freiTEXT | Dijana Dreznjak

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ENTSCHLOSSEN...

Sie blickt aus dem Zugabteil -

ihr Blick starr und leer.

Am Bahnsteig wartend - links der neue graue Koffer, rechts die Lieblingshandtasche. Heute benutzt sie den Lift - statt der üblichen Treppen.

Als sie das Ticket kauft -

steigen Tränen in ihre Augen - sie hasst Abschiede.

Nur das Nötigste wird mit dem Taxifahrer gesprochen. Bevor sie einsteigt, atmet sie noch einmal tief durch -

noch ein kurzer Gedanke.

Mit zittrigen Finger wählt sie die Nummer des Taxiunternehmens. Der letzte prüfende Blick, ob sie das Nötigste eingepackt hat.

Entschlossen und doch irgendwie verunsichert schreibt sie auf das Blatt...

Ich bin weg und komme nicht wieder!

 

 Dijana Dreznjak

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Die freiTEXTe machen erstmal Pause. Ab 1.12. übernimmt das advent-mosaik. freiTEXTE gibt es wieder ab Jänner 2015.


freiTEXT | Andreas Haider

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Zu wos?

Da Astronaut hod sein Steiaknüppi gaunz fest in di Händt koidn. Nem eam schwebt di Termosfloschn mitn Kaffee vorbei, in da Schwerelosigkeit. Ea greift sis und trinkt amoi owa, dass a ned schlofat wiad, do, in da Finstan, mittn im gaunz großn Nix. Di Stean, di a siagt, san olle so weit weg. Und di Wöd, wo a gschart is, vor sovü Joahr, is schau sowos vo laung hinta eam.

Wia laung a do hiazt schau in dera Raumkapsl sitzt? Ea üwalegt. Des miassn sicha schau fünf Joahr sei, mindestns. Und ea wiad nu fost zehn Joahr so weidafliagn, bis a zu dem Palnetn kimmt, wos na higschickt haum. Daun soid a dort den Planetn fünf Joahr erforschn, und daun fliagt a wieda hoam. Wieda fuchzen Joahr in da Raumkapsl, bis a wieda zruck kimmt.

Daun wird a fünfadreißg Joahr im Wödraum gwesn sei. Fünfadreißg Joahr! A hoiwats Lebm. Netta in dera Raumkapsl. In dem Blechküwi.

Er nippt nu amoi owa vom Kaffee, daun gibt a da Termosfloschn an Schubs, dass wieda wegaschwebt in da Kapsl. Owa er is jo eh ned aloa, es sand jo nu nei aundare Astronautn und Astronautinnen an Bord. De san owa oiwai obwechslnd im Tiafschlof. Netta waun ona aufwocht und eam olöst, so olle Monat, daun hod a amoi a Aunsproch, zumindast fia an Tog oda an hoibn, bis a si a in des elektrische Tiafschlofbett legn muas. Und daun schloft a nei Monat, bis eam da Computa wieda aufweckt, wei a wieda des Raumschiff steian muas. Nei Monat schlofn, oa Monat munta, fuchzehn Joahr laung. Er schüttlt in Kopf. „Warum hob i mi nua gmödt“, denkt a si.

Waun a wenigstns wos gscheids zun doa häd. Owa ea braucht jo ned amoi fliagn, des mocht eh oiß da Computa. Ea muas netta aufpassn, ob da Computa si eh net varrechnt hod. Und waun a Komet oda a Asteroid daherkimmt, den da Computa üwasegn hod, daun muas a ausweichn. Owa des passiert eh so guat wia nia. Dass do amoi a Komet kimmt, des ist fost ausgschlossn, und söbst waun, daun wiad a meistns eh vo de Computasensorn entdeckt und da Computa programmiert an neichn Kuas, dass net zaumstessn. Netta waun des ned funktinoniert, daun muas a eigreifn.

Des is jo des schlimme, dass ma sovü Zeit zan nochdenga hod, in dem Raumschiff. Und oiwei muas a an des Söwi denga, dass a do hiazt insgesaumt fünfadreißg Joahr im Wödraum sei wiad. Dass a sei hoiwats Lebm do in dera Kapsel vabringt. Wia in an Häfn, aus demst ned ausbrecha kaunst. Und ständig de Frog, wos des eigentli füa an Sinn hobn soid, des gaunze. Ea hoits nimma aus.

Dawai hod a se des oiwai so schee voagschöt, des Wödraumfliagn. De große Freiheit, schwebn in da Unendlichkeit, wegakuma vo da Erd und ihre Probleme, wos segn, wos nu nia zuvor a Mensch gseng hod, wo geh, wo nu nia zuvor a aundara Mensch gaunga is, und wo möglichaweise a ni mehr a aundara Mensch geh wiad. De Freiheit woas, de eam außi tribm hod, ins Wödall. Owa hiazt, hiazt is a eigspeat in dera deppadn Kapsl.

Do hod a a Idee: Ea schreibt an Zedl und legtn auf den Sitz in da Raumkapsl. Daun geht a zu dem Kleidaschraung, wo de Raumanzüge drinnen san, nimmt se oan aussa und ziagt sin au. Ea geht zua Ausstiegsluke. Wir as aufmocht, do blinkn de gaunzn Woanliachta rot, und a Computastimm sogt eam, dass a de Lukn jo ned aufmocha deaf, owa des is eam in dem Moment wuascht. Ea wü nimma eigschpeat sei in dem deppaden Blecküwi, der duachs Wödall fliagt, ea wü frei sei. Frei! Um an jedn Preis!

A poa Wocha späda weckt da Computa den nextn auf, der drau is mitn aufpassn. Ea sucht üwaroi noch dem Astronautn, owa ea findt nua den Zedl aufn Sitz. Er nimmtn und liest. Während a des glesen hod, do woa unsa Astronaut schau Millionen Kilometa weit weg, irgendwo im Wödall, valoan in dem gaunz großn schwoazn Nix. Valoan, owa frei.

Andreas Haider

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freiTEXT | Claudia Kraml

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Tintenzeichen

“Einfach schreiben, Zeile um Zeile, nur nicht nachdenken, immer weitermachen. Das Blatt füllen, sodass das Weiß zurückweicht, die beängstigende Leere, die Anforderungen stellt, nach perfekten Sätzen und den richtigen Worten an der richtigen Stelle verlangt. Sobald man über sie zu reflektieren beginnt, ist es aus, denn das Zögern verhindert jede weitere ehrliche Aussage. Die Buchstaben werden zu Teilen trügerischer Kartenhäuser, die durch den leisesten Windhauch zerstört werden können. Wieder einmal verstecke ich mich hinter ihrer Fassade, verschlungene Gedanken und unablässiges Hinterfragen haben mich meiner Sicherheit beraubt. Daher auch die Angst vor allzu kurzen Sätzen, denn: Was kommt nach dem Punkt?
Was du hier siehst, ist nur ein kleiner Teil von mir. Doch wenigstens zweifeln darf ich nicht, nicht an der Rechtmäßigkeit, dir das hier zu schicken, nicht an meiner Macht über die hundert Worte, die mir gleichzeitig in den Sinn kommen und und sich so schwer bändigen lassen, nicht an deiner Bereitschaft, den Umschlag zu öffnen und dir Zeit für mich zu nehmen. Für die wenigen schwarzen Tintentropfen, aus denen diese Sätze entstanden sind. Vorausgesetzt, ich bringe tatsächlich den Mut auf, dir den Brief zu schicken. Der Weg zum Postamt ist ein sehr weiter, wenn man sich selbst nicht einmal sicher ist, ob man das Recht hat, ihn zu beschreiten.
Erneut habe ich eine Pause eingelegt, nicht gewusst, wie viel von meinen derzeitigen Erlebnissen ich dir tatsächlich preisgeben soll. Genau den Fehler habe ich schließlich schon einmal begangen, mich bedingungslos und voller Zuversicht anvertraut, mit all meinen Schwächen und Unzulänglichkeiten, dem naiven Optimismus und all der Einzigartigkeit, die jedem Menschen eigen ist. Die Strafe kam nicht abrupt, doch umso gnadenloser, ich rannte gegen selbst erbaute Mauern und versuchte doch immer wieder, sie zu überwinden, weil nicht ich ihr Schöpfer war. Irgendwann muss ich mir dabei etwas gebrochen haben, denn ich konnte mich nicht mehr weiterbewegen, sank erschöpft zu Boden, deprimiert und am Ende meiner Kräfte. Ich glaube, ich liege dort bis heute.
Was ich dir sagen will, wozu mein Kopf meine Hand drängt, es aufzuschreiben, was meine Gedanken wiederum verhindern wollen, die mich bremsen, die meine Worte für nicht gut genug halten, die alles zensieren, was eigentlich längst auf diesem Blatt Papier stehen sollte… Es ist eigentlich nicht viel. Ja, ich weiß, das sage ich immer, wenn dann wieder ein Redeschwall kommt, wenn ich dich zutexte, egal ob in gesprochener oder schriftlicher Weise.
Wie gern würde ich dir gegenübersitzen, oder, noch besser, neben dir, reden und lachen und nicht darüber nachdenken, wer wir sind, was es bedeutet und wohin uns die Zukunft führen wird. Nur im Moment leben, für ein paar Augenblicke. Den Sommer in deinen Augen sehen, egal, was für ein Tag es ist.”

Mit spöttischem Grinsen legt sie das Blatt zur Seite, sieht auf die Uhr. Ganze zehn Minuten verbrachte sie nun mit dem dicht beschriebenen Stück Papier in der Hand. Vergeudete Zeit, mit Unmengen sinnvollerer Beschäftigungen nutzbar, einfach so verstrichen. Einzig und allein wegen ihrer Unfähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Doch das wird sich jetzt ändern.
Ruckartig erhebt sie sich, wirft noch einen Blick auf den Umschlag mit den bemüht regelmäßig aussehenden Buchstaben, die in schwunghafter Kursivschrift Namen und Adresse ergeben. Beim Anblick des Absenders hätte sie das Schreiben sofort wegwerfen sollen, ungelesen, ignoriert. Warum sie sich überhaupt damit beschäftigt hat, darüber möchte sie nicht nachdenken – es gibt genug andere Dinge, die sie all die Tage, Wochen, Monate hindurch auf Trab halten. Wann das aufhören wird, weiß sie nicht, sie will es nicht einmal wissen, aber jedenfalls darf sie nie innehalten, keine Fehler eingestehen, sich nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen.
Und so segelt diese in hohem Bogen in den Papierkorb.
Dicht gefolgt vom Brief einer Möbelfirma, die einen Teil ihres Sortiments mit Rabatten bewirbt.
Der Preis wäre immer noch zu hoch gewesen, in beiden Fällen.

 Claudia Kraml

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freiTEXT | Sabine F.

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Im Zug: Reise nach…

„Wohin geht die Reise?“ wollte das kleine, zierliche Mädchen wissen. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich, „ist das denn so wichtig?“ Ratlose, aber neugierige Kinderaugen musterten mich: „Aber du musst doch wissen, wo du hinfährst!?“ Ich wusste es nicht. „Reist du ganz alleine?“ fragte das Mädchen mit mitleidigem Blick. „Ich bin doch nicht alleine. Du bist ja auch da!“ Die Kleine strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. „Wie soll es dort sein, wo du hinreist?“ Gelassen antwortete ich: „Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Ich werde da sein. Ich werde mit allen Sinnen da sein. Ich werde an keinem anderen Ort sein wollen. Und ich werde wissen, dass ich angekommen bin.“ Meine Antwort schien das Mädchen zufrieden zu stellen. Es nickte mir wohlwollend zu und verschwand aus meinem Blickfeld.

Sabine F.

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freiTEXT | Andrea Weiss

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Liebste Marie,

Marie, Marie, du verpasst so viel hier in Salzburg, du verpasst die Welt! Denn Salzburg macht einfach Freude, sagen sie, weil Arbeit frei macht.

Marie, Marie du verpasst die Welt in dir! Du verpasst die Tausendmeilenblicke und den grässlichen Kaffee und unzüchtige Gedanken und überhaupt: In schönen Kleidern Kuchen kochen, das kann wohl jeder, meinst du, aber dem ist nicht so. Manchmal findet man sich dann halt doch auf der Couch wieder, ein Weinglas. Raybans. Zerkratzter Nagellack…kennst eh. Sinnierendes Treffen den Nagel neben den Kopf.

Marie, Marie, du verpasst die Momente im März und die Stille des leeren Augenblicks Apriliens. Vorbei wie wilder Honig, die sommerlichen Fliedergefühle und Heu.
Zeit! Du verpasst die Zeit und lässt den Zug in Roma Termini einfahren aber du warst nicht an Bord. Seekrankheit vortäuschend drei Minuten an der Toilette kämpfend. Oder warens sieben? Egal, eine gesehnte Ewigkeit.

Auch die Brut und Boden Ideologie junger, vor allem österreichischer Mütter aus der Unter- und Mittelschicht mit einem lala-Hauptschulabschluss lässt du dir entgehen, was ich allzu schade finde. Und auch der existenzielle Volksdumpfskampf manch autonomer Provinzen und die neuen Püppchen vom Typ deutsches Lenchen (Gretel war grad ausverkauft), gehen gradewegs an dir vorbei.

Marie, Marie, du verpasst so viel, du verprasst die Welt und jeden grässlich rotschwarzblaugepunktetenextasemordenden Augenblick im kleinen 5020.

Träume weiter, WandererIn, wenn du nach Sparta kommst.

Andrea Weiss

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freiTEXT | Tobias Roth

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Rücklings

Nackt am Rand eines Meeres, durch das Schwertfische schwimmen, und trockne langsam. Die Flut hat die Abfälle entlang geordnet. Hinter den Dünen einst Baiae, daran ist nicht zu denken, wie an die Pinie von 79, und an nichts anderes ist zu denken. Das Land ist ins Meer hinein erkaltet, das Meer ist über Kapitelle gestiegen. Eine Luftspiegelung lässt mich Gesichter sehen, rücklings, der Anblick der blauen Fläche ist unveränderlich. Starr von Salz, seine Ausblühungen sprießen hinter den Dünen an Plattenbauten mit Meerblick. Niemand entlang des Sandes in der Sonne des frühen Oktobers; zum Sonnenaufgang werden hier viele Pferde sein. Rauschen zwischen Welle und Landstraße, rücklings, unterschiedslos. Und es kann dazugesagt werden, wie auch in Cuma die Häuser über die Theater wachsen, wie Wald aus Waldboden, und in der Stadt die Häuser Städte in ihren Kellern finden. Spolien der Zeit und Muren sind neue Fundamente, wenn das alles nichts als ein pompeianisches Fresko ist (und so ist es), wurden meine Augen geologisch und die Menschheit ein Stillstand, den das Vergessen beflügelt. Aus dem Brunnenschacht heraus, niemals über den Meeresspiegel. Aber die blaue Fläche setzt mich zurück in die Bewegung. So höre ich euch von Bädern sprechen und zurück zu Catull kehren und in den Augen der Bäume ein Portrait, weiß und warm wie der Marmor der meerischen Venus und die Schönheit ihrer Hüften. Ich sehe die Lichtbüschel den Schaum entzünden, was aus der Zeit geschnitten wurde, sanfte Farben, heftige Bewegungen, Zerfließen in weißen Schlieren, Wolkenformationen ins Unbekannte. Bald Abend. Duft des Ginsters, der Erde, kein Ende. Endet der Sekundenschlaf, der Horizont hebt sich mit dem Lid und ordnet mich den Strand entlang.

Tobias Roth

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es wird X // Update Projekt X //

ProjektX

Noch in diesem Jahr einige Neuerungen bzw. Eckpunkte des Projektes, die wir bereits festlegen konnten.Read more


Stefan B. Findeisl - Zwölf Stunden

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ZWÖLF STUNDEN, die Hälfte eines Tages. Halb in Dunkelheit, Nacht, halb im Licht, Tag. Sie steht genau am Äquator. Lotrecht. Bescheint zu gleichen Teilen den Norden und den Süden. Macht keinen Unterschied zwischen denen da oben und denen da unten. Gleichberechtigung der Hälften. Für drei Monate war sie jetzt im Norden, wanderte bis zum Wendekreis. Schaute sich Europa an, Russland, die Vereinigten Staaten bis hinauf nach Kanada und Grönland. Einen Tag, einen längsten Tag, verweilte sie am Wendekreis. Zuwendung: uns. Jetzt ist sie wieder in der Mitte angekommen, kehrt sich zur anderen Seite. Verkürzt ihre Verweildauer in unseren Breiten. Gibt der Nacht mehr Raum. Es wird kühler werden. Wir kühlen aus. Stehen mit hochgeschlagenen Krägen unsere Mäntel in der Dunkelheit. Sehen unseren Atem vor uns in der Luft stehen. Wir sehen uns atmen. Sehen uns leben. Im frieren und atmen wird uns unser Leben bewusst. Hier im Dunkel, wo das Sonnenlicht nur als fahler Abklatsch am Himmel steht. Mond. Was im Sommer selbstverständlich schien, was leicht war, woran man nicht dachte, nicht erinnert wurde, kommt als Erkennen schwer zurück. Es ist Leben in uns. Dieses Leben muss gepflegt werden, muss umsorgt werden, muss geführt werden. Der Winter verlangt es. Der Winter zeigt mit dem Finger auf ES.

Auf das Leben.

Achte darauf.

Halte dich warm.

Atme.

Lebe.

Stefan B. Findeisl - warten auf das große wort

Sarah Eder - Die Ampel schimmelt. Oskar auch. (Auszug)

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Draußen schneit es. Sein Streber-Darm meldet sich wieder. Die Blähungen knarzen mit seinen Schritten im Schnee in einen gemeinsamen Takt. Sein Schal presst den Hemdkragen gegen die kleinen blutigen Punkte am Hals. Wenn er das Hemd abends auszieht, sieht der Kragen innen sicher schlimm aus. Von außen merkt man aber trotzdem nichts. Er sieht ja auch von Innen sicherlich ganz entsetzlich aus, aber der Krebs hat eben sein Gesicht noch nicht erreicht.
Eine Ecke weiter muss Oskar dann echt schlimm aufs Klo. „Man muss nur sterben und aufs Klo“, murmelt er in sich hinein. Und da er das eine schon macht, kann er nun getrost auch bei der nächsten Gelegenheit auf die Toilette gehen. Komisch, wenn man bei dem Sprichwort auf einmal beides muss.
An der Kreuzung bleibt er stehen. Es ist rot. Die Ampel trägt eine Schimmelschneehaube wie er selbst auch. Oskar fragt sich schmunzelnd, ob sie auch Krebs hat. Dann fällt ihm ein, dass die Ampel ja wie die Tomate auch irgendwann wieder grün werden muss. Vielleicht hängt das zusammen, dass alle roten Dinge mit weißen Metastasen sich irgendwann wieder in grün verwandeln oder zumindest mal grün waren. Das heißt aber auch: Er hat das Grüne vielleicht noch vor sich. Zumindest würde Franz das jetzt so sagen. Therapeuten wissen, dass grün die Farbe der Hoffnung ist und dass man das hören will, wenn man eine Chemo machen muss – auch wenn man selbst als Therapeut arbeitet und weiß, dass Krebs ein Arschloch ist. Hoffentlich bleibt ihm genug Zeit für die Verwandlung. Aber nicht jetzt. Er muss gehen. Es ist grün.

Sarah Eder - warten auf das große wort