freiTEXT | Matthias Engels

freiTEXT_Illus6-2

An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Jeder Mensch ist eine Insel

Lieber Murphy,

entschuldige, wenn ich störe, aber ich möchte kurz etwas festhalten. - Es fehlen ja immer Dinge zum Festhalten. Alles schwankt, alles schaukelt, wirft einen hin und her. Wo ist der letzte Punkt, an dem man unzweifelhaft noch auf dem richtigen Weg war? Ein Pfeiler, ein Pfosten, ein Stecken, ein Stab, der fest in der eigenen Geschichte steckt und nicht nachgibt, wenn man sich an ihm festhält. Wo ist man falsch abgebogen und warum? Warum hat man kein Brot gestreut, keine Schnur abgewickelt?
Ach komm, der ganze Rückweg ist anstrengend und ohnehin umsonst, denn man kann nicht zurück hinter eine Entscheidung! Aber ich rede immer nur von mir!

Dabei sollte man sich nicht so wichtig nehmen; nicht ständig ICH sagen. Der Unterschied zwischen wichtig und nichtig ist marginal. Ich kann ja jeder sagen und mit Ich fängt jede Geschichte erst an. Wer Ich sagt, hat ja bekanntlich noch nichts gesagt.

Ich und Du hat man nur erfunden, weil sich auf MENSCH nichts reimt und das ist schlecht für Liebeslieder. Auf Ich reimt sich dann Dich und das ist gut. 1 und 1 das macht 2 und 2 sind ja bekanntlich zu viel, um frei zu sein.

Im binären Code können Informationen von nur zwei verschiedenen Symbolen dargestellt werden. 1 entspricht logisch wahr, 0 entspricht logisch falsch. Kein Platz für 2/3/4 in dieser Wahrheit. -Überhaupt Wahrheit! Letzten Endes gilt doch, was die Mehrheit abnickt. Was nur zwei von 6 Milliarden schwören bleibt ungehört und Wahrheit letztendlich Statistik! Überhaupt Statistik: ein Pferd hat statistisch zwei vordere, zwei hintere, zwei linke und zwei rechte Beine, also hat ein Pferd acht Beine! Statistik: eine der Errungenschaften der Neuzeit! Was bleibt eigentlich von der sogenannten Zivilisation?- Aufrecht gehen, Zentralperspektive, die Umrisslinie: alles schon so lange erfunden und viel weiter sind wir eigentlich bis jetzt nicht gekommen. Danach hat kaum noch was unbestreitbare Gültigkeit: alles kann man zerreden, zerpflücken, widerlegen und in Zweifel ziehen. (Fichtes dialektischer Dreischritt)

John Donne hat ja bekanntlich gesagt: Kein Mensch ist eine Insel. Matthew Arnold, ein englischer Dichter und Kulturkritiker, widersprach ihm und behauptete, vielmehr sei es genau so: Jeder Mensch sei tatsächlich eine Insel. Damit kann gemeint sein, dass jeder Mensch am Ende alleine ist.
Nach Arnold kann ich mich anderen Inseln zwar nähern, aber sie nie betreten, weil ich nicht deren Gene, Erziehung, Erfahrungen – sprich ‘Feintuning’ des Gehirns habe. Militärisch gesehen ist eine Insel ein Sonderfall. Sie ist zwar einerseits durch das Meer an allen Seiten eingezäunt und schwer einzunehmen, bietet aber andererseits ihren Bewohnern keinerlei Fluchtmöglichkeiten, wenn sie einmal erobert ist.

Wenn ICH nun eine Insel bin, dann bin ich wohl eingenommen, ohne Fluchtweg. SIE hat einen Hafen in meine zerklüftete Küste gesprengt und einen Steg oder eine Pontonbrücke zur nächstgelegenen Insel angelegt, die niemand anders als SIE selbst ist. Wir haben dem Meer um uns herum zusätzlich Land abgerungen. Wenn jeder Mensch eine Insel ist, dann sind wir vielleicht eine kleine Inselgruppe, ein Atoll in der Südsee, offensichtlicher Garten Eden in Blüte, aber der erste, den die Klimakatastrophe schlucken wird.

Man müsste ganz einfach heute seine Unabhängigkeit erklären; sich lossagen von aller staatlichen und auch sonstigen Bindung an irgendein Gefüge oder Konstrukt. Den Paß höflich im Amt zurückgeben. Der Gedanke fasziniert mich schon lange. Alle Waffen niederlegen, die Tarnkappen und Masken abstreifen und die Texte sämtlicher Rollen von einem Tag auf den anderen vergessen. Sein eigenes Land sein; das Einzige ohne Grenzen, ohne Armee oder Verfassung. Ein eigenes Hoheitsgebiet: Wo ich bin, ist Territorium von Meinland und die Welt um mich herum wäre immer nur auf Staatsbesuch.

Bitte entschuldige wirklich diese absurde Störung.
Es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen!

Herzlichst,
dein
J.

Matthias Engels

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freiTEXT | Philipp Feman

freiTEXT_Illus6-1

Ein Nachtmahl

Ich verschluckte mich dermaßen, dass der Tofu krümelweise, sozusagen Huster für Huster, wieder ans Tageslicht kam. Tofu Basilikum stand auf der Packung. Mit erlesenen Kräutern stand da noch. Mag ja sein, dachte ich mir, erlesen, alles klar! Ich glaubte fast den ganzen Bissen wieder heraus husten zu müssen, als ich die Ladung spürte, die jedes Mal beim aushusten in meiner Hand landete. Nur die besten Kräuter waren es also, die jetzt den Weg nach draußen suchten. Hustend, wischend, schnäuzend, leckend versuchte ich nun der Unterhaltung über Mastschweine zu folgen. Schweine, die, wenn die Flut kommt, einfach untergehen. Schweine, die nicht schwimmen können. Schweine, die überzüchtet sind. Arme Schweine, dachte ich mir, während ich weiter erlesene Kräuter hustete.

Philipp Feman

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freiTEXT | Sarah Krennbauer

freiTEXT_Illus5-1

Ein Sonntag im Pfefferkeller

Als sich Manfred letzten Sonntag aus seiner Klappcouch wälzte und mit verdämmertem Schimmerblick das dunstige Kellerzimmer im Haus seiner Mutter betrachtete, musste er laut niesen. Als er da so gähnte, riss er den Mund weit auf und atmete tief ein, die Augen verkniffen, aber was er da so einatmete kam ihm unüblich vor. Pfeffer. Der morgendliche Pfeffergeruch kam ihm so unüblich vor, dass er sich alsbald auf die Suche nach dessen Quelle machte. Nach mehreren Kreisbewegungen und Dauerlauf von Ecke zu Ecke bemerkte er schließlich, dass der gute alte Duftspender an der Wand – er sollte Manfreds Junggesellenduft übertünchen – sich in einen altmodischen Pfefferspender verwandelt hatte. Je öfter man auf das Knöpfchen drückte, desto mehr Pfeffer rieselte aus der kleinen, löchrigen Metallöffnung. „Sonderbar“, dachte sich Manfred, kratzte sich am Hintern und verließ das Zimmer. Niesend – er hatte wohl mehr schwarzen Staub eingeatmet als angenommen – setzte er vorsichtig (er konnte während des Niesens die Augen kaum offen halten) einen Fuß vor den nächsten und marschierte den langen Gang entlang. Normalerweise hätte ihn dieser frühe Spaziergang ins Badezimmer mindestens zwei verschlafene Minuten gekostet, an diesem Tag aber brauchte Manfred nur etwa fünf Sekunden. Diese Schnelligkeit war nicht erwartet und Manfred krachte mit voller Wucht gegen den Türstock zum Badezimmer. Er rieb sich die pochende Stirne mit einer Hand und mit der anderen versuchte er den Türknauf aufzudrehen. Immer wenn er versuchte hin zu fassen, schlug sein linkes Bein auf seine Hand ein. Dann gesellte sich auch das rechte Bein dazu und unterstützte seinen Bruder. Gemeinsam schlugen sie wie wild auf die Hand ein und ehe Manfred kein Machtwort sprach, hörten die Extremitäten auch nicht auf extrem zu sein. Erst jetzt bemerkte Manfred, dass es doch unmöglich sei, dass sich eine Hand und zwei Beine miteinander stritten und blickte seinen Körper hinab. Was er da sah, machte ihn so stutzig, dass er kaum noch ein Wort herausbrachte: über Nacht war ihm ein drittes Bein gewachsen – viel dicker, stärker und muskulöser als die anderen zwei. Deswegen war er auch nicht umgefallen, als sich die anderen im Kampf gegen die Hand verbündeten. Manfred fragte sich, wie er bloß einen Schuh für das dritte Bein auftreiben sollte, so groß und breit es aus seinem Rumpf wuchs. Ein durchdringend-bekanntes Geräusch schnitt seinen Gedankengang ab. Die elektrische Zahnbürste vibrierte im Schrank und als er sie heraus nahm, um Zahnpasta darauf zu schmieren, prustete sie los und spuckte die erbsengroße Fluoridschleuder auf den Boden. Wütend begann sie in Manfreds Gesicht herumzuschwirren und ihn mit schriller und durchaus vorwurfsvoller Stimme zu fragen, wie er es wohl fände, jeden Tag beschmiert zu werden und mit Stellen in Berührung zu kommen, die niemals die Sonne sähen. Das war das Stichwort für die Orangenseife von Manfreds Mutter, die sich so aufschäumte, dass von der orangen Farbe nichts mehr übrig war. Sie drehte sich wild herum, so dass der Schaum in Manfreds Augen und Ohren, in die Nase und in den Mund wirbelte. Angewidert von ihrem bitteren Geschmack und mit Tränen und den brennenden Augen – Manfred verstand die Welt nicht mehr – versuchte er sich das Gesicht zu waschen, das über und über mit Seifenschaum und Zahnpastaresten verklebt war. Sobald er das heiße Wasser aufdrehte, lief Milch aus dem Wasserhahn. Verdutzt blickte er auf die Seife, die Zahnbürste und das Waschbecken und fragte sich, was überhaupt los sei. Er verwarf den Gedanken, da seine Augen nicht aufhörten zu brennen und seine Augenbrauen bereits angesengt waren. Ein kleines blaues Handtuch erbarmte sich bei dem Anblick, warf sich todesmutig in die Toilette und dann auf Manfreds Gesicht, um es zu kühlen, zu reinigen, und hauptsächlich, um das Feuer zu löschen. Bei so viel Neuem machten Manfreds Nerven schlapp und seine Knie gaben wackelig nach. Gott sei Dank war ihm das dritte Bein gewachsen, sonst wäre er mit dem Kopf am Waschbecken aufgeschlagen und hätte sich wahrscheinlich schlimme Verletzungen zugezogen. „Da seht ihr nun, was ihr davon habt“, schnatterte die Rasierklinge, die immer auf Manfreds Seite war. Nie hatte sie ihn absichtlich geschnitten. Die Zahnbürste und die Seife schämten sich – die orangefarbene Seife wurde fast ein bisschen rot – und verkrochen sich wieder im Wandschrank. Natürlich nicht ohne noch einmal kräftig mit der Türe zu knallen, um ihren Unmut auszudrücken. Der Knall ließ Manfred aus seiner Ohnmacht aufwachen und als er keine feindlich gesinnten Badutensilien mehr ausmachen konnte, atmete er tief durch und glaubte an einen bösen Traum. Etwas bedröppelt und noch wackelig auf den Beinen, versuchte er die Treppe hoch zu laufen, um sich Frühstück zu machen. Allerdings kam er mit dem dritten Bein nicht klar, welches partout die Stufen nicht betreten wollte. Jedes Mal, wenn Manfred ansetzte auf die Treppe zu steigen, knickte das starke Bein ein und er fiel hin. Nach dem fünften Versuch gab er auf und setzte sich auf die Stufe. Nachdem er einen dunklen Fleck auf seiner alten grauen Schlabberhose entdeckt hatte, krempelte er sie hoch, um zu bemerken, dass er blutete. Oder so ähnlich. Aus der kleinen Öffnung unterhalb der Kniescheibe tropfte zähflüssige Schokolade, die aber schon etwas zu verkrusten begann. Manfred konnte es sich nicht leisten, jetzt auszulaufen und verklebte die Wunde mit einer Pflasterbanane. Die Verpackung von seinen normalen Pflastern – die mit den Löwenbabies drauf – war prall gefüllt mit kleinen, klebrigen, Kugelbananen. Die musste man aufrollen und konnte sie dann über etwaige Verletzungen kleben. Manfred ging nach Anleitung vor, zog die helleren Enden ab und verarztete seine Wunde. Bevor Manfred über die Kuriosität nachdenken konnte, zwickte ihn etwas in seinen Bauch. Oder besser gesagt, es zwickte ihn etwas in seinem Bauch. Und es zwickte so fest, dass Manfred ganz übel wurde. Und das Zwicken hörte einfach nicht auf. Manfred merkte, dass es sein Magen war, der dringend gefüllt werden wollte. Er stopfte sich eine Kugelbanane in den Mund. Die wurde aber so haarig, dass er sie unmöglich schlucken konnte. Der Magen rebellierte auch des Geschmacks wegen. Wütend stampfte Manfred mit einem seiner Originalbeine und rief: „Wie zur Hölle soll ich etwas essen, wenn ich es nicht einmal über die Treppen hinauf zur Küche schaffe? Wie, mit diesem feigen Angsthasenbein?“ Das mittlere Bein zuckte bei dieser Anschuldigung und vergoss noch etwas mehr Schokolade. Unmöglich dass Manfred es hätte stoppen können, bewegte es ihn in kleinen Sprüngen Richtung Badezimmer. Manfred, der mittlerweile wusste, dass die Attacke zuvor kein Alptraum gewesen war, versuchte sich am Holzgeländer der Treppe festzuhalten, aber ohne Erfolg: das neue Bein war viel zu stark und hopste mit ihm ins Badezimmer. Manfred hielt sich die Hände vors Gesicht, nur um etwaige Angriffe sofort abwehren und sich im Ernstfall gegen Seife und Zahnbürste (und was auch immer es noch auf ihn abgesehen hatte) verteidigen zu können. Nichts geschah. Kein weiterer Mordversuch. Nichts bewegte sich. Manfred streichelte das Bein, das er vorher verstimmt hatte, bedankte sich für die Unterstützung, fragte aber auch, wie um Himmels willen er den kampflustigen Magen im Badezimmer beruhigen sollte. Mit einem gekonnten Kick, schwang sich das Muskelbein hoch in die Luft und schaltete das Licht aus, welches noch immer an war, seit Manfred es vor einer Stunde das erste Mal eingeschaltet hatte. Ein fluoreszierender Leuchtpfeil tat sich am Boden auf. Er reichte genau von der Stelle, an der Manfred stand, über die Wand hin zum Wasserhahn. Manfred verstand nicht. Wasser hatte seinen Magen noch nie beruhigen können, doch dieser schien sich zu freuen und machte Luftsprünge in Manfreds Körper, der erschrocken rülpsen musste. Manfreds rechte Hand schnappte sich den Zahnputzbecher und führte ihn zum Hahn. Der krähte laut als ihn die linke Hand berührte – zugegeben, sie war etwas kalt und Manfred hätte sie ruhig etwas anwärmen können bevor er den Hahn das zweite Mal aus dem Schlaf riss. Der Wasserhahn spuckte einen kleinen Klumpen Hüttenkäse aus, bevor er dann von der linken Hand soweit aufgedreht wurde, dass er Milch ließ. Die linke Hand schien Bescheid zu wissen, denn nach dem Knauf auf dem warm stand, drehte sie nun an dem Kalt-Knauf. Manfred ahnte nichts Gutes, war jedoch vollends überrascht, als der Wasserhahn Cornflakes in den Zahnputzbecher mit der Milch rieselte. Der Magen überschlug sich fast bei dem Anblick und die nette rechte Hand führte den Becher ohne auch nur einen Krümel zu verschütten zu Manfreds Mund, der hastig trank – schließlich stand er in direktem Kontakt mit dem rebellierenden Magen, den es zu befriedigen galt. Das Zupfen in Manfreds Bauch hörte allmählich auf und Manfred konnte entspannt aufatmen. Er marschierte den Gang zurück in sein Zimmer, nach dessen Betreten er natürlich wieder niesen musste. Die Nase war schon ganz beleidigt – wieso dachte er auch nie an die Arme – und bestrafte Manfred indem sie sich mit Wackelpudding füllte, Waldmeistergeschmack. Den mochte Manfred überhaupt nicht und so durchsuchte er hastig sein Zimmer nach einem Taschentuch. Als er dann endlich eine Packung gefunden hatte, zog er an einem der sieben übrigen Tücher. Das Ziehen dauerte eine gefühlte Ewigkeit, da das Taschentuch kein Ende zu nehmen schien. Es entfaltete sich als Bettlaken. „Auch schon egal“, dachte sich Manfred, als er beherzt und voller Kraft in das Laken prustete, wenigstens war die Nase wieder etwas freier. Manfred drückte den Knopf an seinem Radio, doch der Fernseher schaltete sich ein. Seine Augen waren noch zu verschwollen für bewegte Bilder also schaltete er das Radio wieder aus und seufzte. Sein kleiner, alter Walkman, der schon ganz zerkratzt war, und den der schon seit Jahren nicht mehr in den Händen hatte, kam auf ihn zugerollt und blinzelte ihn mit hellblauem Blinklicht an. Manfred steckte seine Kopfhörer an und suchte nach beruhigender Musik, irgendetwas Klassisches musste er doch haben. Er fand So-zart, drückte Play, aber es war immer wieder der Nach-vorne-Blicker, der ihm ins Ohr brüllte. Er fand auch etwas Schönes von Vogel Strauß, Fluss und Backhendl, jedoch verkrochen die sich und machten den Hintertupfinger Schürzenjägern Platz. Wahrscheinlich hatten die Klassiker Angst vor den Gewehren und stellten sich erst gar nicht einem Kampf. Manfred gab auf, streichelte seinen Walkman und legte ihn in den obersten Topf des Topfblumenregals, damit er ihn bei Bedarf schnell wieder finden würde. Nie wieder würde er ihn so arg vernachlässigen wie in den letzten Jahren. Manfred nieste. Er beschloss, ein Fenster zu öffnen und zog fest am Griff, der sich aber keinen Millimeter bewegte. Manfred kroch – das war mit drei Beinen gar nicht so einfach – auf seinen Schreibtisch vorm Fenster und zog und wackelte und drückte am Rahmen herum, aber nichts tat sich. „Ich werde hier drinnen elendig ersticken“, dachte sich Manfred und lehnte seinen Kopf gegen das rechte Ende des Fensterrahmens, der sich augenblicklich minimierte. Manfred verstand sofort, kniete sich auf den Schreibtisch und versuchte irgendwie an das Item zum Maximieren zu kommen. Nach einigen erfolglosen Versuchen, schaffte er es schlussendlich, das Fenster wieder herzustellen. Er freute sich, wurde aber von der Realität schnell wieder eingeholt, die ist immer mit Überschallgeschwindigkeit unterwegs, ihr macht man so schnell nichts vor: das Fenster war nach wie vor verschlossen und die Nase drohte schon wieder mit erneutem Wackelpuddingverschluss. Links oben am Fensterrahmen sah Manfred einen bunten Kreis, den er vorsichtig inspizierte. Er blinkte so herzallerliebst und freundlich, fast dreidimensional und wollte einfach gedrückt werden. Ohne zu starken Druck, er wollte den zarten Kreis nicht zerbrechen, tippte ihn Manfred an. Der Kreis hielt eine breite Möglichkeit an Optionen für Manfred bereit: neu, speichern, drucken etc. Er fand auch die Möglichkeit, die er brauchte und klickte schnell – nun mit seiner ganzen Handfläche, das Ziel so nah vor seinen Pfeffer-Schwellaugen – auf öffnen. Das Fenster rollte mit den Läden und verhöhnte Manfreds Ungeduld, sprang dann aber doch weit auf und kickte ihn halb vom Schreibtisch. Das dritte Bein verhinderte etwaiges Abstürzen, und auch die Hände, die sich erschrocken im Vorhang verkrallten, der vor Schmerzen laut aufschrie. Manfred entschuldigte sich für seine unüberlegten Hände und kletterte langsam vom wackelnden Schreibtisch. Die Sonne war bereits aufgegangen und schien grün in Manfreds Zimmer, das sich mit frischer Käseluft füllte. Die Kühe zwitscherten im Wasser und in der Ferne konnte Manfred mehrere Surfbretter auf der Hauptstraße erkennen. Ein breites Grinsen säuselte um Manfreds Mund, der aussprach, für wie verrückt Manfred diese Menschen hielt, die so früh am Morgen schon die Straßen verstopften.

Sarah Krennbauer

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freiTEXT | Sven Heuchert

freiTEXT_Illus21

Grand Hotel Abgrund

Im Badezimmer roch es nach Desinfektionsmittel, und der Spiegel hatte einen Sprung. Er versuchte, sein Gesicht so in Position zu bringen, dass es durch den Sprung geteilt wurde. Es gelang ihm nicht. Er ging zurück in sein Zimmer und setzte sich auf das Bett. Er konnte den Lattenrost spüren.

Später an der Hotelbar bestellte er Genever und Bier. Der Junge hinter dem Tresen hatte rote Haare und Akne. Er servierte die Getränke achtlos und verschüttete ein wenig. Beide sahen auf den dunklen Fleck, der sich auf der Theke ausbreitete. Der Junge kratzte sich an einem Pickel und zuckte mit den Achseln. „Auf welchen Namen?“
„Kurt Schneider.“ Schneider sah sich um. Im Fernseher ein Boxkampf, in der Luft der Geruch von schalem Bier und Erdnüssen. Er trank den Genever in einem Zug. Einer der Boxer ging K.O, und die Stimme des Kommentators überschlug sich. Schneider überlegte, aber er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal einen Boxer gesehen hatte, der so schwer ausgeknockt worden war. Der Junge brachte neuen Genever. Diesmal verschüttete er nichts. Nach einer Weile betrat ein Mann die Bar, er trug Arbeitskleidung und einen Hut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Er ließ zwischen sich und Schneider einen Hocker frei und bestellte Bier.
„Auf Durchreise?“, fragte er in den Raum hinein, und Schneider nickte.
Der Mann lächelte. „Kommen Sie von weit her?“ Schneider zuckte mit den Achseln. „Wie man's nimmt.“
Der Mann nahm den Hut ab und legte ihn direkt neben Schneiders Bierglas. Über seinen Kopf zog sich eine Narbe, die kurz hinter dem Haaransatz in einem scharlachroten Mal endete. Der Mann strich mit den Fingern über die Hutkrempe und nahm einen Schluck Bier.
„Unfall“, sagte er dann. „es war ein Unfall.“
Schneider senkte den Blick und sah auf den Rand seines Bierglases.
„'n paar Jahre her, bin in 'ne Maschine geraten, die Heu macht. Hatte Glück.“ Der Mann klopfte sich mit den Fingerknöcheln gegen die Stirn. Schneider hob das Glas an die Lippen. Der Rothaarige nickte.

Frisches Bier wurde serviert. Niemand sprach. Schneider trank und sah gelangweilt auf den Bildschirm. Pferderennen. Der Ton war irgendwann leise gestellt worden. In der Bar war es jetzt ruhig. Nur ab und an Motorengeräusche, kaum wahrnehmbar. Scheinwerferlicht erhellte für einen Augenblick die gesamte Hotelfront, und dann wieder Dunkelheit. Er fand, dass der Moment, in dem die Dunkelheit zurückkehrt, die ganze Wahrheit zeigt. Immer stand man im Schatten, niemals im Licht, niemals so ganz. Ein wenig vom Schatten blieb immer. Der Rothaarige blätterte in einer Illustrierten. Der Mann mit der Narbe hielt sein Bierglas mit beiden Händen umschlungen und hatte die Augen geschlossen. Schneider betrachtete die Narbe und das scharlachrote Mal. Der Mann hatte wirklich Glück gehabt. Dann legte er einen Schein auf die Theke und stand auf.
Der Mann mit der Narbe hielt ihn am Arm fest.
„Mein Junge liegt seit gestern im Koma“, sagte er, „und sie wissen nicht, ob er wieder aufwacht.“

Schneider sah den Mann an. Er sah direkt auf das scharlachrote Mal und sagte: „Es tut mir sehr Leid.“

Später im Zimmer öffnete Schneider das Fenster. Es roch nach Regen. Die Straße schimmerte in der Dunkelheit. In einiger Entfernung konnte man das Blinken des Nottelefons erkennen. Er ließ die Hände auf das Fenstersims sinken und beugte sich vor. Er konnte die Umrisse seines Wagens auf dem Parkplatz erkennen. Dann legte er sich auf das Bett, sein Kopf sank tief ins Kissen ein. Er lag eine Weile so da, stand schließlich auf und ging ins Badezimmer. Im Spiegel immer noch der Sprung. Er fuhr ihn langsam mit dem Zeigefinger nach und betrachtete sein Gesicht. Er hatte sich sehr lange nicht mehr rasiert. Morgen, dachte er, und machte das Licht aus.

Sven Heuchert

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freiTEXT | Sabine Roidl

freiTEXT_Illus19

ABC

Alles auf Anfang. Auf Ausführungen besessen besserer Champions und Chansonnetten darf die einfache Ernte eimern. Der das geschrieben hält es fest in Fingern fragt frigide ganz gut gegangen. Oder? Neidisches Nicken. Halte häufig heiteres Hi Hi Hi hinter herzzerissenen Händen im jaulenden Jammertal. Konkurrenzlos kopfkrank kann man Nächsten leben lassen. Nehme nachher mehr mit ohne Pardon. Pochende Reinheit quillt reuelos. Suche ständig steuernde Silbe; schenk mir eine. Soll sie sein schief schnief sichtbar, schützenswert. Sprache ist Stellwerk im Strudel, süchtigmachend taumelt sie talwärts, wir Träumer sind verdammt für immer. Verfluchte Wahrheit vermeidend, wohliges Wiegen unseres Unwissens. Verstehst nix von was weil warum. Wütendes Wort wird Yachthafen zerhäxelter Zundergeschichten, zartbitter: zurück auf Anfang.

Sabine Roidl

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freiTEXT | Nico Feiden

freiTEXT_Illus16

Tramperliebe

Ich ging stundenlang an einer Landstraße entlang, ohne das ein Auto anhielt, litt unter der Hitze dieser südlichen Sonne, während der Schweiß aus jeder Pore meines Körpers tropfte.

Als ich schon aufgeben wollte, hielt ein kleines Auto und eine junge Frau lächelte mir entgegen. Ein braun gebrannter Engel, der sich in diese südliche Dürre verirrt hatte.

Ich stieg ein und wir brausten los, während der Staub hinter uns in einem Wirbel aus Erregung zitterte.

Der Vorderreifen des Wagens schmiegte sich sanft an den Mittelstreifen der verlassenen Landstraße an und am Fenster zog die Wildheit der Natur wie ein verschwommenes Polaroid vorbei.

Es war eine wunderbare Fahrt, Clara so hieß sie, erzählte mir von ihren Reisen, von ihrer kleinen Modeboutique in Florenz. Sie redete und redete mit ihrer zarten Stimme und ich hörte Ihr gerne zu. Ich sah sie verlegen an, während das Licht sich auf ihrer braun gebrannten, verschwitzen Haut verlor.

Vielleicht war es, weil ich lange nicht mehr mit einer Frau gesprochen hatte, aber sie kam mir so unwirklich vor, so vollkommen, so wundervoll ...

Für ihr Lächeln wäre ich tausend Tode gestorben, Gott war sie schön.

Sie redete und ich hing gebannt an Ihren feurigen Lippen, hörte jeden Ton wie eine Symphonie des Himmels in meinen Ohren erklingen.

Sie fragte, ob ich einen Platz zum Schlafen hätte, und bot mir an bei ihr zu nächtigen. Ich lehnte dankend ab, denn der Ruf der Ferne lockte mich weiter Richtung Süden.

An einer Kreuzung verabschiedeten wir uns, sie gab mir einen Kuss; einen sanfteren und innigeren Kuss hatte ich nie bekommen und ich schwebte noch tagelang in dem zauberhaften Schleier der Verliebtheit über die staubigen Straßen Italiens, mit der tragisch schönen Erkenntnis, dass ich sie nie wieder sehen würde ...

Nico Feiden

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freiTEXT | Karin Seidner

freiTEXT_Illus20

Ahnungen

Der frühe Abend, an dem der Hochsommer in den Herbst überging, warf sie in die Heuwiese. Wolkentiere gaukelten kühle Ahnungen in die Ferne. Noch lagerte Hitze in allen Poren . Hufgeräusche schmolzen in sattgrünem Blätterrauschen. Die Geschmeidigkeit ihrer Glieder hatte das Firmament berührt und der Atem sich mit dem Goldglanz gepaart. Feuchtigkeit breitete sich unter ihre Sohlen.

Später würde der Vollmond das Übrige dazu tun.

Karin Seidner

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freiTEXT | Jacqueline Krenka

freiTEXT_Illus17

Der Punkt

Das ist er also. Dieser eine Punkt, dessen Existenz du weder jemals bedacht noch für möglich gehalten hast. Ob erreicht oder überschritten spielt hier keine Rolle. Dieser eine Punkt, an dem dein Herz so sehr gebrochen ist, dass es keine Gefühle mehr fassen kann, nicht einmal die Schlechtesten. Liebe und Hass, Freude und Trauer, Hoffnung und Schmerz. Sie alle rinnen durch die Risse, schneller noch als Wasser durch ein Sieb. Zurück bleibt ein pochender Muskel, dessen einzige Aufgabe bloß noch darin besteht, einen freudlosen Körper am Leben zu erhalten. Ob er will oder nicht, woher soll er es denn wissen? Er fühlt es ohnehin nicht.

An diesem Punkt läuft eine Träne über dein Gesicht und du fragst dich, ob sie ein Zeichen deiner zurückkehrenden Gefühle sein könnte. Doch dann bemerkst du, dass du bloß vergessen hast, zu blinzeln, als du in Gedanken versunken an die Wand starrtest. Du erinnertest dich an frühere Zeiten, daran, was für ein glücklicher Mensch du damals warst, wie herzhaft du gelacht, genossen, gelebt und geliebt hast. Du wischt die Träne weg, fokussierst deinen Blick und fragst dich kurz, wann du dich selbst verloren hast. An welchem Punkt.

Jacqueline Krenka

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