freiVERS | Alexander Köffel
mia homs imma gsogt
net mit die fremdn redn
ob und zua hob i schon
grüßgott und so
oba amol wor i allan daham
lei i und die kotz
do leitets
i moch die tia auf
gonz nervös
mit a poor euro in da hond
steht a dicke liabe fremde vor da tia
i bin die brotfrau
vom berg oba
i bring eich des brot
is die mutti do
na
oba i bin do
jo
des sig i
sogt sie
und locht
und gibt ma
des brot
wos noch worm is
und a horte krustn hot
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freiTEXT | Heike Pichler
Inga und das Nass
Sie dreht sich um. Sie lacht. Ihr T-Shirt klebt an ihrem nassen Busen. Ein guter Trick. Ich zwinkere ihr zu. Gut gemacht. Das hast du gut gemacht. Flüstere ich. Ich öffne die Augen wieder. Sie ist weg.
Ich gehe hinaus. Es ist mir egal. Es regnet. Das ist mir auch egal. Ich bleibe nicht stehen, um den Regen auf meiner Haut zu spüren. Um zu spüren, wie es mir die nassen Haare an die Kopfhaut klatscht. Ich bin ja nicht Inga und ich weiß ja, dass Regen nass ist.
Ich sagte doch, es ist mir egal!
Ich wische mir nicht die nassen, angeklatschten Haare aus dem Gesicht. Ich lasse mein Gesicht verschwinden. Verschwind.En.
Inga sagt, sie hat einen Joker, aber sie spielt ihn nicht. Noch nicht.
„Ich habe einen Joker, aber ich spiele ihn nicht.“ Ich sehe, wie sie mich schelmisch angrinst. Sie will schelmisch sein, aber ich durchschaue sie.
„Noch nicht.“
Ich glaube ihr das mit dem Joker nicht. Ich weiß, dass sie will, dass ich sie frage, was der Joker ist.
„Was ist der Joker, den du hast?“
Jetzt ist sie tot und sie spürt den Regen nicht mehr auf ihrer Haut. Ich weiß nicht, wie sie die Haare im Sarg hatte. Oder was sie anhatte. Ich bin nicht hingegangen.
Ich sehe den Bus kommen und kurz vergesse ich, nicht zu spüren und der Regentropfen läuft mir über mein Gesicht und er läuft über meinen Hals. Unter meine Jacke. Unter meine Haut und ich höre, wie sie schreit, meine Haut, und meine Härchen stehen und zittern. Ich steige in den Bus. Setze mich auf einen freien Platz und es ist wieder egal. Kein Spüren. Kein Regen. K.Ein Wort.
Inga liegt bei mir. Haut an Haut. Ich versuche ihre Haut zu hören. Dazu lege ich mein Ohr auf ihren Bauch. Ihre Haut ist sehr viel weicher als meine und ihr Bauch geht auf und ab. „Inga“, flüstere ich in ihren Bauch hinein und sie lacht mich aus. „Was ist der Joker, den du hast?“
Der Bus fährt los. Bleibt stehen. So wie Busse das für gewöhnlich machen. Jemand setzt sich auf den Platz neben mir. Ich sehe Inga draußen zwischen den Blättern tanzen. Der Wind hebt sie hoch. Sie war schon immer klein und dünn. Der Wind hebt sie hoch, wirbelt sie mit den Blättern herum. Sie lacht. Sie lacht so fröhlich. Ich wische mit der Hand über das beschlagene Fenster. Das Nass ist kalt auf meiner Hand. Meine Hand hält inne. Bleibt am Fenster kleben. Spricht mit dem Nass. Dann erschrickt sie und wischt sich in meine Hose. K.Ein Nass. K.Eine Inga.
Inga reckt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Sie riecht an dem Wasser, das herunterfällt. Es rinnt an ihr hinunter. Ihr T-Shirt klebt an ihren Brüsten und mein Gehirn knipst ein Foto. Ing.A. Sie dreht sich um zu mir und blickt mich ernst an. Ihre Augen fixieren mich. Ich bewege mich nicht. Ich warte. „Sie haben nein gesagt“, sagt sie.
Ich höre Fragen in meinem Kopf.
Und jetzt?
Werden sie dir weh tun?
Was wirst du tun?
Kannst du leben, dort?
Was wird aus uns?
Es ist schwer, die Fragen festzuhalten, aber sie dürfen nicht hinaus. Nicht zu Inga. K.Eine Antwort. Das Wasser läuft über mein Gesicht. Inga tanzt und singt irgendetwas auf russisch. Fragen können laut schreien und gleichzeitig kann alles stumm sein und in einem großen Vakuum dröhnen.
Ich steige aus dem Bus aus.
Ich rieche an Ingas Haut, die nackt an meiner Haut liegt. Es gibt keinen Joker, denke ich. Keinen für ein Wir. Keinen für ein Uns. U.Ns. Die Angst frisst sich in meine Gedärme. Wie Maden wühlt sie in mir herum.
Was wird aus deiner Haut, dort?
Wird dort auch das Nass an dir hinunterlaufen?
Wessen Gehirn wird dort Fotos knipsen?
Und was wird er damit machen?
Ich sperre den Kopf ein. Ist ein Mensch egal? L.Egal. Wie viele Milliarden Menschen gibt es? Wie viele davon sind egal? Wie viele nicht?
Ingas Joker sind die Maden. Das ahne ich. Ich spüre sie, wie sie sich durch meine Haut fressen, hinein in meine Innereien. Überall beißen sie Löcher.
Ich stehe im Regen. Das Wasser läuft an mir hinunter. Inga tanzt in der Luft, wirbelt mit den Blättern. Niemand tut ihr weh und das Wasser läuft an ihr hinunter. Glückliche Inga.
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freiVERS | Jutta Schüttelhöfer
Formen
manchmal lege ich mich zum Quadrat
einfach aus Spaß
oder nein eher aus Experimentierfreude
nur um zu sehen ob ich vollständig bin
geboren wurde ich als Ellipse
aber verstanden hat das nie jemand
lange Zeit bin ich beinahe
als Trapez durchgegangen
: ich war nicht gerade genug
aber das haben sie in ihrer Oberflächlichkeit nicht bemerkt
bloß zum Rechteck hat es nie gereicht
das haben wir alle eingesehen
draußen ist der rechte Winkel der Sonderling
aber vermutlich haben sie auch das nie kapiert
(und ich betrachte mich inzwischen mit elliptischer Gelassenheit)
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freiTEXT | Sarah Buck
Frühstück
Sie sitzen am großen Esstisch in der guten Stube, Hartmut am Tischende, links von ihm Helene. Der frisch aufgebrühte Kaffee dampft aus dem gebogenen Hals der Porzellankanne, das Kuchenbrot ist aufgeschnitten. Seit dem Aufwachen – Hartmuts Schnarchen hat sie bereits vor Sonnenaufgang geweckt - quält Helene ein Schmerz in den Schläfen, dumpf, bohrend und gnadenlos in seiner Hartnäckigkeit.
Hartmuts Hand tastet sich hinter der Zeitung hervor und hält ihr seine Tasse hin. Sie schenkt ihm ein, dann schenkt sie sich selbst ein. Hinter der Zeitung hört sie es schlürfen.
„Möchtest du ein Stück vom Kuchenbrot?“, fragt sie.
„Natürlich.“ Er hebt die Zeitung soweit hoch, dass sie ihm das Brot auf den Teller legen kann.
Helene nimmt sich auch eins, bestreicht es mit Butter und der selbstgemachten Brombeermarmelade, doch dann lässt sie es auf ihrem Teller liegen. Sie blickt aus der geschlossenen Terrassentür in den Garten. Die Rosen hat sie ordentlich zurückgeschnitten letzten Herbst, sie blühen prächtig dieses Jahr. Doch die Anemonen bereiten ihr Sorgen, sie sind so zart, der letzte Regenguss ist ihnen nicht gut bekommen.
Die Zeitung knistert, Hartmut blättert um. Helene legt die Hände seitlich an ihren Kopf und massiert sich in kleinen kreisenden Bewegungen die schmerzenden Stellen. Vielleicht, denkt sie, würde es helfen, nach dem Frühstück eine Runde durch den Garten zu machen. Früher – das ist schon lange her – haben Hartmut und sie das manchmal gemeinsam gemacht. Dann hat er sie bei der Hand genommen und ihr erklärt, was er vorhatte: hier ein Teich, da die Buchsbäume, dort das Beet für Kartoffeln, Salat und Erdbeeren. Sie hat gelauscht – ihre Hand ganz klein und warm in seiner – und sich an seiner Freude erfreut.
„Wir könnten vielleicht...“, setzt sie an, doch im gleichen Moment fährt ihr ein solcher Stich in die Schläfen, dass ihre Stimme versagt.
Hinter der Zeitung: kauen, schlürfen, schlucken.
Helene starrt auf die Anemonen, mutlos lassen sie ihre Köpfe hängen, ein großer Teil ihrer Blütenblätter liegt zerstreut auf der Erde wie achtlos abgestreifte Kleidungsstücke.
Hartmut legt die Zeitung beiseite. Ganz langsam nähert sich seine gekrümmte Hand einer Fliege, die auf seinem Teller sitzt und von den Krümeln nascht. Mit einer blitzschnellen Bewegung hat er sie in der Faust gefangen. Helene zuckt zusammen, als wäre sie selbst in seine Fänge geraten. Er presst die Finger zusammen, dann schmiert er die tote Fliege in seine Serviette.
„Du hast da noch dein Brot liegen“, sagt er.
Schulmeisterlich, denkt Helene, das ist der Ton, in dem er es sagt.
„Ach ja, tatsächlich“, sagt sie.
„Ein Träumerle bist du.“ Er greift wieder nach der Zeitung.
Das Wort ärgert sie, sie weiß nicht genau warum. Sie schaut auf ihr Kuchenbrot, an dem die Brombeermarmelade seitlich hinabläuft. „Ich habe heute keinen rechten Appetit“, sagt sie.
„Ja, ja.“
„Möchtest du mein Brot essen?“
„Ist gut.“
Helene will es ihm auf den Teller geben, da sieht sie Hartmuts Serviette, die sich entfaltet hat und den Blick auf die zerquetschte Fliege freigibt – ein schwarzer Fleck auf blütenweißem Grund. Sie greift nach der Serviette, wirft einen kurzen Blick auf die Wand aus Zeitung, dann schabt sie die Fliege mit ihrem Messer von der Serviette aufs Brot. Sie schiebt es unter der Zeitung durch auf seinen Teller.
Die Geräusche, die er beim Essen macht, kommen ihr entsetzlich laut vor. Nur dieses knirschende Mahlen und das Ticken der Standuhr sind zu hören.
Dann hat er aufgegessen. Leise stößt er auf. „So!“, sagt er. „Jetzt muss ich aber.“ Hartmut faltet die Zeitung akkurat zusammen und steht auf.
Auf einmal ist Helene etwas leichter zumute. Der Schmerz hat nachgelassen und beim Anblick der Anemonen, die jetzt direkt von der Sonne angestrahlt werden, denkt sie, dass sie es vielleicht doch noch schaffen könnten. Sie wird ihnen das gefilterte Kaffeepulver aufs Beet streuen, das wird ihnen gut bekommen.
„Um zwölf bin ich wieder hier. Was gibt es zu Mittag?“
„Ich weiß noch nicht“, sagt sie. „Wir werden sehen.“
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freiVERS | D. A. Merlin
Kontinuum
Was immer wir tun, an welchen Lebensbaum auch immer wir
unsere Lichter hängen, es kommt der Moment,
da wir zu dem werden, womit wir begonnen haben –
Regen, der eine ganze Kindheit lang
aus klarem Himmel herab fällt, ein lautes Knacken ab und an,
bei dem ich nicht anders kann als an einen Geist zu denken,
Wind auf der Straße, sein Geräusch
im Ohr, als käme es von woanders her;
Regen, der sich einen ganzen Sommer lang
im Sonnenlicht dreht,
Wellen von Winter, die durch die warme Stille des Sommers fahren,
leere schattige Zimmer, die vor etwas warnen,
was außerhalb der Reichweite ist,
uns aber immer wieder streift.
Was immer wir tun, das womit wir begonnen haben,
schimmert irgendwann in der Dunkelheit,
an deren Oberfläche wir bleiben, in Wärme und Tageslicht,
Sommernacht im Zimmer wie in einer dunklen Zelle,
das Tier, das ich immer noch weit draußen vermute,
entgegen aller Wahrscheinlichkeit, und mir wünsche,
wie dieses namenlose Tier im Geheimen verschollen zu sein.
Als ich glaubte, ich hätte über das Verschwinden nachgedacht,
war es meine Angst, die mich aus ihren Verstecken betrachtete:
Ein kühler Schatten, der auf meiner Kindheit liegt,
ein schwindelerregender Strudel,
ein freier Fall unter schwarze Blätter vom Abend zur Nacht.
Die Verkleidungen der Kindheit, in ihren eigenen Nähten ruhend,
die mein Herz auftrennen, ein wenig mehr jeden Tag.
Was immer wir tun, das Leben zieht sich von uns zurück,
und ein Sommer beginnt dem anderen zu ähneln:
Ein Himmel wie Wasser,
Wälder in ihrem schweren, angeschwollenen Grün,
niedergedrückte blaue Welt, voller Sanftheit und Kummer,
Sonnenlicht nicht ganz wie eine glänzende Folie auf den Wiesen,
nicht ganz wie leuchtender Staub, aber fast so auf allen Dingen;
Himmelsblau, das uns nicht rettet, selbst wenn etwas
in den verschiedenen Tönen von Hell und Dunkel mich immer noch
an Rettung denken lässt, eine Bewegung am blauen Rand der Welt,
die unscharf bleibt, etwas, das nicht wirklich ein Aufleuchten ist,
aber wie eine Geschichte von Aufleuchten,
die wir über einen fernen Sommer erzählen,
etwas, das nicht wirklich der Schatten eines Tieres ist,
aber sein Durchs-Licht-Huschen, wenn man weit genug gegangen ist,
eine dumpfe Eintrübung, die das Sichtbare läutert,
ein scharf konturierter Schatten, der das Verborgene läutert,
eine Kinderzeichnung, die darauf wartet, endlich wirklich zu werden,
aber vielleicht nie Wirklichkeit wird; die Jahre
zugleich entblößt wie verdunkelt.
Kein Ende, das wir festlegen könnten, nichts, was mit einem Schlag
zerfällt. Keine flüchtig erblickte Erlösung.
Alles einseitig und ohne Antwort.
Alles erstaunlich schwer zu erinnern und zu vergessen.
Meine Angst hat sich nie geändert, meine Frage hat sich nie geändert,
immerzu der schwarze Engel, der in meiner Kehle schläft,
immerzu die Zunge aus Staub, die geteilt in bleichen Fenstern hängt.
Ein Leben der Ränder, Weiß des Auges,
geschwärzt von Zeit.
Weiß des Himmels wie feiner Sand, gebleicht von Zeit,
zugleich trüb wie kristallklar für einen Augenblick,
dann überhaupt nichts mehr.
Wie die Wahrheiten, denen wir untreu werden, wenn wir versuchen,
sie zu erfassen. Erinnerungen wie Schläge aus der Ferne,
wogegen auch immer der Wind sie schlägt und schlägt.
Dieser Spätsommer verlässt seinen Kokon aus Wärme
und geht seiner Arbeit nach, was immer seine Arbeit ist.
Was wir unausgesprochen lassen, ist wie die gefallenen Blätter der letzten Nacht,
vereinzelte kühle Flammen im wieder grünen schattigen Gras,
die etwas lichten und lüften in uns, was immer es ist.
So oder so, nichts von diesen Dingen kümmert sich um uns,
Eins mit einem namenlosen Ganzen
dessen, was nicht gewusst werden kann
Und zu dem wir nicht zurückkehren können,
Eins mit dem Unfertigen,
das wir nicht loslassen können.
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freiTEXT | Joyce Shintani
Stiller gegen Abend
Schon wieder: dieser feuchte Geruch. Regen auf dem Asphalt. Noch kühl. Frühling.
Dieses Frühjahr ist es mir endlich gelungen, ein Vogelhäuschen aufzuhängen. Ein Meisenpaar ist eingezogen. Gegen Abend, wenn alles leiser wird, höre ich das aufgeregte Fiepen der Jungvögel. Sie verlangen nach Insekten! Die Körner, die ich gestreut habe, bleiben unbeachtet liegen. Verschmäht.
Hinter dem Häuschen steht eine Eiche, deren frische, hellgrüne Blätter im leichten Wind flattern. Zur anderen Seite breitet eine Kastanie ihren Schatten aus – vor Wochen noch leuchtend in Purpurblüten, nun Teil des grünen Mosaiks vorm Fenster.
Ich bin in Bayern. Ein einst königlicher Kurort in den Voralpen – erstaunlich, wie viel Glanz hiergeblieben ist. Mein neues Zuhause.
Nicht der Ort, an dem ich mir meinen zweiundsiebzigsten Frühling vorgestellt hatte.
Der Mann verließ mich. Meine besten Jahre, würde ich sagen. Ein guter Mann, den ich liebte. Solide Karriere. Und ich besaß die Hälfte der Wohnung. Die Hälfte! Nie hätte ich so weit zu träumen gewagt. Als meine Mutter starb, steckte ich ihr kleines Erbe in die Renovierung dieser Wohnung im Schwabenland. Schwarzer Stein in der Küche. Schubladen und Schränke, die sich bei Berührung öffneten – seidig, lautlos. Ein eingelassener Aufschnittapparat. Ein Hocker in der Ecke – mein Studienplatz für Rezepte. Luxus wie in den besten AirBnBs, die ich online bewundert, aber nie gebucht hatte. Und das Bad – eine Regenbogen-Glasdusche. Eine Wanne mit Düsen, mit Blasen. Und eine altersgerechte Glastür zum Ein- und Aussteigen. Himmel auf Erden!
Dann der Bruch. Plötzlich wollte er weg. Ganz klar. Ich blieb allein – im goldenen Käfig.
Was blieb mir übrig? Er ging.
Nach anderthalb Jahren hielt ich es nicht mehr aus. Zweiundzwanzig Ehejahre hingen an den Dingen… Die Weingläser – unsere Reisen. Die Sofaecke – seine Krümel. Das leere Kissen neben mir – für immer sein Geruch. Das war er.
Ich blieb. Verschmäht.
Die Wohnung: ausgehöhlt.
Kein neues Kapitel dort. Nicht mal auf Tinder.
Also Hamburg. So weit wie möglich weg. Erinnerungen abtöten! So viel Fremde, so viel Abstand zwischen mir und dem Herd, dass ich mich nie wieder erinnern müsste.
Ich erinnerte mich.
Hamburg ist eine großartige Stadt. Endlich wieder am Wasser, nach vierzig Jahren Mitteleuropa-Käfig. Doch ich war eingeschlossen in einem Loch. Direkt an der Elbe, in einem kompakten Backsteinbau, einst Kühllager für Nordatlantikfisch. Jetzt ein Sterbeort: Demente, Verwirrte, Verstummte… alles gut Betuchte.
„Wie zur Hölle bin ich hier gelandet?“, fragte ich mich. „Wenigstens wieder am Wasser“, redete ich mir zu. „Wie früher. Wie in Long Beach.“
Die kalten Fische in Hamburg hatten mich bis auf die Knochen durchfroren. Ich musste weg.
Ein neuer Mann. Ein Plan. Wien!
Wien – und ein musikalisch-literarischer Salon. „Du wärst die ideale Gastgeberin! Junge Talente, neue Musik, Lesungen… stell dir das nur vor!“, sagte er.
Ich stellte es mir vor.
Die Donau, das Theater, die Musik… Ich kannte Wien. Ich hatte dort gelebt, gearbeitet. Und jetzt: ein Salon! Wer könnte da Nein sagen?
Doch konnte ich diesem Mann trauen, der mir Wien versprach?
Was blieb mir? Was bleibt uns? Wie oft kann man neu anfangen? Können wir wandern? Wie diese schwarzen Punkte am Himmel – hin und zurück und wieder hin?
Erstaunlich – während ich dies schreibe, wird das Zwitschern der hungrigen Jungvögel draußen immer lauter, nur zwei oder drei Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Neue Klangmuster!
Bald fliegen sie. Vielleicht sehe ich’s.
Also planten wir. Packten. Zogen um. Der neue Mann und ich. Ein Kraftakt.
Aber die Stadt war der Lohn. Die Wohnung, die er ausgesucht hatte… Gründerzeit, hohe Decken, weiße Wände mit Stuckverzierung. Auf Zehenspitzen trugen die Möbelpacker seinen Steinway drei Stockwerke hinauf.
Erster Salon: ein junger deutscher Pianist. Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninow. Dann unsere Freundin aus Berlin: Tangos, Chansons. Im Herbst eine Poesielesung mit Musik. Ich nahm Gesangsunterricht, sang zu Weihnachten Händels Messiah in der Peterskirche! Wien war Himmel.
Dann kam der Winter. Die Musik fror ein.
Der Mann, der mich hergebracht hatte, verstummte. Etwas in ihm zerbrach. Wir fanden keine Reparatur. Er klagte.
Erschöpft verlor auch ich die Stimme.
Erinnerungen heulten in mir auf.
Zwischen uns lag ein sibirischer Streifen.
Dann der Alkohol. Und zersplitterndes Glas als Klangkulisse.
Hier in Bayern fällt das Licht. Es ist still. Der Geruch von frischer Nässe ist verflogen. Die Meisen haben aufgehört zu fiepen. Haben sie bekommen, was sie brauchten?
Es kam anders als geplant.
Ich sitze meistens nur.
Auch ich – stiller gegen Abend.
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freiVERS | Lea Matusiak
superbomber
du fährst mir einen panzer vor die tür
fahre ich dir einen panzer vor die tür
irgendwo sprengst du ein haus darin
eine familie, ein kind, eine oma, ein leben
eine frau die war schwanger die stirbt
aber es passiert nicht nur hier es
passiert überall
es trifft die dächer aus blech, es trifft die demokratie
was bleibt ist die frage was bleibt und
was halt gibt
was wir brauchen ist halt, ist menschlich sein
und menschlichkeit
was ich brauche ist ein superbomber
und einen triftigen grund
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freiTEXT | Moritz Grohs
Firma Eckelt
Mutti verschaffte mir einen Ferialjob in der Firma Eckelt.
Ich war wenig begeistert über die Aussicht, die nächsten Wochen dem Proletariat anzugehören, und dann auch noch in Steyr festzuhängen.
Am Morgen meines ersten Arbeitstags führte Mutti mich mit dem Auto hinauf auf den Resthof zur Firma Eckelt. Vermutlich hatte sie die Befürchtung, dass ich sonst meinen Dienst schwänzen würde.
Ich stand orientierungslos in einer riesigen Fabrikhalle, in der es ohrenbetäubend laut war. Endlich kam jemand, um mir zu zeigen, was ich zu arbeiten hatte.
Meine erste Tätigkeit bestand darin, kleine quadratische Korkblättchen zwischen aneinander gelehnte Glasscheiben zu kleben, damit die Scheiben nicht aneinander kratzten.
Ich gab mir Mühe, alle mir aufgetragenen Arbeiten zur Zufriedenheit der Chefs zu erledigen.
Die Stimmung, die herrschte, wenn ich durch das Steyrdorf, den Schnallenberg hinauf und dann über den Tabor der Frühschicht entgegenschritt, mochte ich gerne. Es war zu der frühen Stunde noch so friedlich und still überall. Gleichzeitig war ich jedoch unangenehm nervös.
Einer meiner Kollegen nahm mich zu Beginn meines Jobs ein bisschen unter seine Fittiche, da wir einander als ehemalige Schüler des BRG Steyr erkannt hatten.
Er war sehr nett zu mir und bot mir sogar einmal an, mich mit seinem Auto nach der Schicht nach Hause zu bringen.
Allmählich verlor er jedoch das Interesse an mir.
Ich mochte es, wenn die zweite Schicht um 22 Uhr zu Ende ging und ich kurz darauf die Fabrikhalle verließ. Ich war geschafft von der schweren Arbeit, meine Haut juckte vom Glasstaub und meine Füße fühlten sich ganz leicht an, weil ich gerade den schweren Arbeitsschuhen entstiegen war. Die Nacht war lau und friedlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas geschafft hatte. Mir fielen die zwei Worte ein, die auf dem Sockel des Werndl-Denkmals am Ende der Promenade stehen: „Arbeit ehrt“.
Ich hatte große Mühe, mit den Leuten um mich zu kommunizieren; in den Pausen saß ich also meistens schweigend und lesend im Pausenkammerl, während die anderen ihre immergleichen Gespräche über Autos, nackte Frauen und gelegentlich auch über Sauftouren führten.
Der Typ, der mit mir bei dem riesigen Ofen arbeitete, in dem die Glasscheiben gehärtet wurden, war meistens übernächtig und voller Restalk, wenn er zur Frühschicht auftauchte.
Allmählich kristallisierte sich heraus, dass er mich nicht leiden konnte.
Immer deutlicher wurde ich zum Außenseiter.
Der besoffene Typ war mit einem Hubwagen voller Glasscheiben unterwegs und rammte einen anderen Wagen voller Glasscheiben, der da herumgestanden hatte. Es gab einen lauten Knall und dann bedeckte ein Meer von Glasscherben den Boden, die der stille Jugoslawe dann wegkehren musste.
Es herrschte eine enorme Hitze in der Fabrikhalle.
Allmählich ging der Nachmittag in den Abend über.
Wir waren damit beschäftigt, Wagen voller schwerer Glasscheiben auf den Platz vor der Halle zu schieben, damit sie dort in LKWs verladen werden konnten.
Ich schob, so fest ich konnte. Mir rann der Schweiß in Bächen runter.
Schon nach kurzer Zeit war mir ganz klar, dass ich es in der Firma Eckelt nicht mochte.
Alle Augenblicke warf ich einen dezenten Blick auf die Uhr, die sich in der Anzeige des riesigen Ofens befand und war dann immer recht enttäuscht darüber, wie elends langsam die Zeit hier drinnen in der Halle verging.
Ich nahm einen hastigen Zug von meiner Zigarette und wartete darauf, dass die nächste Glasscheibe anrollte, damit ich sie mit meinem Kollegen auf einen Wagen wuchten konnte. Und dann wiederum die nächste und die nächste.
Man tadelte mich, weil ich jeden Tag ein paar Minuten zu spät zur Schicht erschien.
Ich wurde regelrecht verzweifelt darüber, dass ich in der Firma Eckelt arbeiten musste.
Ich unternahm zaghafte Versuche, mir einen Finger zu brechen, damit ich nicht mehr arbeiten musste, aber es gelang mir nicht.
Mein saufender Arbeitskollege hasste mich regelrecht. Er drangsalierte mich, so gut er es vermochte.
Von den allermeisten der anderen Kollegen konnte ich keine Hilfe erwarten. Niemand sprach auch nur ein Wort mit mir. Der Typ mit den Wikinger-Tattoos, der jeden Tag nach der Schicht auf seinem Motorrad davonbrauste, tat, als wäre ich gar nicht existent. Die zwei Bosnier, die die Statur von Bären hatten, unterhielten sich mit lauten, tiefen Stimmen in ihrer Muttersprache miteinander, und beachteten mich auch nicht weiter.
Es war der totale Wahnsinn für mich und gelegentlich weinte ich in der Fabrikhalle still und leise vor mich hin.
Wir waren lebende Roboter, die von morgens bis abends Glas schleppten, bei ohrenbetäubendem Lärm eingeschlossen in einer glühend heißen Fabrikhalle.
Ich konnte nicht verstehen, wie die Leute so ein Leben zu ertragen imstande waren und zu ertragen gewillt waren.
Ein kleiner Mann aus Sarajewo, der aussah wie Diego Maradona, begann, sich hin und wieder mit mir zu unterhalten.
Mehrmals gab er mir den Rat, dass ich unbedingt meine Matura nachholen müsse, damit mir ein Leben in Fabrikhallen erspart bliebe.
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freiVERS | Andreas Köllner
Das unperfekte Gedicht
Der Perfektionist sitzt freudig noch in seinem Zimmer –
Er schrieb gerade ein Gedicht.
Doch merkt er schnell, ganz so wie immer:
Zufrieden bleibt er damit nicht.
Ein Vers zu viel, ein Wort zu wenig.
Und reimt sich das denn gut auf König?
Ein reiner Reim ist ihm zuwider,
Unrein reimen mag er lieber.
Und Zeilensprünge, wie an dieser
Stelle hier – das ist sein Hochgenuss!
Aber lange währt der Hochgenießer
Nicht in jenem Augenblick – der Schluss
Macht ihm doch sehr zu schaffen,
Weil noch der Anfang ihm den Kopf zerbricht.
Perfektionismus lässt dich scheinbar alles besser machen,
Nur damit fertig werden nicht.
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freiTEXT | Melissa Redeker
die ex-geherin
heute vor einem jahr entschied ich mich, meinem freund fremdzugehen. fremd mit einem anderen. die fremdheit des anderen hat mich fasziniert, mich angesteckt, mich in den bann gezogen. ist in mich eingezogen. nun ist die fremde ein teil vom ich. nun bin die fremde ich und träume vom wegziehen, vom weiterziehen. ich träume vom umzug in eine fremde stadt. die fremdheit des ich mit der fremdheit der welt tarnen. ja, ganz eins werden lassen – verschmelzen, verschmolzen. fremd und fremd gesellt sich gern. wir wissen. wir verdrängen das. wir verfremden unsere erinnerung.
pinterest 2014: zwei menschen küssen sich schwarz-weiß, einer mit sonnenbrille. darauf drei schwarze balken, weiße schrift – nicht sicher, ob den kuss störend oder den kuss rahmend:
we all
start as
strangers.
wir alle beginnen als fremde. wir alle begegnen der fremde. freunde und fremde – dazwischen nicht viel oder alles. der fremde, dem kuss mit einem freund störend oder rahmend bedeutung geben? das fremdgehen dem kuss mit meinem ex-freund störend oder rahmend bedeutung gebend? seit dem fremdgehen fühle ich mich fremd. gehe mit mir um, wie mit einer fremden – nicht wie mit einer freundin. gehe fremde wege, höre fremde lieder, treffe fremde menschen – und auf fremde gedanken. in meinem kopf – visionen, illusionen, inspirationen – einer fremden. befremdlich. vielstimmige versionen einer fremden, die in meine fremde welt passt. ich charakterisiere die fremde. ich kultiviere die fremde. ich identifiziere mich mit der fremden, die mir aus dem spiegel entgegenblickt: das bin ich. die fremdgeherin. die ex-freundin. nehme die fremde zur freundin. werde zur ex-geherin, denn ich möchte bleiben – verändert und fremd – aber bei mir.
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