freiTEXT | Andreas Zabel
Die Echtheit der kleinen Brüche
Ich heiße Gunnar. Achtunddreißig. Ein Körper, der funktioniert, ein Leben, das sich lange weigerte, Form anzunehmen. Vielleicht beginnt alles an jenem Morgen, an dem Jerusalem wie ein ausgeatmeter Gedanke hinter den Fenstern hing und ich nicht mehr wusste, ob ich mich ausruhte oder verschwand. Die Frau in der Küche bewegte sich wie jemand, der Worte nur noch als Möglichkeit kennt. Zwischen uns lagen die Dinge, die man nicht sagt, weil sie sonst zu wahr würden.
Vier Tage zuvor war ich in ein Wohnzimmer zurückgekehrt, das zu leer war, um ein Zuhause zu sein. Unten handelten zwei Männer über Sandalen — Preis, Geschichte, Bedeutung — und ich merkte, dass ich nichts davon beantworten konnte. Ich stand nur da, wie jemand, der sich selbst beim Zusehen ertappt.
Lis brachte Avocados mit, überreif wie Gedanken, die man zu lange getragen hat. „Schneid sie auf“, sagte sie. Der Geruch, süßlich und alt, breitete sich aus wie eine sanfte, aber unerbittliche Diagnose. „Manchmal sehen Dinge gesund aus, obwohl sie es nicht sind.“ Ich wusste nicht, ob sie mich meinte oder die Frucht. Manchmal ist das dasselbe.
Später knickte mein Knöchel, unscheinbar, fast höflich. Ich saß vor einem Lokal, eine Zigarette zwischen den Fingern, und die Welt ging gleichgültig an mir vorbei. Die Frau, die sich ohne Vorwarnung zu mir setzte, nahm mir die Zigarette ab, zog einmal, gab sie mir zurück. „Manchmal braucht es nicht mehr“, sagte sie. Ihr Blick blieb an mir hängen, als wüsste sie, dass man für bestimmte Einsichten erst stolpern muss.
Franzi war eine andere Art Bruchstelle. Sie trat in Räume, als würde sie sie erst erschaffen, indem sie sie betrat. Wir saßen zusammen, und sie sagte: „Du behandelst Gefühle wie eine Steuererklärung.“ Sie lächelte dabei nicht. „Ordentlich. Übersichtlich. Ohne Mut.“ Es klang nicht vorwurfsvoll, eher wie jemand, der weiß, dass Wahrheiten nur wirken, wenn sie sanft platziert werden. „Man kann jemanden zärtlich zerstören“, sagte sie. „Ehrlichkeit ist schärfer, wenn sie leise ist.“
Abdul sprach leise, aber seine Worte trugen weiter als die der anderen. „Man gewöhnt sich an vieles“, sagte er, „aber nicht daran, dass jemand fehlt.“ Seine Hände erzählten mehr als seine Stimme — zögernde Bewegungen, die sich weigerten, endgültig zu sein. „Warum Deutschland?“, fragte ich. „Weil hier niemand weiß, wer ich war. Nur, wer ich bin.“ Da begriff ich, dass manche Brüche nicht repariert werden müssen; man muss nur lernen, sie auszuhalten.
Am Ende bleibt weniger, als man glaubt. Nicht die Orte, nicht die ruhigen Erklärungen, nicht die Tage, die man verstreichen ließ. Es bleibt, was sich in den kleinen Rissen zeigt — jene Momente, in denen man einen Atemzug länger bleibt, als man wollte. Ich weiß nicht, ob ich ankomme. Aber ich merke, dass ich angefangen habe, zuzuhören, bevor Dinge verschwinden.
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freiTEXT | Anna Wonde
Die Häuser
Ich weiß noch genau, wie die Häuser riechen.
Das Haus mit den beiden blonden Jungs – süßlich und nach vielen kleinen Regeln.
Das Haus am Ende der Straße – nach dem Wald, der sich in Richtung des Hauses ausstreckt.
Ich höre das Klappern der Pantoletten an den Füßen der Mütter. Mit Peeptoe und Keilabsatz aus Kork und damals schon frage ich mich, wie die Mütter darin eigentlich den ganzen Tag umherlaufen. Klack-klack-klack über die terracottafarbenen Steinfliesen in der Küche. Klack-klack-klack über die Pflastersteine in der Einfahrt. Geräuschlos durch die Gärten, über den Rasen, den die Väter samstags mähen. Einer nach dem anderen, vorne in der Straße fängt es an und wenn der erste fertig ist, fängt der nächste erst an, als gäbe es einen unsichtbaren Staffelstab, den sie sich übergeben.
Woher kommen all die Häuser? Früher waren das alles Felder, sagen die alten Tanten. Sie sitzen auf einer Holzbank, der einzigen in der ganzen Straße, und erzählen von den Häusern, die nach dem Krieg gebaut wurden. Wie ihre Väter zurückkamen, innerlich und äußerlich versehrt, wie sie weinten unterm Weihnachtsbaum oder schrien in den Nächten. Wie sie dann begannen, Häuser zu bauen. Stein für Stein und ihre Alpträume darin einmauerten.
Sie reden mit den Kindern. Spiel nicht am Fluss, sagen sie, da wohnt ein Mann mit einem Haken und damit zieht er die Kinder ins Wasser und sie müssen dann für immer bei ihm leben und ihm dienen.
Bleib nicht in der Dunkelheit draußen, sonst kommt ein Mann, der aussieht wie eine Krähe, und der fliegt mit dir weg.
Und die Kinder werden größer und sie glauben den Tanten nicht mehr. Du lügst, sagen sie, deine Nase ist schon ganz lang. Aber sicher sind sie sich nicht, und wenn es dunkel wird, beschleunigen sie ihre Schritte und werfen Blicke über die Schulter, aber da ist nur das Echo ihrer Sohlen auf dem Pflaster.
Und die Kinder werden größer, aber sie haben jetzt Angst vor der Dunkelheit. Mehr Angst als früher. Sie ist bedrohlich und real. Sie gehen nicht mehr allein zur Bushaltestelle, wenn es Nacht ist, und Nacht wird es schon um 17 Uhr.
Zur Sicherheit haben sie eigene Häuser gebaut, mit großen Terrassen und Kieselsteinen im Vorgarten. Sie vergraben die Sehnsucht unter einem Steingarten, da muss man sie nicht gießen.
Alle sind zu Hause. Sie schließen abends die Türen zu und lassen die Fensterläden runter und trinken noch zwei Gläser Wein, allein in der Küche. Taking off the edge.
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freiTEXT | Philipp Ammon
Das Weltdorf im Hochgebirge
Kistendörfer seemannsbärtig
Din wa daula wie zu Hause
Wolkentürme, grüßt den Wedding!
Gottes ist der Kawkasioni,
Badstraße und Gudauri
In Tbilissi wird seit geraumer Zeit wild gebaut. Zuerst erweiterte man die eigenen Wohnungen mit Balkonvorbauten, welche die Höfe schrumpfen und die Bürgersteige oder die gedachten Bürgersteige verschwinden ließen. In einigen Fällen ging die Stadtverwaltung dagegen vor, in der Regel wurden die Vorbauten geduldet. Nun verschwinden auch die Freiräume zwischen den Häusern. Ganze Hochhäuser werden in den Himmel gezogen und versperren die Sicht von den Balkonen, die man einst den Wohnungen anbaute. Es wird immer enger. Im Stadtbild entkleidet sich die von W.E.D. Allen in seiner History of the Georgian People beschriebene aesthetic irresponsibility ihrer Ästhetik.
Die Libertären schelten den Staat eine Zwangsanstalt, die jedwede Initiative im Keim ersticke und seine Angehörigen in asoziale Subjekte verwandle. Der Leviathan ist ihr Gottseibeiuns. Erlebt man die Abwesenheit des Staates und seines Rechtswesens in Wirklichkeit, so relativiert sich dieses Schreckensbild der Libertären. Bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle, wird zum natürlichen gesellschaftlichen Aggregatzustand, auch wenn die direkte militärische Auseinandersetzung ausgesetzt sein sollte, wenn die Waffen im Moment schweigen. Der Kriegszustand setzt sich in kleineren gesellschaftlichen Details fort, in der Nichtbeachtung von Gesetzen. Manifester Ausdruck dieses molekularen Bürgerkrieges sind erpresserische Verträge im Geschäftsleben, der Verkehr oder der wilde Hausbau – An- und Neubauten ohne Genehmigung auf öffentlichem Grund. Wo Gesetzen keine Rechnung geschuldet wird, ist jeder politische Wandel ein Haschen nach dem Wind. Die Tribunen wechseln zur Ergötzung des Publikums. Die Substanz ändert sich nicht. Es gilt das Recht des Stärkeren, nicht die Stärke des Rechts. Die Leninsche Machtfrage „Wer wen?“, „Kto - kogo?“, fand im Georgischen eine Substantivierung, die winwisaoba, die „Werwenigkeit“, welche Eingang in Tschenkelis Wörterbuch fand.
Im Zentrum Tbilissis hat man ein Autobahngeschlängel gebaut. So schön wie in Siegen. Ein Glück, wenn sich der Blick wieder weitet, wenn man auf den Autobahnschlangen die Stadt verläßt. Wir fahren Richtung Kachetien. Die Wiesen entlang der Autotrasse sind mittlerweile verbrannt. Erst im kachetischen Hochland, durch welches man nach Tuschetien gelangt, wird es wieder grüner, waldiger. Wir fahren durch das kachetische Weideland, das König Lewan von Kachetien einst im 17. Jahrhundert den Tuschen für ihre Treue im Krieg gegen die Perser schenkte. Ein Teil der Tuschen sind karthwelisch, i.e. georgischstämmig. Der andere Teil besteht aus mit den Tschetschenen und Inguschen verwandten Bazben, den Zowatuschen. Mit Tschenenen und Inguschen bilden sie Familie der Wainachen. Wai nach, zu deutsch unser Volk. Anders als Tschetschenen und Inguschen sind die Bazben Christen. Sie gehören der Georgisch-Orthodoxen Kirche an und verstanden sich auch in vergangenen Jahrhunderten als Teil der georgischen Nation. Die Bazben beherrschten neben der eigenen Sprache stets das Georgische. Doch ist das Fortleben der bazbischen Sprache selbst nicht mehr gewiß.
Wir erreichen die ersten Kistendörfer im Pankissital. Duissi, Dschoqolo. Die Kisten sind Tschetschenen, die Schamils Herrschaft nach Kachetien entwichen. Die meisten leben hier im Pankissital. Das im russischen Kaukasuskrieg des 19. Jahrhunderts errichtete Imamat Schamils griff tief in die Lebensgewohnheiten der Nordkaukasier ein. Schariat ersetzte Adat, das Gewohnheitsrecht. Tanz, Gesang und Alkohol wurden vom Imam verboten. Nur die im Rundtanz gesprochenen Gebete, die gesungene Rezitation einer Sure oder der im Singsang wiederholte Name des Einen blieben vom Verbot unberührt: Sikr, das meditative Gedenken des Göttlichen. Andere Tschetschenen sollen schon im 18. Jahrhundert nach Kachetien übergesiedelt sein. Im Taip, dem tschetschenischen Clanverband wird der erworbene Reichtum der Mitglieder auf die Gemeinschaft verteilt. Um den Besitz vor der Taipteilung zu retten, blieb der Weg nach Georgien.
Schon am Rand der Ausfallstraße von Tbilissi sah man vereinzelt Wahabiten sitzen. In den Kistendörfern werden ihre Seemannsbärte zur Gewohnheit. Ihr Blick ist gestreng. Im vergangenen Jahr fiel in Syrien der Kommandeur Omar Schischani, Omar der Tschetschene, ein Kind aus einer gemischten georgisch-kistischen Familie aus dem Pankissital. Er hatte einst in der georgischen Armee gedient. Im Augustkrieg 2008 focht er auf georgischer Seite. Nach Entlassung aus der Armee wurde er arbeitslos. In Syrien fand er neuen Sinn, Beschäftigung und Tod.
Wir fahren durch Birkiani, ein verlassenes Tuschendorf; erreichen Dsibachewi, ein Dorf der Pschawen. Aus der Ferne sieht man Omalo, den Hauptort des tuschetischen Berglands. Nach einer Theorie, an der mein tuschetischer Reisegefährte Gotscha Ghulelauri zweifelt, sollen die Tuschen im 4. Jahrhundert vor der Christianisierung Pschawiens und Chewsuretiens durch König Mirian nach Tuschetien geflohen sein. Vielmehr seien Pschawen und Chewsuren, die damals noch unter dem Namen Pchowen zusammengefaßt waren, (d.h. die Freien oder Kühnen – eine ähnliche Selbstbezeichnung wie die der Franken) dorthin geflohen. Das Land habe bereits damals Tuschetien geheißen. Wie seine Einwohner, die Tuschen.
Mit Tuschetien ist eine große Wanderungstheorie verbunden. In vorgeschichtlicher Zeit sollen karthwelische Kaukasier nach Westen aufgebrochen sein. Vor den Indoeuropäern hätten sie die mediterrane Welt besiedelt. In Griechenland hätten sie beispielsweise ihre Silbe de für Mutter hinterlassen, auf welche die einfallenden Indoeuropäer ein meter gepfropft hätten. Aus dieser sprachlichen Pfropfung sei die chthonische Gottheit Demeter hervorgegangen. Über Lemnos seien die Karthwelier weiter auf die Appeninhalbinsel gewandert. Aus ihnen seien die Etrusker hervorgegangen. Das zweite Tuschetien befinde sich in Italien: Tuscien, so die mittelalterliche Bezeichnung – die Toscana. Wie die Anführer der nordostkaukasischen Bergler für die der Name Luchumi typisch war, nannten die italischen Tuscier ihre Könige lucumones. Sie gründeten das etruskische Rom: Ruma Rasna. Doch während Italien und die Toscana gedeihen, verbrennen die tuschischen Schafhirten ihre Wolle bergeweise: Der Verkauf lohnt sich nicht mehr. Manche Hirten arbeiten mittlerweile für ein halbes Jahr als Lastkraftwagenfahrer in Amerika, um darauf in den restlichen Monaten des Jahres in der Heimat ihrer traditionellen Arbeit nachzugehen. Zogen die Hirten früher im Wechsel der Jahreszeiten auf die Bergweide oder ins Tal und überquerten Pässe, so ziehen sie heute im Jahreswechsel von einem Kontinent zum andern und überqueren Ozeane. Nach Westen folgen die Tuschen ihren vorgeschichtlichen Vorfahren: die Weltwanderhirten bestehen in der Weltwirtschaft.
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freiTEXT | Jessica Ramsauer
Die Geschichte der leisen Schwingung
Als ich ankam, war mein Atem rau und unruhig, als würde mein Körper noch immer Wege fürchten, die längst vergangen sind. Der Flur fühlte sich an wie ein Ort zwischen damals und jetzt. Doch als sich die Tür öffnete, blieb die Vergangenheit kurz stehen — als hätte sie gemerkt, dass sie hier nichts zu suchen hat. Ich trat in einen Raum, der vielleicht bald meinen Namen lernen könnte.
Wir setzten uns. Zwei Menschen, zwei Welten, die sich noch nicht kannten, aber einander vorsichtig abtasteten.
In mir gibt es einen Ort, der tief unter der Oberfläche liegt — ein leises Feld aus Schwingung und Wahrnehmung. Dort höre ich alles: Tonlagen, Tempo, kleinste Bewegungen der Aufmerksamkeit. Es ist der Ort, an dem ich spüre, ob jemand wirklich bei mir ist oder ob ein halber Schritt ins Innen fehlt.
Manchmal bewegte sie sich schneller als ich. Dann verzog sich etwas in diesem inneren Feld, als würde eine Saite kurz den Kontakt verlieren. Ihre Worte glitten mir davon, noch bevor ich wusste, was ich sagen wollte. Ich verlor sie nicht ganz — aber gerade so, dass sich ein feiner Schleier zwischen uns legte. Fein genug, um unsichtbar zu sein, dicht genug, um mich zu schützen.
Und dann gab es Momente, in denen sie tiefer sank. Ihr Atem wurde ruhiger, ihre Stimme weicher, ihr Blick durchlässiger. Dann traf ihr Klang den meinen. In mir wurde es warm, ein Stück Erde unter den Füßen, die vorher gefehlt hatte.
Wir sprachen über vieles, und doch mehr über das, was zwischen den Worten lag. Über Geschichten, die schwer tragen, aber in dieser Geschwindigkeit noch zu groß sind. Über Linien, die in mir weit zurückreichen. Über das Ringen zwischen Sehnsucht und Schutz, Nähe und Rückzug.
Es gab Augenblicke, in denen der Klang der Welt lauter war als der zwischen uns. Manchmal füllten Wörter den Raum, bevor wir gemeinsam den leisen Punkt fanden, an dem sich Innen und Außen berühren. Ich merkte, wie schnell sie in eigenen Bildern sein konnte — und wie mein System dann kurz aussetzte, wie ein Echo ohne Ursprung.
Aber dann — gab es diesen einen Moment. Ganz am Ende. Die Zeit war schon schmal geworden, Schritte warteten irgendwo jenseits der Tür. Und doch geschah etwas Weiches: eine Geste, warm und klar, deren Berührung nicht in der Haut lag, sondern in der Aufmerksamkeit. Ein kurzer, stiller Takt, in dem sich ihre Wärme mit meiner traf — gerade lang genug, dass mein Körper verstand: Hier darfst du landen.
Dieser Augenblick blieb. Er wanderte mit mir hinaus, als hätte ein feiner Rest ihres Tons irgendwo in mir einen Platz gefunden — ein kaum hörbarer Nachklang, der noch einen Moment verweilt, bevor er sich wieder in die Stille legt. Kein Anhaften — eher der sanfte Abdruck eines Haltens, das aus Tiefe statt aus Pflicht entsteht.
Und so begann etwas, das noch keinen Namen hat — ein zarter Versuch, zwei Systeme aufeinander einzustimmen. Nicht über Worte und nicht über Wissen, sondern über das, was darunter wirkt: das stille Erkennen, wenn ein Mensch einen Ton trifft, der schon lange darauf wartet, wieder zu klingen.
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freiTEXT | Lena Maria Trohar
Die geweihten Tage
Rosa, rosarot. So steht der Baum, den ich meine. Der, der mich in meiner Kindheit schon begleitet hat. Auf den der Bruder geklettert ist. Von dem der Vater gefallen war. Als er die Triebe schnitt. Unter dessen Erde wir den weißen Abdruck seines Arms vergruben. Rosarot, wie sie bei der Nachbarin nicht sind. Weiß dort und viel weniger üppig. Vielleicht bei uns so üppig, weil der Vater in dem einen Frühling nach dem Sturz die Triebe nicht geschnitten hat. Und die Großmutter zufrieden. Denn was sie zufrieden macht, sind die Früchte, die uns die Natur gibt. Die ohne ihr Zutun wachsen, jedes Jahr neu wachsen. Neu wachsen und wieder neu wachsen. Rosarot, wie ich es sonst nur ein anderes Mal gesehen habe. Auf der Leinwand. In den übergroßen Spiegelungen ganzer Welten. Gespürt habe ich es, den Windhauch im Geäst. Die Federstriche jeder Nuance. Und dann war ich stolz. Stolz auf den unseren.
Rot, kirschrot. Was die Großmutter noch zufriedener macht als das üppige Wachsen, ist das üppige Ernten. Es wird auf den einen Tag gewartet, den einen richtigen. Man fürchtet, dass die Vögel sich schon zu festlich bewirten. Aber der Tag im Kalender muss stimmen. Die Großmutter weiß es. Dann ist es soweit. Der Vater steigt auch wieder hinauf. Ein Eimer hängt mit einem Strick an seiner Hüfte. Ich darf nur die Leiter halten, auf der die Mutter steht. So viele Kübel waren es noch nie. Wir essen, bis wir nichts mehr schmecken. Das Trinken ist mir verboten. Kirschrot der Saft, der aus der Flasche läuft. Hitze im Steinofen, trotz des Sommers. Aber die Früchte müssen eingekocht werden. Heute. Es steht Fruchttag im Kalender. Kirschrot meine Lippen. Die Lippen der Eltern, des Bruders und der Großmutter. Betrunken vor Freude. Ich schaue in den Spiegel. Ziehe die Schnute. So gefärbt gefalle ich mir. Was der Baum kann, denke ich mir. Und wie haltlos glücklich die Großmutter ist.
Braun, rotbraun. Ich verstehe es nicht. Ich weine. Ich frage. Ich verstehe es nicht. Rotbraun das Holz, das aus dem Stamm geschnitten wird. Orange der Griff der Säge, die hindurchgleitet. Und ich verstehe es nicht. Wir waren doch so glücklich gewesen. Als wir ernteten, als wir einkochten, als wir aßen und tranken. Wir waren doch glücklich gewesen in der schwülen Küche. Und stolz. So wie ihn die Nachbarin nicht hat. Rotbraun die Bretter, die in der Werkstatt liegen. Aus denen etwas gemacht wird wie eine Kommode oder ein Nachkästchen. Die Bretter, die dort so lange liegen. Weil nichts aus ihnen gemacht wird. Aber braun, rotbraun der Stumpf, den ich sehe, wenn ich aus dem Fenster der Stube schaue. Wenn ich schaue und immer noch nicht verstehe, weil man den Kindern nur die schnellen Antworten gibt. Ich stelle mich daneben, darauf. Betaste die Schnittwunde. Braun, rotbraun. Und Gelb. Der Laubfall der anderen Bäume.
Rosa, rosarot. Muss es werden, um zu werden, was ich mir wünschen darf. Am vierten des letzten Monats. Der Kalender der Großmutter hätte heute gesagt. Ich denke an dem Stumpf in unserem Garten. Sehe ihn vom Fenster der Stube aus. Ich bin nicht mehr dort. Aber ich kenne die geweihten Tage. Da, wo ich jetzt bin, muss ich hinaus. Viel weiter hinaus. Bis ich einen finde. Da glänzt er mit den Streifen rundherum wie ein Silberfisch. Rosarot muss ich hoffen. Zwicke drei eiskalte Zweige ab. Benenne sie. Stelle sie ins Wasser. Warte.
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freiTEXT | Elisabeth Bendl
Roadtrip
Renault 19. Ihr erstes Auto. Die Fahrertür, nur mit Spanngurt zu schließen, das Fenster der Fahrerseite, mit einem Keil fixiert.
Die erste Fahrt, eine Kassette mit Klebeetikett am Beifahrersitz, die Aufschrift „für dich“. Der Motor wird gestartet, es raucht und ruckelt. Dann los, die Musik nach jedem Kilometer um eine Essenz lauter drehen. Red Hot Chili Peppers, Metallica, Foo Fighters, Aerosmith. Begleiter, die bleiben werden.
Ohne Ziel und mit der Gewissheit, dass sich Freiheit genauso anfühlt. Dass das, was noch kommt, gut werden wird. Es ist heiß, der Fahrtwind dröhnt in den Ohren. Immer schneller über die Straßen, ohne Ziel. Dann die Erkenntnis, dass eine Tankfüllung endlich ist.
Opel Astra. Trinke niemals beim Fahren! Hörst du, niemals!
Nur ein Glas, ist nicht schlimm. Ein Zweites, ich kann schon noch fahren.
Zu siebt im Fünfsitzer. Die Erste mit Führerschein. Neue Bekanntschaften, dem Führerschein geschuldet. Von einem Festl zum nächsten. Jedes Wochenende dasselbe Spiel. Kennt man ein Dorf, kennt man alle, die Zelte in den Hallen der Bauern gleichen einander, die Tequilabar ist immer aus demselben Holz geschnitzt.
Der Heimweg. Lachen, singen, rauchen. Die Wodkaflasche geht im Kreis, macht auch nicht vor der Fahrerin halt. Schleichwege, um nicht der Polizei in die Hände zu fallen. Ein wenig schneller, aufs Gas drücken. Ein Auto von rechts, sie hat es spät bemerkt. Vollbremsung. Glück gehabt, schon wieder. Im Nachhinein gesehen reiner Zufall, den Eltern der Freunde ihre Kinder nicht genommen zu haben.
BMW 3er. Das Auto des besten Freundes, damals an der Uni. Ein Feldweg am Rande irgendeiner größeren Ortschaft. Bahngleise und das regelmäßige Rumpeln der Güterwagons. Fünf Uhr früh, ein Herbsttag. Die Scheiben beschlagen, verschwommene Bilder dringen nach innen – und nach außen. Er sitzt am Beifahrersitz, sie auf ihm. Der Schalthebel ist im Weg und stört dennoch nicht. Gleichmäßige Bewegungen des Autos, vor und zurück, gleich einer Wippe. Das Quietschen der alten Stoßdämpfer. Das Autodach direkt über ihrem Kopf, sie muss ihn leicht schräg halten, so stört es nicht. Der BH am Fahrersitz, ihre Hose über der Rückbanklehne. Ihre Beine schmerzen, gut ist es dennoch. Ein Mann drückt seine Nase an die Fensterscheibe der Fahrertüre.
Nissan Micra. Ein letzter unbeschwerter Sommer. Damals noch die Hoffnung, dass viele dieser Sommer folgen sollten. Gleich nach dem letzten Semester an der Uni die Fahrt in den Süden. Die beste Freundin am Beifahrersitz. Den winzigen Kofferraum vollgestopft mit Zelt, Kleidung und Bier. Frei sein, zwei Wochen lang. Ein langer Weg bis an die Grenze, die wenigen PS bremsen aus. Endlich Villach, dann die fremde Luft, die auch nicht anders riecht als in Österreich. Die Musik bis zum Anschlag aufgedreht. Französische Chansons, nur diesen Sommer. Landstraßen fahren, um Mautgebühren zu sparen. Das Geld wird für Wichtigeres benötigt. Überrascht, wie wohltuend das Meer auf die Seele wirkt. Baden im Salzwasser, Spaziergänge am Strand, Bier am Lagerfeuer. Lachen, bis die Tränen die Wangen hinablaufen. Der Schmäh, den man nur versteht, wenn man sich eine Ewigkeit kennt.
Range Rover. Eine lange Sommernacht in Wien. Sie steigen ein in sein Auto, scheinbar mit demselben Ziel. Intensive Gespräche, verstohlene Blicke, vorsichtige Berührungen. Ein Stopp am Straßenrand. Sein Lächeln, ihr Zittern. Der erste Kuss. Das Herzklopfen muss doch etwas bedeuten. Langsamer fahren als nötig, um mehr Zeit miteinander zu haben. Herausfinden, wohin die Fahrt gehen soll. Die Hoffnung, Liebe gefunden zu haben, ohne je herauszufinden, was Liebe wirklich ist. In dem Glauben sein, dass das, was kommen wird, gut werden wird. Das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, verdrängen. Es muss Liebe sein.
Ford Focus. Das Begräbnis des Vaters. Zehn Jahre ist sie diese Strecke nicht mehr gefahren. 506 Kilometer auf verschneiten Straßen Zeit, um die Trauer zu suchen. Das, was sie findet, ist Erleichterung, vielleicht. Dann, angekommen am Ziel, hagelt es. Nicht nur Eiskörner, auch Vorwürfe.
Einige Stunden lang prasseln die Worte der Vergangenheit auf sie ein, sie hält es aus, lässt es geschehen, niemals wieder wird sie an diesen Ort zurückkehren.
Der Ford macht Mätzchen, die Kupplung reißt. Mitten auf der Romantikstraße. Ausrollen lassen, Motor stoppen und schreien. Tränen fließen keine.
VW Golf Kombi. Zwei Kindersitze auf der Rückbank. Der erste Weg führt zum Kindergarten, noch eine letzte Umarmung, die Kinder sind ruhig und weinen dieses Mal nicht. Das schlechte Gewissen bleibt. Weiter Richtung Arbeit, Stau wie jeden Morgen. Die Playlist: Wir sind am Leben, Back to Black, No Roots, Highway to Hell. Die späte Erkenntnis, dass es doch keine Liebe war. Die Kinder, die ein Leben, wie sie es sich gewünscht hat, nicht mehr möglich machen. Die Frage, wann und ob ein Airbag aufgeht, wenn man auf das Lenkrad einschlägt. Und dann die Tränen. So fühlt sich also Trauer an.
Skoda Oktavia. Immer noch Kombi. Die Wege haben sich geändert. Kein Kindergarten vor der Arbeit, sondern Taxiunternehmen nach der Arbeit. Für die Kinder. Klavierspielen, Reiten, Tennis, Freunde. Sie kümmert sich. Er nicht mehr. Das Sorgerecht hat sie bekommen. Es war eindeutig. Kein Ermessensspielraum. Säufer bekommen Besuchsrecht, nicht mehr und nicht weniger. Sie sollte erleichtert sein. Der Beifahrersitz bleibt leer. Keine Wut, keine Schläge, keine Schikanen, keine Tränen, keine Trauer. Ein neues Leben, nur mit den Kindern am Rücksitz. Heute hört sie keine Musik.
Jeep Cherokee. 25 Jahre später an der Grenze, kurz nach Villach. Ein Auto für sie alleine. Sie öffnet die Fenster, kann das Meer schon riechen. Die Kinder erwachsen, der Wunsch, die letzten 20 Jahre auf der Stelle nachzuholen. Das Leben spüren, so wie damals, mit 18, die erste Fahrt in ihrem Renault 19. Sie gibt Gas, erinnert sich an ihre erste Reise in den Süden, ihre Freundin am Beifahrersitz. Das Lachen, die Lebenslust, die Vorfreude auf das, was kommen sollte. Auch dieses Mal wählt sie die Landstraßen, sie hat Zeit. Das Ziel: Der Campingplatz von damals, die ewig langen Sandstrände, der Aperol, das Lagerfeuer. Sich selbst suchen und vielleicht auch finden. Auch dieses Mal wieder: Französische Chansons. „Je veux de l′amour, de la joie, de la bonne humeur“.
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freiTEXT | Gabriele Raimer
Thailand – Leise Wege, weites Herz
Aufbruch – Dem Ruf folgen
„Du hast es tatsächlich geschafft“, sagte Andrea und lächelte. Diese Reise, die vor ihr lag, hatte mit einem Flüstern, nicht mit einem großen Entschluss begonnen.
Das Gepäckband summte, Menschen eilten an ihnen vorbei, die Luft roch nach Kaffee und Kerosin. Ulli hob den Kopf, ihr Lächeln war unsicher, fast verloren.
„Geschafft? Na ja“, dachte sie. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an, eher wie eine fremde Stimme aus einer anderen Zeit. Vor vierzig Jahren war sie schon einmal aufgebrochen – jung, frei, voller Hoffnung. Damals war es das Land der weiten Himmel, der stillen Gesichter, der Leichtigkeit hinter dem Lärm. Damals hatte sie geglaubt, das Leben sei unendlich weit.
Nach Krankheiten, Abschieden und dem langsamen Verstummen ihrer Träume war in ihr eine Sehnsucht erwacht. Jetzt wollte sie zurückkehren, dorthin, wo sie sich so lebendig gefühlt hatte. Lange hatte sie die Reise hinausgezögert. Thailand, allein, auf eigene Faust, so weit weg – ein Traum, der unter dem Staub des Alltags zu verschwinden drohte.
Aber sie spürte, dass Stillstand ihre Lebensgeister ersticken würde. Die Bequemlichkeit hatte sich wie feiner Staub, kaum sichtbar, aber schwer, auf ihr Leben gelegt. Und dann war da diese Angst: Was, wenn sie zusammenbrach? Wenn die Kraft nicht reichte? Wenn sie sich selbst überschätzte? Gleichzeitig wusste sie: Sie hatte sich nie besonders gut eingeschätzt, wenn es um Dinge wie Treppenstufen mit schwerem Koffer ging. Und dennoch war sie immer angekommen.
Das leise Flüstern wurde immer lauter. „Was, wenn da noch etwas auf mich wartet? Etwas, das ich verloren glaubte?“ Mit der Frage kam die Angst, aber auch die Hoffnung.
„Geh“, sagte die Stimme in ihr. „Warte nicht. Folge dem, was dich lebendig macht.“
Als sie ihre Wohnung verließ und der Abschied von zu Hause nicht mehr rückgängig zu machen war, fühlte sie sich wie ein Wassertropfen, der über ein Blatt rollt, kurz zittert und sich dann der Schwerkraft übergibt. So hatte sich der Beginn dieser Reise angefühlt. Wie ein Aufbruch, der unausweichlich war.
Und nun stand sie da. Das Gewicht der Tasche in ihrer Hand und das viel größere Gewicht der Entscheidung auf ihren Schultern. Andrea sagte nichts mehr. Ihre Umarmung war still, ein Versprechen, als der Lautsprecher zur letzten Aufforderung rief. In Ulli regte sich ein Satz, den sie einmal gelesen hatte und der jetzt wie eine Gewissheit in ihr aufstieg:
„Wenn du deiner Freude folgst, findest du den Weg, der immer auf dich gewartet hat. Und wo du Wände vermutest, öffnen sich Türen.“
Ein Atemzug. Ein Zittern. Ein erster Schritt.
Langsam, beinahe tastend, ging Ulli los. Fort von allem, was sie gehalten hatte – hinein in etwas, das sie nicht kannte. Als sich die Türen zum Gate hinter ihr schlossen, wusste sie: Es war ein Ruf zur Rückverbindung. Mit sich selbst. Mit dem Leben. „Etwas in mir ist jung geblieben“, flüsterte es in ihr. Es schaut noch immer mit staunenden Augen. Ein Gefühl von Freiheit – jener Freiheit, die man nur spürt, wenn man wirklich losgelassen hat.
Ankunft im fremden Licht
Am Ausgang des Flughafens stand ein Mann mit einem Schild in der Hand, auf dem ihr Name geschrieben war. Er lächelte, nahm ihr Gepäck entgegen und öffnete die Tür zu einem Wagen, in dem kühle Luft vom Ventilator surrte. Ulli stieg ein. Den Anfang hatte sie bewusst organisiert, um sich sanft auf das Neue einlassen zu können.
Die Fahrt nach Hua Hin zog sich hin. Palmenhaine wechselten sich ab mit staubigen Straßen, kleinen Dörfern mit bunten Fassaden, die Strommasten mit ihrem Kabelchaos, Neonlichtern und Werbetafeln für Schönheitskliniken und Zahnarztpraxen. Das Land wirkte noch immer wie ein großes Versprechen für makellose Haut, perfekte Zähne, ewige Jugend.
Im Radio spielte leise Musik. Eine Sprache, die sie nicht verstand, die sie aber nicht störte. Sie saß ruhig da, zwischen zwei Welten. Nicht mehr dort, noch nicht ganz hier. In dieser Schwebe lag ein eigener Raum, still und offen.
Das Hotel, schlicht und weiß, lag eingebettet in einen tropischen Garten, in dem die Grillen zirpten. Ein junger Mann brachte sie in ihr Zimmer, zog die Vorhänge zur Seite, und da war es: das Meer.
Ulli stellte ihre Tasche ab, zog die Schuhe aus und ging hinunter zum Strand. Die Sonne stand tief, der Himmel spiegelte sich golden im Wasser wie ein Willkommensgruß. Sie blieb lange stehen, reglos.
Sie hatte es tatsächlich geschafft. Trotz aller Zweifel, trotz der Stimmen, die sie zur Vorsicht mahnten. Andere machten Kreuzfahrten in ihrem Alter, sie hatte das Abenteuer gewählt. Ein Gedanke, der sich wie ein großes Lächeln in ihr ausbreitet.
Es war nicht nur die Schönheit, die sie berührte. Es war auch ein Wiedererkennen. Vor Jahrzehnten hatte sie an einem ähnlichen Strand gestanden – jünger, offener, verliebt in das Leben. Damals hatte sie sich als Teil von etwas Größerem empfunden, leicht und unbesiegbar. Dieses Lebensgefühl war nie ganz verschwunden. Jetzt konnte es, verborgen unter der Oberfläche ihrer Erinnerungen, wieder langsam auftauchen. Trotz der Angst, die sich nicht ganz abschütteln ließ, war ihre Sehnsucht stärker. Eine Sehnsucht, die nicht in die Vergangenheit wollte, sondern in ein Weitwerden des Jetzt.
Diese Reise war ein Wagnis. Aber sie war auch ein Zeichen dafür, dass so noch etwas mit 70 Jahren möglich war.
Ulli atmete tief ein. Für einen Moment war alles einfach: die Luft, das Licht, der salzige Wind. Das Leben rief noch immer.
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freiTEXT | Antonia Schneider
Danke für Nichts
Mit einer Bewegung, deren Routine ich auch im Halbschlaf beherrsche, schalte ich den zwitschernden Wecker aus. Dieses Mal wird nicht auf den Snooze-Knopf gedrückt, obwohl ich meine Augen kaum offenhalten kann. 5:15 Uhr. Ein mindful morning, den ich mit einer Routine starte, die mir der Life Coach gepitched hat. Die beige gehaltene Präsentation mit dampfenden Tees, mokkafarbenen Notizbüchern auf Leinenbettwäsche und magischen Naturpfaden, die von Menschen begangen werden, auf deren T-Shirts Sprüche zu sehen sind wie Let nature nurture you, hat mich überzeugt. Ich möchte auch glücklich durch wilde Landschaften wandern. Ich möchte die lächelnde Frau sein, die den Moment auskostet und ihre übergroße Tasse Tee wie ein Neugeborenes in den Händen hält. Für die beste Version meiner selbst nehme ich viel in Kauf. Ich fülle meine Warenkörbe regelmäßig mit Aromasprays, Gesichtsmasken und überteuerten Teesorten mit sprechenden Namen, wie Zen Balance, Wonderful Morning oder Be Happy. Wenn letzteres bloß so einfach wäre, würde ich mir eine Menge ersparen. Krampfhaft versuche ich den letzten Rest Zahnpasta aus der Tube zu quetschen, stecke mir die Zahnbürste, deren krummgebogene Bürsten mich an meine eigene Körperhaltung erinnern, in den Mund und starre mich an. Dass ich mich dabei gar nicht so richtig sehe, weil der Spiegel mit positiven Affirmationen vollgeklebt ist, ist egal. So genau muss ich mich ohnehin nicht ansehen, um zu wissen, dass die Augenringe nach wie vor nicht weniger geworden sind. Weniger geworden ist nur meine Lebenslust, aber daran arbeite ich schon. Und wie ich arbeite. Ich gebe ständig mein Bestes, übernehme den Lead in jedem Projekt und mache freiwillig Überstunden, um mir später eine Auszeit leisten zu können. No pain, no gain. Jede Lifestyle-Zeitschrift wird auf Selflove und Wellness durchforstet. Jedes Instagram-Reel, das ein Geheimrezept für ein glückliches Leben verspricht oder in 10 Schritten zu mehr innerer Balance verhelfen soll, wird abgespeichert. Mir selbst fehlt jedoch jegliche Balance, weil meine müden Augen ständig am Handydisplay hängen, anstatt auf die Gehsteigkante zu achten. Ich spucke den winzigen Rest Zahnpasta ins Waschbecken. Inhale. Exhale. Mit meinem Rosenquarzroller fahre ich meine erschöpften Gesichtszüge entlang, um mein schlafloses Ich in ein Energiebündel zu verwandeln. Energize! Vom Zombie zum Model in 5 Minuten. Mit allen Mitteln versuche ich meine zerknitterte Stirn zu plätten und mir meine Frustration aus den Wangen zu rollen. Aber das Einzige, was dabei rollt, sind meine Augen. Was mache ich hier eigentlich? Ich merke, dass ich das Gefühl nicht abschütteln kann, etwas falsch zu machen und während ich vergebens darauf warte, dass sich eine innere Zufriedenheit einstellt, lese und scrolle ich mich weiter durch Ratgeber und Reels. Die darin enthaltenen Imperative schreien mich an, zerren an mir, nehmen mich auseinander und tauschen mich gegen eine vermeintlich bessere, produktivere Version meiner selbst aus und immer wieder suche ich den Fehler bei mir. Resigniert trete ich in die Küche, um mir einen Matcha-Latte einzuschenken. Dieser solle meinen inneren Antrieb und meine Produktivität fördern, sagt der Life Coach. Schmecken tut er mehr nach Teichwasser als nach innerem Antrieb, aber ich versuche mich streng an die Vorgaben zu halten. Mit jedem Schluck wird die Welt um mich herum farbloser, nein, pastellfarbener. Mein Leben wirkt wie ein Pinterest-Board. Auch meine Emotionen bleiben seit geraumer Zeit pastellfarben und schlagen in keine Richtung aus. Ich bin mintgrün vor Neid auf jene Menschen, die mir aus ihren Social-Media-Kanälen glücklich entgegenlächeln. Ich erlebe keine blauen Wunder mehr. Ich sehe nichts durch eine rosarote Brille. Ich sehe nicht mal mehr Schwarz. Ich sehe beige und löffle freudlos meine Porridge-Bowl. Einheitsbrei. Auf die funkensprühende Lebensfreude, die mir der Life Coach versprochen hat, warte ich vergebens. Meine cremefarbene Euphorie steckt in einer Makramee-Blumentopfampel, die so hoch hängt, dass sie kaum erreichbar ist. So wie meine Erwartungen an mich selbst. In Instagram-Stories sehe ich, wie andere ihr Leben managen und fest im Griff haben. Mein Leben wirkt momentan eher so wie ein lascher Händedruck, wobei Druck hier wohl die falsche Wortwahl ist. Den Druck spüre nur ich. Anpassungsdruck. Leistungsdruck. Optimierungsdruck. Ich fühle mich wie ein pfeifender Teekessel kurz vorm Überkochen. Mir kommt der Dampf schon aus den Ohren und ich fühle mich innerlich leer. Ausgetrunken. Weggeworfen. Mittendrin im Zerfallsprozess. Das Pampasgras und die Trockenblumen, deren Hochblüte ebenso vergangen ist wie meine, stimmen mir zu. Ich würge den letzten Rest des Matcha-Lattes hinunter, schalte das Radio ein und kritzle lustlos ein paar Zeilen in mein Gratitude-Journal. Danke für…? Nichts will mir einfallen. „Danke für Alles“ von Endless Wellness ertönt aus den Lautsprechern und ich übertrage den Songtitel in das Notizbuch und mache mich mit einem Ohrwurm im Kopf auf den Weg ins Morning Yoga. Dort warten bereits die üblichen Verdächtigen, die sich aus dem kuschligen Bett quälen, um vor einem arbeitsreichen Tag noch kurz etwas „nur für sich“ zu machen. Sacred Selfcare. Die Yoga-Trainerin sitzt im Lotussitz mit geschlossenen Augen auf ihrer Matte in einem Raum, der Entspannung und Ruhe flüstert. Ich schleiche an ihr vorbei, wie ein Teenager, der zu spät vom Fortgehen nachhause gekommen ist und die schlafenden Eltern nicht wecken will. Der naturbelassene Holzboden knarzt unter meinen Füßen und sofort öffnen sich ihre Augen. Mit einem betont freundlichen Blick legt sie die Hände vor dem Herzen zusammen und beugt sich mit einem gehauchten „Namaste!“ nach vorne. Ertappt nicke ich ihr zu und suche mir die nächstgelegene Ecke, wo ich meine von den herabschauenden Hunden zerkaute Matte ausrolle. Spiritual Growth. „Guten Morgen, ihr Lieben! Ich bin Alina und gemeinsam fließen wir heute durch eine kraftvolle Einheit.“ Ich unterdrücke ein Gähnen. Ihre Stimme scheint keine Höhen und Tiefen zu kennen und um Letzterem zu entkommen, versuche ich mich auf Biegen und Brechen zu entspannen. „Diese Stunde steht unter dem Motto The Secret Within und lenkt unseren Fokus auf die innere Weisheit.“ Ihre Ausgeglichenheit raubt mir zunehmend den letzten Nerv. „Wir atmen tief ein und vertrauen auf unser Bauchgefühl.“ Aber dort, wo ich mein Bauchgefühl vermute, spüre ich nur die Leinsamen meines Porridges, die meine Verdauung ankurbeln. Nourish yourself. Ich scheiß auf die innere Weisheit! Ich will dieses Gefühl loswerden, das in meiner Brust brennt. Um mich gut zu fühlen, lege ich Ehrgeiz, Fleiß und Disziplin an den Tag und kann dafür nachts nicht mehr schlafen. Alina wirft ihre blonden Beachwaves für eine Herzöffnung in den Nacken, ehe sie in die Haltung des Baumes wechselt und ich es ihr gleichtue. Meine Zehen krallen sich dabei in die spröd gewordene apricotfarbene Plastikmatte und ich beginne zu hinterfragen, warum ich so viel Geld in dieses Yoga-Abo investiere anstatt in eine vernünftige Wohnung. Matsyasana statt Mietpreisdeckel. Meine Krise ist zum Geschäftsmodell geworden. Für jedes Gefühl gibt es das passende Produkt und die Kundinnen und Kunden stehen für scheinbar mehr Zufriedenheit nicht nur Schlange, sondern auch auf einem Bein in der Hoffnung ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Aber so wie meine Matten-Nachbarin gerate auch ich in Schieflage beim Versuch in der Haltung des Baumes zu verharren. Alina lächelt wohlwollend und mein Blutdruck steigt beim Anblick ihres Vergnügens. Find stillness in the storm. Ich muss an ein Reel denken, dass ich mir am Vorabend angesehen habe. Reel. Was für ein trügerischer Name. Als wären diese 10-Sekunden-Videos wahrhaftige, reale Einblicke in das Leben von soul_glow und wie sie alle heißen. Wie kann man nur zehnsekündige gelbstrahlende Labrador-Happiness mit dem eigenen Alltag vergleichen? Einfärbige Emotionen kommen nicht gegen das reiche Farbspektrum des Lebens an. Ein letztes Mal versuche ich die Haltung von Alina zu imitieren und scheitere. Nun sollen wir uns bei uns selbst bedanken, dass wir heute den Weg auf die Yogamatte gefunden haben, und dabei habe ich erst vor einer Stunde mein Gratitude-Journal ausgefüllt. Mir schwirrt vor lauter Dankbarkeit der Kopf und meine Gedanken beginnen zu kreisen. Reelstorm. Love yourself first. Sacred Selfcare. Glow through what you go through. Nourish yourself. Find stillness in the storm. Take time to bloom. Unfollow your fear. Trust the timing of your life. Inhale. Exhale. Energize! Während Alina die Stunde mit einem Namaste abschließt, liege ich mit dem Puls einer Wüstenrennmaus auf meiner Yogamatte. Panikattacke oder Bauchgefühl? Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Der pastellfarbene Filter fällt mir wie Gurkenscheiben von den Augen. Ich muss raus, weg von dem terracottafarbenen Mobiliar des Yogastudios und den welken Trockenblumen, die leblos von der Decke baumeln und hinaus ins Grüne zu den prachtvoll lodernden Feuerlilien und den majestätischen Königskerzen, die gänzlich ohne Life Coach über sich hinauswachsen. Mit meiner Matte unterm Arm trete ich ins Freie und höre das morgendliche Vogelgezwitscher, das mein Wecker vergebens nachzuahmen versucht. Mein Blutdruck ist immer noch hoch und auf meiner Stirn bilden sich Schweißperlen, die sich auf meinen rosigen Wangen zu Rinnsalen vereinen, ehe sie als Sturzbach über mein Kinn tropfen und alle gespeicherten Selfcare-Reels mit sich reißen. Sturmflut. Alles muss raus und ich kotze mir die teure Porridge-Bowl aus dem Leib. Detox yourself. Auch wenn ich mich nicht genug fühle, habe ich genug. Mir reicht es. Ich trete meine zerschlissene Yogamatte in den nächsten Mülleimer und merke, wie sich eine unbändige Wut breitmacht. Ich sehe Rot. Leuchtendes, kräftiges Rot.
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freiTEXT | Markus Juncker
Hymne des leichten Lebens
Lichtwesen wie wir surfen immer auf den Wellen des Systems, lassen uns von Schaumkrone zu Schaumkrone tragen.
Wo wir sind ist oben, riecht die Luft nach Dachgarten, nicht nach Asphalt und Maloche.
Lichtwesen wie wir nehmen grundsätzlich den Fahrstuhl, niemals die Treppe. Weil es für uns eine Frage des Prinzips ist, immer den leichten und bequemen Weg zu nehmen, nicht den langsamen und mühseligen.
Unser Fahrstuhl fährt auf direktem Wege in die oberen Etagen. Dorthin, wo dezente Klaviermusik im Hintergrund läuft bei Tag und wilde Partys mit bunten Cocktails gefeiert werden bei Nacht.
Wir tanzen uns durch die Stadt, sind jederzeit dort, wo das Leben pulsiert.
Und wenn wir vom Lärm und der Hast der Großstadt genug haben, dann ziehen wir uns zurück in den Süden. Dahin, wo das Licht unsere Leben in schönen, warmen Farben zeichnet.
Wir kaufen ein Haus in der Nähe von Aix-en-Provence. Wir verkaufen Lavendel-Säckchen und gebrannte Keramiken an Touristen, geben Selbstfindungsseminare für gestresste Manager.
Zum Frühstück tauchen wir unsere Croissants in den Kaffee, schwimmen tagsüber in unserem Pool. Und in den Nächten ziehen wir durch die Gassen der Altstadt. Unser Leben wird ein mediterranes Fest voll flirrender Ekstase sein.
Und wenn wir von der Hitze des Südens genug haben, dann ziehen wir einfach weiter.
Von unserer Blockhütte in der westlichen Eifel beobachten wir das Wild im herbstlichen Morgennebel, holen unsere Brötchen beim Dorfbäcker.
Wir bewirten müde Wanderer auf ihrer Rast, bieten ihnen Mahlzeit und Fremdenzimmer, geben Waldseminare für naturferne Großstadtkids.
An verschneiten Winterabenden wärmen wir uns am Feuer und in unserer Sauna.
Und wenn wir von der Einsamkeit des Waldes genug haben, dann ziehen wir einfach immer weiter.
Heute betreiben wir eine Surfschule in Portugal, morgen eine Käserei in Appenzell, übermorgen vielleicht einen Gnadenhof in der Lüneburger Heide.
Wir ziehen immer dorthin, wo das Leben leicht ist. Wo man uns auf Händen trägt.
Denn Lichtwesen wie wir sind nicht für dieses Hamsterrad, diese Tristesse gemacht.
Wir sind stark, denn wir haben einander. Und wir haben das Geheimnis des guten Lebens durchschaut.
Denn unsere Seelen sind alt wie ein flämischer Meister oder ein im Fass gereifter Bordeaux. Und zugleich jung wie die Schulmädchen, die in ihren bauchfreien Tops und ihren kreisrunden Ohrringen an der Eisdiele Schlange stehen.
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freiTEXT | Franziska Neef
Windlotse
Am Himmel ist einiges los: Geschichtete, appetitliche Wolken überlagern einander wie Blätterteig, dazwischen hängt grauschwarz gestauchte Luft. Keine Schicht bleibt lang auf der andern. Der Wind verschiebt das Bild ständig. Er windet stark, schon seit Tagen, löst illegale Versammlungen von Schwüle und Bräsigkeit auf, lässt ungute Gedankenkonstrukte zerstieben und feixt Richtung Haarlack und Klämmerchen. Wind, das weiß ich, macht alles besser, wenn man an seiner Bodenhaftung nicht hängt. Das tue ich heute kein bisschen. Ich setze mich aus, heißt, ich sitze auf und lasse mich tragen, hoch hinauf und mittenrein, in eine Pause, ein Panorama, einen windigen Überblick.
Die Einsturzstelle ist ein aufgeräumtes Zimmer: kein offenliegendes Erdreich, für das man sich schämen müsste, kein Sand, keine Steine, kein Grund. Dem Anschein nach sehe ich eine Baustelle wie viele andere, mit, vielleicht, etwas geordneteren Platzverhältnissen: hier der Stapel von soundso, dort das Gerüst mit dem und dem, rechtwinklig zueinander ausgerichtet. Alles sieht merkwürdig sauber aus, als würde hier jeden Tag durchgefegt. Ein gelber Kran überwacht den Bestand. Sein Arm schweift durch den geschichteten Himmel. In Konfrontation mit dem Wind hört man seine Stimme: ein langes, metallisches Pfeifen. Im Kranwärterhaus sitzt scheinbar kein Mensch. Vielleicht kann der Kran die Arbeit nach sechzehn Jahren allein, so somnambul sicher, wie er da schwenkt.
Ein Stück weiter hinten, kurz vor der Kirche, stehen untätig eingezäunt Lotsenpunktpfosten. Nicht weit dahinter, die Straße runter, liegt die Schule, durch deren Tür ich vor dreizehn Jahren das letzte Mal ging. Mich hat, glaube ich, nie ein Lotse geleitet. Ich erinnere mich nur, wie ich den Arm in die Richtung streckte, in der ich die Straße queren wollte. Diesen Trick hatten sie uns in der Grundschule beigebracht. Wenn er funktionierte, fühlte ich mich sehr mächtig. Ich konnte die Autos anhalten! Sie stoppten, und ich ging meines Weges und erreichte irgendwann das Backsteingebäude, das ich jahrelang bauchschmerzig aufsuchte. In den Pausen saß ich in der Schulbibliothek, auf der kaputten Tischtennisplatte im Hof, auf den Heizungen im dritten Stock, überall da, wo die anderen nicht waren. Auf dem Klassenfoto, das im Klassenzimmer an einer Styropor-Pinnwand hing, wurde mein Gesicht mit Edding geschwärzt. Wenn ich mich meldete, sagte ich immer das Falsche, das merkte ich an dem tuschelnden Lachen. In der Schule habe ich gelernt: Wenn jemand lacht, muss man misstrauisch werden. Ich begann, genau aufzupassen auf meine Sätze. Ich fing an zu spiegeln und wurde belohnt. Irgendwann konnte ich bei den anderen stehen und mit ihnen eine rote John Player’s teilen, die wer für 20 Cent einzeln am Kiosk gekauft hatte. Ein Großteil meiner Wortmeldungen kam zu den Akten. Die runde Metallbrille wurde ersetzt. Die Streublumenbluse snackten die Motten. Ich entwickelte eine luftdichte Körperspannung und wurde oft gefragt, warum ich so stierte. Ja vor Anstrengung, stupid. Unauffälligkeitsanstrengung. Ich stapelte Verabredungen, Einladungen, Nagellacke, Fast-Fashion-Tüten, Smirnoff Ice und Glätteisen über die Streublumenbluse, die Wortmeldungen, die Metallbrille. Ich stapelte Kante auf Kante und richtete die Stapel rechtwinklig aus. Ich träume noch heute von einer verpatzten mündlichen Abschlussprüfung: wie ich mit einem Permanentmarker unmögliche Matrizen ans Whiteboard zeichne, und wie ich infolgedessen ein weiteres Jahr in der Schule sein muss.
Aber ich gehe nicht wieder dorthin. Ich wehe rüber zum Waidmarkt. Dort steht ein zeitweiser Pavillon, von einer Künstlergruppe aus Rotterdam. Der Pavillon ist ein hölzernes Nest. Durch den Spalt zwischen Korpus und Dach sieht man einen Ausschnitt der Wolkenschichten. Es riecht nach Holz und nach trockenen Händen. Es lugt der Wind durch die Ritzen. Es gibt eine Chronik, beginnend am 3. März 2009. Es gibt eine Festschrift meiner alten Schule, anlässlich der Eröffnung des Anbaugebäudes. Es gibt eine fahrige Hummel, die von meinem Riegel nichts essen will. Draußen sagt jemand, er finde das scheiße, mit heller, eindringlicher Stimme. Jemand andres antwortet, sei doch nicht so. Und die kleinen Ereignisse scheren sich nicht um die großen. Noch immer haschen sich trockene Blättchen und Plastikfetzen andeutungsvoll knisternd im Kreis. Immer noch schnaufen die Busse, mit ihren Ziehharmonikarümpfen, angestrengt durch die Straßen. Immer noch scheint die Sonne und weht der Wind, und immer noch riecht es nach Mensch und Holz und Scharnier: nach den leeren Buden des im Aufbau begriffenen Weihnachtsmarkts, wo ich mit meinen Nicht-Schulfreundinnen alljährlich spielte. Einmal knallte eine Budentür hinter mir zu und ließ sich partout nicht mehr öffnen. Einer der Aufbauhelfer musste geholt werden. Er machte ein großes Tamtam, rasselte mit seinen Schlüsseln und palaverte rüde op Kölsch. Schlussendlich versprach er uns Prügel, für den Fall, dass wir noch einmal wagen würden, auf seiner Baustelle Spökes zu machen. Als er weg war, rümpften wir die Nasen. Baustelle! Am nächsten Tag kamen wir wieder, vorsichtig und mäuseleis. Hier, im Pavillon, wird sich nie jemand einsperren können. Es gibt zu viele Türen, und der Wind sorgt dafür, dass sie offen bleiben. Eine von ihnen, die dunkelste, würde ich zu gerne abmontieren und zuhause an meine Wand lehnen: als eingefrorenes, duftendes Aquarium, voll vertikal blasiger Holzaugen.
Gegenüber, auf einem Balkon der neuerrichteten Wohnanlage, dreht sich ein purpurnes Windrad, aufgedreht, beinahe burnt-out. Der Wind ist schuld, gibt mir nie eine Pause, ruft es mit fischdünner Stimme, dabei würde ich doch so gerne mal stehen! Ich antworte nicht. Es wäre umsonst. Wenn wer schon etwas so falsch versteht... denn es ist doch gar nicht der Wind! Es ist das Rad, in seiner Radhaftigkeit, das gar nicht anders kann, als voranzurennen. Ich dagegen sitze hier und weiß, es gibt nichts zu rennen. Ich habe noch Zeit. En masse. Jeden gegenteiligen Gedanken schiebe ich nach draußen und kicke ihn mit dem Fuß in den Wind, wo er sich drehen und drehen muss, bis er zu Boden sinkt.
Ich kontrolliere vieles, aber niemals den Wind. Ich kontrolliere niemals den Traum, wie ein solcher der Einsturz gewesen sein muss. Ein geteilter Traum, ein Augenzeugentraum. Der gespensterhafte Riss, der in der grauen Schießschartenfassade erscheint. Man kann verfolgen, wie er breiter und breiter wird. So berichtet es eine Zeugin. Der Riss wird breiter und breiter, und irgendwann bricht das Gebäude entzwei. Das ganze, große Gebäude. Das vollzieht sich in ein paar Sekunden. Glattes und Festes, das Eckiges, Raues, Herumfliegendes wird. Staub, wo vorher Luft war. Statt Oberflächenspannung ein Mont Klamott. Ohrenbetäubend, und dann alles still. Davon berichten alle.
Mittlerweile ist Ordnung gemacht. Die Toten begraben. Der Schaden kartiert. Die Trümmer beseitigt. Menschen therapiert. Schulen ausgebaut. Der Zukunft gehuldigt. Die Inbetriebnahme der Nord-Süd-Bahn auf Anfang der 2030er Jahre terminiert. Steuergelder versenkt. Arbeitsplätze geschaffen. Der Schulkiosk von Frau Yalcin geschlossen. Der Matthiasgrill an der Ecke geschlossen. Die Shishabar auf dem Blaubach geschlossen. Ein Rewe City an neuralgischer Stelle eröffnet. Das Abizeugnis verloren. Die beglaubigte Zufallskopie beinahe verloren. Das Verfahren beendet. Der Raum parzelliert. Neubauten errichtet. Chroniken geschrieben. Die Leerstelle der Einsturzstelle als Baustelle kaschiert. Nein, der Kran auf der Baustelle ist nicht somnambul, sondern bloß still und entschlossen. Er steht da schon lange und er kennt seinen Task: transportiert, von Hier nach Dort, auf dass weiterhin Ordnung herrscht. Denn nur wenn Ordnung ist, kann es weitergehen. Und also geht es dann weiter.
Während Menschen, Tauben und gelockte Hunde mit Onkelgesichtern vorbeiwehen, sitze ich hier und bewege mich nicht. Ich kann noch weitermachen, und also mache ich weiter, am selben Ort, in beinah derselben Zeit. Es ist kaum vorstellbar, dass ich etwas zu tun haben soll mit der Schulbibliothek, der kaputten Tischtennisplatte und den kalten Heizungen, und ebenso unvorstellbar ist, dass ich mich nicht kurzerhand dazu entschließen kann, wieder einmal den Erdkundeunterricht beim bärtigen Wollpullover oder die Sportdoppelstunde bei Mr.-Hopserlauf-und-chilenische-Gitarrenmusik zu besuchen, ohne, dass jemand die Augenbrauen hochziehen würde, wenn er denn noch im Schuldienst stünde, so er überhaupt noch lebte. Die Möglichkeit, dass die Erkunde- und Sportstunden bloß in einem entfernten Land liegen, das sich mittels einer wenn auch beschwerlichen Reise erreichen lässt, scheint mir um ein Vielfaches plausibler. Die Reise begänne an einem der Lotsenpunkte, neben der Einsturzstelle, innerhalb des Zauns. Dorthin käme ein bewarnwesteter Wind, holte mich ab, und wüsste genau, wohin.
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