freiTEXT | Sabine Roidl

freiTEXT_Illus19

ABC

Alles auf Anfang. Auf Ausführungen besessen besserer Champions und Chansonnetten darf die einfache Ernte eimern. Der das geschrieben hält es fest in Fingern fragt frigide ganz gut gegangen. Oder? Neidisches Nicken. Halte häufig heiteres Hi Hi Hi hinter herzzerissenen Händen im jaulenden Jammertal. Konkurrenzlos kopfkrank kann man Nächsten leben lassen. Nehme nachher mehr mit ohne Pardon. Pochende Reinheit quillt reuelos. Suche ständig steuernde Silbe; schenk mir eine. Soll sie sein schief schnief sichtbar, schützenswert. Sprache ist Stellwerk im Strudel, süchtigmachend taumelt sie talwärts, wir Träumer sind verdammt für immer. Verfluchte Wahrheit vermeidend, wohliges Wiegen unseres Unwissens. Verstehst nix von was weil warum. Wütendes Wort wird Yachthafen zerhäxelter Zundergeschichten, zartbitter: zurück auf Anfang.

Sabine Roidl

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freiTEXT | Nico Feiden

freiTEXT_Illus16

Tramperliebe

Ich ging stundenlang an einer Landstraße entlang, ohne das ein Auto anhielt, litt unter der Hitze dieser südlichen Sonne, während der Schweiß aus jeder Pore meines Körpers tropfte.

Als ich schon aufgeben wollte, hielt ein kleines Auto und eine junge Frau lächelte mir entgegen. Ein braun gebrannter Engel, der sich in diese südliche Dürre verirrt hatte.

Ich stieg ein und wir brausten los, während der Staub hinter uns in einem Wirbel aus Erregung zitterte.

Der Vorderreifen des Wagens schmiegte sich sanft an den Mittelstreifen der verlassenen Landstraße an und am Fenster zog die Wildheit der Natur wie ein verschwommenes Polaroid vorbei.

Es war eine wunderbare Fahrt, Clara so hieß sie, erzählte mir von ihren Reisen, von ihrer kleinen Modeboutique in Florenz. Sie redete und redete mit ihrer zarten Stimme und ich hörte Ihr gerne zu. Ich sah sie verlegen an, während das Licht sich auf ihrer braun gebrannten, verschwitzen Haut verlor.

Vielleicht war es, weil ich lange nicht mehr mit einer Frau gesprochen hatte, aber sie kam mir so unwirklich vor, so vollkommen, so wundervoll ...

Für ihr Lächeln wäre ich tausend Tode gestorben, Gott war sie schön.

Sie redete und ich hing gebannt an Ihren feurigen Lippen, hörte jeden Ton wie eine Symphonie des Himmels in meinen Ohren erklingen.

Sie fragte, ob ich einen Platz zum Schlafen hätte, und bot mir an bei ihr zu nächtigen. Ich lehnte dankend ab, denn der Ruf der Ferne lockte mich weiter Richtung Süden.

An einer Kreuzung verabschiedeten wir uns, sie gab mir einen Kuss; einen sanfteren und innigeren Kuss hatte ich nie bekommen und ich schwebte noch tagelang in dem zauberhaften Schleier der Verliebtheit über die staubigen Straßen Italiens, mit der tragisch schönen Erkenntnis, dass ich sie nie wieder sehen würde ...

Nico Feiden

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freiTEXT | Karin Seidner

freiTEXT_Illus20

Ahnungen

Der frühe Abend, an dem der Hochsommer in den Herbst überging, warf sie in die Heuwiese. Wolkentiere gaukelten kühle Ahnungen in die Ferne. Noch lagerte Hitze in allen Poren . Hufgeräusche schmolzen in sattgrünem Blätterrauschen. Die Geschmeidigkeit ihrer Glieder hatte das Firmament berührt und der Atem sich mit dem Goldglanz gepaart. Feuchtigkeit breitete sich unter ihre Sohlen.

Später würde der Vollmond das Übrige dazu tun.

Karin Seidner

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freiTEXT | Jacqueline Krenka

freiTEXT_Illus17

Der Punkt

Das ist er also. Dieser eine Punkt, dessen Existenz du weder jemals bedacht noch für möglich gehalten hast. Ob erreicht oder überschritten spielt hier keine Rolle. Dieser eine Punkt, an dem dein Herz so sehr gebrochen ist, dass es keine Gefühle mehr fassen kann, nicht einmal die Schlechtesten. Liebe und Hass, Freude und Trauer, Hoffnung und Schmerz. Sie alle rinnen durch die Risse, schneller noch als Wasser durch ein Sieb. Zurück bleibt ein pochender Muskel, dessen einzige Aufgabe bloß noch darin besteht, einen freudlosen Körper am Leben zu erhalten. Ob er will oder nicht, woher soll er es denn wissen? Er fühlt es ohnehin nicht.

An diesem Punkt läuft eine Träne über dein Gesicht und du fragst dich, ob sie ein Zeichen deiner zurückkehrenden Gefühle sein könnte. Doch dann bemerkst du, dass du bloß vergessen hast, zu blinzeln, als du in Gedanken versunken an die Wand starrtest. Du erinnertest dich an frühere Zeiten, daran, was für ein glücklicher Mensch du damals warst, wie herzhaft du gelacht, genossen, gelebt und geliebt hast. Du wischt die Träne weg, fokussierst deinen Blick und fragst dich kurz, wann du dich selbst verloren hast. An welchem Punkt.

Jacqueline Krenka

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freiTEXT | Renate Katzer

freiTEXT_Illus18

Großvater

Seine Worte verhallten
auf dem Amboss
unter
den Hammerschlägen

er legte
die Hand ins Feuer
für mich

sein Herz war weich und
glühend
wie das Eisen
das er trieb

sein Geist sprühend
wie die Funken
die
um meine Kindheit
tanzten

Renate Katzer

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freiTEXT | Simone Scharbert

freiTEXT_Illus15

brasch lesen

atmen lernen oder erzählen
eintauchen in lungen
ins kapillare netz
brustschwimmen
durch blutbahnen
durch deine und meine
in luftblasen denken
die gegenwart tauschen
mit jemandem
der sagt
erzähl’ mir vom atmen
das wünschen wir uns

 Simone Scharbert

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freiTEXT | Fabian Bönte

freiTEXT_Illus22

52.5590437, 11.9350376

ich spüre flügelschläge
ich bin blind
ich schreie
und verliere mich im dunkel

wir treiben im nichts
wir schlagen auf trommeln
wir durchkämmen den himmel
auf der suche nach licht

Fabian Bönte

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freiTEXT | Ingeborg Kraschl

freiTEXT_Illus12

Treibjagd

Fensterbaum
er bricht dir
das goldene Licht
zum Schatten

seine Äste
dich umfangen
schließen aus
das Urteil

bis der Frost
sich nicht mehr
geduldet

die Tür
nicht mehr
im Schloss bleibt

deine unruhigen Augen
nicht mehr
vom Warten
sprechen

Ingeborg Kraschl

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freiTEXT | Dijana Dreznjak

freiTEXT_Illus14

ENTSCHLOSSEN...

Sie blickt aus dem Zugabteil -

ihr Blick starr und leer.

Am Bahnsteig wartend - links der neue graue Koffer, rechts die Lieblingshandtasche. Heute benutzt sie den Lift - statt der üblichen Treppen.

Als sie das Ticket kauft -

steigen Tränen in ihre Augen - sie hasst Abschiede.

Nur das Nötigste wird mit dem Taxifahrer gesprochen. Bevor sie einsteigt, atmet sie noch einmal tief durch -

noch ein kurzer Gedanke.

Mit zittrigen Finger wählt sie die Nummer des Taxiunternehmens. Der letzte prüfende Blick, ob sie das Nötigste eingepackt hat.

Entschlossen und doch irgendwie verunsichert schreibt sie auf das Blatt...

Ich bin weg und komme nicht wieder!

 

 Dijana Dreznjak

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Die freiTEXTe machen erstmal Pause. Ab 1.12. übernimmt das advent-mosaik. freiTEXTE gibt es wieder ab Jänner 2015.


freiTEXT | Madlin Kupko

freiTEXT_Illus8

Ein Neuanfang auf ewig

Salzburg, Salzburg, Salzburg.
Du versprachst so viel.
In all’ deiner Ruh, in all’ deinem Frieden.
Du hast mich geblendet, du hast mich gegeißelt,
du hast dir alles genommen, wie es dir beliebt.

Hoffnungen keimten, Hoffnungen vergingen.
Klopfende Herzen im Einklang, unendliche Freiheit.
Hand in Hand die Salzach entlang, Tränen vor Freude, Lachen aus Lust.
Neue Menschen, neue Erfahrungen, neuer Lebensmut.

Plötzliches Vergehen, ein klopfendes Herz das bleibt.
Vergessen, vergessen, vergessen.
Ein anhaltendes Flehen sich umzudrehen.
Ein anhaltendes Flehen endlich zu gehen.

Salzburg, Salzburg, Salzburg.
Ein letzter Abschied.
Endlich in Ruh, endlich in Frieden.
Neue Kraft, neue Erinnerungen,
verdrängend den Rest.

Madlin Kupko

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