freiVERS | André Patten

Startschuss

schon immer war die Richtung klar:

nach oben sollte es gehen

ganz nach oben

da oben, wo es weitergeht

wo die Sterne warten

wo Geräusche langsam zündeln

einen Punkt im All

wählen wir zum Startschuss aus

schnüren dem Sprachlosen

den Verstand ab

wir schießen gegen Wolken

und wissen doch:

wenn es still wird bei uns

schlägt es anderswo ein

 

André Patten

 

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freiVERS | Alexandra Regiert

Die Loreley vom Vorderhaus

Meine Lunge pumpt Luft.
Pumpt sie weit über die Kondensstreifen hinaus.
Pumpt sie in Schweinelungen.
Rosa und fast neugeboren
festigt sich das Rosenkelchorgan
wie eine fleischfressende Pflanze.
Betörend recke ich mich am Fensterbrett
für die Fliegen,
strecke die Glieder, spiele mit den Haaren
und singe:
Es ist ein lauter, Glut gebärender Gesang,
den eine Schallmauer nicht abwehren könnte.
Wie der der Loreley vom Vorderhaus,
vor deren Fenster blaue Hortensien wachsen
und die Feuerwehr regelmäßig
ein weißes Tuch spannen muss.

 

Alexandra Regiert

 

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freiVERS | Frau Sara

STROM II

Strömen
ohne
mein Zutun.

Einfach raus aus mir.

Meine Begrenzung wird still, an der Peripherie des Körpers kommt alles zur Ruh.
Die Ruhe dehnt sich aus.
Ich spüre mich, beim Warten.

Ich nehme mich wahr, als grosses Stück Menschenfleisch, ganz unaufgeregt & ergeben,
warte ich, nehme die Stösse & Wellen in mir zur Kenntnis, staune, wie ich Frau, es geschehen lassen muss. Wie meine Weiblichkeit zu sich nimmt, sich vorbereitet & wieder gehen lässt.

Im Rhythmus,
unsichtbar aber nicht heimlich.

Ich sitze da & das Leben strömt aus mir heraus.

Meine Gebärmutter arbeitet,
zuverlässig, ohne mein Zutun.

Ich sitze da, die Welt aussen rückt ab von mir. Ich bin da mit meiner innersten Höhle.
Ich spüre mir beim Arbeiten zu.

Ich habe ein Wunder in mir drin.

 

Frau Sara

 

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freiVERS | Anke Werner

Ausflug ins Grüne

Der Zündschlüssel löst sich,
als nächstes der Gurt,
schon stehe ich abseits des Autos.
Den letzten Gegenverkehr abgewartet
und zügig die Straße überquert.
Die Schritte werden schneller,
fliegen übers Feld
bis zum Waldrand,
an erste Büsche reihen sich Bäume
und nehmen mir Tempo.
Ich höre sie hupen,
aber hier findet mich niemand.
Irgendwer wird sich um den Stau schon kümmern.
Ich knicke Zweige,
trete nach Laub,
keine Euphorie,
nur nach Hause kommen,
zielsicher suche ich mein Nest.
Ein Bär hauste im Winter darin.
Ich kann ihn noch riechen
und fühle das Moos,
voll fremder Haare,
aber das macht mir nichts.
Die Geräusche und das Gefühl sind unverändert.
Meine Kleidung behalte ich am Körper,
noch darf sie bleiben,
mit der ersten Wäsche im Bach wird sie lästig werden.
Letztes Mal sah ich ihr nach,
wie sie dem Gewässer folgend entschwand.

 

Anke Werner

 

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freiVERS | Sarah Claire Wray

die schwarze putzfrau sitzt nicht mit am tisch feat. faschisten blei

manchmal weiß ich nicht warum
die Leute mich so angucken
wie sie mich angucken.

ich weiß nicht
findet ihr mich
wegen meiner hautfarbe unglaubwürdig?

glaubt ihr
ich sei die putzfrau
wenn ich mit am tisch sitze und nicht
nach meinem namen gefragt werde
wo alle anderen sogar
einen feuchten händedruck bekommen

ich weiß nicht
hab’ ich keinen namen
weil ich bin nur eine von vielen
mit der hautfarbe
und den namen könnt ihr euch eh nicht merken?

und im gespräch da wendet ihr nie
das Wort direkt an mich
seht hastig weg wenn doch
ein höflicher augenkontakt
das mindestmaß an nähe
zwichen fremden ist.

ich kann euch nicht mehr zuhören
weil eure worte mir wie das kalte blei der faschisten
abartig distanziert vorkommen
weil euer sprechen
nicht ein sprechen mit mir ist
nur über mich hinweg

 

Sarah Claire Wray

 

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freiVERS | Dennis Hannemann

Gleichheit

Und hier kommt einer der
nicht weiß wie viel Pfand er braucht

um die Parkbank zu bezahlen
die ihn nachts vor Kälte und Kampfhunden schützt

und hier kommt eine die
nicht weiß wer sie zur Ärztin schickte

die ihr anstatt der Behandlung
eine Karte für Shakespeare schenkte

und hier kommt einer der
nicht weiß ob die Mutter noch lebt

beim letzten Besuch da nannte sie ihn
den Sohn einer anderen das Messer zur Hand

(zu Sigmar Polke: Liberté, Egalité, Fraternité, 1988)

Dennis Hannemann

 

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freiVERS | blume (michael johann bauer)

auf der leisen faehrte des schreis

um nicht zu fallen traegst du die maske des laerms
zum beispiel auf um im jubel & trubel unterzugehen
treibst du vorbei an bevoelkerten ruinen mahnmaelern
weil alle straszen fluesse sind tosend irre ihre kreisel
& kreuzungen wirbel wo du dich fast zu tode drehst
potenziell zumindest findest du es nicht sehr leicht
dich zu orientieren & dabei sehnst du dich nach gleich
klang also stille synchronizitaet von innen & auszen
willst sie hinter dir lassen die tuecken die huerden
dieser voellig konfusen stadt in der du gestrandet
deine vergangenheit verlierst oder schon verloren
gegeben hast denn beim besten willen glaubst du
dich nicht mehr daran erinnern zu koennen wie
es einst zustande kam dein wesentlichstes wesen

blume (michael johann Bauer)

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freiVERS | everelusive

Funkenstörung

Dein Lachen
gluckst
wie Stundenblau
im Wasserglas

Gleichgültig zeichne ich
mit der Gabel
unsystematische Muster
in den Miniatur-Zengarten

Dein Schweigen
zieht Kreise
am Himmel

Wann planst du
den Überfall?

Wann schlagen die Zeiger
Halbnacht?

Mein Anthrazitblick
perlt an dir ab
wie Acryl von Butter

Eine Fliege
im Glauben hinter dem Glas
befände sich die Welt

Sie muss ja nur
geradeaus fliegen,
sagst du

everelusive

 

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freiVERS | Lea Schlenker

Himmel und Glas

Sonntag
oder Montag

Ich lehne mich zurück
und frage mich
ob alle anderen wohl gelangweilt sind
Kakteen und Glasscherben
Kakteen und Schlaftabletten

Ich würde mich etwas in Acht nehmen
denn die Rasenmäher sind zurück
scheppern laut über alles neue Leben
durch Fensterläden
und verstopfte Ohren
es gefällt mir
sie nur vom Fenster aus
beobachten zu können

Ich lese eine Gratiszeitschrift
greife nach dem aufgewirbelten Staub
wohlwollend und träge
Staubmäuse seid gewarnt
eure Regeln gelten hier nicht mehr

Jetzt im Frühling
wenn alle Toten auferstehen möchten
brennt die Realität noch unter uns
wir warten
wir klatschen

Kakteen und Bienenhäuschen
Kakteen und Lungenversagen

Lea Schlenker

 

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freiVERS | Otto Dvoracek

Noch einmal Rot sehen

Verwachsen, in einer erwachenden Stadt
Ein Anstehen, ein Steckenbleiben, im Unklaren
Das ist nicht vorgesehen, das Gewebe auftrennen
Passagen ins Erdreich graben, aus Gewohnheit
Nachgraben, freilegen, die schwammigen Stellen
Das längst Vergangene, das Grau ausschließen
Vor- und zurückkriechen, jahrelang schon unterwegs
In schwammigen Stellen, Reste von roter Bemalung
Versuchsreste freilegen, Spuren der Einwohner
Sehen, Bilder einsehen, die Kunst, sich zu nähern
Grabende Körper, unterwegs, in Klopfrichtung

Otto Dvoracek

 

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