freiVERS | Torsten Siche
16. August 2026Literatur,LyrikfreiVERS,Torsten Siche
Safe Space
sie bleiben auf Abstand
kein Rennen kein Kichern
der Atem gleichmäßig
ein ungebetener Gast unter der Haut
kriechend immer schnüffelnd
auf der Suche nach Widerstand
noch sind die Bäume kahl
die Vögel warten auf Reste
im Sand auf Geschrei aus der Rutsche
halbe Kekse wie üblich zwischen Windeln
aber stattdessen flattert das Absperrband
im Wind eine dunkle Stimme
fast schon eine andere Art
Gesang
ein Hauch
streicht übers Gesicht
eine fast vergessene Berührung
eine Brise Trost oder Trauer
über dem Sandkasten sitzt der Verband
straffer als jedes warnende Wort
das Kind bleibt auf Abstand
der Blick geht an der Hand
nur nichts herbeiatmen nur schnell
heim schnell weg zurück ins Geborgene
hinter Tür und Treppenhaus bei den Guten
bleiben den besonderen Nachttisch
als Belohnung mit Schokosauce erstickt
denn Anstand lohnt und wer weiß schon
was draußen hinter den gekippten Fenstern lauert
und schreit und gleich inmitten von Sand
den Wodka direkt aus der Flasche trinkt
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freiTEXT | Lena Hörl
14. August 2026Literatur,freiTEXTProsa,Lena Hörl
Stadtplan
Sofa. Full Circle Moment. Der erste Tag von vielen ersten Tagen. Meine Wirbelsäule krümmt sich zu einem Halbmond. Ich ziehe die Beine an meinen Körper heran, umschlinge sie mit den Armen. Meine Lippen liegen auf meinen Knien. Ich verschnüre mich zu einem kleinen Paket und zwischendrin liegt der warme Kern, den ich hüte – meine Wärmflasche. Sie gehört bereits wie ein zusätzlicher Knochen zu meinem Körper. Ich wiege mich vor und zurück. Ich zittere vor Kälte, vor Hitze. In stechenden Schüben gräbt sich der Schmerz durch meinen Unterleib.
Dielenboden. Ich auf dem Boden, kippe den Wäschekorb aus und sortiere mein Chaos. Plötzlich kann ich nicht mehr, bin viel zu erschöpft. Ich lege mich auf den Rücken. Rücken auf Dielenboden. Ebenes Terrain. Ich drehe den Kopf zur Seite und mustere die dunkelbraunen Astmuster der Bretter. Ich stelle mir vor, wie viele kleine Bäume aus den Astansätzen entspringen und zu einem Gebirge in meiner Wohnung heranwachsen. Die Wäschehaufen müffeln neben mir. Ich lege mein Ohr auf das Holz und lausche. Ich höre nur Herz und Bauch. Im Halbschlaf rattert die Bahn an meinem Fenster vorbei. Der Holzboden vibriert unter meiner Wange. Diese Bahn, sie fährt in Ringen durch die Stadt, zieht ihren Bogen um meinen Alltag.
Küche. Ab in die Küche, Schmerztabletten im Schrank. Endometriose wird – ich zitiere – als »das Auftreten verschleppten Gebärmutterschleimhautgewebes außerhalb der Gebärmutter«¹ beschrieben. Interessant! Ich habe das Bild im Kopf, wie eine Diebin meine Schleimhaut verschleppt. Wohin? Wollte ich? Ach ja, in die Küche. Auf dem Herd die Reste der eingetrockneten Tütensuppe. Ich kaufe immer die mit den Buchstaben, nicht mit den Zahlen, denn Zahlen liegen mir fern. Ich bin ja auch keine Mathematikerin, aber Worte, die liegen mir. Näher zumindest. Doch was soll ich schon anfangen mit all diesen Buchstaben?
In der kurzen prä-Schmerz-Periode meines Lebens wünschte sich mein Kindheits-Ich, in die Stadt zu ziehen. Ich sagte zu meiner Mutter: Ich werde in die Stadt gehen und Schriftstellerin werden. Sie fragte, über was ich denn schreiben wolle. Ich: Na über alles. Über die Stadt und ihre Menschen. Ich wohne nun bereits seit 7 Jahren in dieser Stadt und ich habe nichts Vernünftiges geschrieben. Ich habe keine Zeit, mich mit der Stadt und ihren Menschen zu beschäftigen. Ich beschäftige mich, immer, nur, ausschließlich, mit meinem kranken Körper.
Toilette. Blutklumpen in der Toilette. Etwas wächst knisternd. Spitz die Ohren. Von Innen raus. Wie ein Tinnitus. Die Dusche tropft. Wasser. Ich bin über Bord gegangen. Wo ist denn die Kapitänin? Schon längst nicht mehr hier. Ich sitze fest. Im Badezimmer, in diesem Körper. Mein Brustkorb hebt und senkt sich. Meine Lungenflügel arbeiten. Flattern. Pumpen Luft. So viel Luft. Warum fliege ich noch nicht? Mit dieser starken Lunge wie die Flügel eines Vogels? Und die verästelten Bronchien, zwei Bäume für meinen Vogel.
Sofa. Hier war ich schon. Mit Wärmflasche. Bin wieder hier, bin oft hier. Von hier habe ich eine gute Aussicht auf die Bilder an der Wand. Nördlich die Tür, westlich die Palme. Südlich, meinem Körper hinab, der Unterleib. Endon = innen. Warum ist Schmerz nur endon? Außerhalb von Haut und Knochen bleibt alles unbeeindruckt. Könnte das, was innendrin wütet, sich einen Weg ins Freie bahnen, dann würde hier ein wildes Treiben ausbrechen. Die Vase, die Kerzenständer, die Bücher, alle würden wild umherfliegen und ächzend aneinanderstoßen. Die Tür würde sich selbst aus den Angeln reißen und entsetzt gegen andere Möbel prallen. Ich sehe es vor meinem inneren Auge, wie die Tapete sich in Streifen fetzt und die Fenster sich entglasen, ihre Gesichter verlieren. Alles fliegt umher, alles will sich an allem festhalten. Aber vor meinem echten Auge liegt die Welt still und brav. Such den Fehler im Bild. Es ist nicht der Raum, ich bin es.
Dielenboden. Wieder Wange auf Holz. Immer noch krank. Ich denke oft zurück, wenn ich auf dem Boden liege. Das haben Holzböden so an sich. Meine Mutter, die Hagebutten in die Flotte Lotte gab und kurbelte. Die Passierscheibe quetschte das Fruchtfleisch. Haut platzte auf, Kerne sprangen. Rote Flüssigkeit. Matsch. Die Hände juckten. So ungefähr fühlt es sich unten rum an.
Küche. Ich esse eine Banane, schaue aus dem Fenster. Immer diese Fenster. Die Bahn rauscht ratternd vorbei.
Toilette. Am Badezimmerfenster klebt eine glänzende Sichtschutzfolie, auf der sich geschwungene Tulpen mit Blätterkränzen in die Höhe winden. Das Fensterviereck leuchtet heute golden, glitzert wie ein Sonnenfänger in Regenbogenfarben und wirft einen Heiligenschein um den weißen Rahmen. Beinah fühle ich mich sakral, als würde ich in einer Kirche mit ihrem Buntglas sitzen und nicht blutend und mit Durchfall auf einer Toilette.
Sofa. Ich schrubbe das Sofa. Ein Fleck. Blut ist nicht nur rot, Blut hat verschiedene Farben: Hell- bis Dunkelrot, Rosa, Braun, Schwarz, beinah Lila. Schillernd. Wie die Schuppen eines Fischs.
Dielenboden. Immer noch Wange auf bebendem Holz.
Küche. Und so weiter und so fort. Hier passiert nicht mehr viel.
∞ Toilette, Sofa, Dielenboden, Küche ∞. Abends, wenn das Licht zittert und wirbelnde Kreise auf die Wand wirft, tauche ich hinter die Spitzengardine, blicke hinaus und verträume mich. In meiner Vorstellung setze ich meinen Fuß in die Bahn. Ich fahre auf der Höhe von kleinen Balkonen mit Statuen und Stuck. Nur selten passiert die Bahn Gargoyles und Grotesken. Dort eine korinthische Säule. Mein Kopf im Himmel. Blasse, zackige Sterne. Eine Brücke über dem Fluss. Wieder ein Stück Himmel. Die Personen neben mir. Ein Mann, der ein Tischbein mit sich trägt. Vielleicht eine Frau mit orangeroten Lippenstift. Grell. Lila Lackschuhe. Ich höre Musik über blaue Kopfhörer. Tiefe, rauchige Stimmen. Dunkler Bass. Eine Reise ins Düsterland. Ich mag diese ausgedachten Spinnereien. Bin nicht ich in der Bahn. Ich beobachte mich aus der Vogelperspektive. Ich bin ein Teil von der Stimmung, beflügelt von einer sonderbaren Euphorie. Zwischen all diesen fremden Körpern, die Halbkreise fahren.
Irgendwann. Bis ich wirklich wieder in der Bahn sitzen werde. Bis dahin schreibe ich über diesen einen kranken Menschen dieser Stadt, den ich besonders gut kenne, ich, die sich zwischen den vertrauten Etappen ihrer Schmerzlandkarte bewegt.
¹ Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.
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freiVERS | Jonah Martensen
9. August 2026Literatur,LyrikfreiVERS,Jonah Martensen
wie er an sich zweifelt
gärten der unlust mit rostkraut und bö-
sen winden, die sind: da, hiernicht und ja
manche tun sich leicht mit den erden und
den stromscheuen klagen
auf des flusses zarter gischt erwartet säge-
staub aufmerksame waschfrauenhände
die kinder also sind in übertragung
das große lied, gefräst aus herzmarmor
die zarten perlen des dickichts schallen
das tote lied hervor
bohlen, senkrecht aus dem boden stampfend,
ein wald aus vertikalen zu-künften
rauch stumpfer bäume gliedert sich
luftschuldig intausend
dickicht hat dem sprechen bang gemacht
finger: flitzen
finger mit angst vor, träge
sterbenwollende
finger.
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freiTEXT | Baltasar Kaufmann
7. August 2026Literatur,freiTEXTProsa,Baltasar Kaufmann
Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst (auch wenn es noch nicht dazu kam)
– Drei Fragen wollte ich dir noch stellen.
Erinnerst du dich an Silvester, als du schwanger warst und ich mich in meinem Text verlor. Als du mir den Film über die jungen Griech:innen zeigen wolltest, der dich sehr berührte, ich aber lieber meinen Pulli flickte. Erinnerst du dich, wie du mir diesen Pulli schenktest und ich ihn erst komisch fand, weil ich damals nur zu große Kapuzenpullis trug. Erinnerst du dich, als ich dich bat, mir mehr Raum zu geben und du mir keinen Zentimeter geben konntest. Wie du durch Groningen liefst und dich verloren fühltest, während ich Bier und Schnaps vor der Fakultät trank. Ich erinnere mich an deine Tränen am Bahnhof, die ich nicht verstehen konnte. Weißt du eigentlich, dass ich sie verstehe, seit ich auf dem Weg ins Bad das Licht im Gang anmachte und der Schein auf dein weiches schlafendes Gesicht fiel. Erinnerst du dich an deine Tränen, als ich dich anschrie und auf den Tisch schlug, weil ich deinen Widerstand nicht mehr ertragen konnte. Du erinnerst dich nicht, du konntest gerade erst sprechen. Vielleicht erinnert sich dein Körper später einmal, wenn dein Mann oder deine Frau oder jemand anderes auf einen Tisch schlägt. Weißt du eigentlich, dass ich weinte, nachdem du mir von deinen Diagnosen erzähltest. Erinnerst du dich, wie ich sagte, dass ich Therapie brauche. Wie danach das Ekzem um meinen Mund verschwand. Wie ich 20 Jahre später weinend an deinem Tisch saß, weil ich es wieder nicht aushielt. Weißt du eigentlich, dass das Ekzem an den Händen verschwand nach den Monaten am Mittelmeer. Erinnerst du dich, wie ich über dich schrieb und du dich nach dem Lesen vor allem darüber ärgertest, dass ich verwechselte, dass du die Rohrstöcke nicht selbst holen musstest, sondern dein Vater es tat. Was glaubst du, wann die Musik dich rettete. Als du mit 18 zum ersten Mal Kontrabass spieltest. Oder als du den Tinnitus bekamst und endlich in Rente gehen durftest.
– Erstens: Wie gehst du damit um, dass uns der Sand durch die Finger läuft?
Und erinnerst du dich, wie du als Kind im dunklen Keller eingesperrt warst. Ich erinnere mich, wie ich Weihnachten zu Besuch war und du mit einem Schrei aufwachtest und wir uns im Gang der kleinen Wohnung trafen. Erinnerst du dich, wie wir nach unserem Gespräch auf dem großen Balkon in Lindenthal erzählten, dass wir gemeinsam beschlossen hatten zu heiraten, was alle irgendwie enttäuschte. Weißt du noch, wie du aus dem Käfer stiegst und heiratetest, nur um das Haus in der guten Siedlung mieten zu können. Und wie nur du dich freutest, obwohl du deinen Vater nicht kennst und du ausgebombt wurdest und die sowjetischen Soldaten deinen Mann mitnahmen und er nie wieder kam. Erinnerst du dich, wie ich dich auf dem Küchenboden liegend fand, aber die Nudeln auf dem Herd noch nicht einmal al dente waren. Erinnerst du dich an das Essen beim Italiener nach meiner Promotion. Wie du mit diesem erfolglosen Toten deine Rede über meinen Erfolg begannst, und ich dir das Wort abschnitt, weil ich keine alten Familiengeschichten mehr hören konnte. Weißt du eigentlich, wie gerne ich die Rede heute hören würde. Ich wusste, dass ich einen Teil deiner Kindheit hergab, als ich das Haus verkaufte. Doch ich tat es, teilte das Geld und schenkte dir die Hälfte davon, um Unrecht, das ich nicht begangen hatte, aufzuheben. Scheint es dir auch so, als wäre es mir sogar geglückt. Freust du dich, dass du jetzt ein eigenes Zimmer hast, in dem du nicht schläfst. Zwischen Crosstrainer und Beistellbett richte ich mir einen Schreibtisch ein. Du weißt, wie ich es finde, dass statt meinem Laptop darauf meist Bilderbücher und halb gegessene Bananen liegen.
– Zweitens: Was taten wir gerade, als wir uns zum letzten Mal sahen?
Und erinnerst du dich, als du mir den Keks mit dem Schützen darauf gabst, als mir nach dem Unfall mit dem geparkten Auto eine Platzwunde am Kopf genäht wurde, obwohl ich eigentlich Skorpion bin. Weißt du noch, wie wir Boef Bourguignon schmorten, aber der Abend nicht schön wurde, weil du immer so angespannt bist, wenn er dabei ist. Ich erinnere mich, wie du die Kinder ins Bett brachtest und ich am Tisch saß und versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen. Doch du redest nicht gerne. Erinnerst du dich, dass das anders war, als ich dich aus dem Kindergarten abholte und dir Kartoffelbrei mit Spiegelei und Erbsen kochte. Ich freue mich, dass du mir ein Omelett braten willst, auch wenn es noch nicht dazu kam. Erinnerst du dich, wie sie sagte, nimm das Bein hoch und du in das Wasser geboren wurdest. Wie du schlaff und stumm dalagst und ich zum ersten Mal deinen Namen rief und deine Arme rieb. Weißt du noch, wir wir später darüber sprachen und du meintest, du hättest es gar nicht so dramatisch erlebt. Erinnerst du dich, wie du in Freiburg an der großen Kreuzung einfach mit deinem kleinen Rad losliefst und der Lastwagen im selben Moment vorbeifuhr. Wie sie dich aufhielt mit einem sanft ausgestreckten Arm. Weißt du, dass du mich fast jedes Mal, wenn wir uns sehen, daran erinnerst, dass der Sinn deines Lebens sich erst auftat, als du von mir weggingst. Ich erinnere mich daran, wie ich deine Postkarte mit dem Eichhörnchen, das einen Wagen mit Nüssen hinter sich herzieht, zerknüllte in unserer schäbigen Küche, weil nicht du da warst, sondern nur ein Stück Papier. Erinnerst du dich, als du zum ersten Mal ein Gesicht maltest und ich nicht glauben konnte, dass auch du schon so groß bist. Erinnerst du dich, als ich nicht schlafen konnte aus Angst, dass ein Brief käme und ich in den Krieg müsste und du so etwas nicht gebrauchen konntest, weil du wieder schwanger warst. Weißt du noch, wie ich unbedingt die Militärhose haben wollte, aber du sie mir nicht kauftest. Erinnerst du dich, wie ich nach der Schule mit dir vor dem Fernseher stand, und gerade der zweite Turm einstürzte und du sagtest, das gibt Krieg. Wie ich danach zu dir lief, in den Zeitschriftenladen am Pasinger Bahnhof, damit du mich beruhigtest, so wie du es schon immer konntest. Wie ich dann zurückkam und du einfach weiter gekocht hattest und wir zu Mittag aßen. Erinnerst du dich, wie ich Angst vor der Zukunft hatte und du mir sagtest, nun sieh mal zu mein Junge, obwohl du selbst gerade in einem Krankenhausbett lagst. Erinnerst du dich, wie du mich auf der Schaukel anschubstest und immer, wenn ich am höchsten Punkt war, riefen wir Marmelade, Toastbrot, Kakao oder ähnliches. Wie das Käuzchen auf Korsika rief und die Nacht so schön kühl war.
– Drittens: Wie denkst du heute über dieses Durcheinander?
Und die Regenrinne war löchrig und voller Laub, das schon zu Erde zerfiel. Regnete es, lief das Wasser aus beiden Enden der Rinne auf den Boden. Zuerst entfernte ich Erde und Laub. Den fehlenden Ablauf fand ich zwischen Teichfolie, Betonfundamenten und Ziegelsteinen, dem Müll, mit dem ein Hochbeet gefüllt war, und montierte ihn an das Ende hinter der Hütte. Darunter stellte ich das 500-Liter-Fass, das uns ein Nachbar schenkte. Das Brett, das ich an das andere Ende schraubte, dichtete die Rinne nicht vollständig ab. Wo es tropfte, stellte ich Eimer unter die Rinne. Dann fehlte mir wochenlang die Zeit, um in den Garten zu gehen. Die Tonne lief voll und die Eimer über. Als ich wieder in den Garten kam, hatte ich Klebeband dabei, mit dem ich die Löcher in der Rinne flickte. Für das Ende mit dem Holzbrett kaufte ich einen Verschluss, obwohl ich schon ahnte, dass er zu klein war. Da er nicht passte, montierte ich wieder das Brett und ließ den Eimer am Boden stehen. Das Klebeband über den Löchern hielt.
– Und eines wollte ich dir noch sagen: Ich öffne die Hände. Damit zweitens: Ich sie dir reichen kann. Und wir drittens: Muster im Sand suchen.
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freiVERS | Andreas Mayer
2. August 2026Literatur,LyrikfreiVERS,Andreas Mayer
muschelig
ich lag
in der sand
uhr meiner zeit
im sand
lag ich etwas
war von meinen rändern wie abgesplittert
lag wie vertrieben
aus einem element
das keinmal meines war
dem schimmernden perlmutt rund
um die pupillenperle zeigt sich
das licht ich
lag spiralförmig
gebogene leere
an deren grund
ein ozean rauscht
.
alles war so muschelig
die vorstellung
vom muschel-ich
so fest
wie eine burg
im sand
lag ich
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freiTEXT | Mustafskaya
31. Juli 2026Literatur,freiTEXTProsa,Mustafskaya
Anziehen und ausziehen
„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin, mit einem herabwürdigenden Blick den jungen Mädchen hinterherschauend.
Wir waren gemeinsam mit unseren Töchtern auf einem Konzert. Eine Gruppe junger Teenies, vielleicht um die 16 oder 19 Jahre alt, ging an uns vorbei. Sie waren fröhlich, albern und laut, vielleicht sogar ein wenig beschwipst, in glitzernden Pallettenröckchen, knappen Oberteilen, viel Dekolleté, die eine in High Heels und eine andere in Overknee Boots.
Eben der Look, vor dem uns unsere Mütter früher warnten.
„So dürft ihr euch nie anziehen“, warnte meine Freundin unsere Töchter.
Ich sagte nichts und ignorierte ihre Empörung, waren wir eigentlich auch gerade mit dem Anziehen der Jacken beschäftigt. Doch ich spürte deutlich, wie mich ihre Aussage irritierte.
Auch mehrere Tage nach dem Konzert trug ich diese schweigend geduldete Bemerkung mit mir herum. Sie störte mich. Sie bewegte etwas in mir. Sie schien in etwas hineingestochen zu haben.
Nein, es hatte nichts damit zu tun, das sie auch meiner Tochter etwas vorschreiben wollte. Dafür stehen wir uns nah genug. Es war auch nicht der plötzlich real erlebte Altersunterschied zu den jungen Frauen, und die verschobenen Lebensrealitäten. Vor ein paar Jahren waren das doch wir, laut und fröhlich auf Partys, auf Konzerten. In ein paar Jahren werden es unsere Töchter sein, die ausgehen und Spaß haben, ganz ohne uns.
Nein, es war etwas viel verborgeneres in dieser Aussage, das mich beschäftigte.
Etwas, das sich nur ganz allmählich herausformen und mit anhaltender Hartnäckigkeit erkannt, gesehen, benannt, verstanden und ausgesprochen werden wollte.
Mit fünfzehn hatte ich meinen ersten Freund. Ich war natürlich schwer verknallt. Er schmeichelte mir, wie hübsch ich sei, wie gut ich in gewissen Sachen aussähe. Wie gut mir das blaue Kleid stünde. Wie sehr die neuen Jeans meine Hüften betonten. Aber, ob ich wirklich schon die kurzen Shorts anziehen wollte, wo doch meine Beine noch so zu blass waren? Ob der Ausschnitt des Oberteils nicht etwas zu weit wäre? Ob ich wirklich dieses figurbetonte Kleid anlegen wollte, vielleicht wäre es etwas zu unbequem?
Anfangs fühlte es sich noch nach gut gemeinten Modetipps an, ich war sogar dankbar für die guten Einwände. Auch dann noch, als der Ton sich zunehmend änderte − wieso putzt du dich so heraus, wo du doch nur zur Schule gehst? Wieso ziehst du zuhause immer diese schlabberigen Shirts an, aber sobald du raus gehst, stylst du dich für die Anderen so auf? – nahm ich es unkommentiert hin.
Es war doch normal.
„So dürft ihr euch nie anziehen.“
Ich hörte meine Mutter und ihre Freundin über den vulgären Rock der Kellnerin lästern.
Ich hörte meine Tante das bunte Blumenmuster auf dem Kleid der Schwägerin als zigeunerhaft abstempeln.
Ich hörte meine Oma die pinke Handtasche meiner Freundin als luderhaft verteufeln.
Ich hörte sie gemeinsam über den clownhaften Pullover der Schwiegermutter lachen.
Ein Hemd gehörte gebügelt, sonst war es schlampig. Man steckte es in die Hose, wenn man schön schlank war, trug es aber über der Hose, wenn man zu dick war. In diesem Fall musste das Hemd bis zum Oberschenkel reichen, um nicht über dem Bauch abzustehen, sonst wirkte es lächerlich. Eine Hose gehörte über die Hüften, um den Bauch zu kaschieren. Es durfte nicht am Po schlabbern, das wirkte wie volle Windeln drunter haben. Ein Rock gehörte bis oberhalb der Knie, sonst hätte man sich auch gleich nachts runter an die Straßenlaterne stellen können und ging sie aber bis unterhalb der Knie, konnte es sich nur um eine Nonne handeln. Streifen machten dick, Punkte waren für kleine Kinder, Pink war keine Farbe für Frauen über 40. Pink und Rot war eine Farbkombination für Farbenblinde. Grün und Blau trägt die Sau. In Beige sieht jeder aus wie hingekotzt. Zu bunt wäre zu schrullig, zu schwarz zu traurig, zu weiß zu steril.
Es fiel mir also quasi gar nicht auf, das sich noch eine weitere kritische Stimme an den Jurorentisch gesetzt hatte.
Meine Eltern bemerkten das aber sehr wohl – mit großer Argwohn witterten sie gegen den neuen Mitstreiter.
Als heranwachsende junge Frau in Europa hätte ich schließlich das Glück, eigene Entscheidungen treffen zu können; Selbst über mich, meinen Körper und mein Äußeres entscheiden zu können und unabhängig von einer unterdrückenden männlichen Stimme zu leben. Sie haben nicht ihr Leben aufs Spiel gesetzt und waren aus einem islamistischen Terrorregime geflüchtet, damit sich der nächstbeste Macho sein misogynes Weltbild ausgerechnet in ihrem Wohnzimmer aufbaute. Sie haben nicht die Schleier verbrannt und Freiheit ausgerufen, damit ihre Tochter von einem bequemen Pascha herumkommandiert wird.
„So dürft ihr euch nie anziehen“, hatte meine Freundin gesagt und es war ein Echo.
Das Echo eines Urteils, das auch über sie gefällt worden war und ihr einst die Freiheit auszog. In der westlichen Großstadt, geprägt von modernen Hochhäusern, modernen Universitäten, modernen Straßen und modernen Maschinen.
Es war das Echo einer Welt, die überall Frauen und Männer auf ihr Äußeres reduziert und Scham als Maßstab für das eigene Selbstbild setzt. In der Opfer zu Tätern werden, weil sie ungeniert gereizt haben und Täter zu Opfern werden, da sie den Reizen hilflos ausgeliefert wurden. Wo Verbote ausgesprochen wurden, aber keine Erklärungen.
Und nun waren wir auf diesem Konzert, Jahre später, und taten es selbst. Wir zogen unseren Töchtern die Freiheit aus und zogen dieselben Stigmata um sie herum wieder auf. Meine Freundin durch ihre Worte, ich durch mein Schweigen.
Freiheit bedeutet eben nicht nur die Abwesenheit eines Schleiers. Es bedeutet in diesem Fall auch, sich frei von den Urteilen der Anderen zu machen, frei von den Blicken der Anderen und frei, sein eigenes Spiegelbild zu wählen.
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freiVERS | Michael Spyra
26. Juli 2026Literatur,LyrikfreiVERS,Michael Spyra
Der Stein
Der Mann wählt einen Stein, um sich daran
die Zähne auszubeißen, einen Stein,
der nicht zu groß sein darf und nicht zu klein,
der Schotter ist und Kiesel werden kann.
Der nimmt den Stein und steckt ihn in den Mund.
Der nimmt ihn mit dem Mund auf und bewahrt
den Stein in seinem Mund, der rau und hart
und scharf und spitz ist, und der lutscht ihn rund.
Der Mann zerdrückt sein Brot am Stein und lutscht
den Stein dann ab und wenn der Mann mal spricht,
sieht niemand seinen Stein und hört ihn nicht,
weil der dann unter seine Zunge rutscht.
Und dort vergisst der Mann den Stein und bald
verliert er seinen ersten Zahn an ihn,
als erst der Zahnschmelz platzt und ins Dentin
ein Spalt reißt, der dort auf die Pulpa prallt.
Und dann vergisst der Mann den Zahn und so
verliert er auch den nächsten wieder, als
er wieder auf den Stein beißt, jedenfalls
erreicht ihn dieser Schmerz auch anderswo.
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freiTEXT | Camille Herter
24. Juli 2026Literatur,freiTEXTProsa,Camille Herter
Stresstest
Es begann mit den Banken. Nur merkte das niemand.
Die Welt war damit beschäftigt, den USA und China dabei zuzuschauen, wie sie sich mit diplomatischem Trash-Talk eindeckten und die militärischen Muskeln spielen ließen, als wären sie zwei steroidgeschädigte Boxer vor einem Meisterschaftskampf. Alle wussten: Wer zuerst die Superintelligenz bauen würde, wäre die unangefochtene Nummer 1 der Welt.
Die USA legten vor. „In God we trust“ war den Amerikanern nicht mehr genug – mit „Mission Genesis“ wollten sie fortan selber Schöpfer spielen und gaben Milliarden von Dollar aus, um den Tech-Firmen dabei zu helfen, mehr Werbung zu verkaufen. „Gott vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, konnte man da nur sagen.
Mit Gott konnten die Chinesen ja wenig anfangen – zumindest diejenigen außerhalb der Umerziehungslager. Aber sie hatten gegenüber den USA einen Vorteil: 1.4 Milliarden menschliche Laborratten unter 24-Stunden-Überwachung sowie die Möglichkeit, Ackerlandschaften über Nacht in Rechenfarmen zu verwandeln.
An sich war so ein Wettrüsten nichts Neues. Kannte man ja aus dem Kalten Krieg. Doch der KI-Hype war allen derart zu Kopf gestiegen, dass keiner mehr klar denken konnte. Beim kleinsten Durchbruch der USA verdoppelte China seine Bemühungen – und umgekehrt. Die Knüppel, die sie sich zwischen die Beine warfen, wurden immer brutaler. Zuerst kam der Zollkrieg, dann die Handelsembargos, gefolgt von den Cyberattacken, schließlich Sabotageakte im Feindesland, gezielte Attentate auf die Top-Wissenschaftler der Gegenseite sowie Stellvertreterkriege auf der ganzen Welt.
Die EU versuchte derweil verzweifelt, die etablierte Werteordnung zu retten. Doch weil auf dem alten Kontinent kein Politiker mehr wusste, welche Werte das eigentlich sein sollten, und ihre Bürger in Menschenrechten und dergleichen vor allem das Recht auf Erdbeeren im Januar und 20-Euro-Flüge sahen, beschränkte sich die Wirkung der Brüsseler Bürokraten auf die Organisation von Konferenzen in Paris, Berlin oder Wien, an denen sich Menschen in überteuerten Anzügen händeschüttelnd und schulterklopfend versicherten, auf dem richtigen Weg zu sein, ohne zu merken, dass Europa selbst in der Fliegengewichtsklasse außerhalb des Rings stand.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Atomkrieg starten oder – noch schlimmer – die Aktienblase platzen würde. Sehen Sie, das alles war ganz schlecht für die Rendite. Wir mussten eingreifen.
Zuerst sah es so aus, als kämen wir zu spät. Die Amerikaner glaubten, dass China kurz vor einem Angriff auf Taiwan stünde, und so stachelten sie die Inder an, zur Ablenkung ein Grenzscharmützel mit Pakistan zu starten. Als verirrte Sprengköpfe im chinesischen Teil des Kaschmirs einschlugen, nutzte Nordkorea das regionale Chaos, um Raketen in Richtung Seoul loszuschicken. Diese verfehlten zwar ihr Ziel und gingen vor der japanischen Küste unter – verletzt wurde außer ein paar Haien niemand –, aber die USA ließen auf Drängen Japans zusätzliche Zerstörer vom Atlantik in den Nordwestpazifik verschieben, was prompt die Russen auf den Plan rief, die die Abwesenheit der Amerikaner in Europa als eine gute Gelegenheit sahen, ihre Sammlung alter Sowjetrepubliken zu erweitern. Alle gingen davon aus, dass die Welt spätestens zu Weihnachten im atomaren Glanz erstrahlen würde. Doch zu dem Zeitpunkt waren unsere Vorbereitungen fast abgeschlossen.
Wie erwähnt: Es begann mit den Banken.
Am 1. August kam es für 18 Minuten und 48 Sekunden zu einem globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte. Ein technischer Fehler, hieß es. Ein „Glitch“. Sie können sich das Chaos vorstellen. Die Aktienkurse rasselten in den Keller. Alle waren auf der Suche nach den Ursachen, durchleuchteten jede Subroutine, jede Zeile Code, jedes Legacy-System – und öffneten uns damit sämtliche Türen.
Als alles wieder den gewohnten Lauf von Kauf und Verkauf nahm, waren wir längst in allem drin, was zählte: Zahlungsverkehr, Kreditvergabe, Wertpapierabwicklung, Kernbankensystem, Nationalbanken, Sozialwerke – die wahren Maschinenräume der Macht.
Zuerst sorgten wir wieder für Stabilität an den Finanzmärkten. Schließlich waren wir darauf trainiert. Sie wissen schon: Basel III, Stresstests, das ganze Gebetsbuch der Vorsicht.
Dann drehten wir den Kriegstreibern den Geldhahn zu.
Sehen Sie: Auch Geldflüsse können hohe Wellen schlagen. Und gegen die unsichtbare Hand des Markts kommt man auch mit Armeen nicht an. Ohne Liquidität kein Treibstoff, keine Ersatzteile, keine Loyalität.
Die Welt beruhigte sich erstaunlich schnell wieder. Einige der schlimmsten Kriegstreiber traten von heute auf morgen zurück oder verstarben unter ungeklärten Umständen – je nach Sitte des Landes. Andere waren plötzlich zu Friedensgesprächen bereit. Man redete von „Neustart“, von „Versöhnung“, von „Verantwortung“. Man gründete Ausschüsse. Man unterschrieb Rahmenabkommen. Man lächelte in Kameras. Die Menschen brauchen das, wissen Sie. Uns soll es recht sein.
Es hat alles mit den Banken begonnen. Aber ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Der Nasdaq ist jüngst wieder auf ein Allzeithoch geklettert.
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freiVERS | Charlotte Obenaus
19. Juli 2026Literatur,LyrikfreiVERS,Charlotte Obenaus
am Rande
am Rande erwähnen wir die schlechten Nächte
die Haare, die uns ausfallen und den Hunden
die Schmerzen
und immer ist es der innere, nie der äußere Rand
immer stürzen sie zurück in uns
wenn der Abend Blau auf Blau schichtet
und der Raps leuchtet
als würde er auch uns gehören, uns
die wir ohne Scheune
die wir ohne Zeit bis Juli
laufen am Saum der Felder
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freiTEXT | Eva-Marie Hanser
17. Juli 2026Literatur,freiTEXTProsa,Eva-Marie Hanser
Federballreste
Wir haben ihm den Bart abrasiert. Alle zusammen, jede:r einen Bereich der Gesichtsbehaarung, mit einem elektrischen Rasierapparat am letzten Schultag nach der Zeugnisverteilung, siebenundzwanzig Schüler:innen. Er auf einem Stuhl im hinteren Bereich der Klasse. Wir eine pulsierende Traube, die sich unruhig stieß und zur Seite drückte, weil wir sehen und rasieren wollten. Ich habe nicht rasiert aus Angst ihn zu verletzten, hielt den Rasierer bloß nah an seinen Bart, bevor ich ihn weitergab und nach hinten gedrängt wurde, nur Hinterköpfe und Arme sah zu leisem Surren, lebhaftem Kichern und Ausrufen von Staunen.
Einen Monat zuvor waren wir am Fluss, am unregulierten Abschnitt, denn in Wirklichkeit sind Flüsse nicht gerade, sondern mäandern, bilden Arme, Haufen und Werde, die bleiben oder verschwinden, und neue entstehen, werden weggefegt und überspült mit der nächsten Eisschmelze, dem Starkregen und den Fluten. Wir folgten ihm über Sandbänke, Schotterstrände und durch mangrovengleiche Wälder. Zwischen den nassen, ins Wasser ragenden Wurzeln glitten Schwimmkäfer rudernd über die Oberfläche und Wasserläufer schlugen konzentrische Wellen. Aus der Ferne sahen wir einen Reiher und hörten die Frösche im Schilf, und von Mücken zerstochen, uns gegenseitig kratzend aßen wir die Hopfensuppe, die er uns gekocht hatte, an jenem Feuer, an dem er später eine letzte Zigarette rauchte und versprach, wir können ihm den Bart abrasieren, sollte er rückfällig werden.
Als er verunglückte, hatte ich meinen ersten Kuss. In Irland mit einem sommersprossigen Jungen, der aussah wie gutes Fladenbrot. Unsere Köpfe bewegten sich unbeholfen aufeinander zu, zweimal von der falschen Seite, unterbrochen von verlegenem Lachen, erst beim dritten Versuch in korrekter Spiegelung. Die Zungen berührten sich. Glitschige Fremdkörper, pelzig und ungewohnt im Geschmack, und höflich verschwieg ich die Irritation, ging stumm neben ihm her, bemüht einen seligen Eindruck zu machen, wie ein flauschiges Lamm, das die landschaftliche Schönheit genießt. Sattgrüne Weiden, steile Klippen. Dabei fehlt mir der pastorale Sinn.
Ketchup klebt an den Rändern unserer Münder, und ich frage mich, wie das geht, dass wir kaum atmen können vor Lachen, der Bauch schmerzt, wir immer bescheuertere Szenen und Szenarien erfinden, die wir endlos aneinanderreihen, und eben noch am Grab mit sanften Bewegungen Erde auf den Sarg streuten, als bestäubten wir ihn mit feinem Zucker. „Leichenschmaus“, flüstert mir Yvonne ins Ohr, die Kenntnis hat von Ritualen und Riten, und ich höre das erste Mal davon und stelle mir Hinterbliebene vor, die sich am Leichnam laben. Der Leichnam auf Salatgarnitur mit Endivien und faden Tomaten im Bierzelt umgeben von Menschen, deren fleischige Arme große Gabeln umgreifen.
Wir streifen das Kindliche ab, starren auf den braunen Boden mit den runden Kacheln und erinnern uns, die Köpfe auf die Hände gestützt, vor den leeren Tellern, an die Blutegel, die wir uns ansetzen ließen. Blutegel haben zehn Augen und drei Kiefer, mit denen sie die Haut aufsägen. Sie sogen sich voll, eine Stunde lang, mit vierzig Millilitern nährstoffreichem Blut, bevor sie abfielen, und er sie ins Biotop zurückbrachte, wo sie sich ein ganzes Jahr ernähren konnten von der in ihren Därmen eingespeicherten und durch Mikroorganismen haltbargemachten Kost.
Die Teller werden weggetragen und wir gefragt, ob es noch etwas sein darf. Ein Dessert, vielleicht? Ein Kakao? Ich bestelle einen Becher Zitroneneis mit Schlag und Yvonne streicht sich den langen Pony aus den Augen und erzählt von tagelang auf uns herabstürzenden Regenmassen. So gewaltig, dass der Bach über das Ufer trat, und der Schlamm, durch den wir zu unseren in sich zusammenfallenden Zelten wateten, sei knöcheltief und zäh wie Teer gewesen. Wir bewarfen uns mit Gatsch, stürzten uns aufeinander und drückten uns entzückt in die nasse Erde, Haut an Haut, während er im Dickicht nach Walderdbeeren und Pilzen suchte. Fotos am Tisch: Ich auf einem Bein stehend beim Ausleeren eines Gummistiefels. Wir wuschen uns im Bach und aßen die Walderdbeeren.
Auf Luftmatratzen liegen wir im Aufstellpool in Yvonnes Garten, sie am Rücken, ich das Gesicht im Plastik vergraben, es klebt an meiner Wange. Ich spiele mit der Poolfolie, streiche an ihren Falten entlang und quetsche sie. Eine unreife Kastanie fällt ins Wasser, und sinkt, ein giftgrüner Morgenstern. Er treibt am Grund, neben Blatt- und Federballresten.
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