freiTEXT | Christine Gnahn

freiTEXT_Illus6-3

Der Schwan und der Geier

Ihr Lachen ist so sanft wie das Plätschern eines Gebirgsbaches. Und ich fühle mich wie die Fliege, die langsam im zarten Plätschern ertrinkt, qualvoll erstickt. Ich kann nämlich fliegen, wenn sie nicht da ist. Es gibt dann nichts, das leichter ist als ich. Das schönste Lachen, das glücklichste Strahlen und das hübscheste Mädchen weit und breit, das bin dann ich. Obgleich das arrogant klingen mag, ist es als solches nicht zu verstehen. Denn ich bin ein Mädchen wie jedes andere, verstehen Sie das nicht falsch. Aber in seiner Nähe bin ich eine Elfe. Dann habe ich Flügel, die in der Sonne glitzern und Zähne wie weiße Perlen aus dem indischen Ozean (obgleich ich tatsächlich nicht weiß, wie Perlen aus diesem Gewässer aussehen) und dann bin ich so schwebend frei und leicht wie eine Feder. Ich dufte nach süßen Früchten und ich schmecke wie ein exotisch-köstliches Gewürz. Er verzaubert mich immer wieder zu dem schönsten Kind unter der Sonne.

Doch jetzt ist sie da und jetzt hat sie das Perlenlachen. Selbstverständlich trägt sie in sich das sanfte Plätschern ihrer Stimme und die sanfte Anmut ihres weiblichen Körpers. Sie hat ein bisschen zugenommen, doch das stört hier wirklich niemanden. Vielmehr scheint es ihre unaufdringlich reizende Art, in die Welt ihre liebevolle Botschaft noch ein bisschen mehr hinauszutragen. Zu beweisen, welch Schönheit Frau und Mädchen in weicher Silhouette in sich tragen. Soviel greifbarer und lieblicher, als ich es je zu sein vermag. Freilich nicht arrogant, da sich das mit ihrer Alabaster-Unschuld und ihrem porentief reinen Gewissen ja so sehr beißen würde, dass am Ende Engels Harfe ein Mordwerkzeug wäre.

Mein Gewissen ist nicht rein und ich muss schuldhaft und mit stiller Wut bekennen, ich besitze nicht einmal eine Harfe. Ein Beil trage ich, man sieht es mir an, man linst zu mir herüber mit skeptischem Blicke, misstraut mir aus tiefstem Herzen. So geht es einem, wenn man ein Beil in den Augen trägt und jederzeit drauf und dran scheint, es in grausamer Gewalt zu benützen. Zu hacken in Blut und Fleisch und zu brüllen, zu schreien, in der Anmut eines brunftigen Stiers.

Doch ich tue nichts und ich spreche auch nicht. Kein Wort kommt aus meiner heiseren Kehle. Die Stimme würde gewiss nicht plätschern, denke ich in finsterer Ironie. Sie würde würgen, kratzen, raunen, klänge wie ein schräger und gieriger Geier. Ja, ein Geier, der bin ich, wie ich sie mit Blicken umkreise und wie eine Elster will ich es ihr stehlen, das Gold auf ihrer Seele.

Oh ja, sie würde es mir schenken, wenn ich sie darum bäte. Und dann müsste ich sie leider blutrünstig ermorden.
Sie ist der Schwan, ich der Geier.
Ich umkreise sie, bis ich schreiend davon laufe.
Weine.
Wertloses Stück Dreck, in einem letzten Verzweiflungsakt. Auf heischender Suche nach Aufmerksamkeit der Menge. Die wiederum leider ganz verliebt in sie ist, diesem göttlich Geschöpf.

Wenn ich auf dem Berg bin, kann ich wieder atmen.
Dann beginne ich zu verstehen.
Dass keiner von uns fliegen kann.

Christine Gnahn

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at


freiTEXT Spezial | Texte der Arbeit

freiTEXT_Illus6-7

Zusammenarbeit

Hiaz?

Na!

.

.

Hiaz?

Na, no ned!

.

.

.

Hiaz?

Z’spot!

Gerhard Steinlechner


freiTEXTe der Arbeit zum Tag der Arbeit. Eine offene Zusammenstellung von Autorinnen und Autoren des mosaik. Read more


freiTEXT | Eva Wimmer

freiTEXT_Illus6-5

Wir oder ihr oder doch sie

Ich lebe, ihr lebt. Wir leben. Wer ist eigentlich wir? Und wieso sagen wir wir? Mich hat keiner gefragt, ob ich da überhaupt mitwirken will. Ach, hier liegt der Hund begraben … Nicht, ob ich mitwirken will. Wer kann schon heutzutage noch was wollen? Wir müssen wollen. Hört ihr den Widerspruch? Aber nein, dazu müsstet ihr ja genauer hinhören. Das wollen wir aber gar nicht. Oder besser gesagt, sie wollen das gar nicht. Und ihr doch eigentlich auch nicht. Und ich. Ich will eigentlich auch nicht hinsehen, hab aber irgendwie vergessen, wie man wegsieht. Ich weiß, dass ich nicht zu dem wir gehören will, dass Lebewesen nicht auf die Welt, sondern eigentlich schon auf deren eigenen Friedhof gebären lässt. Aber keine Sorge, es ist ja für uns. Dass diese Lebewesen eventuell auch ein ich oder ein wir haben, wen zum Henker interessiert denn das wieder? Wir dürfen ja nicht auf uns vergessen. Aber man sollte – nein, man darf – am besten auf sich selber vergessen. Nur zugunsten dem wir, keine Sorge, sie missbrauchen das nicht. Und sagt es auch nicht weiter, sonst könnte ja jemand hinter die Kulissen schauen.

Warum schießen wir eigentlich auf ein Reh? Oder auf einen Hasen? Und wieso brauchen wir dafür nicht eine Kugel, sondern gleich eine Schrotkugel, mit vielen ganz kleinen Kugeln? Na, ist doch ganz einfach. Das wir braucht kein Individuum, sondern ein Ganzes. Ohne die vielen kleinen Teile, wär das große Ganze doch ziemlich umsonst. Und wie kriegt man die kleinen Elemente jetzt zusammen? Ja genau, man gießt sie zusammen und bei Bedarf entlädt man sie geballt. Einzeln richten sie ja nichts aus, aber zusammen sind sie tödlich. Sie finden das klasse, ich finde das ziemlich feige. Aber ich hab ja auch nichts zu sagen, da wären wir ja wieder beim wir. Habt ihr schon mal ein wir gesehen, dass mit nur einer Kugel trifft, das wär ja aber ein Spaß, findet ihr nicht? Zuzusehen wie sie sich konzentrieren und anstrengen und dann rennt doch der Hase einfach so an ihnen vorbei. Aber bitte verhaltet euch das Lachen, sie finden das sicher nicht so komisch. Vom wir zum sie, geht doch, wenn man will.

Und wenn man fragt, wieso man nicht einen Menschen durch einen Wald jagt und dann ganz mutig mit einer Schrotflinte auf ihn schießt? Oh mein Gott, die sehen mich an, als ob ich komplett daneben wäre. Und was hört man dann: Man schießt doch nicht auf einen Menschen. Und ich frage mich dann, da ist doch schon wieder ein Widerspruch. Wieso schießt denn die halbe Welt auf einen anderen Menschen und wieso ist so ein Mensch dann auf einmal ein Tier, obwohl das wir doch eigentlich für alle gelten sollte – oder besser gesagt, müsste? Und wieso ist ein Tier denn immer untergeordnet? Unsere Sprache kann es zwar nicht, aber wir hingegen haben dafür verlernt, uns in Gefühlen auszudrücken und unserer inneren Natur zu folgen. Kannst dir ja dann überlegen, was dir lieber ist. Ich hab hier aber wohl eines nicht bedacht. Nämlich dass das wir, nur jene aufnimmt, die von Vorteil für es sind. Also Klappe halten und mitmachen und nicht fragen, wieso hier auf einmal es statt uns steht. Ich kann mich natürlich fragen, was es von mir will und wenn es etwas von mir will, dann ist die Frage, was die von mir wollen, wenn es doch für das wir steht. Seid ihr verwirrt? Ach, willkommen in meiner Welt. Ich hab euch ja nicht gebeten, mitzudenken. Ihr könnt auch den Text einfach lesen und weiterblättern. Oder ich könnt auch jetzt zu lesen aufhören und einfach weiterblättern.
Ihr könnt aber auch mal innehalten und darüber nachdenken, ob ihr das wir so gut findet, wie sie sich selber finden. Ob ihr etwas daran ändern könntet und wie jeder etwas mehr du sein kann.

Wie wir sehen grade sehen können, mein Text hängt. Was darf ich schreiben, was will ich schreiben und die wohl bessere Frage, was soll ich schreiben? Wenn ich dem wir alles von mir mitteile, das wäre nicht gut. Wir haben uns ja zu benehmen und du sowieso. Also nicht aus der Reihe tanzen, zurück in den Kreis, immer schön lächeln und weitermachen. Du kannst dir aber gern hinter dem Lächeln „Arschloch“ denken, das fällt auch gar nicht auf, versprochen.

Wo wir beim Kopfkino angelangt wären. Herrliche Filme, oder? Viel schöner, als die ewig andauernden Mord und Totschlag oder „Oh mein Gott, ich folge dir überall hin“ Kreationen im Hier. Ja, die Frage ist dann nämlich, wo willst du mir denn hin folgen? Und hast du mich eigentlich gefragt, ob ich das will? Wir können ja gern drüber reden, aber eigentlich hab ich lieber meine Ruhe. Ich habs auch gerne klirrend kalt und nebelig verhangen. Und bitte keine Plusgrade. In mir brennt alles, das reicht schon. Innen heiß und außen kalt. Möglicherweise denkst du, ich bin arrogant, möglicherweise will ich aber einfach noch immer meine Ruhe. Und ganz bestimmt, lass ich mich von dir nicht einschätzen. Wenn du wissen willst, wie ich so ticke, du kannst mich ja einfach fragen. Aber nein, wir lassen uns lieber von den anderen sagen, wie derjenige so drauf ist. Also man ganz ehrlich: Leute, die mich kennen, wissen, wie ich drauf bin. Leute, die mich nicht kennen und es wissen wollen, können ja wie oben schon gesagt, einfach fragen. Leute, die mich nicht kennen und mich nicht fragen, geht doch bitte einfach weiter und spart euch eure Meinung über mich.

Aber wenn wir sagen, dass du schlecht bist, dann muss das auch so sein. Ich hab ja ganz vergessen, dass heutzutage wild durch die Gegend beurteilt wird und wehe, man glaubt das nicht. Man könnte sich ja eine eigene Meinung bilden und feststellen, dass das wir ziemlich egoistisch ist. Die anderen werden nämlich ganz schlecht beurteilt und ja, wir dürfen – nein, wir müssen – das glauben. Aja und danke, dass ihr mir sagt, was ich denken kann. Sehr aufmerksam, dann muss ich selber nicht mehr nachdenken. Ist ja auch überbewertet und ich kann dann einfach meine kleinen Einzelteile in die Hand nehmen und mitballern, weil ihr habt ja gesagt, dass die schlecht sind. Nur frag ich mich halt, warum das so ist. Ich mach mir ja auch eine Meinung darüber, was ich esse und lass dann die Finger von dem, was mir nicht zusagt. Ganz einfaches Prinzip, funktioniert überall auf der Welt ganz gut. Aber wenn es mit dem Essen funktioniert, wieso dann nicht auch mit den Menschen? Hm, vielleicht macht Menschen abknallen ja auch Spaß, denn essen tun sie dann die wenigsten.

Aber was ist eigentlich Spaß? Etwas, das uns zum Lachen bringt? Etwas, das uns glücklich macht und daraufhin lächeln lässt? Etwas, das uns das Herz aufgehen lässt? Etwas, woran wir Spaß haben? Wie würdest du Spaß definieren? Ich glaube, dass dies etwas ist, woran man Freude hat und das einen fühlen lässt, dass man auf dem richtigen Weg ist. Nur wo befindet sich denn nun dieser Weg wieder? Und eigentlich wollte ich einen Text schreiben, langsam artet das aber in eine Fragestunde aus. Und doch rennen wir viel zu oft wahllos durch die Gegend, ohne uns zu fragen, wo wir eigentlich sind. Seht ihr, immer wenn das wir kommt, dann ist das ich sofort im Hintergrund und es folgt Verwirrung und man weiß nicht, wo man steht. Ohne, dass uns das aktiv auffallen würde! Wir können ja mal probieren, vom wir zu reden und ans ich zu denken. Na, wie viele Widersprüche findest du?

Das wir hats schon gut drauf, ohne kommen wir nicht aus, auch wenn wir wollen. Und immer nehmen wir auch das wir in den Mund, als ob wir das Wort gepachtet hätten. Vielleicht sollten wir das Wort einfach ein wenig bedachter gebrauchen? Und da war es doch schon wieder. Vielleicht sollte ich das Wort einfach ein wenig bedachter hernehmen? Und wenn wir das alle machen, dann gibt es wesentlich mehr ich.

Und ich sag euch was, aus der Reihe tanzen tut gar nicht so arg weh. Man kann ja ausblenden, was man nicht sehen will. Man kann ja weghören, wo es einem sonst das Herz zerreißt. Man kann ja das ich weiterreichen und im Kleinen wirken. Man kann auch einfach sein „sicheres Leben“ aufgeben, studieren, was einem gefällt und sich dann an den Kopf werfen lassen, ob man eventuell total bescheuert ist. Vielleicht bin ich auch ein Stückchen mehr ich selbst, wenn ich meinem Herzen folge? Ja, aber vielleicht bin ich auch total daneben, die wissen es, nur ich noch nicht. Das ist wohl die einzige Gefahr, wenn man das wir hinter sich lässt. Dass das ich auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommt, eines, dass man selber gerne sehen möchte und eines, dass sich auch ganz gut anfühlt, obwohl einem das wir die Tränen in die Augen treibt.

Aber man darf mit dem wir auch nicht mit Vorurteilen verfahren, so wie die das machen. Das wir hat natürlich auch ganz viele schöne Seiten. Und das wir hat auch ein ganz bezauberndes Lächeln, mit dem zwar der Hass versteckt mitgrinst, aber wer schaut heutzutage noch so weit hinter die Kulissen, dass er das erkennen würde? Ich schätze ja den Teufel nicht so grausam ein, wie den Menschen. Aber ist ja nur so eine Überlegung, wird euch ja egal sein. Luzifer ist auch ein viel schönerer Name, als … Tja, jetzt kommt es natürlich darauf an, wen du hier einsetzen und du hier wie benennen willst. Jetzt bist du gefragt und kannst dir ja denken, was ich einfügen würde. Nämlich würde und natürlich nicht mache. Oder hast du schon vergessen, dass man unbemerkter durchs Leben kommt, wenn man die Klappe hält?

Leise sein, ist natürlich nicht immer gut. Was wäre denn die Welt, wenn nicht ab und an jemand dabei wäre, der sie besser zu machen versucht? Aber wenn man selber nicht die richtigen Worte findet und nicht weiß, wie man hinsehen soll, ohne, dass man sich besagte Schrotflinte ausborgt, dann ist es besser, man dreht sich um, macht sich unsichtbar und versucht seine eigene kleine Welt besser zu machen. Manche Leute sagen nämlich ernsthaft zu mir, dass ich ein Loch reinreißen würde, das man nicht mehr flicken kann, wenn ich gehen würde. Nett, oder? Ja, es gibt auch Menschen, denen man gerne die Hand gibt, weil sie einen daran erinnern, dass man doch nicht alleine ist. Leute, die mich kennen, wissen ja nun, dass sie gemeint sind. Man muss ja nicht immer reden, um sich zu verstehen. Manchmal genügt auch ein Lächeln oder ein Blick oder sowas. Jetzt aber nicht zu sentimental werden, hinter meiner Mauer hat beim besten Willen nicht jeder was verloren.

Aber alles was seine guten Seiten hat, will ja auch unbedingt einen schlechten Gegenpart haben. Jaja, den hab ich genauso wie ihr. Mein persönliches, kleines und sehr hartnäckiges Gegenstück sitzt manchmal rechts, aber oft auch links auf meiner Schulter. Man sollte nie darauf vergessen, wo es grade sitzt, dann kann man es wunderbar umgehen. Ich könnte ja auch einfach sagen, wie klasse die Welt ist. Könnte ich. Ich könnte auch einfach schlafen gehen und nicht mehr aufwachen. Könnte ich. Ich könnte auch darüber nachdenken, wieso das alles so passiert. Könnte ich. Sollte ich aber nicht, weil mich das wieder zum wir führt und dort ist kein gutes Viertel für mich.

Müsst ihr aber selber wissen, wo ihr hingeführt werden wollt. Ja, ihr habt das selber in der Hand, wenn ihr wollt. Ihr könnt auch die Augen zumachen und euch vom wir leiten lassen. Schon nett vom wir, dass wir das selber entscheiden können, oder? Aber keine Sorge, egal für was du dich entscheidest, das wir bleibt sowieso immer da. Immer an deiner Seite; wird es dir auch schon immer sympathischer, so wie mir? Ach komm schon, das muss dir doch gefallen, dass du immer von etwas abhängig bist, es nie loswirst und es ständig in deinem Kopf rumschwirrt. Manche beschreiben ihre Beziehung so. Schön, oder? Nicht vergessen, es ist ein Nebeneinander und kein Miteinander.

Ich für meinen Teil hätte ja gerne ein Miteinander, versuche nicht zur Schrotkugel zu werden und einfach statt an das wir, an mich zu denken.

Neben dem wir, steht so viel ich in diesem Text. Ob die wohl damit einverstanden sind? Ob ihr das versteht? Ob wir das wollen? Und als ob ich nicht mit einem Lächeln dastehen würde, hinter dem sich mein eigener kleiner Dämon versteckt, der mir ständig ins Ohr flüstert: Wenn du das ich weitererhalten willst, dann geh deinen Weg. Wenn du aber von dem wir die Schnauze voll hast und keinen Ausweg mehr siehst, dann sei doch so frei und borg dir von denen ihre Schrotflinte. Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich mir deren Meinung ins Hirn blase. Mein kleiner persönlicher Aufpasser meint dazu aber, dass wir – nämlich er und ich – sehr wohl was dagegen haben. Wie man sieht, ist im wir und ihr auch ein ich und du möglich, wenn das ich sich sein eigenes wir schafft. Seine eigene kleine Welt, die zwar wesentlich zerbrechlicher aber doch beständiger ist.

Und immer wieder frage ich mich, ob es etwas gibt, das keinen Widerspruch fordert.

Eva Wimmer

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at


freiTEXT | Clemens Schittko

freiTEXT_Illus6-4

Gedicht über eine Stubenfliege

in meinem Zimmer befindet sich eine Stubenfliege
eine Stubenfliege, die mich stört
deshalb fange ich in meinem Zimmer die Stubenfliege
und lasse sie frei auf meinem Balkon

nun ist eine Stubenfliege mehr in der Welt
eine Stubenfliege macht die Welt zu einem Zimmer
die Welt ist ein Zimmer, bis die Stubenfliege tot ist
und wenn sie tot ist, dann ist die Welt ein totes Zimmer

Clemens Schittko

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at


freiTEXT | Matthias Engels

freiTEXT_Illus6-2

An: http://www.murphy@hotmail.de

Betreff: Jeder Mensch ist eine Insel

Lieber Murphy,

entschuldige, wenn ich störe, aber ich möchte kurz etwas festhalten. - Es fehlen ja immer Dinge zum Festhalten. Alles schwankt, alles schaukelt, wirft einen hin und her. Wo ist der letzte Punkt, an dem man unzweifelhaft noch auf dem richtigen Weg war? Ein Pfeiler, ein Pfosten, ein Stecken, ein Stab, der fest in der eigenen Geschichte steckt und nicht nachgibt, wenn man sich an ihm festhält. Wo ist man falsch abgebogen und warum? Warum hat man kein Brot gestreut, keine Schnur abgewickelt?
Ach komm, der ganze Rückweg ist anstrengend und ohnehin umsonst, denn man kann nicht zurück hinter eine Entscheidung! Aber ich rede immer nur von mir!

Dabei sollte man sich nicht so wichtig nehmen; nicht ständig ICH sagen. Der Unterschied zwischen wichtig und nichtig ist marginal. Ich kann ja jeder sagen und mit Ich fängt jede Geschichte erst an. Wer Ich sagt, hat ja bekanntlich noch nichts gesagt.

Ich und Du hat man nur erfunden, weil sich auf MENSCH nichts reimt und das ist schlecht für Liebeslieder. Auf Ich reimt sich dann Dich und das ist gut. 1 und 1 das macht 2 und 2 sind ja bekanntlich zu viel, um frei zu sein.

Im binären Code können Informationen von nur zwei verschiedenen Symbolen dargestellt werden. 1 entspricht logisch wahr, 0 entspricht logisch falsch. Kein Platz für 2/3/4 in dieser Wahrheit. -Überhaupt Wahrheit! Letzten Endes gilt doch, was die Mehrheit abnickt. Was nur zwei von 6 Milliarden schwören bleibt ungehört und Wahrheit letztendlich Statistik! Überhaupt Statistik: ein Pferd hat statistisch zwei vordere, zwei hintere, zwei linke und zwei rechte Beine, also hat ein Pferd acht Beine! Statistik: eine der Errungenschaften der Neuzeit! Was bleibt eigentlich von der sogenannten Zivilisation?- Aufrecht gehen, Zentralperspektive, die Umrisslinie: alles schon so lange erfunden und viel weiter sind wir eigentlich bis jetzt nicht gekommen. Danach hat kaum noch was unbestreitbare Gültigkeit: alles kann man zerreden, zerpflücken, widerlegen und in Zweifel ziehen. (Fichtes dialektischer Dreischritt)

John Donne hat ja bekanntlich gesagt: Kein Mensch ist eine Insel. Matthew Arnold, ein englischer Dichter und Kulturkritiker, widersprach ihm und behauptete, vielmehr sei es genau so: Jeder Mensch sei tatsächlich eine Insel. Damit kann gemeint sein, dass jeder Mensch am Ende alleine ist.
Nach Arnold kann ich mich anderen Inseln zwar nähern, aber sie nie betreten, weil ich nicht deren Gene, Erziehung, Erfahrungen – sprich ‘Feintuning’ des Gehirns habe. Militärisch gesehen ist eine Insel ein Sonderfall. Sie ist zwar einerseits durch das Meer an allen Seiten eingezäunt und schwer einzunehmen, bietet aber andererseits ihren Bewohnern keinerlei Fluchtmöglichkeiten, wenn sie einmal erobert ist.

Wenn ICH nun eine Insel bin, dann bin ich wohl eingenommen, ohne Fluchtweg. SIE hat einen Hafen in meine zerklüftete Küste gesprengt und einen Steg oder eine Pontonbrücke zur nächstgelegenen Insel angelegt, die niemand anders als SIE selbst ist. Wir haben dem Meer um uns herum zusätzlich Land abgerungen. Wenn jeder Mensch eine Insel ist, dann sind wir vielleicht eine kleine Inselgruppe, ein Atoll in der Südsee, offensichtlicher Garten Eden in Blüte, aber der erste, den die Klimakatastrophe schlucken wird.

Man müsste ganz einfach heute seine Unabhängigkeit erklären; sich lossagen von aller staatlichen und auch sonstigen Bindung an irgendein Gefüge oder Konstrukt. Den Paß höflich im Amt zurückgeben. Der Gedanke fasziniert mich schon lange. Alle Waffen niederlegen, die Tarnkappen und Masken abstreifen und die Texte sämtlicher Rollen von einem Tag auf den anderen vergessen. Sein eigenes Land sein; das Einzige ohne Grenzen, ohne Armee oder Verfassung. Ein eigenes Hoheitsgebiet: Wo ich bin, ist Territorium von Meinland und die Welt um mich herum wäre immer nur auf Staatsbesuch.

Bitte entschuldige wirklich diese absurde Störung.
Es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen!

Herzlichst,
dein
J.

Matthias Engels

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at


freiTEXT | Philipp Felzmann

freiTEXT_Illus6-1

Ein Nachtmahl

Ich verschluckte mich dermaßen, dass der Tofu krümelweise, sozusagen Huster für Huster, wieder ans Tageslicht kam. Tofu Basilikum stand auf der Packung. Mit erlesenen Kräutern stand da noch. Mag ja sein, dachte ich mir, erlesen, alles klar! Ich glaubte fast den ganzen Bissen wieder heraus husten zu müssen, als ich die Ladung spürte, die jedes Mal beim aushusten in meiner Hand landete. Nur die besten Kräuter waren es also, die jetzt den Weg nach draußen suchten. Hustend, wischend, schnäuzend, leckend versuchte ich nun der Unterhaltung über Mastschweine zu folgen. Schweine, die, wenn die Flut kommt, einfach untergehen. Schweine, die nicht schwimmen können. Schweine, die überzüchtet sind. Arme Schweine, dachte ich mir, während ich weiter erlesene Kräuter hustete.

Philipp Felzmann

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns?


freiTEXT | Sarah Krennbauer

freiTEXT_Illus5-1

Ein Sonntag im Pfefferkeller

Als sich Manfred letzten Sonntag aus seiner Klappcouch wälzte und mit verdämmertem Schimmerblick das dunstige Kellerzimmer im Haus seiner Mutter betrachtete, musste er laut niesen. Als er da so gähnte, riss er den Mund weit auf und atmete tief ein, die Augen verkniffen, aber was er da so einatmete kam ihm unüblich vor. Pfeffer. Der morgendliche Pfeffergeruch kam ihm so unüblich vor, dass er sich alsbald auf die Suche nach dessen Quelle machte. Nach mehreren Kreisbewegungen und Dauerlauf von Ecke zu Ecke bemerkte er schließlich, dass der gute alte Duftspender an der Wand – er sollte Manfreds Junggesellenduft übertünchen – sich in einen altmodischen Pfefferspender verwandelt hatte. Je öfter man auf das Knöpfchen drückte, desto mehr Pfeffer rieselte aus der kleinen, löchrigen Metallöffnung. „Sonderbar“, dachte sich Manfred, kratzte sich am Hintern und verließ das Zimmer. Niesend – er hatte wohl mehr schwarzen Staub eingeatmet als angenommen – setzte er vorsichtig (er konnte während des Niesens die Augen kaum offen halten) einen Fuß vor den nächsten und marschierte den langen Gang entlang. Normalerweise hätte ihn dieser frühe Spaziergang ins Badezimmer mindestens zwei verschlafene Minuten gekostet, an diesem Tag aber brauchte Manfred nur etwa fünf Sekunden. Diese Schnelligkeit war nicht erwartet und Manfred krachte mit voller Wucht gegen den Türstock zum Badezimmer. Er rieb sich die pochende Stirne mit einer Hand und mit der anderen versuchte er den Türknauf aufzudrehen. Immer wenn er versuchte hin zu fassen, schlug sein linkes Bein auf seine Hand ein. Dann gesellte sich auch das rechte Bein dazu und unterstützte seinen Bruder. Gemeinsam schlugen sie wie wild auf die Hand ein und ehe Manfred kein Machtwort sprach, hörten die Extremitäten auch nicht auf extrem zu sein. Erst jetzt bemerkte Manfred, dass es doch unmöglich sei, dass sich eine Hand und zwei Beine miteinander stritten und blickte seinen Körper hinab. Was er da sah, machte ihn so stutzig, dass er kaum noch ein Wort herausbrachte: über Nacht war ihm ein drittes Bein gewachsen – viel dicker, stärker und muskulöser als die anderen zwei. Deswegen war er auch nicht umgefallen, als sich die anderen im Kampf gegen die Hand verbündeten. Manfred fragte sich, wie er bloß einen Schuh für das dritte Bein auftreiben sollte, so groß und breit es aus seinem Rumpf wuchs. Ein durchdringend-bekanntes Geräusch schnitt seinen Gedankengang ab. Die elektrische Zahnbürste vibrierte im Schrank und als er sie heraus nahm, um Zahnpasta darauf zu schmieren, prustete sie los und spuckte die erbsengroße Fluoridschleuder auf den Boden. Wütend begann sie in Manfreds Gesicht herumzuschwirren und ihn mit schriller und durchaus vorwurfsvoller Stimme zu fragen, wie er es wohl fände, jeden Tag beschmiert zu werden und mit Stellen in Berührung zu kommen, die niemals die Sonne sähen. Das war das Stichwort für die Orangenseife von Manfreds Mutter, die sich so aufschäumte, dass von der orangen Farbe nichts mehr übrig war. Sie drehte sich wild herum, so dass der Schaum in Manfreds Augen und Ohren, in die Nase und in den Mund wirbelte. Angewidert von ihrem bitteren Geschmack und mit Tränen und den brennenden Augen – Manfred verstand die Welt nicht mehr – versuchte er sich das Gesicht zu waschen, das über und über mit Seifenschaum und Zahnpastaresten verklebt war. Sobald er das heiße Wasser aufdrehte, lief Milch aus dem Wasserhahn. Verdutzt blickte er auf die Seife, die Zahnbürste und das Waschbecken und fragte sich, was überhaupt los sei. Er verwarf den Gedanken, da seine Augen nicht aufhörten zu brennen und seine Augenbrauen bereits angesengt waren. Ein kleines blaues Handtuch erbarmte sich bei dem Anblick, warf sich todesmutig in die Toilette und dann auf Manfreds Gesicht, um es zu kühlen, zu reinigen, und hauptsächlich, um das Feuer zu löschen. Bei so viel Neuem machten Manfreds Nerven schlapp und seine Knie gaben wackelig nach. Gott sei Dank war ihm das dritte Bein gewachsen, sonst wäre er mit dem Kopf am Waschbecken aufgeschlagen und hätte sich wahrscheinlich schlimme Verletzungen zugezogen. „Da seht ihr nun, was ihr davon habt“, schnatterte die Rasierklinge, die immer auf Manfreds Seite war. Nie hatte sie ihn absichtlich geschnitten. Die Zahnbürste und die Seife schämten sich – die orangefarbene Seife wurde fast ein bisschen rot – und verkrochen sich wieder im Wandschrank. Natürlich nicht ohne noch einmal kräftig mit der Türe zu knallen, um ihren Unmut auszudrücken. Der Knall ließ Manfred aus seiner Ohnmacht aufwachen und als er keine feindlich gesinnten Badutensilien mehr ausmachen konnte, atmete er tief durch und glaubte an einen bösen Traum. Etwas bedröppelt und noch wackelig auf den Beinen, versuchte er die Treppe hoch zu laufen, um sich Frühstück zu machen. Allerdings kam er mit dem dritten Bein nicht klar, welches partout die Stufen nicht betreten wollte. Jedes Mal, wenn Manfred ansetzte auf die Treppe zu steigen, knickte das starke Bein ein und er fiel hin. Nach dem fünften Versuch gab er auf und setzte sich auf die Stufe. Nachdem er einen dunklen Fleck auf seiner alten grauen Schlabberhose entdeckt hatte, krempelte er sie hoch, um zu bemerken, dass er blutete. Oder so ähnlich. Aus der kleinen Öffnung unterhalb der Kniescheibe tropfte zähflüssige Schokolade, die aber schon etwas zu verkrusten begann. Manfred konnte es sich nicht leisten, jetzt auszulaufen und verklebte die Wunde mit einer Pflasterbanane. Die Verpackung von seinen normalen Pflastern – die mit den Löwenbabies drauf – war prall gefüllt mit kleinen, klebrigen, Kugelbananen. Die musste man aufrollen und konnte sie dann über etwaige Verletzungen kleben. Manfred ging nach Anleitung vor, zog die helleren Enden ab und verarztete seine Wunde. Bevor Manfred über die Kuriosität nachdenken konnte, zwickte ihn etwas in seinen Bauch. Oder besser gesagt, es zwickte ihn etwas in seinem Bauch. Und es zwickte so fest, dass Manfred ganz übel wurde. Und das Zwicken hörte einfach nicht auf. Manfred merkte, dass es sein Magen war, der dringend gefüllt werden wollte. Er stopfte sich eine Kugelbanane in den Mund. Die wurde aber so haarig, dass er sie unmöglich schlucken konnte. Der Magen rebellierte auch des Geschmacks wegen. Wütend stampfte Manfred mit einem seiner Originalbeine und rief: „Wie zur Hölle soll ich etwas essen, wenn ich es nicht einmal über die Treppen hinauf zur Küche schaffe? Wie, mit diesem feigen Angsthasenbein?“ Das mittlere Bein zuckte bei dieser Anschuldigung und vergoss noch etwas mehr Schokolade. Unmöglich dass Manfred es hätte stoppen können, bewegte es ihn in kleinen Sprüngen Richtung Badezimmer. Manfred, der mittlerweile wusste, dass die Attacke zuvor kein Alptraum gewesen war, versuchte sich am Holzgeländer der Treppe festzuhalten, aber ohne Erfolg: das neue Bein war viel zu stark und hopste mit ihm ins Badezimmer. Manfred hielt sich die Hände vors Gesicht, nur um etwaige Angriffe sofort abwehren und sich im Ernstfall gegen Seife und Zahnbürste (und was auch immer es noch auf ihn abgesehen hatte) verteidigen zu können. Nichts geschah. Kein weiterer Mordversuch. Nichts bewegte sich. Manfred streichelte das Bein, das er vorher verstimmt hatte, bedankte sich für die Unterstützung, fragte aber auch, wie um Himmels willen er den kampflustigen Magen im Badezimmer beruhigen sollte. Mit einem gekonnten Kick, schwang sich das Muskelbein hoch in die Luft und schaltete das Licht aus, welches noch immer an war, seit Manfred es vor einer Stunde das erste Mal eingeschaltet hatte. Ein fluoreszierender Leuchtpfeil tat sich am Boden auf. Er reichte genau von der Stelle, an der Manfred stand, über die Wand hin zum Wasserhahn. Manfred verstand nicht. Wasser hatte seinen Magen noch nie beruhigen können, doch dieser schien sich zu freuen und machte Luftsprünge in Manfreds Körper, der erschrocken rülpsen musste. Manfreds rechte Hand schnappte sich den Zahnputzbecher und führte ihn zum Hahn. Der krähte laut als ihn die linke Hand berührte – zugegeben, sie war etwas kalt und Manfred hätte sie ruhig etwas anwärmen können bevor er den Hahn das zweite Mal aus dem Schlaf riss. Der Wasserhahn spuckte einen kleinen Klumpen Hüttenkäse aus, bevor er dann von der linken Hand soweit aufgedreht wurde, dass er Milch ließ. Die linke Hand schien Bescheid zu wissen, denn nach dem Knauf auf dem warm stand, drehte sie nun an dem Kalt-Knauf. Manfred ahnte nichts Gutes, war jedoch vollends überrascht, als der Wasserhahn Cornflakes in den Zahnputzbecher mit der Milch rieselte. Der Magen überschlug sich fast bei dem Anblick und die nette rechte Hand führte den Becher ohne auch nur einen Krümel zu verschütten zu Manfreds Mund, der hastig trank – schließlich stand er in direktem Kontakt mit dem rebellierenden Magen, den es zu befriedigen galt. Das Zupfen in Manfreds Bauch hörte allmählich auf und Manfred konnte entspannt aufatmen. Er marschierte den Gang zurück in sein Zimmer, nach dessen Betreten er natürlich wieder niesen musste. Die Nase war schon ganz beleidigt – wieso dachte er auch nie an die Arme – und bestrafte Manfred indem sie sich mit Wackelpudding füllte, Waldmeistergeschmack. Den mochte Manfred überhaupt nicht und so durchsuchte er hastig sein Zimmer nach einem Taschentuch. Als er dann endlich eine Packung gefunden hatte, zog er an einem der sieben übrigen Tücher. Das Ziehen dauerte eine gefühlte Ewigkeit, da das Taschentuch kein Ende zu nehmen schien. Es entfaltete sich als Bettlaken. „Auch schon egal“, dachte sich Manfred, als er beherzt und voller Kraft in das Laken prustete, wenigstens war die Nase wieder etwas freier. Manfred drückte den Knopf an seinem Radio, doch der Fernseher schaltete sich ein. Seine Augen waren noch zu verschwollen für bewegte Bilder also schaltete er das Radio wieder aus und seufzte. Sein kleiner, alter Walkman, der schon ganz zerkratzt war, und den der schon seit Jahren nicht mehr in den Händen hatte, kam auf ihn zugerollt und blinzelte ihn mit hellblauem Blinklicht an. Manfred steckte seine Kopfhörer an und suchte nach beruhigender Musik, irgendetwas Klassisches musste er doch haben. Er fand So-zart, drückte Play, aber es war immer wieder der Nach-vorne-Blicker, der ihm ins Ohr brüllte. Er fand auch etwas Schönes von Vogel Strauß, Fluss und Backhendl, jedoch verkrochen die sich und machten den Hintertupfinger Schürzenjägern Platz. Wahrscheinlich hatten die Klassiker Angst vor den Gewehren und stellten sich erst gar nicht einem Kampf. Manfred gab auf, streichelte seinen Walkman und legte ihn in den obersten Topf des Topfblumenregals, damit er ihn bei Bedarf schnell wieder finden würde. Nie wieder würde er ihn so arg vernachlässigen wie in den letzten Jahren. Manfred nieste. Er beschloss, ein Fenster zu öffnen und zog fest am Griff, der sich aber keinen Millimeter bewegte. Manfred kroch – das war mit drei Beinen gar nicht so einfach – auf seinen Schreibtisch vorm Fenster und zog und wackelte und drückte am Rahmen herum, aber nichts tat sich. „Ich werde hier drinnen elendig ersticken“, dachte sich Manfred und lehnte seinen Kopf gegen das rechte Ende des Fensterrahmens, der sich augenblicklich minimierte. Manfred verstand sofort, kniete sich auf den Schreibtisch und versuchte irgendwie an das Item zum Maximieren zu kommen. Nach einigen erfolglosen Versuchen, schaffte er es schlussendlich, das Fenster wieder herzustellen. Er freute sich, wurde aber von der Realität schnell wieder eingeholt, die ist immer mit Überschallgeschwindigkeit unterwegs, ihr macht man so schnell nichts vor: das Fenster war nach wie vor verschlossen und die Nase drohte schon wieder mit erneutem Wackelpuddingverschluss. Links oben am Fensterrahmen sah Manfred einen bunten Kreis, den er vorsichtig inspizierte. Er blinkte so herzallerliebst und freundlich, fast dreidimensional und wollte einfach gedrückt werden. Ohne zu starken Druck, er wollte den zarten Kreis nicht zerbrechen, tippte ihn Manfred an. Der Kreis hielt eine breite Möglichkeit an Optionen für Manfred bereit: neu, speichern, drucken etc. Er fand auch die Möglichkeit, die er brauchte und klickte schnell – nun mit seiner ganzen Handfläche, das Ziel so nah vor seinen Pfeffer-Schwellaugen – auf öffnen. Das Fenster rollte mit den Läden und verhöhnte Manfreds Ungeduld, sprang dann aber doch weit auf und kickte ihn halb vom Schreibtisch. Das dritte Bein verhinderte etwaiges Abstürzen, und auch die Hände, die sich erschrocken im Vorhang verkrallten, der vor Schmerzen laut aufschrie. Manfred entschuldigte sich für seine unüberlegten Hände und kletterte langsam vom wackelnden Schreibtisch. Die Sonne war bereits aufgegangen und schien grün in Manfreds Zimmer, das sich mit frischer Käseluft füllte. Die Kühe zwitscherten im Wasser und in der Ferne konnte Manfred mehrere Surfbretter auf der Hauptstraße erkennen. Ein breites Grinsen säuselte um Manfreds Mund, der aussprach, für wie verrückt Manfred diese Menschen hielt, die so früh am Morgen schon die Straßen verstopften.

Sarah Krennbauer

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at


freiTEXT | Veronika Aschenbrenner

freiTEXT_Illus5-3

Kratzendes Rücken

Ich habe dich heute gekauft
weil die Krokusse so schön
und meine Lippen …

Blüten tragen
meine Lippen Blüten tragen
und von dir umschlungen werden wollen
bevor sie welk werden
und bei der leichtesten Berührung
nach unten fallen

ich habe dich gekauft
weil die Angst zu groß
versetzt zu werden
aber du mich nicht versetzen kannst
nicht einmal verletzen kannst

ich sage dir Worte
flüstere zu
was nicht wahr ist
aber im Moment wahr ist
und als der Moment vorbei sein wird
als er vorbei
da sind sie welk geworden
und alle fallen sie ab
und sie krachen nicht auf den Boden
sie fallen nicht auf den Boden

kratzendes Rücken von Stuhlbeinen
plötzlich in die Stille

ich habe dich heute gekauft
weil die Krokusse so schön
und meine Lippen …

Veronika Aschenbrenner

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at


freiTEXT | Sven Heuchert

freiTEXT_Illus21

Grand Hotel Abgrund

Im Badezimmer roch es nach Desinfektionsmittel, und der Spiegel hatte einen Sprung. Er versuchte, sein Gesicht so in Position zu bringen, dass es durch den Sprung geteilt wurde. Es gelang ihm nicht. Er ging zurück in sein Zimmer und setzte sich auf das Bett. Er konnte den Lattenrost spüren.

Später an der Hotelbar bestellte er Genever und Bier. Der Junge hinter dem Tresen hatte rote Haare und Akne. Er servierte die Getränke achtlos und verschüttete ein wenig. Beide sahen auf den dunklen Fleck, der sich auf der Theke ausbreitete. Der Junge kratzte sich an einem Pickel und zuckte mit den Achseln. „Auf welchen Namen?“
„Kurt Schneider.“ Schneider sah sich um. Im Fernseher ein Boxkampf, in der Luft der Geruch von schalem Bier und Erdnüssen. Er trank den Genever in einem Zug. Einer der Boxer ging K.O, und die Stimme des Kommentators überschlug sich. Schneider überlegte, aber er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal einen Boxer gesehen hatte, der so schwer ausgeknockt worden war. Der Junge brachte neuen Genever. Diesmal verschüttete er nichts. Nach einer Weile betrat ein Mann die Bar, er trug Arbeitskleidung und einen Hut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Er ließ zwischen sich und Schneider einen Hocker frei und bestellte Bier.
„Auf Durchreise?“, fragte er in den Raum hinein, und Schneider nickte.
Der Mann lächelte. „Kommen Sie von weit her?“ Schneider zuckte mit den Achseln. „Wie man's nimmt.“
Der Mann nahm den Hut ab und legte ihn direkt neben Schneiders Bierglas. Über seinen Kopf zog sich eine Narbe, die kurz hinter dem Haaransatz in einem scharlachroten Mal endete. Der Mann strich mit den Fingern über die Hutkrempe und nahm einen Schluck Bier.
„Unfall“, sagte er dann. „es war ein Unfall.“
Schneider senkte den Blick und sah auf den Rand seines Bierglases.
„'n paar Jahre her, bin in 'ne Maschine geraten, die Heu macht. Hatte Glück.“ Der Mann klopfte sich mit den Fingerknöcheln gegen die Stirn. Schneider hob das Glas an die Lippen. Der Rothaarige nickte.

Frisches Bier wurde serviert. Niemand sprach. Schneider trank und sah gelangweilt auf den Bildschirm. Pferderennen. Der Ton war irgendwann leise gestellt worden. In der Bar war es jetzt ruhig. Nur ab und an Motorengeräusche, kaum wahrnehmbar. Scheinwerferlicht erhellte für einen Augenblick die gesamte Hotelfront, und dann wieder Dunkelheit. Er fand, dass der Moment, in dem die Dunkelheit zurückkehrt, die ganze Wahrheit zeigt. Immer stand man im Schatten, niemals im Licht, niemals so ganz. Ein wenig vom Schatten blieb immer. Der Rothaarige blätterte in einer Illustrierten. Der Mann mit der Narbe hielt sein Bierglas mit beiden Händen umschlungen und hatte die Augen geschlossen. Schneider betrachtete die Narbe und das scharlachrote Mal. Der Mann hatte wirklich Glück gehabt. Dann legte er einen Schein auf die Theke und stand auf.
Der Mann mit der Narbe hielt ihn am Arm fest.
„Mein Junge liegt seit gestern im Koma“, sagte er, „und sie wissen nicht, ob er wieder aufwacht.“

Schneider sah den Mann an. Er sah direkt auf das scharlachrote Mal und sagte: „Es tut mir sehr Leid.“

Später im Zimmer öffnete Schneider das Fenster. Es roch nach Regen. Die Straße schimmerte in der Dunkelheit. In einiger Entfernung konnte man das Blinken des Nottelefons erkennen. Er ließ die Hände auf das Fenstersims sinken und beugte sich vor. Er konnte die Umrisse seines Wagens auf dem Parkplatz erkennen. Dann legte er sich auf das Bett, sein Kopf sank tief ins Kissen ein. Er lag eine Weile so da, stand schließlich auf und ging ins Badezimmer. Im Spiegel immer noch der Sprung. Er fuhr ihn langsam mit dem Zeigefinger nach und betrachtete sein Gesicht. Er hatte sich sehr lange nicht mehr rasiert. Morgen, dachte er, und machte das Licht aus.

Sven Heuchert

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at


freiTEXT | Sabine Roidl

freiTEXT_Illus19

ABC

Alles auf Anfang. Auf Ausführungen besessen besserer Champions und Chansonnetten darf die einfache Ernte eimern. Der das geschrieben hält es fest in Fingern fragt frigide ganz gut gegangen. Oder? Neidisches Nicken. Halte häufig heiteres Hi Hi Hi hinter herzzerissenen Händen im jaulenden Jammertal. Konkurrenzlos kopfkrank kann man Nächsten leben lassen. Nehme nachher mehr mit ohne Pardon. Pochende Reinheit quillt reuelos. Suche ständig steuernde Silbe; schenk mir eine. Soll sie sein schief schnief sichtbar, schützenswert. Sprache ist Stellwerk im Strudel, süchtigmachend taumelt sie talwärts, wir Träumer sind verdammt für immer. Verfluchte Wahrheit vermeidend, wohliges Wiegen unseres Unwissens. Verstehst nix von was weil warum. Wütendes Wort wird Yachthafen zerhäxelter Zundergeschichten, zartbitter: zurück auf Anfang.

Sabine Roidl

freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at