freiTEXT | Moritz Pohl

Wieder ein Tag

Ich werde von der ins Schloss fallenden Wohnungstür geweckt. Die Sonne bohrt ihre Finger durch die Schlitze des Rollladens. Ich drehe mich zur Wand. Das Kissen liegt nicht richtig. Ich drücke es ein, bausche es auf, falte es zusammen, doch es bringt alles nichts, ich finde keine bequeme Position. Kein Wunder, nach all den Monaten.

Als ich mich aufrichte, schießt es mir in die Lendenwirbelsäule. Mein Körper schmerzt seit fünfundzwanzig Jahren. Mal ist es der Nacken, mal ist es die Schulter, mal sind es die Handgelenke, mal sind es die Knie. Irgendwas ist immer. Schmerz ist auch Präsenz. Schmerz ist Jetzt. Jedenfalls rede ich mir das mittlerweile ein. Ich steige in meine alte Jogginghose aus Fußballvereinstagen. Seit fünfundzwanzig Jahren besitze ich sie. Vielleicht ist sie der Grund für meine Schmerzen.

Ich gehe pinkeln. Auf dem Rückweg greife ich mir eine Wollmütze aus dem Bücherregal und ziehe sie an. Dann schlüpfe ich ein kariertes Flanellhemd. Ich sehe jetzt aus wie ein Bauer beim morgendlichen Abmelken. Fehlen nur noch die Gummistiefel.

Während ich auf den Wasserkocher warte, denke ich, dass ich nur ins Bett will, mich ausruhen, Kraft sammeln. Aber ich komme ja gerade erst aus dem Bett, das geht also nicht. Die Öle im Kaffee bilden hellbraune Bläschen.

Auf dem Laptop rufe ich Youtube auf. Ich klicke ein Video an, das die Frage abhandelt, wer einen Kampf gewinnen würde, ein Gorilla oder ein Grizzlybär. Anschließend google ich, ob ein Gorilla noch stärker werden könnte, wenn er Gewichte stemmen würde.

Beim zweiten Kaffee fällt mir ein, dass ich später einen Termin habe, sogar einen wichtigen. Ich muss zur Universitätspsychiatrie, um meine Krankschreibung verlängern zu lassen. Ich lasse mich wieder vom Algorithmus davontragen, tiefer und tiefer in eine Welt, die es nicht gibt. Und weil es sie nicht gibt, spendet sie Geborgenheit. Ich schaue mir die brutalsten Knockouts von einer Mixed-Martial-Arts-Ikone an, die aussieht wie eine grobschlächtige Version von Tom Selleck; ich schaue mir an, wie ein norwegischer Kletterer mit einem schwedischen Strongman seine Griffkraft vergleicht, indem die beiden unhandliche, schwere Dinge hochheben; ich schaue mir an, warum ein ehemaliger Nazi-Rocker denkt, dass ein ehemaliger Drogendealer ein Lügner ist; ich schaue mir an, ob ein Bodybuilder nach Ansicht eines anderen Bodybuilders in einer Mega-Off-Season mit zu viel Stoff seine Gesundheit zerstört hat.

Immer zeigt mir die Seitenleiste neue Videos an, immer gibt es neuen Content, der mir selbst niemals in den Sinn gekommen wäre und der mich reizt. Ich klicke auf alles, öffne immer weitere Videos in immer weiteren Browser-Fenstern zur Vorsorge, zum Spätergucken. Bald lasse ich die Videos mit anderthalbfacher Geschwindigkeit laufen.

Dann kommt ein harter Cut. Ich schalte den Laptop ab und mache mir ein Müsli mit Proteinmilch. Mit der frisch gefüllten Schüssel setze ich mich vor den Fernseher und schaue die Küchenschlacht. Moderator des Tages ist Alexander Kumptner, lese ich im Guide des Smart-TV nach, ein Österreicher mit modischer Kurzhaarfrisur und Astralkörper, wie ich auf Instagram sehe.

Während im Fernsehen die Lachsfilets in den Pfannen brutzeln und aufgeregte Normalos beflissen in ihren Töpfen rühren, bleibe ich in der Timeline hängen und schaue mir einen Inder an, der verkrüppelte Beine hat, aber einen Oberkörper wie Herkules. Er spricht schnell einige unverständliche Worte in die Kamera und verzieht dann sein Gesicht zu einer Fratze, während er seine Arme hochreißt und den Arni macht.

Ich swype herunter, ein animierter Shrimp saugt seinen eigenen Schwanz ein, kriecht aber sogleich wieder aus sich selbst heraus, eine in Endlosschleife ablaufende Illusion, die gut einhundertvierzigtausend Menschen gefallen hat und knapp zwanzigtausend Mal weitergeschickt wurde. Auf einer anderen Kachel singt Elvis Presley in ein Hörnchen mit Eisbällchen, wieder woanders klärt mich eine Illustration darüber auf, dass ich schon mein ganzes Leben lang falsch gehe.

Auf einem Comic-Bild ist ein grimmiger Wolf abgebildet, hinter seinen Rippen hängt Gedärmen gleich ein Lamm mit geschlossenen Augen. Dieses Lamm symbolisiert die Freundlichkeit, die wir alle wie einen Parasit in uns tragen, denn Freundlichkeit ist schlecht, weil sie uns schwächt. So steht es in der Bildunterschrift, und in den Kommentaren wird das Bild als Meisterwerk gefeiert und für seine Schönheit gelobt. Andere Kommentatoren sehen Palästina durch das Lamm symbolisiert.

Ich klicke den Handyscreen schwarz und widme mich wieder der Küchenschlacht, wo sich mittlerweile der Juror die einzelnen Bestandteile des Wettbewerbsgerichts einer Teilnehmerin in den Mund schiebt. Die Kamera zoomt drauf und ich sehe seinen Kiefer das Essen zerkauen. Es muss schon kalt sein, aber es schmeckt ihm vorzüglich, so sagt er, die Sauce vielleicht ein wenig dilllastig, aber das sei keine Kritik. Ich stelle die Müslischüssel auf die Spülmaschine und gehe scheißen. Es ist jetzt Viertel vor zwei und mir fällt nichts mehr ein. Ich beschließe, zur Psychiatrie zu laufen, um Zeit totzuschlagen.

***

Das alternative Areal am Flussufer ist noch im Winterschlaf, die Bretterbuden und Wellblechhütten sind vernagelt. Unten am Wasser steht ein dunkelhäutiger Typ auf dem Absatz der Ufermauer. Ich rieche seinen Joint und frage mich, was ihn wohl dorthin verschlagen hat. Je näher ich der Brücke komme, desto mehr schwillt der Lärm der Autobahn an, die auf der unteren Ebene des Bauwerks über den Fluss führt. Auf unserer Seite ist die Brücke nicht lärmschützend, denn wir wohnen bei der Industrie und den Asis.

Zwischen den Betonpfeilern der Brücke drücken sich ein paar Nachtjacken herum, nicht viele, es ist ja schließlich helllichter Tag. Naja, so helllicht, wie ein bewölkter Tag im Spätwinter sein kann. Zwei Kinder spielen am Basketballkorb, ihre Würfe sind linkisch und keiner trifft ins Metallnetz. Ein paar Meter weiter, kurz hinter der Brücke liegt ein Trainingspark. Obwohl es keine zehn Grad hat, trainieren dort zwei Männer mit nacktem Oberkörper. Sie machen artistische Übungen und ihre Muskeln zeichnen sich deutlich unter der Haut ab, zucken bei jeder Bewegung, alles sieht aus wie von Gott intendiert.

Als ich mich den Dealern nähere, die vor der Dusche für die Flussschwimmer stehen, nehme ich Haltung an. Ich schaue ihnen in die Augen und als sie leise „Shit“ flüstern, schüttle ich nur kaum merklich den Kopf. Schon sind sie hinter mir und ich meine, ihre verfolgenden Blicke zu spüren. Ich stelle mir vor, dass ich sie provoziert habe und sie mir jetzt nachgehen, um mir eine Eisenstange über den Kopf zu ziehen oder mir ein Messer in die Rippen zu rammen. Es kribbelt kurz im Nacken, dann bin ich sicher, dass sie stehen geblieben sind.

Da die Stadt so klein ist, treffe ich schon hundert Meter weiter nur noch auf Jogger in grellen Dresses, die sich dehnen, und auf Pärchen, die ihre Mittagspause im Freien verbringen. Das Grau der Brücke und unseres Viertels ist hier bereits unbekannt. Immerhin das Wasser des Flusses weiß um diese Farbe. Grau und rasch fließt es gen Norden, bis nach Rotterdam, wo es sich mit dem Salz mischen wird.

Bei der nächsten Brücke steige ich eine Wendeltreppe hoch und laufe über den sanften Bogen, dann, auf der anderen Seite, den Hügel hinauf bis zum alten Stadttor, wo ich mich links halte und auf eine garstige Ausfallstraße komme.

***

Auf den Fensterscheiben der Klinik sind Worte in bunten Lettern geschrieben. Es fehlt nicht viel, dann hätte der Eingangsbereich den Look von einem dieser modernen Kindergärten, wo die Kinder Namen haben, die ich nicht mal kenne. Aber vielleicht ist das auch alles gar nicht so weit voneinander weg, eine Psychiatrie und ein Kindergarten.

Vor dem Aufzug überlege ich, doch die Treppe zu nehmen, wegen der Kalorien und der Vermeidung von amerikanischer Faulheit, lasse es aber sein, denn von dem Marsch ist mir eh schon warm und ich spüre, dass meine Achseln durchgeschwitzt sind. Ich will meinen Körper nicht noch weiter auf Touren bringen, bevor ich gleich vor einer fremden Person sitze, die mich mustern wird.

Ich melde mich an und nehme Platz zwischen einer Handvoll Menschen mit versteinerten Gesichtern. Vor dem Fenster der Sprechstundenhilfen gerät ein glatzköpfiger Mann in Rage. Er erzählt von seinem Schicksal, irgendwas von Obdachlosigkeit und skandalösen Verhältnissen. Es klingt, als käme das von ganz weit drinnen, und weil das so ist, wird er von den Sprechstundenhilfen abgebügelt. Sie verweisen auf das anstehende Gespräch mit dem Arzt und schicken ihn zu uns, wo er den Blick durch die Runde schweifen lässt, auf den kleinsten Auslöser wartend, um seine Tirade fortzusetzen. Aber niemand interessiert sich für ihn und so nimmt der Mann schnaufend Platz auf einem der hellen Holzstühle, nun doch wieder auf sich selbst und seine Scheißlage zurückgeworfen, allein und hoffnungslos.

Es dauert lange, bis der jeweils Nächste an die Reihe kommt. Ich lasse mir für eins siebzig einen Kaffee aus der Maschine, ein seltsamer Betrag, der mich irgendwie stört. In einer älteren Ausgabe vom Spiegel lese ich einen dreizehn Seiten langen Artikel über eine Frau, die dachte, sie sei ein Mann. Doch ein paar Jahre nach der Geschlechtsangleichung hat sie festgestellt, dass anfangs alles doch korrekt gewesen war. Darum ist sie jetzt wieder eine Frau, nur eben eine mit einem sehr burschikosen Körper und einem künstlichen Penis. Sie macht unter anderem die Psychologen dafür verantwortlich, dass sie sich damals in jugendlicher Unwissenheit eingeredet hat, eine Transperson zu sein, und das zu lesen, erheitert mich, wo ich doch gerade in einer Psychiatrie sitze. Ich lege die Zeitschrift weg und ziehe mein Handy aus der Tasche. Ein Video mit zehn Millionen Aufrufen stellt mir den schnellsten Raucher der Welt vor und ich vergesse die Frau.

Als ich hereingebeten werde, muss ich mich erst einmal sammeln und mir klarmachen, dass es gerade ein ganz klein wenig um meine Existenz geht. Die Ärztin trägt eine babyblaue Gesichtsmaske, obwohl die Pandemie ja schon längst zu Spinnenweben im Hinterkopf geworden ist. Sie ruft im Computer meinen Fall auf und bitte mich dann, mein Anliegen zu schildern. Ich setze ihr die Sachlage auseinander, dass mich mein Arbeitgeber gefeuert, aber nicht freigestellt hat, und dass ich mich psychisch nicht mehr in der Lage sehe, noch bis zuletzt weiter für diese Firma zu arbeiten. Ich erzähle ihr davon, wie belastend die Arbeit schon vorher war, dass man mich jetzt ausgrenze, ja, mich mobbe, um mich loszuwerden und mein Gehalt einzusparen. Und während ich erzähle, denke ich, dass das alles gelogen ist, von mir frei erfunden, weil ich einfach nur keine Lust mehr habe, zur Arbeit zu gehen und ein fauler Taugenichts bin. Während dieser Gedanke weiter aufblinkt wie die Leuchtschrift im Fenster eines China-Imbisses, „OPEN“ … „OPEN“ …, gehe ich auf meine psychiatrisch-psychologische Vorgeschichte ein, auf die ganzen Berichte und sonstigen Unterlagen, die ich ja schon eingereicht hätte beim letzten Mal und die doch für sich sprechen würden, weil sie ja belegten, dass ich all die geschilderten Probleme schon lange vor der Kündigung hatte. Vor diesem Hintergrund sei es ja wohl klar, dass eine Kündigung, ein solcher Rauswurf mit Arschtritt zu einer Verschärfung meiner Lage und damit zu einer Verschlechterung meiner Gesundheit führte.

Die Ärztin hört mir geduldig zu. Als ich geendet habe, sagt sie, dass sie mich anders als ihre Kollegen, die mich zuvor beurteilt haben, nicht als krank einstufe, ich wirke zu aufgeräumt und nicht depressiv. Ich widerspreche ihr, doch merke selbst, dass sie gar nicht so falsch liegt. Wahrscheinlich wirke ich tatsächlich nicht depressiv, denn so fühle ich mich ja auch gar nicht. Aber krank fühle ich mich sehr wohl, zu krank jedenfalls, um einfach weiter zu funktionieren, zu krank, um mich in Meetings zu setzen und Tabellen zu pflegen, zu krank, um in jedem verdammten Kollegengespräch eine Rolle zu spielen und im Grunde ausschließlich Lügen von mir zu geben aus karrieretechnischen Gründen und aus sogenannter Höflichkeit.

Doch obwohl ich überzeugt davon bin, auf diese entscheidende Weise sehr wohl krank zu sein, oder sogar komplett untauglich für die zur Rede stehende Arbeit, weiß ich ad hoc nicht, wie ich ihr das alles klarmachen soll. Schlagartig wird mir bewusst, dass es das war − ich soll tatsächlich wieder zur Arbeit, zu diesen Arschlöchern, die mich belogen und ausgenutzt haben und die ich dafür und für noch viel mehr verachte. Und gehe ich nicht mehr hin, bleibe ich bei mir und meinen Gefühlen, wie es ja eigentlich allseits empfohlen wird, gerade von den Psychologen, dann werde ich noch einmal gefeuert, fristlos und selbstverschuldet dieses Mal, und damit bekomme ich dann kein Geld mehr, weder vom Arbeitgeber noch vom Arbeitsamt. Ich brauche aber Geld, denn jeder braucht Geld.

Um mein Schicksal vielleicht doch noch abzuwenden, starte ich einen zweiten Anlauf, versuche der Ärztin klarzumachen, dass ich wirklich, wirklich psychisch nicht in der Lage dazu bin, nur noch einen einzigen Tag bei dieser Firma zu verbringen. Aber sie bleibt hart und sagt, es tue ihr leid, sie könne mir nicht helfen. Da ist mir plötzlich alles egal und ich sage ihr laut in ihr maskiertes Gesicht, dass mich trotzdem nichts mehr zurück in dieses Büro bringt, niemals! Und während ich das ausspreche, weiß ich, dass es auch wahr ist. Ich werde dort nie wieder hingehen, Punkt!

Sie sagt, das sei meine Entscheidung, ich müsse natürlich dann mit den Konsequenzen leben. Und obwohl sie damit recht hat, will ich sie für diesen Hinweis ohrfeigen, denn in diesem Moment ist sie für mich nichts weiter als eine Systemhure, eine kleinliche, paternalistische, selbstgerechte Fotze, die von nichts eine Ahnung hat und mir nur weitere Steine in den Weg legt mit ihrer gottverdammten Korrektheit.

***

Ich verlasse die Psychiatrie mit einem sonderbaren Gefühl von Leichtigkeit. Bis ich meiner Freundin am Abend von der neuen Sachlage berichte, bin ich schwerelos. Für ein paar Stunden kann ich auf alles scheißen, auf die Gnaden der Psychiater, und auf die Gnaden des Arbeitsamtes, und auf die Gnaden meines Arbeitgebers sowieso. Alle können mich mal, ich bin ein freier Mann, solange ich meine Lage nicht weiterkommuniziere und sich lästige Fragen und Hinweise bezüglich der Zukunft einstellen, mit deren Eintreten ja immer zu rechnen ist.

Obwohl das Gespräch keine halbe Stunde gedauert hat, bin ich total erschöpft, darum muss ich jetzt schnell wieder Kraft finden. Und dafür gibt es nur einen Weg: Koffein und Kohlenhydrate, hauptsächlich Zucker, in rauen Mengen. Ich laufe Richtung Fluss, bis ich eine Bäckerei mit Sitzmöglichkeit finde, bestelle mir einen Kaffee, eine Brezel und ein Teilchen. Kaum sind Teller und Tasse leer, kommt kurz das totale Tief, so wie es immer kommt, wenn ich etwas esse. Und wie immer will ich nichts weiter als die Augen zu schließen und davonzudriften, will die Augen nie mehr öffnen, mich einfach nur fallenlassen und nie mehr zurückkommen. Aber wie immer drifte ich nirgendwohin, schon gar nicht für immer. Stattdessen zahle ich und laufe weiter, sodass die Prozesse meines Organismus, befeuert durch die Bewegung und den Sauerstoff in der Luft, wieder ordentlich anlaufen.

Ich bin nicht einmal drei Häuserblocks weit gekommen, da bin ich plötzlich energiegeladen und wach, viel wacher als am Morgen, und ich merke mit jedem Schritt, wie die Vorfreude darauf wächst, gleich mit brennenden Muskeln totes Gewicht zu bewegen, auch wenn das keiner von mir je verlangt hat.

***

Im Fitnessstudio ist niemand, nur die besenstieldünne Ein- und Aus-Check-Frau. Ich klappere meine Übungen ab und zwischen den Sätzen schlendere ich zwischen den Maschinen hindurch, zum Spiegel und zurück. Noch ein Schluck aus der mitgebrachten Plastikflasche, an der Getränkestation aufgefüllt mit uringelber Flüssigkeit, Geschmack Multivitamin, dann geht es weiter. Unter Ächzen ziehe und drücke ich weiß lackierte Hebel, alles ein himmelschreiendes Symbol für den Betrieb der Lebensmaschine, die genauso schwerfällig ins Leere läuft wie das alles hier. Mit jedem Hub nimmt meine Zucker- und Fatalismuseuphorie ab. Freiheit kostet. Sie kostet ein wenig Mut, ein wenig Konsequenz, ein bisschen mehr an Disziplin, vor allem aber kostet sie Geld. Der Preis der Freiheit ist im Wortsinne ein Preis. Damit mich alle Ämter und Institutionen ab sofort in Ruhe lassen, damit mich die Psychiater, das Arbeitsamt und mein Chef am Arsch lecken können, muss ich zahlen, und zwar mit meinem Erspartem. Ich überschlage meine Fixkosten. Das Geld wird schnell dahinschmelzen in diesem teuren Land. Die Freiheit, so teuer sie auch erkauft ist, sie hat bereits jetzt ein Verfallsdatum. Um dieses hinauszuzögern, muss ich ab sofort jede Ausgabe genau abwägen, dabei will meine Freundin doch ein Auto anschaffen und neue Möbel, damit wir endlich ein Leben führen, das unserem Alter und unserer Schicht entspricht. Und in den Sommerurlaub wollten wir auch. Das alles geht jetzt nicht mehr und das wird ihr gar nicht gefallen.

Nachdem ich fertig bin, gehe ich auf Zehenspitzen durch den Duschraum, in dem die Pfützen des Tages einen Ekelparkour gebildet haben. Und an der Decke hat sich schwarzer Schimmel breitgemacht, noch nicht dramatisch, aber eigentlich von einem Ausmaß, das Einschreiten nötig machen würde. Zwischen den Keimen und Sporen dusche ich heiß und trockne mich dann mit meinem rauen Mikrofasertuch ab, das ich hasse, weil es nicht über die Haut gleitet, sondern den Körper in einer störrischen, stockenden Art trocknet.

***

Ich schließe die schwere Holztür auf und gehe durch den Gang mit den Briefkästen in den Hinterhof. Der Geruch des Dönerladens, den wir unten im Erdgeschoss haben, schlägt mir entgegen. Auf der Terrasse vor der Ladenküche steht der Betreiber. Er wohnt im ersten Stock. Ich sage ihm hallo und frage ihn, wie es ihm geht, und wie immer sagt er: „Muss!“ und wie immer findet er das eine gewitzte Antwort. Und wie immer verstehe ich ihn gut, weil ich ja sehe, dass es für ihn tatsächlich immer nur muss mit dem Laden und den drei Kindern. Er fragt, wie es mir geht, ob ich viel Arbeit habe. Ich lüge ihn an und sage: „Ja, immer Arbeit!“ und er wiederholt: „Immer Arbeit, immer Arbeit!“ Er lacht mit herzlichem Galgenhumor und ich komme mir vor wie ein verschissener Simulant, aber schon auf der Treppe ist das Gefühl weg. Mir kommt seine Tochter entgegen, die kleine Elin, und ihr Bäuchlein ist noch runder geworden, scheint mir. Ihr lila T-Shirt mit der Giraffe spannt genauso wie ihre geblümten Leggins, und ich denke, dass sie bestimmt immer nur Döner isst, weil die Eltern ja keine Zeit haben, was Richtiges zu kochen.

Ich bin noch vor meiner Freundin zu Hause. Der Mixer kreischt ohrenbetäubend, als ich mir einen Proteindrink mit Bananen und Kreatin zubereite. Gerade als ich den Deckel abschraube, kommt sie, und das Erste, was sie sagt, ist, dass die Küche aussieht wie Sau. Ich sehe mich um und sie hat Recht, und ich verstehe ihren Ärger, in den sie sich sogleich weiter hineinredet, von wegen, ich habe doch den ganzen Tag Zeit. Ich finde ihn dann mit einem Schlag übertrieben, diesen Ärger, und belle zurück, sodass wir uns streiten, noch bevor sie abgelegt hat. Ich verziehe mich ins Wohnzimmer und schlürfe den Bananenshake vor dem Fernseher.

Sie kommt dazu und ich sehe sofort, dass ihr Ärger nicht abgeklungen ist. Im Gegenteil, sie fragt in einem Tonfall nach dem Abendessen, der schon klarmacht, dass sie weiß, dass ich nichts eingekauft und demnach auch nichts gekocht habe. Da es noch keine sieben ist, sehe ich das nicht als Problem an, und genau das sage ich ihr, aber sie ist nicht meiner Meinung und ich muss mir eine weitere Tirade über geregelte Mahlzeiten und ihre Verdauung anhören. Und wie als Gegenschlag, obwohl das unsinnig ist, erzähle ich ihr, dass ich nicht mehr krankgeschrieben bin und zurück zur Arbeit soll, was ich aber nicht tun werde. Sie ist kurz wie vom Donner gerührt und erfasst meine Worte nicht gleich, dann fragt sie nach und ich erörtere ihr die Situation genauer mit all ihren Folgen. Eine Weile ist sie still, dann rastet sie aus, nicht, weil ich ab sofort die Arbeit verweigern will, sondern, weil ich überhaupt gefeuert wurde, weil ich bisher bei jeder Stelle Probleme gemacht habe, ja, letztlich, weil ich so bin, wie ich bin.

Ich lasse sie all das sagen, bleibe einfach sitzen und trinke den Bananenshake, und als ihr auffällt, dass ich nicht reagiere, bricht sie in Tränen aus und wimmert „Ich kann nicht mehr, ich will mich trennen!“

Ich stehe auf und nehme sie in den Arm, komme ins Schwadronieren darüber, warum alles halb so wild ist und warum ich für nichts etwas kann, weil das System und so weiter, und irgendwann beruhigt sie sich, auch wenn ich nicht glaube, dass es wegen meiner Worte ist. Zur Aufmunterung und auch weil es jetzt wirklich langsam etwas spät fürs Einkaufen und Kochen ist, hole ich beim jugoslawischen Restaurant gegenüber Hamburger mit Pommes, denn die hat sie gerne.

Vor dem Fernseher essen wir die Burger, die eigentlich viel zu salzig sind und mit all der Sauce und den aufgeweichten Salatblättern im Grunde auch überhaupt nicht gut schmecken, was wir aber jedes Mal wieder vergessen. Wir reden wenig.

Als in der Serie, die wir schauen, jemand ein Bier bestellt, bekomme auch ich Lust auf Alkohol und kündige an, mir heute mal einen Drink zu machen, so als wäre das eine völlig spontane Idee, etwas, was ich mir heute ausnahmsweise mal gönne.

In der Küche betrachte ich das Sortiment Flaschen, das ich in den letzten Monaten zusammengekauft habe, es sind mittlerweile so viele, dass meine Freundin um die Stabilität des Regals besorgt ist. Und um mich natürlich. Ich überlege, ob das mit dem Drink wirklich eine gute Idee ist. Die Ärztin hat gesagt, es sei am wichtigsten, nicht jeden Tag zu trinken, und wenn es nur kleine Mengen sind, sondern immer mal ein, zwei Tage Pause zu machen. Ich bin mir sicher, dass ich vorgestern nichts getrunken habe, und ich freue mich, denn damit ist ja alles in Ordnung. Ich greife zum Four Roses, denn heute muss es nichts Besonderes sein, einfach ein Old Fashioned mit zwei Spritzern Angostura und anderthalb CL Zuckersirup, ein einfacher Drink für normale Tage.

Ich rühre den Whiskey dünner und kehre ins Wohnzimmer zurück, betont beschwingt, so als könnte ich die Stimmung einfach wegfedern. Sie wirft nur einen schnellen Blick auf mein Glas und spart sich den Kommentar für gleich auf, wenn ich mir den zweiten mixen werde.

***

Gegen elf geht sie sich bettfertig machen und ich bleibe sitzen, da ich weiß, dass die Müdigkeit noch lange nicht kommen wird. Bevor sie sich ins Schlafzimmer verabschiedet, nimmt sie mir noch ein paar Versprechungen ab, denn es müsse sich jetzt wirklich etwas ändern, und wie immer bin ich ganz Ohr und stimme allem zu.

Dann bin ich allein mit der Nacht und schaue eine Polit-Talkshow. Die Leute auf den Stühlen ernsthaft und ungebrochen reden zu hören, zu sehen, wie sie ganz diejenigen sind, die sie sind, jeder einzelne ein bestimmtes Individuum mit gefestigten Ansichten und Werten, macht mich fassungslos, denn ich selbst kann mir nicht vorstellen, auf so einem Stuhl zu sitzen und als bestimmter Mensch eine bestimmte Meinung zu haben.

Es wird erst eins und dann zwei und drei, und die Müdigkeit kommt nicht, zumindest nicht diejenige, die man Bettschwere nennt. Mein Kopf ist müde, aber das ist er immer, das ist ganz egal. Der Körper, die Nerven, sie müssen müde werden, und das ist das Problem.

Als ich es nicht mehr aushalte, allein in der Nacht zu sitzen, ohne Trost spendenden Ort für meine Gedanken, alles immer nur Vergangenheit und nie Zukunft, gehe ich leise ins Schlafzimmer und lege mich neben sie, doch auch hier kommt die Müdigkeit nicht. Als sie doch kommt und ich endlich wegdämmere, bekomme ich Harndrang und muss wieder aufstehen. Und danach ist sie wieder weg, die Müdigkeit, und ich schlafe erst gegen fünf richtig ein, wie so oft. Wieder ein Tag.

 

Moritz Pohl

 

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freiTEXT | Lina Leonore Morawetz

Voralpen

Vor einigen Wochen fuhr Salma, Studentin der Zeitgeschichte, frühmorgens mit dem Zug in die österreichischen Voralpen zu den Dörfern Trattenbach, Puchberg, Otterthal.
Trattenbach, Puchberg, Otterthal, wie Wittgenstein, dachte sie.
Der Gedanke an den österreichischen Philosophen, er hatte in den Dörfern Trattenbach, Puchberg und Otterthal unterrichtet, entkam ihr im Dämmerschlaf und flatterte nun durch die Sitzreihen der alten Zuggarnitur wie ein aus der Hand gerutschtes Vorlesungsmanuskript.
Der Zug ruckelte, Salma blinzelte, ihr wurde warm. Sie öffnete ihre Kapuzenjacke, stand auf und zog das Zugfenster gegen den Widerstand der Schienen am polierten Griff fest hinunter. Für einen Moment blieb sie in der frischen Luft stehen als flöge ihr mit dem Wind auch die Zukunft entgegen.
Später warf sie einen verstohlenen Blick auf die Frau, die ihr gegenüber saß und von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet wurde. Sie schien zu schlafen, zumindest waren ihre weichen Augenlieder zusammengekniffen. Salma schätzte sie auf das Alter ihrer Mutter, aber außer dem Alter hatte sie kaum etwas mit ihrer Mutter gemein.
Die Frau trug schwere Stiefel und ihre Mundwinkel zuckten leicht nach unten, weißes Haar fiel wirr über ihre Schultern. Ihr Kopf sank langsam Richtung Zugfenster, als wollte sie mit geschlossenen Augen in die vorbeiziehenden grünen Wiesen eintauchen. An ihrem rechten Ohrläppchen blitzte zwischen den weißen Haarsträhnen ein großer glänzender eierschalenfarbener Perlenohrring, der das Neonlicht des offenen Abteils spiegelte.
Salma riss sich von dem Glänzen los und sah zur anderen Seite aus dem Fenster, wo sich im Tau des späten Sommers entlang der Gleise dunkles Waldgras neigte und in krummen Obstbäumen vor einer Handvoll weißgetünchter Bauernhöfe unzählige rote Äpfel in der Morgensonne leuchteten. Meine Mutter habe ich noch nie so angesehen, dachte Salma, ließ aber ihre Gedanken bald im Schatten der Hügel und Wälder zurück. Das Blau des Himmels sprach von Veränderung.
Während die Gegend an ihr vorbeizog wie ein langer verschlungener Satz, fiel Salma, überwältigt von der Welt und vielleicht auch vom Perlenohrring, zurück in ihren Dämmerschlaf.
Nicht nur Mütter, dachte sie nun aber doch wieder, während sie in den unsicheren Schwebezustand des Halbschlafs glitt, haben ein untrügliches Gespür für die Schlaf- und Wachzustände ihrer Töchter, auch ich spüre noch die kleinste Regung meiner Mutter bis in die innerste Faser meines Körpers, und das Schlimmste ist —
Die Frau räusperte sich. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und muss gesehen haben, wie Salma blinzelte, sich in ihrem Sitz aufrichtete und schnell auf ihr Handy schaute. Aber sie schien nicht vor zu haben, sie zu fragen, wohin sie unterwegs war, sondern blickte stattdessen hinaus auf die inzwischen zerklüftete Berglandschaft. An ihrem filigranen, mit Sommersprossen gesprenkelten Handgelenk trug die Frau eine rote Plastikarmbanduhr mit weißem Ziffernblatt und eckigen Zeigern.
Abgesehen vom Blinzeln und vom Ablesen der Uhrzeit von ihrem Handy (acht Uhr einundfünfzig) hatte Salma nichts zu tun und sank wieder in ihren Sitz zurück. Als sie kurz darauf die Sommersprossen der Frau und dann die rote Armbanduhr bemerkte, stellte sie verblüfft fest, dass die Uhr ihrer Nachbarin fünf Minuten nach neun Uhr anzeigte. Plötzlich war Salma hellwach.
Die Uhr der Frau ging fast genau zehn Minuten vor.
Eindeutig zu viel, um einfach nur ein bisschen falsch zu gehen, fand sie.
Neugierig folgte sie dem Blick der Frau, die mit glänzenden braunen Augen durch die Spiegelung des Fensters nach draußen starrte und gebannt auf die rundlichen grünen Gipfel und langen Täler schaute.
Weit in der Ferne schwebte im blauen Himmel über einem bewaldeten Bergrücken eine kleine wattige Wolke.
Wie das Leben eines Menschen löste sich die Wolke nach einer kurzen Weile zuerst in weiße Büschel und dann in Luft auf.
Der Waggon ruckelte, die Frau wurde von einer Überleitstelle jäh aus ihren Gedanken gerissen. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und musterte dann interessiert Salmas abgetretene Bergstiefel, die an der Sitzbank direkt vor ihr standen, und räusperte sich ein weiteres Mal ziemlich laut. Salma hatte sich eben hinuntergebeugt, um ihre Schuhbänder zusammenzubinden. Ihr streng gescheiteltes langes braunes Haar fiel leicht nach vorne und verdeckte ein wenig ihr Gesicht.
Als sie sich wieder aufrichtete, tauschten die Frauen einen Blick aus, ein graues Tier, das für einen Moment zwischen ihnen hin und her lief, bis es sich schließlich schwerfällig auf den scheinbar soliden Zugboden fallen ließ.

 

Lina Leonore Morawetz

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freiTEXT | Sarah Veronika Niklowitz

Nachtruhe!

Der Sonntag hängt noch in den Knochen, ist es wirklich schon Montagabend? Augenblicke zuvor lief der Abspann des Tatorts, wieder nicht richtig hingesehen, das Warten auf diese eine Nachricht geht schließlich schneller, wenn man immer wieder die zuletzt gewechselten Worte liest, analysiert, liest, den Fehler in den eigenen Worten sucht, im Hintergrund ermitteln Boerne und Thiel. Sicher macht ihnen meine Unaufmerksamkeit nichts aus, doch hin und wieder spüre ich ermahnende Blicke, die sich über den großen Bildschirm in meinen Kopf telepathieren. Sie verurteilen meinen Blick auf den kleinen Bildschirm in meiner linken Hand, ein Versuch von „Mir doch egal“, der kläglich scheitert, denn mir ist viel egal, aber nicht die Finger, die diese Nachricht tippen. Welche Nachricht?, fragt Thiel mit heiserem Lachen und für einen mikroskopisch kleinen Moment starren wir uns an. Ich kneife die Augen zusammen. Mistkerl, was fällt dir ein, dich lustig zu machen über eine Liebeskranke. Geht’s hier überhaupt schon um sowas Großes wie Liebe oder die Angst nicht herausfinden zu können, ob dieser Zustand hätte eintreten können? Wann genau wurde der gemütliche Sonntagabend mit Verbrechen und Schnittchen auf dem Sofa von diesem Trauerspiel aus Starren und Seufzen abgelöst?

Montag, es ist Montag, nein es war Montag, aber er ist ausgefallen. Diese Woche gab es keinen Montag. Was wie Musik in den Ohren der meisten Menschen klingt, die ein halbwegs geregeltes Leben führen, habe ich einfach verpasst. Schuld ist eine Sonntagnacht, die keine war. Nächte sind entweder ruhig oder berauschend, per Gesetz, doch diese war einfach nur laut und gleich in welchem Rhythmus ich sie auch abzuschütteln versuchte, sie blieben. Bilder, Stimmen, Gedanken, Szenen, von denen ich mir nicht mehr sicher bin, ob sie wirklich so geschehen oder das Produkt meiner Geisteskrankheit sind. Eine rauschende Party, Rotkäppchen-Korken knallen zu schlechter Musik, sie feiern, als gäbe es kein Morgen.

Nachtruhe!, schreie ich, es ist Nachtruhe! Ich erschrecke selbst davor, wie kleinkariert ich klinge, aber ich will doch nicht mehr als Ruhe. Stattdessen schweißgebadete Tumulte in zart geblümter Bettwäsche, nicht die von der guten Sorte. Ich gebe auf, Position Fünfundneunzigeinhalb erzielt nicht den gewünschten Effekt. Ein Seufzen, ich richte ich mich auf, schiebe den Vorhang zur Seite und wickle die Decke um die Schultern. Salz aus Schweiß und Tränen vermischt sich mit Aprilfrisch-Wäscheperlen-Duft. Nicht ein Licht im Plattenbau gegenüber. Ein Gefühl der Unmöglichkeit macht sich in mir breit, wie kann es sein, dass diese Stadt schläft? Ich möchte sie wachrütteln und weine ihr ins Ohr, du hast mich vergessen, wie kannst du einfach schlafen ohne mich! Das ist nicht real, diese Situation kann nicht echt sein. Ich träume. Es ist nur ein böser Traum, gleich mache ich die Augen auf und sehe Lichter in den Fenstern gegenüber, höre eine Autotür im Parkhaus unter meinem Fenster, gleich… tiefschwarze Stille. Das Einzige, was eingeschlafen ist, sind meine Beine, ich knie seit zwei Stunden auf dem Bett vor meinem Fenster und starre nach draußen, wo nur der Fernsehturm sein rotes Nachtlicht in die Dunkelheit sendet.
Ich werde wütend auf meinen Nachbarn, der immer, wenn ich schlafen könnte, viel zu laut ist und jetzt möchte ich ihn wecken und ihm sagen, er soll verflucht nochmal seine hässliche Musik einschalten, damit ich nicht verrückt werde. Morgenrot erwärmt meine rechte Gesichtshälfte. Licht und Schatten passieren wieder. Mülltonnen werden unsanft über den Hof gezogen, das penetrante Piepsen eines Rückwärtsgangs lässt mich erleichtert in die Kissen sinken. Endlich Ruhe.
Montagabend, Panik macht sich breit. Was erwartet mich in der Nacht nach einem Tag, der nicht stattfand? Melatonintabletten, abgelaufen, also lieber eine mehr mit zimmerwarmem Leitungswasser in den Körper schicken, mit True-Crime und buntem Flimmern für Ruhe sorgen, das Beste hoffen.

 

Sarah Veronika Niklowitz

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freiTEXT | Paul Hoban

Der Fingerhut

Ich könnte ihn abschneiden. Nutzen tut er nicht mehr. Seit dem letzten Sommer. Er sieht passabel aus, die Narben sind kaum sichtbar. Aber nutzen tut er nicht mehr. Also weg damit. Nur wie viel? Die Frage ist nicht nur ästhetischer Natur. Die Frage ist vor allem eine praktische. Wie jeder anderer meiner Finger sollte auch dieser, der rechte Ringfinger, nur einen einzigen Zweck erfüllen. Sie alle als Gefüge zu betrachten, das ist heutzutage nicht mehr haltbar, und es würde mein Dilemma auch nur unnötig verkomplizieren.
„Hallo, können Sie uns endlich helfen?“
Lass sie reden, sie verstehen nicht. Langsam. Weniger Worte, weniger Gedanken. Einer nach dem anderen. Finger, Ringfinger. Ab. Wie viel? Genau, da waren wir. Wie viel spielt keine Rolle. Taub ist jede Kuppe. Seit dem letzten Sommer. Auch jetzt wird es langsam heiß.
„Papa, mach, dass wir reinkommen, ich muss Pipi und du hast versprochen, dass wir dieses Mal“ –
Hör nicht hin, sie haben Zeit, du hast Zeit, Zeit spielt keine Rolle. Sechzig oder siebzig sind heute schon hineingestürmt, dein Tagessoll ist längst erfüllt. Also zurück. Wohin? Zurück zum Dilemma. Ab – wie viel? Man muss vieles berücksichtigen. Zwei Kuppen sind noch funktional, doch eine? Du wirst sagen: Es gibt doch noch die anderen Finger! Hörst du nicht zu? Jeder einzelne hat seine Aufgabe. Der Zeigefinger juckt den Bart. Der Mittelfinger drückt die Knöpfe. Der kleine Finger achtet auf die Windrichtung. Der Daumen –
„Sie da, wenn Sie Mittagspause haben, dann schicken Sie gefälligst jemand anderen! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, und die hinter uns mit Sicherheit genauso wenig!“
Ich betrachte den Daumen. Einen habe ich noch. Der andere wurde abgekappt. Mehr oder weniger sauber einmal durch. Das war vor drei Sommern. Letzten Sommer dann fast derselben Vorfall, diesmal nur der Ringfinger. Merkwürdig, ich weiß: der Ringfinger ist drangeblieben. Ist jetzt taub, doch hat dem Metall standgehalten. Der Daumen, viel dicker, viel stärker, war direkt ab. Ich habe ihn noch, in einer Dose mit Watte. Ich öffne die Dose nur selten, trotz aller Pflege ist der Geruch nicht der beste. Trotzdem hat auch er eine Funktion, der Daumen in der Dose, ich diskriminiere nicht zwischen Fingern an der Hand und Fingern in der Dose. Der Daumen in der Dose ist vielleicht sogar wichtiger als der an der Hand, denn –
„So, jetzt reichts.“
Ich drehe mich und schaue aus dem Fenster meines Häuschens. Ein Mann hebt ein kleines Mädchen über das Drehkreuz, wirft sie fast. Das Mädchen fängt sich, als habe sie es genauso schon tausendmal getan. Ich hebe die Fensterscheibe und betrachte den Mann vorm Drehkreuz.
„Na, und wer hebt jetzt Sie drüber?“
Er schaut mich böse an.
„Machen Sie mir jetzt die Tür auf oder nicht?“
Ich grinse.
„Wir haben bezahlt, Freundchen!“
Ich stehe auf, gehe nach draußen, öffne mit dem Schlüssel die Tür neben dem Drehkreuz und schließe sie hinter mir. In meinem Nacken spüre ich den Blick des Mädchens.
„Sie wollen also wirklich, dass ich durch das Drehding gehe, ja?“
Ich gehe zum Drehkreuz, grabe mit dem Schuh unten den Schlamm und Kies weg, der das Kreuz blockiert.
„So, jetzt können Sie gleich – nicht so schnell!“
Ich hebe den linken Zeigefinger. Der rechte wäre missverständlich, der linke gebietet dem Wüterich ausdrücklich Einhalt.
„Sie warten kurz, ich gehe zurück in mein Häuschen, dann schalte ich sie frei. Solche Hast wie Ihre hat mich schon mehr als einen Finger gekostet.“
Der Mann schaut verwirrt, ich zeige ihm den Daumenstummel an der rechten Hand. Er staunt. Ich lächle und gehe zurück ins Häuschen und schalte ihn durch. Dann drehe ich mich wieder um. Die wenigen Sekunden, bis der nächsten Parkbesucher an die Scheibe kommt, könnten reichen, um endlich zu entscheiden, was aus dem rechten Ringfinger wird, wie viele Kuppen er behält. So oder so braucht er eine neue Funktion – ziehen wird er schwerlich können, drücken gebührt dem linken Mittelfinger, jucken und pulen und die Windrichtung erspüren und den Lärm der Großstadt dirigieren, all das ist belegt. Was also bleibt übrig für die eine oder für die beiden tauben Kuppen?
„Hier, das ist für dich. Damit dir nicht langweilig wird.“
Ich drehe mich zum Fenster. Das kleine Mädchen, auf den Schultern ihres Vaters, hält mir einen kleinen, silbernen Gegenstand entgegen, auf dem sich ein paar Sonnenstrahlen sammeln. Ich hebe die Scheibe, öffne meine gute Hand und schiebe sie hindurch. Das Mädchen legt den Gegenstand hinein. Es ist ein Fingerhut. Ich grinse.
„Es gab letzten Sommer ein Mädchen, das sah fast genauso aus wie du – die hat mir auch etwas geschenkt, aber erst, nachdem sie mir etwas genommen hatte.“
Das Mädchen neigt neugierig den Kopf zur Seite.
„Willst du wissen, was sie mir genommen hat, bevor sie mir die Haarspange gegeben hat, die sie vor meinem Häuschen gefunden hatte?“
„Was ein Spinner“, meint der Vater mit Blick auf meine Glatze und wendet sich mit dem Mädchen auf den Schultern ab.
„Ich will es wissen, Papa“, schreit das Mädchen, „sonst pinkel ich dir auf den Kopf!“
Ich muss lachen und auch der Mann kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Er seufzt und kommt mit seiner Tochter zurück an die Scheibe.
„Also?“
Der Mann und das Mädchen betrachten mich erwartungsvoll. Ich will gerade sagen, was das Mädchen letzten Sommer mir genommen hat, als der Blick des Mannes auf meine schlechte Hand fällt, die mit vier Fingern. Er öffnet den Mund, das Mädchen betrachtet mich weiter erwartungsvoll. Ich halte sie noch ein paar Sekunden hin, dann grinse ich und sage:
„Das erzähle ich dir nächstes Mal. Jetzt macht ihr euch erstmal einen schönen Tag und ich suche eine Aufgabe für diesen schönen Fingerhut, in Ordnung?“
Das Mädchen zögert, dann nickt es. Ihr Vater schnaubt, dann wenden sie sich beide ab. Die nächsten Parkbesucher schauen ungeduldig. Ich werfe einen Blick auf den rechten Ringfinger, dann auf den Fingerhut. Nein, so schnell geht’s nicht. Das muss in Ruhe überdacht werden. Ich lege den Fingerhut zu meinen Zeitungen und der Dose mit dem Daumen und den anderen Dosen, dann drehe ich mich zurück zum Fenster.

 

Paul Hoban

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freiTEXT | Lilly Roß

Räume und andere Befindlichkeiten

Ich sitze mit einer großen Gruppe Menschen in einem großen Raum. Wir sitzen an einem leicht zu großen Tisch und trinken ein leicht zu großes Bier. Ich wurde von der Gastgeberin zu ihrem Geburtstag eingeladen. Eine liebe Geste, eine Nettigkeit, und sie ist auch die Einzige, die ich hier kenne. Ich schaue mich um. So viel Raum.

Wir sitzen seit zwei Minuten am Tisch, da bemerke ich, wie strategisch ungünstig mein Sitzplatz ist. Ich habe sofort bei der Begrüßung analysiert, wer heute Abend die Gespräche und damit indirekt den ganzen Abend leiten wird. Welche Personen auffallen, ohne auffallen zu wollen, welche Personen diejenigen sind, bei denen andere sagen, der ganze Raum würde sich erhellen, wenn sie hineinkommen. Diese Personen, die einfach wirklich cool und lustig sind und die ich insgeheim beneide. Diese von mir vorab identifizierten Personen sitzen mir jetzt gegenüber. Die Gespräche laufen schon, es wird gelacht, sich kennengelernt, sich verbunden. Warte, war das gerade ein erster Insider? Wow, sind die gut. Ich sitze gegenüber und lächle höflich. Mein Sitzplatz ist nah genug, um alles zu hören, doch zu weit weg, um mich zu beteiligen. Denn dazu müsste ich etwas lauter sein, reinrufen und vor allem den richtigen Zeitpunkt dafür finden. Und was würde ich dann sagen? Ich spreche oft nur, wenn ich angesprochen werde, weil sich alles andere wie Aufdrängen anfühlt. Nach fünf Minuten aber ahne ich, dass ich heute keinen einzigen Satz sagen werde, wenn ich diesem Prinzip treu bleibe. Denn hier wird nicht viel gefragt. Hier werden Worte ausgetauscht, als wären es Ping-Pong-Bälle, und wer dabei sein will, ja, was eigentlich? Der muss es eigentlich einfach nur machen. Also das Dabeisein. Eine andere Regel gibt es nicht, und ich kann es nicht fassen, dass mir schon dieses schmale Regelwerk zu anspruchsvoll ist.

Ich merke, dass ich ihn irgendwie verpasst habe, diesen Moment zum Dabeisein. Und jetzt weiß ich nicht, ob ich von Minute zu Minute mehr in die Überflüssigkeit abrutsche, oder ob ich schon mit ihr in Begleitung hergekommen bin. Wieso wurde ich eingeladen? Ich versuche, mich davon zu überzeugen, dass ich irgendeine Qualität besitzen muss, die die Gastgeberin an mich denken ließ, als sie diese Gruppe aus Menschen zusammenstellte. Also praktisch eine Daseinsberechtigung. Aber falls sie existiert, ist sie vor lauter Schüchternheit derartig weit in mir versunken, dass ich sie nicht mehr greifen kann. Immerhin scheint niemand zu bemerken, wie furchtbar ich meine sozialen Fähigkeiten gerade in Szene setze und wie sehr ich mich dafür schäme, auch an diesem Tisch zu sitzen, so als wäre ich vom Kellner einfach falsch platziert worden. Das ist das Gute an der Situation: Alle sind zu sehr miteinander beschäftigt, um mich zu sehen. Außerdem ist in diesem Raum sowieso kein Platz für Befindlichkeiten. Doch dann frage ich mich, wie groß ein Raum denn sein müsste, um auch meine Gefühle darin platzieren zu können.

Nach etwa einer Stunde, die ich in meiner Beobachterrolle verbringe und tapfer an meinem Bier nippe, wandelt sich meine Scham in Wut. Das passiert jedes Mal. Ständig ertappe ich mich dabei, wie ich antworten will, wie mir was Witziges einfällt, wie ich eine Frage stellen möchte und ich dann zu langsam bin. Ein Scheitern an Langsamkeit ist sehr frustrierend. Denn während ich noch überlege, wie ich meine Worte formulieren und aneinanderreihen will, hat schon jemand anderes geantwortet. Laut und schallend. Ich merke, dass hier kein Raum ist für leise Stimmen und schon gar nicht für Schlafmützen. Dies ist ein Raum der Schnellen und Lauten, derjenigen, die problemlos in den Abend gefunden und mich seitdem nicht einmal mehr angeschaut haben. Ich möchte gerne sagen: „Ey, könnt ihr vielleicht etwas von eurem Raum abgeben? Nur kurz? Ihr habt doch schon so viel davon, überall. Diese laute, schnelle Welt ist doch viel mehr eure als meine.“ Aber das wäre mir peinlich. Denn strenggenommen nehmen sie mir meinen Raum ja nicht weg. Es ist ja eher so, dass wir alle den gleichen Raum betreten haben. Nur dass ich wie gesagt diesen Moment am Anfang verpasst habe. Und alle anderen danach. Und so bleibt da eben oft diese kleine Wut übrig, die sich an niemanden so richtig richten lässt, aber immer für noch ein bisschen mehr Distanz statt Nähe sorgt. Oft wünsche ich mir eine metaphorische Hand, die mir gereicht wird. Jemand, der daran glaubt, dass ich was zu sagen habe, ohne dass ich es vorher beweisen muss. Der mich vor dem Ertrinken rettet, oder weniger dramatisch gesagt, der mich einfach wieder ein bisschen anbindet an das Außen. Aber gut, wir sind ja hier keine Sozialarbeiter*innen, sondern privat hier.

Ich glaube, ich fahre nach Hause. Bin die, die als Erste geht. Wenn mir das als langweilige Eigenschaft attestiert wird, würde ich manchmal gerne sagen: „Ich bin gar nicht müde! Das war gelogen. Ich bin einfach sehr überflüssig.“ Und großflächige Überflüssigkeit kann schon mal auf die Stimmung schlagen. Ich würde prinzipiell ja schon länger bleiben, aber die räumlichen Gegebenheiten sind dafür heute nicht ideal. Schwer zu erklären. Liegt mitunter an einer strategischen Fehlentscheidung direkt am Anfang des Abends.

Auf der Heimfahrt schlägt meine Emotion ein drittes Mal an diesem Abend um, diesmal in Selbsthass. „Ah, hallo“, sage ich innerlich. „Nett dich hier zu sehen.“ Ich bin nicht überrascht, denn natürlich kommt der Selbsthass oft dann um die Ecke, wenn es im Außen an Schuldigen mangelt, aber eine Situation sich eben trotzdem scheiße anfühlt. Also gebe ich vorerst mir die Schuld, um zumindest diese Frage für heute zu klären. Als ich dann im Bett liege, gucke ich mich um. Viel weniger Raum, aber endlich groß genug, um ihn einzunehmen und meine Gefühle in ihm zu platzieren. Es ist ein schöner Raum, bunt und gemütlich. Ich finde ihn sehr einladend und frage mich oft, wieso er so selten besucht wird.

 

Lilly Roß

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freiTEXT | Anush Hovhannes

„Versammelte Momente, in sich bewegt, zum Großen zum Kleinen.“
(Friederike Mayröcker)

Oh Day!

Es beginnt zum Wochenend, when wochn finds an end, wie vieler Zufälle (des Suchens) hat es bedurft, sehe ich im Garten, ganz hinten, wo ein Zipfelchen Erde liegt, einen blassen Pfau durch das hohe Gras umherirren. Es scheint, als hätte man seinem Gefieder das Leuchten nicht beigefügt. Er vermeidet jeden Augenkontakt, obwohl er von meiner Anwesenheit doch Kenntnis nimmt. Dauernd blickt er dünkelhaft umher. Angesichts meiner Rachsucht rührt mich das wehrlose Moos auf der Mauer. Ringsum verlangsamt sich alles. „Endlich ein unschöner Pfau“, denke ich.

In einem französischen Dorf, am Rand dort ein Haus, darin die Wohnung, in der Wohnung das Wohnzimmer, wo in der Ecke das Sofa, auf welchem ich herniedersinke. Manchmal möchte ich befreit sein von all der Musik, die ich gehört habe, möchte ganz getrennt sein von meinen modernen Ohren und anderswo, in einem kleinen Sitzbett des 18. Jahrhunderts womöglich, die Musik, vielleicht Bachs Cello-Suiten, unvoreingenommen, vernehmen. Diese zu hören, ohne die gegenwärtigen Klänge je gehört zu haben, ohne die Radios, in den Küchen und den Autos, gekannt zu haben. Befreit zu sein von der Last der Musik meiner Zeit, die ich schon gehört (déjà-écouté). Der Wunsch nach Unerhörtem! „Je ne l’aurais pas encore eu déjà écouté“, versuche ich in der Französischstunde zu übersetzen, die Normgrammatik übergehend. „Ich werde (der heutigen Musik) noch nicht schon zugehört haben.“ Die Lehrerin spricht von „le mot juste“ und übersetzt: „Der richtige Ausdruck.“ Was für unzeitgemäße Gedanken, denke ich. Sie gefallen mir sehr. Aber waren diese Gedanken oder Träume oder Träume von Gedanken ein Ergehen im Absonderlichen? Niemand weiß, wie das ist.

Wie dürftig die terrestrische Sphäre! Die Straße, Interieur, ist bedauerlich. Gut ist das Aufschauen in den Himmel. Verbringe die Tage eher verwüstet. Ein Buch kann ich nicht wieder auffinden. Dann wie plötzlich etwa das dringliche Emporsteigen der Frage: „Wie soll man leben?“ Die Leiter im Garten kommt auf zum Inbild des Aus-sich-Heraussteigen-Sollens der Frage, welche sich hierauf mit einer solchen Intensität erklettert, als wäre es, dass ich sie nie zuvor gefragt hätte oder als wäre sie bei ihrem bisherigen Erscheinen stets auf den Boden gefallen (wodurch?) und wäre über den errechneten Radius, in welchem ich sie vermutet und aufzusuchen versucht habe, hinausgefallen, also so, dass die Frage außerhalb (au-delà) meines Suchens zentnerschwer schweben würde oder liegen geblieben und deswegen nicht aufgegriffen, nicht ergriffen, nicht wirklich erfasst worden wäre. Im enormen Fahrtwind dieser Frage erwarte ich mit zermalmender Ruhe den heimlichen Magnetismus, der die Bücher im richtigen Augenblick kommen lässt.

Abends gehe ich in den Park und lasse mich dort mit festem Vorsatz einsperren.
Es ist ruhig. Die Vögel sitzen in den Bäumen, der Wind steht in den Winkeln. Auf dem Zittergras der Waldwiese stehen starrmäulige Steinerscheinungen und streichen auf den Jensaiten. Ein Exzess jetzt von Zartheit im Gras. Dynamis alsbald, dann sehe ich einen Kranich, der schleicht sich an, einen Hirschkäfer, der springt auf, eine Vogelkundige, die ihrerseits einen Waldkauz entdeckt, einen jungen Fuchs, der sich flachbrüstig auf dem Asphalt wärmt – später sehe ich an derselben Stelle ein schieläugiges Reh an seiner statt und seine im Boden hängen gebliebenen Fellknäuel fächeln. Im Weitergehen begegne ich wieder dem Fuchs und bemerke, wie er mich seitwärts eine gute Weile lang begleitet. Derweil Fledermäuse über meinen Kopf schwirren, springe ich über den Zaun und entlasse mich in die Stadt, wo ich dennoch nicht stehe. Ich muss gestehen, als ich vorhin schrieb, es sei ruhig, habe ich mir selbst nicht geglaubt. Die Vögel sitzen noch in den Bäumen, aber der Wind steht nicht mehr in den Winkeln.

Urfeuerartig das durchführende Signal, das sich an die Stimmlippen richtet, diese mit unaufhörlicher Beharrlichkeit verschließt, wenn der aus der Lunge gepresste Luftstrom sie wieder aufsprengt und damit der Zustand des Schwingens einsetzt. Gleichzeitig, da die oberen Schneidezähne (welche auch zum Abbeißen der Nahrung) auf die Unterlippe treffen, bevor diese sich wieder abstoßen, in entgegengesetzte Richtung streben, den Grad der Mundöffnung hinaufschnellen lassen, um in der übergangslosen Geste des neuerlichen Schließens zu verweilen, um diesen Namen zu vernehmen: „Vau“.
Poetischer Furor (Baudelaire) in der Mundhöhle (Mayröcker).

Wenn es die Zeit ist und wenn es die Zeit erlaubt und wenn man, hüben oder drüben, wie manchmal, eine Sache tut, wie wenn man durch einen Globus eine Raumdiagonale zieht und ans andere Ende der Welt gelangt; so zieht sich eine Diagonale durch einen Zeitenglobus und verbindet mich mit den Ersten. Wie wenn eine Nadel ans andere Ende der Zeit, nämlich den Beginn, sticht, spüre ich an mir das gemeinsame Sich-klar-Werden der Vorzeitleute, indem ich mir frühmorgendlich das eiskalte Wasser mit zur Schale geformten Händen ins Gesicht werfe.

In der Kajüte eines Segelbootes höre ich einen Alten im leeren Gang zu sich selbst sagen:
„Da wünscht man sich den Tod herbei und dann bleibt das Wetter aus.“ Es regnet in mein kleines Bullaugenfenster, das ich zum Atmen geöffnet habe. Welches Wetter eignet sich denn zum Sterben? Auf der Spitze einer Angelrute, die hier lehnt, hängt schief ein schwarzer Hut.

Der Taxifahrer in Marokko und seine Bekundung, 20 Jahre lang jener geradeaus führenden Straße zu folgen, um in das Dorf Agdz zu gelangen. Heute verlässt er sie und biegt entschieden ab. Später fragt er in ungesehenen Dörfern nach dem Weg und blickt in die Physiognomien der aus den Lehmhütten vorsichtig Hervortrendenden.

An der Garderobe eines Kasinos stehen zwei in der Warteschlange, ihre Mäntel im abgewinkelten Arm abgelegt, präpariert also, um sie dem überbeanspruchten und immer hektisch hin und her rennenden Garderobenpersonal über die Theke zu reichen. Da erkundigt sich die eine Person bei ihrer Begleitung, berechtigt mit der Wortfolge: „Kommen wir gerade oder gehen wir?“

Im Café sitzt mir jemand gegenüber, der die Gebirgszüge der Stimme des verstorbenen
H.R. Giger offenbar übernommen hat. Mein Eindruck, mein ungläubig erstaunter, erstarkt mit jedem Wort, das er spricht. Bis zuletzt, da er ganz plötzlich wie hinfortgebeamt ist.
Dasselbe geschieht mir anderntags mit Amy Winehouse und Friederike Mayröcker.

Eine Gesunde bin ich, die mit sich die Krankheit ahnungslos schleppt, ein uneigennütziger Bote der Kompostierung, die ich nicht weiß, dass ich den Verfall dessen zu melden gekommen sein werde, was ich, in meinen Zeichnungen, bis dass ich vergreist sein werde, liebevoll kritzele.

Viele Zufälle hat es nötig, viele überraschende Koinzidenzen (des Schauens) bis ich das Bild finde, das meinem Verlangen entspricht. Ob der Zufall produziert oder ich ihn produziere? Jedenfalls ist es, das Zufallsall, imstande, Monster hervorzubringen.

Dunkel war der Tag, fast wie die Nacht (Marianne Fritz), dort der Traum, der in den Leibern der Schlafenden wächst (Inger Christensen), wo die Schiffe vorüberziehen und sich weder grüßen noch kennen (Fernando Pessoa).

Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen in ein Geschäft hinein, beugt sich über das Gesicht des Kindes und fragt: „Willst du aus dem Wagen aussteigen?“ Es antwortet: „Aus dem Leben.“

Eine Freundin blickt mich voller Sorge an und fragt mich, während sie mit einem Holzlöffel in der Suppe rührt: „Was macht man mit so einem Leben denn, das ist ja traurig.“

Ich lese von einer grönländischen Fischerin, die auf die Frage, wie sie bei -30 Grad Celsius überleben könne, antwortet: „Die Sonne ist wie ein Gott für mich, sie wärmt mir das Herz.“

Die Mundwinkel jemandes Zahnlosen, mit eingerissenen Lippen brüllend, händehebend, nein, händewerfend, als wäre alles eine Mahnung, gegen eine Häuserfassade: „Bravo! Bravo!“

Nach minutenlangem Schweigen, auf das man sich geeinigt hat, wirft ein Mädchen den Satz auf den Esstisch: „Das Bild hängt schief. Ich werde verrückt.“

Ein Kind steht an der Ampel einer Hauptstraße und murmelt: „Die wollen, glaub ich, dass die Kinder sterben.“

Der Kranich fliegt und lässt sich auf seinem Rastplatz nieder. Der braune Kranich fliegt nicht wieder.

Der Tag entlässt betörende Klänge aus opaken Quellen – welch herzzerreißende Spracharbeit!

Ein Betrunkener befragt sein Handy: „Versöhnlich oder persönlich?“

Augen habe ich, Ohren, Nase, Zunge, Fingerkuppen, alles umsonst?

Eine Flughafendurchsage befiehlt: „Keep your comfort in mind.“

Hinter mir eine Person, die im Rhythmus schnäuzt.

Im Zoo: Stumm verstauben die Büffel.

Zierliche Warze auf dem Handgelenk.

Einem Mann fällt das Baby herunter.

Fliege im Pernotglas.

Oh Happy Day!

 

Anush Hovhannes

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freiTEXT | Philipp-Henrik Jahn

Desperado

Unten tanzte Ribeiros Tochter. Ein wundersames Wesen mit perfekten Kurven und weißen Zähnen. Ich hasste sie. Sie umgarnte diesen Portugiesen und sie betranken sich gemeinsam an der Hitze, denn der versprochene Regen war ausgeblieben. Ich hasste sie und den alten Ribeiro hasste ich ganz besonders.
Ich saß auf dem einzigen Stuhl in meinem Apartment in der Rue Poço dos Negros, mitten in Lissabon. Zwei der Stuhlbeine ragten auf den französischen Balkon, die anderen steckten auf den Holzdielen im Zimmer fest, weil der Platz dafür nicht ausreichte. Der Deckenventilator brummte und ich sah den Einheimischen zu, wie sie sich in schattigen Gassen und unter großen Sonnenschirmen tummelten, kühle Biere tranken, und Café Cheirinho bestellten, mit einem Schuss Bagaço oder Brandy. Ich war pleite. Im Kühlschrank war ein Rest Bier, den ich für den Abend aufbewahren wollte. In einem Brief an meinen Bruder bat ich ihn um Geld. Wenigstens für einen Drink, vielleicht ein neues Farbband, doch dazu müsste er die Zeilen entziffern, denn die IBM drückte nur noch unleserlich die Buchstaben auf das Papier und ich musste sie mit einem blauen Kugelschreiber nachspuren. Die letzte Briefmarke klebte sorgfältig auf dem Umschlag. Es war mir nicht wohl dabei, ihn anzupumpen. Zu oft hatte ich früher geliehen und nie zurückgegeben. Aber wenn ich ein berühmter Schriftsteller sein wollte, brauchte ich eine funktionstüchtige Schreibmaschine. Bleistifte und Kugelschreiber gaben einem nicht das richtige Gefühl. Da fehlte das rhythmische Klicken, wie das Nachladen eines Unterhebelrepetierer aus einem alten Western, und ständig bekam man Schreibblockaden. Ich betete täglich, dass die Mystiker und Statistiker Recht behielten und die Küstengegenden von den Ozeanen verschlungen würden. Doch Apartment 153E und die Bar im Untergeschoss kämen auf seltsame Weise ungeschoren davon, bis ich meine Rechnungen beglichen hatte. Also wartete ich auf einen guten Augenblick. Auf eine große Wolke, die sich vor die Sonne schob und den Himmel verdunkelte, bevor ich zum Briefkasten aufbrach. Sie kam nicht. Stattdessen schien sie ununterbrochen und untermauerte die Aussichtslosigkeit, in der wir uns alle befanden. Esperança, sagten sie dazu.

Ich fand einige Zigarettenstummel im Aschenbecher und rauchte sie. Es war sehr mühselig. Immer wieder brannte eine Ecke zu weit ab, oder die Krümel fielen samt Asche heraus. Ich sehnte mich nach einer Packung vom Kiosk an der Ecke und einem ordentlichen Steak mit Rotweinsauce. Hier gab es bloß Nudeln mit Tomatensauce aus der Dose. Und wenn das Geld reichte, erstand ich etwas Käse bei Rui, raspelte ihn durch die alte Käsereibe und streute die Fitzel über die rote Pampe. Wenn es besonders schlecht lief, aß ich diese kleinen Sardinen aus der Dose. Sardinhas inteira em tomate. Ab und an erwischte man eine, an der der Kopf noch halb dran hing, und diese Glubschaugen starrten einen an. Es kostete eine Menge Überwindung ihn zu essen oder abzutrennen. Meistens rührte ich auch die restlichen Sardinen nicht mehr an. Der Gedanke an eine weitere Portion ließ mich fickrig werden.
Ich ging zum Kühlschrank. Stürzte das Bier runter. Es stärkte mich. Mein Körper und mein Geist wurden kühl. Ich schlüpfte in ein paar zerfledderte Bluejeans, setzte meinen Strohhut auf und rannte die Treppenstufen hinunter. Unten fand ich mich in der prallen Sonne wieder. Ein Schwall heißer Luft prallte von mir ab. Selbst die Kakerlaken, die um diese Jahreszeit üblich auf den Straßen herumlungern und nach heruntergefallenen Resten Ausschau hielten, versteckten sich unter den Gullideckeln und harrten auf die Nacht. Bis zum Briefkasten musste man eine gute Strecke bergauf. Müde Gesichter schleppten sich vor mir her. Vorbei an den an mit Azulejos verzierten Häusern. Blaue Linien, die sich an die weißen Fassaden schmiegten. Das Weiß reflektierte das Sonnenlicht und ließ die Stadt noch heller wirken als sonst. Alles war unerträglich heiß. Aber ich war Arthur Band, ein großer Hungerkünstler. Ich war stark und kalt und die Sonne konnte mir nichts anrichten. Wie eine Pfeilspitze segelte ich durch die Menschenmengen, angetrieben von tiefen Atemzügen, bis ich den Briefkasten erreichte. Die Dame vom CTT hatte gerade den roten Kasten geleert und war dabei, die Briefe in den Wagen zu sortieren. In große, rote Stapelboxen. Es müssen hunderte oder tausende Briefe dort auf der Ladefläche gewesen sein.
„Können Sie den mitnehmen?“, fragte ich.
Sie zeigte auf den Briefkasten. „Einwerfen. Wir holen morgen wieder.“
„Es ist dringend. Ein dringender Brief.“
„Morgen.“
„Er muss wirklich heute noch abgeschickt werden. Nach Deutschland.“
Sie nahm den Brief und sah ihn sich an.
„Deutschland? Alemanha? Nicht genug Porto“, sagte sie und gab ihn mir wieder. „Musst du auf dem Postamt zusätzliche Marken kaufen. Ausland teurer.“

O, wie ich sie hasste, allesamt. Das portugiesische Säufer-Pack, das Wetter, die Sonne, die Postbotin und den CTT. Herrn Ribeiro und seine Tochter, Sarai. Meine Sarai Ribeiro, meine. Eine Frevlerin vor dem Herrn! Ganz bestimmt ging sie gerade mit Paco auf Tuchfühlung. Paco, ein großgewachsener, von der Sonne braungebrannter Fischer, der nur darauf aus war, sie zu entjungfern. Herr, Gott! Richte uns hier und jetzt.
Schlapp und meiner eigenen Sünden schuldig, schlurfte ich die Straße hinunter, kickte Kieselsteine vor mich her. Es ging bergab. Ja, das ging es. Da gab es nichts, was Hoffnung in sich trug. Nirgendwo war man sicher. Nirgendwo blieb man verschont vom steinernen Blick der Medusa. Dort unten wartete er, der Abgrund, der Tartarus. Bewacht von den drei Hekatoncheiren, mit all ihren hundert Händen und fünfzig Köpfen, und die Sabber spie aus ihren Mäulern wie die Wasserfontänen am Fonte Luminosa. Ich starrte auf den Boden, wusch den Blicken der anderen aus, sah bloß Schuhe und Beine. Einige davon sahen gut aus. Beachtliche Beine, lange Beine, zarte Beine, Füße verpackt in Stöckelschuhen, die über die Pflastersteine klackerten. Ich hasste sie. Denn ich wollte nichts anderes als etwas weiter oben unter ihre Röcke gucken. Ich war wie Paco. Nur, dass ich keinen Erfolg hatte und auf ewig Arthur Band bleiben würde. Der misslungene Romanautor. Wie es mich plagte, daran zu denken. Es brachte mich in Rage. Ein fader, bitterer Geschmack formte sich in meinem Speichel. Die quietschende Tram 28 pochte in meinen Ohren. Kam immer näher. Wurde immer lauter. So laut, dass ich mich auf das Geräusch konzentrierte und nicht merkte, dass ich vor Ribeiros Antiquitätenladen stand, wenige Meter von meinem Apartment. Blank polierte Vitrinen im Schaufenster. Meine Visage spiegelte sich darin. Ich zog eine Grimasse, dann versuchte ich es mit einem Grinsen. Mir war nicht danach. Sowieso war das alles ziemlich blöde. Ich wollte gerade gehen, da kam der Alte raus und ließ die Ladentür zu fallen. Er war betrunken, hatte einen leichten Schwank. Der Schlüsselbund landete auf dem Boden. Er beugte sich runter, hob ihn auf und steckte ihn in die Hosentasche. Ein großer Bund, voller Schlüssel, die pünktlich morgens um sieben aneinander schlugen und mich von seiner Anwesenheit wissen ließen.
„Bon dia, Band“, sagte er und zeigte auf den Brief in meiner Hand. „Na, wie läuft’s mit dem Roman? Está acabado?“
„Ach, bloß ein Brief an meinen Verleger. Der große Lohmann bittet um weitere Seiten, er kann nicht aufhören zu lesen.“
„Dann schreib mal deine Seiten, Band, fleißig, fleißig.“
Ich zuckte mit den Schultern und deutete auf den grellen Feuerball am Himmel. „O sol“, sagte ich. „Sie macht einem zu schaffen. Heute trinke ich lieber ein kühles Bier.“
Er beachtete mich nicht weiter und drehte sich weg, stapfte davon mit der Heimtücke einer streunenden Katze.

Ich verlagerte mein Gewicht in den Hauseingang. Bespitzelte die Rue Poço dos Negros und behielt ihn im Auge. Er machte an einem Café halt. Stellte sich unter einen der Sonnenschirme und zog eine Packung Bidis aus seiner Hemdtasche. Eine Bedienung brachte ihm Sagres. Er wusste genau, dass ich Farbbänder brauchte, um den Roman fertig zu schreiben. War ich doch gerade erst letzte Woche wieder bei ihm gewesen und bat ihn darum, anschreiben zu lassen. Ich hätte ihm das Doppelte gezahlt. Reich müsste ich sein, den Laden kaufen und ihn und seine Familie verjagen. Ich warf einen Blick auf die Tür. Dann wieder zu ihm. Ribeiro mit seinen Bidis, Sagres süffelnd. Sein Rücken gekrümmt vom vielen Leiter kraxeln. Was solls, dachte ich und drückte mit der Hand dagegen. Die Tür war nicht abgesperrt. Es blieb mir ja nichts übrig, als rein zu gehen, auch wenn das Schild mit der Aufschrift fechado etwas anderes deutete.
Der Duft von modrigem Leder und morschem Holz stieg mir in die Nase. Alte Uhren und der Geruch von Messing. Asynchrones Ticken. Ich ging zu den Farbbändern und betrachtete sie mir. Es waren viele verschiedene, doch ich wusste, wo er die für die IBM Selectric lagerte. Zu oft war ich hierher gekommen und hatte danach gefragt. Stolz hat er sie präsentiert und auf das Preisschild getippt. „950 Escudos“, hatte er gesagt.
Ich öffnete den Utensilienkoffer und strich mit den Fingern über die Tinte, fand eins, das meine Fingerkuppe schwarz färbte, und schob es in die Hose, ganz bis in mein Hosenbein, sodass es niemand finden konnte. Einen Desperado würden sie mich schimpfen, wenn sie es wüssten. Mutter würde den Rosenkranz beten und hoffen, dass der liebe Gott, an den sie glaubte, mich ins Fegefeuer warf, statt in die Hölle. Mein Vater würde mir mit dem Gürtel eine Tracht Prügel verpassen. Es war keine Zeit, lange über mein Verbrechen nachzudenken. Hinten klappte die Tür auf. Sarai bauschte sich vor mir auf und klimperte mit dem Schlüsselbund. „Kannst du nicht lesen?“, fragte sie. „Geschlossen!“
Ich blickte in ihre wunderschönen, haselnussbraunen Augen und drückte mich an ihr vorbei auf die Straße. „Die Tür stand offen“, log ich.

Ich eilte hoch ins Apartment und begutachtete das Band. 950 Escudos. Ein überaus hoher Wert für einen einfachen Mann. Ein großer Fang, ein Marlin. Ich sah es alles vor mir. Den Titel, den Umschlag, die Widmung.

Für Sarai Ribeiro. Danke, dass du es deinem Vater nicht erzählt hast.

Es würde Furore geben. Er würde das Buch bei ihr finden. Ein Exemplar aus dem Buchladen. Versteckt unter einem olivgrünen Kopfkissen. Ribeiro außer sich vor Wut. Ribeiro schimpfend, seine Flasche Sagres über die Straße werfend. Braune, zersprungene Glasscherben.

Ich stellte mich auf den Balkon und lächelte. Geh doch mit Paco, ich hasse dich sowieso Sarai. Dann spannte ich das Farbband in die Schreibmaschine und setzte mich. Unten warf einer seine halb abgebrannte Zigarette in den Rinnstein. Ich wartete, bis es dunkel wurde und ging hinunter.

 

Philipp-Henrik Jahn

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freiTEXT | Xaver Rohracher

Discovery Revolution

Blackout und wir stehen auf der Kippe. Die Haare hängen dir lotrecht vom Kopf. Windstill, kein Luftzug, der sie bewegen könnte.

Es sind Nächte zwischen Materialermüdung und Schlaflosigkeit, in denen heisere Träume die offenen Augen rot durchädern. Nächte in feuchten Laken, wenn die eigene Haut schon Dämmung zu viel ist, wenn selbst im Stromsparmodus alle Windungen heißlaufen und die Abwärme deines flüchtigsten Gedankens die Isolierschicht zwischen den Sinnen zum Schmelzen bringt. Raus, in Bewegung bleiben, zwischen den Häuserschluchten, am Ufer des Donaukanals, auf den Praterwiesen, unter freiem Himmel, mit den Massen an anderen, die hier keine Erfrischung suchen, aber nicht wissen wohin sonst mit ihren wundgewendeten Körpern.
Am ersten Abend verschaffen wir uns Zutritt zu den ausrangierten Schiffsschaukeln hinter dem Feuerdorf. Wir tauchen an, doch nichts geschieht. Unverrückbar ruht der Rumpf in den Fluten, die ihm aufgemalt sind, sonnengebleicht. Nicht einmal ein metallisches Seufzen sind unsere Bemühungen ihm wert. Wir können uns dieser Arche nicht sicher sein.
Das Bier, das wir trinken, ist warm und die Dinge, die wir einander gestehen, ein Flüstern. Am Ende liegen wir im steifen Gras, deine Finger berühren meinen Handrücken und ich bilde mir ein, sie seien kühl.

Vor einigen Jahren war man vom Stromausfall noch überrascht. Die Lichter gingen aus, die Fahrgeschäfte hielten an, die Bässe wurden stumm, nur das Kreischen legte kurzzeitig an Lautstärke zu. Die Feuerwehr rückte an, um die Leute zu befreien, die kopfüber in ihren Sitzen hingen. Später waren die Schlagzeilen voll und die Netzbetreiber um Beschwichtigung bemüht. Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt. Niemand verliert mehr die Nerven, nur weil er ein paar Minuten zwanzig Meter über dem Boden in einer Achterbahn festsitzt.
Nur in der Geisterbahn möchtest du jetzt nicht sein. Eine verkehrte Welt, damit könntest du leben, aber nicht mit einer finsteren.

Als du dich neben dem Tagada ins Gebüsch übergibst, halte ich dir die Haare aus dem Gesicht. Untertags ist es hier trocken und nass zugleich, wir waten durch Wogen aus Asphalt und Pfützen aus Luft. Ich erzähle dir, wie wir hier im Physikunterricht Winkelgeschwindigkeiten, Bahnradien und Zentrifugalbeschleunigungen gemessen haben. Du mir, wie die Revolution letzten Endes doch noch gelingen könne. Die Hitze zeichnet Luftschlösser in den Himmel, Glasfassaden und Metallverkleidungen blinzeln uns verschwörerisch zu. Verwelken oder Feuer fangen, sagst du, das seien die einzigen Optionen in dieser Welt.
Unser erster Kuss schmeckt nach Bosna und Magensaft.

Die Erde ist durchzogen von maroden Nervensträngen. Gebettet in brüchige Trockenheit, seit Wochen keine Kühlung, keine Linderung. Die Reizung in den unterirdischen Fasern, ein Jucken, das den Nachtwandlern in den Ohren surrt, eine Entzündung, die ihre Zunge pelzig werden lässt, eine Ermüdung, die ihnen die Nebenhöhlen verschlägt, bis ein unbedachtes Gähnen oder ein Kratzen im Augenwinkel zum Kollaps führt.

Das gewaltige Pendel sei deine Lieblingsattraktion. Sitzen würde man in einer Art Kreisel. Und nach und nach schaukle es sich auf, während man sich zeitgleich drehe. Mit jedem Durchlauf gewinne man an Tempo und an Höhe, verschiebe sich der Umkehrpunkt ein Stück nach oben, bis es weiter nicht mehr ginge. Das, sagst du, sei der Moment, auf den es ankomme. Einen Augenblick lang stehe nicht fest, ob man sich überschlage oder am selben Weg zurückschwinge. Alles sei in der Schwebe, der Erdboden sei einem fern und man selbst sich ganz leicht.
Statt zu schweben stehen wir am Kopf. Der Funkenflug der Stadtbeleuchtung erstarrt. Vom Praterstern her hupt der stockende Verkehr, und ihm nach Donnergrollen aus einiger Ferne.
Nicht lange, dann laufen die Notstromaggregate an und wir stürzen zurück zu Boden. Ich weiß nicht, ob in die eine oder andere Richtung.

 

Xaver Rohracher

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freiTEXT | Christa Blenk

Scham

„Weißt du, was IUCN ist, Tante Carlotta?“
Mit diesen Worten empfing mich mein 11 Jahre alter Neffe Philipp. Ich sollte mir die letzten Instruktionen bezüglich der Betreuung seines Hamsters abholen.
„Sag nicht immer Tante zu mir, Carlotta reicht!“
„Verschone Carlotta bitte mit deinem Vortrag und beeil dich, sie hat nicht den ganzen Tag Zeit“, ermahnte ihn seine Mutter.
Philipp musste mit seinen Eltern ein Wochenende in den Bergen verbringen und ich durfte seinen Hamster sittern. Er hasste diese Kurzurlaube, aber in seinem Alter hatte man nicht allzu viel Mitbestimmungsrecht, wenn es um Freizeitgestaltung ging.
Nicht dass ich Florian, dem Hamster, besondere Gefühle entgegen gebracht hätte, aber Philipp war mein Lieblingsneffe. Ich hätte Florian ja auch mit zu mir nehmen können, aber El Tato, mein Kater, war vehement dagegen.
„Morgens und abends je eine halbe Stunde Streicheleinheiten mindestens“, waren die Vorgaben von Philipp. Ich bin keine Frühaufsteherin und musste deshalb ein wenig schwindeln, aber Florian würde mich schon nicht verraten. Die Abende hingegen gehörten Florian. Ich fütterte ihn, streichelte ihn 30 Minuten lang und erzählte ihm meinen Büroalltag.
Wir hatten uns ein paar Monate nicht gesehen. Philipp hatte sich verändert, das merkte ich sofort. Eine Reportage im Fernsehen über aussterbende Tier hatte ihn geradezu erschüttert. Meine Schwester hatte mich schon vorgewarnt. Allerdings habe ich das nicht so ernst genommen, weil Kinder ständig für irgendetwas brennen.
Dieses Mal war es aber anders. Philipp glühte, vor Leidenschaft und vor Leid. Seit dieser Sendung durfte in seinem Elternhaus keine Fliege, kein Insekt, keine Biene, gar nichts mehr einfach nur so zerquetscht oder getötet werden. Er beobachtete mit Interesse Ameisenstraßen, freute sich über Spinnweben an der Wand und wenn ihn im Garten eine Biene umwarb, war er stolz.
Abgesehen von meinem Kater waren Florian oder die Kanarienvögel meiner Freundin die einzigen Tiere, mit denen ich in Berührung kam. Spinnen machen mir Angst, Fliegen nerven mich, Insekten stehe ich generell sehr skeptisch gegenüber und wenn eine Wespe über mein Tortenstück fliegt, werde ich hysterisch.
„IUCN, nein, tut mir leid, ist das eine neue Musikgruppe?“
„Ihr Erwachsenen seid einfach nur peinlich“, meinte Philipp und blickte mich bedauernd an.
„IUCN steht für International Union for Conservation of Natur, also eine Weltnaturschutzunion. Sie bringt einmal im Jahr eine rote Liste bedrohter Tiere, Insekten oder Fischen heraus. Aber von der Klimakrise hast du schon gehört, denn sie ist einer der Gründe, warum Tiere aussterben, aber auch unser Fleischverzehr, das Überdüngen, Abholzen und Überfischen sind schuldig. Wenn ein Meeressäugetier als Beifang im Netz eines Großfischers stirbt, dann nennt ihr das Kollateralschaden. Das Ihr sprach er mit Verachtung aus. Denk an aussterbende Dugongs oder die Tiger- oder Elefantenjagd. Aber wer braucht schon Tiger, wirst du jetzt sagen. Die sind doch gefährlich und außerdem gibt es im Zoo ja noch welche.“
Philipp hatte wirklich eine schreckliche Meinung von mir.
„Der Baltische Stör ist genauso bedroht wie der Feldhamster, von den unzähligen, gefährdeten Insekten ganz zu schweigen“, setzte er seinen heißblütigen Vortag fort.
„Und wenn dann unser Ökosystem komplett zerstört ist, werdet ihr aufwachen, aber nur weil euch der Honig auf dem Brot fehlt. Obwohl, dann erfindet ihr ja einfach ein chemisches Ersatzprodukt.“
Schon wieder war sein Ihr eine Ohrfeige an mich und die komplette Erwachsenen-Welt.
„Das wirst du sogar noch erleben, auch wenn du nur noch ein paar Jahre zu leben hast. Aber ich, ich habe ungefähr noch 70 Jahre vor mir!“
Also so alt war ich nun auch wieder nicht, fuhr es mir durch meinen hochroten Kopf.
„Was ist ein Dugong?“, fragte ich ihn, um mir irgendwie wieder Pluspunkte zu verschaffen.
„Eine herbivore Seekuh, also pflanzenfressend. Sie gehört zu den Gabelschwanzseekühen. Man findet sie an den Küsten vor Ostafrika und Australien.“
„Oh!“
Mir war diese Seekuh total unbekannt und ich hatte keine Ahnung von bedrohten Lemuren oder von seltsamen Meeresschnecken und Korallen kannte ich vor allem in Form von Schmuck. Aber nun hatte mich dieser 11-jährige Junge beschämt, in dem er mir vor Augen hielt, was für Tiere – oder waren Korallen Pflanzen? – praktisch täglich verschwinden, auf Nimmerwiedersehen. Er hat mir meinen bequemen, ruhigen und langweiligen Kokon madig gemacht, in dem ich es mir jeden Abend mit meinem schnurrenden Kater und einem Glas Rotwein vor einer dämlichen Fernsehserie gemütlich zu machen pflegte. Philipp hat mir unsere Unverantwortlichkeit, unseren Egoismus und unsere Kurzsichtigkeit um die Ohren gehauen.
Er erzählte weiter von Bienen und Honig und Spinnen und ich wagte es gar nicht auf deren Aggressivität aufmerksam zu machen oder die Bienen- oder Insektenallergiker in Schutz zu nehmen. Dies würde nur zu weiteren Vorhandlungen führen. Er wurde beinahe bedrohlich, als er von seiner Zukunft, der schwarzen Zukunft der heutigen Kinder, zu reden anfing.
In den Nachrichten hatte ich davon auch schon gehört, aber aus dem Mund dieses Kindes, klang das so viel mehr bedeutend, so vernichtend, so endgültig.
„Ich werde Biologie studieren und mich dann nur noch um den Erhalt von Tieren und Pflanzen kümmern. Weltweit gibt es ungefähr 150 000 erfasste Tierarten und circa 42 000, also fast ein Drittel, sind bedroht, werden aussterben, für immer weg! Denk mal darüber nach, Carlotta!“
Als ich nach einer Stunde die Wohnung meiner Schwester verließ, fühlte ich mich persönlich für das Aussterben der Dugongs verantwortlich. Schon auf dem Nachhauseweg kaufte ich mir direkt ein großes Glas mit Schraubverschluss, um damit die Spinnen im Haus in den Garten oder in den Wald zu transportieren. Das mit dem Glas war eine Order von Philipp. Den Staubsauger würde ich in Zukunft nur noch für den Teppich benutzen. Dass ich ihn früher auch zweckentfremdet eingesetzt habe, habe ich ihm vorsichtshalber nicht gebeichtet.

 

Christa Blenk

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freiTEXT | Thomas Glettler

Komm Igelchen, gehen wir eine rauchen

Stumpf und mit Gedanken, die aus Watte zu bestehen scheinen, trete ich auf eine kleine Lichtung, die links von Bäumen, an der Stirnseite von einem Müllhaufen und rechts von einer Art Gasrohr begrenzt ist. Das kommt grau und rund und hässlich aus dem von Dreck und Unrat gesprenkelten Waldboden, ist über und über mit Graffitis besprüht.
Irgendwo schreit eine Katze und es riecht nach Moder – Fliegen stieben von dem Müllhaufen auf, als ich näher komme; von einem kaputten Einkaufswagen, der da auf der Seite liegt; von den verrosteten Trümmern einer Waschmaschine; auch eine gelbliche Matratze liegt da, aufgerissen und zerfetzt, sodass ihr Innenleben aus Stahlfedern und grauem Schaum ekelerregend aus ihr hervorquillt. In ihrer Mitte prangt ein rostroter Fleck.
Ich versuche, mich links durch die Bäume zu schlagen, stoße jedoch bald auf eine querliegende Zypresse, die ein unbekannter Sturm gefällt haben muss; also versuche ich mein Glück hinter dem seltsamen Gas- oder Wasserrohr und finde tatsächlich einen kleinen Pfad, neben dem ein kaputter Schlafsack liegt, ein paar Einkaufstüten, Bierflaschen und darüber der beißende Geruch von Urin.
Ich folge dem Pfad – durch Disteln, Sträucher und noch mehr Unterholz; durch tote, dreckige, stinkende Pflanzen; durch Unkraut und Müll – mir graut, ich könnte kotzen.
Eine Dusche wird mich nicht kurieren – eine Tetanusimpfung schon eher. Ich erschaudere. Es ist die Art von Fleckchen Erde, die Mörder als Ablageplätze für ihre Leichen aussuchen.
„Ich geh hier morgens lang mit Saskia das ist mein Hund nicht meine Frau meine Frau heißt Rita die geht nicht gern spazieren“, sagt ein Mann mit Schnurrbart und gelb getönter Hornbrille in die Kamera – er ist sehr nervös und sichtlich nicht daran gewöhnt, nach der Schrift zu sprechen; schon gar nicht in eine Kamera. Neben ihm hechelt ein grau gewordener Dackel; der Mann zeigt ins Gebüsch.
„Da beginnt Saskia plötzlich zu bellen Saskia bellt sonst nie da wundere ich mich gleich da muss etwas nicht stimmen sag ich mir und schau nach den Büschen dort und echt wahr seh ich da eine Hand rausschauen ganz bleich war die und steif wie ein steifer Pokal.“
Die Kamera schwenkt nach besagtem Gebüsch und folgt dem Zeigefinger des Mannes mit dem Schnurrbart und der gelb getönten Hornbrille – natürlich ist da jetzt keine steife, bleiche Hand mehr zu erkennen; auch kein Pokal, sondern nur ein leeres, hässliches, stinkendes Gebüsch – doch die Kamera hält drauf, zoomt sogar noch ein wenig an das ereignislose Gebüsch heran, eine bedrohliche Fanfare setzt ein, unheilschwanger und dramatisch. – „Ich han mir gleich gedacht das muss eine Leiche sein so wie die ausgeschaut hat so tot und leblos das muss ein totes Kindchen gewesen sein.“ Plötzlich verliert das Bild an Qualität, wird das Gebüsch, das vor wenigen Wochen noch den grausigen Fund geborgen hat, blasser und verliert an Farbe – die Kamera zoomt heraus und wir erkennen: das Gebüsch flimmert jetzt nur noch über einen Bildschirm, der wiederum gefilmt wird. Die Musik schwillt weiter an. Ein Sprecher aus dem Off sagt – diesmal sehr versiert, diesmal sehr akkurat und gestochen, ganz im Gegenteil zum Mann mit Bart und gelb getönter Hornbrille, der mehr aussieht, wie sein Hund Saskia als der Hund Saskia selbst: „Der grausige Fund, den Herr K. an diesem feuchtkalten Septembermorgen gemacht hat, gibt der hiesigen Polizei nach wie vor Rätsel auf…“
Man spricht über Mord und Todschlag, über verschwundene Kinder, getötete Prostituierte, LKW-Fahrer, Raststätten, kleine Wäldchen mit verscharrten Körpern – und ich will nur noch weg von hier. Die Gebüsche ringsum starren mich an – unwillkürlich suche ich in jedem von ihnen nach einer steifen, toten Hand, die aussieht wie ein Pokal.
Schneller und schneller werden meine Schritte durch das stinkende Unterholz.
Dabei muss ich an meine Mutter denken. Sie hat solche Fernsehsendungen geliebt – Real Crime heißt das heute –, hat es geliebt, sich zu gruseln, dem Bösen so nah zu sein; und doch so sicher, so vermeintlich sicher, in der eigenen Burg… Immer samstags haben wir uns solche Sendungen zusammen angesehen, als ich klein war. Es gab Salzstangen und Cola und ich durfte etwas länger aufbleiben – eigentlich war ich viel zu klein dafür, aber mit wem hätte sie sie sonst ansehen sollen? Sie hatte ja nur mich. Und ich stand ihr bei, auch wenn das hieß, dass ich mich bis ins Mark gruselte und fürchtete, dass ich mich am liebsten nass gemacht hätte. Ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. „Komm Igelchen, gehen wir eine rauchen“, sagte sie dann, wenn einer der Fälle vorbei war und der nächste begann – meistens wieder mit einem Kerl mit Schnurrbart und getönter Hornbrille, der irgendwo im Wald, mit seinem dämlichen Hund, eine Mädchenleiche gefunden hatte… Dann wusste ich, es war auch ihr zu viel geworden und wir flüchteten vom finsteren Schlafzimmer, wo der kleine Fernseher stand, in die dunkle Küche, die zu erhellen meine Mutter ungemütlich fand, sodass ihr Gesicht nur sporadisch erschien, aber dafür wild und abenteuerlich im Aufklimmen der Zigarette, an der sie sog.
Sie fehlt mir jetzt. Sie hätte es hier genauso unheimlich und hässlich gefunden wie ich.
Ich glaube, sie hätte mich wirklich verstanden.
Schneller folge ich dem schmalen Pfad und flüchte vor dem Pissegeruch, der mich von der versauten Schlafstätte hinter dem Gasrohr zu verfolgen scheint. Tiefer und tiefer dringe ich in den kleinen Wald. Ich muss nochmal zum Auto, etwas holen.

 

Thomas Glettler

 

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