freiVERS | Sophie Steger

Ich schreibe keine Regionalliteratur

Ein Naturwasser bestellen
und dumm angeguckt werden
sich entschuldigen
sagen, dass man ein stilles gemeint hat

In den Kindergarten gehen
und nur Hochdeutsch können
aber für dich gibt es kein Hochdeutsch
sondern nur Deutsch

Die Deutsche sein

Dialekt sprechen lernen
aber immer noch die Deutsche sein

In der Oberstufe
einen anderen Dialekt sprechen lernen
weil die Schule
eine halbe Stunde entfernt ist
von da, wo du wohnst
oder von da, wo du kommst

Sprache nuancieren

Richtiges Hochdeutsch
nur mit deiner Mutter sprechen

Südtiroler Hochdeutsch
mit Südtirolern

Sich ärgern

Sprache nuancieren
bis man nicht mehr sprechen kann

Meine Stimme klingt tiefer im Dialekt

Ich verstehe die Leute nicht,
die sagen, Deutsch klinge hart
Deutsch ist weich

Gesagt bekommen,
man hätte eine österreichische Pronunciation

Sagen,
dass dein Vater Österreicher ist
obwohl er Italiener ist

Es nicht zu kompliziert machen wollen

Sag doch mal was auf Italienisch
Nein

Sprache verändern
Sätze verändern

650 km fahren
und für 100 Euro bei Rewe einkaufen

Nach einem halben Jahr
Papageienkuchen und rote Grütze essen
und sich fühlen,
als wäre das Essverhalten
stecken geblieben
als du mit vier weggezogen bist

Freitags in der Fastenzeit
Wurst im Schulbrot haben
Skandal auslösen

Ich bin eine Deutsch-Italienerin
Ich bin eine deutsche Südtirolerin
Ich bin auch Südtirolerin
Ich bin Deutsche

Ich bin eine
deutsch–südtirolerisch–italienische Österreicherin

Ich bin eine
italienische deutsche österreichische Italienerin

Ich schreibe Regionalliteratur
ausschließlich
gegen meinen Willen

Einen Pass von beiden Ländern haben
fuck you all

 

Sophie Steger

 

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freiVERS | Gawan Mehić

Nichts für fremde Wände

Entspannung folgt Erregung,
behauptet die Ebbe,
bevor sie geht.

Sehnsucht und Zärtlichkeit,
Wörter, die wir benutzen,
wenn nichts mehr antwortet.

In Augenblicken bewegter Dichtung
zeichnet Zeit
in kreisender Dauer,
die trägt,
ohne zu urteilen.

Ich muss nicht erscheinen.
Ich bin kein Bild
für fremde Wände.

Ich will begegnet werden
wie Fenster bei Nacht:
Ein Durchlass
für Herzschläge
im Takt fremder Leben.

 

Gawan Mehić

 

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freiVERS | Alexander Köffel

mia homs imma gsogt
net mit die fremdn redn
ob und zua hob i schon
grüßgott und so
oba amol wor i allan daham
lei i und die kotz
do leitets
i moch die tia auf
gonz nervös
mit a poor euro in da hond
steht a dicke liabe fremde vor da tia
i bin die brotfrau
vom berg oba
i bring eich des brot
is die mutti do
na
oba i bin do
jo
des sig i
sogt sie
und locht
und gibt ma
des brot
wos noch worm is
und a horte krustn hot

 

Alexander Köffel

 

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freiVERS | Jutta Schüttelhöfer

Formen

manchmal lege ich mich zum Quadrat
einfach aus Spaß
oder nein eher aus Experimentierfreude
nur um zu sehen ob ich vollständig bin

geboren wurde ich als Ellipse
aber verstanden hat das nie jemand
lange Zeit bin ich beinahe
als Trapez durchgegangen
: ich war nicht gerade genug
aber das haben sie in ihrer Oberflächlichkeit nicht bemerkt
bloß zum Rechteck hat es nie gereicht
das haben wir alle eingesehen

draußen ist der rechte Winkel der Sonderling
aber vermutlich haben sie auch das nie kapiert
(und ich betrachte mich inzwischen mit elliptischer Gelassenheit)

 

Jutta Schüttelhöfer

 

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freiVERS | D. A. Merlin

Kontinuum

Was immer wir tun, an welchen Lebensbaum auch immer wir
unsere Lichter hängen, es kommt der Moment,
da wir zu dem werden, womit wir begonnen haben –
                                                               Regen, der eine ganze Kindheit lang
aus klarem Himmel herab fällt, ein lautes Knacken ab und an,
bei dem ich nicht anders kann als an einen Geist zu denken,
Wind auf der Straße, sein Geräusch
im Ohr, als käme es von woanders her;
                                                               Regen, der sich einen ganzen Sommer lang
im Sonnenlicht dreht,
Wellen von Winter, die durch die warme Stille des Sommers fahren,
leere schattige Zimmer, die vor etwas warnen,
was außerhalb der Reichweite ist,
                                                               uns aber immer wieder streift.

Was immer wir tun, das womit wir begonnen haben,
                                                               schimmert irgendwann in der Dunkelheit,
an deren Oberfläche wir bleiben, in Wärme und Tageslicht,
Sommernacht im Zimmer wie in einer dunklen Zelle,
das Tier, das ich immer noch weit draußen vermute,
entgegen aller Wahrscheinlichkeit, und mir wünsche,
wie dieses namenlose Tier im Geheimen verschollen zu sein.
Als ich glaubte, ich hätte über das Verschwinden nachgedacht,
war es meine Angst, die mich aus ihren Verstecken betrachtete:
                                          Ein kühler Schatten, der auf meiner Kindheit liegt,
ein schwindelerregender Strudel,
ein freier Fall unter schwarze Blätter vom Abend zur Nacht.
Die Verkleidungen der Kindheit, in ihren eigenen Nähten ruhend,
                                                   die mein Herz auftrennen, ein wenig mehr jeden Tag.

Was immer wir tun, das Leben zieht sich von uns zurück,
und ein Sommer beginnt dem anderen zu ähneln:
                                                                                         Ein Himmel wie Wasser,
Wälder in ihrem schweren, angeschwollenen Grün,
niedergedrückte blaue Welt, voller Sanftheit und Kummer,
Sonnenlicht nicht ganz wie eine glänzende Folie auf den Wiesen,
nicht ganz wie leuchtender Staub, aber fast so auf allen Dingen;
Himmelsblau, das uns nicht rettet, selbst wenn etwas
in den verschiedenen Tönen von Hell und Dunkel mich immer noch
an Rettung denken lässt, eine Bewegung am blauen Rand der Welt,
die unscharf bleibt, etwas, das nicht wirklich ein Aufleuchten ist,
aber wie eine Geschichte von Aufleuchten,
                                                                           die wir über einen fernen Sommer erzählen,
etwas, das nicht wirklich der Schatten eines Tieres ist,
aber sein Durchs-Licht-Huschen, wenn man weit genug gegangen ist,
eine dumpfe Eintrübung, die das Sichtbare läutert,
ein scharf konturierter Schatten, der das Verborgene läutert,
eine Kinderzeichnung, die darauf wartet, endlich wirklich zu werden,
aber vielleicht nie Wirklichkeit wird; die Jahre

                                                                                           zugleich entblößt wie verdunkelt.
Kein Ende, das wir festlegen könnten, nichts, was mit einem Schlag
zerfällt. Keine flüchtig erblickte Erlösung.
Alles einseitig und ohne Antwort.
Alles erstaunlich schwer zu erinnern und zu vergessen.

Meine Angst hat sich nie geändert, meine Frage hat sich nie geändert,
immerzu der schwarze Engel, der in meiner Kehle schläft,
immerzu die Zunge aus Staub, die geteilt in bleichen Fenstern hängt.
Ein Leben der Ränder, Weiß des Auges,
                                                                         geschwärzt von Zeit.
Weiß des Himmels wie feiner Sand, gebleicht von Zeit,
zugleich trüb wie kristallklar für einen Augenblick,

                                                                                                         dann überhaupt nichts mehr.
Wie die Wahrheiten, denen wir untreu werden, wenn wir versuchen,
sie zu erfassen. Erinnerungen wie Schläge aus der Ferne,
wogegen auch immer der Wind sie schlägt und schlägt.
Dieser Spätsommer verlässt seinen Kokon aus Wärme
und geht seiner Arbeit nach, was immer seine Arbeit ist.
Was wir unausgesprochen lassen, ist wie die gefallenen Blätter der letzten Nacht,
vereinzelte kühle Flammen im wieder grünen schattigen Gras,
die etwas lichten und lüften in uns, was immer es ist.
So oder so, nichts von diesen Dingen kümmert sich um uns,
Eins mit einem namenlosen Ganzen
                                                        dessen, was nicht gewusst werden kann
Und zu dem wir nicht zurückkehren können,
Eins mit dem Unfertigen,
                                             das wir nicht loslassen können.

 

D. A. Merlin

 

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freiVERS | Lea Matusiak

superbomber

du fährst mir einen panzer vor die tür
fahre ich dir einen panzer vor die tür
irgendwo sprengst du ein haus darin
eine familie, ein kind, eine oma, ein leben
eine frau die war schwanger die stirbt
aber es passiert nicht nur hier es
passiert überall
es trifft die dächer aus blech, es trifft die demokratie
was bleibt ist die frage was bleibt und
was halt gibt
was wir brauchen ist halt, ist menschlich sein
und menschlichkeit
was ich brauche ist ein superbomber
und einen triftigen grund

 

Lea Matusiak

 

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freiVERS | Andreas Köllner

Das unperfekte Gedicht

Der Perfektionist sitzt freudig noch in seinem Zimmer –
Er schrieb gerade ein Gedicht.
Doch merkt er schnell, ganz so wie immer:
Zufrieden bleibt er damit nicht.

Ein Vers zu viel, ein Wort zu wenig.
Und reimt sich das denn gut auf König?
Ein reiner Reim ist ihm zuwider,
Unrein reimen mag er lieber.

Und Zeilensprünge, wie an dieser
Stelle hier – das ist sein Hochgenuss!
Aber lange währt der Hochgenießer
Nicht in jenem Augenblick – der Schluss

Macht ihm doch sehr zu schaffen,
Weil noch der Anfang ihm den Kopf zerbricht.
Perfektionismus lässt dich scheinbar alles besser machen,
Nur damit fertig werden nicht.

 

Andreas Köllner

 

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freiVERS | Felicia Aparicio Lukaßowitz

große städte III

meine erinnerungen an die große stadt verblassen
doch nicht der geruch nach staub
nach frischem brot und üppigen gärten
und den abgasen alter limousinen

mich zerreisst fast der blick auf die häuser
über hügel verstreut wie granatsplitter
alles strotzt vor dreck, aber es ist warm
und in den einkaufszentren spiegelt sich die sonne

wir wandeln, die köpfe im nacken
die glaswände der hochhäuser stürzen
über uns zusammen. vor uns das meer so dunkel
die stadt in unserem rücken glänzt

mich birgt die wärme der aprilnacht
die haschischgeschwängerte brise des meeres
das späte februarlied, das schmutzige katzen
durch stahlträgergestützte kriegsruinen schreien

eine frau sitzt am boden, daneben
zwei schlafende kinder, die gesichter
verdunkelt von staub und salzluft
ihre herkunft ist in den wirren des krieges
zu einem schimpfwort geworden

die nacht überzieht der flaum grüner mandeln
und in alhamra entkleiden sich die restaurants
tische gleiten zur seite, lampen werden gedimmt
schon schmiegen sich raucher an die nackten fassaden
und tanzen trinkend über klebrige böden
im gedämpften licht liegt noch der schwere geruch
nach fettigem essen und schweiß

 

Felicia Aparicio Lukaßowitz

 

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freiVERS | Lukas Leinweber

German Windows

der Ausblick auf den Morgen hält sich
im Rahmen, beschert zwei schwarze Finger
hinterlässt nur Abdrücke auf der Bettwäsche
sicher hinter Panzerglas hausen die Gedanken
Scheiben ohne Öffnungszeiten nirgendwo
die Stimmung kippt mit dem Ausschütteln
bei sperrangelweit fand sich komischerweise
nichts vom Schwalbenschwärmen im Gesetz
Gewitter flattert unterm Lampenschein jetzt
ein Aufriss um nichts, die Vorstellung
vom Windzug unterkühlt
Steinwürfe nach dem Glück sind
versicherungspflichtige Schadensangelegenheiten
gebrochene Ansichten werden von Lastern transportiert
der Handel mit ideologischen Brillen floriert
ein gläsernes Geschäft

 

Lukas Leinweber

 

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freiVERS | Thimo Buchmüller

Uhu

Der Uhu, bubo bubo,
schlief in der Scheune
neben mir.

Am Morgen
nahm er mein Augenlicht.
Ich stutzte seine Flügel
als Gegengabe.

In der Nacht
vergaben wir einander.
Unser Sinn für Orientierung
war ähnlich.

Meine Netzhaut begann zu sehen.
Seine Flügel wuchsen –
länger, länger –
bis seine Federn mich kitzelten.

Weich wie Daunen:
der große Jäger.

 

Thimo Buchmüller

 

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