freiTEXT | Anna-Pia Jordan-Bertinelli

Ganz Normal

Ich habe eine Kugel im Kopf. Wie genau sie dorthin gekommen ist, weiß ich nicht mehr, es war diese komische Zeit, in der Kinder auf offener Straße erstochen wurden und auch Schießereien keine Seltenheit waren.

Was ich noch weiß ist, dass ich spazieren gegangen bin und mich plötzlich etwas am Hinterkopf getroffen hat. Ich dachte noch, wer bewirft mich hier mit einem Schuh?! Dann lag ich plötzlich auf dem Boden und jemand meinte: „Sie bluten da aber ganz schön”. Ich muss ohnmächtig geworden sein und jemand muss den Krankenwagen gerufen haben. Als ich wieder aufwachte, beugte sich ein Arzt über mich und meinte „Herr M., schön, dass Sie wieder bei uns sind. Sie haben eine Kugel im Kopf, aber das ist kein Grund zur Panik. Zumindest nicht in Ihrem Fall. Keine Sorge, Sie sind nicht im Himmel, ich bin nicht Gott und auch keine Jungfrau oder so.”

Er zwinkerte. Ich glotzte.

„Jedenfalls, Spaß beiseite”, fuhr er fort, „die Kugel steckt genau zwischen ihren beiden Hirnhälften fest. Wir werden sie vorerst nicht entfernen können, das ist zu gefährlich und könnte Sie unter Umständen wirklich zu Gemüse machen. In ein paar Jahrzehnten ist die Laserchirurgie sicherlich soweit. Aber bis dahin sind Sie nicht der erste und auch nicht der Letzte, der mit einer Kugel im Hirn rumläuft, also Kopf hoch! Können Sie sprechen?” Ich nickte, der Arzt lachte. „Sehr gut, dann schaue ich später noch einmal nach Ihnen.”

Natürlich wurde über den Vorfall berichtet. Ich selbst bekam nicht so viel davon mit, aber meine Nichten und Neffen zeigten mir, was im Internet über die ganze Sache geschrieben wurde und meinten „Onkel, jetzt bist du voll berühmt.” Es gab einen längeren Bericht auf der Titelseite der Lokalzeitung, den meine Frau in eine Klarsichthülle steckte. Dann kam der nächste Vorfall und zack gab es neue Schlagzeilen.

Vor der Entlassung hatte ich ein Gespräch mit der Krankenhauspsychologin. Sie fragte mich, ob ich wütend oder traurig sei, ob ich das Bedürfnis hätte, mir oder anderen wehzutun, oder ob ich mich emotional irgendwie taub fühlen würde. Ich sagte zu allem Nein. Es ging mir eigentlich ganz gut, ich freute mich auf zu Hause, auf meine Frau und meinen Kiosk.

Die Psychologin war noch recht jung. „In Ordnung, Herr M.”, sagte sie, „schön, dass es Ihnen soweit gut geht. Meistens dauert es Monate und manchmal sogar Jahrzehnte, bis man eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Falls Sie eine solche Störung entwickeln sollten, merken Sie das zum Beispiel daran, dass Sie schlecht schlafen, Flashbacks haben, also plötzliche Erinnerungen an die traumatische Situation, und insgesamt sehr erschöpft sind. Sollten diese oder andere Symptome bei Ihnen auftreten, melden Sie sich bei uns.“

Der Kiosk lief zunächst ganz gut. Meine Stammkunden schmissen eine Willkommen-zurück-Party, bei der ich ein bisschen Pipi in den Augen hatte. Alle wollten Fotos von der Schusswunde machen. Auch die Lokalpresse kam vorbei. Natürlich wollten sie wissen, wie es war, angeschossen zu werden, und ob ich eine Idee hatte, wer die Täter gewesen sein könnten. Die Ermittlungen der Polizei waren erfolglos geblieben. Eigentlich hätte ich sie am liebsten rausgeschmissen, aber ich wusste, dass ich durch die Berichterstattung ein paar Kunden mehr bekommen würde. Ich sagte also: „Ich habe keine Ahnung, wer die Täter sind, aber ich würde es ganz gerne wissen. Nicht um mich zu rächen. Aber um mir den ganzen Papierkram zu sparen, den ich jetzt wegen dem Schmerzensgeld am Hals habe. Ist ganz schön Kacke, wenn einem durch sowas der Umsatz von mehreren Monaten flöten geht.”

Ich wusste es tatsächlich nicht. Mein Kiosk lag in der Feiermeile. Im Laufe der Zeit hatten nach und nach alle Mafias, Banden, Clans und Sekten angeklopft und mir Waffen, Drogen, Kinderpornos und natürlich ‚Schutz‘ angeboten. Ich habe jedes Mal dankend abgelehnt, wie es mir ein befreundeter Tätowierer geraten hatte: Sei freundlich, halt dich raus, verkaufe nichts unter der Theke und sie lassen dich in Ruhe. Hatte bisher erstaunlich gut funktioniert. Aber vielleicht war ich aus Versehen jemandem auf den Schlips getreten, oder sie wollten meinen Laden haben und hatten keine Lust, ihn zu kaufen. Vielleicht war es auch ein reiner Zufall gewesen, irgendein Psychopath, der einfach Lust hatte, ein bisschen durch die Gegend zu ballern.

Meine Frau ist die ersten Monate, in denen ich wieder arbeiten gegangen bin, vor Sorge fast durchgedreht. Deshalb habe ich mir einen Dobermann besorgt. Ansonsten ist nicht viel passiert. Die Nachkontrollen im Krankenhaus sind abgeschlossen, die Ärzte haben mir alles Gute gewünscht, und „melden Sie sich, wenn etwas ist.”

Es ist nur eine Sache: Ich habe schon den Eindruck, dass die Menschen weniger rausgehen oder zumindest seltener in meinen Kiosk kommen. Manchmal unterhalte ich mich mit dem Besitzer der Kneipe von gegenüber. Er meint, ihm sei nichts aufgefallen, aber vielleicht müsse ich mal was tun, neues Sortiment oder einfach mal den Laden umräumen, neuen Schwung reinbringen, ich wisse schon. Ich nicke und weiß, dass er einer von denen ist, die ihren Laden eh nur für Geldwäsche nutzen. Von daher kann es ihm egal sein, wie viel Kundschaft kommt. Trotzdem habe ich versucht, mein Schaufenster umzudekorieren. Das heißt, ich habe darüber nachgedacht, aber wirklich weit bin ich nicht gekommen. Ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen, auch nur eine der Bierkisten, die seit Ewigkeiten dort stehen, wegzuräumen. Schließlich habe ich meine Frau um Hilfe gebeten. Sie hat die Kästen aus dem Schaufenster geräumt und sie dann mitten im Laden stehengelassen, weil sie ihr zu schwer waren. Jetzt stehen sie jedem im Weg, der in den Kiosk will. Trotzdem schaffe ich es nicht, sie wegzuräumen. Es macht eigentlich auch nichts, es kommt eh kaum noch jemand in den Laden, und wenn, dann sind es Obdachlose, die ich sofort wieder rausschmeiße.

Vielleicht ist das jetzt die posttraumatische Belastungsstörung? Der Vorfall ist immerhin schon ein paar Monate her. Ich kontaktiere das Krankenhaus. Die alte Psychologin arbeitet nicht mehr dort, die Neue ist nochmal ein ganzes Stück jünger. Ich erzähle ihr von allem und von der Sache mit den Kisten. Sie arbeitet mit mir eine Checkliste ab.

„Haben Sie Schlafstörungen?” Nein.

„Sind Sie in letzter Zeit besonders schreckhaft?” Nein.

„Haben Sie neuerdings Wutanfälle, die Sie früher nicht hatten?” Nein. „Konzentrationsschwierigkeiten?” Nein. Ich verbringe mittlerweile Stunden damit, Kreuzworträtsel und Sudoku zu lösen, während ich auf Kundschaft warte.

„Haben Sie manchmal Erinnerungen an den Vorfall, die Ihnen ganz plötzlich in den Kopf kommen?” Nein. Ich kann mich mittlerweile kaum noch daran erinnern.

„Und sonst ist auch nichts Auffälliges passiert?”  Nein. Nur eben das mit den Kisten. Und dass die Kundschaft ausbleibt und ich das Gefühl habe, kaum mehr Menschen auf der Straße zu sehen, wenn ich mit dem Hund Gassi gehe.

„Wann gehen Sie denn mit Ihrem Hund spazieren?” Meistens morgens früh und abends spät, wenn ich den Kiosk zumache. Selbst am Wochenende ist da nicht mehr viel los. Das war früher ganz anders.

„Vielleicht müssen Sie einfach mal mittags rausgehen, da sind bestimmt mehr Leute auf den Straßen. Oder gehen Sie in ein anderes Viertel, ein bisschen weg aus der Innenstadt. Das tut bestimmt gut, eine neue Perspektive. Vielleicht können Sie ja am Wochenende auch mal wegfahren, mit Ihrer Frau – wie ist eigentlich die Beziehung zu Ihrer Frau? Was sagt die zu den Kisten?” Dass sie ihr zu schwer sind und ich sie selber wegräumen soll.

„Nein, das meine ich nicht. Was sagt sie zu ihrer gesamten Situation im Moment, dass Sie die Kisten nicht wegräumen können, und dass die Kundschaft ausbleibt?”

Nicht so viel. Wir reden nicht so viel.

„War das schon immer so oder reden Sie erst seit Neustem nicht mehr so viel miteinander?”

Das war schon immer so.

Die Psychologin legt die Blätter beiseite und sieht mich an: „Also, Herr M., so wie ich das sehe, haben Sie eine leichte oder vielleicht auch mittelgradige depressive Episode. Keine posttraumatische Belastungsstörung, dafür erfüllen Sie nicht die zutreffenden Kriterien. Ich empfehle Ihnen erstmal, mehr rauszugehen, vielleicht wirklich mal übers Wochenende wegzufahren. Und reden Sie mit ihrer Frau. Darüber, wie es Ihnen geht. Dass Sie es vermissen, unter Menschen zu sein. Und vielleicht können Sie die Kisten ja einfach zu zweit wegräumen. Dann sind sie auch nicht so schwer.”

Ich sage Okay und wir vereinbaren den nächsten Termin.

Als ich das nächste Mal ins Krankenhaus komme, ist kaum jemand auf den Gängen unterwegs. Ich setze mich vor die Tür der Psychologin und warte. Als sie mich eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit immer noch nicht hereingebeten hat, klopfe ich an. Es kommt keine Antwort, ich drücke vorsichtig die Klinke herunter. Der Raum ist abgeschlossen. Ich gehe zur Information und frage die Schwester dort, was hier eigentlich los ist, wo die ganzen Leute sind und warum meine Psychologin nicht da ist. „Wir haben den Betrieb auf dieser Station zurzeit etwas runtergefahren“, sagt sie. „Ist doch auch mal ganz angenehm, finden Sie nicht? Wie heißt denn ihre Therapeutin? Sind Sie sicher, dass der Termin heute war?“.

Ich sage Ja und gebe ihr den Namen der Psychologin. Sie runzelt die Stirn. „Komisch, also, den Namen habe ich noch nie gehört. Sind Sie sicher, dass Sie auf der richtigen Station sind?“ Ja. Sie tippt in ihrem Computer herum, schaut mich dann an. „Also, leider kann ich Ihre Therapeutin hier nicht finden. Kann sein, dass sie kurzfristig gekündigt hat, das kriegt man hier manchmal gar nicht mit. Am besten melden Sie sich mal unter dieser Nummer bei unserer zentralen Terminvergabestelle, da müssten Sie dann eine neue Therapeutin zugeteilt bekommen.“ Sie schiebt mir ein Kärtchen hin, die Nummer ist mit Kuli umkringelt.

Die Bahn ist menschenleer, obwohl es gerade erst vier Uhr nachmittags ist, also eigentlich Feierabendverkehr. Auf den Straßen sind kaum Autos zu sehen. Eigentlich will ich zurück in den Kiosk, aber dann fahre ich doch nachhause. Vielleicht sollte ich wirklich mal mit meiner Frau reden, denke ich, ob sie in letzter Zeit auch so wenige Menschen sieht wie ich.

Die Wohnung ist leer. Ich rufe meine Frau an und sehe sofort, dass sie ihr Handy auf dem Küchentisch liegengelassen hat. Ich warte zwei Stunden, mache Kreuzworträtsel. Dann rufe ich ihre Freundinnen, ihre Schwestern, ihre Cousinen, am Ende sogar ihre Eltern an. Niemand geht dran. Ich hole den Hund aus dem Kiosk und laufe eine Runde um den Block. Ich probiere es noch einmal bei allen Verwandten, keiner nimmt ab. Irgendwann nach Mitternacht rufe ich bei der Polizei an. Die Leitung ist tot. Genauso bei Feuerwehr und Krankenwagen. Ich gehe zum Fenster. Als ich hinausschaue, sehe ich, dass der Häuserblock gegenüber nicht mehr da ist.

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Anna Pia Jordan-Bertinelli

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freiTEXT | Martin Peichl

Gespenster zählen

(erste Postkarte)

Das Unheimliche ist die Wiederkehr des Vertrauten in einer neuen Verkleidung. Jedes Laken verwandelt sich, wenn lange genug nicht gewaschen, in ein Gespenst.

Das Erste, wonach meine Augen beim Einchecken ins Hotel suchen, sind die Notausgänge. Mich fasziniert, mit wie viel Optimismus die Fluchtwege beschrieben sind. Mit wie wenigen Adjektiven die Anweisungen auskommen.

Vielleicht gehörst auch du zu den Menschen, die davon träumen, in einem Hotelzimmer zu sterben, beleuchtet vom kühlen Licht der Minibar, bis dich jemand vom Zimmerservice findet. Das weiß überzogene Bett eine Einladung, eine Bühne für noch nicht erfundene Opferrituale.

Ich ziehe den Vorhang zur Seite, kippe das Fenster. Gespenster radieren an der Gegenwart, machen das Papier, aus dem sie gemacht ist, ganz dünn, indem sie Vergangenes wiederholen. Das nennt man Spuken. Ob die Menschen, die nach mir dieses Zimmer belegen, wissen, dass es sich um einen Tatort handelt?

Direkt unter dem Fenster flackert eine Straßenlaterne, Morsezeichen vielleicht. Welcher Code, wie viele Fingerabdrücke entsperren mittlerweile dein Handy, will ich wissen, und bin mir sicher, dass du nicht rangehen wirst, wenn ich deine Nummer wähle. Mein Name auf deinem Display – das Letzte, mit dem du gerechnet hast, heute Nacht.

Also gehe ich duschen, trage Parfum auf, steige in den Lift, verwandle mich in leichte Beute.

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Martin Peichl

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freiVERS | Syna Saïs

mein weltenbrand

in meine verlassenheit traut sich
keiner hinein / noch nicht einmal zu sehen / und
in mein gedicht traut sich nur ganz selten mal ein
verirrter leser denn dort hagelt es immer ruinen
dort regnet es abgehalfterte silben, dort hügelt es
talwärts ins leere / in mein gedicht traut sich
kein lyrisches du mehr kein kyrillisches я seit jenes eine
dort einen krater der winterdürre hinterliess
und meine verlassenheit einfrostete
wie ein kristall wie das eis wie eine
sehnsucht in kunstharz
aber dann kamst du, hineingefühlt
in den weltenbrand des wiedererwachten
begehrens

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Syna Saïs

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freiTEXT | Ferenc Liebig

abc

am morgen empfängt sie patient a, einen depressiven schriftsteller, der durch eine recherche über viren auf öffentlichen raststätten zum hypochonder geworden ist und nun von angstzuständen geplagt, kaum noch zeit zum arbeiten findet. dabei muss, will er, den großen roman schreiben, eine familie, mehrere generationen, scheitern, krisen, seitensprünge, ein apfelbaum im garten, leichen im keller, er sitzt ihr im sessel gegenüber, schwitzt, schnieft, sucht spucke in seinem trockenen mund, lehnt aber das wasser ab, in dem eine zitronenscheibe schwimmt, blinzelt, kratzt, reibt oberschenkel, blickt unruhig zwischen zimmerpflanze und bild, ein weg zwischen birken, der in einen wald führt, gemalt von einem, der nie in russland war, aber immer nach russland wollte, und sagt, „die medikamente sind wie bukowski nach einer versoffenen nacht auf dem klo, ich brauche andere oder mehr oder beides“, ob sie nicht welche in blau hätte, blau war mal seine lieblingsfarbe, aber dann las er richard ford, seitdem nicht mehr blau, sein blick wandert zur uhr, wieder zu ihr, rutscht ab, er mag ihre rundungen, sie knöpft ihre strickjacke zu, er versteht, das er entlarvt wurde, er spricht von durchfall, von parasiten, er kombiniert seine textfragmente, bis er überzeugt vom parasitärem durchfall ist, da war ein hund, „sie wissen schon, im park, sie notiert, hund im park, was war mit dem hund, na der hund war da, wo, im park“, „und“, „ich war auch im park“, „haben sie sich berührt“, „nein“, der schriftsteller zuckt zusammen, in seinem letzten buch ging es um eine frau, die sich in einen mann verliebt hatte, der dann an krebs gestorben ist, „das muss man sich mal vorstellen“, sagt er, gereizt, „da fängt man an und schon hört es wieder auf, wie soll mal da erst anfangen, wenn man schon weiß, dass es enden wird, ja, enden muss“, sie blickt auf ihr heft, hund im park, mehr steht da nicht, sie könnte aufschreiben, dass er angst vor bindungen hat, aber hat er wirklich angst vor bindungen, „ich bin eher wie arno geiger“, sagt er und sagt, „er wäre momentan lieber nicolas mathieu, aber generell sieht er sich als arno geiger“, er hätte gestern ein ziehen in der brust gespürt, in herznähe, danach ein stechen unter dem bauchnabel, „da sind doch nur därme, oder“, sie hebt die schultern, um sie fallen zu lassen, „und heute morgen, da ist etwas ganz besonderes passiert, eine taube saß auf meinem fensterbrett und ich dachte, das ist ein guter einstieg, jemand wacht auf, sieht eine taube, taube fliegt weg und er beginnt von seinem vater zu erzählen, väter sind wie tauben, mütter wie möwen, und dann ist die taube wirklich weggeflogen und ich fand die idee bescheuert, als hätte die idee nicht einmal vorher gut sein können und auf einmal, herzrasen, atemnot, schwitzige hände, magengrummeln, taube füße, kopfschmerzen, ohrenglühen, durst, blähungen, juckende augen, gliederschmerzen, gedanken an raymond carver, knochen, kot, der körper als verdauungsapparatur, sie wissen schon“, man nickt sich nun zu, der schriftsteller, weil er glaubt, die richtigen worte gefunden zu haben, sie, weil sie glaubt, er bräuchte diese zuversicht.

patient b kommt eine viertelstunde, nachdem patient a den raum verlassen hat, sie lüftet und schaut aus dem fenster, unten steht ein umzugswagen, man räumt aus, kartons, ein halbes sofa, das in luftpolsterfolie verpackt auf eine sackkarre gehievt wird, patient b trägt einen alten pullover und abgenutzte hosen, er sieht wie ein student aus, ist aber kein student mehr, er ist wie ein text von patient a, eine dieser schwurbligen zeilen, ihr fällt sogar eine ein, das dach da drüben ist nass, obwohl die sonne scheint, patient b sagt, er hätte was mit einer frau, die verheiratet ist, und der mann der verheirateten frau hat auch etwas mit einer frau, die nicht seine frau ist und das problem ist, das alle irgendwie parallel mit jemanden zusammen sind, der die frau eines anderen ist oder halt der mann einer anderen, „verstehen sie“, „natürlich“, „und wie soll ich da, das macht doch gar keinen sinn, wenn man am ende“, „was sind sie am ende“, „na“, „was na“, „ich weiß nicht, dann bin ich nur jemand, der eine frau hat, die mit einem anderen schläft und ich selbst schlafe mit einer frau, die auch noch mit einem anderen mann schläft und irgendwie will ich nicht, das alle durcheinander schlafen, ich will“, „was wollen sie“, sie schaut vom block aus, sein ständiges zögern in den sätzen nervt sie, seine schultern hängen, die haut glänzt, er erinnert sie an den sohn einer nachbarin, söhne von nachbarinnen können schrecklich verliebt sein, denkt sie und stellt sich den sohn, wie er bei ihr ein paket abholt und sie nur im bademantel, was für ein klischee, sie muss schmunzeln, patient b missfällt das, „warum grinsen sie“, „ach nichts“, „wie nichts, man ist doch immer“, „was“, „na nur einer von vielen“, „vielleicht muss man einer von vielen sein“, daran hätte er auch schon gedacht und ob er sich einen neuen fernseher holen soll, weil sein alter so eine schlechte auflösung hat, ob sie das nachvollziehen kann, wie man austauscht, wenn es nicht mehr reicht, vielleicht müsste der sohn etwas reparieren, die glühbirne ist kaputt, der wasserhahn tropft, eine schraube sitzt locker, und dann zieht er sein t-shirt aus, sie hofft, dass er sich die achseln rasiert, männer sollten sich die achseln rasieren, und ihre eier auch, eier, was für ein komisches wort, hoden ist aber auch nicht besser, sie schreibt in ihr heft, hoden vs. eier, patient b ist noch immer bei den fernsehern, „da ist etwas besser, ja, größer, neues format, 3-d, was weiß ich, interne festplatte, internet, und dann wird der alte einfach entsorgt“, er will nicht der fernseher sein, „kennen sie ferenc liebig“, „nie gehört, was ist mit dem“, „der hat ein buch geschrieben, über eine frau, die krebs bekommt, ach falsch, die sich verliebt, der mann kriegt krebs, irgendwie so, was ist wenn das bild ausfällt, die lautsprecher nicht mehr funktionieren, was machen sie dann, sie sollten vielleicht mal das buch lesen, es gibt schlimmeres, als ein fernseher zu sein und letztendlich, wer sagt eigentlich, ob das gut ist, wenn wir nur mit einem zusammen sind, der uns möglichweise gar nicht ausfüllt“.

sie legt das heft beiseite, in ihrer pause müsste sie protokollieren, zusammenfassen, bezüge herstellen, hund im park, hoden vs. eier, sie starrt auf den bildschirm, schreibt etwas, löscht es wieder, der nächste patient klingelt, sie öffnet die tür, eine distanzierte begrüßung, schon steht sie im flur, hantiert an ihren verknoteten schnürsenkeln herum, „sie können schon platznehmen“, sagt sie und starrt wieder auf den bildschirm, der nachbarsjunge, drahtig, dunkelhaarig, sie hat ihn noch nie mit einem mädchen gesehen, nur mit seinen halbstarken kumpels und motorrollern, rauchend, in jogginghosen, weiten shirts, basecaps richtend, „ich komme dann gleich nach“, patient c ist schon im zimmer, sie schaut zu den schuhen, der knoten ist noch drin, na komm, sagt sie zu sich, steht auf, läuft über den weichen teppich, ihre füße versinken leicht, sie greift nach dem block und setzt sich, im gegensatz zu patient c blickt sie auf einen sonnenuntergang, die farben verteilen sich auf dem wasser, schimmern, rot, gelb, lila, orange, gold, ein gräuliches blau, zehn, höchstens fünfzehn minuten und die sonne wäre verschwunden, sie mag dieses bild, die grobe struktur, die kräftigen farben, die melancholie, die vielleicht nur sie wahrnimmt, „wie war ihr tag bisher“, fragt sie, „wie die anderen tagen, wie alle tage seit dem tod“, patient c klemmt die nase zwischen daumen und zeigefinger, schnieft, wackelt mit dem handrücken am linken nasenloch und schlägt dann die beine übereinander, viel bewegung in diesem kantigen körper, „ich wünschte einfach, er wäre da, aber er ist nicht da, ich kann nichts mit ihm teilen, das ist frustierend, wenn die einsamkeit sich so äußert, dass man wütend wird“, und in dieser hilflosigkeit wird man zu einem haus ohne dach und die ganze zeit regnet es hinein und die feuchtigkeit frisst sich in die wände, mit einem kopfschütteln sagt sie, sie würde jetzt mit einem mann schlafen, der picasso für ein restaurant hält, „nicht wirklich, oder“, „doch, ich sagte, lass uns doch zu picasso gehen und er fragte, ob das der neue italiener ist und ich antwortete, nein, wenn dann schon spanier und er meinte, das ist doch kein spanier, er habe pizza auf der karte gesehen und dann sagte ich ihm, nicht mi casa, picasso und er sagte, er würde nicht verstehen und ich habe trotzdem oder vielleicht deswegen“, an dieser stelle unterbricht sie, verlangt ein taschentuch und reibt an den nasenlöchern wie vorher mit dem handrücken, sie wisse nicht, wohin das führt, diese selbstaufgabe, aber sie könne sich nicht wehren, immer wieder fragt sie, wieso das ihnen passieren musste, andere dürfen doch auch glücklich alt werden, mehr wollte sie nicht, nur glücklich alt werden, und nun bliebe ihr das verwehrt, wie so vieles andere auch, sie notiert, manches kann man nicht überwinden, selbst dann nicht, wenn man die möglichkeiten dazu hat, sie ist der letzte patient für heute, noch zwanzig minuten, wer weiß, irgendwann betrachtet sie vielleicht die birken.

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Ferenc Liebig

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freiVERS | Florian Kranz

Du hast ein Anagrammgesicht

(Anagramm-Hommage an Unica Zürns „Das ist ein Anagrammgedicht“)

 

Sein Anagrammgedicht haust
im Auge des Grams. Hat nicht an
mir das Schema genagt? In Haut
hat sein Damm echt grausig an
sein Anagramm gedacht, uh! Ist
das Auge im Gesicht? Mann (hart,
grimmig) hastet, denn auch Aas
macht Tigerhaie nass und mag
das Amt. Graue Gischt nahm ein
Gramm Anna. Gut, ich hasste die
Gischt eh. Au, niemand grast am
Haus! Gemacht in dem Anti-Sarg
ist unser Gamma-Gedicht. Ah! An
einem Hang saugt dramatisch
dumm Satans Haar. Geige nicht
im schaumigen Sand. Er hat Tag
um Tag gereimt, sah danach ins
achtseitige Gras und nahm am
Gang uns die Sicht. Er hat Mama
arm gesagt: „Nie hast du an mich
gedacht!“ Hut, iss ein Anagramm!

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Florian Kranz

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freiTEXT | Daniel Vitecek

Polemiken gegen Tiere

Vorrede

Was wir den Tieren vorwerfen ist, dass sie uns gegenüber, ihre Eigenständigkeit nicht bewahrt haben. Wir betrachten sie und sie verwandeln sich in uns. Oder wir betrachten sie, bis wir sie essen.

1. Der Dachs

Der Dachs hat keine einzige liebenswerte Angewohnheit. Zu Mitternacht watschelt er im Mondlicht auf Friedhöfen herum und buddelt Dinge aus. Er wühlt sich Gänge in die Gräber und haust unter den Toten. Wo immer der Dachs auftaucht, entstehen Geschichten über Wiedergänger und Gespenster.

2. Die Hirschkäfer

Hirschkäfer sind Verdreher und Täuscher. Am ärgsten ist ihr Missbrauch der menschlichen Götterlehre. Im Fluge bilden sie absichtlich die Gestalt einer Fee oder gar die des Gottessohnes am Kreuz nach. Wir wissen von eifernden Christen und hoffnungsvollen Esoterikern die vom eigenen Erkennenwollen geblendet, den fliegenden Kruzifixen tief in den Wald hinein folgten. Als sie wiederkamen, verließen sie ihre Gemeinden und Kirchen und sprachen in fremden Zungen. Niemand weiß, zu welchen seltsamen Kulten die Hirschkäfer sie verführten.

3. Das Schwein

Es gibt Menschen, die halten Schweine für sehr gescheit. So mancher Landwirt und so manche Tierrechtlerin haben schon zu tief in die wässrigen Augen eines Schweines geblickt und sich darin selbst erkannt. Manch einer fiel danach einer überbrünstigen Auffassung von geteilter Schicksalsgemeinschaft zum Opfer und weigerte sich, den Schlachthof wieder zu verlassen. Der Nährwert, den die Menschheit dadurch gewinnt, gilt allgemein als größer, als der Schaden, den sie dabei  erleidet.

4. Der Wolf

Der Wolf ist nichts weiter als ein Hund, der zu blöd war, sich uns anzuschließen.
Jetzt wird er ausgerottet. Das hat er nun davon.

5. Der Hund

Das erbärmliche Dasein der Hunde beweist, dass der Mensch die Natur nicht liebt.
Er liebt nur die selbstgeschaffenen Unwesen. Und die Hervorbringungen des menschlichen Geistes sind abartiger, als es die der Welt jemals sein könnten. Durch ihre Vielgestaltigkeit ähneln die Hunde heute eher bösen Träumen als Tieren.

6. Der Elefant

Aus dem östlichen Tansania wird seit Langem berichtet, dass sich Elefantenbullen als Menschen verkleiden, in die Dörfer gehen und dort für ihre eigenen Stoßzähne Gewehre kaufen, um andere Elefantenbullen totzuschießen. Jetzt zeigen DNS-Untersuchungen bei drei kürzlich verhafteten Wilderern, dass diese unzweifelhaft der Art Loxodonta angehören. Da über Rückverwandlungen bei Elefanten noch wenig bekannt ist, werden die drei  Elfenbeinschmuggler ihre mehrjährigen Haftstrafen vorsichtshalber im Elefantengehege des Zoos von Daressalam verbüßen.

7. Der Neandertaler

Ja, ich weiß, kein Tier direkt, sondern ein Vertreter der Gruppe Mensch. Als ob da jemals ein Unterschied gewesen wäre! Nach einer völlig missglückten Anpassung an ein wandelndes Klima schloss der letzte Neandertaler völlig verdient vor 40.000 Jahren einsam und schwermütig seine blitzblauen Augen in irgendeiner europäischen Höhle.
Leider kam es vor seinem Verschwinden immer wieder zu gemeinsamen Höhepunkten zwischen Neandertaler*Innen und Vertreter*Innen der afrikanischen Gruppe Sapiens. Weil wir die Menschen gut kennen, nehmen wir jeweils einen völlig einvernehmlichen Beischlaf mit anschließender gemeinsamer Kinderbetreuung an. Und da wir immer für die Freiheit der Liebe eintreten, können wir den beteiligten Parteien auch keinerlei persönliche Vorwürfe machen! Das Erbe dieser verderblichen Seitensprünge legt sich nun aber wie ein Leichentuch über Europa, trägt doch jeder Europäer vier Prozent Neandertalererbgut in sich. Diese vier Prozent geben die Würze, die unsere Zivilisation seit tausenden von Jahren so außergewöhnlich schmackhaft macht: die Neigung zum lähmenden Trübsinn und zur vorschnellen Selbstaufgabe. [1]

8. Der Esel

Dem Esel gilt unser Mitgefühl. Früher ein wichtiges Mitglied jedes Haushalts, wurde er durch die Automatisierung an den Rand gedrängt. Als marginalisierte Gruppe spukt er heute durch Kinderbücher und lustige Weihnachtsgeschichten und gibt dort, neben Türken, Afrikanern und Frauen, eine traurige Figur ab. Es sind diese Narrative, die Vorurteile gegen den Esel festschreiben und seine soziale Außenseiterrolle perpetuieren. Aber wer, so frage ich euch glühende Gender- und Klima- und Klassenkämpfer*Innen, wer von euch kümmert sich um das Rewriting der unzähligen Dummen-Esel-Geschichten? Verbietet Shrek! Oder setzt wenigstens eine verdammte
Triggerwarnung davor. Ihr unsensiblen Esel!

9. Das Pferd

Kein Tier hat sein Schicksal so sehr verdient wie das Pferd. Über Jahrhunderte williger Vollstrecker bei Krieg, Kolonisation und Völkermord, wurde es von einer höheren Gerechtigkeit in jene Hölle verbannt, die wir Reitklub nennen. Dort werden die Pferde heute von Teufeln in Gestalt von pubertierenden Mädchen mit emotional-instabilen Persönlichkeitsstörungen zu Tode gestriegelt und geritten. Als gnädigere Strafe gilt ihre Umwandlung zu Leberkäse. Trotzdem ist der Gerechtigkeit damit noch lange nicht genüge getan und ich fordere hiermit: Wenn der Türkenschlächter Prinz Eugen endlich von seinem Sockel am Heldenplatz fällt, dann muss auch sein Pferd fallen!

10. Die Ameisen

Ameisen gelten als arbeitssame Kapitalistenschweine. Geht man durch einen Wald, stolpert man allenthalben über ihre Unternehmungen, die rücksichtslos Raubbau an der Umwelt treiben. Allgemein werden sie deshalb auch abgelehnt. Jetzt erfahre ich von Elias Canetti, dass die meisten Ameisen, die meiste Zeit über in ihren Nestern ruhen.
Das öffnet die Tür meines Herzens wieder ein spaltbreit für diese missverstandenen Wesen. Doch dann denke ich: Ist das nicht kennzeichnend für Kapitalistenschweine? In der Öffentlichkeit Geschäftigkeit vortäuschen und dann im eigenen Büro auf der faulen Haut liegen? Hauptsache, das Image stimmt!

[1] Simonti, Corinne N. and Vernot et.al.: The phenotypic legacy of admixture between modern humans and Neandertals, in: Science 351 (2016), 737--741

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Daniel Vitecek

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freiVERS | Nora Hofmann

im naturhistorischen museum

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und der saal 4 legt deine finger in falten
du knüllst an sammelst ein schmiegst dich an
krümmst dich ein (bitte nicht am glas aufstützen)
wühlst dich ein schmiegst dich an aufgeplatztes
an arme / an geröll / an die zeit
die lithogenese greift dir die haut ab

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und der meteorit im saal 5 fühlt sich an wie ein narbengeflecht
an körpern: leuchtendes speist sich in den adergang
bleibt stehen geronnene mundflächen gesichter
schmelzfelder geschlossene augen dich wegstellen
aus der luft räumen als feuerkugel einschlagen lassen
krater in wälder / in straßen ohne einen laut

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und im saal 7 verliest du ein fossil zum altschmerzschupper
der zersetzung übergeben angeschwemmte
irrgärten vom sand umwispert im rückgrat
verschlungenes eng an der zeit getragen
die ammoniten / die belemniten / die seelilien
jahre orte schlaf diverse gründe in stein gestoßen

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Nora Hofmann

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freiTEXT | Nico Haingärtner

Käfig

Das ist jetzt nicht mehr mein Hund, nicht mehr mein Freund, das ist ein Zerrbild. Es fing an, als er nicht mehr schlafen wollte, als er stundenlang durch die Wohnung tappte, als er so lange im Kreis lief, bis er irgendwann vor der Wand stehenblieb und ins Leere starrte. Da ging ich behutsam, ganz langsam zu ihm hin, legte ihm die Hand auf den schweren Kopf, die Hand, die ihn am liebsten gepackt hätte, die Hand, die ganz genau Bescheid wusste um die eigenen schlaflosen Nächte, um das In-die-Matratze-krallen, die sich erinnerte an die kühle Keramik, wenn ich mich, auf das Waschbecken gestützt, übermüdet, überreizt, im Spiegel ansah und dann schnell wieder weg, weil ich den Gedanken, der sich mir da aufdrängte, nicht ertragen wollte.

Einschläfern, sagen die Leute, schläfer ihn doch ein, und dabei bemerken sie nicht, dass ihnen Sand in die Augen gestreut wurde, von den Wortverdrehern, den Beschönigern, denen, die die Wahrheit nicht wahrhaben wollen. Er wird nicht einschlafen, er wird sterben, und darüber möchte ich nicht diskutieren, und ich will auch nicht von meinem Opa sprechen, der tagelang, wochenlang durch seine Wohnung irrte, der mich nicht schlafen ließ, als die Oma im Krankenhaus lag mit ihrem Schlaganfall. Mein Opa, dessen Füße sich bei jedem Auftreten in die Hausschlappen saugten und dann bei jedem Anheben dieses Geräusch machten, dieses fischige, schlammige Krötengeräusch, schmatz schmatz, schmatz schmatz. Mein Opa, der sich bei der Oma am Telefon beschwerte. Über den Hermann. Dass der ja nur schlafe, und was der eigentlich hier zu suchen habe, der Hermann. Der Hermann, das bin ich, obwohl ich gar nicht der Hermann bin, der Hermann war sein Bruder, der an einer Hirnhautentzündung starb, als mein Opa noch ein Kind war.

Und trotzdem sagte da keiner, schläfer ihn doch ein, den Opa. Da wäre keiner drauf gekommen, das zu sagen, vor allem nicht, wenn sie ihn gesehen hätten, spät nachts, als wir zusammen vor dem Fernseher saßen, weil wir beide nicht schlafen konnten. Der Opa, weil die Zeit für ihn keinen Sinn mehr ergab, und ich, weil ich keine Wahl hatte. Denn da lachte der Opa, lachte mit Tränen in den Augen, lachte mit Rotz aus der Nase, sagte, guck, Hermann, guck hin, der Bud Spencer, der haut dem Kerl in die Schnauze, dass es pfeift. Guck doch mal hin, Hermann. Penn nicht bloß rum.

Als ich meine Hand auf seinen schweren Kopf lege, auf den Kopf meines Freundes, da zuckt er zusammen, und im nächsten Augenblick zucke auch ich zusammen und spüre die Zähne und haue ihm eine in die Schnauze, haue ihm in die Schnauze, dass es pfeift. Und im übernächsten Augenblick tut es mir leid. Aber da ist es zu spät, da ist er weg, verschwunden in der Dunkelheit der Wohnung, und als ich vor dem Spiegel stehe und das Blut in das Waschbecken tropft, weiß ich, dass ich mich noch lange daran erinnern werde. Nicht wegen der Narbe, die zurückbleibt, sondern weil ich meinen Freund geschlagen habe. Weil die Zeit für ihn keinen Sinn mehr ergab.

Und ich weiß auch, dass er mir in drei, vier Stunden, wenn ich zur Arbeit muss, wo ich immer nur halb da bin, halb da, halb bei ihm, ihm dabei zusehe, wie er vor der Wand steht, wie er umherirrt und seine Geräusche macht, tapp tapp, Geräusche, die mich wachhalten, stumpfe Krallen auf kaltem Parkett, dass er mir dann überall hin folgen wird. In die Küche, ins Bad. Mit heraushängender Zunge, sodass es aussieht, als würde er lächeln, und dass er dann nicht mehr wissen wird, was passiert ist, dass ich dann immer noch sein Freund sein werde. Aber leichter macht es das nicht.

Leichter macht es das nicht, wenn die anderen sagen, das ist das Alter, und sei doch froh, dass es da einen Ausweg gibt. Sei doch froh, dass du nicht mehr jedes Mal Scheiße aufsammeln musst, wenn du von der Arbeit kommst, und sei doch froh, dass du dir keine Sorgen machen musst, dass dein Parkett aufquillt wegen der Pisse.

Froh sollst du sein. Dass du dich nicht mehr freuen musst, wenn ich von der Arbeit komme, sei froh, dass du dein Futter nicht mehr essen musst, mit wegrutschenden Beinen, weil dir die Kraft fehlt. Sei froh, dass du dich nicht mehr kraulen lassen musst, unter der Schnauze, wo es dir so gut gefällt, und sei froh, dass der kleine weiße Nachbarshund, der noch nicht weiß, wie müde du bist, dich nicht mehr anspringen kann, nicht mehr mit dir spielen kann, während du dastehst, stoisch, gelassen, zu mir aufschaust, mir vertraust. Sei froh. Dass dann alles schwarz ist, alles vorbei, dass dein Leben zu Ende ist, weil ich das so will.

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Nico Haingärtner

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freiVERS | Alexandra Regiert

Pink Ladies

nun steht dir das meer offen
ein unendlicher ozean
betauchbar an der oberfläche
lichtreflektierend wie frischhaltefolie
perlmuttschimmernd
muschelrauschend
deephouse tanzende plastikkorallen
lecken die füße mit rauen zungen

ein meer aus pink-lady-äpfeln
und 3-D-drucker-landschaften
universell bahnbrechend berauschend

haarfarben wie regenbögen
mitte april und namen
die wie karamell auf der zunge zergehen
erfahrene bonbons
die herde klatscht beifall
in der zigarettenpause
wirft plastikblumen
an den strand
bejubelt echtes leben

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Alexandra Regiert

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freiTEXT | Carolina Reichl

Herr Pechmann

Ich beginne und beende meine Stunden auf die Minute genau. Nur mit Herrn Pechmann überziehe ich immer. Er hat einen schönen Mund und eine angenehme, tiefe Stimme, der man gerne zuhört.

„Ich glaube, ich bringe Unglück“, sagt er. „Wenn ich jemanden mag, dann wird die Person schwer krank oder hat einen Unfall und stirbt. Das war bei meinen Eltern so, bei meiner letzten Freundin und bei drei Arbeitskollegen, mit denen ich mich gut verstanden habe. Ich will nicht, dass das wieder passiert. Darum habe ich mich von allen abgekapselt. Manchmal vergehen Monate, ohne dass ich mit jemandem spreche.“ Herr Pechmann beginnt zu weinen. Er ist ungefähr in meinem Alter und ein wenig abgemagert, wodurch seine markanten Wangenknochen schön zur Geltung kommen.

„Ich hätte gerne Freunde. Zumindest einen – aber was, wenn dann wieder etwas Schlimmes passiert?“

Frau Hammer ist meine nächste Patientin. Sie ist Anfang zwanzig und geht in Wahrheit nur in Therapie, weil das gerade alle ihre Freundinnen machen. Sie hat eine nazistische Persönlichkeit, aber keine richtigen Probleme. Sie erzählt mir von Männern, die sie wollen, aber die sie nicht will. Dass sie Wirtschaft nur studiert, weil ihre Eltern das wollen. Dass sie am liebsten nach Bali auswandern und Yogalehrerin werden würde.

Ich lasse sie reden. In Gedanken bin ich bei Herrn Pechmann. Er ist seit sechs Wochen mein Patient. Schritt für Schritt zeigt er mir mehr von seinen Narben und was sich darunter verbirgt.

Würde ich daran glauben, dass es Seelenverwandte gibt, dann wäre Herr Pechmann meiner. Ich verstehe ihn. Auch ich lasse seit Jahren niemanden an mich heran, um nicht enttäuscht zu werden.

„Er macht die Tür nicht zu, wenn er aufs Klo geht. Ich glaube, ich werde mich nicht mehr bei ihm melden“, sagt Frau Hammer. Ich nicke.

Herr Pechmann sagte vorhin, dass Mittwoch der schönste Tag der Woche für ihn ist, weil er da zu mir kommen kann. Er spürt die besondere Verbindung, die zwischen uns ist.

„Es gibt da eine Frau, mit der ich gerne ausgehen würde“, sagt er bei der nächsten Sitzung. „Aber ich trau mich nicht, sie zu fragen.“

Mir wird heiß, ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

„Warum nicht?“

„Vielleicht sagt sie nein.“

„Vielleicht sagt sie auch ja.“

„Ich will nicht zurückgewiesen werden.“

„Ich glaube nicht, dass sie das tun würde.“

„Dann ist es offensichtlich, wen ich meine?“

Ich nicke.

„Und Sie glauben, dass ich bei Mia eine Chance habe?“

Ich sehe ihn irritiert an.

„Ich meine die Patientin nach mir.“

„Frau Hammer?“, frage ich und erschrecke mich selbst über meine schrille Stimme. Er nickt.

„Wir unterhalten uns hin und wieder im Wartezimmer.“

Ich kenne Frau Hammer gut genug, um zu wissen, dass sie sich nicht für ihn interessieren wird. Sie ist viel zu wählerisch.

„Versuchen Sie’s doch einfach.“ Ein gebrochenes Herz ist immer ein guter Gesprächsstoff.

Wir sprechen alles im Detail durch. Zwischen uns gibt es keinen Filter, durch den seine Worte gezogen werden. Er sagt mir gerade aus dem Bauch heraus, was er denkt. Ich bin die Einzige, mit der er so spricht, die Einzige, die sehen kann, wie kaputt er wirklich ist. Mia weiß nichts von seiner Einsamkeit und seinen Verlustängsten. Wüsste sie davon, hätte sie sich nicht mit ihm getroffen.

„Zum Schluss hab ich sie geküsst“, sagt er und blickt daraufhin zu Boden. „Zu mehr war ich nicht bereit.“

Ich atme erleichtert auf, sage, er soll sich nicht unter Druck setzen.

Ich bin mir sicher, dass sie bald das Interesse verlieren wird, so wie sonst auch. Dennoch gebe ich ihm eine Reihe von schlechten Ratschlägen.

„Ich glaube, ich mag ihn“, sagt Mia zwei Wochen später.

„Und es gibt nichts, was Sie an ihm stört?“, frage ich.

Sie schüttelt den Kopf.

„Auch nicht der Altersunterschied?“

„Nein.“

„Und seine introvertierte Art?“

„Nein.“

„Gut“, sage ich. Dann frage ich, wie es auf der Uni läuft. Geht so, sagt sie. Sie hat Stress, weil sie eine wichtige Prüfung nicht bestanden hat.

Ich verschreibe ihr Medikamente mit starken Nebenwirkungen. Dazu gehören Gewichtszunahme und Depression. Niemand mag jemanden, der dick und schlecht gelaunt ist.

Herr Pechmann sagt mir, wie toll ich bin. Ohne mich hätte er sich nie mit Mia getroffen.

Er sagt: „Ich war schon lange nicht mehr so glücklich.“

Und dann: „Ich möchte die Therapie beenden.“

Ich denke: Jetzt dreht er durch.

Ich schnappe nach Luft, strenge mich an, die Fassung zu bewahren. Er ist krank, er weiß nicht, was er sagt.

„Ich kann die Therapie doch beenden, oder?“

Ich merke, wie ich schneller atme. Das ist die Panik, die in mir hochkriecht. Ich blinzle, hoffe, dass er die Tränen in meinen Augen nicht bemerkt.

„Selbstverständlich, Sie sind freiwillig hier.“

Unfassbar, wie schnell man den Verstand verliert, wenn es einem gut geht.

Frau Hammer hat ein wenig zugenommen. Trotzdem ist sie eine junge, hübsche Frau. Sie begreift gar nicht, wie gut es ihr geht. Denn obwohl sie jetzt einfach mit Herrn Pechmann glücklich sein könnte, sagt sie: „Ich fühle mich in letzter Zeit nicht gut.“

Da sage ich: „Ich kann Ihnen nicht mehr helfen. Sie sind seit drei Jahren bei mir und wir machen keine Fortschritte. Es ist besser, Sie suchen sich eine neue Therapeutin.“

Damit hat sie nicht gerechnet.

„Vielleicht brauche ich mehr Medikamente?“

Ich sage, ihre Medikamente wären schon stark genug.

Sie will fragt, was sie hat, Depression, Borderline oder vielleicht noch etwas Schlimmeres.

„Ich weiß es nicht“, sage ich und schicke sie vor die Tür.

Ich wollte nicht, dass es soweit kommt. Aber ganz unfroh bin ich nicht.

Herr Pechmann schluchzt. Ich verstehe nicht alles, was er sagt. Ich höre nur Krankenhaus und zu viele Tabletten. Sie ist nicht gestorben, aber fast.

Ich setze mich neben ihn und lege meine Hand auf seine.

„Haben Sie Mia schon besucht?“

Er schüttelt den Kopf.

„Das ist meine Schuld. Ich halte mich lieber von ihr fern, damit ihr nicht noch was passiert.“

Ich stimme ihm zu. Dann vereinbaren wir die nächste Sitzung.

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Carolina Reichl

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