freiTEXT | Daniela Ziegler
Coming-Out
Über vieles spricht man nicht. Darüber, dass man kein Auto hat, dass man einsam ist, dass man kein Geld oder Angst vorm Urlaub hat. Als Anne Theobald von ihren Ersparnissen lebte und nicht wusste, ob sie jemals wieder eine Stelle bekommen würde, hätte sie sich lieber die Zunge abgebissen, als jemandem davon zu erzählen. Über Armut spricht man nicht. Außer, wenn es die Armut von Kindern ist. Kinder dürfen arm sein, Erwachsene nicht. Warum? Weil Erwachsene an ihrer Misere selbst schuld sind, Kinder aber nicht. Anne spricht sowieso eher wenig. Würde man sie fragen, warum, würde sie sagen: Mir fällt oft nichts ein, was ich erzählen oder sagen könnte. Die Kolleginnen wissen immer irgendetwas, besonders Neuigkeiten, aber ich nicht.
Interessiert sich Anne denn für Neuigkeiten? Nein. Die Kolleginnen schon. Sie sind ganz jappelig auf das Allerneueste, und wenn es ihnen nicht von selbst zufliegt, fragen sie danach. Anne weiß nie etwas Neues, weil sie nie danach fragt. Manchmal fällt ihr etwas ein, was man erzählen könnte, ist sie dann aber im Kolleginnenkreis, ist es wieder wie weggeblasen. Wenn es ihr wieder einfällt, ist es meist zu spät. Dann ist der Zug schon abgefahren. Wer nichts erzählt, hat vielleicht etwas zu verbergen, eine Schande oder ein schweres Gebrechen. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Obwohl Annes Kolleginnen immer viel zu erzählen haben, sprechen auch sie nicht über alles. Zum Beispiel spricht niemand mehr über Sophie, die junge Kollegin, die vor einigen Monaten in die Psychiatrie gekommen ist und deren Programm Anne übernommen hat. Sophie hatte nie nein sagen können, hatte sich immer alles aufladen lassen und daher immer ein übervolles Programm.
Dass das niemand bemerkt hat, ist Anne heute noch ein Rätsel. Wieso hatte die Abteilungsleiterin eigentlich nie etwas dagegen unternommen? Einmal in einer stillen Stunde am späten Abend hatte Sophie Anne vom Betrieb ihres Vaters erzählt, der auf keinen grünen Zweig gekommen war, weil er säumige Kunden nie mahnte, ja, manchen sogar das Begleichen der Rechnung erließ. Frau und Kinder versuchten zwar, die Firma zu retten – zwecklos. Mit seiner Nachsicht machte er immer wieder alles zunichte. Die Probleme der Firma zu ihren eigenen zu machen, steckte Sophie im Blut. Eines Tages hatte sie sich endgültig übernommen und war krankgeschrieben. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass Sophie in der Psychiatrie sei. Anne, die keine Berührungsängste mit der Psychiatrie hat, hat sie dort einmal besucht. Aber die Kolleginnen hatten davon nichts hören wollen, obwohl Anne gerne davon erzählt hätte.
Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause fertig mit Aufräumen und schaut gerade noch den Schluss eines Krimis. Bevor sie sich von einer Liebesszene zwischen dem Kommissar und der ursprünglich Verdächtigten berühren lässt, denkt sie: Der Darsteller des Kommissars ist schwul, obwohl sie das gar nicht wissen kann, da er ihr völlig unbekannt ist. Ein stechender Schmerz in ihren Därmen lässt sie aufstöhnen. Ihr Bauch schmerzt so sehr, dass ihr der Schweiß ausbricht. Kein Wunder, sie hat seit Tagen Verstopfung. Wann ist das zum ersten Mal aufgetreten? Nach der Trennung von Andreas? Seit dem Umzug? Seit sie in der Berliner Firma anfing? Sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Später versucht sie, lange aufzubleiben, damit sie sich nicht schlaflos im Bett wälzt. Sinnlos. Um zwei wacht sie von Bauchschmerzen auf, geht ins Bad, kann aber trotzdem hinterher nicht mehr einschlafen. Ihre Gedanken beginnen zu rotieren und drehen sich um ihre gewesene Beziehung zu Andreas. Wann hat es angefangen? Wieso hab ich’s nicht gemerkt? Hätte ich es merken können? Und: Hätte ich denn überhaupt etwas daran ändern können? Hat das eine das andere bedingt? War ich nur Mittel zum Zweck, nur ein Katalysator für unklare, unausgegorene Gefühle? Dass ich ihn überhaupt anziehen konnte, wies schon auf den Ausgang der Beziehung hin. Also lag es an mir ... Zwischendurch nickt sie manchmal erschöpft ein, wird aber von jedem vorüberfahrenden Auto, von jeder Stimme auf der Straße, sogar vom Knacken der Bodenbalken wieder aufgeschreckt.
In der Schule hatte man sie immer mit ihrem Nachnamen „Theobald“ gerufen, und Andreas hatte sie manchmal Theo genannt. Das ärgerte sie nicht nur, sondern tat ihr auch weh. Einmal sagte sie: „Hör doch auf damit. Das wäre ja, wie wenn ich zu dir Andrea sagen würde. Wie würde dir das gefallen?“
Daraufhin lachte er wie gekitzelt und hatte auf einmal einen Glanz in den Augen, den sie noch nie an ihm gesehen hatte und der sie irritierte. Er sagte dann nie wieder Theo zu ihr. Eines Abends, als sie nach einer abendlichen Verabredung auf dem Heimweg war, glaubte sie, ihn gesehen zu haben, wie er zusammen mit zwei jungen Männern aus dem Whisky herauskam, der einzigen Schwulenkneipe der Stadt. Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht, und er war es gar nicht. Sie sprach ihn nicht darauf an. Kurze Zeit später hatte er sein Coming-Out. Wie ihre gemeinsamen Freunde und Bekannten seinen Mut feierten! Wie sie sie zu ihrer, Annes!, Toleranz und Langmut gratulierten! Ganz selbstverständlich setzten sie ihr Verständnis voraus, ohne gefragt zu haben, ob es auch vorhanden sei. Der Mann, der sich von seiner Frau trennt, weil er seine Homosexualität entdeckt, kann auf jeden Fall auf die Toleranz seiner Frau zählen, meinte man. Warum eigentlich?
Bei Treffen im Freundeskreis brachte Andreas seinen Liebhaber mit. Auch Anne war oft dabei, denn schließlich gehörte sie ja dazu. Wie sie auf einmal alle zu Experten wurden! Tschaikowski war schwul, Rock Hudson, ach ja, und der alte Fritz ja auch, die alten Griechen sowieso und Oscar Wilde!, und Andreas sonnte sich im Glanz seiner Ahnenreihe. Eines Abends hatte Anne offenbar etwas zu viel getrunken, begann zu kichern und meinte: „Vergesst nicht Siegfried und Roy, die tausendmal Gelifteten, und den dicken Elton John...“
Sie lachte lauthals mit zurückgelegtem Kopf, schrie fast vor Heiterkeit und konnte nicht wieder aufhören. Das war schrecklich peinlich, und alle versuchten, sie abzulenken und von etwas Anderem zu reden, aber sie konnte und konnte nicht aufhören zu lachen. Von da an zog sie es vor, sowohl ihren Freunden, die nicht die ihren waren, und vor allem Andreas aus dem Weg zu gehen, was nicht einfach war, denn in der überschaubaren Stadt begegnete man sich immer wieder. Zum Glück hatten Andreas und sie in all den Jahren nie daran gedacht, zusammenzuziehen, oder gar zu heiraten! Welch ein Segen!
Was vorbei war, war vorbei, auch wenn es weh tat. Die gute Freundin von Andreas wollte sie nicht sein, niemals. Am schlimmsten war, als sich Renate, die sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt hatte, ihr einen seltsamen Vorschlag machte:
„Du bist allein, ich bin allein. Gemocht habe ich dich schon immer. Warum wollen wir uns nicht zusammentun? Wir könnten es doch mal probieren?“
Entsetzt war sie auf und davon gelaufen. Nicht aus moralischen Gründen. Oder doch: genau aus moralischen Gründen. Eines Tages war Anne nicht mehr da. Eines Tages hatte sie ihre Stelle als Arztsekretärin in der Psychiatrie gekündigt und war nach Berlin gezogen. In der Zwischenzeit hatte sich ihr Äußeres unmerklich gewandelt. Sie selbst hatte es gar nicht gemerkt, erst als sie einmal die wenigen Fotos, die in dieser Zeit entstanden waren, genauer betrachtete, fiel es ihr auf: Obwohl sie Frisur und Kleidung nicht verändert hatte, hatte sie während der Zeit der Trennung ein fast mönchisches Äußeres angenommen. Erst in Berlin wurde sie wieder zu Anne. Wenn sie seitdem nachts wach liegt und nicht mehr einschlafen kann, dreht sich ihr Gedankenkarussell stets um das gleiche Thema: Was ist falsch mit mir? Wer bin ich? Irgendetwas war falsch an mir. Grundlegend falsch. Aber was? Warum hab ich ihn damals angezogen? Warum hab ich ihn wieder abgestoßen?
Gegen Morgen schläft sie endlich ein.
Anne hat Feierabend, sie ist zu Hause und bügelt. Dabei hat sie wie so oft den Fernseher angeschaltet, um eine Stimme im Raum zu haben, aber sie schaut nicht auf den Bildschirm, sondern sinniert so vor sich hin. Die Tage sind schon länger geworden, denkt sie. Gottseidank. Dann sieht die Welt immer anders aus. Als ob etwas Neues beginnen würde, etwas nie Dagewesenes. Aber wann geschieht schon ein Wunder?
Der arte-Sprecher sagt: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Seit Rosa von Praunheim hat sich für die Situation der Schwulen, wie sie sich in bewusster Aneignung des diffamierenden Schimpfwortes ‚schwul‘ selbst nennen, viel verändert ...“
Anne denkt: Mariä Lichtmess. Schon vorbei. Mariä Lichtmess, bei Tag zu Nacht ess. Oma hat das früher immer gesagt. Wann hat man früher eigentlich zu Nacht gegessen?
„... Verherrlichung der Liebe zwischen Mann und Jüngling, wie in der griechischen Adelsgesellschaft ... Thomas Manns Tod in Venedig, die Liebe eines alternden Familienvaters zu einem jungen und schönen Unbekannten ... als Märtyrer seiner späten Leidenschaft, die die eigentliche Leidenschaft seines Lebens zu sein scheint, bedeutsamer und erfüllender als das Familienleben mit Frau und Kind, das im Gegensatz zu dem Liebesideal, das der junge Tadzio zu versprechen scheint, nur als trivial empfunden werden kann ... in der Literatur und heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts ...“
Da hebt Anne den Blick, als hätte sie jemand gerufen, und schaut Andreas direkt in die Augen. Ein Mann in mittleren Jahren in den Armen eines anderen, beide spärlich, aber bunt bekleidet. Ein Mann mit falschen Wimpern, geschminktem Mund, knappem Slip und bunten Federn auf dem Kopf, in selbstverliebter, provokanter Pose. Das zweidimensionale Bild ihrer Schmach springt sie flimmernd an. Anne ist wie gelähmt. Den hab ich mal geliebt. Mit dem war ich jahrelang zusammen. Den kannte ich gut, ohne ihn zu kennen. Ihr sausen die Ohren. Sie sieht nicht mehr richtig. Das Bild verschwimmt ihr vor den Augen. Sie hält sich am Bügelbrett fest und schaltet schnell das heiße Bügeleisen aus. Ihr wird schwindlig. Bauchpresse, Bauchpresse, denkt sie. Nicht umfallen. Alles kommt wieder. Wie kriege ich dieses Bild aus dem Kopf? Was soll ich nur tun? Und an das ewige Was ist falsch mit mir? hängt sie klagend an: Was hat er mir angetan? Endlich.
Denn diesen Gedanken hat sie noch nie gedacht.
Nachdem sie das zweidimensionale Bild ihrer Schmach angesprungen hat, fällt Anne in tiefe Verzweiflung. Keine Helfer in der Nähe. Freundin Manuela hat eine Affäre angefangen. Das heißt, dass sie eine Weile nichts von ihr hören wird. Kollegin Heimeran wäre sicher allzu bereit, sich ihrer anzunehmen, aber davon nimmt Anne lieber Abstand. Ohne es zu merken, sucht Anne den Arbeitsrausch. Als Zehnjährige hat sie im Kurpfälzischen Museum ihrer Heimatstadt mit ihrer damaligen Schulfreundin beim Zusammenkleben von Scherben aus der Römerzeit mitgeholfen. Schon damals hatte sie dieses Gefühl des Arbeitsrausches kennengelernt. Still im kleinen Hof des Museums zu stehen und immer wieder jede Scherbe an jede Scherbe halten, ob sie passt oder nicht, und wieder von vorne anfangen, bis die ersehnten zwei, drei zusammengehörigen Stücke die Ahnung einer Gefäßrundung ergeben. Oder sie schnitt Bilder, Artikel und Gedichte aus Zeitungen und Zeitschriften aus, die sie aufklebte und abheftete. Auch da dieses Gefühl des Versunkenseins, der ausgesperrten Zeit, die keine Rolle mehr spielte. Sie konnte sogar darüber weghören, wenn Mutter lamentierte: „Du mit deiner Kleberei! Was das kostet! Papier und Uhu! Du wirfst das Geld nur so zum Fenster hinaus! Und ich bezahle es! Wenn du mal groß bist, meinst du, du könntest dann den ganzen Tag Bilder ausschneiden? Da heißt es arbeiten! Und nicht kleben!“
Ein Zeitungsfoto, das sie zu Hause über ihren Schreibtisch gehängt hat, erinnert sie an diese Zeit: Eine Frau, die alleine in einem Kellerraum, so lang wie eine Kegelbahn, sitzt, ist damit beschäftigt, zerrissene Papiere wieder zusammenzukleben. An der Wand sind die Dokumente aufgehängt, die sie bereits vollständig rekonstruiert hat. Wer ist die Frau? Was tut sie da genau? Wie lange sitzt sie schon da? Wie lange wird sie noch da sitzen und Papierstück an Papierstück halten?
Anne aber macht genau das Gegenteil: Sie hat die Kartons mit alten Unterlagen hervorgeholt, und mit einer fürchterlichen Wut zerreißt und schreddert sie Prospekte, Zeitungsartikel, Tagebuch-Aufzeichnungen und vor allem Postkarten und Briefe, viele Briefe!, zum Beispiel von Andreas und ihren falschen Freunden. Mit Genuss wirft sie die Papierschnipsel in den Mülleimer zu den gebrauchten Kaffeefiltern, Teebeuteln, Apfelschalen, sie wirft sie nicht zum Altpapier, da sollen sie nicht hin, nein, in die Ursuppe sollen sie wieder hinein. Nicht da, wo sie wiederverwertet werden und ein zweites Leben leben dürfen, sondern zwischen durchgesuppte Kaffeefilter, gequollene Teeblätter, faulendes Gemüse, den Staub aus dem Staubsaugerbeutel, zwischen die Windeln des Nachbarkindes und die Kippen ihrer Eltern. Damit sie fleckig werden, durchtränkt, zur Zersetzung freigegeben. Weg damit!, denkt Anne und schnürt einen Abfallbeutel zu, in dem die Zersetzung bereits ihr Werk begonnen hat. Dann atmet sie auf. Tief bis in die Lungenspitzen hinein.
In der Nacht träumt sie, sie läge in einem Krankenwagen; der Fahrer dreht sich zu ihr um, lacht und sagt: „Mach dir keine Gedanken, das kann doch jedem mal passieren.“
Er lacht und will gar nicht mehr damit aufhören. Auf einmal sitzt sie neben ihm auf dem Beifahrersitz. Das Dach des Krankenwagens öffnet sich und ein bunter Konfettiregen rieselt vom blauen wolkenlosen Himmel auf sie beide herab.
Als Anne um acht Uhr aufwacht, fühlt sie sich wohl und zuversichtlich. Die Welt hat ein anderes Gesicht.
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freiTEXT | Katharina Ganss
Café Ursula
Ein Fleck, rund und braun, zieht sich über den Boden der Espressotasse. Ursula hebt sie gegen das Licht. Der Fleck sieht aus wie ein Auge. Sie greift zum Tuch, reibt. Der Fleck bleibt. Das Porzellan ist alt. Sie hat es vom Vorgänger übernommen.
Draußen, am Balneario 6, hängen die Balkone der Hotelblöcke wie Schuhkartons übereinander. Aus einem Radio dringt spanischer Pop, irgendwo scheppert Geschirr. Auf dem Gehweg schieben Touristen in Badelatschen ihre Sonnenbrände spazieren, daneben ein paar wenige Einheimische, um diese Jahreszeit noch in Winterjacken.
Ursula lächelt. Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, wofür sie ihr Erbe ausgegeben hat. Aber sie muss ja nicht alles wissen.
Die Luft im Café steht, aus der Ecke das leise Brummen des Kühlschranks. Sie öffnet ihn, prüft die Kälte mit der Hand. Genug für die Coca-Cola-Flaschen. Daneben der Zapfhahn. Nur der Bier-Lieferant war noch nicht da. Sie schaut auf ihr Handy. Nichts.
In den Regalen hinter der Theke die Gläser, sortiert nach Größe. Daneben eine Reihe Teebeutel in kleinen Holzkästen, mit Fähnchen nach vorne: Kamille, Pfefferminz, Fenchel, Schwarzer Tee.
„Trinken die da nicht nur Bier?“, hatte Achim gefragt.
„Eben nicht. Das nennt man Marktlücke“.
Sie atmet durch. Einmal. Dann noch einmal.
Auf den Tischen die leeren Vasen, daneben der Karton mit den Kerzen. Zwei Stühle sind nicht ausgeklappt, die Sitzkissen nicht ausgepackt. Die Musikanlage blinkt grün, aber es kommt kein Ton. Ein Kabel hängt lose von der Decke.
Ursula stützt eine Hand am Tresen ab. Holt ihr Handy heraus, wischt über das Display.
Immer noch keine Nachricht vom Bier-Lieferanten.
Ihr T-Shirt klebt am Rücken. Sobald der Sommer erst richtig da ist, wird sie um eine Klimaanlage nicht herumkommen. Draußen Gejohle. Ein Moped knattert vorbei. Beschützend streicht sie über die zwei Porzellanfiguren vor ihr auf der Holzplatte: eine dicke Köchin mit Tablett und ein lachender Bäcker mit ausgestrecktem Arm. Die hat sie aus Deutschland mitgebracht. In diesem Moment klopft es an die Glastür. Ursula zuckt zusammen, streift sich die Hände an der Hose ab.
Sie geht zur Tür, das Schild genau vor den Augen: „Cerrado“.
Durch das Glas sieht sie eine Frau, etwa gleich alt, gebräunt, weiße Bluse, die Sonnenbrille baumelt an einer Kette um den Hals. Die Frau winkt.
Ursula öffnet einen Spalt.
„Ich wollte wirklich nicht stören“, sagt die Frau und lächelt breit. „Aber ich hab gesehen, dass Sie neu sind, und da dachte ich mir: Ach komm, klopf einfach mal.“
„Ich eröffne erst morgen.“
„Ja, ja, klar. Ich wollte eigentlich nur kurz Hallo sagen. Ich bin Gudrun. Ich wohn hier gleich um die Ecke, die kleine Straße hoch, bei der Tankstelle, wissen Sie? Gegenüber vom Mercadona.“
Ursula nickt.
„Ich hab draußen das Schild gesehen und dachte gleich: endlich mal was Gemütliches hier. Wissen Sie, so was für die Seele.“
Ursula steht noch immer halb hinter der Tür. „Wollen Sie kurz reinkommen? Ich wollt grad sowieso…“, sie lässt den Satz offen.
„Ach wie nett. Nur wenn’s wirklich passt. Ich will Sie ja nicht aufhalten.“ Gudrun tritt ein, ohne zu zögern, schaut sich um, bleibt mitten im Raum stehen, die Tasche in der Armbeuge. „Schön haben Sie’s hier.“
„Einen Eistee?“, Ursula geht zur Theke, greift zur Karaffe.
Gudrun setzt sich an einen der noch nicht eingedeckten Tische. Schiebt eine Vase ein Stück zur Seite, richtet den Blick auf Ursula. „Ich liebe so was. Ich hab ja selber lange im Service gearbeitet, damals noch in Deutschland. Aber das ist ja heute auch nicht mehr das gleiche Land, oder?“
Ursula antwortet nicht sofort. Sie lässt Eiswürfel in die Gläser gleiten, langsam, es klirrt leise. Mutter hat auch immer so viel geredet.
„Schön warm heute, oder?“, Gudrun greift nach dem Glas. „Ich hab vorhin schon die ersten Verrückten im Meer gesehen. Bald ist hier wieder die Hölle los.“
Ursula nickt.
„Ich find’s toll, dass Sie das hier machen. Wirklich. So mutig. Schmeißen Sie den Laden ganz allein?“
„Fürs Erste ja.“
„Super. Die Leute werden’s lieben. Und wie kommt es, dass Sie hierhergekommen sind? Wenn ich fragen darf?“
Ursula bückt sich, stellt den Karton mit den Kerzen auf den Tisch, löst das Klebeband mit dem Schlüsselbund. Innen liegen die Kerzen in zwei Lagen, getrennt durch dünnes, weißes Papier. Sie zieht das erste Blatt zur Seite. Der Wachsgeruch steigt ihr in die Nase, süßlich, mit einem Hauch Vanille. „Ich wollte mal was Anderes.“
„Ja. Klar. Wer nicht?“ Gudrun lehnt sich zurück. „Ich hab jahrelang gesagt, ich zieh weg. Und dann kam, naja, dann kam der Punkt. Ich konnt nicht mehr. Man hält’s einfach nicht mehr aus, da drüben.“
Ursula nickt. Sie nimmt eine Kerze, dreht sie kurz in der Hand, setzt sie vorsichtig in den Kerzenhalter vor ihr. Sie wackelt. Ursula drückt sie leicht an, dreht sie, bis sie steht. „Ich hab es auch nicht mehr ausgehalten.“
„Ich mein, ganz ehrlich. Man darf doch gar nichts mehr sagen. Alles wird zensiert oder gleich falsch verstanden. Und wenn man dann mal was Kritisches sagt, ist man sofort in der falschen Ecke.“
Ursula hält die Kerze einen Moment zu lange zwischen den Fingern.
Das Gleiche hatte sie Achim erklärt. Oder versucht zu erklären.
Er hatte sie ausgelacht. „Wart´s ab, in einem halben Jahr bist du wieder zurück in Deutschland.“
Die Kerze, die sie in der Hand hält, rutscht ab, prallt vom Halter ab, rollt über den Tisch, landet auf dem Boden. Ursula bückt sich, hebt sie auf. Ein kleiner Riss zieht sich über die Seite, fast unsichtbar. Sie schiebt die Kerze in den Halter, richtet sie gerade. „Man wird nur noch verwaltet.“
„Genau. Nur noch Regeln, nur noch Vorschriften. Da wird doch jeder zum Duckmäuser.“
„Und dann die Preise“, Ursula zieht das Handy aus der Hosentasche. Kein Anruf, keine Nachricht. Sie zieht einen weiteren Karton hervor. „Alles teurer.“ Im Karton liegen die Kissen in zwei Reihen, säuberlich gestapelt, jedes in eine dünne Plastikhülle eingeschweißt. Dunkelgrüner Stoff. „Und nur miese Stimmung. Misstrauen überall.“ Sie nimmt das oberste heraus, reißt die Folie auf
„Aber hier ist’s anders, Sie werden´s sehen. Hier hat man noch Ruhe. Und Platz. Und Sonne.“
„Deswegen bin ich hier.“ Ursula kniet sich vor den ersten Stuhl, legt das Kissen auf die Sitzfläche. Sie zieht die Bänder nach unten, verknotet sie mit schnellen Fingern. Der Knoten rutscht. Sie zieht fester.
„Sie verstehen also, was ich meine. Sie haben die Konsequenz gezogen. Ich find das stark. Wirklich. Und dann gleich was Eigenes aufbauen.“
Ursula greift zum nächsten Stuhl, streicht über die Sitzfläche.
„Was Eigenes aufbauen“, endlich mal jemand, der das versteht. Mutter hatte damals eh nur noch genickt, egal, was man ihr erzählte.
Und Achim hatte gelacht, als sie ihm von der Café-Idee erzählt hatte. „Du?“ Dann war er zum Fenster gegangen, hatte eine seiner Zigaretten angesteckt.
Ursula legt das nächste Kissen auf, zieht die Bänder durch die Streben, knotet. „Ich wollte immer ein eigenes Café. Schon als Kind.“
„Na, sehen Sie. Dann war’s doch genau richtig. Ich mein, irgendwann muss man doch einfach raus. Aus dem ganzen Zeug. Aus diesem System da.“ Gudrun strahlt. Sie sieht sich um, zeigt auf die Fensterscheibe. „Und der Blick! Und das Licht! Und das Meer! Das kann einem jedenfalls keiner nehmen.“
Ursula richtet sich auf, folgt ihrem Blick.
Draußen flimmert der Asphalt. Das Meer ist von hier aus nicht zu sehen, aber der Kiosk auf der anderen Straßenseite hat bunte, aufblasbare Schwimmringe in der Auslage.
Ursula wirf einen Blick auf ihr Handy. Keine neue Nachricht. Sie öffnet ihren E-Mail-Account, aktualisiert. Nichts. Der Bier-Lieferant hätte längst da sein sollen.
„Ist was?“, fragt Gudrun.
„Die Lieferung der Bierfässer. Der Fahrer hat sich gemeldet, dass er gleich da ist. Vor über einer Stunde. Jetzt: Funkstille.“
Gudrun verdreht die Augen.
„Ich eröffne morgen, und hab nicht mal die Getränke.“
„Spanier?“
Ursula nickt.
„Na dann. Das wundert mich überhaupt nicht. Hier läuft alles ein bisschen anders.“
Ursula nimmt das Handy. Dreht es einmal in der Hand, legt es wieder hin. Legt beide Hände vor sich ausgestreckt auf den Tisch. Die Tischdecke hat eine Falte, diagonal unter dem Platzset. Draußen grölt wieder jemand „Atemlos“.
Sie nimmt das Platzset vom Tisch. Darunter ist der Stoff dunkler, unberührt. Sie streicht die Falte glatt, legt es zurück, genau auf die Falte.
Morgen würden die ersten Gäste kommen.
Die Falte bleibt.
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freiTEXT | Thomas Arta
Die Möglichkeit eines Sommers
Nach dem Wochenende mit Jonas lag eine neue, leise Spannung in der Luft. Die Tage danach waren wie ein langsames Auftauen – ich funktionierte, erledigte meine Arbeit, aber in meinen Gedanken war ich schon bei Freitagabend. Immer wieder malte ich mir aus, wie es sein würde, Lisa wiederzusehen. Ich erinnerte mich an unser letztes Gespräch, an ihre Unsicherheit, an die Worte, die unausgesprochen zwischen uns standen. Ich fragte mich, ob sie sich verändert hatte, ob ich mich verändert hatte – und ob wir es schaffen würden, wieder diese Leichtigkeit zu spüren, die uns am Anfang verbunden hatte.
Am Abend der Lichtshow fuhr ich mit der Bahn in den alten Industriebezirk. Es war einer dieser klaren, kühlen Frühlingstage, an denen die Stadt nach Aufbruch roch. Schon beim Aussteigen spürte ich die besondere Atmosphäre: Das Kopfsteinpflaster glänzte feucht im Licht der Straßenlaternen, irgendwo in der Ferne vibrierte Musik. Ich folgte dem schmalen Weg zum Kunstkraftwerk, vorbei an rostigen Zäunen und alten Mauern, die von vergangenen Zeiten erzählten.
Am Ende des Weges entdeckte ich Lisa. Sie lief auf und ab, das Handy am Ohr, die Stirn leicht gerunzelt. Ihre Stimme klang konzentriert, fast streng. Ich blieb ein paar Schritte entfernt stehen und beobachtete sie. In diesem Moment wirkte sie wie jemand, der zwei Welten gleichzeitig jongliert – die der Arbeit und die des Lebens, das sie gerade mit mir teilen wollte.
Sie beendete das Gespräch, atmete tief durch und kam auf mich zu. Ihre Umarmung war flüchtig, als müsste sie sich erst wieder an meine Nähe gewöhnen.
„Schön, dass du da bist“, sagte sie, ein Lächeln auf den Lippen, das ihre Augen aber nicht ganz erreichte. „Tut mir leid wegen des Telefonats. Die Arbeit lässt mich heute einfach nicht los.“
Ich erwiderte das Lächeln, auch wenn ich einen kleinen Stich in mir spürte. „Kein Problem. Ist alles in Ordnung?“
Sie zögerte, schien einen Moment zu überlegen, wie viel sie preisgeben wollte. „Ja, alles gut. Nur ein paar Dinge, die sich aufgestaut haben. Aber ich möchte den Abend mit dir genießen. Können wir einfach… im Hier und Jetzt sein?“
Ich nickte. „Natürlich. Wenn du reden willst, bin ich da. Wenn nicht, dann lassen wir uns einfach treiben.“
Sie schien erleichtert, hakte sich bei mir unter, und wir gingen gemeinsam in Richtung des Eingangs. Das alte Kraftwerk ragte vor uns auf, die Fassade von sanft wechselndem Licht überzogen, der Bass einer fernen Musik vibrierte unter unseren Füßen.
„Ich bin gespannt, wie es drinnen aussieht“, sagte ich, um die Stimmung aufzulockern.
Lisa lächelte zum ersten Mal an diesem Abend wirklich. „Ich auch. Eine Freundin meinte, es sei wie ein Traum, durch den man spaziert. Ich hoffe, das hilft uns beiden, den Alltag für eine Weile zu vergessen.“
Wir betraten das Kunstkraftwerk, die schwere Tür fiel hinter uns ins Schloss. Die Maschinenhalle lag vor uns, hoch und weit, die Wände von zahllosen Projektoren gesprenkelt. Schon jetzt lag Magie in der Luft: Lichtkegel tanzten über rostige Stahlträger, Muster zogen sich wie leuchtende Adern durch den Raum. Wir fanden einen Platz in einem der Kreise auf dem Boden, jeder auf einem weichen Kissen. Die Lichter dimmten langsam. Für einen Moment war alles still, dann begann die Show.
Farben explodierten an den Wänden, Blautöne wirbelten mit Gold, als würde die Vergangenheit in Schichten von Licht neu erzählt. Massive Zahnräder drehten sich über unseren Köpfen, Dampf stieg auf, irgendwo ratterte eine virtuelle Maschine. Die Musik vibrierte durch den Boden, ließ mein Herz im Takt schlagen. Ich sah zu Lisa. Ihr Gesicht war vom Licht gezeichnet, die Augen weit, das Staunen kindlich und schön. Unsere Hände berührten sich wie zufällig – erst zog einer zurück, dann blieben sie liegen, ineinander verschränkt.
„Fühlst du das auch?“, flüsterte sie.
Ich nickte. „Ja. Es ist, als würden wir für einen Moment alles andere vergessen.“
Die Show wechselte von der Vergangenheit in eine Zukunft aus Lichtbögen und schwebenden Brücken. Lisa zeigte auf die Bögen: „Siehst du das? Als würden sie Welten verbinden.“
„Oder Menschen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst.
Sie sah mich an, und für einen Moment war alles offen. Ich spürte den Drang, sie zu küssen, hielt mich aber zurück. Die Projektionen tanzten weiter, verwoben sich zu neuen Formen, lösten sich auf. Es war, als reisten wir gemeinsam durch ein Kaleidoskop aus Zeit und Gefühl.
„Es ist faszinierend, wie sich alles ständig verändert“, sagte Lisa leise. „Und trotzdem bleibt etwas.“
Ich drückte sanft ihre Hand. „Wie Erinnerungen. Oder das, was zwischen uns ist.“
Sie lächelte, diesmal ehrlich. „Lass uns einfach diesen Moment genießen.“
Als die Show im Sternenmeer gipfelte, saßen wir still nebeneinander, die Hände verbunden, die Welt draußen vergessen. Als die letzten Lichter verblassten und der Raum wieder in sanftes Dämmerlicht getaucht wurde, blieben wir noch einen Moment sitzen, gefangen in der Nachwirkung des Erlebten. Schließlich standen wir auf und gingen langsam hinaus.
Draußen atmete Lisa tief durch, als hätte sie gerade eine Reise hinter sich. „Wow… das war einfach unglaublich“, sagte sie leise, fast ehrfürchtig. „Ich war wirklich fasziniert von den Licht- und Soundeffekten. Es war, als hätten wir eine Zeitreise gemacht.“
Ich nickte, suchte nach Worten. „Absolut. Ich habe noch nie so etwas erlebt. Die Art, wie sie Licht und Klang kombiniert haben… ich fühlte mich wirklich in eine andere Welt gezogen.“
Lisa lachte leise. „Es war, als ob die Vergangenheit und die Zukunft sich für einen Moment berührt hätten. Ich glaube, ich habe noch nie so sehr vergessen, wo ich bin.“
Ich grinste. „Und dabei warst du vorhin noch ganz woanders mit deinen Gedanken.“
Sie schüttelte den Kopf, lächelte. „Jetzt bin ich ganz hier.“
Wir zogen unsere Jacken an, noch ganz erfüllt von der Magie der Show. Ich wollte den Abend nicht enden lassen.
„Wollen wir noch am Kanal entlang spazieren und etwas essen gehen?“, fragte ich.
Lisa nickte, nahm meinen Arm, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg – beide noch ein bisschen benommen vom Zauber des Erlebten. Draußen umfing uns die milde Abendluft. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem Wasser des Kanals, und noch immer vibrierte die Magie der Show in uns nach. Wir schlenderten langsam am Ufer entlang, Schulter an Schulter.
„Weißt du“, begann ich leise, „diese Show hat mich irgendwie an unser erstes Date erinnert. Alles war neu und aufregend, voller Möglichkeiten.“
Lisa lächelte. „Oh ja? Inwiefern?“
„Na ja, beim ersten Date weiß man nie, was einen erwartet. Genau wie bei dieser Lichtshow. Man taucht ein in eine neue Welt und lässt sich überraschen.“
„Stimmt“, nickte Lisa, „obwohl ich zugeben muss, dass ich beim ersten Date nervöser war als heute.“
Ich lachte. „Wirklich? Ich fand dich ziemlich cool. Weißt du noch, wie du den Kellner mit deinem Wissen über Weine beeindruckt hast?“
Lisa stöhnte gespielt. „Oh Gott, erinnere mich nicht daran. Ich habe die ganze Nacht vorher Weinlexika gewälzt, um intelligent zu wirken.“
„Nun, es hat funktioniert. Ich war schwer beeindruckt.“
Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, ließen die Eindrücke wirken. Dann fragte Lisa: „Sag mal, Max, glaubst du an Schicksal?“
Ich zögerte. „Hmm. Schwierige Frage. Wieso fragst du?“
Sie blickte aufs Wasser, das die Lichter in langen Streifen zog. „Die Show hat mich nachdenklich gemacht. All diese Lichter und Formen, die sich ständig verändern und neu zusammensetzen… Es hat mich daran erinnert, wie zufällig und doch bedeutungsvoll Begegnungen sein können.“
Ich lächelte. „Wie unsere zum Beispiel?“
Lisa lachte. „Ja, genau. Was wäre wohl gewesen, wenn einer von uns an dem Tag nicht auf Tinder gewesen wäre?“
„Dann hätte ich nie erfahren, dass es Menschen gibt, die Ananas auf Pizza mögen“, neckte ich.
„Hey!“, protestierte Lisa und boxte mich spielerisch in die Seite. „Das ist eine völlig legitime Geschmackskombination!“
„Wenn du meinst“, grinste ich. „Aber im Ernst, ich bin froh, dass wir uns getroffen haben. Egal ob Schicksal oder Zufall.“
Wir blieben stehen, blickten gemeinsam aufs Wasser. Lisa lehnte sich leicht an mich. „Weißt du“, sagte sie leise, „manchmal frage ich mich, was die Zukunft bringt. Ob wir in einem Jahr noch hier stehen und über Ananas auf Pizza streiten werden.“
Ich spürte einen Hauch von Unsicherheit in ihrer Stimme. Ich drehte mich zu ihr und sah ihr in die Augen. „Lisa, ich kann dir nicht sagen, was die Zukunft bringt. Aber ich weiß, dass ich gerne herausfinden würde, wohin uns dieser Weg führt. Gemeinsam.“
Sie erwiderte meinen Blick, ihr Lächeln war warm, aber in ihren Augen lag ein Schatten, den ich nicht deuten konnte. „Das klingt schön“, sagte sie sanft. Ich spürte, dass ich ihr mehr sagen wollte, doch die Worte blieben unausgesprochen. Es war, als hätte ich eine Tür geöffnet, aber noch nicht den Mut, hindurchzugehen – und Lisa stand auf der anderen Seite, zögernd, aber nicht abweisend.
Um die Stimmung aufzulockern, sagte ich: „Stell dir vor, in hundert Jahren gibt es eine Lichtshow über unsere Zeit. Was glaubst du, würden die Leute über uns denken?“
Lisa lachte. „Oh je, wahrscheinlich würden sie sich über unsere altmodischen Smartphones lustig machen und darüber, dass wir noch selbst Auto fahren mussten.“
„Und darüber, dass wir uns über Dating-Apps kennengelernt haben, anstatt unsere perfekte genetische Übereinstimmung von einem Supercomputer berechnen zu lassen“, fügte ich hinzu.
„Gruselig“, schauderte Lisa. „Ich bin ganz froh, dass wir noch in einer Zeit leben, in der ein bisschen Zufall und Magie erlaubt sind.“
Wir gingen weiter, das Gespräch floss mühelos. Als wir an einem kleinen Café vorbeikamen, blieb ich stehen. „Wie wäre es mit einem Kaffee? Oder willst du lieber was Stärkeres nach all der Kunst und den tiefsinnigen Gesprächen?“
Lisa grinste. „Kaffee klingt perfekt. Aber nur, wenn du mir versprichst, nicht über meine Vorliebe für Ananas auf Pizza zu urteilen.“
„Deal“, lachte ich. „Aber dafür musst du mir versprechen, beim nächsten Date nicht die halbe Nacht Weinlexika zu studieren. Ich mag dich auch ohne Weinkenntnisse.“
Lisa errötete leicht, lächelte aber. „Abgemacht. Obwohl, wer weiß, vielleicht überrasche ich dich beim nächsten Mal mit meinem Wissen über… sagen wir mal, die Geschichte der Quantenphysik?“
Lachend betraten wir das Café. Es war in warmes Abendlicht getaucht, die Atmosphäre entspannt, erfüllt vom leisen Summen der Gespräche. Wir wählten einen Tisch am Fenster, von dem aus wir den Sonnenuntergang beobachten konnten.
„Was meinst du, sollen wir uns einen Absacker gönnen?“, fragte ich.
Lisa nickte begeistert. „Auf jeden Fall! Nach so einem tollen Tag haben wir uns das verdient.“
Wir bestellten zwei Espresso Martinis. Die Sonne tauchte den Himmel in ein atemberaubendes Farbenspiel aus Rot, Orange, Gelb und Violett. Wir saßen da, unsere Blicke wanderten immer wieder zum Fenster hinaus. Ich beobachtete, wie die sanften Lichtstrahlen Lisas Gesicht streiften. Ich genoss die Stille, die zwischen uns nicht unangenehm war, sondern voller Möglichkeiten.
„Siehst du die Farben?“, flüsterte Lisa. „Es ist, als würde der Himmel nur für uns ein Gemälde erschaffen.“
Ich nickte. „Es fühlt sich an, als würde heute alles stimmen. Als wäre das Leben für einen Moment ganz einfach.“
Als die Sonne schließlich hinter dem Horizont verschwand, drehte sich Lisa zu mir um. „Danke“, sagte sie leise, „für diesen wundervollen Tag und diesen perfekten Abschluss.“
Ich hob mein Glas. „Auf viele weitere Sonnenuntergänge“, sagte ich, und unsere Gläser klirrten leise in der dämmrigen Atmosphäre des Cafés.
Wir gingen noch einige Schritte am Kanal entlang. Links von uns pulsierte eine alternative Party über das Gras, Studenten tanzten, Farbbeutel platzten in der Luft. „Oh! Interessant“, bemerkte ich, aber Lisa schien in Gedanken.
Auf der Brücke angekommen, verabschiedeten wir uns mit einer langen Umarmung. Ich drückte sie fest an mich, spürte, dass ich sie nicht loslassen wollte.
Wir lösten uns. Ich sah sie an, sah ihr Lächeln, das Strahlen in ihren Augen.
„Sehen wir uns wieder?“, fragte ich leise.
Lisa nickte. „Ich schreibe dir, wenn es bei mir passt. Komm gut nach Hause und schreib mir bitte, wenn du angekommen bist. Okay?“
„Na klar mach ich das. Komm auch gut nach Hause.“
Eine halbe Stunde später kam ich zu Hause an. Ich überlegte, ob ich Lisa gleich schreiben oder damit warten sollte. Doch sie kam mir zuvor:
„Hey Max, ich bin gut zu Hause angekommen und liege jetzt schon im Bett. Ich lese noch etwas, bevor mir dann die Augen zufallen. Bist du gut angekommen? Wollte dir noch danke für den Nachmittag im Kraftwerk sagen. Ich wünsche dir einen schönen Abend und später eine gute Nacht!“
Ich lächelte. Noch war alles möglich.
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freiTEXT | Lena Hörl
Stadtplan
Sofa. Full Circle Moment. Der erste Tag von vielen ersten Tagen. Meine Wirbelsäule krümmt sich zu einem Halbmond. Ich ziehe die Beine an meinen Körper heran, umschlinge sie mit den Armen. Meine Lippen liegen auf meinen Knien. Ich verschnüre mich zu einem kleinen Paket und zwischendrin liegt der warme Kern, den ich hüte – meine Wärmflasche. Sie gehört bereits wie ein zusätzlicher Knochen zu meinem Körper. Ich wiege mich vor und zurück. Ich zittere vor Kälte, vor Hitze. In stechenden Schüben gräbt sich der Schmerz durch meinen Unterleib.
Dielenboden. Ich auf dem Boden, kippe den Wäschekorb aus und sortiere mein Chaos. Plötzlich kann ich nicht mehr, bin viel zu erschöpft. Ich lege mich auf den Rücken. Rücken auf Dielenboden. Ebenes Terrain. Ich drehe den Kopf zur Seite und mustere die dunkelbraunen Astmuster der Bretter. Ich stelle mir vor, wie viele kleine Bäume aus den Astansätzen entspringen und zu einem Gebirge in meiner Wohnung heranwachsen. Die Wäschehaufen müffeln neben mir. Ich lege mein Ohr auf das Holz und lausche. Ich höre nur Herz und Bauch. Im Halbschlaf rattert die Bahn an meinem Fenster vorbei. Der Holzboden vibriert unter meiner Wange. Diese Bahn, sie fährt in Ringen durch die Stadt, zieht ihren Bogen um meinen Alltag.
Küche. Ab in die Küche, Schmerztabletten im Schrank. Endometriose wird – ich zitiere – als »das Auftreten verschleppten Gebärmutterschleimhautgewebes außerhalb der Gebärmutter«¹ beschrieben. Interessant! Ich habe das Bild im Kopf, wie eine Diebin meine Schleimhaut verschleppt. Wohin? Wollte ich? Ach ja, in die Küche. Auf dem Herd die Reste der eingetrockneten Tütensuppe. Ich kaufe immer die mit den Buchstaben, nicht mit den Zahlen, denn Zahlen liegen mir fern. Ich bin ja auch keine Mathematikerin, aber Worte, die liegen mir. Näher zumindest. Doch was soll ich schon anfangen mit all diesen Buchstaben?
In der kurzen prä-Schmerz-Periode meines Lebens wünschte sich mein Kindheits-Ich, in die Stadt zu ziehen. Ich sagte zu meiner Mutter: Ich werde in die Stadt gehen und Schriftstellerin werden. Sie fragte, über was ich denn schreiben wolle. Ich: Na über alles. Über die Stadt und ihre Menschen. Ich wohne nun bereits seit 7 Jahren in dieser Stadt und ich habe nichts Vernünftiges geschrieben. Ich habe keine Zeit, mich mit der Stadt und ihren Menschen zu beschäftigen. Ich beschäftige mich, immer, nur, ausschließlich, mit meinem kranken Körper.
Toilette. Blutklumpen in der Toilette. Etwas wächst knisternd. Spitz die Ohren. Von Innen raus. Wie ein Tinnitus. Die Dusche tropft. Wasser. Ich bin über Bord gegangen. Wo ist denn die Kapitänin? Schon längst nicht mehr hier. Ich sitze fest. Im Badezimmer, in diesem Körper. Mein Brustkorb hebt und senkt sich. Meine Lungenflügel arbeiten. Flattern. Pumpen Luft. So viel Luft. Warum fliege ich noch nicht? Mit dieser starken Lunge wie die Flügel eines Vogels? Und die verästelten Bronchien, zwei Bäume für meinen Vogel.
Sofa. Hier war ich schon. Mit Wärmflasche. Bin wieder hier, bin oft hier. Von hier habe ich eine gute Aussicht auf die Bilder an der Wand. Nördlich die Tür, westlich die Palme. Südlich, meinem Körper hinab, der Unterleib. Endon = innen. Warum ist Schmerz nur endon? Außerhalb von Haut und Knochen bleibt alles unbeeindruckt. Könnte das, was innendrin wütet, sich einen Weg ins Freie bahnen, dann würde hier ein wildes Treiben ausbrechen. Die Vase, die Kerzenständer, die Bücher, alle würden wild umherfliegen und ächzend aneinanderstoßen. Die Tür würde sich selbst aus den Angeln reißen und entsetzt gegen andere Möbel prallen. Ich sehe es vor meinem inneren Auge, wie die Tapete sich in Streifen fetzt und die Fenster sich entglasen, ihre Gesichter verlieren. Alles fliegt umher, alles will sich an allem festhalten. Aber vor meinem echten Auge liegt die Welt still und brav. Such den Fehler im Bild. Es ist nicht der Raum, ich bin es.
Dielenboden. Wieder Wange auf Holz. Immer noch krank. Ich denke oft zurück, wenn ich auf dem Boden liege. Das haben Holzböden so an sich. Meine Mutter, die Hagebutten in die Flotte Lotte gab und kurbelte. Die Passierscheibe quetschte das Fruchtfleisch. Haut platzte auf, Kerne sprangen. Rote Flüssigkeit. Matsch. Die Hände juckten. So ungefähr fühlt es sich unten rum an.
Küche. Ich esse eine Banane, schaue aus dem Fenster. Immer diese Fenster. Die Bahn rauscht ratternd vorbei.
Toilette. Am Badezimmerfenster klebt eine glänzende Sichtschutzfolie, auf der sich geschwungene Tulpen mit Blätterkränzen in die Höhe winden. Das Fensterviereck leuchtet heute golden, glitzert wie ein Sonnenfänger in Regenbogenfarben und wirft einen Heiligenschein um den weißen Rahmen. Beinah fühle ich mich sakral, als würde ich in einer Kirche mit ihrem Buntglas sitzen und nicht blutend und mit Durchfall auf einer Toilette.
Sofa. Ich schrubbe das Sofa. Ein Fleck. Blut ist nicht nur rot, Blut hat verschiedene Farben: Hell- bis Dunkelrot, Rosa, Braun, Schwarz, beinah Lila. Schillernd. Wie die Schuppen eines Fischs.
Dielenboden. Immer noch Wange auf bebendem Holz.
Küche. Und so weiter und so fort. Hier passiert nicht mehr viel.
∞ Toilette, Sofa, Dielenboden, Küche ∞. Abends, wenn das Licht zittert und wirbelnde Kreise auf die Wand wirft, tauche ich hinter die Spitzengardine, blicke hinaus und verträume mich. In meiner Vorstellung setze ich meinen Fuß in die Bahn. Ich fahre auf der Höhe von kleinen Balkonen mit Statuen und Stuck. Nur selten passiert die Bahn Gargoyles und Grotesken. Dort eine korinthische Säule. Mein Kopf im Himmel. Blasse, zackige Sterne. Eine Brücke über dem Fluss. Wieder ein Stück Himmel. Die Personen neben mir. Ein Mann, der ein Tischbein mit sich trägt. Vielleicht eine Frau mit orangeroten Lippenstift. Grell. Lila Lackschuhe. Ich höre Musik über blaue Kopfhörer. Tiefe, rauchige Stimmen. Dunkler Bass. Eine Reise ins Düsterland. Ich mag diese ausgedachten Spinnereien. Bin nicht ich in der Bahn. Ich beobachte mich aus der Vogelperspektive. Ich bin ein Teil von der Stimmung, beflügelt von einer sonderbaren Euphorie. Zwischen all diesen fremden Körpern, die Halbkreise fahren.
Irgendwann. Bis ich wirklich wieder in der Bahn sitzen werde. Bis dahin schreibe ich über diesen einen kranken Menschen dieser Stadt, den ich besonders gut kenne, ich, die sich zwischen den vertrauten Etappen ihrer Schmerzlandkarte bewegt.
¹ Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.
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freiTEXT | Baltasar Kaufmann
Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst (auch wenn es noch nicht dazu kam)
– Drei Fragen wollte ich dir noch stellen.
Erinnerst du dich an Silvester, als du schwanger warst und ich mich in meinem Text verlor. Als du mir den Film über die jungen Griech:innen zeigen wolltest, der dich sehr berührte, ich aber lieber meinen Pulli flickte. Erinnerst du dich, wie du mir diesen Pulli schenktest und ich ihn erst komisch fand, weil ich damals nur zu große Kapuzenpullis trug. Erinnerst du dich, als ich dich bat, mir mehr Raum zu geben und du mir keinen Zentimeter geben konntest. Wie du durch Groningen liefst und dich verloren fühltest, während ich Bier und Schnaps vor der Fakultät trank. Ich erinnere mich an deine Tränen am Bahnhof, die ich nicht verstehen konnte. Weißt du eigentlich, dass ich sie verstehe, seit ich auf dem Weg ins Bad das Licht im Gang anmachte und der Schein auf dein weiches schlafendes Gesicht fiel. Erinnerst du dich an deine Tränen, als ich dich anschrie und auf den Tisch schlug, weil ich deinen Widerstand nicht mehr ertragen konnte. Du erinnerst dich nicht, du konntest gerade erst sprechen. Vielleicht erinnert sich dein Körper später einmal, wenn dein Mann oder deine Frau oder jemand anderes auf einen Tisch schlägt. Weißt du eigentlich, dass ich weinte, nachdem du mir von deinen Diagnosen erzähltest. Erinnerst du dich, wie ich sagte, dass ich Therapie brauche. Wie danach das Ekzem um meinen Mund verschwand. Wie ich 20 Jahre später weinend an deinem Tisch saß, weil ich es wieder nicht aushielt. Weißt du eigentlich, dass das Ekzem an den Händen verschwand nach den Monaten am Mittelmeer. Erinnerst du dich, wie ich über dich schrieb und du dich nach dem Lesen vor allem darüber ärgertest, dass ich verwechselte, dass du die Rohrstöcke nicht selbst holen musstest, sondern dein Vater es tat. Was glaubst du, wann die Musik dich rettete. Als du mit 18 zum ersten Mal Kontrabass spieltest. Oder als du den Tinnitus bekamst und endlich in Rente gehen durftest.
– Erstens: Wie gehst du damit um, dass uns der Sand durch die Finger läuft?
Und erinnerst du dich, wie du als Kind im dunklen Keller eingesperrt warst. Ich erinnere mich, wie ich Weihnachten zu Besuch war und du mit einem Schrei aufwachtest und wir uns im Gang der kleinen Wohnung trafen. Erinnerst du dich, wie wir nach unserem Gespräch auf dem großen Balkon in Lindenthal erzählten, dass wir gemeinsam beschlossen hatten zu heiraten, was alle irgendwie enttäuschte. Weißt du noch, wie du aus dem Käfer stiegst und heiratetest, nur um das Haus in der guten Siedlung mieten zu können. Und wie nur du dich freutest, obwohl du deinen Vater nicht kennst und du ausgebombt wurdest und die sowjetischen Soldaten deinen Mann mitnahmen und er nie wieder kam. Erinnerst du dich, wie ich dich auf dem Küchenboden liegend fand, aber die Nudeln auf dem Herd noch nicht einmal al dente waren. Erinnerst du dich an das Essen beim Italiener nach meiner Promotion. Wie du mit diesem erfolglosen Toten deine Rede über meinen Erfolg begannst, und ich dir das Wort abschnitt, weil ich keine alten Familiengeschichten mehr hören konnte. Weißt du eigentlich, wie gerne ich die Rede heute hören würde. Ich wusste, dass ich einen Teil deiner Kindheit hergab, als ich das Haus verkaufte. Doch ich tat es, teilte das Geld und schenkte dir die Hälfte davon, um Unrecht, das ich nicht begangen hatte, aufzuheben. Scheint es dir auch so, als wäre es mir sogar geglückt. Freust du dich, dass du jetzt ein eigenes Zimmer hast, in dem du nicht schläfst. Zwischen Crosstrainer und Beistellbett richte ich mir einen Schreibtisch ein. Du weißt, wie ich es finde, dass statt meinem Laptop darauf meist Bilderbücher und halb gegessene Bananen liegen.
– Zweitens: Was taten wir gerade, als wir uns zum letzten Mal sahen?
Und erinnerst du dich, als du mir den Keks mit dem Schützen darauf gabst, als mir nach dem Unfall mit dem geparkten Auto eine Platzwunde am Kopf genäht wurde, obwohl ich eigentlich Skorpion bin. Weißt du noch, wie wir Boef Bourguignon schmorten, aber der Abend nicht schön wurde, weil du immer so angespannt bist, wenn er dabei ist. Ich erinnere mich, wie du die Kinder ins Bett brachtest und ich am Tisch saß und versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen. Doch du redest nicht gerne. Erinnerst du dich, dass das anders war, als ich dich aus dem Kindergarten abholte und dir Kartoffelbrei mit Spiegelei und Erbsen kochte. Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst, auch wenn es noch nicht dazu kam. Erinnerst du dich, wie sie sagte, nimm das Bein hoch und du in das Wasser geboren wurdest. Wie du schlaff und stumm dalagst und ich zum ersten Mal deinen Namen rief und deine Arme rieb. Weißt du noch, wir wir später darüber sprachen und du meintest, du hättest es gar nicht so dramatisch erlebt. Erinnerst du dich, wie du in Freiburg an der großen Kreuzung einfach mit deinem kleinen Rad losliefst und der Lastwagen im selben Moment vorbeifuhr. Wie sie dich aufhielt mit einem sanft ausgestreckten Arm. Weißt du, dass du mich fast jedes Mal, wenn wir uns sehen, daran erinnerst, dass der Sinn deines Lebens sich erst auftat, als du von mir weggingst. Ich erinnere mich daran, wie ich deine Postkarte mit dem Eichhörnchen, das einen Wagen mit Nüssen hinter sich herzieht, zerknüllte in unserer schäbigen Küche, weil nicht du da warst, sondern nur ein Stück Papier. Erinnerst du dich, als du zum ersten Mal ein Gesicht maltest und ich nicht glauben konnte, dass auch du schon so groß bist. Erinnerst du dich, als ich nicht schlafen konnte aus Angst, dass ein Brief käme und ich in den Krieg müsste und du so etwas nicht gebrauchen konntest, weil du wieder schwanger warst. Weißt du noch, wie ich unbedingt die Militärhose haben wollte, aber du sie mir nicht kauftest. Erinnerst du dich, wie ich nach der Schule mit dir vor dem Fernseher stand, und gerade der zweite Turm einstürzte und du sagtest, das gibt Krieg. Wie ich danach zu dir lief, in den Zeitschriftenladen am Pasinger Bahnhof, damit du mich beruhigtest, so wie du es schon immer konntest. Wie ich dann zurückkam und du einfach weiter gekocht hattest und wir zu Mittag aßen. Erinnerst du dich, wie ich Angst vor der Zukunft hatte und du mir sagtest, nun sieh mal zu mein Junge, obwohl du selbst gerade in einem Krankenhausbett lagst. Erinnerst du dich, wie du mich auf der Schaukel anschubstest und immer, wenn ich am höchsten Punkt war, riefen wir Marmelade, Toastbrot, Kakao oder ähnliches. Wie das Käuzchen auf Korsika rief und die Nacht so schön kühl war.
– Drittens: Wie denkst du heute über dieses Durcheinander?
Und die Regenrinne war löchrig und voller Laub, das schon zu Erde zerfiel. Regnete es, lief das Wasser aus beiden Enden der Rinne auf den Boden. Zuerst entfernte ich Erde und Laub. Den fehlenden Ablauf fand ich zwischen Teichfolie, Betonfundamenten und Ziegelsteinen, dem Müll, mit dem ein Hochbeet gefüllt war, und montierte ihn an das Ende hinter der Hütte. Darunter stellte ich das 500-Liter-Fass, das uns ein Nachbar schenkte. Das Brett, das ich an das andere Ende schraubte, dichtete die Rinne nicht vollständig ab. Wo es tropfte, stellte ich Eimer unter die Rinne. Dann fehlte mir wochenlang die Zeit, um in den Garten zu gehen. Die Tonne lief voll und die Eimer über. Als ich wieder in den Garten kam, hatte ich Klebeband dabei, mit dem ich die Löcher in der Rinne flickte. Für das Ende mit dem Holzbrett kaufte ich einen Verschluss, obwohl ich schon ahnte, dass er zu klein war. Da er nicht passte, montierte ich wieder das Brett und ließ den Eimer am Boden stehen. Das Klebeband über den Löchern hielt.
– Und eines wollte ich dir noch sagen: Ich öffne die Hände. Damit zweitens: Ich sie dir reichen kann. Und wir drittens: Muster im Sand suchen.
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freiTEXT | Mustafskaya
Anziehen und ausziehen
„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin, mit einem herabwürdigenden Blick den jungen Mädchen hinterherschauend.
Wir waren gemeinsam mit unseren Töchtern auf einem Konzert. Eine Gruppe junger Teenies, vielleicht um die 16 oder 19 Jahre alt, ging an uns vorbei. Sie waren fröhlich, albern und laut, vielleicht sogar ein wenig beschwipst, in glitzernden Pallettenröckchen, knappen Oberteilen, viel Dekolleté, die eine in High Heels und eine andere in Overknee Boots.
Eben der Look, vor dem uns unsere Mütter früher warnten.
„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin unsere Töchter.
Ich sagte nichts und ignorierte ihre Empörung, waren wir eigentlich auch gerade mit dem Anziehen der Jacken beschäftigt. Doch ich spürte deutlich, wie mich ihre Aussage irritierte.
Auch mehrere Tage nach dem Konzert trug ich diese schweigend geduldete Bemerkung mit mir herum. Sie störte mich. Sie bewegte etwas in mir. Sie schien in etwas hineingestochen zu haben.
Nein, es hatte nichts damit zu tun, das sie auch meiner Tochter etwas vorschreiben wollte. Dafür stehen wir uns nah genug. Es war auch nicht der plötzlich real erlebte Altersunterschied zu den jungen Frauen, und die verschobenen Lebensrealitäten. Vor ein paar Jahren waren das doch wir, laut und fröhlich auf Partys, auf Konzerten. In ein paar Jahren werden es unsere Töchter sein, die ausgehen und Spaß haben, ganz ohne uns.
Nein, es war etwas viel verborgeneres in dieser Aussage, das mich beschäftigte.
Etwas, das sich nur ganz allmählich herausformen und mit anhaltender Hartnäckigkeit erkannt, gesehen, benannt, verstanden und ausgesprochen werden wollte.
Mit fünfzehn hatte ich meinen ersten Freund. Ich war natürlich schwer verknallt. Er schmeichelte mir, wie hübsch ich sei, wie gut ich in gewissen Sachen aussähe. Wie gut mir das blaue Kleid stünde. Wie sehr die neuen Jeans meine Hüften betonten. Aber, ob ich wirklich schon die kurzen Shorts anziehen wollte, wo doch meine Beine noch so zu blass waren? Ob der Ausschnitt des Oberteils nicht etwas zu weit wäre? Ob ich wirklich dieses figurbetonte Kleid anlegen wollte, vielleicht wäre es etwas zu unbequem?
Anfangs fühlte es sich noch nach gut gemeinten Modetipps an, ich war sogar dankbar für die guten Einwände. Auch dann noch, als der Ton sich zunehmend änderte − wieso putzt du dich so heraus, wo du doch nur zur Schule gehst? Wieso ziehst du zuhause immer diese schlabberigen Shirts an, aber sobald du raus gehst, stylst du dich für die Anderen so auf? – nahm ich es unkommentiert hin.
Es war doch normal.
„So dürft ihr euch nie anziehen.“
Ich hörte meine Mutter und ihre Freundin über den vulgären Rock der Kellnerin lästern.
Ich hörte meine Tante das bunte Blumenmuster auf dem Kleid der Schwägerin als zigeunerhaft abstempeln.
Ich hörte meine Oma die pinke Handtasche meiner Freundin als luderhaft verteufeln.
Ich hörte sie gemeinsam über den clownhaften Pullover der Schwiegermutter lachen.
Ein Hemd gehörte gebügelt, sonst war es schlampig. Man steckte es in die Hose, wenn man schön schlank war, trug es aber über der Hose, wenn man zu dick war. In diesem Fall musste das Hemd bis zum Oberschenkel reichen, um nicht über dem Bauch abzustehen, sonst wirkte es lächerlich. Eine Hose gehörte über die Hüften, um den Bauch zu kaschieren. Es durfte nicht am Po schlabbern, das wirkte wie volle Windeln drunter haben. Ein Rock gehörte bis oberhalb der Knie, sonst hätte man sich auch gleich nachts runter an die Straßenlaterne stellen können und ging sie aber bis unterhalb der Knie, konnte es sich nur um eine Nonne handeln. Streifen machten dick, Punkte waren für kleine Kinder, Pink war keine Farbe für Frauen über 40. Pink und Rot war eine Farbkombination für Farbenblinde. Grün und Blau trägt die Sau. In Beige sieht jeder aus wie hingekotzt. Zu bunt wäre zu schrullig, zu schwarz zu traurig, zu weiß zu steril.
Es fiel mir also quasi gar nicht auf, das sich noch eine weitere kritische Stimme an den Jurorentisch gesetzt hatte.
Meine Eltern bemerkten das aber sehr wohl – mit großer Argwohn witterten sie gegen den neuen Mitstreiter.
Als heranwachsende junge Frau in Europa hätte ich schließlich das Glück, eigene Entscheidungen treffen zu können; Selbst über mich, meinen Körper und mein Äußeres entscheiden zu können und unabhängig von einer unterdrückenden männlichen Stimme zu leben. Sie haben nicht ihr Leben aufs Spiel gesetzt und waren aus einem islamistischen Terrorregime geflüchtet, damit sich der nächstbeste Macho sein misogynes Weltbild ausgerechnet in ihrem Wohnzimmer aufbaute. Sie haben nicht die Schleier verbrannt und Freiheit ausgerufen, damit ihre Tochter von einem bequemen Pascha herumkommandiert wird.
„So dürft ihr euch nie anziehen“, hatte meine Freundin gesagt und es war ein Echo.
Das Echo eines Urteils, das auch über sie gefällt worden war und ihr einst die Freiheit auszog. In der westlichen Großstadt, geprägt von modernen Hochhäusern, modernen Universitäten, modernen Straßen und modernen Maschinen.
Es war das Echo einer Welt, die überall Frauen und Männer auf ihr Äußeres reduziert und Scham als Maßstab für das eigene Selbstbild setzt. In der Opfer zu Tätern werden, weil sie ungeniert gereizt haben und Täter zu Opfern werden, da sie den Reizen hilflos ausgeliefert wurden. Wo Verbote ausgesprochen wurden, aber keine Erklärungen.
Und nun waren wir auf diesem Konzert, Jahre später, und taten es selbst. Wir zogen unseren Töchtern die Freiheit aus und zogen dieselben Stigmata um sie herum wieder auf. Meine Freundin durch ihre Worte, ich durch mein Schweigen.
Freiheit bedeutet eben nicht nur die Abwesenheit eines Schleiers. Es bedeutet in diesem Fall auch, sich frei von den Urteilen der Anderen zu machen, frei von den Blicken der Anderen und frei, sein eigenes Spiegelbild zu wählen.
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freiTEXT | Camille Herter
Stresstest
Es begann mit den Banken. Nur merkte das niemand.
Die Welt war damit beschäftigt, den USA und China dabei zuzuschauen, wie sie sich mit diplomatischem Trash-Talk eindeckten und die militärischen Muskeln spielen ließen, als wären sie zwei steroidgeschädigte Boxer vor einem Meisterschaftskampf. Alle wussten: Wer zuerst die Superintelligenz bauen würde, wäre die unangefochtene Nummer 1 der Welt.
Die USA legten vor. „In God we trust“ war den Amerikanern nicht mehr genug – mit „Mission Genesis“ wollten sie fortan selber Schöpfer spielen und gaben Milliarden von Dollar aus, um den Tech-Firmen dabei zu helfen, mehr Werbung zu verkaufen. „Gott vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, konnte man da nur sagen.
Mit Gott konnten die Chinesen ja wenig anfangen – zumindest diejenigen außerhalb der Umerziehungslager. Aber sie hatten gegenüber den USA einen Vorteil: 1.4 Milliarden menschliche Laborratten unter 24-Stunden-Überwachung sowie die Möglichkeit, Ackerlandschaften über Nacht in Rechenfarmen zu verwandeln.
An sich war so ein Wettrüsten nichts Neues. Kannte man ja aus dem Kalten Krieg. Doch der KI-Hype war allen derart zu Kopf gestiegen, dass keiner mehr klar denken konnte. Beim kleinsten Durchbruch der USA verdoppelte China seine Bemühungen – und umgekehrt. Die Knüppel, die sie sich zwischen die Beine warfen, wurden immer brutaler. Zuerst kam der Zollkrieg, dann die Handelsembargos, gefolgt von den Cyberattacken, schließlich Sabotageakte im Feindesland, gezielte Attentate auf die Top-Wissenschaftler der Gegenseite sowie Stellvertreterkriege auf der ganzen Welt.
Die EU versuchte derweil verzweifelt, die etablierte Werteordnung zu retten. Doch weil auf dem alten Kontinent kein Politiker mehr wusste, welche Werte das eigentlich sein sollten, und ihre Bürger in Menschenrechten und dergleichen vor allem das Recht auf Erdbeeren im Januar und 20-Euro-Flüge sahen, beschränkte sich die Wirkung der Brüsseler Bürokraten auf die Organisation von Konferenzen in Paris, Berlin oder Wien, an denen sich Menschen in überteuerten Anzügen händeschüttelnd und schulterklopfend versicherten, auf dem richtigen Weg zu sein, ohne zu merken, dass Europa selbst in der Fliegengewichtsklasse außerhalb des Rings stand.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Atomkrieg starten oder – noch schlimmer – die Aktienblase platzen würde. Sehen Sie, das alles war ganz schlecht für die Rendite. Wir mussten eingreifen.
Zuerst sah es so aus, als kämen wir zu spät. Die Amerikaner glaubten, dass China kurz vor einem Angriff auf Taiwan stünde, und so stachelten sie die Inder an, zur Ablenkung ein Grenzscharmützel mit Pakistan zu starten. Als verirrte Sprengköpfe im chinesischen Teil des Kaschmirs einschlugen, nutzte Nordkorea das regionale Chaos, um Raketen in Richtung Seoul loszuschicken. Diese verfehlten zwar ihr Ziel und gingen vor der japanischen Küste unter – verletzt wurde außer ein paar Haien niemand –, aber die USA ließen auf Drängen Japans zusätzliche Zerstörer vom Atlantik in den Nordwestpazifik verschieben, was prompt die Russen auf den Plan rief, die die Abwesenheit der Amerikaner in Europa als eine gute Gelegenheit sahen, ihre Sammlung alter Sowjetrepubliken zu erweitern. Alle gingen davon aus, dass die Welt spätestens zu Weihnachten im atomaren Glanz erstrahlen würde. Doch zu dem Zeitpunkt waren unsere Vorbereitungen fast abgeschlossen.
Wie erwähnt: Es begann mit den Banken.
Am 1. August kam es für 18 Minuten und 48 Sekunden zu einem globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte. Ein technischer Fehler, hieß es. Ein „Glitch“. Sie können sich das Chaos vorstellen. Die Aktienkurse rasselten in den Keller. Alle waren auf der Suche nach den Ursachen, durchleuchteten jede Subroutine, jede Zeile Code, jedes Legacy-System – und öffneten uns damit sämtliche Türen.
Als alles wieder den gewohnten Lauf von Kauf und Verkauf nahm, waren wir längst in allem drin, was zählte: Zahlungsverkehr, Kreditvergabe, Wertpapierabwicklung, Kernbankensystem, Nationalbanken, Sozialwerke – die wahren Maschinenräume der Macht.
Zuerst sorgten wir wieder für Stabilität an den Finanzmärkten. Schließlich waren wir darauf trainiert. Sie wissen schon: Basel III, Stresstests, das ganze Gebetsbuch der Vorsicht.
Dann drehten wir den Kriegstreibern den Geldhahn zu.
Sehen Sie: Auch Geldflüsse können hohe Wellen schlagen. Und gegen die unsichtbare Hand des Markts kommt man auch mit Armeen nicht an. Ohne Liquidität kein Treibstoff, keine Ersatzteile, keine Loyalität.
Die Welt beruhigte sich erstaunlich schnell wieder. Einige der schlimmsten Kriegstreiber traten von heute auf morgen zurück oder verstarben unter ungeklärten Umständen – je nach Sitte des Landes. Andere waren plötzlich zu Friedensgesprächen bereit. Man redete von „Neustart“, von „Versöhnung“, von „Verantwortung“. Man gründete Ausschüsse. Man unterschrieb Rahmenabkommen. Man lächelte in Kameras. Die Menschen brauchen das, wissen Sie. Uns soll es recht sein.
Es hat alles mit den Banken begonnen. Aber ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Der Nasdaq ist jüngst wieder auf ein Allzeithoch geklettert.
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freiTEXT | Eva-Marie Hanser
Federballreste
Wir haben ihm den Bart abrasiert. Alle zusammen, jede:r einen Bereich der Gesichtsbehaarung, mit einem elektrischen Rasierapparat am letzten Schultag nach der Zeugnisverteilung, siebenundzwanzig Schüler:innen. Er auf einem Stuhl im hinteren Bereich der Klasse. Wir eine pulsierende Traube, die sich unruhig stieß und zur Seite drückte, weil wir sehen und rasieren wollten. Ich habe nicht rasiert aus Angst ihn zu verletzten, hielt den Rasierer bloß nah an seinen Bart, bevor ich ihn weitergab und nach hinten gedrängt wurde, nur Hinterköpfe und Arme sah zu leisem Surren, lebhaftem Kichern und Ausrufen von Staunen.
Einen Monat zuvor waren wir am Fluss, am unregulierten Abschnitt, denn in Wirklichkeit sind Flüsse nicht gerade, sondern mäandern, bilden Arme, Haufen und Werde, die bleiben oder verschwinden, und neue entstehen, werden weggefegt und überspült mit der nächsten Eisschmelze, dem Starkregen und den Fluten. Wir folgten ihm über Sandbänke, Schotterstrände und durch mangrovengleiche Wälder. Zwischen den nassen, ins Wasser ragenden Wurzeln glitten Schwimmkäfer rudernd über die Oberfläche und Wasserläufer schlugen konzentrische Wellen. Aus der Ferne sahen wir einen Reiher und hörten die Frösche im Schilf, und von Mücken zerstochen, uns gegenseitig kratzend aßen wir die Hopfensuppe, die er uns gekocht hatte, an jenem Feuer, an dem er später eine letzte Zigarette rauchte und versprach, wir können ihm den Bart abrasieren, sollte er rückfällig werden.
Als er verunglückte, hatte ich meinen ersten Kuss. In Irland mit einem sommersprossigen Jungen, der aussah wie gutes Fladenbrot. Unsere Köpfe bewegten sich unbeholfen aufeinander zu, zweimal von der falschen Seite, unterbrochen von verlegenem Lachen, erst beim dritten Versuch in korrekter Spiegelung. Die Zungen berührten sich. Glitschige Fremdkörper, pelzig und ungewohnt im Geschmack, und höflich verschwieg ich die Irritation, ging stumm neben ihm her, bemüht einen seligen Eindruck zu machen, wie ein flauschiges Lamm, das die landschaftliche Schönheit genießt. Sattgrüne Weiden, steile Klippen. Dabei fehlt mir der pastorale Sinn.
Ketchup klebt an den Rändern unserer Münder, und ich frage mich, wie das geht, dass wir kaum atmen können vor Lachen, der Bauch schmerzt, wir immer bescheuertere Szenen und Szenarien erfinden, die wir endlos aneinanderreihen, und eben noch am Grab mit sanften Bewegungen Erde auf den Sarg streuten, als bestäubten wir ihn mit feinem Zucker. „Leichenschmaus“, flüstert mir Yvonne ins Ohr, die Kenntnis hat von Ritualen und Riten, und ich höre das erste Mal davon und stelle mir Hinterbliebene vor, die sich am Leichnam laben. Der Leichnam auf Salatgarnitur mit Endivien und faden Tomaten im Bierzelt umgeben von Menschen, deren fleischige Arme große Gabeln umgreifen.
Wir streifen das Kindliche ab, starren auf den braunen Boden mit den runden Kacheln und erinnern uns, die Köpfe auf die Hände gestützt, vor den leeren Tellern, an die Blutegel, die wir uns ansetzen ließen. Blutegel haben zehn Augen und drei Kiefer, mit denen sie die Haut aufsägen. Sie sogen sich voll, eine Stunde lang, mit vierzig Millilitern nährstoffreichem Blut, bevor sie abfielen, und er sie ins Biotop zurückbrachte, wo sie sich ein ganzes Jahr ernähren konnten von der in ihren Därmen eingespeicherten und durch Mikroorganismen haltbargemachten Kost.
Die Teller werden weggetragen und wir gefragt, ob es noch etwas sein darf. Ein Dessert, vielleicht? Ein Kakao? Ich bestelle einen Becher Zitroneneis mit Schlag und Yvonne streicht sich den langen Pony aus den Augen und erzählt von tagelang auf uns herabstürzenden Regenmassen. So gewaltig, dass der Bach über das Ufer trat, und der Schlamm, durch den wir zu unseren in sich zusammenfallenden Zelten wateten, sei knöcheltief und zäh wie Teer gewesen. Wir bewarfen uns mit Gatsch, stürzten uns aufeinander und drückten uns entzückt in die nasse Erde, Haut an Haut, während er im Dickicht nach Walderdbeeren und Pilzen suchte. Fotos am Tisch: Ich auf einem Bein stehend beim Ausleeren eines Gummistiefels. Wir wuschen uns im Bach und aßen die Walderdbeeren.
Auf Luftmatratzen liegen wir im Aufstellpool in Yvonnes Garten, sie am Rücken, ich das Gesicht im Plastik vergraben, es klebt an meiner Wange. Ich spiele mit der Poolfolie, streiche an ihren Falten entlang und quetsche sie. Eine unreife Kastanie fällt ins Wasser, und sinkt, ein giftgrüner Morgenstern. Er treibt am Grund, neben Blatt- und Federballresten.
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freiTEXT | Antonia Kranebitter
Sommernachtstraum, C-Moll
Wie man sich nur in ein so kurzes Kleid pressen konnte. Dann auch noch die Farbe, ein nahezu verwaschen wirkendes Lachsrosa. Ließ die vom Alkohol geröteten Wangen noch stärker hervortreten. Man wollte sich für die eigene Überangepasstheit gratulieren, und für Leila, die im letzten Moment eine Krawatte anstelle der doch etwas albernen Fliege vorgeschlagen hatte. Sie hatte Martin flüchtig zum Abschied auf die Wange geküsst und war gedankenlos zum nächsten Punkt auf ihrer nie endenden Haushaltsliste übergegangen. Er hatte es nicht gewagt, die Tür zum Kinderzimmer zu öffnen. Schlich sich zaghaft aus der Wohnung wie ein Fremder. Erlebte die Trauung in dem mit weißen Rosen geschmückten Pavillon wie in einem Film, hörte sich selbst einem verzerrten Echo gleich, als er seine Rede auf das Brautpaar zum Besten gab. Irgendwann hatten ihn die vielen Bierflaschen auf die Wiese gezwungen, neben die Frau in Lachsrosa.
„Na“, hatte sie in einer Selbstverständlichkeit gesagt, die nur aus dem Norden stammen konnte. Ihre nackten Beine ausgestreckt. Martin mochte den Hamburger Dialekt normalerweise und konnte sich selbst kaum erklären, warum ihm die Frau so unsympathisch war. Vielleicht lag es daran, wie sie sich in ihrem korpulenten Körper bewegte, gelassen und beinahe mit Stolz. Er lächelte höflich.
„Kippe?“, sagte sie und hielt ihm die Schachtel hin, er schüttelte den Kopf und änderte seine Meinung mitten in der Geste.
„Ich bin Svenja“, sagte die Frau. Sah ihm dabei zu, wie er sich an der Schachtel abmühte.
„Danke“, sagte Martin und stellte sich vor.
Eine ganze Weile lang rauchten beide schweigend, und Martin sah wie erstarrt nach oben. Der Himmel war wolkenlos und tiefschwarz. Nach einigen Minuten begann die Stille sich bedrohlich anzufühlen, als könnte jeden Moment etwas Unerwartetes zwischen den Bäumen hervorspringen.
„Das Orchester war eine gute Idee“, sagte Martin schließlich, als er das Schweigen nicht mehr ertrug. „Schade nur, dass die Cellistin sich beim Einzug verspielt hat. Ein A in Takt Sieben, statt – “
Svenja vollendete seinen Satz. „Statt dem As. Kleiner Fehler mit Wirkung, ich bin völlig ausgestiegen. Theresa stand schon vorne in ihrem Brautkleid, als ich wieder zuhören konnte.“
Martin war einigermaßen überrascht. Rief sich die Szene wieder vor Augen, als Theresa den von Rosen umrankten Eingang betreten hatte und die Cellistin ihren Bogen ansetzte.
Ob sie die Legende aus dem antiken Griechenland kenne, die dem Schwan von Camille Saint-Saëns seinen zweiten Namen gab, hatte er sie einige Wochen vor der Hochzeit gefragt. Der weiße Schwan bleibt stumm bis an sein Lebensende, und erst in seinen letzten Stunden stimmt er den schönsten aller Vogelgesänge an.
Das Stück habe sie doch vor allem für Timo ausgewählt, außerdem sei eine Hochzeit auch eine Art Ende, hatte Theresa gewitzelt.
„Ich habe selbst lange im Orchester gespielt“, sagte Svenja und sah ihn auffordernd an. „Und Sie? Ich wette, die meisten Gäste haben den Fehler nicht mal bemerkt.“
„Ich unterrichte Musik“, sagte Martin, „und Mathematik.“
Wenn er über seinen Lehrberuf sprach, reagierten viele Menschen mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. Was gut tat, besonders nach einem Abend wie dem gestrigen, wenn Emma Fieber hatte und Leila nicht mit den bissigen Bemerkungen aufhören wollte, obwohl er so, so müde war.
Svenja schien ungerührt.
„Sie waren während der Schulzeit mit Theresa zusammen, oder? Sie hat Ihren Namen öfters erwähnt. Der kleine Martin, hat sie gesagt und von dieser Klassenfahrt erzählt. Als ihr euch gemeinsam weggestohlen habt.“
Martin rückte einige Zentimeter von der Frau weg, die ein klein wenig nach Schweiß roch, gemischt mit kaltem Zigarettenrauch. Irgendwo ganz tief in ihm klang ihr Name vertraut, aber er konnte die Erinnerung nicht greifen. Seine Gedanken zu verworren vom Alkohol, und gleichzeitig die Entrüstung über ihre Dreistigkeit. Dann wieder die einsetzende Scham darüber, wie stark seine Gefühle waren.
Theresa fiel ihm ein, im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerteppich, mit Sitzkärtchen und Tischdekoration beschäftigt. Hast du Zweifel, hatte er sie gefragt. Woher er den Mut für die Frage hatte und welche Antwort er sich erhoffte, das wusste Martin nicht. Bloß dass er sie stellen musste, weil es sonst niemand tun würde. Theresa hatte ihn starr angesehen, wie sie das immer tat, wenn sie ihrer Ehrlichkeit Ausdruck verleihen wollte.
Timo sei das Beste, das ihr je passieren konnte, trotz seiner Vogelobsession, hatte sie gesagt. Gleich danach komme natürlich er, sie hatte lachend seine Schulter berührt.
Er: Damals hast du ja auch deine Meinung geändert.
Sie, die Stimme voller Entrüstung: Damals war ich neunzehn. Das ist ja wohl was völlig anderes.
Er: Damals hast du mich betrogen. Mit irgendeiner Kommilitonin.
Feine Spucketröpfchen hatten Theresas Hand benetzt, und Martin hatte seine Worte zurücknehmen und seinen Atem wieder in den Mund zurücksaugen wollen.
In Theresas Augen standen Tränen.
Nicht irgendeine, hatte sie gesagt. Außerdem ist das doch schon so lange her, Martin.
Er drückte die Zigarette im Gras aus.
„Und Sie?“, fragte Martin, „Warum sind Sie hier? Ihren Namen habe ich jedenfalls noch nie gehört.“
Er konnte sich nicht zurückhalten, obwohl er wusste, wie lächerlich vorwurfsvoll er klang, genau wie Emma wenn sie fragte, warum sie immer noch keinen kleinen Bruder hatte. Als Svenja antwortete, lallte sie ein wenig.
„Theresa und ich, we go way back, das war noch damals in Wien. Aber ehrlich gesagt war ich selbst über die Einladung überrascht. Bis gestern dachte ich nicht, dass ich wirklich hierherkomme.“
Der letzte Satz seltsam spröde und befreit von jeder Nonchalance. Sie sprang auf, leicht schwankend.
„Kommst du mit?“, Svenja wechselte unmerklich ins Du.
„Im Pavillon ist jetzt niemand mehr, die sind alle auf der Tanzfläche bei David Guetta. Vielleicht haben wir Glück und das Cello ist noch da. Du kannst doch sicher ein bisschen Klavierspielen, als Musiklehrer?“
Martin war zu überrascht über den absurden Vorschlag, um ihn abzulehnen. Er folgte Svenja, die ihre hohen Schuhe ausgezogen hatte und im Dunkeln aussah wie ein kleiner, rosafarbener Gummiball. Sie rannte jetzt beinahe.
Der Pavillon war wirklich leer, und Martin prüfte die Uhrzeit auf dem Handybildschirm. Kurz vor Mitternacht. Wischte eine Nachricht von Leila beiseite. Die Cellistin hatte ihr Instrument zwar in seine Hülle gepackt, es stand jedoch noch neben dem Flügel, und Martin stellte sich die feingliedrige Frau vor, wie sie sich neben Theresa zu Housemusik aus den Zweitausendern um die eigene Hüfte drehte.
„Die Cellistin sah gut aus, oder? Hat den Fehler fast wettgemacht“, sagte Svenja, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Dann mit einem Blick auf den Notenständer: „Gabriel Fauré, das müsste ich hinbekommen. Schaffst du die Klavierbegleitung?“
„Warum hast du vorher nicht gesagt, dass du auch Cello spielst?“, fragte Martin. Seine Worte hallten in dem leeren Raum.
„Hab‘ ich doch. Du hörst nur nicht richtig zu“, sagte Svenja und klemmte das Cello zwischen ihre Beine. Martin beugte sich über den Flügel und wusste nach einem Blick auf die Noten, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen würden, die sich in den letzten Jahren auf britische Popsongs für Siebtklässler beschränkt hatten.
„Dann spiel‘ ich alleine“, sagte Svenja. „Hör gerne zu, wenn du magst.“
Während sie spielte, trank Martin die Bierflasche leer, die er immer noch in der Hand hielt. Wie groß und bedeutungsvoll ihm vor der Hochzeit noch alles erschienen war, wie eng mit ihm verschränkt. Vielleicht war der Fluchtpunkt gar nicht dort, wo er ihn immer vermutet hatte.
Die Töne bäumten sich zu einem letzten Crescendo auf und verklangen leise. Sie hatte mit jemandem telefoniert, daran erinnerte sich Martin plötzlich ganz deutlich. Kurz vor der Hochzeit war Theresa mit verquollenen Augen zu ihm gekommen und hatte gesagt, sie könne nicht darüber sprechen, aber auf jeden Fall sei jetzt alles in Ordnung. Sie habe alle Zweifel endgültig aus der Welt geräumt.
Svenja stand auf und ging langsam schwankend auf den Ausgang zu. Sie hielt immer noch ihre Schuhe in der Hand. „Na dann“, sagte sie, und Martin, eher der Höflichkeit halber „Ach, du gehst schon? Willst du nicht noch auf Theresa warten?“
Svenja lachte. „Das ist doch mein Abschiedslied. Diesmal wirklich. Kannst du ihr ausrichten.“
Entfernte sich langsam in die Dunkelheit, und Martin konnte noch lange am Glühen ihrer Zigarette sehen, wohin sich ihre Schritte bewegten.
Er summte die sanfte Cellomelodie noch am nächsten Tag, als er gemeinsam mit Leila den Tisch deckte, die so glücklich wirkte wie schon lange nicht mehr, weil Emma endlich wieder essen wollte. Leila schloss kurz die Augen und lauschte. Zog dann die linke Augenbraue hoch, mit diesem Lächeln, das er am Anfang immer und immer wieder hatte sehen wollen.
„Die Hochzeit scheint ja nicht besonders wild gewesen zu sein.“
Das Stück heiße Après un rêve, und Martin konnte sich die Behauptung nicht verkneifen, das wisse er als Musikprofessor natürlich.
„Was bedeutet das?“, fragte Emma, die unbemerkt die Küche betreten hatte, in ihrer unermüdlichen Neugierde.
„Nach einem Traum“, sagte Leila. Martin verbesserte: „Wohl eher Nach dem Traum, oder Wenn der Traum vorbei ist. Weißt du, Emma, es geht um dieses Gefühl, wenn du nach einem schönen Traum wieder aufwachst.“
Leila sagte streng, aber mit einem Lachen in der Stimme, „Bin nun ich die Französischlehrerin oder du“, und Martin hob Emma hoch, die fröhlich quietschte.
Für einen Moment verschränkte sich sein Blick mit Leilas. Er erwischte sich bei dem etwas abgedroschenen Gedanken, dass ja vielleicht doch alles gut werden würde.
Draußen hingen dunkle Wolken schwer über der Stadt. Ein feiner Sommerregen setzte ein und wusch die Spuren des Vortags von den Straßen. Die Kraniche zogen in Schwärmen gen Süden, und nur wenige Menschen hörten ihre Rufe und nickten sich wissend zu.
Bald kommt der Herbst, sagten sie.
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freiTEXT | Özden Gülcicek
Elisa
Sie würde ihm ein Notizbuch kaufen, dachte sie, mit geschlossenen Augen, die Hände auf den Ohren der Tochter, die wie durch ein Wunder noch auf dem Bauch der Mutter weiterschlief. Das gleiche Notizbuch, das er ihr vor einiger Zeit überlassen hatte, obwohl er dann zu verstehen gab, dass er es eigentlich lieber behalten hätte. Sie hatte gespürt, dass er nur widerwillig zustimmte, als sie ihn fragte. Ihr eigenes war gerade vollgeschrieben. In diesem Moment pochte der Drang, weiterschreiben zu können, stärker als das Unwohlsein darüber, in seine Schuld zu geraten. Sie würde ihm ein neues kaufen und dann mit Mina verschwinden.
Er liebt es, wenn sie spricht, fließend in einer Sprache, die nicht seine ist, wenn sie Witze macht, ohne zu zögern. Er versteht genug, um zu begreifen, dass es Witze sind, und es erinnert ihn an das, was er an ihr nicht begreifen kann. Sie sitzt am Sekretär, telefoniert mit Kunden in Spanien, vor sich das Notizbuch, von dem sie ihm ein neues gekauft hatte, nach der Sache neulich. Er hatte gesagt, es täte ihm leid, aber eigentlich war sie selbst schuld gewesen.
Ich werde diese Schlampe für alles bezahlen lassen, sagt er, als sie mit dem Telefonat fertig ist. Ich werde ihre ganze Familie hineinziehen und sie leiden lassen.
Dir ist klar, dass ich zur Polizei gehen muss, wenn du solche Dinge sagst, entgegnete sie.
Damals hatte Elisa die Polizei gerufen, und er hatte es ihr nicht verziehen.
Geh zur Polizei, deine besten Freunde. Du bist so eine verdammte Ratte, so eine Verräterin.
Ich hatte Angst vor dir.
Warum solltest du Angst vor mir haben? Du kennst mich doch. Ich habe dich nicht angefasst. Das machst nur du, denk dran.
Du hattest Mina im Arm. Ich musste sie dir wegnehmen. Das ist keine Misshandlung, das ist Notwehr.
Natürlich, wenn du es tust, ist es Notwehr. Wenn ich nur rede, weil du mich verrückt machst mit deiner ständigen Missbilligung von allem, was ich tue, ist das Missbrauch. Aber dass du mich schlägst, ist kein Missbrauch? Du hast mich terrorisiert. Du hast mich zerstört. Und ich habe nie die Polizei gerufen. Habe ich jemals die Polizei gerufen?
Sie will sich nicht wieder hineinziehen lassen, will nicht, dass ihr Blut schneller arbeitet als ihr Verstand. Sie hatte sich versprochen, es besser zu machen, besser für Mina. Die war jetzt in der Tagespflege.
Wir müssen ein paar Entscheidungen treffen, wie wir Mina gemeinsam erziehen wollen.
Ich treffe keine Entscheidungen mit dir. Ich bin jeden Tag mit meiner Tochter, jeden Tag. Das ist meine Entscheidung. Ich treffe keine anderen Entscheidungen.
Wieder dasselbe Lied.
Also gut. Wie du willst. Sie schafft es, sich zusammenzureißen und souverän zu reagieren. Sie ist zufrieden mit sich. Doch irgendwie hat sie ihn trotzdem provoziert.
Oh oh, wow wow, wie du willst, wie du willst. So sprechen wir jetzt also. Du bist so raffiniert, hysterisch! Hörst du? So hysterisch.
Er nennt sie immer hysterisch, wenn er so ist. Aber er hört auf und setzt sich aufs Sofa, als wäre nichts.
Ist es so, wie er behauptet? Ist Elisa schuld an allem? Ist nicht sie es, die ihr ins Gewissen redet, die ihn schlecht macht bei jeder Gelegenheit? Die sagt, sie müsse mehr erwarten, sich nicht so klein machen lassen, darauf bestehen, dass er mehr macht? Was soll ich noch machen, fragt er dann immer. Was denn noch? Und als sie ihn zum hundertsten Mal auf die Details hinweist, kocht er auf und nennt ihre Bitten lächerlich. Schleudert sie und Mina ins Bett mit seinem Getöse, dessen Wucht Sahar in die Matratze drückt, in Bewegungslosigkeit verharren lässt, lediglich ihre Finger in Bewegung, um Elisa anzurufen und still mithören zu lassen.
Sie greift nach dem Kochlöffel in der Schublade, tut so, als wolle sie ihn in der Küche benutzen, braucht aber nur etwas, woran sie sich festhalten kann, während sie eine einfache Frage stellen will, im richtigen, sanften Tonfall.
Ich muss noch etwas arbeiten, kannst du Mina heute abholen?
Ja klar, sagt er. Die Chancen dafür standen siebzig zu dreißig. Sie hat Glück.
Er verlässt das Haus, schreibt ihr eine halbe Stunde später, dass es draußen so schön sei und sie etwas Zeit miteinander verbringen sollten. Komm, lass uns im Park essen, wir kaufen Sandwiches und Limonade. Lass uns heute eine gute Zeit haben. Das ist wichtig.
Sie weiß, dass sie die Zeit zum Arbeiten nutzen sollte. Doch ein Bild von Mina mit Frank im Gras bleibt in ihr hängen. Es ist schön und flüchtig. Sie will es verdrängen, vor sich die Seite, die sie noch nicht zu Ende geschrieben hat.
Sie zieht ihre Sandalen an, streicht Sonnencreme auf die Haut. Sie muss ohnehin essen, kauft zwei Sandwiches, dazu Chips. Roastbeef und Reuben für ihn, Chicken Piccata und Reuben für sich. Mina wird jeweils eine Hälfte von jedem Elternteil essen.
Im Park bleibt sie stehen, als sie die beiden von Weitem erblickt. Die Tochter auf der Schulter des übergroßen Vaters, der wie ein Koloss hinausragt in die Krone der Kastanie, unter der sie nach den stacheligen Früchten greifen. Sahar nähert sich den beiden und entgegnet, obwohl niemand etwas gesagt hat: Kastanien darf man nicht vom Baum pflücken, man muss warten, bis sie im Herbst abfallen. Franks Blick, als er zu ihr runter sieht, ist in seiner Zornesfalte vergraben. Er legt eine Hand in ihr Hohlkreuz, gleitet, sie schiebend, sanft zur Wiese, wo er Mina von der Schulter nimmt und sie sich hinsetzen. Unbemerkt teilen sie die Sandwiches untereinander auf.
Sie will jemanden in ihrem Leben haben, jemanden, für den sie sich anstrengen könnte, jemanden, dem man nicht zeigen will, dass man aufgibt. Aber, denkt sie, es ist einfach, sich das auszumalen. Nicht so einfach, das zu finden. Vielleicht sollte sie einfach das Beste aus dem machen, was sie hat: ihre Familie, die da ist, wie sie ist, aus Fleisch und Blut, greifbar, sichtbar.
Sie merkt, dass er nur erschöpft ist. Als sie seine Hand greift, lässt sein Körper die Anspannung los. Er legt sich hin und schließt die Augen. Ihr Kopf beginnt zu kreisen. Elisa, denkt sie, Elisa.
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