03 | Barbara Rieger

In Vent

30m unter dem Schnee!, hat die Wirtin am Morgen beim Frühstück gesagt und dass sie nicht verstehe, was die Leute abseits der Piste suchen. 30cm reichen, um zu sterben, hat meine Mutter später am Telefon behauptet und dass sie kommen werde, dass sie mich nicht alleine lassen will, dass sie nicht alleine sein will zu Weihnachten und ich will nicht glauben, dass man so nahe an der Oberfläche ersticken kann, aber andererseits, denke ich, in der Badewanne geht es auch.

Ich gehe vorbei an der großen Tanne, vorbei an Hotels, vorbei an einem Schlepplift, der mit keinem der anderen Lifte verbunden ist und mit dem niemand fährt. Ich gehe den Hang hinauf, den Weg entlang auf gefrorenem Schnee, gehe immer weiter hinein ins Tal. Bis zum Schluss will ich gehen oder zumindest bis zur Hängebrücke. Es ist der Wind, der mir die Tränen in die Augen treibt, nur der Wind.

Über Entscheidungen denke ich nach, während mir das Gesicht einfriert und darüber, dass ich dich haben wollte so wie du mich, darüber, dass man im verliebten Zustand keine Entscheidungen treffen sollte und dass mir die Gemeinplätze nicht mehr weiterhelfen.

Auf der Kuppe des Hanges ein Hund, er läuft bellend auf mich zu, hinter ihm die Frau, ruft ihn zurück, er folgt. Dass er nur spielen will, sagt sie nicht, aber dass er die Leute noch nicht gewohnt sei, dass er zu Beginn der Saison alle Fremden anbelle, bevor er sich dann an sie gewöhne und dass es nicht mehr weit sei bis zur Hängebrücke. Hunde, die bellen, ein weiterer Gemeinplatz in meinem Kopf, denke ich und dass du dich vielleicht an mich gewöhnt hättest, wenn ich andere Entscheidungen, andere Sätze, wenn ich also anders, denke ich und komme fast nicht voran, sinke fast ein, bleibe fast stecken, fühle mich blind.

46m auf die andere Seite, 31m in die Tiefe, denke ich, greife nach dem Geländer, halte mich fest, gehe Schritt für Schritt über den Abgrund. In der Mitte drehe ich mich mit dem Rücken zum Wind, ziehe das Handy aus meiner Tasche und rufe dich an.

Dass du das Unmögliche willst, sagst du, eine Frau, zu der du dich drei Tage lang ins Bett legen und dich geborgen fühlen kannst, eine Frau, die dich nie fragt, wo du an den anderen Tagen gewesen bist. Dass du eines wirklich gut kannst, sagst du, einer Frau zu vermitteln, dass sie die einzige, die beste, die schönste sei, das habe eine Freundin zu dir gesagt, aber das Problem, habe sie gesagt, und ich spüre, dass es erst wenige Stunden her ist, das Problem aber, was wenn die Frau draufkommt, dass sie nicht die einzige und schlimmer noch, was wenn es aufhört.

23m auf die andere Seite, 31m in die Tiefe, denke ich, meine Finger gefroren, gefroren meine Gefühle, und dass ich wegen dir sicher nicht von einer Brücke, in einer Badewanne, natürlich nicht. Ich gehe weiter, der Wind hat sich gedreht.

Der Mann, den ich wegen dir verlassen habe, hat mir das mit dem Wind erklärt, mit der Luft im Alpenvorland und der Luft im Tal, die sich schneller erwärmt und schneller abkühlt, dass aufgrund dieser Temperaturunterschiede der Wind untertags ins Tal hinein und am Abend aus dem Tal hinaus und ich denke, dass es umkehrt sein sollte who's left and who's leaving, dass es doch umgekehrt war, dass immer ich es war, die gegangen ist.

Ich kann das Dorf erahnen in der Dämmerung, das Dorf mit den Häusern, die alle Hotels sind, mit den wenigen Einheimischen und den Fremden, die erst nach Weihnachten kommen werden. Ich denke an letztes Jahr, als mein Mann den Rollstuhl mit meinem Vater zum Christbaum geschoben hat, wie hilflos, wie harmlos mein Vater am Ende, denke ich und dass ich vergessen hatte, meinem Mann etwas zu schenken, dass ich damals alles vergessen hatte. Dass ich nach Hause will und nicht weiß, wo das ist.

Die Straße mündet in die Dorfstraße, wieder stehe ich vor der Tanne, sie ist mit Lichtern geschmückt, über der Straße hängt ein Doppelsessel vom Sessellift, er baumelt hin und her. Im Gastraum des Hotels sitzt meine Mutter, springt auf und umarmt mich.

Der neue Sechser-Sessellift, hat die Wirtin beim Frühstück erzählt, ist secondhand, Kuppel hat er keine. Bis jetzt war er immer gesperrt, der Wind zu stark, doch meine Mutter und ich, wir haben Glück, wir fahren bis nach oben, fahren Ski, Ski fahren haben wir nicht verlernt, Ski fahren können wir, Ski fahren hat uns der Vater beigebracht. In der Hütte rufe ich den Mann an, den ich verlassen habe. Ich wünsche ihm Frohe Weihnachten und sage ihm, dass ich ihn gern habe, sehr gern. Dass ich nach Hause kommen soll, sagt er nicht, aber dass er mich gern hat, sehr gern und Frohe Weihnachten. Es ist der Schmerz in meinen Zehen, der mir die Tränen in die Augen treibt, dieser Schmerz, wenn Gefrorenes auftaut.

Nach dem Weihnachtsmenü, nach fünf Gängen, einer Flasche Wein und zwei Stamperln Schnaps, gehen meine Mutter und ich die Dorfstraße entlang, vor der Tanne bleiben wir stehen. Ich habe ihn, sagt meine Mutter plötzlich, trotz allem immer geliebt und dass es so unvorstellbar sei, dass er nicht mehr da. Ich sehe die Tränen in ihren Augen und nehme sie in die Arme. Eingehängt gehen wir weiter, unter der Sessellifttrasse durch, bis zur Kirche.

Während der Christmette schiebt mir mein Sitznachbar ein Gesangsbuch zu. Als ob ich singen würde, als ob ich jemals singen könnte, ich warte auf das einzige Lied, das ich singen kann, und führe uns nicht in Versuchung, ein Ohrwurm, auch den Text kann ich auswendig, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und als es dann Zeit zur Kommunion ist, stehe ich auf. Meine Mutter flüstert mir zu, und niemand kann so laut flüstern wie meine Mutter: Hast du deine Sünden gebeichtet? Ich nicke und frage mich, ob sie vergessen hat, dass ich längst aus der Kirche ausgetreten bin.

Nach der Mette zünde ich Kerzen an. Eine für meinen toten Vater, eine für dich, eine für meinen Mann. Ich öffne die Kirchentür, der Wind bläst mir entgegen, bläst, denke ich, alle Kerzen aus.

 

Barbara Rieger

 

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freiTEXT | Barbara Rieger

Sachen von mir

Wenn du am Land wohnst, brauchst du ein Auto. Wir borgen uns das Auto deiner Eltern aus, das Auto deines Bruders und, nach seinem Schlaganfall, als er nicht mehr damit fahren kann, das Auto meines Vaters. So lange wir wollen, sagt er.

Wenn wir aufs Land ziehen, muss ich endlich richtig Auto fahren lernen. Das Auto meines Vaters hat Automatik, ich fühle mich sicher, gebe Gas. Nicht so schnell, schreist du, die Straße ist glatt, und ich spüre, wie nervös du bist, wie nervös ich werde.

Das erste, was ich mitgenommen und dort gelassen habe, war ein Wollpulli. Im Haus deiner Eltern habe ich einen Wollpulli gebraucht, im Haus deiner Eltern war es kalt, beheizt nur die Küche mit einem alten Tischherd. Warm nur der Morgen, die gespeicherte Wärme unserer Körper unter dem Tuchent und wie schwer es mir jedes Mal fiel, ihn zurückzuschlagen, aufzustehen.

Wenn du ein Haus baust, musst du früh aufstehen, brauchst du feste Schuhe, die Unebenheiten. Am Anfang gab es überhaupt keine ebenen Flächen, am Anfang war alles voller Bretter und rostiger Nägel, Sperrmüll, Gatsch und Dreck und rundherum die Berge. Später bin ich mit den abgearbeiteten Wanderschuhen mit dir auf einen Gipfel gegangen, habe unsere Namen ins Gipfelbuch geschrieben.

Das erste, was du machst: Du packst alle meine Sachen in das Auto meines Vaters. Du stellst das Auto in die Kurzparkzone vor meiner Wohnung und wirfst mir den Schlüssel ins Postfach. Ich lege einen Parkschein nach, öffne den Kofferraum, trage die Dinge in den Keller, in meine Wohnung.

Mein Snowboard. In den flachen Stücken hast du mich gezogen.

Meine Ski. Zu Weihnachten habe ich meine Ski aus dem Keller meiner Eltern geholt und mitgenommen, zu Weihnachten sind wir zum ersten Mal gemeinsam Ski gefahren, zuerst bist du mir davon, dann habe ich dich überholt.

Die alte Snowboardhose ist so weit, habe ich immer gesagt, dass ich zwei Mal darin Platz habe oder habe ich gesagt: Dass zwei Männer darin Platz haben.

Meine Softboots, eine Skibrille, eine Haube. Ich denke an unser letztes gemeinsames Foto. Wir beide in der Gondel, wir sehen fertig aus, die letzte Fahrt vor Liftschluss. Wir haben die sonnigsten Stunden erwischt, es zieht zu.

Der Wanderrucksack. Der Rucksack war zu schwer, schwerer als deiner, schwerer als der deiner Freunde, schwer, weil ich keine moderne superleichte Wanderausrüstung hatte, so wie ihr. Am Anfang wollte ich umkehren, aber du hast so glücklich ausgesehen, ich wollte dich nicht enttäuschen. Und es gab Momente, da habe ich den Rucksack vergessen, es gab Phasen, da bin ich von Stein zu Stein gesprungen und habe innerlich gesungen, es gab Momente, da hab ich gedacht, ich könnte dir mühelos folgen.

Im Rucksack meine alte Sonnenbrille. Durch die Sonnenbrille sah es immer so aus, als würde die Sonne scheinen, durch die Sonnenbrille haben wir die Berge noch stärker leuchten sehen. Auf der Hütte haben sie reihum meine Sonnenbrille aufgesetzt, du, deine Freunde, alle am Tisch. Ich frage mich, wann das Glas zersprungen ist.

Ein Müllsack mit Gewand. Ich bilde mir ein, dass ich diese Jeans trug, als wir uns kennen gelernt haben, bilde mir ein, dass diese Jeans damals meine Haupthose war. Ich frage mich, warum ich diese Jeans so schnell zur Baustellenhose gemacht habe, denke, dass ich gut aussehen wollte, am Anfang, auch auf der Baustelle.

Eine abgeschnittene Jeans, die man ausschließlich zum Arbeiten am eigenen Grundstück anziehen kann. Eine schwarze Weste, die ich für das Dorfgasthaus schick genug fand. Eine rote Kapuzenjacke mit weißen Farbspritzern. Eine Jacke, die wir im Urlaub gekauft haben. In fünf Jahren haben wir drei Mal Urlaub gemacht. Eine Jeans, die deiner Mutter gehört und Wollhauben, wie viele Wollhauben braucht ein Mensch?

Als wir einziehen konnten, habe ich meine  Shirts in den alten Kasten gelegt, der Kasten, der deinen Großeltern gehört hat und genauso aussieht. Ich sehe sie vor mir, wie sie in ihrem Fach im Kasten liegen, ein Fach darunter die alten Jeans, ein Fach darüber deine Shirts. Ich sehe sie noch immer dort liegen, obwohl dort nun ein Loch sein muss, obwohl du dort bald schon etwas anderes unterbringen wirst. Du hättest meine alten Shirts behalten sollen, denke ich, als Putzfetzen.

An den Ärmeln der Fleece-Jacke klebt Putz, ich habe sie zum arbeiten angezogen und, als es nicht mehr so viel zu arbeiten gab, zum laufen durch den Wald. Ich denke an die Fotos vom letzten Winter, wir beide im Schnee neben dem Bach, wir beide ganz in Schwarz. Nur deine Schuhe leuchten blau und das Stirnband, das meine Mutter dir gestrickt hat. Auf einem Foto stehst du hinter mir, hebst meine Arme in die Höhe. Auf dem nächsten ich auf deinem Rücken, du beugst dich nach vor, ich strecke Arme und Beine zur Seite. Auf dem nächsten hebe ich dich hoch, du lachst, lachst, bevor du fällst, bevor ich dich fallen lasse. Die Fotos, denke ich, hast du nie gesehen. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der ich die Fleece-Jacke wieder anziehen werde, ich sollte sie wegwerfen, aber ich schiebe sie ins oberste Kastenfach, ganz nach hinten.

Mein Arbeitshandschuhe hast du wohl behalten.

Hausschuhe. Das erste, was ich mir gekauft habe, als der Boden verlegt war, als wir einziehen konnten.

Meine alten, löchrigen Laufschuhe. Am Ende habe ich das Auto genommen, bin ins Tal hineingefahren, habe das Auto abgestellt, bin losgelaufen, immer auf die Berge zu, bis zum Talschluss, bis zum Talschluss und dann? Habe ich mich gefragt und lange vor dem Talschluss umgedreht.

Meine Gedanken: ein Tatort. Ich weiß nicht, wann du aufgehört hast, der Hauptverdächtige zu sein.

Deine Gedanken: ein Schutzdamm.

Das Auto, ich muss es umstellen, irgendwo abstellen, ich weiß nicht, wo ich es parken soll, ich weiß nicht, wie ich ohne dich parallel einparken soll, weiß nicht, was ich ohne dich noch kann.

Deine Gefühle: Ich frage mich, ob du die Fliesen von der Wand stemmst, die wir gemeinsam verlegt haben.

Meine Gefühle: Eine Mischmaschine, Fußabdrücke im Beton, ausgesparte Stellen im Verputz.

Das Auto, sagt mein Vater später, kannst du behalten, du brauchst es jetzt, wo du am Land wohnst.

Barbara Rieger

Dieser Text ist auch Teil der erostepost Nr. 57 (März 2019)

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