, das zu lange von niemandem mehr getauscht worden war. Der Geruch kroch in die Fasern meiner Kleider, kroch weiter in meine abgestorbenen Hautschuppen hinein, die immer wieder abfielen beim routinierten Anlegen der blauen Einweghandschuhe.
Anna saß an diesem Morgen aufrecht im Bett. Und jedes Mal, wenn Anna lächelte, drückten ihre Mosaikwangen aus winzig roten Adern ihre Brille etwas nach oben, sodass man die schon dünn gewordenen Augenbrauen kaum noch erkennen konnte. „Heute ist ein guter Tag“, sagte Anna, und noch bevor ich nach dem Warum fragen konnte, fuhr sie fort: „Keine Angst vor dem Aufwachen.“ Das monotone Massieren ihrer Füße war eine Übersprungshandlung, das wusste ich. Doch ich wollte das Verschwinden von Annas Lächeln um jeden Preis verhindern. Zögerlich stieg Anna schließlich ein auf meinen Ablenkungsversuch, sprach nicht mehr von der Angst, die unter ihrer Haut lauerte und jede Nacht an einer anderen Stelle ausbrechen wollte, es aber nie schaffte, weil man sich auf die Wirkung des Sedativums wirklich verlassen konnte.
„Hast du schon einmal Fische beim Sterben beobachtet?“ Annas Frage riss mich aus meinen Gedanken. „Warum sollte man Fischen beim Sterben zuschauen?“, entgegnete ich vielleicht etwas zu forsch, weil ich nicht gerne sprach über den Tod. Letztens war die Pumpe für die Sauerstoffzufuhr im Aquarium ausgefallen. Im Wasser gab es schon bald keine Luftbläschen mehr, die Fische mit ihren viel zu großen Augen wurden panisch. Schuppen sanken langsam auf den Grund, wurden wieder aufgewirbelt, von den ums Überleben kämpfenden Fischen. Das Aquarium glich einer Schneekugel, die einmal zu oft geschüttelt worden war. Ein rotes Licht am Aquariumsdeckel fing an, hastig zu blinken, ein schriller Ton schwoll an, klang ab wie eine längst vergessene Sirene. Irgendwann gaben sie auf, die Fische, oder ihr Herz-Kreislauf-System wurde einfach schwach, das wusste Anna nicht so genau, und dann drehten sie sich auf den Rücken. Sie trieben im stillgewordenen Wasser umher, und manchmal stießen ihre Körper lautlos aneinander. Als die Pumpe wieder funktionierte, strömte plötzlich zu viel Sauerstoff in das Wasser. Es schien, als hätte jemand die Schneekugel auf den Kopf gedreht. Die Lampe hörte auf zu blinken. Der Sirenenton verklang im leer gewordenen Speisesaal. Manche Fische drehten ihren Bauch wieder Richtung Grund, andere trieben regungslos weiter. Eine milchige Glasur legte sich über ihre Augen, eine wie jene, die man von pinken Punschkrapferln kennt, nur eben weiß.
Es war so still im Zimmer, ich konnte das kratzige Surren der Notfallglocke hören. „Vielleicht fühlt sich Sterben genau so an“, sagte Anna leise und beobachtete die Luftbläschen im Wasserbehälter ihres Sauerstoffgeräts.
Irgendwann trafen sich unsere Blicke. Doch nur Anna lächelte sanft, zog die Nasenbrille ihres Sauerstoffschlauchs etwas enger, spürte das glatte Plastik zwischen ihren Fingern ihre Haut aufreiben. Ich hingegen schwieg immer noch. Der Tod war meine Arbeit. Er war omnipräsent, durch nichts relativierbar. Doch als ich Annas ozeanblaue Augen am Sauerstoffbehälter haften sah, fühlte ich mich plötzlich selbst wie ein Fisch, in luftleeren Weiten treibend.
Auch der Zeiger der Uhr tickte an diesem Tag anders. Jedes Ticken dehnte sich zu einem langen Echo aus, das durch den in einem Daffodilton gestrichenen Gang spazierte, bis es vom Fensterglas umarmt und nie mehr losgelassen wurde. Ich wusste, ich hatte heute viel zu lange gebraucht für Annas Morgenroutine. Ich wusste, dass diese Zeit verstrichen und in keinem Zimmer mehr aufzuholen war. Und trotzdem stand ich regungslos vor der Uhr, folgte jedem Wink des Zeigers, spürte ein Zucken in meiner linken Hand. Wie gerne ich zurückgewunken hätte. Aber es blieb nur eine sanfte Erregung meiner müd gewordenen Gliedmaßen. Ein schwacher Versuch des Loslösens, ein Trost, der überhaupt keiner war.
Nur spärlich drang der schrille Ton zu mir vor. Er war gedämpft, so, als trüge man Kopfhörer, die einem nie gepasst hatten. Das hektische Blinken der Warnleuchte zentrierte sich zu einem winzigen Punkt vor meinen Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde versagte mein Körper. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was zu tun war in einem solchen Moment. Auf der Anzeige stand keine Zimmernummer. Jemand im Aufenthaltsraum musste den Alarm ausgelöst haben. Ich sah zu Anna. Anna, die ihre Finger in den Tisch krallte, nach Luft rang. Ihre Stricknadeln waren auf den Boden gefallen. Anna bekam keine Luft, dachte ich. Und endlich schaffte ich es, zu tun, was ich so oft simulieren musste in der Ausbildung. Ich drehte den Sauerstoff zwei Stufen nach oben und nahm Annas Hand. „Ich bin jetzt da“, flüsterte ich. Aber ich wusste nicht, ob ich Anna oder nur mich selbst davon überzeugen wollte. Anna drückte meine Hand etwas zu fest, doch sie atmete ruhiger, bekam wieder Luft, und schon bald machte sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht bemerkbar. Die Mosaikwangen drückten die Brille wie gewohnt nach oben.
An diesem Abend saß ich viel zu lange an Annas Bett, konnte nicht aufhören, ihren Atem kontrollieren zu wollen. Ich wusste von Annas COPD-Erkrankung. Ich wusste, dass diese Anfälle dem Krankheitsbild entsprachen. Ich wusste aber auch, dass Annas Lunge irgendwann nicht mehr stark genug sein würde, diese Krämpfe, dieses Zusammenziehen der Lungenflügel auszuhalten. Und plötzlich musste ich an die toten Fische denken. Ich hörte die Luftbläschen im Sauerstoffbehälter brodeln. Ich hörte die Stille, die an diesem Abend viel zu laut war im Zimmer 223.
Ein letztes Mal sah ich zu Anna hinüber. Das Mondlicht linderte das Rot ihrer Mosaikwangen, ließ ihr Gesicht fahler aussehen. Und als ich lange nach Dienstschluss die Eingangstür des Pflegeheims öffnete, glaubte ich für einen kurzen Moment, den modrigen Duft von Wasser wahrzunehmen, dem der Sauerstoff fehlt. Ich blickte zu Annas Fenster hoch. Es war geschlossen. Und das Licht schon lange gelöscht.
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freiTEXT | Oliver Schein
Peregrinus
Ich wache auf, als die Zahnbürste schon in meinem Mund steckt.
Der Arm vor mir gehört mir nicht.
Er zieht in ruhigen Bahnen über Zähne, die ich nicht kenne. Innen, außen, Kauflächen. Der Schaum schmeckt nach Pfefferminze und einem Hauch Metall aus alten Leitungen. Die Finger umklammern den Plastikgriff, als hätten sie nur diese eine Bewegung gelernt.
Im Spiegel hängt ein Gesicht:
Augenringe, Bartstoppeln, ein Sprung im Schneidezahn. Hinter ihm eine weiße Fliese mit einem feinen Riss, der sich als dünne Linie über die Wand zieht. Rechts ein wackliges Regal mit Duschgel, einer halb leeren Creme, einer Packung Schmerztabletten, in der noch drei Tabletten klappern.
Ich kenne diesen Raum nicht.
Ich weiß, wo der Lichtschalter ist.
Der Körper spuckt Schaum ins Becken. Ein Tropfen trifft den Rand, läuft langsam zum Abfluss, ein schwarzer Kreis im weißen Becken. Der Wasserhahn rauscht, bis jemand ihn zudreht: ich, aber nicht ich.
Das Geräusch bleibt einen Moment im Raum, breitet sich aus, wird schwerer, kälter.
---
Wasser. Nicht aus einem Hahn, sondern aus einem Himmel, den ich nicht sehe.
Es fällt in dicken Strängen auf Schultern, die an grobes Leinen gewöhnt sind. Es läuft in einen Kragen, der längst durchnässt ist. Unter meinen nackten Füßen Holz, das federt, weil darunter nur Luft ist.
Vor mir ein Platz, Gesichter unter Tüchern und Kapuzen. Mäntel, die Wasser saugen. Hinter mir Harz. Ich drehe den Kopf ein Stück und sehe einen Stamm, so nah, dass ich jede Faser in der Rinde erkennen kann. Dort, wo ein Ast aus dem Stamm wächst, ist das Holz glatt, hell, blank. Ein Strick liegt darüber, gespannt.
Eine Stimme liest etwas vor, Worte über Ordnung und Gesetz. Der Regen zerhackt die Sätze. Im Vordergrund bleiben Münder und Hände. Ich schaue auf den Baum. In der Rinde flache Kerben, halb verwischt, als hätte jemand Zeichen eingeritzt, die keiner mehr lesen kann.
Das Holz unter meinen Füßen rutscht weg.
Der Körper fällt, der Blick bleibt am Stamm. Ein Harztropfen hängt an einer Verdickung, klar, schwer. Er löst sich nicht.
---
Der Wasserhahn im Badezimmer gibt einen letzten Laut von sich. Der Mann im Spiegel spült den Schaum weg, reibt sich mit einem Handtuch über das Gesicht. Die Kante des Handtuchs ist aufgefasert.
„Muss los", sagt er.
Auf der Waschmaschine vibriert ein Handy. Er nimmt es hoch, wischt über das Display. Licht fällt auf Fliesen. Nachrichten, Mails, ein kleines Dreieck für ein Video. Er tippt es an.
Eine Bahnstation, graue Fliesen, Neonlicht, zitternde Kamera. Ein Junge am Boden, einer, der tritt, einer, der filmt. Menschen im Hintergrund bleiben stehen, halten sich an Taschen fest, an nichts. Der Ton ist leise, aber die Bewegungen sind hart und schnell.
Im Kiefer spannt sich etwas an.
Der Daumen bewegt sich, das Bild friert, wird klein, verschwindet. Die Liste mit Symbolen rutscht wieder nach oben. Der Bildschirm wird schwarz.
Er steckt das Handy ein, greift nach der Tasche, löscht das Licht.
---
Schlag aus Metall.
Ich stehe auf einem Sims, der warm unter meinen Füßen ist. Über mir hängt eine Glocke im Dunkeln des Turms. Wenn sie schlägt, vibriert der Stein unter meinen Krallen. Die Luft trägt Rauch, kalte Asche, einen süßlichen Film von unten.
Unter mir Dächer, dicht an dicht, Gassen wie Spalten. Auf einem Platz haben sie Erde zur Seite geschoben. Ein Loch, von Brettern eingefasst, der Rand schlammig vom Regen.
Ein Wagen fährt an die Kante, kippt. Stoff, Körper, lose Arme, Beine. Die Formen verschwimmen, sobald sie fallen. Der Geruch legt sich als zusätzliche Schicht über den Platz.
Ich lasse mich fallen.
Die Luft trägt mich ein Stück, dann klappe ich die Flügel an, bremse kurz vor dem Boden, lande auf etwas Weichem. Unter meinen Füßen gibt Fleisch nach, unter dem Stoff Knochen. Der Stoff ist nass.
Mein Schnabel tastet nach einer Stelle, die noch zu ist. Haut, die nichts mehr entscheidet. Ich reiße, ziehe, schlucke.
Ein Auge liegt frei.
Das Lid steht halb offen. Die Pupille ist milchig, aber der Blick steht noch zwischen mir und dem grauen Himmel. Meine Beine werden starr. Der Schnabel bleibt in der Luft.
Dann senke ich den Kopf, suche eine Stelle, auf der Stoff alles abdeckt, und mache weiter.
Steine prallen neben mir in die Grube. Stimmen schreien. Ich springe ein paar Schritte, Flügel halb ausgebreitet, lasse die Steine im nassen Gemisch verschwinden, rücke an einen anderen Saum.
Wenn es dunkel wird, sitze ich auf einem Dachfirst, lege den Schnabel ins Gefieder und putze, bis das Metall wieder glatt ist.
---
Beton.
Ein Flur, Treppen, Geländer aus verkratztem Metall. Die Luft ist feucht, trägt Waschmittel und ein Essen von gestern, das in den Wänden hängt.
Ich stehe mit einer Tasche über der Schulter. Der Schlüssel steckt noch im Schloss. Über mir läuft Wasser in einem Rohr, irgendwo fällt etwas um, jemand flucht leise.
Schritte: ein Mann kommt die Treppe herunter, Schultern angespannt, Jacke offen. In der einen Hand ein Riemen, in der anderen ein Kinderarm. Am Kind hängt ein Ranzen, der zu breit für den Rücken ist.
„Beeil dich", sagt der Mann.
Der Junge stolpert auf der letzten Stufe. Ein Schnürsenkel ist offen. Die Kante der Stufe trifft den Fuß. Ein kurzer Laut, sofort wieder verschluckt. Der Griff um den Arm bleibt.
Ich könnte zur Seite gehen. Den Rücken an die Wand drücken, Platz machen.
Der Körper tut es nicht. Die Hand am Schlüssel wird feucht.
„Moment", sagt mein Mund.
Der Mann schaut hoch. Erst mich an, dann seine Hand, dann den Jungen.
„Was?"
„Er ist eben umgeknickt", sage ich. „Lassen Sie ihn kurz hinstellen."
Der Mann blickt auf den Fuß, als sei er neu. Der Griff lockert sich ein wenig. Der Junge setzt den Fuß auf, vorsichtig. Das Gesicht zieht sich kurz zusammen, aber er steht.
„Na gut", sagt der Mann. „Dann langsam."
Er hebt den Ranzen ein Stück an, damit der Gurt nicht mehr in den Hals schneidet. Sie gehen weiter. Der Schnürsenkel schleift, die Hand am Arm ist nicht mehr so fest.
Ich ziehe den Schlüssel aus dem Schloss und warte, bis ihre Schritte im Straßenlärm verschwinden, bevor ich selbst die Treppe hinuntergehe.
---
Holz unter den Pfoten.
Der Flur ist enger, die Stufen sind abgescheuert, jede mit eigener Kerbe. Die Luft ist warm vom Ofen, satt von Suppe und altem Rauch. Tapete löst sich in Fetzen, der Putz dahinter bröckelt.
Ich springe auf die Fensterbank. Das Glas ist kalt. Mein Atem beschlägt eine kleine Fläche. Draußen ein Hof, Kopfstein, eine Tonne an der Wand.
Unten steht eine zweite Katze. Das Fell liegt eng, Rippen zeichnen Linien unter der Haut. Sie schiebt den Kopf gegen den Deckel der Tonne, hebt ihn ein Stück an, lässt ihn wieder sinken, versucht es noch einmal.
„Die schon wieder", sagt eine Stimme hinter mir.
Eine Frau tritt ans Fenster. Die Hände sind rot vom Spülwasser. Sie sieht nach unten. „Mach sie weg", ruft sie. Ein Name. Schritte. Ein Stuhl kratzt, ein Besenstiel wird aufgenommen.
Meine Krallen graben sich ins Holz. Der Hof ist der Weg, den ich kenne. Die andere steht darin, als gehörte ihr ein Stück davon.
Ich reiße das Maul auf und schreie. Das Geräusch ist zu groß für den Raum, schneidet durch Tellerklirren und Ofenknacken.
Der Mann mit dem Besenstiel zuckt, bevor er das Fenster erreicht. Unten fährt die Katze zusammen, blickt nach oben, zur Seite, verschwindet im Schatten zwischen zwei Mauern.
Der Stock trifft die Tonne. Metall scheppert. Stimmen schimpfen über „Viecher". Das Fenster wird geschlossen.
Ich springe vom Sims, setze mich an den Teller auf dem Tisch und lecke die Ränder sauber. Die Suppe ist dünn, an den Kanten dicker. Der Schwanz liegt ruhig, der Brustkorb geht zu schnell.
Der Hof ist leer.
---
Bett.
Ein Metallgestell, eine Matratze, ein Nachttisch, ein Stuhl ohne Aufgabe. Links vom Bett ein Monitor, der in gleichmäßigen Abständen piept und eine Linie zeichnet, die hin und wieder ausschlägt.
Die Hände dieses Körpers sind leicht und trocken. Die Haut darüber ist dünn, wenn man sie zusammendrückt, bleibt sie einen Moment stehen. Die Nägel sind kurz, matt.
Das Fenster steht auf Kipp. Die Luft trägt Desinfektionsmittel und einen süßlichen Rest von dem, was auf dem Tablettenwagen steht. Draußen ein Baum, der Stamm von einem Metallring gehalten. In seinen Ästen hat sich Plastik verfangen, eine zerfledderte Tüte, die bei Wind leise raschelt. Auf einem der Äste sitzt ein schwarzer Vogel.
Die Schwester tritt ein, stellt ein Tablett auf den Nachttisch. Eine Schale mit Püree, eine Tasse Tee, ein Löffel. Sie prüft Schlauch, Pflaster, Monitoranzeige.
„Alles stabil", sagt sie.
Der Mund dieses Körpers formt ein „Ja". Es ist kaum mehr Stimme darin.
Sie zieht das Laken glatt, richtet das Kissen, macht eine kurze Notiz und verschwindet wieder. Auf dem Flur rollt ein Wagen vorbei, Porzellan klappert gedämpft durch die Tür.
Es fühlt sich an, als läge ich unter der Haut und nicht auf der Matratze. Die Lampe über mir ist ausgeschaltet und trotzdem nicht ganz dunkel. Ein Haar liegt quer über der Stirn.
Draußen rückt der Vogel ein Stück auf dem Ast. Der Baum bewegt sich nur wenig, mehr im Stamm als in den Zweigen.
Der Monitor verändert seinen Takt, minimal. Der Abstand zwischen zwei Tönen wird etwas länger. Die Gardine hebt und senkt sich im Luftzug.
Ein weiterer Wagen rollt vorbei, Teller schlagen sacht gegeneinander. Jemand ruft etwas, lacht, hört auf. Eine Tür fällt ins Schloss.
Der Körper atmet ein, hält den Atem einen Herzschlag lang, atmet aus. Der Monitor gibt einen Ton von sich, dann einen mit mehr Pause dahinter.
Die Geräusche im Zimmer klingen, als kämen sie durch eine dickere Tür. Draußen knackt etwas im Baum. Der Vogel sitzt.
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freiTEXT | Andreas Zabel
Die Echtheit der kleinen Brüche
Ich heiße Gunnar. Achtunddreißig. Ein Körper, der funktioniert, ein Leben, das sich lange weigerte, Form anzunehmen. Vielleicht beginnt alles an jenem Morgen, an dem Jerusalem wie ein ausgeatmeter Gedanke hinter den Fenstern hing und ich nicht mehr wusste, ob ich mich ausruhte oder verschwand. Die Frau in der Küche bewegte sich wie jemand, der Worte nur noch als Möglichkeit kennt. Zwischen uns lagen die Dinge, die man nicht sagt, weil sie sonst zu wahr würden.
Vier Tage zuvor war ich in ein Wohnzimmer zurückgekehrt, das zu leer war, um ein Zuhause zu sein. Unten handelten zwei Männer über Sandalen — Preis, Geschichte, Bedeutung — und ich merkte, dass ich nichts davon beantworten konnte. Ich stand nur da, wie jemand, der sich selbst beim Zusehen ertappt.
Lis brachte Avocados mit, überreif wie Gedanken, die man zu lange getragen hat. „Schneid sie auf“, sagte sie. Der Geruch, süßlich und alt, breitete sich aus wie eine sanfte, aber unerbittliche Diagnose. „Manchmal sehen Dinge gesund aus, obwohl sie es nicht sind.“ Ich wusste nicht, ob sie mich meinte oder die Frucht. Manchmal ist das dasselbe.
Später knickte mein Knöchel, unscheinbar, fast höflich. Ich saß vor einem Lokal, eine Zigarette zwischen den Fingern, und die Welt ging gleichgültig an mir vorbei. Die Frau, die sich ohne Vorwarnung zu mir setzte, nahm mir die Zigarette ab, zog einmal, gab sie mir zurück. „Manchmal braucht es nicht mehr“, sagte sie. Ihr Blick blieb an mir hängen, als wüsste sie, dass man für bestimmte Einsichten erst stolpern muss.
Franzi war eine andere Art Bruchstelle. Sie trat in Räume, als würde sie sie erst erschaffen, indem sie sie betrat. Wir saßen zusammen, und sie sagte: „Du behandelst Gefühle wie eine Steuererklärung.“ Sie lächelte dabei nicht. „Ordentlich. Übersichtlich. Ohne Mut.“ Es klang nicht vorwurfsvoll, eher wie jemand, der weiß, dass Wahrheiten nur wirken, wenn sie sanft platziert werden. „Man kann jemanden zärtlich zerstören“, sagte sie. „Ehrlichkeit ist schärfer, wenn sie leise ist.“
Abdul sprach leise, aber seine Worte trugen weiter als die der anderen. „Man gewöhnt sich an vieles“, sagte er, „aber nicht daran, dass jemand fehlt.“ Seine Hände erzählten mehr als seine Stimme — zögernde Bewegungen, die sich weigerten, endgültig zu sein. „Warum Deutschland?“, fragte ich. „Weil hier niemand weiß, wer ich war. Nur, wer ich bin.“ Da begriff ich, dass manche Brüche nicht repariert werden müssen; man muss nur lernen, sie auszuhalten.
Am Ende bleibt weniger, als man glaubt. Nicht die Orte, nicht die ruhigen Erklärungen, nicht die Tage, die man verstreichen ließ. Es bleibt, was sich in den kleinen Rissen zeigt — jene Momente, in denen man einen Atemzug länger bleibt, als man wollte. Ich weiß nicht, ob ich ankomme. Aber ich merke, dass ich angefangen habe, zuzuhören, bevor Dinge verschwinden.
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freiTEXT | Anna Wonde
Die Häuser
Ich weiß noch genau, wie die Häuser riechen.
Das Haus mit den beiden blonden Jungs – süßlich und nach vielen kleinen Regeln.
Das Haus am Ende der Straße – nach dem Wald, der sich in Richtung des Hauses ausstreckt.
Ich höre das Klappern der Pantoletten an den Füßen der Mütter. Mit Peeptoe und Keilabsatz aus Kork und damals schon frage ich mich, wie die Mütter darin eigentlich den ganzen Tag umherlaufen. Klack-klack-klack über die terracottafarbenen Steinfliesen in der Küche. Klack-klack-klack über die Pflastersteine in der Einfahrt. Geräuschlos durch die Gärten, über den Rasen, den die Väter samstags mähen. Einer nach dem anderen, vorne in der Straße fängt es an und wenn der erste fertig ist, fängt der nächste erst an, als gäbe es einen unsichtbaren Staffelstab, den sie sich übergeben.
Woher kommen all die Häuser? Früher waren das alles Felder, sagen die alten Tanten. Sie sitzen auf einer Holzbank, der einzigen in der ganzen Straße, und erzählen von den Häusern, die nach dem Krieg gebaut wurden. Wie ihre Väter zurückkamen, innerlich und äußerlich versehrt, wie sie weinten unterm Weihnachtsbaum oder schrien in den Nächten. Wie sie dann begannen, Häuser zu bauen. Stein für Stein und ihre Alpträume darin einmauerten.
Sie reden mit den Kindern. Spiel nicht am Fluss, sagen sie, da wohnt ein Mann mit einem Haken und damit zieht er die Kinder ins Wasser und sie müssen dann für immer bei ihm leben und ihm dienen.
Bleib nicht in der Dunkelheit draußen, sonst kommt ein Mann, der aussieht wie eine Krähe, und der fliegt mit dir weg.
Und die Kinder werden größer und sie glauben den Tanten nicht mehr. Du lügst, sagen sie, deine Nase ist schon ganz lang. Aber sicher sind sie sich nicht, und wenn es dunkel wird, beschleunigen sie ihre Schritte und werfen Blicke über die Schulter, aber da ist nur das Echo ihrer Sohlen auf dem Pflaster.
Und die Kinder werden größer, aber sie haben jetzt Angst vor der Dunkelheit. Mehr Angst als früher. Sie ist bedrohlich und real. Sie gehen nicht mehr allein zur Bushaltestelle, wenn es Nacht ist, und Nacht wird es schon um 17 Uhr.
Zur Sicherheit haben sie eigene Häuser gebaut, mit großen Terrassen und Kieselsteinen im Vorgarten. Sie vergraben die Sehnsucht unter einem Steingarten, da muss man sie nicht gießen.
Alle sind zu Hause. Sie schließen abends die Türen zu und lassen die Fensterläden runter und trinken noch zwei Gläser Wein, allein in der Küche. Taking off the edge.
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