freiVERS | Peggy Lohse

Noch heute ins Morgen

 

Wie ein Amseljunges
zum Flugtraining
aus dem Nest purzelt,
von der Familientafel
in den nächtlichen
Regionalzug gestolpert.

Müdigkeit klebt
an den Sitzen
wie Bierspritzer
am Linoleumboden.

Minuten dehnen sich
wie Kaugummi, der sich
an Schuhsohlen festkrallt.
Sprachen blubbern
wie die Verdauung
des Festessens im Bauch.

Trägheit drückt
ein kratzendes Stirnband
ins Gesicht
beim Gähnen.

Unsichtbar rauscht
draußen der Wald
vorbei. Verdeckt.

Das Ziel versteckt
sich im Dickicht
hinter der Nacht.

Alle wollen nur:
ins Heim, ins Bett,
in Sicherheit - doch die
läuft uns davon.

Der Bummelzug jagt sie,
meint sie zu finden
an jedem Dorf-Haltepunkt.
Chipstüten knistern,
Köpfe träumen von Lagerfeuer.
Handys fragen klingelnd:
„Wo steckt ihr?“

Amseljungen schlafen jetzt,
mutig und satt,
bereit für den neuen Tag.
Der Zug rollt ihm entgegen,
fährt stetig bremsend hinein.
Wir sind noch heute im Morgen.

 

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Peggy Lohse

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freiVERS | Alexander Rudolfi

über der vielbefahrenen straße drehen die tauben ihre kreise zwischen den häusern, im sturzflug, im steigen; bevor sie abrupt ihre meinungen ändern und sich teilen und auf dem selben dach landen und die kreuzung in einen zustand versetzen, der etwas ortloses gellen hört, das vorgegangen sein muss, als wäre ein apfel vom baum und auf die straße geschlagen; was die straßen nicht kümmert und was die kreuzung nicht kümmert und nicht den verkehr unter der roten ampel übertreten sog sündenfall.

der lärm wenn sie aufgescheucht auffliegen und fragen, was einem rhythmus folgt, der immer gleich bleibt, bleibt, wie einsen und nullen den binärcode in den dioden entlang; und die jahreszeiten vorübergehen in richtung des salzwasserleuchtens, an die Äquatorlinien einem baumsterben entgegen, an dem massen durch magnetfelder marschieren, und standortregister bewegungen diktieren, wenn die ampel umschaltet, auf grün auf rot auf grün.

aber die tauben verlassen die stadt nicht, auch nicht wenn es herbst wird und die anderen vögel sich in pfeilzeigern bewegen, und sich auf einen punkt richten der irgendwo außerhalb, hinter der stadt, liegt in richtung der allgemeinen struktur solcher zeichen, nach dem wiederkehren, dem wiedererkennen und der imitation auf bildschirmen, die außerhalb unserer reichweite liegt, weil wir glauben etwas neues zu schaffen, aber nicht sagen können, was wirklich gleich bleibt, wenn sich doch ständig, ununterbrochen alles verändert, vorwärtsgeht, von einem ins andre verhandlungen führt – und warum, - und in welchem verhältnis eigentlich zu einander.

wie? wenn die feldlinien ihre wirkung verlieren? wie? wenn die tauben über der vielbefahrenen straße auf einmal beginnen nach süden zu fliegen? wie? wenn der sündenfall sich zuletzt nicht ereignet hat und der apfel am baum bleibt, weil keine bewegung mehr existiert, wenn sich folglich nichts mehr verändert und alles zwischen den ampeln,
berechenbar ist?

 

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Alexander Rudolfi

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freiVERS | Otto Dvoracek

Nichts Anderes

Es hebt sich alles auf, bis sich alles erledigt hat
Die Landschaften heben sich auf, es kann nichts
Anderes sein als das: ein Nachspiel (ein Nachbild)
Als eine Auflösungserscheinung, als der Mensch
Danach, es hat nichts Anderes zu geschehen
Als das: einen Raum belasten und den Raum
Wieder herstellen, ein gleiches Haus wieder
Herstellen, ein Einfamilienhaus, ein Mehr-
Familienhaus, es ist Ablenkung von allem
Es muss Ablenkung sein, es kann nichts Anderes
Sein als das: ein gleiches Haus in die Landschaft
Stellen und nichts gemeinsam haben
Mit der Landschaft, die zusammenhängt mit
Getrocknetem Gras, mit breiten Landebahnen
Der Mensch danach und das gleiche Haus sind
Gerade noch sichtbar, jeder bringt sein Fleisch
Jeder findet sein Gold, es kann nichts Anderes
Sein als das: ein Austausch oder eine Austausch-
Verweigerung unter der Aschensonne, und jeder
Stürzt heim, heim in seine Landschaft, es hat sich
Alles erledigt

 

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Otto Dvoracek

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freiVERS | Fabian Lenthe

Das Aufgehen der Sonne
Ist längst nicht mehr
Als eine durchschnittliche Leistung

Ich teile eine Tablette
In zwei Hälften

Und sehe ihr dabei zu

 

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Fabian Lenthe

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freiVERS | Eva Brunner

alltag (auszug)

I.

Vokabellisten-Ping-Pong
in beiden Spalten eine Fremdsprache
doch die Mannschaften sind verwandt
so dass deine Puste reicht, mein Kind

II.

von meinem Glasbalkon sehe ich die vielen Glasbalkone gegenüber
so wie ich früher stundenlang vor dem Puppenhaus aus Holz saß
hier ein Stuhl, da eine Pflanze, ein Paar redend rauchend

ein Kind mit Ball und Zelt zum Verstecken, ein Rennrad parkt
auf der Loungegruppe wechseln die Gäste, wird auch mal laut gelacht
am besten gefällt mir der Balkon, der meinem am ähnlichsten ist

doch etwas verrücken, kann ich nur in meinem eigenen Kasten
weiß nicht, wie mein Leben von der anderen Seite aussieht
für eine Kaffeelänge haben alle Sonne

V.

Schreiben abwägen gegen andere Handlungen
Länder und Entfremdungen vermessen
hier und da einen Punkt setzen, Stimmung formen
immer wieder Zeiten und Kräfte verschieben
all die Linien, dann wieder hoffen

VII.

sitze im Bett und arbeite
plötzlich auf Augenhöhe
über dem Waldrand
läuft eine Gürteltierherde
eins nach dem anderen grüßt

abendliches Vorlesen
in der großen Fensternische
spektakuläre Mittsommerwolken
wir sind in einem 3D-Film
und uns vollkommen einig

draußen über dem Januarschnee
bricht ein Vulkan aus
steigt seine orangene Säule auf
bevor es gleich dunkel wird
wir uns wieder Mühe geben

VIII.

immer häufiger schiebt sich das Rauschen vor
Begleitton zwischen Wollen und Loslassen
laute Angst und leise Müdigkeit
liegen auf zerknautschten Kissen
versuche die Sprachen glatt zu streichen
hänge doch schau wie ruhig die Pflanzen heute

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Eva Brunner

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freiVERS | Sofie Aeschlimann

der blumentopf mit dem oleander steht am fenster
daneben die orchidee philodendron blattbegonie
aloe amaryllis
und die kakteen
erdkrümel lose auf den untersetzern
auf dem fensterbrett

gieß deine pflanzen
gieß sie nur
damit sie gut wachsen
am fensterrahmen hochklettern
das glas erobern
sie nehmen das licht für sich

draußen sind tannen
farne im schatten
flechten am baumstamm
symbiose mit der föhre dem wind
auf dem waldboden verrottende blätter
abgeknickte äste steine
moos und erde
tiere natürlich käfer insekten würmer maus

was denkst du denn was ich denke
wenn ich durch den wald gehe
dass ich das etwa alles nicht sehe
dass ich nicht nach den wurzeln grabe

lass meine arme frei von deinen grünen schlingen
öffne das fenster
geh in den wald

 

 

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Sofie Aeschlimann

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freiVERS | Andreas Köllner

Atempause

Halte
die Luft an, die
Zeit

fest, wie sie nie
war, vorher; die

Erinnerung
braucht
einen langen Atem

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Andreas Köllner

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freiVERS | I. J. Melodia

Schwemmland

Aus dem Schwemmland
deiner flüchtigen Augen
sickert wortloses Sediment
zum Mündungsdelta

Jeder Satz entwässert
das Leben in seinem Fluss
versalzt auch das Land
hinter den Deichen
und der Stirn

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I. J. Melodia

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freiVERS | Sabine Abt

ausgangslage

jeden morgen die gebeine
aus den laken sammeln, ordnen
knochen aufeinanderstellen

jeden morgen sehnen richten und muskeln austarieren
alleine das aufstehen ein akt der komposition
von unten nach oben

jeden morgen ein kampf gegen die gravitation
ein ringen um den anfang von
allem was ein tag an ringen bringt

ohne zug aus dem erdkern
keine erste erfahrung von widerstand
besiegen können

 

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Sabine Abt

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freiVERS | Dea Sinik

Von einer Flucht

Minaturbuchstaben
wabern auf dem Display,
sie sind monumental und
unaufgeregt.

Erreichen zwei Fremde,
die sich steril anfühlen,
die sich im Nichts anrühren,
die im Smalltalk Brücken schüren
in fantasielose Welten des anderen.

Zwei Fremde
füllen wüste Welten
im Blaufilter auf,
legen Spuren
im Nachtmodus
wünschen sich eine warme Leerstelle für die Nacht,
die nicht bis zum Morgen anhält.
Wir sind
zwei Fremde,
vergraben
in Flüchtigkeit.

Die Abscheu in der Dämmerung,
die nur mir gebührt
wälzt sich
auf dem stoppeligen Stoff deines Sofas.
Der Raum
verschlingt
das Taupe,
Es berührt meine Netzhaut,
die verwundert
ihre Innensicht entblößt.
Alles Verklärte
setzt sich in mir ab,
während deine Zuge niedergeht.
Sie schmeckt nach nichts,
nicht verwunderlich.
Dicht an dich
unsere Körper.

Ich bin mir ferner denn je,
denn ich spüre nur
das Nichts,
Gewebe mangelt es an Textur,
als deine Hände einander aufhetzen
von meiner Schulter bis zur Brust,
von der Brust ins Dunkle hinab.
In mir wetzt sich all das, was sich verbarg.

Derweil entgehe ich mir,
ich hintergehe mich
und fühle mich
wie ein übermütiger Dieb,
der seinem Fall ahnungslos entgegen lacht.
Es bringt auch nichts darüber zu verhandeln, wo wir Dinge in uns vergraben,
dein Atem löscht all die Farben
meiner Demut.
Ich habe sie vor deiner Haustür gelassen.

Erlaube es dir,
dass du durch mich hindurch gewälzt bist,
meine Teilnahmslosigkeit
übermannt mich
zwischen Lenkrad und Kupplung.
Wie schön ist der junge Morgen,
die mich umhüllt.
Die Erkenntnis hat mich erfüllt.
Wie belanglos
der Freitagabend klingt.
Stille hallt nach,
als du dich wegdrehst
und eine Zigarette am Fenster rauchst.

Die Gleichgültigkeit ruht in unseren Nacken,
als sich alles
im graublauen Dampf aufbahrt.
Ich habe mir
Verwunderung für den Nachgang aufgespart,
über meine Ziellosigkeit
stolpere ich in das Schweigen.
Dein Blick straft mich ab,
er baut sich vor mir auf
zu Halden
auf die kurze Distanz der betonierten Straße,
in der offenen Autotür,
erreicht mich Geröll.
Ich habe mir erlaubt,
mich abzulagern,
aber nichts trägt mich
durch unser Aufeinandertreffen.

 

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Dea Sinik

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