freiVERS | Manon Hopf

UNTER UNSEREN Atem ein
Ziehen, wir hechten mit
den Bächen ins Moor
dort asten wir
unter den Bäumen liegen
unsere Beine wie
Wurzeln nach einem
Sturm aus den Röcken
gehoben heben wir den Schritt
in die Luft, tragen
am Waldrand das Gesicht
auf den Schenkeln

 

Manon Hopf

 

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freiVERS | Bianca Boer

Vaste grond

Ik zal voor jou de plattegrond van het huis borduren, mama,
in zwarte lijnen. Erover met gekleurde draad een lijsterbes,
goudsbloemen, je forsythia. Laten we niets vergeten, ik schrijf
alles voor je op, ook al zal jij je schamen dat onze vuile was
op de muren staat. Ik zorg voor dekkende verf, blokwitters.

Waarom ben ik altijd bang? Omdat jij altijd bang was voor alles
wat zou kunnen gebeuren. Zo bang als nu heb ik je niet eerder
gezien. Je staart voor je uit, wordt stram, valt stil. In mij een
diep verlangen sokken voor je te breien. Koude voeten blijven
zeuren en hoe meer gedachtes je overhoudt, hoe beter het is.

Er komen al minder mensen langs. Welke stemmen zitten er in
je hoofd? Vriendinnen? Oude buren? Praat je met oma? Zegt ze
tegen je dat je niet bang hoeft te zijn? Het is gewoon het leven.
Ze is nog bij je, zoals jij nog bij mij bent. Ik heb maar een moeder
waar ik nog steeds naar terug kan rennen.

Je bent gestopt me te bellen, je weet niet meer hoe dat moet.
Ik had buikpijn toen ik dat eindelijk begreep. Niemands schuld.
De eerste vaardigheid die je verliest. Ik wil tegen je zeggen dat
het niet erg is. Geeft niets. En dan kijk je me aan alsof je heel
even zag dat ik ook iemand anders was.

Het dorp zingt. We horen het binnen. Jij verschoof de wereld,
mama. Jij versleepte mij, ontroerde mij, jij leerde me de dagen,
ik besta uit regels, wij zijn poezie, ik heb je nodig. Het is wel erg
natuurlijk. Zo bedoel ik het niet. Het is het ergste. Ook al ben ik
nu zelf moeder, dat wil niet zeggen dat ik hier klaar voor ben.

Koffiezetten kun je wel, dus ga ik op bezoek in het huis dat ik
borduur. De stoelen aanraken, mijn voeten in je sloffen steken,
merken dat de vloer onder de tafel is verschoven. Wie dacht je
dat ik was? Iemand dichtbij, niet zomaar iemand, maar toch?
Lichamen herinneren zich alles. Welk jaar is het nu?

Ik ben bang voor oranje zeewater. Bang voor de lange termijn.
Bang dat je anthurium doodgaat. Ik ken iemand die tien soorten
zwart onderscheiden kan en daarover een uitlegvel maakte. Daar
heb ik behoefte aan. We zijn niet meer wie we gisteren waren,
geen mens leeft terug.

Borduren levert inzichten op. Het gaat zo langzaam als het gaat.
Vooruit werken heeft geen zin. Je kunt nog tellen, help me dan.
Borduren is hier zijn. Jij houdt niet van handwerken, je weet niet
van wie ik dat heb, niet van jou, zeg je. Papa zegt dat je nog
gehaktballen braadt.

Stel je voor dat er mensen zijn die dit lezen. Ik zal tegen ze zeggen
dat dit een liefdesgedicht is. De muren staan. Ik ben al bijna bij je.
Ik borduur nog wat vogels en verlang ernaar de straat op te gaan,
met een stok langs het hek te ratelen. Een gedicht te worden. We
moeten het over afscheid hebben. Afscheid heeft warme handen.

 

Bianca Boer

 

Fester Boden

Ich werde den Grundriss des Hauses für dich sticken, Mama,
in schwarzen Linien. Darüber mit farbigem Faden, eine Vogelbeere,
Ringelblumen, deine Forsythie. Lass uns nichts vergessen, ich schreibe
alles für dich auf, auch wenn du dich schämen wirst für unsere
schmutzige Wasche. Ich sorge für deckende Farbe, Flächenstreicher.

Warum habe ich immer Angst? Weil du immer Angst hattest vor allem,
was passieren konnte. So verängstigt wie jetzt habe ich dich nie zuvor
gesehen. Du starrst vor dich hin, wirst steif, schweigst. In mir ein
tiefes Verlangen, Socken für dich zu stricken. Kalte Füße quälen ständig
und je mehr Gedanken du übrig hältst, desto besser ist es.

Es kommen schon weniger Leute vorbei. Welche Stimmen sind
in deinem Kopf? Freundinnen? Alte Nachbarn? Sprichst du mit Oma?
Sie sagt zu dir, dass du keine Angst haben musst? Es ist nur das Leben.
Sie ist immer noch bei dir, so wie du bei mir bist. Ich habe nur eine
Mutter, zu der ich immer noch zurückrennen kann.

Du hast aufgehört, mich anzurufen, du weist nicht mehr, wie das geht.
Ich hatte Bauchschmerzen, als ich das endlich verstand. Niemand ist
schuld. Die erste Fertigkeit, die du verlierst. Ich will dir sagen,
dass es nicht schlimm ist. Macht nichts. Und dann guckst du mich an,
als hattest du ganz kurz gesehen, dass ich auch jemand anderes war.

Das Dorf singt. Wir hören es drinnen. Du hast die Welt verändert,
Mama. Du hast mich geschleppt, mich bewegt, mir die Tage gelehrt.
Ich bestehe aus Regeln, wir sind Poesie, ich brauche dich. Das ist sehr
schlimm natürlich. So meine ich das nicht. Es ist das Schlimmste.
Obwohl ich selbst Mutter bin, heißt das nicht, dass ich dazu bereit bin.

Kaffee kochen kannst Du, also gehe ich zu Besuch in das Haus, das
ich sticke. Die Stühle berühren, die Füße in deine Pantoffeln stecken,
merken, dass der Boden unter dem Tisch verschoben ist. Wer, dachtest
du, bin ich? Jemand Nahestehendes, nicht irgendwer, oder doch?
Die Körper erinnern sich an alles. Welches Jahr ist es jetzt?

Ich habe Angst vor orangenem Seewasser. Angst vor dem langen
Termin. Angst, dass dein Anthurium stirbt. Ich kenne jemanden, der
zehn Arten Schwarz unterscheiden kann und ein Merkblatt darüber
gemacht hat. Das brauche ich. Wir sind nicht mehr, wer wir gestern
waren, kein Mensch lebt rückwärts.

Sticken liefert Einblicke. Es geht so langsam, wie es geht.
Vorausarbeiten macht keinen Sinn. Du kannst noch zahlen, also hilf
mir. Stickerei ist hier sein. Du magst keine Handarbeiten, du weist
nicht, von wem ich das hab, nicht von dir, sagst du. Papa sagt, dass
du noch Frikadellen brätst.

Stell dir vor, dass es Leute gibt, die das lesen. Ich werde ihnen sagen,
dass dies ein Liebesgedicht ist. Die Wände stehen. Ich bin fast bei dir.
Ich sticke noch einige Vogel und sehne mich danach, auf die Straße zu
gehen, mit einem Stock den Zaun entlang zu rasseln. Ein Gedicht zu
werden. Wir müssen über Abschied reden, Abschied hat warme Hände.

 

Aus dem Niederländischen von Matthias Engels

 

Aus dem Buch ‚All over Heimat‘ (Hg. von Matthias Engels, Thomas Kade, Thorsten Trelenberg; stories & friends 2019) - Leseprobe

 

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freiVERS | Fabian Lenthe

Hier muss es nicht enden
Sagte sie

Und damit hatte sie Recht
Seit Jahren hatte ich keinen wahreren Satz gehört

Du könntest noch etwas bleiben
Fiel ihr ein

Oder wir verschwinden zusammen
Entgegnete ich

Du wolltest doch schon immer von hier weg
Lass uns einmal sehen wie weit wir kommen

Und wenn uns das Leben erwischt
Flüsterte sie
Dann stellen wir uns einfach tot

 

Gewidmet an Vera Freytag

Fabian Lenthe

 

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freiVERS | Elmar Mayer-Baldasseroni

maturiert

du sprichst druckreif
er schreibt geschlechtsreif
es glänzt morgenreif
ihr flennt filmreif
autonomie war morgen
denn deine mama weiß
wo´s langgeht.

 

Elmar Mayer-Baldasseroni

 

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freiVERS | Sebastian Raho

tiefkühllasagne

wir alle wissen, wo romantik zum sterben hingeht;
alltag weiß zu gut, wie man nackt aussieht.
meine frau frühstückt heute tiefkühllasagne.
liebe ist ein fangfrage;
die dummen und ungetauften warten gemeinsam
auf große erscheinung
und bekommen dafür     sowjetrepubliken. mir reicht lasagne
sie bringt lasagne und nicken bis mittag im bett
und hören die leisen füße der schönheit panthern
er darf berühren und singen und leichtes halten
tiefkühllasagne essen, während die gourmets an gott rumkauen.

 

Sebastian Raho

 

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freiVERS | Lütfiye Güzel

Die Kameraeinstellung:
Alles bergab.
Das Trauerspiel:
Nächte ohne Entschluss,
ohne Erkennungszeichen.
Schwarzer Regenbogen mit Wut
in dreitausend Variationen,
eine schmerzhafter als die andere.
Das Jahr ist dreißig Sekunden alt
und ich habe jetzt schon Mühe.
Der Klodeckel mit Absenkautomatik
im bürgerlichen Graben aus
Brillenetuis und Nackenkissen
schlägt zu. Keine Gagspiele mehr.
Keine Spiele.

 

Lütfiye Güzel

 

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freiVERS | Maximilian Scheffold

es wird um ordnung gebeten. psalm.

bitte die sicherheitsbestimmungen befolgen.
nicht den rechten weg verlassen.
ich werde arbeitsschuhe benützen.
falsche gedanken sind fehlzündungen sind gefährlich.
ich werde einen schutzhelm benützen.
mundschutz ist unabdingbar für mundhygiene.
ich werde gerechte sprache benützen.
ihre meinung ist gefragt.
nehmen sie nichts mit.
wie auch wir am jeweiligen tag in alter tradition uns üben.
bitte anrufen.
einige kabel sind durchgeschlagen.
rufen sie bitte jetzt ihre gottheit an.
der mensch ist dem menschen mangel.
ihre meinung scheint gefragt.
leihmaschinen und zubehör sie sind beste kost für besten geschmack.
greifen sie zu.
ihre meinung scheint abgekommen zu sein.
nicht vom weg abkommen.
einübung in die mitte.
die arbeitsschuhe sind stets rein zu halten.
arbeit in die leere.
der geschmack ist stets zu putzen.
wir stehen für die hohe qualität des materials der beratung.
ihre meinung scheint uns zu gehören.
deine vision ist unsere lösung.
wir bitten dich erhöre uns.
ich werde eure gottheit benützen.
werbung mit allem was sie schätzen.
menschlich verständlich und praxisorientiert.
wir stehen für die hohe qualität der beratung durch werbung.
fehlzündungen erzeugen differenz.
ihre sprache scheint unsere meinung zu sein.
mundhygiene ist unabdingbar für den rechten weg.
ich habe an dem betrug mit teil.
es ist nur wichtig was wahr ist.
ich habe den betrug mit meiner sprache bezahlt.
die geschichte kann so oder auch anders erzählt werden.
ich weiß nicht wo mir der kopf steht.
wenn der haussegen schief hängt soll angemessenes werkzeug benützt werden.
wir stehen für die hohe qualität von leihmaschinen und zubehör.
ich werde gerechte gedanken benützen.
anarchie in schönster formstrenge folgt dem sturz in den abgrund der gleichheit.
deine kollaboration ist unsere lösung.
wir führen dich vertraue uns.
ich danke für die erfindung des verfahrens.
wie auch wir danken für die geschichte von der wahrheit.
stille wasser sind dreckig und brackig und kein fluss ist mehr möglich.
ich werde vielleicht meine augen benützen.
warnung lassen sie sich nicht durch das böse auge vom verkehrsgeschehen ablenken.
ich werde vielleicht meinen mund benützen.
ungerechtes sprechen schädigt zähne und zahnfleisch.
ich werde vielleicht mein denken benützen.
du hast probleme mensch.
das muster ist das muster.
du hast ein trauma mensch.
tiefe und oberfläche sind zugleich wahr.
da vor dem inneren auge liegt ein trauma mensch.
wir stehen für die hohe qualität der funktionellen formperfektion.
wert entwickelt sich im eigenen recht für sich.
beste werbung für besten geschmack.
die gesellschaft ist der gesellschaft hingeflüstert.
ich will die kraft benützen.
durch zerstörung steigt der wert.
ich will von dir die kraft benützen.
denken kann bei übermäßigem verzehr abführend wirken.
ich will die kraft die dir gehört benützen.
gesundheit beginnt im darm.
denn dein ist die kraft nicht länger mehr.
lachen ist sprengstoff ist sprengung.
ich werde die welt retten.
ja du wirst die welt retten.
wir sind heute für sie dienstbereit
denn wir stehen für die hohe qualität unserer beratung durch unsere gottheit.
ich werde aufrüsten in wirkmacht.
lachen ist anarchie in schönster formsprengung.
wie auch wir werden die ernsthaftigkeit pflegen mensch.
ich werde aus allen kriterien fallen.
die gesellschaft ist deutungsbedürftig wir haben einen formvorschlag.
wenn verständlich vorbehaltslose akzeptanz zur vermeidung.
ich werde meinen verstand sprengen.
das wesen ist nicht vom himmel gefallen.
ihre lösung ist unsere vision.
wir sprechen dich befolge uns.
ihr lachen scheint unsere sprache zu sein.
ich werde im kopf zu machen.
bitte anrufen ihre meinung interessiert uns.
einübung in die leere mitte ist traditionsarbeit auf und auf.
unsere gottheit ist ihre lösung.
wir zwingen dich gehöre uns.
der erbmangel ist dem menschen universum.
lassen sie uns ihn für sie ausbügeln.
der erste mangel ist lachen.
ich will ein lachen zünden.
ihre sprache scheint unser lachen zu sein.
bitte jetzt lächeln.

 

Maximilian Scheffold

 

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freiVERS | Andra Schwarz

Zeig deine zunge die wurzel des sprechens україна
zweige & äste ranken aus einer kehle an der grenze
zum wilden feld schwarze erde auch deine stimme
das ж an den anfängen & enden und in der mitte
о боже! wer teilt diese stränge einer sprache wie
ein schnitt durch die kehle das keuchen der lunge
am rande granaten brennen löcher in den magen
der steppe ziehen feuer & rauch durch die lenden
zu den hölzern zwischen kiefern auch birken ihr
knacken wer spaltet die stämme sie brechen aus
der höhle die wurzel des sprechens in den längst
gerodeten wäldern die niemand mehr kennt

 

Andra Schwarz

 

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freiVERS | Sigune Schnabel

Heute trägt der Tag Türkis

und legt mir Muscheln zwischen die Zehen.
Wir graben uns bis zum Hals
in den Sand.
Unser Kopf sprießt
in blauem Hut
aus dem Boden.

Mutter rankt sich
an Kettensätzen durch das Jahr,
sucht Halt,
wird jeden Sommer größer.

Du reichst meinen Worten
eine Räuberleiter.
Jetzt sitzen sie in den Pinien,
blicken auf alles herab.

Sigune Schnabel

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freiVERS | Lars Weylthaar

#12

Ich schreib Dir eine Nachricht
& streich das meiste raus

Bild Dir nichts ein auf
Die Arbeit, die ich
Mir mache

Es ist nicht Deinetwegen
Sondern aus Prinzip

 

#15

Mein Vater sagte stets
Ich mache nur Unsinn

Liebevoll verschwieg er
Dass ich auch daran scheiterte

Lars Weylthaar

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