freiTEXT | Martin Piekar - Teil 1

Wolkenformstationen

I

Ich habe heute hochgeschaut
Häufig Eigenwarnung: könnte kitschig werden
Aber dort warst du
Du warst natürlich nicht da, aber es war du
Wir beide haben geschrieben, schreiben
Ins Blaue hinein. Du wirst so oft
Vom Himmel aufgelesen
Ich habe nur mein U-Boot-Bewusstsein
In den Wolken. Wo du nichts zurechthämmern
Kannst. Fatal den Formen
Fatal das Formen ausgeliefert
Als ich aufs Erwachsensein hinschrieb: Früher
Heute: fühle ich mich kleiner als
Seit du mir erzähltest
Wenn du in die Wolken
Schaust mit Celan –
Sich selbst regnend
Sich einsehen –
Und nicht nur an deinen Stern denkst
Sondern, dass unter seinem
Deine Dichtung auch mal ruhen darf.

Für Alexandru Bulucz

Martin Piekar

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freiTEXT | Marina Büttner

Tschador

Sie setzt sich auf den Platz direkt gegenüber
ganz in schwarz, ich sehe ihr Gesicht, ein junges
Mädchen, trotzig, eigentlich ein Jungengesicht -
wäre sie einer, säße sie breitbeinig.
So fällt ihr schwarzer undurchdringlicher Schleier
lose über den Körper, der schemenhaft bleibt,
behandschuhte Hände tippen unverwandt
Buchstaben - versehentlich berührt ihr Fuß
kurz den meinen - sie schaut erschrocken auf,
ihre Augen sehen traurig aus.

Marina Büttner

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freiTEXT | Daniel Ableev

Über die Schallplattenindustrie

Jeder von uns ist ein Limitier. So neigen wir etwa allzu gern dazu, bei passender Gelegenheit dieselbe alte Schallplatte aufzulegen, wobei nicht nur Inhalte, sondern auch konkrete Formulierungen invariabel daherkommen.

Eine meiner Lieblingsschallplatten, die ich gern in so manchem Zusammenhang zum Beschränktesten gebe, ist die Erwähnung und Schilderung jener bemerkenswerten Stelle in „Sin City“ von Robert Rodriguez (ein Stück Filmkunst, das, mit Ausnahme des geringen Substanzgehaltes, so ziemlich vollkommen ist), in welcher der von Elijah Woods gespielte Kevin mit viehischer Geschwindigkeit und -meidigkeit auf den Eindringling Marv reagiert, indem er ohne Zeitverzögerung zum hyperagilen, hinterfotzigen Angriff übergeht. Die Szene ist in ihrer kompromisslosen, präzisen Darstellung von Über- bzw. Unmenschlichkeit geradezu verstörend-pervers.

Eine andere Schallplatte von mir ist die, dass ich selten von einem Film so positiv überrascht war wie von Zack Snyders „Watchmen“. Nach der anschließenden Lektüre des Comics sah ich mich zwar gezwungen, dieser 1:1-Umsetzung mit etwas Skepsis zu begegnen, aber für sich genommen ist das, zusammen mit „Mystery Men“, „Scott Pilgrim“, „Tarntrumer’s Riege“ und der Realfilm-Serie „The Tick“, sicher der originellste Superheldenfilm aller Zeiten.

Im Rahmen einer weiteren filmbezogenen Schallplatte breche ich ganz gern eine ordentliche Lanze für „Terminator 3“, die überraschend gelungene Fortsetzung zu dem Überklassiker von 1991.

Daniel Ableev

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freiTEXT | André Patten

freiTEXT_Illus7-5

no results

das übliche Adrenalin
bei acht neuen E-Mails
doch wieder fehlt
das passende RE

in allen Netzwerken präsent
warte ich
wie ein schläfriges Smiley

André Patten

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freiTEXT | Kerstin Fischer

freiTEXT_Illus7-6

Todesblume

Die Todesblume kennt den toten Leib,
zeichnet weiße Linien in seinen stillen Ernst.
Auf das Bett ist die Hoffnung geträufelt.
Die Augen sind noch geöffnet.
Niemand wagt sie zu schließen,
bei all dem, was sie gesehen haben –
und Blut ist an den Füßen.
Durch Scherben sind sie gelaufen
in den gläsernen Abrissbauten der Kindheit.
Und blass sind die Finger,
der Lebenssaft zurückgezogen.
Der Geist indes sitzt wachsam daneben.
Er ist ansprechbar für jedermann,
der ihm zuhört
und kreuzt die Lilie über den weißen Händen.

Kerstin Fischer

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freiTEXT | Lütfiye Güzel

freiTEXT_Illus7-7
hatte so großes vor
bis mir auffiel
dass es so großes gar nicht gibt
& es ist mir gleich
die wäsche in den waschsalon
zu schleppen
& 54 minuten kreise zu drehen
& wenn es dann
dampft & stockt
bleibe ich sitzen
& warte was passiert
& es endet dann damit
wie so oft
dass nichts passiert
 -
Lütfiye Güzel
-

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freiTEXT | Satie Gaia

freiTEXT_Illus6-11

Sandmensch

Sie bröckelt wie Sand auseinander, wenn niemand da ist, der sie hält,
sie rinnt aus, wie Wasser aus einem zersplitterten Glas,
Vom In-die-Höhe-Schießen
kam ihr der Boden unter den Füßen abhanden.
Jetzt schwebt sie irgendwo über allen Menschen,
doch auch nur der geringste Windhauch
vermag sie herumzuschleudern,
wie ein Orkan eine Papierblume.

Satie Gaia

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freiTEXT | Eva Weissensteiner

freiTEXT_Illus6-6

DU

da grüble ich und weiß nicht mehr
da steh ich und versteh nicht mehr
mein herz
es springt wohin es will
und in mir rennts
und steht doch still
weiß nicht wie ich mich wehren kann
umarm mich doch und lass nicht los
berührst mich ganz tief drinnen
ich weiß nicht was da grad geschieht
im kopf die ganze zeit das lied
will bleiben und dabei nur rennen
das alles jemals noch zu kennen
und dich nicht dass das möglich wär
da grüble ich und weiß nicht mehr
mein herz sich nicht erklären lässt
so komm und halt mich bitte fest
roll weg den stein und lass es zu
der meine bröckelt grad ganz wild
dacht steine wären so beständig
so still bin ich dann neben dir
kein stein bleibt mehr am andern
die stille neben dir ist schön
bedarfs doch keiner worte
und dennoch sprudeln sie hervor
und angst lässt sich nicht halten
verschwindet dann
und löst sich auf
und greif hinauf bis zu den wolken...

Eva Weissensteiner

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freiTEXT Spezial | Texte der Arbeit

freiTEXT_Illus6-7

Zusammenarbeit

Hiaz?

Na!

.

.

Hiaz?

Na, no ned!

.

.

.

Hiaz?

Z’spot!

Gerhard Steinlechner


freiTEXTe der Arbeit zum Tag der Arbeit. Eine offene Zusammenstellung von Autorinnen und Autoren des mosaik. Read more


freiTEXT | Clemens Schittko

freiTEXT_Illus6-4

Gedicht über eine Stubenfliege

in meinem Zimmer befindet sich eine Stubenfliege
eine Stubenfliege, die mich stört
deshalb fange ich in meinem Zimmer die Stubenfliege
und lasse sie frei auf meinem Balkon

nun ist eine Stubenfliege mehr in der Welt
eine Stubenfliege macht die Welt zu einem Zimmer
die Welt ist ein Zimmer, bis die Stubenfliege tot ist
und wenn sie tot ist, dann ist die Welt ein totes Zimmer

Clemens Schittko

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