freiTEXT | Melitta Roth

Sie zählte ihre Schritte

Sie zählt ihre Schritte. Das hatte sie sich so angewöhnt in den fünfzehn Jahren, es geschah ganz automatisch. Drei Schritte vom Hocker zum Herd. Sieben zu Küchentür und weitere acht Schritte bis zum Sofa. Nur keinen Schritt zu viel. Sie muss gut haushalten, muss ihre Energie sparen. Nur so hatte sie überlebt: Durch Ökonomie der Bewegung. Wegen der Ökonomie haben sie sie damals auch abgeholt. Ihr Vater war ein Händler gewesen, ein kleiner Krämer im Dorf. Bürsten und Körbe und Seifen, lauter Waren für den Haushalt. Eigentlich zu wenig für einen echten Bourgeois. Genug, um ein Kulak zu sein. Genug, um die Tochter des Kulaken abzuholen. Sie  bekam 15 Jahre wegen konterrevolutionärer Umtriebe und Kulakentum. 15 Jahre ohne Briefrecht. Andere können danach nur mit einem Stück trockener Brotrinde unterm Kopfkissen einschlafen. Sie zählt Schritte. Vom Sofa zum Fenster sind es fünf. Dort verharrt sie dann stundenlang. Starrt auf den Hof. Dorthin, wo tagsüber die Metallschaukel quietscht, daneben eine Bank. Darauf sitzen die alten Weiber aus den umliegenden Häusern und knacken ihre Sonnenblumenkerne, stricken irgendwelche Schals aus grauer Wolle und tratschen. Sie will nicht tratschen. Ihre Nichte bringt ihr die Lebensmittel vorbei, so braucht sie die Wohnung nicht zu verlassen. Zu viele Schritte. Allein die Treppe hinunter auf die Straße, sieben und achtzig Stück. Sie schlurft in die Küche zählt mit, vier, fünf... am Herd bleibt sie stehen, zündet das Gas an. Ein Tee wäre jetzt gut. Sie wartet, schaut in die Gasflämmchen, betrachtet die Kacheln mit den kleinen blauen Strichen, wie Regen.

Drei Schritte, dann ist sie am Tisch. Sie trinkt ihren Tee mit Brombeermarmelade, die ihr auch Irina mitgebracht hat. Die Tochter ihres jüngsten Bruders. Ihr Bruder Aljoscha war erst 13 damals. Ihn hat eine entfernte Tante bei sich versteckt gehalten und ihn als ihren eigenen Sohn ausgegeben, das hatte ihn gerettet. Was aus den anderen geworden ist, weiß sie nicht. Vielleicht leben sie irgendwo unter einem anderen Namen. Vielleicht lebt keiner mehr von ihnen.

„Deine Tante ist etwas wunderlich,“ sagen die Leute zu Irina. Die Nachbarinnen, die Freunde und Oleg, ihr Mann.

Ja, ein wenig wunderlich mag sie sein. Kaut die Haut von der Stolitschnaja solange ab, bis nicht eine Faser Wurst mehr dran ist. Macht sich bis zu fünf Mal einen Aufguss vom selben Teebeutel. Bis er nach nichts schmeckt.

„Nimm doch neuen Tee, ich habe dir genug besorgt, sage ich ihr jedes Mal. Das ist ein ganzes Kilo, du musst nicht sparen.“ Aber nein, die Tante trinkt heißes Wasser mit ein wenig Farbe drin.

Bei dem kleinsten Geräusch schreckt sie zusammen, traut sich kaum aus dem Haus. Weiß nicht, was sie antworten soll, wenn ihr die einfachste Frage gestellt wird.
„Na, Tantchen, was hast du heute gemacht?“

Was wird sie schon gemacht haben, den ganzen Tag eingesperrt im vierten Stock. Das Radio läuft, aber Irina hat nicht den Eindruck, dass ihre Tante viel davon mitbekommt. Manchmal bleibt sie mitten im Raum stehen und traut sich nicht weiter, als wäre da eine unsichtbare Linie, ein Elektrozaun mitten in ihrer Wohnung. Harrt ein Weilchen aus und setzt dann ihren Weg fort. Zögernd mit geduckter Haltung.

Immerhin, sie kann sich noch gut bewegen. Ja, die Beine sind noch in Ordnung. Sieben Schritte bis zum Schrank, dann weitere zwölf ins Bad und neun bis zum Bett. Sie lauscht auf das Scharren in den anderen Etagen, bis es ganz still ist. Wenn sie keine Schritte zählt, hört sie ihr Herz ganz laut pochen. Heute war ein Tag. Und morgen kommt ein neuer Tag. Darüber hinaus nichts. Nur Schritte zählen.

Melitta Roth

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freiTEXT | Christoph Laible

So jemand

Licht zuckt auf Mamas Haut. Die Farben wechseln sich ab. Wenn das Licht weiß ist, kann ich sie am besten beobachten. Sie guckt aus ihren bernsteinbraunen Augen auf die Leinwand, wühlt in der Popcorntüte auf ihrem Schoß. Manchmal saugt sie die Lippen ein, beißt auf ihnen herum. Dann tanzen tiefe Falten um die Mundwinkel. Ich versuche jede Regung zu deuten, sehne mich nach einer Träne. Im Ausschnitt ihrer Bluse bebt der gelbe Herzanhänger sachte auf und ab. Ich habe ihn Mama zu Weihnachten geschenkt. Sie trägt das Herz jeden Tag. Ich spüre mein Gesicht, wie es pocht. Sie bemerkt, dass ich sie anstarre, lächelt mich an.

„Hm“, summt Mama.

Als der Film zu Ende ist, bleiben wir noch sitzen. Wir warten, bis sich die anderen aus den Reihen geschoben haben. Ein junger Kerl stolziert die Treppe zum Ausgang hinauf, schwingt dabei die Hüfte hin und her. Seine Freunde lachen.

Mama legt ihre zarte Hand auf meine. Sie wiegt so unendlich schwer und mit ihr legt sich ein Schleier um mein Bewusstsein, der mich nicht zu den Dingen durchdringen lässt. Als wäre das alles nicht echt, als wären wir selbst Darsteller in einem Film. Der Schleier dämmt meine Furcht vor dem Gespräch, das wir gleich führen werden. Den Brand, der bis in meine Fingerspitzen lodert, sich jeden Gedanken, jede Empfindung unterwirft.

An den Kassen im Foyer sitzt keiner mehr. Eine junge Frau mit Ohrtunneln und Nasenring putzt Röstzwiebeln von einem Stehtisch. Durch die Glasfront des Kinokomplexes sehe ich in die Nacht. Der Lichtersmog der Stadt lässt den Himmel milchig-orange schimmern. Ich stemme meinen Arm gegen die Glastür, schiebe, zittere.

Draußen ist es bitterkalt. Kippengestank beißt in meiner Nase. Im Aschenbecher neben der Glastür schwelt es. Dunkler Rauch quillt aus dem Schlitz, fließt am Metall hinab. Ich pflücke eine Marlboro Gold aus der Schachtel in meinem Peacoat, zünde sie an, ziehe kräftig. Der Rauch sticht in meiner Lunge. Mama mag nicht, dass ich rauche, sagt, sie hat Angst, dass ich krank werde. Ich blase eine Wolke in die Kälte, sehe wie Mama verbissen lächelt, fühle mich kurz frei. Als ich die Zigarette von meinen Lippen löse, reißt der Filter ein Stückchen Haut ab. Ich fahre mit der Zunge über die Stelle, schmecke ein bisschen Blut.

„Und?“, höre ich mich sagen.
„Sehr, sehr gut“, sagt Mama: „Hast du gut ausgesucht, den Film.“
„Gell, find ich auch.“
Ich lächle, versuche locker zu wirken.
„Das ist ja schon Wahnsinn.“
„Ja, so mutig. Und das zu der damaligen Zeit“, sage ich.
Wie lächerlich ich bin.
„Ein lieber Mensch, aber arm dran“, sagt Mama.
„Sie war doch glücklich am Schluss.“
„Ob so jemand wirklich glücklich sein kann.“
„Wieso denn nicht?“

Mama saugt die Lippen ein, wiegt den Kopf nach links, dann nach rechts.

„Wen findet denn so jemand? Irgendwelche mit ´nem Fetisch vielleicht, aber ´ne richtige Partnerschaft ist doch fast unmöglich. Ich weiß das auch, dass ich da blöd bin. So schlimm das auch für solche ist. Aber nur, weil man da was wegschnibbelt, wird aus einem Mann keine Frau.“

Ihre Worte schlagen mir in die Magengrube, werden zu physischem Schmerz. Ich möchte Mama ohrfeigen, schütteln, anschreien.

Ich ohrfeige und schüttle sie nicht. Auch die Worte bleiben in mir, obwohl sie schon ganz vorne an der Zungenspitze waren, alles hätten ändern können, wenn sie herausgebrochen wären, ein paar Millimeter weiter, durch den Schleier, in die Wirklichkeit.

Ich drehe mich weg. Tue, als ob ich an meinem Feuerzeug herummache, kämpfe gegen die Tränen.

„Komm, jetzt zahlen wir und fahren. Daheim trinken wir noch einen Tee.“

Ich schaffe es, eine neue Marlboro aus der Schachtel zu holen und „treffen uns im Parkhaus“ zu sagen.

Ich sehe Mama nach, wie sie zurück ins Kino geht. Wie es sie schüttelt, als sie ins Warme tritt, vor dem Parkautomat in ihrem Geldbeutel kramt. Das Licht des Foyers bricht sich in meinen Tränen. Sie kriechen warm über meine Wangen, brennen an meiner Lippe. Strahlen legen sich über Mama. Wenn ich die Augen zusammenkneife, werden die Lichtstrahlen länger und dichter, lassen sie verschwimmen.

Zitternd führe ich die Marlboro zwischen meine Lippen, zünde sie an. Das Rad des Feuerzeugs schmerzt an meinen kalten Fingern. Ich nehme einen Zug, werfe die Zigarette in den Aschenbecher. Dunkler Rauch schiebt sich unaufhörlich aus dem Metallschlitz.

Christoph Laible

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freiTEXT | Pedro Zobel

Letzens in der Kneipe

Letztens in der Kneipe, nach dem schätzungsweise siebten oder achten Bier, einer Gruppe kichernder und gackernder Frauen, die an diesem Abend mit der mindestens genauso frechen wie originellen Idee, in den Spelunken der Stadt Schnäpse, Piccolöchen und Kondome aus einem Bauchladen heraus zu verkaufen, Junggesellinnenabschied feierten, erst ein flammendes Plädoyer für das unabhängige Denken gehalten, mich währenddessen nicht nur zum Rebellen, sondern zum absoluten Non-Konformisten hochstilisiert und dabei genauso wahl- wie zusammenhangslos mit Begriffen wie „Repressive Toleranz“, „Verblendungszusammenhang“ und „Negative Dialektik“ um mich geschmissen.

Trotz dieses extrovertierten und vom Alkohol befeuerten Gockelgehabes dann doch noch irgendwann die verdrehten Augen, die gelangweilten, irritierten oder schlicht angsterfüllten Blicke und den für mich empfundenen Fremdscham meines Auditoriums realisiert und infolgedessen, langsam aber sicher, geschnallt, dass sich unsere Lebensrealitäten wahrscheinlich doch ein klein wenig zu sehr voneinander unterscheiden, als dass ich in diesem Rahmen hier auch nur irgendetwas reißen könnte.

Somit also kein Preaching to the converted, sondern eher Phrasendrescherei to the confused.

Doch anstatt meine Performance genau an diesem Punkt der kurzen Einsicht abzubrechen, die Klappe zu halten und mich einfach stillschweigend in der hinterletzten Ecke der Kaschemme zu betrinken, schwafelte ich vollkommen unbeirrt weiter vor mich hin und hielt es schlussendlich, ganz so, als hätte ich mich nicht schon genug blamiert, für eine total clevere Idee, quasi als abschließendes Statement und unumstößlichen Beweis, dass ich den Schwachsinn, den ich da von mir gebe, auch absolut real fühle und natürlich total true lebe, auf den Tresen zu springen, um mir das Bier direkt aus dem Zapfhahn in den Schlund laufen zu lassen, danach einige wüste Beleidigungen, sowohl über die psychische als auch die physische Verfassung der Gäste sowie der Belegschaft vom Stapel zu lassen und abschließend grenzdebil lachend und Deckelprellend aus dem Laden zu stürmen.

Tags darauf dann mit einem ziemlichen Schädel und meinem Nachwuchs im Schlepptau kleinlaut die Zeche beglichen, wohlwissend dass ich als solventer Stammgast rein Garnichts zu befürchten habe, bis auf die hochgezogenen Augenbrauen des Schenkenbesitzers ob meines präpubertärem Verhaltens.

Dann den Wochenendeinkauf erledigt.

Dafür den gerade angeschafften Thule Chariat Sport 2-Fahrradanhänger zum Lastenesel umfunktioniert, um die leeren Getränkekisten zum Supermarkt zu transportieren.
Beim Einladen streng darauf geachtet, die Oettinger-Bierkisten so im Innenraum des Hängers zu verstauen, dass ich darüber feinsäuberlich meine Denns-Biomarkt-Papiertüten drapieren und auch noch das Verdeck schließen konnte. Die 12er-Kiste vegane Bio-Sauerkrautlimonade anschließend distinktionsbedingt auf den Karren gestellt und meinen Sprössling daneben platziert, um auch ja aller Welt zeigen zu können, das ich nicht nur ein nachhaltig denkender, umsichtiger Mensch bin, sondern zudem auch noch ein liebevoller Superdaddy, der seinem Kind auch wirklich jeden Spaß ermöglicht.

Mir an der nächsten Straßenecke eingestanden, dass mein scheinheiliges Getue mittlerweile schon fast paranoide Ausmaße angenommen hat.

Denn während ich in der Kneipe trotz, oder wahrscheinlich gerade wegen meines achsofundierten theoretischen Halbwissens, nicht über irgendwelches steinzeitliches Brunftgehabe hinauskomme, zeigt diese Bierkistenversteckaktion, hinter der sich ja nichts weiter als die lächerlichen Was-sollen-denn-die-Nachbarn-denken?-Ansichten – ein saufender Vater bringt seine leeren Billigbierkisten im Kinderwagen zurück in den Supermarkt? Furchtbar! – meiner Oma verbergen, dass ich doch offensichtlich mit weitaus mehr kleinbürgerlichen Komplexen behaftet bin, als ich mir eingestehen will und dementsprechend ein ungefähr genauso subversives Dasein friste wie irgendeine selbsternannte Influencer-Göre, die ihr halbes Monatsgehalt in einen Oversized Vetements-Justin-4ever-Hoodie investieren muss, um sich vor ihrem Social-Media-Publikum via hochauflösendem Fahrstuhlselfie Zeitgeistigkeit, Geschmackssicherheit und Ironieverständnis attestieren zu können und die in ihrer Persönlichkeit so gefestigt und selbstsicher ist, dass sie sich in steter Regelmäßigkeit auf dem Klo die Seele aus dem Leib kotzt, nur um ihren Viertausendsiebenhundertdreiundzwanzig Instagram-Followern, Zweitausendeinhundertachtundsiebzig Youtube-Kanal-Abonnenten und den siebenhundertdreiundsechzig regelmäßigen Lesern ihres Modeblogs genau die Bilder liefern zu können, die von ihr erwartet werden.

Und die dann am Wochenende, mit ihren Mädels und einem Bauchladen im Gepäck, Junggesellinnenabschied feiert und dabei von einem Typen angebaggert wird, der hoffentlich irgendwann mal kapieren wird, dass seine Lebensrealität sich weitaus mehr mit der eines dahergelaufenen Max Mustermanns deckt als ihm lieb ist und vor allem dass diese ein bisschen mehr Kichern und Gackern ganz gut vertragen könnte.

Pedro Zobel

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freiTEXT | Stephan Weiner

ER und ICH

Solange ER und ICH zusammen sind, ist alles gut. WIR fürchten UNS nicht. Auch nicht vor dem kleinen Raum mit den weißen Fliesen an der Wand. ER und ICH wohnen noch nicht sehr lange hier. WIR wurden nicht richtig gefragt, ob WIR hier wohnen wollen - hatten aber auch nichts dagegen. WIR wissen nicht genau, warum WIR hier einziehen mussten. Aber WIR glauben, es ist wegen der Geschichte mit dem Kugelmenschen – dem Dicken, der UNS zu sich eingeladen hat.

Der Dicke hatte UNS gemeinsam eingeladen. WIR kennen ihn aus dem Wartezimmer des Arztes, der immer so viel redet. WIR haben ihn dort schon oft gesehen. Und der Dicke wollte UNS schon lange einmal zum Abendessen bei sich haben; sagt, er könne UNS helfen. WIR wissen nicht, wobei er UNS helfen möchte, kommen der Einladung aber achselzuckend nach. Als WIR das Haus betreten, steht der kugelrunde Gastgeber im Eingangsbereich und blickt von ein paar Stufen auf UNS herab. ICH ducke mich vorsichtshalber ein wenig, ER streckt den Kopf empor.

Der Dicke begrüßt UNS, nimmt UNSERE Jacke und führt UNS in ein großes Zimmer mit Kamin. WIR sind nicht allein. Sechs weitere Paare sind anwesend – stehen rum – mustern UNS. In solchen Situationen schicke ICH IHN gerne vor. ER ist bei so etwas viel souveräner. IHM macht es Spaß, sich den Gegebenheiten anzupassen. Mit einem Blick hat ER die Essenz seines Gegenübers erkannt und beginnt, sie gekonnt zu kopieren. WIR können auf diese Weise sein, was WIR wollen. Reich, arm, dick, dünn, schlau, dumm – einfach alles. Das ist ein gutes Gefühl. Seit ER und ICH zusammen sind, beherrscht mich daher ein Gefühl absoluter Klarheit. Mein Drang nach Freiheit, der offenbar nicht mit der allgemein akzeptierten Ordnung vereinbart werden kann, hat MICH oft in Schwierigkeiten gebracht. Doch mit IHM ist der Drang verschwunden. Tatsächlich verspüre ICH überhaupt keinen Drang und keinen Wunsch nach Veränderung mehr. Die überraschende Einladung des Dicken zu akzeptieren, ist für UNS kein Akt der Höflichkeit. WIR tun niemandem einen Gefallen, möchten UNS nicht einschmeicheln, um neue Freunde zu gewinnen oder Ähnliches. WIR gehen ohne besondere Absichten durchs Leben und haben nicht vor, etwas daran zu ändern.

Der Gastgeber rollt durchs Zimmer. Lächelt durch die Runde und richtet unangenehm lang seinen Blick auf UNS. Wieder ducke ICH mich, während ER den Blick erwidert. „Wir wollen helfen“, sagt der Dicke, und versucht seine Stummel-Arme auszubreiten. Allgemeines Nicken begleitet diese Geste. „Wir glauben, dazu in der Lage zu sein, da wir früher einmal genauso waren.“ ER und ICH wissen nicht, was WIR dazu sagen sollen und scheinen das mit UNSEREM Gesichtsausdruck auch deutlich gemacht zu haben. „Alle hier waren einmal eins“, erklärt der Dicke. „Alle sechs Paare in diesem Raum, waren mehr als nur einer Meinung – sie waren sechs Individuen.“ Er beugt sich leicht nach vorne und betrachtet UNS dramatisch durch seine Augenbrauen. „Auch ich und meine Partnerin waren einmal eins“, fährt er fort. „Wir sehnten uns nach nichts. Lebten von Tag zu Tag und wünschten uns, nur zusammen zu sein. – Doch ohne Verlangen lebt es sich schlecht. Es macht krank. Das einzig Gute: Wenn man erst merkt, wie krank, dann ist der erste Schritt zur Gesundung, zur Spaltung, zur Normalität schon getan.“ Als der Dicke das Wort „krank“ ausspricht, nicken die 6 Frauen und 6 Männer im Takt, jeweils abwechselnd, zuerst die Männer, dann die Frauen, und scheinen dabei ihr eigenes Gegenteil zu verkörpern. „Wer krank ist, will gesund sein. Wer abhängig ist, will frei sein. Wer in Gefahr ist, sucht die Sicherheit. Wer im Chaos versinkt, entwickelt Regeln zu seiner Bändigung. Wer hasst, will lieben. Wer arm ist, will reich sein. Wer unsicher ist, sucht nach einer Erklärung. Wer stumm ist, sucht nach einem Wortführer. Und wer unterdrückt wird, will sich emanzipieren!“ Mit dem letzten Satz dreht er sich einmal im Kreis und zeigt dann mit einem seiner speckigen Finger auf eine Tür. Langsam betritt eine dünne Frau den Raum. WIR starren sie an. WIR können nicht anders. Nicht ihre fehlende Statur ist das, was IHN und MICH am meisten schockiert, es ist ihre ungeheure Größe. Sie überragt den Dicken in ihrer Länge um das Doppelte. Er selbst, klein und fett, sieht daneben wie eine extrem gestauchte Version von ihr aus. „Meine Frau“, schreit er förmlich. Applaus von den anderen Gästen. ER ist vollkommen entsetzt. ICH sehe es an seinem Gesichtsausdruck. Es wäre besser, jetzt zu gehen, denke ICH noch. „Du siehst, wir sind genau wie du. Und wir können helfen. Wir können helfen, dich von ihm zu befreien. Du musst dich von ihm trennen, um glücklich zu werden. Du musst erkennen, dass du krank bist. Du musst dich entzweien und auf die Suche gehen. Musst dich nach einem geeigneten Partner umschauen; musst Sehnsucht entwickeln. Du kannst nicht für immer alles in dir vereinen. Das ist nicht normal!“ Mit jedem Satz kommt der Dicke einen Schritt auf UNS zu. ER bekommt Panik. ICH kann noch an mich halten. Plötzlich spüren WIR die Wand hinter UNS. WIR können nicht weiter zurück. WIR müssen nach vorne. ICH möchte IHN aufhalten, aber es ist zu spät. Wild hämmern seine Fäuste auf die Brust des Dicken. Der weicht zurück und seine Frau versucht sie auseinander zu bringen. Vor lauter Verzweiflung greife ICH hinter mich, greife nach dem Erstbesten, einem Schürhaken neben dem Kamin und steche zu. Blutend liegt die dünne Frau am Boden. ER und der Dicke lassen voneinander. Die anderen Gäste sehen MICH traurig an. ER und ICH verlassen langsam das Haus. Hinter UNS hören wir laute Geräusche; Schreie. WIR schauen uns achselzuckend an, laufen zur Straße und in die Stadt, bis WIR vor unserer Wohnung stehen. WIR betreten UNSER Zimmer und werden erwartet. Sie nehmen UNS mit und bringen UNS in das weiße Zimmer. IHM und MIR ist das egal. WIR legen uns auf die an der Wand stehende Pritsche.

„Wir glauben dir“, sagt der Mann mit dem weißen Bart. ER und ICH sitzen aufrecht auf UNSEREM Bett und starren auf UNSERE Fußspitzen. Es sind nur zwei. „Es ist Okay sich nach Gesundheit zu sehnen, wenn man erkennt, dass man krank ist“, fährt der Mann fort. „Wir sind zu zweit und du bist nicht rund. Kannst nicht in zwei verschiedene Richtungen sehen. Bist einfach nur du.“ Der Mann spricht mit IHM, ICH schaue zu. Was er sagt, ergibt keinen Sinn. Wie können ER und ICH nur in eine Richtung sehen? Wieso sollte ICH mich nach Gesundheit sehnen? Wieso sollte ICH mich überhaupt nach etwas sehnen, wo ER und ICH doch alles haben? WIR beschließen, dem alten Mann, der uns trennen will, zu ignorieren. WIR beschließen, UNS wieder hinzulegen und von gar nichts zu träumen.

Stephan Weiner

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freiTEXT | Annika Büsing

Steffen

 „Für dich ist das Leben ein gewaltiger Scherz, oder?“

„Ja“, sage ich, „das ist es.“

„Hast du schon mal irgendwas verloren, was dir wirklich wichtig war?“ Ich hebe die Schultern, aber er erwartet gar keine Antwort von mir. „Ich meine nichts, wo du sagst: ‚Oh schade, das war echt ganz schön irgendwie.‘ Ich meine wirkliche Verluste.“
„Ich weiß, was du meinst.“

„Ach ja?“

„Ja, ich bin nicht blöd.“

„Nee, das ist ja dein Problem. Vielleicht wärst du netter, wenn du ein bisschen blöder wärst.“

Er hasst mich. Vermutlich ist das in Ordnung so. Ich hasse ihn auch.

„Meine Oma“, sage ich.

„Was?“

„Meine Oma“, wiederhole ich ironiefrei. „Meine Oma ist gestorben. Das ist mein einziger wirklicher Verlust.“

Er sagt erstmal nichts. Vielleicht überrascht ihn meine Ehrlichkeit, vielleicht hat er auch nicht damit gerechnet, dass ich begreife, dass er mit mir über den Tod sprechen will. Ich überbrücke die Stille und gieße ihm einen Schluck Wein nach. Ich finde, es ist ein trauriges Spektakel an Weihnachten rumzusitzen, in die Glotze zu gucken und alleine Wein zu trinken. Aber es ist ja nicht so, als würde er mir ein Glas anbieten. Überhaupt hätte ich nicht vorbeikommen sollen. Nicht klingeln. Das war eine gewaltige Schnapsidee, um seinen Sprachgebrauch zu kopieren. Ich wollte nett sein. Das kommt dabei raus.

Wir konnten uns vom ersten Augenblick an nicht leiden, er und ich. Und das ist ein Problem, weil wir nämlich ziemlich viele Stunden am Tag zusammen rumhängen. Mehr noch. Wir müssen uns ansehen, anfassen, unsere Gefühle miteinander besprechen, seltsame Übungen machen, bei denen wir uns vorstellen, dass wir ganz klein werden und getragen werden müssen, wo immer wir hinwollen. Ich weiß, das klingt, als wären wir zusammen in einer Therapiegruppe, aber in Wahrheit sind wir beide in der gleichen Klasse einer renommierten Schauspielschule. Als ich ihn dort das erste Mal gesehen habe, habe ich gedacht: „Warum haben die diesen fetten Scheißtypen genommen?“ Und jetzt wird er schon als nächster großer Tatort-Kommissar gehandelt. Das liebste Attribut, das die Lehrer an meiner Schule vergeben ist: ‚authentisch‘ und Steffen ist ‚unfassbar authentisch‘. Ich finde, er ist unfassbar kacke, aber mich fragt ja keiner. Meine Freundin, der ich manchmal Bilder schicke, wenn mir langweilig ist, sagt: „Der ist nicht überhaupt nicht fett.“ Ich verstehe nicht, warum Leute immer so objektiv sein müssen. Jedenfalls hassen wir uns, Steffen und ich. Ich kann noch nicht einmal so tun, als würde ich ihn mögen. Das konnte ich aber noch nie. Ich bin halt nicht blöd, ‚nicht nett‘, würde Steffen sagen. Aber wenn nett sein blöd sein heißt, dann verzichte ich lieber. Ich lehne mich zurück. Die Glotze läuft ohne Ton weiter und wirft wechselndes Licht auf sein Gesicht. Er sitzt unbewegt da. Er trägt ein rot-kariertes Flanellhemd und eine Jeans. Immerhin sitzt er nicht in Jogginghose vor der Helene Fischer-Show. Es gibt noch Hoffnung für ihn. Er wird durchkommen. Aber Typen wie er kommen sowieso immer durch.

Es gab eine Stunde im Schauspielunterricht, die war zum Kotzen. Ganz ehrlich. Wir haben über Trennungen gesprochen. Jeder Scheiß wird ans Licht gezerrt bei uns. Du darfst praktisch keine Geheimnisse mehr haben und ja, ich habe vorher auch gedacht, dass das ein Klischee ist. Aber leider basiert dieser ganze Unfug dann doch darauf, Zugang zu den eigenen Gefühlen herzustellen. Affective Memory, nennen sie das und es ist demütigend. Wir bildeten Kleingruppen und die Dozentin entschied, wer in welche Gruppe gehen sollte, allein weil sie postulierte, dass sie weiß, wer gut harmoniert. Sie hat überhaupt keine Ahnung. Uns wird überdies oft gesagt, dass wir gut harmonieren, Steffen und ich, was der blanke Hohn ist, weil es mich sogar wütend macht, wenn er harmlose Sätze sagt wie: „Ich wollte, dass wir es gut haben.“ Das war auch so eine Stunde, nach der ich gedacht habe: Schmeiß hin! Aber egal, zurück zu der Trennungsstunde. Also, man sollte eine Erinnerung heraufbeschwören. Und wir mussten vorspielen und dann musste man aufstehen und seine Geschichte erzählen. Klar tut das weh, auf der Bühne zu stehen, und von so intimen Dingen wie Zurückweisung und Einsamkeit zu erzählen – es soll wehtun. Und es geht ja keiner hin und erinnert sich an eine Party, bei der man jemanden, der hackestramm war, mit Edding bemalt hat. Man erinnert sich an schmerzvolle Momente. Irgendwie hatte sich die Gruppe auf Trennungen eingeschwungen. Mir erschien das über die Maßen lächerlich. Es war so ein Moment, in dem ich mich fragte, warum ich nicht Jura studierte oder BWL. Und dann war Steffen dran. Und als er mit seiner Szene fertig war und erzählen sollte, da sagte er: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin noch nie verlassen worden. Ich höre das, wenn andere erzählen, was sie durchgemacht haben, wie sie getrauert haben und das alles, und ich stelle fest, dass ich davon keine Ahnung habe. Vielleicht hab ich einfach viel Glück gehabt. Vielleicht wurde ich aber auch einfach noch nie so geliebt.“

Ich wollte aufstehen, hingehen und ihm ins Gesicht schlagen. Das geht mir oft so mit ihm.

Ich merke, dass er mich von der Seite ansieht. Vielleicht überlegt er, was er sagen soll. Oder besser: Vielleicht überlegt er, was er nicht sagen soll. Meine Oma liegt jetzt auf dem Tisch, im übertragenen Sinne, und das war natürlich ein hoher Einsatz. Ich weiß nicht, warum ich die Wahrheit gesagt habe, denn ich bin sicher nicht der Überzeugung, dass er sie verdient hat. In ein paar Jahren wird er einen Arsch voll Geld verdienen. Nicht, weil er talentierter wäre als andere, sondern weil er so überzeugt von sich ist. Und ich habe immer den Eindruck, dass er genau weiß, dass dieser Tag kommen wird.

„Warum bist du nicht bei deiner Familie?“, frage ich.

„Willst du das wirklich wissen oder nur nen Spruch drüber machen?“

„Kannst du nicht einfach ne Frage beantworten?“

„Wohnen nicht hier“, sagt er.

Ich sehe ihn an. Inga, die im ersten Jahr ist, ist total verknallt in ihn. Inga ist ein dummes Huhn. Ich habe ihn nach drei Gin Tonic schon mal gesagt, dass sie sich keine Hoffnungen machen soll.

„Wieso sagst du sowas?“, hat sie gefragt.

Und ich habe gesagt: „Weil Typen wie der nur an sich denken.“

„Was ist mit dir?“, fragt er. „Warum bist du nicht bei deiner Familie?“

„Ich war“, sage ich.

Ich sehe ihn an. In seinem Blick liegt eine Frage und weiß der Himmel warum, vielleicht weil Weihnachten ist oder weil er alleine ScheißHeleneFischer guckt – ich bin gewillt sie zu beantworten.

„Ist ausgeartet“, sage ich lakonisch.

Und dann passiert etwas Seltsames: Er lacht. Er steht auf und geht in die Küche

Bewegungslehre und Körperbewusstsein II mit Steffen. Bei der mit Abstand durchgeknalltesten Dozentin der Schule. Steffen musste wie alle anderen so eine Flatterhose anziehen, die die größtmögliche Bewegungsfreiheit garantiert. Er sah aus wie ein fetter Flughund.

„Ey Steffen“, sagte ich, als er reinkam.

„Halt einfach die Fresse!“, sagte er.

Bewusstheit. Langsamkeit. Bla bla bla. Acrobalance war angesagt und keiner kann sich da rausreden. Man könnte allenfalls vorbringen, dass man tot ist. Und selbst dann würde die Pocher sagen, dass man keinen Schritt vor dem anderen gehen kann. Sie war auch bekannt dafür, Leute durch die Prüfung fallen zu lassen, wenn sich aus ihrer Sicht keine echte Hingabe erkennen ließ. Man musste also den Arsch zusammenkneifen und sich hingeben. Was passiert jetzt also bei der Acrobalance? Im Wesentlichen dies: Man steckt einen Mann und eine Frau zusammen und, Überraschung, der Mann hebt, trägt, wirft die Frau in allerlei Positionen. Dieser Teil gehört zum Adagio. Aus dem Ballett kennt man den Adagio als Teil des Pas de Deux. Er setzt eine Menge Körperkontakt voraus, Vertrauen, Kontrolle und ja: Hingabe. Alle hassen es. Und kein Tatort-Kommissar dieser Welt wird es je wieder brauchen. Aber: „Man kann keinen Schritt vor dem anderen gehen.“ (Pocher) Der zweite Teil besteht im Wesentlichen aus Handständen und komplizierten Bewegungswechseln die, Überraschung, die Frau auf dem Mann ausführt, vorrangig auf seinen Handflächen auch auch auf seinen Knien und Füßen. Es fallen Begriffe wie base und flyer, aber man könnte auch sagen: Er liegt auf dem Boden und man turnt so auf ihm herum. Pochers Kurs wurde deswegen intern als „Sexkurs“ gehandelt, denn der Legende nach war schon der ein oder andere Student nach unendlich erscheinenden Wochen in der selbst gewählten Askese nach der Acrobalance-Stunde und ein paar Gläsern Wein auf dumme Gedanken gekommen. Irgendwer fickt immer mit irgendwem in einer Schauspielklasse. Und alle wissen das hinterher. Die Kombination Mann-Frau ist am beliebtesten bei Acrobalance-Duos, denn Acrobalance setzt konzeptionell Stärke voraus und sieht sie vorrangig in Männerhänden. Man könnte auch Duos aus zwei Frauen bilden oder zwei Männern (wie in der Liebe). Für die Pocher kam das aber nur im Ausnahmefall in Frage. In unserer Klasse schon mal gar nicht, weil wir exakt so viele Männer wie Frauen waren. Also stellte sie nach einer enthusiastischen Vorrede und im Anschluss an ein paar Vorübungen und das ungenierte Studium unserer Körper (es wurden T-Shirts angehoben und Bäuche begutachtet) die Paare zusammen. All meine Gebete blieben unerhört. Die Pocher zählte zu jenen Dozenten, die der Ansicht waren, dass Steffen und ich ausgezeichnet harmonieren. Sie trieb mich in den Wahnsinn. Jemandem so nah zu sein, den man schlagen, quälen, töten will, ist schwer auszuhalten. Und obendrein ist dieser ganze Unfug abartig anstrengend. Man ist jede Stunde nass geschwitzt und man schwitzt seinen Partner gleich mit voll. Man spürt seinen Atem, seinen Körper, ob man will oder nicht, und für mich galt in diesem Fall: NICHT. Es war die Hölle. Aber wir waren irgendwie gut. Die Pocher war zufrieden mit uns, um nicht zu sagen, sie war begeistert. In einer Stunde attestierte sie Steffen ein hervorragendes propriozeptives Bewusstsein.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Tiefensensibilität“, erklärte die Pocher. „Er weiß ganz exakt, wo er im Raum steht.“

Wow, dachte ich tiefenironisch. Und die alte Hexe konnte meine Gedanken lesen und sagte zu mir: „Von allen Mädchen hier musst du dir am wenigsten Sorgen machen. Er wird dich niemals fallen lassen. Er liest deine Bewegungen. Er liest sie ohne hinzusehen.“

Danach mochte ich ihn noch weniger. Wir gingen mit der Bestnote aus dem Kurs. Wir waren das Bestnoten-Pärchen. Max und Juliane waren das Fickpärchen. Robert und Anna das Heulpärchen (Anna heulte jede Stunde).

Bestnoten-Pärchen. Aber es änderte nichts.

Er kommt mit einem zweiten Weinglas zurück und stellt es wortlos auf den Tisch. Er greift nach der Weinflasche und gießt Wein in das Glas. Mir fällt auf, dass er die Ärmel seines Hemdes aufgekrempelt hat. Vielleicht soll das suggerieren, dass er ein anpackender Charakter ist. Er stellt die Flasche wieder weg. Lehnt sich zurück.

„Ist das für mich?“, frage ich.

„Nein, für den Weihnachtsmann“, sagt er.

„Dem Weihnachtsmann musst du Milch hinstellen“, sage ich und greife nach dem Glas.

„Hast du Ahnung von Wein?“, feixt er.

„Nein. Du?“

Er zuckt mit den Schultern. „Probier halt!“

Ich probiere den Wein. Ich habe wenig Vergleichswerte, aber vermutlich ist der hier ganz gut.

„Warum guckst du Helene Fischer?“

„Ich gucke es nicht.“

„Erzähl keinen Scheiß! Klar guckst du das!“

„Es läuft. Ich gucke es nicht.“

„Aso. Nur so nebenbei.“

„Ja, nur so nebenbei.“

„Kannst du mir nicht mal die Wahrheit sagen?“

„Warum sollte ich?“

Hat er recht. Warum sollte er? Wir schweigen eine Weile. Helene singt, wird gehoben, getragen, geworfen. Ich kann jedoch keine echte Hingabe erkennen, ich denke, die Pocher würde sie durchfallen lassen.

„Also, erzählst du mir jetzt von deiner Oma?“, fragt Steffen unvermittelt.

„Was soll ich dir erzählen?“, frage ich.

„Wie war sie so?“

„Unbeherrscht“, sage ich.

„So wie du“, sagt er.

„Du kennst immer die Antwort schon, oder?“, sage ich. „Du kennst die Geschichte. Man kann dich mit nichts überraschen. Du hast alles immer schon durchschaut.“

„Meinst du, du wärst anders?“

„Vielleicht bin ich nicht so borniert.“

„Oh doch, Annika, du bist borniert! Für Leute wie dich ist dieses Wort erfunden worden. Borniert sein heißt auf seinen Vorstellungen zu beharren – und das tust du. Wenn du einmal eine Vorstellung von etwas hast, ist die in Stein gemeißelt. Macht keiner was dran.“

„Ich kann nichts dafür, dass Menschen so zum Kotzen berechenbar sind“, sage ich.

„Ja, na klar.“ Er schüttelt den Kopf. „Berechenbar.“

„Du bist natürlich total unkonventionell.“

Warum lasse ich mich von ihm beleidigen, zurechtweisen, erziehen? Es ist immer die gleiche Leier. Einmal waren wir auf einer Party. Anna (die Heulsuse) hatte Geburtstag und hatte alle in ihre WG eingeladen und es gab Nudelsalat und Rotwein (gekauft von Leuten wie mir, die keine Ahnung von Wein haben) und überall brannten Kerzen und es lief Bon Iver. Es war eigentlich echt nett. Wenn er nicht dabei gewesen wäre. Er kommentierte den ganzen Abend lang, was ich sagte: Entweder korrigierte er es oder stellte es in Frage oder er machte Witze auf meine Kosten. Als ich nach Hause ging, war ich so wütend, dass ich nicht schlafen konnte. Ich saß vor dem Fernseher und hasste mein Leben.

„Was willst du eigentlich hier?“, fragt er. „Bist du nur hergekommen, um mich runterzumachen?“

„Hattest du was Besseres vor?“

„Warum bist du so?“

„Wie bin ich denn?“

„Feindselig bist du.“

„Zu allen Leuten?“

„Nein, zu mir.“

„Denk mal drüber nach!“

„Okay, ich hab’s verstanden. Du hältst mich für ein Riesenarschloch. Aber wenn das so ist, dann verrat mir, was du hier willst! Warum kommst du an Weihnachten vorbei, setzt dich auf mein Sofa und putzt mich runter? Erklär es mir! Ich kapiere es nicht!“

„Du bist die Grenze. Irgendwie wollte ich heute Abend wissen, wie es da aussieht.“

„An der Grenze?“

Ich schaue in mein Weinglas und schwenke den Wein ein bisschen rum.

„Weißt du noch, wie die Pocher zu mir gesagt hat, dass du mich nie fallen lassen würdest? Sie hat Recht. Du bist der einzige Mensch, der mich noch nie enttäuscht hat.“

„Was angesichts deiner Einschätzung meiner Person nur sehr bedingt ein Kompliment ist.“

Ich höre das Grinsen in seiner Stimme. Ich muss ein bisschen lachen. Aber eigentlich ist mir auch zum Heulen zumute.

„Das war richtig scheiße mit meiner Familie“, sage ich.

„Klar“, sagt er leichthin, „ist halt Weihnachten.“

Aus der Küche kommt ein Geräusch, das klingt wie ein Gong.

„Was ist das?“, frage ich.

„Essen ist fertig.“

„Was ist denn Essen?“

„Currywurst aus dem Ofen.“

„Häh?“

„Bratwurst von gestern kleinschneiden, Auflaufform, Currysoße drüber, in den Backofen bis es gongt.“

„Du bist ja ein echter Gourmet!“

„Was meinst du, wie geil das zum Weißwein ist?“

Ich ertappe mich beim Lachen. So wirklich tief innen drin. Der Typ hat sie nicht alle.

„Na komm schon!“, sagt er.

Annika Büsing

www.annikabuesing.de

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freiTEXT | Katja Johanna Eichler

Schlamm und Schimmel

Sie trank inzwischen täglich Schlamm. Sie rührte sich jeden Morgen einen Teelöffel der Vulkanmineralien in ein Glas mit etwas Wasser, bis dies zu einer grauen Masse wurde und trank es. Jeden Morgen schaute er zu, wie die Masse in einem schmalen Rinnsal schwerfällig vom Glasboden in Richtung Rand rutschte und dann zwischen ihren beiden kirschroten Lippen verschwand. Jeden Morgen fand er, dass sie über Nacht wieder an Farbe verloren hatte, dass ihre Haut unterschiedliche Grautöne ausprobierte. Nach zwei Wochen fand er, dass ihre Haut auch die Grautöne verloren hatte und weiß, fast durchsichtig wurde. Im Folgenden fand er sogar, dass die Haut feine Risse bekam, so wie alter, weißer Marmor. Er dachte an antike Statuen in griechischen Tempeln, er dachte dann an Rom und an Pompej, an den Vesuv, der noch immer halb wach vor sich hin dämmerte und er dachte vor allem an Asche, die alle Häuser bedeckte und heiß in menschliche Lungen gesogen wurde. Inzwischen regnete es in jedem seiner Nachtträume Asche. Meist fiel sie in leisem Sinkflug auf eine zarte, fast durchsichtige Statue mit feinen Bruchstellen an Knien und Ellbogen. Bei näherem Hinsehen erkannte er Lola, obwohl ihr Statuen-Gesicht verzerrt aussah, die Stirn faltig, die Augen zusammen gepresst, der Mund eine schmale Linie. Es waren keine göttlichen Gesichtszüge, es waren schmerzverzerrte Linien. Eine Kore mit weltlich belastetem Antlitz.

Wenn er morgens aufwachte, lag sie nie mehr neben ihm. Vergeblich ließ er seine Hand Morgen für Morgen auf die andere Seite des großen Bettes wandern, das sie sich kurz vor Weihnachten zusammen gekauft hatten, nachdem sie diese Dachgeschosswohnung in der Innenstadt gemeinsam bezogen hatten. „Liebesnest”, hatte er sie damals liebevoll genannt. Jetzt war es „die Wohnung”. Eine Wohnung, in der zwei Menschen ein und ausgingen, um ihr Tagesgeschäft zu verrichten. Für Lola bedeutete das, früh aufzustehen, zur Uni zu gehen, danach die Unterlagen zu lesen, die wichtigen Stellen mit einem neongelben Marker anzustreichen und sie dann an der einzig richtigen Stelle in ihrem Universum von gereihten Ringordnern unterzubringen. „Die Wohnung” war zu einem Ort der Reihen geworden: Der Schuhreihen im Flur, der Bücherreihen im Wohnzimmer, der Reihen von Gewürz- und Müsligläsern in der Küche, von aufgereihten Kissen auf dem Sofa und Reihen von Duschgel- und Shampootuben im Bad.

In „Liebesnestern”, wie er sie meinte, gab es keine Reihen. Dort waren die Betten unordentlich, die Bettbezüge rochen nach Liebe und wiesen mehrdeutige Flecken auf. In „Liebesnestern” standen unbeachtet benutzte Weingläser herum, auf dem Küchentisch und neben dem Sofa, auf dem in wohliger Vertrautheit Kissen herum lümmelten. Espressokannen standen bereit, in denen jederzeit schwarzes italienisches Espressopulver aufgekocht werden konnte. Es gab Trauben im Kühlschrank und aufgebrochene Knoblauchzwiebeln, die achtlos neben großen Flaschen von frisch abgefülltem Olivenöl lagen. Es kam vor, dass Reste von Avocado, Schinken und roter Beete auf bunt befleckten Holzbrettern zu Zeugen eines gemeinsamen Kochens in leichter Bekleidung wurden, die einzig mögliche Schlussfolgerung nach einem Tag im Bett, der die Hautporen erfüllt hatte, aber nicht die Mägen. In „der Wohnung” fand sich von all dem nichts.

Als er Lola das erste Mal begegnet war, war sie weit davon entfernt gewesen, dem Abbild einer Göttin zu ähneln. Damals war sie eine Göttin. Sie unterschied sich von den anderen Erstsemesterinnen, die die Tischreihen des Hörsaals mit ihrer raschelnden und raunenden Profanität füllten, indem sie mit ihren Popos in viel zu engen Hosen die Klappstühle herunter drückten und nervös an ihren Haaren, dem billigen Modeschmuck und ihren Telefonen herum fingerten. Sie war ihm so anders als die anderen erschienen, dass ihr Anblick ihn geschmerzt hatte. An jenem Tag hatte er die Vorlesung dazu genutzt, sie genau zu studieren, ihr kantiges Profil mit dem starken Mund und der langen geraden Nase und ihre simplen glatten rötlichen Haare, die vorgaukelten, niemals irgendeiner Behandlung ausgesetzt gewesen zu sein. Als sie den Saal betreten hatte, schmucklos und schlicht gekleidet, hatten ihre Augen blitzschnell die Sitzreihen überflogen und zielbewusst seine selektiert. Er wusste, er hatte diese Wirkung, er war es gewohnt, dass ihm viele Blicke zukamen, doch damals war es anders gewesen. Nach der Vorlesung hatte sie hinter der weit geöffneten Flügeltür des Hörsaals auf ihn gewartet und er war auf sie zugegangen, als wäre dieser Augenblick alleine dafür bestimmt gewesen. Sie hatte ihm die Hand gereicht, sich ihm vorgestellt und er hatte ihre Hand mehrer Augenblicke in seiner gehalten. Nur drei Monate später waren sie zusammen gezogen. Er hatte sich glücklich gefühlt, bis das mit dem Schlamm begann.

Das mit dem Schlamm veränderte nicht nur seine Träume, sondern auch sein Geschmacksempfinden. Es fing damit an, dass er eines Morgens dachte, die Marmelade sei schimmelig. Oder das Toastbrot. Er nahm die Toastscheiben aus der Tüte, klappte sie auseinander und studierte sie sorgfältig. Aber er konnte keine Schimmelspuren entdecken. Er roch am verschmierten Deckel der Marmelade, stob mit der Messerspitze durch die rote Masse und quirlte die dunkelroten Punkte auf. Er konnte auch hier keine Schimmelschlieren entdecken. Irgendwann stellt er fest, dass sich der Schimmelgeschmack nicht nur auf das Frühstück beschränkte. Er zog sich durch alle seine Mahlzeiten. Er stellte auch fest, dass der Geschmack nicht pilzig, sondern steinig war. Er fragte sich, wie lange das mit dem Schlamm und dem Schimmel noch so weiter gehen konnte.

Es regnete, als er die Wohnung betrat, genau acht Wochen nachdem sie angefangen hatte, Schlamm zu trinken. Genau zwölf Wochen nachdem sie gemeinsam in ihr Liebesnest gezogen waren, das niemals eines werden sollte. Er zog seine Stiefel aus und stellte sie zu den anderen Schuhen, die sich im Flur an der Wand zwischen Eingangstür und WC-Tür aufreihten. Er zog seine durchnässte Jacke aus und hing sie an einen Haken aus der Reihe von Haken, die über die Schuhe wachte. Er ging in die Küche und sank erschöpft auf einen Stuhl. Es ließ das Licht aus, obwohl es draußen dämmerte und schaute abwechselnd zum Fenster hinaus und zu den Konturen der Trinkglas-Reihe auf dem Wandboard und der Müsligläser auf der Anrichte. Neben den großen Vorratsgläsern konnte er den weißen Kunststoffbehälter erkennen, der das puderige Pulver enthielt, das jeden Morgen als schmale Schlammlawine durch den Kirschmund rann. Er wusste, was auf dem Etikett stand, er wusste es auswendig, so oft hatte er es gelesen: Zeolith, Detox-Pulver, der Schadstoffbinder. Es würde alles absorbieren und hinaus transportieren, neue Energie geben, ja es half sogar gegen explodierte Atomreaktoren. Er hatte es selbst einmal probiert und er wusste, es machte Bauchschmerzen und einen grünlichen Stuhlgang, aber hey, alles nur leichte und völlig erträgliche Nebenwirkungen für einen maximal sauberen Darmtrakt. Plötzlich stand sie im Türrahmen, er erschrak und fragte sich, ob er die letzten Worte still gedacht oder laut gesagt hatte. Er hatte sie nicht kommen hören oder war sie die ganze Zeit da gewesen? Lief sie überhaupt noch oder schwebte sie bereits? Was hatte das Zeug schon alles absorbiert? Die letzten weltlichen Mikrospuren von Alkohol, Koffein und Schokolade? Oder bereits Nähr- und Mineralstoffe, gar erste Zellen? Höhlte es ihren Körper von innen aus? War sie nur noch die Hülle von Lola? Eine schwebende Kore in einem geordneten Imperium aus Reihen? Er sah ihr ins Gesicht. Es war nicht das verzerrte Antlitz aus seinen Träumen. Ihr Gesicht war klar und eben. Sie kam auf ihn zu, setzte sich auf seinen Schoß und legte ihre Arme um seinen Hals. Er konnte sie kaum spüren, aber er roch sie. Sie roch nicht nach Ascheregen. Sie roch nach Regenregen. Sie roch so anders als all die anderen. Sie roch so göttlich, dass es ihn schmerzte.

Katja Johanna Eichler

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freiTEXT | Daniel Klaus

Kaugummis

An die Langsamkeit muss ich mich erst gewöhnen. Das ist nicht einfach. Die Minuten verrinnen mir nicht mehr zwischen den Fingern, sondern sie knoten sich aneinander, ineinander, und manchmal bleibt die Zeit für einige Momente einfach stehen, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Aber die Krücken sind ein Fortschritt. Die ersten Tage durfte ich nur im Bett oder auf der Couch liegen, mit drei Kissen unter dem Fuß und einer Packung Eis darauf. Ich bin beim Basketballspielen umgeknickt. „Schwere Bänderdehnung“, sagte der Arzt, als er sich das Röntgenbild ansah. „Das braucht seine Zeit.“ Und mit dieser Diagnose hat er leider Recht gehabt. Ich bin froh, dass ich jetzt diese Krücken habe und mit ihnen die Wohnung verlassen kann. Endlich. Auf diesen Augenblick habe ich lange gewartet.

Es ist gar nicht so einfach, und es dauert eine ganze Weile, bis ich vom fünften Stock unten bin. Ich achte auf jeden Schritt, den ich mit meinem rechten Fuß und den beiden Krücken mache, und nach einer Weile merke ich, dass das Laufen für die Arme anstrengender ist als für das eine Bein. Eine seltsame Erfahrung. Schließlich öffne ich die Haustür und trete nach draußen.

Es ist halb ein Uhr mittags. In Berlin leben ungefähr dreieinhalb Millionen Menschen. Vielleicht 800.000 davon halten gerade Mittagsschlaf. Es ist sehr ruhig auf der Straße. Vielleicht hängt die Stille aber auch mit der Hitze zusammen.

Ich gehe ein paar Schritte durch diese mittagsmüde Großstadtstille. Vor dem Esmarcheck bleibe ich stehen. Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte die gegenüberliegende Hausfassade wie ein Tourist. Ich lasse meinen Blick wie einen Aufzug vom obersten Stockwerk bis zum Erdgeschoss hinuntergleiten und steige dort mit meinen Augen aus. In der Zeitgalerie ist es dunkel. In der Zeitgalerie ist immer Winter, denke ich, selbst im Sommer. Merkwürdigerweise scheint gerade an diesem Ort die Zeit spurlos vorbeizugehen, während sich der Rest der Straße in ständiger Veränderung befindet.

Mitten in diesen Überlegungen läuft der schüchterne Nachbar aus dem Hinterhaus an mir vorbei. Mit gesenktem Kopf. Er ist der erste Mensch, den ich heute sehe. Er trägt Segeltuchschuhe und bewegt sich lautlos über den Bürgersteig. Ich blicke ihm hinterher. Kurz vor der Apotheke bleibt er stehen. Er betrachtet irgendetwas an der Wand. Ich gehe ein paar Schritte weiter, weil ich neugierig bin, und jetzt kann ich es erkennen: Es ist ein Kaugummiautomat. Ich habe ihn vorher noch nie gesehen. Wie lange er wohl schon an dieser Wand hängt? Mein Nachbar kramt in seinen Taschen, holt eine Münze heraus und steckt sie in den Kaugummiautomaten. Mit einer andächtigen, fast feierlichen Bewegung, dreht er den Griff herum und hört auf das Klacken im Ausgabefach. Er wartet einen Moment, bevor er das Ausgabefach öffnet und die Kaugummis in seine Hand und von dort in ein Leinensäckchen rollen lässt, das er aus der Tasche gezogen hat. Ein Teil von ihm, sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung, erinnern an den kleinen Jungen, der er einmal war, und den ich nie kennen gelernt habe. Dann wiederholt er das Ganze.

Und wieder.

Und wieder.

Seine Bewegungen werden schneller und sicherer.

Es ist noch immer sehr ruhig in der Esmarchstraße. Wir sind die einzigen Menschen. Nur ein Radfahrer mit losem Schutzblech fährt in der Liselotte-Herrmann-Straße über das Kopfsteinpflaster. Mein Nachbar scheint tatsächlich den kompletten Kaugummiautomaten leeren zu wollen. Er steht nun vor ihm wie ein erfahrener Panzerknacker oder Juwelendieb und wirft ein Geldstück nach dem anderen hinein. Ruhig und systematisch räumt er den Kaugummiautomaten wie einen Geldsafe aus.

Mein Herz pocht. Es ist Blödsinn, aber ich komme mir vor wie sein Komplize, der Schmiere steht. Es ist niemand zu sehen. Er hat freie Bahn.

Und dann scheint er fertig zu sein.

Ich humpele mit meinen beiden Krücken zu ihm und werfe einen Blick auf den Kaugummiautomaten. Er ist leer. Ein perfekter, völlig legaler Raubzug.

„Hallo“, sage ich.

„Hallo“, sagt er und sieht mich an. Es ist das erste Mal, dass ich ihn reden höre. Er lächelt und hält mir seinen gefüllten Leinenbeutel hin: „Bitte“, sagt er. „Greifen Sie zu.“

Ich suche mir einen grünen, einen blauen und einen gelben aus. Auf einem Balkon im Haus gegenüber steht ein Windrad, das sich schläfrig im Wind bewegt. Ich stecke sie mir alle drei auf einmal in den Mund und beginne, die Farben abzulutschen.

„Die sind wirklich gut“, sage ich, die Ellbogen lässig auf die Krücken gelehnt.

„Davon träume ich seit ich elf bin“, sagt er. „Und heute, zwei Tage nach meinem 38. Geburtstag, habe ich es endlich gemacht.“

Wir stehen beide vor dem leergeräumten Automaten in der stillen Esmarchstraße. Ich gratuliere ihm nachträglich. Wir lächeln. Und zerkauen mit unseren Kaugummis die Zeit.

Daniel Klaus

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freiTEXT | Manon Hopf

wir haben noch den Schwindel einer Reise in den Beinen als wir schon im Feld stehen, aus dem tiefen Wein Erinnerungen ziehen die noch nachts in unsren Hosen halten, wüste Klettenköpfe sind am Schienbein, in den Kniekehlen ein Ziehen, Beugenwollen, wir sind groß geworden auf den Wegen senken wir die Blicke, suchen unsre Erde, unsre Gräser zwischen Kieselsteinen, Schotter, die Augen, die den Händen näher waren, jetzt ein Kopfumblicken sind, ein Sehen ohne Hand und Fuß, die Landschaft einsortierend, Nutzen, Schönheit die ein Nutzen ist der malträtierten Seelen, sie lassen sich scheuchen vom einsilbigen Kirchturmläuten durch die dünnen Gassen wächst ein Holzgeruch, im Ofen liegt die Ruhe einer schwarzen Nacht, die mit uns in dicken Jacken auf der Dachterasse sitzt, sich nach dem weißen Rücken streckt des greisen Mont Ventoux

Manon Hopf

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freiTEXT | Florian Neuner

Visions of Samuel, Teil 1

Beklemmung

Herr Samuel Lichtenbring litt seit einiger Zeit unter entsetzlichen Beklemmungszuständen und war daher nicht mehr Herr seiner selbst. Er konnte es sich nicht versagen, dauernd mit dem Fuß zu wippen, wenn er über einem trockenen Kolleg saß. Was der Mensch sei, war ihm undeutlich, und er hatte verlernt, es wissen zu wollen. In der Regel wollte er um diese Uhrzeit nur noch nach Hause.

Herr Samuel Lichtenbring versuchte es mit Laufen, er war aber bereits außer Atem, wenn er den Feldweg hinter seinem Haus erreichte. Dann setzte er sich ins Gras und seufzte, seufzte noch einmal, seufzte unzählige Male, als sei es eine Beschäftigung. Er saß da, als warte er auf jemanden oder auf Erlösung, er hörte ein paar Krähen, er zog seine Schuhe aus, gähnte, rieb sich die Augen, gähnte wieder, als ob ihn jemand erhören sollte ‒ der liebe Gott oder der Nachbar. Er ging dann nach Hause und duschte, bis die Haut rot war.

Herr Samuel Lichtenbring war kein Träumer. Er sah die Dinge in ihrer Einfachheit, die Dinge waren so, wie sie waren, mein Gott, warum sollten sie anders sein, warum sich Gedanken machen. Bis die nervösen Zustände begannen. Er hielt sich seitdem nachts wach, um algebraische Aufgaben zu lösen, er fütterte seinen Goldfisch, er las lateinische Abhandlungen über die Natur, er versuchte den Gesang der Vögel und die Stimmen der Menschen in Noten zu fassen. Herr Samuel Lichtenbring hatte an die Vollkommenheit seines Lebens geglaubt. Sein Leben war ein Kreis. In dem Kreis war alles. Keiner durfte in den Kreis. Herr Samuel Lichtenbring hätte eher seinem Goldfisch das Sprechen beigebracht ˗ wenn er nicht von der Idiotie dieses Unterfangens überzeugt gewesen wäre ˗ als sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Überzeugt nämlich war er von seinen Fähigkeiten. Bis eines morgens die nervösen Zustände einsetzten. Eigentlich fingen sie nachts an. Er sah nachts einen Film, und die Bilder gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Lesen wäre an sich eine gute Idee gewesen, aber plötzlich konnte er sich für kein Buch mehr entscheiden. So fing es an: dass er sich nicht mehr für ein Buch entscheiden konnte. In einer Kettenreaktion fielen ihm Entscheidungen fortan grundsätzlicher schwerer. Am nächsten Morgen überlegte er sich, ob er den Kaffee nicht ohne Zucker trinken sollte. Er bekam regelrecht Angst vor einer Zuckerkrankheit. Am Nachmittag wippte er bereits das erste Mal mit den Füßen. Das Kolleg sagte ihm gar nichts mehr. Er freute sich nicht mehr auf die Algebra, die lateinischen Abhandlungen, die Vogelstimmen. Das Essen schmeckte nicht mehr. Der Goldfisch schien plötzlich beim Durchziehen des Wasserglases deutliche Geräusche zu machen. Er konnte sich nicht mehr beherrschen, er hatte einmal in der Bibliothek eine Erektion, nur weil ihn eine Frau angelächelt hatte. Das erste Mal, seitdem er hier arbeitete, erlaubte er sich vor Feierabend an die frische Luft zu gehen, er atmete durch, doch es war zu  viel Luft und zu wenig Möglichkeiten. Er hatte auch auf einmal den Wunsch, fliegen zu können, und er kehrte an diesem Tag nicht in die Bibliothek zurück.

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Lukrez

Mechanisch kaufte er seinerzeit den Band Lukrez. Er war einerseits beeindruckt von dessen Versuch, zu erklären, was die Welt im Innersten zusammenhielt (er erinnerte sich an den Anspruch eines Biolehrers, der sie zu Beginn jedes Schuljahrs mit diesem Faust-Zitat gequält hatte) und das noch dazu fast ausschließlich mit Hilfe der damaligen Naturwissenschaft, die seinerzeit noch enger mit der Philosophie verzahnt war. Andererseits vergötterte er bereits als Oberstufenschüler die lebenspraktische, unironische Lakonie: Erst als Professor allerdings sollte er den Tipp, das Bordell zu besuchen, um sich vor Liebeskummer zu schützen, erst tatsächlich zu schätzen lernen. An irgendeiner Buchhandlung kam er vorbei, ging, von einem unerklärlichen Gefühl geleitet, hinein, erinnerte sich an die Blume und an den Lateinunterricht an der Schule und an einen Nachmittag im Juli, als er mit Gretchen Weiler im Gras saß und sie über die Natur sprachen, ein bisschen auch über Philosophie, das erste und letzte Mal, dass Herr Samuel Lichtenbring mit einer Frau über Philosophie sprach. Im Gras neben ihnJen lag Lukrez. Sie kamen direkt aus der Lateinstunde an diesen Musenort, den er einmal beim Umherschlendern entdeckt hatte. Die kleine Dorfschule, die sie besuchten, lag an einem Bach, worin sie badeten. Den Lukrez, der hier im Gras lag, verlor er irgendwann; gleichsam leistete er also auf eine Art Abbitte, oder vielmehr hatte er das Gefühl, Abbitte zu leisten, als er an diesem Nachmittag, von einer unbestimmten Ahnung geleitet, den Lukrez wieder kaufte. Entflammt steckte er ihn in die Tasche.

 

Rosenflügel

In seiner Kindheit hatten die Rosen keine Flügel. Dabei war er davon überzeugt, dass sie keinesfalls nur trostlos nach unten fielen. Die Blätter konnten sich auch in die winzigen, kaum wahrnehmbaren Ösen der Luft einhaken. Wie in einer Windhose für Liliputaner schraubten sie sich dann noch oben und fügten sich ins Himmelmosaik ein. Lange sah er ihnen nach, bis seine Augen sonnenfleckig und wolkenmustrig waren. Ikarus fiel ihm dann ein und dass er weiterschreiben musste, wenn es ihm schon nicht gelang, die Vorlesungsmanuskripte fertigzustellen.

Ein Bettler mit einem Strich wie einem Mund, goss diese besonderen Rosen. Waren sie verwunschen? Er wünschte sich dann immer ein Prinz im Märchen zu sein und der andere sein mittelloses Gegenstück. Das erinnerte er noch. Der Bettler hatte kleine Augen, die sich fast in die Höhlen zurück verkrochen. Sonst sprach er nicht viel. Als Gärtner war er von meiner Eltern ganz unvermittelt eingestellt worden. In einer Fußgängerzone sah ihn mein Vater und offerierte ihm einen Job, weil er ihn wohl an einen Schulkameraden erinnerte, der im letzten oder vorletzten Krieg gefallen war. Vielleicht handelte es sich auch nur um einen Bischof, der sich zur Erde neigen wollte, um substanzielle Arbeit zu leisten. Das hatte Samuel vielleicht aber möglicherweise bloß in einem Film gesehen.

 

Die Zahnbürste

Er steht nach dem Aufschlag der Geschlechter vor dem Waschbecken. Er hat die Zahnbürste vergeblich gesucht. Hierfür hat er den ganzen Rucksack ausgeräumt und ihn wieder eingeräumt, um ihn nur zur Vergewisserung noch einmal auszuräumen. Die Bürste ist nirgends zu finden. In ihrem Hintern entdeckt er die kindliche Kaiserin. Tut diese irgendetwas? Zwinkert sie vielleicht? Es beschäftigt ihn sehr, so sehr, dass er darüber fast die Güte des Ineinandergreifens der Geschlechter vergisst. Ihr macht das tatsächlich ein bisschen Wut. Ihn verwundert das. Sie aber will eben die Güte des Ineinandergreifens nicht relativiert wissen und seine Gedanken an die Zahnbürste lassen sie glauben, dasselbe habe ihm vielleicht nicht gefallen. Warum muss er auch an diese dämliche Zahnbürste denken? Warum kann er die Dinge nicht einfach sein lassen, auf sich beruhen lassen, in sich beruhen lassen, so wie sie eben sind. Woher kommt die Sucht, alles erklären zu wollen? Ja, warum muss er, kaum dass die bei dem Aufschlag verlorene Kontrolle zurückgekehrt ist, diese sofort wieder im Zwischenmenschlichen, in der Kommunikation, in seinem Gehabe installieren? Warum nicht die angenehme Taubheit auf seinem Penis genießen und die Reste des Warmstrahls ihrer Vagina auf der Haut belassen, auf seiner Zunge die Salzigkeit ihrer Klitoris?

Während es ihr kommt, denkt er an das arschkalte Wasser der Ach oder war es die Urspring, so genau weiß er es trotz ihrer mehrfachen Erklärung, welcher Fluss nun welcher ist, nicht, in einen von diesen beiden jedenfalls ist sie nach einem ausgedehnt schnellen Lauf gesprungen. Das erstemal, dass das Gesez der Freiheit sich an uns äußert, erscheint es strafend. Es kam ihr vier Mal. Müssen in der Erinnerung schon wieder vergangen sprechen, der Fluch des Nachträglichen. Nicht hintereinander, sondern immer wieder, während er sie leckte, dann von hinten in sie eindrang, in einer unbeschreiblichen Verrenkung, einem eigentlich unmöglichen Winkel, gerade noch ihren Kitzler zu fassen bekam, was sie in dieser einmaligen Mischung und der unvermittelten Heftigkeit der doppelten Penetration, dem h‘schen Gesetz der Wechselwirkung zwischen Stoff und Geist, nochmal kommen ließ; während sie sich selbst an ihrer Hand rieb, ließ sie der Schreck, dass es ihr wieder kam, nochmal in die Ach springen. Übertritt der Grenzlinie: viermal. Zweimal hin, zweimal zurück. Er erinnerte seine Kindheit, wo er nach dem Seilspringen, im Gebüsch kauernd und lesend, die Kacke zurückhielt, sie fließen ließ, sie wieder zurückhielt. Ich möchte nicht mit dir über deine Zahnbürste reden. Nicht jetzt, sagte sie. Das verletzte ihn. Es war eine, wenn auch von ihm gewollte Auslegung der Sache: Die Auflehnung, die sich in ihrer Weigerung, über den Verlust seiner Zahnbürste zu sprechen, erwies. Er konnte es nicht fassen, dass die Welt sie so wenig anging. Seine Welt, die er doch nur aus Zufall mit ihr und all den anderen Menschen teilte. Manchmal wünschte er sich einen Privatzugang zur Welt, einen eigens für ihn angefertigten Schlüssel, der einzig und allein in die Hintertür passte. Die Hintertür, die vielleicht auch einzig für ihn angefertigt war, sodass der Doppelzugang wie die Penetration, der Ausgang zur Welt für sie, verdoppelt war. Er bedauerte, dass es ihm aufgrund seiner Anatomie nie so heftig kommen würde. Die seidige Taubheit auf seinem Geschlecht, wurde langsam aber sicher auch zum Schmerz. Und die Zahnbürste hatte er immer noch nicht gefunden. So sehr er sich auch anstrengte, die Dinge auf sich beruhen zu lassen, mischten diese sich immer wieder ein. Er musste wohl heute Nacht ohne seine eigene Zahnbürste leben, notgedrungen eine von ihr nehmen. Warum war ihm das unangenehm?

Florian Neuner

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freiTEXT | Anna Sophia Merwald

Sie an der Leine

Sie bauen ein Haus, leben sich ein und kleben auseinander, sie vegetieren in vorbildlichen Gärten mit gestriegelten Kindern und verriegelten Türen.
Sie zwingen die Mundwinkel und sie wippen mit dem Kopf, im Takt ihre vollautomatischen Rasenmäher, die nichts machen und auch Lärm.
Sie lugen über ihre tapezierte Hibiskushecke, ihre Perücken Ton in Ton, die Kinder tragen Maulkorb, der Terrier Schnuller, sie selbst eine Leine.

Eigenmächtig mähen sie den Rasen, weil der Roboter tuts doch nicht.

Die Kinder, eins, zwei, sie haben den Überblick verloren, machen ihnen Nudeln in der Mikrowelle kalt.

Eigenmächtig mähen sie den Rasen, weil sie wollen, dass er nicht mehr ist.
Und als er dann nicht mehr ist als geschredderte Erde, schlucken sie in 30 Gramm dosierte kalte Nudeln.
Die Kinder wissen einfach, was ihnen schmeckt, sagt Kind zwei. Oder drei.
Sie haben den Überlick verloren.

Geht in die Arbeit, spielen, sagen sie zu den Kindern, drei, zwei, sie haben die Rollen verloren.
Die Kinder schleudern zur verriegelten Tür und schnellen zurück.

Sie ersticken fast, ziehen sich die Nudeln wieder aus dem Hals, wer soll denn das alles schlucken. Mit bloßer Hand wühlen sie in ihren Hälsen.
Sie suchen nach sinnhaftiger Ordnung, doch ihre Körper sind Hülsen. Sie sind offene Rohre und gestaute Vakua. Sie sind an Überwässerung getrocknete Pfützen.

Die Kinder, eins, vier, sie haben die Fassung gewonnen, reißen die Hibiskushecke von der Wand, trampeln sie zu Boden.
Sie werden gestürzt und laufen aus.
Und später bleiben die Gärten leer und dann ist der Terrier - Leinen los! - an der Leere ertrunken.

Anna Sophia Merwald

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