freiVERS | Lütfiye Güzel

Die Kameraeinstellung:
Alles bergab.
Das Trauerspiel:
Nächte ohne Entschluss,
ohne Erkennungszeichen.
Schwarzer Regenbogen mit Wut
in dreitausend Variationen,
eine schmerzhafter als die andere.
Das Jahr ist dreißig Sekunden alt
und ich habe jetzt schon Mühe.
Der Klodeckel mit Absenkautomatik
im bürgerlichen Graben aus
Brillenetuis und Nackenkissen
schlägt zu. Keine Gagspiele mehr.
Keine Spiele.

 

Lütfiye Güzel

 

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20 | Lütfiye Güzel

Wieder

Vortrieb. Auftrieb. Widerstand. Schwerkraft.
Ich sehe durch das Fenster. Meine Beine über Kreuz.
Das Herz nicht mehr zu retten.
Eine mittelgroße Tasche ordentlich im Gepäckfach verstaut.
Die Fensterklappe offen.
Beim Start. Bei der Landung.
Ein schneller Überblick.
Von außen. Von innen. Nur weg hier.
Nichts mehr aufräumen. Nichts mehr reparieren.
Die Wespen auf dem Mohnbrötchen beobachten.
Ganz normal „Guten Tag!“ sagen mit
fester Stimme und dabei innerlich
zerrüttet. Nicht nur angeschlagen.
Ausgehebelt.
Für immer und drei Stunden.
Heiße Tränen bei der Mittagsmeditation,
so unter dem Etagenbett, leise, allein.
Halb Mensch, halb Käsestange.
„Escritora“ steht da neben der Tastatur.
Meine Botschaft ist keine.
Kein Platz mehr für Sentimentalitäten.
Die Lage zu ernst. Das „Ich“ ist vorbei.
Alle fahren Panzer.
Den Vögeln Brotstücke auf die
Fensterbank legen.
Manchmal Dankbarkeit ernten.
Manchmal nicht. Dann liegen die Stücke
am Abend noch da und dazwischen ein
bisschen Vogelscheiße, wie Senf.
Vortrieb. Antrieb.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Widerstand.
Wieder.
Widerstand.

Lütfiye Güzel

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freiVERS | Lütfiye Güzel

geisterbahn-karussell

zwanzig neue bücher
in gepolsterten umschlägen
die klammern stecken
ihre köpfe
durch die beiden löcher
ich klebe die seiten noch zu
bevor ich beschossen werde
von meinen eigenen organen

Lütfiye Güzel

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freiVERS | Lütfiye Güzel

man lebt nicht jeden tag

-

eine spinne mit den augen

verfolgt

mit gutem gewissen

ihr netz nicht zerstört

dann obst von den bäumen

geschüttelt

& drei runden geweint

Lütfiye Güzel

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freiVERS | Lütfiye Güzel

pinky Helsinki #1

der kurze weg zum bahnhof

ist
der längste weg der reise
was ich kenne

lasse ich zurück
& manchmal setze ich mich so hin
dass die stadt mich verfolgt

& manchmal setze ich mich so hin

dass ich ihr dabei zusehen kann

Lütfiye Güzel

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freiVERS | Lütfiye Güzel

freiheit & fabrik

ich schreibe
aus den falschen gründen
& je schlechter ich mich fühle
desto falscher werden die gründe
von außen kommt nix
von innen geht nix
und am ende
ensteht dann
so was hier
Lütfiye Güzel

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freiTEXT 2014-15 als eBook

freiTEXT14-15

Ein Jahr freiTEXT ist vergangen - es wird Zeit für die große Nachlese. Die Anthologie mit allen Texten aus 52 Wochen freiTEXT ist ab sofort als kostenloser eBook-Download erhältlich.

mit Texten von Thomas Mulitzer, Tobias Roth, Andrea Weiss, Sabine F., Magdalena Ecker, Claudia Kraml, Eva Löchli, Andreas Haider, Madlin Kupko, Dijana Dreznjak, Ingeborg Kraschl, Fabian Bönte, Simone Scharbert, Renate Katzer, Jacqueline Krenka, Karin Seidner, Nico Feiden, Sabine Roidl, Sven Heuchert, Veronika Aschenbrenner, Sarah Krennbauer, Philipp Feman, Matthias Engels, Clemens Schittko, Eva Wimmer, Gerhard Steinlechner, Matthias Dietrich, Christine Gnahn, Eva Weissensteiner, Marie Gamillscheg, Satie Gaia, Lina Mairinger, Jonis Hartmann, Philipp Böhm, Lütfiye Güzel, Kerstin Fischer, André Patten, Katrin Theiner, Daniel Ableev, Marina Büttner und Martin Piekar.


freiTEXT | Lütfiye Güzel

freiTEXT_Illus7-7
hatte so großes vor
bis mir auffiel
dass es so großes gar nicht gibt
& es ist mir gleich
die wäsche in den waschsalon
zu schleppen
& 54 minuten kreise zu drehen
& wenn es dann
dampft & stockt
bleibe ich sitzen
& warte was passiert
& es endet dann damit
wie so oft
dass nichts passiert
 -
Lütfiye Güzel
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