freiVERS | Walter L. Buder

hüten

in zaunloser weite
wie ausgesetzt aber nicht rastlos
im horizont der schöpfung
boden gewinnen

schreitend im takt zeitloser
unrast wie wankend aber nicht
ruhelos im lichtkreis des stabes
seelen nähren

und bergen. und schützen. und sorgen.
neugeborenes im unterholz, verstecktes
retten und heilen, vielleicht. immer
aber gefährlich entschieden und
einfach sein

den träumen ein auge
den leiden ein herz
den mächten ein widerfahrnis

widerstehen. und hüten. das
offene geheimnis

.

Walter L. Buder

.

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Sascha Kokot

heute wird es nicht mehr hell
kurz war nur der Mond zu sehen
bevor sich der Himmel fest
über der Esse verschloss
die Farbe von Januargewittern annahm
die Jungs brennen ihr letztes Feuerwerk ab
im Nachhall wird dir kälter
du siehst den Schnee kommen
weißt aber der Sturm wird dich nur streifen
weit hinter den Gärten stumm wüten
die Angst in dir hat sich schon lange
ihren Platz gesucht und schläft dort ruhig
lässt dich unbewacht
nach den schmerzenden Stellen greifen
dich leise ihre Maße nehmen

.

Sascha Kokot

.

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Steffen M. Diebold

anglerglück

den tag
vom haken lassen

das herz
auswerfen

auch mal in trüben
teichen fischen.

.

Steffen M. Diebold

.

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

23 | Sarah Claire Wray

c scham

ich war und bin und werde immer sein
durch arbeit definiert

schaffe schaffe häusle baue

nur wer leistet,
ist
ein guter mensch ein lieber mensch
ein mensch der von anderen gelobt wird

doch jetzt ist alle leistung still gedreht.

und ich ich bin

.

Sarah Claire Wray

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at

20 | Sarah Rinderer

heimat

ich sammle aushöhlungen
unter den fingerkuppen

lavasteine
feinkörnig
der stille nach
aufs fensterbrett gelegt

vertiefungen
blassviolett bis anthrazit
erinnerungen ans flüssig-sein
nie ganz schwarz

am flughafen
zäher strom
heimreisende glasig
und mit zu schwerem gepäck
die alle am selben ort
ihre gesammelten steine
zurücklassen

.

Sarah Rinderer

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at

 

 

 

 

 

 

 


19 | Walter L. Buder

die drei

1

am siebten morgen
stille und licht im tagwind
des nachts klopft ein herz

2

hell schlägt die glocke
handlauf im steilhang ihr ton
dicht an der zeit

3

leuchtendes warten:
zittergras und schachtelhalm
singen im schatten

.

Walter L. Buder

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at

17 | Andro Robica

Mobiteli                            

Mobiteli su stvarno najveće sranje

Pod jedan oni ponekad ne funkcioniraju
Pod dva oni smrde po govnima kad su pali u govna
Pod tri ne može s njima telefonirati kad ne više funkcioniraju jer su pali u govna

Ostatak dana
sjedi onda
neodlučno u sobi
bez znanja
što činiti

.

Mobiltelefone

Mobiltelefone sind wirklich die größte Scheiße

Erstens funktionieren sie manchmal nicht
Zweitens riechen sie nach Scheiße, wenn sie in die Scheiße gefallen sind
Drittens kann man nicht mit ihnen telefonieren, wenn sie nicht mehr funktionieren, weil sie in die Scheiße gefallen sind

Den Rest des Tages
sitzt man dann
ratlos im Zimmer
ohne zu wissen
was man tun soll

.

Andro Robica

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at

15 | blume (michael johann bauer)

placebo=effekt

an manchen tagen findet der streit kein ende
ihr akkumuliert stress ohne sinnvolles ventil
fuehrt beinahe jede begegnung zur explosion
eurer unter der haut abgelagerten miniminen
keine letalen folgen & dennoch zermuerbend
die regelmaeszigkeit mangels fluchtraum esc-
taste die man einfach mal schnell betaetigen
koennte seid ihr euch ja absolut ausgeliefert
zu dritt in dieser viel zu winzigen wohnung
& vor lauter auf & ab & hin & her vergesst
ihr in diesem jahr sogar nikolaus zu feiern
waehrend weihnachten stur naeherrueckt
peinigen euch ploetzlich gewissensbisse
& ihr blickt euch endlich wieder richtig
an mit zuneigung liebkost euch & lacht
ueber die borniertheit in euren herzen
macht sich eine wohlige waerme breit

.

blume (michael johann bauer)

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at

14 | K.E. Muetze

Fleischwolf

 

1

In der Millimeterschlucht
die zwischen Abend liegt und Morgen
da schießt und schweigt der Pilz
da ruft die Unke, heult der Kauz
da steht und träumt ein Alter
ein Alter ohne Ego, ein Zwerg, sagt man
der dreht am Rad der Wortmaschine
als wärs das Weltenrad

 

2

Sie mahlt, so hört man, Kauz und Unke
zu einem Brei aus Blut und Federn
den formt der Zwerg zu Versen
und hält die dann am Spieß ins Feuer
und wenn sie kross sind, steht er auf
und liest sie lauthals vor

 

3

Doch hört man auch: dass die Maschine
mit dem Rad ihm Laub und Äste häckselt
zu einem Stückwerk, das er dann
auf Sand und Häute schreibt: behutsam so
dass all die Pfade und Verstecke bleiben
fürs Getier, das in den Schluchten haust:
zwischen Abend Morgen
zwischen Leere Fülle
zwischen Wort und Wort

.

K.E. Muetze

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at

13 | Harald Kappel

Sternsinger

 

am Montag
kommt niemals die Post
ich streichle einen Hund
begrabe
die Arbeit in der Tasche
berühre einen Baum

im Badezimmer
putzen sich Sternsinger
die Zähne
zauberhaft
beraubt mich ein Brief
meiner Sprache

ich blättere in deinem Leib
suche falsche Komplimente
die Zitzen sind ausgetrocknet
eine Libelle fliegt
durchs Nadelöhr
mein Verstehen ist verschüttet

am Montag
kommt der Milchbote
ich begrabe den Hund
streichle die Arbeit
berühre mich selbst
niemals
das ist alles

.

Harald Kappel

.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

advent.mosaikzeitschrift.at