freiTEXT | Dakota Bronson

Roberta Lima

„Roberta, Roberta!“, dachte ich und klopfte eifrig an das U-Bahnfenster als ich sie Richtung Heiligenstadt sitzend im gegenüberliegenden Wagon erblickte. Es war dies in der U-Bahnstation Meidling. Die Distanz zwischen den beiden entgegengesetzten Zügen war in dieser Station die größte. Vielleicht sogar größer als im restlichen Streckenverlauf. Dazwischen eine große asphaltierte Innenfläche mit insgesamt vier Reihen an Sitzbänken mit geräumigem Abstand dazwischen. Unmöglich konnte sie da mein Klopfen hören oder meine Gedanken empfangen. War sie es überhaupt? Dieser dunkelhaarige kleine Pagenkopf auf dem aufrechten schlanken Hals zwischen den zarten geraden Schultern einer vierzigjährigen Frau, die ohne jegliche Übertreibung und erst Recht aus der Ferne, auch wenn dieses Addendum das Kompliment schwächt, wie vierzehn aussah, konnte doch nur ihr gehören!

Unsere Züge setzten sich in Bewegung und zwar gleichzeitig und in die gleiche Richtung. Entgegengesetzt war bloß ihre Sitzposition.

An den weißen Zwischenmauern im Stationsbereich, die jeweils nur kurz die Sicht versperrten, vorbei, ging es draußen weiter Richtung Heiligenstadt. Die Züge näherten sich an, das heißt der Abstand verringerte sich, nach wie vor saß sie auf gleicher Höhe und sah nach wie vor gerade aus. Endlich erblickte sie mich und winkte, während ich noch immer behämmert klopfte. Schließlich gab mir ihr gewinnendes Lächeln die nötige Selbstsicherheit und ich lächelte zurück. Nun da unsere Gesichter einander zugewandt waren, sahen wir auch in die entgegensetzte Richtung, bloß die Züge fuhren noch immer in dieselbe. Das war herrlich, denn sie hörte nicht auf zu lächeln und gelegentlich zu winken und nur sie konnte dies auf eine Art meistern, die es auch über einen größeren Zeitraum hinweg nicht lächerlich wirken ließ. Den Zeitraum einer gefühlten glückseligen Ewigkeit, in der ich wiederum verzückt dasaß wie ein Mondkalb und nicht anders konnte als dämlich zu grinsen und mir auch nichts anderes wünschte. Dann kam jedoch plötzlich der entsetzliche Gedanke, dass ihr Zug ja schließlich in einen anderen krachen müsste, der diesem entgegenkam! Ich musste sie unbedingt warnen, kam aber aus der grinsenden Lähmung nicht heraus. Sie schien nun meine Gedanken zu erraten und winkte ab statt zu. Mit einer Handbewegung die deutete, es würde schon nichts passieren. Genieße doch das Leben!

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Dakota Bronson

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freiTEXT | Felix Wünsche

Mein Gesicht

Ich meide Spiegel. Den Blick in den Spiegel. Mir ist das zu schmerzlich. Dieses Bild dort im silbern hinterlegten Glas. Normalerweise versuche ich immer schon von außen festzustellen, ob in einem Café Spiegel hängen, an der Wand, hinter dem Tresen. Spätestens beim Hineinkommen entdecke ich sie, wenn ich prüfend kurz verharre, bevor ich ganz in den Raum trete. Doch jetzt, heute ist mir einer entgangen. Er hängt an einem schmalen Wandstück, hellblau gemalt, in schwerem, hölzernem Rahmen. Groß. Belauert mich. Wühlt in mir. Sein Blick. Dieser Blick, der mich so unangenehm bedrängt, dem ich nichts mehr entgegenzusetzen habe. All diesen Blicken. Etwas stimmt nicht mit mir, mit meinem Aussehen. Nicht die Kleidung. An meiner Kleidung liegt es nicht. Das habe ich in den letzten Wochen erprobt. Mehrfach, oft, für eine Weile mit dringender Besessenheit habe ich Kleidungsstücke gewechselt, den ganzen Stil meiner Erscheinung geändert, mir ganz ungewohnte Zusammenstellungen ausprobiert, die ich Modemagazinen entnommen habe. Eine kostspielige Anstrengung. Aber nichts. Keine Veränderung. Weiter treffen mich die Blicke. Unerbittlich. Habe ich sie zuvor nicht wahrgenommen?

Etwas habe ich verloren. Etwas sehen die Menschen in mir, das Unbehagen in ihnen erweckt. Ablehnung, Widerwillen, Ekel bis hin zu Abscheu, eine stille Wut entzündet sich, manchmal beschirmt durch ihre Lider, Verachtung auch, Hass. Sogar Hass. Überall diese Gesichter. Verstohlen die meisten, kurze Blicke, fast hastig wenden sie sich ab. Manchen steht ein erstauntes Erschrecken in der Miene. Prüfend andere, lange nach Wahrheit forschend, bereit, Gutes zu entdecken, plötzlich enttäuscht, wütend, anklagend, Mühe an mich verschwendet zu haben. Unverhohlen starren mich Einzelne an, voller blödsinniger Neugier, sich ihrer Begleitung lachend zuwendend, einige zeigen mit dem Finger auf mich, hämisch verschiedentlich, voller Lust an dem, was sie als meinen Makel, unauslöschlich, unverzeihlich betrachten. Eisige Härte versteinert immer wieder Gesichtszüge, eine angestrengte Angewidertheit, nur am fast unmerklichen Zucken der Mundwinkel erkennbar, der Begegnung mit mir ausgesetzt zu werden. Am erträglichsten sind die Kinderblicke. Ernst und neugierig erlauben sie mir, mich wie ein seltenes Zootier zu fühlen. Die Kellnerin hier hat mir ausdruckslos ins Gesicht geschaut, flüchtig, mit halb niedergeschlagenen Augen, ein Ausdruck, der ein vages Echo wachgerufen hat. Ihre Haare fallen ihr weit in die Stirn. Keiner dieser Blicke. Sind sie real? Nehme nur ich sie so wahr? Kann ich mir sicher sein, dass mich alle so ansehen, wo selbst jener Spiegel im Wandblau mich beklommen werden lässt?

Etwas schaut mich aus den Gesichtern an. Richtet Gesetze auf. Schafft Recht. In dem Moment, in dem mich die Blicke treffen, verurteilt es mich. Ich gehe nur noch mit gesenktem Kopf dahin. Was hat mich hierher gestellt, in fortgesetzte Begutachtung? Ein Wall ist niedergebröckelt. Allmählich, schleichend? Habe ich es nicht gemerkt, hätte ich es verhindern können? Oder ist er niedergebrochen, plötzlich? Zwischen mir und ihnen. Diese stille Fassade, unauffällig getüncht, schmucklos, die sich einreihte in die Häuserfronten entlang einer der vielen Straßen. Mich verbarg in der Menge der anderen Gesichter. Weg jetzt. Alles liegt offen da. Jeder kann beanspruchen, alles über mich zu wissen. Puppenhauswände, das Innere dem prüfenden Blick dargeboten. Wer schauen will, schaue. Meine Seele. Liegt offen. Scheint jenen Blicken offen zu liegen. In meinem Gesicht, auf meiner Haut. Mit einem Mal möchte ich mich verbergen. Bin ein Flüchtling geworden. Fremd. Gehe gemessen. In mir der Impuls zu rennen, wegzulaufen, ein ständiger Begleiter. Ich schlage den Blick nieder. Unwillkürlich. Bald hatte ich gelernt, Blicken subtil auszuweichen. Immer mehr hat sich in mir die Überzeugung festgesetzt, die Ursache sei in mir zu finden, strahle nach außen, müsse aufgehalten werden. Ich trage einen Hut, eine Sonnenbrille mit großen Gläsern. Ziehe ihn tief in die Stirn. Dann wieder fühle ich mich getrieben, von meinem Recht getrieben - welchem? -, hinauszugehen, mich dem Gericht zu stellen, entgegenzustellen, unverhüllt, mit hoch erhobenem Kopf. Vergebung erhoffend. Gerechtigkeit fordernd. Ein blöder Trotz vielleicht. Denn gleichzeitig will ich nichts mehr als mich verkriechen. In meiner Wohnung. Fest abschließen. In dieser Wohnung ohne Fassade. Mit dem Spiegel, dem einen Spiegel, den ich nicht meiden kann. Ständig am Anfang und auch jetzt in manchen Momenten, viel seltener und unter stetig zunehmendem Unwohlsein, das sich zu einer quälenden seelischen Pein steigern kann, habe ich mich selbst dort im Silberglas examiniert. Dem einzigen Spiegel in meinen Räumen. Teil des pompösen Aufbaus einer alten Kommode, die ich, ganz dem momentanen Geschmack an alten Möbeln entsprechend, im Internet erworben habe. Mit sorgfältiger Akribie fahre ich jede Linie, Kerbe, Erhebung meines Gesichts nach. Lippen, Augenfalten, Nasenflügel, die feinen Hügel der Wangen. Wieder und wieder, weiche meinem eigenen Blick aus, während sich ein erstickendes Ekelgefühl an mich heranschleicht, von mir Besitz ergreift, mich in der Magengrube packt, schüttelt, würgt, sauer und schal. Obwohl ich nichts, wirklich nichts auffinden konnte, was mir auf irgendeine denkbare Weise nicht menschlich erschien. Eigenheiten der Gestalt, der Haut, Porung oder Färbung, Deformierungen. Keine Merkmale, die mich eindeutig von anderen abheben würden. Etwas später, wenn ich mich erholt habe, durch gleichmäßiges Atmen beruhigt, einen Tee trinke, jagen meine Gedanken wild dahin, drängt sich mir der Verdacht auf, ich könnte in einer Illusion von mir selbst befangen sein, mein Gehirn könnte mir eine Gestalt zeigen, die nicht der Wirklichkeit, der schrecklichen Wirklichkeit entspräche. Ein Wunschbild, das ich mir von mir selber mache. Leider habe ich keine vertrauten Menschen, die ich dahingehend befragen könnte. Freunde sicher, aber niemanden, den ich in die mögliche, allergrößte Verlegenheit bringen wollte, eventuell eingestehen zu müssen, dass auch sie oder er etwas an mir anstößig finde, bisher in Stillschweigen verhüllt. Etwas, das auch sie möglicherweise nicht voll in ihr Bewusstsein dringen lassen, um den Kontakt mit mir überhaupt möglich und erträglich zu machen.

Hier muss ich etwas gestehen. Vor ein paar Tagen, bei einer dieser schwierigen Selbstbeschauungen habe ich zu meinem zitternden Erschrecken eine rötlich-braune Läsion auf der linken Wange entdeckt. Sie ist klein. Unscheinbar. Und so muss sie meiner Aufmerksamkeit entschlüpft sein. Oder ist es ein Riss in meiner Illusion über mich selbst, der mich diese Stelle hat auffinden lassen? Nun treibt mich die ständige Besorgnis um, dass sie wächst, sich ausbreitet. Wie konnte ich sie übersehen? Wie lange ist sie schon da? Vielleicht ist dieses Mal die Ursache für die Aufmerksamkeit, die ich errege. Gleichzeitig bin ich sicher, dass es diesen Fleck anfangs nicht gab, er eher hervorgekommen, gewachsen ist mit der erzwungenen Entfremdung. Eine Markierung. Mir aufgedrückt. Natürlich habe ich überlegt, einen Arzt aufzusuchen. Doch hält mich zurück, dass mir so recht kein Weg einfällt, wie er Abhilfe schaffen könnte, wollte er mir nicht ein gänzlich neues Gesicht verpassen, da es mit der Entfernung der Stelle nicht getan sein würde. Dies aber etwas ist, das mir medizinisch nicht möglich erscheint und trotz all meiner Pein auch nicht wünschenswert.

Am meisten drängt es mich dazu, in Gesichter zu schauen. In so viele, wie nur möglich. Ich setze mich auf eine Bank in der Fußgängerzone, in Shopping-Malls, in Cafés, wie jetzt, mit Hut und Sonnenbrille, schaue die Gesichter an, die vorüberziehen, registriere jedes Mienenspiel, jeden Ausdruck, jedes kleine Muskelzucken. Sie gleiten vorbei. Stetig. Ein Strom. Frisch, ausgelaugt von der Zeit, jedes ein bisschen anders, alle ein wenig gleich. Vorderfronten. Schützen ihre Träger. Markieren ihre Ansprüche. Zeigen ein Bild, von dem ich nicht weiß, was es über die Räume dahinter erzählt. Alle haben es. Was ich verloren habe. So scheint es mir. Ein Gesicht. Das meine Seele trägt, verhüllt zum Ausdruck bringt. In den anderen suche ich meins. Hoffe, dass es mir jene Blicke, die es mir gleichgültig entrissen haben, genauso gleichgültig zurückgeben. Eines Tages. Wenn ich nur lange genug ausharre.

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Felix Wünsche

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freiTEXT | Peter Sipos

wenn ich verschlafe

wenn ich meine socken angezogen habe, dann laufe ich immer zum arzt, in den socken die straße hinab und stehe dann vor der praxis und klingel mindestens dreimal, schnell nacheinander, mit dem finger fest gegen die klingel gedrückt und der arzt (er arbeitet ganz alleine in der praxis) ruft aus dem fenster herab: „wieso kommen sie erst jetzt zu mir? ich habe sie schon lange erwartet?“ und ich rufe dann zum fenster hinauf (das der arzt aber gerade schon schließt): „ich habe verschlafen, tut mir leid.“

         beim eintreten zögere ich für eine sekunde, damit ich meine entscheidungen nicht übereile und laufe dann die treppen hinauf, zwei, drei stufen auf einmal, obwohl eigentlich auch ein aufzug vorhanden wäre, und oben hämmere ich gegen die tür des arztes, auf der tür steht: „dr. kewesch“ und außerdem die öffnungszeiten (rund um die uhr) und wenn der arzt dann nicht innerhalb der nächsten zwölf sekunden öffnet, dann stampfe ich mit den füßen auf den kleinen willkommensteppich vor der tür, bis der arzt endlich öffnet und ich ihn anschreien kann: „sie idiot haben mir ihre telefonnummer immer noch nicht gegeben, wie soll ich dann bescheid sagen, dass ich später komme?“ aber der arzt gibt mir seine telefonnummer trotzdem nicht, ich glaube weil er angst davor hat, dass ich ihn einmal im urlaub anrufen werde, um zu erfahren, wo ich ihn auffinden kann, für den fall, für den notfall.

         „ziehen sie bitte ihre dreckigen socken aus“, sagt der arzt, ich nenne ihn in diesem fall: „notarzt“. das macht aber nichts zur sache, weil herr dr. kewesch im selben fall zwei messer aus der schublade zückt (das eine messer für meine niere und das andere um die öffnung in meinem bauch wenigstens ein stück weit offen zu halten). „bitte“, sage ich meistens wenn es so weit kommt, „ich möchte meine socken heute ausnahmsweise einmal anbehalten dürfen.“ aber der notarzt, herr dr. kewesch, brüllt in mein ohr: „sie sind zu spät heute, ich darf jetzt alles entscheiden!“ wir lachen und schütteln unsere hände, als wären wir zwei freunde, es geht jedoch beim händeschütteln immer nur darum, dass der notarzt meinen puls messen kann (das kann er eigentlich nie so richtig, weil ich meine hand nach ein paar sekunden aus seinem griff reiße).

         ich halte für einen moment die luft an, weil es dann schon so weit gekommen ist, dass dr. kewesch mich operieren will und weil er kein einziges mal bisher schmerzmittel zur verfügung hatte, muss ich mich selbst in narkose bringen, das funktioniert nur gut, falls ich die luft lange genug anhalte, bis ich atemnot bekomme, ich frage oft nach einer plastiktüte, die ich mir über den kopf ziehen kann, aber selbst das hat herr dr. kewesch selten für mich parat. die luft geht mir schnell aus, ich blicke in den letzten sekunden vor meiner ohnmacht in eine der verschmutzten ecken, dort liegt ein sandwich von mir, das ich letzte woche nach der operation in die ecke geworfen habe, ich möchte fragen: „darf ich von diesem sandwich ein letztes mal beißen?“

doch dann ist es zu spät, weil alles wird schwarz vor meinen augen und mir wird sehr schwindelig und ich bräuchte etwas luft, nur ein bisschen luft, ein letztes mal atmen bitte, herr dr. kewesch, herr notarzt, lassen sie mich atmen, ich hasse es wenn ich nicht atmen kann und ich wache auf, als die operation schon lange vorbei ist, mindestens zwei stunden später und ich liege eine weile da und summe leise vor mich hin, wie ich es zu tun pflege, wenn ich sehr große schmerzen habe, mit halb offenem mund und der arzt setzt sich an sein cello und versucht mein summen zu begleiten, um mich zusätzlich zu versorgen, dafür muss ich normalerweise einen aufpreis bezahlen aber vielleicht gewährt er mir diesmal alles umsonst, er hat jetzt schließlich meine niere.

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Peter Sipos

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freiTEXT | Katrin Rauch

A und B und C, oder Möchten Sie an Ihrer Destination ein Hotel buchen?

Wissen Sie, verehrte Lesende, mit der Reibung ist das so eine Sache. Es kann durch Reibung zum einen ganz warm werden – heiß direkt. So heiß etwa, dass beim Eislaufen das Eis unter den Kufen schmilzt und dadurch die derartige Fortbewegung überhaupt erst ermöglicht wird. Wird’s aber zu heiß oder passiert die Reibung an unangebrachten Stellen, kann es zu garstigen Verbrennungen führen: man reibt sich auf oder gar wund. Zum Auf- bzw. Wundreiben braucht es im Übrigen nicht zwangsläufig zweierlei. Das funktioniert allein mitunter ebenso gut. Diese diversen Reibeverhältnisse werden in freier Wildbahn des Öfteren eindrücklich demonstriert und beobachtbar gemacht – wie etwa im Folgenden bei A und B und C. Sämtliche möglichen Formen der Reibung – alleine, aneinander, heiß, kalt, wund, warm, um nur einige zu nennen – wurden und werden derart lehrbuchartig praktiziert, dass A und B und C und deren jeweiliger Reibung eigentlich ein Platz in denselben gebühren würde – gäbe es solche Lehrbücher denn. Denn mit der Reibung ist das so eine Sache. Sie entsteht nun mal nicht nach Lehrbuch, sie entsteht dazwischen.

Also, es ist so: Ich reise berufsbedingt überdurchschnittlich viel. Jede Woche eine andere Stadt, ein anderer Gig. Jede Woche eine andere Destination. Dafür buche ich der Gewohnheit halber One-Way-Flüge. Einen von A nach B, einen von B nach A, einen von A nach C, einen von C nach A, und so weiter, nur in den seltensten Fällen von B nach C oder dergleichen. Und am Ende jeder dieser Buchungen werde ich von der Buchungsplattform gefragt: Möchten Sie an Ihrer Destination ein Hotel buchen? Auch bei den Buchungen nach A werde ich von der Buchungsplattform gefragt: Möchten Sie an Ihrer Destination ein Hotel buchen? Dabei ist A so oft Ausgangspunkt und Rückkehrort meiner Flugstrecken, man möchte meinen, die Algorithmen hätten bereits eins und eins zusammengezählt und konkludiert, dass A wohl mein Wohnort sein muss. Aber ich werde am Ende jeder einzelnen dieser Buchungen von der Buchungsplattform gefragt: Möchten Sie an Ihrer Destination ein Hotel buchen? Wofür?

Ich finde, wir sollten wieder einmal Sex haben. Wir könnten uns wieder einmal treffen und uns betrinken, dann läuft es ohnehin darauf hinaus. Wir würden einen Wein trinken, oder mehrere, bei dir im Wohnzimmer oder in einer Bar – ganz egal, es würde dann damit enden, dass wir uns angreifen und uns gegenseitig ausziehen – dafür reicht die Leidenschaft, fürs sich gegenseitig Ausziehen – und dann würden wir wieder einmal Sex haben. Betrunken. So lange, bis wir nicht mehr betrunken sind. Dann ein bisschen Dösen und Reden und Dösen und Reden und nochmal Angreifen und dann würde ich nicht dableiben, weil ich ja wie immer schon was vorhabe.

Es wird mir also vorgeschlagen, nur temporär hier zu wohnen, wieder abzuhauen. Es wird mir vorgeschlagen, ein temporäres Bett zu kaufen, kein eigenes zu haben. Es wird mir vorgeschlagen, mir ein Bett mit den Gästen zu teilen, die vor mir in diesem Bett geschlafen haben und nach mir in diesem Bett schlafen werden, und dazwischen die Bettwäsche nicht selbst zu waschen. Es wird mir vorgeschlagen, keine eigene Küche zu haben. Ich soll mich in der Früh, zu Mittag und/oder abends bekochen lassen. Es wird mir vorgeschlagen, bald wieder abzuhauen, denn das wird doch von einem verlangt, wenn man im Hotel schläft.

Reibung wird gelegentlich als Friktion bezeichnet und beides weist doch unabdinglich onomatopoetische Qualitäten auf. Passend, wenn man bedenkt, dass Reibung oder Friktion etwas ist, das zuweilen durchaus hörbar ist.

Die Nachbarn über deiner Wohnung haben deiner guten Freundin, die noch eine Wohnung darüber wohnt, mal gesagt, dass da wohl jemand neuerdings regelmäßig recht „ausführlich“ miteinander schlafen muss. Sie hatten laut deiner guten Freundin tatsächlich „ausführlich“ gesagt, weißt du noch? Was haben wir uns tot gelacht und dabei nickend zugeben müssen: Mit welchen Worten man unsere Male auch beschreiben wollen würde, „ausführlich“ wäre das passendste unter ihnen. Und hinter dem Gelächter hatte unser Inneres mitgenickt und zugegeben: Das ist auch schon das Einzige, das an uns „ausführlich“ ist.

Warum sollte ich mir ein Hotel in einer Stadt nehmen wollen, in die ich immer wieder zurückkehre? Also ein- bis zweiwöchentlich. Also andauernd. Als wäre das nicht Grund genug, mir eine bleibendere Bleibe zu suchen als ein Hotel. Aber was soll’s – dann wird mir eben vorgeschlagen, dort ein Hotel zu nehmen, wo ich eigentlich eh wohne. Dann wird mir eben vorgeschlagen, nicht meinen eigenen Kaffee zum Frühstück zu trinken. Nicht mein Kaffee. Ich muss mich ja nicht darauf einlassen und kann die Meldung genauso einfach übersehen, wie ich auch die anderen Meldungen übersehe: Mietauto, Zusatzgepäck, Reiseversicherung.

Ich finde, wir könnten jetzt langsam wieder einmal Sex haben. So ohne Netz und doppelten Boden. Ohne Poolnudel und Schwimmflügerl – wofür denn? Wir wären locker und ungezwungen und würden uns angreifen und ich könnte es mittlerweile sogar greifen, denn inzwischen hätten wir uns ja schon öfter angegriffen und irgendwann gewöhnt man sich. Außerdem wäre in der Zwischenzeit viel passiert. Vielleicht haben wir da ja gelernt, keinen Rettungsring zu brauchen, und ich, dass du doch keine Gewohnheit bist.

Interessant zu beobachten sind auch die Reibungsunterschiede, je nachdem in welche Richtung gerieben wird. Hinwärts verhält es sich ähnlich, wie bei einer Wasserrutsche, wobei am Ende das erfrischende Schwimmbecken wartet. Dazwischen ist vor allem in den Kurven verhältnismäßig viel Herzklopfen zu erwarten. Rückwärts: mehr so flauschige und feste Seite des Klettverschlusses.

Es ergibt eigentlich von der Logik her überhaupt keinen Sinn, aber ich finde die Anreisen immer anstrengender als die Rückreisen. Ich bin bei der Ankunft im Hotel in B und C und dergleichen immer fertiger, als bei der Rückkehr in meine Wohnung in A.

Nur blöd, dass die Schwimmbeckenreibung die Klettverschlussreibung überhaupt erst verursacht.

Von der Logik her müsste doch die Anreise vor lauter Vorfreude und so weiter viel weniger zermürbend sein. Vielleicht liegt’s daran, dass ich beruflich und zu viel reise.

Manchmal erzähle ich lieber, wir hätten uns auf Tinder kennen gelernt, denn die Eislaufgeschichte glaubt uns eh kein Mensch. Du rutschst aus, fällst in mich hinein, ich falle und schlage mir am Eis einen Zahn aus. What are the odds? Manchmal denke ich: Heute würdest du nicht mal mehr in Tanzschuhen auf dem Eis ausrutschen, um nicht in mich hineinzufallen.

Vielleicht liegt’s dran, dass ich im Hotel in B und C und dergleichen nicht erst herausfinden muss, wie die Dusche funktioniert, und dass [zuhause] (Anm.: nachträglich eingefügt) die Bettdecke vertraut riecht.

Das vorletzte Mal, dass wir miteinander geschlafen haben, hätte ich sogar noch ein bisschen bleiben können, aber du hattest schon was vor.

Das letzte Mal hab ich dich auf Tinder gesehen.

Vielleicht liegt’s auch daran, dass bei der Anreise gefühlt mehr schiefgeht als bei der Rückreise. Aber das kann auch Einbildung sein.

Vielleicht liegt das daran, dass du immer so selten zu mir und ich immer so oft zu dir gefahren bin. Vielleicht liegt’s auch daran, dass ich dann wieder nicht dageblieben bin, weil ich – ja, warum eigentlich?

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Katrin Rauch

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freiTEXT | Nele Ziemer

binnen

Ich hänge im Bad das Handtuch über die Heizung und sie schneidet mir den Finger, teilt mich in zwei, ich hinterlasse Tropfen, rutsche in mein Kleid, Marie will mich an der Theke, jetzt gleich.

[…]

Marie will mit mir über Männer, das heißt: über issues reden, sie fährt mit ihrer Hand: sie rückt ihren BH-Träger zurecht, das heißt: etwas weiter in meine Richtung. »Wir folgen doch alle nur unseren Trieben«, sagt Marie, »wollen Jäger«, sie wolle endlich mal wieder gerissen, »sind Gejagte«, und ich denke an meine, denke an deine SPUREN, Marie greift an ihr Glas, Marie macht Einkerbungen, die Griffe des Barkeepers: TRAMPELPFADE, sie hinterlassen schwitzige Abdrücke und mir wird schlecht.

[…]

Ich denke an das SCHNEETREIBEN, an dein Schultergelenk, denke an den Eingriff um drei in der Früh, denke an: den langsamsten Moment.

[…]

Marie denkt mit mir an seinen Schwanz, »einfach wirklich gut war das«, sagt sie, lässt mir, lässt sich nachschütten, fragt: »An wen denkst du?«, fragt: »Hat er auch einen guten?«, aber Marie weiß nicht, wie es um mich steht, fragt den Barkeeper: »Trinkst du auch einen mit?«, Marie hat keinen Schimmer von dem Problem jedenfalls und ich sage ihr, dass du gute Finger, beschreibe ihr deine Fingermaße und Marie lacht über mein Längen-, lacht über mein Zahlenverständnis, lacht über mein leicht flaues Verdrehen, Marie lacht den Barkeeper und seine Handgriffe, sie fährt sich über das Schlüsselbein, geht sich an den Hals, Marie hängt sich an der Kinnlade und ich: unterdrücke den Brechreiz.

[…]

Man spricht da von Geocaching: im GRENZBEREICH.

[…]

Maries Träger hängen an den Oberarmen, der Barkeeper schickt sein Blut an alle LÄNGEN- und BREITENGRADE, Maries Beine liegen frei, Marie eröffnet SPIELWIESEN und ich suche nach FLUCHTWEGEN, ich sollte mich den Druckstellen entziehen, vor uns stehen 3x Baileys und Marie setzt an.

Da ist ein Tropfen in ihrem Mundwinkel, wenn man Marie etwas sagt, dann bedeutet das: Marie klappt sich auf, sie zieht sich auseinander, dann denke ich daran, wie es mir den Hüftknochen zerrissen, wie da noch immer eine DRAINAGE, noch immer der Muskelkater, dass da noch immer die Taubheit auf dem Schienbein.

[…]

Wir betrieben: FELDFORSCHUNG, du: hast umgepflügt (unter anderem), an der Theke gilt: ein Schluck mehr ist gleich ein Schritt weiter, ein Schluck mehr ist gleich die Frage nach dem Richtungsfaktor, aber auch Marie und der Barkeeper haben nicht über die Spielregeln und niemand hier weiß also, jeder hier weiß: es wälzen sich nur mehr alle Instinkte im Licht der Likörvitrinen.

[…]

Am Nachbartisch reden sie über rechte Winkel, ich kann Marie schon auf ihm sitzen sehen, ich befürchte: WINKELGESCHICHTEN und weitere strategische Unfälle, beim nächsten Mal sollte ich die Nullpunkte abgleichen, ich hätte um drei in der Früh, hätte im Schneetreiben nach Ersatzteilen, nach KOORDINATEN fragen sollen.

[…]

Der Barkeeper streift umher, ein Schluck mehr ist gleich und er macht sich groß, er hebt das Bein, der Barkeeper pisst Marie an den Stuhl, die Bar als sein Binnenmeer, er und seine Karte, ungeklärt, ob hier an einem Sammelband gearbeitet, ob wir uns schon im Index befinden.

Weiter: Der langsamste Moment war unter zwei Sekunden lang.

[…]

Marie nimmt Anlauf, das ist gleich ein Schritt weiter und ich stoße auf und mit dem Ellenbogen gegen die Gläser, mich beschleicht: dass der Barkeeper sich bereits in sie, er will ihr an den Null-, will sie an den höchsten Punkt, sie triefen bereits und er lässt alles überlaufen, lässt sie beinahe draufgehen, ich weiß: Frost kann Ursache sein, ich zähle: drei, sie erleiden Rohrbruch, zähle: zwei, ob man sich aus diesem Manöver noch hinaus, ich bin bei: eins und dann muss ich kotzen.

[…]

Man könnte sagen: dass Gelenke als SOLLBRUCH.

[…]

Zwölf Stunden später sagt Marie: »Du warst ganz schön drüber«, sagt: »Er hat dann gewischt für dich«, und Marie lacht, also lache ich mit, das dauert unter zwei Sekunden, »sein Schwanz«, muss Marie doch sagen, »über vierzehn Zentimeter«, sollte sie doch eigentlich, aber sie sagt nichts und dann sage ich: »Die Heizung steht noch auf drei«, die Tropfen immer noch nur von mir und ich frage: nach meinem Kleid, erkläre: dass der einzige sich außerhalb der Erde befindende aktive Geocache auf der ISS versteckt ist.

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Nele Ziemer

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freiTEXT | Frederike Schäfer

Eine Babykatze

Meine Freundin Sophie sitzt neben mir. Ihre Hände beschreiben Kreise. Wieder und wieder fahren sie durch die Luft, sind aufgeregt, wollen sich mitteilen. Waschbärhände, denke ich. Mit kleinen, spitzen, diebischen Fingern, die sich jetzt in meinen Unterarm krallen. Schwitzig sind sie. Und feucht und kalt. Ich sehe mir diese Finger an und denke, wie gut sie zu ihr passen, zu meiner Freundin Sophie. Meine Freundin Sophie, sie hat gesagt, sie muss mir etwas erzählen, sie hat gesagt, es ist dringend. Und wie gesagt, jetzt sitzt sie neben mir. Und sie sagt, ja, sagt sie, dann ist sie zu ihm gegangen. „Zu ihm?“, frage ich. „Ja, zu ihm“, sagt sie, und ihre Augen blicken mich an, und um ihren Mund zuckt ein Lächeln, ein kleines, diebisches Lächeln. „Aber du kanntest ihn doch nicht“, sage ich. „Ja“, sagt Sophie, „aber die Katze.“

„Die Babykatze“, sagt sie. „Rabans Babykatze.“ Sie lacht und fährt mit ihren Waschbärhänden über meinen Arm. Rauf und runter.

Ja, die Babykatze. Damit hat sie eben begonnen. Bei der Babykatze, die sie, meine Freundin Sophie, ja unbedingt sehen müsse, habe Raban gesagt. Bei der Babykatze, die ja auch erst drei Monate alt sei, die müsse sie sehen. Und Sophie sagte, dann sei sie eben mitgegangen, bis zu seiner Wohnung sei das auch gar nicht so weit gewesen, sie seien einfach zu Fuß gegangen, ihren Regenschirm habe sie auch nicht gebraucht, nein, geregnet habe es nicht. Sie sei also zu Raban gegangen, hoch, in den dritten Stock, hübsche Wohnung, und da waren Jacken und Schuhe und eine Handtasche, und Raban habe nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, die sei von seiner Ex-Freundin, dass die hier noch wohnen würde, bis sie beide eine Lösung fänden, aber so schlimm sei das gar nicht, eigentlich sei die noch eine ziemlich gute Freundin, und das hier, habe er dann mit einer Geste nach rechts gesagt, das sei also sein Zimmer, und sie könne es sich ruhig gemütlich machen, und ob sie ein Problem hätte, wenn er sich kurz umzöge, und wo denn die Katze sei. Sophie habe sich also auf den Gymnastikball gesetzt und sich umgesehen, und Raban, der habe sich ausgezogen, bis auf seine Calvin-Klein-Shorts. Da habe sie sich plötzlich ganz angespannt gefühlt, irgendwie unter Strom, und sie habe dann da auf ihrem Ball gesessen und ihn beobachtet und sich gedacht, das macht er extra, sich da einfach so ausziehen, und sie habe erst auch gar nicht gemerkt, wie sie auf seine Shorts gestarrt habe, irgendwann dann doch, und sehr lange sei das so gegangen, wie er da so in Shorts in seinem Zimmer stünde und sie am starren. Und starren. Es prickelt.

Ja, und dann habe er sich wieder angezogen, sei in Jogginghose und frischem T-Shirt aus dem Zimmer raus und habe angefangen, die Katze zu suchen. Und sie habe gedacht, vielleicht gäbe es ja gar keine Katze, aber da sei Raban auch schon wiedergekommen mit einer kleinen pechschwarzen Katze auf dem Arm mit weißen Pfoten. Und Raban habe sich auf das Bett gesetzt und sie dann daneben und dann beide die Babykatze am streicheln. Ziemlich lange sei das gegangen, und es sei immer später geworden und Sophie immer müder. Sie glaube, sie sei dann auch kurz eingeschlafen, jedenfalls sei Raban plötzlich weg gewesen, die Babykatze auch. Und sie habe Stimmen aus dem Flur gehört, da sei eine Frau gewesen, und die habe gesagt, dass Raban ein Idiot sei, dass sie es nicht fassen könne, was er hier veranstalte, ob er sich nicht schäme, aber Raban habe nur gesagt, sie sei selbst schuld, sie habe die Nacht schließlich unterwegs sein wollen, und überhaupt habe sie doch mit ihm Schluss gemacht, es sei nicht sein Problem, wenn sie nicht mit der Situation zurechtkäme, sie könne ja gehen. Aber die Katze, habe sie gesagt. Ja, die Katze. Sophie habe sich dann wieder auf den Gymnastikball gesetzt, und Raban sei zurück in das Zimmer gekommen, ohne Katze, und da habe Sophie dann entschieden, sie wolle jetzt gehen, auch als Raban sie gebeten habe, noch etwas zu bleiben, sie könne auch hier übernachten, er würde auch noch einmal nach der Katze sehen, aber, nein, habe Sophie gesagt, netter Abend, danke, und überhaupt, die Katze, aber nein, sie müsse jetzt wirklich gehen, und erst, als sie schon draußen war, sei ihr aufgefallen, dass sie ja den Regenschirm habe liegenlassen. Und sie habe noch überlegt, ob sie nicht doch zurückgehen solle, den Schirm holen, aber sie sei dann einfach nach Hause gegangen, es habe schließlich nicht geregnet. Aber jetzt sei ihr Lieblingsregenschirm weg, zu Raban, zu dem könne sie nicht gehen, den wolle sie nicht noch einmal sehen, und überhaupt, die Babykatze. Und Sophie sieht mich jetzt wieder an, sieht mich mit ihren kleinen, runden Murmelaugen an und sagt: „Mir ist richtig schlecht, wenn ich an ihn denke. Ich habe manchmal das Gefühl, ich muss kotzen.“

Und ich sage „Babykatzenraban“, wir sagen jetzt überhaupt nur noch „Babykatzenraban“, und ich denke, es fällt leichter, die Dinge zu verzerren.

Sophies Finger krallen sich wieder in meinen Unterarm, und sie sagt: „Aber darum ging es nicht.“ „Nicht?“, frage ich. „Nein“, sagt sie.

Und da ist wieder so ein Funkeln. Sie sieht mich an, rückt ein Stück näher, mit diesem Funkeln in den Augen und einem Zucken um ihre Mundwinkel. Und ich kann nicht sagen, ob da Freude oder Tränen hinter diesem Vorhang aus Gesicht warten, hinter diesem Gesicht mit den Murmelaugen. Sophie rückt noch weiter an mich heran, legt sich meinen Arm über ihre Schulter und schmiegt sich an meine Achselhöhle. „Manchmal“, sagt sie, „manchmal stelle ich mir vor, mein Leben wäre ein Film und ich die Hauptdarstellerin mittendrin. Das ist, als wäre ich gar nicht ich, als würde ich durch eine Kamera mich, die ich ja in dem Moment nicht bin, beobachten.“

Sie verstummt.

Ich sage nichts.

Ich spüre das Gewicht ihres Kopfes, ihre Haare kitzeln mich am Arm. Es ist warm. Es ist schwitzig.

„Mir ist so langweilig.“

Und Sophie erzählt. Sie erzählt. Babykatzenraban, die Wohnung, die Katze, das Bett. Wie sie eingeschlafen, wieder aufgewacht sei. Und Raban neben ihr, sein schwerer Atem, seine Hand in seiner Hose, in der Shorts, die sie sich doch so genau angesehen habe. Diese Hand, die habe sich auf und ab bewegt, schnell, rhythmisch. Und Raban habe sie angesehen, habe gestarrt. Gestarrt, so wie sie seine Shorts angestarrt habe. Und da habe sie gedacht, ja, habe sie gedacht, wenn ich jetzt mein Shirt ausziehe, meine Hose, wenn ich ganz langsam den BH öffne, meinen Slip abstreife, mich auf ihn setze, ihn küsse, ihn mich berühren lasse, sein Shirt ausziehe, seine Hose, seine Shorts, seine verdammten Shorts, wenn ich ihn machen lasse, was er mit seiner Hand gemacht hat, dann, dann vielleicht. Und mir, mir ist nicht langweilig. Und Sophie sagt, sie habe sich dann wieder angezogen, sei eingeschlafen, wieder eingeschlafen. Und als sie aufgewacht sei, Stimmen, Ex-Freundin, nein, sie wolle nicht bleiben, nein, wirklich nicht, aber es sei wirklich schön gewesen. Und wie sie dann auf der Straße gestanden habe, sei ihr wieder eingefallen: der Regenschirm. Ihr Lieblingsregenschirm. Aber nochmals hochgehen habe sie nicht wollen, trotz des Regens sei sie dann nach Hause, und wie sie die Tür geöffnet habe, sei ihre Schwester auch schon herbeigestürtzt, wo sie gewesen sei, sie habe sich solche Sorgen gemacht, und warum sie so nass sei, und überhaupt. Und Sophie habe gesagt, sie müsse erst mal duschen und dass sie danach alles erzählen werde. Und wie das heiße Wasser alles von ihr abgewaschen habe, habe sie es sich überlegt, und sie sei dann zu ihrer Schwester gegangen und habe gesessen, mit ihren nassen Haaren im Nacken und Tränen im Gesicht, und habe erzählt, wie sie da war, bei Raban, die Wohnung, und überhaupt, sie habe doch nur die Babykatze sehen wollen, aber dann sei sie eingeschlafen und dann wieder wach, und Raban habe einfach, habe einfach, und der Regenschirm, ihr Lieblingsregenschirm, den habe sie einfach da gelassen, ihr sei so übel gewesen, sie habe geglaubt, sie müsse kotzen. Und die Tränen hätten nicht mehr aufgehört, da seien nur noch Tränen gewesen, und dann, dann habe sie den Arm ihrer Schwester genommen, ihn sich über ihre Schulter gelegt, sich an ihre Achselhöhle geschmiegt. Habe gesessen, habe gesessen. Wir sitzen. Mein Arm um Sophies Schulter, sie an meine Achselhöhle geschmiegt. Es ist warm. Es ist schwitzig. Und es ist nass. Langsam aber stetig breitet sich der Fleck aus Tränen auf meinem T-Shirt aus. Kurz denke ich, ich bin Sophies Schwester, und sie sitzt da, an mich geschmiegt, und weint. Ich blinzle. Ihre Schwester bin ich nicht. Aber nass ist es trotzdem. Ich fahre also mit meiner Hand ihren Arm hoch und runter. Hoch und runter. Ich lege meine Hand auf diesen Kopf, ihr Gesicht kann ich nicht sehen, aber ich stelle mir vor, wie sie ihre Augen schließt, wie sich ihre Atmung beruhigt, die Tränen immer weniger werden und irgendwann ganz aufhören zu fließen.

Aber Sophies Atmung beruhigt sich nicht. Unter meiner Hand bebt sie, sie zittert, bewegt sich, löst sich aus meiner Umarmung, aus der Umarmung ihrer Schwester, und steht auf, weg von uns, weg vom Sofa, in die Mitte des Raumes, ihren kleinen Kopf erhoben. Sie wendet sich um, sieht mich an. Ich sehe: ein Funkeln in den Augen, Murmelaugen, zuckende Mundwinkel, kleine, diebische Finger, die sich die Tränen von den Wangen wischen, ein Grinsen, das sich auf diesem Gesicht ausbreitet, ein Grinsen, ein Lächeln, ein Lachen, ein schallendes Lachen, das aus Sophie herausbricht. Sie krümmt sich, lacht und lacht und lacht. Und bleibt die einzige. Und lacht weiter und richtet sich auf und hebt ihre Arme, reckt ihre kleinen Waschbärhände zur Decke und ruft „Tadaaa!“ und verbeugt sich. Sie verbeugt sich, lässt ihre Arme sinken, setzt sich wieder neben mich, legt sich meinen Arm um ihre Schulter, schmiegt sich an meine Achselhöhle. Es ist warm. Es ist schwitzig.

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Frederike Schäfer

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freiTEXT | Marie Schwarz

Großmutter

Du sollst ja nicht weinen, sagt eine Melodie. Meine Schuhe hinterlassen einen Schmutzstreifen auf dem Flur. Ich denke mich neben Dich mit deinen klackernden Ledersohlen. Pferdeleder, Ostpreußen, Lasagne. Ich stehe hinter dem Haus meiner Großmutter.

Die Handschuhe deiner Großmutter sind in der Tomatensauce ertrunken. Im Exil habe deine Großmutter sie genäht, hast du gesagt und dich verschluckt. Im bayrischen Exil hat sie unent-wegt Handschuhe genäht, sagte dein Vater. Dein Vater hat unentwegt Egerland-Postkarten bei Ebay ersteigert. Drei, Zwei, Eins, Meins. Einmal im Jahr zog sie die Tracht an. Ich hatte die kleinsten Hände. Ich trage die Handschuhe.

„Bist du wiedergekommen?“ Du hast damals es leise vorgeflüstert und dann nicht gesagt. Ich habe Bauchfrei getragen und die Katze gestreichelt. Ich sagte, sie ist tot, die Beerdigung ist nächsten Samstag. Everything was forever, until it was no more. Dein Beileid passte dabei sowohl auf unsere gerade vollzogene Trennung als auch den Tod meiner Großmutter. Auf der Beerdigung war ich nicht, es gab wohl wenig Tränen und viel Kuchen. An dem Samstag hielt ich einen Vortrag zur Unmöglichkeit der Erinnerung an die Leningrader Blockade in der spät-sowjetischen Literatur. Dort verkommt die Erinnerung zu einem rostigen Nagel. Nachts rufe ich Dich an, wirst du etwa sentimental, fragst Du. Ich sage, in Paris gab es einen Terroranschlag. Diese Novembernacht ist nun drei Monate her, unserer Trennung dreieinhalb. Meine Großmutter ist genauso lange tot wie unsere Beziehung. Die beiden Daten wachsen miteinander.  Heute Nacht stehe ich im Garten meiner Großmutter und sollte weinen. Ich kann nicht schlafen. Ich denke an den Streuselkuchen, den es am Sudetendeutschen Tag gab. Die Unvollendeten. Es wurde ein Film gezeigt, in dem fordert der vermeintliche Enkel die Zuschauenden auf, zu Versöhnung auf. Im Hintergrund Marschmusik. Nach dem Film wurde der Streuselkuchen von allen Seiten gelobt. Meine Hände sind kalt und die Handschuhe liegen in der Garage, nass vom Gartenschlauch. Die restliche Tomatensauce bildet eine Kruste um den Zeigefinger herum. Inventur. Ich frage mich, ob das hier mal damals sein wird. Ich habe eine Zigarette, aber kein Feuerzeug und das Bild funktioniert nicht. Zurück im Bett drücke ich mit der Zunge die Beiβschiene gegen den Oberkiefer. Die Zähne reiben aneinander, der Kiefer knirscht. Ich versuche die Schiene durchzubeißen, die Zunge gerät zwischen die Fronten. Ich verliere die Fassung. Contenance hat meine Großmutter bewahrt. Aus dem Frankreichurlaub hat sie uns Streifenpullover mitgebracht, stets eine Nummer zu groß. Französinnen seien zierlich. Es dauerte 3 Jahre bis ich in den letzten Pullover hineingewachsen bin. An der Wand eine gelb-orange Tapete mit knallbuntem 70er Jahre Muster. Deutsches Schweigen. Diesen Kampf hatte sie verloren. Ich gehe ins Bad. Früher bin ich immer gerannt, damit mich niemand fangen kann. Im Bad öffne ich den Schrank mit der angehorteten Nivea-Creme Sammlung. Der Krieg meiner Großmutter fand vor allem in einem Operationssaal statt, in dem sie sich übergab, als sie ein Auge freilegten. Danach stiefelte sie durch Straßenbahnen und wer sich nicht benahm, kam nach Dachau. Davon haben wir nichts gewusst.

Gegenüber war früher immer der Acker. Acker und Wald. Seit Jahren aber drei Sparkassen Fertighäuser. Die vergisst man gerne, weil der Acker dann nichts mehr erzählt. Du warst nie hier. In deiner Zeit war das Haus verkauft und meine Großmutter war in eine Seniorenparka-nalage gezogen, in der sie Französischunterricht gab und tadelte, wer keine Vokabeln lernte. Mein Pappmaché-Engel stand auf dem Schreibtisch. Wir waren beide schlank und haben viel gelesen, das hat gereicht und nach persönlichen Befindlichkeiten fragte man nicht. Ich drehe am Radio, ich will noch eine rauchen, die Idee mich beim Rauchen von außen zu betrachten. Deutschlandradio, Sendung mit Hörerbeteiligung, dann Seehofer und wir hatten ja nichts: „Sollen wir doch Merkel wählen?“ Helga Schmitt aus Verden ruft an, bloß die Merkel nicht hängen lassen. Menschliche Fehler und waren die Vertriebenen eigentlich Flüchtlinge, ach ne, sagt Frau Schmitt, man sprach ja Deutsch. Die Radionacht hat schon angefangen und wenn ich den Schnaps schnell trinke, dann brennt er nicht. Ich öffne die Schränke, es ist nur noch Cognac da. Als wir 16 waren, haben Johanna und ich mal Cognac getrunken, er war in einem hohlen Buch, wir haben dabei gekichert und sofort wieder geflüstert. Später sind wir auf dem Sofa eingeschlafen. Uneingelöste Sehnsüchte, an die wir glaubten und später blieb davon nur der halbe Mut nach dem letzten Wodka. Ich schenke nach, meine Hand wird lockerer, sie schwenkt den Cognac herum, irgendwas an diesem Bild muss mal etwas versprochen haben. Ausbruch, Rückkehr, Schatten. Ich wandere durch das Haus, nur keine Eile, im Takt bleiben. Ich fahre über das Klavier, ich habe es nie wirklich spielen gelernt. Als Kind habe ich ihren alten Kochbüchern gelesen, mir die Familien gedacht und versucht die Bilder aus den Fotoalben mit dem gebackenen Kalbskopf zusammenzubringen. Ich helf dir kochen. Meine Großmutter konnte nicht kochen, sie konnte nur lesen. Sie blieb die Fremde, auch als sie wieder zurück war. Etwas besserer haben sie im Dorf gesagt, immer in Ehrfurcht vor der Aktentasche. Als ich im Bett liege und den Ring, ihren Ehering ablege, wird mir ein wenig übel. Meine Leerstelle ist nicht das Kind aus der Minenarbeiterfamilie oder die Rückkehr ins nirgendwo, aus Montpellier zurück in die deutsche Provinz, nein. Meine Leerstelle ist ihre Verzweiflung. Mit drei Kindern stand sie auf der Beerdigung, seinen Namen hat sie vorgeflüstert und nicht mehr genannt, weitermachen als ob Nichts sei, Wodka ist wie nichts. Ich habe gelernt, dass man ihn nur schnell genug trinken muss. 40 Jahre blieb sie allein. Es schickte sich nicht, sie als Witwe in eine Runde aus Ehepaaren einzuladen. Von Begierde kein Wort. Ich versuche mich zu erinnern welche Berührungen mir von dir bleiben und warum alles außer deinen Handgelenken verschwimmt und ob in 40 Jahren überhaupt noch ein Rest bleibt.

Ich wache mit trockenem Mund auf, ich bleibe liegen, der Kopfschmerz oberhalb der Schläfe. Die Übelkeit wandert langsam durch den Magen. Erst als sich die saure Galle mit der Spucke unter die Beißschiene schiebt, stehe ich auf.  Es ist noch zu früh. Draußen liegt Reif auf die alten Friedhofsfiguren, die sie sich in den Garten stellte. Es war eine Kollektion, Kindergrabengel waren oft abzugeben. Ich friere, weil mir von der Heizungsluft wieder schlecht wird. Einmal habe ich dir gesagt, dass es erst kalt ist, wenn die Milchpackung auf dem Fensterbrett gefriert.  Es wird ein Turbantag werden, an denen der Kopf fest eingepackt ist in Vergangenheit. Es ist kalt. Ich werde Brötchen holen gehen, die kalte Luft besänftigt den Kopf. Auf dem Rückweg werde ich am Wald kurz stehen bleiben, wo ich spazieren war, als meine erste Periode einsetzte. Alles nicht brauchbar, alles vorbei. La mère est morte. Ihre letzten Worte. Die Dichter lügen. Meine Großmutter hat Oden gelesen, keine Fahrpläne. Und meine geliehenen Worte erreichen das Schweigen nicht.

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Marie Schwarz

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freiTEXT | Moritz Hildt

Mein Vater

Noch lange nachdem mein Vater aufgehört hatte zu arbeiten, trat er jeden Morgen um acht Uhr ans Gartentor und sah die Straße hinab. Er stand dann für eine Weile so da und tat nichts weiter.

Meine Eltern hatten das alte Haus mit dem steinernen Treppenaufgang noch vor meiner Geburt gekauft. Damals war es am Ende einer schlecht geteerten Straße gestanden. Seit die Stadt Mitte der Neunziger die Gegend als Neubaugebiet ausgelobt hat, ist der Straßenbelag erneuert worden. Heute stehen dort Einfamilienhäuser dicht an dicht, mit weißem Rauputz, Doppelgaragen und flach geschnittenen Buchsbaum- und Ligusterhecken.

Doch ich vermute, dass die Augen meines Vaters, wenn er morgens ans Gartentor trat, all das nicht sahen. Ich stelle mir vor, wie er dastand, eine seiner schwieligen Hände auf die Säule aus Ziegelsteinen gestützt, in der das Gartentor verankert war. Schon seit ich denken kann, hielt er seine Augen immer zusammengekniffen. Wie jemand, der sein Leben lang gegen das Licht schauen musste. Ich stelle mir vor, dass sie in jenen Momenten noch kleiner wurden, bis sie nurmehr Schlitze waren.

Wenn wir telefonierten, was wir nicht oft taten, sagte meine Mutter häufig, der Vater hätte heute morgen wieder der Zeit beim Vorbeigehen zugeschaut.

Jeden Tag trat mein Vater so ans Gartentor.

Bis er irgendwann losging.

Meine Mutter erzählte mir später, dass sie durch das gekippte Küchenfenster das leise Quietschen des Gartentors gehört hatte. Als sie hinausging, stand das Tor weit offen und mein Vater war fort.

Niemand von uns hat ihn je wiedergesehen.

Lange Zeit habe ich gedacht, dass er an jenem Morgen, an dem er durchs Gartentor trat und verschwand, etwas Grundsätzliches verstanden haben muss. Etwas, das ihn dazu brachte, loszugehen. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Manchmal braucht es keine Vorstellung davon, wohin man will, um loszugehen. Manchmal ist es wohl genug, von etwas wegzuwollen.

Ich muss etwa zwölf Jahre alt gewesen sein, als mein Vater an einem Sommermorgen zu mir sagte:

„Du und ich, wir haben heute etwas vor.“

Sein langes Gesicht, das die tiefsten Falten zwischen Nase und Mundwinkeln hatte, die ich je bei einem Menschen gesehen habe, war wie immer hart und verschlossen. Seine bodenlosen, wasserblauen Augen ruhten mit derselben Schwere auf mir, mit der seine Hand die Türklinke herabgedrückt hielt, die er eben, ohne zu klopfen, geöffnet hatte. Die Klinke sah klein aus unter seinen langen Fingern, an denen noch Reste von Motoröl klebten und die filigran waren wie die eines Musikers. Der scharfe Zitronenduft des Reinigungsmittels, mit dem er immer, wenn er am Auto gearbeitet hatte, seine Hände wusch, drang zu mir ins Zimmer. Ich ging zum Schrank, um mir eine Jacke zu holen.

„Wirst du nicht brauchen“, sagte er. „Es wird ein heißer Tag. Trocken und heiß.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Aber das Licht wird wieder wärmer. Es ist halt August.“

Meine Mutter stand schweigend in der Küchentüre. Als wir an ihr vorbeigingen, drückte sie jedem von uns zwei in Papier eingeschlagene Brote in die Hand.

Wir fuhren mit dem alten Mercedes. Ich saß auf der Rückbank und drückte meine Finger in abwechselnder Reihenfolge in das weiche, cremefarbene Leder. Die Sonne brannte aufs Autodach. Ich drehte an der kleinen Kurbel und ließ das Fenster herab. Durch den Spalt zwischen den beiden Vordersitzen sah ich die rechte Hand meines Vaters, die den Schaltknüppel bediente. Die langen Finger ruhten auf dem Knopf, der unter ihnen metallisch hervorglänzte. Sie schlossen sich um den langen Schaft mit einer Behutsamkeit, als würde er etwas Zerbrechliches greifen.

Ich musste auf der Fahrt eingeschlafen sein, denn als der Wagen zum Stehen kam, schreckte ich hoch. Ich spürte etwas feucht an meinem Mundwinkel und wischte mit dem Handrücken darüber. Ich öffnete die Türe und die Mittagshitze schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht.

Wir standen vor einem heruntergekommenen Gehöft. Vor dem Haupthaus, dessen Fensterscheiben bis auf eine alle zersplittert waren, stand eine alte Linde. Ich wäre gern hingegangen und hätte mich in ihren Schatten gestellt. Aber mein Vater bewegte sich nicht, und so blieb auch ich am Wagen stehen.

Neben dem Haus öffnete sich der Hof, an dessen anderem Ende eine langgezogene Holzscheune stand. Ich konnte die gemauerte Jauchegrube sehen, die offenbar seit langem trocken lag. Das Ziegeldach der Scheune war an mehreren Stellen tief eingesunken, und immer wieder fehlten einzelne Ziegel. Das Scheunentor stand einen Spalt offen, als wäre eben noch jemand hindurchgegangen. Die Luft roch metallisch-schwer und nach Ozon, als hätte es irgendwo in der Nähe vor kurzem geregnet.

Mein Vater sagte noch immer nichts und schaute nur auf den vor uns liegenden Hof. Mir schien, dass die Falten zwischen seiner Nase und den Mundwinkeln noch tiefer wurden. Soweit ich mich erinnern kann – und ich habe später viel darüber nachgedacht –, habe ich meinen Vater nie über seine Eltern sprechen hören. Sie waren gestorben, lange bevor ich geboren wurde. Und dennoch war mir in jenem Moment, als wir beide am Auto standen und zu dem verlassenen Hof hinüberblickten, klar, dass das der Ort sein musste, von dem er kam.

„Ist das deine Heimat?“, fragte ich ihn.

Die Luft zwischen uns und dem Haus flirrte. Ich dachte daran, wie gerne ich mal eine echte Fata Morgana sehen würde.

Mein Vater nickte schwer. Dann passierte etwas in seinem Gesicht, das ich nicht zuordnen konnte. Ich fürchtete, einen Fehler gemacht zu haben.

„Ich wollte, dass du das mal siehst“, sagte er. Seine Augen blickten starr geradeaus. Wir standen eine Weile so da, schweigend, und ich begann mich zu fragen, womit meine Mutter wohl die Brote belegt hatte.

Da begann mein Vater, sich in Bewegung zu setzen. Er ging einige Schritte zur Linde hin, und ich dachte schon, wir würden nun in ihrem Schatten unsere Brote essen. Aber auf halbem Weg bückte er sich und hob einen Ziegelsteinbrocken auf. Rostfarbener Staub stieg auf, als mein Vater ihn hochnahm und in der Hand wog. Der Staub tanzte über der Straße und schien weit und breit das einzige zu sein, das sich bewegte.

Ich sah zu, wie mein Vater weit ausholte und den Stein in das letzte noch heile Fenster des Haupthauses warf. Das Glas zersprang mit einem merkwürdig hellen Klirren. Ich schaute ich mich um.

„Komm, wir fahren“, sagte mein Vater, als er mit langen Schritten zum Auto zurückkam. „Hier gibt es nichts. Ich vergesse das nur manchmal.“

Er öffnete die Wagentüre und also stieg auch ich wieder ein. Das Leder brannte jetzt heiß an meinen nackten Waden. Mein Vater wendete den Wagen. Seine rechte Hand schlug den Schaltknüppel hart in den ersten Gang.

Als wir die Straße hinabfuhren, drehte ich mich noch einmal um. Ich hatte das Gefühl, dass es wichtig war, dass ich mich gut an das Haus und den Hof erinnern würde. Aber wir waren schon zu weit entfernt und ich sah nur noch die Linde, deren Blätter im leichten Wind wippten, der inzwischen aufgekommen war.

Damals wusste ich nicht, was mein Vater mit diesem Ausflug bezwecken wollte. Ich wusste auch nicht, dass es der letzte sein würde, den wir zu zweit unternahmen. Mit jedem Jahr, das ich älter wurde, schien sich mein Vater weniger und weniger für mich zu interessieren. Als ich ihm mit neunzehn erzählte, dass ich an der Universität angenommen war und zum Herbst ausziehen würde, nickte er nur. Das ölige Wasser spritzte im Waschbecken, während er seine Hände mit dem Zitronenreinigungsmittel schrubbte. Acht Jahre später trat er, wie jeden Morgen, ans Gartentor, um die Straße hinabzuschauen. Dann öffnete er es und ging hindurch.

Ich habe nicht aufgehört, mich zu fragen, wohin mein Vater an diesem Tag gegangen ist. Ich frage mich, ob ihn sein Weg an der großen Linde vorbeigeführt hat, ob er sich in ihrem Schatten wohl kurz ausgeruht hat, oder ob er nochmals einen Stein aufgehoben hat. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn immer dort stehen, unter der Linde, mit einem Ziegelstein in der Hand, von dem etwas Staub zwischen seinen Fingern hindurchrinnt und still über der Straße tanzt. Er ist zwölf Jahre alt – genau so alt, wie ich war, als er mit mir dorthin gefahren ist – und doch sind die tiefen Furchen, ganz besonders die zwischen Nase und Mundwinkeln, bereits in seinem Gesicht. Es ist das Gesicht eines alten Mannes.

Und er schaut mich an.

 

 

Moritz Hildt

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freiTEXT | Carolina Reichl

Unausgesprochenes

Ich hasste es, Peter zu mögen. Ich war nicht gut mit diesem Gefühlszeug, mir fehlte die Übung. Denn obwohl ich bereits Mitte zwanzig war, war ich erst zweimal verliebt gewesen. Das erste Mal in Hugh Grant, als ich Schokolade zum Frühstück gesehen hatte, da war ich vielleicht zehn gewesen. Ich konnte nicht verstehen, warum Bridget Jones nicht mit ihm zusammen sein wollte, freute mich aber auch darüber, denn das musste ja bedeuten, dass er noch zu haben war. Also schrieb ich ihm Liebesbriefe, auf die er natürlich nie antwortete. Irgendwann begriff ich, dass er als Schauspieler bzw. Filmcharakter unerreichbar für mich war. Ich musste wohl jemanden im wahren Leben kennenlernen, der meine Gefühle erwidern konnte. Doch das war genauso schwierig. Beim zweiten Mal verliebte ich mich nämlich in einen älteren Mitschüler. Wir schrieben uns und trafen uns nach der Schule. Er erklärte mir, dass er mich mochte, aber niemand von uns wissen durfte, weil sonst alle blöd reden würden, da er schon 18 war und ich erst 14. Ich glaubte ihm, doch rückblickend weiß ich, dass er nur mit mir schlafen wollte.

Seitdem hatte ich nur One-Night-Stands gehabt. Betrunken und bedeutungslos. Das war nicht meine Definition von Glück, doch es war in Ordnung. Ich hätte ewig so weitermachen können, bis ich Peter vor vier Monaten bei einer Party kennenlernte. Es lief ganz gut zwischen uns, aber ich wünschte mir trotzdem, ich würde ihn weniger mögen, denn ihn mögen, ließ mich blöde Dinge tun. Wie zum Beispiel ihn zu mir nachhause einzuladen.

Wir waren gerade noch in einem Club gewesen und hatten gegen vier Uhr beschlossen, uns auf den Heimweg zu machen. Normalerweise fuhren wir dann zu ihm, doch dieses Mal schlug ich vor, zu mir zu fahren und ehe ich meinen Vorschlag zurückziehen konnte, saßen wir auch schon im Taxi.

Wir gingen die Stufen hinauf in den zweiten Stock. Seine Schritte kamen mir so laut vor, dass ich ihn am liebsten gebeten hätte, auf Zehenspitzen zu gehen, doch das hätte er bestimmt eigenartig gefunden. Dann standen wir vor meiner Tür. Ich versuchte, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen, doch meine Hände zitterte so sehr, dass ich das Schlüsselloch mehrmals verfehlte.

Es war das erste Mal, dass ich jemanden mitnahm. Ich fand immer eine gute Ausrede, warum es bei mir nicht ging: Kaputte Heizung, seit Wochen nicht geputzt, Durchfall – mir war nichts zu blöd, Hauptsache sie kamen nicht. Jemanden in meine Wohnung zu lassen war für mich nämlich eines der intimsten Dinge, die man machen konnte. Wie die Wohnung eingerichtet war, verriet einfach alles über mich.

Ein gutes Beispiel war die Küche. Meine Mutter hatte sie für mich ausgesucht, nachdem sie die Wohnung für mich gekauft hatte. „Du brauchst etwas Ordentliches“, hatte sie gesagt. Die Küche war groß und viel zu teuer dafür, dass ich nicht kochen konnte. Aber meine Mutter hatte darauf bestanden. Nun hatte ich einen sündhaft teuren Kühlschrank, der bis auf Butter und ein paar Weinflaschen vollkommen leer war.

Endlich hatte ich die Haustüre aufgesperrt. „Komm rein“, sagte ich, was überflüssig war, da Peter bereits mit einem Fuß in meinem Vorzimmer stand. Ich beobachtete ihn ganz genau, weil ich so Angst hatte, dass er eine der vollgestopften Lade aufmachen könnte. Hannah hatte das einmal gemacht und war ganz verwundert gewesen, wie unordentlich ich war. Prinzipiell fand ich Ordnung gut, ich schaffte es nur nie, sie zu halten. Darum stopfte ich alles brutal in die Laden, was blöd herumlag.

„Wow, du liest ja ziemlich viel“, sagte Peter und blieb vor dem Bücherregal stehen. Am liebsten hätte ich ihn am Arm gepackt und weggezogen. Zwischen den Thrillern und Romanen standen Lebensratgeber wie „The Secret – Die Kraft guter Gedanken“, „The Power of Imperfection“ und „Verletzlichkeit macht stark“. Ich schämte mich alleine schon für die kitschigen Titel und betete, dass sie ihm nicht auffielen.

„Da geht’s ins Schlafzimmer“, sagte ich und führte ihn in das zweite Zimmer. Hier waren alle Möbel aus weißem Holz. Ich mochte das, es sah friedlich aus.

Da fiel mein Blick auf Tschatscha. Ich griff nach ihm, um ihn unter einem Polster zu verstecken. Doch ich war zu langsam.

 „Der sieht ja mitgenommen aus.“

„Ja, das ist Tschatscha. Meine Mutter musste ihn bestimmt hundert Mal nähen, weil ich als Kind ständig auf ihn rumgekaut hab.“ Tschatscha war mein erstes Kuscheltier gewesen. Er lag in meinem Bett, weil er mich an die Zeit erinnerte, in der meine Eltern noch ineinander verliebt gewesen waren. Sie waren nun seit sechs Jahren geschieden.

„Tschatscha?“

„Das war das Einzige, was ich damals sagen konnte.“

Er lächelte mir zu, dann küssten wir uns und wir schliefen miteinander – zumindest so gut es in unserem betrunkenen Zustand ging. Mir war ein bisschen schlecht und ich war nicht richtig feucht, aber dafür konnte er nichts, das war immer so, wenn ich zu viel Alkohol getrunken hatte.

Danach nahm er mich in den Arm und wir schauten an die Decke. Es war nun ganz ruhig. Ich fühlte mich geborgen und hätte auf der Stelle einschlafen können.

„Hattest du eigentlich was mit jemand anderem, seitdem wir uns treffen?“

„Nein“, antwortete ich sofort und verschwieg das eine Mal, als ich mit dem erstbesten Typen geschlafen hatte, der mich im Club angequatscht hatte. Das war kurz nach unserem ersten Date passiert, weil ich mir beweisen wollte, dass ich Peter gar nicht so sehr mochte. Reine Stressreaktion, es war nicht toll gewesen und ich war auch nicht stolz darauf.

Er atmete erleichtert aus.

„Du?“, fragte ich ihn.

„Nein.“ Ich glaubte ihm. Peter hatte mir von Anfang an gesagt, dass er noch nie einen One-Night-Stand gehabt hatte und dass ihn das auch nicht interessierte. Er war eher der Beziehungstyp.

„Hätte dich das gestört?“, fragte ich. Er atmete tief und schwer aus, was mir gut gefiel. Das wirkte irgendwie so, als würde es ihm schwer fallen, sich das einzugestehen, weil ihm wirklich etwas an mir lag.

„Naja, schon. Aber wir haben ja nie darüber geredet, ob es in Ordnung wäre, jemand anderen zu treffen oder nicht.“

„Stimmt. Von mir aus können wir das gerne lassen, ich muss nichts mit jemand anderem haben“, sagte ich und bereute es sofort, weil Peter mich jetzt für eine Klette halten könnte. Doch er lächelte mich an und sagte: „Von mir aus gerne.“ Ich atmete erleichtert aus und lächelte zurück.

„Das bedeutet aber trotzdem nicht, dass wir ein Paar sind – ich hoffe, das ist für dich in Ordnung?“

„Klar“, sagte ich sofort, obwohl ich am liebsten nein gesagt hätte.

„Es tut mir leid, dass ich damit so herausplatze –aber ich hatte so etwas noch nie und ich will dich nicht enttäuschen. Du weißt ja, dass ich normalerweise von einer Beziehung in die nächste schlittere.“

Ich versuchte weiterhin zu lächeln, aber ehrlich gesagt hätte ich in diesem Moment lieber mein Bewusstsein verloren, als diesen Stich in meinem Herzen zu spüren. Ich hätte ihn gerne gefragt, was genau ich falsch gemacht hatte, dass er nicht ausreichend Gefühle für mich entwickelt hatte und was die anderen Frauen vor mir, mit denen er ja zusammen gewesen war, richtig gemacht hatten. Doch wer weiß, ob ich die Antwort ertragen hätte.

„Mit dir ist alles so schön unkompliziert und ungezwungen, das finde ich gut. Ich mag dich – aber mehr als das kann ich dir gerade nicht geben. Vielleicht ändert sich das irgendwann, vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht und ich will dir nichts versprechen, was ich nicht halten kann. So jetzt fühl ich mich wie ein Arsch.“ Mein erster Gedanke war, dass er sich nicht schlecht fühlen sollte. Er konnte gar nichts dafür, dass er keine Gefühle hatte und ich schon. Darum sagte ich: „Musst du nicht. Ich versteh das, du hast dich ja gerade erst von deiner Freundin getrennt. Ist doch klar, dass du da nichts Ernstes willst und ich will auch nicht mit dir zusammen sein.“

Er gab mir einen Kuss auf den Mund. Am liebsten hätte ich losgeheult.

„Dann ist das für dich in Ordnung, wenn das zwischen uns so unverbindlich bleibt?“

„Klar.“

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Carolina Reichl

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freiTEXT | Ines Rössl

Gleichzeitigkeiten eines Frühjahrs

1.

Ich lernte in diesem Frühjahr, dass es den Ausdruck der „Angstblüte“ gibt: Die Bäume blühten dieses Jahr ungewöhnlich prachtvoll und üppig, sie geraten wegen der Klimakrise in Bedrängnis und bringen daher vorsichtshalber all ihre Fortpflanzungskraft auf. Blüten hingen und standen, sie wölbten sich uns entgegen, es war ein paradiesischer Anblick, jedes Mal, in jedem Park, und streifte man sie, verströmten sich ihre Gerüche.
Es ist Anfang Juni 2020. Ein Frühjahr ist vorüber. „Wie geht es dir in diesen Zeiten?“ hatten die Menschen einander monatelang in Textnachrichten und E-Mails gefragt. Der Plural war angebracht: Eine Vergangenheit griff nach uns, eine Schuld vielleicht auch, etwas, das gelernt worden war, das verlernt werden musste. Eine Zukunft drohte. Und eine Gegenwart beschwerte uns. Wir lebten in mehreren Zeiten. Wir versuchten, die Gegenwart auszusitzen. „Wenn dann das vorbei ist“, sagten die Menschen.
Die Pandemie und ihre Folgen verlangten, in Worte gefasst und eingeordnet zu werden. Ich kapitulierte. Glaubte ich, einen Anfang machen zu können, verlor er sich. Es war eine fiebrige, eine frustrierte Sprachlosigkeit.
Und dann war da noch eine andere Art der Sprachlosigkeit. Ich hatte zu Jahresbeginn ein Kind bekommen und bemerkte, dass es etwas an der Erfahrung von Elternschaft gibt, das sich der Mitteilung entzieht und im Moment des Erzählens vertrocknet in sich zusammenfällt. Wer will so etwas hören. Wie lässt sich so etwas überhaupt sagen. Mein Empfinden und Denken war ein Gehäuse, eine nach innen gestülpte Landschaft. Im Februar notierte ich: „Das hier ist eine rundum politische Erfahrung.“

2.

Auf irgendeinem Foto ein von einer Hauswand gehängtes Transparent gesehen: „LA ROMANTIZACIÓN DE LA CUARANTENA ES PRIVILEGIO DE CLASE!“ („Die Romantisierung der Quarantäne ist ein Klassenprivileg!")
Die Pandemie hatte die gesellschaftliche Verteilung von Lebensmöglichkeiten nachgezeichnet als Verteilung von Menschenkörpern im Raum. Vertikal, horizontal, 1 Meter Abstand, Park oder Keller, Dachterrasse, Mehrbettzimmer, Heim und Lager. Toilettensituation. Übergangsquartier.
Gesundheitspolitische Empfehlungen appellierten gleichzeitig an das soziale Gewissen wie auch an das wohlverstandene Eigeninteresse. „Schau auf dich, schau auf mich, so schützen wir uns“, hieß der Slogan. Zuhause bleiben wurde sowohl zur sozialen Aufgabe als auch zur Strategie individueller Risikominimierung. Es schien, als könnte für einen kurzen Moment das Interesse der Einzelnen wie von selbst mit dem Interesse aller zusammenfallen. Endlich. Der Traum jedes Gemeinwesens. Und der Glaubenssatz der Apologeten des freien Marktes.
Wer zuhause bleiben konnte, blieb zuhause. Wer nicht zuhause bleiben konnte, blieb nicht zuhause. Die Anordnungen der Regierung übersetzten sich in Anordnungen von Menschenkörpern im Raum. Die einen saßen auf Dachterrassen die Gegenwart aus, die anderen in Schlachthöfen. Das in den Pressekonferenzen vollmundig propagierte „Wir“ ordnete sich an. Und deutlich wurde: Es teilte sich auf.
Oben und unten ward oben und unten. So einfach. So banal.
Oben, auf den Dachterrassen, verbrachten jene, die Homeoffice machten, ein Frühjahr in luftiger Atmosphäre. Die Angst hatte sich breit gemacht, aber man lebte gut. Unten, fünf Stockwerke tiefer, liefen durch die Straßen Leute. Jene, die sich trotz Pandemie an ihren Arbeitsstellen einzufinden hatten, die nicht online einkaufen konnten, die eine Apotheke aufsuchen mussten, die nach Luft schnappten beim Gang um den Block. Gelegentlich stieg einer die Treppen hinauf zum Dach, gelegentlich nahm eine den Lift ins obere Stockwerk und überbrachte bestellte Waren. Den Wildschweinschinken aus österreichischer Bio-Produktion zwecks Unterstützung der lokalen Betriebe. Geld wechselte keine Hände mehr, gezahlt wurde mit Karte. Man wich einander aus. Die einen und die anderen. Ohnehin war man einander fremd.

3.

Maggie Nelson schreibt in „The Argonauts“ über das Gebären: „It’s easy enough to stand on the outside and say, 'You have to let go and let the baby out.' But to let the baby out, you have to be willing to go to pieces.“
Dass ich bei der Geburt auf irgendeine Art in Stücke gegangen sein musste, merkte ich in den ersten Wochen danach daran, dass ich den Menschen beim Reden nicht mehr in die Augen sehen konnte. Eine alte Schwäche, die nun plötzlich wieder da war, als wäre eine bereits verheilte Wunde wieder aufgeplatzt. Im Supermarkt, an der Kassa, verstand mich der Kassier nicht, ich musste mehrmals vernuschelt und mit gesenktem Kopf „Das sind die Äpfel der Sorte Elstar“ sagen. Die Pandemie war damals noch nicht bei uns angekommen. Ich schaffte es nicht, meine Worte an ein Gegenüber zu richten, sie verstreuten sich ziellos im Raum. Verlust von Meisterschaft. Ich konnte den Blicken der Menschen nicht standhalten, sie stellten mich zur Rede, sie ertappten mich in dem, was ich war. Und was ich war, war damals nicht so klar.

4.

In diesem Frühjahr kam eine überraschende Übersichtlichkeit und Ruhe in die Stadt. Die Pandemie brachte ihre eigenen Choreographien hervor:[1] Wenn sich die Wege von Menschen kreuzten, beschrieben sie umeinander einen Bogen. Saß auf einer Parkbank ein Mensch, war es immer nur einer. Duos spazierten mit zwei Armlängen Abstand. Die Wahrnehmung war geschärft: Biegt jemand um die Ecke? An Engstellen wartete man höflich. Dass die Gehsteige schmal waren, um den Autos keinen Platz wegzunehmen, fiel nun auch jenen auf, die weder Rollstuhl noch Kinderwagen manövrierten. Die menschlichen Interaktionen waren verlangsamt.
Grundbedürfnisse: Zeit und Raum.
Privilegien: Zeit und Raum.
Hätte man nicht gewusst, was der Anlass war, man hätte die Stimmung im öffentlichen Raum mit Beschaulichkeit verwechseln können. In Wahrheit hielten alle die Luft an. Man war einander unheimlich geworden. Man huschte aneinander vorbei, vermied nicht nur die Atemluft der anderen, man vermied jeglichen Blickkontakt.
Das Gefühl, das jede zufällige Begegnung auf der Straße oder im Treppenhaus begleitete, war nicht so sehr Furcht, sondern vor allem Scham. Dass man überhaupt atmete, schien obszön. Man war ertappt. Nur wobei? Dass jeder existierte als Körper voller Ausdünstungen und Ausflüssen? Dass man einander zur Gefahr geworden war? Dass es soweit gekommen war, einander wechselseitig als solche zu begreifen?
Oder schämten wir uns, weil wir bei jeder menschlichen Interaktion einem Teil von uns begegneten, der darauf bedacht ist, sich selbst zu retten?

5.

Krise als Chance: Bullshit (das ewige Lied: „in diesem System / muss es immer weiter geh'n“).
Todesrate unter marginalisierten Gruppen: besonders hoch. Keine Überraschung. Armut tötet.
Unbestimmte gesetzliche Bestimmungen: Die Polizei rückt aus und straft.
Regierungstechnik: Angstmachen. Es ist uns unwohl dabei, aber wir verstehen, dass Menschen Gewohnheitstiere mit Panikneigung sind und es diesmal schnell gehen muss, wie am Schnürchen. Wir verstehen, dass man uns regieren und steuern muss. Wie am Schnürchen. Wir fragen uns, ob wir auch ohne Angst und Konformitätsdruck in der Lage wären, vernünftig zu sein. Wir fragen uns, was wir wissen. Wir wissen nicht, worauf wir unsere Vernunft gründen könnten.
Solidargemeinschaft: Der Staat beweise sich endlich wieder als Solidargemeinschaft, sagen einige. Tatsächlich: Es gibt es einen – wenn auch nur kurzfristigen und teilweisen[2] – Stillstand zum Schutz von Leben und Gesundheit. Tatsächlich: Touristikbetriebe wollen die Solidargemeinschaft auf Verdienstentgang verklagen wegen der gesundheitspolitisch notwendigen, aber wirtschaftsschädigenden Maßnahmen.
Solidarität in aller Munde: Solidarität mit den Schwachen, mit den Alten, mit den systemerhaltenden Berufen. Von den Dachterrassen erklingt Applaus. Systemerhaltung. Gemeinschaft. Nationale Gemeinschaft. Schulterschluss. Und Kusch. Aus Polizeiautos schallt: "I am from Austria".
Manche Münder schreien lauter.
Andere Münder seufzen.
Münder sind intubiert. Und Münder röcheln.
Versammlungsfreiheit: Eingeschränkt. Aber: War sie denn je wirklich eingeschränkt in diesem Frühjahr? War das nicht nur geisterhaft? Hat man uns das nicht nur glauben machen? Was war real gewesen in diesem Frühjahr?
Die Feuilletons: quellen über. Der Ausnahmezustand. Regieren per Dekret. Resonanz wiederfinden in der Quarantäne. Entschleunigung. Wir sind schuld. Selber schuld. Die Fleischindustrie und die Abholzung der Wälder. Südamerika. Der Dschungel. Alles hängt zusammen. Für alles gibt es einen Zusammenhang. Möglicherweise. Die Intellektuellen widersprechen einander. Sie tun, was sie immer tun. Sie vertreten die Thesen ihrer zuletzt publizierten Bücher. Sie kommen nicht aus sich heraus.[3] Wir kommen nicht aus unserer Haut. Biopolitik. Verwaltung und Nutzung der Körper. Der benutzte Körper. Der abgenutzte Körper. Zunahme männlicher Gewalt gegen Ehefrauen, gegen Beziehungspartnerinnen. Zunahme psychischer Erkrankungen. Zunahme einsamen Sterbens.
Überraschen uns die Folgen der Pandemie? Nein. Wir leben schon immer so.

6.

Ein Wort verlässt mich in diesem Frühjahr nur selten: Meisterschaft. Im Englischen „mastery“ steckt der „master“ drinnen, der Herr, der anderes ist als nur ein Meister. Aber auch das deutsche „etwas meistern“ ist nicht unschuldige Anerkennung, einer Aufgabe gewachsen zu sein. Die Beziehung zur Welt, die damit beschrieben wird, ist klar: Die Welt als eine zu meisternde.
Ich bin so aufgewachsen. Unabhängigkeit und Meisterschaft gegenüber der Welt ist positiv. Meistere die Schwierigkeiten. Stark zu sein ist positiv. Es geht einem gut. Es geht einem dann besser. Die Umstände haben einen nicht im Griff. Lass dich nicht im Griff haben. Sei befähigt, dich den Würgegriffen rundum zu entziehen. Also: Sei nicht bedürftig, das würdest du bereuen. Es ist eine Frage des Lebensglücks: Wer will schon der Welt im Modus der Verletzlichkeit entgegen treten. Nimm dir, was dir gehört. Feilsche um den besten Preis. Gehe aufrechten Ganges durch die Welt. Begegne der Welt, sie meisternd. Sei der Souverän deines Lebens. Sei ein Ich. Sei du selbst. Bahne dir deinen Weg. Bleib nirgendwo hängen. Verliere deine Träume nicht. Sei nicht traumverloren.
Klar darfst du unsicher sein, aber Sicherheit ist gut, Sicherheit wäre besser.
Klar darfst du schwach sein, wir sind ja nach '68, aber wenn du es bist, dann ist etwas falsch.
Für alles gibt es eine Lösung, sagt man. Wenn du nur willst, sagt man. Das war schon eine Challenge, sagt man. Herausforderungen, sagt der Bundeskanzler:[4] Es gibt keine Schwierigkeiten, nur Herausforderungen. Wir haben Lösungskompetenz, wir haben Entscheidungsmacht, wir sind krisenfest.
Mit fast patziger Stimme verteidige ich in diesem Frühjahr meine Schwäche und die Affirmation meiner Schwäche, verteidige, dass es „schwierig“ ist, „schwierig“ sein darf, dass nichts daran falsch ist. Dass in der Verletzlichkeit kein Versagen liegt. Dass ich nun einmal vorübergehend in der Situation bin, von einem Kind ausgesaugt zu werden und dass das Kind und ich einander ausgeliefert sind. Dass daran nichts zu verharmlosen ist, aber auch nicht gerüttelt werden muss. Es ist gut, wie es ist.
Wir beschreiben das gemeinhin in der Sprache des Verlusts: Ich gehöre mir nicht mehr allein. Ich frage mich, ob der dramatische Unterton, der diese Verlustsprache trägt, einem Missverständnis entspringt. Die Verkitschung von Mutterschaft hingegen tut so, als ob es diesen Verlust gar nicht gäbe oder als ob hier nicht ganz real etwas verloren ginge, das Wert hat: Autonomie.

7.

In diesem Frühjahr kursierte die Rede davon, es wäre in der Zweiten Republik noch nie so weitreichend in Grundrechte eingegriffen worden. Zeichen eines Privilegs: Das so einfach sagen zu können. Die diesen Befund aussprachen, konnten sich zumindest der Theorie nach (die Theorie ist nicht alles, aber sie ist auch nicht nichts) als demokratische Subjekte und somit als Autor*innen der Grundrechtseingriffe begreifen. Die den Zweck der Grundrechtseingriffe kritisierten, konnten nicht von der Hand weisen, dass es zumindest um Zwecke ging, mit denen sie etwas zu tun hatten, etwa um die eigene Gesundheit.
Jene, die seit Jahrzehnten systematisch festgehalten und inhaftiert werden, weil sie aus den falschen Weltgegenden kommend eine Grenze überschritten haben, müssen wohl lachen ob der Rede vom beispiellosen Grundrechtseingriff. Sie kennen den Grundrechtseingriff nur zu gut, er ist ihnen vertraut. Aber ihnen tritt eine Staatsgewalt gegenüber, mit der sie nichts zu tun haben. Sie sind nicht Subjekte dieses Staates und die Zwecke ihres Freiheitsentzuges sind nicht die ihren. Nicht zu ihrem eigenen Schutz werden sie eingesperrt, nicht zu ihrer eigenen Sicherheit dürfen sie ihre Familien nicht sehen, nicht zu ihrem eigenen Wohl dürfen sie keine politischen Versammlungen anmelden. Ihr Freiheitsentzug dient irgendetwas anderem, das zu ihnen und ihrem Leben in keiner Beziehung steht.
Das Neue in diesem Frühjahr: Es wurde flächendeckend in Grundrechte von Personen eingegriffen, die sich bisher weitgehend unbehelligt von staatlicher Gewalt bewegen konnten. Zeichen eines Privilegs. Da war man kurz verblüfft.
Opfern wir die Freiheit der Sicherheit, wurde gefragt. Man fragte auch, ob das eine falsche Gegenüberstellung ist. Reaktionär ist, wer auf die eigene Freiheit pocht und sich nicht um die Folgen für andere schert.[5] Reaktionär ist auch, wer blindlings die Freiheit an den Nagel hängt, um sich einem Sicherheitsparadigma und den damit zusammenhängenden Herrschaftstechniken (wie Überwachung und Rückzug ins Private) zu unterwerfen. Wer zu den Reaktionären zählte, war in diesem Frühjahr nicht immer klar.
Dies lag auch an einem Mangel gesicherten Wissens über die Pandemie. Dass trotz mangelndem Wissen politische Entscheidungen getroffen werden müssen, ist nichts Neues, wurde jedoch in diesem Frühjahr schmerzhaft offensichtlich. Wir tun ja meistens so, als wüssten wir. Wenn die Gerichte abwägen, ob ein Grundrechtseingriff zulässig ist, müssen sie fragen, ob er denn notwendig und darüber hinaus auch geeignet ist, den damit angestrebten Zweck zu erreichen. Notwendigkeit und Zweckeignung – in diesen Begriffen sind faktenbasierte Einschätzung und normative Bewertung so verflochten, dass sie kaum zu entwirren sind. Dennoch: Auf Begriffe wie Notwendigkeit und Zweckeignung überhaupt Bezug nehmen zu können, setzt die Annahme voraus, man könnte Aussagen über Kausalitäten oder zumindest über Wahrscheinlichkeiten treffen. Letztgültiges aber gibt es auf diesem Feld nicht. Die Entscheidungsgrundlagen sind also mehr oder weniger brüchig. Das ist ein ungemütlicher Zustand. In der Pandemie wurde er für alle spürbar.
Als brüchig offenbarte sich auch der gern gebrauchte Satz, dass die Freiheit der einen dort endet, wo sie anderen schadet. Denn plötzlich kann schädlich sein, was wir immer für sozialadäquates Verhalten gehalten haben.[6] Nichts am menschlichen Umgang ist mehr harmlos. Ist es also folgerichtig, die Bestattung der Toten im Familienkreis zu verbieten und den Besuch der Alten im Pflegeheim? Darf man uns die gegenseitigen Umarmungen verleiden, weil sie nicht mehr harmlos sind?
Es ist notwendig zum Schutz von Leben, sagen die einen. Das ist ein nichtssagender Satz, sagen andere. Denn das Leben könnte sonst alles rechtfertigen. Man müsste das Autofahren verbieten zum Schutz von Leben.[7] Unser Leben ist voll von erlaubten Lebensgefahren.
Aber, so lautet der Einwand, es wäre doch furchtbar, in einer Gesellschaft zu leben, in der einem nicht geholfen werden kann, wenn man schwer krank wird, weil die Intensivstationen aufgrund von Überlastung niemanden mehr aufnehmen können! – Eben. Es wäre furchtbar, in einer Gesellschaft zu leben, in der man sich nicht darauf verlassen könnte, dass ein funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem sich um einen sorgte. Unabhängig davon, ob man überlebt. Es geht also nicht nur um die Erhaltung von Leben als quantifizierbarer biologischer Größe. Sondern es geht zumindest auch um die Frage, wie gelebt wird, unter welchen Bedingungen und mit welchen Gewissheiten. Es geht darum, worauf wir uns verlassen können wollen.
Angesichts dessen gerät die juristische Abwägungslogik, die Grundrechtseingriffe gegenüber ihren Schutzzwecken (wie etwa dem Leben) abwägt, ins Straucheln.[8] Was genau ist es, das man in die Waagschale wirft? Das Leben als Schutzzweck schien so klar, ein Totschlagargument. Wenn es aber ums Wie-Leben geht, ums gute Leben, zu dem auch ein gutes Sterben gehört,[9] was haben wir dann argumentativ in der Hand, worüber sind wir uns da überhaupt einig? Wägen wir im Grunde verschiedene dystopische Szenarien gegeneinander ab? Die völlige Abschaffung des öffentlichen wie des intimen Raumes gegenüber dem Sterbenlassen der Schwächeren (wer das ist, stellt sich übrigens immer erst im Nachhinein heraus) und dem Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitssystems? Müssen wir angesichts der Pandemie ein bisschen von allem ertragen, um die jeweilige Dystopie sich nicht auswachsen zu lassen?
Hier stecken wir also fest. Und so wird die Zeitfrage alles. Wie lange darf mit dem Feuer der einen oder anderen Dystopie gespielt werden? Wie lange dürfen Isolierungsmaßnahmen dauern? Wie lange behält das Argument gesundheitspolitischer Notwendigkeit Gültigkeit? Wann müssen wir dem Tod ins Auge sehen, um nicht mit dem Leben zu bezahlen? Was wäre, wenn die Impfung erst in fünf Jahren kommt? Oder nie?

8.

Auf einmal mit Vehemenz am Leben bleiben wollen.
"Ich möchte dich aufwachsen sehen.“

9.

In diesem Frühjahr redete man immerhin über das Leben und auch über das Sterben. Man redete darüber, ob die Solidargemeinschaft das Sterben an der Pandemie verhindern soll. Wir wollen nicht sterben an einer Pandemie. Der Rest ist uns nicht so wichtig. Das Leben ist uns mal mehr wert und mal weniger. Situationselastisch. Das Leben mancher ist mehr wert als das Leben anderer. Personenabhängig. Dass schlechte Wohn- und Arbeitsbedingungen das Leben verkürzen, gilt gemeinhin nicht als Lebensrisiko, vor dem uns die Solidargemeinschaft zu bewahren hat. Der Sozialstaat hat es nur so weit gebracht, dass die Solidargemeinschaft die Kosten des langsamen Sterbens übernimmt. Wir haben uns daran gewöhnt. Daher haben wir vorgeblich keine Angst. Wir krepieren dennoch. Aber das schweigen wir tot.

10.

Von welchem Wir spreche ich.

11.

Im deutschen Sprachraum ist sogar das Können ein Beherrschen. Man sagt: Ein Instrument beherrschen. Man sagt: Eine Sprache beherrschen. Welch Missverständnis. Als wäre dies möglich. Als wäre es nicht umgekehrt. Aber der Anspruch ist da. Der Herrschaftsanspruch. Und das falsche Selbstbild.
Man sagt: Die Beherrschung verlieren.
„Endlich die Beherrschung verlieren!“, könnte man ausrufen.

12.

Hierzulande ist die sogenannte erste Welle der Pandemie vorbei. Die Frage stellt sich immer noch, wie weitermachen mit jenen Tätigkeiten, die der körperlichen Nähe bedürfen, des direkten Kontakts, die ohne diesen nichts sind. Darstellende Kunst zum Beispiel. Gilt das nicht für alles, könnte man nachhaken: Dass alles nichts ist, ohne direkten Kontakt. Und jemand würde antworten: Nein.
Wenn man geeignete Tools entwickelt, kann das meiste online und per Videoschaltung stattfinden, die Pandemie hat es in Ansätzen gezeigt, man kann vieles adaptieren. Wir können online Besprechungen und Unterrichtsstunden abhalten, wir können Einkäufe erledigen und Abstimmungen durchführen. Wir müssen einander ja nicht die Hände schütteln, wenn wir aufeinander treffen. Es ist gesellschaftlich nicht notwendig. Wir müssen nicht in Kinosälen sitzen. Clubs und Wirtshäuser sind keine Notwendigkeit. Der öffentliche Raum muss nicht zwingend aus Körpern im Raum bestehen. Öffentlichkeit lässt sich online herstellen. Wir müssen einander nicht berühren können, wenn wir einander fremd sind. –
Ich will das nicht glauben.
Oder anders, genauer: Ich will nicht glauben, dass wir diejenigen werden wollen, die wir unter diesen Bedingungen wären. Ich will nicht glauben, dass wir eine solche Gesellschaft, die angesichts der Isolierungsmaßnahmen während der Pandemie denk- und vorstellbar geworden ist, wollen.
Aber warum genau nicht?
Warum genau halten wir das Aufeinandertreffen von Körpern für konstitutiv für eine Gesellschaft, für ein politisches Gemeinwesen? Was ist es, das wir andernfalls verlören?
Ich bin nicht an dem Kitsch interessiert, der sich als Antwort aufdrängt (wahrscheinlich hat der Kitsch sogar einiges an Wahrheit für sich). Ich bin an jenem Punkt interessiert, an dem klar wird, dass sich nicht alle gesellschaftlichen Fragen in Gerechtigkeitsfragen übersetzen lassen. Es ist der Punkt, für den es keine Lösung gibt.

13.

In dem Einpersonenstück „The Encounter“, das auf einem Buch von Petru Popescu basiert und dessen Aufzeichnung man sich in diesem Frühjahr online ansehen konnte, ruft der Schauspieler Simon McBurney, den Fotojournalisten und Amazonas-Reisenden Loren McIntyre verkörpernd, aus: „I was never part of nature!“
Es ist ein wütender, aufbegehrender Ausruf gegen die immersive Kraft des brasilianischen Dschungels, in dem McIntyre beinahe für immer verloren geht.

14.

Was wird noch kommen, fragte man sich in diesem Frühjahr, was soll nur aus uns werden.
Wir wissen, dass unsere Art, der Welt zu begegnen, indem wir uns als von ihr getrennt vorstellen, in Unterwerfung mündet. Wir wissen um unsere Interdependenz mit allem. Wir gehören uns nicht allein. Wir wissen das.[10]
Aber wir kommen nicht aus unserer Haut. Wir wollen, jeder für sich, ein Ich sein (wer will das nicht!), wir wollen uns in die Welt setzen, wir wollen uns zur Welt in ein Verhältnis setzen, wir wollen die Satzung vorgeben, wir wollen Herr und Meister sein. Wir beziehen uns auf die Aufklärung, auf ihre Prinzipien der Autonomie und Mündigkeit. – Wir brauchen nochmal sowas: Einen neuen Referenzpunkt. Eine Neubestimmung des Menschen im Verhältnis zu sich selbst und zur Welt.
Es lässt sich leicht darüber reden, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur neu zu denken, um die Zerstörung zu beenden. Aber sind wir denn dazu bereit? Können wir uns eine Aufgabe oder zumindest ein Schrumpfen unseres Egos denn überhaupt vorstellen? Wäre das nicht ein untröstlicher Verlust? Verlust von Meisterschaft? Wer wären wir denn dann?
Es ist eine Verschiebung in unserem Selbst- und Weltverhältnis, die ansteht. Wie lange wird sie dauern? Hundert Jahre? Wieviel Zeit haben wir dafür noch?
Es ist ein tiefgreifender Verlust, der uns bevorsteht.
Denn in der Tat, uns selbst aufgeben müssten wir.
Und es ist fraglich, ob wir – als die, die wir heute sind – wollen können, was wir wollen müssten.

15.

In den ersten Tagen im Krankenhaus hatte der Umgang mit dem Baby interessante Wirkungen auf meine Selbstwahrnehmung. Stand ich unter körpereigenen Drogen? War ein durch die Geburt getriggertes Mutterschaftsprogramm gerade dabei, einen neuen Baustein Empathie in meinen Organismus einzubauen? Handelte es sich um einen biologischen Trick, um mich an mein Kind zu binden, um sicherzustellen, dass ich es nie verlassen würde? Jedenfalls: Lag ich zusammengerollt in meinem Krankenhausbett, sah ich mich von außen, von oben, genauer gesagt. Der Raum, in dem ich untergebracht war, hatte hohe Wände. Ich wurde zu einem Kippbild, mal war ich ein ausgewachsener Mensch, mal ein Baby. Die Mimik, die ich an meinem Kind beobachtet hatte, war die meine. Seine hilflos sich schließenden Finger waren die meinen. Es war, als hätte das Baby nur die äußere Form gewechselt und sich eine erwachsene Hülle umgestülpt.

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Ines Rössl

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[1] Gia Kourlas, How we use our bodies to navigate a pandemic, 31.3.2020, New York Times
[2] Lukas Oberndorfer, Der Neoliberalismus als Zombie. Von seinem Fortleben in Zeiten von Covid-19 und der Notwendigkeit einer öko-sozialistischen Biopolitik, 18.6.2020, Bildpunkt
[3] Marcus Quent, Selbstversicherungsseuche, 31.3.2020, Textem
[4] Drehli Robnik, Eine nationale Herausforderung, 27.5.2020, Tagebuch
[5] Benjamin Opratko, Die Kultur der Ablehnung, 28.6.2020, Tagebuch
[6] Alexander Somek, Liberalism at rest, 2.4.2020, coronajournal
[7] Oliver Lepsius, Vom Niedergang grundrechtlicher Denkkategorien in der Corona-Pandemie, 6.4.2020, Verfassungsblog
[8] Alexander Somek, Die neue Normalität, 6.5.2020, Verfassungsblog
[9] Charles Eisenstein, The Coronation, März 2020, https://charleseisenstein.org/essays/the-coronation
[10] Kay Sara/Milo Rau, „Against Integration“: Dieser Wahnsinn muss aufhören, Eröffnungsrede der Festwochen 2020, 16.5.2020 DerStandard

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