freiVERS | Unda Maris

Novemberhesperiden

Es war im drůsen Spätherbst
daß mal wieder so einiges gemağgolokkerte
und das Laub behehlebęnde
in die Gegend diffundierte

Im Prater wurstelte die Plebs
so vor sich hin, behelfmichnich, aber kregel

Keckernde Krähen behůdelten den Himmel
und schærwanzten die ein oder andere
Eulenspiegelei über die Szenerie

Melechnitòth lagen die Fahrgeschäfte im Südosten
beharnischt zwar, aber ohne Lach oder Sang

Hier und dort noch ein Echo
von glottermōgelndem Sprechmichdoch

Und in der Geisterbahn schließlich
— unheimlich ist es zu sagen —
ein von Mirespiłłiden verlassener Sarg

Unda Maris

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Michael Pietrucha

Samenkorn Zeit

Ich habe dir Zeit gegeben,
du hast sie mit den Augen geküsst,
habe sie unterwegs aufgehoben,
bevor sie unter meinem Schuh verschwunden wäre,
sie abgewogen; das Sonnenlicht von oben
und das Mikroskop hier unten sagten,
es sei ein Samenkorn, und geschoben
in ein Kuvert stecktest du es ein.

Ist denn das Samenkorn zu einer Ranke
auf deinem Fensterbrett gewachsen?

Michael Pietrucha

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Lütfiye Güzel

man lebt nicht jeden tag

-

eine spinne mit den augen

verfolgt

mit gutem gewissen

ihr netz nicht zerstört

dann obst von den bäumen

geschüttelt

& drei runden geweint

Lütfiye Güzel

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

 


freiVERS | Peter Paul Wiplinger

Nada und France

Über die teller
gebeugt essen wir
jeder unsere suppe

wie schmeckte sie
damals in Dachau
wie in Mauthausen

einen langen weg
seid ihr gemeinsam
im leben gegangen

jetzt seid ihr müde
aber ihr erzählt mir
von euren Erinnerungen

Nada bringt das fleisch
France schenkt wein ein
wir hören die Nachrichten

noch immer dieser krieg
dieses mal in eurem land
auch wenn er weit weg ist

das letzte sonnenlicht
leuchtet noch glutrot
in das zimmer herein

dieser verdammte krieg
sagt France verbittert
und Nada nickt stumm

Peter Paul Wiplinger

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Helmut Glatz

Meine Einsamkeit

Jetzt im Herbst hat die Einsamkeit
die Strickweste an und den langen geblümten Rock
Sie schlurft um das Haus und versucht
die Blätter zu dressieren
Sie rascheln schon und machen Männchen im Wind
Ich liebe Menschen die Schatten werfen
für die zwei mal zwei nicht vier ist
sondern fünf minus eins
denke ich während ich am Fenster stehe
und sie beobachte
Es ist meine Einsamkeit da unten jetzt legt sie
den Besen weg und geht die Straße hinunter
Ich hätte sie nicht gehen lassen sollen
jetzt im Spätherbst denke ich
auch zwanzig durch fünf  hätte ich gelten lassen sollen
denke ich während sie die Straße hinunter schlurft
mit ihrem Schatten der immer länger wird

Helmut Glatz

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Martin Zaglmaier

Inkognito

Wir tauschen Gesichter
mit der Nacht
wir wollen nicht mehr
dieselbe dünne Luft
wie die Anderen atmen

niemand weiß wo
und wer wir sind

Martin Zaglmaier

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Nina Beer

Kohle, Glas

Nimm das Stück Kohle
und ziehe
eine Zäsur entlang der Stirn
teile mir Brauen und Augen,
die nicht mehr sehen ohne zu erinnern
teile den Mund,
der nicht mehr spricht ohne zu richten
teile die Schatten entlang feiner Linien
hinab, hinab;
Nimm das Stück Glas

Nina Beer

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Cornel Köppel

gucklöcher

große augen das knochenbein
streicht papillonskills ans
bein was für ein steiß wo nicht
mal der plot so richtig topt
borgen wir uns einen cyborg
ein rosa unicorn zum trost
ein capricorn flake(d) away
waten wir ins off off
und on geht anders der pupillen
mann hinterm pappkarton löchert
einblicke in den dunkelraum

 

Cornel Köppel

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Leontine Köhn

Komische Natur vom Ineinanderhineinfließen

Prächtig
schummerst Du
die Maske über den Kopf gestülpt.

Crescendo: Krawall,
sie entlarven Dich.

Improvisationsgewitter auf dem Lügenberg.
Es regnet in Dich hinein,
Du läufst über.

Kurzschluss,
Explosion von Wahrheit.

Bitterer Geschmack Deiner Selbstbeherrschung,
endloser Flur fehlender Aufmerksamkeit.
Deserteur Deiner Gefühle.

Leontine Köhn

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift


freiVERS | Enno Ahrens

Immer im Jetzt

verlegen über unseren Unverstand
ziehen wir Schlüsse ins Ungefähre
quer durch Streuobstwiesen

auf luftigen Planken schunkeln wir
durchs Öhr unserer Apfelträume

Gedanken mit Jojo-Effekt verrieseln
durch gläserne Tarnkappen-Uhren
verläuft unser Dasein im Sand

Enno Ahrens

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>