freiVERS | Katja Hummel
Enteignung
ich hol mir die städte zurück
die auf meiner landkarte
deinen namen tragen
die gemeinsam durchschwommenen
Seen und Meere
deine liebsten wörter
sind nicht mehr mein alphabet
ich schaue nicht mehr weg,
wenn deine straße kommt
dein zorn
macht mein herz
nicht mehr stumm
ich finde in mir
fast vergessenen mut
stück für stück
überschreib ich dich
befreie,
was du nicht loslassen willst
öffne die orte in mir
die dich noch immer lieben
und lasse ihnen ihre trauer
entferne zärtlich
deine hand aus meiner
finger für finger
bis ich die leere spüren kann
auf meiner haut
die luft
schließt sich
hinter dir
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freiVERS | Jan-Erik Grebe
Silberfischchen
Geht es ihnen gut
den Silberfischchen
zwischen Badezimmer
und Monstera jagend
nach Milben
und Schuppen
unserer alten Welt
in Zimmern
schon gefüllt mit
fremden Möbeln
fehlt er dir auch
der Blick
aus dem Kinderzimmer
auf die Wälder
die Wendeltreppe
die uns atemlos ließ
Weißt du noch
sagst du
mit deinem
Windspiellachen
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freiVERS | Lea Matusiak
mond und die see
du stehst da
königsblau, vor mir
durch die haut schimmert das mark
leicht, zwischen uns
liegt ein heft, eine
kassette und ein
fertig gedrechselter stift
du blickst herüber
verwegen ergraut
unter uns einigkeit
dass wir uns uneinig sind
deine tränen sind schon
mondversonnen
im sande der nacht und im schatten
verronnen, zwischen uns
blaukraut und brautkleid
unter uns die see
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freiVERS | Carla Bessa
einmal waren wir in las vegas
und übernachteten in einem dieser riesigen casino-hotels
unser zimmer: im 23. oder 24. stock
von dort oben die aussicht wie wunderbar
wir hassten las vegas aber
wir liebten es
die stadt von oben zu sehen die lichter
blinkend die dekadenz
du standest nackt am riesigen fenster mit dem las vegas strip
im hintergrund
schautest nach unten und sagtest: letztendlich
lebt der kapitalismus von unserem bedürfnis nach illusion
ich dachte: bingo
und als ich deinen körper so schön nackt am fenster stehen sah
gegen die wechselnden farben der neonlichter
da wurde mir klar
dass auch wir von illusionen leben du
der du an unsere liebe unbedingt glauben willst
obwohl du weißt dass ich nicht
die sprache der sentimentalitäten beherrsche
als ob du meine gedanken lesen könntest
fügtest du hinzu:
was zählt ist hoffen zu können hoffen
dass sich eines tages etwas ändert
die hoffnung ist das opium
dann hatten wir sex und sahen zu wie die nacht
über las vegas hereinbrach
später gingen wir hinunter ins casino und du
hast einen haufen geld beim roulette gewonnen
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freiVERS | Jane Wels
Ruß legt sich
auf meine Schritte,
wie ich höre,
fährt Curiosity
über den Mars
und die Knochensammlerraupe
trägt ihr Tarngewand.
Ich frage mich,
gibt es ein vages Terrain,
einen leeren Raum,
in dem Sprache
nicht mit Worten
angefüllt ist,
einen Ort
für das Gerümpel
in der Herzkammer
und den Nachtsänger,
die Dichteschwankung,
den Schaum,
existiert ein Void
im Irdischen,
oder flieh ich
zu den Wüstenhunden,
eine Lilith,
die bellt.
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freiVERS | Emma Joerges
zwischen den jahren
ich erwarte monde anstelle von augäpfeln
und feuerwerkskörper auf deiner zunge.
du bist eine heimat in klammern und
eventuell unendlichkeit
meine fünf sinne bestücke ich mit fragezeichen
und befrage die fragwürdige stabilität des schlafzimmerbodens
5 Zentimeter: absolute untergrenze für die tragfähigkeit von eis
ich google „thermodynamik“ mit wärmflasche im schoß
ich erwarte gegenwart
und sternschnuppen unter deinen fingernägeln
ziehst du in meiner epidermis ein?
kleidest du dich in meine silben?
8 Zentimeter: nun können gruppen die eisfläche sicher betreten
ich erwarte
zarte zwischenräume
zwischen den jahren
ich erwarte monde anstelle von augäpfeln
(mindestens drei)
und sonnenstrahlen in deinen haaren
ich stelle in frage
die entropie deiner sommersprossen im winter
kommt ihr mit in leichtigkeit?
ich vertraue dem eis
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freiVERS | Judith Klara Lüdtke
Näher
Näher an das Fenster ran, aus dem Wohnzimmer hinausblicken
Näher an das Fenster ran, hinausschauen
Auf den Zwetschgenbaum
Auf das dunkle Fenster gegenüber
Auf die grünen Pfosten
Auf die wilde Rose
Auf den Farn
Erinnerungen in Holz, Glas, Stein, Pflanzen, Lichtern, Farben
Alles in Farben
Bäume der Bilder, die ich male
Bäume aus Bildern, die ich male
Bäume aus Fenstern
Bäume in Fenstern
Geht da die Geschichte weiter?
Fängt sie da an, sich in Kapiteln auf Äste zu verteilen?
Fängt sie da an weiterzuwachsen?
Fängt sie da an?
Immer weiter zu wachsen
Immer weiter zu blühen
Mit der Gewissheit, dass im neuen Frühling die Blätter wieder kommen?
In Ästen trauriger Tage
Wächst das Holz geprägter Stunden
Erinnerungen an den Ästen
Erinnerungen in den Blättern
Erinnerungen in den Fenstern, in denen sie sich spiegeln
Erinnerungen in Bäumen
Bäume in Bildern, die ich male
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freiVERS | Torsten Siche
nach Hause kommen
ein Sommer wie Chlor und Pommes
einst und ewig im Treppenhaus
warten die Schuhe auf den Herbst
oder wer auch immer sich hierher verirrt
früher roch es treppauf nach Rhythmus
treppab die Scheibe Wurst
noch nudelwarm die Aussicht
auf süße Tüten oder Pizza für drei
jetzt duckt sich das Dach
im Niesel wächst etwas
zwischen den Dönerresten
abgerissene Zettel aufgeweichte Bitten
eine Katze beinahe unleserlich
vermutlich vermisst ein Klavier
zu verkaufen ein Auto oder ein Käfig
für alles was sich wegsperren lässt
abgeschüttelt die Zwiebelringe
unter den Schuhen weder Takt
noch Feingefühl in den Krümeln
der Dagebliebenen
ein Winter wie Mäusekot
hinter den Zierleisten jetzt und immer
wartet ein Kuss auf sein Echo
im Treppenhaus
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freiVERS | Katalin Balassa
Uhrwerk und Teig
Ich knete die Wörter gerne.
Ein Teig mit Leben und Wärme,
ein wenig Ruhe,
er hebt sich selbst.
Innere Gänge,
luftige Schächte,
gewölbter Rücken,
klebrige Ränder,
Reste am Finger.
Kaum Regeln –
nur atmen lassen.
Es ist nicht immer einfach.
Deutsch ist wie ein Uhrwerk.
Gnadenlos genau.
Und manchmal schmerzhaft strukturiert.
Sein Takt gibt Klarheit:
Klang der Berge,
weit über der Nebelgrenze.
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freiVERS | Avy Gdańsk
aus Männern werden Nymphensittiche
mit roten Bäckchen, angeblich, wenn
sie mich sehen: deine Beobachtung
befriedigt den Prinzen in mir, dem
deine Heimat unablässig schmeichelt
doch sollte man einem Land
keinen Glauben schenken, wenn
es einen zu verwandeln sucht: meins
erzählt nur Märchen über dich, weiß
und weiß nichts: hier
sieht man nur deine Haut und
deinen Halbmond, dem auch ich
mit spitzen Hörnern begegne – meine
agnostischen Instinkte schlagen, meine
mystischen schmiegen sich an; ich
löse dich immer noch aus Worten, mit
denen ich dich überzogen habe und schlüpfe
in deine Djellaba – einmal werde ich
alles von dir, du alles
von mir tragen, bis
dahin versöhne ich dich mit dem Schnee
und finde heraus, wie man böse Zungen
entgiftet
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