freiVERS | Anna Derksen

Erben

Ich gehe den Flussweg
im Zwielicht entlang
die Hände leer
die Taschen leer
das Schweigen zwischen Deich und Gras
sanft wie gehaltener Atem

Bilder kommen
wie ein Kiesel im Schuh:
die Stimme einer Frau
die Gläser im Regal durchzählt
die mehlbestäubten
Handflächen einer anderen
jede von ihnen sammelt
das Morgen in ihre Schürze

Sie lebten gebeugt
im Dunst kleiner Zimmer
wo Bedürfnis warm aus winzigem Bett aufstieg
wo Wunsch und Verzicht
denselben Namen teilten

Aber meine
Hände bleiben bar
frei, flechtenraue Rinde zu berühren
frei, den eigenen Puls zu fühlen
statt des Gewichts einer fremden Zukunft

Ich lasse, was ich bin
indem ich das Stillstehen wähle
um bei mir zu sein
– the British call it solitude

In der sinkenden Dämmerung
fliegen Fledermäuse ungesehen
rauscht der Fluss weiter
Ich stehe dort
die Hände offen
und spüre alles im Wind.

 

Anna Derksen

 

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