studentINNENfutter 2 & KulturKeule XV

7x7

Ein kleines literarisches Festival nächste Woche.

mosaik14/15 ab Montag, 11. Mai | Autorinnen und Autoren des mosaik an zwei DREI Tagen live:

Montag, 11. Mai | 19:30 | Literaturhaus | sei dabei...

Poets at work:

Sandra Hubinger
Lisa Viktoria Niederberger
Lukas Wagner


 

Mittwoch, 13. Mai | 19:30 | Literaturhaus | sei dabei...

studentINNENfutter 2

Veronika Aschenbrenner
Nico Feiden
Marlen Mairhofer
Andreas Neuhauser
Tobias Roth
Andrea Weiss

Musik: Tom the One und Lisa Viktoria Niederberger

Eine Veranstaltung von SAG und mosaik, unterstützt von der ÖH Salzburg.


Donnerstag, 14. Mai | 20:00 | Atelier du Bureau | sei dabei...

KulturKeule XV

Birgit Birnbacher
Max Czollek
Tobias Roth
Marc Carnal
& Max Horejs

KulturKeuleXV


Vor dem Bureau # 5: mosaik

Zwischendrin eine kleine Geschichtsstunde...


freiTEXT Spezial | Texte der Arbeit

freiTEXT_Illus6-7

Zusammenarbeit

Hiaz?

Na!

.

.

Hiaz?

Na, no ned!

.

.

.

Hiaz?

Z’spot!

Gerhard Steinlechner


freiTEXTe der Arbeit zum Tag der Arbeit. Eine offene Zusammenstellung von Autorinnen und Autoren des mosaik. Read more


studentINNENfutter 2 | 13. Mai 2015

7x7

Studentische Literatur ist…
jung? modern? avantgardistisch? unangepasst?
sie kommt von innen? stülpt das innenfutter nach außen? ist nahrhaft und preiswert zugleich?

Ein Abend mit Musik und Literatur - präsentiert von mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur, auf Einladung der SAG, unter anderem mit:

Veronika Aschenbrenner
Nico Feiden
Marlen Mairhofer
Andreas Neuhauser
Tobias Roth
Andrea Weiss

Musik: Tom the One und Lisa Viktoria Niederberger

Mi, 13. Mai | 19:30 | Literaturhaus | sei dabei...

Logo hinterlegt   Kultur Stadt Salzburg    landsbg2015_4c_72dpi


mosaik14/15 - es wird groß!

Schneller, höher, weiter. Eigentlich kein Grundsatz des mosaik, das sich der kleinräumigen Arbeit und dem Fokus auf das Detail verschrieben hat. Doch die neue Ausgabe kommt mit zahlreichen Superlativen. Aber was ist eigentlich mosaik14/15? Zumindest nicht 08/15... 

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freiTEXT | Eva Wimmer

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Wir oder ihr oder doch sie

Ich lebe, ihr lebt. Wir leben. Wer ist eigentlich wir? Und wieso sagen wir wir? Mich hat keiner gefragt, ob ich da überhaupt mitwirken will. Ach, hier liegt der Hund begraben … Nicht, ob ich mitwirken will. Wer kann schon heutzutage noch was wollen? Wir müssen wollen. Hört ihr den Widerspruch? Aber nein, dazu müsstet ihr ja genauer hinhören. Das wollen wir aber gar nicht. Oder besser gesagt, sie wollen das gar nicht. Und ihr doch eigentlich auch nicht. Und ich. Ich will eigentlich auch nicht hinsehen, hab aber irgendwie vergessen, wie man wegsieht. Ich weiß, dass ich nicht zu dem wir gehören will, dass Lebewesen nicht auf die Welt, sondern eigentlich schon auf deren eigenen Friedhof gebären lässt. Aber keine Sorge, es ist ja für uns. Dass diese Lebewesen eventuell auch ein ich oder ein wir haben, wen zum Henker interessiert denn das wieder? Wir dürfen ja nicht auf uns vergessen. Aber man sollte – nein, man darf – am besten auf sich selber vergessen. Nur zugunsten dem wir, keine Sorge, sie missbrauchen das nicht. Und sagt es auch nicht weiter, sonst könnte ja jemand hinter die Kulissen schauen.

Warum schießen wir eigentlich auf ein Reh? Oder auf einen Hasen? Und wieso brauchen wir dafür nicht eine Kugel, sondern gleich eine Schrotkugel, mit vielen ganz kleinen Kugeln? Na, ist doch ganz einfach. Das wir braucht kein Individuum, sondern ein Ganzes. Ohne die vielen kleinen Teile, wär das große Ganze doch ziemlich umsonst. Und wie kriegt man die kleinen Elemente jetzt zusammen? Ja genau, man gießt sie zusammen und bei Bedarf entlädt man sie geballt. Einzeln richten sie ja nichts aus, aber zusammen sind sie tödlich. Sie finden das klasse, ich finde das ziemlich feige. Aber ich hab ja auch nichts zu sagen, da wären wir ja wieder beim wir. Habt ihr schon mal ein wir gesehen, dass mit nur einer Kugel trifft, das wär ja aber ein Spaß, findet ihr nicht? Zuzusehen wie sie sich konzentrieren und anstrengen und dann rennt doch der Hase einfach so an ihnen vorbei. Aber bitte verhaltet euch das Lachen, sie finden das sicher nicht so komisch. Vom wir zum sie, geht doch, wenn man will.

Und wenn man fragt, wieso man nicht einen Menschen durch einen Wald jagt und dann ganz mutig mit einer Schrotflinte auf ihn schießt? Oh mein Gott, die sehen mich an, als ob ich komplett daneben wäre. Und was hört man dann: Man schießt doch nicht auf einen Menschen. Und ich frage mich dann, da ist doch schon wieder ein Widerspruch. Wieso schießt denn die halbe Welt auf einen anderen Menschen und wieso ist so ein Mensch dann auf einmal ein Tier, obwohl das wir doch eigentlich für alle gelten sollte – oder besser gesagt, müsste? Und wieso ist ein Tier denn immer untergeordnet? Unsere Sprache kann es zwar nicht, aber wir hingegen haben dafür verlernt, uns in Gefühlen auszudrücken und unserer inneren Natur zu folgen. Kannst dir ja dann überlegen, was dir lieber ist. Ich hab hier aber wohl eines nicht bedacht. Nämlich dass das wir, nur jene aufnimmt, die von Vorteil für es sind. Also Klappe halten und mitmachen und nicht fragen, wieso hier auf einmal es statt uns steht. Ich kann mich natürlich fragen, was es von mir will und wenn es etwas von mir will, dann ist die Frage, was die von mir wollen, wenn es doch für das wir steht. Seid ihr verwirrt? Ach, willkommen in meiner Welt. Ich hab euch ja nicht gebeten, mitzudenken. Ihr könnt auch den Text einfach lesen und weiterblättern. Oder ich könnt auch jetzt zu lesen aufhören und einfach weiterblättern.
Ihr könnt aber auch mal innehalten und darüber nachdenken, ob ihr das wir so gut findet, wie sie sich selber finden. Ob ihr etwas daran ändern könntet und wie jeder etwas mehr du sein kann.

Wie wir sehen grade sehen können, mein Text hängt. Was darf ich schreiben, was will ich schreiben und die wohl bessere Frage, was soll ich schreiben? Wenn ich dem wir alles von mir mitteile, das wäre nicht gut. Wir haben uns ja zu benehmen und du sowieso. Also nicht aus der Reihe tanzen, zurück in den Kreis, immer schön lächeln und weitermachen. Du kannst dir aber gern hinter dem Lächeln „Arschloch“ denken, das fällt auch gar nicht auf, versprochen.

Wo wir beim Kopfkino angelangt wären. Herrliche Filme, oder? Viel schöner, als die ewig andauernden Mord und Totschlag oder „Oh mein Gott, ich folge dir überall hin“ Kreationen im Hier. Ja, die Frage ist dann nämlich, wo willst du mir denn hin folgen? Und hast du mich eigentlich gefragt, ob ich das will? Wir können ja gern drüber reden, aber eigentlich hab ich lieber meine Ruhe. Ich habs auch gerne klirrend kalt und nebelig verhangen. Und bitte keine Plusgrade. In mir brennt alles, das reicht schon. Innen heiß und außen kalt. Möglicherweise denkst du, ich bin arrogant, möglicherweise will ich aber einfach noch immer meine Ruhe. Und ganz bestimmt, lass ich mich von dir nicht einschätzen. Wenn du wissen willst, wie ich so ticke, du kannst mich ja einfach fragen. Aber nein, wir lassen uns lieber von den anderen sagen, wie derjenige so drauf ist. Also man ganz ehrlich: Leute, die mich kennen, wissen, wie ich drauf bin. Leute, die mich nicht kennen und es wissen wollen, können ja wie oben schon gesagt, einfach fragen. Leute, die mich nicht kennen und mich nicht fragen, geht doch bitte einfach weiter und spart euch eure Meinung über mich.

Aber wenn wir sagen, dass du schlecht bist, dann muss das auch so sein. Ich hab ja ganz vergessen, dass heutzutage wild durch die Gegend beurteilt wird und wehe, man glaubt das nicht. Man könnte sich ja eine eigene Meinung bilden und feststellen, dass das wir ziemlich egoistisch ist. Die anderen werden nämlich ganz schlecht beurteilt und ja, wir dürfen – nein, wir müssen – das glauben. Aja und danke, dass ihr mir sagt, was ich denken kann. Sehr aufmerksam, dann muss ich selber nicht mehr nachdenken. Ist ja auch überbewertet und ich kann dann einfach meine kleinen Einzelteile in die Hand nehmen und mitballern, weil ihr habt ja gesagt, dass die schlecht sind. Nur frag ich mich halt, warum das so ist. Ich mach mir ja auch eine Meinung darüber, was ich esse und lass dann die Finger von dem, was mir nicht zusagt. Ganz einfaches Prinzip, funktioniert überall auf der Welt ganz gut. Aber wenn es mit dem Essen funktioniert, wieso dann nicht auch mit den Menschen? Hm, vielleicht macht Menschen abknallen ja auch Spaß, denn essen tun sie dann die wenigsten.

Aber was ist eigentlich Spaß? Etwas, das uns zum Lachen bringt? Etwas, das uns glücklich macht und daraufhin lächeln lässt? Etwas, das uns das Herz aufgehen lässt? Etwas, woran wir Spaß haben? Wie würdest du Spaß definieren? Ich glaube, dass dies etwas ist, woran man Freude hat und das einen fühlen lässt, dass man auf dem richtigen Weg ist. Nur wo befindet sich denn nun dieser Weg wieder? Und eigentlich wollte ich einen Text schreiben, langsam artet das aber in eine Fragestunde aus. Und doch rennen wir viel zu oft wahllos durch die Gegend, ohne uns zu fragen, wo wir eigentlich sind. Seht ihr, immer wenn das wir kommt, dann ist das ich sofort im Hintergrund und es folgt Verwirrung und man weiß nicht, wo man steht. Ohne, dass uns das aktiv auffallen würde! Wir können ja mal probieren, vom wir zu reden und ans ich zu denken. Na, wie viele Widersprüche findest du?

Das wir hats schon gut drauf, ohne kommen wir nicht aus, auch wenn wir wollen. Und immer nehmen wir auch das wir in den Mund, als ob wir das Wort gepachtet hätten. Vielleicht sollten wir das Wort einfach ein wenig bedachter gebrauchen? Und da war es doch schon wieder. Vielleicht sollte ich das Wort einfach ein wenig bedachter hernehmen? Und wenn wir das alle machen, dann gibt es wesentlich mehr ich.

Und ich sag euch was, aus der Reihe tanzen tut gar nicht so arg weh. Man kann ja ausblenden, was man nicht sehen will. Man kann ja weghören, wo es einem sonst das Herz zerreißt. Man kann ja das ich weiterreichen und im Kleinen wirken. Man kann auch einfach sein „sicheres Leben“ aufgeben, studieren, was einem gefällt und sich dann an den Kopf werfen lassen, ob man eventuell total bescheuert ist. Vielleicht bin ich auch ein Stückchen mehr ich selbst, wenn ich meinem Herzen folge? Ja, aber vielleicht bin ich auch total daneben, die wissen es, nur ich noch nicht. Das ist wohl die einzige Gefahr, wenn man das wir hinter sich lässt. Dass das ich auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommt, eines, dass man selber gerne sehen möchte und eines, dass sich auch ganz gut anfühlt, obwohl einem das wir die Tränen in die Augen treibt.

Aber man darf mit dem wir auch nicht mit Vorurteilen verfahren, so wie die das machen. Das wir hat natürlich auch ganz viele schöne Seiten. Und das wir hat auch ein ganz bezauberndes Lächeln, mit dem zwar der Hass versteckt mitgrinst, aber wer schaut heutzutage noch so weit hinter die Kulissen, dass er das erkennen würde? Ich schätze ja den Teufel nicht so grausam ein, wie den Menschen. Aber ist ja nur so eine Überlegung, wird euch ja egal sein. Luzifer ist auch ein viel schönerer Name, als … Tja, jetzt kommt es natürlich darauf an, wen du hier einsetzen und du hier wie benennen willst. Jetzt bist du gefragt und kannst dir ja denken, was ich einfügen würde. Nämlich würde und natürlich nicht mache. Oder hast du schon vergessen, dass man unbemerkter durchs Leben kommt, wenn man die Klappe hält?

Leise sein, ist natürlich nicht immer gut. Was wäre denn die Welt, wenn nicht ab und an jemand dabei wäre, der sie besser zu machen versucht? Aber wenn man selber nicht die richtigen Worte findet und nicht weiß, wie man hinsehen soll, ohne, dass man sich besagte Schrotflinte ausborgt, dann ist es besser, man dreht sich um, macht sich unsichtbar und versucht seine eigene kleine Welt besser zu machen. Manche Leute sagen nämlich ernsthaft zu mir, dass ich ein Loch reinreißen würde, das man nicht mehr flicken kann, wenn ich gehen würde. Nett, oder? Ja, es gibt auch Menschen, denen man gerne die Hand gibt, weil sie einen daran erinnern, dass man doch nicht alleine ist. Leute, die mich kennen, wissen ja nun, dass sie gemeint sind. Man muss ja nicht immer reden, um sich zu verstehen. Manchmal genügt auch ein Lächeln oder ein Blick oder sowas. Jetzt aber nicht zu sentimental werden, hinter meiner Mauer hat beim besten Willen nicht jeder was verloren.

Aber alles was seine guten Seiten hat, will ja auch unbedingt einen schlechten Gegenpart haben. Jaja, den hab ich genauso wie ihr. Mein persönliches, kleines und sehr hartnäckiges Gegenstück sitzt manchmal rechts, aber oft auch links auf meiner Schulter. Man sollte nie darauf vergessen, wo es grade sitzt, dann kann man es wunderbar umgehen. Ich könnte ja auch einfach sagen, wie klasse die Welt ist. Könnte ich. Ich könnte auch einfach schlafen gehen und nicht mehr aufwachen. Könnte ich. Ich könnte auch darüber nachdenken, wieso das alles so passiert. Könnte ich. Sollte ich aber nicht, weil mich das wieder zum wir führt und dort ist kein gutes Viertel für mich.

Müsst ihr aber selber wissen, wo ihr hingeführt werden wollt. Ja, ihr habt das selber in der Hand, wenn ihr wollt. Ihr könnt auch die Augen zumachen und euch vom wir leiten lassen. Schon nett vom wir, dass wir das selber entscheiden können, oder? Aber keine Sorge, egal für was du dich entscheidest, das wir bleibt sowieso immer da. Immer an deiner Seite; wird es dir auch schon immer sympathischer, so wie mir? Ach komm schon, das muss dir doch gefallen, dass du immer von etwas abhängig bist, es nie loswirst und es ständig in deinem Kopf rumschwirrt. Manche beschreiben ihre Beziehung so. Schön, oder? Nicht vergessen, es ist ein Nebeneinander und kein Miteinander.

Ich für meinen Teil hätte ja gerne ein Miteinander, versuche nicht zur Schrotkugel zu werden und einfach statt an das wir, an mich zu denken.

Neben dem wir, steht so viel ich in diesem Text. Ob die wohl damit einverstanden sind? Ob ihr das versteht? Ob wir das wollen? Und als ob ich nicht mit einem Lächeln dastehen würde, hinter dem sich mein eigener kleiner Dämon versteckt, der mir ständig ins Ohr flüstert: Wenn du das ich weitererhalten willst, dann geh deinen Weg. Wenn du aber von dem wir die Schnauze voll hast und keinen Ausweg mehr siehst, dann sei doch so frei und borg dir von denen ihre Schrotflinte. Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich mir deren Meinung ins Hirn blase. Mein kleiner persönlicher Aufpasser meint dazu aber, dass wir – nämlich er und ich – sehr wohl was dagegen haben. Wie man sieht, ist im wir und ihr auch ein ich und du möglich, wenn das ich sich sein eigenes wir schafft. Seine eigene kleine Welt, die zwar wesentlich zerbrechlicher aber doch beständiger ist.

Und immer wieder frage ich mich, ob es etwas gibt, das keinen Widerspruch fordert.

Eva Wimmer

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
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freiTEXT | Clemens Schittko

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Gedicht über eine Stubenfliege

in meinem Zimmer befindet sich eine Stubenfliege
eine Stubenfliege, die mich stört
deshalb fange ich in meinem Zimmer die Stubenfliege
und lasse sie frei auf meinem Balkon

nun ist eine Stubenfliege mehr in der Welt
eine Stubenfliege macht die Welt zu einem Zimmer
die Welt ist ein Zimmer, bis die Stubenfliege tot ist
und wenn sie tot ist, dann ist die Welt ein totes Zimmer

Clemens Schittko

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freiTEXT | Matthias Engels

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An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Jeder Mensch ist eine Insel

Lieber Murphy,

entschuldige, wenn ich störe, aber ich möchte kurz etwas festhalten. - Es fehlen ja immer Dinge zum Festhalten. Alles schwankt, alles schaukelt, wirft einen hin und her. Wo ist der letzte Punkt, an dem man unzweifelhaft noch auf dem richtigen Weg war? Ein Pfeiler, ein Pfosten, ein Stecken, ein Stab, der fest in der eigenen Geschichte steckt und nicht nachgibt, wenn man sich an ihm festhält. Wo ist man falsch abgebogen und warum? Warum hat man kein Brot gestreut, keine Schnur abgewickelt?
Ach komm, der ganze Rückweg ist anstrengend und ohnehin umsonst, denn man kann nicht zurück hinter eine Entscheidung! Aber ich rede immer nur von mir!

Dabei sollte man sich nicht so wichtig nehmen; nicht ständig ICH sagen. Der Unterschied zwischen wichtig und nichtig ist marginal. Ich kann ja jeder sagen und mit Ich fängt jede Geschichte erst an. Wer Ich sagt, hat ja bekanntlich noch nichts gesagt.

Ich und Du hat man nur erfunden, weil sich auf MENSCH nichts reimt und das ist schlecht für Liebeslieder. Auf Ich reimt sich dann Dich und das ist gut. 1 und 1 das macht 2 und 2 sind ja bekanntlich zu viel, um frei zu sein.

Im binären Code können Informationen von nur zwei verschiedenen Symbolen dargestellt werden. 1 entspricht logisch wahr, 0 entspricht logisch falsch. Kein Platz für 2/3/4 in dieser Wahrheit. -Überhaupt Wahrheit! Letzten Endes gilt doch, was die Mehrheit abnickt. Was nur zwei von 6 Milliarden schwören bleibt ungehört und Wahrheit letztendlich Statistik! Überhaupt Statistik: ein Pferd hat statistisch zwei vordere, zwei hintere, zwei linke und zwei rechte Beine, also hat ein Pferd acht Beine! Statistik: eine der Errungenschaften der Neuzeit! Was bleibt eigentlich von der sogenannten Zivilisation?- Aufrecht gehen, Zentralperspektive, die Umrisslinie: alles schon so lange erfunden und viel weiter sind wir eigentlich bis jetzt nicht gekommen. Danach hat kaum noch was unbestreitbare Gültigkeit: alles kann man zerreden, zerpflücken, widerlegen und in Zweifel ziehen. (Fichtes dialektischer Dreischritt)

John Donne hat ja bekanntlich gesagt: Kein Mensch ist eine Insel. Matthew Arnold, ein englischer Dichter und Kulturkritiker, widersprach ihm und behauptete, vielmehr sei es genau so: Jeder Mensch sei tatsächlich eine Insel. Damit kann gemeint sein, dass jeder Mensch am Ende alleine ist.
Nach Arnold kann ich mich anderen Inseln zwar nähern, aber sie nie betreten, weil ich nicht deren Gene, Erziehung, Erfahrungen – sprich ‘Feintuning’ des Gehirns habe. Militärisch gesehen ist eine Insel ein Sonderfall. Sie ist zwar einerseits durch das Meer an allen Seiten eingezäunt und schwer einzunehmen, bietet aber andererseits ihren Bewohnern keinerlei Fluchtmöglichkeiten, wenn sie einmal erobert ist.

Wenn ICH nun eine Insel bin, dann bin ich wohl eingenommen, ohne Fluchtweg. SIE hat einen Hafen in meine zerklüftete Küste gesprengt und einen Steg oder eine Pontonbrücke zur nächstgelegenen Insel angelegt, die niemand anders als SIE selbst ist. Wir haben dem Meer um uns herum zusätzlich Land abgerungen. Wenn jeder Mensch eine Insel ist, dann sind wir vielleicht eine kleine Inselgruppe, ein Atoll in der Südsee, offensichtlicher Garten Eden in Blüte, aber der erste, den die Klimakatastrophe schlucken wird.

Man müsste ganz einfach heute seine Unabhängigkeit erklären; sich lossagen von aller staatlichen und auch sonstigen Bindung an irgendein Gefüge oder Konstrukt. Den Paß höflich im Amt zurückgeben. Der Gedanke fasziniert mich schon lange. Alle Waffen niederlegen, die Tarnkappen und Masken abstreifen und die Texte sämtlicher Rollen von einem Tag auf den anderen vergessen. Sein eigenes Land sein; das Einzige ohne Grenzen, ohne Armee oder Verfassung. Ein eigenes Hoheitsgebiet: Wo ich bin, ist Territorium von Meinland und die Welt um mich herum wäre immer nur auf Staatsbesuch.

Bitte entschuldige wirklich diese absurde Störung.
Es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen!

Herzlichst,
dein
J.

Matthias Engels

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