freiVERS | Chris Lauer

Paternoster

Glück im Unglück,
Wenn nur der Vater
Und nicht die Mutter,
Sagt sie
Und zieht
Das Ginstergelb fest,
Das vorhin im Briefkasten lag.
Doppelt kann man sie binden
Um den Mädchenarm,
Fast dreifach
Am Ende von allem,
Die Horizontebene,
Die sie teilt

In Himmel und Erde
In Himmel und Erde.

Dein Reich komme.

Sie kocht und wäscht
Für ihre Geschwister;
Das Kleinste schieben sie und ihr Bruder
Wie Jungelterngewordene
In einem Holzwägelchen
Vor sich her.

Es schreit nie.

Manchmal denkt sie Unerhörtes,
An Opulenz, im Einschlagpapier eingewickelt:
Eine Vollkornstulle mit Butter,
Und ihr Mund wundet
Von den ausgespuckten Aprikosenenkernen,
Die sie aufsammelt, wenn niemand hinsieht:

Wie Taler blinken sie zu ihr herauf,
Wie braune Paukanten,
Die mit ihrem eingeritztem Spalt
Zeigen wollen,
Dass sie, ganz anders als Frauen,

Keine Schönheit brauchen; dass man sie
Ja nicht mit Frauen verwechseln sollte,
Dass sie sich vielleicht auch wünschen,
Frauen zu sein, weil sie denken,
Als Frau müsse man, ja ja, gespalten sein.

Sie überkaut die Ahnung von Sommer,
Während sie unweit
Das Blechern von Medaillen hört:
Ein Windspielstapeln,
Das schon an der nächsten Straßenecke
Einknickt.

Für Nelly Kerngut

 

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Chris Lauer

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freiVERS | Samuel Kramer

Ein Vakuum ist unveränderlich ein Vakuum,
es sei denn, es würden Zugänge geschaffen.
Das Gedicht (d. i. das Vakuum) kann nicht vor Publikum wiedergegeben werden.
Wäre es möglich, es vor Publikum wiederzugeben,
würde daraus die Zerstörung des Publikums resultieren.

Das Gedicht kann nicht vor Publikum wiedergegeben werden.
Wäre es möglich, wäre das Gedicht nicht entstanden.
Wenn es möglich wird, wird das Gedicht unmöglich.

Ich wünsche mir die Zerstörung des Publikums.
Zerteilt, ionisiert, verstreut, auf der Suche nach Notausgängen
bildeten sich heilsame Verweise und Klumpen kohäsiver Expertise.

Das Gedicht kann, nachher, nicht vom Publikum wiedergegeben werden.

Wäre das Publikum möglich, würde daraus ein Gedicht resultieren.
Bitte greifen Sie bei Druckabfall nach der Luft. Halten Sie mich nicht
auf. Und bleiben Sie unter keinen Umständen ruhig.

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Samuel Kramer

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freiVERS | Enno Ahrens

Erdig

vom Angsthasenpfad
durchs Tal der Erlkönige
ins lichte Leben erscheint mir
alles im Blick meine
Füße so käseschmelzig wie
der Leib eines Neugeborenen

die Nase noch verpfropft rieche
ich mich selbst an kalter Quelle
eine Gehirnwäsche
wandle nun auf
ausgelatschten Wegen

Das Brenneisen der Zeit
prägt mir seinen Stempel
durch die Haut

Mein Erkundungsflugzeug
steht im Hangar eingemottet
Die Atmosphäre ist so verletzbar
geworden wie meine Haut
ein allergisches Schlachtfeld

Ich schreite zu Fuß die Fronten ab
versteckt hinter einer Schuldzuschiebemaske
und mit Moralabwehrgranate gewappnet

Mein Körper ist Lebewesen
zwischen Leben gewesen
wiederholt geraten
zwischen Panzerhaubitzen
und Atomwaffenbedrohung

will er ein Gemütskaninchen sein
nur noch Geist
Unverletzlichkeit der
Körperlosen

bis in alle Ewigkeit
tugendhaft in Tugendhaft
fraglos

in ungezählten Himmeln
steht die Zeit Kopf

 

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Enno Ahrens

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freiVERS | Jonah Rausch

volt

klick.

und mein körper auf hochspannung
da tropft strom von nabel zu finger zu herz
fließt durch die venen, pocht durch die haut
habe kabelenden, die keine anfänge finden
nur lücken.
von kabel zu stecker zu körper
reizstromhaut, ein druck der
narben hinterlässt und verbrennungen
und mein körper auf hochspannung
die energie zirkuliert kann mich jemand ausschalten
und jederzeit die kurzschlussreaktion

klick.

ich spüre energie hinter meiner stirn
so viel volt das die glieder schmerzen
wenn du versuchst dich aufzuladen
wenn du mich berührst
sei bereit zu explodieren

klick.

wie es pocht, wie alles in mir pocht
stromschlag
ich überhitze
alle kabel brennen
auch, wenn jetzt licht angeht
ich sehe mich nicht
auch wenn alles heller wird
ich sehe mich nicht

 

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Jonah Rausch

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freiVERS | Lilli Gebhard

ein neuer morgen
und ich suche den horizont
mit meinen augen ab
ob da menschen kämen
und backe brot
und kaufe salz

und denke an die vielen
geschichten die ich
gelesen habe und gehört
von den fluchten

und denke:
das ist mein erbe
das ich verwalte
ein heimatloses herz
und die kunst
heimat zu schaffen
wo ich will

im herzschlag europas:
dass wir heimat schaffen
bauen und teilen miteinander
und brot backen
und salz kaufen
und eine decke anbieten

und endlich endlich die
argumentationsmuster
der macht
durchschauen
und zerschlagen

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Lilli Gebhard

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erschienen in: Lilli Gebhard: Wie Schatten werden. Manuela Kinzel Verlag 2021.

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freiVERS | Jutta Schüttelhöfer

Herr Gräber

es riecht muffig, abgestanden
frische Luft – kein Gegner für
diesen Dunst das Zimmer darin
eingehüllt wie in einen alten
Mantel gekleidet ihn stört es nicht

er bemerkt es wohl nicht einmal
um ihn herum passiert der Alltag
Jalousien hoch Fenster geöffnet
Frühstück gebracht die Tür geöffnet
die Tür geschlossen er reagiert nicht

„Herr Gräber…“

wie Regentropfen an einer Scheibe
perlen die Buchstaben an ihm herab
die Augen stumpf zwei Fenster in
sein leeres Inneres sein Körper ein
beinahe verlassenes Gebäude

„Ich soll Sie von Rosalie grüßen!“
Rosalie!

hinter den Fenstern taucht seine Seele
auf der Blick flackert ein feiner
Schimmer darin eine einsame Träne
löst sich, rollt hinab über die runzelige
Pergamenthaut tropft lautlos zu Boden
„Rosalie“, flüstert er mit krächzender Stimme

Nie
habe ich mehr Liebe in einem
einzigen Wort gehört!

 

 

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Jutta Schüttelhöfer

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freiVERS | Katja Schraml

kRummer

wir wachsen
<dickschädel>
(wenn) über_haupt
auf schmalem stamm gen sonnenaufgang
+ beugen <leugnen> uns nicht
in uns ist die neigung
zum hang angelegt

 

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Katja Schraml

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freiVERS | Michael Pietrucha

chronik eines falls

für die Knihauka und alle Künstler:innen, die fliehen mussten

meine augenblicke öffnen sich noch im dunkeln
wieder aufgefüllt
mit der tinte der nachtruhe

Ich ist ein körper der sucht solange er geht
süchtig seine welt zu schreiben mit
den augen zu zeichnen in
sich hinein das alte
und neues zu finden das
er neu deutet was
schon immer gewesen sein wird

und Ich findet es und Ich findet es nicht
(schiebt den felsbrocken den hügel hinauf
rennt dem felsbrocken den hügel hinterher)
begierig den tag neu zu schreiben
jeder blick ein satz ist
die ansicht schreibuntergrund

aber mitunter
verzweifeln stimme ohren hände
diktatoren mitläufer ignoranten
sie sind wände
mitten in meinem schreibuntergrund
Ich sind federn
sind machtlos gegen
schwerter
gefängnisse
bomben
warnschüsse

gedichte harmlos verhärmt
sind schichten aus geschichten geist und klängen
habt ihr angst davor
dass ihr eine schicht überseht?
seid ihr neidisch
dass andere sie verstehen?
gewaltsame einfaltspinsel
die ihr allein geschichten am kleiner werdenden lagerfeuer
erzählen wollt!
die ihr die dichtenden fabulierenden
singenden spielenden zeichnenden
erstickt sehen wollt!

aber mitunter
bin Ich mehr als ein körper
und worte die schweigen können
wenn not an mich herantritt
gedachte weichen aus formieren sich neu kehren wieder
wage Ich zu sagen
dem sie nicht schlaf entziehen
der nicht eingepfercht in hitze kälte schmutz vegetieren
der nicht sein zuhause fliehen den luftalarm fürchten muss

meine worte dürfen
sich hegen und pflegen
versuchen den schmetterling zu besingen
oder ein lächeln einen saftstrotzenden leib
oder das weh über das vergehen der zeit
Ich darf sein und scheitern
dabei

wieder geht der tag
wie ein gast
der gehen mag
denn meine augenblicke sind
geschrieben gezeichnet geformt
die tinte fast aufgebraucht
habe Ich bei diesem gast der geht
etwas anderes gefunden?
das essen den trank die liebe
schreibt doch niemand neu
in luft und leib

so sinkt mein körper in die weichen
laken des schlafs und sucht so lange es geht
nicht zu suchen

 

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Michael Pietrucha

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freiVERS | Sofie Morin

Pilze, ach! (Fungus gemitus)

Ach, Pilze! Geflecht aus Hochmut und verwegenen Träumen. Und keiner gleicht sich. Hörnling bestimmt die Nuancen meiner Regungen je, Erdsterne verklären mir die Zukunft, Morchel kleidet meinen Stolz innen aus. Und Täubling klingt nach dem Spickzettel eines Minnesängers. Nachts, wenn keiner hinschaut, verschlingt er rohe Eier ganz.

Ach, Pilze! Bissfestes Gebaren, beinahe fleischlich, so wölbt sich der Pilzkörper einem Verlangen entgegen, nach Erdgeruch und klebrigen Texturen von Raunächten. So sind sie und so, schießen geweihhoch zwischen Wurzelfingern aus dem Erdreich, durchstoßen mit grellen Farben den moossatten Luftraum, verströmen Sporen wie Milchstraßen in die sichtbare und unsichtbare Welt hinter meinen Augenlidern.

Ach, Pilze! Von oben besehen mag euer Wuchs verstehbar sein, unterirdisch aber, da durchpflügt ihr Wahrheit um Wahrheit nach sternenfernen Gefilden, die Ursuppe, der wir alle entstammen. Und nichts wird gesagt von euren Schleimhäuten, nichts von den prekären Bündnissen, nichts von der Ungewissheit, mit der wir euch pflanzlich anreden. Viel aber von den Lamellen, von der Genießbarkeit und von euren Kappen, wo sie Eicheln nicht ähneln, und wo sie das tun.

Ach, Pilze! Ich singe euch Hymnen von fleischlicher Querung des engumzäunten Begehrens. Nichts, keine Lamelle, keine Rundung widerspricht mir. Die dünne Haut über dem prallen Körper, auch die wird nicht mehr normal sein, wenn wir einander aufs Genaueste besehen haben, Falte um Falte aus der Ummantelung gebügelt, bis wir alle so lustvoll anders sind wie unser eigenes Wollen.

Ach, Pilze! Geflecht aus Hochmut und verwegenen Träumen. Keiner gleicht euch wie ich. Im Herbarium halten wirs miteinander nicht aus, die Feldforschung aber unser Terrain. Aus dem Waldboden taucht ein Vater Erdfrüchte, die mir verborgen waren, und ich spüre es ist meiner. Seine Pilzgerichte lehren mich sachte, Tochter zu sein.

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Auszug aus: „Liebeleien mit Wuchsformen. Eine translibidinöse Pflanzenkunde.“

 

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Sofie Morin

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freiVERS | Yvonne Koval

ein Gefühl

wie aufgeraute Felsen
vom Wasser verschlagen
die Sprache.

& ganz unten, in der Tiefe, Risse
dort wo niemand tastet
schon lange Zeit, nicht aufgebrochen, nur stetig
stetig am Sauerstoff ziehend, zerrend
dem Wind entgegen, ergraut der Felsen.

aufgeraut, rissig & porös
dort wo niemand achtsam
niemals wach geworden
vom Zerfallen, da nur allmählich
alltäglich, mitgenommen von den Wellen
aufgebraucht, doch standgehalten.

nur dazwischen die Fissuren
die schon lange Zeit
ganz unbemerkt
davon erzählen.

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Yvonne Koval

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