08 | Eric Ahrens

Weihnachtsmarkt

Kinder kotzen neongrün
als hätten sie verdorbene Kobolde gegessen.
Du investierst zwanzig Tacken
an Plastikpferderennbuden
und dein Hauptgewinn ist ein Plüschtier,
von dem du Ausschlag bekommst.
Die Gesichter der Schausteller steinern,
wartend auf den nächsten Trottel,
der glaubt, sich mit einem Greifarm
ein iPad fischen zu können.
Karussells katapultieren dich
in den endlosen Nachthimmel
und für einen Augenblick wünschst du dir,
sie würden dich loslassen und du könntest
über den Dächern verschwinden.
Doch diese Sehnsucht wird
vom dampfenden Glühwein vernebelt,
der dich in selige Stimmung versetzt
und die Musik aus allen Ecken sagt dir,
dass alles gut wird.
Nach ein paar Bechern bist du breit genug,
um mit der ganzen Welt Frieden zu schließen.
Um verschüttete Freundschaften anzurufen
und ihnen zu sagen, dass es dir leid tut,
wie es gelaufen ist.
Aber soweit kommt es nicht.
Du setzt dich lieber in die Gondel
einer Geisterbahn und hoffst darauf,
dich wieder wie ein Kind zu fühlen.
Mit Herzklopfen und Nervenkitzel.
Aber als du nach wenigen Minuten
wieder rausgeschoben wirst
schaust du finsterer drein
als die Deko-Dämonen
an der Fassade.
Die Euphorie
runtergebrannt
wie klumpiges Kerzenwachs.

Früher war es leichter,
sich zu begeistern.
Verarschen zu lassen,
aber auch.

Eric Ahrens

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen.


07 | Simona W.

Am Weihnachtsmarkt

Besinnlich weihnachtlich sind wir heut‘ eingestellt
Der dritte Glühwein soeben bestellt
Am Weihnachtsmarkt stehend, ringsum so viele Leut‘
Wo sich jedermann an der Weihnacht erfreut
So viele Sachn dort zu finden sind
Kugeln, Krimskrams und dazwischen das Jesuskind
Chicken Nuggets, Burger und Wedges zum Verzehr
Zuckerwatte, Popcorn und vieles mehr
Santa Claus sieht man an allen Seiten
Im Schlitten von Rudolph gezogen gen Norden reiten
Turmgebläse soll bringen besinnliches Flair
„Last Christmas“ ist aber alles, was ich hör‘
Die Massen drängen sich von Stand zu Stand
zerren das Kind mit sich an der Hand
„Mama, ich glaub ich hab das Christkind gesehen!“
„Emma nein, wir wollen doch zum Weihnachtsmann gehen“
Der hat einen Bart, Elfen und Listen mit Namen
Die Bösen, die leer ausgehen und die Guten, die was bekamen
„Das Christkind hat noch jedem was gebracht,
egal, was man übers Jahr so macht“,
denkt Emma, doch lässt sich weiterschieben
„Hauptsache die neue Wii ist aufgetrieben.“
Der nächste Zehner wird verprasst
Mal sehen, was noch alles in die Bäuche passt
Noch was Kitschiges für Tante Gerti gefunden
Einfach ein Engerl oben drangebunden
Advent, die stille Zeit im Jahr
So still, ich nehm‘ sie kaum noch wahr
Steckte einst nicht mehr dahinter?
Als Glühweinstand im kalten Winter?
Gemeinsam singen vor dem Baum
Geschichten lesen, man glaubt es kaum
Wer hat den heutzutage noch Zeit zum Lesen?
So stressig ist es früher nicht gewesen.
Weihnachtsfeiern fast jede Woch‘
Kekse, Kränze, Kerzen – Geschenke brauch ich noch
Den Baum darf man auch nicht vergessen
Und natürlich den Truthahn zum Essen
Vorher kommt noch der Nikolaus
Und bringt allerlei Nüsse und Schoko ins Haus
Von Perchtenshow zu Krampuslauf
Den Lärm und Trubel nehm‘ ich in Kauf
„Die Zeiten ändern sich halt!“ sagt man und lacht
„Und hat es uns wirklich was gebracht?“
Die Tassen stimmen klirrend mit ein
Darf‘s noch ein warmer Glühwein sein?

Simona W.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen.


06 | Jonas Linnebank

ich liebe dich
weil du mich mein
-st wir werden
ohne zu irren

weiter du wir
-st größer ich
passe mit hin
-ein liebewesen

Jonas Linnebank

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04 | Ingeborg Kraschl

Advent

Gewiss
warten wir auf innigere Tage -
wenn unsere Stummheit aufbricht
sich Augen in uns
und ineinander kehren
herzerfüllte Worte
die Lippen überwinden
wir in unserer Welt
den Nächsten erkennen
und den Blick
für das Große
immerzu bewahren

Ingeborg Kraschl

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
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03 | Martin Reiter

Zähl die Tage

Ich weiß Dezember bringt uns Lichter
Und Jänner nur noch Schnee.
Wenn Februar dann kommt
Dann kann ich ihn nicht mehr sehen.

Und Sunrise, Sunrise, Sunset.
Ich lieg wach in meinem Bett.
Ich spür das Pochen meines Herzens,
Hör das Rauschen in meinem Kopf.
Der stete Schritt der Wochentage
Verwandelt sich in Alltagstrott.

Und Stunden werden zu Tagen,
Werden zu Wochen, werden zu Jahren.
Und eins weiß wirklich keiner:
Wie viel Zeit wir hier noch haben.

Zähl die Ringe unter meinen Augen und
Du weißt wie alt ich bin.
Zähl die Träume in meinem Herzen,
Innen drin bin ich noch Kind.

Und ich durchschau‘ das Schema,
Doch ich halt mich weiter dran.
Es ist so schwer was zu verändern,
Wenn man sich selbst nicht ändern kann.

Und Stunden werden zu Tagen,
Werden zu Wochen, werden zu Jahren.
Und eins weiß wirklich keiner:
Wie viel Zeit wir hier noch haben.

Martin Reiter

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Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen.


02 | Claudia Kohlus

weiße welten die keine weißen westen tragen
in stillen nächten gebrochene versprechen
engelchen ohne flügel wenig zeit sich die
ärschlein zu wärmen bei bratendüften
ins abseits gestritten ins gebet genommen
sich gegenseitig das messer in den rücken
gewünscht dafür in der kirche lauter
gesungen

Claudia Kohlus

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Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen.


01 | Camena Fitz

bauchge.fühl

ein haus
wohnt
in meinem bauch
in meinem bauch wohnt ein haus
ein haus mit 3 zimmern und 1 treppe
in einem raum gibt es ein rechteckiges
| fenster |
mit schwarzem rahmen
schwarz und aus eisen
allein
kann ich das | fenster | nicht öffnen.

als ich mich in dich
verliebe
beistrich
lad ich dich ein
in das haus
in meinem bauch.
du kommst und
bist ein guter
erster gast.
doch du willst nicht, dass ich
allein
in der dunklen ecke
sitz.
und dann
gehst du.

ich verschließ die tür 3 mal
und kontrollier 4 mal
ist sie ordentlich verschlossen?
und dann setz ich mich in meine
dunkle
ecke
in dem raum mit dem schwarzen
eisenfenster
in dem haus
in meinem bauch
in dem raum mit dem schwarzen
eisen | fenster |
in dem haus
in dem. in meinem bauch
und
allein
kann ich das | fenster | nicht öffnen.

ich bin
immer noch
verliebt
in dich,
als du vorsichtig an der tür
klopfst
ich stell mich schlafen
und du klopfst jetzt ans | fenster | .
ich schau hindurch und schüttle den kopf.
da gehst du wieder
doch vor der tür vor dem haus
in meinem bauch
steht
jetzt
ein sofa.
von meiner dunklen ecke aus
kann ich
es
nicht
sehen.

du bist
verliebt
in mich,
als ich dich mitnehm
auf den weg zu dem haus
in meinem bauch.
wir setzen uns auf das sofa
vor dem haus
in meinem bauch
dort bleiben wir die ganze
nacht
und den halben mond
lang
dir wird kalt, du willst ins haus.
wir sollten
das sofa
mit hinein nehmen,
schlägst du vor...
ich geh hinein in das haus
in meinem bauch
und schick dich raus

schlaf gesellt sich zu mir
zu mir
in meine dunkle
ecke
er stiehlt das licht
aus
meinen augen
und du sitzt auf dem sofa
vor dem haus
in meinem bauch.
am nächsten morgen
als der tau nicht
länger
glitzert,
nimmst du das sofa
und du gehst.

ich blick durch
das schwarzeisenfenster
allein
kann ich das | fenster | nicht öffnen.
dort wo das sofa stand, ist
jetzt
ein dunkles loch in der grünen wiese
vor dem haus
in meinem bauch
ich will dort blumen säen
oder lieber einen baum pflanzen?
ich will dich
um deine meinung
fragen
als ich dich endlich wiederfind,
sind wir verliebt
ineinander.
wir gehen zu dem haus
in meinem bauch
gemeinsam
lange stehen wir vor dem dunklen loch
vor dem haus
in meinem bauch
und halten händchen.
du wirfst einen kirschkern
gegen das schwarzgerahmte eisenfenster
wir gehen rein und
streiten

als du gehst, wart ich
in meiner dunklen
ecke
ich wart vergeblich auf schlaf
die erde hat sich halb verdreht
und noch immer
sitz ich
in dem schwarzeisenfenstergerahmten
zimmer
dunkler noch, ist jetzt meine ecke.
im ganzen raum
scheint kaum mehr sonne, noch licht.
es klopft
an der tür

ich öffne die tür
von dem haus
in meinem bauch
dort stehst du
nicht
nur das sofa, nicht du
und vor dem haus
in meinem bauch
steht
jetzt
ein kleiner baum

seine äste stoßen an das | fenster |
allein
kann ich das | fenster | nicht öffnen.
jeden abend wünsch ich mir, dass du
in das haus
in meinem bauch
kommst.
ich bring das sofa rein und
schlaf

Camena Fitz

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
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freiTEXT | Marina Büttner

Welt am Ende

Die Welt fährt in großen Panzern
davon, die Luft wird dünn
Heckenschützen zielen stumm
Nägel mit Köpfen fliegen herum.

Ein Schrei, ein Kind fällt entzwei,
tosende Stille, betäubender Lärm
keine Gesichter mehr zu erkennen,
Ochs und Esel im Stall brennen.

Am Himmel ein dunkles Rauschen
stotternde Salven, Menschen wie
Dominosteine, zersiebte Gemäuer
heraus ragen blutrote Beine. 

Fernab treffen Waffenwünsche ein,
rasch produziert, abgestimmt
von hohem Hause, wer
mit welcher wen masakriert.

Marina Büttner

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freiTEXT | Hendrik Bloem

Im Laufe des Mais

Ich arbeite im Laufe des Mais die Gebrauchsspuren heraus.
„Davor, wie das klingt, was ich sage, habe ich einfach keine Angst,“
ist so glatt gelogen, wie ungeleckt.
„Man kann nicht dies, das und jenes tun und dann ist man glücklich.“
Das hab ich erst spät verstanden, weil ich spreche kein Phrasisch.
Ich installier ne App fürs Wetter, weil ich den Himmel hier nicht seh.
Was heute für mich Beton ist, war für meine Großeltern
die blickdichte Gardine und die vielen Orchideen.

„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Das Leben ist eine Kunst, die gepflegt werden muss.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Was das Leben nicht kann, schafft die Kunst.

Stil ist keine Frage des Alters, sondern des Geschmacks.
Im Laufe des Mais erkennen wir das große Ganze nur noch im Detail.
Tshirtslogan falls sich mal jemand beschwert: Fahr da hin und hau die.
Ich denk nur noch in Tshirtslogans á la 'Fahr da hin und hau die'.
Oder wenn dich etwas stört, einen Sampleknopf zu haben,
mit nur einem Satz: „Fahr da hin und hau die.“

„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Das Leben ist eine Kunst, die gepflegt werden muss.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Was das Leben nicht kann, schafft die Kunst.

Das Neue entsteht immer vor dem Hintergrund der Geschichte.
Ein ebenerdiger Balkon ist auch nur ne Mauer vorm Fenster.
Und wenn ich krank bin, geh ich in Geschäfte die ich nicht mag.
In München Stamperl, am Niederrhein Pinneken und in Bielefeld Pinnchen.
Im Laufe des Mais heißt es Schnaps- oder Kurzenglas.
In gewachsenen Labyrinthen verdurste ich erst auf dem Rückweg, also gib Gas.
Vor Lampedusa ertrinken Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa, kein Spaß.

„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Das Leben ist eine Kunst, die gepflegt werden muss.
„Wie soll man das verstehen, wie soll man das verstehn?“
Was das Leben nicht kann, schafft die Kunst.

Hendrik Bloem

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freiTEXT 2014-15 als eBook

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Ein Jahr freiTEXT ist vergangen - es wird Zeit für die große Nachlese. Die Anthologie mit allen Texten aus 52 Wochen freiTEXT ist ab sofort als kostenloser eBook-Download erhältlich.

mit Texten von Thomas Mulitzer, Tobias Roth, Andrea Weiss, Sabine F., Magdalena Ecker, Claudia Kraml, Eva Löchli, Andreas Haider, Madlin Kupko, Dijana Dreznjak, Ingeborg Kraschl, Fabian Bönte, Simone Scharbert, Renate Katzer, Jacqueline Krenka, Karin Seidner, Nico Feiden, Sabine Roidl, Sven Heuchert, Veronika Aschenbrenner, Sarah Krennbauer, Philipp Feman, Matthias Engels, Clemens Schittko, Eva Wimmer, Gerhard Steinlechner, Matthias Dietrich, Christine Gnahn, Eva Weissensteiner, Marie Gamillscheg, Satie Gaia, Lina Mairinger, Jonis Hartmann, Philipp Böhm, Lütfiye Güzel, Kerstin Fischer, André Patten, Katrin Theiner, Daniel Ableev, Marina Büttner und Martin Piekar.