freiVERS | Marc Glund

falle

mein blick geht in die tiefe.
          atme schwer.
befinde mich am abgrund
einer felsbarriere.
          wasser fällt dem blick voraus.
                    zwei äste, knorrig,
                              dazwischen
                                        verlassen
                                                  fast?
                              ein spinnennetz.
                    mehr nicht.
          keine tiere in sicht, ich
          kommentiere: #keinetiere?

er fühlt sich unentdeckt an, dieser
ort, am rande eines kleinen dorfes,
eins zu zwei, die ratio zwischen
          mensch und kuh.

in dem ich nie war, dem
ort, dem wasser, dem felsen, dem
view und in dem ich auch nicht bin,
nun bloß nicht versinken,
                                        das wasser,
                                        es fällt
                                        voraus
läuft aus, aus meinem handy,
im stream der äste, der ängste,
der träume, der kacheln, der
netze, der orte,
so fern.
          der einsame versuch:
          ich atme aus.
ein grund ist nicht
in sicht, ich sinke,
                      sinke immer weiter
                                        verfallen
                                        in nichts als

                                        dem fall

 

Marc Glund

 

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freiTEXT | Adnan Aydemir

Rauch, Erde und Erinnerung

Dieser Text ist eine Rückkehr – nicht nur an einen Ort, sondern in eine Geschichte, die nie abgeschlossen war. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich aus einem brennenden Haus trug und selbst an den Folgen starb. Mehr als vierzig Jahre später fuhr ich in das Dorf zurück, aus dem er kam. Ich wollte wissen, ob jemand mich noch kennt – oder sich an ihn erinnert. Was ich fand, war Nähe, Trauer, Erstaunen – und eine unerwartete Schuld: die Erkenntnis, dass selbst Freude ein
Herz brechen kann. ‚Rauch, Erde und Erinnerung‘ ist kein Reisebericht. Es ist der Versuch, den Schmerz und die Zärtlichkeit einer späten Begegnung in Sprache zu fassen.

Mit sechsundvierzig Jahren kehre ich zum ersten Mal in das Dorf Lubishte zurück.
Ein guter Freund begleitet mich, zwanzig Jahre älter, zwei Rucksäcke, ein Ziel.
Lubishte – das Dorf meines Vaters, in Kosovo,
die Erde seiner Kindheit,
die für mich nur ein Wort war, bis jetzt.

Er starb in Deutschland, als ich drei Jahre alt war.
Er rettete mich aus dem Feuer einer Zechenhaushälfte,
doch er selbst überlebte nicht.
Wenige Tage später erlag er den Rauchvergiftungen.
Meine Mutter blieb mit sechs Kindern zurück
in der neuen, fremden Heimat.
Ich, das Jüngste, kaum drei,
trug Verbrennungen dritten Grades an siebzig Prozent meines Körpers davon,
auch im Gesicht.

Nun also stehe ich hier,
in dem Dorf meines Vaters,
das seinen Namen trägt in meinem Ausweis,
aber nicht in meiner Erinnerung.
Ich will überraschen – und werde selbst überrascht.
Ich weiß nicht, ob noch jemand von uns lebt hier,
ob jemand weiß, wer ich bin.

Doch sie sind da.
Verwandte, von denen niemand etwas wusste –
nicht einmal die vielen in der Türkei.

Einer von ihnen, ein Cousin meines mit zweiundvierzig Jahren verstorbenen Vaters,
sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus,
eine Zigarette in der Hand.
Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen.
Dann zieht er langsam den Rauch ein,
schaut wieder hin,
und in dem Moment, als er versteht, wer vor ihm steht,
fällt ihm die Zigarette aus der Hand.
Er beginnt zu weinen
und umarmt mich, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte
zwischen uns zusammendrücken.

Auch die anderen kommen,
nahe, ferne Verwandte,
ergriffen, lächelnd, traurig.
Sie berühren mein Gesicht,
sehen in mir den Sohn, den Neffen,
den Überlebenden.

Drei Tage lassen sie uns nicht fort.
Nicht aus Lubishte, nicht aus dem Nachbardorf.
Sie öffnen ihre Häuser,
ihre Wohnungen,
ihre Herzen.
Das Hotel in Prishtina, längst bezahlt,
bleibt leer.
Wir schlafen auf Sofas, essen aus einem Topf,
trinken Kaffee im Hof,
hören Geschichten,
die alle mit Schweigen beginnen.

Ein älterer Verwandter aus der Schweiz ist gerade im Urlaub im Dorf –
Musiker,
übersetzt für mich,
deutet die Worte, die Gesten, die Tränen.

Fünfzehn Monate sind seitdem vergangen.
Ich bin achtundvierzig.
Und manche Nächte bleiben wach.

Ich denke an den Moment,
als der Cousin meines Vaters, der mich weinend umarmt hatte,
sagte, dass er Herzprobleme habe
und die Begegnung mit mir
seinem Herzen den Rest gegeben habe.
Er meinte es nicht böse –
aber der Satz traf mich wie ein zweites Feuer.

Er schickt mir Fotos,
mit Freunden, mit Familie.
Er ist gealtert,
schnell, sichtbar.
Und ich frage mich,
wie egoistisch ich war,
unangekündigt dorthin zu fahren,
ohne die Folgen zu bedenken,
ohne zu wissen,
dass man mit Erinnerungen auch töten kann.

Wie soll ich ihm je wieder ins Gesicht sehen –
im wirklichen Leben?

 

Adnan Aydemir

 

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freiVERS | turtle kollektiv

| efeuschwestern |

eine einladung:
pack das auto voll wilder frauen,
das kleine beil,
den spaten,
fahrt zu seinem zerfallenden haus,
seinem wuchernden-nachbarn-dorn-im-auge-wald,
denn

dort
neigen sie sich mir entgegen,
strecken ihre holzarme in den regen,
schirmen mich ab, wie ich
hier auf kiefernnadeln und moos liege,
mich anschmiege an sie, die unter mir atmet.

waldboden zittert.
straßenlärm trotzdem.
efeu wächst durch mich, durch haus, an haus lang,
kleine ärmchen mit saugnäpfen an unserer haut.
starre in wolken, sehe haus nicht mehr vor lauter grün.
papa mochte efeu.
ich mag efeu jetzt.
unkraut baum, ungeziefer gefahr, unkraut ist der garten.
un. ungehalten, unbeschnitten, ungeordnet, ungemäht.
ungeheuerlich.
dieses geschrei.
gras: abwesend.
efeu. moos. wald.
wald werden.

es knistert & krabbelt,
er kräht –
da ist
wald hinter meinen ohren –
da spazieren
ameisen auf haut
und
irgendwo in der brust pulsiert ein klammer, dunkler klumpen,
ich atme tief,
ich schlucke,
tief versunken
sackt er richtung erde, verschiebt sich in mir,
verdrängt organe, gräbt sich durch rippen –
da ist
bloß eine dünne schicht –
da trennen
lediglich ein paar zellen
meinen puls
von ihrem.

eiche. zur straße.
laub gehäuft auf bürgersteigen. buchtenblätter.
fegen. kehr. kehr. feg. streich. weg.
blätter jetzt braun: eingeeist.
eiche streckt arm über straße, über grundstücksgrenze hinaus.
ich würde gerne auf ihm liegen.

im rascheln der bäume
rasen autos,
rennen menschen
durch meine adern,
es ist laut, richtig laut,

mama, frag mich ab:
birke?
gezähnt.
buche?
gewellt.
eiche?
gebuchtet.

heinrich?
ausgeblutet.

immer noch viel zu laut
in mir,
also
drehe ich mich auf die seite, ich
drücke mein ohr auf knorrige haut,
dumpfer heart.beat. da unten
in ihr.

mein blut
pulsiert,
ächzt, stöhnt, quietscht, schlagt mit dem wind,
murmelt,
summt,
grieft,
heult,
kreischt –
ein schwarm kampfwespen.
an den fingern
meiner fäuste
um den spatengriff,
in der erde
ein loch,
ein letztes mal
die anzeige,
keine antwort,
ein grab.

wie es wäre, würden zellen die form verlieren,
würden grenzen verschmieren und
haare in den boden wachsen,
nägel zu blättern, haut zu moos, knochen zu rinde werden –
heimlich,
den heinrich,

haut von efeu überzogen, durchdrungen, zersetzt.
unsere inneren kammern geöffnet für fremde und freunde und innerstes in container, innerstes in taschen, lieblingsfilm, bob marley CD, MVV ausweis 1979.
innerstes ins außen gestülpt, verkehrt.
die tapete ist weiß-grün-braun-gelb-rohfaser-schimmelpilz-gesprenkelt.

schhhhhh
mach ich, zu uns, zum haus und zu mir, zu unserem gemeinsamen körper,
sonne geht unter.

gehe
einen fuß vor den andern
entlang des efeupfads.

schhhhhh
mach ich zu den hühnern,
den heinrich
an den füßen
im dunkel
aus dem stall.
stimmen verschwinden.
beil fällt.
musik geht aus. frieden für die nacht.

wie es wäre
ohne dieses hasten in der blutbahn,
leise,
ohne den heinrich,
ohne dieses ständige wollen und wollen und sollen.
die kinder wollten unbedingt
fifty-fifty pro ei.
na gut, sagte der opa.
für den dorn-im-ohr-nachbarn
löschen der anzeige: hahn abzugeben.

ich frage das haus:
was fühlst du dabei?
du stehst.
bücherstrom versiegt nicht, quillt, drückt, füllt papiercontainer.
du spuckst weiter sein leben aus. und meins. unseres.
38 tonnen,
federn,
geschichten schon,
tropfen –
haus werden.

ich habe vergessen, wer durch wen geistert.

 

turtle kollektiv

dieser text ist im turtle kollektiv entstanden
geschrieben von lara wüster, anna job und katharina wulkow.

 

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freiTEXT | Lisa Rehm

Blau

Es fing an einem Dienstag an, vielleicht auch Montag, da war es nur ein Schimmer, ein Schatten, aber Dienstag war es dann ein Fleck, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück vielleicht. Jeden Tag wurde er ein bisschen größer, heute ist Donnerstag und er ist so groß wie meine Hand. Wenn ich auf ihn draufdrücke, tut er nicht weh. Der Arzt meinte, es sei ein Hämatom, aber so fühlt es sich nicht an, es ist auch nicht das richtige Blau. Hämatome haben ja mehr so ein Meeresblau, habe ich auch zu dem Arzt gesagt, mein blauer Fleck hat eher so ein Himmelsblau. Der Doktor hat mich mit einem Soll-ich-dich-zum-Psychiater-überweisen-Blick angeguckt. Ich fühle mich unverstanden.
Ich hatte da immer schon ein kleines Muttermal, nordwestlich von meinem Bauchnabel, der Sollbruchstelle der Menschen, das war die Wurzel, der Ursprung der Erblauung. Jetzt war ich zwar besorgt, aber hätte ich heute gewusst, wie blau ich noch werden würde, wäre ich vom Balkon gesprungen.
Natürlich tat ich das, was jeder erst einmal tun würde: „Ich werde blau“ tippte ich in die Internetsuchmaschine. Ich wurde mit den unterschiedlichsten Artikeln über Krankfeiern, Blutvergiftungen und Hämatome belohnt. Ein paar Erwähnungen von Betrunkenheit schafften es, und dann fand ich den Artikel, der mich nicht mehr loslässt. Was passiert, wenn ein Mensch stirbt? Es geht um die sogenannte „Finalphase“ bei sterbenden Menschen, irgendwann werden sie blau, bevor sie sterben. Weil der Sauerstofftransport eingestellt wird.
Also war ich gestern noch mal beim Arzt. Aus Angst zu sterben oder von chronischem Sauerstoffmangel betroffen zu sein, bestand ich darauf, Blut abgenommen zu bekommen. Morgen muss ich kommen, um die Ergebnisse zu besprechen. Er hat übrigens jetzt auch große Augen gemacht, als er gesehen hat, wie groß der Fleck geworden ist. Er spricht immer noch von einem Hämatom, mir ist aber nicht entgangen, dass er versucht hat, den Fleck mit Alkohol zu entfernen, als ob ich ihn anschwindle.
Aus meinem privaten Umfeld habe ich niemandem von dem Fleck erzählt, er bereitet mir ja auch Sorgen, und ich möchte nicht, dass jemand diese verstärkt.

Es sind zwei Wochen vergangen seit der Blutabnahme, die keine nennenswerten Ergebnisse mit sich brachte. Der blaue Fleck ist weitergewachsen und hat mittlerweile 38 cm Durchmesser. Ich führe eine Tabelle, in die ich den täglichen Durchmesser eintrage. Der Fleck wächst um die zehn Zentimeter in der Woche. Er hat sich ausgebreitet in meinen Schambereich, auf mein linkes Bein, über meine Brüste bis in meine linke Achselhöhle. Ich sitze in einem Zug in die größere Stadt mit dem Uniklinikum, in das mein Arzt mich überwiesen hat. Seit der Fleck 35 cm groß ist, nimmt er ihn auch ernst. Entschuldigt hat er sich natürlich nicht. Auch meine Mutter habe ich mittlerweile eingeweiht und Lydia, meine Jugendfreundin. Beide haben irgendwie nicht angemessen reagiert, obwohl ich auch keine Ahnung habe, wo auf dem Reaktionsmaßstab die Angemessenheit liegt. Die Landschaft zieht an mir vorbei, ich habe mich damit abgefunden zu sterben. Ich habe mir das zwar immer anders vorgestellt; später, schmerzhafter, dramatischer. Ich fasse mit meiner Hand unter meinen Pullover und streichele vorsichtig meinen Bauch. Der Fleck tut nicht weh, juckt nicht, ich habe auch keine anderen Symptome, es geht mir soweit gut. Eine Hitze schlägt in mir hoch und ich spüre die Tränen in die Augen steigen. Ich schaue mich um, der Zug ist voll mit berufstätigen Menschen. Ein Mann in orangener Regenjacke beobachtet mich. Ich schlucke die Tränen runter, hier möchte ich jetzt nicht weinen.

Die Teetasse umklammert mit beiden Händen sehe ich den Fruchtfliegen zu, wie sie die Birne besetzen, die ich nicht schaffe zu essen. Seit der Erblauung habe ich neun Kilo abgenommen. Fünf davon im Krankenhaus, vier Tage lang habe ich Nahrung bekommen, die, wie ich vermute, Menschen dazu bringen soll, das Krankenhaus so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Tot oder lebendig. Mein Gefrierfach ist voll mit Gerichten, die meine Mutter mir vorgekocht hat, als sie zwei Tage hier war, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin. Im Krankenhaus haben sie alles mit mir gemacht: geröntgt, in die Röhre, mit Kontrastmittel, von dem ich mir die Seele aus dem Leib gekotzt habe, Ultraschall, Blut abgenommen, noch mehr Blut abgenommen, Haut entnommen, in meine Augen geleuchtet, und sie haben mich zu einer Psychologin geschickt. Ob ich einen Todeswunsch verspüre, wollte sie wissen. Eine Sehnsucht, dachte ich. Jetzt warte ich auf einen Termin bei einer örtlichen Psychoanalyse. Meine Mutter musste nach dem Wochenende wieder fahren. Ich bin jetzt erstmal zwei Wochen krankgeschrieben. Der blaue Fleck geht jetzt bis zu meinem Hals und meinem Knie, ich habe aufgehört, die Ausbreitung zu dokumentieren, und mich damit abgefunden, ganz blau zu werden.

Ich schaue in den Spiegel, ich warte darauf, dass mir die Tränen kommen, aber sie kommen nicht. Ich habe keine Substanz mehr, ich bin ganz leer und komplett blau. Ich drehe mich. Jeder Quadratzentimeter meines Körpers ist blau. Ich hänge den Spiegel ab und drehe ihn um. Dann breche ich zusammen und bleibe so lange auf dem Boden liegen, bis die Sonne wieder untergeht.
Alle starren mich an. Eine hat gesagt, das ist super für ein Avatar-Cosplay. Ich bin in einer psychosomatischen Klinik für Menschen mit Essstörung gelandet, nachdem ich endlich einen Termin bei der Psychoanalyse bekommen habe. Ich sei magersüchtig, sagte man mir da. Hier hat man mir gesagt, ich bin depressiv. Niemand hat gesagt, ich bin blau. Wir sitzen in einem Kreis in der Gruppentherapie und alle warten darauf, dass ich was sage. Aber ich möchte nicht mehr reden. Niemand hört mir richtig zu, alles, was ich sage, hat kein Gewicht. Ich stehe auf, verlasse den Raum und verschwinde.

 

Lisa Rehm

 

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freiVERS | Simone Steger

vulven wie fliegen

Schopenhauer liegt auf dem fensterbrett
ich habe die fliege mit ihm erschlagen

der eiweißbrei klebt
zur hälfte an der ästhetik
zur hälfte an der scheibe

jetzt schreibe ich nackt ein gedicht
damit ich mich nicht aus versehen
am fenster zur welt erschlage
so kurzsichtig
ich manchmal gern wäre

ich sitze nackt auf dem sessel
mein leib versinkt im stoff
ich habe angst
so zu sitzen
noch von früher
und von der ästhetik

keine sprache über vulven
ich kann nichts darüber sagen
außer

 

vulven wie fliegen
eine last im zuhause des körpers
genauso wie Schopenhauer
in unseren zellen

obwohl ich kostbar bin
sitze ich das erste mal so

etwas in mir platzt auf
licht prallt auf die scheibe
Schopenhauer wäre verstimmt
ich lasse den eiweißbrei kleben

 

Simone Steger

 

(ebenfalls veröffentlicht auf Pigeon Publishing)

 

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freiTEXT | Lena Kothgasser-Haider

überlieben

Wenn sich zwei lieben dann stets über ein Drittes. Ein Kind oder einen Hund oder ein Haus oder eine Espressomaschine.
Wenn sich zwei lieben, müssen sie schließlich irgendwohin mit ihrer Liebe. Mit diesem immer tiefer werdenden Eisberg aus feuchten Küssen und taumelnden Beteuerungen. Liebesschwüre sind nur gültig mit einem Dazwischen. Mit dem, was es vermeintlich noch braucht, damit sich die Liebe genügt: Die gegenseitige Übereinkunft eine Sorgeverantwortung zu übernehmen.
Lass es uns unterschreiben, lass uns die Ewigkeit schwören und unterzeichnen mit Blut auf Papier. Das Kind hat Läuse, der Hund Würmer, das Haus einen Wasserschaden und die Espressomaschine verkalkt.
Wir sind ein Liebespaar. Wir sind sorgeverantwortliche Bezugspersonen. Als wären die Liebesschwüre nicht gültig ohne dreifache Unterfertigung. Ich liebe dich, sage ich, und bekomme einen roten Ringordner ausgefertigt. Urkunden, Besitzverhältnisse und Verträge legen Zeugnis ab von der Ernsthaftigkeit unserer Liebe. Liebe, damit scherzt man nicht! Haben wir doch eben erst einen Kredit aufgenommen, sagt der Hund und wälzt sich zwischen uns im Bett. Ich kraule sein rechtes, du sein linkes Ohr. Schau, wie lieb er schaut, sage ich. Hör mal, wie lieb er schnüffelt, sagst du und wir wälzen uns mit dem Hund in den Laken. Danach machst du mir in der Küche, die nach feuchten Schimmelwänden riecht, einen Espresso. Das ist nicht einfach bloß Kaffee. Das ist eine ökologisch-ökonomisch korrekte Arabica-Mischung mit leicht schokoladiger Note. Das Kind möchte auch Kaffee, aber eigentlich nur wegen der Schokolade.
Lieben wir uns der Liebe wegen? Noch immer trage ich den dicken roten Ringordner unter dem Arm. Du hältst deinen ebenfalls und ich frage mich, ob wir beide dasselbe unterschrieben haben. Wir sollten dringend darüber sprechen und dann verschieben wir es auf ein anderes Mal. Wir lieben uns, weil du du bist und ich ich bin, sagst du und ich nicke. Das genügt mir. Das und die Schlagbohrmaschine, mit der ich nun die Wände aufstemme.

 

Lena Kothgasser-Haider

 

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freiVERS | Jaqueline Isabell Grosser

Steinbeeren

Leuchtdioden
im Weihnachtsgrün
der Tundra,

Girlanden
aus Knochenfrost,
lautlos gelöst.

Was wir finden,
nährt das Vergehen.

Wir streifen
Rucksäcke ab
wie Häute,

reißen Wurzeln
aus der Erde
wie Nähte.

Totenrosen,
schwer
in Menschenhänden.

Milchzahnzeit —
blass, brüchig,
im Permafrost.

Wir schöpfen,
bergen Samen
aus dem Schlamm.

Geschenke
aus der dunklen Zeit.

 

Jaqueline Isabell Grosser

 

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freiTEXT | Nico Haingärtner

Leimrute

In der Klasse hatte keiner aufgepasst, auch ich nicht, und doch wusste ich als einziger die Antwort. Von da an war ich die Leimrute, Leimrute Oskar, weil es im Unterricht um den Vogelfang ging.
Ich war die Leimrute und vor allem ein großer Betrüger in den Augen meiner Klassenkameraden. Die mir vorwarfen, nur so zu tun als ob. Als ob Peders Achselfürze nicht spannender wären als der Unterricht. Die mir jetzt in den Pausen den aus dem Rachen hochgezogenen Rotz vor die Füße spuckten. Dieselben, mit denen ich eben noch befreundet gewesen war, riefen jetzt im Chor: Leimrute Schleimrute, wenn ich morgens das Klassenzimmer betrat. Weil du ein Schleimer bist, meinte Narve, und setzte sich neben Peder.

Passt, meinte der Stiefvater, also der Name. Weil ja tatsächlich alles Gesagte und Gehörte bei mir kleben blieb. Unheimlich, meinte er, sei das.
Vielleicht für einen, der jeden Tag aufs Neue vergisst, dass er von der Milch Magenschmerzen kriegt, murmelte die Mutter.
Und dann wurde noch dies gemeint und das gemurmelt, bis zuletzt der Stiefvater mit milchweißer Oberlippe und zornesrotem Kopf den Hut nahm und die Tür ins Schloss krachen ließ.
Aber bisschen stimmts schon, eh? Schlaumeier, du, kicherte die Mutter und ging aus dem Raum.

***

Juna mochte Rotkehlchen und ich mochte Juna. Schon deshalb staunte ich über den selbstgemalten Vogel an der Tafel und saugte jedes Wort ihres Vortrags auf. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr mochte ich Rotkehlchen selbst, ich fragte den Stiefvater, ob er mir mehr erzählen konnte, ob es stimmte, dass Rotkehlchen wühlenden Schweinen folgten, um dann von ihrem Fressen zu stibitzen und warum sie in Ameisen badeten, aber er war ja immer noch verschnupft, weil ich ihn vor der Mutter bloßgestellt hatte. Seine Milch trank er jetzt im Stall, wenn keiner zusah, und er wagte es auch nicht mehr, über die Magenschmerzen zu klagen. Aber ich sah ihm immer gleich an, wenn er wieder litt, konnte spüren, wie das Feuer seinen Rachen entlangkroch, und dann suchte ich lieber das Weite.

Nach der Schule ging ich in den Wald. Ich hatte herausgefunden, dass, wenn ich ganz still sitzen blieb, ich selbst zum Wald werden konnte. Denn während ich anfangs dachte, alleine zu sein – was mir gut gefiel, weil mein Kopf weniger verklebte, wenn ich allein war –, nahm ich, wenn ich nur lang genug still saß, überall Bewegung wahr. Hörte es summen und rascheln und pfeifen. Und manchmal sah ich ein Rotkehlchen aufblitzen, ein Tupfen Rot im Grün des Waldes.

Morgens, wenn der Nebel um die Stiefel waberte, winkte ich der Mutter im Weggehen zu, wie ich es immer tat. Doch sobald ich außer Sichtweite war, bog ich in den Wald ab. Dann wusste ich schon, dass es Ärger geben würde, wenn die Mutter die Lehrerin das nächste Mal im Laden traf, aber mit Ärger kannte ich mich aus.
In der Schule landete die Spucke der anderen jetzt über Umwege auf meiner Hose. Über den Umweg, dass einer mich schubste, während ein anderer mir das Bein stellte. Manchmal aber auch einfach so, direkt aus Narves Mund zum Beispiel. Zehn Punkte pro Treffer, meinte Peder. Fünfzig in die Haare.

Wenn ich dann heimkam, schimpfte der Stiefvater. Eigentlich schimpfte er gar nicht, er sagte bloß, ach, der, aber das reichte schon, um zu wissen, was Sache war.
Deshalb ging ich in den Wald. Meistens alleine, manchmal mit Juna, zumindest stellte ich mir das vor, abends, wenn ich im Bett lag und schon lange schlafen sollte, wenn es vor dem Fenster pechschwarz war und man nichts mehr hörte außer dem Flüstern der Kühe im Stall. Wenn ich gerade noch mitbekam, wie der Stiefvater mit vollem Milchbauch leise die Tür schloss, bevor mir die Augen zufielen.

Ja, der Stiefvater trank jetzt so viel Milch, dass ich anfing, mir Sorgen um ihn und die Kälber zu machen. Denn wenn der Stiefvater bis spät in die Nacht Milch soff, dann bliebe für die Kälber ja nichts mehr übrig, dachte ich mir. Eigentlich wusste ich, dass das Blödsinn war, ich war ja kein Kind mehr. Trotzdem schlich ich eines Nachts in den Stall und da sah ich dann auch, was ich nicht sehen sollte, das, worüber ich kein Wort verlieren sollte, wenn ich nicht herausfinden wollte, ob es da draußen in der Welt noch einen Stiefvater gäbe, der dumm genug war, einen klugscheißenden Rumschnüffler durchzufüttern, eine kleine Pissnelke, die den ganzen Tag durch den Wald streunert und mit offenem Maul Löcher in die Luft glotzt, hohl wie die Milchkühe im Stall, nur zum Fressen und Scheißen gut, und jetzt schleich dich, du Mistratte! Und dann bekam er noch fünfzig Punkte.
Also schlich ich mich, zurück in die Stube, und fand heraus, dass ich nicht der einzige war, der spät aufblieb. Aber die Mutter lag nicht im Bett und dachte an Juna. Sie saß bloß da, aufrecht, im Dunkeln, und schnaufte, dass es mir Angst machte.

***

Balder ist an der Mistel gestorben. Das haben wir in der Schule gelernt. Wo ich jetzt wieder hinging.
Balder war der Sohn von Frigga und als Frigga um Balder weinte, verwandelten sich ihre Tränen in die Beeren der Mistel. Aber das war vor tausenden von Jahren, als es noch keine Schule gab, und zu meinem Glück gab es auch morgen keine Schule. Weil morgen Weihnachten war.
Umso mehr sehnte ich mich nach Juna. Ich lag wach und stellte mir tausende Dinge vor, zum Beispiel, sie zu heiraten oder sie unter dem Mistelzweig zu küssen oder sogar das zu tun, was der Stiefvater mit der Bäckersfrau im Stall gemacht hatte. Vor der ich jetzt die Augen niederschlug, wenn die Mutter mich Brot kaufen schickte. Dabei war sie so schön, besonders in jener Nacht, mit ihren geröteten Wangen und dem verstrubbelten Haar und manchmal dachte ich deshalb auch an sie, wenn ich nachts wach lag. Ich fand sie fast so schön wie das Rotkehlchen, das ich Juna zu Weihnachten schenken wollte.

Um die Stiefel waberte wieder die Nebelsuppe und darunter knirschte der Frost, als ich in den Wald stapfte. Ich rieb drei Stöcke mit Friggas Tränen ein und rammte sie in den Boden – zwei brachen ab, weil die Erde hartgefroren und ich seit dem Sommer groß und stark geworden war. Beim letzten klappte es. Und dann wurde ich Wald. Summend und pfeifend und raschelnd vor Kälte, und die einzige Bewegung kam von meinem Zittern und den kleinen Wölkchen, die aus meinem Mund aufstiegen, immer höher, bis sie von den Himmelswolken verschluckt wurden. So saß ich da, während sich an meiner Nasenspitze kleine Eiszapfen bildeten. Während mir kalt und wieder warm und dann beides zugleich wurde. Bis endlich ein roter Fleck durchs Grau blitzte und sich mitten auf Friggas Rute setzte.

Und kurz war es schön. Kurz sah ich mich an Junas Tür klopfen, sah mich ihr das Geschenk überreichen, sah uns küssend im Stall und dann heiraten.
Doch dann sah ich, was wirklich geschah, sah das Rotkehlchen panisch mit den Flügeln schlagen, sah, wie die Flügel an der Rute kleben blieben und die ersten Federn ausgerissen wurden. Und ich stürmte los, ich wollte das kleine Tier ja bloß beruhigen, aber stattdessen verdrehten und verschlangen wir uns wie im Kampf und dann sah ich, wie das Bein losgelöst vom pulsierenden Körper am Stock klebte. Wie ein kleiner Zweig, der aus dem Ast ragt, und statt Blättern wuchsen Fleisch und Federn daran, und der Vogel schlug wie wild mit seinen Flügeln und die Flügel klebten an meiner Hand fest, und von da an war alles eins – Federn, Vogel, Rute, Hand, und mein Kopf verklebte so schlimm, dass ich zuschlug, dass ich das, was da an meiner Hand klebte, gegen den Waldboden schlug, um es los zu sein, und weil es nicht half, nahm ich den Stiefel dazu, drückte mit der dicken, matschigen Sohle den fedrigen Klumpen auf die frostige Erde, schabte ihn von der Hand und dann rannte ich, und ich wäre lieber Balder gewesen als Oskar, lieber Wald als ich.

 

Nico Haingärtner

 

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freiVERS | Sophie Steger

Ich schreibe keine Regionalliteratur

Ein Naturwasser bestellen
und dumm angeguckt werden
sich entschuldigen
sagen, dass man ein stilles gemeint hat

In den Kindergarten gehen
und nur Hochdeutsch können
aber für dich gibt es kein Hochdeutsch
sondern nur Deutsch

Die Deutsche sein

Dialekt sprechen lernen
aber immer noch die Deutsche sein

In der Oberstufe
einen anderen Dialekt sprechen lernen
weil die Schule
eine halbe Stunde entfernt ist
von da, wo du wohnst
oder von da, wo du kommst

Sprache nuancieren

Richtiges Hochdeutsch
nur mit deiner Mutter sprechen

Südtiroler Hochdeutsch
mit Südtirolern

Sich ärgern

Sprache nuancieren
bis man nicht mehr sprechen kann

Meine Stimme klingt tiefer im Dialekt

Ich verstehe die Leute nicht,
die sagen, Deutsch klinge hart
Deutsch ist weich

Gesagt bekommen,
man hätte eine österreichische Pronunciation

Sagen,
dass dein Vater Österreicher ist
obwohl er Italiener ist

Es nicht zu kompliziert machen wollen

Sag doch mal was auf Italienisch
Nein

Sprache verändern
Sätze verändern

650 km fahren
und für 100 Euro bei Rewe einkaufen

Nach einem halben Jahr
Papageienkuchen und rote Grütze essen
und sich fühlen,
als wäre das Essverhalten
stecken geblieben
als du mit vier weggezogen bist

Freitags in der Fastenzeit
Wurst im Schulbrot haben
Skandal auslösen

Ich bin eine Deutsch-Italienerin
Ich bin eine deutsche Südtirolerin
Ich bin auch Südtirolerin
Ich bin Deutsche

Ich bin eine
deutsch–südtirolerisch–italienische Österreicherin

Ich bin eine
italienische deutsche österreichische Italienerin

Ich schreibe Regionalliteratur
ausschließlich
gegen meinen Willen

Einen Pass von beiden Ländern haben
fuck you all

 

Sophie Steger

 

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freiTEXT | Helene Lanschützer

Im Schrebergarten

Bald sind die Isabellatrauben reif. Sie hängen bereits abwartend von der Gartenlaube, winden sich wie eine lila Perlenkette um die morschen Pfähle. Glänzen vom Regen auch wie Perlen, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Sie erstreckt sich von der Gartenlaube bis unter die Dachgiebel des Hauses und endet im Auffangbecken, das wir zum Gießen benutzen. Zum Gemüse- und Blumengießen. Die Isabellatrauben gießen sich selbst, weil die Regenrinne noch immer undicht ist. Hast du gehört? Die Regenrinne muss repariert werden.
Heuer ist ein Zucchini-Jahr. Ich habe es ausgerechnet, es sind im Schnitt zwei Zucchinis pro Tag, die geerntet werden müssen, gelbe und grüne. So viele Zucchinis können nicht eingefroren werden, dafür sind sie zu wässrig. Wir verschenken sie an die Nachbarn, die heuer kein Zucchini-Jahr haben. Über die Zäune hinweg, da wird einiges ausgetauscht, Gemüse, Nachrichten, Zigarettenstummel. Manchmal auch Enkelkinder. Hörst du mir zu? Wir haben zu viele Zucchinis. Ja, und zu wenig Tomaten. Heuer ist kein Tomaten-Jahr. Das hatten wir aber letzten Sommer, fünfzehn Dosen Tomatensoße liegen noch immer irgendwo in der Tiefkühltruhe. Damit kommen wir sogar durch den nächsten Winter.
Die Irmgard braucht keine Zucchinis. Sie hat heuer auch ein gutes Zucchini-Jahr – ich habe sie gerade getroffen und gefragt. Aber der Gartenzaun von ihr ist schon ganz morsch und muss dringend einmal erneuert werden. Das ist der Fluch des mittleren Gartens, man muss immer links und rechts fragen, wenn man etwas erneuern möchte. Wir müssen nur links die H.s fragen und mit denen verstehen wir uns gut. Das ist unser Glück. Wir teilen alles, die Läusemittel und den großen Griller, wenn die ganz große Familie kommt, für die unser Griller zu klein ist.
Früher habe ich mir immer ein Haus mit Garten gewünscht, jetzt habe ich eine Erdgeschosswohnung und einen Schrebergarten mit Blick auf die Zugschienen. Jede Stunde fährt ein Zug vorbei, ich nehme das Rauschen schon gar nicht mehr wahr, denke manchmal, dass der Wind besonders laut durch die Bäume weht, die Blätter zum Rascheln bringt, dabei ist es nur der Zug, der vorbeifährt. Wenn ich im Zug bin, dann kann ich die Schrebergärten zählen, überall sehe ich einen Garten wie unseren, als würde eine geografische Abhängigkeit zwischen Schrebergärten und Zugschienen bestehen.
Jetzt gibt es Neuigkeiten. Endlich, es gab schon so lange keine mehr. Die Irmgard hat es den H.s gesagt und die H.s mir gerade, als sie das Läusemittel zurückgebracht haben. Hör jetzt gut zu. Die Irmgard bekommt neue Nachbarn, die rechts von ihr ziehen weg. Sie haben jetzt ein Haus mit Garten und brauchen keinen Schrebergarten mehr. Die Irmgard hat die Neuen schon gesehen, zwischen den Buchsbäumen hindurch erspäht, und erkannt, dass sie nicht von hier sind. Nein, nicht aus einem anderen Bezirk, auch nicht aus einer anderen Stadt. Aus einem anderen Land. Sie sprechen eine andere Sprache und bauen bestimmt auch anderes Gemüse an, haben die H.s gesagt. Vor denen müssen wir uns in Acht nehmen.
Der Frühherbst kommt, oder soll ich noch Spätsommer sagen? In letzter Zeit ist nicht viel passiert – eine Petition gibt es zu unterschreiben, die Irmgard hat sie per Mail geschickt. Es ist eine Petition dafür, dass die neuen Nachbarn, die nicht von hier sind, wieder wegziehen sollen, weil sie zu laut sind. Ich habe sie noch nicht gehört, aber unser Garten ist auch ganz außen, wir hören nur den Zug. Trotzdem habe ich unterschrieben. Es könnte ja sein, dass etwas bei uns wegkommt, denn wir haben genug, das sie interessieren könnte. Den Griller, die Isabellatrauben. Nicht einmal die Zucchinis gebe ich ihnen. Die Petition haben schon viele unterschrieben, viel mehr, als bei uns einen Schrebergarten besitzen. Aber mir soll es recht sein. Hast du gehört, dass die Irmgard einen neuen Gartenzaun bekommt?

Rauch steigt seit Stunden auf, in der Nacht hat es gebrannt bei den neuen Nachbarn, lichterloh in ihrem Gartenhaus. Ich habe nichts mitbekommen, war zu Hause und habe erst später den Rauch gesehen, die Feuerwehr gehört und am Nachmittag die Ruine des Gartenhauses besucht, sogar die Himbeerbüsche sind ausgebrannt. Den ganzen Abend sieht es schon so aus, als hätte jemand gegrillt, doch es riecht nach verbranntem Plastik, nach verkohltem Holz. Fremdverschulden soll die Polizei festgestellt haben, Eigenverschulden meinen die H.s. Ich weiß nicht, ob man hier irgendwem die Schuld geben kann. Schließlich ist doch niemand dabei gewesen, niemand hat gesehen, wer was angezündet haben soll. Ich sollte die Fenster schließen, der Geruch beißt sich sonst auch in unseren Gardinen fest und den bekomme ich dann nie mehr hinaus.
Die Isabellatrauben sind jetzt reif, fast schon zu reif. Kaum nimmt man sie in die Hand, platzt die Schale auf und man hat nur noch ihre kleinen Kerne zwischen den Fingern. Gut, dass wieder Ruhe bei uns ist. Die Nachbarn, die nicht von hier sind, zogen weg, bevor ich die letzten Zucchinis verkocht habe. Zurück bleibt ein Garten ohne Gartenhaus, ein verkohlter Fleck in der Mitte unseres alltäglichen Lebens, der erst nächsten Frühling neu bepflanzt werden soll… Es beginnt zu regnen. Hast du die Regenrinne repariert? Ich habe dir doch gesagt, dass du sie reparieren sollst. Du hörst mir nie zu.

 

Helene Lanschützer

 

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