Advent-mosaik IV als eBook und PDF

Cover_ebook_adventmosaikDas Advent-mosaik IV gibt es jetzt auch als Anthologie. Die große Nachlese gibt es als PDF und eBook hier kostenlos zum Download.

Mit Texten von:

Camena Fitz, Claudia Kohlus, Martin Reiter, Ingeborg Kraschl, Luka Leben, Jonas Linnebank, Simona W., Eric Ahrens, Simone Lettner, Marina Büttner, Matthias Engels, Natalia Fastovski, Simone Scharbert, Katie Grosser, Claudia Maria Kraml, Maximilian Michl, Sophie Stroux, Sigune Schnabel, Andreas Schumacher, Gundula Maria von Traunsee, Claudia Wallner, Martin Piekar und Andreas Haider.

Illustrationen von Sarah Oswald.


22 | Martin Piekar

Wintersonnenwende

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
und Schatten der Erde?
(Friedrich Hölderlin)

Amour, Amour
Alle wollen nur dich zähmen
(Rammstein)

In meinem Kopf: Ameisenrennen
Oder Blizzard –  wie du willst
– ziemlich dunkel jedenfalls. Und
Alles um mich herum hat zum Gegenteil
Den Kittel der Jahreszeit so
Abweisend und vertuschend angenommen.
Ich knittere ihn bald. Mit Spuren ins
Weiße, hinein
Ins Caspar David Friedrichsche – tief, tief
Schlafen meine Versuchungen
Und Vermutungen noch. Unter Frösteln.

Mein Herzblut, es ist meine Zeit
Des Erwachens. Aber ich will
Noch gar nicht, nur noch
Ganz kurz… bitte. Ich weiß um meine Furcht. Sie
Gurgelt schon. Jetzt. Lasse ich’s doch
Noch schlummern. Ich steige allein.
Aus dem Höhlengleichnis
Unserer Liebe. Dem Bett.
Mon Amour… Alte Minne.
Verkriech dich, glaub mir.
Verkriech dich vor mir.

Ach Herz. Reife nur, aber
Reif nicht zu viel; es ist Winter-
Sonnenwende: die Schatten fallen
Über ihre Lichter her. Wir sind,
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben.

Schlaf einfach winters. Wir
Sehen uns wieder.
Schlaf einfach durch.

 

für Benjamin Lebert

bereits veröffentlicht in Bastard Echo (Verlagshaus Berlin, 2014)
Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen.

KulturKeule: Lyrik von Jetzt 3

Die wichtigsten Stimmen der jungen deutschsprachigen Lyrik in einem Band. Autorinnen und Autoren unter 35 aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.

Die Anthologie versammelt 84 junge Lyrikerinnen und Lyriker aus einem geografischen Raum von Flensburg bis Bozen, von Basel bis Wien.

Die Herausgeber und Kuratoren Max Czollek (Deutschland), Michael Fehr (Schweiz) und Robert Prosser (Österreich) haben sich der Überschreitung nationaler Grenzen verschrieben. »Lyrik von Jetzt 3. Babelsprech« ist ein erster Versuch, neue LyrikerInnen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen.

u.a. mit Marko Dinić, Martin Fritz (mosaik3,12,15), Irmgard Fuchs, jopa jotakin (mosaik15, S. 9), Frieda Paris (mosaik9, S. 8) Martin Piekar (mosaik15, S. 8), Rick Reuther (mosaik12,15), Tobias Roth (mosaik7,8,9,13,15), Alke Stachler, Gerd Sulzenbacher (mosaik15, S. 22)

Lyrik von Jetzt 3. Hg. von Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser. Wallstein, ca. 300 S., € 19,50.

Mehr Texte von AutorInnen und Autoren finden sich im neuen mosaik16.


 

Name

Anstatt zu sagen, sie heisse Judith, sagte sie immer, sie verheisse Judith.
Dies ist ihr nicht unterlaufen. Es schien ihr dann, sie könne noch immer erscheinen.

Judith Keller


 

aufschießen einer leine

bis es, in den frühen morgenstunden, nach endlosem warten, endlich heißt, ein seil sei gefunden, verknotet, bis in den letzten strang, heißt, das durcheinander voneinander zu lösen, es wie einen gürtel zu tragen, mit ratloser hand auf der offenen schnalle, einer hand, die, zum lachen weit aufgerissen, schreit, kontext, einordnen, zwangsbasis, eine, nach der man, vorausgesetzt voraussetzung erfüllt, zum handeln verpflichtet sei, einem handeln, das sich in sich von sich unterscheide, einem handeln aus dem begriff seines urteils über sich selbst, das, zum ganzen verknotet, ein hindernis sei, eines zu lösen und überhaupt genug davon zu reden sei bereits farbe, studieren sei immer bereits muster gewesen, mit anderen geteilt, sei erinnert, zur verfügung verdammtes konzentrieren, aufschießen, fadenkreuzfokus und leine, das harre schon stunden, jahrhunderte, der sekunde, sei, immer sich selbst bei den schlimmeren wunden, sei, diese tiefer vergessen, blockieren, dann herein und verwandeln, sei voriges ohnehin zu zerlegen, sei dieses, sei ihre finger nach vorne, diesen finger zurück, sei entscheiden, sei jetzt

Niklas Lem Niskate


 

bilder in bildern

für Tristan Marquardt

a.)

diese stupende liebe für zwei / eben das / was zusammengehört / sage ich / während ich übers geländer ausspucke und die spucke sich im moment des asphaltaufschlags in ein nest für zwei fremde verwandelt

                                                                              /

und von beschiss zu beschiss fault der
sinn / zerfasert das gestülp eines im-
manenten innen&außen / massiert
die blutenden fisuren / wo widrig noch
das falsche wort ist und immer etwas
anderes die gesichtsläufe dominiert

b.)

wo einer scheitert baut der nächste
schon sein einfamilienhaus / die ge-
dehnten wäscheleinen / die torbögen &
gärten / ganze jugenden die sich leicht
ins haar verknoten lassen und einem
spaß garantieren / das HAHAHA des nachbarn
hört man durch die hohe hecke & schließlich
durch den stacheldrahtverhau

c.)

am morgen strecken sich die krähne erstmal dasz es knackt & pfeift & die stahlglieder unterm sägblattzischen einen auf hofdame spielen wenn man dem ganzen überhaupt beachtung schenken will denn ganz so einfach will es nicht sein an so einem morgen wo manches ureigentlich vor uns tritt

/

manche stellen im gras sind nicht grün sondern
ausgegilbt von der sonne / häuser ruhen willkür
lich in der landschaft / der wind weht erst vom
osten dann vom süden herr /menschen geben
sich erst die eine hand dann die andere / libellen
fliegen auf / wasser träumt von hasenscharten [1]

Marko Dinic

[1] fragmente /wörtersammlungen: glatzig / brodem / gekröse / sekretieren / karzinös / virulent kaskade / unrat / salpeter / vomieren / gedanken zu blumenberg: die reziprozität des widerstands und der daseinssteigerung / wie sah ich wohl als kind aus / schlachthaustheater / die bearbeitungen / next three days / fürs manuskript: überall ist nichts zu sehen / was soll das nun bedeuten?

 


freiTEXT 2014-15 als eBook

freiTEXT14-15

Ein Jahr freiTEXT ist vergangen - es wird Zeit für die große Nachlese. Die Anthologie mit allen Texten aus 52 Wochen freiTEXT ist ab sofort als kostenloser eBook-Download erhältlich.

mit Texten von Thomas Mulitzer, Tobias Roth, Andrea Weiss, Sabine F., Magdalena Ecker, Claudia Kraml, Eva Löchli, Andreas Haider, Madlin Kupko, Dijana Dreznjak, Ingeborg Kraschl, Fabian Bönte, Simone Scharbert, Renate Katzer, Jacqueline Krenka, Karin Seidner, Nico Feiden, Sabine Roidl, Sven Heuchert, Veronika Aschenbrenner, Sarah Krennbauer, Philipp Feman, Matthias Engels, Clemens Schittko, Eva Wimmer, Gerhard Steinlechner, Matthias Dietrich, Christine Gnahn, Eva Weissensteiner, Marie Gamillscheg, Satie Gaia, Lina Mairinger, Jonis Hartmann, Philipp Böhm, Lütfiye Güzel, Kerstin Fischer, André Patten, Katrin Theiner, Daniel Ableev, Marina Büttner und Martin Piekar.


freiTEXT | Martin Piekar - Teil 3

Wolkenformstationen

III

Weißes Blatt nebst grauer Wolke
Ich glaube, ich werde einen Papierflieger losschicken
Wohin ich sehe ist es eine Jahreszeit
Wohin ich sehe ist es grau
Wir sehen heut Abstellgleis aus
Ob das Grau sich auflösen lässt
Ich liege ganz stark auf dem Rücken
Ich liege ganz stark auf feuchter Erde
Der Papierflieger kann ein Loch reißen
Grau kann nur von weißem Papier
Zerklüftet werden. Ich reiße mich
Zusammen und liege ganz stark.
Ich will jetzt nicht aufstehen
Ciemno heißt polnisch dunkel oder finster
Ciemnota ist
Die Beschränktheit. Deckendes Dunkel
Ich fürchte
Auch im Rückwärts-
Oder Krebsgang könnte niemand
Erahnen wo das Himmelgrau anfängt
Oder aufhört. Deckgrau; so unlicht
Der Zustand, wenn man
keinen Schatten wirft
Wenn die Füße letzte Verbindung
Zur Welt sind
Wenn.

Martin Piekar

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at


freiTEXT | Martin Piekar - Teil 2

Wolkenformstationen

II

Kein Passwort erlaubt mir
Hier mehr oder weniger
Wohnen, wie du mich nimmst
An diesen Ort
Der unter anderen Wolken mein Bett war
Covern uns mit Decken
Weil wir das Lied vom Tempel kennen
Er stürzt schon noch ein. Keine Angst
Ein Schaf. Eine Ente. Ein Hase
Weil ich weiß, wie die Kehle verkieselt
Am morgen Schlucken, ein Schotterweg
Da wir erst zu viel tranken und
Dann gemeinsam zu wenig. Als wir schliefen
Wurden wir erst wir
Unter jenen Wolken
Gehaben sich
Kondensstreifen wie Lehren
Wir sind nightlos
Von der himmelweiten Immigration
Von einem Menschen
In den Andern
Als Wanderer raste ich bei dir und
Die Wolke vor unserem Morgen
In den wir starren (werden)
Sieht aus wie deine Fickpalme
In mir ist es willig
Dir endlich zu sagen
Dass deine Fickpalme Poesie ist.

Martin Piekar

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at


freiTEXT | Martin Piekar - Teil 1

Wolkenformstationen

I

Ich habe heute hochgeschaut
Häufig Eigenwarnung: könnte kitschig werden
Aber dort warst du
Du warst natürlich nicht da, aber es war du
Wir beide haben geschrieben, schreiben
Ins Blaue hinein. Du wirst so oft
Vom Himmel aufgelesen
Ich habe nur mein U-Boot-Bewusstsein
In den Wolken. Wo du nichts zurechthämmern
Kannst. Fatal den Formen
Fatal das Formen ausgeliefert
Als ich aufs Erwachsensein hinschrieb: Früher
Heute: fühle ich mich kleiner als
Seit du mir erzähltest
Wenn du in die Wolken
Schaust mit Celan –
Sich selbst regnend
Sich einsehen –
Und nicht nur an deinen Stern denkst
Sondern, dass unter seinem
Deine Dichtung auch mal ruhen darf.

Für Alexandru Bulucz

Martin Piekar

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at