freiTEXT | Stefan Kreiger

Auto

Auf dem Weg nach Hause in dem Boliden: Genaugenommen habe ich ihn gestohlen oder zumindest beiseite geräumt, wie man so sagt. Das Auto meines Vaters ist mehr oder weniger das Einzige, was ich retten kann von dem ganzen Hofstaat. Der Zustand, den er mit seinem vorzeitigem Tod hinterlassen hatte, verspricht ein riesen Scheißhaufen zu werden. Beginnt zu wachsen, kaum dass er seinen letzten Atemzug getan. Eigentlich schon vorher, vielleicht lange vorher. Es hatte sich was angesammelt. Heute weiß ich mehr. Aber viele Dinge kann man ignorieren. Manche ein Leben lang. Juristisch bin ich etwas mehr involviert als mir lieb ist, in dieses Kartenhaus, das in Zeitlupe über mir beginnt in sich zusammenzufallen - und eigentlich nur die Spitze eines Eisbergs darstellt.

Mir ist seltsam, meine Zukunft scheint mir ungewisser als sonst. Ich schwimme in dem fetten, silbernen Mercedes, der eher einem Zuhälter gut zu Gesicht stünde - Seltsame Fassaden, die mir zwei Nummern zu groß sind. Das Gaspedal spürt man kaum. Ich glaube mich an eine Halbautomatik zu erinnern. Bequem, zugegeben und der Fuß liegt wohl etwas lockerer als sonst: Ich trete drauf - Turbo. Aber meinen Testosteronspiegel hebt es nicht merklich, auch wenn es so gedacht sein dürfte. Ich kann Fahrzeuge solcher Machart nicht ausstehen. Irgendetwas daran ist verkehrt, überzogen - zu breit, zu lang, dafür zu flach. Als hätte man in einer Dimension gespart, damit er in den Anderen besser klotzt. Was soll man dazu sagen. Mehr Status als Transportmittel eben.

Gedankenversunken geht es weiter heimwärts. Neben mir seine Seidenkrawatten und das Silberbesteck. Ein paar andere Erinnerungsstücke rollen lose auf der Rückbank. Ich fühle mich schäbig. Ich telefoniere und erfülle jede Voraussetzung für Rollenbilder, die ich eigentlich zu meiden suche. Eine Zivilstreife macht sich bemerkbar, hält mich auf. Ich versuche unauffällig - also weder zu schnell noch zu langsam - ranzufahren. Es gelingt mir stattdessen fast eine Vollbremsung am Pannenstreifen. Mein Herz klopft, mehr prinzipiell als aufgeregt, wie immer eigentlich wenn Freund und Helfer meine Wege kreuzen: Die angeborene Hassliebe zu den Autoritären. Meine sexuellen Vorlieben erklären sich so, obendrein. Uniformierte Figuren nähern sich geübt dem Raumschiff.

Dem Gesichtsausdruck der Beamtin ist zu entnehmen, dass sie Anderes erwartet hat, als ich das Beifahrerfenster elektrisch runterlasse. Unbeholfen, weil ich die neumodische Mechanik nicht sofort bedienen kann und wohl eigentlich eher nach einer Kurbel suche. Sie hat keinen Pferdeschwanz, wie so viele ihrer Kolleginnen, als sie sich siegessicher ins Cockpit beugt. Ich bekomme ungewollt völlig automatisch mein schuldbewusstes Büßergesicht, das ich schon seit meiner Kindergartenzeit mit mir rumtrage. Ich habe keine Kontrolle darüber. Sie blickt sich um und sieht einen Dieb. Man solle sich nicht wehtun, lacht sie lapidar und meint wohl alles zusammen, sprich: Fahrzeug, Ware, Fahrstil und Telefonat in Kombination. Sie winkt den Kamerad herbei, der die Nummerntafel übers System jagt.

Ich stammle etwas von toten Vätern, Erbstücken und pflegebedürftigen Verwandten (der Anruf) um eine grobes Bild zu skizzieren. Ich spüre Schweißperlen. Der Check ergibt nichts. Sie sieht mir nochmal in die Augen, da sie mich nicht einordnen kann, wie ich vermute. Ich versuche standzuhalten. Ich habe nichts falsch gemacht - nicht wirklich jedenfalls - dennoch fühlt es sich so an - das machen sie immer so. Ich löhne einen Fantasiebetrag von glatten fünfzig Mücken in mitteleuropäischer Währung in bar und bekomme im Gegenzug eine Quittung und die üblichen elterlichen Ratschläge für künftiges Verhalten. Ich verspreche mich zu bessern und bedanke mich demütigst. Halb geheuchelt, halb ernst gemeint, wie es meiner ambivalenten Natur entspricht - Erledigt.

Zuhause parke ich den Schlitten in die Tiefgarage und hoffe insgeheim, dass mich keiner der Nachbarn auf den neuen Untersatz anspricht. Da steht er nun und triumphiert - ich verwünsche ihn. Es wird eine Weile dauern, bis ich ihn veräußern kann. Das deutlich funktionalere Eigengefährt wird lieblos als Dauerparker vors Haus befördert. Ich sammle Mut und rausche in den nächsten Tagen zu einer dieser Kfz-Verkaufsstellen - mit dem neuen Ding. Der Berater inspiziert auf Herz und Nieren, labert einen Standarttext. Ich glaube ihm nicht und meine im Privatverkauf mehr lukrieren zu können. Also wieder zurück - langsam wird es eine Odyssee. Bis ich mich dazu durchringe, Näheres in die Wege zu leiten, vergehen Wochen. Dann alles sehr schnell: Fotos, Beschreibung, Anzeige, Ebay-Generation eben.

Einschlägige Interessenten melden sich, versprechen das Blaue vom Himmel. Auf den Fotos sehe er ja gut aus, man nehme ihn auf jeden Fall, und so weiter. Ein Treffen wird arrangiert. Tags darauf, abgemachte Uhrzeit: Ich stelle mich runter, damit man mich findet. Ein Wagen fährt vor, nicht unähnlichem Jenem, den ich eigentlich loswerden zu gedenke. Drei Typen steigen aus und mir wird schlagartig bewusst, dass ich einen Fehler begangen habe. Sie passen ins Bild. Ich lege sie in die dazugehörige Schublade und versuche mich nicht zu sehr über meine Vorurteile zu ärgern. Auch sie erkennen mich sofort und freuen sich über Beute. Eine Probefahrt: Ich sehe mich gezwungen mitzufahren uns steige ein - in eine archaische Blase, die zu beschreiben mir jegliche Worte fehlen.

Wir sitzen zu viert im Ufo, der Jüngste von Ihnen am Steuer. Die andere Beiden geben sich als Vater und Bruder aus. Man möchte offensichtlich die patriarchale Flotte erweitern, stelle ich mir vor. Als sie in der 30er Zone mit Karacho den Turbo austesten, fragen ich mich was ich hier eigentlich tue. Nerven liegen blank, mein Unterbewusstsein schickt Stoßgebete, Gott weiß wohin. Der Rest verblasst - Wieder Tiefgarage: Dieses und Jenes wird plötzlich bemängelt, mit Speziallampen wird die Lackierung enttarnt und überhaupt. Sie reden auf mich ein, wissen ihre Zeilen auswendig. Ich bin ein gefundenes Fressen. Sie sind von weit angereist und wollen das Ding unbedingt, aber nicht zum ausgeschriebenen Preis. Es geht lange hin und her und sie kriegen mich soweit - Schließlich habe ich die Schnauze voll.

Ich will nicht mal mehr zurück zu der Verkaufsstelle, wo deutlich mehr geboten war - Der Mann dort hatte recht behalten. Aber die Karre ist schon abgemeldet und ich habe keine Lust mehr auf weiteres Prozedere. Ich lenke ein. Handschlag - in Mehrzahl. Ihre Flossen fühlen sich an wie nasse Lappen. Keiner von ihnen sieht mir in die Augen bei diesem Ritual. Sie haben ein Schnäppchen gemacht und freuen sich. Gleichzeitig verachten sie mich zutiefst und ich Sie. Unmut staut sich, in der ansonsten so gemütlichen Garage an diesem Tag - So funktioniert die Welt. Der Älteste von Ihnen entdeckt schlussendlich noch das Behindertenemblem am Heck, versucht es angewidert abzukriegen. Er weiß nicht wohin damit und drückt es mir in die Hand. Ich fühle abermals seine schlappe, feuchte Pfote in der Meinen.

Papiere werden unterfertigt, Unterlagen ausgehändigt. Ich trenne mich vom Zündschlüssel und damit dann doch recht abrupt von dem Unding. Die Bürde, die Last, die verbundene Emotion und das Symbol, zu dem dieses Auto für mich geworden war, verlassen mich allerdings erst Jahre später. Leise und schleichend. Wie eine Schildkröte die, wenn man eine Weile nicht hinsieht, fort ist. Vielleicht um die nächste Ecke, eine Straße weiter, unter der Brücke, am Kiosk vorbei, aus der Stadt raus, über die Grenze, westwärts, den Kontinent auf dem Schiffsweg verlassend, im Nebel an neuen Ufern anlegend, eingereist, nach Kalifornien, weiter übergesetzt und immer fort. Aber die Welt ist eine Kugel und die Schildkröte kommt wieder. Du siehst hin, siehst weg, siehst nochmal hin und schon ist sie wieder da.

Stefan Kreiger

 

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freiVERS | everelusive

Funkenstörung

Dein Lachen
gluckst
wie Stundenblau
im Wasserglas

Gleichgültig zeichne ich
mit der Gabel
unsystematische Muster
in den Miniatur-Zengarten

Dein Schweigen
zieht Kreise
am Himmel

Wann planst du
den Überfall?

Wann schlagen die Zeiger
Halbnacht?

Mein Anthrazitblick
perlt an dir ab
wie Acryl von Butter

Eine Fliege
im Glauben hinter dem Glas
befände sich die Welt

Sie muss ja nur
geradeaus fliegen,
sagst du

everelusive

 

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freiTEXT | Maline Kotetzki

Kirschrot

Langsam ließ sie die Bürste durch ihr ohnehin schon spiegelglattes Haar gleiten. Sie griff es im Nacken zusammen und drehte es solange, bis an ihrem Hinterkopf ein fester Knoten entstand, den sie mit einer goldene Spange feststeckte. Keine dieser Bewegungen nahm sie bewusst wahr, alles an ihr war auf Automatisierung eingestellt. Wenn sie jemand fragen würde, welche Ohrringe sie anlegte - es waren die blauen mit den kleinen Perlen -, sie könnte die Frage nicht beantworten. Seit drei Wochen war das nun schon der Fall. Sie konnte sich an nichts mehr erinnern, was seit dem Anruf geschehen war. Sie hatte einfach nur funktioniert, obwohl dieses „Einfach“ gar nicht so leicht gewesen war. Mit nichts von alledem hatte sie gerechnet, aber wer tat das schon? Es gab Dinge, über die kaum jemand sprach, vielleicht, weil man damit keine Geister rufen wollte, die unter den Türspalten durchkletterten und sich einnisteten.

Der Regen fiel in langen, grauen Fäden vor dem Fenster herunter, während sie mit einer Tasse Tee in der Hand hinausblicket. Eigentlich würde sie lieber einen Kaffee trinken, aber ihr Herz pochte ohnehin schon zu schnell und hinter ihren Schläfen sammelte sich bereits ein stechender Schmerz, den auch das beste Lavendel-Öl aus dem Reformhaus nicht wegdünsten konnte.

Durch die letzten Wochen war sie wie durch einen dichten Nebel geschlafwandelt, nur begleitet von ebenjenem Schmerz, der auch jetzt ihren Kopf durchdrang. Sie wusste nicht, was sie alles unterschrieben, welchen Plänen sie zugestimmt hatte. Wahrscheinlich hatte sie sich Sachen aufschwatzen lassen und alles würde exorbitant teuer sein, aber das kümmerte sie nicht, obwohl es das wahrscheinlich sollte. In ihr war kein Platz für Gedanken über Geld, alles war verdrängt worden. Sie war froh gewesen, jegliche Entscheidungen in die Hände anderer zu geben, nur hier und da ein Kreuz machen oder ihren Namen unter ein Schriftstück setzen zu müssen. Dennoch war sie beim Unterschreiben immer wieder ins Stocken geraten, denn das auf dem Papier, das war nicht nur ihr Name. Sie hatten ihn zusammen getragen und jetzt war sie die alleinige Trägerin. „Namen sind Schall und Rauch.“ Aber dieser Name hatte ein Gewicht, das sie niederdrückte. Jedes Mal, wenn sie ihn aussprach, blieb ihr für ein paar Sekunden die Luft weg. Vielleicht sollte sie ihn wieder ändern, vielleicht, dachte sie und wusste im selben Moment, dass sie es doch nicht tun würde.

Eine Sache hatte sie in dieser Zeit verstanden. Das Wort „immer“ hatte keine Macht. Sie hatten sich geschworen, immer beieinander zu bleiben, immer zusammen zu sein. Und jetzt? Jetzt gab es nur noch ein Nie, das sich bis ins Endlose ausdehnte. Nein, „immer“ gab es nicht, damit hatten sie sich belogen, weil sie es nicht besser wussten. Es gab nur „niemals mehr“. Niemals mehr diese Stimme hören – warum gab es auf der Mailbox keine persönliche Ansage? – niemals mehr eine Berührung, niemals mehr dieser Geruch nach Zitronen und Kaffee und Holz. Sie vermisste den Körper, der sie so viele Jahre begleitet hatte, der jeden Morgen und jeden Abend neben ihr im Bett gelegen hatte, das jetzt seltsam unausgeglichen aussah und dessen eine Seite sich nicht mehr veränderte, nicht mehr unordentlich, nicht mehr schlafeswarm wurde. Sie konnte nicht verstehen, wie sich alles ändern konnte und doch so aussah, als ob es stillstand. Und wie die Welt noch immer so wie vorher war, auch wenn sie nicht anders hätte sein können.

Die Tasse Tee in ihrer Hand wurde langsam kälter, es stieg kein Dampf mehr auf. Sie blickte an sich hinunter. Da waren die schwarzen Schuhe, das schwarze Kleid, die schwarzen Strümpfe. Über einem Stuhl hing der schwarze Mantel. Wie blind hatte sie die Teile aus dem Schrank genommen; nur auf die Farbe geachtet. Keines dieser Kleidungsstücke würde sie je wieder tragen können, das war eine der wenigen Sachen, derer sie sicher war. Sie würde sie wegwerfen oder in die hinterste Ecke ihres Schrankes stopfen und hoffen, dass sie sie so schnell nicht wieder benötigen würde.

Wieder blickte sie hinaus in den Regen und in ihren Gedanken regte sich etwas, was sie nicht zu fassen bekam. Alles wurde übertüncht. Vom Klingeln des Telefons. Von einer besorgten und gleichzeitig unbeteiligten Stimme. Von Bildern, die während des Gesprächs durch ihren Kopf brausten und von denen sie hoffte, so sehr hoffte, dass sie nie stattgefunden hatten. Von einer Umarmung. Von einem weiteren Telefonat, bei dem der Hörer aufgeknallt wurde. Von einem Lachen. Von den Tagen dazwischen. Von blauen Farbspritzern auf dem Küchenboden. All das war so viel wichtiger als alles, was seitdem geschehen war und je wieder geschehen würde. Morgen um diese Zeit würde sie schon den Weg zwischen den Birken entlang gegangen sein, den Blick fest auf den Boden gerichtet. Nur die Füße des Pfarrers würden sich in ihr Sichtfeld schieben und sie würde ihnen im Takt zu den Kirchenglocken folgen. Bis sie zu einem Loch kamen, an das sie nicht denken wollte, das ebenso bodenlos war wie die Zukunft, die sich vor ihr ausbereitete.

Wieder dieses Pochen im Kopf. Sie hatte etwas vergessen, etwas Wichtiges. Sie versuchte, ihre Gedanken darauf zu lenken, weg von den Tanzschritten und den Schmerzen in den Füßen, weg von den Klängen einer Trompete und dem Geschmack von Zitronenravioli. Es hatte etwas mit dem Regen zu tun, da war sie sicher. Sie konnte den Gedanken fast schon erhaschen, wie die Schnur eines Drachens, der knapp über ihrem Kopf schwebte und den der Wind stets nur einige Zentimeter zu hoch fliegen ließ. Sie streckte sich ihm entgegen, stand auf den Zehenspitzen, griff in die Luft. Und plötzlich hielt sie ihn in der Hand.

Es waren Regenschirme! Mit so etwas Banalem hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. In Filmen hatten immer alle schwarze Regenschirme bei so einem Wetter. Oft trugen sie dann auch noch schwarze Sonnenbrillen, was ihr immer paradox vorgekommen war, aber wenn sie sich ihre Augen so ansah, konnte sie es jetzt sehr gut nachvollziehen. Meistens stiegen die Menschen aus Taxis oder Limousinen, zumindest aus schwarzen Audis aus und von der Seite wurde von irgendeinem Mann in einem zu engen Anzug ein Regenschirm über sie gehalten, der ebenso schwarz war wie ihre Kleidung. Wie konnte sie das vergessen? Und wie konnte sie an so etwas denken?

Vollkommen unangebracht, wirbelte eine Stimme durch ihren Kopf, die verdächtig nach ihrer Tante klang. Die hatte jedes Mal geseufzt, wenn sie auch nur einen lauteren Schritt gemacht hatte, und ebendiese Worte gemeinsam mit einer Schwade Zigarettenrauch zwischen ihren Zähnen ausgestoßen. Wie konnte sie jetzt an einen Regenschirm denken? Es war tatsächlich so gar nicht angebracht, aber was hieß das schon?

Draußen hielt ein Taxi. Sie blickte auf die Uhr an ihrem rechten Handgelenk. In zwanzig Minuten musste sie dort sein. Sie stellte die Teetasse in die Spüle, zog den Mantel an und blieb an der Tür stehen, neben der ein kirschroter Regenschirm lehnte, der ihr mit seiner knallenden Farbe immer wie der perfekte Schutz gegen das nasse Grau vorgekommen war. „Damit du ihn nicht liegen lässt. Etwas Knalligeres hatten sie nicht“, weil sie in den Tagen davor immer ohne aus der Wohnung gegangen war und damit jedes Mal das Wetter herausgefordert hatte. Ihren alten Schirm, einen schwarzen, der heute so perfekt gepasst hätte, hatte sie irgendwo liegen lassen. Sie zuckte mit den Achseln, wedelte die Stimme ihrer Tante weg wie deren Rauch, der ihr immer im Hals kratzte, und nahm den roten Schirm in die Hand. Er würde das einzige Stück seien, das sie auch nach dem heutigen Tag verwenden würde. Sie hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet ein Regenschirm sie an diesem Tag zum Lächeln bringen würde.

 

Maline Kotetzki

 

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freiVERS | Lea Schlenker

Himmel und Glas

Sonntag
oder Montag

Ich lehne mich zurück
und frage mich
ob alle anderen wohl gelangweilt sind
Kakteen und Glasscherben
Kakteen und Schlaftabletten

Ich würde mich etwas in Acht nehmen
denn die Rasenmäher sind zurück
scheppern laut über alles neue Leben
durch Fensterläden
und verstopfte Ohren
es gefällt mir
sie nur vom Fenster aus
beobachten zu können

Ich lese eine Gratiszeitschrift
greife nach dem aufgewirbelten Staub
wohlwollend und träge
Staubmäuse seid gewarnt
eure Regeln gelten hier nicht mehr

Jetzt im Frühling
wenn alle Toten auferstehen möchten
brennt die Realität noch unter uns
wir warten
wir klatschen

Kakteen und Bienenhäuschen
Kakteen und Lungenversagen

Lea Schlenker

 

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freiTEXT | Ferenc Liebig

Brücken

Der Mann, er weiß nicht, wo er im Leben steht, ob er überhaupt steht oder schon längst sitzt, und was es bedeuten würde, wenn er denn nun sitzt und nicht mehr steht, dieser Mann, der unruhig ist, ein wenig aufgescheucht sein Leben begeht, nie ankommen mag, sich selbst nicht sicher, ob er überhaupt ankommen will, weil ankommen letztendlich auch Endgültigkeit ausstrahlt, die ihm dann sagen würde, von nun an geht es nicht mehr weiter, hier wirst du verweilen oder schlimmer noch, ausharren müssen, der sich dem Pejorativ dieses Wortes bewusst ist, ausharren, als würde es keinen Ausweg mehr geben, als wäre man eingeschlossen von etwas, das man nicht bezwingen kann, dieser Mann, der ungerne wartet, da warten doch bekanntermaßen bedeutet, sich in Abhängigkeiten zu begeben und Abhängigkeit für ihn wie eine Fessel ist, die sich immer fester schnürt, sich in seine Haut schneidet, kaputte Zellen zurücklässt, Wunden, aus denen Narben werden, Narben, die im Sommer weiß bleiben, die sich abheben, für jeden sichtbar sagen, dir hat man etwas fürchterliches angetan, dass du für den Rest deiner Tage mit dir herum tragen wirst, von denen du auch nach etlichen Versuchen der Gewöhnung den Blick niemals abkehren kannst, weil abkehren mit verdrängen gleichzusetzen ist und verdrängen nur vorübergehend funktionieren kann und nie eine langfristige Lösung ist, dieser Mann, der sich nach Dingen sehnt, die er nicht in Worte fassen kann, denn Worte kratzen nur an Oberflächen, zerkratzen sie, bis das, was man darunter vermuten könnte, noch besser versteckt ist, bis einem Angst und Bange wird, nie dahinter steigen zu können, hinter die Geheimnisse, die verschachtelt, ungeordnet, nicht zähmbar, ineinanderfließend ihre Grausamkeit verdeutlichen, die Freiheit mit Grenzenlosigkeit verwechseln, dieser Mann, fast vierzig, ein wenig müde von seinen unbeherrschbaren Gedanken, läuft an einem Büro vorbei, in dem eine Frau einen Aktenordner auf den Schoß hat, ihn wieder und wieder durchblättert und nach einem Rechenfehler sucht, der ihr sagt, es gäbe noch Hoffnung.

Diese Frau, Mutter zweier Kinder, alleinerziehend, vom Mann im Stich gelassen, der sich irgendwann dazu entschieden hat, es sein zu lassen und von einer Brücke gesprungen ist, aufgeschlagen auf einer dicken Eisschicht, den Schädel in Einzelteile hat zerspringen lassen, wie ein Glas, das einem unachtsam aus der Hand gleitet, sich in Splittern auf einem Boden verteilt, diese Frau mahnt sich zur Ruhe, aber da ist keine Ruhe mehr, nur Bedrohung, Ängste, Rechnungen, die zwar geöffnet, aber ungelesen sind, weil ungelesen sagt, vielleicht ist es alles gar nicht so schlimm, vielleicht kriegen wir noch die Kurve, vielleicht müssen wir nicht aus der Wohnung ausziehen, das Auto verkaufen, uns von den alten Möbelstücken trennen, die im Antiquariat möglicherweise etwas abwerfen, vielleicht passiert etwas Überraschendes, ein Gewinn, obwohl man nirgends mitspielt um gewinnen zu können, vielleicht ein Erbe, weil jemand stirbt, der zur Familie gehört, von dem man noch nie gehört hat, der kurz nach der Geburt verschwunden ist, weil die Mutter noch minderjährig, der Freund überfordert, die Eltern besorgt um das Ansehen in der Gemeinschaft waren, vielleicht trifft man auf einen Mann, der sich nicht daran stört, zwei Kinder mit großzuziehen, der sich nicht von den Schulden abschrecken lässt, diese Frau, Seite um Seite umblätternd, ohne wirklich erkennen zu können, was auf den Seiten steht, weil Tränen verschwimmen lassen, die leersaugende Ohnmacht dem Kopf keinen klaren Gedanken fassen lässt, Hoffnung wie ein Fremdwort ohne Übersetzung bleibt, diese Frau, kurz aufblickend, sieht das Bild ihrer Kinder auf dem Schreibtisch stehen, die Kinder, auf einem Platz in Madrid, knallbunt angezogen, die Arme umeinander gelegt, wie Geschwister, denen Streit fremd ist, die aussehen, als könnten sie niemanden was zu Leide tun, erinnert sich, wie sie danach Eis essen gegangen sind, kurz nachdem sie das Foto geschossen hatte und sie vom warmen Wind gestreichelt, eine Leichtigkeit verspürt hat, die ihr nur dieses eine Mal begegnet ist.

Erdbeereis, sagt der Junge und nahm die Eiswaffel entgegen. Für sein Alter war er schon sehr weit. Weit sein oder besser gesagt, weiter sein als der Rest ist meistens mit Problemen behaftet, weil es nicht normal ist, weiter zu sein und dann sitzen erst die Erzieher mit den Eltern in der Runde und sprechen über Auffälligkeiten, dann kommen Therapeuten, wollen das man Häuser und Bäume malt und Fragen beantwortet und mit Figuren spielt, am besten Situationen nachstellt, Situationen, die Zuhause passieren, die zum Alltag gehören, die Einblicke über das Verhalten der Eltern gewähren, die nach Ursachen suchen, weil man mit den anderen Kindern nicht zurecht kommt, sie ausschließt, von ihnen ausgeschlossen wird, weil man Dinge sagt, die andere Kinder in dem Alter nicht sagen, die überfordern mögen, aus ratlosen Blicken gekräuselte Stirne machen, die das Kind bewerten, kategorisieren, in eine Ecke stellen, die niemand sonst betreten sollte, weil es komisch ist und man auch Angst hat, vom Kind bewertet, kategorisiert zu werden, dass es einen durchschaut, die Regeln und Rituale hinterfragt, sich auflehnt, gefährlich wird, mit seinem Wissen die Überforderung durchdringt und der Junge, an seinem Erdbeereis leckend, lächelt seiner Schwester zu, die zwei Jahre jünger ist, zu ihm aufschaut, wie jüngere Geschwister zu älteren Geschwistern aufschauen, stolz und wissbegierig, sich in ihrer Nähe vor den Gefahren des Lebens beschützt fühlen. Der Junge flüstert seiner Schwester etwas ins Ohr, die daraufhin kichert und für diesen Moment scheinen die Sitzungen in hellen Räumen, mit Therapeutinnen, die ihre Beine übereinandergeschlagen haben, die ihre Haare zum Zopf tragen, ihre Stimmen fürchterlich ins Kindliche verziehen, vergessen und er streckt seine Brust raus, wackelt mit der Hüfte, hüpft von einem Bein aufs andere, was seine Schwester dazu animiert, es ihm nachzumachen, woraufhin ihr Eis auf den Boden fällt, einen vanillefarbenen Fleck auf dem hellen Pflastersteinen hinterlässt und ihr Tränen in die Augen treibt. Kurz nur, weil der Junge ihr sein Eis gibt und sagt, es gibt Schlimmeres als den Verlust einer Eiskugel und dann schaut er zu seiner Mutter, die von der Geste angetan, ihm einen Luftkuss zuwirft.

Der Fleck wird am nächsten Morgen von der Straßenreinigung wegspült. Vermischt mit chlorversetztem Wasser wird er langsam den Bordstein herunterrinnen, in einem Gullischacht verschwinden und von dem anbrechenden Tag, der aufsteigenden Sonne, den Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen, die Bussen nachrennen, schwere Einkäufe tragen, überlegen, ob sie die Fenster wirklich geschlossen haben, sich fragen, ob sie glücklich sind, mit ihrem Beruf, die sich einen Ausweg aus der Eintönigkeit erträumen, die ihre Bedürfnisse dem Funktionieren unterordnen, die das Wochenende mit Freunden planen, in Schlangen im Supermarkt den Einkaufszettel noch mal studieren, weil sie das Gefühl nicht loswerden, etwas vergessen zu haben, die sich mal wieder bei ihren Eltern oder ihren Kindern melden müssten, aber abends zu erschöpft sind, um zum Telefonhörer zu greifen und dann doch lieber fern sehen oder Bücher lesen oder auf dem Sofa sitzend Wein trinken und ihrem Partner vom Tag erzählen, vom Chef, der sich wieder aufplustern musste, der alten Frau mit den Plastiktüten, die Pfandflaschen gesammelt hat, der neuen Richtlinie oder dem Formular, auf dessen dritter Seite ein Rechtschreibfehler ist, dem überschwemmten Keller eines Kollegen, der seit Wochen schon gesagt hatte, dass seine Waschmaschine merkwürdige Geräusche macht, den Kindern, die sich in der Schule langweilen und auf die nächste Hofpause warten, den Jugendlichen, die in Parks Gras rauchen und der Meinung sind, ihre Klausuren verrissen zu haben, die sich über Jungs oder Mädchen unterhalten, traurig oder euphorisch werden, die irgendwann zur Uhr schauen und sich verabschieden, den Touristen, die sich vor Sehenswürdigkeiten fotografieren, in Museen einkehren, die die im Reiseführer empfohlenen Restaurants ausprobieren, den Nachrichten, die von Krisen berichten, Toten, Prominenten, die mit Fehltritten auf sich aufmerksam machen, nichts mehr mitbekommen. Der Fleck wird dann schon lange nicht mehr da sein.

So wie der Mann. Er biegt nun um die Ecke, geht seiner Wege, öffnet die Tür zu seiner einsamen Wohnung, macht Dosenraviolis im Topf warm, denkt darüber nach, sich einen Hund anzuschaffen, um sich gebraucht zu fühlen, um an Halt zu gewinnen, obwohl er unschlüssig ist, ob er dadurch wirklich an Halt gewinnen würde und ob er der Verantwortung überhaupt gerecht werden könnte und so isst er die Raviolis im Stehen und der Schatten, den er wirft, wird langsam länger und bald wird der Schatten verschwinden und dann ist nur noch Dunkelheit da und er wird noch immer im Raum stehen, die Raviolis zwar gegessen trotzdem Hunger haben und vielleicht wird er sich an das Mädchen erinnern, in das er mal verliebt war, die in ihm nicht mehr als einen guten Freund sehen wollte und sich dann auf einer Party in einer Ecke mit einem Jungen aus der Parallelklasse verknotet hat und wie sein Herz in tausend Splitter brach und er dann los ist, die Treppe heruntergestürmt, sich aufs Fahrrad geschwungen hat, nach Hause ist und sich im Bett liegend geschworen hat, er würde das nie machen, dieser Demütigung der Liebe noch einmal eine Chance geben.

 

Ferenc Liebig

 

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freiVERS | Otto Dvoracek

Noch einmal Rot sehen

Verwachsen, in einer erwachenden Stadt
Ein Anstehen, ein Steckenbleiben, im Unklaren
Das ist nicht vorgesehen, das Gewebe auftrennen
Passagen ins Erdreich graben, aus Gewohnheit
Nachgraben, freilegen, die schwammigen Stellen
Das längst Vergangene, das Grau ausschließen
Vor- und zurückkriechen, jahrelang schon unterwegs
In schwammigen Stellen, Reste von roter Bemalung
Versuchsreste freilegen, Spuren der Einwohner
Sehen, Bilder einsehen, die Kunst, sich zu nähern
Grabende Körper, unterwegs, in Klopfrichtung

Otto Dvoracek

 

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freiTEXT | Liona Binaev

Mindesthaltbarkeitsdatum

Mir ist heute eingefallen, dass ich gestern tot sein wollte, besser als andersrum. Du hast reichlich eingekauft: Tomaten, Gurken, Quark, Kaffee, Äpfel, Chips, drei Packungen, ich öffne sie alle, Kaugummis, zwei Packungen, ich schmeiße sie weg. Der Zeiger tickt so laut, als wolle er meine Wut erreichen, aber mir geht es großartig, seit nicht mehr gestern ist. Du hast auch drei Konservendosen mit Fisch gekauft, haltbar bis: siehe Seitenprägung, 01/2025.

»Ieh«, sage ich. »Fisch kommt mir nicht ins Haus.«

»Seit wann?«

»Seit gestern.«

Du lachst nicht, ich lache nicht, der Fisch lacht nicht. Ich bestehe darauf, dass wir den Fisch heute essen oder wegschmeißen, du sagst, hast du deine Tage, ich sage, unoriginellerweise ja, wir essen den Fisch zum Mittag, sagst du, mit Kartoffeln.

Heute ist Sonntag, also war gestern Samstag. Am Samstag hat eine junge Frau in unserer Nachbarschaft gegoogled.

Ich gehe spazieren. Du sagst, das Essen ist fertig, wenn du wiederkommst.

Ich biege rechts ab, links ab, geradeaus. Die Welt gefällt mir. Wenn ich lächle, lächelt etwas zurück. In der Bäckerei meines Vertrauens beschenkt man mich mit Spritzgebäck, wenn ich nur einmal im Monat komme. Ich war gestern schon da. Ich will rechts abbiegen, links, nicht geradeaus, da winkt mir jemand zu und ich gehe geradeaus. »Heiß aus der Fritteuse«, sagt jemand und packt mit der Zange zu. »Wie geht es dir?«

»Heute geht es mir großartig«, sage ich.

»Lass es dir schmecken.«

Am Samstag hat eine junge Frau in unserer Nachbarschaft gegoogled, wie man sehr wahrscheinlich am besten stirbt und komplexer Suizid war die Antwort. Sie hat sich diesen Begriff auf der Zunge zergehen lassen wollen, aber er ist nicht geschmolzen, nur wie ein Anker in ihren Bauch gesunken.

Gestern ereilten mich gute Nachrichten, es gibt Antworten auf meine Fragen.

Ich habe mal einem Menschen aus der Uni gesagt, er könne mich immer anrufen und gestern musste ich daran denken, dass ich eine Lügnerin bin, denn gestern hätte dieser Mensch mich nicht anrufen können, ich war unerreichbar. Er hätte im Sterben liegen können und ich war unerreichbar.

Das Essen ist fertig, ich bin heilfroh, dass der Fisch verwertet ist. »Lass es dir schmecken«, sagst du. »Weißt du, was mir aufgefallen ist«, sagst du. »Du hast alle Chipstüten geöffnet und die Kaugummis liegen im Müll.« »Lass es dir auch schmecken, mein Lieber!« »Ich frage mich natürlich, warum du das gemacht hast.« »Google kann dir sicher aushelfen!« Du lachst nicht, ich lache nicht, aber der tote Fisch in meinem Bauch freut sich, Frau Anker wiederzusehen.

»Ich will ein bisschen mehr im Jetzt leben«, sage ich. »Mich irritiert ein Kaugummi, der fünf Jahre haltbar ist. Und Chips, wenn sie immer knusprig bleiben. Das ist sehr unachtsam, so weit im Voraus zu denken.« Du räumst den Tisch ab. »Schauen wir unsere Serie weiter?«, frage ich. »Die geht mir zu lang«, sagst du.

Ich schreibe eine Karte an meine liebe Freundin aus der Uni, weil ich achtsam sein will. Es ist eine Beileidskarte; sie hat guten Humor. Der Tag hat noch neun Stunden und ich schreibe ein paar Karten mehr. Alles Gute an meine Mutter, Herzlichen Glückunsch zur Hochzeit an meinen Bruder, Mit 80 geht die Party erst los an meinen Vater, ich schreibe sogar dir kleinem, fiesen Arschloch ein paar liebe Worte. Deine Karte ist die einzige ohne Text auf ihrer Motivseite. Ein Schmetterling, der sich an einer roten Blüte nährt. Ich finde die Karte pervers, also passt sie gut zu dir.

Diese eine olle Frau aus der Nachbarschaft, die gestern die Macht des Internets entdeckte, hat eine Rasierklinge von ihrem Freund ausgeliehen, Aspirin und Quetiapin in einer Schublade gefunden und ist dann über ein Seil gestolpert.

Du gehst aus. Du sagst, ich gehe aus, weiß nicht, wann ich wiederkomme. Ich sage, du mich auch, du sagst, das finde ich unfair, ich sage, du mich immer noch auch. Du gehst aus. Früher hätte mich so eine Konversation tief getroffen. Gestern zum Beispiel. Gestern hätte ich vielleicht impulsiv gehandelt und versucht, dich meine Rache spüren zu lassen wie die kleinen Borderline-Mädchen mit Verlustangst. Aber heute ist nicht gestern und ich reagiere sehr erwachsen. Ich lasse mir ein Bad ein. Lege George Michael auf und singe fick dich im Takt der Blubberblasenplatzer. Mir fällt ein, dass du dich gestern auch sehr fragwürdig verhalten hast. Mir fällt außerdem ein, dass du dich für dein Verhalten gestern nicht entschuldigt hast. Und du hast der Frau aus der Nachbarschaft außerdem nicht gesagt: Bei deiner Vorgeschichte sollte ich wissen, dass dich solche Konversationen tief treffen. Die Frau hätte darauf wahrscheinlich geantwortet, dass sie sich bemüht, ihr Wohlsein nicht von anderen Menschen abhängig zu machen, da dies den endgültigen Verlust ihrer Autonomie bedeuten könnte. Du hättest vielleicht erwidert: Hä? Oder aber vielleicht: Wir kriegen das irgendwie hin. Vielleicht hättest du gar nichts gesagt und wärst ausgegangen. Ich würde dieser bescheuerten Frau aus der Nachbarschaft gerne mal sagen, dass es unverantwortlich ist, einem Menschen, der mit viel Geduld und Liebe mit ihr umzugehen versucht, eine so große Last aufzubürden und ihn hintergründig für ihre negativen Gefühle verantwortlich zu machen, da sie eben dies in ihren langjährigen Therapiesitzungen zu unterbinden versucht hätte und es eigentlich besser wissen müsste. Aber diese scheiß Frau von nebenan lernt es einfach nicht.

Das Badeöl färbt das Wasser so schön rot wie die Blüte auf der Karte mit dem Schmetterling.

Ich bin froh, dass heute Sonntag ist. Samstage sind schwere Tage für mich. Erstaunlicherweise freue ich mich am Freitagabend immer auf sie, ich steige in die U-Bahn und denke mir, eine Woche geschafft, dir geht’s gut, morgen gönnst du dir mal eine kleine Auszeit, Netflix und Paul Celan, aufstehen gegen 9, Kaffee kochen und während die Maschine schwarzes Gold tropft, meditieren, das goldene Licht überzieht meinen Körper, ein- und ausatmen und es bemerken, ich kann machen, was ich will, der Tag gehört mir, ich könnte jetzt, ich werde jetzt, aber dann kann ich plötzlich nicht und werde auch nicht. Es ist dieses Gefühl im Bauch. Dieser Schrei, nicht von Edvard Munch, es quietscht wie ein Schwein vor dem Bolzenschuss.

Aber daran will ich jetzt nicht denken, es ist Sonntag. Ich schau jetzt gleich Netflix und dann werde ich vielleicht ein paar von Celans Gedichten lesen. Aber erstmal mach ich mir Kaffee. Eine Packung ist leer, aber du hast ja heute neuen gekauft. Ich lächle kurz leicht irritiert, denn heute ist ja Sonntag und ich frage mich, wo du eigentlich eingekauft hast, wenn heute Sonntag ist. Aber dann meditiere ich meine Fragen einfach weg und rege mich nicht über das rote Badeöl auf, das mir aus dem Badezimmer gefolgt ist.

 

Liona Binaev

 

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freiTEXT | Christian Lange-Hausstein

Die schwarzen Löcher gegenüber

15. August 2020 - Eine Push-Notification meiner Corona-Tracing-App poppte auf:

„Sie haben sich in den letzten 48 Stunden länger als 15 Minuten in unmittelbarer Nähe einer Person aufgehalten, die soeben den Status COVID-19 positiv gemeldet hat.“

Ich war schon fast eingeschlafen. Ich hätte neben der COVID-19-Notification auf „Mehr“ drücken können aber ich schaltete das Handy mit einer Art gespielter Gleichgültigkeit aus. Gespielt? Vor wem?

Ich tat es, wie wenn ich eine Nachricht als unwichtig einstufte, bevor ich ihren eigentlichen Inhalt zur Kenntnis nahm - schon aufgrund der Meta-Informationen. <Bruder + Familienchat + Foto> Niemand erwartete in einem solchen Fall eine Antwort von mir.

Aber ich tat es eben doch nicht exakt so gleichgültig. Ob die Menschen hinter den schwarzen Löchern in der Hauswand gegenüber den Unterschied bemerkt hatten?

Ich aktivierte den „Darkmode“. Ich spürte, wie der schwarze Bildschirm zur Entspannung von Muskeln in meinen Augen führte. Das Ehepaar in der Wohnung neben mir schrie wieder. Ich regelte auch die Helligkeit der Buchstaben herunter und hielt mit einer Hand die Bettdecke hoch zwischen mich und die Möglichkeit der Blicke aus den schwarzen Löchern.

15 Minuten in unmittelbarer Nähe. War es im Lidl? Als Apple Pay nicht funktionierte und ich mit Bargeld an der Plexiglasscheibe vorbei zahlen musste? War es im Treppenhaus? Als der alte Mann aus dem vierten OG mir entgegenkam und wir kurz austänzelten, ob wir rechts oder links aneinander vorbeigingen? Die Joggerin, die mich schnaufend überholt hatte? Alles Kontakte, die mich beunruhigt hatten. Aber keine 15 Minuten - zu kurz für die App.

Plötzlich brauste für einen Moment der Bürger in mir auf. Aber er beschränkte sich, wie das in den Zeiten des Akzeptierens der Pandemie im „April-Mai“ üblich geworden war, auf das Stellen von Fragen: Wann werden diese Kurz-Kontakte von den Machern der Tracing-App für relevant gehalten? Wird die App automatisch upgedatet, um kurze Kontakte auch zu erfassen? Werde ich die Nutzungsbedingungen akzeptieren müssen, um das Handy weiter nutzen zu können? Ich hielt das Symbol der Corona-Tracing-App lange gedrückt und dann begann sie zu wackeln und ich hätte nur das „X“ drücken müssen, um sie zu löschen. Aber dann hörte ich die anderen sagen, „Aha, sie haben also die App nicht freiwillig installiert, aha!“

Dass ich 14 Tage in Isolation bleiben müsste, würde angezeigt werden, wenn ich neben der COVID-19-Notification auf „Mehr“ drücken würde. Was sonst. Dann zog ich die Decke ganz über mich.

14 Tage Isolation. Sei ehrlich, flüsterte ich in die Dunkelheit des Displays. Wie lange war das alles her? War das nicht...? -

Mir war das Lotterleben der anderen kurz vor Sommeranfang zu viel geworden. Entweder hatten wir eine Pandemie oder nicht, hatte ich zu meiner Frau gesagt, als der Berliner Senat Ende Mai die Maßnahmen lockerte. Wie viele Menschen hatte ich denn in den letzten 48 Stunden gesehen? Ich spürte, wie sich mein Atem unter der Decke um das Gesicht legte. Feuchte Wärme legte sich auf meinen Wangen ab.

In den Wochen davor hatten meine Frau und ich ohnehin so viel gestritten, dass sie nicht mehr... - Sie sagte, „Das überrascht mich jetzt auch nicht mehr“, als sie meine Argumentation zum Anlass nahm, um mit den Kindern zu ihrer Schwester nach Prenzlauer Berg zu ziehen.

Ich öffnete die Kalender-App und musste eine Weile scrollen, bis ich den letzten Tag mit einem Eintrag fand. Ich zählte. In Wahrheit hatte ich bereits die letzten 64 Tage niemanden gesehen. Ich hörte das Ehepaar in der Wohnung nebenan wieder schreien. Ging Bluetooth auch durch Wände? - 64 Tage. Niemanden. Nichtmal in den schwarzen Löchern gegenüber.

 

Christian Lange-Hausstein

 

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freiVERS | Milena Filipps

Der erste Regentropfen

Ein Tropfen traut sich
Ohne den Regen
Zu sinken, zu fallen, zu fliegen, zu schweigen
Ohne Rückweg in Sicht.

Asphalt, Erde oder Wiese
Unklares Ende einer Reise
Die überstürzt begann,
Als noch die Sonne schien.

Der Regen handelt nicht,
Der Regen denkt nicht nach,
Der Regen schmiedet keine Pläne,
Wenn er unsere streicht,
Steht hinter ihm der Zufall,
Der nichts weiter will,
Als eine Bewegung der Welt.

Der Tropfen, der ihm voran trat
Sah keine Zukunft, keine Gegenwart,
Fühlte keine Nähe des Sees,
Des Wassers, mit dem er sich vermischte.
Zu seinesgleichen blieb eine Distanz erhalten.
Wenn sie etwas spürten,
Dann spürten sie nur sich selbst.

Milena Filipps

 

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freiTEXT | Hatice Acikgoez

Die modifizierte Frau

7 Uhr. Wie jeden Morgen klingelt mein Wecker, den ich seufzend ausstelle. Neuer Tag im alten Leben, das mir nur zuwider wird. Ich stehe auf, sammle die Kleidungsstücke, die wie explodierte Fetzen auf dem Boden verteilt herumliegen auf und ziehe sie mühsam an. Alles wird anstrengender mit der Zeit, wenn man das Leben nur lange genug hasst. Ich laufe ins Bad, pinkle halb neben die Schüssel und springe unter die Dusche. Der fehlende Duschvorhang macht sich jedes Mal durch die Wasserspritzer auf dem Boden bemerkbar. Nach der Dusche steht mein Bad vollkommen unter Wasser. Mir egal.

Schüssel, Müsli, Milch. Löffel, löffeln, Mund. Kauen, Schlucken. Tagein, tagaus.

Wem macht das alles eigentlich noch Spaß?

Bei der Arbeit setze ich mich an meinen Computer und tippe. Nichts was ich hier tue ist von irgendeiner Bedeutung. Langeweile. Stinkende, gähnende Langeweile. Man checkt die Mails, Facebook, Instagram, Youtube, Twitter und Snapchat. Und scrollt. Und scrollt. Und dann? Bedeutungslose Leere, die einem nur vermittelt, wie wenig man wert ist. Und ein für die ganze Welt sichtbarer Beweis wie viel mehr Wert alle anderen sind.

Wieder zu Hause. Internet, Pizza, Klingel. Essen, Netflix, Duschen. Netflix. Netflix. Netflix. Netflix. Schlafen. Was für ein toller Tag.

19 Uhr. Mein Handy vibriert und ich nehme mit schnell schlagendem Herzen ab. Er ist es. Fragt, was ich heute mache. Was er denn machen will, frage ich. Ich wüsste schon, was er will.

Ich stehe auf, sammle die Kleidungsstücke aus dem Karton, die mir einst so heilig waren und ziehe sie aufgeregt an. Lässt man etwas lange genug zurück werden die Erinnerungen in unserem Gehirn durch einen Filter gezogen und sehen auf einmal fantastisch aus. Die Vergangenheit wird unschlagbar. Die Gegenwart nur eine bittere Enttäuschung.

Ich laufe ins Bad, suche die Tusche, Wimpern und Perücken zusammen.

Makeup, Gesicht, Pinsel. Malen, Verteilen. Wimpern, Zange, Tusche. Endlich wieder. Man, macht das Spaß.

Ich stehe auf der Bühne. Alles, was ich tue hat eine Bedeutung für mich. Mein Herz pocht, angetrieben durch meine schnellen Bewegungen zur Musik, meine Wangen glühen rot durch die Hitze, die Musik ist laut, aber das Dröhnen tut mir gut. An Langeweile kann ich gar nicht denken. Wie viel man auf einmal wert sein kann, wenn man sich selbst schätzt.

Endlich wieder bei ihm. Internet, Pizza, Klingel. Essen, Netflix, Duschen. Netflix. Netflix. Netflix. Netflix. Sex. Schlafen. Was für ein toller Tag.

 

Hatice Acikgoez

 

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