21 | Alexander Rall

Antiquariat Unverzagt

Die Deutlichkeit mit denen der Staub
zwischen den Buchdeckeln qualmte

Wo finde ich, fragte ein Kunde
fantastische Literatur

Ich fühlte mich auf meinem Stuhl
wie plötzlich gezeichnet
die anderen Stühle begannen zu scharren
Blätter rätselten leise

In dem späten Abendhimmel dort
in dem Buch zwischen den schwarz-weiß
glühenden Feldern

Alexander Rall

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen:

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20 | Lütfiye Güzel

Wieder

Vortrieb. Auftrieb. Widerstand. Schwerkraft.
Ich sehe durch das Fenster. Meine Beine über Kreuz.
Das Herz nicht mehr zu retten.
Eine mittelgroße Tasche ordentlich im Gepäckfach verstaut.
Die Fensterklappe offen.
Beim Start. Bei der Landung.
Ein schneller Überblick.
Von außen. Von innen. Nur weg hier.
Nichts mehr aufräumen. Nichts mehr reparieren.
Die Wespen auf dem Mohnbrötchen beobachten.
Ganz normal „Guten Tag!“ sagen mit
fester Stimme und dabei innerlich
zerrüttet. Nicht nur angeschlagen.
Ausgehebelt.
Für immer und drei Stunden.
Heiße Tränen bei der Mittagsmeditation,
so unter dem Etagenbett, leise, allein.
Halb Mensch, halb Käsestange.
„Escritora“ steht da neben der Tastatur.
Meine Botschaft ist keine.
Kein Platz mehr für Sentimentalitäten.
Die Lage zu ernst. Das „Ich“ ist vorbei.
Alle fahren Panzer.
Den Vögeln Brotstücke auf die
Fensterbank legen.
Manchmal Dankbarkeit ernten.
Manchmal nicht. Dann liegen die Stücke
am Abend noch da und dazwischen ein
bisschen Vogelscheiße, wie Senf.
Vortrieb. Antrieb.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Wieder.
Widerstand.

Lütfiye Güzel

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19 | Stephanie Divaret

Die Welt ist alles, was der Fall ist.
Ludwig Wittgenstein

Die besten Momente hatte der Friedensstifter
in seinem Rattenloch.
Unversehens sprang er aus dem Licht :
Berühre meine Seele nicht! : ins Dunkel.
Wochenlang umkreiste er die Frage
nach dem richtigen Moment.
Fatale Hilfsarbeiter schwirrten wohl herbei,
flüsterten ein, brachten ihm Spezereien.
Dann rief die Menge: Holt ihn!
Bunte Hüte flogen, Licht floss und wogte
auf goldnen Dächern.
Geblendet hob er also mählich seine Hand
(ob er sie segnen sollte?).
Stille. Bis er sprach.
Der Trost kandierte ihre Herzen,
ein süßes Meer aus Zuversicht.
Bis jener, mit dem schwarzen Hund,
Hand vor der Brust, kurz, trocken, zischte:
Fass!
Die Schwerkraft tat ihr Übriges.

Stephanie Divaret

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18 | Anna Neuwirth

darüber liegt eine schicht

in ihrer schachtel liegen zehn Sterne

ihre wurzeln sind nicht ausgegraben
sie stecken fest im boden
ausgraben bedeutet der stamm würde umfallen

da wo früher ein zahn war ist jetzt ein loch
die türen lassen sich nicht wieder schließen
die fenster wurden nie geöffnet

es ist hell genug
sie findet auch ohne brille nach hause

Anna Neuwirth

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17 | Harald Kappel

Vergessen und Erinnern

Hunde bellen
in kühlem Fell
mit glühenden Pfoten
sie wissen nicht
warum Ewige Lichter
in Novembern
auf den Gräbern brennen
schon bald
fällt dunkler Tau herab
neblige Streifen
schon bald
nisten Schatten
hinter unseren Lidern
wir wissen nicht
warum die Tiere
in Novembern
an den Gräbern bellen
kosmetisch
erinnern wir
sanfte Haut
und Ewige Uhren
wir wissen nicht
wir wissen nichts

Harald Kappel

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16 | Stefan Heyer

mitternachtsimbiss

wörter fallen, wörter, auf den weg gemacht, farne überwuchern,
ochs und esel mager, rothkos orange verläuft ins dunkle violett,
die saiten des basses schlagen in die tiefe, die geschenke gesucht,
wind verweht, ins unendliche wächst der kirchturm, du flüsters
in mein ohr, lippenbekenntnisse, morgentau legt sich ans
fenster, das himmelsgewölbe, ein sternenzelt, die sterndeuter
packen ihre sieben sachen für die lange reise, der weg ist weit
und unbestimmt, aufgegangen der stern, bittersüß deine küsse
in der nacht, bethlehem noch weit, currywurst zur stärkung,
mitternachtsimbiss, starker kaffee, das firmament leuchtet

Stefan Heyer

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12 | Manon Hopf

HABEN UNS GEDACHT in die Berge da steht im Hang der Schnee und schläft bis wir ihn wecken mit hellen Stimmen seinen Groll ziehen auf uns er folgt uns bis in die Täler

haben uns gedacht in die Berge da steht im Wald ein Auge es zuckt ist ein Rennen in Korridoren die unsere Stimmbänder gezogen haben zwischen die Bäume

haben uns gedacht in die Berge die tragen den Winter wie ein Kissen unterm Bauch es dämpft unser Stürzen stützt die herabfallenden Hände überm Rücken auf dem Grat

haben uns gedacht in die Berge die sind ein großer Kopf am Horizont mit wachen Augen er denkt uns sieht uns holt uns mit leisen Blicken in die Hänge dort knien wir im Schnee und haben nur kurz das Gehen vergessen

Manon Hopf

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11 | Katharina Wulkow

anders

Weiche Nachtluft
flüstert:
Wer bist du?
Sie riecht nach
schlafenden Bäumen,
warmem Asphalt.

Ich zucke die Schultern.
Jemand anders, sage ich,
anders als zuvor.
Mein Gesicht
gespiegelt im Schaufenster
ist das einer Fremden.
Hinter mir
fallen Brocken
aufs Kopfsteinpflaster.

Leichter,
wispert die Dunkelheit,
leichter als zuvor.
Straßenlaternen
werfen Lichtkegel
vor meine Füße.

Unsere Bilder fliegen davon.
Dein Lächeln, mein Herz.
Die Sterne zwinkern mir zu,
ich löse mich auf
in ihrem Zittern
und schwebe durch die Straßen.
Als ich wieder lande,
nehme ich neue Form an
in der weichen Nachtluft.

Katharina Wulkow

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10 | Silke Gruber

Vorlage 1
bezüglich
Festtagsplanung wende mich
vertrauensvoll darf ganz
herzlich mit folgendem
Anliegen bedaure mitteilen zu
müssen aufgrund terminlicher
Schwierigkeiten betrachten als
gegenstandlos angesichts der
anstehenden Feierlichkeiten

verbleibe ich:
in himmlischer Ruh
(Serviervorschlag im Anhang)

Silke Gruber

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8 | Irena Habalik

Stille, Nacht, Stimme

Zuerst fiel ein Blatt herein, dann zuckte eine grüne Kuh auf dem Bild von Chagall.

War es ein Zeichen?

Die Nachtstunde hat Blech im Munde, die Gegensprechanlagen leuchten wie die bierpolierten Klinken, die Stromdrähte dünn, schutzlos, wen kümmern sie bloß?

Ich lausche der Stille, berieche, starre sie an. Sie ist es. Ein leichtes Wort, zwei Silben, zu denen ich nicht leicht einen Reim finde. Ich? Ja, ich komme vor, in unregelmäßigen Abständen bin ich da, mein Stammbaum ist abgebildet, beige auf weiß, die Tafel drei, und in welchem Stammbuch erscheinen Ihre Sprüche?

Züchten Sie Majoliken, Majoran, Ranunkeln?

Die Beweggründe am Abend? Immer verschlafen? Gestern um zehn sammelte ich Steine, am Bahndamm, am Feldrain, jeder Stein in meiner Hand verlor seine Einsilbigkeit, jeder Stein auf dem Spielplatz eine Möglichkeit. Sie wurden bemalt pink, pastell, blau:

Fröhliche Zeugen einer erstarrten Zeit,

und sie wurden zusammengebracht, die passten und die nicht zusammenpassten.

Später schrieb ich einen Brief an die Kölner Stadtverwaltung:

Sehr geehrte Damen und Herren, die Fassade des Doms sollte geputzt werden. Wenn die Fassade nicht stimmt, wie steht es mit den Altären, über Seitenschiffe will ich nichts wissen, morgen geht die Post nach Madagaskar, legen Sie nicht auf, bitte, waren Sie schon im siebenten Himmel?

So wird gefragt, und nebenbei wird gezählt an den Fingern, in einem Sommer stürzte ich zwischen dem vierten und dem fünften.

Eine schiefe Ebene mit frischen, klaren Lüften für heiße Umarmungen auf den Bänken, eine Ebene in Glanz und Glamour oder ohne, je nach Aussichtspunkt (stand da nicht beim Eingangstor, klein und durchgestrichen: von Aussicht zur Ansicht?).

Einen Engel sah ich im Parterre, ein blasser Engel sprang über den Fenstersims, lief die Straße hinunter, immer geradeaus, vorbei an der Kurzsichtigkeit der Ampel. Die Passanten schüttelten einander die Hände, einer stammelte:

Es ist nicht aller Tage Engel.

Vielleicht war das ein Schatten, entlang der Häuserwand, vielleicht ein kleiner runder Mann, der nicht im Schatten stehen wollte, also lief er.

Während ich spreche, blicken die Augen in den rechten Winkel, als ob dort eine Postkarte von gestern klebte, doch nichts ist zu sehen, nichts bewegt sich in diesem Raum nur anderswo ist bekannt: Zu Ovids Zeiten sprach man einander zugewandt, ohne zu zwinkern, ich zwinkere, zwinkere, auf diese Weise komme ich näher, wenn nicht einem Gesicht, dann einem Ding an sich, aber Achtung, die Stimme hier:

Ja, Sie sollten sie damals reden hören.

Meine Stimme ist verlorengegangen.

Zur Maulbeerenzeit, in der angeblich Wunder passieren. Das Wunder überstand ich, auch das Staunen darüber, mit einem Ersatzstimmorgan artikuliere ich mich schöner, bilde lange Nebensätze, als ob es darauf ankäme, Sie werden nicht glauben, wer so ein Organ hat, muss sogar lachen. Was steckt dahinter?

Das kann schon morgen nach vorne treten, keiner wird dem einen Namen geben, am Ende eines letzten Satzes steht die Nacht.

Der Unbekannte unter der Brücke sagte: Die Nacht ist ein Ufer für die Schlaflosen, Uferlosen, dem glattgefegten Pflaster hast du den Rücken gezeigt, vor dir buntes Treiben, vor dir Farben, das ist die Stille.

Sie schimmert, flimmert, flackert dir entgegen, leise, zuversichtlich.

Und das Rauschen, Rascheln, Lispeln an diesem Ort ertönt wie eine Ouvertüre. Hören Sie es?

Arm in Arm langsam, leise, wir sind an jenem Ort angelangt.

Wir schauen uns um, ein Nicken genügt, man versteht es von alleine, wir schauen in die Weite, wer weiß, ein Ort gibt den anderen.

Ist es nur Krächzen in der Leitung?

Eine Tücke des Unsichtbaren, gerne würde ich Honig um Ihre Wangen schmieren (sind Sie Mann, Frau? Ach egal), eine Floskel ins Ohr setzen,

Dutzende von Floskeln ohne sich dutzendmal anzustrengen, Verzeihung, Sie können mich anschreien, schreien Sie,

das Schweigen der Stadt, die Stille: Ich horche in sie hinein, sie brüllt in meinen Eingeweiden, mir ist bang.

Nein, fürchten Sie sich nicht.

Ich ein Nachtschänder? Sinnesverwirrter? Nichtstuer? (Ja, ja, das Vokabular, es lässt manchmal verstummen.)

Aber sind wir nicht alle Nichtstuer für den Vater, den unseren da oben? Was tun wir für ihn? Und welcher Vater, welche Mutter würde uns unendlich füttern?

Wahr schmeckt das Futter, Gottesspeise für uns. Unendlich mein Dank, kurz wie Magenaufstoßen die Bitte: Vater unser gib keine Butter, es genügt, gib bitte, was täglich durch die Finger zerrinnt.

Hören Sie zu? Jetzt erscheint der erste Bus.

Im zarten hellen Rot, einem Farbton, der aus der dunklen Umklammerung loslässt, schon stellt man Tafeln auf, die etwas verraten, der Wind fällt herein,

leicht wie Worte zum Sonntag, ich sage gegen die Wand: Es lassen sich Reime machen.

Irena Habalik

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