freiVERS | Jutta Schüttelhöfer

Herr Gräber

es riecht muffig, abgestanden
frische Luft – kein Gegner für
diesen Dunst das Zimmer darin
eingehüllt wie in einen alten
Mantel gekleidet ihn stört es nicht

er bemerkt es wohl nicht einmal
um ihn herum passiert der Alltag
Jalousien hoch Fenster geöffnet
Frühstück gebracht die Tür geöffnet
die Tür geschlossen er reagiert nicht

„Herr Gräber…“

wie Regentropfen an einer Scheibe
perlen die Buchstaben an ihm herab
die Augen stumpf zwei Fenster in
sein leeres Inneres sein Körper ein
beinahe verlassenes Gebäude

„Ich soll Sie von Rosalie grüßen!“
Rosalie!

hinter den Fenstern taucht seine Seele
auf der Blick flackert ein feiner
Schimmer darin eine einsame Träne
löst sich, rollt hinab über die runzelige
Pergamenthaut tropft lautlos zu Boden
„Rosalie“, flüstert er mit krächzender Stimme

Nie
habe ich mehr Liebe in einem
einzigen Wort gehört!

 

 

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Jutta Schüttelhöfer

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freiVERS | Katja Schraml

kRummer

wir wachsen
<dickschädel>
(wenn) über_haupt
auf schmalem stamm gen sonnenaufgang
+ beugen <leugnen> uns nicht
in uns ist die neigung
zum hang angelegt

 

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Katja Schraml

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freiVERS | Michael Pietrucha

chronik eines falls

für die Knihauka und alle Künstler:innen, die fliehen mussten

meine augenblicke öffnen sich noch im dunkeln
wieder aufgefüllt
mit der tinte der nachtruhe

Ich ist ein körper der sucht solange er geht
süchtig seine welt zu schreiben mit
den augen zu zeichnen in
sich hinein das alte
und neues zu finden das
er neu deutet was
schon immer gewesen sein wird

und Ich findet es und Ich findet es nicht
(schiebt den felsbrocken den hügel hinauf
rennt dem felsbrocken den hügel hinterher)
begierig den tag neu zu schreiben
jeder blick ein satz ist
die ansicht schreibuntergrund

aber mitunter
verzweifeln stimme ohren hände
diktatoren mitläufer ignoranten
sie sind wände
mitten in meinem schreibuntergrund
Ich sind federn
sind machtlos gegen
schwerter
gefängnisse
bomben
warnschüsse

gedichte harmlos verhärmt
sind schichten aus geschichten geist und klängen
habt ihr angst davor
dass ihr eine schicht überseht?
seid ihr neidisch
dass andere sie verstehen?
gewaltsame einfaltspinsel
die ihr allein geschichten am kleiner werdenden lagerfeuer
erzählen wollt!
die ihr die dichtenden fabulierenden
singenden spielenden zeichnenden
erstickt sehen wollt!

aber mitunter
bin Ich mehr als ein körper
und worte die schweigen können
wenn not an mich herantritt
gedachte weichen aus formieren sich neu kehren wieder
wage Ich zu sagen
dem sie nicht schlaf entziehen
der nicht eingepfercht in hitze kälte schmutz vegetieren
der nicht sein zuhause fliehen den luftalarm fürchten muss

meine worte dürfen
sich hegen und pflegen
versuchen den schmetterling zu besingen
oder ein lächeln einen saftstrotzenden leib
oder das weh über das vergehen der zeit
Ich darf sein und scheitern
dabei

wieder geht der tag
wie ein gast
der gehen mag
denn meine augenblicke sind
geschrieben gezeichnet geformt
die tinte fast aufgebraucht
habe Ich bei diesem gast der geht
etwas anderes gefunden?
das essen den trank die liebe
schreibt doch niemand neu
in luft und leib

so sinkt mein körper in die weichen
laken des schlafs und sucht so lange es geht
nicht zu suchen

 

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Michael Pietrucha

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freiVERS | Sofie Morin

Pilze, ach! (Fungus gemitus)

Ach, Pilze! Geflecht aus Hochmut und verwegenen Träumen. Und keiner gleicht sich. Hörnling bestimmt die Nuancen meiner Regungen je, Erdsterne verklären mir die Zukunft, Morchel kleidet meinen Stolz innen aus. Und Täubling klingt nach dem Spickzettel eines Minnesängers. Nachts, wenn keiner hinschaut, verschlingt er rohe Eier ganz.

Ach, Pilze! Bissfestes Gebaren, beinahe fleischlich, so wölbt sich der Pilzkörper einem Verlangen entgegen, nach Erdgeruch und klebrigen Texturen von Raunächten. So sind sie und so, schießen geweihhoch zwischen Wurzelfingern aus dem Erdreich, durchstoßen mit grellen Farben den moossatten Luftraum, verströmen Sporen wie Milchstraßen in die sichtbare und unsichtbare Welt hinter meinen Augenlidern.

Ach, Pilze! Von oben besehen mag euer Wuchs verstehbar sein, unterirdisch aber, da durchpflügt ihr Wahrheit um Wahrheit nach sternenfernen Gefilden, die Ursuppe, der wir alle entstammen. Und nichts wird gesagt von euren Schleimhäuten, nichts von den prekären Bündnissen, nichts von der Ungewissheit, mit der wir euch pflanzlich anreden. Viel aber von den Lamellen, von der Genießbarkeit und von euren Kappen, wo sie Eicheln nicht ähneln, und wo sie das tun.

Ach, Pilze! Ich singe euch Hymnen von fleischlicher Querung des engumzäunten Begehrens. Nichts, keine Lamelle, keine Rundung widerspricht mir. Die dünne Haut über dem prallen Körper, auch die wird nicht mehr normal sein, wenn wir einander aufs Genaueste besehen haben, Falte um Falte aus der Ummantelung gebügelt, bis wir alle so lustvoll anders sind wie unser eigenes Wollen.

Ach, Pilze! Geflecht aus Hochmut und verwegenen Träumen. Keiner gleicht euch wie ich. Im Herbarium halten wirs miteinander nicht aus, die Feldforschung aber unser Terrain. Aus dem Waldboden taucht ein Vater Erdfrüchte, die mir verborgen waren, und ich spüre es ist meiner. Seine Pilzgerichte lehren mich sachte, Tochter zu sein.

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Auszug aus: „Liebeleien mit Wuchsformen. Eine translibidinöse Pflanzenkunde.“

 

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Sofie Morin

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freiVERS | Yvonne Koval

ein Gefühl

wie aufgeraute Felsen
vom Wasser verschlagen
die Sprache.

& ganz unten, in der Tiefe, Risse
dort wo niemand tastet
schon lange Zeit, nicht aufgebrochen, nur stetig
stetig am Sauerstoff ziehend, zerrend
dem Wind entgegen, ergraut der Felsen.

aufgeraut, rissig & porös
dort wo niemand achtsam
niemals wach geworden
vom Zerfallen, da nur allmählich
alltäglich, mitgenommen von den Wellen
aufgebraucht, doch standgehalten.

nur dazwischen die Fissuren
die schon lange Zeit
ganz unbemerkt
davon erzählen.

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Yvonne Koval

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freiVERS | Anne Martin

sieben punkte gegen einsamkeit

aus der apothekenumschau seite 16

ausgabe märz

erster punkt im rotgerahmten schaukasten
der apothekenumschau, seite 16/ ausgabe märz
Denken sie positiv über sich. Sagen sie sich:
'ich bin so liebenswert wie jeder andere hier auch.'

denken sie postiv. sagen sie sich ich so liebenswert.
denken sie positiv. sagen sie. ich bin
denken sie postiv, sagen.
denken
ich bin.

ich bin anne und das meine ich positiv
überaus
es ist die wahrheit
denn oft sage ich mir
anne, was machst du hier und wofür

ich trage dunkle trauben durch die stadt
ich sage mir, anne, die trauben sind zucker, wasser und kern
ich sage mir, anne, dass das alles zusammenhängt
die anzahl der kerne
das einzugsgebiet
wie wenig proportional zu meinem durst
die straßen liegen in diesem bezirk

ein sonnenfleck klebt noch am stromkasten
die restlichen liegen versprengt auf dem kies
als wär die platane ein tollpatsch
dem das tageslicht runterfiel
ohne scherben und schrei

das feste und flüssige
wo es anfängt
und übergeht
gegenseitig und in sich
welche sachen sinken und welche schwimmen
was mir kern und was mir hülle
das soll der kanal mir wissen
da lauf ich hin
mit dunklen trauben durch den kiez

das setting ist ein violettes quartier
da sind linien aus gummi und linien aus stahl
die lenken verkehre und lenken menschen
wie erstaunlich es ist
wie selten wir an uns rempeln
und auch sonst dabei nicht berühren
und wahrnehmen als wolken im hintergrund

gerüche kleben an steinen.
an mündern und drüsen.
an dönerrollen und flacons

zweiter punkt im rotgerahmten schaukasten
der apothekenumschau, seite 16/ ausgabe märz
Kleider machen Leute: Ziehen Sie etwas an,
in dem Sie sich wohlfühlen und sich schick finden. 

(der requistige wurde inflationsbedingt der etat gekürzt)
ich trage schwarzes fleece seit sieben jahren
und braune schuhe aus rhythmischem material
mit taktschlägen auf zwei und vier
einen schlüssel
zwei klemmen
drei abgekaute nägel einer entzündet bis ins fleisch
zwei zusammengenähte namen
und blaue trauben zum halben preis

ein leuchtender sticker schreit es mir zu
alles sonderangebote
ich fühl mich sonderbar, kurz vorm schließen der läden

ich steuer eine klimax an
der kanal mir als illustration
wie schwer es mit dem unterschied von festem und flüssigem ist
dem was wir natürlich nennen und dem, was wir konstruieren

dritter punkt im rotgerahmten schaukasten
der apothekenumschau, seite 16/ ausgabe märz
Eine offene Körperhaltung signalisiert Interesse.
Arme beim Reden nicht vor der Brust verschränken.

(hier rät die regie:
scheitel gen himmel
hände fallend herab
locker nach außen
lass die schultern nicht hängen
und wusstest du, dass du ein hohlkreuz hast)

ich trage dunkle trauben durch die stadt
ich presse sinne in die gegend hinein
eine blassblaue minute aus allem getropft
und zwei sekundenvogelschwarm
ich quetsche gehörtes. ich keltere ahnung
aus der ankündigung von einem next-big-thing
ein abgelaufenes prospekt rät: kalzium essen im september
ich bin auf dem weg zu künftigem. warum also nicht
kalzium essen in entsprechung denn
aus vorauseilendem gehorsam
verbrennen die espen ihr laub
ich trage trauben die tragen kalzium
aus veranlagung und für den herbst

und manchmal bin ich traurig
aber eigentlich oft
über das viele was im umfeld liegt
und das wenige, was darin grüßt

vierter punkt im rotgerahmten schaukasten
der apothekenumschau, seite 16/ ausgabemärz
Halten Sie Blickkontakt. Lächeln Sie,
das bringt Ihnen Sympathiepunkte ein.

die zeit geht am stock den fußweg entlang
ich geh untergehakt mit ihr am rand.
ich frag sie nach wurzeln, die den asphalt sprengen
und wieviele platanen man braucht
für einen coup
wir würden gut aussehen in tweed und cord
doch ich trage trauben und angst
wir wollen bier trinken im park
als gäbs kein morgen. einfach sitzen bleiben
und mutmaßungen anstellen
über das alleinsein. wie ein therapeut aus westfalen
zum veröffentlichen
auf hochglanz in bunt
es kann die kranke hüfte sein, die am besuch der sportgruppe hindert
und manchmal liegt es daran, dass man zu hohe erwartungen hat,
die sich nicht erfüllen
(oder vielleicht dass man keinen vereinssport mag
oder keine gruppen
aus vereinsssportliebhabern)
oder gar nichts mehr erwartet vom kuchenbasar
der freiwilligen feuerwehr im ort
und doch würden wir gern mitglied sein in einem club
die zeit und ich
und briefe schreiben
an mitglieder

fünfter punkt im rotgerahmten schaukasten
der apothekenumschau, seite 16/ ausgabemärz
Erzählen Sie über sich, aber gehen Sie auch
auf Ihr Gegenüber ein. Fragen Sie interessiert nach.  

die letzte google anfrage+
die ich kürzlich stellte
wie depressionen überwinden
erzielt an erster stelle den treffer
www.ghostwriter-arbeiten.de
masterarbeit schreiben lassen
in fünf bis sechs raten

passieren ihnen auch solche bescheuerten dinge
ich frage hier
mit interesse

ich tragen dunkle trauben durch die stadt
ich sage mir, anne, die trauben sind wässrig im mund
die kerne haben mir einen schlarz in den zahn geknackt
ich sage mir, thomas, sich an das feste im flüssigen zutschen
ich sage mir, anne, du bist wasser und wunsch

auf dem weg zu festem und flüssigen
von weiten eine szene am bahnsteig mit zweien
der eine schlägt sich die stirn, nachdem er aufprallt
und rot fließt es ihm über die linke seite
wie sich festes und flüssiges bedingen
und dann rappelt der sich auf wacklige beine
und der andere verbiegt seinen arm so geschickt
durch den schlitz des mülleimers als wär er wasser
und eine flasche zieht er heraus und darin glitzert noch was
und der wacklige setzt zu rennen an
als sei der goldene spuckrest darin
die härteste währung im land

sechster punkt im rotgerahmten schaukasten
der apothekenumschau, seite 16/ ausgabemärz
Machen sie ehrlich gemeinte Komplimente.
Sprechen sie Gemeinsamkeiten an, falls sie diese erkennen.

hallo, sie hier
an dieser stelle im text
schön, dass sie es bis hierher geschafft haben
danke
mir fielen auch schon dinge leichter

siebter punkt im rotgerahmten schaukasten
der apothekenumschau, seite 16/ ausgabemärz
Sagen sie am Ende des Gesprächs,
dass sie es schön gefunden haben
 und sich auf ein baldiges wiedersehen freuen.

auf bald.
es war schön.
der kanal führt dunkles wasser
in festen bahnen
ein bewältigungsversuch
beton und stahl
bin ich fisch und fleisch und fest und flüssig
ein organ wünsch ich mir wie die plötzen es haben
damit ihre silbernen bäuche nicht oben treiben
zum halt
eine schwimmblase für trockenes
knapp überm kies
sich zu halten
in mittleren lagen

.

Anne Martin

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freiVERS | Ulla Schuh

Wannabe I-III

(versions between my 30s & 40s)

.

-I-

Ich will goldgelben Tee zum Frühstück
Ich will Häuptling sein. Ich will im Fluss baden
und in der Badewanne liegen, ohne dass die Haut schrumpelt
Ich will morgens voller Elan aus dem Bett springen
Ich will tanzen können und weniger frieren
Ich will im stillen Tal sitzen und einen Schwimmteich anlegen
Ich will geöffnete Fensterläden in Taubenblau
oder Lindgrün (lieber in Taubenblau)
Ich will, dass jemand meinen Rasen mäht
und mir über die Haare streicht
Ich will mein Kind glucksen hören und die Bienen summen
Ich will hin und wieder unangemeldeten Besuch
und einen vollen Kühlschrank
Ich will barfuß schreiben mit Blick ins Grüne
und einer Katze auf dem Schoß
Ich will ein Bett in einem hellen Zimmer
und gekalkte Wände, wie man sie früher hatte
Ich will viel Luft, viel Zeit, viel Raum für mein Leben

.

-II-

Was, wenn ich den gelben Sack
rausbringe, anstatt Häuptling
zu sein, wenn ich auf
Flachdachhäuser blicke
anstatt auf einen Schwimmteich
Wenn mein Kind am Kreisverkehr
spielt statt im grünen Gras
Wenn der Laubbläser
des Nachbarn
die Katze verscheucht
Fensterläden und Rasenmäher
rosten und mir niemand
über die Haare streicht,
– mir die Luft ausgeht,
Freiraum fehlt?

.

-III-

Heute Morgen
hat mir
mein Nachbar,
der laute
aus der 2,
einen Ableger
vor die Gartentür
gelegt:
Was
will
man
mehr?

 

 

.

Ulla Schuh

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freiVERS | Tetyana Dagovych

Die Zwei-Wände-Regel

der spielt mit den Schlangen der schreibt
Paul Celan

.

klebe die Fenster mit Tesafilm zu
damit die Scheiben nicht zerbrechen
damit mein Herz nicht zerbricht
du wirst diesen Frühling nicht sehen
aber vielleicht erleben
wenn du wirklich Glück hast
hast du die Luftalarm-App installiert
hast du? falls du
es zum Bunker nicht schaffst
lerne die Zwei-Wände-Regel
lerne sie auswendig
zwei Wände müssen sein
zwischen dir und der Rakete
am besten bei dir im Flur
dort kannst du dich aufhalten
das kann dir das Leben retten
kann aber muss es nicht
in Czernowitz geboren
wo es ruhiger als
in anderen Regionen
der gekreuzigten Ukraine
ist, Paul Celan sagte
damals damals aber heute
kommt es von der anderen Seite
der Tod ist ein Meister aus Russland
deswegen musst du die Fenster
mit Tesafilm gut zukleben
die Zwei-Wände-Regel lernen
lerne sie auswendig
ein Mann sitzt im dunklen Bunker
er spielt mit Raketen er schreibt
er will die Geschichte umschreiben
er will dich vernichten verbrennen
deine goldenen Locken Maria
dein aschenes Haar Mariupol
die Stadt tut mir weh im unteren
Bauchbereich die Gebär-
mutter ist es, die schmerzt
Maria sie wurde ermordet
in Odessa wo es so ruhig
war wie in deiner Stadt
nur ab und zu Raketen
Valeria hatte ein Baby
ein Mädchen namens Kira
sie hatte die Mutter Ludmyla
zu dritt waren sie Maria
zu dritt wurden sie ermordet
klebe ordentlich deine Fenster
mit Tesafilm zu und die Regel
die Zwei-Wände-Regel du musst
sie auswendig können
sie hat ihnen nichts geholfen
das war ein direkter Treffer
hast du die Luftalarm-App
vollkommen nutzlos war sie
in Butscha Hostomel Irpen
es tut mir weh an den Händen
es tut mir weh in der Scheide
der Staub verbrennt Atemwege
der Tod ist ein Meister er spielt
du – lern seine Spielregeln endlich!
vor allem die Zwei-Wände-Regel
den Kopf mit den Händen zudecken
nicht weinen nicht lachen nur singen
(u lusi tscherwona kalyna...*)

 

* ukrainisches Lied; von Pink Floyd wurde es als „Hey Hey Rise Up“ veröffentlicht

 

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Tetyana Dagovych

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freiVERS Spezial | Liza Wandermaler

Eine dunkle Nacht

Sonettenkranz

Die Äste des Schneeballstrauches beugten sich.
Mama, zu wem haben wir gebetet?
Wie viele deiner Kinder wird er noch wegnehmen –
der Krieg, der nicht deiner ist?

(Okean Elzy, „Nicht dein Krieg“, 2016)

.

I

In den Kirchen verglühen die Kerzen
Und die Kornfelder gehen ein.
Nur der Fallende weiß allein,
Wie Soldaten die Glieder schmerzen.

Und die Monate gehn dahin,
Warme Nächte erlösen die kalten.
„Kind, dich holen die Nachtgestalten,
Wenn du rätselst nach Zweck und Sinn.

Lass dich nicht von den Schüssen stören,
Press das Spielzeug an deine Rippen.
Bald ist wieder der Wind zu hören…“

Doch am Ende des endlosen Tags
Flüstern Söhne aus trocknen Lippen
Und die Mütter verweinen das Wachs.

.

II

Und die Mütter verweinen das Wachs
Und verbluten das Herzenseisen.
Morgen sollen die Züge entgleisen
Zu der Feier des Zick- und Zacks.

Dann zerbricht man die runden Brücken,
Alle Ellbogen, jedes Knie
Und dann zieht man so stark wie nie
In den Krieg auf den Zacken-Krücken.

Auch die Augäpfel drückt man platt,
Um nicht nochmal die Tat zu sehen,
Die man gestern begangen hat.

Und die Ältesten beten: „Pax!
Bitte lass sie im Nichts zergehen
Mit dem Nachklang des Brandgeschmacks.“

.

III

Mit dem Nachklang des Brandgeschmacks
Überschreibt man die Weltgeschichte:
Helden-Oden und Fest-Gedichte
In dem Futter des Leichensacks;

Kinder winken mit Stoff-Servietten
Dem Gespenst auf dem roten Thron;
Männer krächzen ins Mikrofon
Und versprechen, die Welt zu retten.

Diesen Film hab ich schon gesehen.
Schalt ihn aus oder spul zum Schluss!
Doch man kann ihn nicht schneller drehen

Und das Band ist nicht auszumerzen.
Schon mit einem erstickten Schuss
Lässt sich jegliche Unschuld schwärzen.

.

IV

Lässt sich jegliche Unschuld schwärzen?
Frag die Mutter am Kindesgrab.
Schau aufs brennende Dorf hinab
Mit den rauchenden Häuserkerzen.

Frag dein eigenes Spiegelbild,
Wenn du Mut hast, dich anzuschauen,
Doch das wirst du dich lang nicht trauen
Und du wünschst dir, du wärest blind.

Niemand schreibt dir und ruft dich an,
So, als seiest auch du gestorben,
Wenn dein Geist das noch immer kann.

Und du suchst nach dem Schein-Indiz
Und du flüsterst: „Wir durften doch morden…“ –
Es bezichtigt ein roter BlitZ.

.

V

Es bezichtigt ein roter BlitZ –
Das zerrissene alte Wappen –
Die Bedeutung der Schulterklappen
Und die Freiheit der Selbstjustiz.

Also ziehst du die jungen Frauen
In die Zimmer mit Dämmerlicht.
Und man findet sie lange nicht,
Bis die Schneehaufen schließlich tauen.

Dann verlässt du die toten Wände,
Gibst den Kindern den letzten Rest
Und erlaubst dieser Nacht ihr Ende.

Doch der Mond ist entstellt und dunkel,
Schaut dein Werk an und beißt sich fest
An der faulenden Himmelskuppel.

.

VI

An der faulenden Himmelskuppel
Waren Sternbilder angebracht.
Jemand hat sie kaputtgemacht
Und die Nächte sind hohl und dunkel.

Und die Nächte sind kalt und leer;
Keine Fenster im Bunkerkeller.
Und die Tage sind nicht viel heller,
Ganz als gäbe es keine mehr.

Schon sind Kinder darin geboren –
Kriegeskinder der dunklen Zeit,
Zarte Irrlichter in den Mooren.

Doch das reicht nicht dem Seelenkrüppel,
Denn sein Hunger ist schwarz und weit,
Wie ein uralter Gummiknüppel.

.

VII

Wie ein uralter Gummiknüppel
Fließt der Fluss seinen schwarzen Lauf.
An den Ufern gehn Feuer auf,
Weiber sammeln das Stepp-Gestrüpp, hell

Übergeht die zersprengte Nacht
In die nächste und übernächste.
In den Trümmern der Blutpaläste
Planen Affen die nächste Schlacht,

Schlagen blindlings die Köpfe ein,
Schreien Flüche und schmeißen Steine
Und bepissen das eigne Bein.

Und vom obersten Lagersitz
Keift ihr Führer durch Brutgebeine
Vom berechtigten Grundbesitz.

.

VIII

Vom berechtigten Grundbesitz
Hast du Märchen als Kind gelesen.
Und du bist fasziniert gewesen
Von der Inschrift des Blutgranits.

Überzeugt davon, Recht zu haben,
Unbesiegbar und frei zu sein,
Tratst du stolz in die Reihen ein,
Die mit Würde und Weihe warben.

Doch nun scheint dir, man log dich an,
Denn es brennen die weißen Tücher
Und man lügt, wer den Brand begann.

„Geht das etwa schon jahrelang?“
Das bezeugen die fremden Bücher
Und es spiegelt der Klagenklang.

.

IX

Und es spiegelt der Klagenklang
Wie ein Echo die alten Lieder.
Man erholt sich und donnert wieder
Wie ein rastloser Bumerang.

Viel zu alt, um Vernunft zu erlernen,
Also geht man den alten Weg
Und bekräftigt das Sakrileg,
Um das letzte Stück Mensch zu entfernen.

Doch wie lange wird das noch gehen?
Bald fegt nur noch der stille Wind
Durch die grauen Betonalleen.

Doch solange wir hier verharren,
Wird zerstört, denn gedenk: wir sind
Jene Endzeit vor achtzig Jahren.

.

X

Jene Endzeit vor achtzig Jahren –
Der zerberstende Höllenzug –
Hat sie scheinbar noch nicht genug
Überzeugt und entsetzt. Sie fahren

Wie berauscht durch die schwarze Nacht
Ohne Bremsen und ohne Schienen,
Stur entschlossen, der Nacht zu dienen
Und dem Ding, das aus ihr erwacht.

Und, erleuchtend die Mordmission,
Zittert oben das dunkle Omen.
Man erwartet die Endstation.

„Wie lang fahren wir?“ „Nicht mehr lang…“
Man muss nur durch die Leichen kommen
An den Ufern der Zeit entlang.

.

XI

An den Ufern der Zeit entlang
Schleichen dürre Gestalten… Feuer!
Schau genauer hin. Siehst du – Feuer!
– den entkräfteten, seichten Gang?

Fest der Zombies, der Totenzug…
Und sie singen schon wieder – Feuer!
Die verschimmelten Hymnen – Feuer!
Über Schwindel und Selbstbetrug.

Und sie tanzen im Blumenmeer,
In der Mitte der Menschenherde,
Schwingen lachend das Sturmgewehr…

Und nicht weit von der Fahnenpracht
Fällt ein Mann auf die harte Erde.
Jemand schreit, es sei ausgedacht.

.

XII

Jemand schreit, es sei ausgedacht…
Und ich möchte die Welt zerfetzen,
Doch es hängt über allen Plätzen
Diese klebrige Lügen-Nacht.

Sie klebt Lider und Ohren zusammen
Und sie bindet dir Hand an Hand.
Und sie flüstert: „Verehr dein Land,
Sonst zerfleischen dich meine Flammen.“

Also sprichst du mit keiner Seele,
Untersagst dir das Telefon
Und befolgst alle Nacht-Befehle.

Und es ändert sich nichts seit Jahren:
Jemand brennt in der Nacht davon,
Jemand will nichts davon erfahren.

.

XIII

Jemand will nichts davon erfahren,
Jemand rechnet die Toten aus.
Mancher packt und verlässt sein Haus,
Um zum Höllentor hinzufahren.

Mancher fängt die Geschichten ein,
Manche schließen sich ein und weinen.
Manche wollen die Tat verneinen.
Mancher wünscht sich, im Kern zu sein.

Jemand ist nur ein kleines Kind.
Jemand denkt an die Lebensscherben.
Jemand schweigt nur und trinkt Absinth.

Jemand wünscht sich ein wenig Macht.
Einer lächelt und lässt sie sterben.
Es beginnt eine dunkle Nacht.

.

XIV

Es beginnt eine dunkle Nacht.
Man verwehrte der Sonne zu scheinen:
„Zu viel Gelb auf den blauen Leinen.“
…Also hat man sie umgebracht.

„Mama, wann sind die Monster weg?
Warum müssen wir uns verstecken?“
„Kind, dich holen die Schatten-Schrecken,
Wenn du rätselst nach Sinn und Zweck.

Lass dich nicht von den Schüssen stören.
Ihre Taschen sind einmal leer
Und der Morgen wird uns gehören…“

Doch es fröstelt in Kinderherzen
Jede Stunde ein Stückchen mehr.
In den Kirchen verglühen die Kerzen.

.

XV

In den Kirchen verglühen die Kerzen
Und die Mütter verweinen das Wachs.
Mit dem Nachklang des Brandgeschmacks
Lässt sich jegliche Unschuld schwärzen.

Es bezichtigt ein roter BlitZ
An der faulenden Himmelskuppel
Wie ein uralter Gummiknüppel
Vom berechtigten Grundbesitz.

Und es spiegelt der Klagenklang
Jene Endzeit vor achtzig Jahren
An den Ufern der Zeit entlang.

Jemand schreit, es sei ausgedacht;
Jemand will nichts davon erfahren.
Es beginnt eine dunkle Nacht.

 

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Liza Wandermaler

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freiVERS | Kameliya Taneva

bildende kunst

erster versuch: ton-
plastik. weitere schichten auf
-tragen, -kleben, -bauen. doch
jedes anständige tonmonster
muss seinen schöpfer
erwürgen.

wenn du überlebt hast,
versuchst du es erneut:
steinskulptur. du fängst an ab-
zutragen: du kratzt, du pellst alle
messgeräte vom leib des lebens weg, uhren,
metronome, navigationssysteme. du brichst
mit der überflüssigkeit, mit der über-
schwere bis ein nacktes, mageres
glück, eine handvoll groß,
deine fingerspitzen wärmt.

 

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Kameliya Taneva

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