freiVERS | Dagmar Falarzik

Grasland. Ein Wasserturm dahinten
und Häuser drumherum, wie ein Kranz.
Der ewige Wind, Staub in der Luft,
kein Mensch weit und breit.

Abends wenn das Grasland leuchtet,
der Wind sich legt und die Hitze sinkt,
hört man manchmal Gesang
und nachts heulen die Coyoten.

 

Es weltet, sagt Herr Heidegger.
Das sind sie Wirks, sagt Herr Dürr.
Vergiss alles drumherum, sagt Herr Husserl.

Die Weissen quatschen zu viel,
denkt der Indianer und schweigt.
Er fährt den Philosophen in die Prairie raus
und lässt ihn da ohne Nahrung und Wasser
vier Tage lang stehen.

 

Völlig hineingerutscht, von der Vorstellung absorbiert,
ist die Realität auf ein Minimum reduziert,
während eine Parallelwelt den Raum überlagert.

Nachdem sich auch die Parallelwelt aufgelöst hat,
bleibt nur noch Bewegung, die sich durch abstrakte,
optische Ungewissheiten auszeichnet.

Dagmar Falarzik

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

 


freiVERS | Miriam V. Lesch

Spontandichtung

#59

Ausgehöhlt
ich existiere noch
an den
Rändern
jeder will mich
unbedingt
füllen nur
womit
so viel Gleichzeitigkeit
kann nichts
Sein.

 

#58

Du lässt warten
das ist nicht neu und
fancy
diese Jacke so
was konnt ich schon mit
fünfzehn
nicht
cool sein hab
Schnaps gekippt ja
richtig
es fehlt mir
wie beim ersten Mal
an Geduld
für deinen Lifestyle
das du
mich magst
Glaub’s doch selber.

Miriam V. Lesch

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Thomas Ballhausen

Versuch über das Rauschen

„Veränderung durch Wörter ist Dichtung.“
Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2

Das Rauschen kann in seinem Naturzustand nicht beobachtet oder beschrieben werden, die Sprache geht ihm voraus.

Für das Rauschen gibt es keine Erklärungen oder Gebrauchsanweisungen, bloß warnende Empfehlungen hinsichtlich Verhaltensweisen, Ausbreitungsgrad und Formen der Übertragung.

Im Rauschen findet sich etwa ein Hundertstel eines länger zurückliegenden sehr lauten Beginns.

Rauschen und Raum stehen in einer schwierigen Beziehung. Das Rauschen findet deshalb vor allem zwischen Zeilen und in Pausen statt.

Rauschen kennt keine Handlungen oder Absichten, es löst sie aber wie beiläufig aus.

Es ist nicht ratsam, das Rauschen zu verdünnen.

Das Rauschen hat keine Farbe. Gerüchten nach ist es vielleicht weiß.

Es gibt bislang keine vollständige Auflistung der im Rauschen enthaltenen Allergene. Das Rauschen kann Spuren von Nüssen, Spänen und Dornen enthalten.

Das Rauschen ist nicht geeignet, um Katzen zu trocknen.

Je nach Dosierung können alle Sinne vom Rauschen kurzfristig beeinträchtigt oder auch dauerhaft verändert werden.

Man kann natürlich versuchen das Rauschen zu imitieren, aber bestenfalls wird man es ein wenig nachahmen. Alle bislang unternommenen Versuche waren lächerlich.

Vom Rauschen muss man sich erfassen und eine Zeit lang tragen lassen.

Das Rauschen ist keine Entschuldigung für irgendetwas. Vielleicht gibt es hin und wieder eine schlechte Erklärung ab.

Das Rauschen kennt keine Wehmut für das Ende des vergangenen Jahrhunderts. Das Rauschen kennt nur Immer und Überall.

Das Rauschen ist Gegenwart und Wirklichkeit.

 

Thomas Ballhausen

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Manon Hopf

wir haben noch den Schwindel einer Reise in den Beinen als wir schon im Feld stehen, aus dem tiefen Wein Erinnerungen ziehen die noch nachts in unsren Hosen halten, wüste Klettenköpfe sind am Schienbein, in den Kniekehlen ein Ziehen, Beugenwollen, wir sind groß geworden auf den Wegen senken wir die Blicke, suchen unsre Erde, unsre Gräser zwischen Kieselsteinen, Schotter, die Augen, die den Händen näher waren, jetzt ein Kopfumblicken sind, ein Sehen ohne Hand und Fuß, die Landschaft einsortierend, Nutzen, Schönheit die ein Nutzen ist der malträtierten Seelen, sie lassen sich scheuchen vom einsilbigen Kirchturmläuten durch die dünnen Gassen wächst ein Holzgeruch, im Ofen liegt die Ruhe einer schwarzen Nacht, die mit uns in dicken Jacken auf der Dachterasse sitzt, sich nach dem weißen Rücken streckt des greisen Mont Ventoux

Manon Hopf

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

 


freiVERS | Katie Grosser

Herbstgefühle

Die Regentropfen prasseln mit Wucht ans Fensterglas
Doch drinnen wohlig‘ Wärme beschützend mich umhüllt
Das Prasseln bringt Gefühle, die ich nur kurz vergaß

Gefühle, die mich tragen hinaus aufs weite Feld
Wo letzte Sonnenstrahlen mit ihrem golden Licht
Behutsam mich begleiten, voll stiller, sanfter Ruh‘
Und Vögel leise singen im Einklang mit der Welt

Gefühle, die der Winde gar rastlos rasend bringt
Er bunte Blätter wirbelt – ein farbenfrohes Fest –
Mit luftig weichen Fingern er zärtlich Wangen streicht
Und nussig pralle Düfte er trägt ins Land hinaus
Mein Herz, es pocht dann höher und freuderquickt es singt

Gefühle, die den Anfang vom End‘ versprechen mir
Denn nun am Jahresende ich kehre still hinein
An jedem langen Abend ich endlich habe Zeit
Für Dankbarkeit und Ruhe, bin voll von leisem Glück
Ein warmes Licht mich füllet ganz sanft von innen aus
Im Herbst ich kann genießen allein das Jetzt und Hier

Katie Grosser

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Sergej Tenjatnikow

Zebra

frisch erlegtes Zebra
liegt
auf dem Asphalt –
herrenlos.
(hier enden die Verse.)
wenn du darüber schreitest,
mach dich nicht schmutzig
mit seinem weißen Blut.
hinterlasse keine Spuren
den Fußgängerjägern.

Sergej Tenjatnikow

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Niklas Cron

trockene tage

und wieder flimmert die hitze durch den tag
schlieren verheddert zwischen zweigen
knarrender kiefern
ihre nadeln braune borsten
die sich im blick der sonne kräuseln
knisternd im wind bis sie brechen
und staubig zu boden sinken
auch dem wind geht bald die puste aus
sein atem hechelt durchs geäst
verwirrt gehetzt dem kollaps nahe
spröde die erde die ihr umbra
in tiefen rissen trägt
gefurcht und schmerzverzerrt
welk wedeln die gräser ihre grauen halme
ertrunken im lodernden licht

Niklas Cron

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Marianna Lanz

teich

das haus bröckelt
die fassaden
alles kracht und
fällt

dafür sieht man
den mond wieder
der über den
trümmern steht

gar nicht so fern
liegt er und rollt
in den teich

Marianna Lanz

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

 


freiVERS | Dennis Hannemann

Sommerimpressionen

i.

Ein Strom verzweigt auf den Feldern,
ein Rettungsboot kurz vorm Kentern,
Wachen und Helfer, Zelte mobil
in Kunststoffwelten versetzt, zu wenig
Rasierzeug und Stoff, die Fremden schöpfen
empfangen zu keiner Zeit.

ii.

Verlieren Angst auf-
marschiert plakatiert
Wände und Zäune
Baracken glühen.

iii.

Der Eurocity
hinauf zum Brenner,
er sitzt im selben Abteil,
namenlos no identity,
er trägt einen Skateschuh,
er hat kein Gepäck, er läuft weg
am Bahnsteig ankunftslos.

iv.

Sand und Hitze alpenwärts
treffen Hölzer spenden
Schatten der Erinnerung
nichts dergleichen schwindet
in spröden Zeiten zutiefst.

Dennis Hannemann

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

 


freiVERS | Enno Ahrens

Q

die schwarzgezogene wurzel
aus 25 steigt auf am geistigen
horizont ein neues gestirn an
meinem knallerbsenstrauch

man muss nur tief genug
graben die engerlinge über
die klinge des spatens
springen lassen dann
erweisen sie sich sehr
flexibel als quastenflosser
vielleicht oder als
reu-selige quecke

so finden scharrende
hühner ihren gott
eventuell den allseits
begrabenen hund

Enno Ahrens

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>