freiTEXT | Sarah Buck

Frühstück

Sie sitzen am großen Esstisch in der guten Stube, Hartmut am Tischende, links von ihm Helene. Der frisch aufgebrühte Kaffee dampft aus dem gebogenen Hals der Porzellankanne, das Kuchenbrot ist aufgeschnitten. Seit dem Aufwachen – Hartmuts Schnarchen hat sie bereits vor Sonnenaufgang geweckt - quält Helene ein Schmerz in den Schläfen, dumpf, bohrend und gnadenlos in seiner Hartnäckigkeit.
Hartmuts Hand tastet sich hinter der Zeitung hervor und hält ihr seine Tasse hin. Sie schenkt ihm ein, dann schenkt sie sich selbst ein. Hinter der Zeitung hört sie es schlürfen.
„Möchtest du ein Stück vom Kuchenbrot?“, fragt sie.
„Natürlich.“ Er hebt die Zeitung soweit hoch, dass sie ihm das Brot auf den Teller legen kann.
Helene nimmt sich auch eins, bestreicht es mit Butter und der selbstgemachten Brombeermarmelade, doch dann lässt sie es auf ihrem Teller liegen. Sie blickt aus der geschlossenen Terrassentür in den Garten. Die Rosen hat sie ordentlich zurückgeschnitten letzten Herbst, sie blühen prächtig dieses Jahr. Doch die Anemonen bereiten ihr Sorgen, sie sind so zart, der letzte Regenguss ist ihnen nicht gut bekommen.
Die Zeitung knistert, Hartmut blättert um. Helene legt die Hände seitlich an ihren Kopf und massiert sich in kleinen kreisenden Bewegungen die schmerzenden Stellen. Vielleicht, denkt sie, würde es helfen, nach dem Frühstück eine Runde durch den Garten zu machen. Früher – das ist schon lange her – haben Hartmut und sie das manchmal gemeinsam gemacht. Dann hat er sie bei der Hand genommen und ihr erklärt, was er vorhatte: hier ein Teich, da die Buchsbäume, dort das Beet für Kartoffeln, Salat und Erdbeeren. Sie hat gelauscht – ihre Hand ganz klein und warm in seiner – und sich an seiner Freude erfreut.
„Wir könnten vielleicht...“, setzt sie an, doch im gleichen Moment fährt ihr ein solcher Stich in die Schläfen, dass ihre Stimme versagt.
Hinter der Zeitung: kauen, schlürfen, schlucken.
Helene starrt auf die Anemonen, mutlos lassen sie ihre Köpfe hängen, ein großer Teil ihrer Blütenblätter liegt zerstreut auf der Erde wie achtlos abgestreifte Kleidungsstücke.
Hartmut legt die Zeitung beiseite. Ganz langsam nähert sich seine gekrümmte Hand einer Fliege, die auf seinem Teller sitzt und von den Krümeln nascht. Mit einer blitzschnellen Bewegung hat er sie in der Faust gefangen. Helene zuckt zusammen, als wäre sie selbst in seine Fänge geraten. Er presst die Finger zusammen, dann schmiert er die tote Fliege in seine Serviette.
„Du hast da noch dein Brot liegen“, sagt er.
Schulmeisterlich, denkt Helene, das ist der Ton, in dem er es sagt.
„Ach ja, tatsächlich“, sagt sie.
„Ein Träumerle bist du.“ Er greift wieder nach der Zeitung.
Das Wort ärgert sie, sie weiß nicht genau warum. Sie schaut auf ihr Kuchenbrot, an dem die Brombeermarmelade seitlich hinabläuft. „Ich habe heute keinen rechten Appetit“, sagt sie.
„Ja, ja.“
„Möchtest du mein Brot essen?“
„Ist gut.“
Helene will es ihm auf den Teller geben, da sieht sie Hartmuts Serviette, die sich entfaltet hat und den Blick auf die zerquetschte Fliege freigibt – ein schwarzer Fleck auf blütenweißem Grund. Sie greift nach der Serviette, wirft einen kurzen Blick auf die Wand aus Zeitung, dann schabt sie die Fliege mit ihrem Messer von der Serviette aufs Brot. Sie schiebt es unter der Zeitung durch auf seinen Teller.
Die Geräusche, die er beim Essen macht, kommen ihr entsetzlich laut vor. Nur dieses knirschende Mahlen und das Ticken der Standuhr sind zu hören.
Dann hat er aufgegessen. Leise stößt er auf. „So!“, sagt er. „Jetzt muss ich aber.“ Hartmut faltet die Zeitung akkurat zusammen und steht auf.
Auf einmal ist Helene etwas leichter zumute. Der Schmerz hat nachgelassen und beim Anblick der Anemonen, die jetzt direkt von der Sonne angestrahlt werden, denkt sie, dass sie es vielleicht doch noch schaffen könnten. Sie wird ihnen das gefilterte Kaffeepulver aufs Beet streuen, das wird ihnen gut bekommen.
„Um zwölf bin ich wieder hier. Was gibt es zu Mittag?“
„Ich weiß noch nicht“, sagt sie. „Wir werden sehen.“

 

Sarah Buck

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | D. A. Merlin

Kontinuum

Was immer wir tun, an welchen Lebensbaum auch immer wir
unsere Lichter hängen, es kommt der Moment,
da wir zu dem werden, womit wir begonnen haben –
                                                               Regen, der eine ganze Kindheit lang
aus klarem Himmel herab fällt, ein lautes Knacken ab und an,
bei dem ich nicht anders kann als an einen Geist zu denken,
Wind auf der Straße, sein Geräusch
im Ohr, als käme es von woanders her;
                                                               Regen, der sich einen ganzen Sommer lang
im Sonnenlicht dreht,
Wellen von Winter, die durch die warme Stille des Sommers fahren,
leere schattige Zimmer, die vor etwas warnen,
was außerhalb der Reichweite ist,
                                                               uns aber immer wieder streift.

Was immer wir tun, das womit wir begonnen haben,
                                                               schimmert irgendwann in der Dunkelheit,
an deren Oberfläche wir bleiben, in Wärme und Tageslicht,
Sommernacht im Zimmer wie in einer dunklen Zelle,
das Tier, das ich immer noch weit draußen vermute,
entgegen aller Wahrscheinlichkeit, und mir wünsche,
wie dieses namenlose Tier im Geheimen verschollen zu sein.
Als ich glaubte, ich hätte über das Verschwinden nachgedacht,
war es meine Angst, die mich aus ihren Verstecken betrachtete:
                                          Ein kühler Schatten, der auf meiner Kindheit liegt,
ein schwindelerregender Strudel,
ein freier Fall unter schwarze Blätter vom Abend zur Nacht.
Die Verkleidungen der Kindheit, in ihren eigenen Nähten ruhend,
                                                   die mein Herz auftrennen, ein wenig mehr jeden Tag.

Was immer wir tun, das Leben zieht sich von uns zurück,
und ein Sommer beginnt dem anderen zu ähneln:
                                                                                         Ein Himmel wie Wasser,
Wälder in ihrem schweren, angeschwollenen Grün,
niedergedrückte blaue Welt, voller Sanftheit und Kummer,
Sonnenlicht nicht ganz wie eine glänzende Folie auf den Wiesen,
nicht ganz wie leuchtender Staub, aber fast so auf allen Dingen;
Himmelsblau, das uns nicht rettet, selbst wenn etwas
in den verschiedenen Tönen von Hell und Dunkel mich immer noch
an Rettung denken lässt, eine Bewegung am blauen Rand der Welt,
die unscharf bleibt, etwas, das nicht wirklich ein Aufleuchten ist,
aber wie eine Geschichte von Aufleuchten,
                                                                           die wir über einen fernen Sommer erzählen,
etwas, das nicht wirklich der Schatten eines Tieres ist,
aber sein Durchs-Licht-Huschen, wenn man weit genug gegangen ist,
eine dumpfe Eintrübung, die das Sichtbare läutert,
ein scharf konturierter Schatten, der das Verborgene läutert,
eine Kinderzeichnung, die darauf wartet, endlich wirklich zu werden,
aber vielleicht nie Wirklichkeit wird; die Jahre

                                                                                           zugleich entblößt wie verdunkelt.
Kein Ende, das wir festlegen könnten, nichts, was mit einem Schlag
zerfällt. Keine flüchtig erblickte Erlösung.
Alles einseitig und ohne Antwort.
Alles erstaunlich schwer zu erinnern und zu vergessen.

Meine Angst hat sich nie geändert, meine Frage hat sich nie geändert,
immerzu der schwarze Engel, der in meiner Kehle schläft,
immerzu die Zunge aus Staub, die geteilt in bleichen Fenstern hängt.
Ein Leben der Ränder, Weiß des Auges,
                                                                         geschwärzt von Zeit.
Weiß des Himmels wie feiner Sand, gebleicht von Zeit,
zugleich trüb wie kristallklar für einen Augenblick,

                                                                                                         dann überhaupt nichts mehr.
Wie die Wahrheiten, denen wir untreu werden, wenn wir versuchen,
sie zu erfassen. Erinnerungen wie Schläge aus der Ferne,
wogegen auch immer der Wind sie schlägt und schlägt.
Dieser Spätsommer verlässt seinen Kokon aus Wärme
und geht seiner Arbeit nach, was immer seine Arbeit ist.
Was wir unausgesprochen lassen, ist wie die gefallenen Blätter der letzten Nacht,
vereinzelte kühle Flammen im wieder grünen schattigen Gras,
die etwas lichten und lüften in uns, was immer es ist.
So oder so, nichts von diesen Dingen kümmert sich um uns,
Eins mit einem namenlosen Ganzen
                                                        dessen, was nicht gewusst werden kann
Und zu dem wir nicht zurückkehren können,
Eins mit dem Unfertigen,
                                             das wir nicht loslassen können.

 

D. A. Merlin

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Joyce Shintani

Stiller gegen Abend

Schon wieder: dieser feuchte Geruch. Regen auf dem Asphalt. Noch kühl. Frühling.
Dieses Frühjahr ist es mir endlich gelungen, ein Vogelhäuschen aufzuhängen. Ein Meisenpaar ist eingezogen. Gegen Abend, wenn alles leiser wird, höre ich das aufgeregte Fiepen der Jungvögel. Sie verlangen nach Insekten! Die Körner, die ich gestreut habe, bleiben unbeachtet liegen. Verschmäht.
Hinter dem Häuschen steht eine Eiche, deren frische, hellgrüne Blätter im leichten Wind flattern. Zur anderen Seite breitet eine Kastanie ihren Schatten aus – vor Wochen noch leuchtend in Purpurblüten, nun Teil des grünen Mosaiks vorm Fenster.
Ich bin in Bayern. Ein einst königlicher Kurort in den Voralpen – erstaunlich, wie viel Glanz hiergeblieben ist. Mein neues Zuhause.
Nicht der Ort, an dem ich mir meinen zweiundsiebzigsten Frühling vorgestellt hatte.
Der Mann verließ mich. Meine besten Jahre, würde ich sagen. Ein guter Mann, den ich liebte. Solide Karriere. Und ich besaß die Hälfte der Wohnung. Die Hälfte! Nie hätte ich so weit zu träumen gewagt. Als meine Mutter starb, steckte ich ihr kleines Erbe in die Renovierung dieser Wohnung im Schwabenland. Schwarzer Stein in der Küche. Schubladen und Schränke, die sich bei Berührung öffneten – seidig, lautlos. Ein eingelassener Aufschnittapparat. Ein Hocker in der Ecke – mein Studienplatz für Rezepte. Luxus wie in den besten AirBnBs, die ich online bewundert, aber nie gebucht hatte. Und das Bad – eine Regenbogen-Glasdusche. Eine Wanne mit Düsen, mit Blasen. Und eine altersgerechte Glastür zum Ein- und Aussteigen. Himmel auf Erden!
Dann der Bruch. Plötzlich wollte er weg. Ganz klar. Ich blieb allein – im goldenen Käfig.
Was blieb mir übrig? Er ging.
Nach anderthalb Jahren hielt ich es nicht mehr aus. Zweiundzwanzig Ehejahre hingen an den Dingen… Die Weingläser – unsere Reisen. Die Sofaecke – seine Krümel. Das leere Kissen neben mir – für immer sein Geruch. Das war er.
Ich blieb. Verschmäht.
Die Wohnung: ausgehöhlt.
Kein neues Kapitel dort. Nicht mal auf Tinder.
Also Hamburg. So weit wie möglich weg. Erinnerungen abtöten! So viel Fremde, so viel Abstand zwischen mir und dem Herd, dass ich mich nie wieder erinnern müsste.
Ich erinnerte mich.
Hamburg ist eine großartige Stadt. Endlich wieder am Wasser, nach vierzig Jahren Mitteleuropa-Käfig. Doch ich war eingeschlossen in einem Loch. Direkt an der Elbe, in einem kompakten Backsteinbau, einst Kühllager für Nordatlantikfisch. Jetzt ein Sterbeort: Demente, Verwirrte, Verstummte… alles gut Betuchte.
„Wie zur Hölle bin ich hier gelandet?“, fragte ich mich. „Wenigstens wieder am Wasser“, redete ich mir zu. „Wie früher. Wie in Long Beach.“
Die kalten Fische in Hamburg hatten mich bis auf die Knochen durchfroren. Ich musste weg.
Ein neuer Mann. Ein Plan. Wien!
Wien – und ein musikalisch-literarischer Salon. „Du wärst die ideale Gastgeberin! Junge Talente, neue Musik, Lesungen… stell dir das nur vor!“, sagte er.
Ich stellte es mir vor.
Die Donau, das Theater, die Musik… Ich kannte Wien. Ich hatte dort gelebt, gearbeitet. Und jetzt: ein Salon! Wer könnte da Nein sagen?
Doch konnte ich diesem Mann trauen, der mir Wien versprach?
Was blieb mir? Was bleibt uns? Wie oft kann man neu anfangen? Können wir wandern? Wie diese schwarzen Punkte am Himmel – hin und zurück und wieder hin?
Erstaunlich – während ich dies schreibe, wird das Zwitschern der hungrigen Jungvögel draußen immer lauter, nur zwei oder drei Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Neue Klangmuster!
Bald fliegen sie. Vielleicht sehe ich’s.
Also planten wir. Packten. Zogen um. Der neue Mann und ich. Ein Kraftakt.
Aber die Stadt war der Lohn. Die Wohnung, die er ausgesucht hatte… Gründerzeit, hohe Decken, weiße Wände mit Stuckverzierung. Auf Zehenspitzen trugen die Möbelpacker seinen Steinway drei Stockwerke hinauf.
Erster Salon: ein junger deutscher Pianist. Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninow. Dann unsere Freundin aus Berlin: Tangos, Chansons. Im Herbst eine Poesielesung mit Musik. Ich nahm Gesangsunterricht, sang zu Weihnachten Händels Messiah in der Peterskirche! Wien war Himmel.
Dann kam der Winter. Die Musik fror ein.
Der Mann, der mich hergebracht hatte, verstummte. Etwas in ihm zerbrach. Wir fanden keine Reparatur. Er klagte.
Erschöpft verlor auch ich die Stimme.
Erinnerungen heulten in mir auf.
Zwischen uns lag ein sibirischer Streifen.
Dann der Alkohol. Und zersplitterndes Glas als Klangkulisse.

Hier in Bayern fällt das Licht. Es ist still. Der Geruch von frischer Nässe ist verflogen. Die Meisen haben aufgehört zu fiepen. Haben sie bekommen, was sie brauchten?

Es kam anders als geplant.
Ich sitze meistens nur.
Auch ich – stiller gegen Abend.

 

Joyce Shintani

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Lea Matusiak

superbomber

du fährst mir einen panzer vor die tür
fahre ich dir einen panzer vor die tür
irgendwo sprengst du ein haus darin
eine familie, ein kind, eine oma, ein leben
eine frau die war schwanger die stirbt
aber es passiert nicht nur hier es
passiert überall
es trifft die dächer aus blech, es trifft die demokratie
was bleibt ist die frage was bleibt und
was halt gibt
was wir brauchen ist halt, ist menschlich sein
und menschlichkeit
was ich brauche ist ein superbomber
und einen triftigen grund

 

Lea Matusiak

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Moritz Grohs

Firma Eckelt

Mutti verschaffte mir einen Ferialjob in der Firma Eckelt.
Ich war wenig begeistert über die Aussicht, die nächsten Wochen dem Proletariat anzugehören, und dann auch noch in Steyr festzuhängen.
Am Morgen meines ersten Arbeitstags führte Mutti mich mit dem Auto hinauf auf den Resthof zur Firma Eckelt. Vermutlich hatte sie die Befürchtung, dass ich sonst meinen Dienst schwänzen würde.
Ich stand orientierungslos in einer riesigen Fabrikhalle, in der es ohrenbetäubend laut war. Endlich kam jemand, um mir zu zeigen, was ich zu arbeiten hatte.
Meine erste Tätigkeit bestand darin, kleine quadratische Korkblättchen zwischen aneinander gelehnte Glasscheiben zu kleben, damit die Scheiben nicht aneinander kratzten.
Ich gab mir Mühe, alle mir aufgetragenen Arbeiten zur Zufriedenheit der Chefs zu erledigen.

Die Stimmung, die herrschte, wenn ich durch das Steyrdorf, den Schnallenberg hinauf und dann über den Tabor der Frühschicht entgegenschritt, mochte ich gerne. Es war zu der frühen Stunde noch so friedlich und still überall. Gleichzeitig war ich jedoch unangenehm nervös.

Einer meiner Kollegen nahm mich zu Beginn meines Jobs ein bisschen unter seine Fittiche, da wir einander als ehemalige Schüler des BRG Steyr erkannt hatten.
Er war sehr nett zu mir und bot mir sogar einmal an, mich mit seinem Auto nach der Schicht nach Hause zu bringen.
Allmählich verlor er jedoch das Interesse an mir.

Ich mochte es, wenn die zweite Schicht um 22 Uhr zu Ende ging und ich kurz darauf die Fabrikhalle verließ. Ich war geschafft von der schweren Arbeit, meine Haut juckte vom Glasstaub und meine Füße fühlten sich ganz leicht an, weil ich gerade den schweren Arbeitsschuhen entstiegen war. Die Nacht war lau und friedlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas geschafft hatte. Mir fielen die zwei Worte ein, die auf dem Sockel des Werndl-Denkmals am Ende der Promenade stehen: „Arbeit ehrt“.

Ich hatte große Mühe, mit den Leuten um mich zu kommunizieren; in den Pausen saß ich also meistens schweigend und lesend im Pausenkammerl, während die anderen ihre immergleichen Gespräche über Autos, nackte Frauen und gelegentlich auch über Sauftouren führten.

Der Typ, der mit mir bei dem riesigen Ofen arbeitete, in dem die Glasscheiben gehärtet wurden, war meistens übernächtig und voller Restalk, wenn er zur Frühschicht auftauchte.
Allmählich kristallisierte sich heraus, dass er mich nicht leiden konnte.
Immer deutlicher wurde ich zum Außenseiter.

Der besoffene Typ war mit einem Hubwagen voller Glasscheiben unterwegs und rammte einen anderen Wagen voller Glasscheiben, der da herumgestanden hatte. Es gab einen lauten Knall und dann bedeckte ein Meer von Glasscherben den Boden, die der stille Jugoslawe dann wegkehren musste.

Es herrschte eine enorme Hitze in der Fabrikhalle.
Allmählich ging der Nachmittag in den Abend über.
Wir waren damit beschäftigt, Wagen voller schwerer Glasscheiben auf den Platz vor der Halle zu schieben, damit sie dort in LKWs verladen werden konnten.
Ich schob, so fest ich konnte. Mir rann der Schweiß in Bächen runter.

Schon nach kurzer Zeit war mir ganz klar, dass ich es in der Firma Eckelt nicht mochte.
Alle Augenblicke warf ich einen dezenten Blick auf die Uhr, die sich in der Anzeige des riesigen Ofens befand und war dann immer recht enttäuscht darüber, wie elends langsam die Zeit hier drinnen in der Halle verging.
Ich nahm einen hastigen Zug von meiner Zigarette und wartete darauf, dass die nächste Glasscheibe anrollte, damit ich sie mit meinem Kollegen auf einen Wagen wuchten konnte. Und dann wiederum die nächste und die nächste.

Man tadelte mich, weil ich jeden Tag ein paar Minuten zu spät zur Schicht erschien.

Ich wurde regelrecht verzweifelt darüber, dass ich in der Firma Eckelt arbeiten musste.
Ich unternahm zaghafte Versuche, mir einen Finger zu brechen, damit ich nicht mehr arbeiten musste, aber es gelang mir nicht.

Mein saufender Arbeitskollege hasste mich regelrecht. Er drangsalierte mich, so gut er es vermochte.
Von den allermeisten der anderen Kollegen konnte ich keine Hilfe erwarten. Niemand sprach auch nur ein Wort mit mir. Der Typ mit den Wikinger-Tattoos, der jeden Tag nach der Schicht auf seinem Motorrad davonbrauste, tat, als wäre ich gar nicht existent. Die zwei Bosnier, die die Statur von Bären hatten, unterhielten sich mit lauten, tiefen Stimmen in ihrer Muttersprache miteinander, und beachteten mich auch nicht weiter.

Es war der totale Wahnsinn für mich und gelegentlich weinte ich in der Fabrikhalle still und leise vor mich hin.

Wir waren lebende Roboter, die von morgens bis abends Glas schleppten, bei ohrenbetäubendem Lärm eingeschlossen in einer glühend heißen Fabrikhalle.
Ich konnte nicht verstehen, wie die Leute so ein Leben zu ertragen imstande waren und zu ertragen gewillt waren.

Ein kleiner Mann aus Sarajewo, der aussah wie Diego Maradona, begann, sich hin und wieder mit mir zu unterhalten.
Mehrmals gab er mir den Rat, dass ich unbedingt meine Matura nachholen müsse, damit mir ein Leben in Fabrikhallen erspart bliebe.

 

Moritz Grohs

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Andreas Köllner

Das unperfekte Gedicht

Der Perfektionist sitzt freudig noch in seinem Zimmer –
Er schrieb gerade ein Gedicht.
Doch merkt er schnell, ganz so wie immer:
Zufrieden bleibt er damit nicht.

Ein Vers zu viel, ein Wort zu wenig.
Und reimt sich das denn gut auf König?
Ein reiner Reim ist ihm zuwider,
Unrein reimen mag er lieber.

Und Zeilensprünge, wie an dieser
Stelle hier – das ist sein Hochgenuss!
Aber lange währt der Hochgenießer
Nicht in jenem Augenblick – der Schluss

Macht ihm doch sehr zu schaffen,
Weil noch der Anfang ihm den Kopf zerbricht.
Perfektionismus lässt dich scheinbar alles besser machen,
Nur damit fertig werden nicht.

 

Andreas Köllner

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Melissa Redeker

die ex-geherin

heute vor einem jahr entschied ich mich, meinem freund fremdzugehen. fremd mit einem anderen. die fremdheit des anderen hat mich fasziniert, mich angesteckt, mich in den bann gezogen. ist in mich eingezogen. nun ist die fremde ein teil vom ich. nun bin die fremde ich und träume vom wegziehen, vom weiterziehen. ich träume vom umzug in eine fremde stadt. die fremdheit des ich mit der fremdheit der welt tarnen. ja, ganz eins werden lassen – verschmelzen, verschmolzen. fremd und fremd gesellt sich gern. wir wissen. wir verdrängen das. wir verfremden unsere erinnerung.
pinterest 2014: zwei menschen küssen sich schwarz-weiß, einer mit sonnenbrille. darauf drei schwarze balken, weiße schrift – nicht sicher, ob den kuss störend oder den kuss rahmend:
we all
start as
strangers.
wir alle beginnen als fremde. wir alle begegnen der fremde. freunde und fremde – dazwischen nicht viel oder alles. der fremde, dem kuss mit einem freund störend oder rahmend bedeutung geben? das fremdgehen dem kuss mit meinem ex-freund störend oder rahmend bedeutung gebend? seit dem fremdgehen fühle ich mich fremd. gehe mit mir um, wie mit einer fremden – nicht wie mit einer freundin. gehe fremde wege, höre fremde lieder, treffe fremde menschen – und auf fremde gedanken. in meinem kopf – visionen, illusionen, inspirationen – einer fremden. befremdlich. vielstimmige versionen einer fremden, die in meine fremde welt passt. ich charakterisiere die fremde. ich kultiviere die fremde. ich identifiziere mich mit der fremden, die mir aus dem spiegel entgegenblickt: das bin ich. die fremdgeherin. die ex-freundin. nehme die fremde zur freundin. werde zur ex-geherin, denn ich möchte bleiben – verändert und fremd – aber bei mir.

 

Melissa Redeker

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Felicia Aparicio Lukaßowitz

große städte III

meine erinnerungen an die große stadt verblassen
doch nicht der geruch nach staub
nach frischem brot und üppigen gärten
und den abgasen alter limousinen

mich zerreisst fast der blick auf die häuser
über hügel verstreut wie granatsplitter
alles strotzt vor dreck, aber es ist warm
und in den einkaufszentren spiegelt sich die sonne

wir wandeln, die köpfe im nacken
die glaswände der hochhäuser stürzen
über uns zusammen. vor uns das meer so dunkel
die stadt in unserem rücken glänzt

mich birgt die wärme der aprilnacht
die haschischgeschwängerte brise des meeres
das späte februarlied, das schmutzige katzen
durch stahlträgergestützte kriegsruinen schreien

eine frau sitzt am boden, daneben
zwei schlafende kinder, die gesichter
verdunkelt von staub und salzluft
ihre herkunft ist in den wirren des krieges
zu einem schimpfwort geworden

die nacht überzieht der flaum grüner mandeln
und in alhamra entkleiden sich die restaurants
tische gleiten zur seite, lampen werden gedimmt
schon schmiegen sich raucher an die nackten fassaden
und tanzen trinkend über klebrige böden
im gedämpften licht liegt noch der schwere geruch
nach fettigem essen und schweiß

 

Felicia Aparicio Lukaßowitz

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiTEXT | Petra Hochwimmer

Fischaugenlicht

Das Licht brach an den Lamellen der Jalousie. Der eine Strahl zeichnete sich direkt auf Annas Gesicht ab, hob den dunklen Fleck ihrer rechten unteren Kinnseite hervor, der andere, etwas in Schieflage geraten, verlor sich unter den Rollen des rostbraunen Nachttisches. Jedes Mal, wenn ich die Tür zum Zimmer 223 öffnete, strömte mir derselbe Geruch in die Nase: eine Mischung aus zu dick aufgetragener Nivea und Blumenwasser, das zu lange von niemandem mehr getauscht worden war. Der Geruch kroch in die Fasern meiner Kleider, kroch weiter in meine abgestorbenen Hautschuppen hinein, die immer wieder abfielen beim routinierten Anlegen der blauen Einweghandschuhe.

Anna saß an diesem Morgen aufrecht im Bett. Und jedes Mal, wenn Anna lächelte, drückten ihre Mosaikwangen aus winzig roten Adern ihre Brille etwas nach oben, sodass man die schon dünn gewordenen Augenbrauen kaum noch erkennen konnte. „Heute ist ein guter Tag“, sagte Anna, und noch bevor ich nach dem Warum fragen konnte, fuhr sie fort: „Keine Angst vor dem Aufwachen.“ Das monotone Massieren ihrer Füße war eine Übersprungshandlung, das wusste ich. Doch ich wollte das Verschwinden von Annas Lächeln um jeden Preis verhindern. Zögerlich stieg Anna schließlich ein auf meinen Ablenkungsversuch, sprach nicht mehr von der Angst, die unter ihrer Haut lauerte und jede Nacht an einer anderen Stelle ausbrechen wollte, es aber nie schaffte, weil man sich auf die Wirkung des Sedativums wirklich verlassen konnte.

„Hast du schon einmal Fische beim Sterben beobachtet?“ Annas Frage riss mich aus meinen Gedanken. „Warum sollte man Fischen beim Sterben zuschauen?“, entgegnete ich vielleicht etwas zu forsch, weil ich nicht gerne sprach über den Tod. Letztens war die Pumpe für die Sauerstoffzufuhr im Aquarium ausgefallen. Im Wasser gab es schon bald keine Luftbläschen mehr, die Fische mit ihren viel zu großen Augen wurden panisch. Schuppen sanken langsam auf den Grund, wurden wieder aufgewirbelt, von den ums Überleben kämpfenden Fischen. Das Aquarium glich einer Schneekugel, die einmal zu oft geschüttelt worden war. Ein rotes Licht am Aquariumsdeckel fing an, hastig zu blinken, ein schriller Ton schwoll an, klang ab wie eine längst vergessene Sirene. Irgendwann gaben sie auf, die Fische, oder ihr Herz-Kreislauf-System wurde einfach schwach, das wusste Anna nicht so genau, und dann drehten sie sich auf den Rücken. Sie trieben im stillgewordenen Wasser umher, und manchmal stießen ihre Körper lautlos aneinander. Als die Pumpe wieder funktionierte, strömte plötzlich zu viel Sauerstoff in das Wasser. Es schien, als hätte jemand die Schneekugel auf den Kopf gedreht. Die Lampe hörte auf zu blinken. Der Sirenenton verklang im leer gewordenen Speisesaal. Manche Fische drehten ihren Bauch wieder Richtung Grund, andere trieben regungslos weiter. Eine milchige Glasur legte sich über ihre Augen, eine wie jene, die man von pinken Punschkrapferln kennt, nur eben weiß.

Es war so still im Zimmer, ich konnte das kratzige Surren der Notfallglocke hören. „Vielleicht fühlt sich Sterben genau so an“, sagte Anna leise und beobachtete die Luftbläschen im Wasserbehälter ihres Sauerstoffgeräts.

Irgendwann trafen sich unsere Blicke. Doch nur Anna lächelte sanft, zog die Nasenbrille ihres Sauerstoffschlauchs etwas enger, spürte das glatte Plastik zwischen ihren Fingern ihre Haut aufreiben. Ich hingegen schwieg immer noch. Der Tod war meine Arbeit. Er war omnipräsent, durch nichts relativierbar. Doch als ich Annas ozeanblaue Augen am Sauerstoffbehälter haften sah, fühlte ich mich plötzlich selbst wie ein Fisch, in luftleeren Weiten treibend.

Auch der Zeiger der Uhr tickte an diesem Tag anders. Jedes Ticken dehnte sich zu einem langen Echo aus, das durch den in einem Daffodilton gestrichenen Gang spazierte, bis es vom Fensterglas umarmt und nie mehr losgelassen wurde. Ich wusste, ich hatte heute viel zu lange gebraucht für Annas Morgenroutine. Ich wusste, dass diese Zeit verstrichen und in keinem Zimmer mehr aufzuholen war. Und trotzdem stand ich regungslos vor der Uhr, folgte jedem Wink des Zeigers, spürte ein Zucken in meiner linken Hand. Wie gerne ich zurückgewunken hätte. Aber es blieb nur eine sanfte Erregung meiner müd gewordenen Gliedmaßen. Ein schwacher Versuch des Loslösens, ein Trost, der überhaupt keiner war.

Nur spärlich drang der schrille Ton zu mir vor. Er war gedämpft, so, als trüge man Kopfhörer, die einem nie gepasst hatten. Das hektische Blinken der Warnleuchte zentrierte sich zu einem winzigen Punkt vor meinen Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde versagte mein Körper. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was zu tun war in einem solchen Moment. Auf der Anzeige stand keine Zimmernummer. Jemand im Aufenthaltsraum musste den Alarm ausgelöst haben. Ich sah zu Anna. Anna, die ihre Finger in den Tisch krallte, nach Luft rang. Ihre Stricknadeln waren auf den Boden gefallen. Anna bekam keine Luft, dachte ich. Und endlich schaffte ich es, zu tun, was ich so oft simulieren musste in der Ausbildung. Ich drehte den Sauerstoff zwei Stufen nach oben und nahm Annas Hand. „Ich bin jetzt da“, flüsterte ich. Aber ich wusste nicht, ob ich Anna oder nur mich selbst davon überzeugen wollte. Anna drückte meine Hand etwas zu fest, doch sie atmete ruhiger, bekam wieder Luft, und schon bald machte sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht bemerkbar. Die Mosaikwangen drückten die Brille wie gewohnt nach oben.

An diesem Abend saß ich viel zu lange an Annas Bett, konnte nicht aufhören, ihren Atem kontrollieren zu wollen. Ich wusste von Annas COPD-Erkrankung. Ich wusste, dass diese Anfälle dem Krankheitsbild entsprachen. Ich wusste aber auch, dass Annas Lunge irgendwann nicht mehr stark genug sein würde, diese Krämpfe, dieses Zusammenziehen der Lungenflügel auszuhalten. Und plötzlich musste ich an die toten Fische denken. Ich hörte die Luftbläschen im Sauerstoffbehälter brodeln. Ich hörte die Stille, die an diesem Abend viel zu laut war im Zimmer 223.

Ein letztes Mal sah ich zu Anna hinüber. Das Mondlicht linderte das Rot ihrer Mosaikwangen, ließ ihr Gesicht fahler aussehen. Und als ich lange nach Dienstschluss die Eingangstür des Pflegeheims öffnete, glaubte ich für einen kurzen Moment, den modrigen Duft von Wasser wahrzunehmen, dem der Sauerstoff fehlt. Ich blickte zu Annas Fenster hoch. Es war geschlossen. Und das Licht schon lange gelöscht.

 

Petra Hochwimmer

 

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

freiVERS | Lukas Leinweber

German Windows

der Ausblick auf den Morgen hält sich
im Rahmen, beschert zwei schwarze Finger
hinterlässt nur Abdrücke auf der Bettwäsche
sicher hinter Panzerglas hausen die Gedanken
Scheiben ohne Öffnungszeiten nirgendwo
die Stimmung kippt mit dem Ausschütteln
bei sperrangelweit fand sich komischerweise
nichts vom Schwalbenschwärmen im Gesetz
Gewitter flattert unterm Lampenschein jetzt
ein Aufriss um nichts, die Vorstellung
vom Windzug unterkühlt
Steinwürfe nach dem Glück sind
versicherungspflichtige Schadensangelegenheiten
gebrochene Ansichten werden von Lastern transportiert
der Handel mit ideologischen Brillen floriert
ein gläsernes Geschäft

 

Lukas Leinweber

 

freiVERS ist unser Wort zum Sonntag.
Du hast auch einen freiVERS für uns?
schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>