KulturKeule: Lyrik von Jetzt 3
22. November 2015Tobias Roth,Martin Fritz,jopa jotakin,Robert Prosser,Rick Reuther,Judith Keller,Niklas Lem Niskate,Literatur,Lyrik von Jetzt,Kulturszene,Babelsprech,Alke Stachler,Irmgard Fuchs,Frieda Paris,Michael Fehr,Gerd Sulzenbacher,KulturKeule,Marko DinicMartin Piekar,Max Czollek
Die wichtigsten Stimmen der jungen deutschsprachigen Lyrik in einem Band. Autorinnen und Autoren unter 35 aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.
Die Anthologie versammelt 84 junge Lyrikerinnen und Lyriker aus einem geografischen Raum von Flensburg bis Bozen, von Basel bis Wien.
Die Herausgeber und Kuratoren Max Czollek (Deutschland), Michael Fehr (Schweiz) und Robert Prosser (Österreich) haben sich der Überschreitung nationaler Grenzen verschrieben. »Lyrik von Jetzt 3. Babelsprech« ist ein erster Versuch, neue LyrikerInnen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen.
u.a. mit Marko Dinić, Martin Fritz (mosaik3,12,15), Irmgard Fuchs, jopa jotakin (mosaik15, S. 9), Frieda Paris (mosaik9, S. 8) Martin Piekar (mosaik15, S. 8), Rick Reuther (mosaik12,15), Tobias Roth (mosaik7,8,9,13,15), Alke Stachler, Gerd Sulzenbacher (mosaik15, S. 22)
Lyrik von Jetzt 3. Hg. von Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser. Wallstein, ca. 300 S., € 19,50.
Mehr Texte von AutorInnen und Autoren finden sich im neuen mosaik16.
Name
Anstatt zu sagen, sie heisse Judith, sagte sie immer, sie verheisse Judith.
Dies ist ihr nicht unterlaufen. Es schien ihr dann, sie könne noch immer erscheinen.
Judith Keller
aufschießen einer leine
bis es, in den frühen morgenstunden, nach endlosem warten, endlich heißt, ein seil sei gefunden, verknotet, bis in den letzten strang, heißt, das durcheinander voneinander zu lösen, es wie einen gürtel zu tragen, mit ratloser hand auf der offenen schnalle, einer hand, die, zum lachen weit aufgerissen, schreit, kontext, einordnen, zwangsbasis, eine, nach der man, vorausgesetzt voraussetzung erfüllt, zum handeln verpflichtet sei, einem handeln, das sich in sich von sich unterscheide, einem handeln aus dem begriff seines urteils über sich selbst, das, zum ganzen verknotet, ein hindernis sei, eines zu lösen und überhaupt genug davon zu reden sei bereits farbe, studieren sei immer bereits muster gewesen, mit anderen geteilt, sei erinnert, zur verfügung verdammtes konzentrieren, aufschießen, fadenkreuzfokus und leine, das harre schon stunden, jahrhunderte, der sekunde, sei, immer sich selbst bei den schlimmeren wunden, sei, diese tiefer vergessen, blockieren, dann herein und verwandeln, sei voriges ohnehin zu zerlegen, sei dieses, sei ihre finger nach vorne, diesen finger zurück, sei entscheiden, sei jetzt
Niklas Lem Niskate
bilder in bildern
für Tristan Marquardt
a.)
diese stupende liebe für zwei / eben das / was zusammengehört / sage ich / während ich übers geländer ausspucke und die spucke sich im moment des asphaltaufschlags in ein nest für zwei fremde verwandelt
/
und von beschiss zu beschiss fault der
sinn / zerfasert das gestülp eines im-
manenten innen&außen / massiert
die blutenden fisuren / wo widrig noch
das falsche wort ist und immer etwas
anderes die gesichtsläufe dominiert
b.)
wo einer scheitert baut der nächste
schon sein einfamilienhaus / die ge-
dehnten wäscheleinen / die torbögen &
gärten / ganze jugenden die sich leicht
ins haar verknoten lassen und einem
spaß garantieren / das HAHAHA des nachbarn
hört man durch die hohe hecke & schließlich
durch den stacheldrahtverhau
c.)
am morgen strecken sich die krähne erstmal dasz es knackt & pfeift & die stahlglieder unterm sägblattzischen einen auf hofdame spielen wenn man dem ganzen überhaupt beachtung schenken will denn ganz so einfach will es nicht sein an so einem morgen wo manches ureigentlich vor uns tritt
/
manche stellen im gras sind nicht grün sondern
ausgegilbt von der sonne / häuser ruhen willkür
lich in der landschaft / der wind weht erst vom
osten dann vom süden herr /menschen geben
sich erst die eine hand dann die andere / libellen
fliegen auf / wasser träumt von hasenscharten [1]
Marko Dinic
[1] fragmente /wörtersammlungen: glatzig / brodem / gekröse / sekretieren / karzinös / virulent kaskade / unrat / salpeter / vomieren / gedanken zu blumenberg: die reziprozität des widerstands und der daseinssteigerung / wie sah ich wohl als kind aus / schlachthaustheater / die bearbeitungen / next three days / fürs manuskript: überall ist nichts zu sehen / was soll das nun bedeuten?
freiTEXT | Marina Büttner
20. November 2015Literatur,freiTEXTLyrik,Marina Büttner
Welt am Ende
Die Welt fährt in großen Panzern
davon, die Luft wird dünn
Heckenschützen zielen stumm
Nägel mit Köpfen fliegen herum.
Ein Schrei, ein Kind fällt entzwei,
tosende Stille, betäubender Lärm
keine Gesichter mehr zu erkennen,
Ochs und Esel im Stall brennen.
Am Himmel ein dunkles Rauschen
stotternde Salven, Menschen wie
Dominosteine, zersiebte Gemäuer
heraus ragen blutrote Beine.
Fernab treffen Waffenwünsche ein,
rasch produziert, abgestimmt
von hohem Hause, wer
mit welcher wen masakriert.
Marina Büttner
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mosaik16 - united in diversity
19. November 2015Matthias Engels,Kadir Özdemir,Peter.W.,Andreas Rentz,Simone Scharbert,Steffen Roye,Martin Fritz,Sigune Schnabel,Christoph Danne,Andreas Schumacher,Sybille Ebner,Patrick Valouch,Camena Fitz,Manuela Varga,mosaik - Zeitschrift,Katie Grosser,Michael Wolf,André Patten,Irena Habalik,Hydra,Andrea Weiss,Carla Hegerl,Mairinger Lina,Josef Kirchner,Hannah Hofbauer,mosaik16,Katrin Theiner,Judith Keller,Lütfiye Güzel,Katharina Kral,Lisa Köstner,Miku Sophie Kühmel,Marko Dinic,Dennis Mombauer,Martin PiekarNiklas L. Niskate
mit:
- André Patten
- Andrea Weiss
- Andreas Rentz
- Andreas Schumacher
- Camena Fitz
- Carla Hegerl
- Christoph Danne
- Dennis Mombauer
- Hannah Hofbauer
- Hydra
- Irena Habalik
- Josef Kirchner
- Judith Keller
- Kadir Özdemir
- Katharina Kral
- Katie Grosser
- Katrin Theiner
- Lisa Köstner
- Lütfiye Güzel
- Mairinger Lina
- Manuela Varga
- Marko Dinic
- Martin Fritz
- Martin Piekar
- Matthias Engels
- Michael Wolf
- Miku Sophie Kühmel
- Niklas L. Niskate
- Patrick Valouch
- Peter.W.
- Sigune Schnabel
- Simone Scharbert
- Steffen Roye
- Sybille Ebner
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freiTEXT | Christina Gumpinger
13. November 2015Literatur,freiTEXTProsa,Christina Gumpinger
Ich holte meine Stiefel aus dem untersten Regal. Band sie zu und zog meine Jacke an. Nahm den Schlüssel vom Brett und schloss die Tür hinter mir. Draußen war es kälter als erwartet. Ich schloss die Jacke bis oben hin und vergrub mein Kinn darin. Ich ging Richtung Straße und bog auf den Weg hinab zu den öffentlichen Toiletten, vorbei daran, hin zum Kreisverkehr und vorbei an den Müllcontainern, bis ich endlich auf der langen Geraden war. Meine Füße waren bereits in dem Automatismus gefangen, der sie immer fort, der Straße entlang, trug. Ich fühlte bereits die Kälte, die leicht an meinen Wangen streichelte. Ich zog die Haube noch etwas tiefer ins Gesicht und legte das rechte und linke Haarbüschel schützend um meine Ohren und den Hals. Meine Füße trugen mich immer weiter fort. Sie trugen mich auch ohne mein Zutun. Meine Willenskraft und die Kontrolle über meinen Körper erschlafften langsam. Dieser war nun fest eingebunden in einen regelmäßigen Rhythmus. In eine Bewegung, die so natürlich war, dass sie mir nichts abverlangte. Sie trug mich vorbei an Landschaften, die ich seit Jahren kannte, die mir aber doch immer wieder neu erschienen. Ein Land, das brach lag, ungeschützt. Wie ich, dachte ich. Risse durchzogen die Erde und halb geschmolzene Schneehaufen hatten zu vereisen begonnen. Trotz der Sonne war es kalt. Noch immer Winter, nicht schon Frühling, wie manch einer sagte. Das Gras neben mir, verbraucht, bräunliches Grün. Ungeschützt gegen Wind und Wetter. Nur wenige Häuser durchbrachen diese Leere.
Wenn man es von oben betrachten würde, ob es dann aussehe wie eine Landkarte meines Herzen? Ein, zwei, drei Lichter in einer weiten Fläche. Täler, Berge, Hänge, Abhänge, auslaufende Straßen, Schotter und Erdhügel. Inmitten ein, zwei Lichter, die leicht flackerten. Schwach und kümmerlich.
Verstümmelt sah sie aus die Landschaft. Obwohl man hier am Land, wohl freier von menschlichem Einfluss war. Verstümmelt war sie jedoch trotzdem. Wenn nicht vom Menschen, dann von Wind und Wetter. Dem Regen, der alles unter Wasser setzte. Langsam und langsam, bis sich Pfützen bildeten, die irgendwann zu kleinen Seen wurden, in denen das Gras leise ertrank. Der Schnee, der alles zudeckte, es bewahrte. Das Eis, das die Erde entzweibrach, von Rissen durchzogen, aufgesprungen an scharfen Kanten. Die Sonne, die es trocknete und die scharfen Kanten zu Waffen brannte, die das Gras erwachen lies, bis kein Tropfen mehr zu sehen war.
Christina Gumpinger
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Ausschreibung: Zweifel zwischen Zwieback
5. November 2015Ankündigungen,mosaik - ZeitschriftAusschreibung,Zweifel zwischen Zwieback,mosaik20
mosaik wird erwachsen. 20 Ausgaben werden es im kommenden Herbst sein. Wir wollen die Gelegenheit wieder nutzen und uns erneut an ein größeres Projekt wagen.
Zur Zwanzigsten Ausgabe laden wir zu einem Kurzprosa-Band ein. Wir sprengen die engen längenmäßigen Grenzen des mosaik – du darfst dich in deinen Gedanken, deiner Erzählung, deinem Text austoben. Kreativ oder klassisch, kritisierend oder komisch, verrückt oder ganz normal: Wir wollen deine Literatur. Alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt. Nur eines soll euch alle einen:
Zweifel zwischen Zwieback
Dich hat die Muse bei diesem "Thema" noch nicht geküsst? Zweifle nicht. Lass nichts zwischen dich und Ausgabe Zwanzig kommen. Zwacke dir ein Stück Zwieback ab und beginn zu schreiben. Und tu dir keinen Zwang an: der Zweifel zwischen Zwieback ist ein weites Feld, durchaus auslegbar.
Wir suchen unveröffentlichte Prosatexte aller Art zwischen 1500 und 5000 Wörtern. Eine Jury aus AutorInnen und Menschen aus dem Literaturbetrieb trifft im Anschluss unabhängig von uns und anonym die Auswahl.
schreib@mosaikzeitschrift.at | Einsendeschluss: 3.3.2016
Du suchst Inspiration? X, die Kurzprosa-Anthologie und Zehnte Ausgabe des mosaik ist 2014 erschienen und noch in Restexemplaren erhältlich.
Wir freuen uns auf eure Texte,
euer mosaik
Ausschreibung: Advent-mosaik
3. November 2015Ankündigungen,mosaik - ZeitschriftAusschreibung
24 Tage | 24 Türchen | 24 AutorInnen | 24 mal Literatur.
Dein perfekter Weg durch die Vorweihnachtszeit.
Heuer schon wieder keine Schokolade. Dafür gute Literatur, quer durch. Jeden Tag darfst du auf mosaikzeitschrift.at ein weiteres „Türchen“ aufmachen und Punsch dazu trinken und Schokolade dazu essen.
Damit das funktioniert, brauchen wir aber auch Türchen-Material. Schick uns deine Texte aller Art:
schreib@mosaikzeitschrift.at | Einsendeschluss: 25. November
Inspiration dafür kannst du dir z.B. bei den freiTEXTen oder beim letztjährigen Advent-mosaik holen.
Wir freuen uns auf eure Texte,
euer mosaik
Ausschreibung: mosaik17
1. November 2015Ankündigungen,mosaik - ZeitschriftAusschreibung,mosaik17
Liebe Freunde des mosaik,
Die Vorfreude auf mosaik16 steigt - doch es geht gleich weiter:
mosaik17 erscheint im Jänner 2016 - wenn du dabei sein möchtest, dann sende uns deinen Text bis zum 9. Dezember. Themavorgabe gibt es wie immer keine. Jener Text, der dir gerade unter den Nägeln brennt, der unbedingt veröffentlicht werden muss, ist der richtige!
schreib@mosaikzeitschrift.at
Die Einsenderichtlinen findest du hier, Inspiration für deine Einsendungen kannst du dir z.B. im neuen mosaik oder bei den freiTEXTen suchen.
Wir freuen uns auf eure Texte,
euer mosaik
freiTEXT | Hendrik Bloem
30. Oktober 2015Literatur,freiTEXTLyrik,Hendrik Bloem
Im Laufe des Mais
Ich arbeite im Laufe des Mais die Gebrauchsspuren heraus.
„Davor, wie das klingt, was ich sage, habe ich einfach keine Angst,“
ist so glatt gelogen, wie ungeleckt.
„Man kann nicht dies, das und jenes tun und dann ist man glücklich.“
Das hab ich erst spät verstanden, weil ich spreche kein Phrasisch.
Ich installier ne App fürs Wetter, weil ich den Himmel hier nicht seh.
Was heute für mich Beton ist, war für meine Großeltern
die blickdichte Gardine und die vielen Orchideen.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Das Leben ist eine Kunst, die gepflegt werden muss.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Was das Leben nicht kann, schafft die Kunst.
Stil ist keine Frage des Alters, sondern des Geschmacks.
Im Laufe des Mais erkennen wir das große Ganze nur noch im Detail.
Tshirtslogan falls sich mal jemand beschwert: Fahr da hin und hau die.
Ich denk nur noch in Tshirtslogans á la 'Fahr da hin und hau die'.
Oder wenn dich etwas stört, einen Sampleknopf zu haben,
mit nur einem Satz: „Fahr da hin und hau die.“
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Das Leben ist eine Kunst, die gepflegt werden muss.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Was das Leben nicht kann, schafft die Kunst.
Das Neue entsteht immer vor dem Hintergrund der Geschichte.
Ein ebenerdiger Balkon ist auch nur ne Mauer vorm Fenster.
Und wenn ich krank bin, geh ich in Geschäfte die ich nicht mag.
In München Stamperl, am Niederrhein Pinneken und in Bielefeld Pinnchen.
Im Laufe des Mais heißt es Schnaps- oder Kurzenglas.
In gewachsenen Labyrinthen verdurste ich erst auf dem Rückweg, also gib Gas.
Vor Lampedusa ertrinken Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa, kein Spaß.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Das Leben ist eine Kunst, die gepflegt werden muss.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Was das Leben nicht kann, schafft die Kunst.
Hendrik Bloem
freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
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freiTEXT 2014-15 als eBook
25. Oktober 2015Clemens Schittko,Magdalena Ecker,Thomas Mulitzer,Daniel Ableev,Marie Gamillscheg,Tobias Roth,Dijana Dreznjak,Marina Büttner,Veronika Aschenbrenner,Eva Löchli,Martin Piekar,Jonis Hartmann,Eva Weissensteiner,Matthias Dietrich,Eva Wimmer,Matthias Engels,Fabian Bönte,Nico Feiden,Literatur,Gerhard Steinlechner,Philipp Böhm,freiTEXT,Ingeborg Kraschl,Philipp Feman,Prosa,Jacqueline Krenka,Renate Katzer,Lyrik,Karin Seidner,Sabine F.,André Patten,Katrin Theiner,Sabine Roidl,Andrea Weiss,Kerstin Fischer,Sarah Krennbauer,Andreas Haider,Lütfiye Güzel,Satie Gaia,Christine Gnahn,Lina Mairinger,Simone Scharbert,Claudia KramlMadlin Kupko,Sven Heuchert
Ein Jahr freiTEXT ist vergangen - es wird Zeit für die große Nachlese. Die Anthologie mit allen Texten aus 52 Wochen freiTEXT ist ab sofort als kostenloser eBook-Download erhältlich.
mit Texten von Thomas Mulitzer, Tobias Roth, Andrea Weiss, Sabine F., Magdalena Ecker, Claudia Kraml, Eva Löchli, Andreas Haider, Madlin Kupko, Dijana Dreznjak, Ingeborg Kraschl, Fabian Bönte, Simone Scharbert, Renate Katzer, Jacqueline Krenka, Karin Seidner, Nico Feiden, Sabine Roidl, Sven Heuchert, Veronika Aschenbrenner, Sarah Krennbauer, Philipp Feman, Matthias Engels, Clemens Schittko, Eva Wimmer, Gerhard Steinlechner, Matthias Dietrich, Christine Gnahn, Eva Weissensteiner, Marie Gamillscheg, Satie Gaia, Lina Mairinger, Jonis Hartmann, Philipp Böhm, Lütfiye Güzel, Kerstin Fischer, André Patten, Katrin Theiner, Daniel Ableev, Marina Büttner und Martin Piekar.
freiTEXT | Markus Streichardt
23. Oktober 2015Literatur,freiTEXTProsa,Markus Streichardt
Im Plastozän
„Vor wie vielen Tagen bin ich gestrandet?“ Er lacht gequält und schüttelt gleichzeitig den Kopf. „Gestrandet, dass mir ausgerechnet dieses Wort einfällt. Absurd. Wäre ich doch an einen Strand gespült worden!“, flucht er durch die Zähne. „Die Überlebenschance wäre nicht geringer, aber das Ende gewiss erträglicher gewesen. Auf einer einsamen dafür paradiesisch schönen Insel, wie man sie sich gemeinhin vorstellt. Feiner weißer Sandstrand und 20m hohe schattenspende Kokosnusspalmen. Aber hier nichts dergleichen. Immerhin ist es bewölkt.“
Die Crewmitglieder schrien wild durcheinander und gaben Anweisungen auf Spanisch. Eine Sprache, die er kaum verstand. Jemand drückte ihm ein mechanisches Mini-Anemometer in die Hand, als wäre er ein Kind, das ein Spielzeug zur Beruhigung brauchte. Und es wirkte tatsächlich. Er starrte weniger verängstigt als fasziniert auf das immer schneller rotierende Flügelrad. Die digitale Anzeige sprang hin und her, von 47 auf 51 Knoten und zurück. Er wusste, dass 20 Knoten ca. 37 km/h entsprechen und begann umzurechnen.
Als das Anemometer 60 Knoten maß, glaubte er, jeden Moment davon zu fliegen. Stattdessen rutschte ihm der Windmesser aus der Hand und über den Boden Richtung Bug. Er stand mit einer Selbstverständlichkeit auf, als wolle er einen alten Schulfreund, der soeben zur Tür her reinkam, freudig begrüßen. Er machte keine zwei Schritte, da wurde das Boot von einer Welle emporgehoben, er verlor das Gleichgewicht, prallte mit dem Rücken gegen den Mast und fiel beim nächsten Wellenschlag kopfüber die Reling.
Als er wieder zu sich kam, lag er zusammengekauert auf einem beigefarbenen Kühlschrank. Die Kühl-Gefrier-Kombination maß genau 180 Zentimeter und entsprach seiner Körpergröße.
Er versuchte sich zu verorten, seine Position zu bestimmen, indem er verzweifelt den Kopf in alle Himmelsrichtungen drehte, ohne irgendein Fixpunkt festmachen zu können. Das Unterfangen war schier hoffnungslos allein wegen seiner Kurzsichtigkeit. Hinzukam, dass er ständig die vom Salzwasser geröteten Augen zusammenkniff. So trieb er für Stunden dahin.
„Ich hätte eher erwartet, von modernen Piraten gekidnappt zu werden.“ Er stellte sich vor, wie er den Millionenbetrag mit einem schwarzen Edding auf ein Blatt Papier schreibt, um dann vor laufender Kamera die deutsche Regierung anzuflehen, den Lösegeldforderungen nachzukommen. „Zwei oder wenigstens eine Million halte ich für angemessen.“ Er lachte.
Es zeigten sich schemenhafte Umrisse einer Art Bergspitze, zumindest ragte etwas Großes aus dem Wasser. Obwohl die Strömung ihn auf direktem Wege dorthin spülte, legte er sich auf den Bauch und begann hektisch zu paddeln. Er kam nur unwesentlich schneller vorwärts und war alsbald erschöpft. Er erschrak und fiel beinahe ins Wasser, als er sich mit der linken Hand in den Plastikringen eines Sixpacks verhedderte. Er befreite sich davon und hielt die Ringe ungläubig vor die Augen. Dann schleuderte er sie plötzlich mit einer ungeheuren Wut zurück ins Wasser. Er bemerkte nun erst, wie viel Plastikmüll um ihn herumschwamm. Neben unzähligen Plastikringen, die einstmals Bier- und Coca-Cola-Dosen zusammenhielten, tummelten sich gepresste Plastikflaschen, löchrige Plastiktüten und Plastikeimer, Kabeltrommeln sowie Zahnbürsten, Einwegrasierer und CD-Hüllen. Er zog angewidert die Hände und Füße aus dem Wasser und rieb sie trocken, als müsse er sich vor einer gefährlichen Krankheit schützen.
Der sich vor ihm auftürmende Berg war zwar eine Insel, glich jedoch vielmehr einer gigantischen Müllhalde inmitten des Nordpazifischen Ozeans. Der Strand war als solcher kaum zu erkennen, er wurde über-, geradezu verdeckt von Abermillionen kleinen und großen überwiegend aschfahlen Plastikstücken mit wenigen bunten Einsprengseln, die in der Sonne matt glänzten. Haushaltsgeräte in allen erdenklichen Größen und Formen ragten wie Pfeiler heraus. Der Kühlschrank, auf dem er saß, reihte sich perfekt ein.
Er wusste nicht, was er tun sollte. Er fingerte an der Schwimmweste, stellte die Lampe an und aus, dann stand er auf und ging an Land. Der Untergrund knirschte und quietschte unter jedem Schritt, als würde er über den Linoleumboden einer Sporthalle laufen.
Auf seinen Streifzügen kartografiert er die Insel. Er kommt auf eine Größe von knapp zehn Quadratkilometern. Im nördlichen Teil gibt es einzig ein paar abgestorbene Plamen, wobei zwei Baumstämme glücklicherweise dicht genug beieinanderstehen, an denen er eine löchrige Zeltplane aufgespannt hat. Sein Lager.
Karge Felsklippen begrenzen den Osten und den Süden und werden hin und wieder von Eissturmvögeln angeflogen. Wenn er dort verbeikommt, versucht er sie durch gezielte Steinschläge zu töten. Die Versuche scheitern jedes Mal kläglich. Der Hunger rumort in ihm, aber er ist noch nicht stark genug, um seinen Ekel vor den an kaputten Leuchtstoffröhren klebenden Rankenfußkrebsen zu überwinden. „Das Abnehmen tut mir gut, ich verfüge über genügend Fettreserven“, redet er sich ein, während er seinen salzverkrusteten Bauch streichelt.
Er ist vor allem durstig, die ganze Zeit. Er trinkt Regenwasser, das sich in Pfützen und Kanistern gesammelt hat. „Immerhin ist es bewölkt, ansonsten wäre ich vermutlich schon verdurstet oder geröstet.“
Im Westen der Insel, wo er an Land ging, konzentriert sich der Großteil des Plastikmülls, der dann vom Wind und Überschwemmungen weiter ins Innere getragen wird.
Er findet Gummihandschuhe und Gummistiefel, von denen er sich das jeweils beste Paar anzieht.
Er findet Plastikboxen mit verrubbelten Etiketten in englischer und spanischer Sprache sowie mit chinesischen und japanischen Schriftzeichen.
Er findet zerbeulte Schwimmbecken voll mit Kinderspielzeug, da drunter Elektroautos ohne Fernbedienung, Powerrangers, von denen manchen ein Arm oder der Kopf fehlt, sowie Giraffen, Elefanten, Büffel, Krokodile, Flamingos, Zebras und weitere Plastiktiere, die in Summe die Artenvielfalt des Berliner Zoos abbilden könnte.
Er findet abgelaufene Kreditkarten, Club-Karten und Bibliotheksausweise. Er kombiniert sie miteinander und bezahlt damit imaginierte Ware oder leiht Bücher aus. Er erfindet Dialoge und alberne Buchtitel wie Der alte Mann und das Plastikmeer oder Der Vierunddreißigjährige, der ohne Schweizer Taschenmesser an Board ging und verschwand. Er lacht.
Er findet ausgetragene Turnschuhe, Tetrapacks, Blechdosen, Styroporreste, mit denen er sein Lager auslegt, Reusen, an Bojen und Seilen saugende Muscheln, Lichtschalterabdeckungen, Kosmetikdöschen und –fläschchen, uralt Röhrenbildfernseher, aber auch das Gehäuse eines modernen Ultra-HD-Fernsehers. „Es ist nicht lange her“, erinnert er sich, „da stand ich selbst noch vor solch einem Modell bei Media-Markt und war äußerst verzückt von der Bildschärfe und dem Detailreichtum.“
Er findet Tausende von Handyhüllen, aber kaum Handys.
Er findet so vieles, nur einen Gefährten nicht. Keinen Freitag.
Er würde gern ein Tagebuch führen und Zeugnis ablegen. „Nur ist Papier leider Mangelware.“ Er lacht. Er lacht viel, seit er hier festsitzt.
„Warum habe ich bloß die Bootstour gebucht?“, fragt er sich immer wieder, obwohl er die Antwort weiß. Nach vier Tagen paradiesischer Eintönigkeit – bestehend aus Schnorcheln und Strandmassagen - war er auf der Suche nach etwas Abenteuer gewesen. Da kam ihm das Angebot plus 15% Rabatt für Hotelgäste gerade recht. Er unterschrieb ohne zu zögern die Verzichtserklärung.
Nachts beginnen Müll und Meer zu leuchten. Planktonorganismen steigen auf und blinken hellblau, sobald sie ausgerechnet mit dem Plastikschrott in Berührung kommen. Überall in den kleinen Buchten blitzt es permanent. Obwohl das Licht kalt ist, gibt es ihm ein Gefühl von Sicherheit. „Und das Schauspiel ist es vielleicht wert gewesen.“ Ohne das es näher zu bestimmen.
„Ich bin noch nicht tot“, murmelt er vor sich hin. Er erinnert sich an das letzte Personalgespräch. Sein Vorgesetzter hatte ihn zunächst für die geflissentliche Arbeit gelobt, um dann mehr Engagement zu fordern. Er kritisierte ihn dafür zu kritisch zu sein. Und die Personalleiterin ermunterte ihn, die strukturellen Veränderungen, die die Firma auf allen Ebenen erfasse, positiv anzunehmen und produktiv zu verwerten. Er schreit trotzig: „Ich bin am Leben.“ Er hält auch diese Aussage für verbesserungswürdig. Er schreit so laut, dass sich die Stimme überschlägt: „ichlebeichleeebeichleeeeeeeebe.“ Sein Vorgesetzter würde diese Einstellung bestimmt begrüßen und stolz auf ihn sein. Er lacht und kann nicht mehr aufhören vor Lachen.
Er entscheidet, dass er seit drei Tagen hier festsitzt. Und die Insel eine Müllhalde ist. Eine Müllhalde, die regelmäßig von Müllmännern angesteuert wird. „Es sind bestimmt ehemalige Fischer“, behauptet er mit voller Überzeugung, „die vom Fang nicht mehr ihre Familien ernähren können und nun Müll vom Festland aufs weite Meer hinaus transportieren. Sie werden bald kommen, vielleicht schon morgen, und mich dann retten. In Deutschland kommt die Müllabfuhr ja auch einmal die Woche.“
Markus Streichardt
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