freiVERS | Lütfiye Güzel

geisterbahn-karussell

zwanzig neue bücher
in gepolsterten umschlägen
die klammern stecken
ihre köpfe
durch die beiden löcher
ich klebe die seiten noch zu
bevor ich beschossen werde
von meinen eigenen organen

Lütfiye Güzel

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freiVERS | Enno Ahrens

Im Geisterdorf

Ihr Geschrei ist verstummt
keine Kinderhand entzündet
sich mehr an den Nesseln
am Saum der Gärten stehen
sie verschlafen
die Häuser nur noch leere
fruchtlose Hülsen vereinzelt
bewohnt von Alten gefallen
wie aus einer längst
vergangenen Zeit
ein Greis döst in seinem
Lehnstuhl unwirklich
wie ein Rauchermännchen
verschwindet einen kurzen
Moment in dem Qualmwirbel
wie in einem schwarzen Loch

einzig die Ente im
verwilderten Fischteich
zeigt sich befindlich
beim Eintauchen
den Bürzel aufwärts

Enno Ahrens

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freiVERS | Steffen Bach

kaugummiautomat

sommer am kaugummiautomat
sommer vorm kaugummiautomat
meine hände sind trocken und glatt
schmiergelig rau weiße Knallerbsen
hängen an dem strauch. der weg ist
zu steil um ihn mit inlinern herunter
zu fahren man müsste sich auf der wiese
abrollen am besten sich auf die wiese werfen
und immer weiterrollen bis der ganze schwung
verbraucht ist das traue ich mich aber nicht
dann werden meine klamotten dreckig

Steffen Bach

Dieser Text erschien vor kurzem in der Anthologie Almanach im Verschlag Verlag.

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freiVERS | Clara Heinrich

frühling

wir jumehrten in der ersten wonne, bistrotteten im sichten gepente. die pursi figerten, das frein gelierte. du sukzessiertest, nur kein tabell, alles bitte nur kein tabell, fruh mich nicht! ich grandete, karierte, gaspelte. du bist ein pepin, abandest du. ich lanzierte dir meschui das dormionte. der etrang war lanur und espisch. wie im denti jaunerten wir, klamaukerten die hepte mit harisch, die greine mit lisen. rüstel ist aber zirrich heute, wirschelst du. quellte wie er zalpe, vertriente ich. ja, quellte wie er zalpe, verlöst du. oh, wie gezerrlich das sichte gepente, gepöselst du noch. Ich gemunierte.

Clara Heinrich

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freiVERS | Urs Böke

Feldjacke

Mit der Feldjacke an
sitze ich auf dem Balkon
ich höre die Streitereien
das Jaulen der Hunde
 
Ich höre hin
wenn bei den Nachbarn
die Hände ausrutschen
wenn sie sich lieben
höre ich weg
Seltsam…;
Langsam dämmert es
und es dämmert mir
ich schließe den Kragen
der Feldjacke enger
Regen setzt ein
dann ein Gewitter
 
Noch einen Schluck
aus der Flasche
dann noch
drei letzte Biere
Es sind immer nur
Schlücke und Stoffe
Gewärmt
haben Menschen
noch nie.
Urs Böke

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freiVERS | Hasune El-Choly

Zwischen Motten

Da waren noch Namen an den
Klingelschildern, verschwommene
Lettern in Großbuchstaben,
hinter einer dünnen Schicht aus
beschlagenem Glas.

In den ersichtlichen Spuren einer
kalten Winternacht, versteckend im
zerbrochenen Lichtkegelschein der
Haustür, wo Motten in vorbeifliegenden
Lichtern in Ehrenrunden versinkend
zu Boden fielen;

war alles leer und still.

Und so fielen auch wir.

Hasune El-Choli

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freiVERS | Nikola Huppertz

camera obscura

flüchtig kommen
und gehen die Szenen

es sei denn
ich gewähre ihnen einlass
in den papiernen raum
meiner gedanken
und drehe und wende und
stelle sie auf den kopf

so lasse ich sie eine weile
im abglanz der wörter verharren
und du kannst sie betrachten

ehe ich mich wieder verschließe
und sie im dunkeln
verschwinden

Nikola Huppertz

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freiVERS | Harald Kappel

beiläufige Sätze

unter der gelben Kugelleuchte
bei den Wollsocken
liegen beiläufige Sätze
ein wundersamer Frieden
du küsst durch
meinen lauten Großvortrag
hindurch
ein groteskes Nebeneinander
von verlegenen Worten
und risikoloser Leidenschaft
sie führt
schon bald
zur Bauchhochzeit
und ins Möbelhaus
die hellen Stunden
versiegen im Holzregal
dort steht lange die Weile
und zahlt den Preis
für beiläufige Sätze
unter der Kugelleuchte
bei den Wollsocken

Harald Kappel

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freiVERS | Sara Maurer

du und ich in wien im advent.

 

Eines trüben morgens,

die vorhänge waren noch geschlossen

und das zimmer dämmrig kalt,

setzte ich mich ruckartig im bett auf,

denn mir war eingefallen,

dass ich eine woche zuvor

zwanzig euro am theaterparkettboden gefunden hatte

und das bedeutete nämlich,

dass ich umsonst die ganze letzte woche schlecht gelaunt

auf der suche nach einem bankomaten gewesen war

denn in den kleinen cafés,

in die ich vorgehabt hatte zu gehen,

konnte man ausschließlich mit bargeld bezahlen.

da es dort aber keinen bankomaten gab,

bekam ich auch keinen kaffee

von einem kleinen café.

 

Ich setzte mich also ruckartig mit diesem gedanken auf,

schüttelte den üblichen morgenschwindel ab

und ich sagte zu dir,

denn du bist aufgewacht, weil ich mich so ruckartig aufgesetzt hatte:

„heute morgen bin ich aufgewacht und hatte kein blut mehr im gesicht.“

und du hast mich angeschaut,

mit deinen noch halb geschlossenen schläfrigen augen,

dein ohr in den polster gerdrückt und "was?" gemurmelt,

und ich darauf

"ach nichts"

und du

"mhm",

das war so schön.

Dann hast du dich langsam angezogen

und ich hab dir zugesehen,

es ist ein nasser tag gewesen,

denn es hatte den ganzen morgen geregnet,

und bist an der haltestelle vor dem kindergarten,

an der du dich immer über die kindergruppen ärgerst,

in den bus gestiegen und von zuhause weggefahren.

 

Der bus stand im stau,

wegen des regens,

aber auch wegen der leute,

und da stiegen zwei vom alter gekrümmte frauen mit krücken zu.

die verabschiedeten sich dann lange voneinander,

sie sahen sich sonst nämlich nie

und das war sehr schade,

aber vielleicht würde man sich ja bald mal

auf einen kaffee

in einem kleinen café treffen

und die eine musste zwei die andere drei stationen fahren.

 

Als der bus dann aber kurz geführt wurde

und sie beide an derselben station aussteigen mussten,

gab es nichts mehr zu sagen

über die enkel oder das wetter

und man hatte sich ja auch schon

verabschiedet und wieder verabredet,

also bist du mit ihnen in ihrer peinlichen stille gestanden.

 

Ich aber bin dagegblieben

und habe versucht mich so zu wundern,

wie du dich immer über mich gewundert hast,

wenn ich gesagt habe,

dass ich irgendwie das gefühl habe,

dass die halben stunden zwischen dreiviertel und viertel

viel schneller vergehen,

als die zwischen punkt und halb,

wenn ich so am küchenfenster sitze,

den rest deines kalten und viel zu starken kaffees trinke,

rauche und darauf warte, dass der regen schwächer wird

oder die nachbarskatze sich blicken lässt

und die Minuten zwischen dreiviertel acht und viertel neun zähle.

 

Ich rauche eigentlich immer,

wenn du nicht da bist,

so wie der vater immer trinkt,

wenn meine mutter geht,

weil ich dann daran denken muss,

dass du das hasst

und ich es mag,

wenn du sagst,

dass du das hasst.

 

Und wenn der regen

dann fast ganz aufgehört hat

und die sonne durch die wolkendecke bricht,

gehe ich vielleicht zum museumsquartier

und warte und schaue den gestressten menschen zu

dort, wo kleine blaue schafe

oder food trucks

oder ziehharmonika spielende pferde

unter der weihnachtsbeleuchtung stehen.

 

Und wenn eine halbe stunde zwischen elf und halbzwölf vergangen ist,

treffe ich im museumsquartier vielleicht eine frau,

die mir sagt,

während sie ihren terminkalender wieder einsteckt,

dass sie das jetzt schon etwas nervt,

oder so,

wenn ICH das gerne SO machen möchte,

also wenn ich das so machen will,

dann kann ich das gerne so machen,

sie findet das jetzt auch nicht schlecht oder so,

aber sie weiß auch nicht,

ob sie MIR das falsch kommuniziert hat,

denn sie dachte schon,

dass wir das JETZT alles zusammen ausmachen.

Aber wenn ICH das jetzt lieber nicht ausmachen will,

dann ist das natürlich auch voll ok und passt voll für sie.

 

Und zu der barista,

die in dem starbucks,

in den die frau gerne gehen wollte,

weil sie heute noch garkeinen kaffee getrunken hat

und ihr morgen dann immer ganz schrecklich ist,

lattés ausgibt,

sagt sie dann,

nachdem sie ihren kaffee nach dem ersten schluck angewidert abgestellt

und dann auch zurückgebracht hat,

vielleicht so etwas wie,

dass es ja auch nicht so schwierig sein kann,

SOJAmilch

in einen kaffee latte mit

SOJAmilch

zu geben

auch wenn sie keine unverträglichkeit hat,

man sollte sich mal vorstellen,

sie hätte eine,

aber milch sei einfach so ekelhaft,

weil sie so einen grauslichen geschmack im mund macht

und weil sie früher oft am bauernhof gewesen sind

dann denkt sie sofort

wenn sie die milch nur riecht,

schon an die kuh

und den stall

und das ist ekelhaft.

 

Und ich nicke recht viel

und sage „mhm, mhm“

und starre der barista später,

während sie eine neue latte macht,

die ich für die frau holen gehe,

auf die lippen weshalb sie,

unangenehm berührt,

unter der theke mit den füßen

zur last christmas dauerschleife

zu wippen beginnt.

 

Und wenn ich den neuen kaffee

dann zu dem tisch,

an dem die frau wartet, bringe,

entschuldigt sie sich

für ihren kurzweiligen ausbruch,

das ist nämlich sonst so garnicht ihre art

und ich schüttle meinen kopf

und sage so etwas wie

“nein, bitte, das ist total lebensecht”

und die frau sagt nichts

und starrt für einen augenblick durch mich hindurch

während sie am kaffeetassenrand der sojalatte nippt,

und entscheidet sich wohl

dass das keine beleidigung war.

atmet laut aus und sagt

„ach du”.

es ist nämlich nicht so leicht mit mir,

denn ich bin wie meine mutter.

 

Wenn die frau die tasse abstellt

und einen moment lang dem kaffehaustreiben zusieht

greife ich in meinen rucksack

schiebe ein kleines packet über den tisch

und sage so etwas wie:

„grüße von der mama“

und die frau beißt die zähne zusammen und murmelt:

„oh wie lieb das wäre doch gar nicht notwendig gewesen, das hätte ja gar nicht sein müssen, da werd ich ihr gleich eine SMS schreiben.“

 

Dann bin ich durch die stadt losgelaufen,

ich weiß nicht mehr wohin,

bis es dunkel war und ich verloren gegangen bin,

irgendwo in den übergängen wiens,

in denen es nach pferdepisse

und manchmal auch nur nach pisse riecht

und den donauwalzer spielt.

 

Und du bist am abend

mit dem bus zurückgefahren,

aber der bus musste eingezogen werden,

weil ein alter wiener,

der aus weihnachtsvorfreude

auf ein fest mit der ganzen familie

besonders gut gelaunt war,

zuerst lautstark

"hearst, mach die tür auf, du komiker!”

richtung busfahrer schrie

und dann auch

als dieser keine anstände machte

die tür während der fahrt für den mann zu öffnen

auch auf diese eintrat bis sie kaputt war

und der fahrer alle aussteigen ließ.

 

Im ersatzbus wolltest du

dann an der haltestelle vor dem kindergarten aussteigen,

hattest aber aus versehen

eine station zu früh auf den aussteigeknopf gedrückt

und musstest jetzt überlegen,

ob du auch eine station früher aussteigen sollst,

und den rest zu fuß gehen,

weil die tür sonst ja für niemanden aufgehen würde

und der bus vielleicht umsonst stehengeblieben wäre,

und dir das vor den anderen leuten unangenehm ist.

aber ein alter mann ist aufgestanden und ausgestiegen

und du hast aufgeatmet.

 

Und als ich wieder zuhause war,

habe ich eine kerze auf dem

schon im letzten jahr nicht mehr schön gewesenen kranz,

den du nicht weggeworfen hast,

weil du meintest,

dass der shabby chic look wieder im kommen ist,

ein wort dass ich dann gegooglet habe,

angezündet,

denn heute ist erster advent.

 

Und dann bist auch du heim

und durch die tür gekommen

und da bin ich gesessen

und hab dich angeschaut

und gefragt

„na wie war dein tag”

und du sagst

„anstrengend”

und ob ich

„zwischendurch mal an dich gedacht habe”,

und ich sage

„nein, aber ich hab meine tante getroffen”

und dann frage ich dich, ob du kühe ekelhaft findest,

und du schüttelst den kopf und murmelst leise:

„was?”,

lachst und umarmst mich.

 

Und wenn du dann vorsichtig eine hand auf meinen rücken legst,

dort wo die schulterblätter zusammenlaufen,

flackern nur noch kerzenflamme

licht und schatten um uns durch den raum

und es riecht nach harz und wachs und feuer.

 

Und später, wenn es draußen wieder stärker zu regnen beginnt

und der früchtetee uns süßlich heiß auf den lippen brennt,

werden wir gemeinsam in die flamme starren

und etwas summen,

das wir von früher kennen,

eine melodie,

die schon fast nicht mehr zu uns gehört.

Sara Maurer

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freiVERS | Melanie Khoshmashrab

den haben wir nicht

für Rüdiger Käßner*

ich mag diese küchengespräche, sag ich
wenn du das schwarz erpresst, werd ich ruhig
draußen sind alle schaufenster vernagelt

ich mag die katze, die über dir hängt, sag ich nicht
danke / wenn sich die bahn nachts verspätet, steigen wir auf
oberflächen mit innenalsterblick, du rauchst vor apple

ich mag sitzenbleiben, bis ich zu allem zu spät komm
die ubahn fährt nicht nach münchen, sagst du
bist eigentlich häuslich & einen weltraumbahnhof

Melanie Khoshmashrab

* Rüdiger Käßner war ein feinsinniger Förderer der Literatur. Er hat Lesungen organisiert, jungen Autor*innen einen Bühne geboten und 20 Jahre lang die Hamburger Weblesungen organisiert: Autor*innen kamen in seine Küche, haben mit ihm Kaffee getrunken und anschließend einen Text eingesprochen. Käßner, 1953 in Hamburg geboren, verstarb am 2. Februar 2018 nach langer Krankheit.

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