freiVERS | Victoria Boldina / Vera Polozkova

Das sind schon wieder nicht wir

gewidmet der Rothaarigen

 

OK, gut, reden wir nicht mehr vom Sinn des Lebens, ab jetzt nie wieder von so was, nicht
Lieber davon, wie es in der Kellerkneipe mit Strobo-Licht nach klebrigem Sambuca und Tabak riecht
Am Freitag gibt es zig
Leute; Darunter schöne, betrunkene und nicht wir mit dir laufen heraus eine rauchen, er mit
Schuhen, sie auf Zehenspitzen, barfuß
In ihren Händen die Sandalette, derem Absatz sagen wir Tschüss
Er lacht so stark, dass er beinahe erstickt im Speichelfluss

Auch vom Weltaufbau kein Wort, denn das ist alles Vergeblichkeit, eine Niete
Erzähl mir mal davon, wie die Schönen und nicht wir in den Süden reisen und dort wohnen zur
Miete,
Wie alte Frauen Obstschalen für sie befüllen, ein Genuss für den Gaumen
Und dortige Taxifahrer sind große Gauner
Und erzähl mir, wie eine Dame im Hof ihre harte und steife Wäsche abhängt,
Mit Speisestärke gestärkt
Wie wenig brauchen sie, Liebling, für ihr Tagewerk

Erzähl mir mal davon, wie der, der was begriffen hat, vereinsamt
Davon, dass bei Sonnengebräunten die Lächeln knoblauchweiß sind,
Und davon, wie die erste Zigarette berauscht,
Wenn auf leeren Magen geraucht
Machen wir einen Plausch

Und reden davon, wie man Geliebte mit dickem schimmerndem Stoff durchtränkt
Und davon, worüber ein alter Mensch nachdenkt,
Wenn er auf die Glasscheibe im Bus haucht, die sich beschlägt
In Form einer Kopeke, was ihn bewegt
Vom Toten zu sprechen als ob es noch lebt

Die Schönen, nicht wir, küssen sich ins Ohrläppchen zum ersten Mal, schüchtern kopfdrehend
Sie singen Radiolieder mit, im Stau stehend
Sie begraben den Kater in einer Schuhkiste
Wie eine kalte Puppe in einer Klamotte
Sie nehmen den Hörer nicht ab an der Meeresküste,
Um nicht zu schnell atmend zu stottern die Mutter,-Alles-Ist-Gut-Worte;
Sie erfinden komische Namen für ihre künftigen Söhne
Sie sind viel zu wundervoll einfach
Für uns...die Schönen

Erzähl mir, Schatz, wie sie mit Schuhen zu ihm ins Bett kriecht
Und Viva Teresa von Jorge Amado liest, bricht
Fast in Tränen aus, verdreht aber ihre Augen
Erzähl mir davon, wie gut verschiedene Mittel zum Sich-Töten taugen,
Um wenigstens was zu brauchen

Erzähl mir wie er eine Fake-Brille trägt, um schön auszusehen,
Um der Kassiererin,
Wächterin, Sekretärin den Kopf zu verdrehen,
Doch wenn er beim Mittagessen mit Freunden sie wieder abnimmt,
Sieht er aus wie ein Siebzehnjähriger, der spinnt

Erzähl mir vom Feuerwerk über dem Meeresspiegel im Sommer
Euer einziges gemeinsames Bild habt ihr unscharf bekommen
Warum? Eine einzige SMS wird zum Epigraph vieler Jahre Erniedrigung;
Zähneknirschen vor Wut gleicht dem Zerschmettern von Diamanten zu feinem Staub, und statt
Minderung der Gefühle übertreiben wir wild,
Wo man fröhliche Gleichgültigkeit der Nicht-Mehr-Liebenden sehen will

Warum haben alle Besserwisser fettige oder klebrige Finger
Warum führt man Gespräche über alle mögliche Dinge
Außer zu allerwichtigsten Themen
Warum lässt sich kein Schmerz weder zurücknehmen
Noch rechtfertigen dadurch, dass wir ihn ansingen

Erzähl mir, wie die, die nichts mitzuteilen haben, Partys mögen, wo viele Journalisten eingeladen
All die Schauspieler,
Favoriten,
Bummelanten
Stress zu beklagen,
Umzugehen mit Fragen,
Zu beobachten, wie sich deine Idole ins verfaulte Holz verwandeln
Erzähl mir ehrlich, wie wir so gehandelt
Haben, dass wir, einst so schön, jetzt das Gesicht verziehen
Warum sind wir böse, alte Ziegen…
Oder lieber davon erzählen,
Wie die da an der Felsenküste sitzen und sich umarmen,

Haben sandige Hände,
Sie entscheiden, wer sich zuerst diese wäscht und herabsteigt,
Die Angler nach einem Messer zu fragen, um die Melone und die Ananas zu schneiden
Sie riechen nach Nelke oder Anis –
Wie sehr sich das jetzt von uns beiden
Unterscheiden
Ließ

 

aus dem Russischen von

Victoria Boldina

 


 

Снова не мы

ладно, ладно, давай не о смысле жизни, больше вообще ни о чем таком
лучше вот о том, как в подвальном баре со стробоскопом под потолком пахнет липкой самбукой и табаком
в пятницу народу всегда битком
и красивые, пьяные и не мы выбегают курить, он в ботинках, она на цыпочках, босиком
у нее в руке босоножка со сломанным каблуком
он хохочет так, что едва не давится кадыком

черт с ним, с мироустройством, все это бессилие и гнилье
расскажи мне о том, как красивые и не мы приезжают на юг, снимают себе жилье,
как старухи передают ему миски с фруктами для нее
и какое таксисты бессовестное жулье
и как тетка снимает у них во дворе с веревки свое негнущееся белье,
деревянное от крахмала
как немного им нужно, счастье мое
как мало

расскажи мне о том, как постигший важное – одинок
как у загорелых улыбки белые, как чеснок,
и про то, как первая сигарета сбивает с ног,
если ее выкурить натощак
говори со мной о простых вещах

как пропитывают влюбленных густым мерцающим веществом
и как старики хотят продышать себе пятачок в одиночестве,
как в заиндевевшем стекле автобуса,
протереть его рукавом,
говоря о мертвом как о живом

как красивые и не мы в первый раз целуют друг друга в мочки, несмелы, робки
как они подпевают радио, стоя в пробке
как несут хоронить кота в обувной коробке
как холодную куклу, в тряпке
как на юге у них звонит, а они не снимают трубки,
чтобы не говорить, тяжело дыша, «мама, все в порядке»;
как они называют будущих сыновей всякими идиотскими именами
слишком чудесные и простые,
чтоб оказаться нами

расскажи мне, мой свет, как она забирается прямо в туфлях к нему в кровать
и читает «терезу батисту, уставшую воевать»
и закатывает глаза, чтоб не зареветь
и как люди любят себя по-всякому убивать,
чтобы не мертветь

расскажи мне о том, как он носит очки без диоптрий, чтобы казаться старше,
чтобы нравиться билетёрше,
вахтёрше,
папиной секретарше,
но когда садится обедать с друзьями и предается сплетням,
он снимает их, становясь почти семнадцатилетним

расскажи мне о том, как летние фейерверки над морем вспыхивают, потрескивая
почему та одна фотография, где вы вместе, всегда нерезкая
как одна смс делается эпиграфом
долгих лет унижения; как от злости челюсти стискиваются так, словно ты алмазы в мелкую пыль дробишь ими
почему мы всегда чудовищно переигрываем,
когда нужно казаться всем остальным счастливыми,
разлюбившими

почему у всех, кто указывает нам место, пальцы вечно в слюне и сале
почему с нами говорят на любые темы,
кроме самых насущных тем
почему никакая боль все равно не оправдывается тем,
как мы точно о ней когда-нибудь написали

расскажи мне, как те, кому нечего сообщить, любят вечеринки, где много прессы
все эти актрисы
метрессы
праздные мудотрясы
жаловаться на стрессы,
решать вопросы,
наблюдать за тем, как твои кумиры обращаются в человеческую труху
расскажи мне как на духу
почему к красивым когда-то нам приросла презрительная гримаса
почему мы куски бессонного злого мяса
или лучше о тех, у мыса

вот они сидят у самого моря в обнимку,
ладони у них в песке,
и они решают, кому идти руки мыть и спускаться вниз
просить ножик у рыбаков, чтоб порезать дыню и ананас
даже пахнут они – гвоздика или анис –
совершенно не нами
значительно лучше нас

 

Vera Polozkova

 

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freiTEXT | Peter Sipos

Schnee bei uns

Schon als ich dich kennenlernte, wusste ich, dass es niemals klappen wird zwischen uns. Wir leiden einfach beide zu viel. Wenn wir miteinander schlafen, dann sagst du oft, du fühlst dich wie eine Heldin, aber ich glaube du bist keine Heldin. Ich kann diese Sprüche nicht leiden und das solltest du wissen. Die Sonne scheint heute und es liegt Schnee auf unserem Grundstück, was eigentlich nicht sein kann, aber bei uns liegt immer Schnee. Wir sitzen im Garten und du willst nicht reden. Ich finde immer, dass du etwas mies drauf bist, wenn die Sonne scheint, aber du schließt nur die Augen und sagst, du wärst sonnenempfindlich, was nach meinem Empfinden nicht stimmt. Ziehen wir weg von hier, sage ich, ich kann diesen Schnee nicht mehr haben, ich sage das schon ewig. Ach, hör auf, sagst du, ich finde es schön hier, wir haben sogar Eiszapfen. Und ich bin genervt, weil du das immer machst: mich ablenken, wenn ich melancholisch werde. Das ist nicht wahr, sagst du dann und ich erkläre dir: Hör zu, Mell, du musst endlich aufhören, mir zu sagen, wer ich sein darf, du sprichst so selten gut zu mir. Und nach einer Weile frage ich: Hast du Hunger? Es ist anders, wenn ich esse, weil ich brauche Essen, damit ich nicht friere. Ich kaue den Salat und sage: wir müssen etwas ändern. Als ich dann aufgegessen habe, sitzen wir am Küchentisch und wir sind weiterhin nicht verheiratet. Es geht zu Ende mit uns, das weiß ich schon lange. Was soll man schon tun, frage ich. Du nickst, wie vorgestern auch schon. Ein verwachsenes Ehepaar wäre auch nicht schön, sage ich, weil ich vermute, dass du dasselbe denkst. Wir sind kein Ehepaar, sagst du. Ich finde, das war jetzt taktlos, sowas Eindeutiges zu sagen. Es ist kalt, sagst du, es war schon immer kalt in diesem Haus. Wieso bist du schon wieder so gereizt, frage ich indem ich dich über den Tisch hinweg streichle, mit der flachen Hand. Wir lachen heute schon gar nicht. Hallo, ich gehe jetzt, sage ich, weil du mich nur dann in Frieden lässt, wenn ich Quatsch rede. Das Lügen ist meine Spezialität, sage ich. Das Lügen ist nicht deine Spezialität, sagst du, wenn schon ist das Lügen deine Allergie. Und es ist endlich etwas dabei in deinen Worten, etwas das mitklingt, wie wenn eine Brise auch noch riecht, das heißt gut riecht, egal. Komm gehen wir jetzt endlich nach Hause, könnte ich dir befehlen aber wir sind ja noch Kinder, wir sind noch Kinder im Herzen, da brauchen wir keine Kinder kriegen. Es ist alles so chaotisch mit dir, hätte ich sagen können, als wir uns kennenlernten, damals, als wir hier einzogen. Aber stattdessen habe ich nur Unsinn geredet und meine Lippen gespitzt, wie auch heute. Spitze Lippen machen mich scharf, sagtest du einmal und ich weiß nicht warum, aber dieser Satz blieb immer in meinem Kopf. Eine Liebe ist das nicht. Wir blinzeln. Mell, rufe ich und du schaust kurz zur Decke hinauf, Mell, wir müssen gehen jetzt, unser Flugzeug startet. Ich verlasse dich, sagst du dann. Ich bin kein richtiger Mensch, ich mache alles schlimmer, ich habe keine Ambitionen und wenn ich hinfalle, dann bleibe ich liegen, weil von alleine aufstehen werde ich sicher nicht. Mell, lass uns gehen, Mensch, wenn wir den Flug verpassen, dann bleiben wir hier, was machen wir dann? Du schaust mit zusammengezogenen Augenbrauen auf meinen Brustkorb. Wenn du nur in meine Augen schauen würdest, dann könnte ich dich überzeugen, mit mir zu fliegen. Aber wir bleiben im Haus, das eigentlich schon immer nur ein Nebenhaus war. Das Nebenhaus von irgendeiner Fabrik oder so. Vielleicht kommt der Schnee von da. Wenn alles so bleibt, sage ich, dann ist es aus zwischen uns. Du machst die Tür zum Garten auf, also packe ich meinen Koffer. Dann schaust du mir dabei zu, weil du mich bestimmt vermissen wirst. Ich habe jetzt gepackt, sage ich und drehe mich zu dir um. Rauchen wir eine, fragst du und ich fühle mich, als hätte ich eine Scheidung hinter mir. Zumindest hasst du mich nicht. Draußen blickst du mir noch hinterher, dann nimmst du einen Kieselstein aus dem Schnee und wirfst ihn in die Ferne.

 

Peter Sipos

 

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freiVERS | Martin Gericke

alter Spielplatz am Meer

alter Spielplatz am Meer,
verwuchert vom Moos
und der Gischt, umspült
von den Scherben, den
modrigen Schrauben und
kleinem Geäst. Der glitschige
Sand, zerfließt zwischen den
Zehen wie Brei, versinkt in
den weicheren Schichten,
barfuß pieksendes Schlendern,
auf Muscheln und Kiesel, wie
abgeriebenes Schleifpapier und
federndes Köcheln unter den
Fersen, wie waberndes Treibgut,
wie Wandern am Meer.
Und vor uns ein leergelaufener
Turnschuh, brüchiges Leder in
Falten, vergraben im Burghof
der Krebse, Geflutetes, Quietschen,
im Wind, die Scharniere, hinter
der Bucht, die verrostete Schaukel,
blättrige Haut an den Stangen, die
Kette verwildert, mit ausgekugelten
Armen und hängendem Kopf.
Wir kehrten zurück, an den Strand,
unsern Ort des Vergessens, ans Meer.

 

Martin Gericke

 

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freiTEXT | Karsten Sirach

Der Nachlass

Nach den von ihm persönlich gemachten Angaben hat Patient X - jung, kräftig, groß - über Jahre hin von ihm so genannte niedere Tätigkeiten ausgeübt, schreibt der Nachtarzt der Charité spät am Abend in seinen Bericht. Überleben!, sagte Patient immer wieder und: Hören Sie das! Welche Tätigkeiten, dazu gibt es keine weiteren Angaben. Er könne sich nicht mehr erinnern, was er wann wo und wie lange getan habe. Er wisse auch nicht mehr, wie er heiße oder wo er herkomme oder wo er wohne. Patient kam ohne Papiere. Angehörige konnten daher keine ermittelt werden. Patient hat sich selbst eingeliefert, nachdem er bemerkt habe, dass er die Verrichtung alltäglicher Handlungen kaum noch bewältigen kann und demnach auch die Fähigkeit zu jeder Art von Beschäftigung nicht mehr besitze. Dafür hat Patient keine Erklärung. Nur, dass jeder ergriffene Gegenstand sich schon nach kurzer Zeit seiner Aufmerksamkeit entziehe. Auch seinen Händen. Und auch jeder Mensch, mit dem er ins Gespräch kommen würde, wäre nach kurzer Zeit schon aus seiner Aufmerksamkeit verschwunden. Auch jedes Bild, jeder Ort, jeder Vorgang. Hören Sie das!, sagte Patient immer wieder und: Angst! Die üblichen Untersuchungen wurden durchgeführt. Auch verschiedene Experimente. Keine Spuren von Missbrauch. Weder geistig noch körperlich konnte eine Beeinträchtigung festgestellt werden. Beim Entlassungsgespräch hat Patient X sich um einen Posten als Nachtwächter beworben, schreibt der Nachtarzt der Charité früh am Morgen in seinen Bericht. Seine Bewerbung wurde aber auf Grund der oben genannten Tatsachen abgelehnt.

 

 

Karsten Sirach

 

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freiVERS | Sarah Claire Wray

mutter

dir zu ehren
wie du
in der stille
der kühlen nacht
gekrümmter rücken
beine
übereinander geschlagen
eine zigarette
jeden Abend
am offenen fenster
rauche ich

 

Sarah Claire Wray

 

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freiTEXT | Tara Meister

Was bleiben

im grünen bett der hügel, darauf ein Mahagonitisch zum abendmahl gedeckt zwei stühle und ringsumher wird gierig das abendlicht verschluckt vom blättermeer, der Dschungel wächst
einander gegenüber sitzen am mahagonitisch Vater und sohn, der Vater deckt und stellt und
richtet, bis alles ist wie er es will und es sein soll und der sohn folgt mit blicken den bewegungen
versucht sie sich einzuprägen, im kopf nachzuahmen, er weiß, der Vater sieht den Dschungel nicht
und er will Vater sein, der sohn,
und nicht sehen
im abendlicht glänzt das silberbesteck, der Dschungel nicht
aber er raunt, wispert und während die augen den Vater sehen hört der sohn wie sich die bäume räkeln feuchte pflanzenarme strecken
ein rascheln von auf laub tappenden tatzen
der blick auf das dickicht ist verborgen von den schultern des Vaters und er wagt nicht, der sohn
wagt nicht sich zur seite zu lehnen, um daran vorbei zu sehen, blickt auf den Vater
die teller, den krug und hört dabei wie der Dschungel wächst und näher kommt
ein vogel schreit, er zuckt zusammen der Vater mahnt mit strengem blick
der sohn errötet beschämt, erregt
tatzen kratzen irgendwo
der Vater nimmt den krug, ein kleiner wasserfall, der Vater fängt ihn mit den gläsern auf
kein einziger tropfen schafft es über den rand
dämmerung über dem hügel, noch ist es nicht beinahenacht, zwei vögel schreien
ein letzter prüfender blick des Vaters über den gedeckten tisch, gewissenhaft
und der sohn schaudert als wäre er selbst das messer über das gerichtet wird, ob es richtig liegt
die hände auf dem tisch versucht der sohn sich daran festzuhalten aber es sind nur hände
an sein ohr dringen leise lockrufe aus dem dickicht, singende vögel obszöne düfte
die aus dem Dschungel gekrochen kommen, auf den hügel zu
lassen den sohn die blumen des Dschungels sehen, die farben haben die zu viel sind
grell und voll und einfach nur farbe zu sein scheinen, gar nicht mehr blumen
und zwischen ihnen rennen allerlei tiere, die auch bunt sind, federn und fell
alles rennt im Dschungel der wächst, der sohn sitzt, rutscht auf dem großen stuhl hin und her
um seinen platz zu finden
und der Vater faltet die hände, drei vögel schreien in den wipfeln ein rascheln
der sohn versucht die blumen nicht zu sehen, sucht ein anderes rascheln
das der stoffserviette des vaters, aufgefaltet, weiß auf dem schoß
auf dem der sohn sich jetzt sitzen sieht, das kind und er denkt, dass man von dort keine bäume sieht
weil der kopf nicht über den mahagonitisch ragt
jetzt ist der sohn zu groß für den rand des tisches oder der tisch zu niedrig
er hört wie sich die baumriesen strecken, schamlos dem himmel entgegen
aber noch einmal wirkt auch der Vater groß im dämmerlicht, den Dschungel im rücken
und sein schatten fällt lang
sie essen langsam kalt werdendes wild, im dickicht tanzen die vögel federkleider knistern
der sohn denkt daran, dass einmal in einen apfel gebissen wurde
und danach wollte man nicht mehr nackt sein
und nun, wer war nun nackter? der Vater in seinen kleidern oder die vögel des Dschungels
die ihre bunten federn trugen um zu beeindrucken, sich zu behaupten
der sohn isst das fleisch, das in seinem mund bereits zu den früchten des Dschungels wird
die äste der bäume wachsen, strecken sich weit, bis die ersten blätter den sohn im nacken kitzeln
auf der stirn des Vaters eine einzelne schweißperle die hinabrinnt an der schläfe über die wange
aber keine träne ist, denn der Vater will den Dschungel nicht sehen, den Dschungel der wächst
so essen sie ein letztes mal zu abend
den feuchten händen des sohnes
immer wieder drohen ihnen messer und gabel zu entgleiten
der Dschungel wächst neue pflanzen drängen sich durch den boden jetzt ist es beinahenacht
neue tieren bevölkern das unterholz, die teller sind leer
und wie nun die dunkelheit kommt, gehen alle scheinwerfer an im Dschungel
das neonlicht stürzt sich durch die blätterdecke und ist dabei so hell
dass der Vater die augen schließt und da erhebt sich der sohn und weint, weil er wünschte
der Vater hätte den Dschungel wirklich nie gesehen

 

Tara Meister

 

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freiVERS | Philipp Rhensius

Discount

Keira, warum hältst du deinen Kopf so schräg
warum trägst du diese Kette
warum sagst du nichts
die Lippen geschlossen zum unverfänglichen Code
Ja, Chanel hat deinen Körper gekauft
aber sehnst du dich nicht nach Freiheit?

Wie die Menschen wochenends im Cafe
mathematisch angeordnet
die Reste der Kuchen
wie Nachhbildungen von Schlachtfeldern vor ihnen
Auch sie Gefangene der Fiktion
so wie du
Keira

Wusstest du, dass 75 % aller Menschen aus 80 % Wasser bestehen
Und sie dennoch lieber schweben als fließen?
Dass sie lieber einzeln sind als Teil des Ganzen?
Die Freiheit, die du fürchtest
Keira
Ist gebunden an Verträge, die niemand unterschrieben hat

Jetzt wird's schmutzig
Der Krieg in Jemen hat 60.000 Tote gefordert
Drei Millionen Vertriebene
Und diese Leuten hier
Verdoppeln Schönheit
Oder simulieren Demokratie

Keira, warum hältst du deinen Kopf so schräg?
Du bist Wasser und Wasser muss fließen
Mach es ihnen vor

 

Philipp Rhensius

 

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freiTEXT | Christoph Michels

in schnitten

die scheibe herunter, zum ineinander, kreuzend, sich verflechtend, im immer neuen, und von allen seiten, damit kein blick dahinter. in diesem rauschen, das sich monoton, seit stunden, legt es sich grau, als ob nie wieder etwas anderes - -

ein lkw, der langsam näher, zum dröhnen, im nebeneinanderher und wie angehalten:

der fahrer, angezogenes knie, aufgestützter ellbogen, hält er eine kippe, der rauch senkrecht. sein grauer bart, der tatoowierte oberarm, die augen geradeaus. plüschwürfel an der windschutzscheibe. und der rauch senkrecht und er unbeweglich, jeder in seinem.

scheibe still asphalt regen wimper angst, fließend, gespiegelt, zerschnitten.

und der wald sich dann doch, hinter der leitplanke, im flimmern, baum neben baum gestellt, im berechneten, ihre reihen, endlose reihen und alles in ihre struktur:

wald felder windräder, ein dorf, zur unvorstellbarkeit verflacht, die wiesen von hecken getrennt, ein tankstellen-hinweis auf einem anhänger in ein feld gestellt, reihen aus solarpanelen, schwarz zu silber, im vorbei, nebeneinander aufgereihte kühe.

zwei rehe, mit gesenkten köpfen im zerregneten gras, als ob auch sie dort hingestellt.

der versuch den blick zurück, der sich dann im flimmern der leitplanke und erst im horizont der felder wieder still.

als der bus bremsend, gekurve, betonklötze und der regen jetzt senkrecht die scheibe, das grau zerschneidend, der sich zusammenziehende blick, zum stechen ins hirn.

anhalten anfahren anhalten, „keine pause, gleich weiter, dankeschön“, aussteigende die in den gepäckfächern, dann durch die wartenden. einsteigende lassen andere auf dem parkplatz, in ihrem flach, das immer gleiche, sich kein name im beton.

die ruhe dann, als jeder auf seinem platz, dass sich die stadt noch immer im kopf, in jedem ihrer geräusche, verschachtelt, nicht mehr auseinander, zum hintergrund – dann vom anfahren geschluckt.

und der asphalt sich wieder, in seinem geradeaus, im ewigen hintereinander der autos, lastwagen, die sich zu viehtransportern, tanklastern, kühlwagen, reisebussen und die lichter des gegenverkehrs in der windschutzscheibe zerstreut, zum ungefähren – eine autobahnbrücke in weitem bogen und die vergangenen tage dann entfernt, jeder von ihnen zur anstrengung, als ob kein einziger mehr möglich. //

schon lange gefallene blätter, die unter den platanen, den zusammengeklappten sonnenschirmen, auch sie schon lange, und das laub, über das kopfsteinpflaster geweht, um diese skulptur, die dort, in der mitte des platzes: tanzende vor einem klavierspieler. grau in grau. laub. regen. nur wenige, die unbewegt, als ob es genauso vorgesehen, und ich mit ihnen, langsam zum teil dieses platzes, jeder in seinem, nicht anders zu denken, wo das licht, wo das grau, hin und zurück getauscht, die gleichzeitigkeit jeder sekunde und der platz im regen und der nachmittag ein ende.

nur das holz des tisches. und wie sie die weiße porzellantasse und sich dann wieder hinter den tresen stellte. blicke, die näher. und die kaffeetasse und im regen gingen welche über den platz und waren unvorstellbar. und dazwischen dieses, das sich nicht, nicht in ihr stehen. wie ich weggefahren, wie ich zurückgekommen war. wie köpfe über pappbechern, mateflaschen, kein gesicht, die augen ins grau, auch das so vorgesehen.

am gesundbrunnen war er eingestiegen, hatte sich neben mich gesetzt. das türkis seiner jacke im augenwinkel. dann mir gegenüber, sein kinn, das sich spitz aus seinem gesicht, abgezehrt in falten, adern, die sich über seine stirn, seine haare dünn und zerschwitzt. er trug eine zerrissene jeans und diesen türkisenen anorak, die zu langen ärmel, die ihm über die hände. als sein blick meinen und das grün seiner augen, wie direkt es, aus diesem gesicht heraus, überdeutlich, „you have a good soul“, in einem klar, wie es dort zwischen uns. andere schauten herüber, ein stehender drehte sich um, ohne dass er seinen blick von mir, „you know, i come from a planet where everything is green, everything” und irgendetwas an ihm, seine augen verändert, das grün, tiefer vielleicht, saß ich, ohne es zu verstehen, in den blicken der anderen, in seinem. er zog eine bürste aus seinem leinenbeutel, den grünen plastikgriff einer bürste ohne borsten, hielt er ihn mir, langsam kreisend, vors gesicht, mit konzentrierten augen, die kein einziges mal von mir, „ihre seele ist rein – gute menschen sind selten geworden“, er lächelte, steckte die bürste zurück und seine augen dann nachdenkend: „ich kam nicht alleine, ich kam mit einem jungen, der heulte wie ein wolf – er konnte ein stein sein, ein see, oder ein baum, er konnte jeder vogel sein. seine augen waren genauso grün wie meine, aber er ging nur rückwärts. er sagte, dass wir beide gemeinsam so alles sehen könnten. ich habe bloß noch seinen seinen seelenvermesser. he is the moon – – .“ als er mit zusammengekniffenen augen in seiner tasche, ein klapphandy, es dann zurück: „sie werden bald anrufen – jedes jahr rufen sie an, die philharmoniker, weihnachtssaison – meine stimme ist von einem anderen stern, sagen sie“ und sein lachen, die weißen zähne, die aufgerissenen augen, sich immer weiter, in dieses grün. und er zog eine lesebrille, einen zerknickten zettel aus seinem beutel, die brille umständlich aufsetzend, stand er dann, sich räuspernd, den blick über die brille ins leere, fing er an zu singen. fröhliche nacht. wie er dort in der mitte des wagens, in den blicken der anderen, geflüster, gelache, aber er weiter sang, die brust herausgestreckt, den kopf erhoben, sang er es zu ende. und stand, noch immer, im rattern der bahn und seine augen noch einmal auf mir: „take care, my son“. er gab mir die hand und stieg aus. und die leere, unter ihren blicken, versunken, in enge und ich stand dann an einem bahnsteig und wusste nicht, weshalb ausgerechnet dort. ich erkannte es wieder, aber das grau des bahnsteigs war wie in papier gewickelt, jeder stein, jeder mülleimer, alles entfernt. ich ging treppen herunter, oder hoch, stand vor einer straßenlaterne, um jeden einzelnen aufkleber, jede vermisstenanzeige, jeden abreisszettel, aber die buchstaben waren nur flimmern. die hauptstraße herunter, die von den bahnschienen zerteilt, lief ich vom bahnhof weg. das durcheinander der autos, im gehupe, aber auch das nur entfernt, wie in den worten eines anderen, die fassaden, die sich über dem gehweg, der immer breiter, jeder in seiner entfernung, war unerreichbar geworden. ein backshop, der früher ein gemüseladen, dann zehn meter weiter dieser gemüseladen. und konnte in keine der seitenstraßen, hätte es von oben, wie eine straße in die nächste, um einen anderen weg zurück zu finden. unvorstellbarkeit, diese straße, diese stadt, in welchen gedanken. die augen im starren festgehalten, als eine alte, die in einer mülltonne wühlend, sich dann zu mir: „hier, weitergehn, weitergehn alter – sonst kriegste nochn arsch voll heute, weitergehn“ und sich erst dann der blick lösend und sie sich wieder zur mülltonne.

und ich ging denselben weg zurück, nahm die bahn, köpfe ohne gesichter, jeder könnte jeder, wie sie sich im grau – und stand dann auf demselben platz, von dem aus ich losgefahren war, stand, als ob es das erste mal. aber der backshop und der alte, der neben dem eingang, mit seinem hund, in decken gewickelt. das kleingeld, seine hand gekrümmt, zerfurcht, er bedankte sich leise – es war so vorgesehen.

von raum zu raum zu gehen, ohne dabei irgendetwas hinter sich, ohne irgendein bild, immer wieder in neuem, gegen jeden schnitt.

und ich ging, quer über den platz, längst gefallene blätter, im regen und das gelb und ich ging hinein. ihr bild in der scheibe, das sich vor das grau des platzes, als ob kein bild mehr außerhalb, jedes nur noch aus mir heraus, in geschlossenen augen, sich eines ins nächste. kaffeereste, eingetrocknet. und sie stand noch einmal neben mir, nahm die tasse und sagte etwas vom grün, vom winter. mit einem blick, in dem etwas unentschiedenes und ich konnte sie verstehen. aber was, in welchen worten, in dieses stehen, ließe sich nichts ändern.

das holz des tisches und der wind den regen gegen das fenster, das langsam beschlagend, und weiter auf sich begrenzt, zu aussichtslosem, ging ich dann. noch einmal den blick, aber nur noch die umrisse sitzender, verschwommenes, sich fremd und unvorstellbar und auch sie, unwahrscheinlich geworden. //

der regen jetzt seitlich, gegen die scheibe klatschend. wie vergessenes, das losgelöst und zusammenhangslos, sich jetzt zurück. von stein zu stein. keine einzige mauer. und doch jeder stein, vorgesehen. in jedem bild, dieses reisens, ständig sich und nirgendwo, nur der erste gedanke: für immer verloren.

strommasten, die dunkel aus den feldern heraus, enten, die zu weißen flecken, die dämmerung sich in den bus, zu gespiegeltem, sich vor alles näherkommende, das zu bekannt noch, doch zerschnitten, jeder raum gesehen, jedes bild, jedes wort, ist wahllosigkeit.

jemand fängt an zu husten, ein telefon klingelt, der langsamer werdende bus.

und kein weiteres wort mehr hören zu können. //

 

 

Christoph Michels

 

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freiVERS | Freya Morisse

Bevor man aus dem Haus geht, überprüfen:

ist das Smartphone da
sind die Schlüssel da
ist das Geld da
ist das Wetter da
ist das vorhergesagte Wetter da
ist die Hose da
hab‘ ich eine Hose an
ist der Standort da
ist mein Standort da
hab‘ ich Datenvolumen da
hab‘ ich Akku da
ist die optimale Route da
gibt es Hindernisse
wo sind Hindernisse
wie viele Minuten
wie viele Minuten hab‘ ich noch
ist die Zeit da
läuft die Zeit
stopp‘ ich die Zeit
sind die Pläne da
hab‘ ich Pläne (welche Pläne)
hab‘ ich Listen (wozu Listen)
kann ich heute Haken machen (schlagen)
ist das Licht da
ist das Blaulicht da
sind die Motoren da
sind die Sirenen da
sind die Flüsse da
fließen die Flüsse
bewegt sich die Stadt
beweg‘ ich mich zuerst
ist mein Körper da
ist mein Körper wach
ist Pelz auf meiner Zunge
hab‘ ich Mundgeruch bekämpft
ist mein Magen da
ist mein Magen leer
ist mein Ziehen da
ist mein Pochen da
ist mein Schweiß da (stink‘ ich jetzt schon)
sind meine Muskeln da
sind meine Muskeln wach
sind meine Füße da
hab‘ ich den Füßen Bescheid gesagt
hab‘ ich die Füße aufgeweckt
ist mein Zimmer da
ist im Zimmer Nacht
hängt im Zimmer Schlaf
ist mein Bett da
ist mein Bett gemacht
ist mein Bett noch warm
klebt Schlaf im Laken
find‘ ich die warme Stelle
sind die Träume da
sind die Träume
fortsetzbar

 

Freya Morisse

 

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freiTEXT | Lisa Gollub

Angst

Zuerst habe ich aufgehört mit dem Autofahren, denn Autofahren ist bekanntlich gefährlich. Mein Auto habe ich einfach stehengelassen. Es wird mich überleben, denn es hat aufgehört, gefahren zu werden. Noch in hundert Jahren wird es wie konserviert dort stehen und bewundert werden für seine archaische Unberührtheit. Dann habe ich aufgehört, mit Fähren zu fahren, obwohl es in meiner Umgebung keine Fähren gibt. Ich habe mir gedacht: Besser schon in Gedanken damit aufhören, falls man in Versuchung kommt, es bei Gelegenheit doch zu tun. Als ich einmal meine Oma besuchte, die in einer mittelgroßen Gemeinde an der Donau wohnt, stellte ich fest, dass ich zwei Möglichkeiten hatte: mit der Fähre den Fluss überqueren oder über die Brücke gehen. Ich bin über die Brücke gegangen, allerdings nur ein zweites Mal, denn dann beschloss ich: Ich gehe nicht mehr über Brücken. Als ich nach Hause kam, betrachtete ich eine Landkarte und stellte fest, dass ich nun wortwörtlich in Transdanubien lebte, nämlich begrenzt von Donau, March und Thaya, ein Gebiet, das, wie ich mir sagte, groß genug war für meine Bedürfnisse. Ich genoss die Aussicht auf lange Radtouren durch Wein- und Waldviertel, aber dann wurde ich Zeuge eines Unfalls, bei dem zwei Autos kollidierten, als eines einen Radfahrer überholen wollte. Zu allem Übel wurde ich auf die Polizeistation geladen und musste gegen einen der Autofahrer aussagen. Da dachte ich bei mir: Nie wieder den Verkehr beobachten! Und um Gottes Willen nicht mehr Radfahren. Am Abend schrieb ich auf einen Zettel das Motto meines verkleinerten Lebens: Je geringer die Möglichkeiten, desto unendlicher die Welt. Ich machte mich zu Fuß auf. Zu Fuß ging ich einkaufen und zu Fuß ging ich zum Arzt, denn auch Busfahren ist gefährlich, und mit meiner Oma telefonierte ich nun regelmäßig. Sie erzählte vom Jahrhundert-Hochwasser, das die Brücke unterspült hatte, Fahrzeuge und Fußgänger seien ins Wasser gestürzt, aber niemand sei gestorben. Ein Wunder!, dachte ich. Ein Wunder!, sagte meine Oma. Als wir das nächste Mal telefonierten, stand das Wasser schon bis zum Tür, sodass sie das Haus nicht mehr verlassen konnte. Helfer der Feuerwehr brachten ihr Lebensmittel auf einem Schlauchboot, und ich machte mir jetzt wirklich Sorgen. Ich beschloss, meine Oma zu retten. Ich packte alles Notwendige ein, überprüfte meinen Personalausweis, meine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, behob Geld. Aber dann kam mir in den Sinn: Ich fuhr nicht mehr mit dem Auto, nicht mehr mit dem Bus, nicht mehr mit der Bahn, über Brücken ging ich nicht mehr und mit einem Schlauchboot die Donau zu überqueren erschien mir gefährlicher, als selbst ein Flugzeug zu steuern. Ich rief bei meiner Oma an und sagte: Oma, ich kann dich nicht retten! Retten, was heißt, warum willst du mich retten?, fragte sie. Sie habe Gummistiefel, das Schlauchboot der Feuerwehr komme jeden Tag mit frischer Milch, alles sei halb so schlimm. Ich beendete das Telefonat desillusioniert. Dann dachte ich: Ich muss aufhören mit dem Aufhören. Deshalb rief ich meinen besten Freund an und wir verabredeten uns für den Nachtclub. Ich rang mich dazu durch, mit dem Bus zu fahren, er wankte ein bisschen nach allen Seiten, einmal streifte er mit den Reifen den Randstein, aber sonst blieb die Fahrt ereignislos. Im Nachtclub genoss ich das Leben wie ein Lebemann, kippte Spritzwein wie Wasser und entschied mich für eine Frau. Der scheinbar vorbestimmte Ablauf beruhigte mich. Ich war ihr immer einen Schritt voraus, um die nächste Aktion erwarten zu können. «Du weißt», sagte sie auf der Fahrt nach Hause immer wieder, «du weißt». Aber ich wusste es erst morgen früh, als ich aufwachte und feststellte, dass neben mir ein Mann-in-Frau lag. Ich konnte mich an nichts erinnern. An diesem Tag beschloss ich, nicht mehr in Nachtclubs zu gehen, denn das schadet Ruf und Gesundheit. Ich entwickelte eine längst überfällige Lebensphilosophie: Jedes Element aus unserem Alltag ist hinsichtlich seiner Gefahr für Leib und Leben zu bewerten und sofern Gefahr besteht zu vermeiden. Die beste Prophylaxe ist Voraussicht. Das heißt, sich am besten immer schon vor der Welle auf den Berg retten, oder besser zur Prophylaxe der Prophylaxe von vornherein dort ansiedeln. Insofern fiel es mir nicht schwer, nicht mehr über Brücken zu gehen oder mit Fähren zu fahren, denn ich wusste: So bin ich sicher vor den Gefahren des Lebens. Zu dieser Zeit entdeckte ich im Fernsehen eine Dokumentation über Superflüssigkeiten, welchen das Kunststück gelingt, ihre Reibung zu minimieren. Sie fließen einfach über alles hinweg, was sich ihnen entgegenstellt. Wie einen Gedanken, den man noch nicht greifen konnte, erschien mir in großer Ferne die Vorstellung einer reibungslosen Welt. Hüftgelenke, die sich nicht zerreiben. Motoren, die ewig dahinpumpen. Menschen, die ihrem Schicksal entfliehen. Und dann dachte ich an Ozeane, die im Zerfließen Menschen ertränken. Reibung und Reibungslosigkeit sind Fluch und Segen, dachte ich. Und auch Leben und Tod sind äquivalent in der Gefahr, die von ihnen ausgeht. Muss man nicht den Tod fürchten, dann das Leben. An diesem Tag beschloss ich: Ich gehe nicht mehr vor die Tür. Ich legte den Wohnungsschlüssel in die Schatulle der Reserveschlüssel, die ich erst lange suchen musste, dann aber doch fand. Die Vorstellung, ihren Ort noch einmal zu vergessen, beruhigte mich, sodass ich mich bewusst anstrengte, es aber bald aufgab. Mein Kosmos war zu klein geworden. Auf meinen 52,75 Quadratmetern war nichts mehr zu übersehen oder zu verdrängen. Alle Möbel sprangen mir ins Auge, als hätte ich sie neu gekauft. Ich putzte montags und samstags, bald montags, mittwochs und samstags und als ich bloß die Schlieren des letzten Putztages beseitigte, stellte ich fest, dass ich mich drehte. Mein Leben hatte an Form und Struktur gewonnen, aber an Inhalt verloren. Es war, als würde ich mich rückwärts gehend fortbewegen. Aber ich bewege mich fort, dachte ich, denn alle Veränderungen hatte ich mit dem Gedanken vollzogen, jedes Hindernis schon zu erahnen, bevor es zur Gefahr wird. Prävention ist die beste Gesundheitsvorsorge, sagt der Hausarzt und ich nahm es mir zu Herzen. Bald dachte ich wieder an die Dokumentation über Superflüssigkeiten. Sie stimmte mich nachdenklich wie alles, was man nicht so recht versteht. Ich betrachtete meinen Körper, setzte an zu einer Kniebeuge, verrenkte den Kopf ein wenig, und tatsächlich: Ich spürte Reibung. Ich spürte wie Knorpel über Knorpel glitt, dann ruckte und im nächsten Moment schon rumpelte. Mein Körper machte mir Angst. Wie konnte trotz aller Enthaltsamkeit ein Knorpelschaden entstanden sein? Ich wollte –, aber nein, ich verließ das Haus nicht mehr. Ich wollte –, aber nein, ich telefonierte nicht mehr. Was tun? Ich legte mich ausgestreckt auf mein Bett, das mir wie eine dünne Pritsche vorkam, und atmete, atmete ruhig vor mich hin, bis sich mein Herzschlag verlangsamte. Ich versuchte Gedanken zu fassen, ja, ich beobachtete mich beim Denken und griff immer wieder in mein Bewusstsein hinein, und da fiel mir auf, wie sehr mich das Denken beanspruchte. Ich spürte geradezu die Reibung der Gedanken, wie sie sich aneinanderzwängten und aneinanderrieben, und unwillkürlich dachte ich an den nicht mehr ganz intakten Lack meines Autos, der bei jeder Berührung abblätterte. Ich muss aufhören zu denken, dachte ich, aufhören! Da vernahm ich ein lautes Geräusch. Es kam aus dem Vorzimmer. Ich hörte es noch einmal, also hievte ich mich vorsichtig hoch, um die Gelenke zu schonen und bewegte mich in den winzigen Vorraum. Hey!, hörte ich durch die Tür, bist du zu Hause? Da rauschten an mir die vergangenen Wochen vorbei, die Pein der vermeintlichen Sicherheit, die Angst vor Brücken und Fähren, die Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Mit zittrigen Händen öffnete ich die Schatulle, die auf der Kommode neben der Tür stand, und fingerte den Schlüssel heraus. Ist alles in Ordnung?, fragte mein bester Freund, als wir uns gegenüber standen.

 

Lisa Gollub

 

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